Die nächste Generation der Brainkiller

Schon mal im wahren Leben Zombies gesehen? Ich zeige Ihnen welche:

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Eingefallene Augen, blasses Gesicht, Wunden am ganzen Körper, zahnlos. Der Grund: Die ärgste Droge der Welt – Crystal Meth!
2011 wurden durch die tschechische Polizei nicht weniger als 400 Labors ausgehoben. Offenbar hat sich die Produktion allerdings in den vergangenen Jahren in die Niederlanden verlagert – 2020 flogen dort 32 Labore auf. Auch in Niederösterreich wurden zwei dicht gemacht, jenes in Leopoldsdorf war gar ein mobiles. Dennoch stehen die Drogenfahnder vor einem riesengrossen Problem: Kaum ist eines weg, machen zwei andere „Hinterhof-Küchen“ auf. Crystal Meth erlebt derzeit offenbar wieder ein Revival! Obwohl Experten warnen: Diese „Club Drug“ hat’s in sich! Lassen Sie die Finger davon!!!
Von Crystal-Meth, Meth, Ice bis hin zu Rice, Chalk oder Dixies – Bezeichnungen gibt es dafür viele, doch steckt in den meisten Fällen dasselbe dahinter: Die wohl gefährlichste synthetische Droge der Gegen-wart – Methamphetaminhydrochlorid (C10H15N·HC)! Meth wird über die Reduktion von Ephedrin durch Zugabe von Jodwasserstoff oder Jod und Phosphor gewonnen. Heraus kommt schliesslich ein kristalliner oder pulverförmiger, weißer Stoff mit sehr hohem Reinheitsgrad. Zum Strecken werden Milchzucker, Koffein, Ephedrin oder Paracetamol verwendet. Konsumiert wird die Droge durch Sniefen (durch die Nase), gespritzt (in die Vene) oder auch weniger geschluckt oder rektal eingeführt. In Tablettenform spricht man von der „Thai-Tablette“, es gibt Meth aber auch in Kapseln oder Dragees. Besonders rein ist die re-kristalline Form, das sog. „Ice“, das zumeist geraucht wird.
Meth ist wesentlich stärker als Speed und kann bereits nach dem ersten Gebrauch abhängig machen (sehr schnelle Toleranzentwicklung). Denn: „Dem ersten Kick jagt man immer hinterher!“, so ein Betroffener. Es sei ein Gefühl, das unmöglich in Worte gekleidet werden kann.
Die Wirkung lässt sich recht einfach erklären: Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf Skiern im Starthäuschen der Kitzbüheler Streif! Die Droge bewirkt eine vermehrte Ausschüttung von Noradrenalin und Dopamin in die synaptischen Spalten des Gehirns sowie von Adrenalin in das restliche Nervensystem. Während das Dopamin für Zufriedenheit und Wohl-befinden sorgt, ist das Adrenalin und Noradrenalin für die Steigerung des Stoffwechsels, der Atmung, des Pulses und Blutdrucks sowie der Erhöhung der Körpertemperatur verantwortlich. Der Körper wird in einen gefahrenähnlichen Hochleistungsstatus versetzt. Dies alles äussert sich etwa in einer Unempfindlichkeit, einem gesteigerten Rededrang (Logor-rhoe) und Leistungsfähigkeit sowie einem starken sexuellen Verlangen nach dem „geflashed sein“. Die Nebenwirkungen jedoch sind nicht von schlechten Eltern: Herzrhythmusstörungen, Kopf- und Muskelschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen sowie Erektions- oder Menstruations-probleme, um nur einige zu nennen. Die grösste Gefährdung allerdings geht von einer Überdosis oder einem längeren Konsum aus: Hallu-zinationen, Schlafmangel, Paranoia, plötzlicher Blutdruckabfall, Kollaps. Ausserdem ist durch das Sniefen die Zersetzung der Nasenscheidewand möglich. Zudem wird das körpereigene Abwehrsystem geschwächt. Dadurch können sich alle möglichen Krankheiten ungewöhnlich stark auswirken. Nerven sterben nicht regenerierbar ab, Hirnblutungen und Schlaganfälle führen häufig zum Tod. Der Körper baut in rasend schnellem Tempo ab, es kann zu einem Magendurchbruch oder Nierenversagen kommen. Auch die Wechselwirkungen mit Alkohol, Energizern oder anderen Drogen kann gesteigerte Aggression, einen Kreislaufkollaps oder Herzrasen nach sich ziehen. All dies überträgt sich bei Schwangeren auch auf das ungeborene Kind (Fehlbildungen) bzw. durch die Muttermilch auf den Säugling. Meth lässt sich im Urin zwischen zwei bis sieben Tage nach Gebrauch noch nachweisen. Und so ganz nebenbei erwähnt: Ein Gymnasiast mit einjährigem Crystal-Konsum wird nicht mal mehr die Hauptschule schaffen, warnen Kinderpsychiater.

https://www.youtube.com/watch?v=tS20XJCuuxg

Junkies erkennt man zumeist am „rumkiefern“. Die Droge führt zu einem enormen Kaudrang, der den Betroffenen zum Aufeinanderreiben der Zähne drängt (daher auch die Zahnausfälle). Drogenexperten raten grundsätzlich auf den Konsum zu verzichten bzw. die Safer-Use-Regeln einzuhalten: Drug-Checkings, niemals alleine konsumieren, nur geringe Dosen bei möglichst vielen Ruhepausen dazwischen. Viel Wasser und Fruchtsäfte, da Meth dem Körper Flüssigkeit, Vitamine und Mineralstoffe entzieht. Keine gefährliche Arbeiten mit Maschinen oder gar Autofahren während des Rausches. Ausreichend Schlaf!
1919 wurde Methamphetamin erstmals in japanischen Labors durch Akira Ogata hergestellt. Es ersetzte in zunehmendem Maße Kokain als Aufputschmittel. Auch Piloten im 2. Weltkrieg haben es zum Wachhalten verwendet („Panzer-Schokolade“ oder „Hermann-Göring-Pillen“ – jedoch mit weitaus geringerer Dosierung). Adolf Hitler selbst soll spätestens ab 1943 pervitin-abhängig gewesen sein (der Name des damals zugelassenen Medikaments der Temmler-Werke), behaupten zumindest die beiden US-amerikanischen Psychiater Leonard und Renate Heston. Danach wurde Pervitin vornehmlich als Doping-Mittel im Leistungssport eingesetzt. Der Deutsche Boxer Jupp Elze beispielsweise verstarb im Ring an den Folgen des Drogenmissbrauchs. Er erhielt 150 Schläge auf den Kopf, die er meist gar nicht bemerkte. Das Medikament wurde 1988 vom Markt genommen. Seit 1995 stellt Crystal aufgrund der grossen Verbreitungsraten in den USA ein Problem dar. Viele Straftaten werden im Meth-Rausch verübt. So zitiertee die FAZ online den republikanischen Kongressabgeordneten Tom Osbourne: „…die grösste Bedrohung Amerikas, und das schliesst die Al Qaida mit ein!“
Leider steigt offenbar der Konsum auch weiterhin. So berichtet der Zollfahndungsamt Essen, dass alleine 2019 97 kg Meth aus den Niederlanden in Deutschland beschlagnahmt wurden – mehr als sechs Mal so viel wie im Jahr zuvor. Das sind rund 67 % der kompletten Aufgriffe in Deutschland. Bei einer Aktion In Brandenburg konnten rund 10 kg konfisziert werden – Marktwert zirka 1 Mio €.
Auch in Bayern wurden 2019 2.502 Meth-Fälle registriert – fast 500 mehr als im Jahr zuvor. Die Negativliste führen Mittelfranken, Oberfranken und die Oberpfalz an – Oberfranken und die Oberpfalz liegen direkt an der Grenze zu Tschechien. Gemeinsame Streifen der bayerischen und tschechischen Polizei führen auch immer wieder zu Aufgriffen.
Sucht-Mediziner gehen von zig-tausenden Süchtigen in Deutschland aus. Dabei gilt Dresden als Meth-Hauptstadt. In Sachsen meldeten sich nach Angaben der Landesstelle gegen die Suchtgefahren 2019 nicht weniger als 5000 Menschen bei den Beratungsstellen.
Täglich wird rund 1 kg im Wert von 40.000 € konsumiert. Weltweit sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen nicht weniger als 24 Mio Menschen Meth-abhängig – damit ist Crystal nach Cannabis die am zweithäufigsten konsumierte Droge. Die Behörden hinken der mehr als rasanten Verbreitung und Entwicklung hinterher.
Der bislang grösste Fisch ging dem Zoll in Neuseeland in’s Netz: 2019 waren zwischen Elektromotoren nicht weniger als 469 kg Meth-amphetamin versteckt – Marktwert: Rund 136 Mio €! Während die in den Niederlanden produzierten Drogen vornehmlich per Auto befördert werden, verschicken die Labors in Westafrika grosse Mengen der Droge frei Haus via Luftfracht, auf dem Postweg exportiert. Aus China stammen die Ausgangsstoffe, in Nigeria werden sie verarbeitet und an die „reichen“ europäischen Junkies weitergeleitet.
Weshalb tun sich nun Menschen so etwas an?
Meth macht wach, leistungsbereit und schlank. Besonders häufig geraten junge Frauen in die Fänge der Monsterdroge. Durch den angeregten Stoffwechsel wird auch Körperfett schneller verbrannt. So berichtete etwa der österreichische Rundfunk von der Sängerin der Gruppe Black Eyed Peas, Stacy Ferguson, die eingestand, von Crystal abhängig gewesen zu sein. Die Welt vermutete zuerst Magersucht. Auch der einstige Tennis-Profi Andre Agassi outete sich – er soll die Droge bis 1997 genommen haben. Für mich absolut unverständlich ist zudem, dass beim Sniefen noch zusätzlich kleine Glassplitter beigegeben werden, damit die Resorption ins Blut schneller vonstatten geht.
Bei der Herstellung der Droge extrahiert der Meth-Koch aus simplen Erkältungs- oder Grippemitteln das Pseudoephedrin und kombiniert es mit beispielsweise Batteriesäure, Frostschutzmittel, Lampenöl oder gar Abflussreiniger um die Wirkung zu verstärken.
In den USA werden Metamphetamine in sehr geringer Dosierung in einem Inhalierstift zur Behandlung erkältungsbedingter, angeschwollener Nasenschleimhäute verkauft. Auch zur Therapie von Kindern mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Störung) oder krankhaftem Übergewicht bzw. in der Narkolepsie wird dieser Bestandteil verwendet. In Deutschland bzw Österreich dient Methamphetamin ebenfalls als Ausgangsstoff für die Arzneimittelindustrie. Deshalb kann nach der 21. Betäubungsmittelrechts-Änderungsverordnung vom 18. Februar 2008 der Stoff nicht unter die Anlage I des BtMG (nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel) eingereiht werden.
Immer wieder fliegen Labors in die Luft, da die einzelnen Bestandteile höchst explosiv sind. Bei der Produktion von einem Pfund Meth fallen zudem 5 Pfund Giftmüll an. Die Droge ist zwar riskant aber doch relativ einfach zu produzieren, ist wesentlich billiger als vergleichbar dazu das ähnlich wirkende Kokain. Die Tagesdosis von 1 g kostet 78 €. Die Wirkung einer Dosis kann bis zu 1 1/2 Tage anhalten.

https://www.youtube.com/watch?v=TJ56Wkmtb7k

Aufhören möchten viele, doch ist die Rückfall-Quote eklatant hoch. Ohne eine strenge Therapie ist kein Erfolg zu erzielen. Hier geht es zuerst darum, den aufgeputschten Patienten eine Ruhepause zu geben. Dann erfolgt kognitives Training um die Gedächtnislücken wieder zu schliessen. Nun erst können die psychotischen Bewusstseins-veränderungen, wie etwa Verfolgungswahn, bekämpft werden. Doch fehlt es allerorts an Personal! Immer wieder weisen entsprechende Jahres-berichte auf diese Umstände hin. Allerdings tut sich leider nicht viel. Und täglich sterben weitere Menschen an diesem „Brainkiller“!!!!

Links

www.emcdda.europa.eu
www.erowid.org
saferparty.ch
www.fasebj.org
de.drugfreeworld.org
www.drogen-aufklaerung.de
www.sag-nein-zu-drogen.de


Haftungsausschluss:
Diese Informationen sind keine Anleitung oder Motivierung zum Drogenkonsum! Amphetamin-Produkte unterliegen in Deutschland dem BtMG (Anlage II), in Österreich der Anlage II des Übereinkommens von 1971 über psychotrope Stoffe und in der Schweiz der Bundesverordnung über die Betäubungsmittel und die psychotropen Stoffe (BetmV).
Besitz, Erwerb und Handel damit sind strafbar!

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Profisport – droht die nächste Pleite???

Ich kann es nicht verhehlen: Als ich Bilder vom Eröffnungsspringen der Vier-Schanzen-Tournee in Oberstdorf sah, blutete mir das Herz! Dort, wo ansonsten um diese Zeit des Jahres Zehntausende die Springer auf einer Welle der Begeisterung zu neuen Höchstleistungen fliegen lassen, bestimmten leere Ränge oder Pappkameraden das Geschehen. Seit Jahren schon ohne Fernsehen, schaute ich auch bislang keine sportlichen Grossveranstaltungen an. Ich konnte mir also nicht vorstellen, wie Fuss-ball ohne Westtribüne gespielt, ein Slalomhang ohne Zielpublikum oder auch der Centercourt ohne Zwischenrufe der Zuschauer bewältigt werden konnte. Seit Oberstdorf weiss ich es! Mich als Leistungssportler würde die Dauer-Depression quälen, wenn ich eine ganze Saison nur mit „Trainingssprüngen oder -spielen“ verbringen müsste. Ähnlich dem Schauspieler, der es bis in die grossen Häuser dieser Welt geschafft hat, um schliesslich vor leeren Rängen stehen zu müssen!
Eines jedoch zeigt diese derzeitige Situation auf: Der Sport wurde in den letzten Jahrzehnten immer mehr zur Gelddruckmaschine. Veranstalter und Verbände machten in so mancher Sportart Millionenumsätze, viele Sportler verdienten sich eine goldene Nase, manche degenerierten mit goldenen Steaks! Genau an dieser Nase allerdings mussten und müssen sich nun alle Beteiligten nehmen: In den Corona-Jahren 2020 und 2021 ist kein güldener Daumen zu verdienen! Oftmals artete das Ganze gar soweit aus, dass der Sport als solcher nurmehr Mittel zum Zweck wurde und tatsächlich ein Dasein vermehrt im Hintergrund fristete.
Einige Beispiel gefällig?

Die Streif, die Herrenabfahrt in Kitzbühel, ist die härteste Abfahrt im alpinen Schizirkus. Stürzt sich ein Rennläufer über diese Strecke hinunter, riskiert er dabei Kopf und Kragen. Viele jagen deshalb nicht mehr der Bestzeit hinterher, sondern wollen den Berg bezwingen, dabei sein und heil runterkommen. Als den Veranstaltern und dem Publikum dies mög-licherweise zu langweilig wurde, sind Zwischensprünge und Kom-pressionen eingebaut worden. Und sie zeigten Wirkung: 2016 kam es zu einer Unfallserie, die ihresgleichen sucht: Hannes Reichelt, Georg Streit-berger, Max Franz und Florian Scheiber bei den Österreichern, Aksel Lund Svindal bei den Norwegern und andere mehr wurden in die Fangzäune katapultiert – viele davon verletzt, für einige war die Saison gar beendet. In Kitz jedoch steht in den letzten Jahren immer mehr die High Society im Fokus des Geschehens. Wer zeigt sich beim Weisswurstessen im Stangl-wirt (Karten ab 155,- €), bei Rosis Schnitzelessen auf der Sonnbergstuben (Karten ab 250,- €), im Club Take Five (Karten ab 140,- €), bei der Kitz Legends Night im Hotel Tenne etwa (Karten ab 149,- €) oder bei der Party in der Fanzone des Ziels (für das Fussvolk). Für die Rennen selbst lagen die Eintrittspreise 2020 bei 20,- € für den Super G am Freitag, 25,- € für den Slalom am Sonntag und 30,- € für das Highlight, die Herrenabfahrt am Samstag. Stehplatzkarten für die Normalos – Promis oder Sitzende müssen wesentlich tiefer in das Geldbörserl greifen. Nur zur Abfahrt kamen beispielsweise an die 40.000, am gesamten Wochenende 90.000 Menschen (1999 waren es gar 100.000). Grobe Schätzungen sprechen von einem Gesamtumsatz von 47 Mio € (nur rund um die Gamsstadt) bei einem Organisationsbudget von 8,5 Mio!

Oder zurück nach Oberstdorf – zum Auftaktspringen der Vier-Schanzen-Tournee. 2019 kostete der schlechteste Platz (Oberrang) 25,- €, die normale Sitzplatzkarte auf der Tribüne 29,- €, bessere etwas mehr. Für die beiden Tage (Qualifikation und Wettkampf) gingen rund 40.000 Tickets über die Kassenscanner. Leider konnten trotz intensiver Suche keine wirtschaftlichen Zahlen zu Umsatz und Budget im Internet gefunden werden. In der Saison 2019/2020 besuchten mehr als 100.000 Menschen die vier Spring-Events in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen! Oberstdorf erwartete sich übrigens für die Nordische Schi-WM 2021 mehrere hunderttausend Zuschauer. Das Ticket war im Vorverkauf ab 59,- € erhältlich!

Die Allianz-Arena des FC Bayern München ist bei nationalen Spielen für 75.024 Zuschauer zugelassen. Im Jahresabschluss der FC Bayern AG für die Saison 2019/20 wird ein Gesamtumsatz von 698 Mio € und ein Gewinn nach Steuern von 9,8 Mio ausgewiesen. Weniger als erwartet, da nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge seit dem 08. März 2020 keine Zuschauer mehr bei den Spielen zugelassen waren. Selbiger betont, dass – sollte sich daran auch für die Saison 20/21 nichts ändern – von Umsatzrückgängen in dreistelliger Millionenhöhe ausgegangen werden muss. Ein Vergleich zum Jahresabschlussbericht 2018/19: Gesamtumsatz 750,4 Mio – Gewinn nach Steuern 52,5 Mio €.

Angesichts solcher Zahlen stellt sich meiner Einem die Frage: Sport? Oder beinhartes Geschäft! Da gibt es Sportler in anderen Sportarten, die das eigene Geldbörserl für Training, An- und Abreise sowie Unterbringung bei Wettkämpfen zücken müssen. Sie tun sich selbstverständlich auch schwer bei der Sponsorensuche, da diese nur dort investieren, wo hohe Kontaktzahlen zu erwarten sind. Und dies sind nun mal jene Sportarten, die Millionen vor die TV-Bildschirme holen und jene Gladiatoren, die tausendfach abgelichtet aus den Zeitungen und Magazinen entgegen lächeln. Bei den Randsportarten zeigt sich auch die Sportförderung wesentlich geiziger als bei den Grossen! Erleichterung hätten da die Übertragungen in den Sportkanälen der Sendeanstalten bringen können, doch werden auch hier oftmals der Wiederholung von Hauptabend-Programmen von etwa Fussballspielen der Vorzug gewährt.
Es ist gut so, dass sportliche Veranstaltungen auch in der Coronazeit abgehalten werden, obgleich hier schon mal einige hundert Menschen auf einem Fleck zusammenkommen (zählt man die Betreuer und Funktionäre hinzu). Dadurch kann auch Herr Müller seiner heiss geliebte Bundesliga am Samstag nachmittag und Frau Warliczek der Ski-Abfahrt in den Mittagsstunden folgen. Schliesslich gab es richtiggehende Unruhen, als dies zu Zeiten des ersten Lockdowns nicht möglich war. Ganz nach dem Motto „Brot und Spiele“ wird das Volk damit durch die Regierungen ruhig gestellt (geht übrigens auf den römischen Kaiser Tiberius zurück, als sich das Volk gegen ihn und seine Feldzüge auflehnte). Allerdings dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, wann sich auch Sportvereine und -verbände bzw. Organisationskomitees an die Landes- und Bundesregierungen wenden und lautstark nach Unterstützung schreien. Dabei dürften wohl ausgerechnet die grossen Umsatzmacher die ersten sein. Klar – es fallen grosse Kostenfaktoren weg, wenn kein Publikum da ist. Allerdings fallen dadurch auch grosse Umsatzbringer durch Eintrittspreise, Essen und Getränke, Merchandising etc. weg. Solch riesige Unternehmen wie etwa der FC Bayern München sind es nicht gewohnt, mit niedrigen Zahlen wirtschaften zu können. Schliesslich müssen Sie ja Millionengehälter für die Creme de la Creme der Sportgladiatoren bezahlen, die ihr Scherflein dazu beitragen, dass das Stadion gut gefüllt oder das Spiel durch TV-Anstalten übertragen wird. Von den Sponsoren mal ganz abgesehen. All das aber sind betriebswirtschaftliche Überlegungen – haben die noch etwas mit dem Sport zu tun?
Ja – es wird eine Zeit nach Corona geben, für all jene, die dieses Sch…-Virus aus eigener Kraft oder mit Hilfe der Impfung lebend überstanden haben. Wie jedoch die Zeit nach dem 1. Lockdown aufgezeigt hat, wird sich auch nach dem zweiten, dritten, vierten oder möglicherweise gar fünften Lockdown nichts ändern, obgleich es immer wieder hiess: Die Welt nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein! Die Gelddruckmaschine wird auch danach weitergehen wie bisher gewohnt! Ohne Grenzen, ohne Rücksicht auf andere Sportarten und auch ohne Bedachtnahme auf die Gesundheit der Sportler, die sich wiederum in einem Teufelskreis befinden: Wenige Aktiv-Jahre, Höchstleistung und -risiko, übergrosses Konkurrenzdenken! Ansonsten ist Schicht im Karriere-Schacht!

Lesetipps:

.) Das Geschäft mit dem Sport; Helmut Ordner; Moewig 1987
.) Football Leaks; Rafael Buschmann/Michael Wulzinger; Broschur 2018
.) Sport und Geschäft. Professionalisierung im Sport; Harald Fischer; B & W Bartels & Wernitz 1986

Links:

- hahnenkamm.com
- www.vierschanzentournee.com
- fcbayern.com

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Weihnachten – Früher war’s anders!!!

