Die Bundeswehr – ein Trümmerhaufen???

„Wir modernisieren eine über 25 Jahre kleingesparte Bundeswehr Schritt für Schritt. Der Nachholbedarf ist riesig!“
(Ursula von der Leyen, Bundesverteidigungsministerin)

Als ich vor einigen Jahren über den bemitleidenswerten Zustand des Österreichischen Bundesheeres schrieb, erntete ich viele mediale Präsenz und verspürte enorm viel Gegenwind – teils von öffentlichen Stellen, teils von nicht wirklich öffentlichen Stellen: Gegendarstellungen, Anfein-dungen, Beleidigungen, Pöbeleien. Als danach jedoch der Verteidigungs-minister wechselte, wurde vieles besser und es war sogar wieder Geld da, damit die Fahrzeuge betankt werden konnten. Mit der türkis-blauen Bundesregierung sind Ausgaben für die Landesverteidigung inzwischen gar kein Thema mehr. Wurden viele langgediente Soldaten entweder in die Frühpension verabschiedet oder in andere Bereiche des öffentlichen Dienstes gedrängt, so wird nun gar wieder Kaderpersonal gesucht.
So manchem Soldat unter deutscher Flagge dürfte damals wohl ein breites Lächeln über das Gesicht gehuscht sein. Sicherlich nicht jedoch jenen, die in Schlüsselpositionen sassen und möglicherweise noch sitzen. Sie dürften den Kollaps höchstwahrscheinlich vorausgesehen haben. Weshalb sie jedoch nicht reagierten, könnte in diesen Tagen durch den einen oder anderen Ausdruck in der Presse nachvollzogen werden: „Duckmäusertum“ etwa. Fakt ist, dass nahezu jede Woche ein neues, grosses Kapitel aufgeschlagen und der Frau Verteidigungsministerin um die Ohren gehauen wird: Flugbereitschaft, Gorch Fock, massive Ausrüstungsmängel, bürokratischer Koloss, rechtsradikales Netzwerk und nicht zuletzt auch die von ihr selbst verschuldeten Berater-Millionen sind nur einige davon. Jetzt aber melden sich Insider zu Wort, wie beispielsweise der Brigadegeneral a.D. Erich Vad, ein ehemaliger wichtiger Militärberater von Kanzlerin Merkel und Mitglied im NATO-Hauptquartier. Er meint, dass dieses Monstrum nicht mehr kontrollierbar sei. Doch eines nach dem anderen!
Unter dem Aktenplan „Drucksache 19/7200“ ist kürzlich der Bericht des Wehrbeauftragten erschienen: 126 Seiten, zumeist doppelspaltig geschrieben. Vieles darin wird so manchem stolzen Erinnerungs-Medaillenträger mehr als sauer aufstossen. Ich erlaube mir, im folgenden Text immer wieder darauf zurückzukommen.
Angefangen hat wohl alles mit den Bemühungen Karl-Theodors zu Guttenberg, der die Wehrpflicht abschaffte – und dies obgleich er Reserve-Offizier und begeisterter Gebirgsjäger ist. Eine Entscheidung, an der wohl sein Nachfolger im Amt, Thomas de Maizière von der Schwesterpartei CDU, am meisten zu kauen hatte. Doch auch dessen Nachfolgerin, Ursula von der Leyen, dürfte die Entscheidung schon mehrfach verflucht haben. Die Zeitung „Die Zeit“ schrieb einst sehr treffend:

„De Maizière wäre wohl niemals auf die Idee gekommen, die Wehrpflicht, dieses Relikt des Kalten Krieges, einfach wegzuquatschen.“

Auch wenn dieser zunächst noch voller Euphorie meinte, dass die Zahlen besser wären als zunächst gedacht (drei Bewerber auf einen Posten), so sah es lange genau gegenteilig aus. Freiwillige fanden sich nurmehr wenige und ein Grossteil jener, die sich meldeten, beendeten die Grundausbildung bereits vorzeitig. Der Bundeswehr gingen die Soldaten aus! Der niedrigste Personalstand wurde im April 2016 erreicht: 166.523 Ist-Stärke! Nach offizieller Angabe aus dem Bundesministerium konnte jedoch der Turnaround geschafft werden. Im Oktober 2018 belief sich der Personalstand auf 172.485. Bis 2024 sollen weitere 5.000 Dienstposten geschaffen werden – allerdings nur 1.000 für Reservedienst-Leistende, dafür jedoch etwa 4.600 Haushaltsstellen für Zivilbedienstete. Frau von der Leyen spricht dabei ganz allgemein von „zusätzliche Dienstposten für Soldatinnen und Soldaten“! Sie dürfte wohl vergessen haben, dass die meisten Zivilbediensteten keine Uniform tragen und somit nicht zum aktiven soldatischen Personalstand gezählt werden dürfen. Und hier untermauert sie die Meinung des Herrn Brigadegeneral a.D. Vad, der von einer „überbürokratisierte Mammutbehörde“ spricht. Im Jahr 2025 wird ein Personalstand von 203.000 Soldatinnen und Soldaten sowie 66.000 Zivilbediensteten angestrebt. Um einige Zigtausend mehr als im Jahr 2017. Im Ministerium ist in diesem Zusammenhang von einem „atmenden Personalkörper“ die Rede, wonach jederzeit der Personalstand erhöht werden kann, wenn es die sicherheitspolitische Lage erfordert. Wie kommt denn Bundesfinanzminister Olaf Scholz in einem Schreiben seines Ministeriums auf die Idee, alle Soldaten „Zur nachhaltigen Stärkung der Einsatzbereitschaft“ länger dienen zu lassen? So sollen Generäle und Oberste bis zum 67. Lebensjahr, alle anderen Berufssoldaten bis zum 65. Dienst versehen. Bislang lagen die Altersgrenzen bei 55 Jahren (Unteroffiziere), ab 56 (je nach Dienstgrad bei den Offizieren) und bei 41 Jahren (Kampfpiloten). Ab diesem Alter können, müssen sie jedoch nicht in den Ruhestand treten. Scholz will diese Altersgrenzee um jeweils drei Jahre anheben, damit sie länger zur Verfügung stehen und nicht weiterhin händeringend um Nachwuchs gesucht werden muss. Das verstehe nun wer will! Die positive Personalentwicklung des Fachbereichs wird durch das Finanzministerium widerlegt. Die Bundesministerin hatte dem durchaus mächtigen Bundeswehrverband jedoch zuvor offenbar versprochen, bei den Ruhestandsbestimmungen keine harten Massnamen zu setzen.

„Ministerin von der Leyen hat sich festgelegt und auch kommuniziert, dass es in dieser Legislaturperiode keine gesetzliche Anpassung der Altersgrenzen bei der Zurruhesetzung geben wird!“
(André Wüstner, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes)

Beinharte Aussage aus dem BMF: Anstatt die Soldaten mit Annehm-lichkeiten bei Laune zu halten, sollte mehr in die Ausrüstung investiert werden. Olaf Scholz musste, offenbar nach einem intensiven Gespräch mit der Kanzlerin, zurückrudern.
Ausrüstung – trotzdem der nächste Stolperstein. Gerade hier zeigt sich die von vielen Experten kritisierte militärische und rüstungstechnische Inkompetenz der letzten drei Verteidigungsminister mit Merkels Gnaden.
In einem vertraulichen Bericht der Bundeswehr stand im November 2018 zu lesen, dass trotz Reformbemühungen das Ausrüstungsproblem nicht in den Griff zu bekommen sei. Dies liege auch in der schwerfälligen und veränderungsunwilligen Arbeit des Beschaffungsamtes, das für den Nachschub zuständig ist. So bliebe die „materielle Einsatzbereitschaft der Streitkräfte weiterhin begrenzt“. Die Zahlen im Bericht sind ernüchternd: Etwa 40 % der Hubschrauber und 43 % der Kampfflugzeuge sind einsatzbereit. Wartezeiten von 54 Monaten und Mehrkosten von bis zu 12 Milliarden Euro sprechen nicht gerade von einer guten Arbeit der Behörde mit ihren knapp 11.000 Dienstposten. Das ginge sogar soweit, dass die Bundeswehr Probleme habe, ihren internationalen Verpflichtungen (wie etwa in Mali) nachzukommen. Deshalb wurde im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD eine Reform des Beschaffungsamtes festgeschrieben. Dort hingegen heisst es, dass 1.329 Dienstposten derzeit nicht besetzt seien. Mit einer Besserung ist auch künftig nicht zu rechnen, da viele Mitarbeiter demnächst in den Ruhestand wechseln werden.
Den Anfang machte 2017 die Erkenntnis, dass das verwendete Sturmgewehr G36 des Unternehmens Heckler & Koch im Dauerfeuer an Präzision verliert. Bei der Vergabe des Auftrages über 120.000 neuer Gewehre gab es mächtig Zoff: Die Kriterien seien zu eindeutig auf den bisherigen Lieferanten zugeschnitten, hiess es etwa vonseiten des Herstellers Sig Sauer. Er belieferte kurz danach die Polizei aus Schleswig-Holstein mit 522 MCX-Gewehren (halbautomatisch). Allerdings waren die H&K-Gewehre erst der Anfang geringeren Übels in der gerne von NATO-Partnern als „Schrottarmee“ bezeichneten Bundeswehr. So werfen führende US-amerikanische Militärs von der Leyen hinter vorgehaltener Hand vor, sie habe mehr Kinder als einsatzbereite Panzer! Die Bundesministerin sieht dies naturgemäss anders. Gegenüber der BamS meinte sie, dass innerhalb der letzten fünf Jahre „mehr als 300 Panzer, 93 Hubschrauber, 1800 militärische Fahrzeuge, 26 Transportflugzeuge A400 M und 15 weitere Eurofighter“ angeschafft wurden. Weitere Panzer (Puma, Boxer, Fuchs, Leguan) und Fluggeräte (Transporthubschrauber, A400M, Eurofighter, Marinehubschrauber Sea Lion) und eine Fregatte 125 folgen noch in diesem Jahr.
Auch ist der einstige fliegende Stolz der Bundeswehr, der Tornado, mit 30 bis 40 Flugjahren schon langsam in die Jahre gekommen. Ganz offiziell heisst es aus uniformierten Kreisen, dass ohne eine Modernisierung die Flugsicherheit nicht mehr gegeben sei – die zivile Luftfahrtbehörde würde dann den Maschinen die Fluglizenz entziehen. Nun werden viele der ehedem insgesamt erworbenen 334 Maschinen kostenintensiv auf Vordermann gebracht, da angeblich ein Nachfolgemodell fehle, das auch notfalls Atomwaffen mitführen kann. Bis 2023 sind hierfür 931 Mio Euro vorgesehen (Quelle: 8. Bericht des Bundesministeriums der Verteidigung zu Rüstungsangelegenheiten). Inzwischen jedoch gehört es offenbar zum guten Ton, Kosten aus dem Ruder laufen zu lassen. Sollten sich diese ähnlich wie bei den Marine-Flugzeugen Lockheed P-3C Orion entwickeln, so dürfte die Milliarden-Grenze mit Leichtigkeit mir nichts Dir nichts überschritten werden. Das lässt auch der „Bericht zur materiellen Einsatzbereitschaft der Hauptwaffensysteme der Bundeswehr 2017″ vom Februar 2018 vermuten, wonach nur durchschnittlich 26 der verbliebenen 68 Maschinen einsatzbereit seien – viele andere dienten bereits als Ersatz-teillager. Die Krone des Ganzen: Seit Beginn dieses Jahres dürfen keine Tornados mehr an NATO-Einsätzen teilnehmen, da sie nicht über das verpflichtende Freund-Feind-System und einigen anderen wichtigen Voraussetzungen verfügen! Die Zeitung „Die Welt“ bezog sich auf den aktuellen „Bericht zur Materiallage der Hauptwaffensysteme der Bundeswehr“ (verfasst vom Generalinspekteur General Eberhard Zorn) und meinte, dass viele Maschinen nurmehr für eine Spazierfahrt auf dem Luftwaffenstützpunkt geeignet wären. 2035 soll schliesslich die letzte Maschine ausgemustert werden – gemeinsam mit ihrem Rollator.
Apropos Orion: Die Seeaufklärer wurden 2004 von der niederländischen Marine für 388 Mio Euro erworben. Die Kosten gesamt liegen inklusive des Ankaufs nach Angaben des Rechnungshofes inzwischen bei weit über 1 1/2 Milliarden Euro. Allerdings fliegen von den acht Maschinen mit Müh’ und Not gerade mal zwei!
Ach ja – nur ganz kurz noch zum Segel-Schulschiff „Gorch Fock“, da Frau von der Leyen immer einen sehr roten Kopf bekommt, wenn sie diesen Namen hört: Das Schiff liegt seit 2015 in der Werft. Veranschlagte Sanierungskosten: 10 Mio, tatsächliche Kosten voraussichtlich 135 Mio Euro. Ob sie tatsächlich wieder frische Hochseeluft riechen können wird, steht in den Sternen.
Nächstes Problemkind: Die Kryptomodernisierung! Hier scheint der Zug bereits abgefahren zu sein – es wird unheimlicher Anstrengungen benötigen, ihn noch aufhalten zu können. Ohne dieses Verschlüsselungs-system in der Kommunikation können seit heuer keine internationale NATO-Einsätze mehr mitbestritten werden.
Doch ist die Schuld nicht nur den Ministern anzulasten. Immer lauter wird die Kritik an der Generalstabsspitze, die sich offenbar nicht getraut, gegen Massnahmen aus dem Ministerium aufzubegehren. Vielleicht wollen sie ja nur nicht das Schicksal ihres österreichischen Kameraden teilen. So wurde der Chef des Generalstabes, General Edmund Entacher, abberufen und in die Wüste versetzt, da er die von Verteidigungsminister Norbert Darabos geplante Abschaffung der Wehrpflicht kritisierte. Die Berufungskommission im Bundeskanzleramt hatte nur wenige Monate danach die Abberufung aufgehoben, der heute bereits pensionierte Entacher konnte wieder auf seinen Posten zurückkehren. In Deutschland wird inzwischen ganz offen von Führungsschwäche und Duckmäusertum der Generäle gesprochen, die der Einführung von Krabbelstuben auf Kosten der Ausrüstung zustimmen. Können sie dies mit ihrem Eid als Soldat und Offizier vereinbaren?

„Die Bundeswehr hat in der Tat ein Führungsproblem! Die militärische Führungskultur ist weit entfernt von dem eigentlichen Daseinszweck von Streitkräften, dem Kampfeinsatz. Das verschweigt man tunlichst, und selbst im Weißbuch der Bundeswehr findet man dazu nicht viel Substanzielles.“
(Erich Vad, Brigadegeneral a.D.)

Und dann war da noch ein ziemlich grosses Malheur mit Beratergeldern in dreistelliger Millionenhöhe. Bringt es etwa eine Mail, die den Unter-suchungsausschuss erreichte, auf den Punkt, wenn dort von einem „einzigartigen System von Seilschaften“ zu lesen ist? Ein Beispiel? Rüstungsstaatssekretärin Karin Suder war eine Arbeitskollegin von Timo Noetzel bei McKinsey, der als Berater des Unternehmens Accenture bei der Vergabe von Aufträgen des Verteidigungsministeriums gleich mehrfach zum Zuge kam und dabei durchaus gut bezahlt wurde.

Auf der Seite des BMVG ist zu lesen:

„Die Bundeswehr durchläuft den umfangreichsten Modernisierungsprozess ihrer Geschichte. Mit einer neuen Personalstrategie, einer stärkeren Professionalisierung und mehr Familienfreundlichkeit will sie als Arbeitgeber punkten – und zugleich den vielfältigen Aufgaben des 21. Jahrhunderts gerecht werden.“

Wenn da nur mal nicht die eigentliche Aufgabe der Bundeswehr und etliche Zusatzaufgaben (wie etwa der Katastrophenhilfe) vergessen wird! Schliesslich obliegt inzwischen der tatsächliche Zustand der Bundeswehr der Geheimhaltung. Da kann sich jeder wohl selbst denken, was er will. Eine Frage aber sei zuletzt noch gestattet: Wo fliessen 2019 die genehmigten 44,7 Milliarden Euro des Verteidigungsressorts eigentlich hin?

Links:

- www.bmvg.de
- www.bundeswehr.de
- www.bundestag.de

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Kälbertransporte – eine Schande!!!

Achtung:
Die Links verweisen auf Videos, die zu psychischen Negativfolgen führen können!!!

“Unsere Recherchen mit Videos von schreienden, hungernden und unter den Strapazen des Transportes gestorbenen Kälbern haben die Menschen erschüttert.“
(Tobias Gieriger, Verein gegen Tierfabriken)

Obgleich es mich unter den Fingernägeln brannte – über dieses Thema wollte ich eigentlich nicht schreiben, da ich viele Landwirte und Bauern kenne, die ihren Hof nach bestem Wissen und Gewissen führen. So erhielt ich etwa auf meinen Milchblog hin viele Zuschriften, dass auch ich nicht alle in einen Topf werfen solle. Nun hat sich die Lage in Österreich aber dermassen in die falsche Richtung entwickelt, sodass – wäre es nicht so tragisch und würde es nicht dermassen bestialisch auf dem Rücken unschuldiger Jungtiere ausgetragen – man wirklich nurmehr den Kopf schütteln kann ob der Gier von Menschen, die vorgeben, im Einklang mit der Natur zu leben und einen mehr als verantwortungsvollen Job inne haben: Die Verantwortung über Lebe-Wesen, die Verantwortung unsereins mit Lebensmitteln zu versorgen und die Verantwortung, nachhaltig zu wirtschaften, da ein ausgelaugter Boden niemandem mehr etwas bringt.
In manchen österreichischen Bundesländern werden Kühe am Fliessband „produziert“, obgleich nach dem Fall des Milchkontingentes niemand mehr damit verdienen kann. Daneben sackte parallel zum Schweinefleisch auch der Preis für Rindfleisch in den Keller. Für den Konsumenten gilt nach wie vor: „Geiz ist geil!“, da er möglicherweise für einen Chef arbeitet, der dies ebenso zu seinem Motto wählte. Wenn für einen akademischen und diplomierten Betriebswirt nurmehr 2.400,- € brutto geboten werden, lohnt sich ein Studium nicht mehr, v.a. da Miet- und Lebenskosten hinzu kommen und in Deutschland im Anschluss daran ja auch die BAFÖG zurückbezahlt werden muss. So manch einer muss also auch weiterhin Billigfleisch kaufen oder wird zum Vegetarier bzw. Veganer. Die Verkaufszahlen für Fleisch gehen somit längerfristig zurück. Stellt sich mir also die Frage, weshalb es nach wie vor Landwirte gibt, die so viele Rinder besitzen, dass eine Selbstversorgung nicht mehr möglich ist und Futter hinzugekauft werden muss!? Sie sind es auch, die jetzt am Lautesten aufschreien, weil sie nicht wissen, wo sie nach dem Verbringungsverbot durch die EU mit den Kälbern hin sollen! Jene Jungtiere, die diesen bis zu 90 Stunden dauernden Transport lebend überstehen, werden in Italien und Spanien billigst gemästet und gelangen als Billigfleisch wieder in die Regale der Supermärkte. Das wiederum lässt die heimischen Bauern erneut aufschreien, dass sich die Viehhaltung aufgrund dieser Konkurrenz nicht mehr lohnt. Inzwischen aber werden wieder Dutzende neue Kälber produziert!

