Venezuela – Es ist fünf nach zwölf

“Das Land ist unregierbar.”
(Luis Salamanca, Politikwissenschaftler)

Erlauben Sie mir zu Beginn dieser heutigen Zeilen bitte einen kurzen Blick zurück in alte glorreiche Zeiten. Viele möchten es ja nicht glauben: Aber – auch ich war einmal ein Kind! Eine unserer Lieblingsbeschäftigungen damals war es, auf dem Fahrrad Rennen zu fahren. Während sich meine Kumpels irgendwelche Formel I-Fahrer auswählten, war mein Favorit Johnny Cecotto! Zu jenen Zeiten wusste ich noch nicht wirklich, wo denn sein Herkunftsland lag, geschweige denn, dass ich es richtig aussprechen konnte: Venezuela! Und damit nun zum Thema.
Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Wochenende wurde in diesem südamerikanichen Land der Ausnahmezustand verhängt, das österreichische Aussenministerium und das Auswärtige Amt in Bonn haben eine partielle Reisewarnung ausgesprochen. Was ist nur aus diesem herrlichen und einstmals so reichen Land geworden!? Venezuela verzeichnet eine der höchsten Mordraten weltweit, Caracas ist seit einiger Zeit eine der gefährlichsten Hauptstädte der Welt! Raubüberfälle, Bestechungsgelder, Entführungen, Piraterie, Morde – es sind verheerende Bilder, die sich jeden Tag einem Besucher auftun. Auch auf der Autobahn oder gar im Flughafengebäude selbst ist niemand sicher. Der Internationale Währungsfonds spricht von einer Wirtschaftskraft von minus 15 % und einer Inflationsrate von 13.800 %. 20.000 VEF (Bolivar Fuerte) können pro Tag an Banknoten aus den Geldautomaten gezogen oder per Scheck ausbezahlt werden – eine kleine Flasche Mineralwasser kostet im Vergleich dazu 65.000 VEF! Die Pro-Kopf-Kaufkraft entspricht jener von Swasiland. Im Index der wirtschaftlichen Freiheit belegt das Land von 180 Staaten dieser Erde Platz 179. Kappen die Russen die Kredite, ist Schicht im Schacht. China hat dies bereits getan. Ich denke, das sagt alles über die derzeitige Situation vorort aus. Das Trinkwasser muss vor dem Konsum abgekocht werden – Stromausfälle gehören mehrfach am Tag zu den Herausforderungen. Bis zu vier Millionen Einwohner sollen Venezuela bereits verlassen haben. Auch übrigens die Kollegen von der ARD – sie berichten aus Mexico-Stadt.
Dabei verfügt das Land die grössten Erdölvorkommen weltweit! Noch im Dezember 2012 bezeichneten sich die meisten Einwohner im Rahmen einer Gallup-Umfrage als die glücklichsten Menschen der Welt. Das Land besitzt einen der höchsten Anteile an Naturschutzgebieten Südamerikas, die indigenen Volker werden als “Kultureller Reichtum der Nation und der Menschheit” respektiert. Ein Gefolgsmann des ehemaligen Präsidenten Chavez und jetziger Kritiker des wiedergewählten Präsidenten Maduro meint, dass in den letzten 15 Jahren nicht weniger als 500 Milliarden US-Dollar in’s Ausland geschafft wurden.
Christoph Kolumbus betrat an der Mündung des Orinocos in Venezuela bei seiner dritten Reise 1498 erstmals amerikanisches Festland. Am 05. Juli 1811 erklärte sich die spanische Kolonie für unabhängig, doch erst 1821 gelang es unter Simon Bolivar als Folge der Unabhängigkeitskriege tatsächlich die Autonomie zu erlangen. Allerdings sollte es bis zum 14. Dezember 1947 dauern, als mit Rómulo Gallegos der erste tatsächlich durch das Volk gewählte Präsident als Sieger aus der Wahl hervorging. Schon 1948 putschte das Militär, danach übernahm der Diktator Marcos Pérez Jiménez. Erst nach seinem Sturz im Jahre 1958 wurde das Land eine Demokratie. Vor allem unter Präsident Carlos Andrés Pérez (1974–1979) stieg Venezuela zu einem der führenden erdölexportierenden Länder auf. Der wirtschaftliche Fall begann allerdings 1983, als der Ölpreis zum ersten Mal einknickte. Zu diesem Zeitpunkt gab es am Orinoco keinen weiteren gut entwickelten Wirtschaftszweig, weshalb Schulden angehäuft wurden. Es folgten Einsparungsmassnahmen, Aufstände und landesweite Hungerrevolten. Zwar gelang es dem wiedergewählten Perez das Land politisch zu stabilisieren, die wirtschaftlichen Probleme aber konnte auch er nicht mehr bewältigen. Am 6. Dezember 1998 wurde Hugo Chávez Regierungschef. Sechs Jahre zuvor hatte dieser schon einmal gegen Perez geputscht, blieb damals aber erfolglos. Chávez leitete die bolivarische Revolution ein. Dabei erklärte er der Korruption den Kampf, versuchte die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Landes wieder herzustellen und änderte auch das politische System in ein direkt-demokratisches Partizipationsmodell. Demnach können sowohl die Parlamentsab-geordneten als auch der Präsident nach der Hälfte der Amtszeit durch ein Referendum abberufen werden – Neuwahlen müssen folgen. 2002 kam es zu einem ersten Putschversuch unter Beteiligung hochrangiger Militärs. Zudem ein durch die Gewerkschaft nicht anerkannter Streik der Angestellten des mittleren Managements beim staatlichen Ölkonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA). Nachdem die Opposition 2,5 Millionen Unterschriften gesammelt hatte, stellte sich Chávez 2004 einem Referendum, das er mit 59,25 % für sich entscheiden konnte. Auch eine erneute Stimmenauszähluung unter internationaler Beobachtung erbrachte kein anderes Ergebnis, nachdem die Opposition dem Präsidenten Wahlbetrug vorgeworfen hatte. Am 03. Dezember 2006 wurde er bei der Präsidentschaftswahl erneut mit 62,89 Prozent im Amt bestätigt. Selbiges am 7. Oktober 2012. Während dieser Amtszeit jedoch verstarb Hugo Chávez am 5. März 2013. Ihm folgte Nicolás Maduro nach. Seine Kritiker und unabhängige Beobachter bezeichnen ihn als Auto-kraten, da unter seiner Führung ständig demokratische Prinzipien gebrochen werden – Einschränkungen bei der Gewaltenteilung etwa; auch fanden bis zum 20. Mai nicht immer wirklich freie Wahlen statt. So etwa am 14. April 2013. Diesen Urnengang gewann Maduro denkbar knapp mit 50,78 %. Das Parlament liess er durch den Obersten Gerichtshof entmachten, Opositionspolitiker wurden inhaftiert. Im Februar 2014 startete die Protestwelle gegen den Präsidenten, die nach wie vor anhält. Sie forderte bereits hunderte Tote, tausende Verletzte und tausende Festnahmen. Die hohe Inflation, Korruption und Kriminalität versetzen das Land seit dem Tod Chávez wieder in die Vergangenheit zurück. 2014 warf Maduro den USA vor, die Ölpreise künstlich niedrig zu halten. Er brach die diplomatischen Beziehungen mit Obama-Amerika aber auch Europa ab. Die USA haben jedoch bis 2017 auch weiterhin rund 50 % der Erdölproduktion des Landes abgenommen. Jetzt wurden die Bürger der USA von Washington aufgefordert, mit den Militärs aus dem südameri-kanischen Land keine Geschäfte mehr zu machen. 2015 schob Maduro den Schwarzen Peter für die prekäre Lage der rechtsextremen Opposition zu. Bei den Parlamentswahlen 2015 erklärte der dem Präsidenten hörige Oberste Gerichtshof die Wahl von vier Politikern (drei davon aus den Reihen der Opposition) für ungültig. Damit verlor das siegreiche Oppositionsbündnis auch die Zweidrittel-Mehrheit. Lebensmittel wurden knapp, Medikamente gingen aus. Im Juli 2016 übernahm praktisch das Militär die Regentschaft, nachdem das Land zu kollabieren drohte. Maduro und sein Verteidigungsminister Vladimir Padrino López übernahmen “das vollständige Kommando über die Versorgung des Landes”. Die Opposition hatte bereits im April innerhalb von nur zwei Tagen 1,5 Millionen Unterschriften für ein Abberufungs-Referendum gesammelt. Durch politische Schachzüge der Regierung wurde das Ergebnis des Referendums bis zum Oktober hinausgezögert. Dadurch kam es zu einer Terminüberschreitung, weshalb es nicht anerkannt wurde. Ein zweites Referendum im Februar 2017 wurde abgesagt. Inzwischen versuchte auch der Vatikan zwischen den verhärteten Fronten zu vermitteln. Ergebnislos. Nachdem am 09. Januar 2017 das Parlament den Präsidenten nach Artikel 233 der Verfassung als abgesetzt erklärte, da er sein Amt nicht ausführe, hob der Oberste Gerichtshof die Immunität der Abgeordneten im März auf, löste das Parlament auf und übertrug ale Kompetenzen auf sich selbst. Auch wenn dieser Schritt kurze Zeit später aufgrund des internationalen Drucks wieder rückgängig gemacht wurde, blieb die auf den Präsidenten übertragene Macht bestehen.
Inzwischen wurde nicht nur das Militär verstärkt (1993 noch 50 Generäle, 2016 4.000), sondern auch die paramilitärischen Milizen Colectivos, die Chávez damals eingerichtet hatte. Maduro wollte sie auf eine Stärke von 500.000 Mitgliedern aufstocken (ursprünglich 100.000). Sie sind es auch, die immer wieder Demonstrationen blutig auflösen. Das Militär ist nach gezielten Säuberungsaktionen von Chávez sowie der machtpolitischen Einbindung in die Wirtschaft der Regierung durchaus loyal. Chavez war es auch, der bereits fleissig bei den Russen einkaufte: AK-Sturmgewehre, Kampfpanzer, U-Boote, Hubschrauber und MIG-Kampfbomber.

” Wir fordern die Sicherheitskräfte dazu auf, umzukehren und sich auf die Seite der Menschenrechte zu stellen!”
(Bischof Mario Moronta 2017)

Im Sommer letzten Jahres nun liess Maduro gegen die bestehende Verfassung eine “Verfassungsgebende Versammlung” wählen. Auch Beobachter aus dem Ausland sprachen von eindeutiger Wahlverschiebung durch alle möglichen Manipulationen. Die Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Díaz, die Ermittlungen wegen Wahlbetruges einleiten wollte, wurde kurzfristig entlassen, die Gerichtsbarkeit auf Militärgerichte über-tragen. Vor den Gouverneurswahlen im Oktober 2017 liess der Präsident zahlreiche aussichtsreiche Kandidaten der Opposition verhaften. Nur fünf Bezirke gingen deshalb an die Opposition. Einer dieser fünf Gewählten weigerte sich, den Eid auf die “Verfassungsgebende Versammlung” abzugeben – er wurde sofort entmachtet.
Nachdem sich inzwischen China als Investor zurückgezogen hat und nurmehr Russland übrig geblieben ist, gibt es nicht mal mehr Geld für die Grundnahrungsmittel. 1,3 Millionen Menschen waren 2017 unterernährt, fünf von sechs Kinder sterben pro Woche wegen Mangelernährung. Soweit der Bericht des UN-Hochkommissariates für Menschenrechte vom Februar 2018. Die meisten Menschen ernähren sich inzwischen in den sog. “Volksküchen”, ihre Kinder werden in der Schule versorgt. Wenn sich nicht rasch etwas ändert, bekommen die Armenhäuser auf der Weltkarte wohl Zuwachs.

“Dieses Volk leidet Hunger, aber es bleibt loyal!”
(Fernando C. aus Caracas)

Die Präsidentenwahlen wurden absichtlich auf den 20. Mai vorgeschoben, da sich die Opposition nach den zuletzt stattgefundenen Bürgermeister-wahlen neu registrieren muss. Hier erwartete man sich grosse Vorteile für den regierenden Maduro. Die Wahl selbst glich einer Farce. Auf Amtsinhaber Maduro sollen nach seinen Angaben 5,8 Mio Stimmen entfallen sein, auf den einzigen Gegenkandidaten Henri Falcón 1,8 Mio. Maduro spricht von einem “Sieg des Volkes”! Schon zuvor hatten die USA, die EU und auch andere lateinamerikanische Staaten erklärt, die Wahl nicht anerkennen zu wollen. Das wichtigste Oppositionsbündnis MUD schloss sich dem an und verweigerte den Urnengang, die Wahlbeteiligung lag bei 46,1 % – nach offiziellen Angaben, die Opposition spricht von weniger als 30 %). Allgemein wird nicht nur von Unregelmässigkeiten bei dieser Wahl gesprochen. Wahlbeobachter waren nicht zugelassen, tausende Personalausweise gefälscht, damit mehrfach gewählt werden konnte, Wähler sollen unter Druck gesetzt worden sein, Betrügereien an der Tagesordnung. So hatte der Präsidentenpalast beispielsweise direkten Zugriff auf das elektronische Wahlsystem, das – nachdem Grossbritannien wegen Manipulationen ausgestiegen ist – von einer dubiosen Firma aus Argentinien geliefert wurde. Das Oppositionsbündnis boykottierte die Wahl, Oppositionellen wurde das passive Wahlrecht entzogen (etwa Henrique Capriles), sie wurden unter Hausarrest gestellt oder wie Leopoldo López inhaftiert. Zudem erhielten die Maduro-Wähler direkt vor dem oder gar im Wahllokal sog. “Vaterlandsausweise”, die ihnen alle paar Wochen ein Lebensmittelpaket ermöglichen.

“Wieder haben wir gesiegt, wieder triumphieren wir. Wir sind die Kraft der Geschichte. Mit allen Herausforderungen.”
(Nicolás Maduro 2018 bei seiner Siegesrede)

Maduro kämpft – wie er selbst immer wieder betont – für die “Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerikas”, einem vereinten sozialistischen Lateinamerika mit Venezuela als Vorreiter und möglicherweise ihm als obersten Diktator-Präsidenten. Länder wie Kuba, Nicaragua oder Bolivien sind auf das Billig-Erdöl aus Venezuela angewiesen und dem Bündnis beigetreten. Im August 2017 distanzierten sich hingegen 17 amerikanische Regierungen von Maduro. Auch wenn er den US-Präsidenten Trump nun beschimpft wie ein Rohrspatz und ihn für die Probleme im Land verantwortlich macht, so kann Maduro nicht leugnen, dass der staatliche venezolanische Raffineriekonzern Citgo für die Amtseinführung des Herrn Trump im Jahre 2016 500.000 Dollar gespendet hat.
2010 – noch während der Amtszeit von Hugo Chávez – lag Venezuela im Korruptionswahrnehmungsindex (CPI) der Transparency International an Position 164 (von 178 überprüften Ländern). Trotz des selbsternannten Korruptionswächter Chávez war Venezuela somit das korrupteste Land Nord-, Mittel- und Südamerikas! 2016 wurde gar nur der 166. Platz belegt.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Cecotto war 350ccm-Motorradweltmeister, er wechselte dann auf vier Räder in den Touren-wagenzirkus und fuhr auch hier unzählige Erfolge ein.

Filmtipps:

- El Sistema – Dokumentarfilm von Paul Smaczny und Maria Stodtmeier 2009

Lesetipps:

.) Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas; Michael Zeuske; Rotpunktverlag 2008
.) Medien und Demokratie in Lateinamerika – Rosa- Luxemburg-Stiftung Manuskripte 95; Hrsg: Hanno Bruchmann u. a.; Karl Dietz Verlag Berlin 2012
.) Venezuela as an Exporter of 4th Generation Warfare Instability; Max G. Manwaring; Verlag Lulu.com 2013
.) Vom Orinoco zu den Anden (Humboldt-Gedächtnis-Expedition 1958); Karl Mägdefrau; Buchdruckerei Gebr. Fretz 1960

Links:

- www.gobiernoenlinea.ve
- www.presidencia.gob.ve
- www.botschaft-venezuela.de
- www.monedasdevenezuela.net
- www.portalcomunicacion.com
- www.guia.com.ve
- www.cia.gov
- amerika21.de
- www.eluniversal.com
- venezuelanalysis.com
- latina-press.com
- www.transparency.org
- www.imf.org
- www.unodc.org
- www.heritage.org

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Werte Spammer!

Habe soeben 1.100 Spams aus meinem Blog gelöscht – seit Februar von nur 2 IP-Adressen!
Beide wurden zur Anzeige gebracht. Ich werde ab sofort jede Woche die zwei grössten Spam-Versender melden! Habe sinnvolleres zu tun, als Spams löschen zu müssen!!!
Vielen Dank für Ihr Verständnis!

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Superfood – wirklich so super???


“Lass die Nahrung deine Medizin sein und Medizin deine Nahrung.”

(Hippokrates von Kos, 460 bis 370 v. Chr.)

Das Leben eines jeden Einzelnen ist ständigen Trends unterworfen oder zumindest ausgesetzt. Die Einen machen sie mit, die Anderen interessieren sich weniger dafür. Daß aber hinter den meisten dieser Must-Dos eine Geschäftemacherei steckt, das ist wohl den wenigsten bewusst. Aktuell gibt es nahezu keine Küche ohne die vielgerühmten „Superfoods“. Listige Marketing-Experten versuchen damit, die Ernährungsgewohnheiten der Europäer und Nordamerikaner komplett umzukrempeln. Bei vielen Konsumenten reicht hierfür bereits das Wort “Gesundheit”. Ergo: In jeder Werbung sind diese angeblichen gesundheitsfördernden Phrasen enthalten. Teils gar in Verbindung mit wissenschaftlichen Studien. Mag ja durchaus der Fall sein, dass derartige Untersuchungen durchgeführt wurden: An Tieren, unter Labor-bedingungen, mit sehr hohen Dosen, möglicherweise auch an Menschen. Niemand will bestreiten, dass so manches eine positive Wirkung auf den Menschen ausübt. Ich möchte ja keine Spass-Bremse sein. So schreibt etwa das Europäische Informationszentrum für Lebensmittel:

“…und obwohl wissenschaftliche Studien oft positive gesundheitliche Wirkungen ergeben, lassen sich die Resultate nicht unbedingt auf die reale Ernährung übertragen.”

Man weiss also nichts genaues. Zudem ist eine derartige Bewerbung mit den sog. „Health-Claims“ an ein an sich recht genaues Überprüfungs- und Zulassungsverfahren gekoppelt (Health Claims-Verordnung der EU). Muss es jedoch sein, dass diese Ernährungsergänzungen eigens aus Asien, Südamerika oder auch Afrika über tausende Kilometer angekarrt werden, wenn dieser Effekt ganz einfach auch mit heimischem Obst, Gemüse oder Kräutern erzielt werden kann??? Wir nehmen den Ländern der Dritten Welt also nicht nur deren Wasser sondern auch deren Nahrung!`Deshalb möchte ich dem Ganzen in diesen heutigen Zeilen auf den Grund gehen und einen Vergleich mit heimischen Produkten anstellen. Sie werden überrascht sein, wie gesund unsere land-wirtschaftlichen Produkte sein können.

