Knoblauch – keine Frage des guten Geschmacks…

… sondern vielmehr der Gesundheit!
Viele können ihn nicht riechen, viele andere schwören Stein und Bein bzw. Knolle und Zehe auf ihn – ich bevorzuge kleine, dafür aber regelmässige Mengen. Schliesslich ist das Ausdünsten von Knoblauch ein Intensiv-Erlebnis für die Nachbarn. Dabei wird der stark riechende, schwefelhaltige Geruch (Allicin) nur zu einem kleinen Teil über die Haut abgedampft, der weitaus grössere Teil hingegen über die Lungen-bläschen, somit also der Atemluft. Deshalb zeichnet den guten Koch die Tatsache aus, dass keines der Gewürze herausgeschmeckt wird, sofern es sich nicht etwa um Knoblauchsuppe oder -brot handelt. Gemeinsam aber sollten sich die verwendeten Kräuter, Knollen, Blätter etc. zum wahren geschmacklichen Feuerwerk auf der Zunge entwickeln. Und der Knoblauch kann so einiges – nicht umsonst wird er auch als “König der Gewürze” bezeichnet.
Der Knoblauch (Allium sativum) zählt zur Familie der Amaryllisgewächse und hier zur Unterfamilie der Lauchgewächse. Eigentlich krautartig wird als Überdauerungsorgan die Zwiebel durch die 30 bis 90 cm hohe Pflanze gebildet. Sie besteht aus einer Hauptzehe, aus welcher der Stängel wächst und bis zu 20 Nebenzehen (Tochterzwiebeln). Geschützt wird das Ganze durch eine dünne weisse Haut. Die Pflanze hat sowohl fruchtbare als auch unfruchtbare Blüten. In einem zylindrischen Hütchen (Bulbillen) entwickeln sich pro Pflanze zwischen zehn bis zwanzig Brutzwiebeln.
Der Experte unterscheidet zwischen zwei Arten: Dem Kultur-Knoblauch (Allium sativum var. sativum) und dem Schlangenknoblauch (Allium sativum var. ophioscorodon). Beide sind geniessbar, wobei der auch gerne als “Rockenbolle” bezeichnete Schlangenknoblauch hauptsächlich als Heilpflanze Verwendung findet. Die schwarze Ausführung ist nicht etwa eine eigene Sorte, sondern vielmehr fermentierter Knoblauch. Ähnlich wie bei der Vanille werden Zucker und Aminosäuren durch Luftabschluss und Wärme zu stickstoffhaltigen organischen Verbindungen abgebaut, die für die Färbung verantwortlich zeichnen. Der Geschmack ändert sich in’s leicht Süssliche.
Kam die Pflanze ursprünglich eigentlich aus Zentral- und Südasien, so wird sie schon seit sehr langer Zeit zudem im Mittelmeerraum angepflanzt. Und auch hierzulande kommen immer mehr Ackerbauern auf den scharfen, würzigen Geschmack, vor allem da der Preis stark angestiegen ist – das macht das “Weisse Gold” zur wohl profitabelsten heimischen Gemüsesorte. Allerdings haben sie dabei mit harter Konkurrenz aus China zu kämpfen. Dort werden pro Jahr rund 20 Millionen Tonnen geerntet – mit Dumpingpreisen alsdann die Konkurrenz etwa aus Argentinien zunichte gemacht.
Die Pflanze selbst bevorzugt sonnige Plätze. Im konventionellen Anbau aus den Haupt-Herkunftsländern China, Argentinien und auch Spanien werden per Hand rund 1,5 bis 3 Tonnen Knoblauchzehen pro Hektar im Abstand von rund 20 cm mit der Spitze nach oben in den Ackerboden gedrückt. Das führt zu rund 18.000,- € Kosten pro Hektar – die etwas teurere Variante. Die Zehen sind jedoch sehr schädlingsanfällig. Später sind es nurmehr die Lauchmotte und die Weissfäule, die der Pflanze schaden können. Andere Schädlinge meiden die Pflanze aufgrund ihres Geruchs. Deshalb raten Experten auch dazu, in der Wohnung oder dem Haus Knoblauch als natürlichen Schutz gegen Schädlinge auszulegen. Hilft übrigens perfekt im Garten bei anderen Nutzpflanzen, wie beispielsweise Erdbeeren (Blattfleckenkrankheit, Grauschimmel), Him-beeren, Gurken, Karotten (Möhrenfliege), Rote Beete, Tomaten (Braun-fäule), Obstbäumen, Lilien, Rosen und Tulpen, sowie beim Salat (Blattläuse). Auch hilft er gegen Mehltau bei den Flammenbäumen. Wühlmäuse, Läuse und Ameisen möchten ebenfalls nichts mit der geruchsintensiven Pflanze zu tun haben – optimal also im Kartoffelbeet. Besser nicht jedoch in die Nachbarschaft von Bohnen, Erbsen und Kohl pflanzen. Zur Schädlingsbekämpfung setzen Sie die Zehen am besten im April, zum Verzehr im September oder Oktober.
Bei der etwas günstigeren Variante wird bevorzugt mit Brutzwiebelsamen gearbeitet. Die Samen werden ähnlich dem Mais mittels Sämaschinen ausgebracht. Hier konnten durch spezielle Züchtungen bezüglich der Frostbeständigkeit, Dürreresistenz, Inhaltsstoffe und Lagerung grosse Erfolge erzielt werden. Der Kostenpunkt liegt bei rund 2.000,- € pro Hektar.
Die Ernte beginnt in beiden Fällen, sobald das Laub zu rund einem Drittel welk ist. Wilder Knoblauch ist übrigens schon seit Jahrhunderten ausgestorben – es handelt sich also auch bei den in freier Natur vorkommenden Pflanzen um bereits kultivierte Exemplare.
Schon die Ägypter nutzten den Knoblauch. So erhielten die Sklaven, die am Pyramidenbau beteiligt waren, eine tägliche Ration davon – einerseits zur Stärkung, andererseits um Darmparasiten und Läuse abzuhalten. Fiel die Ration aus oder wurde verkleinert, traten sie in den Streik. Im Talmud steht geschrieben, dass der Knoblauch den Geist klart, den Körper sättigt und die Manneskraft steigert (ob da die Frauen geruchsmässig damit einverstanden sind???). Auch die alten Griechen und Römer verwendeten, wie eigentlich der gesamte Mittelmeerraum, die Zehen: Zum Verfeinern ihrer Speisen oder für den Knoblauchkäse “moretum”.
Die beste Geschmacksnote erreichen Sie übrigens durch das Zerdrücken der Zehe mit der Knoblauchpresse. Dann nämlich werden die Zellen zerstört, das Enzym Aliinase kommt in Kontakt mit dem Alliin, wodurch die Umwandlung in Allicin begonnen wird. Dann im Anschluss nur kurz kochen, da er ansonsten bitter schmeckt. Durch das folgende Ziehenlassen entwickelt er seine ganze Kraft.
Auch in unseren Gefilden wird die Pflanze schon seit ewigen Zeiten als Gewürz-, aber auch als Heilpflanze verwendet. Durch die Römer nach Mitteleuropa gebracht, findet die Knolle bereits in dem von Kaiser Karl dem Grossen beauftragten “Capitulare de villis vel curtis imperii” in Kapitel 70 Erwähnung als kultivierte Nutzpflanze. Im Mittelalter wurde “chlobilou” oder “chlofalauh” (aufgrund der gespaltenen Zehen) als “Bauern-Theriak” im niederen Volk gegen alle möglichen Wehwehchen eingesetzt, u.a. gegen Menstruationsprobleme, Zahnschmerzen, Hautausschläge und Lungenleiden. Später sogar gegen die Pest. “Theriak” konnten sich damals übrigens nur die Reichen leisten – es war eine Mischung aus Honig, Vipernfleisch, Opium und anderen Bestandteilen. Ob die Pflanze allerdings auch gegen Dämonen oder Vampire hilft, ist bis heute nicht wissenschaftlich belegt. Ebenso übrigens, dass er Magnete umpolen sollte, weshalb er über Jahrhunderte von Seefahrern gemieden wurde, obwohl das enthaltene Vitamin C gut gegen Skorbut gewirkt hätte. Des Rätsels Lösung war ein Fehler bei einer Übersetzung.

https://www.youtube.com/watch?v=OhhmheMQ1oo&ytbChannel=null

Der Verband Deutscher Drogisten (VDD) wählte den Knoblauch im Jahr 1989 zur Arzneipflanze des Jahres. So verbessert der regelmässige Genuss nachgewiesenermaßen vornehmlich das Herz-Kreislauf-System indem es den Blutdruck und die Blutfettwerte (durch das enthaltene Saponin) senkt und die Blutgefässe elastischer macht. Deshalb findet die Heilpflanze auch vermehrt Anwendung bei Thrombose und Arteriosklerose. Daneben wirkt die Zwiebel auch antibakteriell, desinfi-zierend und krampflösend. Das erkannte bereits Louis Pasteur bei seinen Forschungen. Somit beeinflusst der Knoblauch äusserst wohltuend das Immunsystem, den Verdauungstrakt (z.B. bei Blähungen, Darmkrebs) und bei Infektionen ganz im Allgemeinen.
Den Hauptanteil dafür leistet das Alliin, ein ätherisches Öl. Dessen Anteil liegt in frischem Knoblauch bei etwa 0,5 bis 1 %. Durch die Ausscheidung über die Atemluft desinfiziert es die Atemwege und kann sogar bei Bronchitis, Keuchhusten und Bronchialasthma eingesetzt werden. Da dieses Öl schnell oxidiert, sollte Knoblauch rasch verarbeitet werden. Daneben verfügt die Knolle über einen hohen Anteil an Mineralstoffen wie Kalzium, Kalium und Magnesium, aber auch der Ascorbinsäure (Vitamin C), Vitamine B und K, dem Spurenelement Selen sowie Aminosäuren und Proteinen.
Als Heilpflanze wird der Knoblauch zudem äusserlich verwendet – etwa bei Hautflechte (Mykose) oder Warzen: Dabei wird eine Zehe in Scheiben geschnitten, aufgelegt und mittels Pflaster fixiert. Am besten über Nacht einziehen lassen. Bei mehrmaliger Anwendung durchaus wirksam – ausserdem haben Sie das Schlafzimmer wieder alleine für sich.
Allerdings gibt es durchaus Menschen, die den Genuss der Zehen nicht vertragen. Bei rund 10 % der Bevölkerung kann es zu allergische Reaktionen, Erbrechen, Übelkeit oder Durchfall kommen. Jedoch nur bei hoher Konzentration.
Nicht nur die Zehen sind geniessbar – auch die Blätter, das Laub und die Blüten kommen in der gut ausgestatteten Küche zum Einsatz. Dabei kann Knoblauch sehr variantenreich verwendet werden: Als Knoblauchöl, Butter für Knoblauchbrote, als Quarkaufstrich (für alle österreichischen Leser: Topfenaufstrich), in Salaten, in Marinaden etc. Auch bei Braten oder Fischgerichten sollte der gute Koch niemals auf Knoblauch verzichten. So wird etwa der “Vanillerostbraten” nicht mit Vanille sondern mit der “Vanille des armen Mannes”, dem Knoblauch, gewürzt. Beim Einkauf gilt es, auf die perlmutartig glänzende Aussenhaut zu achten. Blättert die Schale stark ab, so ist die Zwiebel meist ausgetrocknet. Finger weg von Knollen mit braunen Stellen: Das ist beginnende Fäule der Zehen! Ein grünes Austreiben ist zwar nicht tragisch, kann jedoch das Aroma beeinflussen. Im Gemüsefach des Kühlschranks hält sich die Zwiebel rund zwei Wochen, geschält kann sie auch eingefroren werden.

“Der starcke Geruch bekompt übel dem blöden Hirn, machet trübe Augen, bewegt Zorn, fürdert den Schlaf und Durst.”
(Jacobus Theodorus, deutscher Arzt und Apotheker 1522 – 1590)

Der durchschnittliche Deutsche isst jährlich rund 250 g Knoblauch, sein Nachbar aus Frankreich nahezu die doppelte Menge. Auch die Briten haben die Pflanze spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg für sich entdeckt. Damals sollen französische Soldaten auf der Isle of Wight stationiert gewesen sein. Sie wollten das fade englische Essen etwas aufpeppen und liessen sich durch Agenten das begehrte Gewürz liefern. Die Insel ist heute das Hauptanbaugebiet im europäischen Vereinigten Königreich. Sinnvoll wären 4 g frischer Knoblauch, das entspricht rund 1,3 g Knoblauchpulver pro Tag. In den mediteranen Ländern auch kein Problem – hierzulande führt ein dauerhafter Knoblauchdunst zur sozialen Ausgrenzung. So wurde in den USA ein Restaurant verklagt, weil es zu viel Knoblauch in seinen Speisen verwendet haben soll. Die Richter baten um wichtigere Fälle und wiesen die Klage ab. Gegen den Mundgeruch übrigens helfen Milch, Chlorophylle, Kardamonsamen oder Ingwer – jedoch niemals zur Gänze. Sollte der Gourmet also nach dem Essen noch etwas vorhaben, so ist es besser, auf die Beigabe von Knoblauch zu verzichten. Tsatsiki kann deshalb nicht wirklich empfohlen werden.
Zuletzt noch ein Tipp von Hobbykoch zu Hobbykoch: Damit Sie stinkende Hände beim Schälen vermeiden, geben Sie einfach die gewünschte Anzahl von Zehen in ein Marmeladeglas, verschiessen es und schütteln für einige Zeit heftig. Die Zehen bekommen dadurch ein Schleudertrauma und die Schale löst sich von selbst!

Lesetipps:

.) Knoblauch – eine ganz besondere Knolle; Johanna Schaal; Seehamer 1998
.) Die Alliumarten als Arzneimittel im Gebrauch der abendländischen Medizin; Kurt Heyser; Kyklos 1928
.) The complete book of garlic – a guide for gardeners, growers, and serious cooks; Ted J. Meredith; Timber Press 2008
.) Heilkräuter Hausapotheke: Die wichtigsten Heilpflanzen für die Anwendung zu Hause; Eva Marbach; Eigen-Edition 2010
.) Knoblauch gegen Krebs und Blaubeeren für das Herz: Mit den richtigen Lebensmitteln das Immunsystem stärken und Krankheiten vermeiden; Jo Robinson; Riva 2014
.) Natürlich gesund – Kräutermedizin. Über 200 Kräuter und Heilpflanzen und ihre Wirkung auf die Gesundheit; David Hoffmann; Element Books 1996
.) Kräuter und Gewürze; Avril Rodway; Tessloff 1980
.) Garlic and Other Alliums: The Lore and the Science; Eric Block; Royal Society of Chemistry 2010
.) Effect of garlic on blood pressure: a systematic review and meta-analysis; K. Ried/O. R. Frank/N. P. Stocks/P. Fakler/T. Sullivan; BMC Cardiovasc Disord 2008
.) Garlic – The Science and Therapeutic Application of Allium sativum L. and Related Species; Heinrich P. Koch/Larry D. Lawson; Williams & Wilkens 1996
.) Pharmazeutische Biologie: Molekulare Grundlagen und klinische Anwendungen; Hrsg.: Theodor Dingermann/Rudolf Hänsel/Ilse Zündorf; Springer Verlag 2002
.) Der böse Blick und Verwandtes; Siegfried Seligmann; Georg Olms Verlag 1985
.) Knoblauch – Über 65 fantasievolle Rezepte mit der beliebten Knolle; Jenny Linford/Manuela Schomann; ars vivendi verlag 2016

Lnks:

- deutscher-knoblauch.de
- rockenbolle.de
- rockenbolle.net
- www.gesundheit.gv.at
- www.lwg.bayern.de
- heilpflanzenwissen.at
- www.zentrum-der-gesundheit.de
- www.oego.org
- www.dialogforum-pluralismusindermedizin.de
- www.ars.usda.gov

No Comments »

Iran/USA – eine alte Freund-Feindschaft

Donald Trump bezeichnet sie selbst als “die härtesten Wirtschaftssanktionen” – seit dem 05. November gelten die neuen Handelseinschränkungen zwischen den USA und dem Iran. Der US-Präsident will damit das Land im Nahen Osten erneut von der restlichen Welt abkapseln. Doch stärkt ihm dieses Mal kein UN-Beschluss den Rücken – es ist eine blosse Machtdemonstration, mit dem das Alpha-Tierchen aus dem Oval-Office in Washington enmal mehr demonstrieren möchte, wer an den Stricken der Macht das Sagen hat. Zwar gelten diese Sanktionen nicht für alle anderen Staaten oder Unternehmen dieser, jedoch hat Trump damit gedroht, jene Unternehmen aus dem amerikanischen Finanzsystem auszuschliessen, die auch weiterhin den Iran beliefern bzw. Geschäfte mit ihm betreiben. Damit würde es vor allem jene Konzerne schwer treffen, die internationale Geschäfte auf Dollarbasis durchführen, über Niederlassungen in den Vereinigten Staaten verfügen oder dorthin exportieren. Ich für meinen Teil würde dies eher als Erpressung bezeichnen, das Weisse Haus spricht hingegen von einer Drohung.
Die Freund-Feindschaft zwischen den USA und dem Iran ist historisch begründet. Noch im 19. Jahrhundert orientierte sich der Iran mehr an Washington als an Moskau oder London. Beide Staaten fielen alsdann 1941 in Teheran ein, obgleich dieses im Zweiten Weltkrieg neutral bleiben wollte. Schah Reza Pahlevi musste zurücktreten. Zwei Jahre später kam es zur weltberühmten Teheran-Konferenz der Alliierten. Die CIA hatte sich in der “Operation Ajax” 1951 am Sturz den iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh beteiligt und erneut den Schah als Staatsoberhaupt eingesetzt. Hintergrund war selbstverständlich das Erdöl. Nachdem der westlich orientierte, im Land selbst jedoch sehr umstrittene Schah Reza Pahlavi 1979 im Rahmen der islamischen Revolution abgesetzt wurde, entstand aus dem Kaiserreich eine Islamische Republik mit Ayatollah Khomeini an der Spitze. Alle Verbindungen zum Westen wurden gekappt. Viele terroristische Attentate sollen Entscheidungen des dortigen Regimes gewesen sein. US-Präsident Jimmy Carter liess in dieser Zeit den an Krebs erkrankten Schah in den USA behandeln. Das jedoch stiess im Iran auf wütende Proteste. Das Ganze gipfelte 1979 in der Erstürmung der US-Botschaft in Teheran durch eine Gruppe radikaler Anhänger Khomeinis. Die dort anwesenden Menschen wurden als Geiseln genommen. Nachdem Washington nicht auf die Forderungen eingehen wollte, wurde ein Befreiungsversuch durch Spezialkräfte unternommen, der jedoch scheiterte. Es war ein mehr als schwarzes Kapitel in der Geschichte und dem Stolz der USA. Heute steht diese Aktion auf nahezu gleicher Stufe wie der Vietnam- oder der Korea-Krieg. Bei beiden gingen die USA bekanntlich ebenfalls nicht als Sieger vom Schlachtfeld. Am 4. April 1980 wurden alle diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern abgebrochen. Die 52 Geiseln übrigens kamen erst 1981 nach Vermittlung durch Algerien frei. Im ersten Golfkrieg zwischen dem Iran und Irak lieferten die USA Waffen an den Irak, der noch kurz zuvor auf der Liste der Schurkenstaaten stand. Die Begründung: Sicherung der freien Schifffahrt! Trotz Embargos lieferten die Vereinigten Staaten allerdings in den Jahren 1985 und 86 auch Rüstung an den Iran – streng geheim! Damit sollten amerikanische Geiseln im Libanon freibekommen werden. Das Ganze flog später als Iran-Contra-Affäre auf. Nach den beiden Hisbollah-Anschlägen auf die US-Botschaft und einen US-Stützpunkt in Beirut, sowie der schweren Beschädigung eines US-Kreuzers, der auf eine iranische Seemine auflief, intensivierte das US-Militär die Alarmbereitschaft im Persischen Golf. Am 3. Juli 1988 schliesslich identifizierte das neue elektronische Aegis-Kampfsystem der USS Vincennes (CG-49) offenbar vor Katar eine im Anflug befindliche F-14 der Iraner. Nachdem dessen Personal auf Funk nicht reagierte, liess der Kommandant die Maschine abschiessen. Erst danach wurde der tragische Irrtum bekannt: Es war ein ziviler Airbus A300B2 der Iran Air mit 290 Menschen an Bord. Überlebt hat diesen Abschuss niemand! Im Rahmen einer Schlichtung verpflichteten sich die USA im Februar 1996 zur Zahlung eines Schdensersatzes in Höhe von 131,8 Millionen US-Dollar. Nach der Wahl von Mohammad Chätami zum Ministerpräsidenten entspannte sich die politische Situation etwas. Im Zusammenhang mit den Anschlägen von 9/11 jedoch bezeichnete US-Präsident George Bush den Iran als “Teil der Achse des Bösen”, was Teheran, das ebenso an einer Bekämpfung der Taliban interessiert war, nicht wirklich entsprach. Immer wieder wurden bislang geheim gehaltene Informationen veröffentlicht, wonach die USA etwa die Partei für ein Freies Leben und die sunnitische Terrororganisation Dschundollah unterstützte. Beide agierten blutig gegen das Regime in Teheran. Ganz offiziell genehmigte der US-Kongress im September 2006 nicht weniger als 10 Millionen Dollar zur Unterstützung oppositioneller Gruppen im Iran. Erst der “Joint Comprehensive Plan of Action”, der Atomvertrag, erzielte ab 2016 eine Entspannung und ein Herunterfahren der Sanktionen. Als Donald Trump im Mai 2018 das Abkommen einseitig aufkündigte, ging der Iran zwei Monate später vor den Internationalen Gerichtshof. Bis zur Entscheidung in der Hauptsache, erliess das Gericht eine einstweilige Anordnung gegen die USA, basierend auf dem US-iranischen Freundschaftsvertrag von 1955. Für Trump jedoch kein Hindernis!
Ein weiterer Dorn im Auge der Amerikaner: Der Iran und Israel können partout nicht miteinander. Einerseits haben die Israeli grosse Angst vor einem Atomangriff (obwohl sie höchstwahrscheinlich selbst über atomare Waffen verfügen), zum anderen unterstützt der Iran die libanesische Hisbollah-Miliz, aber auch die Huthi-Rebellen im Jemen. Während es Erstere vornehmlich auf Israel abgesehen haben, kämpfen die Huthi gegen die Scheichs von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten – beides fleissige Käufer US-amerikanischer Kriegswaffen. Israel ist nach wie vor engster Verbündeter der USA im Nahen Osten.
Verantwortlich für all die Eskalation in diesen Tagen soll selbst-verständlich der Iran sein, der sich nicht an das Wiener Atomabkommen von 2015 halte. Nach der Meinung des US-Präsidenten werde auch weiterhin Uran angereichert um damit im atomaren Wettrüsten mitmischen zu können. Dem widersprach die Internationale Atom-energiebehörde IAEA bereits mehrfach. Sie erklärte, dass das Land die getroffenen Vereinbarungen durchaus umsetze. Zudem – so Trump – sei am Bau einer ballistischen Rakete gearbeitet worden sein, die auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden könne. Die Beweise freilich blieb Washington bislang schuldig. Hat der US-Präsident Probleme mit dem Patentieren von Rüstungsgütern? An solchen Raketen bastelt Nordkorea seit Jahrzehnten!
Trump geht es wie immer auch dieses Mal darum, dass neu verhandelt wird – selbstverständlich zum Wohlwollen der Vereinigten Staaten. Wobei es nicht wirklich förderlich ist, den Gegenüber zuvor als “Lügner” zu bezichtigen (der Iran betreibe eine Politik der Destabilisierung und unterstütze den Terrorismus wie kein anderer Staat – so die Meinung aus Washington). Ein Treiben übrigens, wie es auch private Geschäftspartnern des Präsidenten seit Jahren praktizieren (Saudi-Arabien), das scheint er vergessen zu haben. Dabei wurde aber offenbar nicht beachtet, dass das Abkommen auch von Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Russland und China unterzeichnet wurde. Also kein bilaterales, sondern ein multilaterales Abkommen.