Die heiligste und schönste Zeit im Christentum steht unmittelbar bevor: Weihnachten! Nach alter Überlieferung wurde in einem Stall zu Bethlehem das kleine Christuskind geboren, das die Menschheit durch seinen Tod am Kreuz von der Erbsünde befreien soll. Die vielen Unklarheiten, wie etwa die „unbefleckte Empfängnis“ oder auch die automatische Weiter-gabe der Erbsünde (theoretisch müssten ja dann auch alle Vertreter Gottes davon betroffen sein) wollen wir heute mal ausser Acht lassen. Trotzdem möchte ich einige Jahrzehnte in der Geschichte zurückgehen, als es noch nicht den adventlichen Kaufrausch, Glühwein und Punsch, die Weihnachtsmärkte, den Kitsch und Plunder und den Weihnachtsmann gab. Dies sind alles Erfindungen der letzten Dekaden. Übrigens – wenn das Christkind noch am ehesten mit Weihnachten im ursprünglichen Sinn zu tun hat, so sind auch Adventskalender, Adventskranz und der Christ-baum selbst Erfindungen.
Der Adventskalender geht beispielsweise auf das 19. Jahrhundert zurück – vermutlich auf das Jahr 1851. Ursprünglich sollte er einen Countdown hin zur Geburt Christi darstellen. So wurde ab dem ersten Advents-sonntag jeden Tag ein anderes Bild aufgehängt oder die Kinder konnten pro Tag einen Kreidestrich am Türpfosten wegwischen. Später wurde der Kalender mit Schokolade säkularisiert und damit auch kommerzialisiert. Der Adventskalender selbst ist eigentlich lutherischen Ursprungs und hatte weihnachtliche Motive, Sprüche und Bilder hinter den Türen versteckt. 1902 erschien der erste gedruckte Kalender, verkauft durch die Evangelische Buchhandlung in Hamburg. Den ersten Kalender mit 24 „Wibele“ (Gebäck) stellte die lithografische Anstalt Reichhold & Lang in München her. Heuer hatten die Schokoladekalender bereits im Oktober in den Regalen der Supermärkte Premiere! Im Alpenraum übrigens gehört es zum Brauch, dass sich der Ort vor einem Haus mit Fenstern versammelt, die als Kalendertürchen verwendet werden. Zu Glühwein, Punsch und Selbstgebackenem wird dann abends jeweils ein Fenster geöffnet. Auch lebendige, begehbare Kalender finden immer wieder Verwendung – stets bei einem anderen Gastgeber. In der Schweiz heißen sie „Adventskalender im Quartier“. Dort werden Weihnachtsgeschichten erzählt und Lieder gesungen. Das 24. Türchen ist das Portal der Kirche.
Auch der Adventskranz geht auf die lutherische Kirche zurück. Der erste Kranz soll vom evangelisch-lutherischen Theologen Johann Hinrich Wichern in Hamburg aufgestellt worden sein. Damals verwendete er ein Wagenrad mit 20 kleinen und vier grossen Kerzen. Seit 1860 besteht der Kranz aus Tannenzweigen – ein Wagenrad im Wohnzimmer war dann doch etwas zu mühsam! 1925 wurde der erste Adventskranz in einer katholischen Kirche in Köln aufgehängt. Was nun wirklich mit dem Kranz ausgedrückt werden soll – darüber sind sich die Gelehrten uneins. Zunahme des Lichts auf dem Globus je näher Christi Geburt rückt? Der Kreis als Symbol für das ewige Leben? Farbsymbolik (grün – die Farbe der Hoffnung und des Lebens; drei violette Kerzen – die rosa Kerze wird am 3. Adventssonntag „Gaudette“ angezündet). Oder – wie in Schweden: 1 weisse Kerze für den ersten Adventssonntag und drei violette, in Norwegen sind alle violett! Oder in Irland: 3 violette, eine rosa und eine weisse Kerze, die in der Mitte steht und am 24. Dezember angezündet wird. Übrigens werden normalerweise die Kerzen alle gegen den Uhr-zeigersinn abgebrannt.
Zum Christbaum als DAS Symbol für Weihnachten schlechthin!
Wann genau der Tannenbaum Einzug in die Wohnstuben gehalten hat, ist unklar. Möglicherweise findet er erstmals 1419 urkundliche Erwähnung, als die Bäckerschaft von Freiburg einen Baum mit vielerlei Naschwerk behängt haben soll, das die Kinder nach dem Abschütteln zu Neujahr essen durften. Eindeutig belegt hingegen sind Aufzeichnungen von 1695 aus dem Elsass, als erstmals beschrieben wurde, wie ein „Dannenbaum“ zu Weihnachten behängt werden soll. Seither hat sich viel getan – so kamen etwa 1830 die Christbaumkugeln hinzu. Im 19. Jahrhundert begann von Deutschland aus der Siegeszug um die Welt. Die ersten Bäume übrigens standen ebenfalls in evangelischen Kirchen. Der Christ-baum auf dem Petersplatz in Rom ist erst seit 1982 Tradition. Seither kommt der Baum für den Papst jedes Jahr aus einer anderen Region – heuer stammt die 28 m hohe Fichte aus Kočevje in Slowenien – seine letzte Fahrt führte ihn über 772 Kilometer nach Rom. Ein österreichischer Baum steht jedes Jahr vor dem EU-Parlament in Brüssel. Heuer aus Mariazell – er wurde per Bahn verschickt. Die Illuminierung eines solchen Baumes ist in jeder Stadt etwas besonderes. Während der Weihnachts-baum in katholischen Haushalten bis zum 02. Februar steht (Lichtmess), wird er in evangelischen Haushalten bereits am 06. Januar abgeputzt. Danach landet er entweder im Biomasse-Kraftwerk (Wien) oder im Zoo bei den Tieren (München). Der Baum gilt in allen Kulturen als Zeichen für Lebenskraft und Gesundheit. In Kärnten wird seit den 60er Jahren von Tauchern ein geschmückter Christbaum im Wörthersee, später auch im Neufelder See versenkt und am Boden befestigt. Er dient dem Gedenken an die im See Ertrunkenen.
In Deutschland stand die Rotfichte als ursprünglicher Christbaum in den Wohnzimmern, seit Jahren jedoch sind die Nordmanntannen am beliebtesten, gefolgt von der Blaufichte, der Fichte, der Rotfichte, der Edeltanne, der Kiefer und der Douglasie. Einige Exoten wie die Korea-Tanne oder die Colorado-Tanne sind ebenfalls mancherorts zu entdecken. Alleine in Deutschland werden jedes Jahr nicht weniger als 27 Mio Christbäume geschmückt (in Österreich 2,8 Mio – 90 % davon aus heimischem Anbau). In deutschen Landen hingegen kann diese Menge gar nicht mehr selbst aufgezogen werden, benötigt doch eine Nordmanntanne rund 15 Jahre bis sie Zimmerhöhe erreicht hat. Sehr viele Bäume kommen aus Dänemark. Nordmanntannen sind schön und gleichmässig gewachsen und verströmen den typischen Tannenduft. Zudem nadeln sie weniger als etwa die Fichte. Die Blaufichte hingegen besitzt stahlblaue bis grünliche Nadeln und wächst etagenförmig. Damit verträgt sie auch einiges an Christbaumschmuck. Die Rotfichte ist auf-grund ihres kegelförmigen Wachstums der klassische Christbaum. Sie verliert jedoch schon nach wenigen Tagen die Nadeln. Sehr lange hin-gegen bleibt die Kiefer frisch, doch spielt sie eher eine untergeordnete Rolle. Ihre Nadeln werden bis zu 15 cm lang und sind in Büscheln beieinander. Vollkommen gleichgültig, für welche Art Sie sich entscheiden: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) empfiehlt zum Kauf regionaler Bio-Bäume, da bei einer Untersuchung in 14 von 23 Bäumen teils hohe Konzentrationen von gefährlichen Pesti-ziden entdeckt wurden. Welche Auswirkungen diese auf die Gesundheit der Menschen haben, konnte noch nicht definitiv beantwortet werden. Und übrigens: Wenn er auf dem Autodach transportiert wird, sollte er gut festgegurtet sein – und auf jeden Fall mit der Spitze nach hinten zeigen!
Ein Brauchtum, der nichts mit der Religion zu tun hat, trotzdem aber besonders im Alpenraum sehr verankert ist, sind die Rauhnächte. Dabei handelt es sich um die 12 Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem Dreikönigstag. Hinzu kommen unter Umständen (je nach Region) auch die „Thomasnacht“ vom 21. auf den 22. Dezember (Wintersonnenwende) und die Christnacht vom 24. auf den 25. Dezember. Der Ursprung dieser Nächte geht auf die alten Germanen oder gar noch weiter zurück und wird erstmals schriftlich im 16. Jahrhundert erwähnt. So berichtet 1520 Johannes Boemus und vierzehn Jahre später auch Sebastian Franck vom „Beräuchern“. Dabei gehen der Dorfpriester oder der Hofbauer mitsamt der Familie durch alle Zimmer sowie die Stallungen des Hauses und beräuchert diese mit Weihrauch. Währenddessen werden Gebete gesprochen. Das soll das Haus und seine Bewohner vor Geistern und Bösem bewahren. Doch war das noch lange nicht alles. Zu Silvester soll das Geisterreich offenstehen, Zauberer verwandeln sich in Werwölfe und fallen über den Menschen und dessen Vieh her. Zum Jahreswechsel beginnt aus diesem Grunde eine „wilde Jagd“. In den Alpen zeigt sich dies in den Perchtenläufen, in Norddeutschland im Rummelpottlaufen. Auch das Silvesterfeuerwerk soll die bösen Geister vertreiben. Es wird in der Mitte der Zwölfnächte um 12.00 Uhr abgebrannt. Das ist übrigens auch eine perfekte Zeit für Vorhersehungen und Orakeln – das erklärt das Bleigiessen zu Silvester. In den vier wichtigsten Rauhnächten darf zudem keine weisse Wäsche zum Trocknen aufgehängt werden. Reiter, die vorbeikommen, könnten sich einerseits in den gespannten Leinen verfangen und andererseits die weissen Tücher als Leichentuch mit-nehmen. Weisse, weibliche Unterwäsche würde sie anlocken, heisst es in der Legende, die dann über die Frauen herfallen. Es gibt noch vieles mehr, das in den Rauhnächten nicht gemacht werden darf. Die Perchten überprüften die Einhaltung der Verbote und bestraften gegebenenfalls die Betreffenden mit Schlägen und Hieben.
Nicht unerwähnt bleiben sollte das „Glöckeln“ (in Bayern auch „Klöpferl-singen“). Dabei marschiert zumeist eine Gruppe von Haus zu Haus und singt dort uralte Brauchtumslieder. Belohnt wird dies durch einen Ein-kehrschwung mit Getränken und Selbstgebackenem. Während diese Tradition in Tirol wiederentdeckt wird, ist sie übrigens auch in den USA ein fixer Bestandteil von Weihnachten.
Apropos – werfen wir einen Blick über den Tellerrand! Wie wird Weih-nachten in anderen Ländern gefeiert?
Im British Empire liefert „Father Christmas“ (in Nordamerika auch „Santa Claus“) die Geschenke in der „Christmas Eve“ direkt unter den Weih-nachtsbaum. Am „Christmas Day“ trifft sich die ganze Familie zum Weihnachtsmahl. Die Queen hält jedes Jahr an Heiligabend eine Weih-nachtsansprache, der Gottesdienst „Nine Lessons and Carols“ aus dem Cambridger „King’s College“ ist auf den britischen Inseln die quoten-trächtigste Sendung des Jahres und dank BBC auch auf der ganzen Welt zu empfangen.
In Frankreich beschenkt „Père Noël“ die Kinder. Dazu müssen sie ihre Stiefel vor die Türe stellen. Alsdann wird richtig aus dem Vollen geschöpft und ausgiebig geschlemmt: Muscheln, Gänseleber, Truthahn und viel Wein. Als Dessert gibt es schliesslich das „bûche de Noël“, ein tradi-tionelles Weihnachtsgebäck aus Biskuit und Schokoladen-Buttercrème.
In Schweden beginnen die Weihnachtsfeierlichkeiten mit dem „Luciafest“ am 13. Dezember. Zu Heiligabend trifft sich die Familie zum „Jolbord“ – genau: Zum Essen! Dazu werden allerlei Süssigkeiten gereicht und „Glögg“ getrunken, eine Art Glühwein mit Beeren und Mandeln. Die Geschenke brachte früher der heidnische „Julbock“ – heute ist es der „Jultomte“. Den Abschluss von Weihnachten bildet der Besuch der Frühmesse am Christtag.
Das „Julbord“ gibt’s im benachbarten Norwegen bereits in der Vorweihnachtszeit. Im Land der Rentiere wird am Heiligabend ebenfalls diniert – mit Rippchen, Sauerkraut, Kartoffeln und Steckrüben. Die Geschenke bringt der „Julenissen“ – jedoch nur für all jene Kinder, die das Jahr über brav waren. Der Jüngste der Familie darf sie verteilen. Die Pfarrer freuen sich, sehen sie doch zu Weihnachten viele unbekannte Gesichter unter den Besuchern ihrer Gottesdienste. Der 25. ist ein ruhiger Tag, am Stephanstag hingegen gibt’s allerorts Parties und verkleidete Kinder, die nach Süssigkeiten verlangen.
In Tschechien bringt das „Jesuskind“ („Ježíšek“) die Geschenke, die nach dem Weihnachtsessen am Heiligabend ausgepackt werden. Tagsüber darf nichts gegessen werden, damit die Kinder ein goldenes Ferkelchen („Zlaté prasátko“) sehen können, sagen zumindest die Eltern. Ein mehr als interessanter Brauch wird ausserdem gefeiert: Mädchen werfen Schuhe über ihre Schultern. Zeigt die Schuhspitze zur Tür, steht eine baldige Heirat bevor. Geht der Fussboden dabei zu Bruch, war es wohl ein Schischuh!!!
Im eisigen Russland bringt „Väterchen Frost“ mit seiner Enkelin „Snegurotschka“ den Kindern die Geschenke. Dabei fährt er in einem von drei Pferden gezogenen Schlitten. Die Russen feiern Weihnachten aller-dings entsprechend des Julianischen Kalenders erst am 07. Januar. Nachdem die Kommunisten jahrzehntelang den Weihnachtsbrauch unter-drückten, steht auch im Osten das „Heilige Mahl“ am Heiligabend im Zentrum. Es besteht aus 12 Gerichten – das entspricht der Anzahl der 12 Apostel. Zar Peter der Grosse übrigens brachte von einer seiner Reisen auch den Weihnachtsbaum nach Russland mit.
Jenseits des grossen Teiches sind die Traditionen etwas anders. So erhalten etwa die Kinder in Argentinien ihre Geschenke erst durch die Heiligen Drei Könige am 08. Januar. Zu diesem Zweck lassen sie ihre Schuhe unter dem Bett stehen, die dann mit Süssigkeiten gefüllt werden. In allen anderen südamerikanischen Ländern hingegen werden die Geschenke tatsächlich zum christlichen Weihnachtsfest vom „Papai Noel“ (Brasilien), dem „Viejo Pasquero“ (einem alten chilenischen Hirten) oder dem „Niño Dios“ (dem kolumbischen Jesuskind) gebracht. Ansonsten ähneln die Bräuche den europäischen. In El Salvador gibt’s ein Riesen-Feuerwerk, in Guatemala wird mit der ganzen Familie um einen Hut („Purtina“) getanzt, in Mexiko finden Prozessionen statt.
In Indien ist der „bada din“ („Der Grosse Tag“) ein offizieller Feiertag. Weihnachten auf indisch heisst „Santa Claus“ – das Fest ist mit jenem in den USA zu vergleichen. Grossartig ist, dass sich auch Hindus an den christlichen Gepflogenheiten wie Krippenspielen etc. beteiligen. Die Weihnachtsfeiern gehen schliesslich nahtlos in die Neujahrsfeiern über.
Auf dem afrikanischen Kontinent wird Weihnachten grossteils nicht gefeiert. Nur dort, wo Christen leben, erinnern sich die Menschen an die Geburt Jesu. In Ägypten etwa, bei den koptischen Christen, wird am 7. Januar nach der Mitternachtsmesse ein grosses Essen veranstaltet. Gereicht wird Fisch („Bouri“), ein Gebäck („Zalabya“) und mit Kreuzen versehene Kekse („Kahk“). Mit dem 08. Januar beginnt schliesslich eine Fastenzeit, die über vierzehn Tage andauert. Der 07. Januar ist in Ägypten (noch) ein gesetzlicher Feiertag.
In Australien und Neuseeland ähneln sich die Feierlichkeiten jenen aus Grossbritannien bzw. den USA. Zusätzlich finden in allen Städten grosse Paraden statt. Der Schlitten des Weihnachtsmannes wird von weissen Känguruhs gezogen, das Weihnachtsessen findet in Form von Barbecues oder Picknicks am Strand statt, während Santa Claus auf dem Surfbrett sein Können demonstriert. Auf den Tellern finden sich Truthahn und Plumpudding. Seit 1938 kommen zu Heiligabend auch Menschen zusammen, die gemeinsam zum Kerzenlicht Weihnachtslieder singen („Carols by Candlelight“).
Sie sehen also, werte Leser, gefeiert wird überall. Zumeist auch im Kern gleich. Doch denke ich, dass es schade um das Fest selbst ist, wenn dies immer mehr kommerzialisiert wird. Wochenlang auf der Suche nach dem richtigen Geschenk, Stress mit dem Backwerk und Streiterei mit den Verwandten. Würde so manche Familie aus den unterschiedlichen Traditionen und alten Brauchtümern Anleihen für Weihnachten ziehen, käme auch unsereins wieder davon ab, nach der Bescherung die Joysticks der Playstation nicht mehr aus der Hand zu geben, abwesend in das Galaxy einzutippen oder mit dem neuen I-Pad die ohnedies schon bekannte Welt des WWWs stundenlang zu bereisen!

Mit diesen Worten möchte ich Ihnen allen ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein besseres, vor allem aber gesundes Jahr 2021 wünschen! Vielen Dank für Ihre Treue – über 1,7 Mio Klicks sind fantastisch!
Den nächsten Blog gibt’s am 08. Januar 2021!

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Ihr Schutzschild muss gepflegt werden