https://www.youtube.com/watch?v=LQPzMZeAvqM

Mexiko ist den meisten Menschen wohl aufgrund des Tequila und Mezcal vertraut – anderen auch als Drogenparadies. Bei den Superfoods geht es jedoch vornehmlich um die Chiasamen. Sie besitzen einen hohen Ballaststoffgehalt, mehrfach ungesättigte Fettsäuren (darunter Omega-3-Fettsäuren) und Proteine, Kalzium, Zink und Eisen. Veganer verwenden die Chiasamen anstelle der Eier als Bindemittel. Das kann selbst-verständlich positive Auswirkungen auf die Verdauung und damit den Magen-Darm-Trakt haben. Denselben Effekt erzielen Sie jedoch mit dem heimischen Leinsamen oder Hanfsamen (reich an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren)! Zudem ist der Hanf hypoallergen sowie nuss- und glutenfrei!
Das Anti-Aging-Mittel schlechthin soll jedoch die Goji-Beere sein. Die Chinesen verehren sie als “Beere des Lebens”. Neben Vitaminen und Mineralstoffen besitzt sie einen hohen Anteil an Antioxidantien. Sie regen die Produktion von Cholin an oder binden selbst die freien Radikale im Körper, die für viele Krankheiten verantwortlich gemacht werden. Zudem beinhalten sie nicht weniger als 19 Aminosäuren, davon sind zehn essenziell. Die Werbung preist die Goji-Beeren als “Königin der Superfoods” an. All das ist jedoch durchaus in vielen Früchten der heimischen Obstbäume zu finden – oder auch im Gemeinen Bocksdorn! Untersuchungen der Universität Granada haben dies wissenschaftlich bestätigt. Weintrauben mit Kernen haben übrigens denselben Effekt. In den Kernen finden sich die sog. “Oligomere Proanthocyanidine (OPC)”, die Haut und Gewebe reparieren, das Haarwachstum anregen, die Augen pflegen und gegen Krebs helfen.
Ein Name, der im Zusammenhang mit den Superfoods ebenso immer wieder fällt, ist die Açai-Beere. Obgleich – wie bereits beschrieben – die wirklich gesundheitsfördernde Wirkung noch gar nicht wirklich nachgewiesen wurde. Diese Beere ist reich an Antioxidantien, die ja gemein hin als Allheilmittel für alle möglichen Gebrechen und v.a. dem Krebs eingesetzt werden. Auch durch ihren hohen Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen und essenziellen Fettsäuren (wie auch Omega-3-Fettsäuren) sollen diese Beeren als Turbo-Booster für die Leistungsfähigkeit gelten. Denselbe Zweck jedoch erfüllt eine ganz spezielle heimische Beere: Die Heidelbeere! Auch sie besitzt einen sehr hohen Anteil an Antioxidantien, die etwa im Einsatz gegen den Gedächtnisschwund im Alter beachtenswerte Erfolge vorweisen können. Zudem besticht sie durch eine hohe Konzentration an Anthocyanen, die, wissenschaftlich erwiesen, das Wachstum krebsartiger Zellen im Dickdarm nicht nur unterbinden, sondern diese Zellen gar in den Selbstmord zwingen können. Auch die bereits von heimischen Anbietern gezüchteten Shiitake-Pilze gelten als Krebskiller schlechthin. In Japan wird der Pilz als “König der Heilpilze” verehrt.
Das Triumvirat der Super-Strauch-Früchtchen macht die Aronia-Beere voll. Ihre Vorteile: Viele Vitamine (wie etwa die komplette B-Palette), jede Menge Mineralstoffe und Polyphenole, die ebenso als Antioxidantien wirken. Die Aronia-Beere soll v.a. die Durchblutung und das Immunsystem anregen. Übrigens bindet auch die Tomate die Freien Radikalen und macht dazu noch glücklich, da sie mit der Aminosäure “Tryptophan” aufwarten kann, dem Grundbaustein des Serotonins.
Bereits die alten Inkas sollen die Wirkung der Yakon (Inkawurzel) gekannt haben. Ihr Vorteil: Inulin! Das unverdauliche Kohlenhydrat regt die Produktion guter Darmbakterien an und unterstützt dadurch den Stoffwechsel. Besonders die Knollen werden vornehmlich in der japanischen Diätküche verwendet, die Stengel als Gemüse verzehrt. Wer es hingegen lieber etwas rustikaler mag, kann ebenso auf Sauerkraut zurückgreifen. Roh gegessen beinhaltet es grosse Mengen an probiotischen Kulturen, die bereits im Magen wirken: So mag beispielsweise der Erreger der Magengeschwüre oder Magenschleim-hautentzündungen Heliobacter pylori kein Sauerkraut. Ist es im Darm angelangt, so unterstützt es die Darmflora; die Darmschleimhaut kann sich regenerieren, das freut auch das Immunsystem.
Apropos Inkas: Sie griffen bei Libido-Problemen gerne nach der Maca-Knolle. Aber auch Sportlern ist die Maca-Knolle durchaus bekannt, soll sie doch eine Leistungssteigerung unterstützen. Verantwortlich dafür zeichnen die über 60 Vitalstoffe wie Proteine, Omega-3-Fettsäuren und natürlich die Antioxidantien. Hinzu gesellen sich Sterole. Diese gleichen dem Hormon Testosteron. Die meisten dieser Öle und Vitamine sind jedoch auch in der Artischocke, dem Kürbis, Spargel und nicht zuletzt dem Rettich enthalten. Außerdem werden die Mandeln immer wieder unterschätzt. Neben ihren ungesättigten Fettsäuren sind sie reich an Ballaststpffen und prebiotischen Wirkstoffen, die v.a. dem Darm zugute kommen. Die Mandel wirkt ferner gegen zu hohen Blutdruck und gleicht den Blutzuckerspiegel aus.
Viele dieser positiven Eigenschaften vereint alsdann der ostasiatische Ingwer – über ihn allerdings habe ich an dieser Stelle schon ausführlich informiert.
Kakao! Viele kennen ihn vornehmlich als Glücklichmacher, als wichtigen Bestandteil der Schokolade. Die Kakaobohne ist zudem bekannt für ihren hohen Gehalt an Flavinoiden. Diese senken den Blutdruck und können somit die Gefahr einer Herzerkrankung senken. Wissenschaftler allerdings warnen, dass ein regelmäßiger bzw. sehr hoher Konsum von Kakao geschehen muss, damit dieser Effekt tatsächlich eintritt. Dabei jedoch kommt es zu einer Überdosierung anderer Nährstoffe, die nicht mehr gesund ist. Es nutzt also nicht viel, wenn Sie täglich drei Tafeln Schokolade essen. Sie werden es einerseits an Ihrem Gewicht merken, andererseits steigt auch das Risiko an Diabetes zu erkranken. Und zudem gilt: Je frischer und unbehandelter die Kakaofrucht ist, desto mehr dieser angesprochenen Inhaltsstoffe besitzt sie. Biele gehen durch die Rüstung verloren.
Und schliesslich gibt es noch das Moringa-Pulver. Gewonnen wird es auch dem nordindischen Meerettichbaum (Moringa oleifera – Baum der Unsterblichkeit), der jedoch inzwischen auch in Afrika und Lateinamerika wächst. Er gilt gemeinhin als nährstoffreichster Baum, weshalb er sich großer weltweiter Beliebtheit erfreut. In den Entwicklungsländern gelangt er deshalb im Kampf gegen die Unterernährung zum Einsatz. Dies wurde im Rahmen einer Ernährungsstudie der Organisationen Church World Service und AGADA im Jahre 1997 im Senegal ausgetestet. Nach alter indischer Überlieferung soll der Moringabaum mehr als 300 Krankheiten heilen können. Hierzulande wird das Pulver zumeist als Nahrungsmittel-Ergänzung vertrieben, beworben wird dabei vornehmlich das Antioxidans bzw. Wachstumshormon Zeatin. Es soll bei der Hautregeneration helfen und dadurch den Alterungsprozess verlangsamen. Allerdings: Ein überdurchschnittlich positiver, ernährungswissenschaftlicher Effekt konnte nicht nachgewiesen werden. Zudem fanden Lebensmittelchemiker Pestizid-Rückstände und mikrobiologische Erreger. Die Werbung vergleicht gerade in diesem Fall gerne Äpfel mit Birnen, wenn sie einen wesentlich höheren Kalium-, Eisen-, Kalzium- und etwa auch Betakarotin-gehalt in’s Spiel bringt. Der Apfel ist hierbei das Pulver, die Birnen frische Lebensmittel wie Milch, Bananen etc. Würde man diese Lebensmittel ebenfalls in Pulverform zu sich nehmen, wäre das Verhältnis mehr als ausgeglichen. Ein Beispiel gefällig? Unser Körper produziert aus Betakarotin das v.a. für die Augen und Schleimhäute so wichtige Vitamin A. Der Tagesbedarf an Betakarotin ist mit bereits 100 g Karotten gedeckt (1.700 mg). Korrekt ist, dass in den frischen Moringa-Blättern der vierfache Gehalt an Vitamin A enthalten ist; im Pulver jedoch nur knapp mehr als das Doppelte. Isst man somit anstelle von nur 100 g Karotten die doppelte Menge oder mehr, so sind auch diese Werte ausgeglichen. Das aber ist nicht mal notwendig, da die Tagesdosis an Moringapulver gerade mal 10 g ausmachen sollte – das sind alsdann 360 mg Vitamin A! Und im Vergleich dazu kosten 100 g Moringapulver bis zu 22 Euro. Da sind mir doch die Karotten des Gemüsebauern meines Vertrauens wesentlich lieber. Im Karottenpulver wären – so die Aussage der Wissen-schaftler – 16.000 mg Vitamin A auf 100 g des Pulvers enthalten! Eine reine Augenauswischerei! Mit den anderen Mineralstoffen und dem Vitamin C verhält es sich ebenso! Einzig der hohe Vitamin B2- und E-Gehalt macht das Pulver interessant. Während Vitamin E durch Weizenkeimöl mehr als ausgeglichen werden kann, siegt Moringa beim B2 tatsächlich. Aber auch das kann andersweitig wesentlich günstiger aufgenommen werden. Ebenso die für das Abwehrsystem so wichtigen Senfölgylkoside – die essen Sie völlig unbewusst mit dem Senf oder Meerrettich! Ernährungswissenschaftler empfehlen somit frisches heimische Gemüse oder wenn es denn sein muss: Gersten- oder Weizengraspulver anstelle des Moringapulvers.
Ähnliches gilt übrigens auch für den afrikanischen Affenbrotbaum (Baobab). Seine Früchte, Blätter und Samen sollen die Heilung bei Infektionskrankheiten unterstützen, die Produktion von Endorphinen anregen und gegen Heisshunger helfen.
Selbstverständlich gibt es auch angebliche Superfood aus dem Wasser: Die Spirulina-Alge! Bereits die Azteken hielten grosse Stücke von ihr. Auch bei dieser Alge ist es der grosse Nährwert, die vielen Enzyme und anderen Vitalstoffe, ihr hoher Chlorophyllgehalt und ihre basische Wirkung auf den menschlichen Körper – das alles soll die Selbst-heilungskräfte des Körpers ankurbeln. Mit einem Proteingehalt von 60 bis 70 Prozent ist die Spirulina-Alge eine der wohl eiweisshaltigsten Lebensmittel. Eine Studie des Osaka Center for Cancer and Cardiovascular Diseases in Japan zeigte zudem eine vermehrte Tätigkeit der Fresszellen (Makrophagen bzw. T- und B-Zellen) nach dem Konsum der Alge. Diese Fresszellen gelten als die erste Notmassnahme des Körpers beim Eintritt von nicht wirklich erwünschten Mikroorganismen, wie auch Infektions-bakterien. Die Viren, die zumeist durch die Makrophagen nicht abgetötet werden können, bleiben an den Kaliumsalzen der Spirulina kleben, sodass sie nicht mehr in die Zellen eindringen können. Dann erst kommen die Fresszellen wieder in’s Spiel. Aufgrund dieser Studie konnte eine positive Wirkung gegen Herpes Simplex-Viren, Cytomegalie-Viren, Influenza A-Viren, Mumps-Viren sowie Masern-Viren nachgewiesen werden. In einer weiteren Studie an HIV-Patienten aus dem Jahr 2012 wurde eine Besserung der Lebensqualität dieser Menschen erzielt. Die Viren vermehrten sich nicht weiter – ihre Anzahl im Blut blieb während der Testphase von drei Monaten stabil. Eine Besserung bei Allergiepatienten (Rhinitis, Heuschnupfen, Hautallergien) konnte ebenfalls in einer Studie aus dem Jahre 2005 nachgewiesen werden. Auf Histamin wirkt die Alge zudem hemmend. Bei Diabetikern (Diabetes Typ-2) wurde eine Senkung der Blutzuckerwerte und ganz allgemein auch des Cholesterin-LDL-Wertes bei gleichzeitigem Anstieg des HDL-Wertes bemerkt. Dies liegt v.a. am Phycocyanin, einem Pigment der Alge, das im menschlichen Körper als Antioxidans wirkt. Es steigert zudem den Adiponektin-Spiegel, sodass der Patient weniger Hunger verspürt. Zudem ist die Spirulina reich an Vitamin C, E, Selen und schliesslich Chlorophyll, das aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung mit dem Hämoglobin verglichen werden kann. Ausserdem wirkt es antikarzinogen, da es Enzymkomplexe blockiert, die für Zellveränderungen verantwortlich sind und die Anzahl von Aflatoxine (stark krebserregende Gifte des Schimmelpilzes) senkt. Das Chlorophyll regt ferner die Produktion des Hämoglobins an, sodass mehr Sauerstoff im Blut transportiert werden kann, ein nicht unwesentlicher Pluspunkt für den Stoffwechsel. Und – als ob dies nicht schon alles gewesen wäre: Der hohe Anteil der Aminosäure L-Tryptophan regt die Produktion der Neurotransmitter Melatonin und Serotonin an, wodurch der Wohlfühlfaktor und das Denkvermögen gesteigert werden kann. An letzterem ist auch die Glutaminsäure beteiligt. Die Tagesdosis liegt bei 3-4 g, sofern die Spirulina zur Vorbeugung eingenommen wird. Bei Patienten, die blutverdünnende Medikamente einnehmen müssen, sollte zuvor der Hausarzt befragt werden. Ein enormer Vorteil der Spirulina-Alge liegt auch darin, dass pro angebauter Fläche wesentlich mehr Nahrung als bei einem anderen Lebensmittel produziert werden kann. Damit könnte die Spirulina-Alge tatsächlich das einzige Superfood sein!
Ähnliches übrigens ist auch von der Mikroalge Chlorella zu erfahren. Sie besticht allerdings durch ihren unschlagbar hohen Chlorophyllgehalt.
Der Vollständigkeit halber zu erwähnen:
- Der Granatapfel – Reich an den Vitaminen C und K, an Folsäure und Kalium. Das fördert vornehmlich die Durchblutung und den Blutzuckergehalt. Die enthaltenenn Polyphenole hemmen die Metastasen-bildung von Krebserkrankungen, die hormonwirksamen Stoffe aus den Ölen können Beschwerden während der Wechseljahre lindern. Aber – er sorgt sich auch um Ihr Blut. So wirkt er blutdrucksenkend und gleicht zu hohe schädliche Cholesterinwerte aus. Ja, er kann sogar Ablagerungen in den Blutgefässen (Arteriosklerose) reduzieren. Essen oder trinken Sie den Granatapfel stets mit Datteln gemeinsam – das potenziert nochmals dessen Wirkung. Keiner dieser Paradiesäpfel zur Hand? Macht nichts – es helfen auch Knoblauch, Weissdorn, die Shiitake-Pilze, Chili oder Kurkuma.
- Papayakerne – Neben dem Schutz von bakteriellen Infektionen oder Parasiten helfen sie zudem bei der Entgiftung der Leber. Zweiteres kann aber ebenfalls durch Löwenzahn, die Artischocke oder die Mariendistel erzielt werden.
- Physalis – Durch den hohen Eisen- und Phosphorgehalt gilt dieses Nachschattengewächs als wichtiger Lieferant des Provitamins A. Es wird somit bei Harnwegserkrankungen, Gicht und bei Immunerkrankungen empfohlen. Zudem kann es durch den Wirkstoff Melatonin bei Schlaf-störungen eingesetzt werden. Viele dieser Effekte liefern allerdings auch nachgewiesenermaßen die heimischen Kürbiskerne.
- Acerola-Kirsche – Sie ist reich an Vitamin C, Eiweißen, Magnesium und Kalzium. Das kann beim Zellschutz und in Stresssituationen helfen. Wahre Vitamin C-Bomben sind jedoch auch die Hagebutte und der Sanddorn aus dem heimischen Garten.
- Die Avocado – Obwohl sie zu über 20 % aus Fett besteht, beeinflusst sie nicht den Cholesterinspiegel oder das Gewicht. Sie wird deshalb gerne bei Herz-Kreislauf-Problemen, Osteoporose oder Entzündungen und Krebs verwendet.

https://www.youtube.com/watch?v=FEkwK3Lxdf8

Zusammenfassend gehört somit betont: Durch die Verwendung von Brokkoli, Kraut, Spinat, Kohl, Kren und beispielsweise auch Buchweizen lässt es sich wesentlich gesünder (da frischer) leben als durch das Schlucken dieser exotischen Superfoods. Wenn Sie dann noch die Früchte der Saison verwenden (“Iss den Regenbogen!” – wie Brennesseln, Bärlauch, Löwenzahn, Oregano…), sind Sie immer gut versorgt mit dem, was Ihr Körper gerade benötigt. Zudem werden die Transportwege klein gehalten und die regionale Bauernschaft unterstützt! Wenn Sie dennoch auf Superfood zurückgreifen, so sollten Sie sich zuvor genau bei Ihrem Arzt, einem Ernährungsberater oder im Internet neutral erkundigen, da jeder Hersteller seine Nahrungsergänzung als die Beste bezeichnet. Während der eine in höchsten Tönen von Moringa spricht, ist der andere vom Gerstengras überzeugt. Auch die relativ neue “GoGreen-Überzeugung” ist sicherlich nicht als nachteilig anzusehen, da durch das Chlorophyll viele positive Effekte erzielt werden können, wie Sie ja inzwischen gelesen haben. Und eines sollten Sie nicht vergessen: Superfood wird nur dann Superfood, wenn es in großen Mengen regelmässig eingenommen oder in den Speiseplan integriert wird. Und das geht vor allem bei den exotischen Superfoods dann schon mal gewaltig in die Geldbörse!!!

Lesetipps:

.) SCHWARZBUCH SUPERFOOD – Heiße Luft und wahre Helden; Daniela Grach/Caroline Schlinter/Marlies Wallner/Nicole Zöhrer; L. Stocker 2016
.) Heimische Superfoods: Natürlich. Regional. Gesund; Barbara Fuchs; Kindle Edition
.) Die Heilkraft der Pflanzen. Heilpflanzen von Abuta und Acerola bis Yohimbe und Yucca: ein Kompendium für die Praxis; Anne Simons; MayaMedia 2013
.) Superfoods “Regional”: Powerfoods vor unserer Haustür; Michael Iatroudakis; Kindle Edition
.) Superfood: Natürlich. Heimisch. Saisonal; Barbara A. Schmid/Aaron Waltl; Pichler 2016
.) Gesundheitswunder Chlorophyll – Gespeicherte, gesundheitsspendende Sonnen- und Heilkraft; Günter Albert; Ulmer Verlag 1997
.) Spirulina. Das blaugrüne Wunder: Die sensationellen Heilwirkungen der natürlichen Mikroalge bei Immunschwäche, Infektionen, Anämie, Allergien, Krebs, Aids und vielem mehr; Marianne E. Meyer; Windpferd Verlag 2006
.) Das Buch der Superfood Smoothies: 100 gesunde Smoothie Rezepte für leckere Powerdrinks; Julie Morris; Königsfurt Urania 2014
.) Genial gesund: Superfood for Family & Friends; Jamie Oliver; Dorling Kindersley 2016

Links:

- www.gesundheit.gv.at
- www.eufic.org
- www.cvuas.de
- www.ncbi.nlm.nih.gov
- www.verbraucherzentrale.de/superfood
- www.nhs.uk
- www.loewenzahn.at
- ich-lebe-vegan.de
- www.veganblatt.com
- www.ichkoche.at

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Karl Marx – Der Kampf gegen die Windmühlen

“Im Kopf sind wir alle Marxisten!”
(Neue Zürcher Zeitung)

Am 05. Mai 1818 wurde Karl Marx in Trier geboren. Der spätere Sozialphilosoph sollte die Welt wie wohl kaum ein anderer Intellektueller verändern. Deshalb denke ich: Zeit für einen Stock’schen History-Blog! Aber keine Angst: Die folgenden Zeilen werden kein Loblied auf einen Kommunisten der ersten Stunde; auch keine philosophische Abhandlung! Es soll vielmehr einen Denker auch jenen Menschen vorstellen, die sich nicht unbedingt durch sein Lebenswerk “Das Kapital” quälen wollen!
Apropos Kapital: Haben Sie eigentlich gewusst, dass Marx ein überzeugter Anhänger des Kapitalismus war?! So bezeichnet er etwa die “Bourgeoisie” (also die kapitalistische Schicht der Bevölkerung) als mit einer “höchst revolutionären Rolle” versehen. Ihr ist es möglich, durch die ständige und rasche Weiterentwicklung der Produktionsmethoden selbst die “barbarischsten Völkern” in die Zivilisation zu führen. Nun – wer das nicht glauben sollte, der muss sich dann wohl trotzdem durch seine gesammelten Werke durchlesen. Bevor Sie dies tun, würde ich mich allerdings freuen, wenn Sie noch etwas in diesem Blog verweilen.
Das, was damals für Stürme der Entrüstung gesorgt hat (“Die 10 Massregeln” etwa), das ist schon längst Teil der heutigen Politik geworden: Kostenlose Erziehung der Kinder, Geldmonopol der Nationalbank, erweiterte Fiskalquote als Zeichen der Kollektivierung der Wirtschaft, … Nur vier Forderungen, die Karl Marx in seinem “Kommunistischen Manifest” aufstellte, die schon längst zum Bestandteil der Sozialpolitik auch der rechten Parteien geworden sind. Das wird heute als “Semimarxismus” bezeichnet. Der gemeinsam mit Friedrich Engels entwickelte “historische Materialismus” gilt schlichtweg als der Vorläufer der heutigen Soziologie. Karl Marx hat den Lauf der Weltgeschichte entscheidend verändert!
Doch – bevor ich genauer auf derartige Überlegungen eingehe, möchte ich Ihnen vorerst den Menschen Karl Marx vorstellen. Ja, es gab ihn tatsächlich! Der kleine Carl wurde als drittes von neun Kindern 1818 in Trier geboren. Die Geburtsurkunde unterschrieb damals der zweite Bürgermeister von Trier, Emmerich Grach – ein UrUr-Grossvater des TV-Moderators Günther Jauch. Sein Vater war der Rechtsanwalt Heinrich, seine Mutter Henriette Marx, geborene Presburg. Nachdem der Vater seinen Job als Advokat-Anwalt unter der preussischen Herrschaft nach den napoleonischen Kriegen aufgrund seines jüdischen Glaubens nicht hätte weiterführen können, konvertierte die gesamte Familie zeitversetzt zum Protestantismus. Dieser Glaubenswechsel war durchaus prägend für den späteren Philosophen. Die ersten 17 Jahre seines Lebens verbrachte Karl in Trier. In Bonn und Berlin studierte er Rechtswissenschaften und Kameralistik. In Bonn übrigens wurde er wegen “nächtlichen Lärmens und Trunkenheit” sowie des Tragens eines Säbels verurteilt. Das lässt den Schluss zu, dass er Mitglied einer Studentenverbindung (Landsmannschaft) war. 1841 promovierte er mit einer Arbeit zur Differenzierung der demokratischen und epikureischen Naturphilosophie zum Doktor der Philosophie an der Universität Jena. Als Journalist gründete er in Köln die “Rheinische Zeitung”, ein linksliberales Blatt, das sich zum Sprachrohr der demokratischen Opposition in Deutschland entwickelte. Nach seinem Umzug in’s vermeintlich liberalere Paris arbeitete er dort bei der Zeitung “Vorwärts”. Aufgrund des deutschen Drucks auf die französische Regierung musste Marx die Stadt der Liebenden im Jahr 1845 verlassen – sein Weg führte ihn nach Brüssel. Nachdem er wegen angeblicher Waffenkäufe 1848 verhaftet, aufgrund mangelnder Beweise aber wieder freigelassen wurde, musste er auch diese Stadt verlassen. Danach kehrte er für kurze Zeit nach Deutschland zurück, wurde jedoch nach der Niederschlagung der Oktoberrevolution 1849 mitsamt seiner Familie in’s Exil nach London ausgeweisen. Hier verfasste er 1859 das Werk “Zur Kritik der politischen Ökonomie” und schliesslich sein Hauptwerk “Das Kapital”. Daneben schrieb Marx für einige internationale Zeitungen, wie der “New York Daily Tribune”, die “Neue Oder Zeitung” aus Breslau und “Die Presse” aus Österreich. Am 01.August 1874 beantragte Marx die britische Staatsbürgerschaft. Nur 16 Tage später erhielt er die Absage mit der Begründung, er sei ein “notorious agitator, the head of the International Society, and an advocate of Communistic principles. This man has not been loyal to his own King and Country.” Am 14. März des Jahres 1883 verstarb Marx, zwei Jahre nach dem Ableben seiner Frau. Begraben ist er auf dem Highgate Cemetery.

“Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern!”
(Inschrift auf dem Grabstein von Karl Marx)

Anfänglich von Hegel und Feuerbach inspiriert, entfernt er nach und nach wichtige Aspekte ihrer Lehren aus der seinen. Einzig die Hegelsche Dialektik und der Feuerbachsche Materialismus bleiben zur Gänze in seinen Ausführungen erhalten.
Im Alter von 30 präsentierte er gemeinsam mit seinem Sponsor, dem Fabrikantensohn Friedrich Engels, das “Kommunistische Manifest”. Dies geschah vornehmlich im Eindruck der industriellen Revolution. Wohl ein jeder kennt den Ausspruch “Proletarier aller Länder vereinigt Euch!”. Marx bezeichnete damit die Fabriksarbeiter, die es vor der industriellen Revolution noch gar nicht gab. Er war also seiner Zeit weit voraus. Viele kommunistische Diktatoren berufen sich auf dieses Manifest – Marx war u.a. auch direkt neben dem Gründer der Volksrepublik, Kim Il-sung, überlebensgross mit seinem Konterfei auf den Wänden der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang vertreten und blickte auf die Einwohner hernieder. Der jetzige Machthaber Kim yong-un liess das Denkmal nach seinem Amtsantritt entfernen. Die Machtkommunisten rechtfertigen ihr Tun stets mit den philosophischen Lehren von Marx, obgleich diese tatsächlich nur Lehren waren. Theorie, teils sehr fern der Praxis. Karl Marx ist somit ganz eindeutig nicht für die Greueltaten eines Lenin, Stalin, Maos oder anderer kommunistischer Diktatoren verantwortlich zu machen.
Marx ordnete sein gesamtes Leben nach seiner philosophischen Überzeugung, in welcher er die bestehenden Verhältnisse schlicht anders interpretierte. Daran musste sich auch seine Familie halten. Sein Respekt galt der Bourgeoisie, die “ganz andere Wunderwerke als ägyptische Pyramiden” vollbringen kann, da sie unvorstellbaren Reichtum generiert, der die Menschen aus ihren Fesseln aus Tradition und Herkunft lösen kann. So kann aus dem armen Bauernsohn sobald er den Eintritt in die Bourgeoisie geschafft hat, trotzdem ein reicher und vornehmer Mann werden. Eine zuvor unvorstellbare Überlegung, da das Geld zu dieser Zeit beim Adel lag und nur sehr wenigen die Möglichkeit geboten wurde, emporsteigen zu können. Ein Jeder bekommt alsdann eine eigene ökonomische Position in der Gesellschaft, eine Stellung im produktiven Prozess – Marx bezeichnet dies als “Klassenzugehörigkeit”. Das alles betrachtet der Denker aus Trier als durchaus positiv. Negativ ist nur der Bougeois, der auf der faulen Haut liegt und alle anderen für sich arbeiten lässt. Also eine Art privilegierter Schmarotzer. Jeder muss arbeiten, um sein Leben und das Leben im Alter (nach dem Arbeitsprozess) finanzieren zu können. Wer nur nimmt ohne zu arbeiten, also zu geben, hat auch nur den Spott verdient. Bedingungloses Grundeinkommen? Nö, würde Karl Marx sagen – nur wenn auch die Empfänger dafür arbeiten! Aufgrund des Konkurrenzdrucks jedoch würde immer mehr des bislang durch Menschen abgeleisteten Produktionsfaktors der Arbeit durch Maschinen ersetzt. Dies führe zu einer Verarmung der Arbeiterklasse. Die logische Folgerung: Aufstand und Umsturz – erst danach wird durch die Vergesellschaftung der Arbeit, der Produktionsmittel etc. die richtige Lösung gefunden werden. Das Marx’sche Paradies auf Erden! Dieser Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie nennt Marx “Die Diktatur des Proletariats”! Sie verläuft in den meisten Fällen gewaltsam – allerdings schliesst er etwa in der Haager Konferenz auch eine gewaltfreie “Enteignung der Enteigner” beispielsweise in den USA, England und möglicherweise auch Holland nicht aus. Vor allem während seiner Londoner Zeit beteiligte er sich immer wieder an den Gründungen von Arbeiterbewegungen und -parteien.

“Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus!”

(Das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels)

Karl Marx hat zeit seines Lebens viel über Geld geschrieben. So erkannte er, dass die Gesellschaft am Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital scheitern wird. Dennoch konnte er selbst nicht mit Geld umgehen, weshalb er auf die Unterstützung von Friedrich Engels angewiesen war, den er erstmals im Alter von 26 Jahren getroffen hatte. Engels blieb der beste Freund von Karl Marx bis zu dessen Tod. Jenny von Westphal, Karl’s Frau, musste immer wieder das Familiensilber im Pfandhaus versetzen. Auch Marx’ Gehrock war öfters dabei, sodass er das Haus nicht verlassen konnte.

“Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.”
(Karl Marx)

Einer der wichtigsten Ökonomen während des Jahrhundertwechsels 1899/1900, der Tuchfabrikant Joseph Schumpeter, betonte bereits damals, dass Karl Marx weiterwirken werde, da seine Lehren mehr als nur Lehren waren. Eine ähnliche, obgleich politische Ansicht vertritt übrigens auch der ehemalige griechische Finanzminister Yannis Varoufakis, der 2018 im Vorwort einer neuen englischsprachigen Ausgabe des “Manifests der kommunistischen Partei” schrieb, dass zwar die kommunistischen Parteien inzwischen von der Bildfläche verschwunden sind, der “Geist des Kommunismus” aber weiterleben wird.

https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/karl-marx—der-deutsche-prophet-100.html

Nach wie vor raufen sich Ökonomen an der Marx’schen Arbeitswerttheorie die Haare. Wie kann etwas Wert haben und gleichzeitig Wert sein? Die Arbeit des Menschen verschafft einem Produkt seinen Wert und gleichzeitig seinen Mehrwert. Seine Kritiker bringen hier die Arbeit des Kapitals als Gegenargument in’s Spiel. Nur ein Unternehmer, der auch das Risiko trägt, verschafft den Menschen Arbeit! Heute allerdings wird dies gerade von der Finanzwirtschaft falsch verstanden – oftmals wird die Arbeitskraft unfair ausgenutzt. Ein Beispiel: Wie etwa bei Anne Will am 06. Mai 2018 in der ARD zu sehen, gerade heute wieder ein brandheisses Thema. So sprach Sahra Wagenknecht von der Linkspartei eine Putzfrau an, die nach mehr als 20 Jahren ihren Job verlor. Die ihr jedoch vermittelten und angebotenen Jobs gehen vom Mindestlohn aus, der in keinster Weise dem Tarifvertrag entspricht. Lohndumping innerhalb Deutschlands durch Deutsche an Deutschen? Ist die Arbeits-Erfahrung aus über 20 Jahren tatsächlich nur den Mindestlohn wert, der auch an einen Neuling in diesem Job bezahlt wird??? Als “genial” werden auch die Denker-Gedanken zur Kapitalakkumulation und den Konjunkturzyklen bezeichnet sowie die Unterkonsumption mitsamt ihren Auswirkungen. Bei vielen hat der Ökonom Marx einen wesentlich höheren Stellenwert als der Philosoph! Der erste Band des “Kapitals” erschien 1867, die beiden anderen nach seinem Tod, obwohl das Manuskript für Band 3 schon vor dem ersten Band fertiggeschrieben war.

“Wenn etwas sicher ist, dann dies, dass ich kein Marxist bin. Marx ist tot. Lang lebe Marx!”
(Karl Marx)

Die 5,50 Meter hohe Bronze-Statue des chinesischen Künstlers Wu Weishan, eine Anspielung auf den Geburtstag am 5.5., übermittelte die Volksrepublik China als offizielles Geschenk an Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx. Sie wurde in der Stadt selbst, aber auch in Deutschland nicht unbedingt positiv aufgenommen. Verdient hätte er sich diese. Das “Kommunistische Manifest” erschien bislang in 247 Ausgaben in 59 Sprachen. Dieses und das “Kapital” sind zudem von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen worden.
Viele Denkansätze des Philosophen und Ökonomen Marx waren ausgezeichnet, andere Humbug! Doch: Bin ich nun ein Kommunist, da ich dies behauptet habe???

Filme:

- “Karl Marx – Der deutsche Prophet”; Regie: Christian Twente 2018 mit u.a. Mario Adorf
- “Der junge Karl Marx”; Regie: Raoul Peck 2017 mit u.a. August Diehl

Lesetipps:

.) Gesamtausgabe (MEGA). Werke, Artikel, Entwürfe: Manuskripte und Drucke zur Deutschen Ideologie; Karl Marx; Friedrich Engels; Bearbeitung: Ulrich Pagel; De Gruyter Akademie Forschung 2017
.) Gesamtausgabe (MEGA). “Das Kapital”; Karl Marx/Friedrich Engels; De Gruyter Akademie 2011
.) Dr. Karl Marx. Vom Studium zur Promotion – Bonn, Berlin, Jena; Hrsg.: Ingrid Bodsch; Verlag des StadtMuseum Bonn 2013
.) Das Menschenbild bei Karl Marx – Marx als Mensch; Erich Fromm; Europäische Verlagsanstalt 1963
.) Marx lesen – Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert; Robert Kurz; Eichborn Verlag 2000
.) Marx und Engels. Die philosophischen Grundlinien ihres Denkens; Helmut Fleischer; K. Alber 1974
.) Die Dialektik der gesellschaftlichen Praxis. Zur Genesis und Kernstruktur der Marxschen Theorie; Wolfdietrich Schmied-Kowarzik; Alber 1981
.) Karl Marx: Grundlagen der Entwicklung zu Leben und Werk; Heinz Monz; NCO-Verlag Neu 1973
.) Die Wissenschaft vom Wert: die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition; Michael Heinrich; Westfälisches Dampfboot 2017
.) Entstehung und Entwicklung der ökonomischen Lehre von Karl Marx; Ernest Mandel; Rowohlt 1983
.) Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik; Georg Lukács; Malik 1923
.) Neue Marx-Lektüre. Zur Kritik sozialwissenschaftlicher Logik; Helmut Reichelt; ça-ira-Verlag 2013
.) Natur gegen Kapital. Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus; Kohei Saito; Campus Verlag 2016
.) Geschichte des Marxismus; Predrag Vranicki; Suhrkamp 1974
.) Marx in Köln; Heinrich Billstein/Karl Obermann; Pahl-Rugenstein 1983
.) Thesen des Zentralkomitees der SED zum Karl-Marx-Jahr 1983; Dietz Verlag 1982
.) Friedrich Engels. Eine Biographie; Gustav Mayer; Julius Springer 1920
.) Karl Marx in Wien. Die Arbeiterbewegung zwischen Revolution und Restauration 1848; Herbert Steiner; Europaverlag 1978
.) Familie Marx privat. Die Foto- und Fragebogen-Alben von Marx’ Töchtern Laura und Jenny. Eine kommentierte Faksimileausgabe; Hrsg.: Izumi Omura/Valerij Fomičev/Rolf Hecker/Shun-ichi Kubo; Akademie-Verlag 2005

Links:

- www.marx-engels-stiftung.de
- www.marx-gesellschaft.de
- marxforschung.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bpb.de
- www.karl-marx-ausstellung.de
- marx200.org/
- marxists.org
- www.rheinische-geschichte.lvr.de
- www.fes.de
- www.rosalux.de/
- www.comunista.at

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Naturnah und ökologisch – trotzdem schön

Mit den ersten Sonnenstrahlen und zweistelligen Temperaturen beginnt es jedes Jahr auf’s neue: Das Gewusel in den Gärten. Ich für meinen Teil habe in diesen Wochen des Frühjahrs die Baumärkte und Gartencenter zur Stock’schen Sperrzone erklärt: Was ich brauchen sollte, habe ich bereits im Winter besorgt – nurmehr jene Kleinigkeiten, die sofort verarbeitet werden müssen, finden den Weg über den Kassenscanner. Der Schlacht um die schönsten Pflanzenstecklinge soll schon so manch Einer zum Opfer gefallen sein, wird hinter vorgehaltener Hand erzählt.
Dann jedoch teilen sich die Geschmäcker. Bei der Antwort, wie ein schöner Garten auszusehen hat, gab, gibt und wird es immer geben: Teils wüsteste Beschimpfungen von Nachbarn, die sich ansonsten in allen anderen Dingen recht gut verstehen. Der Eine bevorzugt einen englischen Garten, in dem mit der Schere der Rasen auf die richtige Wimbledon-Länge gebracht wird, die Andere einen französischen, die Nachbarn drei Häuser weiter gar einen japanischen – und der Outsider auf der anderen Strassenseite einen Bauerngarten. Jedem das Seine, sofern viel Natur erhalten bleibt. Schliesslich sollte ein Garten Ort des Rückzugs sein, Spielplatz für die Kinder, die frischen Salate für die Küche bringen, … Dass viele dabei jedoch auch im Kleinen die Fehler der industriellen Landwirtschaft machen, die Natur mehr zugrunde richten als sie wachsen zu lassen, ist den meisten nicht bewusst! Da wird fleissig über das Bienensterben geschimpft, im eigenen Garten aber fleissig weiter-gesprüht. Das aktuelle Modeschimpfwort ist “Glyphosat”; trotzdem verwenden viele möglicherweise die Produkte “Glyfos Dakar”, “RoundupTurboplus” oder “Unkraut frei”, dabei beinhalten diese jeweils 680 g Gly pro Kilogramm des Produktes – die höchste Konzentration des Giftes, die für den Garten erlaubt ist (zumindest noch bis zum 31.12.2020). Doch dazu mehr etwas später.
Zunächst gilt es die Frage zu klären, was unter “schön” überhaupt zu verstehen ist, damit wir von einer gemeinsamen Basis ausgehen können. Jene Personen, die sich beruflich mit dieser Frage beschäftigen, sind die Landschaftsästheten. Sie verfolgen einen Grundsatz:

“Landschaften sind nicht erneuerbare Ressourcen. Das Landschaftsbild ist Teil dieser Ressourcen.”

Schönheit ist subjektiv – wir kennen das aus der Kunst: Was dem Einen gefällt, ist für den Anderen keines Blickes würdig. Gerade in der Natur verwenden wir nahezu all unsere Sinne um etwas empfinden zu können. Da kann das Auge in höchsten Tönen jubilieren, wenn ein Gestank von Moder durch die Luft zieht, wird wohl nicht von “schön” gesprochen werden. Hier muss wirklich alles passen: Das Bild blühender Blumen, der Geruch von Sommerlavendel, die Musik der fleissig zwitschernden Vögel, unterbrochen vom Brummen der vorbeifliegenden Hummel, die Pro-portionen zueinander, … Hinzu kommt noch, ob die Landschaft im Urlaub oder auf dem Weg zur Arbeit erblickt wurde, ob währenddessen Mann eine wunderschöne Frau im Arm hielt usw. – die emotionale Beziehung als Teil des Gesamteindrucks! Deshalb haben die Landschaftsästheten einige Qualitätskriterien aufgestellt:
- Vielfalt
Je vielfältiger eine Landschaft ist, desto mehr werden auch unsere Sinne angesprochen. Wechseln sich die unterschiedlichsten Vegetationstypen, Nutzungen, Oberflächen usw. ab, umso mehr Spielraum gibt es für die Aufnahme der Reize. Kann auch im Wechsel der Jahreszeiten einen hohen ästhetischen Wert haben! Für mich beispielsweise ist ein englischer Garten monoton und somit langweilig.
- Eigenart
Dieses Kriterium ist kulturgeschichtlich verankert. So wird jemand, der in den Bergen aufgewachsen ist, die Stadt oder Hügellandschaft nur schwerlich mit dem Begriff der Heimat und Schönheit verbinden. Auch für den Obstverkäufer von der spanischen Costa Brava werden die Berge nicht einen solchen Eindruck hinterlassen wie die unendliche Weite des mediteranen Horizonts!
- Geschlossenheit
Hierunter versteht der Experte die “naturraumtypische Landschafts-kammerung”. So wirkt für den Grössstädter etwa eine Schlucht oder Klamm als bedrohlich, manche bekommen gar Platzangst. Fahre ich hingegen von Würzburg in Richtung Lindau, so erwecken die schweizerischen und österreichischen Berge, die ab Ulm/Memmingen zu sehen sind, heimatliche, schöne Gefühle. Dafür wirken die Bankentürme in Frankfurt etwas bedrohlich! In der Psychologie weiss man, dass vertraute Orientierungspunkte intensive Emotionen auslösen können. Ähnlich der Seemann, der seine Heimatküste mit dem Leuchtturm durch’s Fernglas erblickt.
- Naturnähe
Versuchen Sie mal folgendes: Stellen Sie sich an einem schönen Tag auf eine Wiese inmitten einer menschenleeren Landschaft. Danach versuchen Sie es ebenfalls an einem schönen Tag auf einem grossen, geteerten oder mit Platten versehenen Platz. Bei welchem dieser beiden Bilder bekommen Sie wozhl mehr das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit?
- Visuelle Verletzlichkeit
Landschaften sind verletzlich. Manches Mal sind es gar nur Kleinigkeiten, die den speziellen Flair ausmachen, sog. “Schlüsselelemente”. Entfällt auch nur einer dieser prägenden Elemente, so bekommt die Landschaft ein komplett anderes Bild, der Betrachter einen komplett anderen Eindruck. Häuserfronten bleiben zumeist über Jahre hinweg gleich!
- Schutzwürdigkeit
Ist eine Landschaft einzigartig, etwa der Naturpark Schwarzwald, das Global2000-Tal des Tiroler Lechs oder die Pommersche Seenplatte, so soll durch den Schutz dieser Region zu einem späteren Zeitpunkt daran erinnert werden, wie schön diese Landschaft und dessen Umland einst waren!
- Subjektives Erleben
Auch wenn diese Eigenschaft unterschiedlich wahrgenommen wird, so kommt ihm dennoch ein schwergewichtiges Entscheidungskriterium zu. Wird beispielsweise eine Schnellstrasse mitten durch’s Ried gezogen oder eine Seilbahn durch ansonsten naturgeschütztes Gebiet errichtet, so empfinden wohl die meisten die Schönheit dieser Landschaft als ruiniert! Dorfbilder, ja die komplette Infrastruktur muss der Landschaft angepasst werden. Gelingt dies, dann ist das Dorf für den überwiegenden Teil der Betrachter schön.
Aufgrund des soeben gelesenen kann alsdann gesagt werden: Je natürlicher ein Garten ist, desto schöner wird er empfunden. Auch ich hatte nach unserem Hausbau Sportrasen gesäht! Doch bereits ein Jahr später verbrachten wir Stunden mit dem händischen Entfernen des Unkrauts. Also liessen wir das Gras mitsamt aller Kräuter und Blumen natürlich nachwachsen. Andere verwenden die Chemiekeule. Somit war – so dumm das nun klingen mag – für mich ein Triumph, als ich eines Tages Maulwurfshügel in meinem Garten entdeckte – keinen einzigen hingegen bei den Nachbarn! Als mich ein Bekannter fluchen hörte, meinte er, ich möge doch froh sein: Der Maulwurf ist ein Zeichen für einen guten Boden!