“Er (Trump) zerstört alles, was Recht und Ordnung ist. Das, was so kleine Staaten wie Deutschland brauchen, die sich kein eigenes Militär leisten. Dann nämlich gilt, wenn es keine Rule of Law mehr gibt, das militärische Recht des Stärkeren und dann kann man auch seine Verbündeten erpressen …!”
(Josef Braml, Politikwissenschaftler & US-Experte im SWR 1 Leute-Gespräch)

Der US-Präsident kann alsdann die anderen Staaten nicht dazu zwingen, sich den Sanktionen anzuschliessen. Ergo: Er wählt einen anderen Weg: Den der Wirtschaftsdrohung – offenbar sein Fachgebiet! Einige Konzerne haben bereits reagiert und sich aus dem Iran zurückgezogen (Peugeot, Siemens, Daimler, Total, Würth und die österreichische Oberbank).
Im Iran heisst es, dass die USA dadurch das Land wirtschaftlich in die Knie zwingen und einen Regierungswechsel in Teheran bezwecken will. Das Land hat sich deshalb bereits vor einigen Jahren neu orientiert. Die Wirtschaftsbeziehungen zu China und Indien wurden intensiviert, Europa als neuer Markt erschlossen. Der US-Dollar wurde als internationales Zahlungsmittel in Teheran abgeschafft – die Wirtschaft orientiert sich vornehmlich am Euro. Auch wenn immer wieder die Kryptowährung “Bitcoins” in diesem Zusammenhang erwähnt wird, so kann keine Volkswirtschaft daran aufgebaut werden, da die Schwankungen der virtuellen Währung einfach zu rasch und zu extensiv vonstatten gehen. Die erste Massnahme nach dem erneuten Inkrafttreten der US-Sanktionen war übrigens das Abschalten der Transponder aller iranischer Öltanker. Diese zeigen ansonsten den aktuellen Standort der Schiffe. Das ist jetzt nurmehr über Satellitenbilder manuell überprüfbar.
Wie bei jedem Trump’schen Alleingang sind die Verbündeten in Europa ganz und gar nicht mit dieser Entscheidung einverstanden. Die wirtschaftlichen Beziehungen mit Teheran kamen gerade wieder in’s Laufen, die dortige Regierung öffnete sich auch politisch immer mehr. Dann schiebt ein feinmotorisch und diplomatisch nicht wirklich versierter Politiker in einem Anfall von Grössenwahn erneut einen Riegel vor. Handelsverträge in Milliardenhöhe mussten gecancelt werden, da die wirtschaftliche Bedeutung im Warenverkehr mit den USA dennoch schwergewichtiger punktet. Und das, obgleich der Iran nach den jahrzehntelangen Wirtschaftssanktionen ein unglaubliches Wachstums-potential vorzuweisen hätte. Nach Berechnungen des National Iranian American Councils haben die USA aufgrund der Wirtschaftssanktionen seit 1995 auf nicht weniger als 135 Milliarden US-Dollar verzichtet. Das bleibt jetzt wohl oder übel erneut den Chinesen überlassen. Ihnen übrigens gesteht es der US-Präsident ein, auch weiterhin iranischen Öl importieren zu können. Gleiches gilt übrigens für Indien, Südkorea und die Türkei. Durchaus gnädig, diese Entscheidung!

“Das wirft ein dramatisches Bild auf die respektlose Sichtweise des Weißen Hauses auf die transatlantische Partnerschaft!”

(Omid Nouripour, aussenpolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen – selbst 1975 in Teheran geboren)

Vor dem Aufkündigen des Atomvertrages durch Trump exportierte der Iran noch rund 3,8 Millionen Barrel Erdöl täglich – jetzt sind es nach Aussage von US-Außenminister Mike Pompeo um eine Million Barrel pro Tag weniger.
Den Chinesen ist das Treiben des US-Präsidenten inzwischen komplett gleichgültig. Selbst mit Sanktionen belegt, zählen sie zu den grössten Abnehmern des iranischen Erdöls. Hier könnte man einen Zusammen-hang herstellen, um das bisherige Agieren des America-First-Mannes zu rechtfertigen: Je weniger Erdöl am Markt verfügbar ist, desto mehr lohnt sich wieder das amerikanische Fracking, das nahezu komplett zum Erliegen kam, nachdem der Ölpreis in den Keller fiel. Klar – aufgrund der extensiven Förderung ebenfalls selbstverschuldet. Nordamerika schwimmt inzwischen auf einem See aus giftigen Chemikalien, die erwarteten neuen Städte rund um die Förderstellen gleichen verlassenen Geisterstädten. Dennoch ist die Öllobby eine in den USA sehr mächtige Lobby, die sich nun alternativ dazu die Arktis in’s Auge gefasst hat. Doch ier entstehen bei der Förderung erhebliche Kosten. Nur ein höherer Ölpreis würde dies somit rechtfertigen.
In Europa wird inzwischen fleissig an der Zweckgemeinschaft “Special Purpuse Vehicle” (SPV) gebastelt. Wenn sich die Banken aus Angst um ihr Amerika-Geschäft weigern, den Geldtransfer durchzuführen, könnte man ja zum alten Tauschgeschäft zurückkehren. So – angenommen – bezieht Deutschland iranisches Öl und begleicht die Rechnung mit dringend benötigten Arzneimittel! Ein Armutsgeständnis, dass ganze Volks-wirtschaften dermassen von Banken und dem Willen eines Mannes jenseits der grossen Teichs abhängig sind. Die Welt wäre gut beraten, andere Partner zu suchen als jene, die sich abschotten und stets nur einseitig verhandeln wollen. Schliesslich unterscheiden sich die USA in ihrer wirtschaftlichen und politischen Verlässlichkeit partout nicht mehr von den Staaten im Nahen Osten.

Lesetipps:

.) Die Iran-Sanktionen der USA während der Teheraner Geiselaffäre aus völkerrechtlicher Sicht ; Michael Hakenberg; Peter Lang 1988
.) Der Iran – Die verschleierte Hochkultur; Andrea Claudia von Hoffmann; Diederichs Eugen 2009
.) Political Handbook of the World 2015; Hrsg.: Tom Lansford; SAGE Publications Inc. 2015
.) The Iran-United States Claims Tribunal: Its Contribution to the Law of State Responsibility; Hrsg.: Richard Lillich/Daniel B. Magraw/David Bederman; Brill – Nijhoff 1998
.) Iran – United States Relations; Alphascript Publishing 2010
.) Iran foreign policy towards India; Maryam Pouya; LAP Lambert Academic Publishing; 2013
.) Modern Iran: Roots and Results of Revolution; Nikki Keddie; Yale University Press 2003
.) Géopolitique de l’Iran; Bernard Hourcade; Armand Colin 2010
.) The Arab World and Iran – A Turbulent Region in Transition; Amin Saikal; Selbstpublikation 2016

Links:

- www.state.gov
- ir.usembassy.gov
- www.census.gov
- www.treasury.gov
- en.mfa.ir
- mfa.gov.il
- www.unric.org/de
- bpb.de
- tankertrackers.com
- www.educationusairan.com

No Comments »

Die Stinker sind da

An dieser heutigen Stelle hätte eigentlich ein anderer Text stehen sollen. Jedoch wurde mir von Sicherheitsexperten geraten, diesen nicht zu veröffentlichen, da sich die Szene augenblicklich im Umbruch befindet und sehr hellhörig geworden ist. Deshalb habe ich mich kurzfristig umentschieden und eine wahrhaft unappetitliche Sache angepackt.

Der Klimawandel macht’s möglich, dass derzeit eine Sache ganz offen besprochen wird, die eigentlich lieber stillgeschwiegen wird: Deutschland hat ein Wanzenproblem! Nein – nicht die kleinen Technikdinger, mit denen man sich zwar einseitig, dennoch aber lebhaft unterhalten kann und dabei immer ein offenes Ohr findet. Die Rede ist von den sechsbeinigen, lebenden Insekten! Sie trotzen den monatelangen Meldungen zum Insektensterben und bevölkern derzeit zu Millionen Bäume, Terassen, Hausfassaden und sonstige Restwärme abstrahlende Orte. Experten sprechen von einem massiven Auftreten der Amerikanischen Kiefern-, der Malven- und der Grünen Stinkwanze. Die Erklärung hierfür ist ganz einfach: Wanzen lieben warme und trockene Orte. In den Ballungsräumen wird es zusehends wärmer. Hinzu kommen nahezu frostfreie Winter und wie zuletzt heisse und lange Sommer – perfekte Voraussetzungen also für grosse Populationen, die gleich zwei Generationen beinhalten. Wer nun eine Panikattacke bekommen sollte: Sie sind zwar unangenehm, jedoch für den Menschen meist nicht gefährlich!
Weltweit gibt es zirka 40.000 Arten von Wanzen. In Deutschland derer knapp 1000. Bei so manchen Exemplaren ist Vorsicht angesagt, da sie sich von Menschenblut ernähren (die Bettwanze etwa) und dadurch Krankheiten übertragen können bzw. toxische Stoffe ausscheiden. Die drei vorhin angesprochenen Arten jedoch sind Pflanzensauger. Auch hilft beim Antreffen in den heimischen vier Wänden kein mikrobiologischer Putzfimmel – Wanzen haben nichts mit mangelnder Hygiene zu tun – zumindest nicht die Pflanzensauger. Da kann sich das Zuhause nahezu steril präsentieren, ein gekipptes Fenster, eine offene Tür oder auch eine Mauernritze reichen bereits und sie sind im Haus. Dort suchen sie sich eine warme Stelle für die Übernachtung oder auch die Überwinterung. Aber: In Wohnungen vermehren sie sich nicht. Zudem sind die meisten Wanzen flugfaul – sie suchen sich deshalb das kürzeste Ziel – immer das erste geöffnete Fenster neben einem befallenen Baum.
Zur Familie der Baumwanzen gehören weltweit rund 4.000 Arten – etwa 70 davon finden sich in Mitteleuropa. Besonders unangenehm sind die Graue Gartenwanze (Rhaphigaster nebulosa) und die Grüne Stinkwanze (Palomena prasina). Damit sie sich vor Fressfeinden schützen können, sondern sie bei Gefahr oder Berührung ein streng riechendes Sekret ab, das sich zudem sehr lange auf Haut oder Kleidung halten kann. Die Gartenwanze lebt vornehmlich in der deutschen Rheinebene. Die Grüne Stinkwanze ist zumeist in Sträuchern anzutreffen, in der Oberpfalz haben sie deshalb die Bezeichnung “Schwoarzbeer Gougl” erhalten. Im Herbst färbt sich deren Panzer braun-grün: Zeit wird’s, ein Winterquartier zu suchen. Sollten Sie solche Stinkwanzen im Hause finden, verwenden Sie bitte keine Chemikalien. Es reicht das Aussprühen einer Spülmittellösung. Dies löst den Panzer der Tiere auf – sie vertrocknen von innen heraus. Auch mögen sie keinen Knoblauch. Der Stinker, die auch Gemeine Baumwanze Genannte lebt vornehmlich in Erlen und Linden und ernährt sich vom Pflanzensaft. Dabei erreicht sie eine Grösse von rund 16 Millimetern. Die Weibchen beginnen im Frühsommer mit der Eiablage an der Unterseite der Wirtspflanze. Dabei produziert ein einziges Tier insgesamt bis zu 450 Eier. Einige Tage später schlüpfen die sog. “Nymphen”. Sie werden in den nächsten Wochen fünf Stadien durchlaufen.
Besonders in der Nähe von Gewässern oder Feuchtwiesen leben die Lederwanzen (Coreus marginatus). In Europa sind rund 25 Arten bekannt. Ihr Körper ist durchgehend mittel- bis dunkelbraun, ihr Hinterleib leuchtend rot. Die Farbe ändert sich im Herbst in schwarz-braun. Die Körperoberfläche ist vernarbt, das führt zu einem lederähnlichen Erscheinungsbild. Die Tiere werden zwischen 10,5 und 16 Millimeter groß. Diese Wanzenart ist ab zirka April in Sträuchern im Garten zu finden. Zur Eiablage bevorzugt sie Ampfer- und Knöterich-Pflanzen. Aus den Eiern schlüpfen nach drei bis fünf Wochen die Larven, die bis Juli fünf Nymphen-Stadien durchlaufen. Die erwachsenen Imagos finden sich dann in Sträuchern (Brombeer) oder Stauden bzw. Disteln. Sie lieben übrigens den Saft des Rhabarbers. Die Lederwanze kann Gift versprühen – auf der menschlichen Haut hinterlässt es braune Flecken. Zur Überwinterung nutzen die Tiere Bodenstreu.
Doch finden sich nicht nur die heimischen Arten wie die Stink- oder die Gartenwanze derzeit in unseren Gärten. Aus China etwa wurde die Grüne Reiswanze (Nezara viridula), die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys) eingeschleppt, aus Nord-Amerika die rötlich-braune Amerikanische Zapfen- der Kiefernwanze (Leptoglossus occidentalis) oder auch die Malvenwanze (Oxycarenus lavaterae) aus dem Mittelmeer-raum.
Die marmorierte Baumwanze ist zwischen 12 bis 17 Millimeter gross, grau bis braun marmoriert und besitzt am Seitenrand schwarz-weiß gemusterte Flecken. Die Fressgeräte (der Mundteil) sind als Saugrüssel ausgebildet. Das macht sie auch für die heimische Landwirtschaft dermassen gefährlich: Sie kann besonders im Gemüse- und Obstanbau (Äpfel, Trauben, Gurken, Tomaten) grosse Schäden anrichten. In den USA blieb sie für rund 10 Jahre unentdeckt – derzeit richtet sie v.a. in Apfel-Plantagen Ernteausfälle von rund 30 Millionen US-Dollar an. Sie wurde vermutlich in den 90er Jahren mit Baumaterial aus Ostasien in die Schweiz gebracht. Insektenforscher entdeckten sie erstmals 2004 in Liechtenstein – inzwischen wandert sie den Rheingraben hinauf. Durch den Klimawandel finden die Tiere nun auch in Europa hervorragende Lebensvoraussetzungen und zudem nach diesem Fruchtjahr auch jede Menge Nahrung. Manches Mal bringen derartige Schädlinge auch gleich ihre Fressfeinde mit. Nicht so die Marmorierte Baumwanze, da sie keine natürlichen Feinde hat. In Wien sorgte sie bereits 2016 für ziemliches Aufregen, da sie massenweise auftrat.
Die Amerikanische Kiefernwanze gelangte erstmals 1999 in Norditalien in das Visier der Entomologen. Möglicherweise wurde sie auf Weihnachts-bäumen, Saatgut oder ebenfalls Baumaterial eingeschleppt. Auch sie hat sich inzwischen auf weite Teile Europas ausgebreitet. Ihre Grösse liegt bei 15 bis 20 Millimeter, die Körperoberseite ist rötlich-braun bis schwarz, in der Mitte der Vorderflügel befindet sich ein auffallendes weißes Zick-Zack-Muster. Das Weibchen legt Ende Mai/Anfang Juni rund 80 Eier ab, davon werden jedoch nur zirka 10 % zu erwachsenen Tieren – die anderen werden von sog. “Eiparasitoiden” wie der Erzwespe befallen. Nach 10 bis 14 Tagen schlüpfen die Nymphen. Nur in Mexiko bzw. in Norditalien können bis zu drei Generationen vorkommen, bei uns nur eine pro Jahr. Diese Wanzen sind ausgezeichneten Flieger – ihr Flugton erinnert etwas an den Flug von Hummeln. Die Besiedelung der britischen Südküste soll beispielsweise durch Tiere aus Frankreich erfolgt sein, die mal eben über den Ärmelkanal geflogen sind. Als Nahrungsquelle bevorzugen sie Kiefern, Douglasien, Weiß-Fichten oder auch Koniferen. Dort saugen sie aus den Zapfen das wasserspeichernde Gewebe ab – später dann auch aus den Samen. Nach fünf Nymphenstadien häuten sie sich im August zur Imago und überwintern in dieser Form. Während die Kiefernwanzen in den USA grosse Schäden vor allem in den Samenschulen anrichten, spielen sie hierzulande nahezu keine Rolle. Wittern sie Gefahr, sondern auch sie ein Sekret ab, das jedoch nach Kiefern-Nadeln bzw. Äpfeln riecht. Für den Menschen ist auch diese Wanzenart völlig ungefährlich. Dennoch sollten sie diese Wanzen aus dem Haus bringen – sie überwintern teils auch gerne in Dachböden – da abgestorbene Tiere zur Nahrung einiger Käfer-Arten gehören.
Die Malvenwanze bevorzugt eigentlich den Raum rund um das Mittelmeer, seit Mitte der 90er Jahre hat sie ihren Zug auch in das restliche Europa angetreten. Bekannt sind rund 50 Arten. Das auch als “Lindenwanze” bekannte Insekt tritt zwar regional teils massiv auf, hat sich aber noch nicht derart weit verbreitet wie die beiden zuvor besprochenen Arten. Die Weibchen werden zirka 5,5 bis 6 Millimeter groß, die Männchen sind etwas kleiner. Während der Kopf schwarz ist, kann diese Wanze an ihrem ansonsten überwiegend roten Körper erkannt werden. Die Malvenwanze liebt Strauchpappeln, Hibiscus und natürlich Malven. Erst im Herbst sammeln sich die Tiere an Linden zu Kolonien um zu überwintern.
Bei der Bekämpfung ist es am besten, man fängt sie mit einem Glas oder Becher ein und befördert sie wieder in’s Freie. Begehen Sie bitte niemals den Fehler, eine Stink-Wanze zu zerquetschen oder zu zertreten. Dabei sondert sie ein sog. “Aggregationspheromon” ab, das für andere Artgenossen als Lockstoff dient. Sie werden alsdann noch mehr dieser Tierchen im Haus vorfinden. Auch gegen die Kiefernwanze hilft nur die Chemiekeule, die jedoch auch den Menschen gefährden kann. Kehrt vor der Tür der Winter ein, löst die Natur dieses Problem von alleine.
In Parkanlagen oder Wäldern unternehmen viele Kommunen nichts gegen die Wanzen. Einerseits schaden die Baumwanzen ihren Wirtspflanzen nicht, andererseits findet das massenweise Auftreten grundsätzlich nur für zwei bis drei Wochen im Jahr statt. Viele wollen deshalb keine möglicherweise auch für andere Tiere oder gar dem Menschen schädliche Chemikalien ausbringen.
Für die meisten Wanzenarten ist hierzulande die Schlupfwespe der einzige wirkliche Feind.

Lesetipps

.) Illustrierte Bestimmungstabellen der Wanzen.Europa; Wolfgang Stichel; Selbstverlag 1962
.) Wanzen beobachten – kennenlernen; Ekkehard Wachmann; J. Neumann-Neudamm 1989
.) Wanzen und Zikaden; Frieder Sauer; Fauna-Verlag 1996
.) Wasserwanzen; K. H. C. Jordan; Die Neue Brehm-Bücherei 1950
.) Insekten – Käfer, Libellen und andere; Siegfried Rietschel; BLV Verlagsgesellschaft 2002
.) The semiaquatic bugs (Hemiptera, Gerromorpha). Phylogeny, adaptations, biogeography and classification. (Entomonograph, Vol. 3); N. M. Andersen; Scandinavian Science Press 1982
.) Garden insects of North America: the ultimate guide to backyard bugs; Whitney Cranshaw; Princeton University Press 2004

Links:

wanzen-nrw.de
koleopterologie.de
www.schaedlingskunde.de
www.bvl.bund.de
www.uibk.ac.at/natmedverein/
naturwissenschaften.ch/organisations/seg
naturschutzbund.at
www.lbv.de
www.wsl.ch
www.julius-kuehn.de
www.hortipendium.de
www.ltz-bw.de
www.provinz.bz.it/de
ento.psu.edu

No Comments »

