Vanille kann tödlich sein

Weihnachten steht unmittelbar vor der Türe, viele Kekse oder Plätzchen sind bereits gebacken, einige werden noch folgen. Für die meisten gehören die Vanillekipferln zum Fest wie der Weihnachtsbaum. In Österreich beispielsweise rangieren diese noch vor den Linzer-Augen auf Platz 1 des süssen Weihnachtsbäckerei-Rankings. Doch schauen viele in diesem Jahr durch die Finger, da es keine Vanille mehr am Markt gibt bzw. die wenige, die noch zum Kauf bereit steht, Unmengen von Geld kostet und damit das Backen dieser Köstlichkeit mit der originalen Vanille nahezu unerschwinglich macht. Experten betonen, dass die richtige Vanille derzeit teurer ist als Silber. Wie aber kann das sein? Ein nachwachsendes Gewürz, das wir als Kinder am Liebsten in Kombination mit Eis kannten.
Die Vanille ist eigentlich eine Orchideen-Gattung mit nicht weniger als 110 Unterarten. Die für das Kochen verwendete wird aus fermentierten Schoten (“Kapselfrüchten”) der Gewürzvanille (Vanilia planifolia) gewonnen. Diese Pflanze kommt ursprünglich aus Mittelamerika und hier hauptsächlich aus Mexiko. Die heutigen Hauptanbaugebiete allerdings sind Madagaskar, Reunion und einige andere Inseln im Indischen Ozean. Reunion übrigens hiess früher Île Bourbon – von hier aus startete die Erfolgsreise der Bourbonvanille, die im Regal (wenn noch nicht ausverkauft!) neben der Gewürzvanille steht. Wesentlich weniger verwendet wird die Tahiti-Vanille (Vanilla tahitensis) und die Guadeloupe-Vanille (Vanilla pompona). Alle vier Arten unterscheiden sich im Aroma: Die Bourbonvanille besitzt einen süssen, rumhaltigen Geschmack, die Tahiti-Vanille einen blumigen, die mexikanische einen hölzern-würzigen und die indonesische Vanille einen geräucherten Geschmack. Die Schoten aus Tahiti und Guadeloupe werden bevorzugt für die Herstellung von Duftessenzen wie Parfüms verwendet.
Schon die alten Atzteken wussten den Geschmack der Vanille (“tlilxochitl” = schwarze Blume) zu schätzen – Veracruz am Golf von Mexiko war deren Hauptumschlagplatz. Auch für die später eingetroffenen europäischen Seefahrer und Kolonialisten. Die Sage erzählt, dass Häuptling Montezuma II. dem Eroberer Hernán Cortés ein Getränk aus Kakao und Vanille angeboten haben soll. Der Häuptling selbst soll angeblich bis zu 50 Tassen täglich davon getrunken haben. Die Vanille entwickelte sich in Europa zu einem heiss begehrten Geschmacksverfeinerer. Und der illegale Handel dieser Pflanzen war schon damals sehr gefährlich – in Spanien stand hierauf die Todesstrafe. Erst nachdem Mexiko anno 1810 unabhängig wurde, war der Weg frei – die Niederländer und Franzosen liessen sie in deren Kolonien anbauen. Vorerst erfolglos, da der Bestäuber aus Mexiko fehlte: Der Kolibri bzw. die Melipona-Biene. Also müssen auch heute noch die Pflanzen von Hand bestäubt werden, nach Art des 12-jährigen Plantagensklaven Edmond Albius auf Réunion im Jahr 1841. Anfänglich gefeiert wie ein Held, streute der Chefbotaniker der Inselhauptstadt neidisch das Gerücht, dass der Junge aus Wut über seinen Herren die Blüten zerstören wollte und dabei zufällig bestäubte. Albius wurde erst frei, als Frankreich die Sklaverei abschaffte. Er verstarb völlig verarmt und wurde in einem Massengrab beigesetzt. In der Gemeinde Sainte Suzanne auf Reunion wurde eine Statue mit seinem Antlitz aufgestellt und jährlich das “Fest der Vanille” an seinem Todestag ausgerichtet.

http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/vanille-aus-madagaskar-das-schwarze-gold-100.html

Um Ihnen einen Eindruck der Arbeit zu vermitteln: Ein geübter Vanille-Bauer kann bis zu 1000 Blüten pro Tag bestäuben – das bringt gerade mal 2 kg Schoten. Damit es auch für das normale Volk erschwinglich wurde, entwickelten anno 1874 die deutschen Chemiker Haarmann und Tiemann aus Coniferin einen synthetischen Vanilleersatz: Das Vanillin! Allerdings enthält die natürliche Vanille zusätzlich 50 unterschiedliche Aromastoffe, die in dieser Labor-Vanille nicht produziert werden können. In Österreich wurde beispielsweise der Knoblauch als “Vanille des armen Mannes” bezeichnet. In alten alpenländischen Rezepten steht deshalb sehr häufig Vanille, gemeint ist jedoch Knoblauch.
Die heutigen Hauptanbaugebiete sind Madagaskar (rund 60 % des Vanilleaufkommens) und Indonesien. Vanille wird in Plantagen angebaut. Die Pflanze selbst wächst als Kletterpflanze an Bäumen nach oben. Die Schoten beinhalten die Beeren und erreichen eine Länge von bis zu 30 cm. Sie werden noch gelbgrün, kurz vor der Reife geerntet. Erfolgt die Ernte zu früh, so hat dies enorme negative Auswirkungen auf den Geschmack. Zudem beginnt die Schote zu schimmeln, was ansonsten durch das Vanillin verhindert wird. Dann erfolgt die sog. “Schwarzbräunung”. Beginnend mit dem Blanchieren unter heissem Wasser oder Dampf werden sie anschliessend in Jutetüchern zum Trocknen in die Sonne gelegt oder in luftdichten Behältnissen bis zur Auskristallisierung feiner Glukosenadeln fermentiert. Dadurch schrumpfen die Schoten zu kleinen Vanillestangen, es entsteht der eigentliche Geschmacksstoff, das Vanillin. Schliesslich werden die Stangen gebündelt, in Pergamentpapier eingerollt und in Zinnbehälter gegeben. So gelangen sie nach Europa. Das traditionelle Schwarzbräunen dauert bis zu sechs Monate. In Trocknungsöfen geht es wesentlich rascher, allerdings auf Kosten der Geschmacksunterschiede der Anbaugebiete – sie schmecken danach alle gleich. Aus sechs Kilo grüner Schoten wird ein Kilo echte Vanille. Sie sehen also: Es ist ein sehr aufwendiger Prozess, der durchaus seinen Preis rechtfertigt.
Weshalb aber nun dieser in ungeahnte Höhen steigt, ist einerseits das Ergebnis von Naturgewalten, andererseits auch der Gewinnsucht der Zwischenhändler. Um 12.30 Uhr Ortszeit erreichte am 7. März 2017 der Zyklon “Enawo” Madagaskar. Hierzulande mit wenig Interesse verfolgt, war es v.a. für die Vanille-Anbauregion Sava eine Riesenkatastrophe. Der Wirbelsturm fegte mit 205 Stundenkilometern über die Insel, 81 Menschen starben. Zudem wurden rund 30 % der Vanille-Ernte zerstört. Von dem, was zuvor eine lange Dürrezeit überdauert hatte. 1000 Tonnen (ansonsten sind es rund 1.500) blieben übrig. Nun kommt die Gewinnsucht hinzu: Zwischenhändler kaufen grosse Mengen der Schoten auf. Doch anstatt sie auf den Markt zu werfen, werden diese gelagert, der Preis beobachtet und mit Maximalgewinn dann abgestossen. Belief sich der Preis zu Beginn des Jahrtausends noch auf 140 US-Dollar für das Kilo, so sind es 17 Jahre später schon mal bis zu 600 US-Dollar. Hauptabnehmer aber auch Hauptmanipulateure des hohen Preises sind Konzerne wie Nestlè, Unilever, Coca Cola und Mondelez. So kritisiert die Regierung Madagaskars beispielsweise die Methoden der Firma Symrise, die angeblich einerseits die Bauern zur Frühernte nötigt, andererseits zum Diebstahl und sogar Mord animieren soll, indem sie gestohlene Ware aufkauft. Siehe hierzu den Bericht des Premierministers Olivier Mahafaly Solonandrasana vom Mai 2017. Nestlé betont immer wieder, sich über die Anbaubedingungen vorort kundig zu machen, mit einem Drei-Punkte-Programm die Bauern beim nachhaltigen Anbau unterstützen zu wollen und nur die beste Vanille aufzukaufen. Der Endverbraucher zahlt allerdings nicht nach Gewicht, sondern nach Schote. Umgerechnet würde ihn ansonsten ein Kilogramm zirka 1.330,- € kosten – rund der dreifache Silberpreis!
Diese Preisentwicklung führt zu einem bizarren Anstieg der Kriminalität auf Madagaskar, kann sich doch so manch einer einen kleinen Reichtum damit aufbauen. Die Bauern übernachten sogar auf den Plantagen, damit die Diebe die Schoten nicht direkt von den Bäumen klauen können. Einer der Kleinbauern berichtet, dass er vor allem in der Nacht damit sein Leben riskiert. Hier setzt auch die Studie des dänischen Instituts für investigativen Journalismus, DanWatch, an. Demnach kämpft jeder Bauer auf der Insel gegen Diebstahl und Nötigung. Kredithaie bieten den Bauern Darlehen an, die sie später zwingen, die Ernte weit unter Wert zu verkaufen. Können sie dennoch nicht zurückzahlen, müssen die Kinder Zwangsarbeit in den Plantagen verrichten. All das wird einem niemals bewusst, wenn in der Küche die Schote mit dem Messer aufgeschnitten und ausgekratzt wird, damit die Aromastoffe des Vanillins im Öl und dem Mark an so manchem Gaumen kitzeln können. Verfeinert werden damit zumeist Kakao und Schokolade, aber auch Süssspeisen wie Puddings und Crèmes. Die englische Königin Elisabeth I. soll ganz wild auf derartige Nachspeisen gewesen sein. Aber auch zu weissem Fleisch, Fisch oder Hummer sagt kein Gourmet nein, zur Vanille.

https://www.youtube.com/watch?v=wbMqDskrJv8

Die echte Vanille kann zumeist an den kleinen schwarzen Samen in der Speise erkannt werden – die gelbliche Farbe kommt meist von den vielen verwendeten Eiern. Doch auch hier zeigt sich die Lebensmittelindustrie als sehr ideenreich: Wird Vanillin aus Holz gewonnen, so kann es rechtlich gesehen durchaus als “natürlich” bei den Inhaltsstoffen angeführt werden. Die schwarzen Samen werden nur beigegeben, um den Eindruck echter Vanille aufkommen zu lassen – sie haben zumeist kein Aroma mehr.
In Europa ist es hauptsächlich die Bourbon-Vanille aus Afrika, in den USA und Kanada die mexikanische Vanille, die so manchen Sternekoch begeistert. Coca Cola wollte in den 80er Jahren die teure Vanille durch das synthetische Vanilin ersetzen. Diese Entscheidung trugen aber die Kunden nicht mit, sodass der Versuch abgebrochen werden musste. Heutzutage benötigt das Unternehmen – ähnlich wie Konkurrent Pepsi Cola – rund 40 Tonnen des edlen Gewürzes pro Jahr. Im Vergleich dazu: Die Niederösterreich-Milch (NÖM) braucht neun Tonnen pro Jahr!
Die Vanille aus der Sicht der Heilkunde, Pharmazie und Medizin betrachtet: Sie wirkt potenzsteigernd, entspannend, stoffwechselfördernd, galletreibend, muskelstärkend und vieles mehr. Entsprechend auch ihr Einsatzgebiet: Bei Potenzproblemen, Muskelschwäche, Rheuma, Stimmungsschwankungen und Verdauungsstörungen.
Wenn Sie selbst auf Einkaufstour gehen, dann achten Sie darauf, dass die Schote lederartig elastisch ist. In ausgetrockneten Stangen sind nurmehr wenig Aromastoffe enthalten. Schwarze Schafe versuchen zudem synthetische Vanillinkristalle auf die Schote aufzusprühen. Die natürlichen sind unregelmässig verteilt, die aufgesprühten regelmässig. Lassen Sie sich dadurch nicht hinter’s Licht führen. Oftmals findet auch das Vanillepulver zuhause Anwendung. Dies sind die gemahlenen Samenkörner. Allerdings sind hier nur ganz wenige Aromastoffen enthalten. Bei der “gemahlenen Vanille” hingegen werden auch die Kapselhülsen mitgemahlen, sodass diese Aromen erhalten bleiben.
Die Industrie bevorzugt den Vanille-Extrakt. Er besteht aus bis zu 35 % Ethanol und ist nicht selten mit Zuckersirup gestreckt. Der hochkonzentrierte Extrakt ist unbegrenzt haltbar. Nach Schätzungen enthalten rund 18.000 Produkte ein Vanillearoma. Vom Joghurt (mein Favorit!) über Eis bis hin zu Parfüms und Medikamenten. Allerdings ist dies zumeist im Labor entwickelt worden. Nur rund 1 % dieser aromatischen Produkte kommt tatsächlich aus der Schote.
Experten warnen bereits davor: Der nächste Vanille-Kollaps wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Spätestens wenn der Konsument nicht mehr dazu bereit ist, den Preis für echte Vanille bezahlen zu wollen, wird die Seifenblase platzen. Dann wird der Preis enorm fallen, da zudem die Ware aus den anderen Anbaugebieten (Indien, China) auf dem Markt angekommen ist, um den Ausfall von Madagaskar zu kompensieren. Das sollte frühestens 2019 der Fall sein – dann jedoch wird hoffentlich auch wieder die Ernte in Madagaskar ertragreich sein.

Lesetipps:

.) Wilhelm Haarmann auf den Spuren der Vanille; Björn Bernhard Kuhse; Verlag Jörg Mitzkat 2012
.) Vanille, Gewürz der Göttin; Annemarie Wildeisen; AT Verlag 2001
.) Vanilla planifolia – Echte Vanille (Orchidaceae). Jahrbuch des Bochumer Botanischen Vereins. Bd. 5; Veit Martin Dörken/Annette Höggemeier 2014
.) Gewürze – Acht kulturhistorische Kostbarkeiten; Elisabeth Vaupel; Deutsches Museum 2002
.) Vanille – Die schwarze Königin; Katja Chmelik; Geschichte 2007
.) Vanilla: Travels in Search of the Luscious Substance; Tim Ecott; . Penguin Books 2004
.) Encyclopédie Biologique. Band XLVI; Hrsg: Gilbert Bouriquet; Paul Lechevalier 1954

Links:

- www.mondevanille.com
- www.vanille-reunion.fr
- www.vanillacampaign.com
- www.ziaf.uni-frankfurt.de
- www.lafaza.com
- www.hachmann-vanilla.de
- www.kotanyi.at
- www.symrise.com
- madecasse.com
- www.heilkraeuter.de
- www.gesundheit.gv.at
- www.lebensbaum.com
- vanille-und-co.eu
- tropicos.org

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GroKo – das Damoklesschwert Deutschlands

“Erst das Land, dann die Partei.”
(Willy Brandt)

Deutschland hat gewählt – und die Volksvertreter sind unfähig, eine Regierung zu bilden. Einige Stimmen werden nun meinen: “Na, besser als in Österreich!” Nun, sei’s drum: Jedem Volk die Regierung, die es verdient hat!
Dabei hat das Wort “polītik” bei den Erfindern der Demokratie, den Griechen, die Bedeutung: “Kunst der Staatsverwaltung”. Offenbar ist die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als Naturwissenschaftlerin zu wenig künstlerisch begabt. Allerdings muss erwähnt werden, dass während dieser Jamaika-Verhandlungen besonders zwei Politiker Rückgrat bewiesen haben und keinen Zentimeter von ihrem Wahlprogramm abgerückt sind: Christian Lindner von der FDP und Horst Seehofer von der CSU. Doch hätte allen vorher klar sein müssen: Eine Koalition (in diesem Falle sogar mit vier Protagonisten) erfordert einen gewaltigen Batzen an Diplomatie im Sinne von Verhandlungsgeschick, verbunden damit auch dem Machen von Eingeständnissen. Doch zeigten diese Sondierungsgespräche vornehmlich eines auf: Die Zeiten, als Politiker das Land regierten, sind schon längst passé. Heute geht es nurmehr um die Durchsetzung von Interessen der unterschiedlichsten Geldgeber-Verbände. Die Lobbyisten lassen die Marionetten tanzen – meines Erachtens übrigens perfekt in der ZDF-Serie “Die Lobbyistin” in Szene gesetzt. Doch dies war vor einigen Monaten schon mal Inhalt meiner Betrachtungen.
Jetzt steuert die Bundesrepublik erneut auf das zu, was nicht nur das Wählervolk enttäuschte, sondern auch dessen Vertreter im Bundestag lautstark aufschreien liess: Eine grosse Koalition! Die Wahlen waren also ein zu schwacher Schuss vor den Bug, die Populisten werden noch mehr Oberwasser gewinnen. Ich für meinen Teil hätte eine Minderheits-Regierung vorgezogen, bei der jeweils ein Ministerposten an die für dieses entsprechende Ressort passenden und fähigsten Leute der FDP und Grünen vergeben worden wären. Auch viele Experten sehen hier einen Vorteil: Der Parlamentarismus würde eindeutig gestärkt. Schliesslich muss die Regierung bei jeder Gesetzesvorlage quer Beet Stimmen sammeln. Gesetze würden mehr unter die Lupe genommen und diskutiert. Das also, was damals im alten Athen und Rom die Demokratie prägte. Bislang wurde dies einfach gegen die Opposition durchgeboxt. Denn: Jede GroKo lähmt!!!
Die SPD hat einen Status erreicht, der sie eigentlich vernünftigerweise zum Schritt in die zweite Reihe zwingen sollte, um sich dadurch zu resetten und selbst aufzufangen, damit ein Neuaufbau ermöglicht wird. Ausserdem würden die Genossen wohl sehr an Glaubwürdigkeit verlieren.
GroKo – Die Österreicher können ein Lied davon singen. Wie häufig waren dort die Worte “Es reicht!” zu vernehmen?
Anschliessend nun einige Beispiele von grossen Koalitionen, die zwar auch ihren Vorteil hatten (wichtige Reformen konnten schneller durchgeführt werden), insgesamt gesehen jedoch einen Schritt zurück bedeuteten.
Bereits in der Weimarer Repiblik wurden die Regierungen Stresemann I und II sowie Müller II durch eine GroKo ermöglicht. Damals noch durch die Parteien SPD, DVP, DDP und DNVP in den unterschiedlichsten Verhältnissen. Eine solche GroKo zwischen der SPD und dem Zentrum hätte in den 30er Jahren womöglich den Aufstieg Hitlers verhindern können. Doch haben sich diese geweigert – der lachende Dritte war die NSDAP.
In den Ländern sind derartige grosse Koalitionen schon lange an der Tagesordnung. In nicht weniger als 12 von 16 Bundesländern wurden GroKo-Regierungen geführt. Derzeit bestehen noch in Baden Württemberg (Bündnis 90/Die Grünen und CDU) sowie im Saarland (CDU/SPD) derartige Verbindungen. In der Bundespolitik war die GroKo erstmals 1962 im Anschluss an die Spiegel-Affäre ein Thema. Konrad Adenauer erwartete sich damals, dass er nach dem Scheitern der Koalition mit der FDP durch die SPD als Kanzler akzeptiert würde. Diese Regierung kam aber schliesslich doch nicht zustande. Am 01. Dezember 1966 jedoch war es so weit. Kurt Georg Kiesinger hatte bei der CDU Ludwig Erhard abgelöst und wurde Kanzler. Die Position des Vizekanzlers und Aussenministers bekleidete damals Willy Brandt von der SPD. Es war eine “Vernunftehe”, die bis zur nächsten Bundestagswahl im Jahre 1969 einige wichtige Reformen auf den Weg brachte, wie etwa das Ankurbeln der Wirtschaft und die Eindämmung der Staatsschulden, vornehmlich übrigens der Verdienst von Karl Schiller und Franz Josef Strauss.
Die nächste GroKo kam aufgrund ähnlicher Stimmenverhältnisse wie derzeit zustande. Weder schwarz-gelb noch rot-grün hatten eine absolute Mehrheit. Also unterzeichneten Angela Merkel und Franz Müntefering am 22. November 2005 den Koalitionsvertrag. Müntefering wurde später durch Kurt Beck ersetzt. Diese Regierung nutzte die Übermacht im Plenum zur Anhebung der Umsatzsteuer auf 19 % um einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Hinzu kam die Föderalismusreform und das erste Atommüll-Endlager für leichte und mittelstarke radioaktive Abfälle. .
2013 verfehlte die CDU/CSU knapp die absolute Mehrheit. Die Sondierung mit dem Bündnis 90/Die Grünen brachte kein Ergebnis, der bisherige Koalitionspartner der CDU/CSU, die FDP, erlitt eine Wahlschlappe ohne Gleichen und schied aus dem Bundestag aus. Auf der anderen Seite lehnte die SPD eine rot-rot-grüne Koalition ab – es kam erneut zu einer grossen Koalition im Kabinett Merkel III. Die Entscheidung lag auf beiden Seiten bei den Mitgliedern der Parteien.
Im Alpenstaat Österreich hingegen regierte nach Ende des Zweiten Weltkriegs grossteils eine grosse Koalition. Nur in den Jahren 1966 bis 1987 und 2000 bis 2007 gab es Alleinregierungen (etwa unter Bruno Kreisky) oder Koalitionen mit der FPÖ. Dort hatten diese Bündnisse zumeist auch die Zweidrittelmehrheit, sodass Verfassungsgesetze im Alleingang beschlossen werden konnten. Auch in den Bundesländern des Alpenstaates sind grosse Koalitionen an der Tagesordnung. Die letzte derartige Verbindung auf Bundesebene allerdings führte zu einer Rotation der Parteiobleute und zum völligen Kollaps, wodurch Neuwahlen erforderlich wurden. So mancher Kritiker sprach hier von “Sandkastenspiele” der Protagonisten bzw. “Schönheitswettkämpfe der Pfauen”. Verantwortlich dabei waren vornehmlich die unterschiedlichen Interessen der Bünde innerhalb der Volkspartei (Wirtschaftsbund, Arbeiter- und Angestelltenbund, Bauernbund etc.).
Etwas anders ist die Lage in der Schweiz. Hier besteht eine sog. “Konkordanzregierung”. Soll heissen, dass sich die Regierung aus Vertretern aller grossen Parteien zusammensetzt. Dort kann es also durchaus vorkommen, dass eine Parlamentsfraktion in der Regierung ist, gleichzeitig aber der Opposition angehört.