https://www.youtube.com/watch?v=e2Ejanac6d4

Und damit zurück zur Chemiekeule: Alleine in Deutschland gibt es 17 Mio Haus- und Kleingärten. Auch in Österreich spricht die Agrarmarkt Öster-reich von 86 % der Haushalte, die einen Garten, eine Terasse oder zumindest Balkon besitzen. In deutschen Landen wurde 2001 eine Studie durch das Bundesverbraucherschutzministerium in Auftrag gegeben, deren Ergebnis erschreckend war: 90 % der Kleingärtner und ca. 73 % der Hausgärtner setzten Pestizide ein. Hinzu kommen die “Pflanzenschutz-mittel”. Zum Stand Dezember 2017 waren nicht weniger als 105 glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel am Markt erhältlich – 51 davon auch ohne Zusatzausbildung für den Hobbygärtner! Im Jahre 2014 landeten somit 95 Tonnen Pflanzengift in den heimischen Gärten! Zur Erinnerung an meinen damaligen Blog: Das Mittel zerstört alle Pflanzen – mit Ausnahme jener, die gentechnisch durch den vertreibenden Konzern resistent gemacht wurden. Zudem dürfen Herbizide, v.a. aber Pestizide nach Pflanzenschutzgesetz gar nicht dort ausgebracht werden, wo dies meist der Fall ist: Versiegelte Flächen, Park- oder Schulanlagen, Gehwege, Hauseinfahrten,… Testeinkäufe des Umweltinstitutes München ergaben im Jahr 2014, dass entweder wissentlich falsch von den Verkäufern beraten wurde oder sie hatten gar keine Sachkenntnis von gly-haltigen Mitteln. Deshalb fordern die Umweltexperten, dass glyphosathaltige Produkte gänzlich verboten werden sollen und sie ab sofort nicht mehr an Privatkäufer ohne Berechtigungsnachweis verkauft werden dürfen.
Im Natur- und Landschaftsschutzgesetz in Österreich bzw. dem Landschafts-gesetz in Deutschland ist ganz eindeutig der Hinweis enthalten, dass die landschaftstypische Vielfalt von Pflanzen und Tieren erhalten bleiben muss. Je mehr Pflanzen aus anderen Teilen dieser Erde im Garten gehalten werden, desto mehr wird gegen diesen Grundsatz verstossen. So wissen beispielsweise sehr viele nicht, dass der Buchsbaum gar nicht in Mitteleuropa heimisch war, sondern aus dem Mittelmeerraum bzw. ozeanischen Bereich stammt.
Der Oxforder Althistoriker und Garten-Guru Robin Lane Fox schreibt in seinem 2010 erschienenen Buch “Thoughtful gardening” vom “sorgsamen Gärtnern”. Soll heißen, man sollte immer wissen, was man wofür im eigenen Garten tut. Aktuell bestes Beispiel ist der Baum, den die beiden Präsidenten Trump und Macron im Garten des Weissen Hauses in Washington als Zeichen ihrer Freundschaft pflanzten. Nach zwei Tagen war er nicht mehr dort vorzufinden. Falscher Platz? Falscher Baum?
Wie sieht er nun wirklich aus, dieser “ökologische Garten”? Eigentlich eine Schande, dass es auch unökologische Gärten gibt! Was Herr Fox meinte, ist, dass in einem ökologischen Garten jede Pflanze an dem für sie richtigen Platz steht – im Gegensatz zum designten Garten, der vornehmlich für’s Auge gestaltet wird. Diese Entscheidung muss also bereits vor dem Gang in das Gartencenter gefällt werden. Fox spricht in diesem Zusammenhang vom “Beobachten des Gartens”: Wo siedelt sich was an und wie gedeiht es dort! Ein ökologischer Garten besticht durch seine Pflanzenvielfalt. Deshalb ist der Einsatz von Glyphosat grundsätz-lich abzulehnen. Fox nennt drei Grundregeln für den perfekten nachhaltigen Garten:
.) Erhalten Sie die Bodenfruchtbarkeit
Hierzu ist keine Chemiekeule erforderlich. Ein gesunder Boden ist die Basis für einen gesunden Garten. So sollte zu Beginn des Gartenjahres der Boden gelockert werden, damit das Wasser nicht an der Oberfläche abfliesst, sondern in den Boden versickert. Zudem benötigen auch die Bodenorganismem Luft. Darüber eine Mulchschicht aus Kompost, Rasenschnitt oder anderem organischen Material sorgt einerseits dafür, dass wichtige Nährstoffe wieder in den Boden zurückkommen und andererseits dass die Humusproduzenten wie Regenwürmer ständig genügend Nahrung bekommen. Einige Stellen sollten sich selbst über-lassen werden – etwa am Gehölzrand. Wichtig ist auch: Pflanzen mit unterschiedlicher Fruchtfolge schonen nicht nur den Boden, sondern freuen auch die Insekten. Werden nur Pflanzen gesetzt, die gemeinsam blühen, geht den Bienen die Nahrung aus. Zudem ermüdet der Boden. Gerade im Obst- oder Gemüsebeet sollte öfters ein Wechsel erfolgen. Das hilft übrigens auch beim Kampf gegen die Schädlinge, die sich ansonsten mit ihrem Nachwuchs häuslich einrichten, wenn Jahr für Jahr dieselben Pflanzen an denselben Stellen gesetzt werden.
.) Weg mit der Chemie
Dünger, Pflanzenschutzmittel und Pestizide gefährden auch die Nützlinge. So wurde etwa nachgewiesen, dass Glyphosat die wichtigen Regenwürmer negativ beeinflusst. Düngen geht auf ganz natürliche Art – etwa durch den Anbau von Hülsenfrüchten wie Bohnen oder Lupinen bzw. Schmetterlingsblütlern. An deren Wurzeln sammeln sich Knöllchen-bakterien (Rhizobien) an, die mit der Pflanze in Symbiose leben und aus dem Luftstickstoff den Düngerstickstoff herstellen. Dadurch wird ferner der Humusaufbau unterstützt. Auch Jauche (etwa Brennessel-Jauche), Stallmist oder Kompost sind hervorragende Düngemittel. Doch ist hierbei Vorsicht geboten: Nicht alle Pflanzen brauchen gleich viel Dünger! Im Gemüsebeet darf’s etwas mehr sein, bei Zierpflanzen etwas weniger. Übrigens eignet sich auch Kaffeesatz hervorragend als Dünger bzw. im Buchsbaum selbst verteilt als Mittel gegen den Buchsbaumzünsler! Und: Die Schnecken mögen Kaffee überhaupt nicht!
.) Pflanzen benötigen Schutz
Für das Pflanzen oder die Aussaat müssen unbedingt die richtigen Termine eingehalten werden. Dadurch lernt die Pflanze selbst ihre Abwehrkräfte aufzubauen. Ausserdem sollten die Nützlinge bei Ihrer Arbeit unterstützt werden. Insekten, Spinnen oder Vögel fressen Schädlinge, der Igel auch Schnecken. Sollte der Schädlingsbefall doch zu heftig werden, so hilft nur das Einsammeln oder das Abspritzen mit einem Wasserschlauch. Auch Köder- oder Pheromonfallen sind hierbei sehr hilfreich. Erklären Sie aber nicht den Garten bei nur geringem Schädlingsbefall bereits zum Kriegsgebiet, da in einem schädlingsfreien Garten auch keine Nützlinge zu finden sind! Unkraut muss ebenfalls samt der Wurzeln händisch entfernt werden – in vielen Fällen kann jedoch auch Mulchen helfen!
Im ökologischen Garten kommt der Bewässerung eine ganz entscheidende Bedeutung zu. An einem sonnigen Tag im Sommer verdunsten schon mal bis zu 4 l Wasser pro Quadratmeter Rasen. Das spürt am ehesten das flachwurzelnde Gras (bis max. 15 cm Wurzeltiefe). Wegerich und Habichtskraut sind weniger anspruchsvoll – sie nutzen trockene Bodenflächen und entziehen dem Gras, das der Trockenheit bislang strotzte, noch das letzte Wasser und Nährstoffe. Deshalb sollte dem durch die richtige Bewässerung vorgebeugt werden. Bereits braunes Gras kann nicht mehr gerettet werden. Verwenden Sie zum Giessen wo möglich Regenwasser, da das Leitungswasser einerseits sehr kalkhaltig und andererseits mit Chlor, Fluor oder Ozon aufbereitet ist. Beim oberirdischen Bewässern erspart Ihnen eine Sprinkleranlage, gesteuert von einem Bewässerungscomputer mit Regensensor viel Arbeit und Zeit. Welchen der unterschiedlichen Sprinklern Sie verwenden, bleibt Ihnen überlassen:
- Impuls- oder Schwinghebelregner
- Getriebe- oder Versenkregner
- Viereckregner
- Sprühregner
Der Perlschlauch mit seinen kleinen Poren ist vornehmlich für grosse Rasenflächen oder auch Gewächshäuser gedacht. Durch die Poren gibt er ständig Wasser ab und sorgt auf diese Art für ein feuchtes Oberflächenklima.
Beim unterirdischen Bewässern sollte bereits bei der Gartenplanung die Lage der Tropfrohre berücksichtigt werden. Diese Bewässerung ist für kleinere Flächen oder auch Hecken gut verwendbar. Durch Sensoren kann die Feuchtigkeit des Bodens gemessen und das System automatisiert werden.
Bei allen Varianten sollte das Wasser bis zu 15 cm tief in den Boden versickern, da der Rasen ansonsten noch flacher wurzelt und damit noch anfälliger bei Trockenheit wird. Bei lockerem Sandboden sind hierfür alle drei bis vier Tage 10 bis 15 Liter Wasser auf den Quadratmeter notwendig (bei lehmigem Boden pro Woche 15 bis 20 Liter). Grundsätzlich sollte während der Nacht- oder sehr frühen Morgenstunden bewässert werden, da die Verdunstung aufgrund der abgekühlten Bodentemperatur geringer ausfällt. Apropos: Bleibt das Gras nach dem Mähen liegen (Mulch mähen), senkt auch dies die Verdunstung. Kaliumdünger (etwa abgebrannte Holzasche – empfehlenswert vornehmlich bei sauren Böden) verstärkt zudem die Wasseraufnahme der Pflanzen. Bewässern Sie ausserdem stets bodennah, da feuchte Blätter rascher von Pilzen befallen werden. Zudem wirken Wassertropfen auf Blättern bei starker Sonneneinstrahlung wie ein Brennglas. Schnecken übrigens fühlen sich im nassen Rasen am wohlsten! Vermeiden Sie nicht nur deshalb auch durch portionsweises Giessen Staunässe. Bei dieser erhalten die Wurzeln zu wenig Luft – sie ertrinken. Ferner benötigen die Pflanzen auch im Herbst oder manche während eines trockenen Winters Wasser.

https://www.youtube.com/watch?v=bIrAqaHUONk

Pflanzen Sie in Ihrem ökologischen Garten nur regionaltypische Pflanzen. Seit dem vorletzten Jahrhundertwechsel sind rund 75 % aller Kulturpflanzensorten verschwunden. Alte Obst- und Gemüsesorten liefern einen wichtigen Beitrag zur genetischen Vielfalt unserer Pflanzen, sie sind robuster und werden immer mehr auch in Gourmetküchen wiederentdeckt. Durch den Einsatz glyphosatresistenter Pflanzen vernichten Sie einen wichtigen Teil unserer biogenen Kultur.
Grundsätzlich sei erwähnt, dass ein naturnaher, ökologischer Garten weitaus weniger Arbeit als ein Designergarten verursacht. Nicht jedes Unkraut oder Ungeziefer muss sofort entfernt werden, da es als Nahrung für die Nützlinge dient. Den Gras- oder zerkleinerten Heckenschnitt können Sie liegen lassen – durch das Mulchen gelangen die Nährstoffe wieder in den Boden. Komposterde ersetzt den Torf und versorgt den Boden mit notwendigen Kleinorganismen, die wiederum das Bodengefüge selbst wesentlich verbessern. Verzichten Sie bitte auf alle Fälle auf Torferde – sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Moore! Pflanzenjauche oder Spritzbrühen sind um ein Vielfaches besser als chemischer Dünger. Ausserdem wirken diese auch als hervorragendes Mittel gegen so manches Ungeziefer.
Der Mensch muss sich auf die Einheit mit der Natur rückbesinnen – ansonsten zerstört er den wohl wichtigsten Faktor, den er zum Leben braucht!

Lesetipps:

.) Öko-Gärten als Lebensraum. Grundlagen und praktische Anleitungen für einen Naturgarten; Michael Lohmann; Bertelsmann Club 1983
.) Thoughtful Gardening; Robin Lane Fox; Basic Books 2010
.) Mischkultur im Ökogarten. Vorteilhafte Pflanzengemeinschaften; Ina Jung; ADMOS Media GmbH 1992
.) Schöne Wege im Naturgarten – Wege, Plätze und Einfahrten als Lebensräume; Ulrike Aufderheide; pala Verlag 2015
.) Mischkultur im Hobbygarten; Schwester Christa Weinrich OSB; Verlag Eugen Ulmer 2015
.) Schön wild!: Attraktive Beete mit heimischen Wildstauden im Garten; Brigitte Kleinod/Friedhelm Strickler; pala verlag 2017
.) Pflanzenschutz im Ökogarten: Für ein Umdenken im Gartenbau; Engelbert Schramm; FISCHER Taschenbuch 1985
.) Auf gute Nachbarschaft: Mischkultur im Garten. Gemüse – Kräuter – Zierpflanzen; Natalie Faßmann; pala verlag 2017
.) Rasen und Wiesen im naturnahen Garten: Neuanlage – Pflege; Ulrike Aufderheide; pala verlag 2016
.) Das Mulchbuch: Praxis der Bodenbedeckung im Garten; Dettmer Grünefeld; pala verlag gmbh 2008
.) Der sanfte Schnitt: Schonend schneiden im Naturgarten. Obstbäume, Rosen, Wildgehölze und mehr; Ulrike Aufderheide; pala verlag 2015
.) Das Kompostbuch: Gartenpraxis für Selbstversorger und Hobbygärtner; Agnes Pahler; pala verlag 2016
.) Landschaftsästhetik. Über das Wesen, die Bedeutung und den Umgang mit landschaftlicher Schönheit; H. H. Wöbse; Verlag Eugen Ulmer 2002
.) Thema: Landschaftsbild – Landschaften lesen. Impulse zur Landschaftsästhetik, Naturwahrnehmung und Landschaftsbildbewertung für die norddeutsche Kulturlandschaft; U. Franke; Oceano Verlag 2008

Links:

- www.dib.boku.ac.at
- www.donau-uni.ac.at
- landespflege-freiburg.de
- www.obg.uni-bayreuth.de
- www.arche-noah.at
- www.biologischevielfalt.at
- www.nabu.de
- naturschutzbund.at
- www.umweltdachverband.at
- www.naturtipps.at
- www.bluehendesoesterreich.at
- www.argechance.at
- www.naturgarten.org/
- www.kleingarten-bund.de
- www.winkenbach.net
- www.kleingaertner.at
- www.oegg.or.at

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Burn out – wenn Stress krank macht

“Ein Mensch sagt – und ist stolz darauf – er geh´ in seinen Pflichten auf.
Bald aber, nicht mehr ganz so munter, geht er in seinen Pflichten unter.”

(Eugen Roth)

Psychische Erkrankungen haben in unseren Gesellschaft leider nach wie vor noch nicht den Stellenwert, der ihnen zusteht. Ist ein Mensch psychisch krank, kann dies nicht unmittelbar von einem Mediziner festgestellt werden, da er unter Zuhilfenahme von CT, MRT etc. nichts erkennen kann. Erst später kommen dann auch die körperlichen Auswirkungen zur Geltung, dann aber ist es in den meisten Fällen bereits zu spät – der Betroffene trägt bleibende Schäden davon. Deshalb ist es gerade bei psychischen Erkrankungen umso wichtiger, die ersten Anzeichen zu erkennen, damit entsprechende therapeutische Schritte gesetzt werden können. Auch wenn diese Anzeichen bei einem Nicht-Workaholic auftreten, ist höchste Vorsicht geboten und psychisch/ medizinischer Beistand empfehlenswert. Denn inzwischen ist bekannt, dass nicht nur ein grosses Arbeitspensum krank macht. Und mal ehrlich: Wenn die meisten Arbeitgeber grossen Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance legen, dann geschieht dies meist für teure Fachkräfte, die der Chef nicht der Konkurrenz gönnen möchte. Alle anderen müssen sich auf ihre Art durchkämpfen.

https://www.youtube.com/watch?v=MhF41zzy2RE

Burn-Out ist leider kein Schlagwort mehr, sondern immer mehr im Kommen. Gerade bei der an sich gesunden und zufriedenen 50+-Generation, aber auch – wie Umfragen immer mehr beweisen – in der Gruppe der 30 bis 49-jährigen. Inter Burn-out versteht man einen tiefen körperlichen und psychischen Erschöpfungszustand. Jeder 5. Österreicher klagt über erste Anzeichen von Erschöpfung. Schätzungen gehen sogar davon aus, dass tatsächlich jeder zehnte Erwerbstätige unter dem Burn-out leidet, Tendenz steigend aufgrund des stets wachsenden Leistungs-drucks. Weitere 30 % gelten als gefährdet. Auch Schüler können unter Umständen davon betroffen sein. Nach Berechnungen des Wissen-schaftlichen Instituts der deutschen AOK sind seit 2004 die Burnotu-Fehltage um nahezu das Neunfache auf 1,8 Mio angestiegen. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz sprach bereits 2010 von jährlichen volkswirtschaftlichen Folgekosten des Burn-outs in der Höhe von nicht weniger als 20 Milliarden Euro europaweit.
Ursprünglich stecken zahlreiche Gründe dahinter, wie der Psychiater und Chefarzt der Schloss Park Klinik Dirmstein/Pfalz, Thorsten Bracher, zu berichten weiss: Die Angst, den technischen Voraussetzungen im Job nicht mehr Folge leisten zu können, die ständige Erreichbarkeit oder etwa die Angst vor einer Kündigung. Gerade letzteres ist bei 50+ umso schwerwiegender, sind doch jene Arbeitskräfte nurmehr sehr schwer zu vermitteln. Eine Kündigung bedautet in den meisten Fällen den sozialen Abstieg. Auch wenn es die Regierungen in Deutschland und Österreich nicht wahrhaben wollen und das Pensionsalter auf 67 Jahre hinaufsetzen. Zu den Wechseljahren der Frau, aber auch zur Frage des Mannes, ob das denn schon alles im Leben gewesen sei (Midlife Crises) kommen also noch existentielle Ängste hinzu. Das verursacht grossen Stress, der die Reserven schon innerhalb kürzester Zeit aufgebraucht hat. Körper und Geist wirken ausgebrannt, es mangelt an Motivation. Auch wenn sich das ein 30- oder 40-Jähriger nicht vorstellen kann – es geht sehr rasch! Klar trifft dies in erster Linie jene Menschen, die einem hohen Druck aufgrund grosser Erwartungshaltung standhalten müssen. Risikofaktoren sind deshalb ausgerechnet jene Eigenschaften, die den Angestellten als einen für das Unternehmen wertvollen Mitarbeiter auszeichnen: Die Identifizierung mit den beruflichen Aufgaben und das besondere Engagement. Dennoch trifft es auch die anderen: Arbeitslose, pflegende Angehörige oder Mitglieder einer nicht rund laufenden Familie (Beziehungsstreit etwa).
Sobald das Abschalten während der Erholungsphasen nicht mehr funktioniert, sinkt die Leistungsfähigkeit, der Antrieb fehlt, eine innere Unruhe geistert durch den Körper – die Nächte werden schlaflos. Nach einiger Zeit folgen die korperlichen Erscheinungsformen wie Rücken- oder Magenschmerzen, Verdauungsstörungen, Sodbrennen oder beispielsweise auch der Tinnitus. Durch den Dauerstress wird das Immunsystem angegriffen, sodass der Patient anfälliger für Infekte wird.
Sepp Porta von der Universität Graz entwickelte mit dem “Clinic Strees Assessment” (CSA) eine Methode zur Messung des Stresses. Dabei unterscheidet er zwischen dem “Positiven Stress” (Eustress), der für die Leistungsfähigkeit und die Spannkraft verantwortlich zeichnet. Und dem “Negativen Stress” (Distress), der den Körper im Sprintzustand, also auf Hochtouren laufen lässt. Beide Stressarten werden über den Hypothalamus im Gehirn und das Limbische System gesteuert. Stress bewirkt einen biochemischen Zustand, bei dem vermehrt Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet wird. Durch die erhöhte Adrenalinproduktion läuft der Zuckerstoffwechsel auf hohem Niveau. Das wiederum steigert den Milchsäuregehalt im Blut – es wird sauer. Der Körper reagiert nun gegenwirkend um durch stärkere Atmung mehr der gasförmigen Säure loszuwerden. Dadurch aber wird auch mehr Wasserdampf ausgeatmet. Das wiederum führt zu einer Verdickung des Blutes. Aufgrund des höheren Energieverbrauchs nimmt das Gewebe mehr Kalzium auf, das sich in den Knochen ablagert und im Extremfall zu Osteoporose führen kann. Einher geht alsdann ein erhöhter Magnesiumverbrauch. Das beeinflusst den Mineralstoffhaushalt des Körpers negativ. Diese eklatanten Veränderungen im biochemischen Haushalt können gemessen werden. Erfolgt hier nicht sehr bald eine Wiederherstellung der Balance, beschränkt sich der Körper auf die Versorgung der wichtigsten Organe, wie Herz, Hirn, Leber und Niere um einen Exodus hinauszuzögern. Das alles geht dann auf Kosten der anderen Körperfunktionen.
Mag. Regina Nicham, die Leiterin der Arbeitspsychologie in der IBG Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement GmbH. stellt hier folgende Fragen, die jeder für sich selbst beantworten soll:
- Ich finde es oft schwierig, abzuschalten.
- Ich ziehe mich vermehrt zurück.
- Ich nehme oft Arbeitsprobleme mit in meine Freizeit.
- Ich empfinde oft starken Widerwillen gegen meine Arbeit.
- Ich habe den Spaß an den meisten Dingen verloren.
- Ich leide unter Konzentrationsschwäche und Vergesslichkeit.
- Ich erreiche mit immer mehr Energie immer weniger.
- Ich brauche sehr viel Zeit, um mich zu erholen.
- Ich fühle mich ausgelaugt und kraftlos.
- Ich fühle mich seit mehr als sechs Monaten erschöpft.
Die Antworten können erste Hinweise geben, ob Sie sich intensiver mit dem Thema befassen und vielleicht gar weitere Tests absolvieren sollten.
Der klinische Psychologe und Psychoanaltytiker Herbert J. Freudenberger machte als erster im Jahre 1974 entsprechende Beobachtungen. So fiel ihm selbst auf, dass ihm der Job nicht mehr so viel Freude bereitete wie früher und er zunehmend müder wurde. Derart sensibilisiert beobachtete er auch seine Arbeitskollegen und -innen. Sie wurden zusehends missmutiger, zynischer und behandelten Patienten lieblos und abweisend. Während seiner ehrenamtlichen Arbeit in einer US-amerikanischen Free Clinic, die Patienten in Anspruch nehmen können, die sich ansonsten keine medizinische Hilfe leisten können, entdeckte er noch wesentlich mehr dieser Fälle: Schlaflosigkeit, Konzentrations-schwierigkeiten, Niedergeschlagenheit, Stimmungsschwankungen. Davon betroffen waren vornehmlich Personen, die mit anderen Menschen arbeiten: Lehrer, Pflegerinnen, Ärzte; pflegende Angehörige aber auch Mitarbeiter des mittleren Managements, da sie versuchen, den Untergebenen, aber auch ihren eigenen Vorgesetzten entgegen zu kommen. Diese Beobachtungen veröffentlichte Freudenberger in seinem Buch “Staff Burn-Out”. Er und seine Kollegen/innen gingen damals noch von den stressbezogenenen Faktoren als Ursache aus. Dabei unterscheidet er zwischen 12 unterschiedlichen Phasen (siehe am Ende des Blogs), die bei jedem jedoch unterschiedlich auftreten können, wie etwa übertriebener Drang des Sich-beweisen müssens, extremer Leistungsdruck, Vernachlässigung persönlicher Bedürfnisse und sozialer Kontakte etc.
In der “Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten” (ICD-10-GM-2018) ist das Burn-out im Kapitel “Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung” (Z73) zu finden – es gilt also eindeutig als psychischer Zustand – nicht jedoch als eine Krankheit. Ich verwende dennoch in weiterer Folge das Wort “Erkrankung” zur Charakterisierung. Burn-out beschreibt an sich auch dieses Fehlverhalten: Ausgebrannt, innerlich leer. Auslösende Faktoren sind Kontrollverlust, Macht- und Sinnlosigkeit, aber auch Mobbing. Die Frühsymptome sind zumeist komplett unauffällig. Der Krankheitsverlauf zeigt sich undifferenziert. So listet Matthias Burisch von der Universität Hamburg in seinem Buch “Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung” nicht weniger als 130 Symptome auf: Apathie, Depression, Depersonalisierung oder Frustration, um nur wenige zu nennen. Jeder Patient zeigt dies anders vor.
Neben den bereits bekannten “exogenen Faktoren” (wie ständiger Arbeitsstress, Termin- oder Leistungsdruck) kann auch die Eigenschaft des Perfektionismus ursächlicher Faktor sein oder man ist außer Stande, Abgrenzungen zwischen belastenden und unbelastenden Phasen setzen zu können (Abschalten). Beschrieben wird der Zustand als “Zustand der totalen Erschöpfung”.
Detaillierter hingegen beschreibt es die Sozialpsychologin Christina Maslach von der University of California. Sie entwickelte gemeinsam mit Susan E. Jackson 1981 das sog. “Maslach Burnout Inventory (MBI)” als Messinstrument zur Erfassung des Burn-out-Syndroms. Die Antworten des Patienten auf 22 Fragen nach Intensität und Häufigkeit dienen der Zuordnung des Burn-outs! Sie unterscheidet dabei zwischen drei Erkrankungsdimensionen:
- eine überwältigende Erschöpfung, da sowohl körperliche als auch psychische Ressourcen aufgebraucht wurden
- Distanziertheit von der beruflichen Aufgabe und Zynismus anderen gegenüber (Depersonalisierung)
- Wirkungslosigkeit und nurmehr geringe Leistungsfähigkeit (persönliche Ineffektivität)
Diese Testdiagnostik wurde durch das “Trierer Inventar” und das “Copenhagen Burnout Inventory” leicht modifiziert.
Eine andere Testsituation bietet der “Fragebogen zur Erfassung beruflicher Gratifikationskrisen” (Effort-reward-imbalance Model, kurz ERI) von Johannes Siegrist. Durch ihn sollen die Ursachen des Burn-outs ausfindig gemacht werden. Dabei muss der Patient Fragen wie etwa “Ich habe permanenten Zeitdruck”, “Ich werde bei der Arbeit häufig gestört.” oder auch “Ich werde von meinen Vorgesetzten nicht mit dem nötigen Respekt behandelt.” beantworten. Aufgrund des Ungleichgewichtes zwischen “Effort” (Anstrengung) und Reward” (Belohnung) werden Schlüsse auf die Verausgabungsneigung als unabhängiger Einflussfaktor gezogen. Dieser ERI-Fragebogen ist inzwischen ein anerkanntes Mittel im Bereich des Arbeitsschutzes, wodurch zudem innerbetriebliche strukturelle Massnahmen abgeleitet werden können.
Und dann gibt es noch das 1979 vom US-amerikanischen Soziologen Robert A. Karasek entwickelte “Anforderungs-Kontroll-Modell”. Er unterscheidet zwischen
- dem Ausmaß an Anforderungen und
- dem Ausmaß an Kontrolle
Das grösste Risiko besteht im Ungleichgewicht zwischen hoher Anforderung bei Arbeitsverdichtung und niedriger Kontrolle oder Entscheidungsbefugnis, bei sog. “High strain jobs”. Somit gehören beispielsweise Fliessbandarbeiter, Verkäufer bzw. Call Center-Angestellte zur gefährdetsten Burn-out-Zielgruppe. Wird nun dieses Ungleichgewicht dadurch ausgeglichen, dass die eigene Kontroll- oder Entscheidungs-möglichkeit erhöht wird, so nimmt auch das Erkrankungsrisiko ab.
Erwähnt seien hier der Vollständigkeit noch die weiteren Tests:
.) Oldenburger Burnout Inventar (OLBI, 2006) – 16 Fragen, Online-Test (engl., erstellt für Ärzte)
.) Hamburger Burnout Inventory (HBI, 2006) – 40 Fragen, 10 Skalen