Afghanistan – geschunden und erniedrigt

Es sind harte, aber stolze Leute – die Menschen vom Hindukusch. Anders hätten sie wohl eine solche Geschichte nicht überstanden. Vergangene Woche haben sie nun gewählt. Für viele vielleicht ein letzter Hoffnungsschimmer! Stundenlang haben sie sich an den Wahllokalen angestellt – viele haben dies mit ihrem Leben bezahlt. Immer wieder schlugen Mörsergranaten oder Raketen der Taliban ein. Andere sind ohne Kreuz zu setzen wieder nach Hause gegangen, da das Wahllokal erst gar nicht öffnete – die Wahlhelfer fürchteten um ihr Leben. In der Region Baghlan bildeten Frauen und Männer eine Menschenkette, damit kein Selbstmordattentäter zu den insgesamt sechs Wahllokalen vordringen konnte. Insgesamt haben sich 8,9 Millionen Menschen von 17 Millionen registiert und waren somit wahlberechtigt.
In der Reihe der Armenhäuser dieser Welt haben wir bereits zwei Kontinente besucht – kommen wir damit zum dritten: Asien! Kaum ein anderes Volk ist dermassen geschunden und unterjocht worden wie die Afghanen. Und ein Ende der Gewalt ist noch lange nicht in Sicht. Um all das besser verstehen zu können, gibt’s heute weniger Zahlen, dafür aber mehr Information.
Zwei Tage vor dem Beginn der Parlamentswahlen wurden bei einem Anschlag der radikal-islamischen Taliban auf einen Sicherheitsgipfel in Kandahar, im Süden des Landes, zwei Menschen getötet. Einerseits der Polizeichef der Provinz, General Abdul Rasik Atschiksai. Ein durchaus umstrittener Mann, der vor allem immer wieder von Menschenrechtlern scharf kritisiert wurde. Aber auch die UNO forderte die Aufnahme von Ermittlungen gegen ihn wegen Drogenhandels, Korruption, Folter, Mord etc. Doch ging er unerbittlich gegen die Taliban vor – das brachte ihm sehr viele Plus-Punkte bei den US-Truppen. Ebenfalls um’s Leben kam der Geheimdienstchef der Region, Abdul Momin. Der Terrorist, ein Elitesoldat und Leibwächter des Gouverneurs, hatte plötzlich in der Residenz seines Chefs das Feuer eröffnet. Dort traf sich der Kommandant der ausländischen Truppen, US-General Scott Austin Miller, mit den ranghöchsten Sicherheitsvertretern des Landes. Der Gouverneur wurde ebenso wie zwei amerikanische Soldaten verletzt, der US-General blieb unverletzt.
Die Wahlkommission wollte daraufhin die anstehenden Wahlen landesweit verschieben. Das allerdings lehnte der Nationale Sicherheitsrat ab – es stelle einen Rückschlag bei der Demokratisierung des Landes dar. Schliesslich hätten sie bereits vor drei Jahren abgehalten werden sollen, wurden jedoch immer wieder verschoben. Ausserdem findet Ende November in Genf eine grosse Geberkonferenz statt – hier muss auf-gezeigt werden, daß das Land sehr wohl auf dem richtigen Weg in Richtung Demokratie unterwegs ist. Nun fanden die Wahlen in der Region Kandahar eine Woche später statt. Da die Auszählung ohnedies rund zwei Wochen dauern wird, kam es auch zu keiner Beeinflussung durch vorläufige Auszählungsergebnisse. In der Provinz Ghasni musste der Urnengang allerdings wegen Sicherheitsbedenken ganz abgesagt werden.
Die Taliban hatten schon im Vorfeld damit gedroht, den Urnengang mit Gewalt zu verhindern und die Bevölkerung zum Boykott aufgerufen. Sie haben grosses Interesse daran, die vom Westen unterstützte Regierung zu Fall zu bringen. Möglicherweise allerdings auch, da künftig 68 Frauen dem “Haus des Volkes” angehören sollen. Ein absolutes No Go für die Taliban. Dementsprechend bezeichnen sie diesen Stimmgang als “amerikanische Verschwörung”. Die Wahlen sollen zudem in Anbetracht der nächstjährigen Präsidentschaftswahlen aufzeigen, ob die Wahler geschützt werden können bzw. was noch zusätzlich bis dahin auf Schiene gebracht werden muss. Doch sowohl antretende Kandidaten als auch Vertreter der Wahlkommssionen bzw. andere an der Wahl beteiligte Menschen konnten nicht geschützt werden. Sie bezahlten ihren Mut oder auch ihren Job mit dem Leben. Nach offiziellen UNO-Angaben waren es bislang über 130 Zivilisten – mehr als 250 wurden verletzt. Und dies, obwohl rund 70.000 Sicherheitskräfte am Wahltag im Einsatz standen.
Der Staat “Afghanistan” entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert. Er war als Pufferzone zwischen Persien, British Indien und Russland (“Great Game”) ein Zankapfel im Kampf um die Vorherrschaft in Zentralasien. Die Briten bissen sich in zwei anglo-afghanischen Kriegen die Zähne aus und zogen sich frustriert zurück. Allerdings setzten sie noch Abdur Rahman als Regenten in Kabul ein. Dieser unterjochte alle anderen Stämme während sehr brutaler Kriege. Erst mit dem Ende des dritten anglo-afghanischen Krieges erlangte das Land 1919 seine Unabhängigkeit. Der Enkel Rahmans, Amanullah, versuchte einen Staatsaufbau nach west-lichem Vorbild. Allerdings scheiterte er an den traditionellen Machthabern und musste in’s Asyl nach Italien flüchten. Immer wieder prallten in weiterer Folge die verschiedenen Stämme aufeinander – von einem Demokratisierungsprozess wie bei vielen ehemaligen Kolonialstaaten (zumindest zu Beginn der Unabhängigkeit) konnte somit keine Rede sein.
Am 27. April 1978 putschte schliesslich die kommunistische Demo-kratische Volkspartei Afghanistan (DVPA) und errichtete eine blutige Parteien-Doktatur, bei der Reformen radikal umgesetzt werden mussten. Das aber führte zu tiefen Gräben zwischen der Stadt- und der traditionellen Landbevölkerung. Eine Zahl für den besseren Einblick: Rund 80 % der Bevölkerung leben ausserhalb der Städte. In allen Teilen des Landes kam es zu Aufständen. Bei internen Machtkämpfen liess schliesslich Hafizullah Amin den Präsidenten Mohammad Taraki ermorden und ernannte sich selbst zum Präsidenten.
Die UdSSR besetzten zu Weihnachten 1979 den Nachbarstaat um eine Gefahrenquelle auszuschalten und den eigenen Macht- und Einfluss-bereich in der Region zu wahren. Ein Satellitenstaat sollte geschaffen werden – mit Fortschritt und v.a. dem Sozialismus. Ab sofort prallten der Islam und der Kommunismus aufeinander. Der Jihad wurde ausgerufen. Mit Waffenlieferungen unterstützten die USA und Saudi Arabien den Widerstand, Pakistan organisierte ihn. Obgleich militärisch haushoch überlegen, konnten die Sowjets die Lage nicht in den Griff bekommen. Ihre Truppen mussten eingestehen, dass ihre über zehnjährige Besetzung des Landes im Desaster endete und keinerlei Besserungen brachte. Der Truppenabzug erfolgte in den Jahren 1988/89.
Präsident Najibullah konnte sich noch bis 1992 halten – als Russland die Waffenlieferungen aussetzte, wurde er durch die Mujahidin gestürzt. Es folgten Kämpfe unter den Stämmen, die das Land zerrütteten.
1994 griffen die radikal-islamischen Taliban in die Auseinander-setzungen ein und erzielten rasch grosse Gebietsgewinne. Nach Angaben der Vereinten Nationen sollen sie dabei systematische Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet haben. 1995 schliesslich wurde von ihnen das in Trümmern liegende Kabul eingenommen. Sie wollten einen islamischen Gottesstaat errichten und arbeiteten zu diesem Zweck eng mit der Terrororganisation Al-Quaida von Osama Bin Laden zusammen.
Vor 17 Jahren, am 07. Oktober 2001, intervenierten amerikanische und britische Truppen und vertrieben das Taliban-Regime. Anlass dafür waren die 9/11-Anschläge in den USA. Zahlreiche andere Staaten schlossen sich der “Nordallianz” der afghanischen Stammesfürsten und Parteien an, die sich zuvor erbittert bekämpft hatten. Das Ziel zumindest des Westens: Die Zerschlagung der Al-Quaida, die sich zu den Anschlägen bekannt hatte.
Rund 20.000 ausländische Soldaten sind dort nach wie vor aktiv stationiert (zeitweilig waren es sogar 130.000) – auch deutsche Truppen, die jedoch vornehmlich für den Nachschub bzw. die Ausbildung örtlicher Soldaten oder Polizisten zuständig sind (ehemals 3.500 Soldaten – das drittstärkste Kontingent, aktuell rund 1.200). Doch werden auch sie immer wieder in Kampfhandlungen verwickelt. 30 % des Landes gelten offiziell als umkämpft. Mehr als 40 Staaten haben beim Wiederaufbau des Landes geholfen – wenn nicht militärisch, so doch zivil: Vornehmlich bei der Infrastruktur, dem Schulsystem, der medizinischen Grundversorgung etc. Trotz der Einsicht, dass auch ihr Einsatz nichts einbrachte, können sie das Land nicht einfach – wie damals die Russen – seinem Schicksal überlassen. Ein erneuter sehr blutiger Bürgerkrieg wäre wohl die Folge.
Doch weder die Sowjetunion noch die NATO verloren den Krieg militärisch – schliesslich sind beide vom Gerät und der Mannstärke den Taliban haushoch überlegen. Es war in beiden Fällen das Verständnis des Charakters der Bevölkerung und die zugrundeliegende Strategie: Zuerst wurde der Gegner zurückgeschlagen. Der wechselte in die Guerillataktik und setzte Terroranschläge sowie vereinzelte kleinere Offensiven. Die ausländischen Truppen antworteten mit der Aufstandsbekämpfung. Die eigentlichen, internen Probleme jedoch blieben stets ungelöst. So wurden die verhandlungsbereiten, moderaten Kräfte der Taliban nicht mehr in die Verhandlungen einbezogen. Zudem gab es plötzlich viele private Akteure, die die offiziellen Auseinandersetzungen nutzten, um selbst mächtig zu werden: Warlords, Kommandeure, Drogenbosse und sonstige Geldmacher agieren nicht mehr nur im Hintergrund, sondern ganz offiziell. Einmal für die Taliban, meist jedoch für die vom Westen unterstützte Regierung. Offenbar war auch der ermordete Abdul Rasik Atschiksai ein solcher. Den Ausländern ist dies meist gleichgültig, solange ihnen die Taliban vom Halse gehalten werden. Die Bevölkerung aber kommt dadurch vom Regen in die Traufe.
Apropos: Wasser und Opium – das sind die wahren Schätze des Landes. Wer darüber verfügt, hat schon mal vieles gewonnen. Hierum streiten Stämme und Bevölkerungsgruppen schon seit Jahrhunderten. Manche wurden und werden von den ausländischen Besetzern bezahlt und somit im Krieg gegen die Taliban instrumentalisiert: Sie bekämpfen alsdann umso heftiger die Konkurrenten. Oftmals suchen ihre Gegner (ohne Regierungsgnaden) Hilfe bei den Taliban, wenn sie befürchten müssen, dass die ausländischen Truppen oder Drogenbosse (mit Staatsgewalt und den Waffen des Westens) ihre Mohnfelder zerstören. Und dies obwohl die Taliban während ihrer Herrschaft den Drogenanbau verboten hatten. Damit gibt es nicht nur einen Kriegsschauplatz, auf dem beide Kriegsseiten aufeinandertreffen, sondern viele kleine, die eigentlich überhaupt nichts mit einer Demokratisierung des Landes zu tun haben – ganz im Gegenteil. Viele der Warlords sind durch den Westen erst so richtig mächtig geworden. Ihre Vertrauensleute sitzen in der Verwaltung, der Regierung und auf vielen anderen sehr wichtigen Positionen. Diesen Krieg können weder die ausländischen Truppen, noch das normale Volk gewinnen.
Die auf der Bonner Afghanistan-Konferenz beschlossene “Dekade der Transformation” bis 2024 wird wohl als Wunschvorstellung zu den Akten gelegt werden müssen. Sobald die Militärs, Geld- und Waffengeber das Land verlassen haben, werden sich die dortigen Mächtigen gegenseitig die Schädel einschlagen. Genau das führte 1989 unter Präsident Najibullah zum Bürgerkrieg. Lachende Dritte werden die Taliban sein. Wen werden sie dann wohl auf der Beton-Plattform für die Verkehrs-polizisten vor dem Präsidentenpalast aufhängen und öffentlich zur Schau stellen?
Die Taliban sind in letzter Zeit wieder stärker aufgetreten. Erst im August besetzten sie die Stadt Ghasni, rund 100 km nördlich der Hauptstadt Kabul. Unterstützt werden sie dabei vornehmlich aus Pakistan – zudem soll nach einem Bericht der Deutschen Welle auch Russland mitmischen, das sich dadurch eine stärkere Position für die Friedensverhandlungen erwartet. Ausserdem halten sich nach Schätzungen rund 3.000 Kämpfer der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) im Land auf – zumeist unerkannt.
Wie könnte nun aber tatsächlich eine Lösung aussehen? Experten haben hierzu mehrere Szenarien aufgestellt:
.) Best Case-Szenario
Bei der Bildung einer Allparteien-Regierung der “nationalen Einheit” setzen sich alle an einen runden Tisch, Regierung, Stämme, ethnische Gruppen, Drogenbosse, Taliban, und beraten über ein neues Afghanistan. Obgleich eine solche Regierung die legitimste und beste wäre, ist sie höchst unwahrscheinlich: Die einzelnen Interessen liegen zu weit auseinander. Dennoch könnten Spielregeln dafür sorgen, die aus den bewaffneten Konflikten vorerst politische machen würden, die dann ausverhandelt werden könnten.
.) Status Quo-Szenario
Mit der weiteren Unterstützung des Westens wird eine auch sicherheitspolitisch eigenständig agierende Regierung aufgebaut, die den bewaffneten Aufständischen kräftemässig überlegen ist, sodass diese in eine politische Lösung einlenken müssen, da sie dauerhaft unterlegen sein werden. Aufgrund der derzeitigen Machtverhältnisse in der Politik und Wirtschaft und damit der unterschiedlichen Interessen der Streitparteien erscheint auch diese Lösung als eher unwahrscheinlich.
.) Das Teilungsszenario
Die ausländischen Truppen ziehen sich komplett aus dem Süden und Osten des Landes zurück um dafür im Norden und Westen staatliche und demokratische Strukturen aufzubauen. Auf der anderen Seite würde ein paschtunischer Staat entstehen. Keine wirklich gute Lösung für den Nachbarstaat Pakistan. Hier leben wesentlich mehr Paschtunen als in Afghanistan. Sie würden sich höchstwahrscheinlich ebenfalls unabhängig erklären wollen. Ein solches Szenario kennen wir aus dem nahen Osten mit einem Kurdenstaat, der Teile des Irak, Syriens und auch der Türkei betreffen würde. Dagegen geht der türkische Staats- und Minister-präsident Erdogan mit aller Härte vor. Unter Verletzung des Völkerrechts. Ähnlich würde wohl auch Pakistan handeln. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass Pakistan Atommacht ist.
.) Worst Case-Szenario
Nach dem Abzug der ausländischen Truppen keimt erneut ein sehr blutiger Bürgerkrieg auf, da wohl alle gegenüberstehenden Fronten auf Rache sinnen und sich gleichzeitig das grösst-mögliche Gebiet aneignen wollen.
Die Ereignisse im Irak, Libyen und höchstwahrscheinlich auch Syrien lassen erkennen, dass wohl letzteres vonstatten gehen wird. Ist es jedoch völkerrechtlich vertretbar, in einen schwelenden Konflikt militärisch einzugreifen um einige Jahre später erneut das Land seinem Schicksal zu überlassen? Vor diesem Hintergrund ist auch die hohe Anzahl von afghanischen Flüchtlingen zu verstehen. Gerade die jungen Männer sind im Krieg mit der Lebensphilosophie aufgewachsen, schneller als der Gegenüber zu sein. Viele wollen nicht eingezogen werden um auf einer der beiden Seiten kämpfen zu müssen. Die Alternative: Tod durch Enthauptung! Gleichzeitig wird die organisierte Kriminalität von beiden Seiten nahezu verstaatlicht um mit dem Geld aus dem Drogenverkauf weitere Waffen aufkaufen zu können. Ob mit Zukunft oder ohne ist den Drogenbossen gleichgültig – an erster Stelle steht das eigene Wohl!
Viele Mullahs und Imame sprechen sich inzwischen gegen die Gewalt durch Selbstmordattentate aus und verurteilen diese als “Unislamisch” (der Imam der Zentralmoschee von Herat, Hebatullah Fazeli). Wenn auch nicht offiziell und laut, da viele ihrer Kollegen von den Hasspredigern zum Abschuss freigegeben wurden und dies mit ihrem Leben bezahlen mussten. Fazeli selbst wurde danach ebenso Opfer eines Selbst-mordanschlages. Er überlebte diesen zwar, verlor aber ein Bein. Auch hierzu einige Zahlen: Im Jahr 2017 starben nach offiiellen Angaben der United Nations Assistance Mission to Afghanistan (UNAMA) 3.438 Menschen bei Kampfhandlungen, weitere 7.015 wurden verletzt. Insbesondere die Zahl der Kinder als Gewaltopfer ist mit 3.179 besonders erschreckend. Heuer waren zwischen Januar und Juni bereits 1.700 zivile Opfer zu beklagen.
Experten bezeichnen Afghanistan gerne als “Rentierstaat”, bei dem die meisten Einkünfte von anderen Staaten wie den USA oder der damaligen Sowjetunion stammen. Seit 1950 etwa kommen 40 % der Staatsein-nahmen von ausserhalb des Landes – vieles davon sind Entwicklungs-gelder. Das wird wohl auch in Zukunft so bleiben.
Ich bin zwar nur ein winzig kleines Zahnrädchen im Weltengefüge! Doch gestatten Sie mir zum Schluss einen Gedanken: Würde die Staaten-gemeinschaft geschlossen gegen den Drogenhandel ankämpfen, wäre nicht nur ein grosser Schlag gegen die organisierte Kriminalität möglich! Schliesslich stammen 75 bis 95 % des weltweiten Rohopiums aus dem Land am Hindukusch. Somit würden viele deutsche, österreichische und schweizerische Söhne und Töchter nicht durch einen goldenen Schuss mit afghanischem Heroin sterben! Vielleicht käme es sogar zu einer Lösung des Konfliktes in Afghanistan und zu einem Ende des Flüchtlingsstromes von dort (in Österreich wurden 2017 noch 3.781 Asylanträge afghanischer Staatsbürger eingereicht – die Abschiebequote liegt bei etwa 20 %). Es sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass viele der Kinder und Jugendlichen gar nicht aus Afghanistan kommen. Ihre Eltern sind von dort nach Pakistan (1,8 Millionen afghanische Flüchtlinge) oder in den Iran geflohen. Sie haben also bei einer Abschiebung weder Verwandte noch Bekannte in Afghanistan.

Lesetipps:

.) Der Krieg, der niemals endet; Carsten Jensen/Anders Hammer
.) Afghanistan. Sozialer Wandel und Staat im 20. Jahrhundert; Jan-Heeren Grevemeyer; Vwb-Verlag 1990
.) In Afghanistan; Peter Schwittek; Vdf Hochschulverlag 2011
.) Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival; Amin Saikal; I. B. Tauris & Co Ltd. 2006
.) Afghanistan in the Balance: Counterinsurgency, Comprehensive Approach and Political Order; Hrsg.: Hans-Georg Ehrhart/ Sven Gareis / Charles Pentland; McGill-Queens University Press 2012
.) Afghanistan. A Cultural and Political History; Thomas Barfield; Princeton University Press 2012
.) Descent into Chaos: the United States and the Failure of Nation Building in Afghanistan; Ahmed Rashid; Viking 2008
.) Revolution Unending – Afghanistan: 1979 to the Present; Gilles Dorronsoro; C Hurst & Co Publishers 2000
.) The Taliban Revival – Violence and Extremism on the Pakistan-Afghanistan Frontier; Hassan Abbas; Yale University Press 2014
.) The Taliban Phenomenon, Afghanistan 1994–1997; Kamal Matinuddin; Oxford University Press 1999
.) Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001; Steve Coll; Penguin Press HC 2004
.) Afghanistan – A Country Without a State?; Hrsg.: Christine Noelle-Karimi/Conrad Schetter/Reinhard Schlagintweit; IKO 2002
.) Kleine Geschichte Afghanistans; Conrad Schetter; Beck Verlag 2011

Links:

- www.mfa.gov.af/
- www.afghan-web.com/
- unama.unmissions.org
- www.nato.int/
- www.afghanistan-analysts.org
- areu.org.af
- www.auswaertiges-amt.de
- www.bpb.de/
- www.bicc.de
- www.hsfk.de
- www.politische-bildung.de
- www.ag-friedensforschung.de
- inef.uni-due.de
- www.swp-berlin.org
- www.sigar.mil/
- www.crisisgroup.org
- www.hrw.org/de
- www.kas.de
- www.fes.de
- suedasien.info
- www.savethechildren.de/

No Comments »