http://www.ardmediathek.de/tv/Hart-aber-fair/Zwangsheirat-mit-Angela-ist-die-gro%C3%9Fe-/Das-Erste/Video?bcastId=561146&documentId=47919052

Auch in vielen anderen Staaten, wie Italien, Bulgarien, Island usw. hatten grosse Koalitionen die Regierungsgeschicke in Händen.
Der grösste Nachteil dieser grossen Koalition hingegen zeigte sich bei den letzten Wahlen in Deutschland und auch in Österreich. Die Unzufriedenheit im Wählervolk führte zu eklatanten Zugewinnen bei der AfD bzw. der FPÖ. Als populistische Parteien führten diese keine sachliche Oppositions- sondern Stammtischpolitik. In Deutschland stürzte die SPD nahezu im freien Fall ab (20,5 % – das schlechteste Ergebnis seit dem 2. Weltkrieg). Wird es nun zu einer Neuauflage der GroKo im Kabinett Merkel IV kommen, so könnte dies das Aus für die Sozialdemokraten zugunsten der AfD bedeuten. Die Bezeichnung “Volkspartei” musste sie wohl bereits abgeben. Zu wenig konnte in der letzten Legislaturperiode gepunktet werden – zu mächtig war die Stellung der Union. Einzig der Mindestlohn wurde der SPD zuerkannt – für die anderen Errungenschaften holte stets Angela Merkel den Trumpf aus der Hand. Bei der Rente mit 63 anstelle 67 wird sich sicherlich noch etwas ändern. Auch in Österreich wollte der Quereinsteiger als Parteiobmann der SPÖ, Christian Kern, in die Opposition. Erst als er die Felle davonschwimmen sah, betonte er, dass eine grosse Koalition nicht ganz ausgeschlossen werden sollte. Auch hier zeigte sich dieses Problem des kleinen Bruders allerdings unter anderen Vorzeichen. Dabei musste sich der schwarze Vizekanzler nicht nur gegenüber des Bundeskanzlers, sondern auch gegenüber der parteiinternen Bünde behaupten. Daran scheiterten ab Wilhelm Molterer alle nachfolgenden ÖVP-Parteiobmänner.
Der grosse Unterschied zwischen Deutschland und Österreich liegt im Konsens. Während die Alleinregierungen in Deutschland sehr viel zum heutigen wirtschaftlichen und sozialen Status beitrugen, da die Parteien im Sinne des zu Anfang stehenden Satzes von Willy Brandt agierten, setzte der Alpenstaat zumeist auf einen solchen Konsens und dadurch auf halbe Lösungen. Einzig die Ära Kreisky brachte prägende sozialdemokratische Akzente zwischen dem Burgenland und Vorarlberg. Sowohl bei den deutschen als auch den österreichischen Genossen sollte man sich raschest möglich Gedanken zur Zukunft machen – sozialdemokratische Gedanken als grosse Alternative zu den christdemokratischen Lösungsansätzen. Schliesslich geht es künftig um ehemalige sozialdemokratische Kernkompetenzen (Arbeiterschaft, Renten, Europa, Energie,…). Zu sehen beispielsweise bei den Massenkündigungen bzw. Werksschliessungen bei General Electrics, Osram und nicht zuletzt Siemens. Erst dann wird die Partei wieder wählbar sein und den Titel der “Volkspartei” zurecht tragen. Ansonsten werden die Populisten die Oberhand gewinnen. Jene übrigens, die in Österreich bereits Regierungsbeteiligung hatten und wesentlich mehr kaputt als richtig machten (Euro-Fighter, BUWOG, …).

Lesetipps:

.) Die Große Koalition – Regierung – Politik – Parteien 2005-2009; Hrsg: Sebastian Bukow / Wenke Seemann; VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010
.) Die zweite Große Koalition – Eine Bilanz der Regierung Merkel 2005-2009; Hrsg.: Christoph Egle / Reimut Zohlnhöfer; VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010
.) Die Große Koalition von 1966 bis 1969 – Koalitionsbildung und informelles Regieren; Daniel Stelzer; GRIN Verlag 2007
.) Die Große Koalition unter Hermann Müller (1928 1930); Josef A. Schmid; GRIN Verlag 2008
.) Reichtumsförderung statt Armutsbekämpfung: Eine sozial- und steuerpolitische Halbzeitbilanz der Großen Koalition; Christoph Butterwegge; Springer VS 2015
.) Friedrich und die Grosse Koalition: Ein Abriss für den Tag und die Stunde; Thomas Mann; Klett-Cotta 1990
.) Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient! Warum die große Koalition keine großen Ziele verfolgt; Hugo Müller-Vogg; Murmann Verlag GmbH 2014
.) Die Innenpolitik der Außenpolitik – Die Große Koalition, „Governmental Politics“ und Auslandseinsätze der Bundeswehr; Klaus Brummer; VS Verlag für Sozialwissenschaften 2013
.) Zeitenwende: Die SPÖ-FPÖ-Koalition 1983-1987. in der historischen Analyse, aus der Sicht der politischen Akteure und in Karikaturen von Ironimus …; Robert Kriechbaumer; Böhlau Wien 2008

Links:

- www.bundestag.de
- www.spd.de
- www.cdu.de
- www.parlament.gv.at
- spoe.at
- www.oevp.at
- www.jura.fu-berlin.de
- www.steuerzahler.de

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Der grösste Batzen vom Gehalt

Als ich vor kurzem in einer DPA-Meldung die Schlagzeile las “Mittelschicht von Obdachlosigkeit bedroht”, dachte ich zuerst an die Börsenspekulationen der Kleinen. Doch weit gefehlt: Es geht um’s Wohnen! Die Mietpreise in Deutschland und Österreich sind in den letzten Jahren dermassen in die Höhe geschossen wie seit lang, langer Zeit nicht mehr. Wer wird sich in Zukunft noch ein Wohnen auf Miete leisten können???
Während immer mehr Menschen in die Städte drängen (Landflucht) und dort der Platz langsam eng wird, stehen viele Häuser am Land leer. Oder Bürgermeister locken junge Paare mit niedrigen Grundstückpreisen, damit die Kommune nicht überaltert und zur Geisterstadt wird. Das Wohnen am Land ist nach wie vor leistbar, doch nehmen nur wenige das tägliche Pendeln in die Stadt in Kauf. In Ballungsräumen hingegen bedeutet der viel zu hohe Mietzins für die meisten ein finanzielles Fiasko. Nicht selten muss das soziale Netz mit einem Wohnzuschuss unter die Arme greifen, da bei vielen so gut wie nichts mehr vom Gehalt für das Leben übrig bleibt. Bei erschreckend vielen bleibt nach dem Abzug der Miete vom Gehalt weniger übrig als der Hartz IV-Satz (1,3 Mio Haushalte zwischen Flensburg und Oberstdorf!). Die Humboldt-Universität Berlin brachte es auf den Punkt: Eine Studie (77 Städte mit mehr als 100.000 Einwohner) ergab, dass vier von zehn Haushalte rund 30 % des Netto-Einkommens nur für die Miete aufbringen müssen.
Die Vermieter hingegen können es sich leisten, da die Nachfrage eklatant gross ist und auch weiterhin steigen wird. Von der gross angekündigten Mietpreisbremse also keine Spur! Aus einer im Grunde guten Idee wurde eine Lachsalve (für all jene, denen das Lachen noch nicht vergangen ist). Zudem prüfen die deutschen Bundesverfassungsrichter, ob diese überhaupt grundgesetz-konform ist.
Für all jene, die das Wort “Mietpreisbremse” heute vielleicht zum ersten Mal lesen sollten, folgend eine kurze Einführung in ein sehr komplexes Thema. Dieses Gesetz (“Gesetz zur Dämpfung des Mietanstiegs auf angespannten Wohnungsmärkten”) trat am 01. Juni 2015 in deutschen Landen in Kraft. Es sollte eigentlich die Mietpreise regional deckeln, damit nicht das geschieht, was derzeit gang und gebe ist: Ein rapides Ansteigen der Mieten ohne ersichtlichen Grund – nur aufgrund der Nachfrage. Um dies zu veranschaulichen: In den teuersten Städten der Bundesrepublik (Berlin, Dresden, Frankfurt/Main, Leipzig und München) zogen Preisaufschläge von 20 bis vereinzelt sogar 45 % bei der Netto-Kaltmiete den zurecht ungehinderten Groll der Mieter auf sich. Durch die Bremse können nun die Bundesländer regulierend eingreifen, indem in besonders teuren Gebieten die Mieten gedeckelt werden. Soll heissen, dass der Mietpreis bei der Erstellung eines neuen Mietvertrages maximal zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen darf. Die Vergleichsmiete wird durch die unterschiedlichsten Mietspiegel lokal anhand der Parameter Bevolkerungswachstum, Leerstandsquote, Mietentwicklung und Mietbelastung errechnet. Die Länder legen diese Gebiete selbst fest – die Bremse gilt für jeweils die kommenden fünf Jahre. Berlin beispielsweise hat sie sofort zum Inkrafttretungsdatum des Gesetzes umgelegt. Nach und nach folgten weitere Bundesländer bis auf Sachsen, Sachsen-Anhalt, Saarland und Mecklenburg-Vorpommern. Dort sah man offenber bislang noch keinen wirklichen Bedarf der gesetzlichen Regulierung, obgleich Dresden und Leipzig im Schnelllauf nach oben galoppieren. Soweit so gut zu den neuen Mietverträgen. Bestehende Mietverträge werden seit dem 01. Mai 2013 insofern geregelt, als in ebenfalls eigens ausgewählten Gebieten der Mietpreis innerhalb von drei Jahren um maximal 15 % bzw. mancherorts 20 % steigen darf (“Kappungsgrenze”).
Eigentlich sind von der Mietpreisbremse alle in diesen Gebieten betroffen, doch halten sich die meisten gar nicht daran. Offizielle Ausnahmen sind neu errichtete bzw. umfassend modernisierte Häuser (mindestens ein Drittel der Kosten eines Neubaus) und bereits bestehende Miethöhen. Schliesslich will der Gesetzgeber nicht den Wohnbau stoppen, doch lohnt sich ein solcher oder eine Modernisierung mit anschliessender Vermietung erst ab 10,- €/Quadratmeter (netto/kalt). Zum Vergleich: In Berlin-Neukölln liegt der Quadratmeterpreis bei 4,- €. Bei Modernisierungen übrigens können 11 % der Kosten pro Jahr auf den Mieter abgewälzt werden – Mietpreisbremse hin oder her! Auch im Nachhinein – bis zu drei Jahre zurück.
Ein solcher qualifizierter Mietspiegel wird durch die Kommune alle vier Jahre erstellt und muss zumindest für zwei Jahre an den Markt angepasst sein. Einsehbar ist dieser beim Wohnungs- oder Sozialamt der Gemeinde. Dem gegenüber steht der einfache Mietspiegel, eine Schätzung, die von Experten vorort vorgenommen wird.
Bevor ich aber nun noch mehr in’s Detail gehe: Die meisten Vermieter finden eine Lücke um diese Mietpreisbremse umgehen zu können. Der Mieter kann, sobald er hier eine ungesetzliche Unregelmässigkeit feststellt, die zu viel verlangte Miete zurückbehalten. Jedoch sollte dem eine gute Beratung mit Experten vorausgehen. Dann folgt eine qualifizierte Rüge des Vermieters, in welcher er seine übermässigen Forderungen rechtfertigen muss und danach, ja danach folgt zumeist ein jahrelanger Rechtsstreit. Das wollen sich viele Mieter nicht antun, da sie glücklich darüber sind, überhaupt eine Wohnung erhalten zu haben. Zudem benötigen sie den Mietpreis des Vormieters. Der Vermieter muss diesen grundsätzlich nennen, viele machen es dennoch nicht.
Ist noch ein Makler involviert, so müssen dessen Vermittlungsgebühren vom “Besteller” übernommen werden, das ist in der Regel der Vermieter. Konsultiert der Wohnungssuchende selbst einen Makler, so endet dies wohl vor Gericht, da ja der Vermieter zuvor bereits mit dem Makler einen Vertrag ausgearbeitet hat.
Diese Mietpreisbremse soll also ursprünglich vor Wucher schützen. Doch hilft sie nicht etwa den kleinen Mindestlohnbeziehern, sondern vielmehr den ohnehin schon finanziell gut gestellten Mietern, günstigere Quadratmeterpreise für das Penthouse oder die Villa zu erhalten. Während der Mieterbund eine engere Schnürung der Bremse fordert, möchte sie der Vermieterbund am liebsten abgeschafft sehen. Auch hier ein kleines Beispiel: Eine Altbau-Wohnung ist aufgrund Ablebens des Mieters freigeworden. Er selbst zahlte vielleicht ein Appel und ‘n Ei dafür. Nun wird renoviert! Im neuen Mietvertrag wird dies mit einem Mehrfachen der bisherigen Miete zu Buche stehen. Anderes Beispiel: Viele Plattenbauten in Berlin-Marzahn wurden inzwischen aufwendig modernisiert. Aus dem Vorzeige-Projekt der SED in Sachen billiger Wohnraum wurde nun eine gute Geldanlage mit ordentlichen Renditen!
Wohnraum in Grossstädten ist schon längst nicht mehr leistbar, für Rentner, Alleinerzieher, Mindestlohnempfänger. Inzwischen betrifft dies auch den an sich gut situierten Mittelstand. Familien, in welchen Vater und Mutter einer Beschäftigung nachgehen.
Bei den sozial unteren Schichten wurde dies bislang durch den sozialen Wohnbau abgefedert. Doch ebenso wie etwa in Österreich die BUWOG-Wohnungen für staatlich Angestellte oder Bedienstete im Staats- oder Landesdienst werden auch in Deutschland immer mehr Sozialwohnungen durch den bisherigen Träger wie Land oder Bund an private Immobilienkapitalisten verkauft. In Bayern betraf dies etwa zehntausende Wohnungen aus dem bisherigen Besitz der Bayrischen Landesbank. Dort werden nun sukzessive die Mieten angehoben, bis sie den regionalen Stand erreicht haben. Das können sich aber viele der dort lebenden Menschen nicht mehr leisten. Sie suchen um Wohnzuschuss an oder bewerben sich für geförderte Wohnungen. In München beispielsweise werden heuer über 28.000 Anträge für geförderte Wohnungen eingereicht – frei wurden allerdings nur 3.900. Der soziale Wohnbau wird massivst zurückgefahren – die Städte verkümmern alsdann mit Hilfe der Regierungen immer mehr zur Spielwiese der Reichen – auch der ausländischen Investoren.
Ähnliches Bild in Österreich. In der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck etwa liegt der Quadratmeterpreis bei nicht weniger als 12,2 – 16,- € im Median (mittlerer Wert der Angebotspreise). Damit ist das Wohnen am Goldenen Dachl unter Umständen sogar teurer als im Nobelschiort Kitzbühel (14,- €/qm). Danach folgen Wien (14,90 €/qm) und Salzburg (14,40 €/qm). Experten sprechen von einem Rekordanstieg. Im Vergleich dazu die günstigste Landeshauptstadt Eisenstadt (Burgenland): 9,96 €/qm. Allerdings sind alle Zahlen im Gegensatz zu Deutschland Warmmieten. Alle zwei bis drei Jahre werden zudem die Richtwerte entsprechend des Verbraucherpreisindexes erhöht. Zuletzt war dies am 1. April des Jahres der Fall: +3,5%! Ferner kann der Vermieter Zuschläge verlangen. Diese betreffen

den Erhaltungszustand des Hauses,
die Ausstattung der Wohnung,
die Lage der Wohnung innerhalb des Hauses und
die Wohnumgebung des Hauses

3,7 Millionen Haushalte gibt es zwischen Neusiedler- und Bodensee. In etwa 40 Prozent sind Hauptmietwohnungen. Gesetzlich greift hierbei das Richtwertmietensystem, das jedoch schon 2004 als mieterfeindlich durch die Arbeiterkammer eingestuft wurde. Schliesslich ist der Vermieter nicht gesetzlich gezwungen, die Faktoren für die Berechnung des Mietpreises bekannt zu geben. Zuschläge können jederzeit zum Richtwert hinzugegeben werden.
Diese teuersten Städte sind jeweils Uni-Städte, die vierte Stadt Dornbirn (Vorarlberg) besitzt eine Fachhochschule. Studenten treffen derartige Preise besonders hart. Deshalb empfehlen Experten WGs einzurichten. Andere schlafen in ihrem Auto oder dem der Eltern. In Deutschland sind durchschnittlich rund 10,- €/qm an Miete zu entrichten (in München sogar 18,40 €/qm) nettokalt. In Innsbruck und Salzburg ist die Anzahl der Numerus Clausus-Flüchtlinge aus Deutschland besonders hoch – stets zu Semesterbeginn steigen deshalb dort die Wohnungspreise. Ich selbst absolvierte meine ersten Studienjahre in Innsbruck in einem Studentenheim. Heute sind für einen solchen Platz sehr gute Beziehungen, die Quote oder eine lange Ausdauer erforderlich. So kommen etwa in Berlin nicht weniger als 5.400 Anwärter auf einen Heimplatz – deutschlandweit liegt die Quote bei 10 %.
Abgesehen von den Studenten vermerkten die Eigentumswohnungen in Österreich die grössten Anstiege: Beinahe bis zu 50 % seit 2008 – Spitzenreiter ist Bregenz (Vorarlberg) mit 49,3 %. Im Schnitt kostet hier der Quadratmeter 3.140,- € (Innsbruck im Vergleich: 3.800,-/qm) . Ein stolzer Preis für einen Durchschnittsverdiener. “Leistbares Wohnen” – ein Slogan, den sich alle vor kurzem zur Nationalratswahl angetretenen Parteien auf die Banner schrieben: Es darf herzhaft gelacht werden.
Zuletzt noch ein interessanter Vergleich mit dem Big Apple, New York: Die durchschnittliche Monatsmiete für ein Appartement in Manhattan liegt bei rund 3.627,- € (4.081,- US-Dollar). Keine Luxus-Wohnung! Die Nachfrage ist enorm – Vergünstigungen gibt es in gerade mal weniger als 1 %. Mit 3.252,- $ ist Brooklyn um einiges günstiger. Wesentlich teurer hingegen sind Soho und Tribexa mit beinahe 4.000,- US-Dollar. Für eine Zweizimmerwohnung! Vier Zimmer kosten mit 9.000,- US-Dollar mehr als das Doppelte.

Lesetipps:

.) Konsequenzen der Energieeinsparverordnung auf den Mietpreis von Immobilien; Maike Dunayski; Universität Hamburg 2013
.) Mietnebenkosten von A-Z; Dr. Klaus Lützenkirchen; Beck im dtv 2014
.) Miete und Mieterhöhung inkl. Arbeitshilfen; Birgit Noack / Martina Westner; Haufe-Lexware 2012

Links:

- www.miet-check.de
- www.immowelt.de
- www.konsument.at
- www.hu-berlin.de
- de.statista.com
- news.immowelt.at
- www.immobilienscout24.at
- www.immosuchmaschine.at
- www.wohnpreis.de

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Das passende Weihnachtsgeschenk

Weihnachten naht in grossen Schritten. Das Fest der Liebe, der Familie, der Geborgenheit! Und des Kommerzes! Die Feiertage, die in offenbar vergangenen Zeiten hintergründig und sinnhaft waren, verkümmern immer mehr zum Festival der gekauften Geschenke. Präsente, die selbergemacht wurden und für etwas stehen sollen, nämlich, dass sich der Schenkende für den Beschenkten Zeit genommen hat und sich mit ihm auseinandergesetzt hat – wer macht das heutzutage noch?! Die neue X-Box, das soeben auf dem Markt erschienene I-Phone, Schmuck, Spielsachen – alles muss möglichst neu sein, da es spätestens im Februar wieder zum alten Eisen gehört. Wofür öffnet ansonsten der Handel am Heiligabend seine Pforten? An einem Sonntag!!! Geschäftemacherei wo auch immer man hinschaut. Und das heisseste Thema jedes Jahr sind die Spielsachen für die Kleinen. Der Branchenumsatz des Spielwarenhandels belief sich alleine im Jahr 2016 in deutschen Landen auf nicht weniger als 3 Milliarden Euro. Genügte in früheren Zeiten eine Stunde bei Toys’R'us, um für alle Töchter, Söhne, Enkel und Nichten einzukaufen, so entgeht vielen diese Möglichkeit, nach der Insolvenz des Global Players. Deutsche und österreichische Eltern können allerdings aufatmen: Beide Länder sind nicht von der Pleite der Muttergesellschaft in den USA betroffen. Möglicherweise in diesem Jahr noch nicht!
Andere wagen den Blick in’s Internet und siehe da: Ein Paradies tut sich auf. Und dort kommt so manch Einer auf mehr als schräge Ideen. Die aktuellste ist eine Uhr, die sich über eine App am heimischen Telefon oder jeder anderen gespeicherten Nummer meldet. Eigentlich eine gute Sache für Notfälle! Doch diese hier dient der Überwachung. So können Mama oder Papa mithören, was gerade so im Pausenhof der Schule abläuft oder weshalb die Deutschlehrerin, Fräulein Müller, bei den Kindern so beliebt ist.
Sollten auch Sie einer solchen Geschenksidee nachgegangen sein: Lassen Sie bitte die Finger davon – derartiges ist gesetzlich verboten! Die Bundesnetzagentur in Deutschland etwa empfiehlt, diese Uhren (sofern Sie schon eine gekauft haben) zu zerstören und einen Nachweis darüber aufzubewahren, da auch schon der Besitz eines solchen Gerätes strafbar ist. Durchaus möglich, dass demnächst ein Mann vor Ihrer Türe steht und diesen verlangt, da Sie den Einkauf mittels Karte oder Online-Banking bezahlt haben. Das Gesetz sieht für derartige Bespitzelungsaktionen bis zu zwei Jahre Haft vor. Sofern vielleicht auch ihr Kind nichts dagegen hat, so sehr wohl die Erwachsenen in dessen Umfeld. Selbstverständlich können Sie auch über Gerätschaften wie “Alexa” oder Smartphones mithören (deshalb müssen die Manager von Bayer ihre Smartphones bei den Meetings auch stets in Blechdosen geben), doch sind diese keine getarnten Abhör- oder Sendeanlagen. Werden Sie vor dem Gespräch versteckt, so benötigen Sie eigentlich für eine derartige Aktion eine richterliche Verfügung – kennen wir ja aus den Fernsehkrimis.
Inzwischen ebenso bereits verboten ist der Verkauf bzw. Besitz der Puppe “Cayla”. Auch sie verfügt über eine solche Abhörfunktion, kann jedoch zudem mit dem Kind sprechen. Die interaktive Puppe beinhaltet ein Mikrophon, einen Lautsprecher und eine BlueTooth-Schnittstelle, wodurch sie über eine App via Tablet oder Smartphone in’s Internet geschaltet wird. Dort recherchiert sie alle möglichen Fragen und passende Antworten darauf. Stern-TV machte den Versuch auf’s Exempel: So wurde das High Tech-Gerät von einem Mitarbeiter eingerichtet. Die Eltern des Mädchens waren mit diesem Test einverstanden. Ein anderer Mann unterhielt sich über die Puppe mit dem vierjährigen Mädchen, das ihm nach nur wenigen Minuten arglos die Terassentüre öffnete. Die Mutter meinte danach fassungslos:

“Als ich gesehen habe, dass sie die Tür aufmacht, schnürte es mir die Kehle zu!”