https://www.youtube.com/watch?v=699iMFcQfAo

Burn-Out bedeutet nach ICD keine Berufsunfähigkeit und muss deshalb klar von Erkrankungen wie etwa der Neurasthenie, Panikattacke und Depressions-Ermüdung abgegrenzt werden. Nicht selten versucht der Burn-out-Patient mit Überreaktionen über die Erkrankung hinweg zu kommen. Das kann die Sexualität, das Essen, den Alkohol oder auch Drogen betreffen.
In Deutschland muss seit 2013 nach § 5 Abs. 3 Nr. 6 des Arbeitsschutz-gesetzes (in Österreich ASchG § 4 Abs. 1) bzw. nach der Bild-schirmarbeitsverordnung eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen als Eigenschaft des Arbeitsplatzes angelegt werden. Eine solche Beurteilung erfolgt genormt nach EN ISO 10075. Der Arbeitgeber muss sich alsdann dazu verpflichten, durch entsprechende Präventions-massnahmen sicherzustellen, dass der Arbeitnehmer durch die mit dem Arbeitsplatz verbundenen Belastungen keine gesundheitlichen Schäden davonträgt. Wichtig in diesem Zusammenhang sind Unterstützung und Wertschätzung durch Kollegen und Vorgesetzten. Jeder Einzelne kann auch selbst vorbeugen, indem er sich genügend Zeit für sich selbst nimmt um in der Freizeit Aktivitäten wie etwa Sport umzusetzen. Auch Supervision kann hilfreich sein.

“Ich habe gelernt, auch einmal Nein zu sagen, und versuche, mich mit Menschen zu umgeben, die mir guttun.”
(Alexander Pointner, ehemaliger ÖSV-Cheftrainer)

Ist es dennoch geschehen, so gilt: Je früher erkannt, desto einfacher zu behandeln. Standardlösungen durch eine einheitliche Therapierungs-möglichkeit gibt es nicht. Dem einen hilft eine Auszeit im Kloster (Retreat), andere nutzen Sport, Yoga, Feldenkrais, Meditation, autogenes Training, Tai-Chi, Qigong oder Progressive Muskelentspannung. Zuerst müssen jedoch alle anderen Folgeerscheinungen wie körperliche Gebrechen entsprechend versorgt und der Körper wieder in Schwung gebracht werden. Einige konzentrieren sich hierbei durch die Zugabe von Mikronährstoffen (etwa Quercetin, aber auch Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, das Coenzym Q10, L-Carnitin etc.) auf die kleinen Kraftwerken in den Zellen, die Mitochondrien. Dann erst kann das eigentliche Krankheitsbild behandelt werden. Fakt ist, dass der Patient Erfolgserlebnisse benötigt, die seinen Zufriedenheitsfaktor steigern. Zudem müssen Belastungsgrenzen eingerichtet werden, die nicht überschritten werden dürfen. Nach jeder Belastung sollte eine Ruhephase folgen. Hierzu müssen Entspannungstechniken und Bewältigungs-strategien erlernt und Zeitmanagement (Rhythmisierung des Alltags – kein Multitasking mehr!) gelernt werden. Auch wichtig während dieser Zeit ist die Unterstützung durch andere Menschen – soziale Kontakte ausserhalb des Berufes. Andere Betroffene machen einen kompletten Schlussstrich und steigen aus, der Investment-Banker etwa, der auf einer Almhütte ohne Handy, Computer oder Auto lebt.
Burn-out ist heilbar! Über 90 Prozent sind wieder in das Berufsleben zurückgekehrt. Mancher durch einen Neubeginn, andere in das alte Leben. Nur muss der Betroffene lernen, ehrlich gegenüber sich selbst zu sein! Dadurch wirkt er dem Syndrom mittels Schutzmechanismen entgegen. Ansonsten kann es recht leicht zum Rückfall kommen.

Info-Box:
Die 12 Stadien des Burn-outs nach Herbert J. Freudenberger:
- Der Zwang, sich zu beweisen
- Verstärkter Einsatz
- Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
- Verdrängung von Konflikten
- Umdeutung von Werten
- Verleugnung der auftretenden Probleme
- Rückzug
- Offensichtliche Verhaltensänderungen
- Depersonalisierung
- Innere Leere
- Depression
- Völlige Burn-Out-Syndrom Erschöpfung
(Diese Stadien laufen bei jedem unregelmässig, teilweise auch parallel zueinander ab)

Lesetipps:

.) Stress verstehen – Burnout besiegen; S. Porta/M. Hlatky; Verlagshaus der Ärzte 2009
.) Burnout und Achtsamkeit; M. E. Harrer; Klett-Cotta Verlag 2013
.) Burnoutprävention im Berufsfeld Soziale Arbeit; Irmhild Poulsen; VS Verlag 2009
.) Burnout bei Frauen. Über das Gefühl des Ausgebranntseins; Herbert Freudenberger/Gail North; Fischer-Taschenbuch-Verlag 2008
.) Burn-out praxisnah; Ferdinand Jäggi; Thieme Verlag 2008
.) Das Burnout-Syndrom: Theorie der inneren Erschöpfung; M. Burisch; Springer 2006
.) Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft; Hrsg: Sieghard Neckel/Greta Wagner; Suhrkamp 2013
.) Differentialdiagnostik des Burnout-Syndroms; Dieter Korczak u. a.; Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information 2010
.) Healthy work, stress, productivity, and the construction of the working life; R. A. Karasek/T. Theorell; Basis Books 1990
.) Trierer Inventar zum chronischen Stress; Peter Schulz/Wolff Schlotz/Peter Becker; Hogrefe Verlag 2004
.) Job Demands, Job Decision Latitude, and Mental Strain: Implications for Job Redesign; Robert A. Karasek Jr.; Administrative Science Quarterly Vol. 24, No. 2 1979
.) Ist die Burnout-Forschung ausgebrannt? Analyse und Kritik der internationalen Burnout-Forschung; Ina Rösing; Asanger Verlag 2003
.) Subjektivierung von Arbeit: Freiwillige Selbstausbeutung. Ein Erklärungsmodell für die Verausgabungsbereitschaft von Hochqualifizierten; Jeanette Moosbrugger; Springer Verlag 2012

Links:

- www.dgppn.de
- www.burnout.at
- www.lebenswertearbeitswelt.at
- www.plattform-burnout.at
- www.psychosozialeberatungwien.at
- www.telefonseelsorge.at
- www.wienerpsychotherapeut.at
- www.gesundheit.gv.at
– www.psyonline.at/
- alleszuviel.at
- www.aktivgegenburnout.net
- api.or.at
- www.hilfe-bei-burnout.de
- www.betriebsgesundheitsmanagement.com
- www.promente-v.at
- www.leben-ohne-burnout.de
- www.oevs.or.at
- www.health-consult.at
- www.burnoutzentrumbonn.de
- www.ibg.co.at

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Schon längst Teil des Establishments


“Pöbel bleibt Pöbel, auch wenn junge Gesichter darunter sind. Intoleranz und Terror, ob sie von links kommen oder von rechts, dürfen die Freiheit nicht benutzen, um sie zu zerstören.”

(Willy Brandt)

Wir schreiben das Jahr 2018! Der Kommunismus hat sich selbst überwunden und zu Grabe getragen, der Kapitalismus blüht in seiner vollsten Pracht. Die westliche Welt lebt auf Kosten der Entwicklungsländer im alles verschlingenden Wohlstand. Ein Jeder versucht sich selbst durch’s Leben zu schlagen. Die Einen schaffen es mit reichlich Rückenwind, die anderen gehen unter. Vom vielversprochenen sozialen Netz scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander. Der Zugang zur Bildung orientiert sich zunehmend am sozialen Stand. Die ersten Wirtschafts- und Finanzkrisen liessen Millionen Menschen von einem auf den anderen Tag verarmen. Viele jener Menschen, die in den 40ern und 50ern wie die Trümmerfrauen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufbauten, müssen heute – sofern sie noch leben – Flaschen sammeln, damit sie sich vom Pfand Nahrung kaufen können. Es gibt unzählige Parallelen in der Geschichte. Die Chronobiologie spricht hierbei vom grossen “O” – alles wiederholt sich und kommt irgendwann wieder. Dazu müssen wir gar nicht mal so weit zurückgehen.
Neben Donald Trump, AfD und Syrien ist DAS große Thema in diesem Jahr 2018 das Jubiläum “50 Jahre 68er Generation”. Vor genau einem halben Jahrhundert brannte es in Europa – lichterloh! Die Älteren unter Ihnen können sich sicherlich noch daran erinnern, manche standen sogar in den Demos ganz vorne, andere warfen Steine, sangen Lieder, rauchten Hasch, versuchten sich in der sexuellen Befreiung oder revoltierten auf ihre Art. Die Jüngeren aber können mit dem Begriff der “68er” rein gar nichts anfangen. Was war damals los? Was brachten uns die Unruhen der Studentenbewegung? Was wurde aus den Rädelsführern damaliger Tage?

https://momentedergeschichte.zdf.de/clip/537

Als am 11. April 1968 Schüsse vor dem SDS-Büro am Berliner Kurfürstendamm durch die Luft peitschten, wusste wohl jeder, dass all das, was in den Wochen zuvor stattfand und in den Jahren danach folgen sollte, sehr viele Opfer kosten wird und nicht nur Deutschland in zwei Lager teilen sollte. Ein junger Hilfsarbeiter hatte drei Schüsse auf den Rädelsführer der Studentenproteste, Rudi Dutschke, abgefeuert. Zwei davon trafen ihn in den Kopf, einer in die Schulter. An den Folgen dieser schweren Hirnverletzung starb Alfred Willi Rudolf “Rudi” Dutschke elf Jahre später im dänischen Aarhus (ein epileptischer Anfall an Heiligabend). Der Marxist und politische Aktivist aber war nicht das einzige Opfer, doch neben Ohnesorg das wohl prominenteste dieser Zeit. Dazu mehr etwas später.
Ein kluger Kopf meinte einst, dass die meisten Revolutionen damit beginnen, dass die Bevölkerung nichts mehr zu essen hat. Die meisten Revolten aber finden ihren Anfang in den geheiligten Hallen so mancher Alma Mater – auf den Universitäten. In den 60er Jahren des vorherigen Jahrhunderts wurden nahezu täglich Protestkundgebungen abgehalten: Befreiung der Sexualität, Emanzipation, kapitalistische Ausbeutung, Vietnamkrieg etc. Viele Studenten dieses Jahrzehnts verbrachten mehr Zeit demonstrierend auf den Straßen als in den Hörsälen oder Seminarräumen. Hotspot dabei war Berlin, wo ein Wall die Bevölkerung der Ostzone vor den kapitaistischen Ausbeutern schützen sollte; in Wahrheit sollte die dortige Bevölkerung an der Flucht in den Westen gehindert werden. Die Mauer war kurz vorher hochgezogen worden und teilte Deutschland, trennte Bundesländer, Städte, Gemeinden und Familien. Doch gingen die Proteste nicht etwa vom letzten verbliebenen Rest der Rechten aus, sondern wurden vornehmlich durch die Neuen Linken angeführt und vom Osten nach Leibeskräften unterstützt um dadurch Unordnung im wirtschaftlich wesentlich besser laufenden Westteil, der Bunderepublik zu stiften. Nicht Ideologisch! Den ideologischen Hintergrund bildete der Neomarxismus der sog. “Frankfurter Schule” (Horkheimer, Adorno, Marcuse,…) und damit die Abspaltung der Neuen Linken vom Realsozialismus und der Sozialdemokratie. Es sollte Kritik an der Gesellschaftspolitik der jungen Bundesrepublik geübt werden. Als Vorbild dienten die Proteste der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner und der Students for a Democratic Society in den USA sowie die intellektuellen Kreise und Zirkel bzw. die Neuen Linken in Frankreich und Großbritannien. Die Nebenschauplätze in deutschen Landen waren die Hochschul- und Bildungsreform sowie der immer grösser werdende Machteinfluss des Axel Springer Verlages. Gefordert wurde u.a. eine Entnazifizierung und ein klares Nein zu rechts.

http://www.ardmediathek.de/tv/Comedy/Die-verr%C3%BCckten-68er-Ein-Jahr-stellt-di/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=15355648&documentId=51643746

Die bekanntesten Demonstrationen bis zum Jahre 1967 waren die Ostermärsche der Rüstungsgegner ab 1958, die Schwabinger Krawalle 1962 (Proteste gegen das Verbot von Strassenmusikanten in Schwabing) und die Subversive Aktion (ab dem Jahr 1962). Organisiert wurden viele dieser Aktionen durch den Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS. Dieser wehrte sich gegen die Verjährung der Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten – so auch mit der Ausstellung “Ungesühnte Nazijustiz” einiger Berliner FU-Studenten. Kurze Zeit später schloss die SPD die Initiatoren aus der Partei aus. Der SDS aber organisierte auch weiterhin Kundgebungen – dabei ging es teils ziemlich ruppig vonstatten. Mit dem ersten Todesopfer nahm die Bewegung aber eine traurige Wende. Im Rahmen einer friedlichen Demo gegen das blutige Regime des Schahs Reza Pahlavi im Iran wurde am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg hinter der Deutschen Oper in West-Berlin erschossen. Die sog. “Jubelperser” (Angehörige des iranischen Geheimdienstes) sind mit Eisen-stangen und Knüppeln auf die Demonstrierenden losgegangen. Die Polizei löste die Rauferei auf, dabei kam es zu dem tödlichen Schuss aus der Waffe des Polizisten Karl-Heinz Kurras, eines – wie ebenfalls inzwischen bekannt ist – inoffiziellen Mitarbeiters der Stasi. Die Polizei und Stadtregierung Berlins sprachen offiziell von “Erschiessung in Notwehr”. Dies kann allerdings aus heutiger Sicht ausgeschlossen werden – er war absichtlich und somit vorsätzlich. Für die Jungen Linken war es eine “faschistoiden Verschwörung des Senats” und “geplanter Mord”.

“Ulbrichts Bürokraten-Regime erschießt Menschen an der Mauer. Albertz’ Polizei-Regime unterdrückt jetzt die ernsthafte politische Opposition gegen seine Politik, die Westberlin den Ruin bringt, durch MORD!!!”
(Humanistische Studentenunion)

Aus einzelnen Hotspots wurde plötzlich ein grossflächiger Brand! Bundesweit protestierten die Kommilitonen gegen den vermeintlichen Aggressor: Die Grosse Koalition in Bonn. Dadurch sollte eine “Ausserparlamentarische Opposition” (APO) gebildet werden. Die Stasi hatte also gute Arbeit abgeliefert. Ab sofort wurden die Demos radikalisiert. Steine flogen gegen Polizisten, Knüppel schlugen auf Demonstranten ein. Viele kleinere Gruppen wie etwa der “Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen” zogen von Demonstration zu Demonstration und agitierten, wiegelten die Linien gegeneinander auf. Parallel dazu wurden vermehrt akademische Feiern gecrasht (wie die Rektoratsübergabe in Hamburg 1967 oder die Rektoratsfeier im selben Jahr in München). Als am 17. und 18. Februar 1968 Rudi Dutschke als Gastredner auf dem Vietnamkongress der TU Berlin sein Konzept der “provokativen direkten Aktion und begrenzten Regelverletzung” vorstellte, sprachen viele der 15.000 Anwesenden vom Beginn der Revolution. Dutschke liess erstmals von sich aufhorchen, als er nach dem Tod von Ohnesorg aufgrund der Berichterstattung die Enteignung des Springer-Verlages in Berlin forderte. In seiner Person sind sich auch heute viele uneins: War er der Studentenanführer, der Sozialist, der Demonstrant oder war er bereits einen Schritt weiter: Der erste Terrorist, der Erfinder der Stadtguerilla, wie es der Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar bezeichnet, der bereits Sprengstoffattentate plante und kurz vor dem Abtauchen war. Dutschke floh kurz vor dem Mauerbau nach Westberlin, nachdem er im Osten aufgrund seiner Wehrdienst-verweigerung praktisch stets mit einem Fuss im Stasi-Gefängnis stand. Hochintelligent und rhetorisch perfekt wusste er die Massen zu begeistern. Am 11. April 1968 schliesslich schoss der Hilfsarbeiter und Neonazi Josef Bachmann dreimal auf den Anführer der Studentenrevolte. Dutschke überlebte zwar, wurde aber schwer verletzt. Er musste mühsam und langwierig wieder sprechen und gehen lernen. Dem Ganzen voraus ging eine eindeutige Berichterstattung der Springer-Zeitungen mit etwa dem Titel “Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!” am 07. Februar in der Bild-Zeitung. In der National-Zeitung war zu lesen: “Stoppt den roten Rudi jetzt” – eine Ausgabe wurde bei Bachmann gefunden. Unzählige Strassenschlachten an den darauffolgenden Oster-Feiertagen verliefen grossteils sehr brutal und blutig. In diesem Attentat sehen die Spezialisten allerdings den Wendepunkt der 68er-Generation. Ein grosser Teil besann sich und kehrte zum parlamentarischen Reformismus zurück. Mit deren Hilfe gewann übrigens Willy Brandt 1969 die Bundestagswahlen. Andere allerdings taten sich in Kampfgruppen oder als Stadtguerillas zusammen, die sich in weiterer Folge zur Bewegung 2. Juni bzw. der Roten Armee Fraktion zusammenschlossen (siehe hierzu auch der Blog zum RAF-Terrorismus an dieser Stelle). Die Gruppierungen waren untereinander dermassen damit beschäftigt, sich die Führungsrolle anzueignen, sodass das eigentliche grosse Ziel, die Kritik am System als solches, in der Versenkung verschwand. Im Februar 1970 löste sich der SDS auf.