Hope for Dope

Während in unseren Gefilden noch eine heftige Diskussion läuft, hat Kanada in diesen Tagen, als erste Industrienation überhaupt, Marihuana zu Genusszwecken freigegeben. Bislang galt auch am Ontario die Straffreiheit nur dann, wenn das Tütchen zu medizinischen Zwecken verwendet wurde. Seit dieser Woche ist die Produktion, der Verkauf und auch der Besitz von Cannabis im zweitgrössten Land dieser Erde erlaubt. Landesweit war es bislang nur in Uruguay und Südafrika genehmigt – in den USA gilt dies vorerst nur für neun Bundesstaaten – letzten Gerüchten aus dem Oval-Office zu glauben, räumt aber Herr Trump zumindest Diskussionsbereitschaft ein. Alle anderen UN-Mitgliedsstaaten bezogen sich auf ein internationales Abkommen aus dem Jahr 1961, das Cannabis auf eine Stufe mit harten Drogen wie den Opioiden stellte und verboten hatte. Ein Umstand, den bereits die Genfer Opium-Konvention 1924 vertrat. Hierauf baute sich das Verbot des Cannabis-Konsums und -Besitzes in Deutschland und Österreich ab 1929 auf. Hintergrund ist aber ein gänzlichst anderer: Der US-Minister Harry Anslinger führte in den 1920ern in den USA die Prohibition (Alkoholverbot) ein. Sie führte zum Aufblühen des organisierten Verbrechens und dem Aufstieg Al Capones. Als sie nicht zuletzt deshalb wieder abgeschafft wurde, hatte das Ministerium von Anslinger seine Existenzberechtigung verloren. Zu diesem Zeitpunkt erschlug ein Jugendlicher in Florida mit einer Axt seine komplette Familie. Er soll angeblich im Marihuana-Rausch gestanden sein. Anslinger sah plötzlich wieder eine Möglichkeit, sein Ministerium retten zu können und verbot Cannabis. Dies obgleich 29 von 30 Experten den Stoff für unbedenklich einstuften. Hier hakten sich viele Staaten ein. Anslinger setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin für ein weltweites Verbot von Cannabis ein. Mit Erfolg: Das Resultat war das vorhin angesprochene UN-Abkommen von 1961.
Keine zweite Diskussion entzweit derzeit derart die Gemüter. Während Experten davor warnen, dass Cannabis nur eine Einstiegsdroge ist, die den Weg zu weiteren ebnet und dabei tiefgreifende Spuren in unserem Gehirn hinterlässt, meinen die Befürworter, dass Alkohol und Nikotin ebenfalls zu den Suchtmitteln gehören und der Markt endlich entkriminalisiert werden muss, damit der Handel damit überprüft werden kann. Und schliesslich ist es ein durchaus lukratives Zubrot für den Staatssäckel. So erwerben die kanadischen Provinzen die komplette Ernte und verkaufen sie an die genehmigten Stellen oder in eigenen Shops direkt an den Konsumenten. Gleiches gilt auch für den Online-Handel. Insgesamt wird mit einem Verkaufsvolumen von 5,7 Milliarden kanadischen Dollar gerechnet – jährlich. Pro Gramm kassiert Vater Staat mindestens einen Dollar an Steuern plus der Mehrwertsteuer, die in den Provinzen unterschiedlich hoch ist. 400 Millionen kanadische Dollar werden als Steuereinnahmen vorausberechnet. Vor insgesamt 100 Verkaufsstellen gab es diese Woche lange Warteschlangen, in manchen Regionen wird sogar ein Lieferengpass gemeldet. Ein Gramm kostet rund 10 kanadische Dollar – bis zu 30 Gramm darf ein Erwachsener besitzen. Die Regierung hat insgesamt 120 Lizenzen für den Anbau vergeben. Der private Anbau war bislang nur zu medizinischen Zwecken mit Genehmigung erlaubt. Die Verkaufszahlen werden jedoch schon sehr bald weiterhin steigen! Auch die Börse hat inzwischen reagiert: Die Aktien entsprechender Unternehmen schossen in den Himmel. Ein Land im Drogenrausch??? Mitnichten – schliesslich kann jede Provinz selbst über die Art und Weise entscheiden. So haben einige bereits die Altersgrenze von 19 Jahren eingeführt – landesweit gilt 18. Zudem sind Nahrungs-mittel und Getränke mit Cannabis-Zusatz vorerst noch verboten. Daneben darf jeder legal max. vier Marihuana-Pflanzen besitzen. Mehr sind ohne Genehmigung nach wie vor strafbar.
Hanf war auch bei uns lange Zeit eine extrem wichtige, da multifunktional zu verwertende Pflanze, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg verboten wurde. Mehr dazu lesen Sie im entsprechenden Blog auf dieser Seite. Das Gesetz unterscheidet allerdings in Deutschland und Österreich zwischen zwei verschiedenen Arten: Hanf mit einem nennenswerten THC-Anteil und Hanfpflanzen ohne diesen bzw. mit einem Gehalt unter dem Grenz-wert. Aus der Trennung der Blüten von ersterer Pflanze wird Cannabis, aus dem Harz Haschisch gewonnen. Getrocknete Blätter gelangen als Marihuana auf den Schwarzmarkt. Dieses ist in unseren Breitengraden nach wie vor nur mit Sonderlizenzen vornehmlich für den medizinischen Gebrauch erlaubt, ansonsten als psychotroper Stoff nach dem Sucht-mittelgesetz verboten.
Cannabis beeinflusst die motorischen Fähigkeiten durch die Dämpfung des Zentralnervensystems. Es kann auch Halluzinationen bewirken, wodurch selbstverständlich die Wahrnehmung ebenso beeinflusst wird wie das Denken und Verhalten des Konsumenten. Jene Gärtnereien, Apotheken und andere Gewerbebetriebe mit solchen Lizenzen werden deshalb strengstens kontrolliert. Allerdings ist in deutschen Landen und zwischen Neusiedler und Bodensee der Anbau nicht blühender Pflanzen, des sog. “Nutzhanfs” noch gestattet. Sie finden recht häufig in der Innenausstattung Verwendung. Das Geheimnis: THC-Säure wird nur in weiblichen Pflanzen während der Blüte produziert. Durch die Erhitzung entsteht schliesslich das Tetrahydrocannabinol. Der Nutzhanf beinhaltet den Wirkstoff CBD (Cannabidiol). Dieser ist nicht verboten und gelangt deshalb auch recht häufig bei der Produktion von Ölen, Tees etc. zum Einsatz. Hanföl beispielsweise ist eines der gesündesten Öle schlechthin. CBD wurde erst kürzlich ganz offiziell in die Arzneimittelliste aufgenommen, wodurch entsprechende Medikamente verschreibungs-fähig, nicht jedoch verschreibungspflichtig werden. Auf Usedom wird einmal im Jahr Hanfbier hergestellt. Es soll leicht süsslich und nach Gras schmecken, meinen die Tester. Auch hier wird selbstverständlich nur Nutzhanf verwendet – berauscht wird man höchstens von den 5 % Volumsalkohol.
Der Besitz von THC-Produkten bleibt jedoch nach wie vor strafbar – in Österreich etwa bei einer Haftstrafe von bis zu einem Jahr oder 360 Tagessätzen. Bei sehr geringen Mengen erfolgt jedoch meist nur eine Meldung bei den Bezirksverwaltungsbehörden. Im Wiederholungsfall jedoch kann es zu erheblichen Konsequenzen wie Entzug, Haft, Überwachung oder Psychotherapie kommen. Dealern allerdings drohen Haftstrafen zwischen zwei und drei, bei grossen Mengen bis zu fünf Jahren. Entscheidend für die Verurteilung ist der Grenzwert von 20 g reinem THC. Normalerweise liegt der THC-Gehalt in Strassenqualität (Reingehalt) bei 10 %.
Und dies obgleich inzwischen auch die WHO empfiehlt, die Einstufung von Marihuana als Droge neu zu bewerten. Es wäre schliesslich falsch, Marihuana auf einer Stufe mit den harten Drogen wie Kokain oder Heroin zu führen. So stellte in diesem Jahr das UN-Expertenkomitee zur Drogenabhängigkeit (ECDD) bei seinem 40. Treffen in Genf fest, dass zumindest das Cannabidiol CBD durchaus gut für die Gesundheit des Menschen sein kann. Das schrieb der Generaldirektor der WHO auch in seinem Bericht an UN-Generalsekretär António Guterres, der sich ja bereits vor Jahren für die Entkriminalisierung von Cannabis in Portugal einsetzte. CBD mache nicht süchtig und habe sich in vielen therapeutischen Bereichen mehr als verdient gemacht. Medizinisch findet THC-Cannabis übrigens in bereits vielen Ländern dieser Erde Verwendung in der Schmerztherapie, bei Epilepsie, Neurodermitis, Asthma, Multipler Sklerose oder beispielsweise auch Spastik. Nicht so in Österreich. Dort werden Patienten noch mit Chemie, unheilbare Krebspatienten noch mit Opiaten vollgepumpt. Im November wird das ECDD zum 41. Mal zusammenkommen und eine Empfehlung abgeben.
Immer wieder finden unregelmässige Demonstrationen von Befürwortern der Freigabe statt, doch nur in Prag regelmässig. Zuletzt forderten beim sog. “Million Marihuana-Marsch” 7000 Menschen zum bereits 20. Mal die Straffreiheit für den privaten Anbau und Konsum. Auch in Tschechien darf Cannabis nur zu medizinischen Zwecken bei Schwerkranken eingesetzt werden. Inzwischen zeigte sich jedoch die Regierung einsichtig und lockerte die ansonsten sehr strengen Gesetze. In den Niederlanden und Portugal wurde der Besitz entkriminalisiert.
Nicht allen geht es dabei um den eigenen Konsum, sondern vielmehr darum, aus dem bisherigen Schwarzmarkt einen legalen Markt zu machen, bei dem das Geld nicht irgendwo in der Unterwelt verschwindet, sondern ganz offiziell als Einnahmen in das Budget fliessen kann. So spürten das beispielsweise jene neun Bundesstaaten der USA bereits ganz eklatant. Marihuana ist in Kalifornien, Arizona, Maine, Nevada, Vermont und Massachusetts sowie dem US-Territorium Nördliche Marianen ab 21 Jahren freigegeben, in Alaska, Oregon, Colorado sowie dem Bundes-distrikt Washington D.C. darf indischer Hanf konsumiert werden. Landesweit aber ist es nach wie vor verboten – dennoch liegt die Verantwortung im Rahmen von Drogendelikten in Händen der Bundesstaaten! Und das Perverse an all dem: Die Betriebe dürfen keine Bankkonten eröffnen, da sie gegen Bundesgesetz verstossen und USA-weit als kriminell gelten. Trotzdem bezahlen auch sie Bundesabgaben – in bar!!! Der Staatenbund verdient also mit an von ihm aus gesehenen illegalen Geschäften, die landesspezifisch jedoch legal sind! Das verstehe, wer will!
Einige Zahlen zur Veranschaulichung? 2015 wurde in Colorado Marihuana im Wert von 996 Millionen US-Dollar verkauft – das brachte dem Bundesstaat zusätzliche Steuereinnahmen von 66,1 Millionen. 2018 werden in den USA rund 7 Milliarden Dollar Verkaufsumsätze erwartet – in zwei Jahren ist mit dem Dreifachen zu rechnen. Inzwischen springen auch Grosskonzerne wie Monsanto auf den fahrenden Zug auf.
Doch spüren die Bundesstaaten nicht nur das. Jedes Jahr werden in den USA hunderte Milliarden Dollar in den Kampf gegen die Drogen investiert. Durch die Freigabe von Cannabis entfällt der Schwarzmarkt dafür – somit auch ein recht erquicklicher Batzen aus den Kriegskassen. Dieses Geld kann sinnvoller in andere Bereiche investiert werden. Im Österreich etwa gab es im Jahr 2014 29.674 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz – nicht weniger als 25.309 betrafen Cannabis-Fälle. Zwischen Flensburg und Berchtesgaden waren es 2017 330.580 Anzeigen, bei 204.904 war Cannabis im Spiel. In diesem Zusammenhang noch ein interessanter Vergleich: 126.153 waren deutsche Tatverdächtige, 48.530 nichtdeutsche Tatverdächtige. (Zahlen: BKA-Bericht für 2017). Zu Beginn des Jahres sprach sich der Bund Deutscher Kriminalbeamter für die Entkriminalisierung von Cannabis aus. Es sei sinnvoller, in die Aufklärung und Prävention zu investieren, als in die Bestrafung von dadurch kriminell gewordenen Menschen. Deshalb haben sich nun auch Okönomen diesem Thema angenommen:

“Der Drogenhandel ist der größte Zweig der organisierten Kriminalität mit 500 bis 600 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr. Wenn man die Drogen weltweit legalisiert, verliert sie mindestens die Hälfte ihres Geschäfts!”
(Prof. Dr. Friedrich Schneider, Volkswirt und emeritierter Experte für Schattenwirtschaft und Korruption Linz/OÖ)

Nun – es müssen ja nicht alle Drogen legalisiert werden!!! Seit Jahren rechnen sie vor, daß eine Legalisierung von Cannabis sogar Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung schafft. In den USA werden bis zum Jahr 2021 bis zu 300.000 Jobs neu entstanden sein, die unmittelbar mit der Freigabe von Cannabis zu tun haben. Ähnliches kann auch für Kanada erwartet werden.
Der Volkswirtschafter Prof. Dr. Justus Haucap von der Universität Düsseldorf erarbeitet derzeit eine Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Cannabis-Freigabe in Deutschland. Er spricht beispielsweise von 1 Milliarde zusätzlicher Steuereinnahmen (bei 60 %-iger Besteuerung) und einem Konsum von etwa 250 Tonnen. Jährlich!!! In Österreich wären es nach mehreren Berechnungsmodellen 200 Mio Euro an Steuereinnahmen. Auch die deutsche Exekutive und Justiz hätte Einsparungen von zumindest einer Milliarde Euro. Zudem könnte die Wirtschaft ganz offiziell von dem derzeit durchaus gut gehenden Schwarzmarkt zehren. Der würde dann ja wohl zusammenbrechen. Haucap spricht von neuen Jobs in fünfstelliger Zahl.
Trotz all dieser Pluspunkte sollte jedoch nicht vergessen werden, dass THC ebenso wie Alkohol und Nikotin süchtig macht. Sollte ein Tütchen ab und an durchaus verkraftbar sein, so kann der ständige Konsum von THC ebenso zu gesundheitlichen Schäden führen: Angststörungen, Depression und Psychosen sind nicht auszuschliessen. Nachgewiesen ist ein Erinnerungsverlust, da Informationen nicht mehr verarbeitet werden können. Experten warnen zudem davor, dass neue Züchtungen einen immer höher werdenden THC-Anteil haben können.
Ich höre nun im Hintergrund bereits die Stimmen, die den Untergang des Abendlandes prophezeien, wenn alle und jeder am Kiffen sein wird. Dem halte ich offizielle Studien aus Colorado zum Konsum unter Jugendlichen entgegen. Dort ist der Verkauf seit 2012 freigegeben. Offizielle Untersuchungen haben ergeben, dass der Cannabis-Konsum unter den Erwachsenen konstant geblieben, die Zahl der jugendlichen Kiffer jedoch sogar rückläufig ist. Leicht erklärbar: Den Schwarzmarkt gibt es nicht mehr – offiziell kann aber erst ab 21 Jahren gekauft werden. Prof. Dr. Rainer Thomasius von der Universitätsklinik Hamburg-Erpfendorf ist jedoch gegenteiliger Meinung. Er meint, dass sich hierzulande der Schwarzmarkt bei einer Legalisierung auf die Jugendlichen konzentrieren werde. Besonders betroffen wären dabei die Kinder sozial schwächerer Bevölkerungsschichten. Übrigens liegt der Cannabis-Verkauf an Erwachsene in den dafür entkriminalisierten Niederlanden ebenfalls im europäischen Durchschnitt.
In der EU überwacht das European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction (EMCDDA) das Abstimmungsverhalten der nationalen Parlamente. Hier geht man noch nicht von einer EU-weiten Freigabe aus. Vor allem rechtspopulistische Regierungen weigern sich strikt – auch die österreichische. So wird die Wirksamkeit von THC-Medikamenten mit dem Hintergrund des Verbotes überprüft; zudem überlegt man sich inzwischen, dass bereits der Verkauf von Hanfsamen und Stecklingen verboten wird. Eine richtiggehende Sünde, zieht man in Erwägung, was inzwischen alles aus Hanf hergestellt werden kann. Zudem ist es eine mehrjährige, nachhaltige Pflanze mit tiefgreifenden Wurzeln, tut somit dem Boden gut und ist weniger dürreanfällig.
Der Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien meinte unlängst hierzu, “…dass eine Cannabis-Freigabe eine Angleichung an die Realität wäre!” Schliesslich geben 30 bis 40 % der Österreicher und -innen bei Umfragen an, zumindest einmal im Leben Cannabis geraucht zu haben – in Deutschland sind es 46 %. In Spanien wurden die Gesetze ebenfalls gelockert und 300 Haschischclubs offiziell genehmigt. Deutschland und Österreich werden sich ihre Stellung zu Cannabis und Marihuana nach einer zu erwartenden internationalen Freigabe durch die UNO neu überdenken müssen – auch wenn sie es derzeit partout nicht wollen. In Österreich wurde das Ganze gar noch verschärft – seit dem ß1. Juni des Jahres gilt der Verkauf auf der Straße als eigener Tatbestand.

“Einziger Profiteur der restriktiven Politik ist die organisierte Kriminalität!”
(Prof. Dr. Justus Haucap, Ökonom an der Universität Düsseldorf)

In Deutschland übergab der Deutsche Hanfverband im Dezember 2017 79.000 Unterschriften einer Petition zur Freigabe von Cannabis. 11.507 Petitionen wurden im vergangenen Jahr dort abgehalten – keine andere hatte mehr Befürworter. Bei mehr als 50.000 Unterzeichnern muss sich der Petitionsausschuss des Bundestages der Sache annehmen. Während sich die Grünen, die Linkspartei und die FDP schon seit einiger Zeit für eine Legalisierung unter verschiedenen Voraussetzungen aussprechen, weigern sich die anderen Fraktionen noch. Die SPD zeigt jedoch erste Anzeichen einer möglichen Meinungsänderung. So wird beim Parteitag der Berliner Genossen im November über eine kontrollierte Abgabe abgestimmt werden. Auch die Justizminister der Länder befürworten inzwischen die Freigabe für den Eigenbedarf (bis max. 6 Gramm!).
Ganz im Gegensatz zum südlichen Nachbarn entwickelt sich Kanada unter dem Liberalen Justin Trudeau immer mehr zum Vorzeigestaat. Im Rahmen der Regierungserklärung, die zur Freigabe von Cannabis führte, wurde auch mehr Sozialhilfe für Bedürftige, weniger Steuern für die Mittelschicht, strengere Waffengesetze und CO2-Zertifikate für den Klimaschutz versprochen. Trudeau gab übrigens zu, in seinem Leben fünf- bis sechsmal ein Tütchen geraucht zu haben – einmal sogar bei einem Abendessen im Parlament. Wenn das so weitergehen sollte, muss wohl mit einer grossen Anzahl von Asylanten aus den USA gerechnet werden.

PS:
Wer aus diesen meinen heutigen Schilderungen vielleicht schliessen sollte, dass ich ein großer Anhänger des Kiffens bin, liegt falsch. Ich habe in meiner Zeit beim Österreichischen Bundesheer (inzwischen verjährt) meinen ersten und einzigen Joint geraucht. Hat mir nicht geschmeckt – deshalb blieb es auch bei diesem einen Versuch. Ich werde alsdann keinen zweiten angehen, wenn es denn legal ist. Ich trete allerdings für die Entkriminalisierung von Cannabis aus den oben genannten Gründen ein. Exekutive und Justiz haben schliesslich sinnvolleres zu tun, als derartige Kleinkriminelle abzustrafen, weil sie einmal ein Tütchen geraucht haben!

Lesetipps:

.) Die Legalisierung und Regulierung des Cannabismarkts in Deutschland; Stefan Lang; Diplomica-Verlag 2015
.) Cannabis Verstehen: Warum unsere Gesellschaft immer noch mit alten Vorurteilen behaftet ist; Dom Piru; tredition 2018
.) Hanfpsychose: Vom psychotischen Umgang über die medizinische Anwendung zum legalen Genuss; Christian Dorn; Books on Demand 2016
.) Legalisieren!: Vorträge zur Drogenpolitik; Günter Amendt ; Rotpunktverlag 2014
.) Rauschzeichen: Cannabis: Alles, was man wissen muss; Steffen Geyer/Georg Wurth; KiWi-Taschenbuch 2008
.) Haschisch. Konsum – Wirkung – Abhängigkeit – Selbsthilfe – Therapie; Helmut Kuntz; Beltz 2016
.) Die Behandlung mit Cannabis und THC: Medizinische Möglichkeiten, Rechtliche Lage, Rezepte, Praxistipps; Franjo Grotenhermen/Britta Reckendrees; Nachtschatten Verlag 2016
.) Die Cannabis-Lüge: Warum Marihuana verharmlost wird und wer daran verdient; Kurosch Yazdi; Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017

Links:

- www.bka.de
- bundeskriminalamt.at
- www.praevention.at
- www.hanfverband.de
- www.proplanta.de
- www.procannabisdeutschland.de
- www.cannabis.info
- cannabis-special.com
- www.cannabis-clubs.de
- kontrast.at
- www.legalisieren.at
- austria.legalize.eu
- arge-canna.at
- hanfinstitut.at
- www.medmix.at

No Comments »

Der Tod kommt mit der Laus

Massenvernichtungswaffen!
Ein schreckliches Mittel der modernen Kriegsführung, das an der viel zitierten Offiziersehre mehr als zweifeln lässt. Schliesslich ist von diesen Waffen jegliches Leben betroffen. Auch das von alten, vielleicht sogar bettlägrigen Menschen, kleinen Säuglingen und Frauen, die um ihre Männer, Väter, Brüder und Söhne weinen und den Krieg hassen. Der preussische Militärwissenschaftler und -ethiker, Generalmajor Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz meinte einst:

“Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.”

Ehrlich? Mit einer solchen Politik will ich nichts zu tun haben. Auch wenn es damals noch mehr mit Ehre und Ethik vergleichbar war, als man dem Feind Aug’ in Aug’ gegenüberstand. Heute drückt irgendjemand auf den Knopf und hundertausende, ja vielleicht sogar Millionen Menschen sterben. Das hat mit Krieg nichts mehr zu tun – das ist moderne Massenvernichtung! Genozid!
Zwei derartige Waffengattungen habe ich im Rahmen dieses Blogs ja schon ausführlich vorgestellt: Atomwaffen (Atomwaffenabkommen, die nicht eingehalten werden) und Giftgase (Chemische Waffen). Die dritte wollte ich eigentlich nicht behandeln. Jedoch nötigt mich sozusagen die derzeitige Berichterstattung aus US-amerikanischen Labors, auch die meines Erachtens grauenvollste Vernichtungsmethode einer breiten Leserschaft darzulegen, die sich vielleicht ansonsten nicht dafür interessiert hätte: Die biologischen Waffen bzw. englisch auch als “Bio Hazards” bezeichnet. Keine Angst – ich werde im Folgenden keine Anleitung zu deren Herstellung geben. Aus diesem Grund entfallen auch die ansonsten üblichen Hinweise auf Bücher oder Webseiten am Ende des Blogs. Wer sich dafür interessiert, soll von sich aus in’s Keyword-Netz der Fahnder tappen – ein Umstand, der auch meine Recherche im Vorfeld etwas erschwerte!
Nach bislang noch unbestätigten Meldungen soll eine eigene Forschungsgruppe der “Darpa” (Defense Advanced Research Projects Agency), der wissenschaftlichen Abteilung des US-amerikanischen Pentagons (Verteidigungsministerium) Studien betreiben, wie eine neue Biowaffen-Generation aussehen könnte. Dabei spielen Insekten offenbar eine Schlüsselrolle: Die des Überträgers! Angeblich werden derzeit viele Insektenarten auf ihre Effizienz bei der Übertragung von etwa Viren überprüft. Ganz offiziell, da durch das Programm “Insect Allies” ein sog. Genscheren-Virus (etwa CRISPR Cas 9) von den Insekten auf Pflanzen übertragen werden soll, durch das Mais und Tomaten widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Trockenheit gemacht werden. Die Idee hierzu dürfte wohl durch die Pest aufgekommen sein. Die Menschen damals wurden nicht etwa durch einen Rattenbiss infiziert, wie zuerst angenommen, sondern durch eine Laus aus dem Fell der Ratte. Derzeit werden intensivst Blattläuse und Motten ausgetestet. Da dies jedoch auch für Kriegszwecke verwendet werden kann, um dadurch ganze Ernten zu vernichten oder gar direkt auf die Bewohner einzuwirken, spricht man in diesem Zusammenhang von “Dual Use”. Weshalb hat ansonsten das Verteidigungsministerium der USA ein derart grosses Interesse an diesen Forschungen??? Deutsche (wie etwa der Molekularbiologe Guy Reeves vom Max Planck Institut für Evolutionsbiologie) und französische Wissnschaftler warnen bereits vor unvorhersehbarer Wirkung, da das Ganze unkontrollierbar wird.

“In bewaffneten Konflikten hingegen könnten Insekten Sinn machen, weil man somit eher verdeckte Operationen gegen spezifische Pflanzen durchführen könnte.”
(Silja Vöneky, Völkerrechtsexpertin Universität Freiburg)