Cayla entwickelte sich über drei Jahre hinweg zum Verkaufsschlager. In vielen Kinderzimmern wird sie nach wie vor auf dem Bett sitzen, mit rot blinkender Halskette, welche die Empfangsbereitschaft signalisiert. Auch hier gilt: Der Besitz ist bereits strafbar (§ 90 Telekommunikationsgesetz – Verbotene Sendeanlagen)!
Selbstverständlich gibt es ein solches Produkt auch für Burschen: “Freddy der Bär”! Auch dieser kann all das, was Cayla so tagtäglich vollbringt – doch benötigt er keinerlei Internet. Die App greift auf ein Tablet oder Smartphone zu, auf dem Informationen über das Kind stehen. Beim Spielen fragt er den Kleinen dann direkt.
In diesen beiden Fällen übrigens ist die Blue Tooth-Verbindung nicht passwortgeschützt, sodass jeder, der in die Reichweite kommt, darauf zugreifen kann. Auch hier liess ein Test die Eltern aufhorchen: Innerhalb kürzester Zeit gab eine Achtjährige in diesem Versuch über den Teddy den Sicherheitscode der Eingangstüren durch. Für die Technik-Freaks unter den Kiddies gibt es noch den “I-Que-Roboter” mit denselben Funktionen und Möglichkeiten wie Cayla. Natürlich wird auch etwas für’s Auge geboten: Das “I-Spy-RC-Spionagefahrzeug” ist mit einer Kamera ausgestattet. Über WLan wird das Videosignal weitergeleitet, direkt in’s World Wide Web. Die WLan-Verbindung ist zwar passwortgeschützt – jedoch ist dies ein einheitlicher Code, der für alle dieser Autos funktioniert. Wird er gehackt, können sich Fremde jederzeit die Wohnung anschauen.
Das grösste Problem bei diesen sog. “Smart Toys” muss mitunter nicht mal das Abhören sein. Es ist das Vertrauen der Kleinen. Wenn die Puppe oder der Bär meint, sie sollen in den Garten zum Spielen gehen, dann tun sie dies auch. Eine Gefahr, die die meisten Eltern vor dem Kauf gar nicht abgecheckt haben. In entsprechenden Tests folgten sechs von sieben Kindern den Befehlen dieser High Tech-Geräte. Kriminellen, wie Pädophile oder Entführer, tut sich hier eine riesige Spielwiese auf, wo sie sich austoben können. Deshalb liebe Eltern: Derartiges Spielzeug hat im Kinderzimmer nichts verloren. Leider sind nicht alle angesprochenen Artikel verboten.
Ah ja – und da war dann auch noch der Missbrauch der Daten. Die Spracheingaben etwa der “Hello Barbie” wurden bereits 2015 auf externen Servern gespeichert und für Werbezwecke verwendet. Auch über die Lerncomputer und vernetzten Spielsachen der Firma VTech wurden solche Daten weitergegeben und gespeichert. Der Server wurde ebenfalls 2015 gehackt – 190 GB an Daten wie Chats oder Fotos wurden gefunden. Die Hacker wollten allerdings nur darauf hinweisen, wie einfach es ist, an derartiges Material zu gelangen.
Des Erwachsenen Lieblingsspielzeug ist derzeit “Alexa” bzw. der kleinere Bruder “Echodot”! Amazon steckt Millionen in die Bewerbung dieses smarten Alleskönners. Ist ja eigentlich auch eine gute Sache, wenn alles mittels Spracherkennung erledigt werden kann. Doch ist dies ebenfalls ein “Smart Toy”! Der elektronische Butler ist ständig mit dem Internet verbunden um jederzeit auf das Wort “Alexa!” reagieren zu können. Das ist das grosse Fragezeichen der Datenschützer. Alle diese Sprachbefehle werden auf den Servern von Amazon gespeichert und auch verarbeitet, warnt etwa die Verbraucherschutzzentrale Nordrhein-Westfalen. Im Vergleich: Bei VTech kümmerte sich niemand um die Daten, sie wurden einfach nur gespeichert. Bei Alexa werden hingegen auch die Informationen gespeichert: To do-Listen, Geburtstagskalender, Einkäufe, Musikwünsche, … Bei Amazon heisst es, dass die Daten der Verbesserung des Systems dienen und nur an Dritte weitergegeben werden, wenn es für den entsprechender Dienst wichtig ist (Taxi-Unternehmen bespielsweise). Wenn Sie damit zurecht kommen, kann Ihnen Alexa das Leben sicherlich erleichtern. Allerdings gibt es auch dubiose Vorfälle: So musste etwa die Polizei ausrücken, da mitten in der Nacht in einer Wohnung ohrenbetäubende Musik abgespielt wurde. Der Clou: Es war gar niemand zuhause! In San Diego hat das Kind des Hauses mit dem Sprachassistenten gesprochen und dabei ein Puppenhaus und zwei Kilogramm Kekse bestellt. Noch dubioser hingegen wurde es danach: Der Nachrichtensprecher der örtlichen TV-Station brachte dies als kuriose Meldung in den Nachrichten – mit den Worten “Alexa hat mir ein Puppenhaus bestellt!” und schon gingen erneut Puppenhaus-Bestellungen bei Amazon ein! Amazon allerdings hat dies bereits weiterentwickelt – so können Bestellungen mittels eines Zahlencodes deaktiviert und das Mikrophon mittels eines Knopfes ausgeschaltet werden. Ansonsten nehmen sie, als mehr oder weniger glücklicher Alexa-Besitzer, über das Mikrophon alles auf. So höchstwahrscheinlich auch einen Mord am 22. November 2015 in Bentonville in Arkansas. Dort wurde an diesem Sonntagmorgen die Leiche eines Mannes im Swimmingpool gefunden. Er hatte mehrere Schwellungen im Gesicht, dürfte also geschlagen worden sein. Der Hausbesitzer meinte, er habe Freunde zu einem Footballspiel eingeladen, es sei Bier geflossen und er sei müde zu Bett gegangen. Den Freunden habe er erlaubt, im Wohnzimmer zu schlafen. Die Polizei forderte von Amazon die Herausgabe der Daten. Das Unternehmen betonte aber, dass das Gerät nur auf die Worte “Alexa” oder “Echo” reagiere, sich ansonsten im Standby-Modus befände. Der Hausbesitzer wurde dennoch angezeigt, da er nach der Tat für das Reinigen der Terasse zu viel Wasser verbrauchte. Sein Pech: Er hatte wie alle anderen Häuser einen smarten Wasserzähler, berichtet die Zeitung “Washington Post”.
Bei all diesen Smart Toys geht es um die Persönlichkeitsrechte eines Menschen, die im Grundgesetz oder der Verfassung verankert sind. Und für die ganz vehementen Verfechter der Bespitzelung, wie etwa dem österreichischen Innenminister: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen nach Feierabend in Ihrer Eckkneipe und reden mit Ihren Kumpels. Es fällt der eine oder andere schlüpfrige Witz, die eine oder andere politische Unkorrektheit, Sie ziehen über Ihre Nachbarn oder den Chef her. Was Sie nicht gemerkt haben: Ihr Handy wurde geknackt, das komplette Gespräch aufgezeichnet und einer Zeitung angeboten (sofern Sie entsprechend bekannt sind). Ihren Job sind Sie los!

Links:

- www.test.de
- www.konsument.at
- www.verbraucherzentrale.nrw/
- www.ammering.org
- www.amazon.de
- www.toysrus.at

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Das leise Sterben der Insekten

So manch einer wird es in diesem Sommer ganz besonders gespürt haben: Weniger Fliegen, Wespen und Stechmücken auf der Windschutzscheibe des Autos! Gott sei’s gelobt – nicht schade um diese Biester! Soweit die landläufige Meinung grosser Teile der Bevölkerung. Fällt nämlich das Wort “Insekt”, so denken die meisten wohl nur an jene, die dem Menschen ganz offensichtlich lästig fallen oder schaden. Dass es aber da noch wesentlich mehr davon gibt, auf die der Mensch angewiesen ist und ohne die der Lebenskreislauf auf unserem Planeten nicht funktioniert (“Biodiversität”), das wird dabei meist ausser acht gelassen. So ist der Schwalbenschwanz inzwischen in Mitteleuropa vom Aussterben bedroht. Aasfresser, Humusproduzenten, Bestäuber oder auch nur Nahrungsquelle für grössere Tiere wie Vögel, Amphibien oder Fledermäuse beispielsweise: Erste Untersuchungen sprechen von über 12,7 Millionen Vogelbrutpaaren weniger – innerhalb der letzten 12 Jahre nur in Deutschland. Am meisten davon betroffen ist der Star, der Vogel des Jahres 2018. Ornithologen empfehlen deshalb die ganzjährige Fütterung der Vögel durch den Menschen. Ohne Insekten ist ein Leben auf der Erde nicht möglich. Insekten sind das Fundament eines gesunden Ökosystems. So werden seit Jahren immer wieder die Bienen in’s Spiel gebracht, die einen immens wichtigen Anteil am Wachstum und der Vermehrung der Pflanzen erledigen. Über sie habe ich an dieser Stelle bereits berichtet.
Die Studie “Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch in den Jahren 1989 und 2013″ brachte es dieser Tage zu Papier: Die Masse der Fluginsekten verringert sich im Schnitt um 6,1 % pro Jahr. So hat der Bestand um 76,7, im Hochsommer sogar um bis zu 81,6 % im Vergleich zu Ende der 80er Jahre abgenommen. Doch nicht nur in der Masse, sondern auch in der Artenvielfalt. Bei den Faltern beispielsweise um rund ein Drittel. In die Studie wurden alle unterschiedlichen Biotoptypen einbezogen: Die Schmetterlinge, die Hummeln, Nachtfalter, usw. Ein Ergebnis, das erschreckend und zugleich alarmierend ist. Schliesslich wird der Wert der Insektenbestäubung weltweit auf einen dreistelligen Milliardenbetrag beziffert – von den Wildpflanzen sind rund 80 % von der Insektenbestäubung abhängig. Viele Pflanzen können zudem nur von spezialisierten Insekten bestäubt werden. In einem Artikel des Magazins “Science” (erschienen im November 2016) warnten Wissenschaftler von 5 Kontinenten vor dem Tod der Bestäuberinsekten. Die Verantwortung trägt dafür zu grossen Teilen die Intensiv-Landwirtschaft. Nicht nur die übermässige Verwendung von Spritzmitteln, wie Insektiziden oder Pestiziden in Kulturplantagen, sondern auch die Überdüngung von Wiesen und Feldern (zu hoher Stickstoffgehalt, bekannt auch als “Eutrophierung”) bzw. der vier- bis teilweise sogar fünffache Schnitt pro Jahr lassen keine Blütenstände mehr zu, die aber gerade für die Fluginsekten von entscheidender Bedeutung sind. Auch Monokulturen anstelle von Mischkulturen gehören dazu. Wenn ausser Grashalmen auf den Feldern nichts mehr wächst bedeutet dies einen Nahrungsnotstand für die Vielflieger, die sich zudem mehr als schwer tun eine Pflanze zu bestäuben, die es gar nicht mehr gibt.

“Die Hauptursache ist tatsächlich die Intensivierung der Landwirtschaft!“
(Johannes Steidle, Tierökologe Universität Hohenheim)

Insekten erfüllen als Destruenten eine nicht ersetzbare Arbeit: Sie sorgen dafür, dass wir nicht in faulendem organischen Abfall untergehen. Sie zersetzen Pflanzen und Lebewesen und führen dem Boden dadurch wichtige Nährstoffe zu. Sind sie plötzlich nicht mehr da, beginnt das organische Material am Boden zu faulen.
Die zumeist Sechsbeiner werden in der Botanik und Zoologie auch als Zeigertiere und somit als Bioindikatoren eingesetzt.
Die vorhin angesprochenen Untersuchungen wurden von ehrenamtlichen und damit nicht bezahlten Insektenforschern des Entomologischen Vereins Krefeld und dem Naturschutzbund (Nabu) durchgeführt. Sie betreiben Dutzende Messstellen in Nordrhein-Westfalen – zwei davon im Obroicher Naturschutzgebiet mit sog. “Malaise-Fallen”. Diese wurden über den Untersuchungszeitraum 1989 bis 2013 pro Jahr insgesamt 24mal an nahezu denselben Tagen entleert. Die Präsentation der Ergebnisse fand im vergangenen Jahr im Bundestag statt, durch die Erkenntnisse eines internationalen Forscherteams aus Deutschland, den Niederlanden und Grossbritannien erweitert und in der Online-Fachzeitschrift “Plos One” dieser Tage veröffentlicht. So wurden beispielsweise noch Ende der 80er Jahre 1,4 Kilogramm in den Obroicher Fallen gefunden, 2013 allerdings nurmehr 300 Gramm. Und dies obgleich sich der Anstieg der durchschnittlichen Jahrestemperatur eigentlich positiv auswirken sollte. Insgesamt haben wir seit 1989 rund 3/4 der Insektenmasse verloren! Doch nicht nur in Deutschland entwickelt sich die Insektenfauna dermassen bedrohlich. In Grossbritannien besteht seit 1968 ein Netz an Messstellen für grosse Nachtfalter, den sog. “Macro-Moths”. Rund 80 Messstellen sind aufgestellt, jede Messstelle bleibt für zirka sieben Jahre am selben Ort. Parallel dazu wird vom UK Butterfly Monitoring Scheme zudem die Entwicklung der Tagfalter beobachtet. Auch hier sind es jeweils ehrenamtlich Mitarbeiter, die nach einem standardisierten Beobachtungs-Protokoll vorgehen. Das Ergebnis: 337 Falterarten gehen zurück, 71 davon sogar so stark, dass sie in der Roten Liste gefährdeter Arten aufgenommen werden mussten. Dasselbe Bild auch bei den Wildbienen: 39 der in Deutschland beheimateten rund 570 Arten sind bereits verschwunden – die Mohnbiene und auch die Mauerbiene ist beispielsweise massivst gefährdet. Die Arten der Schwebfliege verringerten sich im Untersuchungszeitraum von 143 im Jahr 1989 auf 104 im Jahr 2013.
Zurückzuführen ist all dies auf die “Degradation der Habitate”, also des schlechter werdenden Lebensraumes bis hin zu dessen Zerstörung durch etwa die intensive, landwirtschaftliche Bodennutzung (Verarmung der Agrarlandschaften). Bei ähnlichen Lichtfallen-Studien in Ungarn wurde dasselbe Ergebnis erzielt.
Der Objektivität halber sei hier auch die Stellungnahme der bäuerlichen Interessensvertretung zur Obroicher-Studie angeführt.

“In Anbetracht der Tatsache, dass die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand, verbieten sich voreilige Schlüsse in Richtung Landwirtschaft!”
(Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernbundes)

Die Organisation “Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services” (IPBES), eine Organisation der UNO, sprach in ihrem 2016 vorgelegten Bericht über eine Studie zu Hummeln und Wildbienen ganz eindeutig von der Schuld des Menschen. Einerseits werden fremde Arten eingeführt, die oftmals aggressiver und überlebensfähiger als die in Europa und Nordamerika beheimateten Arten sind. Gleichzeitig aber schleppt der Mensch nicht zuletzt dadurch Schädlinge, Pilze und Krankheiten mit ein, wie die Varroa-Milbe oder die Brutfäule. Auch in heimischen Gegenden ist das Hummelsterben mit freiem Auge zu sehen – im Sommer, speziell unter der Silberlinde. Dieser Baum blüht verhältnismässig spät, weshalb er ein Paradies für alle Insekten, im speziellen aber den Hummeln darstellt. Früher wurde vermutet, dass die Flieger den Nektar nicht vertragen. Forscher der University of Greenwich wiesen jedoch nach, dass sie schlichtweg verhungert sind, da das Nahrungsangebot zu gering war. In den im IPBES-Bericht enthaltenen empfohlenen Massnahmen ist auch die Rede von verschärften Zulassungsbestimmungen bei Pestiziden. Gefordert wird etwa, dass Neonikotinoide gänzlichst verboten werden.
Bei all diesen Betrachtungen habe ich bislang einen nicht unbedeutsamen Faktor ausgelassen: Raupen fressen Pflanzen vornehmlich dann, wenn diese unter Stickstoffmangel leiden. Findet nun auf diesem Feld, diesem Acker eine Überdüngung statt, könnten die davon betroffenen Insekten eigentlich auf das Nachbarfeld ausweichen. Doch ist dies auch nicht möglich, da so gut wie keine Randstreifen mehr bestehen und das Biotop dadurch unterbrochen wird. Somit ist alsdann eine Wanderung nicht möglich. Die Raupen und Insekten verhungern. Zudem befinden sich immer weniger Hecken am Feldrand. Sie hätten den grossen Vorteil, dass mögliche Luftverfrachtungen von Pestiziden in Nachbar-Biotope abgemildert würden. Hier sieht v.a. Jan Christian Hebele vom Institut für terrestrische Ökologie der TU München ein Problem: Naturschutzgebiete gut und schön, doch werden rundherum Pestizide eingesetzt, werden diese durch die Luft auch in die geschützten Zonen verfrachtet, die dadurch kontaminiert werden. Hierbei sprechen die beiden Wissenschaftler Hans de Kroon und Caspar Hallmann (Universität Nijmegen) von einem “Weckruf”: Wofür gibt es dann diese Offenlandbiotope als Naturschutzgebiete??? Das gilt selbstverständlich auch für Bio-Anbauflächen. Bestes Beispiel ist der Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat in Südtirol. Besorgte Eltern entdeckten den Rückgang des Wachstums auf Kinderspielplätzen in der näheren Umgebung von Obst- bzw. Weinplantagen. Das Mittel vernichtet nicht nur Unkraut, sondern auch alle nützlichen Pflanzen, die nicht genetisch resistent gemacht wurden.

“Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus. Wie es scheint, machen wir große Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens, und befinden uns gegenwärtig auf dem Kurs zu einem ökologischen Armageddon.”
(Dave Goulson, University of Sussex)

Die Politik reagiert nur zögerlich (siehe Wiederzulassung von Glyphosat durch die EU). So wurde etwa beim Entomologischen Verein Krefeld eine Studie zu Biodiversitätsverlusten in FFH-Lebensraumtypen in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse 2018 erwartet werden. Glyphosat hingegen zerstört auch den Klee oder Leindotter, der auf Monokulturen wächst. Hat der Mais oder Raps geblüht, finden die Insekten, die ansonsten auf dieses vermeintliche Unkraut zurückgegriffeb haben, keine Nahrung mehr. Es wird allerdings langsam eng für Gegenmassnahmen. Umweltschützer fordern deshalb das sofortige Verbot der Neonikotinoide wie dem Imidacloprid, mit dem das Saatgut gebeizt wird, sowie anderer problematischer Insektizide. Erstere wirken im Nervensystem der Insekten, die dadurch beispielsweise die Orientierung verlieren und nicht mehr – wie im Fall der Bienen – zum Bienenstock zurückfinden. Sie gehen jämmerlich zugrunde. Gleiches gilt auch für den Nützling Schlupfwespe. Sie legt ihre Eier durch den langen Stachel direkt in Schmetterlinge, Läuse und Käfer. Schlüpft dann der Nachwuchs, so frisst er sich durch den Wirt. Diese Wespe wirkt somit tausendfach umweltschonender als ein Spritzmittel. Oder Faltenwespen, die fremde Larven betäuben und im Nest verzehren. Zudem sollen Acker- und Gewässerrandstreifen renaturiert werden.

Jetzt ist Schutzgebietsmanagement angesagt, das auch die Agrarflächen mit einbeziehen muss!