“Mir erschienen die Bundesrepublik, die D-Mark, die Soziale Marktwirtschaft, die Westbindung und die sozialen Sicherungssysteme als ein gut funktionierendes, plurales Gebilde, ein demokratisches, freiheitliches Land. Man musste dieses Land und seine Systeme nicht bekämpfen, schon gar nicht mit Gewalt.”

(Angela Merkel)

In Österreich präsentierten sich die 68er im Vergleich zu Deutschland wesentlich harmloser. Bereits 1965 demonstrierten Studenten an der Universität Wien gegen den Hochschulprofessor Taras Borodajkewycz, der in seinen Vorlesungen einen klaren antisemitischen Standpunkt vertrat. Auch fanden kleinere Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und den Schah von Persien statt – allerdings nicht wirklich Nennenswertes. Nach dem Attentat auf Dutschke solidarisierten sich die österreichischen Studenten mit ihren deutschen Kommilitonen. So wurde etwa der traditionelle SP-Aufmarsch zum 1. Mai durch die Jusos gestört. Auch bei Demonstrationen gegen Werksschliessungen beteiligten sich die Studenten. Allerdings stets mit einem starken liberalen und katholischen Hintergrund – Marx stand also weniger im Mittelpunkt als bei den deutschen Nachbarn. Zudem verlief die Streitgeneration vornehmlich auf künstlerischer Ebene. Das Ganze gipfelte in der Uni-Ferkelei-Aktion am 07. Juni 1968 im Hörsaal 1 des neuen Institutsgebäudes bei dem etwa die Künstler Brus, Mühl, Weibel und Wiener durch die Zur-Schau-Stellung des Bruchs mit so vielen Tabus wie möglich zu schockieren versuchten. Das nannten sie “Kunst und Revolution”. Sehr viel mehr tat sich im Alpenstaat nicht. Die “Arena-Besetzung” fand erst 1976 statt.
Was blieb also von der 68er-Generation? Die meisten haben sich zu dem entwickelt, das sie damals bekämpft haben: Friedliche Spiesser im Rentenalter als Teil des Establishments! Viele Parolen von damals sind längst vergessen, viele in Pamphleten niedergeschriebenen Ziele niemals erreicht worden. Die Welt wurde zwar liberaler, jedoch nicht besser, der Kapitalismus noch brutaler, der Imperialismus noch grauenhafter, die Antiautorität dauerte nur kurz an, Atomwaffenlager wurden ausgebaut, Kriege toben nach wie vor. Manche Gruppierungen gehen auch heute noch den Ideen nach: Ökologie- und Frauenbewegungen etwa, Bürgerinitiativen oder pazifistische Gruppen. Auch hat sich der Antizionismus von links weiterentwickelt. Zu Zeiten des SDS stand vornehmlich der militärisch-politische Machtapparat Israels mit seinen Auseinandersetzungen gegen die Palästinenser im Mittelpunkt der Proteste. Daraus wurde zunehmend der bestehende linke Antisemitismus der Gegenwart. Einige Proponenten wechselten sogar das politische Lager und wurden rechtsextrem: Horst Mahler, Bernd Rabehl, Günter Maschke und Reinhold Oberlercher um nur die berühmtesten zu nennen.

http://tvthek.orf.at/profile/Archiv/7648449/Club-2-1968-Das-Jahr-des-Aufstandes/9614234/Club-2-1968-Das-Jahr-des-Aufstands/9614235

Daß aber die 68er die Gesellschaft tatsächlich grossflächig veränderten, diese Meinung ist wohl nur dem konservativen Lager zuzuordnen, das allerdings im selben Atemzug betont, daß die 68er versagt haben! Ein Anachronismus? So gibt so mancher Moraltheologe der katholischen Kirche den 68ern die Schuld für die derzeitige Verwahrlosung der Gesellschaft und die vielen Ehescheidungen. Deshalb einen Aufruf zur Rückkehr zu konservativen Werten und Moralvorstellungen zu starten, wie es Helmut Kohl bei seinem Amtsantritt machte oder in der jüngsten Vergangenheit der CSU-Abgeordnete Alexander Dobrindt eine “konservative Revolution” einforderte, scheint gar weit hergeholt zu sein. Die Jungen Linken der damaligen Zeit haben sich selbst ad absurdum geführt – so wurde dem SDS zuletzt von der Frauenbewegung Frauenfeindlichkeit vorgeworfen.

“Der individuelle Terror ist der Terror, der später in die individuelle despotische Herrschaft führt, aber nicht in den Sozialismus. Das war nicht unser Ziel und wird es nie sein. Wir wissen nur zu gut, was die Despotie des Kapitals ist, wir wollen sie nicht ersetzen durch Terrordespotie!”
(Rudi Dutschke)

Der RAF-Terrorismus hat sich selbst als beendet erklärt, viele der Aktivisten sind tot oder leben heute selbst als Ex-Knackis von Hartz-IV und sind alsdann vom System abhängig, das sie anno dazumals bekämpften. Aus den Revoluzzern von damals wurden Chefs, Wirtschaftsberater, angepasste Mitarbeiter – ja sogar ein Vizekanzler. Zudem gibt es die “Volksparteien” nicht mehr in diesem früheren Sinn. Die rechten, bürgerlichen und linken Flügel machen sich in jeder Partei selbst das Leben schwer. Weshalb also ausgerechnet die Rechtspopulisten die 68er bis auf’s Blut bekämpfen wollen, entbehrt jeglicher Grundlage. Schliesslich wurde nur wenig übernommen und die steinewerfenden Demonstranten von einst Rentner, die sich vor langer Zeit bereits dem System eingegliedert haben. So schrieb etwa auch der bekannte Kritiker der 68er-Bewegung, der ARD-Journalist Prof. Detlef Kleinert in einem Artikel für die österreichische Tageszeitung “Die Presse”, dass die 68er “politisch total gescheitert” seien, “… ihr Ideal einer kommunistischen Diktatur blieb Deutschland erspart.” Und wenn nun eine Werte-Diskussion angestrebt wird, da den entsprechenden Kräften von rechts offenbar die Verteidigung der deutschen Werte gegenüber der Ausländer nicht ausreicht, so stelle ich mich in vollster Überzeugung dagegen: Ich halte meine Werte sehr hoch – alle, die mich kennen, können dies bestätigen! Doch ist mir der derzeitige Zustand wesentlich lieber als jener in den 30er und 40er Jahren des vorhergehenden Jahrhunderts, als in Nazi-Deutschland jedem die Werte einiger weniger aufgezwungen wurden, die zum grössten Teil nicht mal einen geschichtlichen Hintergrund haben!!! Und dabei bin ich kein Sozialist und partout kein Marxist!

Lesetipps:

.) Die 68er Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA; Ingrid Gilcher-Holtey; Beck 2001
.) Achtundsechzig: Eine Bilanz; Wolfgang Kraushaar; Propyläen 2008
.) 1968 – die unverstandene Weichenstellung; Stefan Bollinger; Dietz 2008
.) Die Tagebücher: 1963-1979; Hrsg: Gretchen Klotz/ Autor: Rudi Dutschke; Kiepenheuer&Witsch 2003
.) Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF; Wolfgang Kraushaar/Karin Wieland/Jan Philipp Reemtsma (Hrsg.); Hamburger Edition 2005
.) Rudi Dutschke. Revolutionär im geteilten Deutschland; Bernd Rabehl; Edition Antaios 2002
.) Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Vom parteikonformen Studentenverband zum Repräsentanten der Neuen Linken; Willy Albrecht; Dietz Nachfolger 1994
.) Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück; Götz Aly; Fischer 2008
.) Erfahrungshunger; Michael Rutschky; Kiwi Bibliothek 2017
.) Auf dem Weg zur Zivilgesellschaft? Mythos und Realität der 60er und 70er Jahre in Ost und West; Rainer Eckert/Bernd Faulenbach; Klartext 2003
.) Time is on my Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre; Detlef Siegfried; Wallstein 2006
.) Vögeln ist schön. Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt; Ulrike Heider; Rotbuch 2014
.) Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ›Kapital‹; Roman Rosdolsky; Europa Verlag 1968
.) Der eindimensionale Mensch; Herbert Marcuse; Deutscher Taschenbuch Verlag 2004

Links:

- www.bpb.de
- www.fu-berlin.de
- www.kas.de
- www.zeitklicks.de
- bz.nuernberg.de
- www.hsozkult.de
- www.oesterreich100.at
- www.demokratiezentrum.org
- www.demokratiewebstatt.at
- homepage.univie.ac.at

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Gelogen und betrogen

Selten zuvor wurden dermaßen viele Menschen so skrupellos über den Tisch gezogen wie in den letzten Jahren. Doch trifft die Automobilindustrie alleine nicht die ganze Schuld. Hätte die Politik das gemacht, für das sie eigentlich da ist, wären die Amerikaner als Aufdecker von Dieselgate gar nicht notwendig gewesen. Über den Feinstaub habe ich an dieser Stelle bereits ausführlich berichtet. Heute möchte ich mich auf das zweite riesengrosse Manko konzentrieren, das Dieselmotoren derart gefährlich macht: Die Stickoxide! Das giftige NO2 beispielsweise kommt in der Natur nur in sehr geringen Konzentrationen vor – erhöhte Werte sind zumeist das Resultat von kalorischen Kraft-werken oder Dieselmotoren! In Verbindung mit Wasser entsteht aus den Stickoxiden Salpetersäure – der saure Regen, der in den 70ern und 80ern hauptverantwortlich war für das Waldsterben und die Beschädigung vornehmlich historischer Baudenkmäler! Vonseiten des deutschen Umweltbundesamtes ist zu erfahren, dass die Stickoxid-Belastung seit 1990 um 60 % zurückgegangen ist. Das bedeutet ein Minus von 1 Mio Tonnen. Dennoch: Auch heute noch trägt dies zum Ozon- und Sommer-smog bei.
Wie weit die Emission bereits fortgeschritten ist, zeigt eine Messstudie der Deutschen Umwelthilfe e.V. (“Decke auf, wo Atmen krank macht”) in all ihrer Brisanz auf: Während eines Monats wurden gemeinsam mit unzähligen freiwilligen Helfern an 559 Orten der Bundesrepublik die NO2-Werte in der Luft gemessen. Das mehr als ernüchternde Ergebnis brachte zu Tage, daß bei 89 % der Messungen die Werte über dem gesundheitlich bedenklichen Wert von 20 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Atemluft und bei 67 Messstellen sogar über dem gesetzlichen Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter liegt. Das ist erstgradig gesundheitsgefährdend – vor allem, wenn man dieser Luft ständig ausgesetzt ist. Und dennoch bewegt sich die Politik so schleppend wie nur möglich weiter. Im Juni sollen weitere 500 Messungen durchgeführt werden – derzeit geht es um die Finanzierung.

https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Verkehr/Abgasalarm/Alle_Messstellen_sortiert_nach_Messergebnis_2018-03-28.pdf

Auffallend im Vergleich zur Messkarte des Deutschen Umwelt-bundesamtes ist die grössere Anzahl und die wesentlich höhere Konzentration der Problembereiche etwa im Rhein-Main- oder Ruhr-gebiet.

https://p5.focus.de/img/fotos/origs7385191/0081574302-w630-h887-o-q75-p5/20170616-nox.jpg

Die Messungen der DUH weisen zudem nach, dass starke Belastungen nicht nur in den Grossstädten sondern auch in kleineren Städten oder gar Gemeinden vorhanden sind: Alsfeld, Aschaffenburg, Wetzlar und Marburg etwa, um nur einige der angeführten zu nennen. Die DUH betont, dass die Messwerte tatsächlich noch um bis zu 10 % höher liegen – der Kälteeinbruch im Messmonat Februar führte zu diesen Schwankungen im Vergleich mit den Referenzmessungen an den offiziellen Messstellen der UBA bzw. der Interpretation von Wissenschaftlern des Schweizer Analyselabors Passam AG.
Die meisten Stickoxide (NOx) entstehen durch den Verkehr, insbesondere durch Dieselfahrzeuge, da bei den kalorischen Kraftwerken schon seit den 70er Jahren Filteranlagen eingebaut sind. Die Abgasnorm legt den Grenzwert auf 0,08 g NOx/km fest (bei Benzinern auf 0.06 g/km). Messungen der Deutschen Umwelthilfe im Rahmen deren Emissionen-Kontroll-Instituts (EKI) kamen jedoch zu einem ernüchternden Ergebnis: Euro 6-Diesel-PKW (die derzeit aktuellen) stossen im Schnitt das Fünf- bis Sechsfache davon aus. Das ist in etwa das 50-fache des NOx eines Euro 6-Benziners. Einige Modelle, wie etwa der Fiat 500 gar um das 150-fache! Diese Realemissionen sind den Kraftfahrzeug-Typisierungsstellen in Deutschland und Österreich bekannt. Dennoch wurde nichts dagegen unternommen. Stellt sich die Frage: Weshalb? Geht es wirklich nur um die Arbeitsplätze, die bei jeder Gelegenheit durch die Hersteller vorgeschoben werden oder steckt mehr dahinter!?
Seit dem Jahre 2010 gelten verbindliche Grenzwerte für Luftschadstoffe, die durch die EU vorgegeben sind (EU-Richtlinie 96/62/EG zur Beurteilung und Kontrolle der Luftqualität und die EU-Richtlinie 2008/50/EG über Luftqualität und saubere Luft in Europa). Diese liegen gar über den empfohlenen Werten der Weltgesundheitsorganisation WHO! In Deutschland wird die Richtlinie durch die “Verordnung über Luftqualitätsstandards und Emissionshöchstmengen” (39. BImSchV) umgesetzt, in Österreich durch das “Immissionsschutzgesetz Luft (IG-L)”. Während Ruß- und Feinstaubpartikel-Filter seit zehn Jahren serienmässig eingebaut werden müssen, wurde das NO2 lange Zeit ungefiltert rausgeblasen. Deshalb droht nun der EU-Umweltkommissar Karmenu Vella mit einer Klagewelle vor dem Europäischen Gerichtshof wegen der Überschreitung der Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub. Die Folge: Exorbitant hohe Strafzahlungen der betroffenen Mitgliedsstaaten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien, Tschechien, Ungarn, Rumänien und die Slowakei nach Brüssel. Bereits im Januar erfolgte die Aufforderung Brüssels an die Mitgliedsstaaten, Lösungen zu präsentieren – Polen wurde schon verklagt und verurteilt.

“Ich werde dem Kollegium vorschlagen, Ende April mit einer Reihe dieser Fälle als Teil des nächsten Vertragsverletzungsverfahrens der Kommission fortzufahren!”
(Karmenu Vella)

Vermeidbar ist dies nurmehr durch sofortige Fahrverbote v.a. der älteren Dieselautos, aber auch neuerer Klassen. Zudem scheint die Umrüstung des öffentlichen Personennahverkehrs auf O-Busse oder Strassenbahnen als unbedingt vonnöten. Zukunftsmusik ist hingegen noch der Kaufzwang von E-Cars oder Benzin-Hybridautos von innerstädtischen Fahrzeugbesitzern. Zu hoch ist derzeit der preisliche Unterschied zu normalen Verbrennungsmotoren, da sich die umweltfreundlicheren erst nach einigen Jahren amortisieren – auch mit noch so vielen Vergünstigungen.
Entsprechend der ständigen Rechts-sprechung des Bundesverwaltungs-gerichtes können Städte jederzeit ein Dieselfahrverbot verhängen. Euro 4 und älter ab sofort, Euro 5 ab September 2019. Da nun aber Euro 6 ohne dieser NOx-Filterung mehr Abgase als die Kollegen aus der 5er-Klasse ausstossen, werden wohl viele Euro 5-Besitzer vor Gericht gehen. Dann droht ein grundsätzliches Dieselverbot in den Städten. Deshalb stimmen jetzt auch die Hersteller der blauen Dieselplakette zu! In 70 deutschen Städten wird ein derartiges Fahrverbot auch demnächst wohl der Fall sein, da in 20 davon die bislang getroffenen Gegenmassnahmen nicht fruchten.
NO2 greift v.a. die Schleimhäute und Augen an. Dadurch kann es zu Atemwegserkrankungen wie Bronchitis oder Athma, aber auch zu Herz- und Kreislauferkrankungen (Gefässverengungen, Verklumpung der Blutplättchen, Abnahme der Pumpleistung des Herzens) sowie Schädigungen der Lunge vornehmlich bei älteren Menschen, Kleinkindern und Vorerkrankten kommen. Die Studie der Universitätsklinik Jena zeigte etwa auf, dass bereits ein kurzfristiger Anstieg um 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Aussenluft und Tag das Infarktrisiko um 50 % höher werden lässt. Nach Angaben der Umwelthilfe sind jährlich 12.860 Todesfälle (EEA 2017) in Deutschland auf das Dieselabgasgift NO2 zurückzuführen Auch in Österreich sind keine anderen Zahlen zu erwarten, da im Alpenstaat die Anzahl der Dieselmotoren im Schnitt gar noch über jener des deutschen Nachbarn liegen, obgleich nach Angaben der Statistik Austria im ersten Quartal 2018 ein Rückgang von 18,6 auf einen Anteil von 41,9 % zu verzeichnen war. Zum Vergleich: In Deutschland sank der Anteil neuzugelassener Diesel-Fahrzeuge im Januar um 17,6 auf 33 % (Angaben: Kraftfahrt-Bundesamt). Hier spricht man inzwischen vom “freien Fall”!