Nun ist er da, der Winter – obgleich er in diesem Jahr einige Anlauf-schwierigkeiten hatte, schliesslich war der November der wärmste seiner Art seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Er lag durchschnittlich um 0,8 Grad über der 30-jährigen Referenzperiode und 0,1 Grad über den Vergleichsmonaten aus den Jahren 2016 und 2018.
Mit der kalten Jahreszeit allerdings beginnt auch die Zeit der Bazillen, Viren, Parasiten und Pilze: Ob ein simpler Schnupfen, eine Erkältung, Magen-Darm, ein grippaler Infekt oder gar die wirkliche Grippe (Influenza) – von Corona mal ganz abgesehen – das menschliche Immun-system hat in den kommenden Wochen einiges zu tun. Deshalb sollte ihm gerade in diesen Tagen vermehrt zugearbeitet werden, damit es nicht zum Einzelkämpfer ohne Unterstützung verkommt, wenn es stets auf Hochtouren laufen muss: Der Motor muss sozusagen geschmiert werden! Sie werden staunen, mit welch simplen Massnahmen Sie möglichst gesund durch den Schnee stapfen können. Das Geheimnis dabei liegt in der ausgewogenen Kombination von Bewegung, frischer Luft, Sonnenlicht und Ernährung!
Das Immunsystem erkennt Eindringlinge in den Körper, aber auch gesundheitsschädigende Vorgänge im Körper selbst – etwa atypische Zellveränderungen. Bei deren Bekämpfung bedient es sich der unterschiedlichsten Massnahmen: Lymphozyten, Antikörper, Enzyme, … Der „Angreifer“ wird neutralisiert und zur Ausscheidung weitergereicht. Ist nun dieses Abwehrsystem geschädigt, kommt es zu einer Erkrankung. Jeder kann Präventionsmassnahmen setzen, damit dies nicht geschieht. Und das ist oftmals über die Nahrung machbar – auch komplett ohne Super-Food aus Übersee!
Beginnen wir mit dem Licht! Werden die wenigen Sonnenstunden richtig genutzt, kann der Körper Vitamin D aufbauen. Doch ist es der spezielle Mix des Sonnenlichtes, nicht dessen UV-Anteil! Die UV-Strahlung kann sich sogar negativ auf das Immunsystem auswirken („Immunsupression“). Damit ist also von der täglichen Bestrahlung durch die Höhensonne oder Sonnenliege abzuraten – ausser Sie wählen die Infrarot-Einstellung! Vitamin D kann nur zu rund 10 % über die normale Nahrung auf-genommen werden Es muss also im Körper selbst produziert werden. Das geht nahezu ausschliesslich über das entsprechende Licht. Vitamin D ist verantwortlich für gesunde Knochen, gute Laune und ein intaktes Immunsystem. Ist der Winter also besonders dunkel, sollte auf grosse Mengen von sog. „Sonnenvitamin“ in der Ernährung Wert gelegt werden. Dieses kann durch Fisch (Hering, Lachs oder Thunfisch) zugeführt werden. Aber auch im Käse, Eier oder Pilzen ist viel dieses wichtigen Helfers enthalten. Übrigens könnte Vitamin D auch gegen CoVID-19 wirken, betonen Experten. Ist aber wissenschaftlich noch nicht nach-gewiesen. Als hilfreich hingegen hat es sich gegen Krebs, Multiple Sklerose und Diabetes erwiesen. Die Tagesration liegt für Erwachsene bei max. 100 Mikrogramm. Hier die fünf wichtigsten Vitamin D-Lieferanten für Sonnenmuffel (gilt für jeweils 100 g des Lebensmittels):
1.) Lebertran – 300 Mikrogramm
2.) Geräucherter Aal – 90 Mikrogramm
3.) Hering – 31 Mikrogramm
4.) Lachs – 16 Mikrogramm
5.) Austern – 8 Mikrogramm
Im Vergleich dazu – für all jene, die Fisch nicht so gerne mögen: 100 g Gouda enthalten 1,3 Mikrogramm Vitamin D.
Frische Luft durchspült die Lungenflügel und führt dem Körper wichtigen Sauerstoff zu. Ebenso wie im Sommer nach einem Regen, ist sie im Winter nach Schneefall besonders sauber und arm an Schadstoffen. Atmen Sie dabei jedoch unbedingt vermehrt durch die Nase ein, da die Luft hierbei vorgewärmt und zudem durch die Härchen und die Nasenschleimhaut gesäubert wird.
Apropos Schleimhäute! Sie sind die wohl wichtigsten und unerbittlichsten Gladiatoren gegen Eindringlinge von aussen. Deshalb ist hier die Zell-bildung ganz besonders wichtig. Dabei werden sie besonders durch die beiden Vitamine A und C unterstützt. Der menschliche Körper benötigt rund 0,7 bis 0,95 Milligramm Vitamin A täglich. Die wichtigsten Vitamin A-Lieferanten sind (je 100 g):
1.) Kalbsleber – 23,9 Milligramm
2.) Grobe Leberwurst – 8,3 Milligramm
3.) Petersilie – 5,9 Milligramm
4.) Wirsing – 4,7 Milligramm
5.) Dill – 4,3 Milligramm
Vitamin C wird vom Körper nicht selbst produziert. Zudem kann es nicht gespeichert werden. Deshalb ist eine regelmässige Zufuhr unbedingt erforderlich. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt rund 100 Milligramm pro Tag. Dies können Sie durch folgende Nahrungsmittel zu sich nehmen (je 100 g):
1.) Hagebutten – bis zu 1250 Milligramm (sortenabhängig)
2.) Sanddorn – 450 Milligramm
3.) Schwarze Johannisbeeren – 175 Milligramm
4.) Petersilie – 160 Milligramm
5.) Rote Paprika – 140 Milligramm
Ergo: Es müssen nicht unbedingt exotische Vitamin C-Bomben wie die Acerolakirsche (1700 Milligramm) oder Camu-Camu (2000 Milligramm) sein, deren CO2-Fussabdruck unheimlich hoch ist. Und übrigens: Viele Kohlsorten schlagen sogar Zitrusfrüchte. Doch Vorsicht bei der Zubereitung: Durch das Kochen gehen viele Vitamine verloren, da bei-spielsweise das Vitamin C nicht hitzebeständig ist.
Die Schleimhäute benötigen zudem viel Vitamin D3, Zink und das Coenzym Q10. Vitamin D3 versteckt sich zumeist in fettreichen Fisch-arten, wie der Makrele, dem Kabeljau oder dem Lachs, aber auch in Sprossen und Haferflocken (ansonsten siehe zuvor Vitamin D).
Die tägliche Ration an Zink liegt für Frauen bei max. 8, für Männer bei max. 14 Milligramm – das lässt sich reibungslos über die tägliche Nahrung aufnehmen – zuviel davon führt nämlich zu Vergiftungs-erscheinungen. Besonders bei Patienten mit chronischem Darmleiden wird zu wenig Zink durch den Darm aufgenommen.
Die Top 5-Zinklieferanten sind ansonsten (je 100 g):
1.) Austern – 22 Milligramm
2.) Hühnereier – 13 Milligramm
3.) Kalbsleber – 8,4 Milligramm
4.) Rinderschulter – 5,2 Milligramm
5.) Emmentaler – 4,6 Milligramm
Das Coenzym Q10 ist fettlöslich und chemisch verwandt mit den Vitaminen K und E. Neben den Schleimhäuten wird es auch von all jenen Organen benötigt, die für die Energieproduktion im Körper verantwortlich zeichnen: Herz, Leber und Lunge. Das Bundesinstitut für gesund-heitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) empfiehlt eine Tagesration von 10 bis 30 Milligramm pro Tag – hierfür reicht durchaus bei gesunden Menschen die normale Nahrung. Besonders viel des Coenzyms Q10 finden Sie hier (je 100 g):
1.) Sardinen – 6,40 Milligramm
2.) Rindfleisch – 3,30 Milligramm
3.) Schweinefleisch: 3,20 Milligramm
4.) Olivenöl – 3,00 Milligramm
5.) Geflügel – 1,80 Milligramm
Und schliesslich zum Selen. Selen ist extrem wichtig für das Immun-system. Zuviel davon führt jedoch wie beim Zink zu einer Vergiftung. Der Tagesbedarf eines Erwachsenen liegt bei
60 (Frauen) bzw. 70 Mikrogramm (Männer). In den USA steckt diese Menge alleine im Brot, da dort der Selengehalt im Boden recht hoch ist. In unseren Breiten hingegen muss mit anderen Nahrungsmitteln nachge-holfen werden. Auch hier eine kleine Auflistung (je 100 g):
1.) Thunfisch – 82 Mikrogramm
2.) Schweineleber – 53 Mikrogramm
3.) Makrele – 39 Mikrogramm
4.) Emmentaler – 11 Mikrogramm
5.) Hühnereier und Brathuhn – 10 Mikrogramm
Wer zudem seiner Lunge und damit den Atemwegen etwas gutes tun möchte, kann dies ebenfalls mit verschiedenen Kräutern bewerkstelligen: Süssholzwurzel, Huflattich, Thymian, Echter Aland oder auch Eukalyptus und Königskerze, um nur einige zu nennen. Ganzkörperlich wirken zudem Kurkuma und Ingwer! Auch sollten Sie in der Küche mit Zwiebel-gewächsen nicht zu zaghaft umgehen. So findet sich in nahezu allen Zwiebeln das Flavonoid Quercetin, das Bakterien und Viren überhaupt nicht schätzen.
In der Traditionellen Chinesischen Medizin, die immer mehr auch von Schulmedizinern entdeckt wird, geht das nahezu gesamte körperliche Wohlbefinden vom Darm aus. Hegen und pflegen Sie deshalb dieses wichtige Organ – etwa mit ballaststoffreicher Ernährung wie Salat, Kohl, Vollkorn, … Ganz oben auf der Wunschliste sollte zudem fermentiertes Gemüse stehen. Durch die Gärung werden Milchsäurebakterien heran-gezüchtet, die für eine gesunde Arbeitswelt im Darm sorgen, da sie die Darmflora stimulieren. Ebensolches erzielen Sie auch mit fermentierten Getränken oder vor allem Naturjoghurt!
Besonders wichtig in der kalten Jahreszeit sind Getränke. Wird zu wenig getrunken, so führt dies zum Austrocknen der Schleimhäute. Da die dort gesammelten Erreger nicht mehr richtig abtransportiert werden können, haben sie leichtes Spiel. Besonders geeignet ist übrigens Grüner Tee, da dieser über eine grosse Anzahl von Antioxidantien verfügt. Übrigens trocknen auch Tabakrauch und geheizte Raumluft die Schleimhäute aus.
Neben all diesen Ernährungstipps sollte aber eines auf gar keinen Fall vergessen werden: Viel Bewegung tut nicht nur dem Herz-/Kreis-laufsystem und dem Muskel- und Knochenapparat gut, sondern fördert auch den Stoffwechsel und die Verdauung! Daneben kommt es zu einer Anregung des Immunsystems: Bei Belastung werden mehr Abwehrzellen durch den Blut- und Lymphkreislauf verteilt. Allerdings liegt das Geheimnis im Maß. Beim „Open Window-Effekt“ konnte nachgewiesen werden, dass nach hoher Belastung die Zahl der Abwehrzellen kurz danach unter jene des Ausgangsstadiums fällt. Deshalb ist die Gefahr einer Infektion nach einer grossen Anstrengung wesentlich grösser.
Sie aber auch Ihr Immunsystem trainieren: Durch Küssen! Mit jedem Kuss nehmen Sie auf eine durchaus angenehme Art Keime des Partners auf, die durch das Immunsystem bekämpft werden. Viele Küsse halten also gesund!
Stress und zu wenig Schlaf hingegen greifen das Immunsystem an! Unzählige Studien haben inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen, dass dauergestresste Personen häufiger krank werden. Kurze Stressphasen regen den Kreislauf an – lange Stressphasen jedoch schädigen. Das liegt vornehmlich an zwei Faktoren: Menschen im Stress essen schneller und ungesünder – zumeist Fastfood! Daneben verbraucht der Körper wesent-lich mehr und speziellere Nahrung um dies möglichst ausgleichen zu können. Diese wichtigen Nährstoffe aber werden dem Immunsystem entzogen. Zusätzlich verlangt der Körper im Anschluss an Stressphasen nach Erholungspausen. Bei Dauerstress unmöglich. Auch kann Angst zu Dauerstress führen. Beispielsweise die Angst vor Corona! Es handelt sich hierbei um eine reale Angst und keine Neurose. Somit ist sie auch nur schwer therapierbar. Dennoch kann jeder Einzelne etwas dagegen tun: Akzeptieren Sie Corona und die Gefahr einer Ansteckung. Automatisieren Sie die Sicherheitsmassnahmen. Und: Führen sie ein Tagebuch mit den positiven Erlebnissen, die Sie an jedem Tag gemacht haben. Das kann eine gute Tasse Tee ebenso sein wie der Briefträger, der Ihnen zugewunken hat oder die kleinen Vögel, die Sie bei Ihrem Spaziergang beobachteten! Sie werden erstaunt sein, wie viele solcher guter Momente Sie am Tag haben. Da sorgt ein Schmökern in Ihren Aufzeichnungen für unglaublich positive Stimmung!
Bleiben Sie gesund!!!

Lesetipps:

.) Unser erstaunliches Immunsystem: Wie es uns schützt, wie es uns heilt – und wie wir es jeden Tag stärken können; Dr. Marianne Koch; dtv Verlagsgesellschaft 2020
.) Die Ernährungs-Docs – So stärken Sie Ihr Immunsystem: Die besten Strategien und Rezepte gegen Viren und Infekte; Dr. Anne Fleck; ZS Verlag GmbH. 2020
.) Die 15 besten Tipps für ein starkes Immunsystem: Bleiben Sie gesund!; Ulrich Strunz; Heyne Verlag 2020
.) Starke Abwehr – Unser Immunsystem. Ein medizinisches Wunder und seine Grenzen; Matt Richtel; HarperCollins 2019
.) Gesunde Psyche, gesundes Immunsystem: Wie Psychoneuro-immunologie gegen Stress hilft; Dr. Lutz Bannasch/Beate Junginger; Knaur MensSana TB 2015
.) Janeway Immunologie; Kenneth Murphy/Casey Weaver; Springer Spektrum 2018

Links:

- das-immunsystem.de
- www.gesundheitsforschung-bmbf.de
- www.bmbf.de
- www.gesundheit.gv.at
- www.bfs.de
- www.allergieinformationsdienst.de
- www.msdmanuals.com

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Shoppen am Sonntag

Ausgerechnet in der Zeit des Corona-(Teil-)Lockdowns erschallt erneut der Ruf nach einer Öffnung der Geschäfte auch am Sonntag! Muss das sein??? In Mannheim musste am sog. „Black Friday“ die Polizei eingreifen, da die Corona-Massnahmen wie beispielsweise das Abstandhalten vor den Geschäften oder die maximale Anzahl der Käufer in den Geschäften nicht eingehalten wurden. Wenn die Menschen also unter der Woche Zeit zum Shoppen haben, weshalb soll dann auch am Sonntag geöffnet werden?

Während meiner Studienzeit in Innsbruck lernte ich ein Mädchen kennen. Sie war in der Filiale einer grossen Tiroler Einzelhandelskette angestellt. Als wir so in’s Gespräch kamen, meinte sie u.a., dass sie auch am Samstag im Geschäft sei. Die dadurch entstehenden Überstunden müsse sie durch eine Ausdehnung der Mittagspause als Zeitausgleich konsu-mieren. Da sie als Pendlerin mit den Öffis aus einem anderen Bezirk unterwegs war, lohnte es sich auch nicht, nach Hause zu fahren. Wir verbrachten dann möglichst viele ihrer langen Mittagspausen zusammen (natürlich Essen in der Mensa und so – was dachten Sie denn???) – als Student konnte ich es mir ja einrichten!
Damals wurden mehr Arbeitsplätze durch die Öffnung der Geschäfte auch am Samstag-Nachmittag versprochen. Ein fataler Trugschluss, wie sich später herausstellte. Meist wurde eine Angestellte/ein Angestellter unter der Woche abgezogen, der/die dann am Samstag Nachmittag Dienst schieben durfte. Oder es sind geringfügige Arbeitsplätze vergeben worden: Schlecht bezahlt und keinerlei Beiträge für die Sozialver-sicherungen, den Fiskus und die Arbeitnehmervertretungen. Für die Familie mehr als unangenehm, schliesslich arbeiten ja Partner bzw. Bekannte unter der Woche, die Kinder sind in der Schule. Am Samstag werden in vielen Familien nach wie vor die eigenen vier Wände oder der Garten auf Vordermann gebracht. Helfen da Mann und Kinder in einem solchen Fall nicht mit, bleibt alles liegen. Somit ist der Sonntag der letzte Tag, den man mit der Familie noch hat um den Rest an Freizeit zu geniessen. Jetzt hingegen fordern die Besserwisser schon wieder, die Geschäfte auch am Sonntag geöffnet zu halten. Ein Nonsens ohne gleichen, der den Angestellten nurmehr zum Arbeitstier degradiert und ihm viel an Lebensqualität kostet – ein Hoch der Work-Life-Balance. Jene Männer und Frauen, deren Partner in der Gastronomie/Hotellerie beschäftigt sind, können durchaus ein Lied davon singen.
Die Berufswelt ist einem steten Wandel unterworfen. Wurde früher noch bis zum Umfallen geschuftet, so fordert die Generation Z jetzt auch mehr Freizeit, in welcher sie ihrem Chef nicht zur Verfügung steht. In Zeiten des Burn Outs und der zunehmenden Depressionen kommt dem Chillen immer mehr Bedeutung zu. Ist auch gut so, schliesslich ist das Leben wertvoll und v.a. hat man nur eines davon! Wurde bislang bei allen Tarif- bzw. Kollektiv-Gesprächen um jede Koma-Stelle bei Lohnerhöhungen gefeilscht, so steht auch hier vermehrt die Freizeit im Mittelpunkt. Anstatt der Lohnerhöhung bieten immer mehr Industriebetriebe eine Woche mehr Urlaub an – mit Erfolg. Tarif- oder Kollektiv-Verträge dürfen nicht umgangen werden. Deshalb können die Angestellten zuvor abstimmen. In jenen Betrieben, in welchen diese Möglichkeit geboten wird, wird sie in den überwiegenden Fällen auch dankend angenommen, schliesslich frisst ohnedies die Inflation bzw. die kalte Progression die 2-3 % Brutto-Erhöhung wieder auf. Bei der Konsumierung des Urlaubs hingegen kann flexibel reagiert werden – bringt somit den Arbeitnehmern UND ihren Chefs wesentlich mehr.
Auch im Einzelhandel, wo derzeit wieder einmal bis zum Abwinken über die Sonntagsöffnungen gestritten wird! Diese sind an sich in Deutschland und Österreich gesetzlich verboten. Niedergeschrieben in den Laden-schluss- und -öffnungsgesetzen der Dt. Bundesländer und eidge-nössischen Kantonen – im Alpenstaat Österreich in der Obhut des Bundes. In allen drei genannten Ländern ist dies ein Verbotsgesetz, kein Gebotsgesetz! Allerdings gibt es Ausnahmen von dieser Regelung:
In Wien etwa dürfen Handelsbetriebe Montag bis Freitag von 06.00 bis 21.00 Uhr und am Samstag bis 18.00 Uhr geöffnet haben – ausge-nommen davon sind Geschäfte am Bahnhof und Flughafen sowie Souvenir- und Süsswarengeschäfte, die nicht grösser als 80 qm sind. Für Konditoreien gelten diese Grössenbestimmungen jedoch nicht. Ganz einfach ist die Regelung allerdings zu umgehen, wenn ein Gastgewerbe angemeldet wurde. Zumindest ein Stehtisch und der Verkauf von Getränken und Speisen öffnen die Pforten bis 24.00 Uhr – an sieben Tagen die Woche. In Deutschland sind dies die sog. „Wasserhäuschen“ oder „Trinkhallen“. Ich jedoch vertrete durchaus die Meinung, dass niemand damit überfordert ist, vorauszudenken und dabei zu beachten, dass die Geschäfte am Sonntag geschlossen sind. Wird auch als „Planung“ bezeichnet, die von jedem zudem im Arbeitsalltag gefordert wird. Oder anders formuliert: Würden sich all jene, die am Sonntag einkaufen möchten, auch selbst an diesem Tag an die Kasse setzen oder hinter’n Tresen stellen?
Ein Mindestmaß an Freizeit sollte erhalten bleiben, sodass – sollte es tatsächlich mal etwas später geworden sein – am nächsten Tag ausge-schlafen werden kann, ohne dass der Chef berechtigterweise seinen Kommentar dazu abgibt. Wie viele Menschen gehen unter der Woche in’s Theater, ein Konzert oder zum Fussball – wenn nicht wie derzeit nicht möglich? Diese Meinung vertritt auch die Bundessparte Handel in der Österreichischen Wirtschaftskammer. Allerdings ist es gut, Ausnahmen zuzulassen, damit etwa in Tourismusorten noch rasch eingekauft werden kann, wenn die Anreise am Sonntag erfolgt ist. Derartige Ausnahmen verfügen in Österreich die Landesregierungen. All dies kann nachgelesen werden im Öffnungszeitengesetz 2003 in der jeweils aktuellen Novelle. Bestätigt wird die Ansicht auch in einem Spruch des Verfassungs-gerichtshofes am 12. Juli 2012, der die Freiheit der Erwerbsausübung (Art. 6 StGG) dem Schutz des Verbrauchers, das Ziel der Wettbewerbs-ordnung und die sozial- und familienpolitische Funktion des Wochen-endes gegenüber stellte. Es gehe ganz prinzipiell darum, das Ausmass der Erbringung von Dienstleistungen am Sonntag zu reduzieren. Auch in Deutschland liegen die Ladenschlusszeiten bei den Ländern. An vier Sonntagen im Jahr ist es zudem möglich, die Pforten zu öffnen (Brandenburg sechs und Berlin zehn). Ansonsten gelten zwischen Berchtesgaden und Flensburg dieselben Ausnahmen wie in Österreich. Auch übrigens für Bäckereien. So entschied das Oberlandesgericht München am 14. Februar 2019, dass Brot und Brötchen eine „zubereitete Speise im Sinne des Gaststättengesetzes“ sind. Somit also auch hier: Bäckereien mit angeschlossenem Cafébetrieb sind Gaststätten und dürfen alsdann am Sonntag geöffnet halten.
Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen: Ich habe unter der Voraus-setzung nichts gegen die Sonn- und Feiertagsöffnung, wenn genügend freiwilliges Personal da ist, um diese zusätzlichen Öffnungen zu bewältigen. Selten steht ein Geschäftsführer am Wochenende selbst an der Kasse – wenn ja, dann wohl nur, um sich dadurch den 100 %-igen Gehaltszuschlag einsparen zu können. In Schweden hingegen gibt’s einen Supermarkt, der nur am Heiligen Abend geschlossen hat – ansonsten jeden Tag seine Kunden willkommen heisst! Andere Länder, andere Sitten!
Bei Familienmüttern und -vätern jedoch ist dem mit mehr als grosser Skepsis zu begegnen. Schliesslich kommen auch sie in den Genuss mehrerer Wochenenddienste, da wir alle wissen, dass eine Liberalisierung und somit Ausweitung von Öffnungszeiten nicht immer unbedingt auch mehr Arbeitsplätze bedeutet. Denn – wo spart der geizige Unternehmer am meisten und schnellsten: Beim Personal! Diese Meinung vertritt alsdann die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und betont, dass die Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten speziell in KMUs eindeutig mit einem Mehr an Arbeitszeit für jeden Einzelnen einhergeht. Eine Ungleichbehandlung gegenüber grossen Handelsketten! Kleinere Unternehmen verlieren dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Immer wieder beginnt das grosse Wehklagen, wenn die Schulen unter der Woche etwa aufgrund der schulautonomen Tage bzw. derzeit des Home-Schoolings geschlossen haben oder es um den Sinn der Herbstferien geht. Sind beide Eltern in der Arbeit, muss zumindest ein Elternteil Urlaub nehmen, da die Kinder ansonsten unbeaufsichtigt zuhause sind. Das entspricht nicht den Erziehungsvorstellungen unserer Legislatur und Judikatur. Arbeiten nun beide Eltern im Gastgewerbe, in der Hotellerie oder dem Handel, muss somit auch am Wochenende gejobbt werden, wie kann dann am Wochenende diesem Erziehungsideal entsprochen werden, wenn ständig die Grosseltern oder Nachbarn auf die Kids aufpassen müssen, dafür die Eltern an einem Wochentag freihaben, wenn der Nachwuchs die Schulbank drückt!? Auch als nichtgebundener Single sind ständige Wochenendsdienste mehr als lästig, da sie das soziale Leben komplett zerstören. Für Eltern rütteln Wochenenddienste an den Grund-festen unseres Staates: Der Familie! Und dabei ist der sonntägliche Kirchgang absichtlich bislang noch gar nicht von mir angesprochen worden.
Die gesamte Problematik ist im perfekten Juristendeutsch (ganz leicht verständlich) im §17 des deutschen Ladenschlussgesetzes enthalten:
Arbeitnehmer in Verkaufsstellen dürfen an Sonn- und Feiertagen beschäftigt sein, höchstens jedoch an 22 davon im Jahr. Zudem muss zumindest ein Sonntag im Monat frei sein. Dabei darf jedoch die Arbeitszeit von jeweils vier Stunden nicht überschritten werden. Im Ausgleich dazu ist Zeitausgleich in folgendem Ausmaße zu gewähren: Dauert die Arbeitszeit länger als 3 Stunden – an einem Werktag derselben Woche ab 13.00 Uhr; dauert sie länger als 6 Stunden (beispielsweise in Tarifverträgen mit Wochenendsarbeit), erhält der Angestellte einen ganzen Werktag frei. In ersterem Falle muss jeder zweite Sonntag oder in jeder zweiten Woche ein Nachmittag ab 13.00 Uhr beschäftigungsfrei bleiben. Anstatt am Nachmittag kann auch am Samstag oder Montag-Vormittag bis 14.00 Uhr dieser Zeitausgleich konsumiert werden. Alles klar???!!!
Auf EU-Ebene ist diese Thematik in der europäischen Richtlinie 2003/88/EG, dem Sicherheits- und Gesundheitsschutz bei der Arbeitszeitgestaltung für die Arbeitnehmer (Amtsblatt Nr. L 299 vom 18/11/2003 S. 0009 – 0019) verankert. Im Art. 6 ist von einer Höchstarbeitszeit von 48 h (inkl. Überstunden) pro Woche die Rede – ausser der Arbeitnehmer willigt ein, mehr zu absolvieren. Der Arbeitnehmer hat lt. dieser Richtlinie auch zusammenhängende Ruhe-stunden pro Tag zur Verfügung (gilt ab einer Arbeitszeit von 6 Stunden) – wie viel ist in den Mitgliedsstaaten unterschiedlich geregelt. Das beispielsweise sorgt derzeit vornehmlich bei der Ärzte- und vor allem Pflegerschaft für grosse Not, da Personal fehlt. Nicht angesprochen jedoch wird die Arbeitszeit am Wochenende. Hier verweist die Richtlinie auf die jeweils national gültigen Kollektiv- und Tarifverträge.
In Deutschland trat am 1957 des “Gesetz über den Ladenschluss” in Kraft. Zu Beginn durften die Geschäfte von Montag bis Freitag 07.00 bis 18.30 Uhr geöffnet haben – am Samstag bis 14.00 Uhr. Ausgenommen davon waren Tankstellen, Kioske, Bahnhofsgeschäfte, Apotheken und Gaststätten. Noch im selben Jahr wurde der 1. Samstag im Monat gelockert („langer Samstag bis 18.00 Uhr“). Die weiteren Novellierungen erfolgten 1960 (Samstage) und 1989 („langer Donnerstag“ bis 20.30 Uhr). Die weiteren Neuerungen fanden 1996 statt: Wochentags 05.00 bis 20.00 Uhr und am Samstag bis 16.00 Uhr, 2004 schliesslich wurde auch der Samstag bis 20.00 Uhr liberalisiert. Inzwischen können Geschäfte zumindest in Deutschland bis 22.00 Uhr geöffnet sein. Vier verkaufs-offene Sonntage konnte jeder Unternehmer im Jahr nutzen, ansonsten besagt § 3 Abs. 1 des Gesetzes über den Ladenschluss, dass die Geschäfte an Sonn- und Feiertagen geschlossen sein müssen. Am 30. Juni 2006 schliesslich ging die Kompetenz an die Länder über. Schenkt man einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Beratungsagentur Christ & Company vom Mai 2020 Glauben, so wünschen sich nur rund 37 % der Befragten ein Shoppen auch am Sonntag.
In Österreich sorgt das Öffnungszeitengesetz 2003 in seiner aktuellen Novelle von 2008 für geregelte Abläufe. An Werktagen können die Geschäfte von 06.00 bis 21.00 Uhr geöffnet haben, an Samstagen bis 18.00 Uhr. Allerdings dürfen 72 Stunden pro Woche an Gesamt-öffnungszeit nicht überschritten werden. Sonn- und Feiertags ist geschlossen. Ausnahmen werden durch die Landeshauptleute (Minister-präsidenten) ausgesprochen. Etwa für Tourismusregionen oder für den Feiertagsverkauf.
In der Schweiz entscheiden die Kantone autonom. Nur das Bundesgesetz über die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel muss eingehalten werden. In 16 Kantonen (inkl. Zürich – hier gibt es jedoch keine Beschränkungen) sind die Geschäfte bis zeitweise 22.00 Uhr, am Samstag bis 18.00 Uhr geöffnet. In acht Kantonen gibt es kein Laden-schlussgesetz, in zwei Kantonen wird auf Gemeindeebene entschieden. Die „Sonntagsruhe“ ist den Eidgenossen noch heilig, zumindest wird dies vom „Verband Freier Sonntag Schweiz“ derart propagiert. Diesem Verband gehören neben den Gewerkschaften, den Kirchen, der linken und christichen Parteien auch die Arbeitsmediziner an.
Im Vergleich dazu Schweden: In diesem skandinavischen Land gibt es seit 1972 keine Ladenschlusszeiten. Nur die Verkaufsräume, die dem Staatlichen Einzelhandesmonopol für alkoholische Getränke (mit mehr als 3,5 vol%) angehören, müssen an Sonn- und Feiertagen geschlossen halten.
Der Bundesverfassungsgerichtshof Karlsruhe kommt in der Beantwortung einer Verfassungsbeschwerde allerdings zur Erkenntnis, dass das Ladenschlussgesetz gänzlichst ungeeignet zum Schutz der Arbeitnehmer vor überlangen Arbeitszeiten ist. Inzwischen können in deutschen Landen die meisten Geschäfte bis zu 80 Stunden geöffnet halten. Einerseits sei es unmöglich, dies zu kontrollieren, daneben gebe es dermassen viele Ausnahmeregelungen, die auch extensiv genutzt würden. Und – das „Einkaufen mit Muße“ werde immer mehr zu einer Freizeitaktivität mit Erholungswert! Für die Einkaufenden! Für die Angestellten sehen die Branchentarifverträge für den Einzelhandel 37,5 Wochenstunden vor. Damit wirkt sich die Ausweitung mehr als kontraproduktiv auf die Wirtschaft aus, da immer mehr geringfügig eingestellt werden. Stellen sich die Inhaber jedoch selbst hinter den Tresen, so sind all diese Arbeitszeitregulierungen nicht verbindlich! Und – lassen Sie es mich mal so aufzeigen, wie in dem durch die evangelische Kirche in Deutschland in Auftrag gegebene Rechtsgutachten von Prof. Freiherr von Campenhausen zu obigem Fall:

“Das Ruhen der Erwerbstätigkeit am Sonntag ist eine die Gesellschaft seit Jahrhunderten prägende Institution christlicher Kultur.“

Lesetipps:

.) Die Bedeutung der Ladenöffnungszeiten aus einzel- und gesamtwirt-schaftlicher Sicht; Jeans d’Arc Sankari Slodowicz; GRIn Verlag 2009
.) Sonntagsschutz und Ladenschluß; Wolfgang Mosbacher; Duncker & Humblot 2007
.) Das Öffnungszeitengesetz; Doris Schättle; Diplom.de 2002

Links:

http://eur-lex.europa.eu

http://www.bverfg.de

http://www.gesetze-im-internet.de

http://bundesrecht.juris.de

https://www.muenchen.ihk.de

http://www.wko.at

http://www.ch.ch

http://www.admin.ch

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Danke für Ihre Spende

„Geben ist seliger denn nehmen!“
(Apostelgeschichte 20,35)

Weihnachten steht vor der Tür, das Internet und die Briefkästen sind voll mit Aufrufen zum Spenden. Ja – es gibt sie, die Menschen und Tiere, die dringend auf Ihre Hilfe angewiesen sind. Statistiken haben ergeben, dass die meisten Spenden für Kinder-Hilfsprojekte fliessen, gefolgt von Tier-schutzorganisationen. Doch sollten Sie gerade in Zeiten wie diesen, wo Fake salonfähig geworden ist, mit Ihrem sauer verdienten Geld extremst vorsichtig umgehen: Weg ist es sehr rasch – nicht immer jedoch beim beabsichtigten Empfänger! Die Journalistin Linda Polman spricht ganz offen von einer „Spenden-Mafia“ und hat hierzu ein aufrüttelndes Buch geschrieben: „Die Mitleidsindustire“. Sie schildert dabei das Prozedere, was mit Spenden, die vor allem nach Afrika und Afghanistan gehen, tatsächlich geschieht. Dabei greift sie auf ihre jahrelange Erfahrung zurück, die sie als investigative Mitreisende der UN-Friedenstruppen hat machen müssen. Wahrhaft keine schönen Tatsachen, denn: Spenden können gar Kriege verlängern, da sie beispielsweise zum Ankauf von Waffen verwendet werden! Und trotzdem drängen immer mehr Hilfs-organisationen auf den Markt – der Kampf um jeden Cent wird immer erbitterter. Zumeist auf Kosten des Roten Kreuzes, das die Fehler aus-bügeln muss, wenn alle anderen bereits den Hotspot verlassen haben.

„Es gibt fast 40.000 internationale Hilfsorganisationen, die um Geld betteln, die ein Stück vom Milliarden-Kuchen abhaben wollen. Die Hilfs-Industrie ist ein Monster geworden, das kaum noch kontrollier-bar ist.“
(Linda Polman)

Davon abgesehen, hier nun einige Beispiele – ohne Anspruch auf Voll-ständigkeit, denn es gibt derer sehr viele, die mit Ihrer Spende Schindluder treiben.
Im Jahr 2007 geriet das Kinderhilfswerk der UNO, die UNICEF, in den Fokus der Medien. Hier sollen horrende Beraterbeträge und wohlwollende Provisionen für die Spendensammler geflossen sein. Über 40.000 Förderer kündigten ihre Mitgliedschaft. Der Vorstand musste zurück-treten, die Organisation wurde grundlegend saniert.
Die Zeitung „Corriere della Sera“ veröffentlichte 2020 einen Artikel und brachte dadurch einen Stein in’s Rollen. Nach Recherchen der Redakteure soll der Vatikan Spendengelder aus dem sog. „Peters-Pfennig“ für den Ankauf einer Geschäftsimmobilie in einem sündhaft teuren Stadtviertel Londons verwendet haben. Für diese Kollekte wird regelmässig in allen katholischen Kirchen dieser Erde gesammelt. Dort spricht man vom Wert-erhalt der Spenden. Die Staatsanwaltschaft des Vatikans ging von der Summe von 500 Mio € aus – einige hunderttausend davon als Berater-gelder. 15 Personen wurden festgenommen und wegen Veruntreuung, Amtsmissbrauch und Korruption angezeigt.
Den wohl grössten Skandal im vergangenen Jahr verursachte der abgewählte US-Präsident Donald Trump. Nachdem sich auch bereits ein Gericht aus New York mit dieser mehr als unschönen Sache beschäftigt hat, kann ich darüber berichten ohne Repressalien eines mit Klagen gerade um sich schlagenden, noch wenige Tage amtierenden Präsidenten zu fürchten. 2018 kam zum Vorschein, dass die Trump-Stiftung Gelder in der Höhe von 2,8 Millionen Dollar missbräuchlich verwendet haben soll. Die Spenden sollen für unerlaubte Eigengeschäfte und illegaler Wahl-kampfunterstützung verwendet worden sein. So wurden anscheinend offene Rechtsansprüche für das Feriendomizil Mar-A-Lago in Florida sowie einen seiner Golfclubs verwendet. Auch Marketingmassnahmen für einige Hotels und den Ankauf persönlicher Dinge wurden damit finanziert. Der Vorstand der Stiftung hatte sich jedoch nach Angaben des Gerichtes seit 1999 nicht mehr getroffen, Trump selbst habe alsdann über die Verwendung der Gelder bestimmt. Die Stiftung wurde auf richterliche Anordnung aufgelöst. Das Gericht sprach eine Strafe in der Höhe von 2 Mio US-Dollar aus! Diese floss – ebenso wie das restliche Stiftungsvermögen – an mehrere wohltätige Organisationen.
Im Juni diesen Jahres wurde ein ähnlicher Fall aus Grossbritannien bekannt: Nach Berichten der Zeitung „The Sun“ hatte die Mutter von fünf Kindern den Wohltätigkeitsfonds „Heart Links“ eingerichtet und über diesen eine Tombola zur Finanzierung der Herzoperation eines ihrer Kinder eingerichtet. Zugleich gründete sie auf der Spendenplattform „GoFundMe“ eine Spendenaktion. Hier kamen 10.000 Pfund zustande – überwiesen an HeartLink wurden jedoch nur 4.200 Pfund – der Rest soll für eine Brustvergrösserung und den Ankauf eines Autos verwendet worden sein. Dies berichten zumindest Nachbarn, die ebenfalls fleissig gespendet hatten. Sie verlangten das Geld zurück. Die Frau wurde verhaftet – dann auf freiem Fusse angezeigt.
Ebenfalls vor Gericht bzw. im Gefängnis endete die Betrugsmasche eines Mannes in Berlin. Er nannte sich Andreas Becker – heisst aber tatsächlich anders (Udo D.). Der damalige Vorsitzende des Frauennothilfevereins „Hatun und Can“ soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft Gelder in beträchtlicher Höhe für den eigenen Bedarf verwendet haben, obwohl sie eigentlich Frauen zukommen sollten, die sich vor dem „Ehrenmord“, Misshandlungen und der Zwangsehe schützen müssen. Dabei führte er sogar Alice Schwarzer hinter’s Licht, die bei der Promi-Ausgabe von „Wer wird Millionär“ eine halbe Million Euro gewonnen hatte und das Geld der Organisation zur Verfügung stellte. Die Ermittlungen ergaben, dass Becker rund 700.000 € für eigene Zwecke verwendet hatte: Einen BMW X6, eine teure Uhr und Möbel für die Freundin etwa. Möglicherweise bezahlte er auch Prostituierte für ihre Dienste! Zeugen beobachteten, wie er Hunden beim Metzger Schnitzel kaufte. Übrigens erstattete Alice Schwarzer selbst Anzeige, als sie auf ihre Anfrage, was mit dem Geld geschehen sei, nur vorgeschobene Argumente erhielt. Seine Anwälte sprachen von „Widerwärtigem Rufmord“! Man könne die ordnungs-gemässe Verwendung der Spenden beweisen – das Auto sei für den Schutz der Frauen mehr als geeignet. Hintergrund von „Hatun und Can“ war der Mord an Hatun Sürücü, die im Jahr 2005 von der eigenen Familie ermordet wurde. Ihr Sohn kam in eine Pflegefamilie. Diesen tragischen Fall verwendete Becker als Aufhänger.
Ein stadtbekannter Betrüger aus dem Berliner Stadtteil Neukölln steckt hinter einem ähnlichen Fall. Unter dem Namen „Treberhilfe“ hatte er ein ganzes Unternehmen für die Hilfe Obdachloser aufgebaut – und erzielte damit Riesen-Gewinne, die auch er offenbar eigennützig absahnte. Sich selbst bezahlte er ein monatliches Salär von 35.000,- € – sein Dienst-wagen war ein Maserati! Erst als dieser geblitzt wurde, kam das Ganze an’s Licht der Öffentlichkeit. Fairerweise sei erwähnt, dass es sich nicht um den Missbrauch von Spendengeldern, sondern vielmehr um Steuer-betrug eines vermeintlichen Sozialunternehmens handelte. Der Senat von Berlin hat inzwischen reagiert: soziale Unternehmen, die die Gehälter ihrer Geschäftsführer nicht offenlegen, erhalten keine Aufträge mehr.
Das Landgericht Lüneburg verurteilte einen damals 48-jährigen Mann wegen Unterschlagung zu viereinhalb Wochen. Er sammelte gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin unter dem Schild einer Kinderhilfsorganisation einen niedrigen sechsstelligen Betrag, leitete aber nur rund 8.000 € an entsprechende Hilfsorganisationen weiter. Den Rest verprasste er mit seiner zu einer Bewährungsstrafe verurteilten Freundin auf grossem Fusse!

„Das Spendenaufkommen wächst seit Jahren nicht. Wir brauchen deshalb nicht die zehnte Organisation für den gleichen Zweck.“
(Christian Osterhaus, Deutsche Welthungerhilfe)

Auch auf der Strasse bzw. der Haustüre floriert das Geschäft mit der Gutmütigkeit. So klingelte im Rheinland ein Mann an den Haustüren um angeblich für eine Behinderten-Werkstatt zu sammeln. Rund 300,- € hatte er sich auf diese Weise verdient – pro Tag. Ein Betrüger! In einer Fussgängerzone in Berlin sammelte ein angeblich irakisches Paar für notleidende Landsleute. Einigen Anwohnern kamen die beiden jedoch bekannt vor – hatten sie doch im selben Stadtteil für „von den Taliban vertriebenen Afghanen“, „Bürgerkriegs-Flüchtlingen aus Bosnien“ und „in der Türkei verfolgten Kindern“ gesammelt. Ohnedies ist gerade auf der Strasse erhöhte Vorsicht geboten: Manche Betrüger wollen nicht nur die Spende, sondern das ganze Geld. Aus der Unterschlagung wird Taschen-Diebstahl oder gar Raub!
Die Liste lässt sich noch weitaus länger fortsetzen. So verschleierte die Organisation „Innocence in Danger“ die Verwendung der Spendengelder und die Hintergründe der Organisation selbst – prominente Sammlerin war 2010 die Frau des damaligen Verteidigungsministers, Stephanie zu Guttenberg.
2008 flossen erhebliche Summen nicht an Waise, die vom Internationalen Kinderhilfe e.V. aus Pfungstadt unterstützt worden sind, sondern vielmehr an die Werbeagentur des Vereins. Diese hatte die Kosten für die Werbekampagne vorgeschossen. Das Spendenaufkommen wurde dem nicht gerecht – zurück blieb ein verschuldeter Verein.
Auch die Anti-Corona-Bewegung sammelt. Angeblich für den Kampf gegen die Regierungsdiktatur, für die Grundrechte und ein liebevolles Miteinander. Nach bislang unbestätigten Angaben soll der Gründer der Querdenker, Michael Ballweg, selbst bislang über 225.000 € gesammelt haben. Daneben schossen viele Kleinorganisationen wie sprichwörtlich die Pilze aus dem Boden, die sich ebenfalls am Spendenmarathon beteiligen. Wohin die Gelder tatsächlich gehen, bleibt im Dunkeln. Recherchen einiger Kritiker endeten über dem Umweg eines Ausland-Kontos meist bei einem heimischen Privatkonto.
Auch Österreich ist keine Insel der Seligen. Hier hat allerdings vor einigen Jahren das Finanzamt zumindest einen kleinen Riegel vorgesetzt: Vereine, Organisationen und Stiftungen, die ihren Spendern das Bonbon der steuerlichen Absetzung ihres Beitrages weitergeben wollen, müssen sich einer umfangreichen Wirtschaftsprüfung unterziehen. Allerdings ist auch dies nicht wirklich ein Qualitätssiegel. Immer wieder verlieren Organisationen diese Möglichkeit. Wer also auf Nummer sicher gehen möchte, sollte nach dem Österreichischen Spendengütesiegel Ausschau halten. Die damit ausgezeichneten Organisationen werden regelmässig durch die Kammer der Wirtschaftstreuhänder überprüft. Jedoch sind die Prüfungskosten relativ hoch, sodass sich dies viele kleinere Vereine finanziell nicht leisten können. Ausserdem gibt es noch ein Problem: Einige Organisationen erhielten in Österreich das Spendensiegel, wurden jedoch in Deutschland aus den unterschiedlichsten Gründen vom Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen zurückgewiesen.
Obgleich auch im Bereich der privaten Spenden sehr viel Geld zusammenkommen kann, sind es zumeist die grossen Beträge von Unternehmen, die Sorgenfalten aufkommen lassen. Damit diese nicht einem Betrüger aufsitzen, hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) einen Transparenzpreis eingerichtet. Hier können sich Vereine und Stiftungen einschreiben lassen, die über ein Spendeneinkommen von mehr als einer Mio € im Jahr verfügen. Sie verpflichten sich jedoch gleichzeitig, die Verwendung der Gelder offenzulegen.
5,1 Milliarden Euro haben nur die Deutschen im Jahr 2019 gespendet (in Österreich waren es geschätzte 700 Mio). In Deutschland gibt es 600.000 Vereine und 18.000 Stiftungen, die in irgendeiner Weise gemeinnützig tätig sind (in Österreich gibt es 110.000 Vereine – 1.000 davon sammeln Spenden). Nur 50 % der Gelder müssen in Deutschland satzungsgemäss verwendet werden um ein Spendensiegel zu erhalten. Allerdings gibt es deutschlandweit nur ein landeseigenes Institut in Rheinland Pfalz (die „Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion“ in Trier, die nach der Vergabe des Spendensiegels beinhart weiterprüft). Die Spendensiegel werden vergeben vom Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) nach einer einmaligen Prüfung des Vereins auf die Gemeinnützigkeit und damit die ordnungsgemässe Verwendung der Spendengelder. Danach müssen pro 10.000 € Spendengelder gerade mal 35,- € an das DZI überwiesen werden. Greenpeace beispielsweise hat sich geweigert, eine solche Prüfung über sich ergehen zu lassen.
Einer, der sich diesem Unwesen entgegenstellte war Stefan Loipfinger, ehemaliger Fonds-Analyst. Er deckte einige Fälle auf seinem Portal www.charitywatch,de auf, musste jedoch seine Arbeit 2012 einstellen, nachdem er wüsten Beschimpfungen und gar Drohungen ausgesetzt war. Er fordert, dass alle gemeinnützigen Vereine dazu verpflichtet werden sollen, öffentlich Rechenschaft abzulegen, wie es auch die meisten Unternehmen machen müssen. Bislang reiche es nämlich aus, so Loipfinger, als Ziel der Vereins die Information über notleidende Menschen und Tiere in den Statuten festzuhalten. So könnten 50 % des Spendenaufkommens für weitere Spendenaufrufe oder Online-Aktionen genutzt und die anderen 50 % als Gehälter abgezogen werden. Ein untragbarer Missstand!

„Bei der Wahl des Empfängers sollten Spender viel mehr Vorsicht walten lassen und keinesfalls auf die Mitleidsmasche hereinfallen.“
(Isabell Gusinde, Postbank)

Wenn Sie sich nun fragen sollten, an wen Sie denn wirklich spenden können, muss ich leider betonen: Ich werde es tunlichst unterlassen, hier die Werbetrommel für einige wenige zu rühren. Allerdings ergaben die Recherchen eines österreichischen Wochenmagazins, dass bei „Ärzte ohne Grenze“ rund 77 % direkt dem Projekt zufliessen, bei „Licht für die Welt“ sind es gar 91%. Eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Postbank kam zu dem Ergebnis, dass nur rund 17 % der Spender recherchieren, wofür sie ihr Geld ausgeben. Wieso nur so wenig? Jeder Zehnte spendet sogar aus dem Bauch heraus! Bitte erkundigen Sie sich bevor sie zum Zahlschein greifen. Achten Sie vor allem bei Spenden in das ferne Aus-land, ob nicht bürgerkriegsführende Fraktionen oder gar die Regierung des Landes selbst einen Teil der Spenden abkassiert. Dies gilt nicht nur für Geldspenden sondern auch für Naturalien. Damit werden oftmals kämpfende Truppen oder Söldner finanziert!

Lesetipps:

.) Die Spendenmafia: Schmutzige Geschäfte mit unserem Mitleid; Stefan Loipfinger; Knaur TB 2011
.) Die Mitleidindustrie – Hinter den Kulissen internationaler Hilfs-organisationen“; Linda Polman; Campus Verlag 2010
.) Im Zentrum der Katastrophe; Richard Munz; Campus Verlag 2007

Links:

- www.dzi.de
- www.transparency.de
- www.dfrv.de
- www.soz.uni-heidelberg.de/forschungsstelle-csi/

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Droht schon bald ein Ärztekollaps???

