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Zu viel des Guten – Touristen bleibt zuhause

Wenn in diesen Tagen wieder die Luft nach Lebkuchen und Glühwein, Brotwoascht und Sauerkraut duftet, der Passant allerorts mit kitschiger Weihnachtsmusik beschallt wird – dann, ja dann ist es wieder so weit: Christkindles-Markt in Nürnberg! Während Millionen von Touristen mit Bussen herangekarrt und durch die Strassen geschoben werden, ist die Nürnberger Innenstadt für Einheimische jedes Jahr mit dem ersten Dezemberwochenende Sperrzone. Rund 2,1 Mio Besucher wurden 2017 gezählt bzw. geschätzt – in etwas mehr als drei Wochen. 32.000 Deutschland-Touristen aus 60 Ländern wählten den Christkindlesmarkt 2017 auf Platz 63 der Top-Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Gleich nach der Hamburger Hafencity und dem Fischmarkt, noch vor dem UNESCO-Welterbe Stiftskirche, Schloss und Altstadt von Quedlinburg. Platz 1 ging übrigens an das Miniatur-Wunderland Hamburg. Während man solche Zahlen in Franken gewohnt ist, melden sich die ersten kritischen Stimmen aus der Mozartstadt Salzburg: “Salzburg darf kein zweites Hallstatt werden!”. Auf Mallorca haben im vergangenen Sommer die einheimischen Inselbewohner demonstriert: “Tourist go home!” Der letzte Hilferuf kommt aus Berlin: “Es reicht!”
In der Branche selbst spricht man von “Overtourism” – Übertourismus. Ein sehr ernsthaftes Thema offenbar, wenn sich der diesjährige ITB-Kongress, der weltweit führende Fachkongress der Touristik-Branche, mit Schwerpunktveranstaltungen dieses Themas angenommen hat und im kommenden Jahr speziell auf Overtourism-Konflikte eingehen wird. Wieviele Touristen sind ok – wann ist es genug?! Hinzu kommt zum Massentourismus immer wieder auch der Diskont- und der Tages-Tourismus. Beides bringt den Destinationen meist wenig bis überhaupt nichts. Zurück aber bleibt ein riesiger Haufen Müll, physisch und psychisch!

“Das Problem ist, dass diese Touristen denken, dass dies eine Form von Disneyland sei. Sie sollten aber nicht vergessen, dass dies eine lebende Stadt ist.”

(Stimmen der Touristen-Widerstandgruppen Venedigs)

Venedig sehen und sterben! Die Lagunenstadt war einst eine Oase der Schönheit. Anziehungspunkt nicht nur der Frischverliebten sondern auch anderer Freunde des Wundervollen. Was blieb davon übrig? Kanäle, die nach Exkrementen stinken, horrende Preise für Essen und Getränke und Einwohner, die möglichst rasch und möglichst weit wegziehen möchten. 60.000 Touristen kommen täglich (rund 22 Mio im Jahr) auf 55.000 Einheimische, die Stadt wird regelrecht überlaufen. Die Hälfte davon sind Landgänger der Kreuzfahrtschiffe. Und alle fahren sie nach der Stadtbesichtigung wieder weg – die wenigsten bleiben zum Mittagessen, nur ganz wenige über Nacht, denn dafür ist ein prall gefüllter Geldbeutel vonnöten. Am ersten Mai-Wochenende dieses Jahres trat in der Lagunenstadt ein Notfallplan in Kraft. Verschiedene Kanäle durften von Nicht-Einheimischen nicht benutzt werden – die Ströme sollten dadurch im wahrsten Sinne des Wortes kanalisiert werden!