Aber: Was hat es tatsächlich mit diesen mehr als gefährlichen Kampfstoffen auf sich?! Krankheitserreger oder biologische Giftstoffe werden gezielt herangezüchtet um bei ihrem Ensatz möglichst viele Menschen, Tiere oder Pflanzen zu töten oder Produkte wie beispielsweise Treibstoffe zu zersetzen. Gegenwärtig sind etwas mehr als 200 Erreger, Toxine und Agenzien bekannt, die für derartige Zwecke verwendbar sind. Im Vergleich zu den chemischen Kampfstoffen müssen biologische erst aufbereitet werden. Als Erfinder dieser Stoffe gilt nebenbei erwähnt Robert Koch, der zu medizinischen Zwecken Methoden zum Heran-züchten von Bakterien und Viren erfunden hat. So entdeckte er u.a. unbeabsichtigt den Milzbranderreger.
Seit 1975 verbietet die Biowaffenkonvention die Verwendung dieser Kampfstoffe. Die “Konvention über das Verbot der Entwicklung, Herstellung und Lagerung bakteriologischer (biologischer) Waffen und Toxinwaffen” wurde am 16. Dezember 1971 als Völkervertrag durch die UN-Vollversammlung angenommen und von bislang 181 Staaten unterschrieben. Die meisten Nicht-Unterzeichner stammen aus Afrika (etwa Ägypten), aber auch Israel, Syrien und einige kleine Inselstaaten im Pazifik finden sich darunter. Gemeinsam mit der Chemiewaffen-konvention aus dem Jahr 1993 ersetzte die Biowaffenkonvention das Genfer Protokoll aus dem Jahr 1925, das speziell den Einsatz derartiger Waffen verbot. Beide Kampfstoffe wurden während des Zweiten Weltkriegs auch nur von Japan verwendet – die anderen kriegsführenden Länder forschten zwar in diese Richtung, schlossen den Einsatz auch nicht aus, ließen aber schliesslich doch davon ab. Dennoch ist auch heute noch bekannt, dass immer wieder entsprechende Anstrengungen unternommen werden. Alle fünf Jahre finden Überprüfungskonferenzen statt, dennoch wäre das Wort “Abrüstungskontrolle” in diesem Zusammenhang wohl eine Stufe zu hoch, da es bislang noch keine Einigung zu Offenlegungspflichten oder Prüf-Inspektionen gibt.
Biologische Kampfstoffe werden in drei unterschiedlich wirkende Kategorien gegliedert:
.) Kategorie A
Hierunter fallen Krankheitserreger, die ganze Staaten auslöschen können, da sie sich leicht verbreiten, tödlich sind und auch Übergangsstadien bilden können. Die bekanntesten sind die Pocken, der Milzbrand (Bacillus anthracis; engl.: Anthrax) und die Pest (Yersinia pestis). Auch die hämorrhagischen Fieber (u.a. Ebola) pder Biotoxine wie Rizin, Abrin, Aflatoxin, Botulinumtoxin sind sehr gefährlich. Diese KatA-Waffen sind unkontrollierbar – das damit verseuchte Gebiet ist auch für die “sieg-reichen Truppen” für lange Zeit nicht mehr betretbar. Zudem gibt es nur wenige Gegenmittel in ausreichender Stärke.
.) Kategorie B:
Im Vergleich zur ersten Kategorie besitzen diese Stoffe eine “nur” mittlere Letalitätsrate und können mit den geeigneten Mitteln auch eingedämmt werden. Beispiele hierfür wären: Coxiella burnetii (Q-Fieber), Brucellen oder Burkholderia mallei (Rotz).
.) Kategorie C:
Hier finden sich beispielsweise Krankheitserreger, die zwar tödlich sind, sich aber nur schwer übertragen lassen oder so gut wie nicht verfügbar bzw. gut behandelbar sind – aber auch Kampfstoffe, die leicht verfügbar sind, jedoch nur eine geringe Letalitätsrate aufweisen. Gelbfieber etwa oder die Tuberkulose (multiresistente Mycobacterien).
Stehen nun weniger Gegenmittel wie Antibiotika oder Impfstoffe zur Verfügung, wirken die biologischen Kampfstoffe logischerweise umso besser.
Nicht immer benötigt ein solches Virus oder Bazillus auch einen Wirt, damit es sich weiterentwickeln kann. So bildet beispielsweise das Milzbrandbazillus mit den Endosporen Übergangsformen und kann somit auch ohne Wirt zu einem späteren Zeitpunkt erneut aktiv werden.
Jene Stoffe, die derzeit offenbar in den USA erforscht werden, sind vornehmlich Rickettsien. Diese Parasiten pflanzen sich nur in Wirtszellen fort und können durch Insekten wie Flöhe, Läuse, Milben oder Zecken auf den Menschen übertragen werden. Als Beispiel muss das Fleckfieber erwähnt werden.
Bei den Viruserkrankungen sind jene Erreger als Kampfstoffe am effektivsten, gegen die nicht prophylaktisch geimpft wird: Ebola, Gelbfieber, Lassafieber oder auch die Pocken, da die Immunisierung mit der Zeit ihre Wirksamkeit verliert.
Biotoxine entwickeln Pflanzen und Tiere, um sich gegen Fressfeinde zu wehren. Unter mehreren hundert dieser Stoffe sind auch einige dabei, die leider als biologischer Kampfstoff Verwendung finden. Botulinumtoxin etwa ist ein Sammelbegriff für mehrere Proteine, die aufgrund der Fehlfunktion des vegetativen Nervensystems zu einer Muskelschwäche und somit zu Organversagen etwa der Lunge führen können. Viele kennen dieses Mittel auch unter seinem Handelsnamen “Botox”.
Pilze werden zumeist nicht als unmittelbare biologische Kampfstoffe eingesetzt als vielmehr zur Vernichtung von landwirtschaftlichen Ernten. Beispielsweise im Kampf gegen den Drogenanbau wie Coca, Cannabis oder Mohn Agent Green. Das im Vietnamkrieg verwendete Agent Orange zur Entlaubung der Regenwälder zählt hingegen zu den chemischen Kampfstoffen.
Die wohl grösste Gefahr dieser biologischen Kampfstoffe geht von den unzähligen Übertragungsmöglichkeiten aus. So ist etwa das Versprühen eines Aerosols durch Flugzeuge die wahrscheinlichste, da durch die Hitze einer Bomben-Explosion viele der Erreger vernichtet würden. Jedoch ist aufgrund der Windverfrachtung nur eine grossflächige, keine gezielte Ausbringung möglich. Mensch und Tier atmen diese feinen Tröpfchen ein und sind zumeist durch die Einnistung der Bazillen und Viren in den Schleimhäuten vornehmlich des Atmungstraktes infiziert. Die Gefahr einer Pandemie (länder- und gar kontinentübergreifend) allerdings ist sehr gross. Andere Möglichkeiten seien absichtlich nicht erwähnt um möglichen Angreifern keinen Vorschub zu leisten.
Die USA setzen jedoch auf die Übertragung durch einen Zwischenwirt. Dabei werden infizierte Insekten ausgesetzt, die durch einen Stich (wie die Anophelesmücke bei Malaria) oder einen Biss (wie bei der Laus) die Krankheiten übertragen.
Biologische Kampfstoffe wurden schon recht früh bei kriegerischen Auseinandersetzungen verwendet. So schleusten die Hethiter vor 3000 Jahren verseuchtes Vieh beim Feind ein um dessen Nachschub an Nahrung zu gefährdetn. Immer wieder ist von Brunnenvergiftungen in der Geschichte zu lesen, indem Kadaver dort entsorgt wurden. Auch das Bestreichen von Pfeilspitzen war nicht nur bei den Naturvölkern bekannt. Der englische König Richard Löwenherz nahm während des 3. Kreuzzuges Akkon ein, indem er hunderte Bienenkörbe über die Stadtmauern werfen liess. Die Tartaren katapultierten im Jahr 1346 Pesttote über die Mauern der Stadt Kaffa. Experten gehen davon aus, dass dadurch eine der grossen Pestwellen Europas ausgelöst wurde. Nach der Entdeckung Amerikas und dem anschliessenden Kampf der Eroberer gegen die indianischen Völker wurden absichtlich europäische Krank-heiten eingeschleppt (etwa in Nordamerika durch die Engländer und Franzosen), gegen welche die Ureinwohner keine Immunisierung hatten (Masern beispielsweise). So wurden während des Pontiac-Aufstandes im Mai 1763 beim Fort Pitt den Unterhändlern der belagernden Indianer, die den Engländern freies Geleit anbieten wollten, zwei Decken aus der Pocken-Quarantäne des Forts mitgegeben. Unter den Indianern brach eine Epidemie aus.

“Wir müssen jede Methode anwenden, um diese abscheuliche Rasse auszulöschen.”
(Jeffrey Amherst, Befehlshaber der britischen Streitkräfte)

Die Briten hatten später auch versucht, mit Pocken infizierte Sklaven auf den amerikanischen Farmen einzuschleusen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges verfügte das deutsche Kaiserreich über ein sehr grosses Arsenal an biologischen Waffen. So sollten die Briten mit der Pest bekämpft werden. Es blieb allerdings gottlob nur bei kleineren Sabotage-Akten gegen Tiere, vornehmlich Pferde, die in der Kavallerie und dem Transport ihre Arbeit verrichten mussten. Dafür wurde Giftgas in rauhen Mengen versprüht. Nach dem Ersten Weltkrieg starteten auch die Siegermächte der Entente mit der Forschung an Bio-Waffen. Das Kaiserreich Japan richtete zu diesem Zweck 1932 die “Einheit 731″ ein. In der gerade eroberten Mandschurei wurden unzählige Menschentests durchgeführt. Vivisektionen, also operative Eingriffe bei vollem Bewussstein, führten zu 3.500 Toten. Im Oktober 1940 schliesslich wurden durch Japan Keramikbomben über grossen Städten abgeworfen. Der Inhalt: Mit Pest infizierte Flöhe. Auch erfolgte 1941 die Freilassung von 3000 chinesischen Kriegsgefangenen, nachdem sie zuvor mit Typhus infiziert wurden. Grosse Städte wurden mit dem Milzbranderreger von Flugzeugen aus besprüht. Tausende Chinesen auch unter den Zivilisten starben während des Zweiten Weltkrieges an Epidemien von Pest, Typhus, Milzbrand etc. Auch an US-amerikanischen Kriegsgefangenen erfolgte die Erprobung von Kampfstoffen, die mittels Ballons über den Jet-Stream nach Nordamerika verbracht werden sollten. Einzig – die beiden Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki führten davor zum Ende des Krieges durch die Kapitulation Japans. Ansonsten ist aus diesem Weltkrieg nichts über den Einsatz von Biowaffen bekannt. Obgleich unter dem Befehl von Winston Churchill in Grossbriatnnien mit Erregern geforscht wurde. So verbrachte die Royal Army 60 Schafe auf die ansonsten vom Menschen nicht bewohnte Gruinard Island im Nordwesten Schottland und versprüht dort Milzbrandsporen. Innerhalb nur eines Tages war jegliches tierische Leben auf der Insel ausgelöscht. Zwar soll das Eiland inzwischen nicht mehr verseucht sein – dennoch ist es militärisches Sperrgebiet. Hätten die Briten damals etwa Berlin mit Milzbrand besprüht, wäre die Stadt bis weit in die 1980er-Jahre kontaminiert und somit unbewohnbar gewesen, weiss Rex Watson, Leiter der britischen chemisch-biologischen Verteidigungsbehörde 1981. Der britische Geheimdienst schnappte übrigens Informationen auf, daß Hitlerdeutschland grosse Mengen an Milzbrand und Botulinumtoxin produziert haben soll. Über eine Million Botulinumtoxin-Seren wurden für die Impfung hergestellt. Allerdings war die Information falsch. Die USA erteilten im Jahr 1944 den Auftrag für die Herstellung von einer Million 2 kg-Bomben, die mit Milzbrand verseucht waren. Sie sollten über Berlin, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt, Aachen und Wilhelmshaven abgeworfen werden. Es kam aber zu Lieferproblemen, sodass auch hier der Krieg zuvor beendet war! Grosses Glück, schliesslich hätte dadurch halb Europa vernichtet werden können. Für die Nazis waren Biowaffen unberechenbar und ineffizient. Erst als in Paris ein Kampfstofflabor der Franzosen ausfindig gemacht wurde, kam es zur Gründung der “Abteilung Kliewe” unter Leitung des Bakteriologen Heinrich Kliewe. Hier wurde ebenfalls mit Milzbrand und Pest experimentiert. Hitler selbst verbot aber im Jahr 1942 die biologische Offensivforschung, obwohl Heinrich Himmler beispiels-weise ein grosser Befürworter dieser Kampfstoffe war. Gleichzeitig wurden die Abwehrmassnahmen gegen biologische Kampfstoffe verstärkt (“Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter”). Zum Austesten von Impfstoffen mussten zumeist KZ-Häftlinge herhalten. 1952 kamen Spekulationen auf, wonach die Sowjetunion rund um die Schlacht von Stalingrad deutsche Truppen und später auch unbeabsichtigt (vermutlich durch Winddrehung) eigene Soldaten mit Tularämie infiziert haben soll. So betrug noch 1941 die Zahl der Erkrankungen rund 10.000, 1942 100.000, 1943 jedoch wieder 10.000 – und das in der kompletten Sowjetunion! Dies wurde von den Russen zurückgewiesen! Während die Sowjetunion bereits 1928 ein Bio-Kampfstoff-Zentrum auf der Insel Solowezki im Weißen Meer eingerichtet hatte, begannen die USA als letzte der Grossmächte mit der Entwicklung im Jahr 1941 nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, ab 1943 schliesslich mit der Produktion. 1946 bestätigte das US-Kriegsministerium auch offiziell die Forschung an Bio-Waffen, nachdem offenbar Unterlagen des Leiters der japanischen Einheit 731, Shirō Ishii, zur Kriegsbeute der Amerikaner gehörten. Zumindest zwei Forschungs-zentren entstanden in den USA. Im September 1950 wurde durch zwei amerikanische U-Boote an der Küste von San Francisco Serratia marcescens versprüht. Für gesunde Menschen nahezu unschädlich, sollte beobachtet werden, wie viele Erkrankungen von immungeschwächten Patienten gemeldet wurden!!! Es kam zu Todesfällen. Nach wie vor streng geheim sind zudem die Versuche aus den 70ern, als an 2000 Adventisten, die aus Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerten, B-Waffen-Testungen erfolgten. Weitere Tests werden ebenfalls geheim-gehalten. Auch zu den Unfällen oder Problemen sind kaum Informationen zu bekommen. So sollen 1981 in Fort Detrick zwei Liter mit dem Chikungunya-Virus verschwunden sein. Diese Menge reicht aus, die komplette Weltbevölkerung mehrfach auszulöschen! 1969 hatte Präsident Richard B. Nixon die Forschung und Produktion von B-Waffen zumindest offiziell gestoppt – im Bereich der Gentechnik wurde jedoch weiter-gearbeitet, so auch an Ebola und Marburg bzw. Machupo und Junin (südamerikanische Erreger).
Ohne Unterbrechung ging’s alsdann in der Sowjetunion weiter und dies obgleich diese gemeinsam mit Grossbritannien “Depositarmacht” ist, also sozusagen Treuhänder für die Hinterlegung und Verwaltung des B-Waffen-Abkommens. Deutsche und japanische Unterlagen aus dem Zweiten Weltkrieg boten dafür die Grundlage. Vorerst noch an Tularämie, Milzbrand und Botulinum, später dann im Rahmen des Projektes “Biopreparat” an Pocken. Auch in der Sowjetunion kam es zu einem Unfall, als am 2. April 1979 durch eine defekte Belüftungsanlage Milzbrandsporen nach aussen gelangten. Die komplette Umgebung von Swerdlowsk musste unter Quarantäne gestellt werden. Die Sache gelangte erst durch Boris Jelzin 1992 an die Öffentlichkeit. Zwei übergelaufene Wissenschaftler berichteten zudem, dass sie den Milzbrand gegenüber Antibiotika resistent gemacht, gleichzeitig allerdings für die eigenen Truppen ein Gegenmittel gefunden hatten. Kaum anzunehmen, dass Russland tatsächlich die noch in den 1990er-Jahren produzierten Tonnen an biologischen Waffen allesamt vernichtet hat.
Die südafrikanische Apartheidsregierung allerdings trieb das Ganze mit ihrem “Projekt Coast” auf die Spitze. Durch eigens entwickelte Biowaffen sollten nur Schwarzafrikaner getötet werden. Wieviele Menschen an den Tests starben, ist nicht bekannt.
Auch der Irak hatte seine Forschungen nach Ende des ersten Golfkrieges 1988 angekurbelt. Die Erreger hierzu kamen aus den USA und Deutschland. Tausende Liter waffenfähiges Botulinumtoxin, Milzbrand und Aflatoxin wurden gefunden. Nach dem Ende des Regimes Hussein sollen diese angeblich vernichtet worden sein – alles deutet allerdings darauf hin, dass in kleinen Labors weitergearbeitet wurde.
Letztmalig führten die sog. “Anthrax-Anschläge” im Jahr 2001 in den USA zu großem medialem Echo. Vermutlich ein Bediensteter der Forschungs-einrichtung Fort Detrick hatte mit Milzbrand verseuchte Briefe verschickt und war somit verantwortlich für zahlreiche Erkrankungen und Todesfälle von Postangestellten, Journalisten und Politiker. Schliesslich reicht eine Menge an Erregern pro Brief, die kleiner als ein Punkt am Satzende ist, um tödlich zu wirken. Der Krankheitsverlauf sieht in etwa wie folgt aus: Nach dem Einatmen der Bakterien kommt es zwei bis drei Tagen später zu ähnlichen Symptomen wie bei einem Schnupfen oder einer Erkältung (Atemwegsinfektion). Nur kurz darauf folgen hohes Fieber, Atem-probleme, Erbrechen sowie innere und äussere Blutungen. Danach tritt der Tod ein.
Weltweit wird nach wie vor weitergeforscht – nach Geheimdienst-informationen von mindestens 12 Staaten. Entweder unter dem Mantel der Produktion von Gegenmitteln oder wie in den USA der “nicht-tödlichen” biochemischen Waffen, die nicht in den Zuständigkeitsbereich der Bio-Waffen-Konvention fallen.
Wie der Fall des sog. “Rizin-Bombers” aus Köln im Juni dieses Jahres aufgezeigt hat, ist es ein brandheisses und mehr als ernstzunehmendes Thema bei der Bekämpfung des Terrorismus. Jeder Staat sollte dementsprechend auf solche Anschläge vorbereitet sein. Doch erfordert die Forschung nach einem Gegenmittel stets auch die Produktion dieses “Dreckigen Dutzends”, also jener Stoffe, die am ehesten für die Verwendung für Biowaffen in Frage kommen. Deshalb werden derartige Kampfstoffe nach wie vor en gros produziert – trotz entsprechender Konvention. Die Vergangenheit hat immer wieder aufgezeigt, dass sich das Interesse von Terroristen stets auf jene Vernichtungsmittel beziehen, die in den Rüstungskammern der Staaten lagern. Giftgas wurde beispielsweise während des 2. Golfkrieges 1990/91 heftigst diskutiert – 1995 kam es zu dem grauenvollen Sarin-Anschlag der Aum-Sekte in der Metro von Tokio. Die Sekte soll auch mit gefährlichen Mikroorganismen geforscht haben. So waren deren Anführer, Shoko Asahara, und 40 seiner Anhänger 1992 in Zaire um angeblich bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie zu helfen.
Anderes, erschreckendes Beispiel: Larry Harris war Labortechniker in Ohio. Er bestellte am 5. Mai 1995 (nur sechs Wochen nach dem Anschlag in Tokio) bei einem Unternehmen für biomedizinische Produkte den Erreger der Beulenpest (Yersinia pestis). Die Bestellung wurde auch zugestellt. Erst als Harris vier Tage später anrief um sich zu erkundigen, wo denn seine Bestellung bleibe, wurde die Bundesbehörde alarmiert. Harris war Mitglied einer weissen, rassistischen Vereinigung. Er hatte die Sendung sehr wohl erhalten und bekannte sich im November desselben Jahres vor einem Bundesgericht des Brief-Betrugs für schuldig. Seither kontrolliert die US-Gesundheitsbehörde Lieferungen mit Krankheitser-regern genauer. Um die Tragik dieses Falls aufzuzeigen: Das Beulenpest-Bakterium teilt sich alle 20 Minuten. So entsteht aus einem Bazillus innerhalb von zehn Stunden eine ganze Milliarde.
Würde es die Ethik den verantwortlichen Politiker, Militärs und Wissen-schaftlern verbieten, derartige Waffen herzustellen, käme es sicherlich auch nicht zu solchen Anschlägen. Im Interesse der Menschheit sollten sich alle Unterzeichnerstaaten zur Offenlegung verpflichten und unabhängige, international besetzte Prüfungs-Kommissionen aus Bioinformatikern, Molekular- und Mikro- sowie Aerobiologen und Sicher-heitsspezialisten auch ohne tagelange Vorinformation zulassen – doch das wird wohl niemals der Fall sein. Allen voran blockieren die USA solche Vorhaben. Ausgerechnet die Regierung Bush lehnte nur wenige Monate vor 9/11 – den Anschlägen auf das World Trade Center und den Pentagon – das 2. Zusatzprotokoll zur Biowaffenkonvention ab.

“Nach (insgesamt) sechseinhalb jährigen Verhandlungen müssen wir feststellen, dass wir keine Vereinbarung über einen Kompromiss-vorschlag und keine Einigung über das weitere Vorgehen haben.”
(Tibor Toth, Vorsitzender des so genannten UN-Ad-hoc-Ausschusses für ein Zusatzprotokoll)

Es beinhalte zu viel Schlupflöcher. Doch beteiligte man sich von dieser Seite zuvor auch nicht an der Beseitigung dieser Schlupflöcher. Wegen befürchteter Wirtschaftsspionage wurde das Abkommen bereits davor ad acta gelegt. Es war aber auch diese Regierung, die sich nicht an den ABM-Vertrag (Begrenzung antiballistischer Raketen-Abwehrsysteme), dem UN-Abkommen für kleinere Waffen und dem Kyoto-Abkommen hielt bzw. die Unterschrift verweigerte. Gleichzeitig zeigen sich die US-Präsidenten stets gerne als grosse Friedensstifter und mahnende Stimme im Weltgefüge. Also denken sich auf der anderen Seite auch Russland und China das Ihre und machen alsdann weiter.
“virus” kommt aus dem Lateinischen und bedeutet “Gift”. Die Griechen und Römer verurteilten im Krieg den Einsatz von Gift als “Verletzung des Völkerrechts”. Davor hatten es bereits die Inder mit dem “Manu-Gesetz” als unmenschlich verboten, später dann die Sarazenen. Daß ethische Bedenken jedoch meist nicht mit dem Kriegführen vereinbar sind, zeigten das Ausschwefeln und der Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg wohl am besten auf. Das hatte nämlich die Haager Landkriegsordnung von 1907. Es war also meist nicht die Ethik, sondern vielmehr die Furcht, die eigenen Truppen zu infizieren, die die kriegsführenden Mächtigen vergangener Tage vom Einsatz der Biowaffen abhielt. Hier liegt es an der Völkergemeinschaft, im Sinne der Menschlichkeit gegen die Herstellung, die Lagerung und den Gebrauch solcher B- und auch C-Waffen gemeinsam und geschlossen vorzugehen. Der Kalte Krieg ist nicht vorbei – er hat sofort nach seinem offiziellen Ende wieder begonnen und ist durch den Aufstieg Chinas zur Weltmacht und dem stärker werdenden Terrorismus sogar noch um zwei Facetten reicher und unvorhersehbarer geworden!!!

Übrigens gründete auch die deutsche Bundesregierung im August eine solche wissenschaftliche Einrichtung der Marke “Darpa” – “Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen”. Selbstverständlich dürfte hier nicht die Entwicklung von Kampfstoffen im Vordergrund gestanden haben. Vielmehr sollten die vielen Ideen deutscher Erfinder gebündelt und weiterentwickelt werden.

No Comments »

Deutschland vor dem Umbruch???

“Erst erodieren die Parteiensysteme – und später die Demokratien.”
(Markus Blume, CSU-Wahlkampfmanager)

Als ich damals in dem Haus in Fürstenfeldbruck die Treppe empor stieg, schaute mir mitten auf dem Treppen-Absatz Franz Josef Strauß entgegen. Jeder, der in den ersten Stock wollte, musste an diesem Bildnis des ehemaligen Ministerpräsidenten Bayerns vorbei. Einige Jahre später entdeckte ich mitten in einem Gasthaus im beschaulichen Sterzing/ Südtirol eine Franz Josef Strauß-Ecke. Offenbar hatte er hier mal Station gemacht – die Wirtsleute hatten seither alles über den “geheimen König Bayerns” gesammelt. Na ja – der am 3. Oktober 1988 in Regensburg verstorbene Politiker war nicht nur körperlich eine imposante Erscheinung – wenn auch nicht an seiner Körpergrösse gemessen.

“Helmut Schmidt und ich kennen uns sehr gut. Wenn er mich anredet ‘Alter Gauner’ und ich sage ‘Alter Lump’, so ist das durchaus eine von gegenseitiger Wertschätzung und realistischer Kennzeichnung getragene Formulierung.”