https://www.youtube.com/watch?v=iflTF091XWo

Doch – wie bereits erwähnt – ist das nicht nur ein Problem der Gross-städte. Aschaffenburg beispielsweise liegt an einer der deutschlandweit am meisten befahrenen Autobahnen, der A3 von Würzburg nach Frankfurt. Marburg liegt an der ebenfalls stark befahrenen B3, die – wenn es nach dem Willen der Stadtregierung geht – schon sehr bald zur A 485 umgebaut werden soll. Und die Bewohner des Tiroler Unterlandes (A12) bzw. des Wipptals (A13) wissen ein Lied davon zu singen. Sie fühlen sich am Sonntag wie neu geboren. An Schwerverkehr-Fahrverbotstagen wird um 50 bis sogar 75 % weniger NO2 gemessen.
Stickstoffmonoxid (NO) entsteht während Verbrennungsprozessen bei hohen Temperaturen, wenn sich die Abgase danach rasch wieder abkühlen. G-Katalysatoren (DreiWege-Katalysatoren) wandeln dieses, ebenso wie die anderen Abgase zu Stickstoff, CO2 und Wasser um – der grosse Unterschied zu U-Katalysatoren, die Stickoxide ungefiltert abgeben. Deshalb auch die Namensgebung “DreiWege”: CO zu CO2 (Oxidation), HC zu H2O und CO2 (Oxidation), NOx zu N2 (Reduktion). Derartige Katalysatoren zählen bei Benzinern inzwischen zur Standard-Ausrüstung. Die Effektivität (Konvertierungsrate) liegt inzwischen bei über 90 %. Diesel-Motoren arbeiten allerdings mit einem Luftüberschuss, weshalb hier keine DreiWege-Kats verwendet werden können – sie benötigen einen zusätzlichen Oxidations-Kat. In Selbstzündern oder Benzinern mit Direkteinspritzung werden häufig DeNOx-Katalysatoren verwendet. Diese funktionieren jedoch nur bei schwefelarmem Treibstoff und aschefreiem Motoröl. Im Kat befinden sich Metallträger mit kleinem Querschnitt. Durch regelmässiges Aufheizen des Kats erfolgt eine Entschwefelung (Desulfatierung), wodurch Schwefelwasserstoff freigesetzt wird, das sehr streng riecht. Gerade beim Kaltstart ist dieser Kat wirkungslos. Deshalb sind in einigen Modellen V-Katalysatoren eingebaut. Dieser Voroxidations-Katalysator erhöht den CO2-Anteil der Stickoxide wodurch die Oxidation der Kohlenstoffpartikel, aber auch die Reduktion der Stickoxide erzielt wird. Im Verbund dahinter befindet sich ein Harnstoff-Katalysator und ein Oxidations-Katalysator. Im Harnstoff-Kat (SCR-Kat) nun erfolgt die tatsächliche Reduktion der Stickoxide. SCR steht für “selektive katalytische Reduktion”. Dabei wird dem Abgas Ammoniak (NH3) zugeführt. Durch die sog. “Komproportionierung” entstehen in dieser chemischen Reaktion Wasser und Stickstoff (patentiert 1974 durch die japanische Firma Kurabo Industries Ltd.). Eingesetzt wurde dieser Prozess vorerst bei kalorischen Kraftwerksanlagen, ab 2001 auch bei schweren Nutzfahrzeugen. Dabei gelangen drei unterschiedliche Arten von Kats zum Einsatz: Einerseits ein solcher mit Titandioxid, Vanadiumpentoxid und Wolframdioxid, andererseits einer mit Zeolithe. Oder auch ein weiterer mit Aktivkohle. Bei allen werden zudem Dioxine und Furane abgebaut und das elementare Quecksilber abgetrennt. Die erste Tankstelle, bei der auch Harnstoff mitgetankt werden konnte, wurde durch die OMV im Jahre 2003 ausgestattet. Knackpunkt: Der Gefrierpunkt dieser Harnstoff-Wasser-Lösung (31,8–33,2 %-Lösung) liegt bei -11,5 Grad C. Somit muss im Winter der Vorratsbehälter stets beheizt werden. Zudem müssen auch die Leitungen nach dem Abschalten der Zündung automatisch entleert werden – die Tauchpumpe im Vorratsbehälter pumpt das Harnstoffgemisch wieder in diesen zurück (revers). Chemisch betrachtet wird in einer Thermolyse Ammoniak und Isocyansäure gewonnen. Danach folgt die alles entscheidende Hydrolyse durch etwa die Standard-SCR bei Temperaturen über 350 Grad C:
4 NO + 4 NH3 + O2 –> 4 N2 + 6 H2O
Dieser Vorgang geschieht ohne Beeinflussung der motorischen Verbrennung (im Gegensatz zum Partikelfilter), wodurch der Wirkungsgrad der Diesel-Motoren erhalten bleibt. Seit dem Jahr 2004 und damit der Euro4-Abgasnorm findet diese SCR-Reinigung bei LKW-Motoren Anwendung. Je höher Drehzahl und Drehmoment des Motors, desto mehr Harnstoff wird auch verbraucht (ca. 2-8 % des eingesetzten Dieseltreibstoffes). Durch ein recht komplexes Zusammenspiel von Temperaturmessverfahren (wie u.a. der akustischen Gastemperatur-messung) mit den Einspritzdüsen soll das richtige Mischverhältnis gewährleistet werden. Sollte es dennoch zu einer Überkonzentration an Ammoniak kommen (Ammoniak-Schlupf), wird dieses im abschliessenden Oxidations-Kat wieder zu Stickstoff und Wasser abgebaut.
Erstmals bei einem PKW kam diese SCR-Abgasnachbehandlung beim Mercedes Benz E320 in den USA ab 2007 zum Einsatz, ab 2008 dann ebenfalls mit Harnstoffeinspritzung. 2009 folgte der Audi Q7 3.0 TDI “clean diesel”, etwas später dann der A4 und der Q5. Auch VW setzte diese Technik ab 2009 im Passat BlueTDI ein.
Wie Sie sich allerdings vorstellen können, ist diese Technik zwar sauber, jedoch sehr aufwendig und teuer. Deshalb setzten viele Hersteller lange Zeit noch grosse Stücke auf den NOx-Speicherkatalysator. Zudem muss regelmässig Harnstoff nachgetankt werden. Dieser Behälter befindet sich direkt neben dem Dieseltank. Im Rahmen der US-Studien 2015 wurde nun bekannt, dass Volkswagen einen Abschaltmechanismus in der Motorsteuerung installiert hatte, damit der Verbrauch dieser Harnstofflösung minimiert wird. Die Folge: Der SCR-Katalysator läuft nicht wie er sollte – die Stickoxide werden rausgeblasen. Die Software erkannte allerdings, wenn sich das Fahrzeug zum Zwecke der Testung auf einem Rollenprüfstand befand und schaltete die Harnstoffzerstäubung ein, damit die Grenzwerte eingehalten werden konnten. Selbiges wurde später auch bei anderen Marken gefunden. Seit September 2017 nun sind die Euro6-D Fahrzeuge zertifiziert. Sie verbrauchen zwar etwas mehr Treibstoff, dafür sind die Abgastemperaturen höher. Stickoxide werden nämlich erst ab 180 bis 200 Grad C durch das Ammoniak gebannt. Die Vorgänger-Modelle Euro6-C wurden deshalb in der Software upgedatet!
Es geht also auch anders: Diesel-Fahrzeuge könnten relativ sauber fahren – doch wollte das die Automobil-Industrie bei uns nicht. Dann nämlich würde offiziell, dass Diesel nicht die preisgünstigere Alternative zum Benziner ist! Die Deutsche Umwelthilfe hat seit 2005 durch mehrere Musterklagen die Möglichkeit geschaffen, dass betroffene Bürger das Recht auf saubere Luft und damit einhergehenden Massnahmen einklagen können. Die Urteile wurden 2007 durch das Bundesverwaltungsgericht und ein Jahr später durch den Europäischen Gerichtshof bestätigt. Werden also die Grenzwerte für NO2 überschritten, kann jeder, der einen Grossteil seiner Zeit im Risikogebiet verbringt, seit 2010 vor Gericht gehen. Als Nachweis gilt die Nähe zur Messstation, bei welcher die Werte gemessen wurden. In nicht weniger als 70 deutschen Städten wurde im vergangenen Jahr der Grenzwert überschritten (im Jahresmittel max. 18x für eine Stunde auf bis zu 200 Mikrogramm/Kubikmeter Luft). Am schmutzigsten sind übrigens Köln, München und Stuttgart.
Wenn also mit einer Flut von Prozessen gerechnet werden muss, stellt sich die Frage: Wieso hat die Politik noch nichts entsprechendes unternommen? Schliesslich werden die Strafgelder und Prozesskosten aus Steuergeldern bezahlt.

“Wir sollten aber nicht zulassen, dass eine führende deutsche Technik gezielt schlechtgeredet wird, nur damit bestimmte Gruppen einen Symbolerfolg verbuchen können.”
(Michale Fuchs, bis 2017 MdB für die CDU)

Immer wieder wird mit dem Wirkungsgrad der Dieselmotoren argumentiert. Es ist korrekt, dass dieser bei niedrigen Motorleistungen besser ausfällt als bei Benzinern. Dieser Vorteil ist allerdings bei höheren Leistungen (Überlandfahrten oder Autobahn) rasch dahingeschmolzen. Zudem sind Dieselfahrzeuge, wie beispielsweise SUVs, auch wesentlich schwerer als Benziner. Deshalb wurde mit allen Mitteln getrickst: Laborergebnisse bei optimalsten Bedingungen haben rein gar nichts mit den Realwerten auf der Strasse gemein; getürkte Software sorgt dafür, dass die Werte während der Messung (NEFZ) künstlich unten gehalten werden; Filter werden ein- und ausgeschaltet,… Der Experte spricht hierbei von “cycle beating”, das durch die Verordnung (EG) 715/2007 eigentlich verboten ist. Somit entsprechen bei den NOx die Testwerte bei Euro5-Fahrzeugen um den Faktor 4-8, bei Euro6-Fahrzeugen gar um den Faktor 6 nicht den Realwerten. Ist allerdings das Modell dann einmal zugelassen, gilt dies für alle entsprechenden Fahrzeuge desselben Typs. Seit September 2017 kommt europaweit ein neuer Testzyklus zur Anwendung: Das Worldwide Harmonized Light Duty Test Procedure (WLTP). Es soll Motoren auch im realen Fahrbetrieb (RDE) testen! Seit diesem Datum darf der Realausstoss von NOx bei 3 bis 30 Grad Celsius Lufttemperatur und bis zu 700 Höhenmeter um max. 110 %, ab Januar 2020 nurmehr um 50 % des Labor-Grenzwertes überschritten werden.

“Neu im Markt eingeführte Abgastechnologien brauchen in der Regel 13 Jahre, bis sie ihre Wirkung vollständig entfalten, erst danach sind neun von zehn Autos aus dem Fahrzeugbestand ersetzt.”
(Norbert Heeb, Chemiker Empa Schweiz)

Hier wurden somit nicht nur die Behörden, sondern v.a. die Konsumenten über’s Ohr gehauen. Die guten Werte machten sich auch in der Geldtasche bemerkbar, da abgasarme Fahrzeuge steuermässig niedriger eingeordnet werden. Wenn schon die Politik offenbar mit Euro 6 Ziele gesetzt hat, die technisch nicht umsetzbar waren, Überprüfungen jedoch auslässt und dadurch den Herstellern eine Grauzone hinterlässt, die viele rechtlich nicht richtig gelöst haben, so sollten sich doch möglichst viele betroffenen Fahrzeughalter zusammentun und mittels entsprechender Sammelklagen das Versprochene vor Gericht erstreiten. Hält ein Produkt nicht das, was es verspricht, so nennt man dies “Mogelpackung” und kann vor Gericht gebracht werden – v.a. dann, wenn der Betrogene dadurch einen Schaden erfährt (etwa durch Fahrverbot oder plötzlich höhere Abgaben bzw. durch Nachzahlungen unberechtigt erhaltener Vergünstigungen). Durch den aktuell letzten Vorschlag der deutschen Bundesregierung, der Einrichtung eines Fonds, damit ältere Dieselfahrzeuge aufgerüstet werden können, wird ohnedies wieder der Steuerzahler (auch der Fussgänger, Radfahrer, Öffis-Benutzer, E-Mobil-Fahrer oder Benziner) zur Kasse gebeten, obgleich die Autoindustrie den grössten Batzen dafür bezahlen soll. Diese aber weigert sich bislang standhaft.
Die Deutsche Umwelthilfe führt derzeit eine Mailaktion durch, die sich zwar hauptsächlich auf den viel zu hohen Spritverbrauch im Vergleich zu Werksangaben bezieht, jedoch im Grossen und Ganzen das Übel im Kern anpackt: Man sollte den Hersteller-Angaben keinen Glauben mehr schenken, da sie meist etwas versprechen, das niemals eingehalten werden kann.

https://www.duh.de/spritluege/

Zuletzt noch ein Hinweis des TÜV-Rheinland: Vorsicht beim Anschleppen eines Dieselfahrzeuges, wenn es nicht anspringen will. Dadurch können unverbrannte Treibstoffe in den Katalysator gelangen, die diesen schädigen können. Feststellbar ist dies aber erst bei der nächsten Abgas-Überprüfung.

Info-Box:

NOx-Grenzwerte
- Aussenluft 40 Mikrogramm/Kubikmeter Luft
- Büroräume 60 Mikrogramm /Kubikmeter Luft
- Industriebetriebe 950 Mikrogramm/Kubikmeter Luft (Technische Regeln für Gefahrenstoffe TRGS)

Verantwortlich bei NOx-Langzeitbelastung nach Berechnungen des deutschen Umweltbundesamtes 2014 für
.) 6.000 Todesfälle (vorzeitige Herz-Kreislauf-Erkrankungen)
.) 8 % Typ-2-Diabetes
.) 14 % der Asthma-Erkrankungen
Insgesamt rund 1 Mio Krankheitsfälle!

Lesetipps:

.) Manipulation von Abgaswerten: Technische, gesundheitliche, rechtliche und politische Hintergründe des Abgasskandals; Kai Borgeest; Springer-Vieweg 2017
.) The Dieselgate – A Legal Perspective; Hrsg.: Marco Frigessi di Rattalma; Springer International Publishing 2017
.) Katalysatoren zur Nox-Minderung von Kraftwerksabgasen, Abschlussbericht zum BMFT-Forschungsvorhaben 03E-6363-A; Hartmut Kainer et al; Didier Werke AG 1991
.) Handbuch Dieselmotoren; Hrsg.: Klaus Mollenhauer / Helmut Tschöke; Springer-Verlag 2007
.) Dieselmotor-Management – Systeme, Komponenten, Steuerung und Regelung; Hrsg.: Konrad Reif; Vieweg+Teubner Verlag 2012
.) Wachstum über alles: Der VW-Skandal; Jack Ewing; Droemer HC 2017
.) Kraftwerkstechnik. Zur Nutzung fossiler, regenerativer und nuklearer Energiequellen; Karl Strauß; Springer 1998

Links:

- www.umweltbundesamt.de
- www.duh.de
- www.helmholtz.de
- www.umweltbundesamt.at
- www.ccem.ch/gasomep
- www.empa.ch
- www.kein-diesel.at
- www.umwelt-pickerl.at
- www.kfztech.de

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Der Vordenker

“Our dangerous reliance on carbon-based fuels is at the core of all these problems – economic, environmental, national security. The answer is to end our reliance on carbon-based fuels.”
(Al Gore 2008)

Erwähnt man heute “Amerika”, so denken 99,99 % wohl als erstes an Donald Trump, der derzeit auf dem besten Wege ist, das Land komplett zu zerstören. Seiner Entscheidung, Nationalparks für die Nutzung freizugeben, könnten auch die bis zu 3.200 Jahre alten Riesen-Mammut-Bäume in Kalifornien zum Opfer fallen. Doch will ich diese heutigen Zeilen einem positiven Menschen widmen, der im Jahre 2000 zwar ebenfalls US-Präsident werden wollte, bei der Wahl aber schliesslich George W. Bush den Vortritt geben musste, obwohl er um 543.000 Stimmen mehr als sein Kontrahent bekam! Im entscheidenden Bundesstaat Florida unterlag er – zwar sehr umstritten und knapp – aber dennoch, sodass die Wahlmänner an Bush gingen.
Albert Arnold “Al” Gore Jr. feierte am 31. März seinen 70. Geburtstag – herzliche Gratulation auf diesem Wege nachträglich. Der Demokrat war in den Jahren 1993 bis 2001 US-amerikanischer Vizepräsident unter Bill Clinton und kämpft seit jeher für eine bessere Welt. 2007 erhielt er gemeinsam mit der “Zwischenstaatlichen Sachverständigengruppe über Klimaänderungen” (IPPC) dafür den Friedensnobelpreis. Seine politische Laufbahn begann bereits 1976, als er in Tennessee als Abgeordneter zuerst in das Repräsentantenhaus (bis 1984), dann in den Senat gewählt wurde (bis 1993). 1988 trat er erstmals als möglicher Präsidentschaftskandidat auf, scheiterte jedoch in der parteiinternen Vorwahl aufgrund einer vernichtenden Schlappe in New York.
Al Gore entstammt einer Politiker-Familie. Sein Vater, Albert Arnold Gore Sr. war lange Jahre Senator des Bundesstaates Tennessee. Somit wuchs er sowohl in der Hauptstadt, als auch auf der Farm seiner Eltern in Carthage auf. In Washington absolvierte er die Eliteschule St. Albans. Das Harvard College schloss er schliesslich 1969 mit dem Bachelor of Arts ab. Seine Kumpels damals waren übrigens der Schauspieler Tommy Lee Jones, mit dem er sich eine WG teilte, und Erich Segal. Das anschliessende Studium an der Vanderbilt University in Nashville (Theologie und Jura) brach er ab. Mit seiner Schulfreundin und späteren Frau “Tipper” Mary Elizabeth Aicheson hat er insgesamt vier Kinder. 2010 trennten sie sich nach 40 Ehejahren.
Al Gore liess erstmals aufhorchen, als er nicht wie andere Sprösslinge die Verbindungen seines Vaters nutzte und zur Nationalgarde ging. Gore trat in den Militärdienst ein und wurde – obgleich wie sein Vater Gegner des Vietnamkrieges – nach Fernost-Asien beordert. Allerdings erst, nachdem Gore Senior die Wahlen zum Senat verloren hatte, da dieser nicht davon in Form von Wählerstimmen zehren sollte, wenn sein Sohn sich zum Kriegshelden entwickelte oder im Kampfeinsatz verstorben wäre. Dort wurde er u.a. als Militärjournalist eingesetzt. Als er sich in Uniform von seinen Harvard-Professoren verabschiedete, wurde er von den anderen Studenten ausgebuht. Später schrieb er voller Hochachtung über seine damaligen Kriegsgegner in Vietnam, dass diese für etwas kämpften, “das sie Freiheit nannten”. Al Gore betonte immer wieder, dass er nicht direkt in das Kampfgeschehen eingebunden war und somit nicht mit anderen Soldaten verglichen werden dürfe.
Gore ist aber auch wirtschaftlich sehr erfolgreich. So gründete er die Alliance for Climate Protection, die Generation Investment Management sowie Current TV und bekleidet die Positionen eines Aufsichtsratsmitgliedes bei Apple sowie eines hochrangigen Beraters bei Google. Zudem ist er Gesellschafter an dem Investmentunternehmen Kleiner Perkins Caufield & Byers.
Und da kommt nun eines hinzu, das viele ansonsten als Oxymoron bezeichnen: Sein Engagement für den Klimaschutz und die Umwelt. Gore schrieb und schreibt nach wie vor unzählige Werke zum Thema “Umweltschutz”, ist gern gesehener Referent bei Veranstaltungen und schliesslich 2007 Oscar-Gewinner. Die Dokumentation “Eine unbequeme Wahrheit” baut auf einer seiner Multimedia-Präsentationen zur globalen Erderwärmung auf. Der Friedensnobelpreis wurde im selben Jahr für die Bemühungen um die Bewusstmachung der Klimakrise und der damit verbundenen globalen Gefahren zuerkannt. Zahlreiche Ehrendoktortitel und Gastprofessuren deuten zudem auf eine rege Vortrags- und Lehrtätigleit an den Universitäten hin. 2009 startete er eine Kampagne zur Energiewende. Die PR-Aufwendungen dafür beliefen sich auf rund 300 Mio Dollar. Der jetzige Präsident macht alles mit einem Handstreich zunichte.

“We’re borrowing money from China to buy oil from the Persian Gulf to burn it in ways that destroy the planet. Every bit of that has got to change.”
(Al Gore 2008)

Zwei Programme haben es Al Gore besonders angetan: Das GLOBE-Programm und die Live-Earth-Konzerte!
.) GLOBE-Programm
Das “Global Learning and Observations to Benefit the Environment”-Programm wurde am 22. April 1994 gestartet. Dieses Programm hat es sich zum Ziel gesetzt, durch Geo-Wissenschaft und Ökologie sowie Bildung auf die Dringlichkeit des Schutzes unserer Erde hinzuweisen. Inzwischen beteiligen sich nicht weniger als 17.000 Schulen in 100 Ländern an diesem weltweiten Netzwerk aus Wissenschaftlern, Lehrern und Schülern. Vor allem die Schüler sollen das System Erde besser verstehen lernen, indem sie einen eigenen Beitrag dazu leisten können. Die Idee wurde in Deutschland durch die DLR, das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung aufgegriffen und gefördert. Die Geldzuwendungen liefen 2008 aus. Das Projekt allerdings lebt im eingetragenen Verein GLOBE Deutschland weiter. In Österreich werden nach wie vor jährlich die Energy Globe Awards für ausgezeichnete Umweltprojekte vergeben. Auch bei den Eidgenossen ist GLOBE Schweiz vor allem an den Schulen sehr aktiv, um den jungen Menschen ein besseres Umweltbewusstsein zu vermitteln.
.) Live Earth
Die Live Earth-Konzertreihe fand weltumspannend am 7. Juli 2007 statt. Auf allen sieben Kontinenten spielten Musiker aller Genres für 24 Stunden auf und machten damit das Event zur grössten Musik- und Benefizveranstaltung der Geschichte. Von Linkin’ Park, Shakira, Metallica, Bon Jovi, Rihanna bis zu James Blunt, Yusuf Islam (Cat Stevens), Red Hot Chili Pepers gaben sich internationale Topgrössen die Backstage-Klinken in die Hand. Madonna landete mit “Hey You” einen Chart-Hit. Er stand für eine Woche kostenfrei zum Download bereit. Al Gore erhielt damals Unterstützung durch den Musikproduzenten Kevin Wall, der dadurch auch auf sein eigenes Klimaschutzprojekt “Allianz Save Our Selves (SOS)” aufmerksam machen wollte. Mit den Erlösen wurde eine Stiftung begründet, die Klimaschutzprojekte unterstützt. Free Concerts gab es nur an der Copacabana in Rio (400.000 Zuschauer) und in Washington D.C. – die Konzerte im japanischen Kyoto und der Antarktis (Rothera-Station auf der Adelaide-Insel – wegen des Antarktischen Winters konnte nur die Hausband der britischen Wissenschaftler spielen) waren nicht öffentlich zugänglich. Die Übertragungen gelangten in 130 Staaten dieser Erde vornehmlich in Public Viewings zur Ausstrahlung. Beim Live Earth-Konzert in Hamburg wurde eine CO2-Abgabe von 30 Cent pro Eintrittskarte eingehoben. Mit dem Geld sollten auf der südlichen Halbkugel Bäume gepflanzt werden – als Ausgleich für den CO2-Ausstoß, den Live Earth verursachte. Leider allerdings kamen von den 45.000 erwarteten Fans nur 29.000, sodass ein Minus von 950.000,- € entstand. Insgesamt aber konnten 75 Millionen Dollar an Spendengelder gesammelt werden.

“We’re building up CO2 so rapidly that we’re seeing the consequences scientists have long predicted. And the only way to take responsible action is to get at the heart of the problem, which is the burning of fossil fuels.”
(Al Gore 2008)

In seinen Büchern, wie etwa dem Bestseller “Earth in the Balance: Ecology and the Human Spirit” im Jahre 1992 beschreibt Gore einige Lösungsansätze für eine umweltfreundliche Wirtschaft – offenbar jedoch keine Literatur für politische Entscheidungsträger!
Al Gore geht auch weiterhin als Beispiel voran. Den Strom auf seinem Anwesen gewinnt er seit Jahren aus erneuerbaren Energien – seit 2013 lebt er zudem vegan. Als Vorsitzender von Generation Investment Management fördert Gore durch den Ankauf von Firmenanteilen Unternehmen, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben. In der Interessensgemeinschaft Alliance for Climate Protection versucht er uidem, “die globale Erwärmung und den Übergang zu einer nachhaltigen und sicheren Energiewirtschaft zu einer dringenden nationalen Priorität zu machen”. 2008 forderte er die USA gar dazu auf, bis 2018 den kompletten Strombedarf mit erneuerbaren Energiequellen abzudecken. Wie wir inzwischen wissen, geht der derzeitige Präsident wieder Meilen zurück in der Geschichte und den Bemühungen Obamas.