Die Hörsäle sind bis auf den letzten Platz gefüllt (zumindest in jenen Zeiten, in welchen die Universitäten Lehrbetrieb haben), die Prüfer können es sich offenbar nach wie vor erlauben, bei den Teilprüfungen gross reine zu machen – oder doch nicht? Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Deutschland lag im Wintersemester 1990/91 die Zahl der Medizinstudenten bei über 95.000 – im Wintersemester 2015/16 waren es weniger als 90.000! Vorbei sind die Zeiten, als lange auf einen Turnusplatz gewartet werden musste und Herr Doktor Taxi fuhr – allerdings nicht als Fahrgast! Wir blicken somit in eine mehr als fragwürdige Zukunft, denn fehlt in den Krankenhäusern der medizinische Nachwuchs, wird sich dies auch in absehbarer Zeit auf den nieder-gelassenen Bereich auswirken. Hinzu kommt erschwerend, dass rund 20 % der derzeit noch praktizierenden Mediziner inzwischen älter als 60 Jahre sind. In Rheinland-Pfalz etwa hat jeder 5. Praxisarzt das 65. Lebensjahr überschritten – dort liegt der Altersschnitt bei 56,4 Jahren, bundesweit bei 55,5 Jahren (hier ist jeder Zehnte älter als 65). Dasselbe Problem stellt sich auch in Österreich: Hier können in einem Jahrzehnt rund 30 % der Mediziner in die Pension gehen – bei den niedergelassenen Ärzten gar jeder Zweite. Vor allem am Land droht somit in beiden Ländern ein massiver Ärztemangel! Und dies obwohl zuletzt zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen die Quote angestiegen ist: 1990 kamen auf 100.000 Einwohner 312,7 Mediziner, 2007 waren es 348,6 und im Jahr 2018 431,1 (eingerechnet sind neben den niedergelassenen auch die Krankenhaus- und Fachärzte). Die Zahl der Praxen erhöhte sich von 92.000 auf 138.000 und 2018 auf 148.600! Eigentlich also durchaus positive Zahlen. Doch reicht dies für den demographischen Wandel? Damit klettert nämlich auch der Behandlungsbedarf nach oben. So stieg nach Angaben des Ehren-Präsidenten der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Med. Frank Ulrich Montgomery, zwischen 2009 und 2017 die Zahl der Behandlungsfällen in den Krankenhäusern von 17,8 auf 19,5 Millionen – parallel dazu kommt es jährlich zu rund einer Milliarde Arztkontaken in den Praxen der niedergelassenen Ärzte.
Geht man in’s Detail, so offenbaren sich die Probleme: Im Landkreis Landshut kommen auf 100.000 Einwohner gerade mal 87 nieder-gelassene Ärzte, während es in Landshut-Stadt 319 sind (Angaben Kassenärztliche Bundesvereinigung). Dies liegt vornehmlich in der Ursache begründet, dass freiwerdende Praxen auch in überversorgten Gebieten stets nachbesetzt werden dürfen, während sie am Land verwaisen.
Dabei gibt es alle Hände voll zu tun. Wartezeiten von einer teils gar zwei Stunden, die Magazine im Wartezimmer sind schon in- und auswendig bekannt – ganz normal, sucht man den Hausarzt seines Vertrauens auf. Durch die Verlängerung der Lebensdauer wird die Arbeit der Ärzte auch weiterhin zunehmen. Konträr dazu sinkt die Zahl der Allgemeinmediziner drastisch, während sie bei den Vertragsärzten (angestellte Mediziner) steigt. Mit diesem Problem muss sich auch die Politik beschäftigen, obwohl gerade hier viel versprochen und nur wenig eingehalten wird. Die Folge: Weite Anfahrtswege und noch längere Wartezeiten! Dies zu einer Zeit, in welcher vermehrt die Krankenhäuser wieder Kompetenzen (Nachuntersuchungen beispielsweise) an die niedergelassenen Ärzte abgeben, damit die Anzahl der Betten möglichst gering gehalten werden kann (Lenkung der Patientenströme). Doch beisst sich hierbei die Katze in den eigenen Schwanz: Montgomery fordert deshalb mehr Medizinstudienplätze – die Politik dürfe bei der Umsetzung des „Master-plans Medizinstudium 2020“ nicht auch weiterhin trödeln. Demgemäss beispielsweise hält der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Jena, Orlando Guntimas-Lichius, eine Erhöhung der Studienplätze mit dem Wintersemester 2021/22 für „nicht realistisch“! Bayern hingegen hat offenbar mit der „Landarztquote“ eine Lösungsmöglichkeit gefunden. In diesem Wintersemester 2020/21 haben dort 100 Studenten das Medizin-studium begonnen. Viele davon kommen aus dem Bereich der Pflege oder sind Notfallsanitäter. Sie kamen bislang nicht in Betracht, da sie beim Abi keine 1 vorweisen konnten. Dafür haben sie sich verpflichtet, nach der Ausbildung als Landarzt eine Praxis zu übernehmen.
Bereitschaftsdienste und Notärzte sind immer öfter unterbesetzt, sodass sich vermehrt ambulante Patienten direkt an die Kliniken wenden. Ambulanzen jedoch binden viel medizinisches Fachpersonal. Deshalb gehen manche Krankenhäuser bereits dazu über, ambulante Erstver-sorgungseinheiten einzurichten. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass rund 40 % der Patienten an die Hausärzte verwiesen werden können. Um die Situation bei den Notdiensten zu entschärfen, werden auch fach-fremde Ärzte zu Bereitschaftsdiensten verpflichtet. In Bayern etwa dürfen Ärzte, die das 60. Lebensjahr überschritten haben, nicht mehr für Bereitschaftsdienste herangezogen werden.
Das Übel liegt wohl darin, dass der Beruf eines Allgemeinmediziners immer unattraktiver wird. Geregelte Arbeitszeiten, Karriereleiter, Reich-tum – all das bleibt für den Landarzt meist nur ein Wunschtraum. An Forschung ist gar nicht zu denken. Deshalb konzentrieren sich die Kommilitonen bereits während der Ausbildung auf eine Fachrichtung. Hier bleiben alle Türen offen, jene der eigenen Praxis ist vielleicht die letzte! In der Bayerischen Landesärztekammer wird durchaus das Thema „Pharmaunternehmen“ diskutiert. Diese benötigen Experten – das bedeutet dann zumeist grosse Karriere für bereits junge Studien-abgänger. Zudem erfordert die Allgemeinmedizin eine lebenslange Weiterbildung, mehrere Umzüge und verschiedene Stellenwechsel. Bei der Ärztekammer spricht man von im Schnitt 15 Jahren, bis sich der Allgemeinmediziner niederlässt und endlich seine eigene Praxis eröffnet. Apropos eigene Praxis: Viele scheuen sich vor den horrenden Kosten. So müssen für eine Praxis-Neugründung durchaus 200-300.000 € flüssig gemacht werden. Deshalb werden immer mehr Ärztehäuser oder Gemeinschaftspraxen aus dem Boden gestampft, damit etwa die Verwaltung für den Einzelnen so gering als möglich gehalten werden kann. Und gerade dieser Aufwand ist nicht unerheblich. Dies hält sich beim angestellten Arzt in Grenzen, erfordert aber gerade bei den nieder-gelassenen Ärzten einen Grossteil ihrer Arbeitszeit.
Dabei zeigen durchaus positive Beispiele andere mögliche Wege auf: In den Niederlanden schreiben sich alle Patienten im Einzugsgebiet eines Landarztes ein – dadurch erhält dieser eine Grundfinanzierung. Das Modell würde der Bund der Deutschen Hausärzte gerne übernehmen, doch verweigern sich hier die Kassenärztlichen Vereinigungen. Hinzu kommt ferner der Freizeitfaktor. Gerade bei jungen Ärzten sehr entscheidend für die Wahl der Fachrichtung. Und die Möglichkeit der Privatpatienten im städtischen Bereich – nicht zu verachten! So verlangt beispielsweise ein Facharzt für eine Behandlung wesentlich mehr als der Allgemeinmediziner. Mit 95,9 Hausärzten auf 100.000 Einwohner besitzt Kaufbeuren/Bayern das dichteste Netz, Duisburg/NRW auf der anderen Seite mit 55 das löchrigste.
Auch im Bereich der Krankenhäuser ist Feuer am Dach. Es fehlt der Nachwuchs. Nach Insider-Angaben sind es beispielsweise in Wien zumindest 120 Mediziner, die sofort eingestellt werden könnten. Im Alpenstaat bedarf es jährlich rund 1.450 Ärzte, um den derzeitigen Versorgungsstand halten zu können. Doch gerade mal 840 nehmen nach ihrer Ausbildung eine Tätigkeit im Lande auf. So kommen derzeit beispielsweise in Oberösterreich 4,5 Mediziner auf 1.000 Einwohner.
Nach Angaben des Deutschen Krankenhausinstituts blieben im Jahr 2019 in den deutschen Krankenhäusern rund 3.300 Ärzte-Vollzeitstellen unbesetzt – pro Klinik sind dies im Schnitt vier Positionen. Wartete früher ein junger Arzt sehr lange auf einen Turnusplatz, so bleiben inzwischen viele dieser Plätze leer. Von Medizinerschwemme also keine Spur mehr. Während vereinzelt in deutschen Landen bereits Weiterbildungsverbünde geschaffen werden, zu welchen sich Kliniken und Fachärzte zusammen-schliessen, versucht man es in Österreich mit einem Wohlfühlfaktor bei den Klinikärzten: Verbesserung der Arbeitsbedingungen, klare Aus-bildungsrichtlinien und schliesslich eine Gehaltsreform. Dies jedoch behagt dem zu Niedriglöhnen arbeitenden Pflegepersonal nicht. Trotz-dem: Aufgrund des Personalnotstandes sind für einen Klinikarzt 60-80 Wochenstunden, grosse Teile sogar als Dauerdienst, keine Seltenheit! Gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeiten: Was ist das!?
Doch auch eine weitere Berufssparte blickt mit Sorgenfalten in die Zukunft: Die Apotheker! 90 % der Patienten kaufen ihre Medikamente bzw. lösen ihre Rezepte dort ein, wo sie zum Arzt gehen. Gibt es immer weniger Arztpraxen auf dem Land, sperren auch mehr Apotheken zu. Und hier schlägt sich die Gesundheitspolitik wiederum selbst in’s Gesicht: Während in der Stadt die Zahl der Apotheken von der Bevölkerung abhängt, betreiben etwa in vielen Teilen Österreichs die Landärzte selbst Hausapotheken. Dies wurde nun gelockert, sodass sich auch vermehrt Apotheker Standorte am Land suchen können. Sie nehmen jedoch dem Landarzt die Kundschaft für das sehr lukrative Hausapothekengeschäft weg. Nur eine Praxis – für viele deshalb unrentabel. Mit ein Faktor, weshalb viele Landärzte keine Nachfolger finden und die Praxen verwaisen. Die Zahl der Hausärzte stagniert seit 2007 – im Jahr 2019 lag sie bei 55.073. Die Zahl der niedergelassenen Ärzte sank im Vergleich dazu im Jahr 2019 um 1.142 auf 116.330. Leerstehende Praxen findet man vornehmlich in Brandenburg, Niedersachsen und Bayern. Um dieser Problematik entgegenzuwirken, wurde 2012 das sog. “Landarztgesetz” (GKV-Versorgungsstruktur-Gesetz) geschaffen, wodurch junge Ärzte und -innen dazu motiviert werden sollen, Landarztpraxen zu übernehmen. Zwingen freilich kann sie niemand. In Niedersachsen übernehmen in der Zwischenzeit viele Hausbesuche Arzthelferinnen, die zu nicht-ärztlichen Praxisassistentinnen ausgebildet wurden. So etwa bei älteren oder chronisch kranken Patienten. In Österreich belief sich die Zahl der niedergelassenen Ärzte im Jahr 2018 auf 18.300, allerdings sind fäst 10.100 davon Wahlärzte!
Viele der noch praktizierenden Hausärzte kennen eine zusätzliche Ursache für die Misere: Die Vernachlässigung der Hausarztmedizin gegenüber der technischen Medizin! Klar, dass ein Chirurg in der Notfallambulanz eines Krankenhauses eine Operation empfiehlt, der Hausarzt diese jedoch meist als letzte Möglichkeit ansieht. Haben Sie etwa gewusst, dass heisses Sprite ohne Kohlensäure und eine heisse Wärmflasche gegen Gastritis helfen kann? Den Tipp erhielt ich von einem Landarzt!
Noch prekärer übrigens ist die Situation bei den Ärzten im Öffentlichen Gesundheitswesen. Derzeit arbeiten in 380 Gesundheitsämtern 2.500 Ärztinnen und Ärzte. Das ist um rund ein Drittel weniger als noch 1998. Manche dieser Amtsärzte übernachten bereits im Amt. Hier tut sich – gerade in der derzeitigen Corona-Situation ein riesiges Loch auf. Kein Wunder, erhalten sie doch rund 1.500 € brutto monatlich weniger als ihre Kollegen in den Krankenhäusern. Einher geht eine ernst zu nehmende Überalterung: So waren bundesweit im Jahr 2011 nur 11 Fachärzte jünger als 40 Jahre. In diesem Bereich werden jedoch Präventions- und Infektionsmassnahmen ausgearbeitet, Hygienestandards bestimmt sowie Beratungs- und Überwachungstätigkeiten absolviert – wichtige medi-zinische Teilbereiche! Ein hier bestehender Engpass wirkt sich – wie zuletzt bewiesen – v.a. in der Infektionsabwehr fatal aus, betonen die Gewerkschaft Marburger Bund (MB) und der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) unisono.
Damit die medizinische Grundversorgung nicht komplett zusammen-bricht, wird nun Werbung in den EU-Krisenländern gemacht. Deutsche Ärzte wandern aufgrund des besseren Verdienstes in die nördlicheren Länder wie Grossbritannien, den Niederlanden, Norwegen und Schweden ab (2019 waren es insgesamt 1.898). So lockt beispielsweise das Land Carl Gustavs deutsche Mediziner mit überschaubaren Schichten (40 Stunden pro Woche – 18 Stunden am Stück dürfen nicht überschritten werden), bezahlten Überstunden und vier Wochen Sommerurlaub. Sprachkurse werden bezahlt, Kinder betreut und die Wohnungssuche vom Krankenhaus durchgeführt. 2010 nutzten dieses Angebot 55 deutsche Ärzte. Doch geht es ihnen nicht um den Verdienst. So ergab eine vergleichende Studie der Unternehmensberatung KPMG im Sommer 2011, dass das kaufkraftbereinigte Nettoeinkommen von Ärzten mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung in Schweden bei 28 – 32.000 € liegt, bei deutschen hingegen bei 32 – 40.000 €. Somit gibt das Arbeitsumfeld den Ausschlag.
Hierzulande sollen die ansonsten leerstehenden Arztpraxen mit aus-ländischen Medizinern zu neuem Leben erweckt werden. Doch gibt es ungeahnt viele Hürden, die in Schweden alsdann nicht bestehen: Einerseits die deutsche Sprache, die in den meisten Fällen erlernt werden muss (Absolvierung des Sprachtests zur Patientenkommunikation) und andererseits die Anerkennung des ausländischen Studiums – die Approbation. 2019 waren insgesamt 58.168 ausländische Ärzte in Deutschland gemeldet. Das bedeutet eine Zunahme um sieben Prozent. Die Liste führen die Syrer mit 4.486 an, gefolgt von den Rumänen (4.433) und den Griechen (2.811). Auch im Klinik-Bereich v.a. in der Provinz trifft man vermehrt auf ausländische Ärzte. Das Manager Magazin spricht sogar von einer “Einwanderungswelle im OP”! Die Krankenhäuser hingegen griffen vornehmlich auf Kollegen aus Österreich zurück. Ob diese den Sprachtest auch absolvieren mussten, entzieht sich der Kenntnis des Schreiberlings. Sie allerdings fehlen dann wieder im Alpenstaat. So ist mir beispielsweise aufgefallen, dass in Tirol interviewte Ärzte zu 90 % deutsches Hochdeutsch sprechen – bei Innsbruck handelt es sich um ein Universitätsklinikum! D.h. die Masse kann ziehen, die Spezialisten werden aus Deutschland geholt (2018 waren es 254). Das jedoch führt zum Kernproblem der Situation: Der Ausdünnung eines ganzen Berufsstandes! Noch merkt der Patient davon nur sehr wenig, wie eine Studie der Barmer GEK und der Bertelsmann-Stiftung ergab. Demnach waren im Jahr 2018 in der Stadt 64 und am Land 56 % mit dem Zugang zu Hausärzten sehr zufrieden. Doch – schliesst der eigene Hausarzt, platzt zumeist diese Luftblase!

Alle Zahlen kommen aus Deutschland, mit Ausnahme der speziell für Österreich bezeichneten!

Links:

- www.bundesaerztekammer.de
- www.aerztekammer.at
- www.kbv.de
- gesundheitsdaten.kbv.de
- www.versorgungsatlas.de
- www.zi.de
- www.vlkoe.at
- www.hausaerzteverband.de
- www.hausaerzteverband.at
- oegam.at
- www.leitendekrankenhausaerzte.at
- www.gesundheitskasse.at
- www.aerztekammer-bw.de
- www.medizinrecht-europa.eu

Lesetipp:

.) Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus; Thomas Kopetsch; Bundesärztekammer 2010

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Was können denn die Gänse dafür???

Warnung: Der heutige Blog ist nichts für Zartbesaitete! Leser/-innen mit schwachen Nerven sollten v.a. Abstand von den verlinkten Videos nehmen. Trotzdem wieder mal ein trauriger Fingerzeig darauf, was Menschen an unschuldigen und wehrlosen Tieren verbrechen!

Der heilige Martin von Tours war ein gar bescheid’ner Mann! Als ihn das Volk von Tours zum Bischof wählen wollte, soll er sich in einem Gänse-stall versteckt haben. Einem Bettler gab er seinen Mantel, den Kranken half er, die Sterbenden begleitete er. Sein Namenstag wird am 11. November gefeiert! Weshalb hingegen sehr viele der armen Gänse ausgerechnet rund um diesen Tag ihr meist qualvolles Leben beenden müssen, ist noch nicht ganz geklärt. Denn: Auch die Gänse sind Geschöpfe Gottes (Genesis, Moses 2-19), die nicht auf diese unmensch-liche Art gehalten oder getötet werden sollten – besonders nicht zu Ehren von Heiligen! Doch wie ist es möglich, hier einen Bezug herzustellen?!
Einerseits begann in früheren katholischen Zeiten am 11. November eine vierzehntägige Fastenzeit. Davor wurde nochmals so richtig geschlemmt. Andererseits ist der 11. November ein sog. “Zinstag”. Hier begannen und endeten etwa Pachtverträge, Arbeitsverhältnisse,… Das musste natürlich gefeiert werden. Auch die Lehnspflicht (“Martinsschoss”) war am 11. November fällig. Sie bestand meist aus einer oder mehreren Gänsen. Viele Bauern wollten ihre Tiere zudem nicht durch den Winter füttern. Die Legende vom Heiligen Martin besagt ferner, dass eines schönen Tages eine ganze Gänseschar die Predigt des Bischofs störte. Das Federvieh wurde eingefangen und zu einer Mahlzeit für die Kirchengemeinde verarbeitet – andere Zeiten, andere Gebräuche.
Somit lässt sich also das Naheverhältnis zwischen dem Heiligen Martin und der Martinigans erklären. Und schön knusprig gebraten, mag sie vielleicht auch tatsächlich ausgezeichnet schmecken, kann ich mir vorstellen. Hatte der Vogel ein erfülltes Leben, habe ich eigentlich auch nichts gegen diese Schlachtungen. Doch werde ich in diesem Blog aufzeigen, dass dies in den meisten Fällen nicht so ist.
Viele der Gänse sterben noch bevor sie ein Jahr alt sind. Zeit ihres Lebens wurden sie wegen Ihrer Daunen gerupft oder mussten im Akkord Küken produzieren. Das jedoch war schon einmal Inhalt einer meiner Aus-führungen. Die Schlachtung ist dann vielfach eine Erlösung für die armen Geschöpfe.

https://www.youtube.com/watch?v=pNmJ2jflh20

Und dann gibt es die anderen. Jene, die gemästet werden. Glücklich können sich jene schätzen, die wie in diesem Video genügend Auslauf haben.