(Franz Josef Strauß)

FJS war nach den unterschiedlichsten Ministerfunktionen in der Bundes-regierung in Bonn von 1978 bis 1988 bayerischer Ministerpräsident. Als er 1980 als Kanzlerkandidat bei den Bundestagswahlen gegen Helmut Schmidt (SPD) scheiterte, munkelte man, daß ihn die Bayern schlichtweg nicht ziehen lassen wollten. Am 15. Oktober 1978 erzielte Strauß mit seinen Christsozialen bei den Landtagswahlen im Freistaat 59,14 % der abgegebenen Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Nichts aussergewöhnliches – das beste Resultat erzielte allerdings mit 62,1 % vier Jahre zuvor 1974 Alfons Göppel bei seinem vierten und letzten Antritt. Die CSU war für Bayern DIE Volkspartei schlechthin, ohne ihr Zutun lief gar nichts im Freistaat. Das nahm jedoch 2008 mit dem Erstantritt von Horst Seehofer ein abruptes Ende: Mit 43,4 % stürzte die CSU erstmals unter die 50 % – nach einem zuvor ebenfalls sehr starken Edmund Stoiber. 2013 gab es alsdann gleichermaßen nur 47,7 %. Und am 14. Oktober wählt der Freistaat erneut. Folgt man den Umfragewerten, so wird es für die CSU ein Desaster. Ob die 38 % aus dem Jahr 1954 gehalten werden können, ist fraglich! Die September-Umfragewerte lagen alle darunter – zuletzt gar bei 33 %.
Deutschland steht vor einem gewaltigen politischen Umbruch. Nurmehr jeder Zweite kann sich nach einer Umfrage mit der Politik von Kanzlerin Angela Merkel identifizieren – der Wind, der der Kanzlerin auch in der eigenen Partei entgegenweht, ist beträchtlich. Das musste sie bitter zur Kenntnis nehmen, als ihr engster Vertrauter, der bisherige CDU/CSU-Fraktionschef im Bundestag, Volker Kauder, zugunsten Ralph Brinkhaus abgewählt wurde. Den Grund sehen die Parteikollegen wohl darin, dass es nach 13 Jahren Kauder neue Köpfe, neue Strategien und neue Gedanken bedarf. Hat die Union nun den Besen ausgepackt, um mal so richtig durchzukehren?
Deutschland war noch nie derart politikverdrossen wie in diesen Monaten nach den letzten Bundestagswahlen. Und das obwohl der Wirtschafts-motor nach wie vor auf Hochtouren läuft, obgleich er wegen der Trump’schen Wirtschaftspolitik etwas in’s Stocken geriet. Beginnend mit den gescheiterten Jamaica-Verhandlungen, über die Wiederaufnahme der GroKo und die ständigen partei- und regierungsinternen Querelen, bei welchen Horst Seehofer wohl ordentlich seinen mittelscharfen bayerischen Senf beigesteuert hat. Gewinner des Spektakels ist die Alternative für Deutschland (AfD), da viele wie damals vor der Wahl Donald Trumps in den USA die Schnauze ganz offensichtlich voll haben und die anderen Parteien dieses Straucheln des Unionsriesen nicht auszunutzen wissen. Dass jedoch die Menschen, die aus Protest rechts wählen, nichts aus den Ereignissen jenseits des grossen Teichs gelernt haben und damit einen gewaltigen Fehler machen würden – das ist wieder eine ganz andere Geschichte.
Fakt ist, daß die Bayernwahl am 14. Oktober und zwei Wochen später die Hessenwahl als richtungsweisend gelten. Die CSU mit ihrem derzeitigen Ministerpräsidenten Markus Söder hat es bereits vorgezeigt: Es wird eine 90 Grad-Rechtskurve werden. Nichts anderes ist für die Europawahlen im kommenden Mai zu erwarten. International kennt man dieses Gespenst schon des längeren: Konnten in Frankreich und den Niederlanden die Rechtspopulisten gerade noch abgewendet werden, so regieren in Polen und Ungarn, zuletzt auch Italien nicht mehr die Volksparteien im althergebrachten Sinne, sondern der Rechtsblock, der es verstanden hat, die Stimmen der unzufriedenen Protestwähler einzusammeln. Und dafür benötigte er nicht mal Superkräfte. Während ihre Parteien klar positioniert und strukturell streng organisiert sind, mangelt es den bisherigen Grossparteien am Nachwuchs. Kein Wunder: Sobald jemand da war, der den Obrigen gefährlich werden konnte, wurden er bzw. sie abgesägt. Anders als in den Reihen der Rechtsparteien, die sich von Grund auf intern keine zweite Meinung anhören wollen, wird bei den Parteien der Mitte heftigst hinter den Kulissen gestritten. In Italien beispielsweise gibt es die Mitte gar nicht mehr. Brinkhaus ist ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Ich denke, es hätte ein kleiner Regionalab-geordneter aus Ostfriesland gegen Kauder kandidieren können: Er wäre gewählt worden! Die Erneuerung – ein Zeichen, das für viele jedoch zu spät kommt. Es war die Strategie der Union, zu reagieren, weniger zu agieren. Das sieht nun auch das Wählervolk so. Allerdings offenbar vergessend, dass es der deutschen Wirtschaft noch nie so gut ging, wie in diesen Tagen. Doch wird dies als naturgegeben angesehen. Auch wenn das Geld ungleich verteilt ist. Ferner sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Frau Merkel auch alle Hände voll zu tun hatte, die EU zusamenzuhalten und als Puffer zwischen den USA und Russland den richtigen Ton zu finden.
Wer soll, wer kann ihr aber auf den Thron folgen? Wer hätte das Potential, all diese Themen unter einen Hut zu bringen? So kann sicherlich die Gegenkandidatur eines Jura-Studenten zur Parteispitze nicht wirklich ernst genommen werden. Interessant wird hingegen die Kandidatur des hessischen Unternehmers Andreas Ritzenhoff, der allerdings selbst erst seit Jahresbeginn CDU-Mitglied ist. Er würde damit allen eingesessenen Politikern der Partei vor den Kopf stossen. Der Parteitag im dezember birgt also einige Brisanz.
Vor diesem Malheur stand auch die Parteispitze von Bündnis 90/Die Grünen. Bei deren Urabstimmung vor der Bundestagswahl fielen die kompletten Spitzenfunktionäre durch den Rost. Später dann folgten die Sozialdemokraten, die durch all den parteiinternen Streitigkeiten die wirklich fähigen Köpfe verlor. Jetzt zeigt die Sozialdemokratie gar Auflösungserscheinungen. Die Wähler schwenken nun um zu jenen, die sich am Lautesten zu Wort melden, auch wenn sich deren einzige Kernkompetenzen auf die Migrationspolitik beziehen und sie zu all den anderen Themen nichts sagen können!

“Niemals hätte mein Vater die AfD gewählt. Er war ein Freund der klaren Worte, aber ein Gegner von Hetze!”

(Monika Hohlmeier, Tochter von Franz Josef Strauß)

In dieser Situation ist nun auch die CSU angelangt. Als unter Edmund Stoiber noch Wahlerfolge eingefahren werden konnten, kümmerte sich niemand wirklich um ein derartiges Problem. Es stellte sich erst unter Seehofer, der seinen einzigen Widersacher Markus Söder an der kurzen Leine hielt. Jetzt ist der ewige Kronprinz an der Macht, die jedoch auch er nicht richtig umzusetzen weiss. Und wie so häufig bei Landtagswahlen fällt ihm zudem die Bundespolitik auf den Kopf, die jedoch zu einem grossen Anteil auch von seinem Vorgänger im Amt geprägt wird.
In Bayern läuft alles auf einen Zweikampf hinaus. Die Grünen könnten erstmals ein historisches Ergebnis einfahren und ein schwergewichtiges Wort bei der Regierungsbildung mitreden. Beim Nachbarn Baden-Württemberg war es vornehmlich ein charismatischer Winfried Kretschmann, der die Fehltritte der CDU in Sachen EnBW und vor allem Stuttgart 21 perfekt zu nutzen wusste und inzwischen einen Riesenbatzen an Vertrauen auch bei den Stammwählern der anderen Parteien geniesst. Bayerns Grüne mit ihrem Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann hingegen haben in einer von der Industrie und der Landwirtschaft bestimmten Region einen durchaus schweren Stand. Und dann ist da noch die AfD, die mit aller Macht in den Landtag einziehen will. Sie wird am meisten von der derzeitigen Stimmung in Deutschland zehren. Alle anderen Parteien sind abgeschlagen.
Der Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes Dimap, Michael Kunert, bringt es wohl auf den Punkt:

“Doch weil es den meisten Menschen zurzeit gut geht, ist ihnen wirtschaftliche Kompetenz nicht so wichtig!”

Als die deutsche Wirtschaft noch ordentlich nach der Wirtschafts- und Finanzkrise durchgebeutelt wurde, erschien die Wirtschaftskompetenz als enorm wichtig – schliesslich ging es um die Jobs. Jetzt herrscht nahezu Vollbeschäftigung weshalb die Wähler für alle anderen Themen empfänglich sind: Bildung, Wohnen, Renten, soziale Gerechtigkeit und ja, auch die Migration. Wer hier den richtigen Satz findet, wird reichlich mit Wählerstimmen belohnt. Das hat selbstverständlich auch die CSU erkannt. So warnte etwa zuletzt CSU-Generalsekretär Markus Blume bei einer Regierungsbeteiligung der Grünen vor einem Bevormundungs- und Verbotsstaat und wählt als Beispiel dafür ausgerechnet Baden-Württemberg, das sich ja komplett konträr zu dieser Behauptung entwickelt hat. Dass jedoch Bayern das strengste CSU-Polizeigesetz Deutschlands hat, ist wohl ein Widerspruch in sich selbst. Die Freien Wähler könnten das Zünglein an der Waage sein – sie sind derzeit mit 17 Abgeordneten im Landtag vertreten. Fraktionschef Hubert Aiwanger hat der CSU bereits die Koalition angeboten. Einzig: Ob deren Ergebnis reichen wird, ist die grosse Frage. Die Freien Wähler zählen sich selbst zur politischen Mitte mit liberalen, sozialliberalen bzw. konservativen, aber auch ökologisch-alternativen Ansichten. Sollten sie und nicht die AfD die Protestwählerstimmen einsammeln, so könnte eine derartige Koalition funktionieren. Allerdings verkrämt man bereits in der CSU viele Wähler, da eine Koalition mit der AfD in’s Spiel gebracht wurde, wenn auch gleich wieder fallengelassen, nicht zuletzt aufgrund interner Kritik wie jener des Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff (CDU), der von “politischem Selbstmord” spricht. Eine Zusammenarbeit mit der SPD kann ausgeschlossen werden, da dort einerseits grosse Verluste erwartet werden und andererseits die Sozialdemokraten seit Jahrzehnten auf Landesebene keine gewichtige Rolle gespielt haben – trotz einiger gut positionierter Bürgermeister, wie auch in München.

“Ihnen geht es ausschließlich um das Macht-Erringen und das Macht-Ausüben, als reiner Selbstzweck!”
(Natascha Kohnen SPD zu Markus Söder)

Die CSU muss in eine Koalition – da führt kein Weg dran vorbei. Nach einer Umfrage des Hamburger Umfrageinstitutes GMS im Auftrag des TV-Senders SAT1 (Bayern) befürworten dies auch 66 % der 1004 befragten Personen. Die glorreichen Zeiten der Alleinregierung sind vorbei. Am wahrscheinlichsten ist ein Bündnis mit den Grünen – möglicherweise würden sie auch für frischen Wind in den verstaubten Reihen sorgen. Allerdings vollzog sich bei diesen derselbe Wechsel wie bei der 68er-Generation: Damals noch im Baumwollgewande und den Birkenstocks – heute Teil des Establishments. Dennoch dürfte es schwierige Verhandlungen geben, da in vielen Fragen keine Übereinstimmung herrscht. Es könnte aber der letzte Weg sein, die Situation doch noch zu retten und vielleicht künftig eine Politik für die Bürger zu machen, nicht gegen sie. Sollte das geschehen, so würde das Gespenst von rechts wohl wieder dorthin gebracht werden, wo es seinen Platz hat: Auf unter 10 %.

“Wer die Weiße Rose als Symbol missbraucht, handelt schäbig und unanständig!”
(Markus Söder CSU zu den Ereignissen in Chemnitz)

Dies würde dann sicherlich, wenn auch noch nicht für die Hessenwahl, so doch ein Zeichen für die Bundespolitik bedeuten.
Apropos – dasselbe Bild zeigt sich in Hessen, obgleich es bislang in diesem Bundesland eine stärkere SPD gab und die Machtverhältnisse ausgeglichener waren. Dort haben aktuell die CDU 38,3 %, die SPD 30,7 und die Grünen 11,1 %. Bislang regierte eine schwarz-grüne Koalition mit einer Mehrheit an Sitzen. Nach einer Umfrage im September wird die CDU zwischen 5-7 und die SPD 4-7 % verlieren. Die Grünen könnten um 1 bis 3 % dazugewinnen. Als grosser Sieger hingegen wird die AfD mit 10-15 % in den Landtag einziehen. Sollte das Bündnis 90/Die Grünen nicht mehr Stimmen dazugewinnen, wird es sich mit der Mehrheit einer entsprechenden Neuauflage der Koalition nicht mehr ausgehen. Einmal mehr müsste eine weitere Partei in ein Bündnis geholt werden – das könnte die FDP sein, womit erneut Jamaika-Verhandlungen anstehen könnten.
Auch in Hessen plagen den CDU-Ministerpräsidenten schwere Image-verluste, Volker Bouffler liegt bei nurmehr 28 %. Im Vergleich dazu schafft es der Spitzenkandidat der Grünen, Tarek Al-Wazir, auf eine Zustimmung von satten 58 %.

“Das ist eine Situation, die wir so noch selten hatten!”
(Tarek Al-Wazir, B90/Die Grünen)

Selten zuvor waren im Land an Rhein und Main die Zufriedenheitswerte mit der Landesregierung dermassen hoch. Allerdings ist nicht mit einem grünen Ministerpräsidenten in Wiesbaden zu rechnen, da sowohl die Christdemokraten als auch die Sozialdemokraten noch wesentlich besser dastehen dürften als etwa im benachbarten Baden-Württemberg. Nicht auszuschliessen ist eine GroKo: Die beiden Parteien sind nicht dermassen zerstritten wie die CSU und SPD in Bayern. Auch eine Rot-Rot-Grüne-Koalition wäre machbar, doch dürfte es hierbei wohl knapp mit der Mehrheit werden. Deshalb ist diese Variante sicherlich die Unwahrschein-lichste. Volker Bouffler ist seit 2010 Regierungschef. Auch sein Vorgänger Roland Koch wurde von den Christdemokraten gestellt. Dann folgten seit 1948 fast ausschliesslich SPD-Ministerpräsidenten wie Hans Eichel oder Holger Börner. Nur zwischen diesen beiden hatte sich von 1987 bis 1991 Walter Wallmann von der CDU reingeschummelt.
Obgleich in Hesssen kein derartiger Umbruch wie in Bayern zu erwarten ist, sollten sich die Verantwortlichen dennoch Gedanken darüber machen, weshalb die AfD mit einem solchen Ergebnis in den Landtag einziehen wird. Brachte es doch der Frankfurter Stadtverordnete der AfD, Horst Reschke (ein pensionierter Polizist), schon im Mai 2016 während der Debatte über den Nachtragshaushalt im Römer auf den Punkt:

“Es waren nicht wir von der AfD oder sonstige Nazis!”

Lesetipps:

.) Bayerische Geschichte. Staat und Volk, Kunst und Kultur; Benno Hubensteiner; Süddeutscher Verlag 2013
.) Total alles über Bayern / The Complete Bavaria; Martin Wittmann; Folio Verlag 2014
.) Bayerns Weg in die Gegenwart. Vom Stammesherzogtum zum Freistaat heute; Peter Claus Hartmann; Pustet 2004
.) Wirtschaftsgeschichte Bayerns, 19. und 20. Jahrhundert; Dirk Götschmann; Pustet 2010
.) Die Geschichte Hessens: Von den Neandertalern bis zur schwarz-grünen Koalition; Hans Sarkowicz/Heiner Boehncke; Verlagshaus Römerweg 2017

Links:

- www.bayern.de
- www.hessen.de
- wahlrecht.de
- www.bayern.landtag.de
- hessischer-landtag.de
- www.csu.de
- bayernspd.de
- www.gruene-bayern.de
- www.afdbayern.de
- www.stmwi.bayern.de
- www.hdbg.de
- www.cduhessen.de
- www.spd-hessen.de
- www.gruene-hessen.de
- www.afd-hessen.org
- www.infratest-dimap.de
- www.forsa.de

No Comments »

Grosswildjagd – der zweifelhafte Weidmann


“Es ist völlig absurd, dass Wilderei als Vebrechen geahndet wird und trotzdem ganz legal jede Menge Jagdtrophäen von streng geschützten Tieren nach Deutschland importiert werden dürfen!”

(Steffi Lemke, naturschutzpolitische Sprecherin der Grünen)

In letzter Zeit tauchen wieder vermehrt ekelerregende Trophäenbilder von Menschen in den Social Medias auf, die kurz zuvor ein Tier erlegt haben. Allerdings nicht irgendein Tier, sondern einen Löwen, einen Elefanten, ein Nashorn, einen Leoparden – Grosswild! Gerade erhielt ich eine Mail mit der Bitte, eine Petition zu unterschreiben, mit der ein Massenabschuss von Flusspferden in Sambia verhindert werden soll.

https://www.regenwald.org/petitionen/1149/massentoetung-von-hippos-verhindern?t=4389

Angeblich habe deren Population dermaßen zugenommen, dass sie zurückgetrimmt werden soll – 2.000 Tiere innerhalb von fünf Jahren im Tal Luangwa werden das wohl mit ihrem Leben bezahlen. Fragt man sich, weshalb es die dortigen Behörden nicht selbst schon erledigt haben und ein Abschuss satte 14.000,- US-Dollar kostet (inkl. Safari)! Die dortige Regierung hat die Aktion zwar bestätigt, betont aber, dass pro Jahr maximal 250 Tiere geschossen werden dürfen. Meine mathematischen Fähigkeiten reichen leider nicht soweit, dass ich hier einen Zusammen-hang zwischen den Zahlen herstellen kann. Ausserdem wurde ein Nachweis für eine Überpopulation bisher nicht erbracht. Es geht also einmal mehr darum, zahlungskräftige Touristen anzulocken. Und damit die anderen Touristen nicht verschreckt werden, wird die biologische Notwendigkeit in’s Spiel gebracht. Dabei scheinen die Veranstalter jedoch komplett vergessen zu haben, dass nach dem Washingtoner Artenschutz-konferenz (CITES Anhang I – vom Aussterben bedroht/Anhang II – gefährdet) das Hippopotamus amphibius (Großflusspferd) als gefährdet und das Hexaprotodon liberiensis (Zwergflusspferd) als stark gefährdet eingestuft sind. Auch die Republik Sambia hat dieses Abkommen unterzeichnet – nur bei zwei Krokodilarten hatten deren Vertreter Einspruch erhoben. Zum Artenschutzabkommen gibt’s etwas später ausführliche Informationen.
Mittels derartiger Massnahmen soll also erneut durch den Geltungswahn einiger Reichen eine Tierart nahezu ausgerottet werden, die sicherlich ansonsten überleben würde. Übrigens: Nicht der erste Versuch: 2016 musste ein solcher Plan nach starkem internationalen Protest fallen-gelassen werden. Weltweit leben derzeit noch rund 125.000 bis 140.000 Grossflusspferde und nurmehr 2.000 bis 3.000 Zwergflusspferde.

“Die Trophäenjagd ist unnötig und weder im Interesse des einzelnen Tieres noch der gesamten Art.”
(Ainsley Hay, Südafrikanische Gesellschaft zur Verhinderung von Tierquälerei)

Es ist erschreckend zu sehen, wie einfach es ist, sogar einen Tiger- oder Nashornabschuss zu buchen. Geht alles online – nur eine Frage des Geldes. Mit einem Click fand ich offenbar einen Grossanbieter. So ist die Jagd auf Antilopen und Zebras bei diesem mit 2.050,- € während eines achttägigen Jagdaufenthaltes ein richtiggehendes Schnäppchen. Und eine Begleitperson ohne Gewehr ist bei der Safari sogar kostenlos dabei. Etwas teurer ist mit 4.500 € die Giraffe oder mit 11.395,- € (inkl. sieben Tage) der Elephant. Der Löwe kostet 25.000,- € (inkl. zehn Tage). Wahre Liebhaber, wie jener US-Zahnarzt, der den weltweit bekannten Löwen Cecil mit Pfeil und Bogen jagte, oder der Berliner Jäger, der den letzten grossen Elefantenbullen in Simbabwe niederschoss (alleine seine Stosszähne wogen 109 kg), zahlen selbstverständlich auch gerne ein kleines bisschen mehr! Der Amerikaner beispielsweise 45.000,- Euro! Fakt ist, dass jährlich mehr als 100.000 Wildtiere von rund 18.000 Grosswildjägern erlegt werden. Während der eine seinen Kick bei der Braunbärjagd sucht, mag es der andere doch lieber bei den schnellen Geparden. Und wie die Statistik beweist, schiessen Deutsche ganz vorne mit: Alleine 2017 wurde die Einfuhr von Trophäen von nicht weniger als 615 Tieren durch Genehmigungen des Bundesamts für Naturschutz (BfN) erlaubt. Darunter auch Nashörner, Elefanten und Leoparden. Nur in den USA und Spanien waren es noch mehr. Nachzuweisen ist lediglich, dass es ein Privatabschuss, kein kommerzieller war und dass die Jagd “nachhaltig” sowie legal stattfand. Ähm – wie bitte? Wie kann der Abschuss des letzten Bullens nachweislich dem Erhalt der Rasse dienen? Auch wenn kontrollierte Abschüsse von so manchen gutgeheissen werden, bleiben alsdann die vielen nicht legalen Abschüsse, die Wildereien. So wurde die Elefantenpopulation (zahlenmässig bestätigt!) im vergangenen Jahr um ein Drittel nach unten reduziert! Erst wenn die Tiere zu einer Landplage werden (wie in Australien die Wildkaninchen, da die natürlichen Feinde fehlen) oder dem Menschen gefährlich werden ( zum Beispiel die Menschenkiller unter den Tigern) sind solche Pseudoausreden gerechtfertigt. Ansonsten sind und bleiben sie eine Geldmacherei auf Kosten der Tiere und damit der Umwelt.
Alljährlich zeigt es die Jagdmesse “Jagd & Hund” in Dortmund in aller Tragik auf: Spezialisierte Reiseveranstalter lassen keinen Wunsch offen, wenn es darum geht, ihre Kunden zufrieden zu stellen. Die “Big Five” Steppenelephant, Spitzmaulnashorn, Büffel, Löwe und Leopard sozusagen auf dem goldenen Tablett. Internationale Jagdverbände vergeben sogar Medaillen für die grössten Abschüsse. Dadurch werden nicht etwa die kranken oder alten Tiere erschossen, sondern die grössten und kräftigsten, die zum Erhalt der Art immens wichtig sind. Steht plötzlich eine Herde oder ein Rudel ohne Anführer da, kann dies schlimme Folgen haben. Den “Infantizid” beispielsweise. Wird das mächtgsten Männchen abgeschossen, übernimmt dessen Position ein Jungtier. Das aber tötet den kompletten Nachwuchs seines Vorgängers. Bei Löwen und Bären gang und gebe. Somit hat der Jäger mit einem Bullen-Abschuss nicht nur ein Tier, sondern viele auf dem Gewissen.
Im Mai 2017 gelangte eine Gruppe von Jagdtouristen “während eines Spazierganges” in eine kleine Herde trächtiger Elefantenkühe. Es ist bekannt, dass Elefanten beim Schutz ihres Nachwuchses sehr gefährlich werden können. Drei Tiere wurden geschossen. Die vierte Kuh griff angeblich die Jagdgemeinschaft an. Auch sie wurde geschossen, begrub aber den Jagdführer Theunis Botha beim Fall unter sich – er wurde zerquetscht. Der Vorfall ereignete sich in einem Wildschutzgebiet in Simbabwe! So hart das nun vielleicht für sie klingen mag: Ich weine ihm keine Träne nach!
Dabei wäre es doch so einfach – andere Staaten sind hier um Meilen voraus: Frankreich belegte die Einfuhr von Löwen-Trophäen bereits im Jahr 2015 mit einem grundsätzlichen Verbot, die Niederlanden folgten ein Jahr später mit einem Einfuhrverbot von Trophäen jeglicher geschützten Art. Ähnliches auch in Australien. Kenia und Botswana haben die Grosswildjagd gänzlichst verboten.
Auch Prominente setzen sich inzwischen gegen den Abschuss in der Savanne ein:

“Since the reason to bring a trophy back is to show off to other people how ‘manly’ and ‘exciting’ you are, banning trophies would immediately remove this disgusting motive.”
(John Cleese)

Auf der Jagd nach dem grossen Geld kennen die verantwortlichen Politiker und Beamten vorort keine Hemmnis. 2017 waren auf dem afrikanischen Kontinent nicht weniger als 1.028 Elefanten zum Abschuss freigegeben; in Namibia offenbar bis zum letzten Exemplar. 20.000 Löwen leben noch in freier Wildnis. Tendenz: Sinkend!
Immer wieder verweisen die Befürworter der Grosswildjagd auf das Geld, das der ansonsten armen Bevölkerung zugute kommt. Eine Studie der Weltnaturschutzunion IUCN beweist das Gegenteil. Jene Bevölkerung, die an derartigen Jagd-Safaris beteiligt ist, erhält alsdann im Durchschnitt 0,3 US-Dollar pro Person. Jährlich! Wahre Wohltäter also, diese Reichen und Reiseveranstalter. Oftmals finden die Jagden auf Privatgelände statt, sodass die arme Bevölkerung so oder so durch die Finger schaut.

https://www.youtube.com/watch?v=ijeFe9OVUKI

Besonders erschreckend und verurteilenswert ist meines Erachtens der Abschuss eigens herangezogener Tiere, die den Kontakt zum Menschen gewohnt sind und oftmals unbedarft zahm auf ihre Henker zumarschieren. Vor allem Löwen werden auf Löwenfarmen herange-züchtet (“canned lions”) und meist erst kurz vor der Jagd in die Wildnis entlassen. Bei der Fütterung erfolgt dann der Abschuss! Ist das weidmännisch und somit auch ethisch vertretbar? Derzeit warten etwa 6000 Tiere alleine in Südafrika in derartigen Farmen auf ihren grossen, aber auch letzten ungleichen Auftritt in der Arena.
Anders hingegen die Situation bei den Fotosafaris. Das haben besonders Kenia und Botswana erkannt. Kenia erwirtschaftet jedes Jahr eine runde Milliarde Dollar aus Fotosafaris – bei Jagdsafaris wären es 30 Millionen. Zigtausende Arbeitsplätze werden dadurch gehalten. Doch – was soll fotografiert werden, wenn es keine Nashörner, keine Elephanten und Löwen mehr gibt? Korruption, Missbrauch von Gesetzen und die Gier nach der grössten Trophäe lassen die Jäger und die Wilderer dabei keinerlei Grenzen kennen. Bei letzteren kommt leider noch die nicht enden wollende asiatische Nachfrage nach dem Horn der Elephanten und Nashörner hinzu. So werden alsdann auch in Nationalparks Tiere geschossen. Der Löwe Cecil etwa trug als Teil eines Forschungsprojektes der Universität Oxford einen GPS-Sender und befand sich zum Zeitpunkt seiner Verwundung durch den Pfeil des Zahnarztes im Hwange-Nationalpark in Simbabwe. Erst 40 Stunden später wurde das blutende Tier gefunden und getötet. Die begehrtesten “Safari Areas” für Grosswild-jäger sind die privaten Rinderfarmen in Südafrika und Namibia (“Privat conservancies”), gefolgt vom “Communal Land” in Sambia, Simbabwe und Tansania. In anderen Ländern ist es weitaus schwerer an Abschuss-lizenzen zu kommen, doch mit dem nötigen Geldschein auch hier nicht unmöglich. Die privaten Ländereien sind meist von unüberwindbaren hohen Zäunen umgeben, sodass dem Wild nicht mal die Möglichkeit der Flucht geboten wird (“Gatterjagd”). Bei solchen verachtenswürdigen Jagden werden auch immer öfter aufgezogene oder eingekaufte Tiere geschossen. Heiss begehrt sind derzeit die Spezialzüchtungen: Weisse Löwen etwa oder goldenfarbene Gnus.