Zusätzlich liegt die Verantwortung beim Verbraucher. Finden nach wie vor die Billigwaren aus der landwirtschaftlichen Massenproduktion einen Absatzmarkt, wird sich nichts ändern. Erfolgt der Griff im Supermarkt jedoch zu nachhaltigen Produkten, so wird sich auch die Landwirtschaft den Umständen anpassen müssen. Und für den heimischen Garten heisst dies: Kurz geschnittener Rasen ohne Blumen mag zwar schön für’s Auge sein, doch zerstört dies die Natur! Wenn es aus ästhetischen Gründen dennoch sein muss, schaffen sie bitte auch Zonen, in welchen die Flora so wachsen kann, wie sie will. Säen Sie möglichst viele unterschiedliche Wildblumen ein. Die Laubbläser übrigens töten die darunter lebenden Insekten, die das Laub ansonsten zersetzen würden.
Wie nun eine Zukunft ohne bestäubende Insekten aussehen könnte? Am Beispiel Kalifornien wohl am besten zu verdeutlichen: Dort sind im vergangenen Jahr 44 % aller Honigbienen krepiert. Bienenstöcke werden inzwischen auf die Felder gefahren (2 Millionen zuletzt). Nun wird versucht, die Mandelblüten mit Drohnen zu bestäuben. Eine sündhaft teure Angelegenheit. Experten sprechen hier von drei Billionen US-Dollar, sollte dies flächendeckend gemacht werden. Auch Pinsel aus Pferdehaar muss der Bauer verwenden, um per Hand die fehlenden Bestäuber zu ersetzen.

Wir haben lang genug gewartet – es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen!!!

Lesetipps:

.) Das große Buch der Insekten; Rod Preston-Mafham / Ken Preston-Mafham; DuMont Reiseverlag 2000
.) Das Insektenbuch; Maria Sibylla Merian; Suhrkamp 2015
.) Encyclopedia of Insects; Vincent H. Resh / Ring T. Cardé (Hrsg.); Academic Press (Elsevier) 2003

Links:

- www.entomologica.org
- www.nabu.de
- ipbes.net/
- www.biodiversity.de/
- www.ukbms.org
- journals.plos.org/plosone
- www.naturgucker.de
- www.biologischevielfalt.at
- www.rothamsted.ac.uk
- www.giz.de
- www.ipbes.net

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Ist der Erdöl-Dollar schmutzig???

“Der Islam ist vor allem eine Projektionsfläche geworden, er ist in Europa schon lange kein Religion mehr.”
(Farid Hafez; Politikwissenschaftler )

Dieser Tage war im Rahmen des Börsengangs von Saudi Aramco zu lesen, dass sich US-Präsident Trump bemühe, diese Neuemission an die New Yorker Börse zu holen. Es sei wichtig für Amerika! Nicht nur ich dürfte mir beim Lesen der Schlagzeile Gedanken darüber gemacht haben, weshalb der Börsengang eines Unternehmens dermassen wichtig ist, dass sich der Präsident eines Landes einschaltet. V.a. jener Präsident, der die Landesgrenzen für viele islamische Staaten dicht gemacht hat und der Subventionen streicht, wenn an Projekten Nicht-US-Bürger beteiligt sind! Nun, es handelt sich hierbei mit geschätzten 100 Milliarden US-Dollar um den grössten Börsengang aller Zeiten. Dies würde die Bedeutung der New Yorker Börse mit einem Mal um mehrere Sprossen in der Leiter steigern. Und schliesslich hat Trump mit den Saudis auch den grössten Waffendeal aller Zeiten abgeschlossen.
Viele schimpfen über den Nahen Osten, doch dessen Gelder nehmen sie gerne an. Der Öl-Dollar kann also gar nicht so schmutzig sein, wie immer wieder behauptet wird. Die dortigen Regenten nutzen dies auch in vollen Zügen aus. Deshalb erlauben sie sich nicht selten eine Doppelfinanzierung: Einerseits offiziell durch den Kauf westlichen Knowhows, Immobilien, Unternehmen etc., andererseits auch durch Förderungen der nicht immer ganz einwandfreien Art. Saudi-Riyal oder auch türkische Lira sollen in teils unglaublichen Verstrickungen auch hierzulande so manche Rechnung bezahlen. Einige Beispiele gefällig???
Im Oktober des Jahres gerät während des Nationalrats-Wahlkampfes der Kurz-Kandidat Efgani Dönmez in Verdacht, von den Saudis Geld erhalten zu haben, damit er gegen Katar, die Türkei und die Muslimbrüder Strimmung machen solle. In Chatprotokollen, die der österreichischen Tageszeitung “Die Presse” zugespielt wurden, war u.a. zu lesen: “Katar = bad, Türkei = bad, Saudis = good!” Der Beschuldigte streitet ab – es handle sich hierbei um einen sog. “Running Gag”, er habe keinen Cent aus Saudi Arabien erhalten. Die Sache wird umso brisanter, als Dönmez Mitglied im Verein “Europäische Bürgerinitiative gegen Extremismus” ist und diese Initiative “Stop extremism” (ECI) auch mitbegründete. Zudem klagt er an, dass die Erdogan-Partei AKP türkische Vereine in Österreich unterstützt.
Apropos: Schon vor sechs Jahren machten Meldungen die Runde, wonach Organisationen wie “Atib” (die “Türkisch-Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich”) bzw. “Ditib” (“Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.” in Deutschland) durch die AKP gesteuert und finanziert werden. Tatsächlich unterstehen sie dem “Diyanet”, dem Präsidium für religiöse Angelegenheiten in Ankara und sind alsdann ständige Gäste in den türkischen Botschaften in Wien und Berlin. Die angeschlossenen Gebetsstätten oder Moscheen erhalten alle fünf Jahre einen neuen Imam, der vorhergehende wird wieder in die Türkei zurückgeschickt. Auch die “Islamische Föderation” (Avusturya Islam Federasyonu) und das deutsche Pendant “Islamische Gemeinschaft Milli Görüs”, aber auch die “Union Islamischer Kulturzentren” (UIKZ) sind in einer Auflistung aus dem Jahre 2011 genannt. Die Betreuer werden in Koranschulen in der Türkei ausgebildet, die Führungsriege jeweils in der Türkei bestimmt. Als Vorfeld-Organisation der AKP wird häufig die “Union Europäisch-Türkischer Demokraten” (UETD) bezeichnet. Sie soll die Kontakte zu Unternehmern und Meinungsführern der türkischen Community pflegen. Dort wird dies freilich bestritten. Gerade im Falle der Türkei ist diese verdeckte Finanzierung mehr als dubios. So erhält das Land nach wie vor Gelder von der EU (Heranführungshilfe: 4,45 Milliarden Euro, Flüchtlingshilfe: 3 Milliarden Euro), lässt aber einiges davon auf eine derartige Weise wieder zurückfliessen um dadurch Politik in Europa zu betreiben. Nach dem Referendum dürfte nicht mehr die komplette Heranführungshilfe überwiesen werden, schliesslich geht es dabei u.a. um die Finanzierung von Reformen zur Stärkung der Demokratie (Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit etwa). Übrigens hat die Türkei im Jahre 1987 gemeinsam mit Marokko den Antrag auf Aufnahme in die EU gestellt. Überwies Brüssel seither auch die Heranführungshilfe der EU nach Ankara (wie eigentlich üblich!)?
Auch in den USA dürfte türkisches Geld geflossen sein. So berichtet die Lieblingszeitung von Präsident Trump, die New York Times, von Ermittlungen im Rahmen der Russlandaffäre. Die Firma des ehemaligen Sicherheitschefs Trumps, Michael Flynn, soll während des Wahlkampfes nicht weniger als 530.000 Dollar aus Istanbul überwiesen bekommen haben, um angeblich eine Kampagne gegen die Gegner der türkischen Regierung zu starten.
Daneben aber gibt es auch andere Organisationen, wie beispielsweise die “Föderation Islamischer Organisationen in Europa” (FIOE), eine Dachorganisation vieler nationaler Vereinigungen mit Sitz im britischen Markfield/Leicestershire. Sie wird der Muslimbrüderschaft zugerechnet. 1992 etwa war sie an der Gründung des “Institut Europeen des Sciences Humaines” im französischen Burgund beteiligt. In Deutschland 1996 am “Europäischen Rat für Fatwa und Forschung” sowie am “World Assembly of Muslim Youth” (WAMY) und dem “Forum of European Muslim Youth and Student Organizations” (FEMYSO). Über die FIOE erscheint das monatliche Magazin “Al-Europiya” auf Arabisch. Die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate hatte am 15. November 2014 eine Liste mit 83 Organisationen veröffentlicht, die möglicherweise dem arabischen Terrorismus zuzurechnen sind. Darunter war auch diese Organisation zu finden. Sie versuchte immer wieder, eine islamische Charta in Europa durchzusetzen. Im Jahre 2002 als “Charta für Europa”, 2006 als “Charta für die Muslime in Europa”, scheiterte allerdings stets damit. Der Finanzierung des Ganzen diente die 1996 eingerichtete Stiftung “European Trust”, aus welcher einerseits das jährliche Budget der FIOE in der Höhe von rund 400.000 Euro, andererseits jedoch auch Stipendien für islamische Bildungseinrichtungen beglichen wurden. Zwei Drittel der Spendengelder für diese Stiftung sollen aus der Golfregion stammen. 2004 erklärte sich der Trust als unabhängig, nachdem die britische Kommission für Hilfsorganisationen Ermittlungen aufgenommen hatte. Die FIOE ist in Deutschland durch die “Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.” und die “Muslim Studenten Vereinigung in Deutschland e.V.”, in Österreich durch die “Islamische Liga der Kultur” und in der Schweiz durch die “Ligue des Musulmans de Suisse” sowie in weiteren 24 europäischen Ländern vertreten.
Auch Saudi-Arabien mischt in diesem Konzert fleissig mit, wissen die Kritiker der Gründerin der liberalen Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee in Berlin, Seyran Ates. Ihr wurde ein Naheverhältnis mit der Hizmet-Bewegung (Gülen-Bewegung) nachgesagt. Diese hat sich jedoch offiziell von der selbsternannten Islam-Reformerin distanziert. Der Direktor für Europäische Studien am Forschungsinstitut SETA und Dozent an der Türkisch-Deutschen Universität Istanbul, Enes Bayrakli, verdächtigt sie nun, dass sie ebenso wie ihr österreichischer “Stop Extremism”-Mitstreiter von Saudi Arabien finanziert wird. So meint er:

“Das könnte beweisen, dass diese Leute in einer besonders schmutzigen Manier als Teil einer real präsenten Islamophobie-Industrie in Europa miteinander agieren. Das führt zur Stärkung von noch radikaleren salafistischen und wahhabitischen Strömungen!”

Soll heissen, dass durch den Kampf gegen Extremismus, verbunden mit verschärften gesetzlichen Massnahmen vorort (wie der “Maulkorb-Verordnung”), genau das Gegenteil erreicht werden soll: Die Stärkung radikaler Tendenzen bei gleichzeitiger Resignation der Gemässigten. Enes Bayrakli weiter:

“Für die Islamophobie-Industrie in Europa wird sehr viel Geld ausgegeben. Sie dient eindeutig einer politischen Agenda!”

Auch hier gibt es natürlich einen Bezug zu den USA. So soll der ehemalige Chefberater von US-Präsident Trump, Steve Bannon, durch einen recht ansehnlichen Betrag über eine Lobby-Firma dazu animiert worden sein, bei seinem Chef Katar schlecht zu reden. Das Geld dürfte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten geflossen sein. Hintergrund hierbei ist die politische Vormachtstellung im Nahen Osten. Die sich allerdings zudem religiös auswirkt – in die Sunniten (Golf-Region) einerseits und Schiiten (Iran bzw. Türkei) andererseits. Bestes Beispiel für diese Muskelspiele: Die Türkei unterstützte anno 2012 den ägyptischen Präsidenten Muhammed Mursi, der der Muslimbrüderschaft angehörte. Dessen Sturz führte 2013 General Abdel Fattah al-Sisi mit Hilfe Saudi Arabiens durch.
Selbstverständlich hätte auch der Iran Interesse an diesem Spiel der heimlichen Geldverschieber. Doch tat man sich hier aufgrund der Sanktionen zum Atomprogramm sehr schwer. Wurden in der westlichen Hemisphäre Geldflüsse aus Teheran nachgewiesen, musste jeder mit schärfsten Restriktionen rechnen. Deshalb orientierte man sich bevorzugt in Richtung Indien bzw. China. Erst jetzt, nachdem die Sanktionen nach und nach fallen, gewinnt auch der Toman (bisjer Rial) immer mehr an Bedeutung. So meinte etwa der iranische Notenbankchef Walliollah Sejf bei seinem Besuch 2009 in Wien:

“Der Euro ist unsere wichtigste Handelswährung, weil wir in US-Dollar nicht handeln.“

Wie nun derartige Geld-Transaktionen stattfinden, bezeichnen die Experten (neben den normalen Banküberweisungen) als “Hawala”! Sog. “Transporter” (Hawaladar) überbringen auf diese Art täglich weltweit bis zu vier Milliarden Dollar – ähnlich wie im gleichnamigen Hollywoodstreifen. Allerdings nicht wirklich alles tatsächlich im Geldkoffer. Viele sind vernetzt und erledigen die Auszahlungen über ihre Mittelsmänner. Will also jemand 4.000 Dollar an einen Verwandten in Damaskus überweisen, so bedient er sich eines Hawaladar. Diesem gibt er das Geld. Der ruft bei seinem Mittelsmann in Damaskus an, der die Auszahlung gegen ein Codewort vornimmt. Nun steht der erste Hawaladar in der Schuld des zweiten, was durch in anderer Richtung erfolgende Auszahlungen wieder getilgt wird. Da hierbei nichts nachvollzogen werden kann (weder vom Zoll, noch dem Finanzamt,…), wird diese Überweisung nicht nur durch Privatpersonen oder Vereinigungen, sondern auch von Drogenhändlern oder Terrororganisationen wie dem IS oder der al-Qaida verwendet. Dabei weiss der Bote die Höhe des Betrages und den Empfänger – mehr nicht. Empfangsbestätigungen oder Quittungen gibt es selbstverständlich keine. Der Transporter erhält einen gewissen Betrag pro Transaktion – erfolgt es über die zweite Art (also ohne Geldkoffer), so ist es meist günstiger als eine Überweisung durch die Western Union! Deshalb schicken auch Flüchtlinge einige wenige Dollar über diese Wege an ihre Verwandten in den Kriegsgebieten.
Die bislang grössten Hawala-Akteure hatten kriminelles Geld verschoben. Ein Inder, der bis zu 2 Milliarden pro Tag transferiert hat (für lateinamerikanische Drogenbosse oder auch der al-Qaida) wurde 2009 verhaftet. Ein pakistanischer Figaro verschob bis zu 4 Millionen Euro pro Tag zwischen der norditalienischen Mafia und afghanischen Drogenbossen. Er wurde 2006 hinter Gitter gebracht.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts nimmt auch der offizielle Investitionsfleiss aus islamischen Staaten ständig zu. Eine Studie der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS) bezifferte bereits 2005 das weltweite Investitionsvolumen aus islamischen Ländern mit nicht weniger als 500 Milliarden US-Dollar, bei jährlichen Wachstumsraten von geschätzten 12 bis 15 Prozent. Bis zu zwei Drittel werden dabei in Immobilien investiert. Die Gelder kommen ganz legal aus rasch wachsenden Islam-Fonds, weshalb hierbei von “Shariah-Kapital” gesprochen wird. Nur Projekte, die gegen die Schariah verstossen, dürfen nicht auf diese Art finanziert werden (Alkohol, Erotik, Wetten,…). Zinszahlungen sind zwar verboten, werden allerdings auf anderem Wege in die Verträge eingeflochten. Seit dem letzten Jahr ist alsdann Russlands Präsident Wladimir Putin am Shariah-Kapital interessiert. Er möchte es vornehmlich für Infrastrukturprojekte einsetzen. Dort ist man überzeugt – auch wenn es nicht ganz den Gesetzen und dem Bankenwesen von Russland entspricht – dass man durchaus einen Teil des 2,5 Billionen Euro schweren Kuchens des islamischen Bankenwesens abbekommen kann. Kuwait beispielsweise soll angeblich schon recht spendabel Olmillionen in die russische Wirtschaft stopfen.
Sollte dies tatsächlich der Wahrheit entsprechen, dass in Europa auf den Köpfen von vielen unbescholtenen Moslems die Vormachtstellung im Nahen Osten ausgefochten wird, u.a. auch durch die verdeckte Finanzierung von offiziellen und nicht offiziellen Vereinigungen, so sollten wir uns alle – egal ob Christen oder Moslems – hierüber Gedanken machen. Schliesslich sind die derzeitigen Profiteure hierzulande auf gar keinen Fall als harmlos zu bezeichnen. Sie schüren ständig das Feuer mit der Angst vor dem radikalen Islam (in Österreich etwa fürchten sich nach einer Studie 73 % der Befragten davor), um dadurch selbst an die Macht zu gelangen. So spricht der an der Universität Salzburg tätige Politikwissenschaftler Farid Hafez von einem “wunderbaren dialektischen Prozess”, schliesslich brauche die Pegida den IS bzw. die al-Qaida – allerdings auch umgekehrt! Franz Wolf, der Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds formulierte es in einem Interview mit der Tageszeitung “Die Presse” im März des Jahres in etwa so, dass die Meinungsbildner, die sich in der öffentlichen Diskussion zu Wort melden, sehr häufig von extremen Rändern islamischer Strömungen kommen. Viele Moslems hierzulande können und wollen sich damit gar nicht identifizieren (siehe hierzu auch die Aussagen des deutschen Grünen-Chefs Cem Özdemir). Betrachtet man nun die Flüchtlingsproblematik vor diesem Hintergrund, so erhält sie eine komplett andere Dynamik!
Um den Kreis wieder zu schliessen: Saudi Aramco besitzt nach Angaben von Prinz Mohammed Bin Salman einen Wert von zwei Billionen Dollar. Beim Börsengang geht es nur um rund 5% der Anteile. Der Gewinn soll zu grossen Teilen in Westeuropa angelegt werden. So meinte auch der saudische Botschafter in Deutschland, Awwad Alawwad, ganz offiziell gegenüber der Zeitung “Die Welt”:

„Derzeit sondieren wir den deutschen Markt nach interessanten Anlagemöglichkeiten.“

Als Vorbild agieren dabei die inzwischen verfeindeten Scheichs aus Katar! Egal ob Grosskonzern oder Hidden Champion: Die Dividende muss passen, dann fliesst der Erdöl-Dollar! Durch derartige Beteiligungen soll die saudische Wirtschaft unabhängiger vom Erdöl und damit fit für eine Zukunft ohne fossile Treibstoffe gemacht werden. In den Mitfahrdienst Uber wurden beispielsweise satte 3,5 Milliarden Dollar gesteckt. Shopping auf höchstem Niveau!!!

Lesetipps:

.) Missverständnis Orient. Die islamische Kultur und Europa; Georges Corm; Rotpunktverlag 2004
.) Europäische Literatur und islamische Herausforderung. Kampf um Europa; Dirk Hoeges; machiavelli-edition 2017
.) Der Islam in Österreich und in Europa: Die Integration und Beteiligung der Muslime und Musliminnen in der Gesellschaft; Wolfgang Benedek/Kamel Mahmoud (Hrsg.), Universitätsverlag Graz 2011
.) Muslime im Rechtsstaat; Thorsten Gerald Schneiders u.a. (Hrsg.); Lit-Verlag 2005
.) Handbuch der Religionen. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland; Michael Klِcker/Udo Tworuschka (Hrsg.); Loseblattwerk seit 1997
.) Muslime in Europa: Westlicher Staat und islamische Identität; Florian Remien; EB-Verlag 2007
.) Muslim Europe or Euro-Islam: Politics, Culture, and Citizenship in the Age of Globalization; AlSayyad Nezar; Lexington Books 2002
.) Orientalism; Edward Said; Penguin Modern Classics 2003

Links:

- www.atib.at
- www.ditip.de
- https://ifwien.at
- www.igmg.org
- www.uikz.org
- www.uetd.at
- de.financialislam.com
- derislam.at
- de.qantara.de
- www.schulamt.derislam.at
- www.islamportal.at/
- www.bpb.de
- www.eu-infothek.com
- www.stopextremism.eu

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Die spinnen, die Spanier

Die Amerikaner haben’s gemacht, die Brasilianer ebenso. Die Slowenen, die Georgier, Indien, die Schotten, … – ich denke, hier alle aufzählen zu wollen, die es getan haben, wäre wohl eine Lebensaufgabe. Einfacher wäre es sicherlich, jene aufzulisten, die es nicht versucht haben! Ich weiss nun leider nicht, an was Sie derzeit wohl denken müssen. Ich für meinen Teil denke an die Unabhängigkeitsbewegung, die Separatisten, die Sezession oder wie auch immer Sie das bezeichnen möchten. Der aktuelle Fall der Katalanen lässt wohl viele ungläubig den Kopf schütteln. Am 27. Oktober des Jahres hat das Regierungsbündnis unter Regionalpräsidenten Carles Puigdemont den Antrag für die Abspaltung Kataloniens von Spanien und zur Gründung einer “katalanischen Republik als unabhängigen und souveränen Staat” im Regionalparlament eingebracht. Er wurde mehrheitlich mit 70 zu 10 Stimmen (2 Enthaltungen) angenommen, nachdem sehr viele Abgeordnete der Opposition den Saal vor der Abstimmung verlassen haben. Klar – das Regierungsbündnis hätte auch so die Mehrheit gehabt – doch wieso verliessen die anderen Politiker den Saal, nachdem die Wahl geheim war??? Eine derartige Abstimmung ist – ebenso wie die zuvor erfolgte Volksbefragung – nach spanischem Recht illegal. Kommt es nun – ein Vierteljahrhundert nach den Balkankriegen – zu den iberischen Kriegen? Nachdem Madrid die Regierung abgesetzt und Neuwahlen für Dezember ausgeschrieben hat, rief Puigdemont zu friedlichem Widerstand auf. Wie paradox: Legte doch die baskische Separatisten-Organisation ETA bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist, erst im April des Jahres die Waffen nieder, nachdem sie 2011 einen “dauerhaften Waffenstillstand” ausgerufen hatte. Nach fast 50 Jahren des erfolglosen, dafür aber umso tragischeren Terrors für die Unabhängigkeit des Baskenlandes! Mehr als 830 fielen dem zum Opfer. Ein Referendum wurde 2008 im Baskenland durch den Verfassungsgerichtshof abgelehnt – ebenso übrigens wie 2014 in Katalonien! Obelix hätte durchaus recht mit den Worten: Die spinnen, die Spanier!