„Kein Geschäftsmodell darf Tierleid in Kauf nehmen.“
(Martin Staudinger, SPÖ-Vorarlberg)

Ich bin ja kein Fachmann, doch meint der Präsident der Österreichischen Landwirtschaftskammer, Josef Moosbrugger, dass es für eine (Turbo-)Milch-Kuh durchaus normal sei, jedes Jahr Nachwuchs zu bekommen! Nein – doch geht es hierbei nicht um die Kuh sondern um die Menge an Milch, die weniger wird, wenn sie nicht jedes Jahr kalbt! Und damit die tierischen Säuglinge ihrer Hauptbeschäftigung nicht mehr nachgehen können, bekommen sie eine Gliederkette um das Maul gebunden!
Mal ehrlich: Läuft da nicht wirklich alles schief, was schief laufen kann?
Gehen wir doch etwas genauer auf dieses blutige Treiben ein. Seit Jahren ist es Sitte, v.a. männliche Kälber möglichst noch am Tag ihrer Geburt von der Mutterkuh zu trennen. Im Alter nur weniger Wochen (teilweise gar zwei!!!) werden sie in überfüllte Tiertransporter gestopft und über tausende Kilometer quer durch ganz Europa transportiert, damit sie am Zielort entweder gleich oder nach einer ebenfalls grauenvoller Mast später geschlachtet werden, damit die mittel- und nordeuropäischen Haushalte ihr Billigfleisch auf den Mittagstisch bekommen. Das Schicksal nahezu aller männlichen Kälber, da sie für die Milchindustrie nutzlos sind. 60 bis 80 € erhält der Bauer für ein solches verkauftes männliches Kalb. Dazu gab es sogar noch Unterstützung aus Brüssel und den Hauptstädten der jeweiligen Länder, die diesen Teufelskreis mit Subventionen und somit Steuergeldern finanzierten. Dass das Treiben nun gestoppt wurde, liegt nicht an den Behörden, an den Amtstierärzten oder den Politiker! Nein – diese haben zugesehen und gemeint: Alles gesetzeskonform! Dass es gestoppt wurde ist einer kaum mehr als Hand voll Tierschützern zu verdanken, die das Netz mit schockierenden Bildern überfluteten, was schliesslich zu einem grossen Aufschrei in der Bevölkerung führte. Leider aber besitzt die Volksmasse kein Langzeit-gedächtnis mehr – nach zwei bis drei Monaten ist alles wieder vergessen und es geht vermutlich weiter wie zuvor, obwohl es den Transport- und Tierschutzgesetzen widerspricht und wie zuletzt zu hören, auch entsprechende Schlachtkapazitäten am Ursprungsort bestünden. In Vorarlberg läuft seit einiger Zeit eine gross angelegte Kampagne für die regionale Verwertung des Kalbfleisches. Für mich absolut unverständlich: Ich beispielsweise esse keinerlei Jungtiere. Soll ich meine Meinung ändern, damit ich den Unverbesserlichen mehr Gewinn bringe, obwohl sie völlig am Markt vorbei wirtschaften? Viele haben offenbar noch nie vom betriebswirtschaftlichen Grundbaustein gehört und das Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage nicht wirklich verstanden: Sinkt die Nachfrage oder hatte sich bislang ohnedies nur auf einem sehr geringen Level eingependelt – macht es dann Sinn, grossflächig weiter zu produzieren? Wenn es sich um Gegenstände handeln würde, wäre es vielen möglicherweise gleichgültig, der Markt würde sich selbst nach unter regulieren, da die Fliessbandproduzenten mit der Zeit in den Konkurs gehen würden. Hier aber handelt es sich um lebende Tiere, um eine moralische und ja auch eine religiöse Verantwortung des Menschen gegenüber Wehrlosen! Mehr als 80.000 jedes Jahr in ganz Österreich! Nur in den italienischen Mastbetrieben kommen jährlich rund 1,5 Mio Kälber aus ganz Europa an. Und das wird alles durch möglichst hohe Subventionierungen künstlich auf hohem Niveau am Laufen gehalten. Mir kommt dabei wieder jener Kleinbauer in den Sinn, der seinen halben Stall verkaufen musste, da er für die Abnahme seiner Milch fast noch bezahlen musste. Er meinte mit weinerlich, deprimierter Stimme am Viehmarkt, dass er mit dem Verkaufserlös nicht einmal mehr die Aufzucht seiner Kühe hereinbekomme. Und trotzdem wird weiterproduziert!
Vorarlberg, Tirol und auch Salzburg haben inzwischen die wöchentlichen Transporte nach Bozen stoppen müssen, da Brüssel ein Machtwort gesprochen hat. Die Transporte nach Bergheim allerdings gehen weiter. Bozen war nur einer der Umschlageplätze. Wie Tiroler und auch Vorarlberger Tierärzte eingestanden haben, war es durchaus bekannt, dass die Tiere dort ohne gesetzliche Ruhezeit direkt weiter, quer durch ganz Europa transportiert wurden. In der Masse ohne Futter und ohne Wasser. Manche Fahrer liessen den LKW-Zug ganz einfach in der sengenden Sonne stehen (teils sogar auf dem Seitenstreifen der Autobahn!), ohne die Tiere auszuladen und fuhren nach der vorgeschriebenen Ruhezeit weiter. Es war also bekannt, doch wurde nichts dagegen unternommen. Angst um den Arbeitsplatz? Jeder Begutachter unterliegt dem Amtsgeheimnis! Ja – er unterliegt aber auch den geltenden Gesetzen und ist verpflichtet, Gesetzwidrigkeiten anzuzeigen. Möglicherweise hätte dadurch vielen Tieren unsagbares Leid erspart werden können.
Wieso kommt erst jetzt – nach Jahren – an’s Tageslicht, dass die Zertifizierung Bozens gar nicht rechtens ist? Es war also auch im Bundesministerium bereits bekannt, dass hier nicht alles so läuft, wie es sein sollte.
Wieso bedarf es einiger leider immer wieder belächelter Tierschützer des Vereins gegen Tierfabriken (VgT), die solchen Transporten folgten und mittels Fotos und Videos diese gleichgültige Brutalität dokumentierten?
Auch in Salzburg wurde erst nach der Veröffentlichung dieser Beweise reagiert: Europas grösster Kälberumschlageplatz in Bergheim soll genauer kontrolliert werden, meinte der dortige Agrarlandesrat, Dipl.-Ing. Dr. Josef Schwaiger. Auch hier muss über Jahre hinweg bekannt sein, dass gekennzeichnete Kurztransporte eigentlich Langstreckentransporte sind um Tiere in einem Billigland „veredeln“ zu lassen. Nochmals: Wenn dies mit deutschen Kartoffeln geschieht, die zum Waschen nach Italien gekarrt werden, italienische Milch zur Abfüllung nach Deutschland transportiert wird oder andere Produkte, Güter und Waren, so ist es meines Erachtens Betrug am Kunden, jedoch moralisch möglicherweise noch vertretbar. Doch Tiere?

https://www.youtube.com/watch?v=8jLZj7lU1fo

Wie sieht nun die Gesetzeslage hierzu aus? In Tirol zeigt sich die entsprechende Abteilung der Landwirtschaftskammer stolz, dass Transporte künftighin auf ihre Notwendigkeit geprüft werden und die Transporteure nach dem Transport das Fahrtenbuch und die GPS-Daten offenlegen müssen. Eine wirklich hehre Entscheidung! Doch – den Behörden war die Unsitte der Tiertransporte auch in der Vergangenheit bekannt. Machen diese Massnahmen somit Sinn? Wohl nur dann, wenn parallel dazu ein Strafkatalog eingeführt wird, der rigoros zur Anwendung kommt, damit sich derartige Transporte finanziell nicht mehr lohnen. Zum Schutz jener, die im Rahmen der Gesetze wirtschaften und gegen jene, die sich darüber hinwegsetzen oder in der Grauzone agieren.
Im österreichischen „Bundesgesetz über den Transport von Tieren und damit zusammenhängenden Vorgängen“ (Tiertransportgesetz 2007-TTG 2007) in der derzeit gültigen Fassung in Verbindung mit der Verordnung (EG) Nr. 1/2005 heisst es beispielsweise in §4 (3) Abs. 4:

„Kontrollen von Transportmitteln und Tieren an Versandorten, an Ausgangsorten, auf Sammelstellen, an Kontrollstellen, an Ruhe- und Umladeorten“

sowie im selben § 4 (3) Abs. 6:

„Kontrollen von Transportmitteln und Tieren bei der Ankunft am Bestimmungsort“

Offenbar wurden diese nicht oder nur sehr mangelhaft durchgeführt. Nachdem sich das nationale Gesetz auf eine EU-Verordnung bezieht, muss ein solches nationales Gesetz auch in Italien oder Spanien vorhanden sein.
In § 10 TTG 2007 geht es um die Zulassung eines Unternehmens. Und da heisst es in Abs. 3:

„(3) Wird auf Grund von Kontrollen oder Meldungen gemäß § 5 Abs. 5 festgestellt, dass die Zulassungsvoraussetzungen nicht mehr vorliegen und werden etwaige Mängel oder Missstände nicht innerhalb der von der Behörde festgelegten, angemessenen Frist behoben, so ist die Zulassung bis zur Herstellung des gesetzmäßigen Zustandes, oder wenn dies nicht möglich ist, dauernd zu entziehen. In den Fällen des Entzuges hat der Transportunternehmer den Zulassungsnachweis der Behörde unverzüglich abzuliefern. Wird der Zulassungsnachweis nicht abgeliefert, ist er zwangsweise einzuziehen.“

Für mich klingt dies recht eindeutig! In den § 14 ff geht es schliesslich in’s Eingemachte: Versorgung der Tiere während des Transportes, Platzbedarf und Ausstattung des Transportmittels. Und ausschlaggebend ist wohl § 18 (1):

„§ 18. (1) Im Sinne von Art. 1 Abs. 3 der Verordnung (EG) Nr. 1/2005 wird für Schlachttiere eine Beförderungsdauer für innerösterreichische Transporte, bei denen Versand- und Bestimmungsort in Österreich liegen, von 4,5 Stunden festgelegt. Wenn es aus geographischen, strukturellen Gründen oder aufgrund von aufrechten Verträgen notwendig ist, darf die Beförderungsdauer auf maximal 8 oder im Falle von Transporten, bei denen aufgrund kraftfahrrechtlicher Bestimmungen Lenkerpausen einzuhalten sind, auf 8,5 Stunden verlängert werden. Im Rahmen der Pausen ist dem Wohl der Tiere bestmöglich Rechnung zu tragen.“

Die maximale Transportdauer für Saugkälber beträgt nach EU-Verordnung 8 Stunden, da eine entsprechende Tränkung mit Milch im LKW nicht möglich ist. Dadurch sind die Massnahmen, die die Tiroler Landwirtschaftskammer anführte ad absurdum geführt, da sie gesetzlich bereits vorlagen. Gleiches gilt für die „neue Massnahme“ in Salzburg, wo der tatsächliche Bestimmungsort in den Transportpapieren angeführt sein muss. Hallo? Auch in den Ausnahmebestimmungen des § 19 ist nur von 10 Stunden bis zum Bestimmungsort die Rede – hier jedoch ist nicht der Begriff „Schlachtvieh“ angeführt, womit ich davon ausgehe, dass auch Zuchtvieh davon eingeschlossen ist. Für ein kleines Kalb im Alter von zwei bis acht Wochen dennoch unzumutbar. Hier hätte sofort eine Anzeige erfolgen müssen, die jedoch von den Verantwortlichen ausgeblieben ist, obgleich die Umstände bekannt waren.
Die von den Tierschützern aufgezeigten Fahrtrouten gehen von mindestens 22 bis sogar 90 Stunden aus. Vollkommen berechtigt also die Anzeigen des „Vereins gegen Tierfabriken“ gegen die Veterinärbehörden des Landes Salzburg und den zuständigen Amtstierarzt wegen Amtsmissbrauchs und Tierquälerei. Auch die Anzeigen in 148 dokumentierten Fällen gegen Sammelstellenbetreiber, Viehhändler und Transporteure in Vorarlberg gehen in Ordnung. Die Fahrer können sich zumeist die Fahrt nicht selbst aussuchen – dennoch müssten sie entsprechend geschult sein. Und zudem machen sie sich der Tierquälerei nach österreichischem Gesetz schuldig (§222 StGB).

https://www.youtube.com/watch?v=CWH9j57QXi8

Der Präsident der Österreichischen Landwirtschaftskammer Josef Moosbrugger, sprach in einem Interview von „Veredelung“. Ein durchaus guter Hinweis, der noch weitaus mehr Fragen aufwirft: Darf Fleisch von Tieren, die beispielsweise in Österreich geboren wurden, in Spanien aufwuchsen und geschlachtet wurden, als „veredelte“ österreichische Ursprungswaren verkauft und möglicherweise sogar mit entsprechenden Gütesiegeln ausgestattet werden? Ursprungszeugnisse werden in Deutschland durch die Industrie- und Handelskammer, in Österreich durch die Wirtschaftskammer ausgestellt. Wer garantiert dafür, dass das Fleisch, das aus Spanien wieder zurückkommt, auch tatsächlich von einer in Österreich geborenen Kuh stammt? Zudem ist in solchen Ursprungszeugnissen oder Vermerken nurmehr der Hinweis auf eine Ware aus der EU enthalten. Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert das Wort „Veredelung“ wie folgt:

„Produktveredelung, bewirkt durch eine substanziell meist unerhebliche technische Veränderung, Form- und (oder) Qualitätsverbesserungen, die nicht zu einer eigentlichen Stoffumwandlung führen, die aber für eine zweckmäßigere Weiterverarbeitung oder, bei Fertigerzeugnissen, für einen individuell verfeinerten Geschmack wirtschaftlich bedeutungsvoll sind.“

Liegt in diesem Sinne also tatsächlich eine Veredelung vor, wenn aus dem Kalb fertig abgepacktes Rind- oder Kalbfleisch wird? Meines Erachtens handelt es sich hierbei sehr wohl um eine „Stoffumwandlung“ und eine sehr wohl „substanziell erhebliche (technische) Veränderung“. Und – wenn eine Schlachtung eine „unerhebliche Massnahme“ darstellt, habe ich augenblicklich „unerhebliche“ Probleme mit all dem, was ich mein Leben lang aus Ethik und Religion gelernt habe.
Die Vorarlberger Tierschützer des VgTs begleiteten Tiertransporte von Kälbern laut Transportpapieren und Ohrmarken grossteils aus Lustenau und dem Bregenzerwald von Salzburg-Bergheim über Savona bis zur Sammelstelle Vic in Spanien rund 70 km nördlich von Barcelona. Von dort werden sie innerhalb kürzester Zeit zu den Mastbetrieben im ganzen Land weitergefahren. Auch hier also keine Spur von Ruhezeit. Über 2.000 km – bis zu drei Tage lang. Pausen – wie bereits zuvor beschrieben – teilweise nur auf dem Seitenstreifen der Autobahn. Die jungen Tiere, die noch auf die Muttermilch angewiesen sind, wurden zum Grossteil unzureichend oder gar nicht versorgt. Tobias Giesinger vom VgT betont, dass Kälber individuell mit Milch oder Elektrolyten getränkt werden müssen, was im LKW aufgrund des nicht vorhandenen Platzangebotes gar nicht möglich ist. Sie müssen also während der Ruhezeiten ausgeladen werden, da nicht entwöhnte Kälber mit den automatischen Wassertränken überhaupt nichts anfangen können, sollten solche überhaupt vorhanden sein. Stellen Sie Ihrem Säugling mal eine Tasse mit Wasser vor! Beim Vergleich mit den Transportdokumenten wurde klar, dass die Dokumente gesetzeskonform ausgestellt, jedoch niemals eingehalten wurden. Wurden sie in Spanien nicht gleich geschlachtet, gelangten sie zumeist in Mastbetriebe, die den Qualitätsstandards in Österreich keineswegs entsprechen: Tausende Tiere in fensterlosen Hallen, in Einzelboxen, ohne Stroh und Heu. Immer wieder rutschen sie in die Spalten ab, durch die die Exkremente abfliessen sollen.

https://www.youtube.com/watch?v=tz8_sogqkdU

Zur Schlachtung werden sie dann erneut durch nahezu ganz Europa gefahren und entsprechend gequält, so der VgT.
Tausenden Vorarlberger Kälbern erging es bislang so. Mindestens ein Transport war wöchentlich unterwegs. Von Vorarlberg nach Bozen oder Salzburg. Über die angeblichen Ruhezonen Bozen oder Savona (hierzu gibt es nicht mal eine Adresse) weiter durch Italien und Südfrankreich bis nach Spanien. Somit ist weder Salzburg/Bergheim noch Bozen oder Vic in Spanien der Bestimmungsort. Doch leider ist dies nicht alles. Europaweit sind es Millionen: Kühe, Schweine, Pferde, Schafe, Ziegen, Hühner, Puten uvam. Und 70 % dieser Tiertransporte verlassen sogar die EU in Richtung Osten, Naher Osten oder Afrika. Österreich alleine exportiert pro Jahr rund 200.000 Tiere – führt sie also aus der EU aus.
Wie sieht es nun mit der heimischen Kälbermästung aus? Solange sie nicht mit verlängertem Milchaustauscher und ohne Raufutter geschieht – wesentlich besser. Beides garantiert nämlich das weisse Fleisch, führt aber zu grossem Leid bei den Tieren. Wird zudem selbstverständlich teurer! Meiner Meinung nach vollkommen in Ordnung, da Menschen, die weisses Kalbfleisch haben wollen, durchaus auch entsprechend dafür bezahlen sollen. Ist vergleichbar mit dem Billigflug: Für 20,- € (plus Gebühren) nach London, wo das Taxi vom Flughafen in die Stadt schon mehr kostet, und sich dann noch über den Service beschweren!
So oder so wird Tierleid nur vermeidbar sein, wenn am System gearbeitet wird. Zum Teufel mit der Milch- und Fleisch-Überproduktion! Bessere Nutzung der regionalen Ressourcen auch durch den Kunden! Sonderwünsche kosten eben etwas mehr!
Die auf Kalbfleisch spezialisierte VanDrie Group mit Sitz im niederländischen Apeldoorn schreibt auf ihrer Website:

„Für die VanDrie Group und ihre Stakeholder ist es von großer Bedeutung, dass der Umgang mit den Kälbern von Sorgfalt und Aufmerksamkeit geprägt ist. Dieser Grundsatz gilt vor allem, wenn sie über eine längere Distanz transportiert werden. Das fordern wir von unseren Transporteuren ein.“

Allerdings ist gerade dieses Unternehmen ein Dorn im Auge der Vorarlberger Fleischindustrie. Aus der dortigen Landwirtschaftskammer heisst es:

„70 Prozent des bei uns verzehrten Rind- und Kalbfleisches stammen nicht aus Vorarlberg.“

Deshalb appelliert Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger, an den Fleischtheken auf regionales Fleisch zu bestehen. Ansonsten sei die Kritik unberechtigt.
Eine Systemumkehr ist dringend erforderlich!!! Kälber durchstehen in ihrer kurzen Zeit auf diesem Planeten die Hölle. Gleichzeitig wird aus den Niederlanden Billig-Kalbfleisch verkauft. Oder: Ist es etwa nicht pervers, wenn Brüssel Deutschland straft, weil durch die Intensiv-Landwirtschaft im Norden aufgrund der Gülle-Düngung das komplette Grundwasser eine Nitratkonzentration weit über dem Grenzwert aufweist, sodass man es nurmehr als Giesswasser verwenden sollte? Und dann fordern die Bauern auch noch Subventionen um dies einzustellen! Kostet es dermassen viel mehr, wenn in der Nacht alles in den nächsten Bach abgelassen wird? Wie soll ansonsten das „Zu Viel“ an Gülle entsorgt werden??? Jeder Einzelne von uns kann dazu beitragen, dass diese grauenvolle industrielle Tierproduktion gestoppt wird. Doch bleibt es bei vielen nur bei Lippenbekenntnissen!
Der Verein gegen Tierfabriken hat hierzu eine Online-Petition gestartet. Unterzeichnen können Sie unter:

https://vgt.at/actionalert/tiertransporte/petition.php

Links:

- vgt.at
- www.animal-welfare-foundation.org
- www.europarl.europa.eu
- vbg.lko.at
- tirol.lko.at
- sbg.lko.at
- www.t-boer.de

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Arche Noah – eine Möglichkeit?