https://www.youtube.com/watch?v=Xkm4IC_AZR4

Die Marktgemeinde Hallstatt im Salzkammergut ist UNESCO-Weltkulturerbe. Sehr idyllisch am Hallstätter See gelegen, der Dachstein in greifbarer Nähe, das Salzbergwerk als besondere Attraktion – keine Frage: Bei der Erschaffung dieses Fleckchens Erde hat es der liebe Gott wirklich gut gemeint. Wenn da nicht die vielen Menschen wären. Rund eine Million Besucher zählt der Ort jedes Jahr (bei nur 778 Einwohnern – Stand 01.01.2018). Schon 2016 wurde über eine Besucher-Höchstgrenze diskutiert, schliesslich haben zu Stosszeiten nicht mal mehr die Busse genügend Platz. Auch hier sind es grossteils Tagesgäste, die nach kurzem Aufenthalt wieder durch ihre Reiseführer eingesammelt werden. Der dortige Tourismus allerdings wirbt auch in dieser Zielgruppe. Einem chinesischen Architekten gefiel der Ort dermaßen gut, sodaß er ihn nachbauen ließ. Innerhalb nur eines Jahres wurde Boluo aus dem Boden gestampft – allerdings seitenverkehrt, da Hallstatt ein eingetragenes Markenzeichen ist.

https://www.youtube.com/watch?v=UfQ7C_cI6Mk

In Berlin sind die Zeichen etwas anders gelagert: Hier sind es weniger die Tages- als vielmehr die Geiztouristen. Die Airline Easy-Jet hat die Landerechte der konkurs gegangenen Air Berlin übernommen. Aus allen Himmelsrichtungen landen die Maschinen in Tegel oder Schönefeld – bereits ab 30,- € ist man dabei. Wer will, kann auch gleich ein Pauschalangebot online buchen. Doch nicht alle wollen in ein Hotel – viele wählen auch das Massenquartier im Hostel ab 8,50 €- die drei grössten davon haben jeweils über 1.500 Betten. Diese Klientel ist es auch, die das Getränk und das Essen bei einem Diskonter einkaufen und auf der Straße konsumieren. 2017 kamen nicht weniger als rund 13 Millionen Menschen nach Berlin (+1,8 %) – allerdings sorgten diese für “nur” 31,15 Mio Übernachtungen (+0,3 %). Viele davon sind Clubgeher, die die florierende Lokalszene der deutschen Bundeshauptstadt unsicher machen und sich auf den Dancefloors verausgeben. Damit ist nun für viele Berliner der Grenze des Mach- und Duldbaren überschritten. Die Experten sprechen bereits von einer “Übernutzung mancher Stadtteile”, eine Situation, die durchaus Stoff für Konflikte geben kann. Der ehemalige Oberbürger-meister Klaus Wowereit gab zu seinen Amtszeiten noch die Maxime aus: “Je mehr Touristen, umso besser”! Um in der Sprache eines grossen deutschen Denkers zu bleiben: Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los! Nach Meinung von visit Berlin freilich ist das Problem in anderen Bereichen zu suchen: Etwa der Stadtentwicklung. Auch sei der Billigtourismus nicht verantwortlich – schliesslich gibt es in Berlin 27 Fünf-Sterne-Paläste; der Durchschnittstourist lässt pro Tag rund 200 € zurück! 11 Milliarden sind es jährlich! Im Falle der untervermieteten Privatwohnungen (Airbnb) greift seit geraumer Zeit die Steuerbehörde streng durch. Zudem wurde ein Zweckentfremdungsverbot von Wohn-raum durch die Stadtregierung erlassen.

https://www.youtube.com/watch?v=ktb76lnqIro

Der Ballermann hat Millionen von Party- und Saufgästen auf die Insel Mallorca gezogen. Mit Billig-Airlines ist es heute sogar möglich, in den frühen Morgenstunden zu fliegen, den Tag dort zu verbringen und gegen Abend wieder zurückzukehren – in welchem Zustand auch immer. Logischerweise gibt es zwischen der Bevölkerung und den Betrunkenen eine Unzahl von Konflikten. Doch auch die Kreuzfahrtschiffe werfen Probleme auf. An manchen Tagen legen bis zu sieben dieser Meeres-kolosse an – pro Liner rund 2.000 Menschen auf Landgang. Der Zuwachs von 2016 auf 2017 lag bei 10 %! Palma de Mallorca ist damit schlichtweg überfordert. Zu den anderen Erscheinungsweisen des Massentourismuses kommt hier noch ein massives Trinkwasserproblem hinzu. Und nach wie vor gehen die Immobilien und Fincas zu Höchstpreisen wie im Schluss-verkauf an die Reichen und Schönen aus dem Ausland.