http://www.spiegel.de/video/katalonien-puigdemont-in-bruessel-separatisten-am-ende-video-1810531.html

Stellen Sie sich mal vor, Bayern würde einen solchen Schritt wagen! Trotz der Diskrepanzen zwischen Angela Merkel (CDU) und ihrem christlich-sozialen Widerpart Horst Seehofer in München würde wohl niemand Zeit für einen solchen “Schmarr’n” verschwenden. Na ja mit Ausnahme der Bayernpartei und des ehemaligen Intimus von Franz Josef Strauss, Wilfried Scharnagl, Nicht mal mehr die Alternative fD hat dies noch erwähnt, seitdem sie nun dank der Protestwähler beheizte Sitze im Berliner Reichstag ergattert hat. Oder das westlichste Bundesland Österreichs: Vorarlberg. Gehört es doch nicht wie der Rest Österreichs zur bayrischen Sprachgruppe, sondern zur alemannischen und wird zudem durch ein Bergmassiv von den anderen Bundesländern getrennt! Oder Bern bekäme Probleme mit dem Tessin! Ähm – nö – das ist etwas anderes!!! Verantwortlich ist dafür – wie eigentlich ohnedies immer – der schnöde Mammon! Die Katalanen wollen als recht gut bestückte Wirtschaftsregion nicht andere, ärmere Regionen Spaniens mitfinanzieren und für den Schuldenhaufen der Zentralregierung aufkommen. Angeblich soll die Region bis zu 12 Milliarden Euro mehr nach Madrid jährlich überweisen, als sie wieder als Zuwendung zurückbekommt. Ähnlich läge der Fall ja auch bei Bayern und Vorarlberg, während das Tessin sich selbst überlassen höchstwahrscheinlich scheitern würde.
Europa rückt immer näher zusammen und hat davon immense Vorteile. Klarerweise bestehen auch Nachteile, an welchen sachlich produktiv gearbeitet werden sollte. Wenn nun einige vornehmlich rechte Politiker wie der Ungar Viktor Orban wieder zurück in die Eigenstaatlichkeit wollen, sollen sie sich den Zinober anschauen, der derzeit in Grossbritannien herrscht: Grenzen werden wieder aufgebaut, die Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit wird faktisch abgeschafft, hunderttausende Jobs gehen verloren, weil sich die Unternehmen andere Europaniederlassungen suchen, die Inflation greift um sich – das Land verliert immens an wirtschaftlicher Schlagkraft und Bedeutung. Ok – Ungarn gehört ebenso wie Grossbritannien nicht der Eurozone an. Doch versuchen auch die Ukraine und Serbien den Eintritt in die EU! Stellt sich Orban eine Insel der Seligen mit Vorbild Schweiz vor, so vergisst er dabei die Macht des Geldes. Schliesslich bekommt so mancher Finanzexperte einen Lachanfall, wenn er die beiden Bankensysteme bzw. den Forinth mit dem Franken vergleichen solle. Und viele der Landsleute Orbans müssten wieder zurück in den ungarischen Arbeitsmarkt. Aber sei’s drum!
Ein Europa der Regionen ist eine hehre Vorstellung, doch wird sie aufgrund der unterschiedlichen Nationalstaaten und ihrer Kompetenzen nicht umzusetzen sein. Die Europaregion Tirol-Trentino lebt es vor: Es ist durchaus machbar, im kleineren Massstab intensiv zusammenzuarbeiten. Doch sind die Mitglieder der Region nach wie vor auf Italien und Österreich angewiesen. Auch Südtirol alleine wäre wohl nicht überlebensfähig. Das ist dort auch bekannt, deshalb erkämpfte man sich die Autonomie, nicht die Unabhängigkeit eines souveränen Staates. Und dies sorgt dafür, dass 90 % der Landeseinnahmen auch dort bleiben, wo sie eingenommen wurden. Anders als in der Lombardei oder beispielsweise Venetien, die 70 % abgeben müssen! Allerdings fühlen sich die Südtiroler auch nicht unbedingt irgendwo zugehörig – wie es der wohl bekannteste Einwohner, Reinhold Messner, 2011 gegenüber der Zeitung “Die Welt” betonte:

“Ich bin kein Deutscher, kein Österreicher, kein Italiener – sondern ich bin Südtiroler. Eventuell noch Tiroler!”

Na – der Gastwirt Andreas Hofer wäre begeistert von seinem Landsmann, dem Burgbesitzer!!!
Etwas diffiziler gestaltet sich die Situation bei den Schotten. Sie votierten vor der Brexit-Abstimmung für Grossbritannien, wollen aber nicht aus der EU raus. Ausser über den Seeweg besteht hier allerdings keine direkte Verbindung mit der EU – alles müsste durch England hindurch kutschiert werden. Zolltechnisch eigentlich wie beim Vorbild Schweiz relativ einfach, wenn auch bürokratisch umständlich. Somit also durchaus interessant, wie sich dort die Lage entwickeln wird: Neuerliche Volksabstimmung oder wie in Katalonien ein parlamentarischer Beschluss???!!!
Wohl am meisten unter all dem haben die Katalanen selbst zu leiden. Schliesslich wollen viele von ihnen unabhängig werden – wie das Ganze aber danach aussieht, darüber machen sich wohl die wenigsten Gedanken. Spanien ist eine parlamentarische Erbmonarchie mit dem Regierungssystem einer parlamentarischen Demokratie, die sich in insgesamt 17 autonome Gemeinschaften aufteilt. Katalonien ist nach Andalusien noch vor Madrid die zweitgrösste. Ein unabhängiger Staat Katalonien würde jedoch weder von der EU, noch von Deutschland und schon gar nicht von Mr. Trump anerkannt, der höchstwahrscheinlich selbst schon ein Krisenmanagement eingesetzt hat, das dann über die Massnahmen entscheidet, wenn demokratisch-dominierte Bundesstaaten oder das nach der Naturkatastrophe so schändlichst vernachlässigte Puerto Rico den Aufstand proben. Niemand will ein Europa der Klein- und Kleinststaaten, da ein europäischer Gedanke dann weitaus schwerer umzusetzen ist. So müssten etwa viel mehr dieser Kleinstaaten auf europäischer Ebene gestützt werden (was bislang national geschah), da sie eigenständig wirtschaftlich nicht lange Bestand hätten.
Klar – 2010 hätte das Autonomiestatut Kataloniens nicht de facto gestrichen werden sollen. Damit gossen die Konservativen in Madrid nur Feuer in die Flammen. Und der brutale Polizeieinsatz im Umfeld des Referendums liess bisherige Zweifler ihren regionalen Nationalstolz aus dem Kleiderschrank holen. Auch wenn im Dezember nun Neuwahlen stattfinden, bei welchen der bisherige Regionalpräsident ebenfalls antreten darf (sofern die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen ihn fallengelassen wird), wird auch weiterhin eine ganze Region am Brodeln sein. Dafür sorgen schon jene, die – wie etwa Carme Forcadell Lluís (die Ex-Regionalparlamentsvorsitzende) – lautstark die Loslösung von Madrid fordern. Dafür haben sie allesamt zu hart gekämpft. Würde sich möglicherweise Puigdemont noch gesprächsbereit zeigen um damit eine Eskalation zu verhindern, Frau Forcadell ist es schon längst nicht mehr.
Mit dem Artikel 155 hat Spaniens konservativer Ministerpräsident Mariano Rajoy nun den grossen Knüppel aus dem Sack geholt. Dieser Artikel besagt, dass sich – sollte eine der 17 Regionen die “allgemeinen Interessen Spaniens” schwerwiegend verletzen oder sich von der Verpflichtung gegenüber der Verfassung und anderen Gesetzen entziehen – die Zentralregierung mit Unterstützung des Senats einschalten darf. Die Regionalregierung wird alsdann abgesetzt, Neuwahlen ausgeschrieben und die regionale Polizei der Bundespolizei unterstellt. Dies ist inzwischen alles geschehen und führt zu weiterem Groll in der Region. Der Artikel übrigens wurde im Jahr 1978 in die Verfassung aufgenommen, jedoch bislang noch nie umgesetzt – nicht mal im blutigen Konflikt mit den Basken. Auch im deutschen Grundgesetz schafft der Artikel 37 der Regierung in Berlin die Möglichkeit eines solchem Eingreifens unter ähnlichen Voraussetzungen wie derzeit in Spanien. Hinzu kommt mit dem § 81 StGB der Straftatbestand des “Hochverrates gegen den Bund” – deshalb hat nun auch die spanische Generalstaatsanwaltschaft Anklage wegen Rebellion erhoben. Die Verhaftung der Ex-Minister und der Haftbefehl gegen Puigdemont allerdings lassen tausende Menschen auf die Strasse gehen – nurmehr eine Frage der Zeit, wann die ersten Ausschreitungen losgetreten werden.
Bleibt die Hoffnung auf eine friedliche Beilegung der Streitereien. Schliesslich würde sich eine derartige Sezession wie ein Lauffeuer durch Europa ziehen und sicherlich nicht überall unblutig vonstatten gehen: Donezk in der Ukraine, Aland in Finnland, die Bretagne und Korsika in Frankreich, die Faröer in Dänemark, Flandern in Belgien, Padanien und Sardinien in Italien und nicht zuletzt das Baskenland und Galicien erneut in Spanien. Die Liste liesse sich noch nahezu endlos fortsetzen. Wären so viele Schrumpfstaaten wirklich sinnvoll?
Haben Minderheiten überhaupt das Recht auf einen souveränen Staat? Eine durchaus heiss umstrittene Frage beispielsweise im Völkerrecht. Die eine Hälfte der Experten meint “Nein” und bezieht sich dabei auf das Integritätsinteresse bestehender Staatsverbände. Auch wenn die Menschenrechtscharta der UNO hier gewisse Möglichkeiten einräumt, so bedarf es einer Mehrheit in der Vollversammlung oder einer Entscheidung bei den ständigen Vertretern des Sicherheitsrates, damit ein solcher neuer Staat als Mitglied in die UNO aufgenommen wird. Gerade zweiteres kann alsdann sofort ausgeschlossen werden.

https://www.youtube.com/watch?v=xGDNW38XCVM

Weshalb nun ein grosser Aufschrei durch die Massen geht, dass Madrid dermassen stur und rabiat vorgeht, ist dennoch verwunderlich. Schliesslich gab es auch in Deutschland vor noch gar nicht allzu langer Zeit einen Antrag der Bayernpartei auf Zulassung einer Volksabstimmung im Freistaat zum Austritt aus der Bundesrepublik. Der Bundesverfassungsgerichtshof wies jedoch im Dezember 2016 diesen Antrag zurück. Die Länder könnten nicht das Grundgesetz so weit biegen, wie sie es bräuchten. Ähnlich auch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA. 1869 lehnte dieses den Austritt von Texas aus dem Staatenbündnis ab, da der Bundesstaat seit seinem Beitritt stets Mitglied der USA war und sein wird, auch wenn dieser damals auf Seiten der Konföderierten im Bürgerkrieg kämpfte. Apropos: Dies ist alsdann der bekannteste Fall einer versuchten Abspaltung. Die Südstaaten der USA gründeten 1860/61 die Konförderierten Staaten (CSA) und erklärten ihre Unabhängigkeit gegenüber den anderen Staaten, die u.a. die Sklaverei abschaffen wollten. Dies endete leider im Sezessions- oder Bürgerkrieg und brachte viel Blut und Leid. Ähnliche brutale Kriege bzw. Bürgerkriege – grossteils jedoch bereits vergessen – gab es in Europa, die hingegen erfolgreich verliefen:
- Die Niederlande gegen die Habsburger (1648 Anerkennung der Selbständigkeit im Westfälischen Frieden)
- Griechenland gegen das Osmanische Reich (1829 wurde Griechenland unabhängig)
- Belgien gegen die Niederlande (Belgien wurde 1830 unabhängig)
- Finnland gegen die Sowjetunion (erst nach dem Winterkrieg 1939/49 und dem Fortsetzungskrieg 1941 wurde Finnland unabhängig)
- Irland gegen Grossbritannien (1937 wurde die Republik Irland gegründet)
- Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina gegen Serbien – erst das Dayton-Abkommen beendete 1995 das Töten auf dem Balkan
- Zerfall der Sowjetunion – bezieht man den Krieg in der Ukraine mit ein, so finden nach wie vor bewaffnete Auseinandersetzungen statt; davor gab es etwa den Bergkarabach-Konflikt, der Georgisch-Abchasische Krieg oder auch die beiden Tschetschenienkriege neben vielen anderen mehr
Politisch und somit unblutig endete hingegen die Loslösung Norwegens in der Union mit Schweden. Nachdem die norwegische Regierung geschlossen zurückgetreten war und der schwedische König Oskar II. keinen Ersatz fand, musste er einer Volksabstimmung zustimmen. 1905 votierten nur 184 Norweger gegen die Loslösung von Schweden (Vertrag von Karlstad). 1992 trennten sich Tschechien und die Slowakei politisch. Auch die Lösung Mazedoniens (1995) und Montenegros (2006) von Serbien geschah friedlich – allerdings unter dem Eindruck der vorhergehenden Balkankriege.

“Siege und Staatsumwälzungen gehen aus dem unendlichen Planen der Vorsehung hervor. Wir dürfen uns nicht länger dawider sträuben.”
(Andreas Hofer, Tiroler Freiheitskämpfer)

Es gärt an allen Ecken und Enden dieses Planeten. Anstatt Probleme gemeinsam anzupacken und friedlich miteinander zu lösen wollen immer mehr machtgeile Populisten die Unabhängigkeit. Was dann mit dem Volk geschieht, ist ihnen dabei vollkommen gleichgültig. In Kirgisistan etwa stieg die Armut 1993 auf über 75 %, im Südsudan tobt seit 2013 ein mehr als blutiger Bürgerkrieg – zwei Jahre zuvor erfolgte die Abspaltung vom Sudan. Im Pulverfass Süd-Ossetien liegt das Produktionsniveau heute weit unter jenem von 1989, als es noch Bestandteil Georgiens und somit der Sowjetunion war. Die Demokratische Arabische Republik Sahara wurde 1976 durch die Frente Polisario ausgerufen. Beansprucht wird das Gebiet eigentlich von Marokko. Statistisch gesehen leben hier 1,91 Menschen auf einem Quadratkilometer! Mit Ausnahme der Küste gibt es hier hauptsächlich eines: Sand!!!
Die Europäische Union ist eine vertragliche Vereinigung der unterzeichnenden Nationalstaaten. Würde sich nun Katalonien von Spanien, Venetien von Italien, Schottland von Grossbritannien, Flandern von Belgien, Ostfriesland von Deutschland und die südsteirische Weinstrasse von Österreich usw. abspalten, so entstehen dadurch neue Staaten, die nicht automatisch Bestandteil der Union sind. Sie müssten um ihre Aufnahme ansuchen. Diese Überlegung liess schliesslich auch die Schotten damals für Grossbritannien voten. Doch wer weiss, ob ein neuer souveräner Staat bis zu seinem Beitrittszeitpunkt, also bis zu dem Zeitpunkt, ab dem er auch EU-Gelder bekommt, überhaupt überlebt. Wie es zudem mit der vertraglichen Ratifizierung der Mitgliedschaft durch den vorhergehenden Nationalstaat ausschaut, kann sich wohl jeder selbst denken. Und es geht noch weiter: In Katalonien beispielsweise sind bis zu 4.000 multinationale Konzerne ansässig. Was würde hier wohl geschehen, wenn Katalonien plötzlich nicht mehr der EU angehört? Ein Worst Case wie im United Kingdom???

Lesetipps:

.) Katalonien: Der diskrete Charme der kleinen Staaten; Tilbert Stegmann/Martí Sancliment-Solé (Hrsg.); Lit Verlag 2014
.) Kleine Geschichte Kataloniens; Carlos Collado Seidel; C.H.Beck 2007
.) Gebrauchsanweisung für Katalonien; Michael Ebmeyer; Piper 2007
.) Unabhängigkeit!; Marc Engelhardt (Hrsg.); Verlag Christoph Links 2015
.) A Theory of Secession. The Case for Political Self-Determination; Christopher Heath Wellman; University Press 2005
.) Völkerrecht; Wolfgang Graf Vitzthum; De Gruyter Verlag 2007
.) Völkerrecht; Theodor Schweisfurth; UTB GmbH. 2006
.) Towards a Basque State. Territory and socioeconomics; I. Antiguedad u. a.; UEU 2012
.) Geteilte Erinnerung. Die deutsch-tschechischen Beziehungen und die sudetendeutsche Vergangenheit; Samuel Salzborn; Peter Lang GmbH. 2008
.) Sezession und Demokratie: eine philosophische Untersuchung; Frank Dietrich; De Gruyter Verlag 2010
.) Postsowjetischer Separatismus: Die pro-russländischen Bewegungen im moldauischen Dnjestr-Tal und auf der Krim 1989-1995; Jan Zofka; Wallstein 2015

Links:

- www.eurotopics.net/de
- landesverband.bayernpartei.de
- www.bundesverfassungsgericht.de
- www.nrscotland.gov.uk
- www.basquecountry.eus
- russland.news

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Wo ist er denn, der Herr Doktor???