„Die in diesem Bericht veröffentlichten Daten geben Anlass zu großer Sorge!“
(UN-Generalsekretär António Guterres)

Dieser Tage erschien ein Bericht der Vereinten Nationen, der Grund zur Sorge machen sollte: Der Meeresspiegel stieg 2018 um 3,7 Millimeter. Für die meisten Medien war dies gerade mal Stoff für eine Tages-schlagzeile! Da damit jedoch ein Rekordwert gemessen wurde und die Kurve auch weiterhin nach oben geht, möchte ich dies heute etwas detaillierter betrachten und damit den Beweis antreten, dass nicht unerhebliche Teile der Menschheit damit wirklich ein Problem bekommen.
Die Weltwetterorganisation der UN betont, dass die letzten vier Jahre die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen sind – das war im Jahr 1781. Unter Berücksichtigung, dass die Industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann und das komplette 19. Jahrhundert hinweg bestimmte, wurden auch Daten zu einem Zeitpunkt gesammelt, in dem noch alles ungefiltert durch den Schornstein geblasen bzw. unbehandelt in die Flüsse eingeleitet wurde. Glaubt man den Industriebossen, so liefen Maschinen und Motoren noch nie so sauber wie in der Gegenwart. Und dennoch wird die Atmosphäre mit Treibhausgasen verdichtet, wie nie zuvor. Dadurch kann immer weniger Wärmestrahlung in das All entweichen. Detaillierter möchte ich an dieser Stelle nicht darauf eingehen, da dies schon Thema mehrerer meiner Ausführungen war.
Fakt ist jedoch, dass die alpinen, aber v.a. die arktischen und antarktischen Gletscher und Eisfelder schmelzen. Nach Angabe des Welt-Gletscher-Beobachtungsdienstes WGMO zum bereits 31. Mal in Folge. Und dies in einer dermassen rasanten Geschwindigkeit, dass eine Klima-Umkehr nicht mehr vorstellbar ersceint. Neben der Tatsache, dass ganze Meeres-Ströme, wie der Golfstrom, durch den hohen Anteil an Süß-wasser komplett aus dem Ruder gebracht werden – diese Massen an schmelzendem Eis sorgen auch für einen sehr ernstzunehmenden Anstieg des Meeresspiegels. Hinzu kommen immer heftigere Überschwemmungs-katastrophen wie zuletzt beispielsweise der Zyklon „Idai“, sodass das Wasser nicht mehr auf der Landfläche durch versickern gebunden wird, sondern direkt durch die Flüsse in’s Meer abfliesst. Die Abholzungen der Regenwälder zeigen sich dadurch in dramatischem Ausmaß.
Seit 1993 ist der Meeresspiegel durchschnittlich um 3,15 Millimeter pro Jahr angestiegen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnt jedoch: Im vergangenen Jahr waren es 3,7 Millimeter! Mein Gott, werden sich nun viele denken, das sind Millimeter und damit kein Anlass gleich laut aufzuschreien. Experten hingegen meinen: DOCH! Für die Fleissigen unter Ihnen eine Rechenaufgabe: Die Erdoberfläche beträgt 510 Mio qkm – 71 % davon sind von Wasser bedeckt. Diese 361,2 Mio qkm teilen sich wie folgt auf:
Pazifik 47 %
Atlantik 24 %
Indischer Ozean 20 %
Südlicher Ozean 5 %
Arktischer Ozean 4 %
Wenn Sie möchten, können Sie nun ausrechnen, wie viele Liter nun diese Steigerung von 3,7 Millimeter ergeben.
Die Durchschnittstemperatur war um ein Grad Celsius höher als der Referenzwert aus der vorindustriellen Zeit. Während sich die Politiker streiten, ob 2,1- 2.5 oder 2,8 Grad Erwärmung in’s Auge gefasst werden sollen und ob der Protest der Kinder gut oder schlecht ist, schmilzt das ewige Eis immer mehr.

„Zum Zögern ist keine Zeit mehr!“
(UN-Generalsekretär Antonio Guterres)

Es ist somit nurmehr eine Frage der Zeit, wann idyllische Südseeinseln für immer von der Weltkarte verschwinden werden. Auch wir in Europa bekommen dies zu spüren, liegen doch etwa die Niederlanden zu einem Grossteil unter dem Meeresspiegel. Eine solche Steigerung werden die dortigen Deiche nicht mehr halten. Auch in Norddeutschland wird es „Land unter“ heissen – die meisten der Halligen-Inseln im nordfriesischen Wattenmeer haben alsdann ein Ablaufdatum. Somit rückt also auch Europa immer mehr zusammen. Apropos: Bis September 2018 wurden 17,7 Millionen Binnenflüchtlinge gezählt. Kriege, Verfolgung, Armut, aber auch Hunger und Durst. Nicht weniger als 2 Millionen davon waren Umweltflüchtlinge. Sie verliessen ihr Zuhause wegen Katastrophen im Zusammenhang mit Klima und Wetter. Diese Zahl wird künftig eklatant ansteigen. Dürren trocknen ganze Länder aus, Überschwemmungen zerstören ganze Landstriche und Stürme verwüsten ganze Regionen. Hitzewellen dauern inzwischen um 0,37 Tage länger als in der Zeit von 1986 bis 2007 – zwischen 2000 und 2016 waren davon nicht weniger als 125 Millionen Menschen betroffen, so der WMO-Bericht.
Durch die Zunahme der Meerestemperatur gibt es immer heftigere Hurrikane, Taifune oder Zyklone, da weitaus mehr Wasser verdampft. 90 % der zusätzlichen Energie nämlich wird in den Weltmeeren gespeichert. Natürliche Strömungen, die das Klima ganzer Teilkontinente beeinflussen und einen Ausgleich zwischen den warmen Zonen am Äquator und den kalten in der Arktis und Antarktis brachten, funktionieren damit plötzlich nicht mehr.

https://www.youtube.com/watch?v=A9Tr_tH6HIU

Doch zurück zum Meeresspiegel. Der Meeresspiegel an den Küsten wird durch Faktoren wie den Gezeiten, Strömungen oder Wind beeinflusst. So ist der Amsterdamer Pegel beispielsweise nicht mit dem Genua- bzw. Triest-Pegel (+/- 30 cm) oder dem Kronstädter Pegel gleichzusetzen. Für Deutschland und die Niederlanden beispielsweise gilt der Amsterdamer Pegel als mittlerer Wasserspiegel, als Nullniveau. Von hier aus werden alle Anstiege und Senkungen über Jahre bzw. Jahrzehnte hinweg beobachtet und in den mittleren Wert einbezogen. Dadurch können jahreszeitliche Effekte sowie Ebbe und Flut nahezu ausgeschlossen werden.
Allerdings muss zudem die Dichteverteilung im Erdinneren berücksichtigt werden. Je dichter der Erdmantel ist, desto höher ist die Erdanziehungs-kraft. Das sorgt beispielsweise dafür, dass der Wasserpegel bei Sri Lanka (Indischer Ozean) um rund 105 m tiefer und bei Neu Guinea bis zu 80 m höher liegt als im Durchschnitt. Dies alles muss in Berechnungen zum Anstieg des Meeresspiegels einbezogen werden. Deshalb verwende ich im Folgenden nurmehr die Bezeichnung „Meeresspiegel“ – er bezieht sich auf den „mittleren Meeresspiegel“.
Von 1860 bis 2009 stieg der Meeresspiegel um rund 25 cm – seit 1870 merklich und zunehmend rasanter. Die Ursache dafür liegt – wie bereits kurz angesprochen – im Abtauen des ewigen Eises an den Polkappen und in den Bergen. Aber auch in der wärmebedingten Ausdehnung des Wassers. Kurz erklärt: Bei Solaranlagen (nicht Photovoltaik) gehört ein Ausgleichsbehälter stets dazu. Er sorgt dafür, dass sich an besonders sonnenintensiven Tagen das immer wärmer werdende Wasser im Puffer ausdehnen kann und dieser nicht explodiert. Sinkt die Temperatur im Puffer, so gibt das Rücklaufventil das im Ausgleichsbehälter befindliche Wasser wieder zurück in die Anlage. Oder: Das Wassererhitzten auf dem Herd. Geben Sie kaltes Wasser in einen Topf, markieren sie an der Topfwand den Wasserstand und erwärmen das Wasser. Es muss nicht mal kochen, also den Aggregatzustand in gasförmig ändern, sondern es reicht das Erwärmen, damit der Wasserstand steigt. Das ist selbstverständlich auch bei diesen ungeheuerlichen Wassermassen der Ozeane der Fall. Sorgen nicht Strömungen dafür, dass die Wärme abgeleitet wird. so sorgt die zunehmende Wassertemperatur etwa in der Südsee für einen höheren Meeresspiegel als der kühle Atlantik an der Küste Frankreichs. Diese beiden Faktoren werden die Zukunft nicht nur an den kontinentalen Küstengebieten bestimmen, sondern selbstver-ständlich auch auf den vielen Trauminseln, die kaum höher liegen als der dortige Meeresspiegel.

„Wir haben bereits einige Atolle verloren. Auf anderen zerstört das ansteigende Meer das Zuhause von Menschen und spült Särge und Skelette aus den Gräbern.”
(Tony de Brum, Aussenminister der Marshall Inseln)

Messungen via Satellit haben einen Anstieg des Meeresspiegels um 17 cm nur im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgezeigt. Bei der sog. „Satellitenaltimetrie“ werden vom Satelliten kurzwellige Radioimpulse senkrecht auf die Erde geschickt. Die Meeresoberfläche oder auch das polare Eis reflektiert diese Impulse und schickt sie wieder zum Satelliten zurück. Hierdurch können Millionen von Vergleichsdaten gesammelt und die Zunahme der Meereshöhe oder die Abnahme der Eisfläche durch die Laufzeit der Impulse gemessen und berechnet werden. Die ersten derartige Messungen wurden in den 1970er Jahren mit den Satelliten Geos C und Seasat durchgeführt, die Messungen mit TOPEX/Poseidon folgten 1992 und im Dezember 2001 schliesslich Messungen mit Jason. Auch die Satelliten im Rahmen der Projekte Champ und Grace bzw. IceSAT und seit September 2018 auch IceSAT-1 lieferten bzw. liefern wichtige Daten.
Dieser mittlere Meeresspiegelanstieg von 3,1 +/- 0,7 mm teilt sich zwischen 1993 und 2003 in etwa auf wie folgt:
Expansion durch Wärme 1,6 +/- 0,5 mm
Schmelzende Gletscher und Polkappen 0,77 +/- 0,22 mm
Schmelzen der grönländischen Gletscher 0,21 +/- 0,07 mm
Schmelzen des antarktischen Eisschildes 0,21 +/- 0,35 mm
Seither nahm der Anteil durch Expansion aufgrund der Wärme ab – dafür stieg jener durch abschmelzendes Eis eklatant an – alleine im Jahr 2006 beispielsweise verloren Arktis und Antarktis 475 Gigatonnen Eis. Ein Vergleich? Der Bodensee fasst 48 Gigatonnen Wasser.

https://youtu.be/F47brH3_IWs

Die Erde befindet sich eigentlich in einem Stadium mit besonders niedrigem eustatischen Meeresspiegel (Meeresspiegelschwankungen im globalen Maßstab), wie es in der Erdgeschichte beispielsweise im Karbon, Perm oder Trias der Fall war (demgegenüber steht ein hoher Meeres-spiegel wie etwa während der Oberkreide oder dem Ordovizium). Der Anstieg des Meeresspiegel ist somit einzig und allein auf einen klimatischen Ursprung zurückzuführen.
Im Worst Case – wie wirkt sich ein komplettes Abschmelzen des Eises auf den Meeresspiegel aus?

Gletscher 24 cm
Eiskappen 27 cm
Thermische Ausdehnung pro zusätzlichem Grad 20 bis 40 cm
Grönland-Eis 7 m
Antarktisches Eis 57 m

Eine Studie von Forschern der Ohio State University ergab, dass derzeit beispielsweise das grönländische Eis viermal schneller schmilzt als noch 2003. Dabei sprechen wir nicht von einigen Tonnen. Zwischen 2002 uns 2018 hat Grönland jährlich dermassen viel Eis verloren, dass mit dem Schmelzwasser 5 Bodenseen gefüllt werden könnten. Das alleine reicht für einen Anstieg des Meeresspiegels um 0,8 mm pro Jahr.

„Jetzt erkennen wir aber noch ein zweites ernstes Problem: Immer mehr innere Eismasse fließt als Schmelzwasser dem Meer zu.“
(Michael Bewies, Studienleiter Ohio State University)

Bis zum Jahr 2100 erwarten Forscher aus den unterschiedlichsten Fachgebieten einen Anstieg von bis zu 2 Metern. Die letzte Warmklimaphase fand vor 35 Millionen Jahren statt – im sog. „Eozän“. Während dieser Zeit schmolzen die Polkappen nahezu gänzlich ab. Der Meeresspiegel befand sich um rund 70 m höher als derzeit.
Doch wen betrifft dieser Pegelanstieg eigentlich? Es sind vor allem kleine Inselstaaten oder Atolle im Pazifik und der Karibik, die es schon in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird. Deshalb hier nun eine kleine Auflistung inkl. der Bevölkerungszahlen, da auch diese Menschen nach und nach zu Flüchtlingen werden:

- Kiribati (115.000)
- Malediven (269.000)
- Marshall-Inseln (58.000)
- Mikronesien (500.000)
- Nauru (10.000)
- Palau (22.000)
- Tokelau (1.400)
- Tuvalu (9.000)

Die höchste Land-Erhebung auf Tuvalu beläuft sich auf 5 Meter über dem Meeresspiegel. Die ersten Umsiedelungen aufgrund des steigenden Meeresspiegels gab es bereits auf der pazifischen Insel Vanuatu im Jahr 2005. Auch auf den nicht unmittelbar gefährdeten Fiji-Inseln wurden schon küstennahe Dörfer in höhere Regionen verlegt. Insgesamt sind 43 Inselstaaten von der Überflutung betroffen. Die Atolle umso mehr, als das wärmere Meerwasser zur Korallenbleiche führt, die das Wachstum der Korallen stark einschränkt bzw. sogar stoppt.
Auch die Kontinentalküsten sind selbstverständlich davon betroffen:

- Ägypten
- Bangladesh
- China
- Indonesien
- Niederlanden
- Pakistan
- Thailand

Die 20 Millionenstadt Shanghai beispielsweise liegt durchschnittlich 4 m über dem dortigen Meeresspiegel. In Ägypten wären bei einem Anstieg von nur 50 cm nicht weniger als 12 Millionen Menschen betroffen, in Bangladesh leben 10 Millionen Menschen auf einer Fläche, die max. 1 m über Meeresspiegel-Niveau liegt. Nach Berechnungen der OECD würden im Jahr 2070 bei einem Anstieg des Meeresspiegels von +/- 50 cm ganze 150 Millionen Menschen weltweit zu Klima-Flüchtlingen – nur in küsten-nahen Millionenstädten!

„Ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen, wie erschütternd es ist die Gleichgültigkeit zu sehen, mit der der Misere kleiner Inselstaaten begegnet wird.”
(Marlene Inemwin Moses, UNO-Botschafterin des Inselstaates Nauru)

Seit einem Viertel Jahrhundert laufen nun die Klimaverhandlungen – zumeist ohne Resultat. Was wird mit den Menschen geschehen, die ihre Heimat, ihre Jahrhunderte alte Tradition, ihre Kultur verlieren. Sollten auch Klimaschutzmassnahmen sofort gesetzt werden, so würde dies dennoch den Anstieg des Meeresspiegels nicht mehr stoppen. Hier ist der Point-of-no-return bereits überschritten.
Ich hoffe, ich habe mit diesem Blog etwas zum Verständnis der kleinen Greta Thunberg beitragen können und den einen oder anderen Skeptiker über die Dringlichkeit ihrer Forderungen überzeugen können, denn: Wir haben keine Zeit mehr!!!

Lesetipps:

.) Mut zur Nachhaltigkeit. 12 Wege in die Zukunft; Hrsg.: Klaus Wiegand; FISCHER Taschenbuch 2016
.) Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie; Stefan Rahmstorf / Hans Joachim Schellnhuber: Beck 2006
.) Sea Level Rise: History and Consequences; Bruce C. Douglas / Michael S. Kearney / Stephen P. Leatherman; Academic Press 2000

Links:

- www.wcrp-climate.org
- public.wmo.int/en
- research.csiro.au
- www.ipcc.de
- www.nationalacademies.org/nasem/
- climate.nasa.gov/vital-signs/sea-level/
- www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de
- www.mpg.de/de
- ice.tsu.ru
- icesat-2.gsfc.nasa.gov
- www.unenvironment.org
- www.klimafakten.de
- 350.org
- searise.correctiv.org/de/

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Unser Adel – Tradition verpflichtet