https://www.youtube.com/watch?v=9p2VKS4Hmf4

Bleiben wir noch etwas in Spanien: In Barcelona hat Oberbürgermeisterin Ada Colau inzwischen selbst das Motto ausgegeben: “Die Stadt den Bürgern zurückgeben!” Jeden Sommer gehen Einheimische auf die Strasse, um gegen die Touristenmassen zu demonstrieren. Bei einer dieser Aktionen wurde im vergangenen Jahr von vier vermummten Personen ein Reisebus gestoppt, die Reifen zerstochen und auf die Fenster “Der Tourismus tötet die Stadviertel!” gesprüht. In der Hauptstadt Kataloniens stiegen die Mieten in’s Unermessliche, der Verkehr kommt nahezu stündlich zum Erliegen, durch die Fussgängerzonen wird man geschoben. In Barcelona leben 1,61 Millionen Menschen – 2016 kamen 7,48 Millionen Gäste in die Stadt. Im vergangenen Jahr wirkte sich das Unabhängigkeitsreferendum zumindest etwas dämpfend auf die Zahlen aus. Die Oberbürgermeisterin verhängte inzwischen einen Planungsstop für neue Hotelanlagen. Ausserdem wurden die Taxen verfünffacht – ein Teil davon fliesst unmittelbar in die Infrastruktur zurück und kommt somit auch der heimischen Bevölkerung zugute. Ähnliches praktiziert Paris bei den Tickets für den Eiffelturm, die um 50 % angehoben wurden. Damit kann die Sanierung des bekanntesten Turms der Welt in der Höhe von 300 Mio € finanziert werden.

https://www.youtube.com/watch?v=bdfaGDnYTDo

In der Stadt der Grachten, der Holzschuhe und der Coffee-Shops, Amsterdam; gilt es, mit demselben Problem wie in Berlin auszukommen: Hier sind es die Party-Touristen, die für viele Konflikte sorgen. 18 Millionen Menschen besuchen jedes Jahr die Stadt. Zu viele, wie auch der Stadtrat bereits erkannte. Deshalb wurde das Lärm- und Müllproblem während des Wahlkampfes im März 2018 thematisiert. Jetzt gilt es, die versprochenen Massnahmen auch umzusetzen. So wurde etwa die Hafenerweiterung vorerst verschoben.

https://www.youtube.com/watch?v=oORO_5FaxPA

Ein weiterer Hotspot an der Adria (neben Venedig) ist Dubrovnik. 42.000 Einwohnern stehen in den Sommermonaten rund 800.000 Touristen gegenüber. Verantwortlich dafür ist die Serie “Games of Throne”, in welcher die kroatische Hafenstadt als Drehort und Heimat der beiden Adelsgeschlechter Lannister und Baratheon gecastet wurde. Seither reisst der Gästestom nicht mehr ab. Hier zeigen sich wohl die Tourismus-Probleme am ehesten: 107 Souvenirläden, 143 Restaurants und Lokale – jedoch nur vier Lebensmittelgeschäfte. Auch an der kroatischen Adria haben die Einwohner inzwischen die Schnauze voll und protestieren. Die UNESCO hat bereits ermahnt: Wird der Gästestrom nicht auf max. 8000 Besucher pro Tag beschränkt, so wird die ebenfalls als Weltkulturerbe ausgezeichnete Altstadt dieses Privileg verlieren. Die Stadtväter reglementieren inzwischen die Zugangszahlen durch Datatracking und Kameras.