Herbstzeit ist Schnupfenzeit! Ist so, war schon immer so! Steigert sich jedoch der Schnupfen zu einer starken Erkältung oder einem grippalen Infekt, so sollte auf jeden Fall der Hausarzt aufgesucht werden, da die Folgeerscheinungen einer solchen nicht behandelten Krankheit (etwa Lungenentzündung, …) in der Tat sehr unschön sind. Und stolpert man dann wie im Traum, mit Kopf- und Gliederschmerzen, Husten, verstopfter Nase samt Nebenhöhlen in das Wartezimmer der Ordination, so hat es sich schon so mancher überlegt und ist wieder nach Hause oder zur Arbeit gefahren. Zeitweise gibt es nicht mal mehr einen Sitzplatz, für eine fünf minütige Untersuchung müssen schon mal Wartezeiten von 1 1/2 bis 2 Stunden in Kauf genommen werden. Nachdem die “Frau im Spiegel” aus dem Jahre 2004 komplett durchgelesen und der Onkel Doktor endlich Hand aufgelegt hat, hält man beim Verlassen der Praxis ein Rezept für Medikamente in der Hand, die es auch rezeptfrei in der Apotheke gegeben hätte. Doch wäre die Wartezeit wesentlich kürzer gekommen!
Stellt sich nun die Frage: Weshalb? Denn – einen Ärztemangel gibt es weder in Deutschland noch in Österreich! Im Jahre 2015 waren zwischen Emden und Freilassing rund 370.000 Mediziner berufstätig gemeldet, 1990 hingegen nur 240.000. Auch in Österreich kommen auf 1.000 Einwohner laut einer OECD-Studie nicht weniger als 4,9 Ärzte – ein Topwert für Europa. Nur Griechenland hatte vor dem Finanz-Kollaps mehr – die aber sind inzwischen nach Deutschland umgesiedelt! Also muss wohl ein anderer Grund dahinterstecken. Und ich werde Ihnen jetzt im Anschluss gleich mal drei sehr schwergewichtige Gründe nennen.
.) Die Patienten haben sich geändert. Wurde in früheren Zeiten so einiges nicht wirklich ernst genommen, so kursiert nun die grosse Angst – nicht zuletzt auch durch Dr. Google, da viele lesen können, was das Unwohlsein tatsächlich sein könnte: Eine schwere und möglicherweise gar tödliche Erkrankung! Eine Untersuchung aus dem Jahre 2015 zeigt auf, dass jeder deutsche Bundesbürger pro Jahr rund 19 mal den Arzt besucht, in Österreich sind es 6,9 statistische Male. Auch ich war 2017 ganze viermal beim Hausarzt. Dreimal davon habe ich auf der Schwelle zum Wartezimmer wieder kehrt gemacht. Der Grund: Zu viele vor mir! Ich wollte nur die Kombinationsimpfung haben. Für ein Prozedere, das innerhalb von nur zwei Minuten erledigt ist und ich oben drauf noch selbst bezahlen muss (in diesem Sinne ein Privatpatient!), dermassen lange zu warten, ist nicht unbedingt das Meine. Tatsächlich bewirkt der demographische Wandel, dass die Menschen immer älter werden – trotz der Krankheiten. Doch gehören gerade ältere Menschen zu den bevorzugten Risikogruppen für Bazillen und Viren. Soll heissen, dass sie sozusagen die Krankheiten mit in’s Alter nehmen. Bestes Beispiel: Die Lungenentzündung! Heute relativ leicht zu behandeln – früher sind viele daran gestorben. Die Krankheitsbilder haben zudem zugenommen. Die sog. “Zivilisationskrankheiten” werden immer mehr, hinzu kommen viele psychische Erkrankungen wie Burn out oder Depression, bei welchen auch der Hausarzt die erste Anlaufstelle darstellt. Und schliesslich wurden die Krankheitsfälle einerseits durch Antibiotikaresistenzen, andererseits durch die Globalisierung wesentlich gefährlicher und mannigfaltiger, sodass – um es krass auszudrücken – bei einer Erkältung nach einem Ägyptenurlaub schon beinahe der Seuchenmediziner herbeigezogen werden muss.
.) Auch Ärzte sind Menschen und möchten im Rahmen einer funktionierenden Work-Life-Balance einen Feierabend geniessen und nicht noch Wochenends-, Nacht- oder Notfalldienst schieben müssen. Selbstverständlich sei ihnen dies auch eingestanden, schliesslich haben die meisten unter ihnen ebenfalls eine Familie. Doch ist das ein schwerwiegender Grund dafür, dass sich die Dichte an Allgemeinmedizinern am Land desaströs nach unten verringert. Da haben es die Kollegen/-innen in der Stadt wesentlich besser: Fixe Ordinationszeiten, für alle Notfälle sind die Notfall-Ambulanzen der Krankenhäuser zuständig. Entsprechend hoch ist auch die Ärztedichte in den deutschen Stadtstaaten: In Hamburg betreut ein Arzt 143 Patienten, in Bremen 169 und in Berlin 173. Im Vergleich: Bayern 212, Sachsen 243 (Alle Zahlen aus 2015)! Nach einer Richtlinie aus 2013 soll ein Hausarzt in Deutschland nicht weniger als 1671 Einwohner versorgen – in Österreich war es im selben Jahr ein Verhältnis von 1:2.200! Alsdann auch hier: Die meisten Praxen finden sich in den Städten!
.) Und schliesslich ist das Kassensystem selbst verantwortlich dafür, dass es immer weniger Kassenärzte gibt. Die Medizin wird hier zum schlecht bezahlten Fliessband-Job: 70 Patienten in sechs Stunden sind keine Seltenheit. Viele Ärzte finden nicht mal mehr die Zeit, Krankengeschichten zu lauschen. Der Patient wird zum Durchlaufposten, der möglichst schnell wieder aus dem Untersuchungszimmer raus muss, damit das Stunden-Soll erfüllt wird. Ansonsten muss der Laden dicht gemacht werden. Hinzu kommt der unheimliche bürokratische Aufwand. Da haben es die Kollegen/-innen aus der privaten Zunft schon besser: Sie vereinbaren Termine und sind zu Feierabend fertig, während bei den Kassenärzten noch das Wartezimmer leergeräumt werden muss. Den Aufwand mit der Kasse hat dabei der Patient, nicht der Arzt. Keine Bereitschaftsdienste, die Wochenenden frei. Da treten dann durchaus unmögliche Situationen auf. Etwa in einer kleinen Tiroler Tourismusgemeinde, die über drei Ärzte verfügt: Ein Kassen- und zwei Wahlärzte. Der Kassenarzt steht kurz vor seinem wohlverdienten Ruhestand – doch will niemand seine Ordination übernehmen. Auch die beiden Privaten wollen lieber Wahlarzt bleiben! Ein durchaus ernstzunehmendes Problem vor allem für die österreichischen Bundeshauptstadt: Die Zahl der Wahlärzte nimmt zu, während jene der Kassenärzte kontinuierlich zurückgeht. Mehr als 2.800 Wahlärzte sind gemeldet (ein Plus von 340 gegenüber 2010), allerdings ging die Anzahl der Kassenärzte im selben Zeitraum auf 1.577 zurück – ein Minus von rund 90 Ärzten! In der Ärztekammer werden hier zudem die sog. “paramedizinischen Behandlungen” in’s Spiel gebracht. Homöopathie und Akupunktur beispielsweise übernehmen die Kassen mehr als ungern (wenn überhaupt), trotzdem verkaufen sie sich gerade im Alpenstaat sehr gut, da die Therapie bei vielen tatsächlich wirkt.
Bedenkt man, dass in Deutschland bis 2020 nicht weniger als 50.000 Mediziner in den Ruhestand wechseln werden, in Österreich bis 2030 gar dreiviertel aller, stehen wir durchaus vor einem Denksport-Projekt.
Da fällt mir noch ein weiterer Grund ein: Der Allgemeinmediziner ist ein hoch angesehener Arzt. Schliesslich muss er in allen Bereichen der Medizin relativ sattelfest sein. Die Überweisung an den Facharzt oder an das Krankenhaus ist für die meisten die letzte Möglichkeit, wenn sie nicht mehr selbst weiter wissen oder helfen können. Und da schlägt Schildburga beispielsweise in Hessen zu: Hier muss der Allgemeinmediziner vor der Einweisung des Patienten wissen, welches Krankenhaus über Behindertentoiletten verfügt oder ob eine ambulante Behandlung machbar und wenn ja wo zielführender wäre. Schliesslich kostet jedes belegte Krankenhausbett Geld! Und bei den Fachärzten verhält es sich wie bei den Privatärzten: Fixe Arbeitszeiten, die manchen sogar noch Operationen in Krankenhäusern erlauben.
Ganz allgemein entspricht es der Tatsache, dass das Gros der Medizinstudenten eine Anstellung in Krankenhäuern oder Gemeinschaftspraxen einer eigenen niedergelassenen Praxis vorziehen. Besonders schlimm ist derzeit die Situation in Nord-Rhein-Westfalen. Hier sind nach Stand September des Jahres nicht weniger als 660 Hausarztsitze unbesetzt – nahezu alle am Land. 2016 wechselten dort 357 in den Ruhestand, allerdings erhielten nur 219 Mediziner die Anerkennung zum “Allgemeinmediziner” (nach dem Medizinstudium noch die fünfjährige Facharzt-Ausbildung zum Allgemeinmediziner). Hier einigte sich die Regierung aus CDU/FDP, dass künftig zehn Prozent der Studienplätze an Bewerber vergeben werden sollen, die sich nach Ihrer Ausbildung für einige Jahre dazu verpflichten, eine solche Landarzt-Praxis zu führen. Diese Landarzt-Quote wird auch in den Bundesländern Bayern und Niedersachsen – aber auch in Südtirol geplant. Bayern fördert zudem Haus- und Fachärzte sowie Psychotherapeuten und vergibt an jene Medizinstudenten Stipendien, die sich bereit erklären, auf dem Land tätig zu werden. Seit 2012 seien auf diese Weise nicht weniger als 27 Mio in die medizinische Zukunft des Freistaates investiert worden. Eine dringende Massnahme, schliesslich sperrt im Schnitt jede Woche eine Hausarztpraxis im Lande Fredl Fesels zu. Stipendien zahlt auch die Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) an Studenten bundesweit aus, die sich nach dem Studium zu einem Umzug nach Sachsen-Anhalt verpflichten.
Eine weitere, schwergewichtige Hürde sollte allerdings nicht ausser Acht gelassen werden: Nicht wenige Spezialisten sehen einen Grund für die medizinische Landflucht v.a. in der Ausbildung: Viele frisch von der Uni abgegangenen Ärzte trauen sich schlichtweg die medizinische und finanzielle Verantwortung nicht zu!
Eine Möglichkeit, mehr Mediziner zu erhalten, wäre sicherlich die Abschaffung des Numerus Clausus, wie es derzeit in Deutschland diskutiert wird (Grundrecht auf freie Berufswahl Art. 12 GG, Absatz 1). Auch mit einer Abi-Note von 1.0 ist es schwer, einen Studienplatz zu ergattern. Schliesslich gibt diese Zensur keinerlei Auskunft darüber, ob aus dem Vorzugsschüler der Oberstufe auch wirklich ein guter Arzt wird. Unbestritten ist, dass Medizin v.a. ein Lernfach ist, also wäre die Schulnote durchaus ein wichtiges Kriterium! Zudem hat die Vergangenheit aufgezeigt, dass ausgezeichnete Schüler weniger häufig das anschliessende Studium abbrechen. Ist also eine solche NC-Streichung wirklich zielführend? Schliesslich melden sich trotz NC auf jeden Ausbildungsplatz mindestens 10 Bewerber! Die Deutsche Bundesärztekammer fordert deshalb seit einigen Jahren mehr Ausbildungsplätze (mindestens 1.000 bei jährlichen Kosten von 300 Mio €), die nach einem einheitlichen Assessment-Center besetzt werden sollen. Bislang wanderten viele Abiturienten in Richtung Österreich ab (“NC-Flüchtlinge”). Aufgrund der hohen Zahl der Interessierten wurden dort Aufnahmetests eingerichtet. Doch wird auch im Alpenstaat inzwischen heftigst diskutiert: Viele geniessen zwar dort die Ausbildung, doch sind sie kurz nach Studienende wieder verschwunden um in Deutschland zu arbeiten (auch Österreicher). In der Steiermark geht Gesundheitslandesrat Christopher Drexler (ÖVP) einen sehr paradoxen Weg: Er bezahlt Medizinstudenten an Privatuniversitäten ein Stipendium, wenn sie sich verpflichten, nach Studienabschluss noch einige Jahre im steirischen Spitalsdienst zu bleiben. Ein Zeichen des Versagens der Bildungspolitik? Was bleibt ist der schale Nachgeschmack, dass die Deutschen den Österreichern die Studienplätze wegnehmen und die Situation zwischen Boden- und Neusiedlersee noch tragischer machen. Schon seit geraumer Zeit warnen die Gesundheitsspezialisten vor dem Zusammenbruch des Systems, da sehr viele der praktischen Ärzte in der Alpenrepublik demnächst in die Pension wechseln und schon jetzt jede Menge Praxen leerstehen. Viele Hausärzte haben dort ein wesentlich grösseres Einzugsgebiet als die Kollegen in Deutschland. Allerdings gibt es in Österreich mit 273 Krankenhäusern und 900 Spitalsambulanzen eine Dichte, von der Deutschland nur träumen kann. Doch wirft auch das wieder ein Problem auf: Die medizinische Erstversorgung obliegt eigentlich den Haus- bzw. Fachärzten. Nur Notfälle oder Überweisungen von Patienten sollten an Krankenhäusern oder Notfallambulanzen durchgeführt werden! Die rinnende Nase eines Verschnupften ist hier komplett fehl am Platz. Seit 2014 nun bemüht sich das Gesundheitssystem im Lande des “Bergdoktors” sog. “Primärversorgungszentren” aufzubauen. Dabei handelt es sich um eine Gruppenpraxis mehrerer Fachärzte und jeweils eines Allgemeinmediziners. Sie könnten gerade auf dem Land die Misere abfedern, damit nicht allzu lange Wegzeiten in die nächste Stadt in Kauf genommen werden müssen. Ausserdem sollen die Ambulanzen dadurch entlastet werden. Dieses Modell wird bereits in Grossbritannien, den Niederlanden und auch in Dänemark mit sehr grossen Erfolg betrieben!
Ein Studienplatz für Medizin kostet in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 32.000 € pro Jahr (ein Sprach- oder Kulturwissenschaftler macht im Vergleich dazu nur zirka 5.000 € aus). Bund und Länder scheuen sich davor, dieses Geld in die Hand zu nehmen, da sie sich nicht sicher sind, ob dadurch tatsächlich eine Besserung eintreten wird. Weitaus günstiger kommen die schon fertig ausgebildeten Mediziner, die nach Deutschland drängen. Im Jahr 2016 waren es alleine nahezu 42.000 (11 % der Ärzteschaft), die hier einer Beschäftigung nachgehen. Auch in der Provinz. Allerdings können sie fast vorerst ausschliesslich als Assistenzärzte in Krankenhäusern eingesetzt werden. Zudem sind die Zulassungsgepflogenheiten recht hart! Nicht zuletzt kann ein verbales Missverstädnnis etwa im OP tödliche Folgen haben. Mehr als 50 Ärzte und Ärztinnen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, mögen zwar fachlich top ausgebildet sein, doch konnten sie vor ihrer Flucht nicht Deutsch lernen und sind deshalb hierzulande noch nicht einsetzbar – nur 5 Flüchtlingsärzte erhielten bislang ihre Approbation. Medizinern aus Russland oder der Ukraine helfen inzwischen eigene Agenturen bei all den Formalitäten eines Umzuges nach Deutschland.
Jedenfalls muss sich die Politik so rasch als möglich Gedanken machen, was sie in den Jahren zuvor verabsäumt hat und wie dieses System v.a. auf dem Land aufrecht erhalten werden kann. Allerdings: “Man braucht einen langen Atem und kann die Hausärzte nicht aus der Hosentasche zaubern.” (Dieter Geis, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes). Viele Gelder flossen in die vermeintlich praxisorientierten Fachhochschulen, da die Universitäten oftmals unter dem Ruf zu leiden haben, dass sie am Markt vorbeiproduzieren. Das muss sich nun ändern. Der derzeitige Zustand wird nämlich hauptsächlich auf dem Rücken der Patienten und Versicherten ausgetragen.

Lesetipps:

.) Von der Ärzteschwemme zum Ärztemangel; Dr. Angelika Stapf-Ringwald; Kindle Edition; Vindobona Verlag 2017
.) Ärztemangel: Neue Ärzte braucht das Land; Anja Schneider; Gbi-Genios Verlag 2015
.) Deutschland – ein Land ohne Ärzte? Über den Ärztemangel und dessen Auswirkungen; Martin Hochheim; disserta Verlag 2015

Links:

- www.hausaerzteverband.de
- www.hausaerzteverband.at
- www.hausaerzteschweiz.ch
- www.kbv.de
- www.aerztekammer.at
- www.aok.de
- www.hauptverband.at
- www.gesundheit.gv.at
- www.arztakademie.at
- www.fomf.at
- www.aerzteblatt.de
- www.1a-aerztevermittlung.de
- www.doc-to-rent.de
- www.docfinder.at

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Weshalb essen wir eigentlich diesen Müll???

“Wir alle haben die Wahl. Es ist unsere Entscheidung, die uns fett macht. Nicht McDonald’s!”
(John Cisna)

Ich wurde kürzlichst gefragt, wann ich denn den letzten Burger gegessen habe!
“Ähm – na ja also, das war am …!”
Pause!
Verlegenheit!
Ich konnte es nicht sagen!
Es muss wohl vor einigen Jahren beim Burger King in Offenbach/Main ein Doppel Whopper gewesen sein, denke ich! Aber so genau – wer weiss das schon! Nun – ich halte es da wohl mit jenem bekannten Schriftsteller, der einst meinte, er gehe alle drei Jahre einen Burger essen, versuche diesen zu geniessen, wisse aber dann, weshalb er drei Jahre lang keinen gegessen habe. Doch zu Weihnachten werde ich mir wohl wieder einige machen – aber auf meine Art: A la Stock! Pizza – ok, da sag’ ich nicht nein! Und ab und zu ein Döner (aber nur bei jenen, die ihn selbst aufstecken), ist auch etwas gutes, mit scharfer Sauce im Fladenbrot! Und die Currywurst mit selbst gemachter Curry-Sauce? Ein Gedicht!
Sie werden’s erraten haben: Es geht um Fast Food! So gut wie niemand kommt daran vorbei. Schliesslich müssen während der Mittagspause die Kinder vom Kita oder der Schule abgeholt, Einkäufe gemacht und private Treffs eingehalten werden. Da fehlt dann die Zeit, in diesen 30 Minuten etwas richtig gutes zu essen. Also wird nurmal rasch ein Happen eingeworfen. Nach einer Umfrage essen über 90 % der Deutschinnen und Deutschen regelmässig in einem Schnellrestaurant, 50 % der Österreicherinnen und Österreicher stillen regelmässig mit Fast Food ihren Hunger. Nur in der Schweiz tun sich die Ketten schwer: Subway, Kentucky Fried Chicken, Burger King wagten nach einem ersten misslungenen Versuch einen zweiten Anlauf – Pizza Hut hat die Lust dazu verloren. Kein Wunder, ist doch ein Preisunterschied von 100 bis 200 % im Vergleich zu einer Filiale derselben Kette in Deutschland nichts aussergewöhnliches, weiss die Zeitung “Blick” in einem Preisvergleich.
Haben Sie gewusst, dass es möglicherweise die Amerikaner erfunden haben (sieht man mal von der Frikadellen-Stulle ab), den grössten Burger jedoch gibt es in Bob’s BBQ in Chon Buri/Thailand: 35,6 Kilogramm. Uff!!! Klingt etwas komisch, wenn der Arbeitskollege am Montag fragt: “Und – wo ward Ihr gestern essen?” Und Sie antworten: “Bei Bob’s! Mit der ganzen Meute – 40 Leute hoch – es gab aber nur einen Burger!” Na, habe die Ehre!
Erwähnt man heute Fast Food, so denkt wohl jeder als erstes an den Burger – in allen möglichen Variationen. Doch gibt es weit mehr als das. So hat wohl nahezu jedes Land irgendeine Mahlzeit, die nicht zum Bleiben einlädt, die erfunden wurde um auf der Parkbank oder beim Gehen verdrückt zu werden. Eines allerdings haben sie alle gemeinsam: Viel Fett als Geschmacksträger, dadurch auch viele Kalorien, keine wirklichen Sattmacher (ein Sättigungsgefühl tritt erst nach 15 bis 20 Minuten ein, alsdann wird viel mehr gegessen), viel Salz und gesund sind sie schon gar nicht. Einzig ein gut zusammengestellter Döner kann unter Umständen empfehlenswert sein. Sofern mit Kraut und Gemüse angemacht. Das Fleisch ist zumeist Schaffleisch und die Sauce freut sich über Chili und Pfeffer um etwas Würze in das Ganze zu bringen. Somit kommen die Vitamine über das Grünzeugs, die Proteine aus dem Fleisch sind gesünder als jene vom Schwein oder Rind und die scharfen Gewürze regen die Verdauung und die Durchblutung an. Negativ: Das Brot! Weissbrot besteht aus weissem Mehl (Weizen): Ausser Kohlehydraten alsdann nichts gewesen. Übrigens: Haben Sie gewusst, dass der Döner zwar angeblich von einem Türken erfunden wurde, jedoch nicht aus der Türkei stammt? Der aus Anatolien nach Deutschland eingewanderte Kadir Nurmann behauptete, das gute Stück erfunden und den ersten 1972 am Berliner Bahnhof Zoo verkauft zu haben.

http://videos2.focus.de/wochit2/2014/10/14/61216464-1280×720.mp4

Auch das Brathuhn vom Grill schneidet halbwegs vernünftig ab: Weisses Fleisch – damit bestückt mit magerem Eiweiss, Vitamin B sowie Magnesium und Zink. Anstelle der Pommes einen gemischten Salat? Perfekt! Nur bitte: Finger weg von den frittierten Teilen. Hier weiss man einerseits nicht, wass sich unter der Panier versteckt. Andererseits muss es in einer Fritteuse gebraten werden. Anstatt – wie am Grill – überflüssiges Fett loszuwerden, saugt es sich dort mit eben diesem voll. Tja – und über den positiven Nebeneffekt des Frittierens wissen ja die meisten ohnedies bescheid!
Nicht? Lassen Sie es mich anhand der auch von mir heiss geliebten, dennoch wenig gegessenen Pommes Frittes erklären. Attila Dogudan (der “erfolgreichste Caterer der Welt” – SZ-Magazin) meinte einst, er gehe nur wegen der Pommes zu McDonalds. Hier werde täglich das Frittier-Fett gewechselt. Und ein Interview, das ich mit der Leiterin Unternehmenskommunikation Österreich dieser Kette einst führte, kam zu dem Schluss, dass die verwendeten Kartoffeln zumindest in Österreich AMA-Qualität haben. An sich also gute Grundvoraussetzungen. Trotzdem warnen US-Forscher nach Abschluss einer achtjährigen Langzeitstudie, nachzulesen im „American Journal of Clinical Nutrition“: Wer öfter als zweimal die Woche Pommes isst, hat ein doppelt so hohes Sterberisiko als jene, die dies nicht tun! Es liegt nicht an der Kartoffel – sie ist ein natürliches und gesundes Nahrungsmittel. Es liegt am Frittierfett! Und – je dünner eine Pommes ist, desto mehr dieses Fettes saugt sie auf. Nicht weniger als 4.000 Probanden wurden bei ihren Essgewohnheiten beobachtet und untersucht. Allerdings mussten auch die Wissenschaftler eingestehen, dass jene, die mehr als zweimal die Woche zu frittierten Kartoffelprodukten griffen, sicherlich auch andere, ebenso ungesunde Essgewohnheiten als die anderen Versuchspersonen haben. Wir als Kinder freuten uns immer, wenn es am Sonntag selbstgemachte Fritten zuhause gab. Doch geschah das recht selten, da für das Frittieren Kokosfett verwendet wurde. Muttern war der Überzeugung, dass es weniger spritzt als das andere Fett. Dass sie uns dadurch etwas Gutes getan hat, dürfte ihr damals wohl auch nicht bewusst gewesen sein. Häufig werden gehärtete, billige Öle oder Fette in die Fritteuse gegeben. Palmöl etwa! Wird dieses dazu noch wiederverwertet, so schlägt die Biogift-Keule aber sowas von zu. Besser sind da auf jeden Fall die Ofen-Pommes – auch wenn sie durch das fehlende Fett einen wichtigen Geschmacksträger verloren haben und somit meistens fad schmecken. Wird das nun durch noch mehr Salz oder gar Glutamat ausgeglichen, werden die ansonsten gesünderen Rohr-Pommes zu wahren Rohr-Krepierern. Zudem haben Gewürzmischungen mit Geschmacksverstärker, Trennmitteln oder anderen Zusätzen hier nichts zu suchen. Sollten es dennoch die Fritteuse-Pommes sein, so muss stets frisches, hochwertiges Pflanzenfett und eine nicht zu hohe Temperatur verwendet werden, da ansonsten das Krebsrisiko steigt (Glycidyl-Ester) und auch das Erbgut geschädigt werden kann (Acrylamid). Ausserdem verabschieden sich alle guten Nährstoffe wie etwa Vitamine sehr rasch mit steigenden Temperaturen. Und nochmals: Gegen eine Portion Pommes die Woche sollte niemand etwas einzuwenden haben. Das gilt selbstverständlich auch für alles andere, das schwimmend im heissen Fett zubereitet wird. Übrigens – die besten Pommes soll es nach einer Testung von Stiftung Warentest bei McDonalds geben, da hier eine Mischung aus Sonnenblumen- und Rapsöl zum Frittieren verwendet wird, bei Burger King hingegen eine Mischung aus Sonnenblumenöl und Palmfett.
Es gab einst Zeiten, als ich mindestens drei Pizzen die Woche vertilgte. Ist ja auch etwas leckeres, eine scharfe Diavolo oder eine Calzone mit Schinken, Salami und Pilzen oder auch nur eine Margherita. Und da lag ich offenbar voll im Trend, sagt zumindest eine Studie aus Mailand aus dem Jahr 2004, nachzulesen im „European Journal of Clinical Nutrition“. Mehr als 900 Menschen wurden untersucht, mit dem Ergebnis: Wer mindestens zweimal die Woche Pizza auf dem Speisezettel hatte, erkrankte nur halb so oft an Herzinfarkt wie die anderen! Also – - damit in den Supermarkt und die Grosspackung Margherita geholt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich die klassischen italienischen Pizzen sehr von den hierzulande üblichen unterscheiden. Auf dem Stiefel wird nämlich der Teig nur dünn geworfen und mit viel Gemüse belegt. Von der Artischocke über Spinat bis hin zu Zucchini und Brokkoli sowie selbstverständlich den Tomaten. Bei diesen Pizzen ist auch weitaus weniger Käse drübergestreut. Eine Quattro Formaggi hingegen schlägt nicht nur aufgrund der Kalorien in die Figur, sondern auch aufgrund des Käses. Viele der heissgeliebten tiefgefrorenen, aber auch gastronomisch hergestellten, italienisch belegten Fladenbrote haben weder Mozzarella, noch Emmentaler und schon gar keinen Edamer gesehen. Sie werden nämlich mit Analog-Käse zubereitet. Analog-Käse ist eine Mischung aus Pflanzenfett, Milcheiweiss, Stärke, Geschmacksverstärkern und Wasser. Lecker schmecker! Eigentlich wurde das für jene Länder erfunden, die keine oder kaum Milchwirtschaft vorzuweisen haben. Dass aber grosse Teile der 100.000 jährlich produzierten Tonnen im herstellenden Deutschland verbleiben, wissen viele erst seit kurzem. In der Pizzeria ist es recht schwer, sich vorher kundig zu machen, ob Analog-Käse verwendet wird. Auf den Verpackungen im Supermarkt muss dies jedoch als “Käseimitat” oder “überbacken” bzw. “Pizza-Mix” angeführt sein. Im Jahr 2009 sorgte die Verbraucherschutzzentrale Hamburg für einiges Aufsehen, als sie eine Liste mit Produkten veröffentlichte, wo zwar Käse draufstand, aber keiner drinnen war. Das mag sich zwischenzeitlich möglicherweise (hoffentlich!) gebessert haben – oder auch nicht. Wer hat denn die Zeit im Supermarkt die Zutatenliste eines Tiefkühlproduktes durchzulesen! Auch beim Kochschinken wird immer wieder gemogelt. Die Alarmglocken sollten Sturm läuten, wenn auf der Verpackung “Kochpökelfleischimitat” oder “Pizzabelag nach Art einer groben Brühwurst aus Schweinefleisch” steht – dann handelt es sich um sog. “Klebeschinken” (mehr zu diesem Thema in einem der vorhergehenden Blogs)! Hinzu kommt bei der Pizza noch der Umstand, dass Öl auf die Pizza geträufelt wird, bevor sie in den holzgeheizten Pizzaofen geschoben. Dadurch wird zwar die Teigunterseite knackig resch, die Oberseite hingegen flaumig. Verwendet der Pizzabäcker Ihres Vertrauens hierfür Olivenöl? Oder ebenso billiges Palmöl?! All das gilt übrigens auch für das französische Fastfood: Dem belegten Baguette! Brian Northrup aus New Jersey ass ein ganzes Jahr jeden Tag Pizzen, an manchen auch schon mal zwei (“Pizzapocalypse”). Nach eigenen Angaben habe er drei Kilo abgenommen. Fairerweise muss erwähnt werden: Er hat daneben auch die Jahreskarte für das Fitnessstudio täglich genutzt.