Ehrlich? Nein, ich bin nicht einer jener, die jede Woche in den Gazetten blättern und alles aufsaugen, was die zumeist Boulevardpresse von sich gibt. Dazu fehlt nicht nur die Zeit, sondern auch das Interesse! Dennoch stellte sich mir diese Woche die Frage. Was wurde eigentlich aus?! Nachdem viele zuletzt wieder von den Werten sprachen und auf alte Traditionen zurückblicken, möchte ich mir heute selbst mal einen Wunsch erfüllen und auf den Hochadel zurückblicken! Und: Was macht das „Blaue Blut“ heutzutage! Herzlich willkommen also zu einem History-Blog mit direktem Bezug zur Gegenwart! Alle, die sich übergangen fühlen, lade ich herzlich ein, mir eine Mail zu schicken oder auf Facebook unter „Stock macht den Blog“ zu posten! Vielen Dank.
Beginnen möchte ich in Österreich, da es hier eigentlich nur zwei Herrschaftshäuser gab, die die Geschichte des Landes prägten: Die Babenberger und die Habsburger.
Die Babenberger waren ein Ableger des Hauses Babenberg aus Bamberg im heutigen Oberfranken. Die Verwandtschaft dürfte wohl mütterlicher-seits bestanden haben. Ihr Stammbaum ist noch heute im Stift Kloster-neuburg zu bewundern. Das Geschlecht herrschte von 976 bis zum Aussterben des Mannstammes 1246 als Markgrafen und Herzöge über Österreich. Der erste Babenberger war vermutlich Luitpold, ein Nach-komme des bayerischen Herzogs Arnulf des Bösen. Luitpold wurde 976 Graf der Ostmark (Ostaricchi), das sich an die Ostgrenze Baierns anschloss. Nachdem er sich ganz besonders in der Niederwerfung des Baiern-Aufstandes hervorgetan hatte, schenkte ihm Kaiser Otto II. das Stück Land, das Luitpold recht rasch durch Gebietsgewinne gegen die Ungarn ausweitete Die nachfolgenden Generationen vergrösserten zumeist mit dem Schwert die Markgrafschaft, waren jedoch stets den Kaisern untertänig, was sich nicht wirklich nachteilig für sie auswirkte. Erst Leopold III. fiel etwas aus der Reihe. Entschied er sich doch im Machtstreit zwischen Heinrich IV. und dessen Sohn Heinrich V. zuerst für den Sohn, dann schwenkte er jedoch zurück und heiratete 1106 die Tochter Heinrichs IV., Agnes. Er kaufte viele Lehen auf, zog verfallene ein oder erbte fleissig. 1125 lehnte er die ihm angebotene Königswürde ab. Anstatt dessen gründete er ein Kloster nach dem anderen. Aufgrund dessen erhielt er den Beinamen „Leopold der Fromme“ und wurde durch Papst Innozenz VIII. heiliggesprochen. Er ist auch heute noch Landes-patron von Niederösterreich. Leopold IV. erhielt 1139 von König Konrad III. das Herzogtum Bayern zugesprochen. Es war zuvor dem Welfen Heinrich dem Stolzen entzogen worden. Sein Nachfolger Heinrich Jasomirgott hat Bayern nach seiner Heirat mit der Witwe Heinrichs des Stolzen und der Teilnahme am 2. Kreuzzug wieder zurückgegeben. 1146 wurde Wien zur Hauptstadt (bislang war es Klosterneuburg) und Österreich ein Herzogtum. Jasomirgotts Sohn Leopold V. liess den englischen König Richard Löwenherz bei seiner Rückreise festnehmen, nachdem sich die beiden bei einem der Kreuzzüge zerstritten hatten. Leopold VI. (Der Glorreiche) machte Wien zum Zentrum des Heiligen Römischen Reiches. Sein Sohn Friedrich II. war das schwarze Schaf der Familie. Er legte sich quasi mit jedem an – auch mit seiner Mutter und seiner Schwester. 1236 wurde über ihn die Reichsacht ausgesprochen – er musste Österreich verlassen. Im Kampf gegen die Ungarn blieb Friedrich II. auf dem Schlachtfeld zurück – ohne Nachfolger. Übrigens wurden die Adelsdynastie erstmals Ende des 15. Jahrhunderts in einer Genealogie als „Babenberger“ bezeichnet. Die österreichische Staatsflagge geht auf die Lehensfahne des Geschlechts zurück. Mit den Babenbergern waren die Staufer und die Baden verwandt.
1278 fiel das Erbe der Babenberger an das Haus Habsburg, nachdem sich Böhmen und Ungarn darum gestritten hatten. Die Habsburger waren ein Fürstengeschlecht mit Stammburg in der Gemeinde Habsburg im heutigen schweizerischen Kanton Aargau. Als Stammvater gilt der 973 verstorbene Etichone Guntram der Reiche (nach Acta Murensia) bzw. Guntram, Graf vom Oberrhein (nach einem anderen Stammbaum). Im Jahr 1273 wurde Rudolf I. zum König des Heiligen Römischen Reiches gewählt – der erste Habsburger auf diesem Thron. Im Gegensatz zu den Baben-bergern verfolgten die Habsburger eine unheimlich effiziente Heirats-politik (zurückgehend auf Kaiser Maximilian I.), die sie zum wichtigsten Königsgeschlecht Europas machte. So fielen Königshäuser, Herzogtümer, Grafschaften etc. meist durch Heirat an die Hausmacht der Habsburger („Bella gerant alii, tu felix Austria nube.“ – Kriege führen mögen andere, Du glückliches Österreich heirate). Durch die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen erhielten die Habsburger zusätzliche Gebiete, wie Kärnten und Tirol. 1526/27 folgten Böhmen, Kroatien und Teile Ungarns – Österreich wurde zum Kurfürstentum – damit bekamen sie auch die wichtigste Stimme unter den sieben deutschen Kurfürsten. Inzwischen erhielten die Habsburger zudem den deutschen Königs- sowie den Kaiserthron des Heiligen Römischen Reiches, den sie nahezu ohne Unterbrechung zwischen 1439 bis 1806 inne hatten. Das Geschlecht selbst teilte sich im 16. Jahrhundert in eine spanische Linie (inkl. der Überseeregionen), die jedoch 1700 mit dem Tod Karls II. ausstarb, und der österreichischen Linie, deren Mannstamm mit Karl VI. vierzig Jahre später ebenfalls ausstarb. Auf ihn folgte in Österreich die wohl bekannteste Habsburgerin, Maria Theresia. An ihrer Seite stand Franz I. Stephan aus dem Hause Lothringen. Da eine Frau damals nicht Kaiserin des Römischen Reiches werden konnte, übernahm dies ihr angetrauter Ehemann. 1806 zerfiel das Reich als Folge der Napoleonischen Kriege, der letzte römisch-deutsche Kaiser Franz II. gründete die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und damit das Kaiserreich Österreich. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg musste Kaiser Karl I. auf seinen Anteil an den Staatsgeschäften verzichten – er dankte aber niemals formell ab. Deshalb wurden die Habsburger-Gesetze geschaffen, die jedem Angehörigen der Familie, die nicht auf ihren Titel und Herrschaftsansprüche verzichteten, die Einreise und den Aufenthalt in Österreich untersagen. Karl zog sich mit seiner Familie ins Asyl in die Schweiz zurück. Später wurde er von den Alliierten verbannt. Er verstarb 1922 auf Madeira. Der älteste Sohn des Kaisers, Otto Habsburg-Lothringen, lebte vornehmlich in Bayern. Während des Zweiten Welt-krieges setzte er sich vehement dafür ein, dass Österreich als Opferstaat behandelt werden sollte. Er verhalf vielen Österreichern zur Flucht vor dem Naziregime. 1961 schliesslich verzichtete er auf seine Herrschafts-ansprüche. In weiterer Folge, verdiente sich Otto als Schriftsteller und sass über 20 Jahre lang für die bayerische CSU im Europaparlament. Das jetzige Oberhaupt des Hauses ist seit dem Jahr 2007 Karl Thomas Robert Maria Franziskus Georg Bahnam Habsburg-Lothringen. Karl war enger Mitarbeiter des Salzburgischen Landeshauptmannes Haslauer (ÖVP), sass ebenfalls über drei Jahre hinweg für die ÖVP im Europaparlament und war federführend in der Pan-Europa-Bewegung engagiert. Nach einem Spendenskandal, in den er durch seinen damaligen Generalsekretär indirekt verwickelt war, musste Habsburg-Lothringen auf seine politischen Ambitionen verzichten. Als Medienmanager und Medien-consultant verdient sich Karl Habsburg-Lothringen heute seine Brötchen (Radio 10, SLAM!-TV, SoundTraxx, …). Daneben bekleidet er sehr viele Positionen in den unterschiedlichsten Organisationen. Karl Habsburg-Lothringen durfte aufgrund der Habsburgergesetze lange Jahre nicht in Österreich einreisen. In seinem Reisepass stand: „Gültig für jedes Land der Welt, ausgenommen Österreich!“
In den Jahren 1742-1748 hatte als einziger Nicht-Habsburger zwischen 1439 und dem Ende des Römischen Reiches Karl VII. (Karl Albrecht von Bayern) aus dem Hause Wittelsbach die Kaiserwürde bis zu seinem Tod inne. Das Haus Wittelsbach ist eines der ältesten Herrscher-Geschlechter Deutschlands. Woher die Dynastie stammt, ist nach wie vor nicht geklärt. Eine Theorie geht auf Karl den Grossen zurück, eine andere sieht die Wittelsbacher ebenfalls als Seitenlinie der Luitpoldinger – wie ja auch die Babenberger. Die Familie selbst sieht ihren Ursprung im Grafen Otto I. von Scheyern rund um das Jahr 1000. Ihr Stammsitz war zuerst die Burg Scheyern in Bayern, im Jahr 1124 verlegte Pfalzgraf Otto V. den Sitz in die Burg Wittelsbach bei Aichach. Der erste Herzog des Geschlechts war 1153 Konrad I., Herzog von Meranien. 1180 folgte die Bezeichnung Herzöge von Bayern, nachdem sich Pfalzgraf Otto VI. während der Italienfeldzüge von Friedrich I. Barbarossa verdient gemacht hatte. Nachdem Otto II. König Phillip von Schwaben ermorden liess, wurde dieser geächtet und im Jahr 1209 erschlagen. Seine Söhne teilten das Haus in Nieder- und Oberbayern. Die niederbayerische Linie bestand mit dem Tod Johanns I. bis 1340. Danach beanspruchten auch die Habsburger das Herzogtum. Der Oberbayer Ludwig IV. (Der Bayer) schlug die Österreicher jedoch in der Schlacht von Gammelsdorf, sodass die Hausmacht wieder vereint war. Er wurde 1328 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, nachdem er die römisch-deutsche Königswürde bereits seit 1314 inne hatte. Nach seinem Tod 1347 regierten seine sechs Söhne gemeinsam, zwei Jahre später wurden die Besitzungen aufgeteilt. Auch in den Generationen danach erhielt jeder männliche Nachkomme immer ein Stück des Wittelsbacher Reiches. 1363 ging Tirol an die Habsburger verloren, 1373 musste Brandenburg abgegeben werden. 1433 folgte die Abtretung der holländischen Grafschaften an Burgund. Das Haus Wittelsbach engagierte sich auch im benachbarten Böhmen. In den Jahren 1619 und 1742 wurden dort jeweils Gegenkönige gestellt. Apropos: Ungarn, Schweden, Dänemark, Norwegen und Griechenland hatten ebenfalls Könige aus der Wittelsbacher-Dynastie – wenn auch manches Mal nur für kurze Zeit. Zweimal hatte zudem der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Wurzeln in Aichach. 1623 wurde Bayern zum Kurfürstenhut – erster Kurfürst war Herzog Maximilian I. 1685 starb die Linie Pfalz-Simmern mit dem Tod Karls II. aus. Hier folgte die Linie Pfalz-Neuburg und schliesslich Pfalz-Sulzbach. Sie löste auch die bayerische Linie ab, die unter Maximilian III. Joseph Im Jahre 1777 erlosch. 1799 schliesslich folgte Maximilian IV. aus dem Hause Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld-Bischweiler, dem auch Elisabeth „Sissi“ (die Gattin des österreichischen Kaisers Franz-Josephs I.) entstammte.. Er wurde 1806 zum König von Bayern gekrönt. Der wohl bekannteste Spross aus dem Hause Wittelsbach ist Ludwig II., der das Traumschloss Neuschwanstein errichten liess. Das Haus der Wittelsbacher wurde unmittelbar vor Ende des Ersten Weltkrieges während der Novemberrevolution abgesetzt. Ludwig III. beendete damit eine über 738 Jahre dauernde Herrschaft seines Geschlechtes in Bayern. Der König begab sich vorübergehend in’s Exil. Offiziell haben aber weder Ludwig III. noch seine Nachfolger Rupprecht und Albrecht von Bayern jemals auf den Thron verzichtet. Heutiges Oberhaupt des Hauses ist seit 1996 Franz Bonaventura Adalbert Maria, Herzog von Bayern. Er wurde im Oktober 1944 gemeinsam mit seinem Vater Albrecht Prinz von Bayern von der Gestapo verhaftet und nacheinander in die Konzentrationslager Sachsen-hausen, Flossenburg und Dachau verbracht. Nach dem Krieg studierte er an den Universitäten München und Zürich Betriebswirtschaftslehre und übernahm nach dem Tod seines Vaters 1996 die Vorstandschaft über den Wittelsbacher Ausgleichsfonds. Hierzu gehören neben dem grossen Kunstschatz Ludwigs I. auch die Schlösser Hohenschwangau, Berchtes-gaden, Grünau und Sandersdorf. Hinzu kommt das Privatvermögen mit den Schlössern Tegernseer, Wildenwart, Leutstetten und Kaltenberg, sowie Immobilien, Industrieanteile und Land- und Forstwirtschafts Fläche von 12.500 Hektar.
Was die Wittelsbacher für Bayern, sind die Hohenzollern für Brandenburg-Preussen. Als Stammburg gilt die Burg Hohenzollern südlich von Hechingen/Baden-Württemberg. Erstmals namentlich erwähnt wird das Geschlecht 1061 in einer Chronik des Klosters Reichenau. Im Jahr 1111 erlangten die schwäbischen Hohenzollern den Stand der Grafen. Nach einer Erbteilung 1576 wurden 1623 die Grafen von Hohenzollern-Hechingen und Sigmaringen in den Reichsfürstenstand erhoben. Diese Fürstentümer fielen 1850 an Preussen, nachdem sie im Jahr zuvor im Rahmen einer Revolution aufgegeben werden mussten. Karl von Hohenzollern-Sigmaringen wurde 1866 zum Fürsten von Rumänien ernannt. Dieses Fürstentum entstand aus der Zusammenlegung der Donaufürstentümer Moldau und Walachei. Der letzte Hohenzollern auf dem Thron des Königtums, König Mihai, musste auf Druck der kommunistischen Regierung Groza am 30. Dezember 1947 abdanken. Heutiges Familienoberhaupt der schwäbischen Linie ist Karl Friedrich Emich Meinrad Benedikt Fidelis Maria Michael Gerold Prinz von Hohenzollern. Er studierte Betriebswirtschaft im schweizerischen Freiburg. 2010 übernahm seine königliche Hoheit nach dem Tode des Vaters die Geschäfte der Familie. Dazu gehört auch die Prinz von Hohenzollern Capital GmbH & Co. KG und die Unternehmensgruppe Fürst von Hohenzollern, einer der grössten Arbeitgeber im Raum Sigmaringen. Karl war bzw. Ist zudem Beitrags- bzw. Aufsichtsratsmitglied etwa der Gothaer Versicherung bzw. der Commerzbank. Als „Charly“ ist der Fürst von Hohenzollern begeisterter Jazzmusiker.
Die fränkische Linie wurde nach der Heirat Friedrich III. Graf von Zollern mit Sophia von Raabs durch Kaiser Heinrich VI. 1191 mit der Burggrafschaft Nürnberg belehnt, die zuvor vom österreichischen Adels-geschlecht von Raabs geführt wurde, deren Mannstamm jedoch ausge-storben war. Aufgrund einer sehr cleveren Erbpolitik konnte das Herrschaftsgebiet rasch ausgebaut werden. Dies jedoch rief die Wittelsbacher auf den Plan, die 1420 die Burggrafenburg zerstörten. Die Hohenzollern zogen nach Ansbach, das Burggrafenamt Nürnberg wurde verkauft. Albrecht von Preussen, der Sohn des Hohenzollern Friedrich V. Markgraf von Ansbach und Sofia Jagiellionka, einer Tochter des polnischen Königs Kasimir IV. Jagiello und Elisabeth von Habsburg, verursachte einige Wirren rund um das Haus Hohenzollern. Einerseits trat er zur Reformation über, andererseits weigerte er sich, den Lehnseid an den polnischen König Sigismund abzugeben. Albrecht hatte inzwischen die Grafschaft Ansbach zum Ordensstaat des Deutschen Ordens (Deutschmeister) umgebaut. Als polnische Reitertruppen einfielen, gelang es dem Hochmeister mit Hilfe der Dänen, einem deutschen Söldnerheer und der Drohung, dass das verbündete Russland eingreifen könnte, die Polen zwar nicht zurückzuschlagen, jedoch trat ein vom Papst arrangierter Waffenstillstand in Kraft. Martin Luther überzeugte schliesslich Albrecht aus dem Ordendsstaat ein Fürstentum zu machen und sich dem polnischen König zu unterwerfen. Albrecht leistete den Huldigungseid vor Sigismund. So wurde aus der Grafschaft Ansbach das Herzogtum Preussen. Es fiel 1618 an den brandenburgischen Zweig der Hohenzollern. Erster preussischer König wurde Friedrich III. Sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm I., machte aus Preussen eine europäische Grossmacht. 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet – die Hohenzollern stellten mit Wilhelm I. nicht nur den ersten, sondern bis 1918 alle deutschen Kaiser (insgesamt 3). Mit der Novemberrevolution und der Ausrufung der Republik endete schliesslich die kaiserliche Herrschaft der Dynastie über Deutschland. Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. dankte am 28. November 1918 ab, erhoffte sich aber stets, wieder auf den Thron zurückkehren zu können. Er lebte und starb im Exil in den Niederlanden. Heutiges Oberhaupt der preussischen Linie ist Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen, der Ururenkel Wilhelms II. Georg ist studierter Betriebswirt (TU Freiberg). Er übernahm nach dem Tode seines Grossvaters Louis Ferdinand von Preussen 1994 die Familiengeschäfte, da sein Vater bereits 1977 verstorben war. Recht interessant übrigens ist noch, dass Louis Ferdinand nur der zweitälteste war. Der Thronfolger wäre eigentlich Wilhelm gewesen, der jedoch 1940 im Frankreich-Feldzug fiel; zudem hatte er eine Bürgerliche geheiratet, was ihn nach dem Hausgesetz von der Thronfolge ausschloss. Hitler selbst verbot deshalb per „Prinzenerlass“ den Einsatz von Angehörigen des Hauses Hohenzollern an der Front. Louis Ferdinand aber arrangierte sich mit dem Widerstand und war als neues Staatsoberhaupt nach dem misslungenen Hitlerattentat Graf von Stauffenbergs in Diskussion. Das Hausgesetz der Hohenzollern aus Preussen schloss viele Nachfolger aus. Sie hätten eine durch den Vater akzeptierte ebenbürtige Adelige ehelichen sollen. Als der Sohn aus der Ehe von Christian Sigismund und einer niederrangigen Gräfin, die aber von seinem Vater als hausgesetz-mässig anerkannt wurde, Friedrich Wilhelm nach dem Tod seines Grossvaters einen Erbschein beantragte, klagte der Sohn dessen Bruders Louis Ferdinand jr., da nur dieser eine hausgesetzmässig ebenbürtige Frau hatte. Der Bundesgerichtshof wies den Fall zurück an das mit der Erbfolge beauftragte Landgericht Hechingen. Dagegen legte jedoch der zweitälteste Sohn Louis Ferdinands eine Beschwerde am Bundesverfassungsgerichtshof ein, das das Urteil des Bundesgerichts-hofes aufhob, da ein Familienvertrag des Adels nicht dem Grundgesetz der Republik Deutschland entspreche. Somit kam das persönliche Testament Louis Friedrichs zum Zuge, das Georg Friedrich begünstigte, der jedoch Pflichtteile abzugeben hatte. Somit untersteht ihm nun ein Teil der Burg Hohenzollern, das komplette Immobilien- und Anlagevermögen, das zum grossen Teil nach der Enteignung durch die DDR vom Grossvater wieder zurückerstritten wurde und die Kunstsammlung des Hauses Preussen.
Ebenfalls aus Franken stammt das wohl älteste deutsche Adelsgeschlecht, gemeinsam mit den Kapetingern, die vornehmlich in Frankreich eine Rolle spielen, obgleich auch sie aus dem fränkischen Raum kommen, und den Reginären aus Belgien: Die Welfen! Auch heute noch wird zwischen den älteren und jüngeren Welfen unterschieden. Die älteren teilen sich zudem in die burgundische Linie (Rudolfinger), aber auch die schwäbische Linie mit Stammburg bei Weingarten/Altdorf. Die älteren Welfen fanden erstmals im 8. Jahrhundert mit Graf Ruthard Erwähnung. Sie dürften ursprünglich der fränkischen Herrschaftsschicht entstammen. Er erwarb mit dem Segen der kaiserlichen Karolinger das Gebiet an Maas und Mosel. Als Stammvater des Geschlechtes gilt Welf I. Mitte des 8. Jahrhunderts kam in Oberschwaben der Besitz bei Altdorf hinzu. Diese Stammburg wurde später in die Veitsburg nach Ravensburg verlegt. Im Jahr 888 wurden die Welfen vom inzwischen verwandten Kaiserhaus mit dem Königtum Burgund belehnt. Welf I. hatte seine beiden Töchter jeweils mit einem Karolinger verheiratet: Mit Ludwig dem Frommen, dem Sohn Karls des Grossen, und dessen Sohn Ludwig dem Deutschen. Welfs Sohn Konrad übernahm das Königreich Burgund und begründete die burgundische Linie, die jedoch bereits 1032 mit Rudolf III. erlosch. Welf II. übernahm die Güter in Oberschwaben. Auch dieser Mannstamm starb im Jahre 1055 mit Welf III., Herzog von Kärnten und Markgraf von Verona aus. Seine Schwester Kunigunde heiratete mit dem Markgrafen Alberto Azzo II. in die oberitalienische Familie d’Este ein und sicherte zumindest den Fortbestand einer Welfenlinie, die der jüngeren Welfen. Karl der Grosse hatte das Haus der Este, ebenfalls einem fränkischen Geschlecht, mit Grafschaften in der Lombardei belehnt. Aus dieser Linie stammen die Herzoge von Bayern (1070 bis 1180) und die Herzoge von Sachsen (1137 bis 1180) sowie ab 1235 die Herzoge von Braunschweig-Lüneburg. Nach heftigstem Streit mit den Staufern wurde 1120 Judith, Schwester Heinrichs des Stolzen und Welfs VI. mit Friedrich von Staufen, Herzog von Schwaben verheiratet. Aus dieser Ehe ging Friedrich Barbarossa hervor. Unter ihm wechselten auch die Welfen-Stammgüter in Altdorf und Ravensburg in’s Hause der Staufer. Nachdem es zu erneuten Streitig-keiten zwischen dem Kaiser und dem Welfen Heinrich dem Löwen kam, musste dieser zu den Verwandten seiner Frau nach England in’s Exil fliehen. Mathilde war die Schwester Richard Löwenherz, sie stammt aus dem Hause Plantagenet. Zwar erfolgte 15 Jahre später die Versöhnung der beiden, jedoch erhielt Heinrich nur einen Teil seiner vormaligen Güter zurück. Das Verhältnis zwischen Welten und Staufern blieb auch in den nächstfolgenden Jahren und Generationen gespannt. Einer der Höhe-punkte dieses Streites war zweifelsohne der Kampf um die Kaiserwürde. 1198 wurde Otto IV., der Sohn Heinrichs und Mathildes als Gegenkönig zu Philipp von Schwaben aufgestellt. Der Staufer wurde 1208 ermordet, worauf Papst Innozenz III. ein Jahr später Otto zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches krönte – dem einzigen aus dem Hause der Welten. Ihm setzten 1212 wiederum die Staufer mit Friedrich II. einen Gegenkönig vor, der nach Ottos Tod 1218 Kaiser wurde.
1692 wurde das Teilfürstentum Calenberg-Göttingen zum Kurfürstentum von Braunschweig-Lüneburg (später Hannover) aufgewertet und beim Wiener Kongress schliesslich 1814 zum Königtum erklärt. Bis 1837 regierten hier die Könige von England, da 1714 der Welfe Georg I. in London das Erbe der Stuarts auf dem Thron angetreten hatte. Bis 1901 hatten die Welfen also auch im Buckingham Palace das Hausrecht. Das Königreich Hannover wurde schliesslich 1866 nach der Niederlage im Deutschen Krieg durch Preussen annektiert. Parallel dazu regierte eine andere Linie der Familie das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, das 1814 zum Herzogtum erhoben wurde. 1884 starb dieser Mannstamm jedoch aus – das Herzogtum ging an die Linie aus Hannover, die seit der Annexion im Exil in Österreich lebte. Nun aber mischte sich der erste Reichskanzler des Deutschen Reichs, Otto von Bismarck, ein. Bis 1913 regierten deshalb Prinzen aus Preussen und Mecklenburg das kleine Herzogtum. Erst nachdem Prinz Ernst August die einzige Tochter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., Viktoria Louise, ehelichte, kamen die Welfen wieder zu ihrem Erbe. Der letzte regierende Herzog der Welfen, Ernst August, musste im Rahmen der Novemberrevolution am 08. November 1918 abdanken und ging wie sein Vater zuvor in’s österreichische Exil auf Schloss Cumberland in Gmunden. Sieben Jahre später kehrte die Welfen-Familie wieder nach Braunschweig zurück. Sie erhielt nurmehr das Schloss Blankenburg und die Domäne Hessen im heutigen Landkreis Harz zugesprochen. Während des Ersten Weltkrieges wurden der deutschen Linie durch das englische Königshaus alle Titel und Erbberechtigungen aberkannt. Im Zweiten Weltkrieg besetzten die Sowjets die Blankenburg, die Familie zog sich auf die Marienburg zurück. Der Urenkel des letzten deutschen Kaisers, Ernst August von Hannover verblieb in Österreich, sein 1983 geborener Sohn, Ernst August (VI.) Erbprinz von Hannover Herzog zu Braunschweig und Lüneburg Königlicher Prinz von Großbritannien und Irland („der Pippi-Prinz“), ist aktuelles Familienoberhaupt der Welten. Aufgrund der Geschichte seines Geschlechtes versteht nun sicherlich so manch einer die Schlagfertigkeit Ernst Augusts. Er studierte Geschichte und Volkswirtschaft in New York und Florenz und war seither als Investmentbanker tätig. 2004 überschrieb ihm sein Vater die Güter. Ernst August VI. verwaltet die Ländereien in der Domäne Calenberg. Hierzu zählt alsdann das Fürstenhaus Herrenhaus. Sehr viel mehr ist vom vormaligen Vermögen der Welten nicht übrig geblieben. Reichskanzler Bismarck hatte es damals eingezogen, grosse Teile der Freigabe gingen spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg verloren, da sich die Familie in der Rüstungsindustrie des Dritten Reiches eingesetzt hatte und dort auch Zwangsarbeiter arbeiten mussten. Rund um Schloss Marienburg gab es zwischen Vater und Sohn grossen Streit. Der Sohn wollte das Schloss verkaufen, da grosse Sanierungen anstanden. Das Land Niedersachsen wollte es für einen symbolischen Euro aufkaufen und die Sanierungskosten von rund 27 Millionen Euro im Rahmen des Denkmalschutzes übernehmen. Ernst August sen. jedoch widerrief daraufhin seine Schenkung von 2004 und forderte diese wegen „grossen Undanks“ zurück. Der Junior verzichtete vor kurzem auf den Verkauf und will das Schloss nun in eine Stiftung überführen.
Sie sehen nun, dass aufgrund der Heiratspolitik nahezu alle Herrschafts-häuser eigentlich verwandt sind. Dies erklärt auch das grosse Aufkommen bei Hochzeiten oder Trauerfällen. Ob es eine Fortsetzung dieses History-Blogs auf Fürstenebene gibt, entscheide ich, sobald ich mich von der Recherche zu diesem Blog erholt habe!!!