“Unsere Kunden kommen, um ein afrikanisches Abenteuer zu erleben, von dem sie lange geträumt haben!”
(Stan Burger, Mitglied des südafrikanischen Berufsjägerverbandes PHASA)

Reiseveranstalter ködern Interessenten mit einem “einmaligen Erlebnis” und nicht für jederman geeignet, da im Umgang mit einer speziellen Büchse, mit eigens hierfür produzierter Munition (wie dem SuperPenetrator von Dr. Norbert Hansen) und schliesslich mit Schüssen auf kurze Distanz (in der Leopardenjagd beispielsweise). Wer will heutzutage schon jederman sein!? Und bei den Elefanten werden offiziell ohnedies nur Lizenzen für alte, grosse Tiere vergeben, die kurz vor ihrem natürlichen Tod noch etwas Geld in den Naturschutz bringen sollen. Zudem soll das Fleisch der erlegten Tiere noch im Rahmen eines grossen Dorffestes zerlegt und verspeist werden! Unwahrheiten, die immer wieder durch entsprechende Bilder widerlegt werden.
Nur ganz wenige Jagdgebiete bieten eine tatsächlich “nachhaltige Jagd” an – eines davon ist der Etosha-Nationalpark in Namibia. Die hier praktizierte, kontrollierte Quotenregelung wird seit dem Dezember 1988 durch eine Spezialeinheit überwacht, die mit kriminellen Wildererbanden kurzen Prozess macht. Das Geld, das durch den Abschuss reinkommt, bleibt bei der Bevölkerung, die dadurch selbst daran interessiert ist, dieses bewährte System auch künftig beibehalten zu können. Nur aufgrund dieser Massnahmen konnte beispielsweise die Zahl der Spitzmaulnashörner erhöht und die Tiere möglicherweise vor dem Aussterben bewahrt werden. Der Abschuss eines solchen Exemplars kostet ansonsten bis zu 280.000,- €! Die Erfahrungen zeigen zudem, dass solche kontrollierte und zertifizierte Abschüsse (“Weidgerechtigkeit”) durchaus im Sinne vieler Grosswildjäger wären. Würden sie denn auch angeboten!

“Die Ressource Wild hat durch die Bejagung einen Wert, und das schafft Anreize, das Wild zu schützen!”

(Klaus Hackländer, Institut für Wildtiermanagement der Uni Wien)

Jagdverbote, wie in Kenia oder Tansania, führten zu einer Ausweitung des Acker- und vor allem Weidelandes für die Rinderzucht, was wiederum verantwortlich war für den Rückgang der Wildtierpopulationen, da der Boden zu stark ausgebeutet wurde.

https://www.youtube.com/watch?v=LIow2-dmVDo

Grosswildjäger (ausser jene, die ethisch korrekt jagen) sind beileibe keine Wohltäter, die ganze Dörfer vor dem Verhungern retten und Geld für den Wildschutz einspielen. Sie töten für den eigenen Adrenalinspiegel, zur Befriedigung des Egos, zum Beweis, wie grossartig und mutig sie sind (Trophäe). Erst ein grundsätzliches Einfuhrverbot der Jagdtrophäen aus nicht zertifizierten Abschüssen kann dieses mafiöse System stoppen. Schliesslich ist ein Grosswildjäger ohne Jagdtrophäe vergleichbar mit einem Politiker ohne Verdienstkreuz oder sonstigem Ordenszeugs! Diese Nachweise werden aber zumeist auch bei Einzel-Einfuhrgenehmigungen nicht kontrolliert.
Neue Projekte vorort, wie jenes im Etosha-Nationalpark, sollen der Bevölkerung aufzeigen, dass ein Grosstiermanagement durchaus funktionieren und jeder Einzelne durch beispielsweise der Schaffung von Arbeitsplätzen am Umweltschutz verdienen kann. Bei den meisten Jagdsafaris aber streifen nur die Veranstalter das Geld ein.

“Es ist ein Geschäft, das sich weit über den Köpfen jener abspielt, die sich nicht einmal ein Stück Land kaufen können, um dort Ackerbau zu betreiben!”
(Joseph Maramba, Journalist aus Simbabwe)

Steht nun eine Tierart auf der sog. “Roten Liste” (CITES Anhang I und II) des Washingtoner Artenschutzabkommen, so ist der Handel mit Trophäen oder anderen Körperteilen verboten. Der Zoll aller Einfuhrländer ist hier angehalten, derartige “Produkte” zu beschlagnahmen und Anzeige zu erstatten, sofern keine Einfuhrgenehmigung des Bestimmungslandes und Abschussgenehmigung des Ursprunglandes vorliegt. Die US-amerikanische Regierung unter Donald Trump allerdings hatte 2017 ein solches Einfuhrverbot für Elephantentrophäen aufgehoben, nachdem zwei Söhne des Präsidenten selbst gerne zur Jagdsafari auf den afrikanischen Kontinent fliegen. Diese Aufhebung des Importverbotes galt allerdings tatsächlich nur einen Tag – weltweite Proteststürme veranlassten Trump dazu, seine Entscheidung wieder zurückzunehmen. Schliesslich wäre dadurch der offizielle Import von Elfenbein in die USA genehmigt worden.

Filmtipps:

.) Safari – Der Preis fürs Töten; Die Veguerilla; ORF Weltjournal
.) Safari; Regie: Ulrich Seidl

Lesetipps:

.) Auf den Fährten der Big Five: Drei Jahrzehnte Jagd in Afrika; Rolf D. Baldus; Franckh Kosmos Verlag 2008
.) Wildlife – Ein Leben für die Elefanten; Richard Leakey; S. Fischer 2002
.) Grosswildjagd im alten Afrika – Das Leben des Wildhüters Brian Nicholson; Brian Nicholson; Neumann-Neudamm 2017
.) Abenteuer Großwildjagd. Packende Erlebnisse in Steppe, Berg und Dschungel; Hrsg.: Franz. Kurowski; Arena Verlag GmbH 1986

Links:

- www.ifaw.org
- www.prowildlife.de
- lionaid.org
- www.traffic.org
- www.regenwald.org
- www.wwf.at
- www.bfn.de/
- www.grosswildjagd.de/
- huntexperts.com

No Comments »

Ist bald Schluss???

“Zeige mir einen Wissenschaftler, der behauptet, es gebe kein Bevölkerungsproblem, und ich zeige dir einen Idioten.”
(Paul Ehrlich)

Steht die Erde unmitelbar vor ihrem 6. globalen Massensterben? Dieser Frage möchte ich heute nachgehen – Anlass hierzu liefert ein Interview des renommierten emeritierten Stanford-Professors Paul Ehrlich in der britischen Zeitung “The Guardian”.
All jene unter ihnen, die ihn kennen, werden sagen: Na ja – der Biologe hat für die 70er- und 80er-Jahre ähnliches vorausgesagt, das dann nicht so eingetroffen ist. Doch dieses Mal geht Ehrlich seine Überlegungen von einer anderen Perspektive aus an: Der Chemiekeule! Dazu mehr etwas später. Dass aber derartige Theorien durchaus ernst zu nehmen sind und zumindest etwas geändert werden sollte, dürfte klar sein. Denn: Das berühmte “5 vor 12″ ist schon längst überschritten. Das werde ich im Folgenden aufzeigen.
Der letzte Kollaps liegt rund 750 Millionen Jahre zurück. Der Grund dafür war die Teilung des riesigen Kontinents Rodinia. Zugleich erreichte die Konzentration an Kohlendioxid seinen historischen Tiefststand. Es fand also der gegenteilige Effekt des Treibhauses statt: Die Vereisung, da die auf den Planeten aufteffende Strahlung nahezu ungehindert wieder in’s Weltall reflektiert wurde. Gletscher bedeckten einen Grossteil des Planeten. Verantwortlich dafür war das Basaltgestein, das durch dieses tektonische Auseinanderbrechen der riesigen Landmassen freigesetzt wurde. Es verwitterte und entzog dadurch der Atmosphäre das CO2. Zuvor herrschte ein extrem trockenes Klima auf diesem Superkontinent. Nach der Trennung ergossen sich allerdings die Fluten über den Planeten. Nach Berechnungen des “Centre national de la recherche scientifique” reichten damals durchschnittlich knapp mehr als 8 Grad Celsius weniger, um diese eiszeitliche Katastrophe auszulösen. Jetzt bekommen Sie auch einen Anhaltspunkt, was die immer wieder erwähnten “2 Grad mehr” für die Zukunft bedeuten werden.

“Während einige in der Gesellschaft darauf hinweisen, dass wir auf einen Kollaps zusteuern und grundlegende Veränderungen einfordern, um das Schlimmste zu verhindern, sind es die Eliten, die genau diese Veränderungen verhindern.”
(Studie der NASA)

Der Biologe Paul Ehrlich nun hat gemeinsam mit seiner Frau Anne vor 50 Jahren den Bestseller “Die Bevölkerungsbombe” auf den Büchermarkt gebracht. Dort prognostizierte er für die 70er und 80er-Jahre des vorhergehenden Jahrhunderts gewaltige Hungerkatastrophen mit hunderten Millionen Todesopfern. Auslöser dafür sollte vornehmlich die Überbevölkerung des Planeten aber auch der grenzenlose Konsum sein. Ehrlich könnte Recht gehabt haben, doch bezog er einige Parameter in seine Theorie nicht ein. Die “grüne Revolution” beispielsweise. Dieser Fachbegriff beschreibt den Anstieg der Nahrungsmittelproduktion durch den Einsatz von Agrarchemikalien, wie dem synthetischen Kunstdünger, und der Entwicklung ertragreicher Getreidesorten. Dennoch: In den Jahren zwischen 1968 und 2010 verhungerten 300 Millionen Menschen!
Diese daraus hervorgegangene Intensivlandwirtschaft jedoch hat auch seine Nachteile, die der heute 85-jährige kürzlich in diesem Interview offenbarte. Die eingesetzten Chemikalien haben unseren Planeten vergiftet!

“Es gibt Anzeichen dafür, dass die Gifte die Intelligenz von Kindern verringern!”
(Paul Ehrlich, Professor an der Stanford University)

Auch damit hat Ehrlich nicht so ganz unrecht. Betrachtet man sich das in vielen Nahrungsmitteln inzwischen nachgewiesene Glyphosat und die angebliche interne Mail des Monsanto-Konzerns, wonach das Mittel entgegen vorher veröffentlichter Untersuchungsergebnisse doch die Entstehung von Krebs begünstige, so ist es nurmehr eine Frage der Zeit, wann sich die Menschheit selbst ausgerottet hat. Durch die Hunger-katastrophen und die Klimaänderung wird dies noch beschleunigt. Allerdings, so Ehrlich, werden die meisten dumm sterben. Viele der eingesetzten Chemikalien beeinflussen die menschliche Intelligenz. Negativ! So verwies der emeritierte Professor auf den republikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 und die anschliessende “Kakistokratie” – die Herrschaft der Schlechtesten!
Die beiden Neurowissenschafter Philippe Grandjean (Universität von Süddänemark in Odense) und Philip Landrigan (Harvard University) haben nachgewiesen, dass mindestens elf Chemikalien bei bereits früher Belastung zu Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern führen können. Darunter sind mehrere Pestizide und Lösungs-mittel, aber auch Produkte, die Blei, Mangan, Quecksilber und Fluor- bzw. Chlorverbindungen beinhalten. Grandjean und Landrigan betonen, dass bereits jedes zehnte Kind von Geburt an eine Entwicklungs- oder Verhaltensstörung wie Autismus, Hyperaktivität, geistige Defizite aufweist und zudem später beispielsweise eine wesentlich höhere Aggressions-stufe hinzukommen kann. Dabei sind aber nur 30 bis max. 40 % durch genetische Defekte verursacht. Bei den restlichen müssten viele bereits im Mutterleib mit solcherlei Neurotoxinen in Kontakt gekommen sein. Das sich entwickelnde Gehirn ist gerade beim ungeborenen Kind besonders empfindlich. Durch die Versorgung mit mütterlichem Blut werden derartige Gifte direkt übertragen. So konnten im Jahr 2006 im Rahmen einer Überblicksstudie mehr als 200 Chemikalien aus dem Nabelschnurblut herausgefiltert werden. Darunter das vorhin bereits angesprochene Blei und Quecksilber, aber auch Arsen, polychlorierte Biphenyle sowie das Lösungsmittel Toluol. Sind auch solche Vergiftungen nicht unmittelbar feststellbar, so führen sie zu grossen Problemen im Sozialverhalten, motorischen Störungen, eine geringere geistige Leistungsfähigkeit und möglicherweise zu einem kleineren Hirnvolumen. Andere Studien aus Kanada und Bangladesch zeigten unmittelbare Auswirkungen von Mangan auf die mathematischen Fähigkeiten und einer Hyperaktivität der Kinder auf, in Frankreich und den USA Tetrachlorethylen auf aggressives Verhalten, Hyperaktivität und psychische Erkrankungen. Bei drei weiteren Untersuchungen wurden Auswirkungen von Organophosphat-Pestiziden auf den Kopfumfang und Defizite in der geistigen und sozialen Entwicklung bestätigt. Sicherlich stehen auch schlechtere schulische Leistungen, Konzentrations-schwierigkeiten und eine verlangsamte Entwicklung in Korrelation mit Chemikalien – das jedoch ist derzeit noch nicht wissenschaftlich untermauert. Schäden, die das Kind durch eines oder mehrere dieser derzeit 214 Neurotoxine, die zumeist in grossen Mengen ausgebracht werden, aufweist, bleiben ein Leben lang bestehen. Volkswirtschaftler schätzen etwa die IQ-Einbussen in der EU nur aufgrund der Quecksilberbelastung auf jährlich 600.000 IQ-Punkte – ein ökonomischer Schaden von zirka zehn Milliarden Euro – ebenfalls pro Jahr! Und dieses Problem besteht nicht erst seit den letzten Jahren, da in den 70er Jahren mit dem Verbot des Pestizids DDT, das im Verdacht stand, bei Säugetieren Krebs zu erregen, beispielsweise fieberhaft nach neuen Mitteln gesucht wurde. Und die Babies dieser damaligen Zeit sind die Erwachsenen von heute!
Neben solchen neurotoxischen Pestiziden werden auch Herbizide, Fungizide, Düngemittel, Wachstumsregulatoren, Vorratsschutzmittel etc. in grossen Mengen auf die Felder und Äcker gesprüht. Wir atmen somit – v.a. im Umkreis von Ackerflächen – mit jedem Atemzug auch Giftstoffe ein, die der Körper (wenn überhaupt) nur sehr schwer abbauen und ausscheiden kann. Das Augenmerk gilt dabei vornehmlich den Insektiziden, die zwar auf ihren unmittelbaren Schaden bei Säugetieren, nicht jedoch auf pränatale oder schleichende Negativwirkungen hin überprüft sind. Ergo: Professor Ehrlich hat durchaus recht mit seiner Annahme, dass wir zuerst dumm werden und dann sterben.

“Wir müssen weg von der irrigen Annahme, nach der neue Chemikalien und Technologien solange als ungefährlich gelten, bis das Gegenteil nachgewiesen wird.”
(Grandjean/Landrigan)

Zudem nehmen wir Giftstoffe auch über die Nahrung auf. So wurde beispielsweise Glyphosat bereits im Trinkwasser so mancher Region entdeckt. In einer Untersuchung des eidgenössischen Bundesamtes für Gesundheit aus dem Jahr 2013 wird darauf verwiesen, dass 92 % aller Giftstoffe über Nahrungsmittel tierischen Ursprungs aufgenommen werden (Milchprodukte beispielsweise 54%). Diese Gifte (“persistente Umweltschadstoffe”) werden auch noch eine ganze zeitlang in der Nahrungskette bleiben. Schliesslich sind sie weiterhin im Boden oder Tierkörper, auch wenn eine spontane Absetzung erfolgt ist. Dennoch sollten alle Anstrengungen unternommen werden, langfristig auf derartige Chemikalien zu verzichten.
Wer nun denken sollte: “Na ja – dann bekommen die Kleinen eben Fisch!”, macht genau einen Schritt in die falsche Richtung. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Granada/Spanien. Die Studienleiter haben einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem vermehrten Konsum von Meeresfischen und der geistigen Leistungsfähigkeit bei Vorschulkindern im Alter von vier Jahren festgestellt. In den Haaren der Kinder wurden teils unwahrscheinlich hohe Quecksilberkonzentrationen nachgewiesen. Das wirkte sich v.a. bei den Gedächtnisleistungen und dem sprachlichen Ausdrucksvermögen aus. Diese Untersuchungen wurden durch die Kollegen von der Universität Barcelona untermauert. Kinder mit viermaligem Fischkonsum pro Woche enthielten wesentlich höhere Quecksilberkonzentrationen in den Haaren. Das gilt übrigens auch für Neugeborene, deren Mütter während der Schwangerschaft viel Fisch aßen. Die deutsche Meeresstiftung veröffentlichte kürzlichst eine Untersuchung, wonach in den Meeren rund um Europa nicht weniger als 114.000 Tonnen atomarer Müll in teilweise bereits verrosteten Fässern lagern. Die Meere müssen immer mehr als Müllkippe herhalten. Durch die Fische gelangen schliesslich diese Schadstoffe auch wieder auf den Mittagstisch.

“Kurz gefasst, bisher wurde noch nichts wirklich Relevantes unternommen, um das Schlimmste zu verhindern!”
(Arne Mooers, Professor für Biodiversität Simon Fraser Universität/Kanada)

Was bleibt also zu tun? Sofortiges Verbot von Agrarchemikalien, Rückkehr zur nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion und Kontrolle des Bevölkerungswachstums. Durch das Verbot von Fluorchlorkohlen-wasserstoffen (FCKW) als Kühlmittel beispielsweise ging das Loch in der vor gefährlichen Strahlung schützenden Ozonschicht auf das Niveu von 1988 zurück. Lobend erwähnt werden muss auch das Verbot von drei Insektiziden durch die EU (spät aber doch noch). Sie beinhalten Neonicotinoide, die v.a. für das grosse Bienensterben verantwortlich sind. Es gibt viele Alternativen zu Agrarchemikalien, die jeder im Garten verwenden kann: Kaffee etwa ist ein Supermittel. In Blumenbeeten ausgebrachter, gebrauchter Kaffeesatz hält Schnecken fern. In Buchsbäumen gestreut, ist er auch ein probates Mittel gegen den Buchsbaumzünsler. Und schliesslich ist Kaffee ein perfekter Dünger. Alleine durch etwas, das ansonsten weggeworfen wird, können drei unterschiedliche Chemikalien ersetzt werden!!!
Die Erde ist eigentlich auf zwei Milliarden Menschen ausgelegt. Derzeit sind es bereits 7,6 Milliarden! Und jährlich kommen mehr als 78 Millionen hinzu. 2050 werden somit 9,7 Milliarden Menschen auf dem Globus leben, 2100 gar 11,2 (Zahlen: Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen). Ehrlich spricht in diesem Zusammenhang von “andauerndem Wachstum als Merkmal von Krebszellen”! Er verfolgt auch hier einen sehr interessanten Ansatz: Bildung und Gleichberechtigung der Frauen weltweit – sie sind keine “Geburtsmaschinen”, die durch möglichst viel Nachwuchs die Zukunft der Familie sichern sollen. Zugang zu modernen Verhütungsmitteln in den Entwicklungsländern sowie eine grossflächige Umverteilung des Reichtums. Durch den exzessiven Konsum der Industriestaaten werden die Dritte Welt und die Schwellenländer immer mehr ausgebeutet.

“Der Mensch ist gemacht aus Wasser, Erde und Luft. Wenn er aufhört, die Elemente zu achten, vergiftet und tötet er schließlich sich selbst.”
(Indianische Weisheit)

Dieses 6. Globale Massensterben ist somit durch den Menschen gemacht. Jene zuvor war die natürliche Kontrolle der Erde durch Vulkanausbruch, Eiszeit oder auch einen Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren. Das Sterben hat bereits bei den Insekten begonnen. Auch verschwinden nach und nach ganze Pflanzenpopulationen. Die Klimaerwärmung vernichtet zudem komplette Ernten. Auch mit dem Ziel von +2 Grad Celsius sind alsdann ganze Regionen ernährungstechnisch bedroht: Afrika und Südamerika werden von Dürrekatastrophen heimgesucht, Asien droht in den Fluten unterzugehen. Hitzephasen werden auch Europa in die Knie zwingen.
Ehrlich bezeichnet den Weltwirtschaftsgipfel in Davos als “Treffen der Weltzerstörer”! In seinen Ansichten wird der Professor von nicht weniger als 15.364 Wissenschaftlern/-innen aus 184 Ländern unterstützt, die im vorigen Jahr einen Brandbrief unterschrieben (“Warnung an die Menschheit”). Ein erster Versuch im Jahr 1992 mit 1.700 unter-zeichnenden Wissenschaftler (darunter viele Nobelpreisträger) blieb nahezu ungehört!