https://www.sat1.at/tv/15-dinge/video/18-warum-liegt-fast-food-so-schwer-im-magen-macht-aber-so-kurzzeitig-satt-clip

Des Deutschen liebstes Fastfood (neben des Döners!) ist hausgemacht: Die Currywurst. Als Viel- und Langarbeiter war ich immer wieder froh, wenn noch der eine oder andere Imbissstand nach Büroschluss geöffnet hatte. Doch – was in Deutschland nahezu Pflicht (Currywurst mit Fritten), wird einem in Österreich rasch abgewöhnt. Bei manchen Standbetreibern gab es das Objekt der Begierde wie folgt: Burenwurst (die günstigste österreichische Wurst) vom Grill, aufgeschnitten, Tomatenketchup und Curry drübergestreut. Na klar – in Österreich ist die “Eitrige” (Käsekrainer) das Must-Have am Würstelstand – dazu gleich mehr. Meine damalige Freundin war genau aus demselben Grund kein wirklicher Currywurst-Genussspecht. Bis ich sie in Frankfurt auf eine einlud (eine ha – ich musste mir eine neue nachbestellen, da sie sich auch auf die meinige sturzte). Ab diesem Zeitpunkt stand die Wurst mit selbst gemachter Currysauce auch regelmässig zuhause auf dem Speiseplan. Herbert Grönemeyer widmete ihr einen eigenen Song – pro Jahr werden zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen rund 800 Millionen gegessen. Und sie erobert zunehmend auch andere Länder, die fein zerstückelte Brühwurst mit der lecker rotbraunen Soße!. Die übrigens wurde von Herta Heuwer anno 1949 erfunden. Sie wollte an ihrem Berliner Imbissstand die “Spandauer ohne Pelle” etwas aufpeppeln und brachte nach mehreren Versuchen die Tunke aus Ketchup und Chili sowie einer geheim gehaltenen Würzmischung heraus. Wer mehr hierzu in Erfahrung bringen möchte, dem sei das Currywurst-Museum in Berlin an’s Herz gelegt. Während die österreichischen Erfahrungen mit dieser Wurst doch sehr zurückhaltend sind, werden beim Nachbar in Deutschland bereits drei Varianten unterschieden: Die Berliner, die Ruhrgebiets- und die Volkswagen-Currywurst. Und eins mal vorneweg: Das Gesunde an allen Dreien ist das Curry bzw. der Pfeffer! Bei der Wurst handelt es sich um eine Bock – oder inzwischen auch Geflügelwurst. Sie wird gebrüht, danach entweder frittiert oder gebraten. Schliesslich in die kleinen Häppchen zerschnitten. In der Soße ist viel Ketchup – sehr beliebt bei den Ernährungswissenschaftlern aufgrund des hohen Zuckeranteils und der anderen Inhaltsstoffe, die nicht unbedingt immer natürlich sein müssen. Die Bockwurst ist auch nicht wirklich Anlass für Jubelschreie eines Ernährungsexperten. Die Bockwurst kam bereits Anfang des 19. Jahrhunderts bei Bockbierfesten in Bayern auf den Tisch. Heute gibt es sie in allen möglichen Variationen. Die Grundzutaten legt das Deutsche Lebensmittelbuch mit Schweinefleisch und Speck fest. Rindfleisch kann, muss aber nicht dabei sein. Hinzu kommt Nitritpökelsalz, Kutterhilfsmittel und Gewürze wie Pfeffer, Paprika, Ingwer, Macis und Koriander. Auch hier sind die Gewürze wohl das Gesunde an dem Ganzen. Was wirklich drinnen ist, weiss meist nur der Metzgermeister (etwa Milch oder sonstige Fleischerzeugnisse, die durch den Fleischwolf gejagt wurden). Nichts anderes auch bei der österreichischen Käsekrainer. Hier die Zutatenliste der Käsekrainer von Radatz (in den Produkten anderer Hersteller ist nahezu dasselbe zu lesen): Schweine- und Rindfleisch, Emmentaler, Speck, Speisesalz, Stabilisatoren: E451; Traubenzucker, Gewürze, Knoblauch, Antioxidationsmittel: E300; Zucker, Konservierungsmittel: E250; Gewürzextrakte, Aroma, Natursaitling, Buchenrauch. Durch den Käse kommen hier noch einige Kalorien im Vergleich zur Bockwurst hinzu. Apropos zum Überdenken: Eine Portion Currywurst mit Pommes und einer Cola – macht 64 Gramm Fett und satte 950 Kalorien. Anders formuliert: Eine Portion entspricht fast der kompletten Tagesration an Fett und der halben Tagesration an Energie, die der Mensch braucht!
Wechseln wir kurz den Kontinent. Auch das asiatische Fast Food hat’s wahrhaft in sich, denn in Südostasien, in Ländern wie Thailand, Vietnam oder auch Malysia wird ständig und überall gegessen. Möglich machen das die Garküchen auf Rädern. Sind nun mehrere dieser mobilen Garküchen beieinander (eine ist immer mit Entengerichten, eine indisch mit vielen Gewürzen dabei), ergänzt durch einige wenige Stühle und Tische, so spricht der Kenner von “Food Courts”. Allerdings sitzen hier meist nur europäische oder amerikanische Kunden – die asiatischen haben hierfür keine Zeit: Gegessen wird im Gehen. Und das hier unterscheidet die kulinarische Kultur von der unseren: Gekocht wird sehr häufig in Woks, also fettarm. Die Zutaten sind immer frisch, da sich niemand eine Kühltruhe oder Kühlschrank leisten kann. Mit Schärfe und damit Gewürzen wird nicht gegeizt, schliesslich soll ja Magen-Darm-Infekten vorgebeugt werden – die Bakterien und Viren werden regelrecht abgefackelt. Und die Getränke sind meist ebenso frisch gepresste Obst- oder Gemüsesäfte. Wer übrigens denken sollte, dass es an diesem Ende der Welt nur Reis gibt, der liegt völlig falsch. Die asiatische Nudelküche to go ist weithin bekannt. In Singapur ist die Garküche von Chan Hon Meng mit seinen 180 Hühnern pro Tag in allen erdenklichen Variationen sogar mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet worden. Das ist der grosse Unterschied: Dieses asiatische Fastfood ist meist gesund, regional, frisch und natürlich. Durch die Expansion der westlichen Fastfood-Ketten bekommen allerdings die Bewohner all das Schädliche, das die westliche Küche dermassen degenerieren lässt. Mediziner warnen bereits seit einiger Zeit: Diabetes wird in Asien zur Zeitbombe!
Etwas nördlicher finden wir Japan. Na klar: Sushi! Roher Fisch – nicht jedermann’s oder jederfrau’s Sache, doch schwören die Ernährungsexperten: Es ist gesund! Eigentlich kommen diese allseits bekannten Reisröllchen ja aus Südostasien, doch hat sich dies in den letzten rund 300 Jahren zur japanischen Nationalspeise entwickelt. Der Fisch muss stets frisch zubereitet werden. Der Reis wird meist mit etwas Essig verfeinert. Hinzu kommt Gemüse. Dann wird das alles in ein Blatt getrocknete Nori-Alge eingerollt, in Scheiben geschnitten, mit Saucen und Gewürzen verfeinert und sofort gegessen. Je nach Geschmack stehen Sojasauce, Wasabi (grüner Meerrettich) oder eingelegter Ingwer (“Gari”) zur Verfügung. Sushi gibt es in den unterschiedlichsten Formen – als dicke Rolle (Futomaki), dünne Rolle (Hosonaki), von innen gerollt (Uramaki) usw. Hier entscheiden zumeist die Füllungen, wie Lachs, Avocado, Gurke, Meeresfrüchte, … Der Meeresfisch liefert viele wichtigen Nahrungsbestandteile, die der Mensch benötigt: Hochwertiges tierisches Eiweiss, Omega3-Fettsäuren, Jod, Vitamin D, usw. Da er roh gegessen wird, entfallen auch die zumeist schädlichen Fette oder Öle. Vorsicht: Es wird auch Wal- oder Delphin-Fleisch gereicht! Das Gemüse ist klar – das Schädliche ist eigentlich der Reis. Er wurde nach der Ernte geschliffen und poliert, besitzt somit ausser den Kohlehydraten kaum mehr Nährstoffe wie Spurenelemente, Vitamine etc. Sushi mit Vollkornreis wäre perfekt! Die Nori-Blätter gleichen dieses Manko jedoch mehr als aus. Reich an den Vitaminen A, B12, C, E und an Zink, sind sie nahezu fettfrei und reich an Eiweissen sowie Ballaststoffen. Auch die Sojasaucen sind richtiggehende Gesundbrunnen: Wenig Kalorien, wenig Fett, dafür reich an Aminosäuren, Eiweiss und Antioxidantien. Nicht so gut ist der hohe Würzungsgrad an Salz. Und Wasabi gehört in Japan zum guten Ton – äh pardon: Zum guten Essen! Die enthaltenen Senfölglycoside wirken antibakteriell und entzündungshemmend! Zuletzt noch der eingelegte Ingwer – reich an Mineral- und Bioaktivstoffen! Sollten auch hierzulande wesentlich mehr Menschen regelmässig essen! Sushi ist somit also das gesündeste Fast Food! Tja – wäre da nicht das Risiko für immungeschwächte Zielgruppen, wie Säuglinge und Kleinkinder, Schwangere, ältere Menschen etc. Der Fisch wird nicht gekocht, damit sind auch Bakterien, Viren, Pilze und Würmer wie Fadenwürmer oder Fischbandwürmer enthalten. Auch Salmonellen oder Vibrionen machen so manchen schwer zu schaffen. Zusätzlich kommt die Verschmutzung der Meere auch mit Schwermetallen hinzu. Das alles hielt mich bislang ab, diese rohen Fischvariationen auch nur mal zu probieren.
In Russland gibt es neben der McDonalds- und der Burger King-Kette die hausgemachte Teremok-Kette, die zuletzt aufgrund der Sanktionen gegen die Regierung Putin immer mehr Zulauf bekam. Michail Grobatschow hatte die Idee anno 1998 – inzwischen gibt es rund 240 dieser Schnellrestaurant-Filialen. Zubereitet werden traditionelle russische Speisen wie Bliny oder Getränke wie Kwas. Weiteres russisches Fastfood wäre etwa Blinčiki, Pelmeni, Olad’i oder Tschebureki. 2015 wurden auch in New York zwei Teremok-Standorte eröffnet. Allerdings ist die traditionelle russische Küche nicht unbedingt für so manche lukullisch westlich geprägte Geschmackspapille geeignet. Blin ist eine Art Hefe-Eierpfannkuchen, eingerollt mit unterschiedlichen Füllungen wie geräucherter Fisch, Hackfleisch, Quark oder für die Reichen auch mit Kaviar. Gereicht wird dazu Tee. Oder gezuckerte Kondensmilch, Käse, Honig, Konfitüre, saure Sahne etc. Sie merken, in den kalten Regionen dieser Welt benötigt der menschliche Körper viele Kohlehydrate, damit die Körpertemperatur den Minusgraden strotzen kann. Die Bliny werden in einer Art Pfannkuchen- oder Crepes-Pfanne mit Speiseöl angerichtet. Sind sie fertig, werden sie gestapelt und mit Butter bestrichen. Normalerweise werden Bliny als Häppchen vor der Suppe gereicht. Pelmeni oder auch die Warenniki sind vergleichbar mit den gekochten oder gegarten Maultaschen, Tschebureki sind ebenfalls Teigtaschen, die gefüllt mit Käse oder Fleisch frittiert werden. Kwas ist ein gegärtes Brotgetränk. Die ursprüngliche Version wird mit Brot bzw. Zwieback hergestellt, inzwischen gibt es aber auch andere Geschmacksnoten, wie Birne, Beeren und vieles andere mehr. Kwas ist am ehesten mit Malzbier vergleichbar, besitzt jedoch einen leichten Geschmack nach Zitrone und hat einen Alkoholgehalt von max. 1,44 Prozent. Da die Gärung nicht auf Hefe sondern auf Milchsäurebakterien beruht, regt das Getränk die Verdauung an. Interessant zu wissen ist, dass Kwas im Sommer in gelben Tankwagen auf der Strasse verkauft wird. Es gibt es aber auch in Plastikflaschen oder Dosen. Mit über 800 Mio Liter pro Jahr verdiente es durchaus die Bezeichnung “Nationalgetränk” der Russen! In der DDR produzierte nur eine Brauerei in Magdeburg das Getränk, eine Markteinführung in Westdeutschland scheiterte.
Im südlichen Russland bzw. den ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken rund um den Kaukasus gibt es den auch bis nach Deutschland bekannten Schaschlik. Das Wort ist eigentlich gebräuchlich für jedwede Art von Fleischspiess, der je nach Region unterschiedlich bestückt wird: Mit zuvor mariniertem Fleisch von Hammel, Lamm, Schwein, Rind, Fisch, ergänzt durch Gemüse (Tomaten, Zwiebeln, Paprika) und/oder Meeresfrüchten. Aber auch Innereien wie Nieren oder Leber werden aufgespiesst. Zubereitet über offenem Feuer oder Glut wird der Spiess ohne Saucen oder anderen Gewürzen direkt vom Spiess gemeinsam mit Brot, Kartoffeln, Reis oder Gemüse-Rohkost gereicht. Mit dem Schisch Kebap gibt es derartige Grillspiesse auch in den orientalischen Ländern, die allerdings nur mariniertes Lammfleisch, Fisch oder Geflügel, Tomaten, Auberginen und Paprika hierfür verwenden. Da das Fleisch fettfrei ist bzw. über der Glut abtropft, ist dieses Fast Food gesünder als so mancher Burger. Auch in Kroatien und Serbien (Ražnjići) oder Griechenland (Souvlaki) erfreuen sich derartige Spiesschen grosser Beliebtheit.
Das Fast Food in Lateinamerika sind die Empenadas. Diese halbmondförmigen Teigtaschen mit einer Füllung aus Käse (de queso) oder Hackfleisch (con carne) bzw. Meeresfrüchten (con mariscos) gibt es in den Häfen auf Meereshöhe oder auch ganz oben in den peruanischen Anden. Gewöhnungsbedürftig sind noch die anderen Zutaten, die von Rosinen über Oliven bis hin zu Zwiebeln gehen können. Nicht zuletzt aufgrund der scharfen Gewürze sind die Empenadas ebenfalls weitaus gesünder als die Currywurst hierzulande. Wenn auch nicht unbedingt kalorienärmer. Daneben gibt es noch Aji de Gallina, Cazuela, Ceviche, Humitas, Pachamanca, Sopaipillas usw., die allesamt jedoch nicht unbedingt in der Fast Food-Version erhältlich sind.
Bei all diesen leckeren und halbwegs gesunden Speisen kehren wir dann wieder zurück in die USA bzw. Grossbritannien, zu den nichtssagenden und nichtsschmeckenden Sandwiches. Meist Toastbrot (also Weissbrot), belegt mit Wurst, Käse etc. ist das einzig gesunde das Blatt grüner Salat oder die Tomate. Alles andere hat einen Nährwert bzw. Sättigungsgrad, dass es so manchem Koch die Genickhaare aufstellt. Dafür allerdings Kalorien und Fette – so manches Subway-Sandwich bringt es auf mehr als ein einfacher Burger.

https://www.prosieben.at/tv/galileo/videos/2017163-gesundes-fast-food-aus-dem-kuehlregal-geht-das-clip

Können Sie mir sagen, weshalb der überlegene und zivilisierte Westen (Selbstbehauptung) dermassen ungesunde Nahrung zu sich nimmt und dadurch selbst verantwortlich ist für Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf, Diabetes, hoher Blutdruck und Übergewicht? Fett, Salz und Kohlehydrate! Es gibt so leckere Gerichte, die ebenfalls schnell gemacht und weitaus gesünder wären und unseren Körper nicht dermassen in Geiselhaft nehmen. Kochbücher zu diesem Thema gibt es zur Genüge. Wichtigster Grundsatz sollte jedoch immer sein: Frische Zutaten, Gemüse und Salat einplanen und öfter mal auf Vollkornprodukte zurückgreifen. Es muss nicht immer mit Fleisch oder Wurst sein – und vor Fett triefen, das ist keineswegs notwendig. Fett macht süchtig! Das merken in zunehmenden Maße auch die Länder Südostasiens und Lateinamerikas, die nach und nach fastfoodianisiert werden. Ein riesiger Fehler! Denn hier kommen nun schlagartig jene Erkrankungen auf, die auch unser Leben seit Jahrzehnten schwer machen: Mexiko hat inzwischen darauf reagiert und eine Sondersteuer auf abgepackte Lebensmittel wie Kartoffelchips sowie auf zuckerhaltige Getränke in 1 Liter-Gebinden erlassen. Peru, Uruguay und Costa Rica haben Junk Food sogar gänzlich verboten.
Hier nochmals die Folgeerscheinungen oder Erkrankungen, die ungesunde Ernährung auslösen kann:

- Diabetes mellitus (um 104 Prozent mehr Erkrankungs-Risiko)
- Übergewicht
- Gefässerverkalkungen durch zu viel LDL-Cholesterin
- Herzerkrankungen (Infarkte und Schlaganfälle)
- Allergien durch Geschmacksverstärker
- Verdauungsprobleme (zwischen Bestelltung und letztem Bissen liegen meist nur 4 Minuten, am Imbiss sieben)
- Gedächtnisverlust (Studie der University of New South Wales)

Wir alle kennen die Erfahrung, die der Journalist Morgan Spurlock 2004 mit seinen Fressorgien bei McDonalds machte. Doch geht es auch anders. Der Biologielehrer John Cisna hat die McDonalds-Diät über 90 Tage durchgehalten (eine Wette mit seinen Schülern) und dabei sogar 17 Kilogramm abgenommen. Sein Geheimnis war ein strenger Menüplan, der morgens mit McMuffins mit Käse und Schinken, einer Tasse Vollkorn-Müsli mit braunem Zucker und einem Glas fettreduzierter Milch begann. Zu Mittag gab es dann Salat und gegen Abend Burger und Kollegen. 2000 Kalorien durften niemals am Tag überschritten werden und ein besonderes Augenmerk galt den Proteinen. Das liess sogar den Cholesterin-Spiegel jubeln, der sich um ein Drittel reduzierte. Das aber setzt eines voraus: Mündige Esser, die genau auf das schauen, was sie zu sich nehmen. Und mal ehrlich: Wer macht das, wenn er vor der Burgertheke steht???