https://www.youtube.com/watch?v=kWNxNnON-L4

Zurück in heimische Gefilde: Es ist schon einige Zeit her, als ich mich für eine Stelle als Tourismus-Geschäftsführer für Ischgl beworben habe. Meine Vorstellungen fasste ich in einem Konzept zusammen, das ganzjährig auf sportlichen Wettkämpfen aufbaute. Die Verhandlungen waren sogar soweit im Gange, dass für meine damalige Freundin ebenfalls eine Beschäftigung vorort gesucht wurde. Schliesslich entschieden sich jedoch die Verantwortlichen für einen Mitbewerber aus der Snowboard-Szene. Er leistete durchaus gute Arbeit, doch melden sich seit geraumer Zeit auch hier kritische Stimmen – ähnlich wie auf Mallorca! Mit rund 1,5 Mio Übernachtungen in der Saison 2015/16 liegt die Gemeinde an vierter Stelle in Tirol, doch fielen nur etwa 128.000 auf den Sommertourismus (Platz 47)! In dem Ort leben jedoch nur 1.566 Einwohner (Stand: 31.10.2017 – Statistik Austria). Die “Top of the Mountain-Concerts” zu Saison-Beginn und -Ende sorgen für ständig steigende Beliebtheit! Täglich quält sich zudem im Winter eine lange Blechschlange durch das Paznauntal hinauf und am Nachmittag wieder herunter: Die Tagesgäste!
In der schottischen Metropole Edinburgh hingegen sind es vornehmlich die Festivals, die mehrmals im Jahr für einen Touristenansturm sorgen: Edinburgh International Festival, Edinburgh Festival Fringe, Edinburgh International Film Festival, Edinburgh International Book Festival, Edinburgh Jazz and Blues Festival, Edinburgh International Television Festival, Edinburgh Interactive Entertainment Festival, Edinburgh Mela, Edinburgh Science Festival, Hogmanay, Edinburgh Easter Festival, Children’s International Theatre Festival, Beltane und natürlich das Edinburgh Military Tattoo. Aber auch ansonsten gibt es viele Sehens-würdigkeiten. Der Royal Botanic Garden oder das Royal Observatory sind nur zwei davon, die Edinburgh zum “Athen des Nordens” machten. Die Alt- und Neustadt sind UNESCO-Weltkulturerbe. Hier wohnen rund 493.000 Einwohner. Über 30 Millionen Besucher wurden 2017 durch die etwas mehr als 200 schottischen Sehenswürdigkeiten gezählt, 2,1 Millionen davon im National Museum of Scotland, 2 Millionen in Edinburgh Castle, 1,6 Mio in der Scottish National Gallery – alle drei selbstverstädnlich in der schottischen Hauptstadt. Eine Touristensteuer von einem Pfund pro Nacht soll helfen, dass die dadurch stark in Mitleidenschaft gezogene Infrastruktur in Schuss gehalten werden kann.
Zurück bei all diesen Menschenmassen bleiben zumeist frustrierte Einwohner. Sie müssen damit leben, jeden Tag im Stau zu stehen, durch die Strassen geschoben zu werden, die riesigen Haufen Müll wegzu-räumen; vielen besitzen einen nach Urin stinkenden Vorgärten. Grosse Teile der Bevölkerung können sich die teils in’s Unverschämte steigenden Mieten nicht mehr leisten: Günstig einkaufen oder zu normalen Preisen abends weggehen ist nur in anderen Stadtteilen möglich. Die Abwanderung hat schon längst begonnen. Die Verbleibenden stemmen sich immer mehr gegen den Trend. Durchaus korrekt. In den bereits erwähnten Städten sind eingeworfene Fenster, demolierte Straßen-schilder etc. Tagesalltag.