http://www.youtube.com/watch?v=gRomwkn0QLU

Andere hingegen verbringen die Hölle auf Erden – v.a. wenn sie gestopft werden. Diese Tiere sollen keinen Auslauf haben, da es weniger um ihr Fleisch als vielmehr um ihre Leber geht. In Frankreich eine gern gesehene Delikatesse (Foie gras) – auch hierzulande finden sich immer wieder sog. “Kulinarische Feinspitze”, die zu Gabel und Messer greifen und sich dieses grausame Machwerk der Tierhaltung schmecken lassen. Aus der Fettleber entsteht übrigens auch die Gänseleberpastete (Paté de Foie). Bei diesem “Stopfen” (“Gavage”) wird dem Tier über drei bis vier Wochen 3 bis 4mal täglich ein 50 cm langes Rohr in den Hals geschoben. Durch dieses wird ein stark gesalzener Futterbrei direkt in den Magen gepumpt – jede Fuhr entspricht rund 20 % des Gesamtgewichtes der Vögel! Der Brei besteht zu 95 % aus Mais und zu 5 % aus Schweineschmalz. Meist sind auch Antibiotika enthalten. Ein Gummiband um den Hals soll das Erbrechen der Tiere verhindern. Eine solche gestopfte Leber wiegt bei der Schlachtung zwischen einem bis zwei Kilogramm, eine normale im Vergleich hingegen nur 300 Gramm. Der Fettgehalt liegt alsdann bei 40-50 %. V.a. Triglyceride lagern sich in dem Organ an. Eine solche Überfütterung der Vögel fand bereits im alten Ägypten gegen 2500 v. Chr. statt. Frankreich ist in der “Produktion” mit 75 % Weltmarktführer. Damit Sie eine Vorstellung über das Ausmass des Ganzen bekommen: Jedes Jahr werden alleine In Frankreich, Ungarn und Bulgarien mehr als 24.000 Tonnen (!) Fettleber produziert, rund 96 % davon kommt von Enten. Mehr als 25 Mio Tiere mussten hierfür ihr Leben lassen. Zirka 30.000 Menschen sind in diesem Industriezweig vornehmlich im Elsass und im Perigord beschäftigt. Hauptabnehmer der traurigen Delikatesse ist neben Frankreich selbst auch Spanien. Doch Deutschland liegt mit 121 Tonnen (im Jahr 2004) bereits an Stelle Nummer 5 – Verbrauch übrigens steigend. Bis zu 70,- € muss der Konsument für ein Kilogramm Stopfleber auf den Tisch blättern. 70,- € für sechs Monate Höllenqualen eines Tieres! Und nun zur perversen Tatsache: In deutschen Landen, aber auch in Österreich und der Schweiz ist das Stopfen verboten – der Verkauf der Produkte jedoch genehmigt! Man möchte es nicht glauben – doch hat die indische Regierung als bislang einzige den Import dieser Produkte untersagt – ein gutes Beispiel. In der Schweiz wurde ein solches Einfuhrverbot in den Jahren 2017 bis 19 diskutiert – der Ständerat jedoch lehnte eine entsprechende Gesetzesvorlage ab. Immer wieder gab es auch in unseren Breitengraden Initiativen: So erstattete die Tierschutz-organisation PETA anno 2008 Strafanzeige gegen rund 50 Restaurants und deren Köche – erfolglos. Im Oktober 2012 scheiterten mehrere EU-Parlamentarier bei ihrem Versuch, die Herstellung von Stopfleber zu verbieten – selbes Spiel im Juli 2019, als einige dänische Abgeordnete vor dem Hintergrund der moralischen Grenzen ein Importverbot durchsetzen wollten. In Frankreich ist die “Gavage” gar seit 2004 “Nationales und gastronomisches Kulturerbe” und damit von etwaigen Tierschutzgesetzen ausgenommen. Enten etwa werden innerhalb von nur 7-8 Wochen dermassen gemästet, dass ihre Leber zum Schlachtzeitpunkt 4-5mal grösser als das normal Organ ist.
Und damit leider noch kein Ende! Nach all dieser lebenslangen Tortur hat sich in Rouen und Umgebung eine weitere grausame kulinarische Spezialität gebildet: Die Blutente (Canards au sang)! Hier wird die Ente in einem Vakuumkasten erstickt. Somit bleibt das Blut im Körper – es sorgt für ein etwas rötliches Fleisch. Das Tier muss innerhalb von zwei Stunden nach seinem Tod zubereitet werden und wird hierfür nur kurz ange-braten, damit das Blut und das Eiweiss nicht gerinnt. Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet diese Tötungsart, das Lebensmittelgesetz das Schlachten ohne Blutentzug. In Österreich ist dies hingegen durch die Schlachtverordnung v.a. für rituelle Tötungen genehmigt. Nach EU-Gesetz dürfen jedoch auch Blutenten hierzulande verkauft werden.
Lobend zu erwähnen sei, dass der US-Promi-Starkoch mit öster-reichischen Wurzeln, Wolfgang Puck, seit 2006 keine Gänseleber mehr anbietet. Zudem wurde 2004 in Kalifornien ein Gesetz auf den Weg geschickt, das die Herstellung und den Verkauf mit Federn oder anderer Produkte von gestopften Enten und Gänsen verbietet. Eine Klage dagegen wurde durch den Supreme Court zurückgewiesen. Es trat zum 01. Juli 2012 in Kraft. Wieso ist es dort machbar – in unseren Breitengraden jedoch nicht? Die Unterschrift unter dieses Gesetz hat übrigens kein Geringerer als der 38. Gouverneur des Landes, der in Österreich geborene Arnold Schwarzenegger gesetzt. Auch der Stadtrat von Chicago versuchte ein solches Verkaufsverbot durchzudrücken – die Verordnung wurde jedoch zwei Jahre später anno 2008 wieder aufgehoben. In New York City jedoch untersagt seit Oktober 2019 ein Gesetz den Verkauf. Bei Missachten der Verordnung droht ein Bussgeld von bis zu 2.000 US-Dollar.

Welche Qualen diese Tiere durchzumachen haben, war ihnen anzusehen. Immer mehr Prominente unterstützen deshalb Initiativen, die an die Gaumenfreude unserer Mitbewohner appellieren: Nein zur Martini-Gans und v.a. Nein zur Stopfleber. So meinte beispielsweise der Obmann des Tierschutzvereins “Animal Spirit”, Dr. Franz-Joseph Plank:

“Es ist unmoralisch, ein ‘Luxus’-Produkt zu verkaufen bzw. zu verzehren, welches so viel Leid verursacht hat!”

Auch die beiden durch die UNO anerkannten Tierschutzorganisationen “WSPA” und “Advocates for Animals” haben zum Verzicht auf französische Gänseleber-Produkte aufgerufen.
Zurück zum Heiligen Martin: Jedes Jahr landen alleine in Österreich vornehmlich zu Martini oder zu Weihnachten rund 300.000 Gänse auf den Festtagstischen. Und mit “heimischer Produktion” ist da leider nicht viel los: Etwa 90 % stammen von industriellen Mastbetrieben aus Ungarn, Polen oder Frankreich. Keulen und Brust sind in der Stopfleber-Produktion zumeist Abfallprodukte – finden sich jedoch nicht selten auf den Tellern der Feinspitze wieder. Auch in Deutschland werden 7 von 8 Gänsen importiert. In diesen Dunstkreis der Tierfolter fallen nun auch jene Gänsebauern, die Ihren Tieren sechs Monate “Leben” ermöglichen. Mit Auslauf, normaler Nahrung und der benötigten Weidemöglichkeit. Deshalb sollte es doch auch im Interesse jener Bauern sein, wenn solche grauenhafte Tierhaltung und der Handel der daraus entstehenden Produkte verboten wird. Da lobe ich mir den Martini-Brauch in Süd-deutschland, wo die Kinder, die gerade vom Martini-Laternenumzug zurückkommen, kleine Martinigänse aus gebackenem Keks- oder Hefe-teig erhalten.
Die Gans hat in den Legenden und Sagen immer wieder eine heraus-ragende Bedeutung. Gänse haben im alten Griechenland die Tempel bewacht, das römische Capitol soll aufgrund des Geschnatters der Gänse vor dem Angriff der Gallier gerettet worden sein. Julius Cäsar rühmte den Anmut und den Geist der Gänse, Konrad Lorenz baute seine Verhaltenspsychologie nicht etwa auf Beobachtungen der Spezies “Mensch” auf, sondern verdankt seine Erkenntnis den Graugänsen. Wieso vergehen sich dann ausgerechnet jene Menschen an den anmutigen Vögeln, die von sich aus behaupten, etwas besseres zu sein und sich diesen Luxus leisten wollen? Zudem – weshalb schiessen Jäger zusätzlich Wildgänse aus Skandinavien, die in Bundesländern wie Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt überwintern möchten (im Jahr 2001 waren es nicht weniger als 35.000 Vögel, nach Angaben des Komitees gegen den Vogelmord). Darunter auch sehr viele Kraniche. Immer wieder jagen Hobbyschützen ausserdem in Naturschutzgebieten – 2003 wurden 27 solcher illegaler Jäger angezeigt.

PS: Angesichts solcher Bilder, solcher Zahlen empfinde ich es als mehr als geschmacklos, dass der Morgenmoderator eines landesweiten bayrischen Rundfunksenders einst meinte, dass er nun auch alle Martinigänse begrüsse, an diesem Tage, der ihr letzter sein werde!

Links:

- vgt.at
- tierschutzverein.at/martinigaense/
- ethikguide.org
- tierschutzvolksbegehren.at/martini/
- www.tierschutzombudsstelle.steiermark.at
- www.das-isst-österreich.at

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Gaudeamus igitur – aber nur mit Couleur

“Es ist natürlich etwas anderes, wenn man weiß, der andere war auch aktiv!”
(Peter Schmitt in der Frankfurter Allgemeine Zeitung am 26.03.2000)

In einer pflichtschlagenden Heidelberger Burschenschaft geschah kürzlich ein mehr als düsteres Szenario: Das Mitglied einer anderen Burschen-schaft wurde mit Gürteln anderer Burschenschafter geschlagen („Gürtelung“) und zudem mit Münzen beworfen. Hintergrund des Ganzen: Er hatte jüdische Vorfahren in seinem Stammbaum. Die Aktion selbst sorgte deutschlandweit für heftigste Schlagzeilen. Das hinterliess auch Spuren in dieser Burschenschaft: Der Vorstand trat geschlossen zurück, die Altherrenschaft schloss einige Mitglieder aus der Gemeinschaft aus und formulierte sechs Leitlinien, wobei sie sich zu „Toleranz und Respekt“ sowie zum „aktiven Einsatz für den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat“ bekennen. Unter diesen Altherren fand sich auch ein ehe-maliger Polizei-Hauptkommissar und jetziger Kreispolitiker der CDU. Er ist inzwischen aufgrund enormen politischen Gegenwindes aus der Vereinigung ausgetreten. Ebenso wie einige seiner durchaus prominenten Kollegen, die teilweise von Ihren Arbeitgebern gekündigt oder beurlaubt wurden. Übrigens wies bereits im vergangenen August ein Jung-Burschenschafter, der selbst dem rechtsextremen Lager zuzuordnen ist, mittels eines Brandbriefes auf die Zustände in der Verbindung hin. Die Jung-Burschenschaftsgruppe („Aktivitas“) wurde zwischenzeitlich aufge-löst. Die Studentenverbindung steht unter Beobachtung des Verfassungs-schutzes. Zudem fordert der Antisemitismusbeauftragte Baden-Württembergs, Michael Blume, die Auflösung rechtsextremer bzw. völkischer Burschenschaften. Anlass genug, heute mal einen Blick hinter die Kulissen dieser Studentenvereinigungen zu blicken.
Um das Ganze auf eine Basis zu stellen, muss ich historisch etwas ausholen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden aus den unterschiedlichsten Corps und Landsmannschaften, also den ursprüng-lichsten Studentenverbindungen, auf den Alma Matern des deutsch-sprachigen, europäischen Kontinents die “Burschenschaften” als offizielle Vertretung der männlichen Studenten gegenüber der Universität und der Behörden. Der Ausdruck “Bursch” bezeichnete damals durchaus gebräuchlich den Studenten. Ziel dieser neuen Verbindungen war die Fortführung des Wiener Kongresses nach der Niederlage der Napoleon-Franzosen. Es ging um den Schutz des Vaterlandes, der Einheit der Fürstentümer und Grafschaften zu einem deutschen Reich als Monarchie und der Verteidigung des christlichen Glaubens. Entsprechend auch der Leitspruch: “Ehre, Freiheit, Vaterland”. Die Ur-Burschenschaft wurde 1815 in Jena begründet. Dabei standen grossangelegte politische Diskussionen im Mittelpunkt, die in einer Bücherverbrennung sog. “undeutscher” Bücher gipfelte. Im Jahre 1817 traten sie erstmals offiziell in Erscheinung – beim “Wartburgfest” anlässlich des Jubiläums des Anschlags der Thesen durch Martin Luther und der Niederlage der Franzosen in der Leipziger Völkerschlacht. Sehr rasch entwickelte sich ein politischer (Germania) und ein wissenschaftlicher Zweig. V.a. die politischen Burschenschaften wurden aufgrund ihres Freidenkertums nicht wirklich vom herrschenden Adel gutgeheissen. So erwirkte etwa der österreichische Fürst Metternich mit den Karlsbader Beschlüssen im August 1819 ein Verbot dieser Studentenverbindungen – auch in den deutschen Fürsten- und Herzog-tümern. Mitglieder wurde verfolgt, inhaftiert und gar zum Tode verurteilt. Dies v.a. im Anschluss an einen misslungenen Staatsstreich: Beim “Frankfurter Wachensturm” am 3. April 1833 sollte die Kasse des Deutschen Bundes gestohlen werden, wodurch sich in weiterer Folge ein Volksaufstand hätte entwickeln sollen. Das Ganze wurde allerdings vereitelt. Bei der Revolution im Jahre 1848 waren Burschenschafter hingegen die treibende Kraft – nicht nur im Hintergrund. Es kam zu der lange ersehnten Reichseinigung und der Einrichtung der National-versammlung in der Frankfurter Paulskirche. Plötzlich waren die Burschenschafter wieder rehabilitiert und hoch angesehen. Sie kämpften auch im Ersten Weltkrieg als Freiwillige in der Kaiserlichen Armee.

https://www.youtube.com/watch?v=lUh5exBJXBU

Das Mensurfechten, mit dem die Burschenschaften immer wieder in der Öffentlichkeit dargestellt werden, gab es zwar bereits seit dem 17. Jahrhundert, hielt bei den Burschenschaften jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Einzug. Es ist ein nach strengen Vorschriften durchgeführter Fechtkampf mit vornehmlich Säbeln. Früher gab es aufgrund der nicht vorhandenen Schutzkleidung immer wieder Tote. Das hat sich inzwischen geändert, bei jeder Mensur ist auch ein Arzt (“Paukarzt” bzw. in Österreich “Bader”) anwesend. Viele Burschenschaften sind “pflichtschlagend”, einige “fakultativ-” also “freischlagend”, nur wenige “nichtschlagend”. Im Alpenstaat übrigens haben sich ebenfalls Burschenschaften gebildet. Vor dem Hintergrund des Vielvölkerstaates bekamen diese jedoch sehr rasch Identitätsprobleme, weshalb sie sich am Deutsch-Nationalismus orientierten und immer wieder für eine Wiedervereinigung der “Ostmark” mit dem deutschen Kaiserreich eintraten. 1961 wurde beim Burschentag in Nürnberg der Antrag auf Fusionierung der Deutschen Burschenschaft mit der Deutschen Burschen-schaft Österreich gestellt. Dieser erhielt jedoch nicht die erforderliche Mehrheit, worauf die Burschenschaftliche Gemeinschaft mit beiden Verbänden gegründet wurde. Erst ab diesem Zeitpunkt zog ein deutlich wahrnehmbarer deutsch-nationalistischer Rechtsruck durch die Reihen der Deutschen Burschenschaft, von dem sich jedoch viele distanzierten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hätten alle Studenten-verbindungen zum Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund zwangsfusioniert werden sollen. Das veranlasste viele Burschenschaften, die Verbindung aufzulösen oder ruhend zu stellen. Einem Mitglied der NSDAP war die gleichzeitige Mitgliedschaft in einer Burschenschaft verboten.
Berühmte Burschenschafter waren/sind:
Viktor Adler; Friedrich II. Großherzog von Baden; Carl Bosch; Dr.-Ing. eh. Hans Bredow; Alfred Brehm; George W. Bush; Georg Büchner; Kai Diekmann; Eberhard Diepgen; Jörg Haider, Wilhelm Hauff; Heinrich Heine; General Günter Kießling; Friedrich Nietzsche; Ferdinand Porsche; Henning Schulte-Noelle; Gustav Stresemann; Emil von Behring; N. N. Frhr. Götz von Berlichingen;

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sich einerseits als Gegen-bewegung zu den oftmals gemischten oder evangelischen Burschen-schaften und andererseits gegen den Versuch Preussens, die Bedeutung der katholischen Kirche zu verringern, die katholischen Studenten-verbindungen. Nicht alle waren Abspalter von Burschenschaften. Diese Verbindungen sind nichtschlagend und verfolgen das Ziel der akademischen Gemeinschaft in katholischer, aber auch gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und sportlicher Hinsicht. Während in den Burschen-schaften für einige Zeit auch jüdische Studenten zugelassen waren, bekennt sich der Aufnahmewillige bei diesen sog. “Cartellverbindungen” zum katholischen Glauben – Frauen übrigens sind auch hier zum Grossteil ausgeschlossen. Brauchtum und Traditionen werden im CV ebenso hochgehalten.

https://www.youtube.com/watch?v=xz4pplkNCoM

Weltweit gibt es mehr als 1.600 Studentenverbindungen mit weit mehr als 190.000 Mitgliedern. Auch in Chile sind beispielsweise deutsche Burschenschaften bekannt, die als einzige den Zweiten Weltkrieg überdauerten. Nach einer Aufnahmeprüfung wird in beiden Verbindungs-arten der junge Student ein „Fuchs”, nach einiger Zeit dann aktives Mitglied. Zu erkennen sind die Mitglieder während ihrer aktiven Mitglied-schaft an den Uniformen sowie an der Verbindungsmütze und einem schmalen Band mit den Verbindungsfarben (“Couleur”). Die meisten der Verbindungsbrüder bleiben ein Leben lang Mitglied – später dann im “Philisterium” als “Senior” oder “Alter Herr” bzw. wo erlaubt “Hohe Dame” (“Lebensbund-Prinzip”). Die ersten Frauen-Verbindungen gab es übrigens 1899 – nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sie aber nicht wieder Fuss fassen. Erst seit den 1980er Jahren sind auch diese wieder im Vormarsch (neben einigen wenigen gemischten). Ziel der studentischer Verbin-dungen ist es, Kontakte zwischen den Generationen herzustellen, die dem Einzelnen in seinem weiteren Leben durch beispielsweise Aufstiegs-chancen weiterhelfen können. Dadurch entstanden grosse und sehr einflussreiche Netzwerke, v.a. in Politik und Wirtschaft
Obgleich deutschland- und österreichweit nur ein einstelliger Prozentsatz der Studiosi in Verbindungen ist, gab und gibt es immer wieder grosse Namen und Köpfe, in deren Sog selbstverständlich auch immer wieder Verbindungsbrüder auf einflussreiche Positionen kommen. Zu finden sind viele dieser Seilschaften in den unterschiedlichsten Vereinigungen.
Berühmte CV-Bundesbrüder waren/sind:
Dr. h. c. mult. Konrad Adenauer; Clemens August Andreae; Wolfgang Johannes Bandion; Martin Bartenstein; Rainer Barzel; Günther Beckstein; Benedikt XVI.; Friedrich Berentzen; Alfred Biolek; Reinhold Bocklet; Anton Bruckner; Engelbert Dollfuß; Bernd von Droste zu Hülshoff; Franz Fiedler; Leopold Figl; Thomas Gottschalk; Bernhard Grzimek; Otto von Habsburg; Hermann Herder; Friedrich Wilhelm von Hohenzollern; Andreas Khol; Thomas Klestil; Franz König; Alois Kothgasser; Erwin Kräutler; Winfried Kretschmann; Robert Lichal; Alois von und zu Liechtenstein; Hans-Adam II.; Silvius Magnago; Franz Xaver Mayr; Tomohito von Mikasa; Reinhold Mitterlehner; Alois Mock; Josef Neckermann; Alois Partl; Erwin Pröll; Josef Pühringer; Julius Raab; Josef Ratzenböck; Friedrich Christian von Sachsen; Herbert Sausgruber; Franz Schausberger; Leo Scheffczyk; Christoph Schönborn; Kurt Schuschnigg; Reinhold Stecher; Karl Stoss; Franz Josef Strauß; Josef Taus; Carl-Ludwig Thiele; Albert von Thurn und Taxis; Karlheinz Töchterle; Kurt Waldheim; Eduard Wallnöfer; Karl Walser; Theodor Wessels; Anton Zeilinger; Peter Zurbriggen uvam.

Das Wort “Corps” leitet sich vom französischen Wort für Körper ab. Diese zumeist sehr konservativen Studentenverbindungen sind die ältesten der hier erwähnten studentischen Verbindungen und Verbände. Die ersten entstanden vornehmlich an protestantischen und/oder preussischen Universitäten im auslaufenden 18. Jahrhundert, sie ersetzten grossteils die vorhergehenden Landsmannschaften (die ursprünglichen Studenten-vertretungen) und Studentenorden. Alle dieser Verbindungen haben sich dem Deutschen Idealismus verschrieben. Jeder immatrikulierte männliche Student kann ein Corpsbruder werden – völlig gleichgültig seiner Herkunft und Religionszugehörigkeit. Auch halten sich die Corps aus der Politik heraus. Sie streben danach, die erlesene Elite der Studentenschaft zu sein und als solche direkt die Politik und Gesellschaft beeinflussen zu können. Vielleicht hat gerade diese Überzeugung dazu geführt, dass sie am meisten unter den rechten und linken totalitären Regimen zu leiden hatten. Erstmals blieben in den Corps nach der aktiven Zeit auf der Uni auch die Senioren erhalten. Adelige bevorzugten diese Verbindungen, während die Bürgerlichen eher in den Burschenschaften Zuflucht fanden. Die sog. “Bestimmungsmensur” gehört zum Aufnahmeritual und dient lt. eigenen Aussagen der Erziehung der eigenen Persönlichkeit und der Stärkung des Gemeinschaftsgefühles. Die sog. “Corpserziehung” war für manche Adelsfamilien bzw. später auch jenen des gehobenen Bürgertums von entscheidender Bedeutung – der “gesellschaftliche Schliff” sozusagen. Der Corpsstudent gilt auch heute noch als das Ideal in der Gesellschaft – ähnlich der Stellung des Öffiziers in der Kaiserzeit. Bei der Besetzung so mancher staatlicher Positionen wurde die Mitgliedschaft in einem Corps vorausgesetzt.

https://www.youtube.com/watch?v=yhqQ0d92Lgc

Otto von Bismarck meinte einst:

“Ich würde, wenn ich heute wieder auf die Universität käme, auch heute noch in ein Corps gehen. Kein Band hält so fest wie dieses.”

Allerdings waren sie nicht überall gern gesehen – schon ganz und gar nicht bei den immer mehr werdenden Sozialisten jener Zeit. So schrieb etwa die sozialistische Zeitung VORWÄRTS:

“…und ihren feinen Rohrstöckchen oder dicken Knüppeln, mit denen sie nachts, wenn sie aus ihren Kneipen kommen, wo sie ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit vollständig verlustig gegangen sind, die Laternen einschlagen, die friedlichen Bürger belästigen und die Nachtwächter durchprügeln?”