Lesetipps:

.) Die Babenberger. Aufstieg einer Dynastie; Stephan Vajda; Orac Verlag 1986
.) Die Babenberger. Reichsfürsten und Landesherren; Georg Scheibelreiter; Böhlau Verlag 2010
.) Die Babenberger. Markgrafen und Herzoge von Österreich 976–1246; Karl Lechner; Böhlau 1996
.) Das Haus Habsburg. Die Geschichte einer europäischen Dynastie; Adam Wandruszka; Herder 1989
.) Die Habsburger. Eine Europäische Familiengeschichte; Walter Pohl/Karl Vocelka; Styria 1992
.) Die Welt der Habsburger: Glanz und Tragik eines europäischen Herrscherhauses; Dietmar Pieper/Johannes Saltzwedel; Spiegel-Buchverlag/DVA, 2010
.) Habsburg. Geschichte eines Imperiums; Pieter M. Judson; C.H. Beck 2017
.) Die Kaiser des Mittelalters. Von Karl dem Großen bis Maximilian I.; Bernd Schneidmüller; C.H.Beck 2012
.) Die Wittelsbacher. Geschichte unserer Familie; Adalbert Prinz von Bayern; Prestel 1980
.) Die Wittelsbacher. Staat und Dynastie in acht Jahrhunderten; Ludwig Holzfurtner; Kohlhammer 2005
.) Die Wittelsbacher – Eine europäische Dynastie-eine deutsche Chronik; Hans F. Neubauer; Moewig 1979
.) Die letzten Wittelsbacher; Herbert Eulenberg; Phaidon 1929
.) Die schwarzen Schafe der Wittelsbacher. Zwischen Thron und Wahnsinn; Christian Dickinger; Piper 2005
.) Das Haus Hohenzollern 1918–1945; Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen; Langen Müller 1985
.) Das Fürstenhaus Hohenzollern; Hubert Krins; Fink, Josef 2013
.) Die Hohenzollern; Wolfgang Neugebauer; Kohlhammer 2003
.) Die Grafen u. Fürsten von Hohenzollern; Maximilian Schmitz-Mancy; Liehner 1895
.) Die Welfen. Von der Reformation bis 1918; Hans-Georg Aschoff, Kohlhammer 2010
.) Die Welfen. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart; Thomas Vogtherr; Beck 2014
.) Staufer und Welfen. Zwei rivalisierende Dynastien im Hochmittelalter; Hrsg.: Werner Hechberger/Florian Schuller; Pustet 2009

Links:

- gedaechtnisdeslandes.at
- www.karlvonhabsburg.at
- www.habsburger.net
- haus-bayern.com
- hohenzollern.com
- www.welfen.de

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Kreuzfahrtschiffe – Umweltbomben zum Quadrat

Man nennt sie die „Riesen der Ozeane“ – tatsächlich sind Kreuzfahrt-schiffe schwimmende Kleinstädte, die keinen Wunsch unerfüllt lassen. Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass ich mir das nicht auch gerne mal von innen ansehen möchte. Ich glaube, es war damals die Doku über den Bau der Norwegian Breakaway, die mich derart begeisterte.

https://www.youtube.com/watch?v=vWYsRUxmt3A

Doch wie alles hat auch das Bereisen der Weltmeere seine Schattenseiten. Damit 20.000 Tonnen bewegt werden können, jeder fliessend kaltes und warmes Wasser in der Kabine hat, ein üppiges Kapitäns-Dinner abge-halten werden kann und auch tatsächlich das Licht angeht, wenn der Schalter betätigt wird, dazu ist ein ungeheuerlicher Energieaufwand vonnöten. Daneben produzieren bis zu 8.000 Menschen einen ganz ordentlichen Haufen Müll und Abwässer.
Rollen wir das Ganze mal von hinten auf:
Gab es in grauen Vorzeiten einen Donnerbalken am Heck eines Schiffes, so wurden immer wieder Seeleute vermisst. Sie nahmen das Wort „Runterspülen“ wohl zu ernst. Bei der grossen Anzahl der Reisenden und Crew wäre dies heutzutage wohl nicht mehr zumutbar. Da muss nur einer dabei sein, der Zeitung liest!!! Aber – Spass beiseite. Grau- und Schwarz-wasser werden häufig nach wie vor teils geklärt, teils nicht geklärt in den Ozean abgelassen. Was auf hoher See wohl ohne weiteres möglich ist, kann am windstillen Äquator oder in einem Binnenmeer wie etwa der Ostsee zu einem ganz gewaltigen Problem werden. Deshalb entsorgen rund 70 bis 80 % der Ostsee-Schiffe dies in den Häfen – ab 2021 wird es für alle Kreuzfahrtschiffe zur Pflicht: Entweder direkt an Bord klären oder abpumpen und entsorgen. Hierfür wurde beispielsweise in Kiel am Ostseekai eine eigene Abwasseranlage gebaut. 300 Kubikmeter können pro Stunde abgepumpt und vorbehandelt (Ozon und Natronlauge) in das städtische Kanalsystem weitergegeben werden. Die Ostsee stand nahe am Umkippen. Sie ist sehr sauerstoffarm – durch die Abwässer würden komplett sauerstofflose Zonen entstehen. Aufgrund solcher Massnahmen konnte sie davor bewahrt werden. Für all jene, die es noch nicht wissen sollten: Grauwasser sind die Abwässer aus Waschbecken und Dusche, Schwarzwasser hingegen aus der Toilette – näher möchte ich hierauf nicht Eingehen. Damit Sie einen Einblick in die Dimensionen erhalten: Nach Angaben des WWF reisen jedes Jahr rund 80 Millionen Menschen über bzw. durch die Ostsee. Es sind nicht nur Skandinavien-Kreuzfahrten, sondern auch Fährschiffe. Einige davon (v.a. die grossen Kolosse) besitzen eigene Kläranlagen und müssen somit nurmehr den Klärschlamm entsorgen. Weitaus mehr jedoch verfügen nicht über eine solche Möglichkeit.
Zweites Problem: Der Müll! Sie selbst werden wissen, wieviel Müll und „Wertstoff-Abfall“ Sie innerhalb von neun bis zehn Tagen (Durchschnitts-dauer einer Kreuzfahrt) produzieren. Somit können Sie sich vorstellen, wieviel 2-8.000 Menschen auf einem solchen Schiff zurücklassen. Auch der Müll muss in den Häfen entsorgt werden. Durchaus eine Herausforderung – nicht nur für die Crew sondern auch die angelaufenen Häfen. Besonders problematisch wird es bei Hotspots wie Venedig oder Mallorca!
Der wohl aber gewichtigste Umstand, weshalb ich niemals eine Kreuzfahrt machen werde, sind die Abgase und das verwendete Schweröl. Der deutsche Naturschutzbund hat Berechnungen angestellt, deren Zahlen ich nun wiedergeben möchte. Ein Kreuzfahrtschiff produziert pro Tag folgende Emissionen im Vergleich:
.) 476.850 kg Kohlendioxid (CO2) – 84.000 Autos
.) 5.250 kg Stickoxide (NOx) – 42.100 Autos
.) Feinstaub – 1 Mio Autos
.) 7.500 kg Schwefeldioxid (SO2) – 376 Mio Autos
Da kann der Aufenthalt auf dem Sonnendeck schon mal gesundheits-schädigend werden.

„Lungenkranke, die sich auf eine Kreuzfahrt begeben, sollten sich vor den Abgasen des Schiffes in Acht nehmen.“
(Deutsche Lungenstiftung)

Ein Schelm also, der denkt, dass er mit einer Kreuzfahrt seiner Lunge etwas gutes gönnt, da der Effekt der durchaus gesunden Seeluft dadurch mehr als aufgehoben wird. Ein französischer sowie der britische TV-Sender Channel-4 führten unabhängig voneinander hierzu im Jahr 2017 verdeckte Messungen durch. Nabu bezieht sich auf diese Daten der Franzosen und spricht von einer 200-fach höheren Partikel-Belastung als in der normalen Umgebungsluft etwa zu Lande. Matthew Loxham von der University Southampton vergleicht die Werte mit jenen von Shanghai bzw. Neu Delhi, die bekanntermassen stark belastet sind. Diese Unter-suchungen werden auch durch Luftmessungen des ZDF-Magazins „Wiso“ bestätigt. Durchgeführt an Bord der „Aida Sol“ auf der Fahrt von den Kanaren nach Madeira, wurden mit einem mobilen Messgerät bei Stichproben bis zu 475.000 ultrafeine Partikel pro Kubikzentimeter Umgebungsluft gezählt. Auch in der Kabine lag die Belastung bei 40-70.000 Partikel. Die Redakteure zogen einen Vergleich zu Stuttgart: Bei Feinstaubalarm werden an einer Hauptverkehrsachse 40.000 dieser Partikel gemessen. Aida Cruises hat inzwischen reagiert: Nach eigenen Angaben sollen nach und nach Systeme zur Abgasnachbehandlung in die Schiffe der Flotte eingebaut worden sein bzw. noch werden. Aufgrund solcher Werte schlagen alsdann auch Mediziner Alarm: Die Partikel sind extrem klein, sodass sie direkt in den Blutkreislauf gelangen. Messungen ergaben, dass in grossen Hafenstädten wie Hamburg, Bremerhaven oder Wilhelmshaven die Schadstoffwerte von stark befahrenen Strassen um das 50- bis 80-fache übertroffen werden. In einer internationalen Studie, an der sich auch das Helmholtz-Zentrum aus München beteiligte, konnten Schädigungen der Makrophagen in der Lunge festgestellt werden. Makrophagen sind die Fresszellen des Immunsystems. Sie reagieren gerade in der Lunge wesentlich empfindlicher als die Lungenepithelzellen und spielen auch bei etwa der Lungenerkrankung COPD eine entscheidende Rolle.

„Ich kann keinem Passagier empfehlen, sich lange an Deck eines Kreuzfahrtschiffes aufzuhalten!“
(Dr. Michael Barczok, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Pneumologen)

Verantwortlich für derart hohe Abgaswerte ist vornehmlich das verwendete billige Schweröl. Rund 150 Tonnen dieses giftigen Schweröles blasen die meisten dieser Ozeanriesen pro Tag zum Schornstein raus. Bei dessen Verbrennung entstehen neben den bereits genannten Abgasen und dem Feinstaub zudem Russ und Schwermetalle. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits darauf hingewiesen, dass der Mix dieser Luftschadstoffe krebserregend sein kann. Daneben das bereits erwähnte Schwefeldioxid (7 Tonnen pro Tag und Schiff), das in den 70er und 80er Jahren für das Waldsterben verantwortlich zeichnete. In Verbindung mit Wasser entsteht schwefelige Säure, die selbst-verständlich auch im Meer ihre Spuren hinterlässt. Die erreichten Werte würden wohl in den meisten Ländern der industrialisierten Welt für ein Verbot ausreichen – der in der EU geltende Grenzwert wird zumeist um das 3.500-fache überschritten. Erst im kommenden Jahr soll der Schwefelanteil von derzeit 3,5 auf 0,5 % mittels Grenzwert gesenkt werden.

„Dass im Jahr 2018 immer noch Schiffe auf den Markt kommen, die auf Schweröl als Treibstoff ausgelegt sind und keine wirkungsvolle Abgastechnik einsetzen, ist ein Skandal!“
(Nabu)

Nur die „Aida Nova“ ist als einziges Kreuzfahrtschiff mit Flüssiggas unterwegs. Auch nahezu 90 % der erst kürzlich vom Stapel gelaufenen Schiffe fahren mit Schweröl. Übrigens auch im Hafen. Kreuzfahrtschiffe liegen zu rund 40 % im Hafen – auch dann laufen selbstverständlich die Maschinen, schliesslich muss der Betrieb auf dem Schiff weitergehen. Die „Aida Prima“ kann als eines der wenigen Schiffe im Hafen auf Flüssiggas (LNG) umgestellt werden, sofern der Hafenbetreiber dieses anbietet. Chapeau übrigens an Hamburg: In der Hansestadt versorgt eine Land-stromanlage im Hafen liegende Schiffe. Doch bei vielen ist eine externe Stromversorgung technisch gar nicht möglich (Ausnahmen: Die Schiffe der beiden deutschen Anbieter Hapag-Lloyd Cruises und TUI Cruises).
Das alles nahm sich Norwegen zu Herzen. Seit 2017 wird hier heftigst über ein Fahrverbot von Schiffen in die Fjorde diskutiert, die einerseits die Grenzwerte weit überschreiten und andererseits immer wieder ihre Abwässer vorort abliessen. So beauftragte der dortige Umweltminister Helgesen die Erstellung eines entsprechenden Gesetzes, das bis Ende 2018 fertig sein sollte. Es ist also nurmehr eine Frage der Zeit, dass bestimmte Ozeanriesen bzw. Schiffe bestimmter Reedereien dort zu „navibus non gratae“ werden. Betroffen sind dann alle Schiffe, die vor dem Jahr 2000 erbaut wurden, und dies vorerst in den Fjorden Näroyfjord, Synnulvsfjord, Aurlandsfjord und dem Tafjord. Recht hat er, sind doch die Norweger durchaus berechtigt stolz auf ihr Weltkulturerbe.
Besonders problematisch aber sind Unfälle auf See, in deren Rahmen Schweröl austritt, wie zuletzt bei dem Transportschiff „Grande America” vor der französischen Küste – es hatte 2.200 Tonnen des Öls geladen. Wir kennen diese Bilder noch von der Bohrkatastrophe im Golf von Mexico: Der Ölfilm verteilt sich zuerst auf dem Wasser. Ein Teil davon wird an die Küste gespült, der weitaus grössere Teil sinkt auf den Meeresboden ab. Tiere krepieren elendigst durch Ertrinken, Verhungern oder Vergiftungen, auch jegliches pflanzliche Leben wird ausgelöscht.
Galten Kreuzfahrten früher als Privileg der Reichen, so können sich dieses Vergnügen aufgrund des Massentourismuses schon viele mehr finanziell leisten. Im Jahr 2015 wurde nur mit den Hochseekreuzfahrten in Deutschland ein Umsatz von 2,9 Milliarden Euro erzielt – weit mehr als das Doppelte im Vergleich zehn Jahre zuvor. Alleine 2017 nutzten dies über zwei Millionen Deutsche (Platz 3 nach den USA und China), insgesamt waren es 22 Millionen Menschen auf rund 300 Ozeanriesen. Tendenz. Steigend! Das deutsche Umweltbundesamt empfiehlt deshalb jenen, die unbedingt eine Fahrt buchen wollen, die Abgase zu kompensieren: Anstatt mit dem Auto viele Fahrten mit dem Rad zu machen oder gar zu Fuss, regionale Lebensmittel zu verwenden etc. Auf der Website der atmosfair gGmbH (Link siehe unten) können Sie für alle möglichen Aktionen ihren CO2-Fussabdruck berechnen!
Selbstverständlich sollte nicht vergessen werden, dass all das bislang Geschriebene nicht nur bei den Kreuzfahrtschiffen, sondern auch bei Handels- und Kriegsschiffen zutrifft. 90 % des weltweiten Warenverkehrs wird mit rund 40.000 Handelsschiffen (Container- und Transportschiffen sowie Öltanker etc.) verbracht. Doch erfüllt ein solches Handelsschiff eine durchaus berechtigte Funktion, ohne die auch in den heimischen Haushalten wohl vieles nicht mehr möglich wäre. Obwohl der Ärmelkanal ebenso wie die Nord- und Ostsee eigentlich Emissionskontrollgebiete sind, in welchen Schweröl nicht, sondern vielmehr Marinediesel verwendet werden muss, wird dies dem Containerschiff aus Südamerika oder dem Motorschiff aus Australien wohl gleichgültig sein.
Unbestritten: Reizen würde auch mich eine solche Kreuzfahrt. Aufgrund der genannten Fakten jedoch werde ich wohl ohne auskommen müssen. Und dabei habe ich die wirtschaftlichen Aspekte noch gar nicht genannt: Viele Attraktionen beispielsweise bei Landgängen werden auf dem Schiff gebucht, gegessen wird ebenso dort, sodass der Bevölkerung der angelaufenen Hotspots nur ein Minimum an Wertschöpfung durch diese Art des Tourismus zukommt. Ist das Schiff zudem noch für ein Billigland wie etwa Liberia ausgeflaggt, so fallen viele Staaten alsdann um Steuern in Milliardenhöhe um und die Arbeitsbedingungen (inkl. der Löhne) werden den Standards des Registrierungslandes angepasst!
Also: Schiff ahoi!!!