Betrachten wir uns die beiden Nobel-Schiorte Lech-Zürs in der Arlbergregion etwas genauer. Beide sind im Winter zumeist von durchaus betuchten Touristen ausgebucht. Viele, die sich das zur kalten Jahreszeit nicht leisten können, schauen inzwischen im Sommer zumindest in Lech vorbei: Ein gut gelungener Coup des Tourismusvereins, die Betten auch in der heissen Jahreszeit zu belegen. Zürs hingegen ist ausgestorben! Einzig die Hausmeister und ab und an Handwerker, die nach Saisonsende nach dem rechten sehen. Eine Geisterstadt! In Österreich haben die Lifte-betreiber offenbar ohnedies freie Hand: In Vorarlberg wurde im Bregenzerwald durch den Zusammenschluss der Schigebiete von Mellau und Damüls eine riesige Schischaukel geschaffen. Nur knapp an Naturschutzbestimmungen scheiterten die Pläne für die Zusammen-legung des Stubaitales mit der Axamer Lizum in Tirol. Geplant sind dort weiters die Zusammenführungen von Hoch-Ötz und dem Kühtai, St. Anton und Kappl in der Arlberg-Silvrettaregion und schliesslich dem Pitz- mit dem Ötztal. Schi-Moloche mit Bettenburgen auf dem Rücken der anderen, kleineren Schigebiete und damit gegen die Verteilung der Urlauberströme. Die Regionen an den Zulaufstrecken stöhnen laut auf, im Winter wird die Überquerung der Dorfstrasse für viele lebensgefährlich. Damit müssen Umfahrungen geschaffen werden. Und da viele Investoren und Arbeitskräfte aus dem Ausland kommen, einheimische Unternehmen sich vielfach die Mieten für Gewerbeflächen nicht mehr leisten können, bleibt nicht mal mehr die Wertschöpfung im Lande.
Treten nun Konflikte zwischen den Bürgern und den vielen Touristen offen zu Tage, so spricht der Experte nicht mehr von “Übernützung”, sondern vielmehr vom “Overtourism”, der logischen Konsequenz des “Overcrowdings” an den Hot-Spots wie Museen, Märkten usw. Reisebusse belasten auf ihrem Weg zu den Sehenswürdigkeiten den ohnehin schon starken Grossstadtverkehr. Lärmende Betrunkene machen die Nacht zum Tag. In Ischgl wurde beispielsweise ab 20.00 Uhr ein Schischuhverbot erlassen. Dieses Overtourism-Problem wurde bereits in den 1980er-Jahren durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen erkannt. Schon damals sprach sich Mohamed A. Tangi für eine Reglementierung aus: Etwa 600 Gäste pro Hektar Strand! Getan hat sich aufgrund der Umsatzgier der Touristiker, Hoteliers und Gaststättenbetreiber nicht sehr viel. Auch hier müssen jedoch sehr viele aufgeben, da sie sich die Mieten und sonstigen Abgaben nicht mehr leisten können. Eine ausländische Kette übernimmt.
In einer Studie des McKinsey-Instituts (im Auftrag des World Travel & Tourism Councils) wurde 2017 in einer Bewertungsmatrix von 930.000 Besuchern pro Quadratkilometer und Jahr gesprochen. Die Grenze der Zumutbarkeit für Gäste und Einwohner. Ist es etwa für mich als Paris-Urlauber erstrebenswert, stundenlang warten zu müssen um für zwei Sekunden in die Augen der Mona Lisa im Louvre blicken zu können, beim Ötzi in Bozen vorbeigeschleust zu werden oder mit dem Wiener Riesenrad fahren zu können? Während ich das einmal im Jahr oder vielleicht gar in meinem kompletten Erdendasein mache, müssen die Anwohner tagtäglich damit leben. Die Stadt Florenz hatte diesbezüglich eine ausgezeichnete Idee: Online kann bei den Uffizien reserviert werden (“Zeitslot”). Mit der erhaltenen Bestätigung kann um diese Uhrzeit zum angeführten Tag die lange Warteschlange außer acht gelassen und das Objekt der Begierde (“POI”) direkt betreten werden. Venedig veröffentlicht seit kurzem Wartezeiten an diesen Points of Interest online und gibt Empfehlungen ab, wann diese besser besichtigt werden sollten (“Pushnotifications”).
Das gab’s doch in früheren Zeiten nicht! Stimmt – Experten machen folgende Faktoren dafür verantwortlich, die erst seit nicht mal 10 Jahren so richtig boomen:
- Billigfluglinien
- Kreuzfahrtschiffe
- Airbnb