Chefredakteur der Zeitung war übrigens das Corpsmitglied Wilhelm Liebknecht!
Berühmte Corpsstudenten waren/sind:
Georg Heinrich Bacmeister; Georg Geib, Ludwig Hassenpflug; Friedrich Hecker; Kaiser Wilhelm II.; Friedrich Wilhelm Knoebel; Wilhelm Liebknecht; Joseph Savoye; Heinrich Scheffer; Albrecht von Alvensleben; Otto von Bismarck; Otto Freiherr von Manteuffel; Johann Bernhard von Rechberg; Ludwig von der Pfordten; Eduard Freiherr von Schele; Carl Ignaz Freiherr von Schrenck-Notzing; Gustav von Struve; Johann Georg August Wirth,

.) Schwarzburgbund (SB) – “Ein Bund christlicher Verbindungen”
In diesem Bund sind vornehmlich Burschenschaften zu finden, wie etwa die Germanen, Teutonen, Vandalen und Wikinger. Die Werte der christlichen Ethik einigt alle Mitglieder, die daneben auch den studentisch-demokratischen Grundforderungen verpflichtet sind. Nach eigenen Angaben verfolgen sie dabei die Prinzipien der Urburschenschaft ohne Mensur bzw. Schlagen, ohne Extremismus und ohne Rücksicht auf Nationalitäten. Frauen sind in gemischten oder der Damenverbindung “Athenia” (Würzburg) seit den 1970er Jahren willkommen. Der Schwarz-burgbund geht auf die christliche Studentenverbindung Uttenruthia aus Erlangen zurück. Sie war zudem durch die eidgenössische Urburschen-schaft “Zofingia” beeinflusst. Am 3. Juni 1852 wurde der erste Gründungsversuch unternommen, der jedoch nur wenig später aufgrund der Mensur wieder zerbrach. 1887 wurde im thüringischen Schwarzburg ein zweiter Gründungsversuch unternommen, der erst durch die Nationalsozialisten zu Pfingsten 1939 verboten wurde. 1951 erfolgte die Wiederbegründung. In der Gegenwart soll es den Mitgliedern durch regelmässige Weiterbildungen, wie den Schwarzburgseminaren, ermög-licht werden, interdisziplinär einen möglichst breiten Bildungsgrad zu erreichen, der an den Universitäten schon seit längerer Zeit nicht mehr vermittelt wird. In Schloss Schwarzburg fand der Schwarzburgbund sein Zuhause. Das Netzwerk reicht über ganz Deutschland – von Freiburg bis nach Potsdam, von München bis Kiel. Auch die beiden österreichischen Verbindungen Südmark Innsbruck und SBV Dürnstein Wien gehören zum Bund. Der wohl prominenteste SB-er ist der bekannte Afrikaforscher und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer.

.) Wingolfsbund – “Di henòs pánta”
Am 26. Mai 1844 wurde in Schleiz der überkonventionelle Wingolfsbund gegründet – er ist damit der älteste Korporiertenbund Deutschlands. Diesem Bund gehören insgesamt 35 Verbindungen aus 34 Hochschul-orten in Deutschland, Österreich und Estland mit rund 800 Bundes-brüdern und 3.500 Philistern an. Auch sie betonen, aufgrund ihrer christlichen Ausrichtung nichtschlagend zu sein. “Vingolf” war in der germanischen Mythologie ein Raum neben Walhall, der auch gerne als “Freundeshalle” bezeichnet wird. Recht interessant sind die Aufnahme-kriterien für Mitglieder: Christen mussten ein “ernstes sittliches Streben nach Wahrheit” vorweisen, Juden ein “über das Judentum hinausgehendes Streben”. Die Einigung des deutschen Kaiserreiches stiess nicht bei allen Verbindungen auf positive Resonanz. So verliessen etwa Marburg und Straßburg den Bund in Folge der Annexion Kurhessens und Elsaß-Lothringen. Einige Wingolf-Verbindungen haben sich aktiv an den Freikorpskämpfen beteiligt (etwa in Münster, München, Greifswald und Marburg). 1919 wurde die Forderung abgelehnt, das “Deutschtum” als eine der tragenden Säulen des Wingolfs einzurichten. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten beugten sich die Wingolf-Burschen. Sie führten, in der Hoffnung, den Bund beibehalten zu können, die Führerstruktur ein und schlossen jüdische Mitglieder aus. Erst als der NSDStB die unbedingte Satisfaktion (Einführung des Duells) forderte, löste sich der Bund am 22./23. Februar 1936 selbst auf. Einige Verbindungen wurden im Untergrund weitergeführt. Viele Wingolf-Bund-Studenten schlossen sich der Bekennenden Kirche an. Die Neugründung des Bundes geschah im November 1948. Als Folge der 68er-Bewegung wurde auch in den Wingolf-Verbindungen Reformen in der Gesellschaft gefordert, eine grundlegende Systemveränderung jedoch abgelehnt. Nach dem Fall der Mauer gründeten sich in Ostdeutschland erneut Verbindungen, die jedoch vermehrt deutsch-nationale Anschauungen einfliessen lassen wollten. Es folgte ein Prinzipienstreit in dessen Rahmen die Ottonia Magdeburg aus dem Bund ausgeschlossen wurde. Im Wingolfbund ist man stets bemüht, sich von der Deutschen Burschenschaft abzugrenzen, wodurch ein klares Standpunkt gegen den Rechtsextremismus besteht. Auch bei den Farben geht der Bund mit schwarz-weiss-gold eigene Wege (die Farben der Burschenschaften sind schwarz-rot-gold). Im Bund gibt es noch die engeren Zusammenschlüsse von Verbindungen, wie die Gemsbacher und die Diezer Konvention. Alle zwei Jahre findet das sog. “Wartburgfest” statt, Teile davon auf der Wartburg selbst, wo Martin Luther die Bibel übersetzte und die Heilige Elisabeth von Thüringen lebte. Auch die Bürger der Stadt Eisenach sind hierzu eingeladen. Das Fest ist nicht zu verwechseln mit dem Fest der Deutschen Burschenschaften.
Die bekanntesten Wingolfiten:
Konrad Duden; Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Paul Schneider; Paul Tillich; Johannes Kahrs.

.) Wartburg-Kartell
1925 gegründet (damals noch als “Pflugensberger Kartell”), erhielt dieser Bund ein Jahr drauf den heutigen Namen. Das WK ist das erste Bündnis evangelischer Studentenverbindungen. Auch sie sind nicht schlagend. Mit drei Altherrenschaften und einer aktiven Verbindung ist das Kartell jedoch der bislang kleinste Bund. Seine Mitglieder bekennen sich zum evangelischen Glauben, der Freiheit der Wissenschaften und einem freiheitlichen-demokratischen Staatswesens – jedoch ohne Bindung an Parteiaktivitäten. Nach dem Zusammenschluss der akademisch-theologischen Vereine (EK) mit dem Deutschen Wissenschafter-Verband wurde die unbedingte Satisfaktion (Duell) gefordert, weshalb die theologischen Verbindungen ausgetreten sind und das Kartell begründeten. Im Herbst 1935 löste sich das Wartburger Kartell selbst auf, die Neugründung fand anno 1955 statt. Die Mitgliederzahlen nahmen jedoch ebenfalls infolge der 68er-Bewegung ständig ab. Die letzte aktive Verbindung ist die Wartburg-Coburgia.

.) CV – “In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas”
Theodor Heuss soll einst behauptet haben, dass in Bonn das Wort Zufall mit “CV” geschrieben werde. Der Cartellverband ist neben dem “Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine” (KV), RKDB, TCV und dem “Verband der Wissenschaftlichen Katholischen Studenten-vereine Unitas” (UV) eine der Dachorganisationen der katholischen, nicht schlagenden Studentenverbindungen. Ihm gehören alleine in Deutschland nicht weniger als 4.000 und 30.000 Studierende in anderen Ländern wie Österreich, der Schweiz, Polen, Belgien uam. an.
Die vier Prinzipien des CV lauten:
.) Religio – die Förderung des katholischen Seins
.) Scientia – lebenslanges Lernen und interdisziplinäres Interesse
.) Amicitia – die persönliche Freundschaft über alle Generationen hinweg
.) Patria – die aktive Mitgestaltung des Gemeinwesens mit dem Ziel eines vereinten Europas als Vaterland
Auf der Webseite des deutschen CV steht ganz unverblümt:

“Nicht zuletzt aus diesem Grunde suchen wir den fachlichen Austausch im Kreise kompetenter Gesprächspartner bzw. die fruchtbare Zusammenarbeit mit Menschen gleicher Werthaltung.”

Somit ganz eindeutig, wofür auch dieser Verband steht: Für die Gemeinschaft in Wissenschaft, Gesellschaft, Religion und Sport während des aktiven Lebens und dem Nutzen beruflicher Netzwerke und Verbindungen nach dem Studium. Zu diesem Zweck gibt es innerhalb des CVs zusätzliche Wirtschaftszirkel, Juristen-Arbeitskreise und Zusammen-schlüsse anderer Berufsgruppen, vornehmlich im Altherren-Bereich, damit ein reger Gedankenaustausch erfolgen kann.
Der deutsche CV wurde am 06. Dezember 1856 gegründet, er löste sich am 27. Oktober 1935 in Köln selbst auf. Die Verbindungsbrüder trafen sich ab sofort in sog. “Wohnkameradschaften”, ab dem 20. Juni 1938 (“Himmler-Erlass”) auch verbotenerweise. Die Neugründung fand 1950 bei einer Cartellversammlung in Mainz statt. Auch der CV büsste durch die 68er-Unruhen in den darauffolgenden 70ern viele Mitglieder ein, konnte sich jedoch bei rund 5.500 festigen. 1975 wurde der Europäische Kartellverband der christlichen Studentenverbände (EKV) gegründet.
Der Österreichische Cartellverband hat sich im Jahr 1933 vom deutschen abgespaltet. Erste Gräben gab es bereits 1920, als die beiden Vertreter des K.Ö.H.V. Engelbert Dollfuss und Nivard Schlögl auf der CV-Generalversammlung einen Arierparagraphen einführen wollten. Der Antrag wurde abgelehnt. Als jedoch 1933 ein Brückenschlag zum Nationalsozialismus innerhalb des CV gefordert wurde und Edmund Forschbach durch den Bundesführer der Deutschen Studenten Oskar Stäbel zum Führer des CV ernannt wurde, spaltete sich der österreichische Ableger ÖCV vom deutschen CV ab. Kurz zuvor hatten bereits die Sudetendeutschen ihre Beziehungen zum deutschen CV stark eingeschränkt. Die reichsdeutschen Cartellbrüder mit österreichischen Wurzeln mussten aus ihren heimischen Verbindungen aus- und in die grosse Auffang-Verbindung Austria Köln eintreten. Auffallend ist, dass gerade in Österreich alle hochrangigen VP-Politiker Mitglieder des CV waren und sind.
Jedes Jahr findet eine viertägige Cartellversammlung mit Festprogramm, sowie ein Studententag und ein Altherrentag statt. Innerhalb des Cartellverbandes gibt es eine eigene Verbandsgerichtsbarkeit auf allen Ebenen. Neben der CV-Akademie erfolgt in den unterschiedlichsten Stiftungen die Weiterbildung der Studierenden oder Vergabe von Stipendien (Studienstiftung Eugen Bolz, Felix-Porsch-Johannes-Denk-Stiftung,…).

.) Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) – “Ehre, Freiheit, Vaterland”
Insgesamt 36 schlagende Burschenschaften aus Deutschland und Österreich gehören der Burschenschaftlichen Gemeinschaft an. Die Gründung erfolgte am 15. Juli 1961 in der Münchner Burschenschaft Danubia, nachdem die Wiedervereinigung der Deutschen Burschenschaft und der Deutschen Burschenschaft Österreich beim Burschentag in Nürnberg fehlschlug. Damals noch mit 42 Verbindungen.
Der Grundgedanke in der BG ist der völkische Nationalismus unter der Einbindung Österreichs im Sinne der Urburschenschaft. Zudem wird gefordert, dass der Zuzug von “Menschen aus anderen Kulturräumen” unterbunden wird. Vier deutsche und eine österreichische Burschenschaft werden als rechtsextrem eingestuft und stehen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Im Jahre 1996 traten geschlossen die liberalen-konservativen Bünde aufgrund der Dominanz der BG in der Deutschen Burschenschaft aus. Vom Burschenschafter und NPD-Funktionär Jürgen Schwab war diesbezüglich zu hören:, dass die Deutsche Burschenschaft nun „von liberalen Geschwülsten weitestgehend gesundgeschrumpft“ sei.

.) Neue Deutsche Burschenschaft (NDB) – „Freiheit – Ehre – Vaterland“
Dieser Verband entstand erst 1996 und umfasst derzeit 8 Burschen-schaften. Ausschlaggebend waren die Dispute innerhalb der Deutschen Burschenschaft in den Bereichen Pflichtmensur, Aufnahme anderer Staatsangehöriger und die Begrenzung auf das bundesdeutsche Staats-gebiet. Bei den angeschlossenen Burschenschaften wird die Pflichtmensur abgelehnt. Zudem ist der Vaterlandsbegriff nicht derselbe wie in der DB.

.) Conservativer Delegierten Convent (CDC)
Dieser Convent wurde 1909 als Verband fachstudentischer Verbindungen in Österreich gegründet – die Öffnung nach aussen vollzog sich erst vor einigen Jahren. Derzeit gehören ihm neun schlagende Burschenschaften an. 1952 erfolgte die Wiederbegründung. Mit der Deutschen Burschen-schaft besteht ein Freundschafts- und Arbeitsabkommen.

All jene unter Ihnen, die sich die Namen der Bundesbrüder etwas genauer angesehen haben, werden feststellen, dass hier das gesellschaftliche Who is Who versammelt ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert – vielleicht mit Ausnahme der SPD, die in einem Unvereinbarkeitsbeschluss manifestierte, dass sich die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft der DB und ein Parteibuch der SPD ausschliessen. So finden sich bei den Christ-demokraten und Christsozialen sowie der österreichischen Volkspartei jede Menge Cartellbrüder, bei der NPD und nun auch der AfD bzw. vornehmlich bei der österreichischen FPÖ unheimlich viele Burschen-schafter. Die deutschen Verbindungen mussten lange Zeit neidvoll auf diese “Verquickung” der schlagenden österreichischen Kollegen mit der politischen FPÖ blicken. Mit dem Aufkommen der neuen Rechten wurde allerdings gleichgezogen. Doch – auch wenn sie mit ihrer völkischen, antidemokratischen Grundhaltung vergleichbar mit dem National-sozialismus in Deutschland sind, so sind nicht alle Burschenschafter Nazis! 1996 – mit der Gründung der NDB – traten viele Verbindungen aufgrund des zunehmend rechtsextremen Gedankengutes aus der DB aus – 2011 folgten weitere aufgrund des umstrittenen “Ariernachweises”. Übrig blieb der harte Kern, der oftmals ranghohe Führungspersonen aus der NPD oder anderen rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen stellt. Daneben besteht ein sehr engmaschiges Netzwerk ranghoher Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die aus den Reihen der Burschenschaften kommen.
In der AfD wird die immer grösser werdende Zahl an Burschenschafter damit begründet, dass viele anderen meinen, die Arbeit in der Partei werde sich negativ auf den Lebenslauf und verbunden damit das weitere berufliche Leben auswirken. Den Burschenschaftern sei dies gleichgültig. In Österreich meinte der ehemalige Parteiobmann der Freiheitlichen Partei Österreichs FPÖ, Heinz-Christian Strache, als er über die hohe Anzahl der Burschenschafter in seiner Partei befragt wurde, dass hierauf kein Augenmerk bei der Postenbesetzung gelegt werde. Trotzdem stechen einem gerade im Wahlkampf immer wieder Schlagzeilen wie “Burschenschafter kontrollieren FPÖ” (Philipp Aichinger – Die Presse am 01.09.2017) oder “Stille Machtergreifung der Burschenschafter” (Hans Rauscher – Der Standard am 01.09.2017) in’s Auge. Hintergrund ist das Buch “Stille Machtergreifung. Hofer, Strache und die Burschenschaften” des Journalisten und Historikers Hans-Henning Scharsach. Er spricht davon, dass Burschenschaften aus denen “… zahlreiche rechtskräftig verurteilte Neonazis hervorgegangen sind” jetzt in der FPÖ nach der Macht greifen. Auf mancher Landesebene sind FPÖ-Politiker bereits in der Regierung vertreten. Der Autor befürchtet tiefgreifende und radikale Veränderungen in der gesellschaftlichen Ordnung des Alpenstaates und darüber hinaus der Europäischen Union. So listete Scharsach damals auf, dass neben des Parteiobmannes vier der fünf Stellvertreter und nicht weniger als 20 von 33 Parteivorstandsmitglieder den korporierten Kreisen entstammen. Dasselbe Bild zeige sich auf Landesebene. In Österreich gibt es inklusive der Alt-Herren rund 4.000 schlagende Burschenschafter. In 20 deutschnationalen Verbindungen haben sie sich entgegen ihrer deutschen Kollegen in eine andere politische Richtung entwickelt, wobei oftmals eine etwaige Abgrenzung zum Nationalsozialismus verschwimmt.
Schon am 29. Januar 2012 berichtete anlässlich des Balls der Burschenschafter die Tageszeitung „Kurier“ mit der Schlagzeile “Straches blaue Burschen” über die Zugehörigkeiten so mancher FPÖ-Politiker zu Burschenschaften. Unter Jörg Haider waren es inklusive der völkisch Korporierten noch 17 %, unter H.C. Sprache 39 % und derzeit 40 %. Hier eine kurze Auflistung des derzeitigen Teams der FPÖ (lt. Politikwissenschafter Bernhard Weidinger von der Forschungsgruppe Ideologie und Politiken der Ungleichheit (Fipu)) – ohne Anspruch auf Vollzähligkeit:

BA Hannes Amesbauer – Burschenschaft Oberösterreicher Germanen Wien (DB)
Dr. Reinhard Bösch – pennale Verbindung Alemannia Dornbirn & Burschenschaft Teutonia Wien (DB)
Hermann Brückl – pennale Verbindung Markomannia Eisenstadt & Burschenschaft Scardonia Schärding
Dr. Martin Graf – Burschenschaft Olympia Wien (DB)
Christian Hafenecker, MA – Burschenschaft
Nibelungia Wien (DB)
Ing. Norbert Hofer – pennale Verbindung Marko-Germania Pinkafeld (Ehrenmitglied)
Mag. Gerhard Kaniak – Burschenschaft Albia Wien (DB)
MMMag. Dr. Axel Kassegger – pennale Verbindung Thessalia Prag & Burschenschaft Germania Graz (DB)
Mag. Volker Reifenberger – pennale Verbindung AGV Rugia Salzburg & Corps Frankonia-Brünn Salzburg
Mag. Philipp Schrangl – pennale Verbindung Ostmark Linz & Burschenschaft Germania Wien (DB)
Mag. Harald Stefan – Burschenschaft Gothia Wien (DB)
Wolfgang Zanger – penale Verbindung Austria Knittelfeld & Corps Vandalia Graz

Offenbar eine Sonderstellung nimmt die Burschenschaft Germania aus Oberösterreich ein. Sie trat 2012 aus dem Dachverband der Burschenschaften aus. Der Hintergrund:

“Es geht darum, alte Krusten aufzubrechen und zu zeigen, dass es bei den Burschenschaften nicht nur eine Stoßrichtung gibt!”

Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Wider-standes (DÖW) meinte, dass die Emporkömmlinge, die “Buberlpartie” des Jörg Haider damals mit ihm in die BZÖ gewechselt ist – die Korporierten seien der Partei treu geblieben. Strache habe zudem das zuvor von Haider gestrichene Bekenntnis zur “Deutschen Volksgemeinschaft” 2011 wieder in die Partei geholt.
Etwas anders die Situation in Deutschland. Dort weigern sich noch die anderen Parteien mit der AfD zusammenzuarbeiten. Mit der NPD ohnedies. Allerdings sind auch hier Burschenschafter in der ersten Reihe zu finden – die meisten jedoch als Sprecher oder Teammitglieder der Abgeordneten. Hier die erste Reihe der Bundestagsabgeordneten:

Albrecht Heinz Erhard Glaser – Burschenschaft Alemannia Heidelberg (DB)
Enrico Komning – Burschenschaft Rugia Greifswald (DB)
DI Steffen Kotré – Corps Berlin (Weinheim Senioren Convent)
Jan Nolte – Burschenschaft Germania Marburg (DB)
Jörg Schneider – Burschenschaft Germania Hamburg (DB)
Dr. Christian Friedrich Wirth – Burschenschaft Ghibellinia zu Prag Saarbrücken sowie Burschenschaft Normannia Heidelberg (DB)

Auch hier sind viele Mitglieder der Identitären zu finden, obgleich dies Parteifunktionäre immer wieder zurückweisen.


Burschenschafter in der NPD:

Um nicht in das Visier des deutschen Verfassungsschutzes bzw. verschiedener Neo-Nazi-Vereinigungen zu kommen, habe ich hier nicht weiter recherchiert. Zudem Ist die NPD bundespolitisch nicht relevant.

Schlagende Studenten in der schweizerischen Politik

Max Affolter – Helvetia
Kurt Fluri – Helvetia
Peter Gerber – Helvetia
Lorenz Hess – Helvetia
Heinz Moll – Rhenania
Philippe Pidoux – Helvetia
Hans Rüegg – Helvetia
Gustav Adolf Seiler – Alemannia
Rodolphe Rubattel – Helvetia
Rudolf von Planta – Rhenania
Johann Vonmoos – Rhenania

Daneben gehört etwa auch der ehemalige FIFA-Präsident Sepp Blatter der Helvetia an. Deren Mitglieder sind in sehr vielen politischen Parteien zu finden.

Viele der Burschenschaften, Corps, akademischen Landsmannschaften, Turnerschaften und Sängerschaften agieren am rechten äusseren Rand der Gesellschaft. Viele stehen deshalb unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz – sowohl in Deutschland als auch in Österreich. Dieses Gedankengut sei ihnen auch meinetwegen zugestanden. Problematisch hingegen wird es, wenn sie – vornehmlich durch ahnungslose Protest-wähler – in die Parlamente gewählt werden und dort Politik machen können. Dann kann es schon sehr bald zu Zuständen wie in Polen, den USA, der Türkei oder Ungarn kommen.