“Schon bald wird es zu spät sein, den falschen Kurs zu korrigieren.”
(Brandbrief der Wissenschaft unter Federführung von William Ripple, Professor für Ökologie an der Oregon State University)

Demnach steht die Erde unmittelbar vor einer ökologischen Katastrophe. Die Weltbevölkerung ist innerhalb von nur 25 Jahren um 2 Milliarden Menschen angestiegen. Der Ressourcenverbrauch ist immens. Es muss dringendst etwas gegen die Klimaveränderungen, die Entwaldung, das Artensterben und die Todeszonen in den Ozeanen unternommen und der Zugang zu Süsswasser für alle gesichert werden. Während beispielsweise das Süsswasser in den letzten 25 Jahren um 26 % abgenommen hat, nahmen die Todeszonen in den Meeren, die für jedwedes Leben zu heiss, sauerstoffarm oder zu giftig sind, um 75 % zu. Die meisten Wasserquellen haben ihren Ursprung im Wald – 121 Millionen Hektar wurden im vergangenen Viertel Jahrhundert abgeholzt! Insekten, Tiere, Amphibien, Vögel, Fische – sie sterben zu Millionen. Das “ökologiche Armageddon” stehe unmittelbar bevor; der kürzlichst verstorbene Stephen Hawking meinte, die Menschheit müsse innerhalb der nächsten 600 Jahre den Planeten verlassen, wenn sie überleben möchte!
Im Oktober dieses Jahres wird der Weltklimarat IPCC eine Studie veröffentlichen, wie der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 1,5 Grad doch noch eingehalten werden könnte. Zwar ging der Weltklimagipfel von Paris wie üblich ohne konkretes Ergebnis zu Ende – allerdings verpflichteten sich die Staaten, Anstrengungen zu unter-nehmen, um diese 1,5 Grad-Grenze einhalten zu können! Sogar China versucht mitzuhalten. Trump und seine USA hingegen fallen wieder in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Auch die anderen rechtspopulistischen Regierungen interessieren sich nicht wirklich für Umwelt- und Klimaschutz. Und derartige Aktionen wie im Hambacher Forst lassen an der Glaubwürdigkeit auch der Merkel’schen Klimaversprechen zweifeln!

“Die Sorge, die ich habe, ist, dass die guten Menschen nicht wirksam genug kooperieren werden. Man muss existierende Parteien und Bürokratien mit an Bord holen, sonst bleibt das alles hier ein Debattierclub.”
(Sonja Puntscher-Riekmann, Professorin für Politische Theorie und Europäische Politik an der Universität Salzburg)

Sollten auch die Ehrlichs erneut nicht recht haben, so müssen dringend Überlegungen angestellt werden, wie den globalen Problemen entgegen zu kommen ist. Viele werden nun sagen: “Nun – an mir liegt’s ja nicht!” Doch! Weil sich das alle denken. Wenn jeder Wasser spart. ist schon viel getan. Den Industriebossen ist es egal, ob die Lebensmittel aufgebraucht oder weggeworfen werden. Hauptsache die Kasse stimmt! Machen Sie sie zu dem, was sie wirklich sind und wie sie heissen: Lebensmittel! Es sind keine Wegwerfmittel! Wer braucht um 18.00 Uhr noch ofenfrisches Brot in den Supermärkten? Kaufen Sie nur so viel ein, wie Sie auch tatsächlich aufbrauchen. Wird weniger konsumiert, geht auch die Produktion zurück – das Gesetz des Marktes (Sie werden es in den nächsten Monaten im Handelskrieg zwischen den USA und China sehen)!

“In den USA leben sie, als hätten wir fünf Planeten. In Europa leben wir, als hätten wir drei Planeten.”
(Graham Maxton, Präsident des Club of Rome)

Und gerade Tieren können Sie unsägliches Leid ersparen. Apropos: Für die “Produktion” eines Kilogramms Rindfleisch sind rund 15.500 l Wasser erforderlich, für die Herstellung einer Jeans 6.000 l! Senken Sie den Fleischkonsum pro Woche, leben Sie nicht nur gesünder, sondern reduzieren auch den Süsswasser-Verbrauch v.a. in Staaten, die auf sauberes Trinkwasser angewiesen sind. Wechseln Sie Ihre Garderobe nicht jedes Jahr, tun Sie auch hier der Umwelt Gutes und ersparen sehr vielen Billigstlöhnern in Fernost ein Leben mit 12-16 Stunden Arbeit pro Tag! Wenn nicht jeder seinen Konsum ändert, wird es keinerlei Veränderungen geben. Forscher appellieren seit geraumer Zeit, eine Konsum-Kehrtwende in der Grössenordnung von 2/3 in der westlichen Welt durchzuziehen. Schon 2025 wird die 50 %-Zerstörungsmarke der kleineren Ökosysteme erreicht sein. Mit Ihnen werden auch die grossen kollabieren, warnt der Biologe Anthony Barnosky von der Universität von Kalifornien! Nach diesem “Point of no return” bedarf es nahezu unmöglicher Massnahmen, noch etwas ausrichten zu können. James Ephraim Lovelock, Mediziner, Biophysiker, Mathematiker und Chemiker an der Oxford University sowie Bestseller-Autor, setzt den Untergangspunkt noch vor das Jahr 2100 – 80 % der Menschheit werden dies nicht überleben. Nicht schleichend – es wird sehr plötzlich kommen. Es sei keine Zeit mehr für Windkraftwerke – die Menschheit solle anfangen, Archen zu bauen, so Lovelock! Sind es schon unsere Töchter und Söhne? Vielleicht unsere Enkel, die durch unser bisheriges, ruinöses Schaffen sterben werden! Während wir noch stolz waren auf die Errungenschaften unserer Eltern und Grosseltern nach dem 2. Weltkrieg, werden uns unsere Nachfahren verfluchen!
Wir haben’s wahrlich weit gebracht!!!

Lesetipps:

.) Die Bevölkerungsbombe; Paul Ehrlich/Anne Ehrlich; Hanser, Carl GmbH + Co. 1982
.) Wir sind dran; Ernst Ulrich von Weizsäcker/Anders Wijkman; Gütersloher Verlagshaus 2017
.) Was verträgt unsere Erde noch?: Wege in die Nachhaltigkeit; Hrsg.: Klaus Wiegandt; FISCHER 2007
.) Grenzen des Wachstums – Das 30-Jahre-Update; Donella H. Meadows/Jørgen Randers/Dennis Meadows; Hirzel 2015
.) Ein Prozent ist genug – Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen; Jørgen Randers/Graeme Maxton; Oekom 2016
.) Was wird aus unserer Umwelt? – Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur; Hans Dietrich Engelhardt; Tectum Verlag 2017
.) BiodiversiTOT – Die globale Artenvielfalt jetzt entdecken, erforschen und erhalten; Vreni Häussermann/Michael Schrödl; Books on Demand 2017
.) Katastrophen der Erdgeschichte – Globales Artensterben; József Pálfy; Schweizerbart’sche 2004
.) Die Weltbevölkerung: Dynamik und Gefahren; Herwig Birg; C.H.Beck 2004
.) Weltbevölkerung: Zu viele, zu wenige, schlecht verteilt?; Hrsg.: Karl Husa; Promedia 2011
.) Wie schnell wächst die Zahl der Menschen?: Weltbevölkerung und weltweite Migration; Hrsg.: Klaus Wiegandt; FISCHER 2007
.) Der Klimawandel im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit; Hannes Fernow; Springer VS 2014

Links:

- mahb.stanford.edu
- www.dsw.org
- www.dge.de
- www.cnrs.fr
- www.bag.admin.ch
- www.cleanenergy-project.de/
- virtuelles-wasser.de
- academic.oup.com/bioscience
- www.sciencedirect.com
- www.thelancet.com
- www.ncbi.nlm.nih.gov
- www.pitt.edu
- www.vulkane.net

No Comments »

Argentinien – das nächste Pulverfass???

“Wir sind in einer Notlage. Vielen Landsleuten wird es nun schlechter gehen.”
(Mauricio Macri, argentinischer Staatspräsident)

Als junger Mensch hatte ich zwei Vorstellungen für mein weiteres Leben: Einerseits eine Schaf-Farm auf Neuseeland mit angeschlossenem deutschsprachigen Radiosender, andererseits eine Rinderfarm in Argen-tinien mit einer Bäckerei für Schwarzbrot! Inzwischen hat sich heraus-gestellt, dass sich wohl beides leider in diesem Leben nicht mehr ganz ausgehen wird. Einerseits schade, andererseits Gott sei Dank, liest man sich die Meldungen aus Südamerika etwas genauer durch. Das wohl europäischste Land Lateinamerikas (90 % der Bevölkerung stammen von europäischen Einwanderern ab) steht wirtschaftlich vor dem Bankrott. Die Landeswährung, der Peso, rattert nach einer katastrophalen Dürre immer weiter in ungeahnte Tiefen – viele Menschen werden in den nächsten Wochen ihr Hab und Gut verlieren. Es brodelt im Land der Gauchos!
Alleine in diesem laufenden Jahr 2018 hat der Peso über 80 % seines Wertes verloren – Experten gehen von einer Inflation von bis zu 30 % aus, die erst im kommenden Jahr wieder auf unter 19 % sinken wird. Ein Euro kostet 44,54 Peso – das ist Negativrekord. Um die Landeswährung zu stützen, wurden Dollarreserven des Landes in Milliardenhöhe verkauft – dies hat inzwischen der IWF untersagt. Die Regierung hatte im Rahmen ihres Sparprogrammes viele Subventionen gestrichen, die noch im letzten Jahr geflossen sind. Das hinterliess tiefe Spuren in der Volkswirtschaft – viele verloren dadurch ihren Job. Das Land hat über 200 Milliarden Euro Schulden im Ausland. Präsident Mauricio Macri suchte bereits im Frühjahr beim Internationalen Währungsfonds um Finanzhilfe an. Im Juni wurden die ersten 15 der bewilligten 50 Milliarden US-Dollar überwiesen, jetzt bat Macri um die vorzeitige Auszahlung der restlichen 35 Milliarden. Ob damit das Ausreichen gefunden werden kann, ist zweifelhaft. Bewertete die Rating-Agentur Fitch noch am 04. Mai 2018 mit B und stabiler Aussicht, so setzten die Kollegen von S&P am 31. August mit B+ und negativer Aussicht nach.
Um das alles jedoch etwas besser verstehen zu können, müssen wir einige Jahrzehnte in der Geschichte des Landes zurückgehen. Argentinien war bis zum Jahr 1816 spanische Kolonie. Der Reichtum des Landes steckt auch in seinem Namen: Silber (lat: Argentum) bzw. Bodenschätze im allgemeinen. Zumindest erwarteten sich die Kolonialherren einen nicht endenden Fluss an Edelmetallen, nachdem sie dermassen viel davon bei den Inkas und Azteken gefunden hatten. Der Rohstoffabbau und die Landwirtschaft machten das achtgrösste Land der Erde auch zu einem der reichsten Staaten mit florierender Wirtschaft und Industrie. Das Zentrum ist im Umland der Hauptstadt Buenos Aires zu finden – hier lebt auch rund ein Drittel der Bevölkerung.
Von all diesem Reichtum aber ist heute leider nurmehr wenig zu spüren. Verantwortlich dafür zeichnet vornehmlich Juan Domingo Perón. Als Minister für Arbeit machte er während des Militärregimes Ramirez grosse Eingeständnisse gegenüber der Gewerkschaften, weshalb er zum Volks-helden avanzierte, der schliesslich 1946 zum Präsidenten gewählt wurde. Geschätzte 180 Nationalsozialisten fanden in Argentinien Unterschlupf, darunter auch Kriegsverbrecher wie Adolf Eichmann, Josef Mengele und Walther Rauff. Sie brachten über sog. “Schlüsselfirmen” enorme Summen des blutigen Nazi-Reichtums nach Argentinien. Perón nun liebäugelte mit dem ebenfalls importierten Nazi-Gedankentum. So vertiefte er die vor dem Zweiten Weltkrieg begonnene Industrialisierung und ersetzte die bisherigen Importe durch heimische Produkte (“Importsubstitution”). Das führte auch in der Bevölkerung zu bislang nie mehr wiedererreichtem Wohlstand, weshalb das Volk seinen Präsidenten vergötterte. Dieser aber zog politisch drastisch die Zügel an und marschierte in Richtung Diktatur. Das wiederum bedingte die immer höher werdende Inflation und parallel dazu die Staatsverschuldung. 1955 schliesslich musste Perón nach einem Putsch in’s Exil flüchten. Es folgte eine Berg- und Talfahrt des Landes, bei der immer wieder auch die Militärs mitspielten. 1973 wurde die Einreise Peróns gestattet, der auch direkt wieder in den Präsidentenpalast zurückkehrte. Am 01. Juli 1974 verstarb der Diktator. Seine dritte Ehefrau Isabel wurde durch die peronistische Partei zur Präsidentin eingesetzt. Die ehemalige Nachtklub-Tänzerin war allerdings vollends damit über-fordert. Sie setzte vornehmlich die Vorstellungen der rechten Peronisten wie etwa José López Rega um. Während dieser Diktatur nahmen auch die wirtschaftlichen Probleme des Landes erneut zu. Hierzu gehörte etwa auch die Flucht internationaler Konzerne nach der Entführung des Mercedes-Managers Heinrich Merz. Das Land wurde immer mehr heruntergewirtschaftet. 1976 putschte erneut das Militär. Die anschliessende Militärdiktatur wurde blutig geführt, es verschwanden Tausende Kritiker. Erst nachdem Argentinien im Falkland-Konflikt gegen Grossbritannien am 14. Juni 1982 den Kürzeren zog und kapitulieren musste, war das Militär derart geschwächt, dass die Demokraten wieder Oberhand gewinnen konnten. Der erste Präsident, Raúl Alfonsín von der Unión Cívica Radical, musste nach sechs jahren aufgrund einer Wirtschaftskrise zurücktreten. Durch eine Privatisierungswelle von Staats-betrieben gingen zigtausende Arbeitsplätze verloren. Danach kamen mit Carlos Menem erneut die Peronisten an die Macht. Er konnte anfänglich die Situation im Land wieder stabilisieren, indem er den Peso 1:1 an den US-Dollar gebunden hatte. Das machte Argentinien aber direkt abhängig von der US-Konjunktur. Schliesslich ging es erneut bergab. 1998 kam es zur nächsten Wirtschaftskrise, die bis 2002 andauern sollte. Eine Mitte-Links-Koalition unter Fernando de la Rua folgte 1999 auf Menem. Doch anstatt die Ärmel hochzukrempeln und gemeinsam den Karren wieder aus dem Schlamm herauszubekommen, gab es Streitereien und eine durch die Peronisten angestachelte ausserparlamentarische Opposition (vornehmlich über die Gewerkschaften). Die Regierung hielt sich deshalb mit Reformen zurück. Staatsanleihen konnten plötzlich nicht mehr bedient werden – Gläubiger verloren bei deren Umtausch nahezu 70 %. Auch in Deutschland und Österreich wurden Prozesse von betroffenen Kleinanlegern geführt (Ende Juli 2014 schliesslich kam die Meldung, daß das Land erneut zahlungsunfähig sei). Im Oktober 2001 waren nach offiziellen Zahlen 18,3 % der Bevölkerung ohne Arbeit. De la Rua musste nach Unruhen und Plünderungen Ende 2001 zurücktreten.

https://www.youtube.com/watch?v=OqQpMDc9qoA

Es folgten einmal mehr die Peronisten. Eduardo Duhalde erklärte kurz darauf den Staatsbankrott. Dessen Nachfolger, der sozialdemokratisch orientierte Néstor Kirchner, konnte durch die Einbindung der Basis-organisationen wie etwa den Menschenrechtsorganisationen und den inzwischen organisierten Arbeitslosen den sozialen Frieden wieder herstellen und kurzfristig sogar wirtschaftliche Verbesserungen erzielen. Er sorgte im Jahr 2003 für ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt (+8,9 im Vergleich zu -10,9 im Jahr 2002) – allerdings nur aufgrund von massiven Zahlungen durch den IWF, sodass verdientes Geld nicht sofort wieder für die Tilgung von Krediten verwendet werden musste. Bis 2009 kämpfte Kirchner gegen selbst verschuldete wirtschaftliche Probleme (etwa durch Verstaatlichung etlicher Industriezweige, des Handels und Dienst-leistungen sowie eines hohen Maßes an Korruption). Bei den im selben Jahr stattgefundenen Parlamentswahlen verlor er stark an Stimmen und trat als Parteivorsitzender zurück – ein Jahr später verstarb Kirchner an einem Herzinfarkt. 2015 siegte der ehemalige Bürgermeister von Buenos Aires Mauricio Macri von der konservativen Propuesta Republicana bei den Parlamentswahlen. Er stoppte die Devisenkontrolle, die staatlichen Subventionen auf Gas, Strom und den öffentichen Transport und senkte die Steuern auf Agrarexporte. Da der Präsident Regierungsoberhaupt und Staatschef zugleich ist, kann er mittels Dekrete regieren. Macri zeichnet sich v.a. durch seine starke Aussenpolitik gegenüber den USA, China, Russland und Indien aus.
Die Peronisten versuchten wie damals Perón durch Export- und Importbeschränkungen die heimische Wirtschaft anzukurbeln. Auf Kosten für den Import benötigter Devisen. So sank beispielsweise der für Argentinien so wichtige Rinderexport von 771.000 Tonnen im Jahr 2005 auf nurmehr 190.000 Tonnen. Rund 31 % der gesamten Ausfuhren sind landwirtschaftliche Produkte. Die Armutsrate im Land stieg kontinuierlich: 2016 lebte rund ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutgrenze. Die Wirtschaft lag förmlich am Boden. Macri musste einen strengen Sparkurs fahren, den er schliesslich verlor. Während der Militärdiktaturen stieg die Staatsverschuldung von acht Milliarden US-Dollar anno 1967 auf 160 Milliarden US-Dollar 2001. Die Peronisten bekamen das Problem nicht in den Griff. So stoppte Menem zwar mit der Bindung des Pesos an den US-Dollar die Inflation, machte dadurch aber argentinische Produkte auf dem Weltmarkt empfindlich teurer und ausländische Waren im Land günstiger. Ergo: Es wurden Ein- und Ausfuhrbeschränkungen hochgefahren. Produktionen mussten schliessen. Kapital wanderte en gros in’s Ausland. 2001 kollabierte das Bankensystem und das Einfrieren sämtlicher Bank-guthaben führte zu schweren Unruhen. Erst durch die Hilfe des IWF in den Jahren 2002 und 2003 konnte der Peso wieder günstiger gemacht werden. Seit damals versucht die jeweilige Regierung des Landes einen Schuldenschnitt beim IWF und privaten Gläubigern zu erzielen – manche Gerichtsverfahren sind auch heute noch am Laufen. Mit den privaten Besitzern von Staatspapieren verhandelt man vornehmlich eine Redu-zierung des Zinses und eine Streckung der Verbindlichkeiten.
Der Sargnagel Argentiniens waren allerdings die Hedgefonds. Sie kauften die Verbindlichkeiten des Landes grossflächig auf und versuchten grossflächig, die komplette Liquidität des Landes zu bekommen. Zins-zahlungen an Dritte wurden beispielsweise verboten. Die Ausgabe des neuen Bonds im Jahr 2005 musste wegen Streitigkeiten mit einem Hedgefonds wegen sieben Milliarden Dollar um zwei Monate verschoben werden. Und die Spekulationen gehen weiter: Hedgefonds stellen sich erneut gegen die Kreditpapiere und Anleihen des Landes um bei einem Kursverfall davon profitieren zu können.

https://www.youtube.com/watch?v=7OaLf2XZDFo

1998 lag das Bruttoinlandsprodukt noch bei +3,8 % , 2001 bei -10,9 % und 2016 bei -2,3 %. Die Staatsverschuldung belief sich im selben Jahr auf 279,6 Milliarden US-Dollar – das sind 51,3 % des BIP. Die Korruption ist nach wie vor ein grosses Problem. Noch 2017 lag Argentinien im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International gemein-sam mit dem Kosovo, Benin und Swasiland auf Platz 85 (von 180 Ländern). IWF-Chefin Christine Lagarde zeigt sich zufrieden mit der bisherigen Arbeit der Regierung Macri – sie hat eine Prüfung der zeit-lichen Staffelung des Finanzprogrammes in Auftrag gegeben. Ansonsten müsste Argentinien im kommenden Jahr 2019, dem Wahljahr im Land, Kredite des IWF in der Höhe von nahezu 25 Milliarden Dollar zurück-bezahlen. Der Präsident will nun 13 Ministerien schliessen oder zusammenlegen, 20 % der Gehälter bei den Staatsangestellten sollen eingespart und erneut Ausfuhrzölle eingeführt werden. Letzteres alleine soll rund 6,5 Milliarden Euro in die leeren Staatskassen fliessen lassen. Dadurch allerdings verliert Präsident Macri die Unterstützung aus der Wirtschaft.

“Es handelt sich um eine sehr schlechte Steuer, wir befinden uns jedoch in einem Notstand!”

(Mauricio Macri, argentinischer Staatspräsident)

Dennoch stehen schwere Monate in der kommenden Zeit an. Jeder dritte Bürger verdient weniger, als seine Familie zum Leben braucht. Jetzt sollen die Basisprodukte in den Supermärkten zu kontrollierten Festpreisen zu bekommen sein. Die Bevölkerung ist das grösste Risiko, die das Kartenhaus durch etwa Unruhen wie 2001 (“Am Rande der Anarchie”) oder gar einem Umsturz erneut zu Fall bringen könnte. Dann schaltet sich möglicherweise wieder das Militär ein und es beginnt alles von vorne. Der nächste Generalstreik ist für den 25. September geplant. Nachdem laut einer Umfrage nur 36 % der Argentinier vom einge-schlagenen Weg der Regierung überzeugt sind, muss wohl auch weiterhin mit massiven Protesten gerechnet werden.

Lesetipps:

.) Argentinien lebt!; Anna J. Witt; VDM Verlag Dr. Müller 2008
.) Argentinien heute. Politik. Wirtschaft. Kultur; Hrsg: Klaus Bodemer/Andrea Pagni/Peter Waldmann; Vervuert 2010
.) Staatshaftung in Argentinien; Ulf Junge; Verlag: Moor Siebeck 2002
.) Eine kleine Geschichte Argentiniens; Barbara Potthast; Suhrkamp 2010
.) Die empresas recuperadas in Argentinien: Selbsthilfe von Erwerbslosen in Krisenzeiten; Kristina Hille; Tectum 2009
.) Die Piqueteros in Argentinien. Entstehung und Organisation einer Neuen Sozialen Bewegung; Andrea Wurzenberger; Kölner Arbeitspapiere zur internationalen Politik, Nr.48 2005
.) Wir übernehmen. Selbstverwaltete Betriebe in Argentinien – eine militante Untersuchung; Juan Pablo Hudson; Mandelbaum Verlag 2014
.) Neoliberalismus-Autonomie-Widerstand. Soziale Bewegungen in Lateinamerika; Hrsg: Kaltmeier/Kastner/Tuider; Westfälisches Dampfboot 2004
.) Die offenen Adern Lateinamerikas; Eduardo Galeano; Peter Hammer 1973
.) Wirtschaft und Gesellschaft im Wandel: Argentinien (Hispano-Americana); Antonio Sommavilla; Peter Lang 1996
.) Hitler überlebte in Argentinien; Abel Basti; Amadeus Verlag 2011

Links:

- www.indec.gov.ar/
- www.argentina.gob.ar
- www.ealem.mrecic.gov.ar/de
- www.ahkargentina.com.ar
- imf.org
- hdr.undp.org
- www.latinobarometro.org
- www.gtai.de
- www.bpb.de
- www.lateinamerika-studien.at
- www.transparency.org

No Comments »

WP Login