Filmtipps:

.) Kreuzfahrtschiffe: Dreckige Luft durch Feinstaub?; NDR
.) Kreuzfahrtfieber – zwischen Traum und Albtraum; 3sat
.) Auf Kreuzfahrt – Urlaub und Arbeit auf hoher See; Welt
.) Kreuzfahrten – Traumgeschäft mit Schattenseiten
.) Kreuzfahrt Wundercover – die Schattenseite der Lucusdampfer; WDR

Links:

- www.umweltbundesamt.de
- www.lungenstiftung.de
- www.helmholtz-muenchen.de
- www.nabu.de
- www.channel4.com
- www.schiffe-und-kreuzfahrten.de
- www.kreuzfahrten-zentrale.de/kreuzfahrtschiffe
- www.atmosfair.de/de/kompensieren

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Kindersoldaten – die brutalsten unter den Brutalen

Wir alle haben sie noch in Erinnerung: Die Bilder von verletzten und blutverschmierten Kindern in Syrien, die Bilder von kleinen Kindern, die mit ihrem Teddybären alleine durch die zerstörte Stadt irren, die Bilder von weinenden Kindern, die gerade ihre Eltern oder Geschwister verloren haben. Ausgerechnet unsere Kleinsten sind jene , die am meisten unter bewaffneten Konflikten und Kriegen zu leiden haben. Überleben sie, hat man ihnen die wohl wichtigste Phase im Leben genommen: Ihre Kindheit. Diese Menschen denken anders über das Leben, als die in Friedenszeiten wohlgehütet aufgewachsenen Sprösslinge. Und dann gibt es noch die Härtesten unter den Harten: Die Kindersoldaten! Sie kennen keine Moral oder Ethik – sie sind psychisch zerstörte Kampfmaschinen, die zum Töten ausgebildet wurden.
Es ist wohl die grausamste Art der Kriegsführung: Bei der „Säuberung“ von Dörfern und Städten nicht nur die zivile Bevölkerung umzubringen, sondern auch deren Kinder zu entführen und sie unter einem Druck zu Kämpfern auszubilden, dem die meisten Erwachsenen nicht standhalten würden. Dabei haben es jene, die hinter den Fronten als kostenlose „Funktionssoldaten“ wie Koch oder Träger arbeiten müssen, noch gut erwischt. Viele unter ihnen stehen an vorderster Front, da sie weitaus brutaler als Erwachsene vorgehen und trotzdem nicht derart „wertvoll“ sind, wie etwa die Söldner. Deshalb müssen sie auch häufig Landminen verlegen oder entschärfen. Werden Kinder verwundet, lässt man sie sehr häufig zum Sterben zurück. Dass es zudem gegen das internationale Kinderrecht verstösst und bei unter 15-jährigen sogar ein Kriegs-verbrechen ist, interessiert die dafür Verantwortlichen zumeist wenig bis überhaupt nicht. Die Vereinten Nationen sprechen bei Rekruten unter 18 Jahren, die bewaffneten Streitkräften oder Gruppen angehören, von „Kindersoldaten“. Sie sind nicht erst eine Erscheinung dieses Jahr-hunderts, gab es sie doch schon in früheren Zeiten. So werden die sog. „Rossbuben“ bereits zu römischen Zeiten erwähnt – sie kümmerten sich vornehmlich um die Pferde der berittenen Truppen; während des Dreissigjährigen Krieges werden Kindersoldaten ebenso wie in den Napoleonischen Kriegen oder dem Sezessionskrieg in den USA literarisch erwähnt. Im Zweiten Weltkrieg griffen v.a. die Luftabwehr und die SS auf Jugendliche zurück – im abschliessenden Volkssturm wurde die komplette Hitlerjugend eingezogen.
Um auf diese Unmenschlichkeit hinzuweisen, haben die Vereinten Nationen den 12. Februar zum „Welttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten“ gemacht. Niemand weiss, wie viele es wirklich sind. Schätzungen gehen von rund 250.000 aus. Die meisten von ihnen im Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, aber auch in Asien (Afghanistan, Myanmar) oder Südamerika (Kolumbien). Viele werden derzeit auch im Jemen-Konflikt im Einsatz stehen.
Kinder sind leicht zu manipulieren, ideologisch zu indoktrinieren und kosten nichts. Viele unter ihnen haben noch nie ein Klassenzimmer von innen gesehen, dafür können sie ein Sturmgewehr innerhalb kürzester Zeit zerlegen, zusammenbauen und damit auch treffen. Alle wurden sie eingeschüchtert, die meisten während der Ausbildung sexuell miss-braucht. Schliesslich sollen sie seelenlos gemacht werden, Unmenschen werden, die die Zahl ihrer Opfer nicht mehr kennt und zwischen Soldaten, alten Menschen, Frauen oder Kindern keinen Unterschied machen. Sie sind es auch, die einmal aus dieser Hölle befreit, mit dem normalen Leben nicht mehr zurecht kommen. Viele haben deshalb das Morden zu ihrem Beruf gemacht und kennen später als Söldner oder Milizionäre nichts anderes.
Doch gibt es sie auch – die Freiwilligen, die sich einer Miliz anschliessen um dadurch der Armut zu entgehen oder sich beispielsweise für den Tod ihrer Eltern oder Geschwister rächen wollen.

http://www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=S/2018/465&Lang=E&Area=UNDOC

Jedes Jahr veröffentlichen die Vereinten Nationen einen Bericht über die Situation der Kinder in Unruhegebieten („Annual Report of the Secretary-General on Children and Armed Conflict“). Ein eigenes Kapitel ist auch der Rekrutierung von Kindern gewidmet. Nicht weniger als 50 Armeen und bewaffnete Gruppierungen, die Kindersoldaten einsetzen, sind hier namentlich genannt. 19.000 sollen es alleine im Südsudan seit 2013 sein. In den acht Bürgerkriegsjahren in Liberia (1989 bis 1997) kämpften bis zu 20.000 Kindersoldaten. Die jüngsten unter ihnen wurden mit 9 Jahren zwangsrekrutiert. Die Liste liesse sich nahezu endlos fortsetzen: Sierra Leone, Irak, Syrien, …
In den letzten zehn Jahren konnten 65.000 befreit werden. Sie werden in ein Programm der UNICEF aufgenommen, durch das sie Schritt für Schritt wieder in das normale Leben eingegliedert und zu Ihren Familien rückgeführt werden sollen. In vielen Fällen aber vertane Liebesmüh’, da sie entweder zu stark traumatisiert sind oder als Mörder durch die Dorfgemeinschaft schlichtweg nicht mehr aufgenommen werden. Aller-dings bestehen auch Erfolgschancen – die guten Beispiele: Nach einer Studie von Christopher Blattmann (Columbia University) und Jeanne Annan (International Rescue Committee) konnten nach dem Ende des Bürgerkrieges in der Elfenbeinküste viele der Kindersoldaten und ehemaligen Milizionäre wieder in die Gesellschaft Liberias eingegliedert werden, wenn ihnen eine berufliche Perspektive geboten wurde. Auch mit nur einem Zehntel des früheren Söldnergehaltes gelang das Projekt.
Nicht weniger als 168 Staaten haben das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention unterschrieben, das am 12. Februar 2002 in Kraft getreten ist („Fakultativprotokoll zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten“). Es besagt, dass Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr nicht gegen ihren Willen in Kampfhandlungen einbezogen werden dürfen – sind sie jünger als 15 ist es gar ein Kriegsverbrechen. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO spricht hierbei von einer „extremen Form von ausbeuterischer Kinderarbeit“ (Resolution 182). Freiwillige, älter als 15 Jahre hingegen sind und bleiben wohl auch legal. So können etwa – mit Zustimmung der Eltern – 17-jährige freiwillig in die Bundeswehr bzw. das Bundesheer einrücken. Noch enger sehen es die „Cape Town Principles“ aus dem Jahr 1997. Sie beziehen auch jene Kinder mit ein, die als Koch, Träger, Informant oder bei Mädchen als Zwangsprostituierte eingesetzt werden. Sie kämpfen zwar nicht direkt an der Front, helfen oder müssen jedoch hinter den Linien arbeiten.
Die beiden Kriegsparteien im Südsudan haben sogar ein eigenes Abkommen unterschrieben, dass sie keine Kinder mehr rekrutieren. Einzig – sie halten sich nicht daran.
Deshalb ist es wichtig, Zeichen zu setzen. Und das geschah gottlob bereits 2012: Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag verurteilte den Milizenchef Thomas Lubunga aus dem Kongo zu 14 Jahren, den ehemaligen Präsidenten von Liberia, Charles Taylor zu 50 Jahren Haft wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten und im zweiten Falle auch anderer Kriegsverbrechen.
Erschreckend sind die Zahlen, die der Sonderbeauftragte des „UNO-Generalsekretärs für Kinder in bewaffneten Konflikten“ – nicht nur zu den Kindersoldaten – veröffentlichte. Nach Angaben von Clara Ottuno sollen zwischen 1990 und 2000 etwa 2 Millionen Kinder gefallen sein. Weitere 6 Millionen wurden zu Invaliden und 10 Millionen zogen sich schwere psychische Schäden zu.
Als krassestes Beispiel möchte ich die Lord’s Resistance Army aus Uganda etwas genauer beleuchten. Joseph Kony gründete diese „Widerstands-Armee des Herrn“ im Jahre 1987. Sie sollte fortan den Kampf gegen die von Präsident Yoweri Museveni geführte Regierung im Norden des Landes führen. Mit einem indigenen, christlichen Hintergrund war es die dritte esoterisch-militante Organisation im Land. Sie kämpfte für die Errichtung eines auf den zehn Geboten beruhenden Gottesstaates. Mit der Religion dürfte es jedoch nicht weit her sein, wurde doch gegen das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ gleich in rund 100.000 Fällen zumeist auf das Grauenvollste verstossen. Noch während des ugandischen Bürgerkrieges zogen sich die Milizionäre stets in den Südsudan zurück. Dort mischten sie – nach der Niederlage gegen die Armee Ugandas – für die Regierung in Khartum auch im südsudanesischen Bürgerkrieg gegen die Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) mit. Im Kongo terrorisierten sie häufig die Bevölkerung. Zuletzt haben sich mehrere afrikanische Staaten in der „Regional Cooperation Initiative for the Elimination of the Lord’s Resistance Army“ unter der Aufsicht der Afrikanischen Union zusammengetan, um diese Miliz zu sprengen. Seit 2017 soll sie nach Regierungsangaben aus Uganda keine wichtige Rolle mehr spielen und somit auch keine grosse Gefahr mehr darstellen. Dennoch gehen viele Raubzüge im Garamba Nationalpark auf ihre Kosten, da sie mit dem Elfenbein der geschossenen Elefanten die Waffenkäufe finanzieren. Die UNO bezeichnete im Jahr 2005 die LRA offiziell als die „brutalste Rebellengruppe der Welt“. Am 28. Dezember 2008 soll die Terrorgruppe in einer katholischen Kirche in der Region von Doruma in der Demokratischen Republik Kongo 45 Menschen zu Tode gehackt haben („Weihnachtsmassaker von Doruma“). Ein Entwicklungshelfer bestätigte die Beschuldigung der ugandischen Armee. Bei weiteren Überfällen auf Kirchen sollen nach Angaben der Caritas International bis zu 485 Menschen umgebracht worden sein. Bei einem Massaker in der Makombo-Region (ebenfalls im Kongo) wurden etwas später mindestens 321 Menschen getötet und 250 Menschen entführt. Insgesamt bis zu 100.000 Menschen getötet und zwischen 60 bis 100.000 Menschen entführt. Die Lord’s Resistance Army in Uganda bestand zu 90 Prozent aus Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren. 12.000 davon waren zwangsrekrutiert.
Die Flucht von Minderjährigen vor einer solchen Zwangsrekrutierung gilt jedoch hierzulande nicht als Asylgrund!

Filmtipps:

.) Invisible Children; 2003; Buch: Carol Mansour
.) Slaves – Auf den Spuren moderner Sklaverei; 2016; Regie: Marc Wiese
.) Lost Children; 2005; Buch und Regie: Ali Samadi Ahadi, Oliver Stoltz
.) I killed people; 1999; Buch: Alice Schmid

Lesetipps:

.) I killed people – wenn Kinder in den Krieg ziehen; Margit R. Schmid/Alice Schmid; Lamuv 2001
.) Kindersoldaten, neue Kriege und Gewaltmärkte; Michael Pittwald; Sozio-Publishing 2008
.) The causes of child soldering: Theory and evidence from Northern Uganda; Christopher Blattman; University of California 2007.) Du sollst Bestie sein!; Uzodinma Iweala; Ammann 2008
.) Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr – Mein Leben als Kindersoldatin; China Keitetsi; Ullstein-Verlag 2003
.) Sie zwangen mich zu töten – Afrikas verlorene Kinder; Annette Rehrl; Knaur-Taschenbuch-Verlag 2006
.) Rückkehr ins Leben – Ich war Kindersoldat; Ishmael Beah; Campus Verlag 2007

Links:

- www.child-soldiers.org
- www.kindersoldaten.info
- invisiblechildren.com
- www.unicef.de
- www.hrw.org/de
- www.worldvision.de
- www.tdh.de
- www.amnesty.org
- www.ilo.org
- www.ag-friedensforschung.de
- crisistracker.org

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Plastik – ein wertvoller Rohstoff

Vollgemüllte ehemalige Traumstrände, elendig erstickte oder anders krepierte Fische und Meerestiere, riesige im Meer treibende Plastik-Müll-Inseln. Ein Beitrag aus „Unser lebenswerter Planet“!

Als ich kürzlich gelesen habe, dass deutscher Haushalts-Kunststoffmüll in Malaysia und Hamburger Kunststoffabfall in den Anden gesichtet wurde, stieg in mir die Wut auf: Es kostet viel Überzeugungsarbeit, die über Jahre hinweg geleistet werden muss, damit Otto Normalverbraucher den Sinn des Wertstoffsammelns versteht und seinen Müll tatsächlich trennt. Ist dies dann geschehen (Recyclingquote Österreich 58 % gleich hinter Deutschland mit 66 %; Zahlen: Institut der deutschen Wirtschaft), gibt es Unternehmensbosse, die diesen unsortierten Kunststoffmüll in ferne Länder verschiffen oder auf hoher See löschen lassen (zirka 100.000 Tonnen Kunststoff landen jährlich in den europäischen Meeren). Es kommt sie günstiger als die aufwendige Sortierung und fachgerechte Entsorgung. Trotzdem werden die öffentlichen Gelder und Zuschüsse eingestreift. Es ist ein Milliardengeschäft, das Geschäft mit dem Müll.
Und das Plastik leistet hierzu einen schwergewichtigen Anteil. Während sortenreiner Industrie-Abfall zumeist durch etwa Extrusion, Spritzguss- oder Spritzpressverfahren, Intension bzw. Sinterpressverfahren meist direkt wieder in der Kunststoffproduktion eingesetzt werden kann, stellt der zumeist unreine und vermischte Haushaltskunststoff ein grosses Problem dar. Dabei ist gerade dieser ein wertvoller Grundstoff für die Gewinnung von Öl, dem sog. „ReOil“. Beim österreichischen Treibstoff-Riesen OMV etwa wird auf diese Weise synthetisches Rohöl gewonnen. Verantwortlich dafür ist Wolfgang Hofer. Er managt den Raffineriebereich für neue Technologie- und Rohstofflösung. Hofer entwickelte im Jahre 2010 ein Verfahren, das drei Jahre später in den Testbetrieb ging. Wird das Plastik nun auf 400 Grad erhitzt, so werden die Kunststoff-molekülketten depolymerisiert. Klingt einfach – ist es aber nicht, da Kunststoff unheimlich schlecht Wärme leitet. Damit ein derartiges Schmelzen überhaupt möglich ist, wird gleich zu Beginn des Vorganges ein bereits heisses Lösungsmittel hinzugeführt, das die Wärmeleitungs-fähigkeit des Ganzen wesentlich verbessert. Die somit flüssig gewordene Masse wird verdampft. Dadurch erst lösen sich die langen Molekülketten und können zu kleineren Ketten erneut zusammengefügt werden. Das Resultat: „ReOil“! Der Testanlage folgte 2018 eine Anlage mit einer rund 20-fach grösseren Kapazität. Sehr zufrieden zeigt sich der für die her-kömmliche Raffinerie verantwortliche Michael Fadler mit dem Endprodukt:

„Die Qualität der Produkte aus dem ReOil-Prozess war schon bei der Anlage im Technikum großartig und das hat sich auch jetzt nicht verändert. Wir bekommen hier am Ende ein so sauberes, hochwertiges Produkt, dass man es mit dem besten Rohöl vergleichen kann.“

Deshalb wird dieses ReOil auch dem anderen Öl beigemischt, das für Kraftstoffe oder andere Raffinerie-Produkte verwendet wird. Aus 100 Kilogramm Kunststoffen entstehen auf diese Art 100 Liter Rohöl. Die Planungen für eine noch grössere Anlage haben bereits begonnen – sie wird 2.000 kg Altkunststoff pro Stunde verarbeiten können. Auf dies Weise sollten dann auch die Müllberge kleiner werden.

https://www.youtube.com/watch?v=z3oSb1adzu8

Damit wird jede achtlos weggeworfene Kunststoffverpackung auch wirtschaftlich zum No-Go. Das, was niemand für möglich gehalten hat, ist damit zur Realität geworden: Der Kunststoffkreislauf! Ganze Forscher-Generationen haben sich mit einer solchen Lösung beschäftigt – bislang ohne Erfolg. Plastik benötigt zur Verrottung zwischen 10 bis 20 Jahre. Bei den Bildern, die immer wieder zu sehen sind, wurde es also höchste Zeit, dass ein solches Verfahren entwickelt worden ist.
Problemlos wiederverwertbar waren nämlich bislang nur bestimmte Kunststoffabfälle, wie etwa PET-Flaschen oder Joghurtbecher. Sie werden geschnetzelt, die rund 12 mm grossen „Flakes“ in eine 50 %-ige Natriumhydroxid-Lauge gegeben, auf bis zu 207 Grad erhitzt und mit reinem Wasser abgewaschen. Diese nun sauberen Flakes werden erneut auf rund 250 Grad erhitzt – aus der Masse entstehen dann zwar keine neuen PET-Flaschen mehr (deutsche Lebensmittelverordnung – in anderen Staaten jedoch sehr wohl), jedoch Windeln, Kunststofftextilien oder anderes. So ist etwa in einem Paar Socken aus China eine PET-Flasche enthalten – in einem T-Shirt bis zu sechs Flaschen.

https://vimeo.com/17486598

Das System funktioniert in Deutschland aufgrund des Pfandsystems wesentlich besser als in Österreich, da die relativ sauberen Flakes bereits auf diese Weise zur Wiederverwertung gelangen. Beim PET liegt die Recyclingrate bei rund 91 %, bei den Pfandflaschen sogar bei 98 %. In Österreich müssen die PET-Flaschen erst aus dem alles andere als sauberen Haushalts-Kunststoff sortiert werden. In der Schweiz stehen rund 200.000 PET-Sammelcontainer, die ebenfalls eine raschere Wieder-verwertung möglich machen.
Jedes Jahr werden weltweit über 280 Mio Tonnen Plastik produziert, 19,5 Mio Tonnen davon alleine in Deutschland – 58 Milliarden Euro jährlich werden an Umsatz eingefahren. Ein gut florierender Industrie- und Wirtschaftszweig. 90 % der jährlich anfallenden deutschen 6 Mio Tonnen Plastikabfälle (900.000 Tonnen in Österreich) werden auch wieder eingesammelt – jedoch nur 43 % davon recycelt. 55 % werden verbrannt („thermisches Recycling“). Ich überlasse es Ihren Rechenkünsten, was es bedeuten würde, wenn 45-50 % dessen wieder zu Rohöl umgewandelt werden könnten. Europaweit übrigens fallen jedes Jahr nicht weniger als 25 Mio Tonnen Kunststoffabfall an. Auch das deutsche Umweltbundesamt spricht alsdann beim Recycling von „viel Potenzial nach oben“!