Lesetipps:

.) Die neue Rechte: eine Gefahr für die Demokratie?; Wolfgang Gessenharter / Thomas Pfeiffer (Hrsg.); VS Verlag für Sozialwissen-schaften 2004
.) Deutsche Stunde: Volksgemeinschaft und Antisemitismus in der politischen Theologie; Tanja Hetzer; alliteraverlag 2009
.) Rechte Netzwerke – Eine Gefahr; Stephan Braun / Daniel Hörsch (Hrsg.); VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004
.) Die deutschsprachigen Korporationsverbände; Paulgerhard Gladen; WJK 2014
.) Die Deutsche(n) Burschenschaft(en) – ihre Darstellung in Einzel-chroniken, Hans-Georg Bilder; Hilden 2005
.) Die geheimen Drahtzieher. Macht und Einfluss der Studenten-verbindungen; Hans Magenschab; Styria Premium 2011
.) Stille Machtergreifung: Hofer, Strache und die Burschenschaften; Hans-Henning Scharsach; Kremayr & Scheriau 2017
.) Strache: Im braunen Sumpf; Hans H Scharsach; Kremayr & Scheriau 2012
.) Haiders Schatten: An der Seite von Europas erfolgreichstem Rechtspopulisten; Stefan Petzner; edition a 2015
.) Der CV in Österreich – Seine Entstehung, Geschichte und Bedeutung; Gerhard Hartmann; Lahn-Verlag 2011

Links:

www.burschenschaft.de
schwarzburgbund.de
auf-mensur.de
www.centralhelvetia.ch
www.wingolf.org
www.wartburg-coburgia.de
www.cartellverband.de
www.burschenschaftliche-gemeinschaft.de
www.neuedb.de
www.die-corps.de
www.corpsstudenten.eu
www.frankfurter-verbindungen.de
burschenschafterpacktaus.wordpress.com
www.doew.at
lsa-rechtsaussen.net
www.cartellverband.de
www.oecv.at
www.oecv.de
burschenschaft-normannia.de

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ND – das treibt zum Wahnsinn

Hinweis:
Dieser folgende Blog dient der Information über eine Krankheit, die nicht ansteckend ist. Die Inhalte sind nicht für die Erstellung einer Selbstdiagnose oder gar einer Selbsttherapierung durch Medika-mente vorgesehen. Sollten Sie erkrankt sein, ziehen Sie bitte den Arzt Ihres Vertrauens hinzu.

In meinem bislang doch noch recht kurzen Leben, hatte ich insgesamt dreimal das zweifelhafte Vergnügen der Bekanntschaft mit einer uner-lässlichen Hilfe der medizinischen Akut-Versorgung: Des Gipses! Zweimal nach einem Bänderriss (bedingt durch mein Studium) und einmal nach einem Biking-Unfall wurde mein rechtes Knies in Mitleidenschaft gezogen. Wer jemals einen derartigen Ruhigsteller mit sich mitschleppen durfte, der weiss, dass es unerträglich sein kann – gerade im Sommer – wenn der Juckreiz den Betroffenen befällt. Aus diesem Grunde haben Rekonvaleszente zumeist auch stets ein langes Lineal als Problemlöser dabei.
Viele unter Ihnen werden nun wahrscheinlich sagen: Mein Gott – was will er uns nun mit seiner Krankengeschichte sagen!?
Ganz einfach: Stellen Sie sich nun mal bitte vor, dass Sie aus irgend-einem, unerfindlichen Grund nicht kratzen dürfen, wenn es juckt! Alter Schwede – welch’ Höllenqual! Jetzt sind wir genau dort, wo wir gemein-sam mit diesem heutigen Blog hin wollen: Bei einer Hauterkrankung, die zwar nicht ansteckend ist, die Betroffenen aber in den Wahnsinn treiben kann – die Neurodermitis!
Zumeist liegt es ganz simpel an einer zu trockenen Haut, die zu jucken beginnt. Tja – wenn es denn auch wirklich so einfach wäre! So kann eine Heilung meist erst dann vollzogen werden, wenn die Ursache dafür, nicht die Symptome bekämpft wurden. Auch jetzt, wenn die Temperaturen wieder um den Gefrierpunkt zu stehen kommen, wird die Haut an exponierten Stellen sehr trocken und beginnt zu jucken. Die Lösung ist einfach: Nach jedem Duschen am besten mit einer Feuchtigkeitscrème oder einer Lotion einreiben. Dermassen einfach aber haben es jene Personen nicht, die unter dem sog. “Atopischen Ekzem”, der Neuro-dermitis leiden. Schliesslich können solche Crèmes das Ganze gar noch verschlimmern. “Atopisch” bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Immunsystem des Menschen auf an sich harmlose Auslöser “über-schiessend” reagiert. Und kratzen? Das führt zu Entzündungen! Ergo: Diese Menschen sind wandelnde Pulverfässer, die jederzeit zu explodieren drohen. In diesem Blog möchte ich etwas über die leider nach wie vor sehr unterschätzte Krankheit aufklären.
Das Wort “Neurodermitis” selbst stammt von einem Irrtum: Bis zum 19. Jahrhundert glaubten viele Mediziner, dass diese Hauterkrankung durch eine Fehlfunktion der “Neuronen”, also der Nerven hervorgerufen würde. Dies ist allerdings inzwischen widerlegt. Korrekt wäre deshalb die Bezeichnung “endogenes oder atopisches Ekzem”. Bilder bzw. Dar-stellungen aus längst vergangenen Zeiten zeigen auf, dass die Menschen bereits in der Antike mit der Erkrankung zu schaffen hatten. Etwa Kaiser Augustus. Jedoch wurden derartige Hautentzündungen bis in’s 19. Jahrhundert hinein als Erscheinung einer anderen, weitaus schwereren Erkrankung diagnostiziert. Medizinisch wird zwischen einem intrinsischen und einem extrinsischen Typus unterschieden. Während die zweite Sorte erhöhte IgE-Antikörper-Werte im Blut aufweist, sind diese beim intrinsischen normal. Hier bilden sich nur leichte Symptome aus, da sie sich auch mit anderen Allergien nicht verbinden (Kreuzreaktion).
Das Krankheitsbild ist geprägt durch rote, schuppende Ekzeme auf der Haut, die zudem stark jucken. Jedoch nicht am ganzen Körper. Diese sog. “Prädilektionsstellen” finden sich zumeist in den Kniekehlen, den Armbeugen sowie in Hals- und Gesichtspartien. Ähnlich wie bei manchen Stoffwechselerkrankungen erfolgt der Verlauf schubweise. Die Krankheit ist zwar nicht heilbar – jedoch zeigen verschiedene Behandlungs-methoden recht gute Erfolge. So etwa werden die betroffenen Stellen mit entzündungshemmenden und feuchtigkeitsspendenden Salben äusserlich behandelt. Es werden also die Symptome bekämpft – nicht die Ursachen, da nach wie vor weitestgehend unklar ist, welche Faktoren Neurodermitis tatsächlich auslösen. Und – wer jetzt denken sollte, dass die Krankheit ja ohnedies sehr selten ist, dem sei hiermit erwähnt, dass in Deutschland bis zu 15 % der Kinder bis zur Einschulung erkranken, in der Alters-gruppe der Sieben- bis Zehnjährigen sind es immerhin noch 13,6 %. Die Symptome klingen bei den meisten bis zur Pubertät ab – rund 1,5 – 3 % der Erwachsenen allerdings müssen ihr Leben lang damit auskommen. Die Tendenz zeigt nach oben: Im Vergleich zum vorhergehenden Jahr-hundert beobachten Dermatologen einen vier- bis sechsfachen Anstieg. Wieso ist nach wie vor ungeklärt, wobei sicherlich die Umweltfaktoren nicht ganz auszuschliessen sind. So besagt etwa die “Hygienehypothese”, dass die zunehmend steriler werdende Umgebung dafür verantwortlich sein könnte. Das Immunsystem bekommt bei seinem Kampf gegen Bazillen, Viren, Pilze und sonstigen Erregern (“Trigger” bzw. “Provo-kationsfaktoren”) immer weniger zu tun, wird dadurch alsdann anfälliger für Allergien. Dass diese in den letzten Jahren stark zugenommen haben, ist allseits bekannt.
Der individuelle Krankheitsverlauf macht es den Experten nicht wirklich einfach, die tatsächlichen Ursachen zu bestimmen. Vor allem bei den vorhin bereits angesprochenen Prädilektionsflächen kommt die Wissen-schaft derzeit nicht weiter. Wieso wird nicht der ganze Körper, sondern nur gewissen Stellen befallen? Werden etwa die Informationen der Proteine zeitversetzt gelesen? Es dürften somit die unterschiedlichsten Faktoren zusammenspielen und dadurch das Krankheitsbild sehr komplex werden lassen. Auch psychische Hintergründe können nicht ganz ausgeschlossen werden.
Genetiker sind der Überzeugung, dass ein Gendefekt den Schutz-mechanismus der Haut insofern stört, als bestimmte Strukturproteine (“Filaggrin-Protein”) fehlen. Dadurch wird das Bollwerk “Haut” durchlässig für Umweltgifte, Gase, Erreger oder auch dem eigentlich zur Hautflora zählenden lipophilen Hefepilz Malassezia und dem Herpes-Virus.
Bei Neurodermitiker könnte zudem das Enzym Delta-6-Desaturase seine Arbeit nicht richtig erledigen. Es wandelt eigentlich die durch die Nahrung aufgenommene Linolsäure zu Gamma-Linolen-Säure um. Diese wiederum ist eines der Hauptbestandteile unseres Hautfetts, welches das grösste Organ im menschlichen Körper, die Haut, geschmeidig hält. Fehlt es, kommt es zu einer vermehrten Verhornung.
Gehen wir nun von einer äusserlichen Ursache aus, so kann ein Schub durch etwa eine lokale Entzündung ausgelöst werden. Aufgrund eines solchen Defektes werden Zytokine ausgeschüttet, die Entzündungszellen (etwa T-Zellen) rekrutieren. Parallel dazu wird der Antikörper IgE produziert, der durch die Haut eindringende Allergene binden soll. Nun beginnt der komplette biochemische, körpereigene Kreislauf zur Bekämpfung dieser Entzündung. In dessen Verlauf werden immer mehr T-Zellen produziert, die sich negativ auf die Keratinozyten (Zellen der Epidermis, die die Verhornung der äussersten Hautschicht vorantreiben) auswirken. Das führt zu einem immer schlechter werdenden Schutz-mechanismus der Haut. Zudem treten Antiautogene aus den Zellen aus, die zu einer Kreuzreaktion mit den Allergenen von aussen führen können. Neurodermitis ist also eine Erkrankung des menschlichen Immunsystems. Deshalb plagen Erkrankte auch neben der Hauterkrankung die typischen Allergie-Symptome: Niessen, tränende Augen, rinnende Nase bis hin zu Husten. Solche Reaktionen werden etwa durch die Bakterien Staphylococcus aureus und auch Pilze wie Pityrosporum ovale bzw Candida albicans hervorgerufen, die bei gesunden Menschen durch die Haut bzw. das Immunsystem ohne Probleme unbrauchbar gemacht werden, bei Menschen mit Neurodermitis jedoch zu einer Entzündung führen können. Auch der eigene Schweiss kann dabei durchaus eine Rolle spielen.
Kratzen führt zu weiteren Hautirritationen und begünstigt somit die Entzündung. Der Juckreiz ist zumeist in der Nacht am stärksten, wodurch der Betroffene zudem nicht schlafen kann. Das führt zu einem grossen Schlafdefizit und verbunden damit einem enormen physischen und pschychischen Leistungsabfall, was sich wiederum ungünstig für das Immunsystem auswirkt. Es ist also ein circulus vitiosus – ein Teufelskreis!
Bei den inneren Auslösern besteht ebenfalls ein noch sehr grosses Informationsmanko. Die Medizin geht inzwischen jedoch auch von Nahrungsmittelallergien, Alkohol und psychischem Stress aus, die Neurodermitis hervorrufen können. Hier kann einem neuerlichen Schub auch am ehesten entgegengearbeitet werden. Doch eines nach dem anderen:

- Nahrungsmittel
Nahrungsmittelallergien etwa gegen Milch und Milchprodukte, Eier, Nüsse, Soja, Weizen sind vornehmlich bei Kleinkindern und Säuglingen für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich. Als Erwachsener wissen doch die meisten von ihrer Allergie und meiden Lebensmittel, die diese Allergene beinhalten. Allerdings wurde inzwischen herausgefunden, dass histaminhaltige Speisen und Getränke den Juckreiz verstärken und scharfe oder saure Speisen zu Hautirritationen führen und damit die Ekzembildung verschlimmern können.
- Aeroallergene
Die typischen Allergene Haussstaub, Pollen und auch Tierhaare können ebenfalls das Immunsystem auf Vordermann halten, die dann wesentlich härter aufprallen als bei normalen Allergikern
- Zigarettenrauch, Dieselabgase, Ozon
- Bekleidung
So blöd dies nun klingen mag, gibt es das dennoch: Das Reiben der Bekleidung kann zu einer Irritation der Haut führen. Je gröber nun die Fasern des Stoffes sind, desto grösser ist diese mechanische Einwirkung. Auch kann das Ganze durch eine Unverträglichkeit mit den Stoffen selbst herrühren. Nicht jeder beispielsweise verträgt Schafswolle oder so manchen synthetischen Stoff.
- Schweiss
Bei einem Hitzestau unter der Bekleidung oder starker körperlicher Arbeit bzw. auch bei starker psychischer Belastung stösst der Körper Schweiss aus, um dadurch die Körpertemperatur zu regulieren. Somit kann also durchaus auch der eigene Schweiss als Verursacher einer Entzündung nicht wirklich ausgeschlossen werden.
- Psychosomatische Ursachen
Auch das ist wieder ein Teufelskreis. Psychische Belastungen können das Krankheitsbild immens beeinflussen; zugleich aber wirken die meist sichtbaren Hautentzündungen nicht gerade positiv auf das Selbst-bewusstsein, da die Betroffenen von anderen Menschen gemieden werden. Kommt dann noch das Kratzen als negatives Verhaltensmuster hinzu, verschlimmert dies die Lage der Patienten zusehends.

Wie bereits beschrieben, flachen die Symptome bei den meisten Erwachsenen ab – nurmehr kleine Sonderformen lassen erkennen, dass ein Mensch an Neurodermitis leidet, wie etwa:

- Hautrisse an den Ohrläppchen, den Mundwinkeln oder den Finger-spitzen
- Kleine juckende Hautknoten (Prurigoknötchen)
- Ekzeme der unteren Augenlider (etwa bei Pollen- oder Nahrungs-mittelallerigie oder mechanischem Reiben)
- Ekzeme an den äusseren Geschlechtsteilen
- trockene schuppige Haut der Handflächen und Fusssohlen
- zu stark oder zu wenig stark pigmentierte Haut uvam.

Krankheitssymptome können beispielsweise sein:
- trockene Haut (Sebostase)
- eine doppelte Lidfalte (Dennie-Morgan-Falte)
- weisser Dermographismus (beim Kratzen bilden sich nicht rote, sondern weisse Streifen auf der Haut)

Der Mediziner führt zu Beginn der Behandlung einen Allergietest durch um auf die Auslösefaktoren zu gelangen. Danach müssen durch eine sog. “Differentialdiagnose” andere Krankheiten ausgeschlossen werden. So können beispielsweise auch Stoffwechselerkrankungen zu ähnlichen Erscheinungsbildern führen. Weiters wären zu nennen:

Schuppen- oder Ringelflechte an den Händen oder Füssen
Andere Ekzeme (Kontaktekzeme oder mikrobielles Ekzem)
Krebserkrankung des lymphatischen Systems
Krätze (Scabies)
Das seborrhoisches Ekzem beim Säugling

Anschliessend wird die Intensität der Neurodermitis überprüft. Schliess-lich wird eine individuelle Therapie eingeleitet, da eine allgemeine bei dem einen vielleicht helfen kann, während sie das Krankheitsbild bei dem anderen verschlechtert oder ein erneuter Schub nicht mehr darauf anspricht. Durch die sog. “Basispflege” mittels “Öl-in-Wasser-Emulsionen” soll die Haut wieder stabilisiert werden. Auch Ölbäder oder nasse und kalte Umschläge werden verwendet. Dann geschieht häufig die Zugabe von Harnstoffpräparaten, da dieser Wasser und damit Feuchtig-keit in der Haut bindet. Eine ähnliche Funktion haben die Salbenzusätze Johanniskraut, Zink oder Dexpanthenol. Auch infektionshemmende Salben werden meist verschrieben, damit Erreger bekämpft werden können. Hier ist jedoch grösste Vorsicht bei einer eventuellen Selbst-medikamentierung geboten. Schliesslich kann das falsche Präparat die Entzündung gar noch verschlimmern. Derartige Therapien sollten niemals abrupt beendet werden, da es ansonsten zu einem Rückfall kommen könnte. Vermehrt werden auch Intervall-Therapien empfohlen. Dabei wird die medikamentenfreie Basispflege mit der Behandlung mit Wirkstoffen abgewechselt. Sind die Schübe hingegen besonders schwer, erfolgt eine Kortisonbehandlung (kann nach dem Beenden der Kur ebenfalls zu einem noch stärkeren Schub kommen) oder es wird Cyclosporin verwendet, ein sog. Immunsuppressiva, das aus den norwegischen Schlauchpilzen gewonnen wird. Da hierbei jedoch schwere Nebenwirkungen wie etwa Nierenschädigung einher gehen können, wird die Therapie eher selten angewendet.
Parallel dazu wird immer eine Änderung der Lebensumstände umgesetzt. Besteht eine Nahrungsmittelallergie, sollte das Allergen in der Nahrung nicht mehr aufgenommen werden. Haare waschen am Abend und Fenster schliessen in der Nacht hilft Pollenallergikern. Bei einer Hausstauballergie sollte eine möglichst staubfreie Atmosphäre geschaffen werden (häufiges Lüften, keine Teppiche, Gardinen oder Pflanzen). Milben etwa könnten durch spezielle Bett- oder Matratzenbezüge ausgeschaltet werden. Allergieauslösende Stoffe oder zu grobe Materialien sollten durch weiche ersetzt werden (etwa Leinen durch Baumwolle), nachts beispielsweise besonders bei Kindern Baumwollhandschuhe übergezogen bzw. Finger-nägel extrem kurz geschnitten werden. Milde Waschmittel bzw. das Weglassen von Weichspüler könnte auch schon helfen. Zu häufiges und heisses Duschen trocknet zudem die Haut aus – auch bei der Wahl der Duschbäder sollte Rücksicht auf die Erkrankung genommen werden (neutraler ph-Wert). Bei manchen Betroffenen hilft zudem die Bestrahlung durch ultraviolettes Licht (Höhensonne). So wirkt das langwellige UVA1-Licht entzündungshemmend – führt jedoch in einer solch hohen Dosierung zu einer schnelleren Alterung der Haut (Lederhaut). Teilweise wird gepulstes blaues Licht eingesetzt, das eine Zunahme der Lymphocyten bewirken kann. Auch ein Aufenthalt am Meer oder im Hochgebirge (“Reizklima”) führt in sehr vielen Fällen zu einer Linderung der Beschwerden. Die Luft ist hier weniger stark mit Allergenen wie beispielsweise Pollen belastet. Bei manchen Betroffen half zudem die Beigabe von Vitamin D und E.
Grundsätzlich jedoch sollte der Abbau von Stress erfolgen. Wie bei sehr vielen anderen Krankheiten dürfte diesem psychischen Druck höchst-wahrscheinlich die grösste Ursachen-Bedeutung zukommen. Stress – egal ob beim Laufen oder bei der Arbeit – sollte stets vermieden und eine Alternative für das ständige Kratzen gefunden werden, so beispielsweise durch autogenes Training, Entspannungstechniken oder vielleicht auch Yoga. Ausgeglichenheit und inneres Wohlbefinden sollten künftig das Leben beeinflussen.
Ich würde zusätzlich empfehlen – sofern die Krankheit nicht soweit fortgeschritten ist, dass sie medizinisch behandelt werden muss: Führen Sie ein Protokoll. Notieren Sie, auf was Sie mal für eine ganze Woche verzichten. Sollte keine Besserung auftreten, können Sie das wieder mit in’s Boot holen (Weizenmehl, Schwitzen, Kleidungsstücke, …) und zum nächsten übergehen. Sollte hingegen eine Besserung eintreten, so haben Sie dadurch ohne aufwendige ärztliche Hilfe eine der möglichen Ursachen für Ihre Erkrankung gefunden und können gegenwirken. Auch ein “Kratztagebuch” zeigt ihnen in anderer Richtung auf, was Sie künftig meiden sollten. All diese Tipps werden beispielsweise bei Neuroder-mitisschulungen durch Mediziner, Psychologen und Ernährungs- oder Diätberatern durchgeführt.
Auch die Homöopathie hat hier natürlich einige Ratschläge parat, deren tatsächliche Wirkung aber nicht immer wissenschaftlich bestätigt ist. So ist etwa Gamma-Linolensäure im Nachtkerzen- oder dem Borretsch-Samenöl enthalten. Dadurch soll die Produktion des Hautfettes unter-stützt werden (siehe weiter oben). Schwarzkümmelöl soll entzündungs-hemmend sein und Salben mit Vitamin B12 gut in der Neurodermitis-Therapie wirken. Lidocain kann gegen das Gift der Staphylokokken helfen, die eine derartige Entzündung auslösen können. Sie sehen also – das Wort “soll” ist verdammt häufig in diesen Sätzen zu finden: Diese Mittelchen sind nicht wissenschaftlich bestätigt, auch wenn sie nach Angaben der Hersteller garantiert wirken. Andere wiederum schwören auf Akkupunktur!
Das Risiko, anfällig für diese Krankheit zu sein, wird von den Eltern auf die Kinder übertragen, wobei es recht hoch ist: 35 % bei einem Elternteil, 66 % bei beiden (bei keinem immerhin noch 15 %). Deshalb sollten bereits im zarten Babyalter erste Massnahmen gesetzt werden – der Kinderarzt oder Allergologe hilft Ihnen hier gerne weiter. Es kann jedoch auch mit dem Beruf zusammenhängen. Gefährdet sind jene Jobs, die viel mit Wasser, Reinigungs- oder Desinfektionsmitteln bzw. chemischen Produkten zu tun haben (Bäcker, Friseur, Landwirt, Maurer, Schlosser,…). Die betroffenen Menschen haben zudem ein erhöhtes Risiko, auch an anderen atopischen Krankheiten, wie Asthma oder Heuschnupfen zu erkranken. Interessant jedoch ist, dass die meisten Schübe im Herbst und Winter auftreten. Schlummern kann Neuordermitis in jedem von uns, bei dem einen tritt es auf, bei dem anderen nicht.

Lesetipps:

.) Atopisches Ekzem im Kindesalter – Neurodermitis. Das zeitgemäße Management; Dietrich Abeck; Steinkopff Verlag 2001
.) Dermatologie und Venerologie; Peter Fritsch; Springer Verlag 2004
.) Handbook of atopic eczema. Chapter 2: The History of Atopic Eczema/Dermatitis; Johannes Ring; Springer 2006

Links:

- www.neurodermitisschulung.de/
- www.atopischedermatitis.com
- www.neurodermitisportal.de/
- neurodermitis.net/
- www.neurodermitis.ch/
- www.neurodermitis-hautwissen.de
- www.derma.de
- www.oegdv.at
- www.derma.ch
- www.dgaki.de/
- www.bzga.de

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