“Wenn man so viel durchgemacht hat, ist das auch eine Chance viel zu lernen.”
(Al Gore)

Schade, dass es nicht mehr Menschen dieser Sorte in Entscheidungspositionen gibt! Mit der Begründung zur Verleihung des Friedensnobelpreises an Al Gore möchte ich meine heutigen Über-legungen auch schliessen. Ole Danbolt Mjøs, der Vorsitzende des Nobelausschusses des norwegischen Parlaments, meinte am 12. Oktober 2007:

“He is probably the single individual who has done most to create greater worldwide understanding of the measures that need to be adopted.”

Filme:

.) Inconvenient Truth; Paramount Pictures 2007
.) An Inconvenient Sequel: Truth to Power 2017

Lesetipps:

.) Wege zum Gleichgewicht: Ein Marshallplan für die Erde; Al Gore; S. Fischer Verlag 1992
.) Wir haben die Wahl. Ein Plan zur Lösung der Klimakrise; Al Gore; Riemann Verlag 2009
.) Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern; Al Gore; Siedler Verlag 2014
.) Eine unbequeme Wahrheit: Die drohende Klimakatastrophe und was wir dagegen tun können; Al Gore; Riemann Verlag 2006
.) Angriff auf die Vernunft; Al Gore; Riemann Verlag 2007
.) Lust auf Macht: Wie (nicht nur) Frauen an die Spitze kommen; Andrea Och / Katharina Daniels; Linde Verlag 2013
.) High: Die James-Blunt-Story; Michael Fuchs-Gambock/Thorsten Schatz;

Links:

- algore.com
- www.globe.gov/
- www.globe-deutschland.de
- www.energyglobe.at
- www.globe-swiss.ch
- www.generationim.com
- umweltschulen.de
- www.plant-for-the-planet.org/de
- www.climaterealityproject.org
- www.muttererde.at
- www.oekosystem-erde.de
- www.globalisierung-fakten.de
- www.klimagerechtigkeit.de

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Dabei zu sein, ist schon längst nicht mehr alles

“Ein Olympiasieg ist für einen Sportler ein Jackpot!”
(Sportmanager aus Salzburg)

Die Olympischen Winterspiele von Südkorea sind Geschichte und auch die Paralympics von ihren Spielen gut und wohlbehalten wieder zurückgekehrt! Es waren durchaus goldene Spiele – für Deutschland (14x/7x Paralympics)!

“Wir sind mehr als zufrieden, Pyeongchang scheint ein guter Boden für die österreichische Olympiamannschaft!”

(ÖOC-Präsident Karl Stoss nach den ersten 61 Bewerben)

Auch die Österreicher stellten mit ihren 5 Goldenen (0 bei den Paralympics) wenn auch Ihren ÖOC-Präsidenten halbwegs zufrieden – so jedoch nicht den ÖSV-Präsidenten, scheint doch die jahrzehntelange Dominanz bei den Alpinen endgültig vorbei. Und die Eidgenoss(en)-innen kamen mit einem Rekordergebnis von 15 Medaillen (darunter ebenfalls 5 Goldene/3 bei den Paralympics) aus dem Jubeln nicht mehr heraus. Gratulation nochmals an dieser Stelle an all jene, die sich für Olympia und die Paralympics qualifizieren konnten, denn der Weg dorthin ist sehr hart und dornenreich.
Für so manchen unter ihnen stellt die Olympiamedaille auch sportlich das höchste erreichbare Ziel dar. Für viele anderen hingegen ist es ein Investitionsfaktor. Im Spitzensport regiert schon längst nicht mehr der Sport – es regiert das Geschäft. So kann ein guter Spitzensportler, der zuvor noch keinen internationalen Wettkampf gewonnen hat, dann jedoch einen extrem guten Tag erwischt und die Goldmedaille holt, seinen Marktwert vervielfachen – allerdings nur kurz, da er auch im Anschluss Leistungen bringen muss um nicht als One Hit Wonder wieder vom Parkett zu verschwinden. Ein Ausnahmesportler mit einem schlechten Ergebnis (“traurige Helden”) hingegen den Manager einige graue Haare kosten. Marcel Hirscher etwa musste ausgerechnet in seiner Paradedisziplin, dem Slalom, klein bei geben – er machte es dann mit Gold in der Kombi und im Riesentorlauf wieder wett.
Die Sensation allerdings gelang einer Tschechin und zwei eingebürgerten Deutschen. Die 22-jährige Ester Ledecka ist eigentlich mit ihrem Board verheiratet, doch schnappte sie ausgerechnet im alpinen Super-G der Österreicherin Anna Veith eine Hundertstelsekunde und damit die Goldmedaille vor der Nase weg. Im Ziel starrte sie wie gebannt auf die Anzeigetafel, da sie einen Fehler vermutete, die Interviews gab sie mit Schibrille, sie hatte kein Make-up aufgetragen – darauf war die Tschechin nicht vorbereitet.
Und im Eiskunstlauf gewannen die beiden Deutschen Aljona Savchenko und Bruno Masso mit der “besten Kür, die jemals in dieser Disziplin gelaufen wurde” (DSV-Chef Alfons Hörmann). Gerne zitiere ich den Kollegen Daniel Weiss aus der ARD:

“Sie brechen mit dieser Kür alle Gesetze der Schwerkraft!”

Chapeau für alle die es geschafft haben. Im Hintergrund liefen bereits die Verhandlungen ihrer Manager mit Sponsoren und Veranstaltern, schliesslich wirkt sich die Olympia-Goldmedaille wie eine Rakete beim Marktwert eines Sportlers aus – auch wenn Marcel Hirscher einst meinte:

“Für mich hat das nicht so viel Wert, wie in Schladming vor 40.000, 50.000 Leuten zu gewinnen. Daheim, bei meinem Heimrennen, meiner Heim-WM. Wir sind hier irgendwo, es sind keine Leute und fahren halt ein Rennen.”

Damit meinte er jedoch nur die Atmosphäre, das persönliche Feeling! Nicht den finanziellen Aspekt! Wobei: Hirscher ist ein Ausnahmetalent. Die Sponsoren stehen bei ihm ohnedies Schlange! Berechtigterweise, erklimmt doch keiner so oft das Stockerl/Siegertreppchen wie er. Und da ist der Griff zur Getränkedose während der Interviews schon mal eine fünfstellige Summe wert.

“Hirscher ist die begehrteste Sportleraktie auf dem heimischen Markt!”
(Leodegar Pruschak, Geschäftsführer der zentralen Raiffeisenwerbung Österreich 2013)

Im Standard war schon 2015 zu lesen, dass sich Hirschers Bruttowerbewert nach Berechnungen von Sportsponsoring-Wintersport auf 4,7 Millionen Euro beläuft. Inzwischen ist die mediale Präsenz einer Marke, die von Hirscher in die Kameras gehalten wird, nahezu unbezahlbar. Sei ihm gegönnt!
Es ist ein wahrhaft exquisites Konzert der Grossen – der Sponsoring-Markt. Audi (über 20 Mio Euro), Red Bull (knapp unter 20 Mio), Raiffeisen (über 12 Mio)! Bei den Ausrüstern matchen sich Sommer- und Wintersport: Adidas (über 30 Mio), Uvex (über 27 Mio), Nike (über 22 Mio). Leider allerdings nur in jenen Sportarten, die Zuschauer vor die Fernseher locken: Schi Alpin, Fussball, Nordische Kombination, Motorsport. Welch ein Schock muss doch damals die Aussage Marcel Hirschers für den Brillen-Ausrüster gewesen sein, als dieser meinte, er habe das Rennen wegen einer innen beschlagenen Brille verloren. Dabei hatte nur der Servicemann das Glas verkehrt eingesetzt. Aber: Vorbei und vergessen, schliesslich war es Hirscher, der das sagte. Würde der Vertrag mit ihm aufgrund dessen gecancelt, kostet das den Ausrüster Millionen, die er nicht einnehmen könnte.
Auch die Veranstaltungen selbst werden inzwischen nach ihrem Werbewert bemessen: So hat die Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel einen Bruttowerbewert von 15,9 Mio Euro (Zahl: Marktforschungsinstitut Focus). Der Sieger der Gams erhält ein Preisgeld von 75.000,- €. Vor lauter Werbung rechts und links der Piste ist der Sportler zeitweise visuell gar nicht mehr auszumachen! Der Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf bringt es auf 10,2 Mio € (Zahl: Marktforschungsinstitut Focus). Die Olympischen Winterspiele von Sotchi hatten einen Markenwert von 285 Mio US-Dollar! Da kann es all zu schnell geschehen, dass bei all diesen Summen der Sportler auf der Strecke bleibt. Einige trainieren inzwischen nicht mehr, um das in der Vergangenheit ideell Wertvollste, die Olympiamedaille, in Händen zu halten, sondern um das meiste aus dieser herausholen zu können. Zum Jubel ihrer am Umsatz beteiligten Manager. Für viele ist dabei der gallische Zaubertrank zu verlockend (nachzulesen in meinem Blog zum Thema “Doping”).

“Aber das harte Training muss ich für mich durch Siege und Höchstleistungen rechtfertigen. Wenn ich merke, dass ich die Fähigkeit zu tollen Leistungen nicht mehr habe, dann höre ich auf.”
(Markus Rogan, ehemaliger österr. Schwimmstar 2004)

Auch der mehrfache Olympiasieger, Weltmeister und Weltcup-Sieger bei den österreichischen Kombinierern, Mario Stecher, meint:

“Der Sportler steht nicht mehr im Mittelpunkt”

Er spricht vom “Tunnelblick”, den der Sportler während seiner aktiven Zeit hat: Am Ende steht immer das Ergebnis – die Seiten rechts und links werden ausgeblendet. Stecher betonte zudem in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Kurier, dass Olympia wieder zurück zu den Wurzeln müsse. So darf der Sportler seine Sponsoren nicht zu Olympia mitnehmen, auch muss seine Homepage während der Zeit der Spiele werbefrei sein. Hält er sich nicht daran, wird er disqualifiziert. IOC-Preisgelder oder gar Anteile an Sponsorgeldern allerdings werden nicht ausgeschüttet. Den grossen Schi-Alpin-Stars ist das an sich egal. Doch gibt es viele Teilnehmer aus den Randsportarten, die sich die Saison meist aus eigener Tasche finanzieren müssen. Die wären froh über ein paar Euro!

“Per se ist ein Olympiasieg nichts wert!“
(Hartmut Zastrow vom Institut Sport+Markt)

Die Siegerprämien, die in Südkorea ausbezahlt wurden, sind von Land zu Land unterschiedlich – hier ein kleiner Auszug aus 2017:
.) Schweden Ein Olympiamaskottchen und ein Händedruck des Königs
.) Südkorea 1 Mio Won/Monat (747,- €) für den Rest des Lebens und Wehrpflichtbefreiung
.) Österreich – ein Philharmoniker-Münzenset im Wert von rund 17.000 €
.) Deutschland 20.000 €
.) Niederlande 25.500 Euro für das erste Gold/ 16.830 Euro für das zweite Gold und 8.415 Euro für das dritte Gold eines Mehrfachgewinners
.) USA 37.500 US-Dollar (sie hatten bis vor kurzem noch eine 50 %-Siegsteuer hierauf, wurde unter Obama abgeschafft)
.) Polen 50.000 € und eine monatliche Rente von rund 620,- € – ab dem 40. Lebensjahr – steuerfrei
.) Russland vier Millionen Rubel (knapp 56.300 Euro) und ein Luxusauto
.) Litauen 115.800 € und ein Auto
.) Bulgarien 127.000 €
.) Lettland 140.000 €
.) Italien 150.000 € + 4x 30.000,- €

Von diesen Prämien wird niemand so richtig reich und der Wert der zumeist aus Silber gefertigten und mit Gold überzogenen Medaille hält sich in Grenzen (in Rio etwa 540,- $). V.a. Sportler aus dem Osten versuchen, sehr rasch ihre Medaillen zu Geld zu machen. Deshalb ist bekannt, dass neuere Olympiamedaillen in Online-Versteigerungen gerade mal 50,- € bringen, eine Goldmedaille aus dem Jahr 1936 in Berlin jedoch bei 1.600,- bis 10.000,- € liegt, je nach Gewinner und Sportart. Die bislang teuerste ersteigerte Goldmedaille stammte von den Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen und brachte 25.000,- €; mal von den 310.000,- US-Dollar abgesehen, die ein Bieter ungewöhnlich hoch bezahlte – für ihn offenbar ein Liebhaberstück. Es handelte sich hierbei um eine Goldmedaille des Eishockeyteams der USA, das 1980 den Erzrivalen Sowjetunion im Finale niederringen konnte. Und jene Million Dollar, die bei einer Versteigerung der Goldenen von Wladimir Klitschko für einen wohltätigen Zweck erzielt wurde – der Bieter gab dem Ukrainer jedoch die Medaille nach der Versteigerung zurück!

“Ein Olympiasieg ist das Höchste, was ein Athlet erreichen kann, die Erfüllung eines Traums.”
(IOC-Präsident Thomas Bach)

Sprechen wir also vom Marktwert des Sportlers nach dem Sieg und damit dessen Brutto-Werbewert!!! Schliesslich sind die Sieger in unzähligen TV-Studios zu Gast, sind in allen möglichen Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen abgebildet – der Bekanntheitsgrad und damit auch der Imagewert kann bei so manchem vergoldet werden. Kopfsponsor, Brustsponsor, Ausrüster, TV-Werbung, Radio-Werbung, Printwerbung,… Doch dafür müssen sie bereits während der Spiele in den Social Medias aktiv werden. So hat beispielsweise die WSB Werbeagentur in Leipzig das Social Media Verhalten der deutschen Sportler/-innen während der Spiele in Sotschi analysiert. Absolut führten Felix Neureuther und Maria Höfl-Riesch zwar das Like-Ranking an, doch steigerte die Schispringerin Carina Vogt ihre Likes um 1.506 %, auf Platz 2 der Rennrodler Felix Loch (+569 %) und die Snowboarderin Amelie Kober (+310 %). Verantwortlich dabei sind v.a. die “hautnah-dabei”-Fotos! Kommt dann hier noch eine Goldene dazu, dann läuft die PR-Maschinerie perfekt. Carina Vogt etwa gewann mit ihrem Sieg innerhalb nur eines Tages 10.000 neue Fans dazu! Das drückt sich in Zahlen bei Vertragsverhandlungen aus. In den USA bezeichnet dies der Experte als “Facebook-Vermarktung” – hier bestimmt der Sponsor vertraglich, wie häufig der Sportler mit der Marke oder dem Namen am besten mit Bild in der Social Media-Plattform zu erscheinen hat. So war beispielsweise ein Tweet von Roger Federer anno 2015 8900,- US-Dollar wert! Doch ist das nur ein kleiner Teil.
Wird bei den Top-Stars zumeist Stillschweigen vereinbart, so sind die Preise im Mittelfeld häufig bekannt. Was aber unterscheidet den guten vom schlechten Sponsoren-Sportler? Der Sportvermarkter Stephan Peplies nennt hierfür folgende Faktoren:
.) Der Vermarktungsstatus des Sportlers vor den Spielen
.) Sein Bekanntheitsgrad
.) Seine Medienpräsenz
.) Werbemöglichkeiten und anderes
Damit beispielsweise ein Sportler als Testimonial für ein Produkt oder eine Marke auftreten kann, sollte er in der Zielgruppe über einen Bekanntheitsgrad von 60 bis 80 % verfügen. Eine Snowboarderin wäre für die Bewerbung von Blasentee sicherlich nicht glaubwürdig. Auch ist ein Curler in unseren Breiten nicht wirklich werbewirksam, in Kanada sind sie Volkshelden. Stefan Peplies bewies ein gutes Händchen, als er den Nordischen Kombinierer Eric Frenzel an Land zog. Die Sportart bekommt immer bessere TV-Quoten, der Sportler des Jahres in Deutschland ist ein Nordischer Kombinierer und Eric Frenzel gewann Gold in Sotschi, vier Jahre später auch in Pyeongchang. Ein Vertrag mit einem grossen Schweizer Uhrenhersteller und einer japanischen Bank lassen derzeit die Kassen klingeln (neben anderen zusätzlichen Kleinigkeiten).
Die meisten Zuschauer schalten ein “wo es überraschende, emotionale deutsche Erfolge gibt!”, betont der Kölner Marketingexperte Stephan Schröder. Somit wären die beiden neuen deutschen Eiskunstlauf-Superstars jetzt am Höhepunkt ihrer Karriere angelangt: Ein überraschender Olympiasieg, gleich danach eine Weltmeisterschaft, gewonnen mit Weltrekord – und dann dankt Savchenko ihrem Partner Masso in der Vergangenheitsform. Ist das vielleicht das sportliche und auch wirtschaftliche Aus der beiden? Schliesslich wurde in Oberstdorf alles auf diesen Olympia-Finaltag hin gedrimmt und nun bereits wieder abgebaut, der Trainer ist schon nach Berlin umgezogen. Stephan Peplies zieht hier einen Vergleich: Den Gewichtheber Matthias Steiner kannte vor seinem Erfolg 2008 niemand, die Zuschauerquote beim Gewichtheben war nicht der Rede wert. Als er nach seinem Sieg unter Tränen das Bild seiner verstorbenen Frau in die Kameras hielt, bewegte dies ganz Deutschland, was sage ich: Die ganze Welt! Allerdings hielt dieser Bekanntheitsvorsprung nicht lange an – heute fragt sich so mancher erneut, wer Matthias Steiner ist. Das Traumpaar des Eislaufs kann möglicherweise mit einem Traumvertrag bei Holiday on Ice rechnen – bei den Sponsoren hingegen ist nicht der grosse Reibach zu erwarten! Schliesslich kommt bei Ihnen noch ein entscheidendes Manko erschwerend hinzu: Sie haben keine Werbeflächen!!! Tour-Manager Marc Lindegger vom “Art on Ice”-Team in der Schweiz betont, dass Siegläufer im Eiskunstlauf für rund vier bis fünf Jahre nach ihrem Triumph auskommen – dann sollten sie sich ein zweites Standbein erarbeitet haben. Ausgezeichnet vermarktete sich hingegen der deutsche Turner Fabian Hambüchen, der am 02. Dezember 2017 seine aktive Laufbahn beendete. Turnen ist nicht wirklich eine quotenträchtige Sportart und läuft – wenn überhaupt – nur zu Randzeiten im Fernsehen. Trotzdem war der “Turnfloh”, wie er mit Spitznamen genannt wird (1,63 m Körpergrösse), immer wieder im Hauptabendprogramm zu sehen, nicht zuletzt aufgrund seiner markigen Sprüche. Mit nur zwei Werbeverträgen (Waschmittelkonzern und Kreuzfahrtgesellschaft) hatte er dennoch sechsstellige Werbeeinnahmen im Jahr! Auch Franziska von Almsick holte sich gute Sponsorenverträge – ohne Olympia-Goldmedaille!
Dennoch: Eine Goldmedaille sorgt für eine weitaus bessere Verhandlungsposition der Sportler-Manager, da sich mehr Unternehmen für ihren Schützling interessieren – das steigert den Marktwert. Hier einige Vergleiche in Sachen Werbewert (2017/2018), allerdings unter Vorbehalt, da aus unterschiedlichen Quellen und zumeist geschätzt:
.) Marcel Hirscher 6,1 Mio/7,2 Mio €
.) Stefan Kraft 4 Mio/noch keine Zahlen
.) Lindsey Vonn 2,5 Mio/noch keine Zahlen
.) Anna Veith 2 Mio/noch keine Zahlen
.) Lara Gut 1 Mio/noch keine Zahlen
.) Mikaela Shiffrin nicht bekannt/2,5 Mio

Zur Draufgabe noch einige zusätzliche Zahlen für sog. “High Potential Sportler” (Siegläufer):
- Kopfflächen Schi alpin zwischen 150-250.000 € pro Saison
- Werbeflächen Biathlon 5-6 x 100.000 € pro Saison
- Klassische Werbekampagnen bis zu 1 Mio €

Lesetipps:

.) Sportsponsoring: Grundlagen, Konzeption und Wirkungen; Stefan Walzel; Springer Gabler 2018
.) Sportsponsoring: Möglichkeiten und Probleme; Daniel Bartel; Grin Publishing 2010
.) Sponsoring – Wirtschaftliche, rechtliche, steuerliche, kommunikative Aspekte; Aigner/Aigner/Bitter; Linde Verlag 2012
.) Sportsponsoring: Entwicklung eines Sportsponsoringkonzepts: Begriffe und Definitionen, Bedeutung, Probleme und Lösungsansätze; Georg Haß; GRIN Verlag 2007
.) Sportsponsoring im Internet; Thomas Weiser; Universität Wien 2011
.) Sport-Branding; Nicholas Adjouri; Springer Gabler 2015
.) Sportsponsoring als Instrument des Marketing-Mix; Lena Brückner; Grin Publishing 2013
.) Sportsponsoring als Kommunikationsinstrument im Marketing; Kristina Damm-Volk; Roderer Verlag 2002
.) Sportsponsoring. Prestigefrage oder Erfolgsfaktor?; Jasmin Wilke; Grin Verlag 2017
.) Sportsponsoring: Wirkung und Erfolgsfaktoren aus neuropsychologischer Sicht; Jens Falkenau; Kindle Edition 2013
.) Sportsponsoring als Kommunikationsinstrument im Rahmen des Luxusmarkenmanagements; Georgios Papadopoulos; Grin Publishing 2012

Links:

- www.olympia-medallien.de
- www.netzathleten.de
- www.ispo.com
- www.bso.or.at
- www.bildak.com
- www.wsb-werbeagentur.de
- www.focus-institut.com/
- www.globalsportsjobs.de
- www.sportspromedia.com
- www.marktmeinungmensch.at
- www.sport-oesterreich.at
- www.sportmarketing-sponsoring.biz

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