„In Deutschland tobt ein Preiskampf zwischen Verbrennungs- und Recyclingindustrie!“
(Matthias Franke, Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik)

2016 exportierte Deutschland nicht weniger als 750.000 Tonnen Alt-Kunststoffe nach China. In früheren Jahren waren es aus Europa nicht weniger als 2,5 Millionen. Dann jedoch führte das Reich der Mitte mit März 2018 aufgrund der systematischen Vermüllung des Landes den Importstop von Kunststoffen mit einem Verschmutzungsgrad von mehr als 0,5 % ein („National Sword“). In Form von Textilien, Spielzeug bzw. anderen Produkten aus Kunststoff gelangt dieser ehemalige Kunst-stoffabfall wieder zurück nach Europa. Werden bei den Waren Made in China so manche Grenzwerte überschritten, so sollte deshalb beachtet werden, dass diese Gifte zumeist eigentlich hausgemacht sind, sprich aus den Industrieländern des Westens stammen!
Die zu hohe Kunststoffverbrennung erfolgt jedoch nicht nur in Deutschland. Österreichs Bundeshauptstadt Wien sammelte Kunststoff ebenfalls getrennt. Als der Brennwert des Restmülls plötzlich in den Keller sackte, liess man Kunststoffabfälle wieder im Restmüll zu. In deutschen Landen muss aufgrund dessen sogar Müll aus dem Ausland importiert werden, damit die rund 70 Müllverbrennungsanlagen auch wirklich ausgelastet sind – 2012 etwa waren dies 5,9 Mio Tonnen (inkl. Altmetall, Kunststoffe, Bauschutt und Sondermüll). Fragt man sich also, weshalb nach wie vor deutscher Kunststoff verschifft wird! Zudem sollte bedacht werden, dass fossiler Treibstoff nurmehr für begrenzte Zeit zur Verfügung steht. Deshalb ist es sehr schade, dass Kunststoff, der zu ReOil recycelt werden kann, verbrannt wird – schliesslich steht dieser später nicht mehr zur Verfügung.

„Immer wieder gelangen Plastiksackerln und Kunststoffteile im Biomüll!“
(Hans Roth, Präsident des Verbands Österreichischer Entsorgungsbetriebe)

Eine aktuelle Studie aus Deutschland ergab: In einem kg Kompost befinden sich bis zu 900 kleine Teile Kunststoff! Dabei gäbe es so viele Alternativen, die biologisch abbaubar sind:

- Folien aus Milchproteinen (thermoplastische Stärken)
- Gemüsenetze aus Buchenholzfasern (Celluloseprodukte) …

Aber auch der Abbau von herkömmlichem Kunststoff könnte biologisch erfolgen. In Spanien konnte Federica Bertocchini vom Institut für Biomedizin und Biotechnologie an der Universidad de Cantabria in Santander beobachten, wie sich die Larven der Grossen Wachsmotte über Polyethylen-Folien hermachten. Mit ihren Beisswerkzeugen erfolgte die erste Zerkleinerung, den Rest übernahm dann offenbar die mikrobielle Zersetzung im Darm. Diese Mottenart ist bei Imkern höchst gefürchtet, legt sie doch ihre Eier in Bienenstöcken ab. Die Larven zerfressen schliesslich die kompletten Brutwaben. Fischer hingegen verwenden diese Larven als Köder. Am Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik in Oberhausen werden ebenfalls Versuche mit Mehl-würmern durchgeführt. So beobachtete die Biologin Elma Mehovic, dass Mehl-würmern offenbar Polystyrol schmeckt. Das auch gerne als „Styropor“ bezeichnete Material fällt gerade im Hausbau oder als Verpackungsmaterial in großen Mengen an und gilt eigentlich seit einiger Zeit als Sondermüll. Die Mehlwürmer verfügen offenbar über Bakterien in ihrem Verdauungstrakt, die das Styropor zersetzen können. Sollten dadurch keine Giftstoffe mehr übrig bleiben, könnten hiermit zwei Fliegen mit einer Larve geschlagen werden: Der Kunststoffmüll wird auf biologisch-natürliche Weise dezimiert und die Vögel und Fische bekommen wieder Futter.
Allerdings sind dies im Vergleich zur ReOil-Möglichkeit nur kleine Lösungsansätze. Mit der Rückumwandlung zu ReOil nun könnte auch der schwierige Mischkunststoff (wie die Zahnpastatube, die Chipstüte oder Autokunststoffe) dem Kreislauf zugeführt werden. Das wäre notwendig, bedenkt man doch, dass jeder Deutsche im Jahr 2016 statistisch rund 628 kg Müll verursachte. Platz vier im EU-weiten Ranking, die Dänen führen mit 777 kg pro Kopf. Die Recycling-Zielquote der EU liegt bei 55 % für das Jahr 2025 und 65 % zehn Jahre später – obgleich 72 % schon fast heute technisch möglich wären. Deutschland hat diese Zielvorgaben schon heute erreicht – allerdings nur dann, wenn auch der Bioabfall, also Kompost hinzugezählt wird. Betrachten wir uns die EU-relevanten Zahlen etwas genauer, so versteht Brüssel unter Recycling nur jenes Material, das als Rohstoff wiederverwertet, nicht hingegen dem thermischen Recycling zugeführt wird. Das nun wirft die Bundesrepublik um Meilen zurück: 47-52 %. Auch für Österreich sind keine besseren Zahlen zu erwarten: Rund ein Drittel der Kunststoffabfälle!

„Im Prinzip lässt sich jedes Kunststoff-Produkt aus Recycling-Material herstellen!“
(Wolfgang Beier, Umweltbundesamt).

Allerdings hat auch das beste Recycling irgendwann mal ein Ende. Wird PET zu Textilfasern verarbeitet, so kann dieser Kunststoff nicht mehr wiederverwertet werden. Bei PP sinkt die Qualität des Kunststoffes. Auch hier könnte die ReOil-Methode weiterhelfen.
Nahezu 300.000 Menschen sind in der deutschen Recycling-Industrie (Kreislaufwirtschaft) beschäftigt – beim Abfall sind es 129.000 (in Österreich in beiden Sektoren gemeinsam 40.000). Jeder Einzelne vollbringt eine immens wichtige Arbeit für unsere Umwelt und nachfolgende Generationen. Sorgen wir also durch qualitativ hochwertige Mülltrennung, damit wir diese Menschen bei Ihrer Arbeit unterstützen können.
Noch besser ist nur das Müllvermeiden!!!

PS:
Bevor ich nun wieder hunderte Mails erhalte – verzeihen Sie mir bitte, dass ich ab und an das Wort „Plastik“ verwendet habe. Plastik ist umgangssprachlich und beinhaltet auch sog. „Gummi-Produkte“ – also Produkte aus Kautschuk!

Einige recyclingfähige reine Kunststoffe:

Polyamid PA …
Polyethylen PE
Polyethylenterephthalat PET
Polypropylen PP
Polystyrol PS
Polyvinylchlorid PVC

Lesetipps:

.) Besser leben ohne Plastik; Anneliese Bunk//Nadine Schubert; oekom verlag 2016
.) Umweltpolitik und Abfallwirtschaft – Ein Ratgeber für Unternehmen, Behörden, Ratsmitglieder und Verbraucher; Hrsg.: B. Kummer, R. Brinkmann; TK Verlag 2003
.) Die Wiederverwertung von Kunststoffen; Hrsg.: J. Brandrup, M. Bittner, W. Michaeli, G. Menges; Carl Hanser Verlag 1995
.) Makromolekulare Chemie; M. D. Lechner/K. Gehrke/E. H. Nordmeier; Birkhäuser Verlag 2010
.) Improving Markets for Recycled Plastics: Trends, Prospects and Policy Responses; OECD; OECD Publishing 2018
.) Ein Leben ohne Müll; Olga Witt; Tectum Wissenschaftsverlag 2017

Links:

- www.umweltbundesamt.de
- www.bvse.de
- www.vaboe.at
- www.fcio.at
- www.circularfutures.at
- www.petrecycling.ch
- www.bioeconomy-austria.at
- nabu.de
- www.ara.at
- www.voeb.at
- www.kunststoffe.de
- www.gkv.de
- www.plasticseurope.org
- www.plasticstoday.com

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UFOs – und es gibt es sie doch???

Als der eidgenössische Autor Erich von Däniken im Jahr 1977 sein Buch „Beweise. Lokaltermin in fünf Kontinenten“ veröffentlichte, lachte ein Grossteil der Welt über ihn. Ursprung dieser Heiterkeit war die Behauptung von Dänikens, dass vor langer Zeit Ausserirdische auf der Erde gelandet sind und die Menschenaffen „veredelt“ haben – die Geburtsstunde der Menschheit! Man mag von dieser These halten, was man will, doch hat sich inzwischen ein kompletter pseudowissen-schaftlicher Zweig rund um diese Schilderungen gebildet: Die Prä-Astronautik! Vor allem zwei Punkte heizen zudem immer wieder die Gemüter an: Das Leben auf der Erde kann nicht die einzige Existenzform im riesigen Weltall sein – und – manche Phänomene lassen sich einfach nicht wissenschaftlich bzw. rational erklären.
Im November 2018 erreichte der Funkspruch der Pilotin des Fluges BA 94 die irische Flugsicherung Air Traffic Control (ATC) in Shannon: „Findet gerade ein Militäreinsatz statt?“ Nur wenig später wiederholte sich der Funkspruch. Emsige Recherche am Boden – dann die Antwort: Über einen Militäreinsatz sei nichts bekannt! Dann schilderte die Pilotin ihre Eindrücke: Kurz zuvor – in den frühen Morgenstunden – habe sich ein grelles Licht der linken Seite des Flugzeuges angenähert und dann mit rasender Geschwindigkeit in Richtung Norden abgedreht. Auch andere Personen, die sich zu diesem Zeitpunkt gerade im Cockpit befanden, hatten dies gesehen. Nur wenig später meldete sich ein weiterer Pilot, der ebenfalls Lichter bzw. „etwas Glühendes“ gesehen haben will. Der Pilot des Virgin-Fluges VS 76 betonte, die Besatzung habe die aufeinander folgenden Flugkörper mit „astronomischer Geschwindigkeit“ („mindestens Mach 2“) vorbeifliegen gesehen. Die irische Flugbehörde Irish Aviation Authority hat sich der Sache angenommen – bislang ohne Erfolg. Schliesslich war auf dem Radar nichts zu erkennen. Was es tatsächlich war, das diese beiden Flugkapitäne unabhängig voneinander gesichtet hatten, ist nach wie vor unbekannt. Obgleich Meteoriten nicht ganz ausgeschlossen werden können, entspricht dies jedoch nicht den Schilderungen der Pilotin.

https://www.youtube.com/watch?v=kulU88RyhCI

Nach Meldungen der BBC hätten sich 2018 derartige Sichtungen gehäuft.
Ähnlich dürfte sich auch die Begegnung der dritten Art des JAL1628-Fluges am 17. November 1986 von Paris nach Tokio zugetragen haben. Das Frachtflugzeug hatte u.a. Alkohol geladen. Über Alaska kam es dann zu der im Video nachgedrehten Sichtung.

https://www.youtube.com/watch?v=DXNfyOVoi7g

Der Pilot einer in der Nähe befundenen Maschine von United Airlines sowie auch eine eigens aufgestiegene Militärmaschine konnten die Sichtung jedoch nicht bestätigen. War es etwa der Alkoholdampf im Flugzeug???
Solche Beobachtungen von Phänomenen durch voneinander komplett unabhängigen Menschen gibt es immer wieder. Wird den Schilderungen nur einer Person meist nicht wirklich Glauben geschenkt, so werden Mehrfachmeldungen durchaus ernst genommen. Selbstverständlich bemüht man sich von offizieller Seite, eine logische Erklärung zu finden, damit in der Bevölkerung keine Panik aufkommt. Ein Astronom meint in dem zuvor geschilderten Fall, es könnte sich wohl um Sternenstaub in der Grösse einer Walnuss oder eines Apfels gehandelt haben. Könnte – muss aber nicht! Auch bei all den anderen Schilderungen weltweit geht es darum, nur keine Verschwörungs- oder gar Weltuntergangstheorien aufkommen zu lassen. Schliesslich reichen den US-Amerikanern die Erfahrungen mit Area 51! Auch das Hörspiel „Krieg der Welten“, das im Radiosender CBS New York ausgestrahlt wurde, in dem die Landung von Marsmenschen auf der Erde gespielt wurde, löste eine riesige Panik damals aus, da die Hörer es für tatsächlich real hielten. Alles andere als erstrebenswert für die öffentliche Sicherheit eines Landes!
Auch hierzulande gab es einige Sichtungen, die für Unruhe sorgten.
1344 beobachtete in der Karwoche die erschrockene Bevölkerung der Stadt Feldkirch/Vorarlberg einen feurigen Klotz in Form eines Eimers, der in die Marktgasse fiel. Dort brannte er eine zeitlang vor sich hin bis er schliesslich wieder startete und in den Wolken verschwand.
Von November 1896 bis Mai 1897 wurde in zumindest 19 US-Bundesstaaten von mehreren zehntausend Menschen ein Flugkörper wahrgenommen, der bislang noch nicht erklärt werden konnte. Ein Luftschiff kann es noch nicht gewesen sein, da diese Technik v.a. aufgrund der Steuerung noch nicht soweit ausgereift war. Auch Thomas Alva Edison meinte hierzu, es sei „unvorstellbar, dass jemand ein erfolgreiches Luftschiff konstruieren und diese Tatsache geheimhalten könne“! Was es war, steht bis heute noch nicht fest – es könnte auch ein Betrug durch Falschmeldung gewesen sein. In der Geschichte hat dieser Fall als „Mystery Airship“ den Eintritt in die Bücher gefunden.
Der 25. Februar 1942 erschütterte ganz Amerika. Flugobjekte wurden über Los Angeles gesichtet, worauf die US-amerikanische Luftabwehr (37th Coast Artillerie Brigade) um 03.15 Uhr mit unzähligen Flaks das Feuer eröffnete. Befürchtet wurde rund zweieinhalb Monate nach dem Überfall auf Pearl Harbor eine japanische Invasion auf dem Kontinent mit Hilfe einer Superwaffe, wie es in den geheimen Akten zu lesen stand. Ein ranghoher Offizier hatte den Anflug von zirka 25 Flugzeugen in rund 12.000 Fuss Höhe gemeldet. 1.400 Granaten wurden abgeschossen. Nach Sonnenaufgang wurde jedoch trotz zumindest vier gemeldeter Abschüsse nichts gefunden – mit Ausnahme der Überreste der Flakgranaten. Der Fall ging als „The Great Los Angeles Air Raid“ in die Geschichte ein. Bis heute ist nicht bekannt, was damals wirklich in der Luft war, da von japanischer Seite nach dem Krieg zwar zugestimmt wurde, dass Angriffe geplant waren – an diesem 25. Februar aber nichts stattgefunden habe. 1983 versuchte das Office of Air Force History Licht in die Sache zu bringen: Es soll sich angeblich um Wetterballons gehandelt haben. Sehr schnelle Ballons, da sie nur kurz vor dem Spektakel mehr als 100 km entfernt erstmals vom Radar wahrgenommen wurden.
Nur fünf Jahre später, im Juni 1947 soll nahe der Kleinstadt Roswell im US-Bundesstaat New Mexiko sogar ein UFO samt Besatzung abgestürzt sein. In einem geheimen Kommandounternehmen sollen US-Truppen dieses Flugobjekt geborgen und unter strengster Geheimhaltung in Sicherheit gebracht haben („Area 51“). Dieser Fall ging als „Roswell-Zwischenfall“ in die Geschichte ein. Rund um dieses Ereignis entwickelte sich der „Roswell-Mythos“! Nach Militärangaben soll es sich auch hierbei um Wetterballons gehandelt haben.
Ein Jahr zuvor werden mehrere raketenähnliche Flugkörper über Skandinavien entdeckt, einige sollen auch in Seen gestürzt sein (Skandinavische UFO-Wellte mit „Spökraketer“).
Am 18. September 1976 stand das Telefon des Flughafens Mehrabad in Teheran/Iran nicht mehr still. Besorgte Bürger hatten ein sehr helles, ungewöhnliches Licht über der Stadt gesichtet. Der diensthabende Flugleiter beobachtete dies ebenso und erstattete Meldung beim nächsten Luftwaffenstützpunkt. Der diensthabende General schickte nacheinander zwei Phantom-F4 Abfangjäger in die Luft. Piloten und Navigatoren berichten unisono, dass die Bordelektronik und das Kommunikationssystem ausfielen, als sie sich dem Licht genähert hatten. Deshalb kehrten beide Maschinen um. Den zweiten Jet umkreiste dabei ein kleiner Lichtkegel, den der Pilot zuvor – in der Annahme es sei eine Rakete – versucht hatte, mit einer Wärmerakete abzuschiessen. Ohne Erfolg!. Kurz nach der Landung des zweiten Kampf-Jets waren beide Objekte plötzlich verschwunden. Auch hier ist unklar, was dies wirklich war. Das zu Hilfe gerufene US-amerikanische Committee for the Scientific Investigatives of the Paranormal (heute: Committee for Skeptical Inquiry) versuchte zu beruhigen: Es war der Planet Saturn. Die Piloten seien schlecht ausgebildet gewesen und hätten aufgrund des Alarmstarts unter starkem Stress gestanden. Dass das Objekt auf dem Bordradar der zweiten Maschine gesichtet wurde, sei der Inkompetenz der Piloten zuzuschreiben! Der Ausfall der Bordelektronik hätte seinen Ursprung im schlechten Wartungszustand der Maschinen. Dieses Ereignis ging als „Teheran-Zwischenfall“ in die Geschichte ein.

https://www.youtube.com/watch?v=KF-uftRQfAM

Die brasilianische Luftwaffe hat vor kurzem bislang geheim gehaltene Akten über ausserirdische Zwischenfälle in den Jahren 1952 bis 2016 veröffentlicht – sie können im brasilianischen Nationalarchiv (Arquivo Nacional) in Rio de Janeiro eingesehen werden. Beschrieben werden insgesamt 743 Sichtungen. Darunter sind auch jene 21 unbekannte Flugobjekte, die in der Nacht vom 19. März 1986 für Panik sorgten. Sie wurden über allen grösseren Städten des Landes gesichtet, vom Radar erfasst, konnten jedoch durch die brasilianische Luftwaffe nicht abgefangen bzw. identifiziert werden. Auch hier gibt es bis heute nur Vermutungen, keine rationalen Erklärungen. Etwa dass die damals herrschende Inversionswetterlage das Sternbild verzerrte. Oder dass die sowjetische Raumstation Saljut 7 zu diesem Zeitpunkt Müll ausbrachte, der beim Eintritt in die Atmosphäre verglühte. Das Spektakel ging als „Offizielle Brasilianische UFO-Nacht“ in die Geschichtsbücher ein. Über ähnliches wussten auch die Belgier von der „Belgischen UFO-Welle“ vom 29. November 1989 bis April 1990 zu berichten.

https://youtu.be/YS2zkaLYMzY

Sehr dubios hingegen sind einige Entführungsmythen, wovon ich einen genauer schildern möchte: Die Geschichte von Betty und Barnes Hill. Das Paar lebte in Portsmouth im US-Bundesstaat New Hampshire – beide sind inzwischen verstorben. Sie berichteten, dass ihnen in der Nacht vom 19. auf den 20. September 1961 auf dem Highway 3 ein UFO begegnet sei. Nach ihren Schilderungen beobachteten sie zuerst ein sehr helles Objekt am Himmel. Einige Zeit später sind sie im Auto sitzend 60 Meilen entfernt wieder zu sich gekommen. Es folgten Albträume und Angstzustände, weshalb sie psychiatrische Hilfe in Anspruch nahmen. Einer der Psychiater, der sie betreute, versetzte sie in Hypnose. Es muss wohl ein sehr starker Joint gewesen sein, der das Paar zu folgender Schilderung veranlasste: Zwergenhafte graue Wesen sollen sie in das Flugobjekt gebracht haben. Dort wurden sie befragt und medizinisch untersucht. Von Betty wurden Proben der Haare, der Fingernägel, ihrer Haut und des Ohrenschmalzes entnommen. Danach sollen die Wesen durch Gedanken-übertragung dafür gesorgt haben, dass die beiden Erdlinge alles vergessen sollten (kennen Sie das aus Men in Black?). Der Psychiater sah die Ursache in tiefliegenden ungelösten Konflikten des Paares. All das ist bis heute nicht bewiesen, Ufologen jedoch betrachten dies als den ersten wirklichen Entführungsfall durch Ausserirdische. Alle anderen Entführungsfälle, wie etwa jener von Travis Walton 1975, gleichen im grossen und ganzen diesem ersten Szenario!
Die Aufzählung könnte noch irrsinnig lange fortgeführt werden. Manches Mal sind es auch nur irgendwelche Spinner, die für diesen kurzen Augenblick bekannt werden möchten. Für Verschwörungstheoretiker steht jedoch eines fest: Immer wieder kommen Ausserirdische auf die Erde. Sie sollen sogar unbemerkt unter uns leben. Bei allen unauf-geklärten Fällen handelt es sich somit um einen dieser Alien-Besuche. Irgendwann werden sie zuhauf auftauchen, die Weltherrschaft übernehmen und die Menschheit ausrotten oder versklaven. US-Präsident Donald Trump liefert hierzu noch weiteren Zündstoff, hat er doch die Star Wars-Pläne seines Vorgängers aus den 80er-Jahren, Ronald Reagan, wieder aus der Schublade geholt und gemeint: „Wir müssen vorbereitet sein!“

https://www.youtube.com/watch?v=1cvumX6IJJs

Ja – es gibt Leben – irgendwo da draussen. Auch wenn es keine Lebensform nach unserem Verständnis ist. Da sind sich die klugen Köpfe der Wissenschaft (inkl. Stephen Hawking) einig. Schliesslich wurden erdähnliche Planeten bereits entdeckt. Es wäre absurd zu denken, dass Gott oder eine andere übergeordnete Kraft nur das Leben auf der Erde geschaffen hat. Ansonsten hätte der Astronom und Ufologe J. Allen Hüne ja sein komplettes Klassifizierungssystem für UFO-Begegnungen umsonst entworfen. Auch vonseiten der NASA geht man davon aus, schon sehr rasch Kontakt mit Ausserirdischen zu bekommen. Ob diese dann allerdings den Tesla, den Tesla-Chef Elon Musk gemeinsam mit SpaceX als Versuch eines ersten Frachttransportes in’s Weltall geschossen hatte, als Scherz beurteilen, wird wohl deren Geheimnis sein. Das E-Mobil hat bereits im November den Mars passiert!