Abschliessend einige gesunde Fast Food-Produkte:

- Vollkorn-Burger mediterrane Art (mit Zucchini, Karotten, Paprika, Zwiebeln und Champions)
- Vollkorn-Fischburger mit beispielsweise Seelachs (nicht frittiert!!!)
- Wraps aus Vollkornmehl mit Salat, Beeren, Äpfeln, Paprika und Ziegenfrischkäse
- Gebackenes Gemüse mit Kräuter-Quark oder Dip
- Frühlingsrollen ohne Hackfleisch aus dem Backrohr
- Pizza mit Vollkornteig und frischem Gemüse sowie Ricotta
- Gemüse-Pommes aus Karotten, Süsskartoffeln, Gurken, Rote Beete, Knollensellerie und Kohlrabi
- Butterbrot mit Salat, Gemüse, Tomaten oder Obst (wer will kann die Butter durch Schmand, Frischkäse etc. ersetzen)
- Sesam-Bagel mit Thunfisch oder Pute und Tomaten, Gurken, Radieschen, Parika, Kresse,…,

Möglich, dass es derartiges schon recht bald auch beim grössten Fast Food-Anbieter der Welt gibt. Schliesslich schreibt McDonalds auf der Ratgeberseite an die eigenen Mitarbeiter, dass sie sich nicht von Fast Food sondern etwas Gesundem ernähren sollen. Nichtsdestotrotz boomt das Geschäft auch weiterhin – Pizze und Fritten werden sogar inzwischen in SB-Automaten angeboten! Doch bleibt es dabei: Fette, Kohlehydrate, Geschmacksverstärker, Farbstoffe, … Das alles kann eine vollwertige, ausgewogene, gesunde Nahrung niemals ersetzen.

Literatur

.) Junk Food – Krank Food; Hans-Ulrich Grimm; GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH 2014
.) Real Fast Food; Nigel Slater; Penguin Books Ltd. 2013
.) Slow Food statt Fast Food; Anne-Sophie Fleckenstein/Martin Porstner; Teneues Media 2016
.) Ultimate Food Journeys; Dorling Kindersley; DK Eyewitness Travel 2011
.) The World is Fat; Barry Popkin; Avery edition 2009
.) The Oxford Companion to Food; Alan Davidson; Oxford 1999
.) Kochbuch der zauberhaften orientalischen Rezepte; Anne Graves; Neobooks Verlag 2013
.) Schaschlik: Grillen einmal östlich; Stalic Khankishiev; Leopold Stocker Verlag 2014
.) Nationale Küchen. Die Kochkunst der sowjetischen Völker; W. W. Pochljobkin; Verlag MIR 1988

Film:

.) “Supersize me” von Morgan Spurlock

Links:

- www.deutsche-lebensmittelbuch-kommission.de
- www.dge.de
- www.efsa.europa.eu
- www.em-tum.de
- www.vzhh.de
- www.vis.bayern.de
- de.rbth.com
- www.bdm-verband.org
- www.slowfood.de
- das-ist-drin.de
- eatsmarter.de
- www.doppelherz.de
- essen-und-trinken.de
- www.gesuender-leben.info

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Kurkuma – Die Wunderwurzel

Die Pflanze, die heute Inhalt meiner Betrachtungen sein soll, haben sicherlich viele schon in dem einen oder anderen Rezept gefunden und sich dann geärgert, dass er oder sie diese nicht im Supermarkt bekommen hat: Kurkuma, auch als Gelbwurz bekannt. Dabei ist die gelbe Knolle bereits seit dem frühen Mittelalter im nördlichen Afrika bzw. südlichen Europa in Verwendung. In der ayuverdischen und damit Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gar seit mindestens 5.000 Jahren. Die Inder sprachen dem Ingwergewächs eine reinigende und energiespendende Wirkung zu, weshalb sie auf dem Subkontinent als “indischer Safran” lange als heilig verehrt wurde. Er verleiht dem Curry die für ihn so typische Farbe und den leicht moschusartigen Geschmack. Anlass also genug, die Gelbwurz auch als Heilpflanze der breiten Öffentlichkeit vorzustellen.
Die Pflanze selbt erinnert durch Ihre charakteristischen langen Blätter etwas an Schilf. Sie wächst bis zu einem Meter hoch – das Gewürz wird ausschliesslich aus dem Wurzelstock gewonnen. Einige Tage luftgetrocknet wird er schliesslich mit einem Mörser gemahlen. Die Wurzel breitet sich fingerförmig im Erdreich aus – auch hierzulande kann die Pflanze im Biogarten eingesetzt werden.
Kurkuma ist bekannt als Lieferant von nicht weniger als 90 aktiven Inhaltsstoffe. So erwa Eisen, Magnesium, Mangan, Kupfer, Polysaccharide, Ferulasäure, Kaffeesäure, Vitamine (A, C, E, B1, B2 und B3), Mineralstoffe und Spurenelemente wie Kalzium, Phosphor, Chrom, Kalium, Selen und Zink, Karotinoide, Eiweiss, Limonen etc etc. Der menschliche Organismus schätzt an der curcuma longa, die ursprünglich höchstwahrscheinlich aus den Gebirgsregionen Südasiens stammen dürfte, hauptsächlich den Bestandteil “Curcumin”. Die Pflanze produziert diesen Wirkstoff vornehmlich zum Selbstschutrz gegen Fressfeinde. Für den Menschen zeigt dies durchaus vorbeugende, fördernde Wirkung auf die Lunge, den Darm und die Leber.
Das hat inzwischen auch die Pharmakologie erkannt und setzt die Curcuminoide als primären Wirkstoff in vielen Medikamenten ein. So ist es beispielsweise in seiner Funktionsweise ähnlich dem Hydrokortison, dem Rheumamittel Phenylbutazon oder auch dem Paracetamol sowie Ibuprofen®. Mit dem grossen Vorteil: Keine Nebenwirkungen!
Das Geheimnis: Curcumin besitzt durch die enthaltenen Polyphenole eine stark antioxidative Wirkung. Es bekämpft somit die Freien Radikale, die für sehr viele Entzündungen verantwortlich zeichnen. Das lässt es wirksam werden gegen beispielsweise die Arthritis. Doch verhindert es auch die Oxidation von Cholesterin, das ansonsten zunehmend die Blutgefässe schädigt und im Endeffekt zur Arteriosklerose führt. Die Gelbwurzel ist reich an Vitamin B6. Gemeinsam mit seinen B-Komplex-Kollegen B12 und der Folsäure (B9) wird der Homocystein-Spiegel geregelt, der ebenfalls zu Gefässschädigungen führen kann und damit auch als Auslöser für so manche Herzerkrankung gilt.
Im Kampf gegen Alzheimer besitzt möglicherweise Curcumin eine ganz entscheidende Eigenschaft: Es durchdringt die Blut-Hirn-Schranke. Im Gehirn angelangt, wirkt es schliesslich gegen den Abbau der weissen Hirnmembran, den Myelinschichten. Dies hält das Gehirn über längere Zeit leistungsfähiger. Als Auslöser für Alzheimer gilt ganz grundlegend fragmentiertes Protein, das sich in den Hirnzellen bildet. Dort führt es zu Entzündungen und sog. “oxidativem Stress”. Dabei werden zu viele reaktive Sauerstoffverbindungen, wie das Superoxid-Anionenradikal O2·−, Wasserstoffperoxid (H2O2) und das Hydroxylradikal OH gebildet. Entdeckt wurde das Phänomen 1985 durch Helmut Sies. Die Zellen regeln normalerweise selbst das Gleichgewicht bzw. die Neutralisation dieser reaktiven Sauerstoffverbindungen. Werden jedoch zu viele davon produziert, so ist die Zelle überfordert – sie wird vergiftet. Die darauf folgende Zerstörung der Zellen und Molküle wird als oxidativer Stress bezeichnet. So etwa bei der Lipidperoxidation, bei der die Zellen wesentlich mehr Energie aufbringen müssen als im Normalzustand. Das führt zu einer vorzeitigen Alterung und verbunden damit einer geringeren Lebenserwartung. Curcumin nun wirkt als Fänger dieser freien Radikalen. Auf andere Erkrankungen des menschlichen Körpers ist dieser oxidativer Stress noch nicht wissenschaftlich untermauert. Vermutet werden jedoch Einflüsse auf nahezu alle neurodegenerativen Erkrankungen, wie dem Schlaganfall, Parkinson, Alzheimer, Huntington und der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS), aber auch etwa bei der Koronaren Herzkrankheit. Im Vergleich zu Europa beispielsweise fallen die Alzheimer-Erkrankungen in Indien mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Kurkuma sehr gering aus. Die Spezialisten des Kariya Toyota General Hospitals gingen gar noch einen Schritt weiter: Alzheimer-Patienten wurde über ein Jahr hinweg täglich ein Gramm Kurkuma verabreicht. Auffallend war, dass sich diese Patienten beim Wiedererkennen von Familienmitgliedern leichter taten, die sie vor Beginn der Therapie nicht mehr kannten. Da jedoch nur wenige Probanden in die Studie eingebunden wurden, gilt diese nicht als wegweisend. Ansonsten zeigt sich zudem die Medizin noch etwas vorsichtig, da die positive Wirkungsweise von Antioxidantien noch nicht vollkommen belegt ist.

https://www.youtube.com/watch?v=OI5Z6tA4o1Q

Erste Untersuchungen aus der Krebsforschung haben den Hinweis ergeben, dass Kurkuma beispielsweise bei Brustkrebs die weitere Metastasenbildung und dadurch eine Ausweitung des Tumors auf die Lunge verhindern kann. Vermutet wird, dass Curcumin die Transkriptionsfaktoren der Tumorbildung schlichtweg ausschaltet. Das Wachstum des Tumors wird alsdann gestoppt. Es fördert sogar die “Apoptose”, den Selbstmord des Krebses. So zeigte eine US-amerikanische Studie auf, dass Curcumin in die Zellmembran von gesunden Zellen eingebaut wird und diese vor Krankheitserregern schützen kann. Bei Krebszellen wirkt diese Funktionsweise konträr – die Membran wird durchlässiger und verliert hierdurch an Stabilität. Daneben konnten durchaus positive Wechselwirkungen mit Chemotherapeutika festgestellt werden.
Einschlägige Studien haben nachgewiesen, dass Curcumin ausserdem bei unterschiedlichen Lungenerkrankungen ausgezeichnet funktioniert. So wurde bei Tieren beobachtet, dass der Wirkstoff die Symptome jener Lungenfibrose mildert, die durch Giftstoffe, Chemotherapie oder Bestrahlung ausgelöst wird. Positive Wirkungen werden etwa bei der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung COPD, dem akuten Atemnotsyndrom ARDS und der akut-inflammatorischen Lungenerkrankung (ALI) vermutet. Auch könnte es bei allergischem Asthma eingesetzt werden, das bislang nur schlecht durch Kortikosteroide behandelt werden konnte. Die Experten vermuten dahinter ebenfalls die stark antioxidative Wirkung des Curcumins. Ausserdem wird mehr überschüssiges Stickstoffmonoxid gebunden – das lässt den Patienten leichter durchatmen. Doch ist auch dieser Bereich noch nicht gänzlichst wissenschaftlich belegt.
Eine Untersuchung allerdings sorgte für Aufsehen: Im Molecular Nutritional Food Research konnte bei Mäusen festgestellt werden, dass ein seit fünf Tagen zuvor verabreichtes höheres Ausmass an Curcunin einen darmschädigenden Faktor gänzlichst ausschalten konnte. Hier zeigte sich, dass neben der antioxidativen Wirkung das Curcumin auch in der Lage ist, die Aktivierung des Regulatormoleküls NFkappaB zu unterdrücken. Dieses spielt eine nicht ganz unwichtige Rolle bei der Entstehung von Entzündungen. Daneben konnte auch beobachtet werden, dass bereits bestehende Darmpolypen stark reduziert wurden. Sie können über die Jahre hinweg mutieren und zu Darmkrebs führen.
Apropos Verdauung: Kurkuma regt die Produktion von Gallenflüssigkeit und Magensäure an. Dadurch können sowohl Fette als auch Kohlenhydrate besser abgebaut und resorbiert werden, wodurch alsdann die Aufnahme von Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen steigt. Gerade bei der Behandlung von Adipositas wurden teils ausgezeichnete Erfolge damit verbucht, da Curcumin zudem den Stoffwechsel anregt und dadurch ein Abnehmen unterstützt. Auch bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms oder bei Blähungen setzen inzwischen viele Ernährungswissenschaftler auf die gelbe Wunderknolle.
Die Wirkung von Curcumin auf glukose-intoleranten Patienten wurde 2012 in einer Studie mit 240 Probanden überprüft. Diese Menschen haben ein grösseres Risiko an Diabetes Mellitus zu erkranken. Die Versuchsgruppe erhielt pro Tag 1,5 Milligramm Curcumin. In dieser Gruppe erkrankte kein einziger Proband innerhalb von 9 Monaten an Diabetes Mellitus – in der Kontrollgruppe, die anstatt dessen mit Placebos bestückt wurden, hingegen 9 Patienten. Auch bei Diabetes-Typ II vermutet die Wissenschaft deshalb positive Effekte.
In Rattenversuchen konnte zudem festgestellt werden, dass bei Nagern, bei welchen 70 % der Leber operativ entfernt wurde, durch die Verabreichung des Hormons Erythropoetin und Curcumin eine wesentlich bessere Leberregeneration erzielt wurde. Sollte dies auch beim Menschen möglich sein, könnten unzählige Lebererkrankungen geheilt oder verhindert werden, wie etwa die Leberzirrhose, da Curcumin die Bildung von Fibroblasten unterdrückt, die schliesslich zu Narben in der Leber führen. Ausserdem wiesen die Forscher nach, dass Curcumin die Ausscheidung von angesammeltem Quecksilber erleichtert (Journal of Applied Toxicology). Dadurch verbessern sich ganz allgemein die Leber- und Nierenwerte. Auch beim Cholesterin-Verhältnis, das ebenfalls in der Leber geregelt wird, konnte durch unzählige voneinander unabhängige Studien aufgezeigt werden, dass das schlechte LDL-Cholesterin verstärkt abgebaut wird, wenn vermehrt Curcumin zum Einsatz kommt.
Das Öl der Gelbwurz besitzt ebenfalls diese antioxidative, antimikrobielle und antineoplastische Wirkung – jedoch nicht in jener Konzentration des Curcumins. Beides jedoch regt das menschliche Immunsystem an. So haben Wissenschaftler der Orgeon State University rund um Studienleiter Dr. Adrian Gombart aufgezeigt, dass der Wirkstoff die Produktion des Proteins Cathelicidin im Körper ankurbelt. Dieses antimikrobielle Peptid ist eine Verbindung mehrerer Aminosäuren, die v.a. bei bakteriellen Infektionen und Erkrankungen helfen. Parallel dazu wurde auch die Wirkung von Omega3-Fettsäuren hierauf überprüft. Es zeigte sich, dass Curcumin dreimal stärker funktioniert als das Omega3. Wird noch zusätzlich Vitamin D eingenommen, so gleicht dies einer Wunderwaffe gegen Krankheitserregern.
Kurkuma wird ferner für die Mundhygiene verwendet. So wirkt es gegen unerwünschte Keime auch im Zahnfleisch bzw. nach Wurzelbehandlungen und bei bereits bestehenden Entzündungen. Mediziner aus Indien empfehlen hierzu eine spezielle Mundspülung, die jeder selbst herstellen kann: Zwei Teelöffel Kurkumapulver mit zwei Gewürznelken und zwei getrockneten Guaveblättern aufkochen und täglich damit den Mund spülen. Die Guaveblätter können Sie auch weglassen, wenn Sie diese nicht bekommen. Bei Zahnschmerzen kann Kurkumapulver an der betroffenen Stelle einmassiert werden. Gegen Zahnfleisch-Entzündungen hilft eine Paste aus einem Teelöffel Kurkuma, einem halben Teelöffel Salz und einem halben Teelöffel Senföl. Und noch ein Tipp: Wie bereits vorher beschrieben, leitet Kurkuma Quecksilber aus. Es kann deshalb hervorragend nach der Entfernung von Amalgam-Füllungen verwendet werden (Journal of Applied Toxicology 2010).

Hier nun nochmals die Erkrankungen, die durch Kurkuma-Genuss gelindert oder gar komplett bekämpft werden können:

Krebserkrankungen (u.a. Brust-, Haut-, Prostata- und Darmkrebs)
Alzheimer-Krankheit
Schmerzmittel und Entzündungshemmer
Reizdarm-Symptom
Rheumatische Arthritis
Mukoviszidose (zystische Fibrose)
Hepatitis-C
Verbesserung der Gallen- und Leberfunktion
Senkung des Cholesterinspiegels
Senkung des Blutzuckers
Schutz der Herzkranzgefäße
Menstruationsbeschwerden
Blähungen, Völlegefühl und Bauchkneifen
Kurbelt den Stoffwechsel an und kann beim Abnehmen helfen
Zahnfleischentzündungen und weißere Zähne

Kurkuma sollte ausschliesslich in nicht-bestrahlter, biologischer Qualität verwendet werden. Zwar ist es – wie bereits erwähnt – auch in der Gewürzmischung Curry zu finden, doch sind die beschriebenen gesundheitlichen Effekte wohl nur mit reinem Kurkuma zu erzielen. Besonders gut schmeckt der indische Gelbwurz übrigens auf Reisgerichten, zu Kartoffeln und Gemüse. Auch als Tee getrunken (mit Kokosöl oder Sahne, da es ansonsten nicht resorbiert wird) oder in der Mischung mit Quark und Leinöl (Budwig-Diät) entfaltet es seine komplette Wirkung. Diese kann noch verstärkt werden, wenn das Curcumin gemeinsam mit dem Wirkstoff des schwarzen Pfeffers, dem Piperin (bis zu 200 % bessere Resorbtion) oder Ingwer eingenommen wird.

https://www.youtube.com/watch?v=uAm60AW7t-k

Kurkuma ist keine Wunderpflanze, die ewige Jugend verspricht. Dennoch ist die Knolle im Westen in ihrer Wirkungsweise lange unterschätzt worden. Zudem bedarf es nicht teurer Zusatzernährungen – jeder kann sich die Pflanze selbst züchten! Und auch eine Überdosierung stellt insofern kein Problem dar! Reines Kurkuma enthält rund 3-5 % Curcumin. Wer dennoch zur Kapsel greifen möchte, dem sei ein Produkt empfohlen, das möglichst frei von chinesischen Inhaltsstoffen ist. Zudem gibt es hier Produkte, die recht hohe Dosen aufweisen. Vor und während einer solchen Therapie mit hohen Dosen sollte auf jeden Fall der Hausarzt Ihres Vertrauens zu Rate gezogen werden, da eine zu hohe Konzentration zu Sodbrennen und bei Schwangeren zu einer Stimulation der Gebärmutter führen kann, was unter Umständen mit einer Frühgeburt endet. Vorsicht geboten ist zudem bei Curcumin in Mizellenform, da hier noch Untersuchungen wie etwa jene zur Langzeitwirkung fehlen.

Abschliessend für all jene, die selbst anbauen oder Zugriff auf frisches Kurkuma haben, hier noch zwei Rezepte, die Wunder wirken sollen.

.) Goldene Milch

Zutaten:
1 EL Kurkuma (in Pulverform) – besser frisch gerieben
120 ml reines Wasser
Frisch geriebenen Ingwer
Eine Prise Muskatnuss
Eine Prise Zimt
Frisch geriebener schwarzer Pfeffer
1 TL Kokosöl
350 ml Kuh- oder Pflanzenmilch (etwa Mandelmilch, Kokos-Reis-Milch oder Hafermilch)

Das Wasser in einen Topf giessen und das Kurkuma-Pulver hinzugeben. Ein daumengroßes Stück frischen Ingwer schälen und auf einer Reibe kleinreiben. Dann ebenfalls in den Topf geben. Nun die Prise Muskatnuss beimengen und alles unter Rühren langsam für etwa zehn Minuten aufkochen lassen. Die entstandene leicht flüssige Paste am besten in einem Einmachglas lagern.
Jetzt die Pflanzenmilch erwärmen und je nach Geschmack von der Paste einrühren. Zuletzt noch das Kokosöl, den Zimt und Pfeffer hinzugeben. In einer Tasse unter ständigem Rühren (da sich ansonsten die festen Inhaltsstoffe absetzen) geniessen.

.) Indisches Lebenswasser

Zutaten:
1 Kurkuma-Wurzel
1 Ingwer-Wurzel
1 Petersil-Wurzel
1/2 l Wasser
Kokosnusswasser

Die Wurzeln schälen und einzeln reiben. Jeweils einen Esslöffel der Wurzeln in rund einen halben Liter Wasser geben und gut 30 Minuten kochen. Durch ein Sieb giessen und mit Kokosnusswasser (je nach Geschmack) aufgiessen.

Links:

- www.kurkuma-superfood.info/
- www.kurkuma-wirkung.de
- ddz.uni-duesseldorf.de
- www.heilpflanzen-welt.de
- www.zentrum-der-gesundheit.de
- www.menschtierumwelt.com
- www.phcog.com
- www.sciencedaily.com
- onlinelibrary.wiley.com
- www.lifeextension.com
- academic.oup.com/journals

Lesetipps:

.) Kurkuma: Die heilende Kraft der Zauberknolle; Klaus Oberbeil; Heyne Verlag 2012
.) Wunderwurzel Kurkuma; Dr. Jörg Conradi; Kopp Verlag 2015
.) Kurkuma: Entzündungshemmer, Zellschutz, Schlankmacher; Bettina-Nicola Lindner; VAK 2015
.) Kurkuma: Das Wundergewürz mit Heilwirkung (Superfood, Entgiftung, Gewürz / WISSEN KOMPAKT); Michael Iatroudakis; Kindle Edition
.) Kurkuma: Rundum gesund mit goldgelben Wohlfühlrezepten; Christina Wiedemann; GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH 2017
.) Koch mit – Kurkuma; Sabrina Sue Daniels; Edition Michael Fischer 2017

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