Filmtipps:

- Kidnapped by UFOs? (1997)
- Experiencer. Stephane Allix (2004)

Lesetipps:

.) Beweise. Lokaltermin in fünf Kontinenten; Erich von Däninnen; Econ- Verlag GmbH 1977
.) UFOs Generäle, Piloten und Regierungsvertreter brechen ihr Schweigen; Hrsg.: Leslie Kean; Kopp Verlag 2012
.) UFOs: The Public Deceived; Philip J. Klass; Prometheus Books 1986
.) Captured! The Betty and Barney Hill UFO Experience: The True Story of the World’s First Documented Alien Abduction; Stanton T. Friedman/Kathleen Pardon; Kindle Edition
.) Die unterbrochene Reise. Zwei verlorene Stunden an Bord einer fliegenden Untertasse; John G. Fuller; Kopp Verlag 1996
.) Ufos Over Africa; Cynthia Hind; Horus House Press 1997
.) Geheimnisvolles Österreich; Reinhard Habeck; Ueberreuter Verlag 2006

Links:

- www.csicop.org
- www.grenzwissenschaft-aktuell.de
- LiveATC.net
- https://www.ufo-forschung.de/tag/cenap
- www.degufo.at
- ufoevidence.org

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Wettrüsten – Das Schreckenskabinett

1987 unterzeichneten der US-amerikanische Präsident Ronald Reagan und sein sowjetischer Amtskollege Michail Gorbatschow die INF-Verträge. Jene Verträge, die inzwischen sowohl die USA als auch Russland aufgekündigt haben. Trump macht dafür die Russen verantwortlich, Putin die Amerikaner. Fakt ist, dass gerade diese Mittelstreckenraketen für Europa ein brandheißes Thema darstellen. Das einzige Land auf dem Alten Kontinent, das nicht mehr in der Reichweite solcher russischen Waffen liegt, ist Portugal. Zu Zeiten des Kalten Krieges standen hüben wie drüben ganze Batterien von Kurz- und Mittelstreckenraketen und warteten auf den Abschussbefehl, der gottlob jedoch nicht kam. Umso härter verliefen in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts auch die Verhandlungen. Nur einige Jahre später zerbrach der Ostblock, die Sowjetunion wurde zur Russischen Föderation sowjetischer Teil-republiken. Michail Gorbatschow hatte einen vorher niemals zu erwartenden Friedenskurs eingeleitet. Ohne ihn wäre auch der Fall der Mauer in Deutschland nicht möglich gewesen. Und genau dieser Michail Gorbatschow warnt derzeit eindringlich vor einem neuen Wettrüsten. So schrieb er kürzlich in einem Artikel der Moskauer Zeitung Wedomosti:

„Und alle verstehen, dass eine neue Runde eines Raketen-Wettlaufs noch gefährlicher werden kann.”

Dabei beschuldigt der 87-jährige die Regierung Trump mit ihrem Streben nach „absoluter militärischer Überlegenheit“. Die fleissigen Leser dieses Blogs wissen, dass ich nicht wirklich ein Freund der Trump’schen Presslufthammerpolitik bin, doch: Dass Russland schon seit geraumer Zeit wieder derartige Mittelstreckenraketen herstellt – davon ist nichts in dem Artikel zu lesen. Ansonsten wäre er wohl auch der Zensur zum Opfer gefallen.
Über die Abrüstungsverträge habe ich an dieser Stelle schon mal geschrieben. Deshalb möchte ich mich heute dem Wettrüsten und dem Kalten Krieg widmen.
Der sog. „Kalte Krieg“ begann unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die USA fürchteten eine sowjetisch-kommunistische Vormachtstellung, die Russen einen übermächtigen kapitalistischen Westen. Also wurden Waffen auch weiterhin wie zu Kriegszeiten en gros produziert. Dabei hatten es die USA einfacher, war doch deren Industrie nicht im Krieg nahezu komplett zerstört worden. In der Sowjetunion musste sie erst wieder aufgebaut werden. Das erklärt auch den riesigen Vorsprung der Amerikaner. So kamen im Jahr 1950 auf 300 atomare US-Sprengköpfe nur 10 sowjetische. Die Sowjetunion glich dies jedoch durch ein massives konventionelles Waffenarsenal aus.
Unter Präsident Dwight D. Eisenhower kam erstmals der Ausdruck der „massiven Vergeltung“ an die Öffentlichkeit: Sollte die Sowjetunion zum Erstschlag ausholen, würden die USA mit Atomwaffen reagieren und alles dem Erdboden gleich machen. Das kam Washington wesentlich günstiger als ein weiterer Ausbau der konventionellen Waffen. Bei all diesen Überlegungen aber vergass Eisenhower Europa.

„Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria ist ein eiserner Vorhang über den Kontinent heruntergegangen.“
(Winston Churchill, britischer Premierminister am 05. März 1946)

Dort fürchtete man sich davor, von den sowjetischen Truppen einfach überrollt zu werden. Auch Grossbritannien und Frankreich erprobten immer wieder atomare Waffen. Deutschland jedoch waren diese durch die Siegermächte verboten worden – zu gross war die Furcht vor einem erneuten Aggressor. Also setzte Bonn mit der Gründung der Bundeswehr im Jahre 1955 auf konventionelle Waffen. Mit den USA wurde später die Vereinbarung getroffen, dass amerikanische Trägersysteme in Deutschland stationiert werden dürfen. Kurzstreckenraketen (wie zuerst die SSM-A-14 Redstone, später dann die MGM-31 Pershing I) für die westlichen Staaten des Warschauer Paktes und die MGM-31B Pershing II-Mittelstreckenraketen und BGM-109 Tomahawk-Marschflugkörper (mit Düsenantrieb – Unterschall) für die westliche Sowjetunion. Jenseits des Eisernen Vorhangs standen zuerst sowjetische R-12 und T-14, später dann RSD-10 Mittelstreckenraketen.
Während Kurzstreckenwaffen eine Reichweite von bis zu 750 km besitzen, reicht jene der Mittelstreckenraketen auf bis zu 5.500 km (MRBMs zwischen 800 bis 2399 km/IRBMs zwischen 2400 bis 5500 km). Sie haben deshalb, wie kaum ein anderes System, vornehmlich die Bedeutung, als Trägersystem für atomare Sprengköpfe zu agieren. Deshalb zählen sie zu den substrategischen Nuklear-Waffen. Diese Raketen erreichen in ihrer elliptischen Flugbahn eine Höhe von mehreren hundert Kilometern. Dabei knacken sie Geschwindigkeiten von bis zu 5 Kilometern/Sekunde bzw. beim Einschlag 1-3 Kilometer/Sekunde (rund 10.000 Stundenkilometer). Bevor sie wieder in die Atmosphäre eintreten, koppeln sie ein oder mehrere Gefechtsköpfe und Tauschkörper aus.
Um nun die durchaus berechtigte Angst etwas zu schüren – es ist erschreckend, wie viele Staaten inzwischen über derartige Mittelstrecken-raketen verfügen:

.) MRBMs
- China (Dongfeng-2/3 und 4, Dongfeng-21)
- Frankreich (SSBS S1)
- Grossbritannien (Blue Streak)
- Indien (Nirbhay, Agni-I und II)
- Iran (Ghadr, Shahab-3, Fadschr-3, Ashoura, Sedchil)
- Israel (Luz YA-2 Jericho II)
- Nordkorea (Rodong-I, Pukguksong-2, Hwasong-12)
- Pakistan (Ababeel, Ghauri-I und II, Sahin-II)
- Russland (R-5 Shyster und 12 Skandal, R-14 Skean, RT-15 Scamp, RT-21 M Saber)
- Südkorea (Hyunmoo-3)
- USA (MGM-31 Pershing II)

.) IRBMs
- China (Dongfeng-5/6/22/25/26/31/31A und 41)
- Frankreich (SSBS S2 und S3)
- Grossbritannien (PGM-17 Thor)
- Indien (Agni-III und IV, K-4)
- Israel (Luz YA-3 Jericho III)
- Nordkorea (Hwasong-13/14 und 15, Taepodong-1 und 2, Musudan)
- Russland (R-7 Sapwood, R-9 Saison, R-16 Saddler, R-36 Sharp, R-36 M Satan, UR-200 Scrag, UR-100 Sego, UR-100 N Stiletto, RT-2 Savage, RT-2 PM Sickle, RT-2 PM 2/RS-24 Sickle-B, RT-20 P Scrooge, RT-21 Sinner, RT-23 Scalpel, MR UR-100 Spanker, RSD-10 Pioneer)
- USA (CGM-16 Atlas, HGM-25 A Titan I, HGM-25 B Titan II, LGM 30 A/B Minuteman I, LGM-30 F Minuteman II, LGM-30 G Minuteman III, LGM-118 A Peacekeeper, MGM-13 A Midgetman, PGM-17 Thor, Poseidon C3)

Wie viele und welche dieser Raketen noch jeweils im Einsatz sind bzw. auf Stand-by stehen, darüber herrscht selbstverständlich höchste Geheim-haltung. Und: Die INF-Verträge wurden nur durch die USA und Sowjetunion unterschrieben. China drängte zwar die beiden Staaten, die Verträge nicht aufzukündigen, trat aber niemals selbst diesen bei!

„Generalsekretär Jens Stoltenberg behauptet, die NATO wende sich entschlossen gegen die Verbreitung von Nuklear-Waffen. Das ist eine Lüge!“
(US-Friedensaktivist Daniel Ellsberg)

Ellsberg war während des Kalten Krieges Militäranalyst und als solcher mitverantwortlich für die Nuklearstrategie seines Landes. 1971 veröffentlichte er über die New York Times und die Washington Post die sog. „Pentagon-Papiere“, die zumindest etwas Licht in dieses Schreckenszenario brachten.
Auch spezielle Typen der Kurzstreckenraketen können (neben ihren Kollegen aus dem Gefechtseinsatz BSRBM wie die russische SS-21 Scarab oder die amerikanische ATACMS) mit atomaren Sprengköpfen ausgestattet werden. Der Vollständigkeit auch hier die Liste mit jenen Staaten, die über solche „Short-Range Nuclear Forces“ (SNF) verfügen:

- China (Dongfeng-11/15 und 16)
- Frankreich (Pluton, Hades)
- Israel (Luz YA-1 Jericho I)
- Nordkorea (Pukguksong-1)
- Russland (R-11/R17 Scud, TR-1 Temp Scaleboard, Totschka, R-400 OKA Spider, Iskander)
- USA (MGR-1 Honest John, MGM-5 Corporal, MGM-18 Lacrosse, MGM-29 A Sergeant, MGM-31 A Pershing I, MGM-52 Lance, Redstone,

Über mehr als vier Jahrzehnte dauerte der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den USA. Immer wieder hielt die Welt den Atem an: Berlin-Blockade, Korea-Krieg, Vietnam-Krieg, Afghanistan-Einmarsch der Sowjets, … Tatsächlich war wohl die Kuba-Krise jener Moment, als die Welt nur wenige Millimeter von einem Atomkrieg entfernt war. US-Aufklärungsflugzeuge hatten auf Kuba Raketen-Abschussrampen entdeckt. 200 km von Florida entfernt. Nur der Einsicht der beiden Staatsoberhäupter John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow ist es zu verdanken, dass die Welt, die wir kennen, noch besteht. Das ging aus der Öffnung der Archive 30 Jahre danach hervor.
Erst in der 80er-Jahren entspannte sich die Situation. Der Grund dafür: Die sowjetische Wirtschaft lag am Boden! Der Westen zog technisch davon, der Osten konnte nicht mehr mithalten. Sicherlich auch ein Grund für den politischen Kurs unter Gorbatschow, der schliesslich im Fall der Mauer und der Auflösung des riesigen Landes sowie des Warschauer Paktes mündete. Die Sowjetunion schloss bis 1991 auch zahlreiche ausländische Militär-Stützpunkte – derzeit verfügt Russland noch über zwei (Syrien und Vietnam). Doch kündigte Wladimir Putin an, diese erneut aufstocken zu wollen (China öffnete im Vergleich dazu den ersten Auslandsstützpunkt vor zwei Jahren in dem ostafrikanischen Kleinstaat Dschibuti – eine Marine-Base direkt an der Mündung des Roten Meeres in den indischen Ozean). Wäre die sowjetisch-kommunistische Planwirt-schaft besser gelaufen – wer weiss, ob Putin heute nicht über jenes Reich regieren würde, das im Grossen und Ganzen auf die Zaren und schliesslich Josef Stalin zurückging. Allerdings sollte das Lebenswerk des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt, die „Ost-Verträge“ nicht vergessen werden, der damit ganz wesentlich zur Entspannung beitrug.
Als am 01. September 1988 die ersten neun von 40 Pershing-Raketen aus Deutschland abgezogen wurden, war auf einem der US-Militär-fahrzeuge zu lesen: „We gave peace a chance!“ Eigentlich ein Oxymoron: Ein mehrfacher Overkill sichert den Frieden! Doch auch nicht unbedingt falsch. So sorgte etwa der ABM-Vertrag dafür, dass nur jeweils ein Abwehrsystem punktuell aufgebaut werden durfte. Hätte sich eine der beiden Nationen atomsicher machen können, wäre dieses Gleichgewicht nicht mehr vorhanden gewesen. Was folgen würde, kann sich wohl jeder selbst vorstellen.
1983 brachte US-Präsident Ronald Reagan das SDI-Projekt in’s Spiel und reizte damit die Sowjets bis auf’s Blut. Bei diesem „Krieg der Sterne“ geht es um die Aufrüstung im Weltall. Mittelstrecken-Raketen, vor allem aber Interkontinentalraketen, die vom Boden aus nahezu nicht abgefangen werden können, sollten durch leistungsstarke Laser im Orbit unschädlich gemacht werden. Waren die Russen vielleicht noch in den 50er Jahren mit ihren Weltraumplänen den Amerikanern voraus („Sputnik-Schock“), so hätten sie dreissig Jahre später auf jeden Fall den kürzeren gezogen. Deshalb spielte SDI bei allen anderen Abrüstungsbemühungen eine ganz entscheidende Rolle. Auch Donald Trump hat nun die Pläne wieder aus der Schublade geholt.
Wenn nun die Amerikaner die Zahl der Raketen-Abwehr-Basen in den ehemaligen europäischen Staaten des Warschauer Paktes verstärken (Bruch des ABM-Vertrages) und die Russen ihre damalige Rüstungs-niederlage durch erneute Massenproduktion auszumerzen versuchen (Bruch des INF-Vertrages): Was soll dadurch erreicht werden? Erneut eine Friedenssicherung durch den Einsatz von High-Tech-Waffen, die ihren Vorgängern bei Weitem überlegen sind und trotz computer- und satellitengestützter Zielnavigation ganze Landstriche verwüsten? Alte Menschen, Kinder, Frauen und Männer vernichten, die niemals einen solchen Krieg haben wollten!

„Wer zuerst schiesst, stirbt als Zweiter!“
(Leitsatz der 1960er Jahre zur nuklearen Aufrüstung)

Beginnt dieses „Gleichgewicht des Schreckens“ nun erneut? Ein Kampf, bei dem niemand als Sieger vom Schlachtfeld gehen wird! Wenn auch möglicherweise die Raketenbasen durch einen Erstschlag ausser Gefecht gesetzt werden können, Grossstädte dem Erdboden gleich gemacht, Millionen Menschen umgebracht werden, so bleibt noch genügend Zeit, den Knopf für die mobilen Basen, für die Schiffe und U-Boote zu drücken, die dann nichts mehr übrig lassen werden. Ist das die Apokalypse, die in der Bibel beschrieben wird? Wenn zwei möglicherweise Verrückte wetten, wer die meisten Sprengköpfe hat? Und alle anderen einstimmen, da sie Angst haben, selbst den Kürzeren zu ziehen? Wenn sich der Schatten von gerade Mittagspause machenden Arbeitern in die Häusermauern einbrennt, weil es eine Handvoll von Menschen, die selbst im sicheren Atombunkern sitzen, so haben will? Ist das wirklich der Frieden, den die meisten unter uns gerne hätten??? Bei den INF-Verträgen war von Kontrolle die Rede. Beides ist seit Beginn des Jahres Teil der Geschichte!
Viele andere Beispiele könnten an dieserStelle genannt werden. Indien-Pakistan, Nordkorea-Südkorea, China-Taiwan, Griechenland-Türkei, … Doch sind dies alles regionale Konflikte, die nur bei einer Beteiligung der Supermächte zu weltweiten Kriegen und Zerstörung werden würden.

Factbox – der Status Quo

Anzahl der Soldaten:
USA 2 Millionen
Russland 3,6 ;Millionen
China 2,7 Millionen

Anzahl der Kampf- und Angriffsflugzeuge:
USA 4.792
Russland 2.234
China 2.652

Anzahl der Kampfpanzer
USA 5.884
Russland 20.300
China 7.716

Anzahl der Flugzeugträger:
USA 20
Russland 1
China 1

Anzahl der Zerstörer, Fregatten und Korvetten
USA 75
Russland 100
China 118

Anzahl der U-Boote:
USA 66
Russland 62
China 73

Anzahl der nuklearen Sprengköpfe (Stand Januar 2018):
USA 6.450
Russland 6.850
China 280
Frankreich 300
Grossbritannien 215
Pakistan 145
Indien 135
Israel 80
Nordkorea 15 (geschätzt)

Militärausgaben 1992 bis 2017:
USA +16,8 %
Russland +62,6%
China +740,0 %

(Alle Angaben: SIPRI)

Lesetipps:

.) The Nuclear Crisis. The Arms Race, Cold War Anxiety, And The German Peace Movement Of The 1980s; Hrsg.: Christoph Becker-Schaum/Philipp Gassert/Martin Klimke/Wilfried Mausbach; Berghahn Books 2016
.) Rüstungspolitik und Rüstungsdynamik: Fall USA; Erwin Müller; Nomos 1985
.) Die Rüstung der Sowjetunion: Rüstungsdynamik und bürokratische Strukturen; Hrsg.: Dieter S. Lutz; Nomos 1979
.) Der Kalte Krieg oder: Die Totrüstung der Sowjetunion; Jürgen Bruhn; Focus 1995
.) Der amerikanische Rüstungswahn; Richard J. Barnet; Rowohlt 1984
.) The Cold War: A Study In U.S. Foreign Policy; Walter Lippmann; Harper; 1st edition (January 1, 1947)

Links:

- www.sipri.org
- armscontrol.de
- www.bpb.de
- bik.ac.at
- www.bundesstiftung-aufarbeitung.de
- www.au.af.mil
- www.peterhall.de
- zeitgeschichte-online.de
- zeithistorische-forschungen.de
- kein-wettruesten.de

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