Letzteres, also die Vermietung von Privatwohnraum an Touristen, kann sogar in vielen Städten auch für den Wohnraummangel verantwortlich sein: Während das Geschäft boomt, wird der tatsächlich erforderliche Wohnraum nicht mehr leistbar! Auf Island wird gar befürchtet, dass die Ressourcen des Fremdenverkehrs – Ruhe, Natur, Einsamkeit – zerstört werden, damit noch mehr als die bislang 2,5 Mio Gäste jährlich auf die Insel kommen. Auf Island leben übrigens 340.000 Einwohner. Deshalb sind künftig Massnahmen geplant.
Inzwischen gibt es gar Listen von Urlaubsorten, die nicht empfohlen werden, da sie überlaufen sind. Eine solche hat etwa der US-Fernseh-sender CNN oder der britische Verlag “Fodor’s” veröffentlicht. Einige Beispiele gefällig? Mount Everest, Taj Mahal, die Chinesische Mauer oder hier in Europa etwa die bereits erwähnten Städte Venedig, Barcelona und Dubrovnik bzw. Santorin in Griechenland. Das Problem mit Venedig scheint sich allerdings von selbst zu erledigen, da einerseits durch die Klimaerwärmung immer öfters mit Überflutungen gerechnet werden muss. Zudem verursachen die riesigen Kreuzfahrtschiffe unter Wasser starke Bewegungen, die auch das Fundament der Häuser bzw. die Säulen auf welchen sie wasserseitig stehen, extrem angreifen.
Die Welttourismusorganisation UNWTO formulierte zudem bei ihrem letzten Treffen im September des Jahres eine Liste von Massnahmen, die unbedingt gesetzt werden müssen. Dabei geht es um die bessere Aufteilung der Touristen – sowohl geographisch als auch zeitlich. Hierfür sollen beispielsweise eher unbekannte Routen mehr beworben werden. Auch an Regulierungen und Beschränkungen wird angedacht. Infra-strukturen müssen verbessert und die einheimische Bevölkerung mehr eingebunden werden. Nur einige wenige Faktoren – die Liste ist noch wesentlich länger. Ähnliches ist zudem von “Responsible Tourism”, einer Unterorganisation des International Centre for Responsible Tourism zu erfahren.
Im Rahmen des letzten ITB-Kongresses in Berlin wurde das Problem des Overtourism detailliert besprochen. Das Ergebnis: Eine Zauberformel gibt es nicht und wird es in der Zukunft nicht geben. Die Lösung muss vorort durch eine Analyse der regionalen Tourismuslandschaft gefunden werden. Dabei steht u.a. das Ressourcenmanagement an vorderer Stelle: Steigende Mietpreise, Wohnqualität, aber auch Wasserverbrauch und Müllproduktion sollten neben vielen anderen Faktoren in’s Auge gefasst werden. Daneben gilt es zu klären, ob das Zentrum durch die Bürger noch authentisch wahrgenommen und entsprechende Werte aufrecht-erhalten werden können. Zudem spielt die Natur eine ganz entscheidende Rolle, da viele Destinationen ihretwegen gebucht werden. Experten empfehlen deshalb eine Bewertung und grafische Aufarbeitung folgender Kriterien:
.) Die Wichtigkeit der Region im Tourismus
.) Wachstum
.) Touristendichte
.) Entfremdung der Gemeinde
.) Intensität des Tourismus
.) Negative Bewertungen aufgrund von schlechten Erfahrungen
.) Saisonabhängigkeit der Destination
.) Dichte der Attraktionen
.) Luft-/Umweltverschmutzung
.) Die Gefährdung des kulturellen Erbes
Die Folgen des Overtourism sind sehr rasch zu erkennen. So machte beispielsweise der Film “The Beach” mit Leonardo die Caprio die wundervolle Maya Beach Bay in Thailand weltbekannt. Inzwischen befindet sich das Kleinod auf der UNESCO Danger List und muss immer wieder gesperrt werden.
Im Jahr 2016 buchten 67 % der Gäste ihren Urlaub in nur 20 Ländern (Zahlen: ITB-Kongress). Für die ersten zehn platzierten Destinationen wird dies bis 2020 noch weiterhin ansteigen. Des Deutschen liebstes Urlaubsland, Österreich, lag übrigens mit 27 Mio Ankünften nur auf Platz 13. Ohne die Bevölkerung in weitere Planungen einzubeziehen, wird es den Tourismus in dieser Form vor allem an den Hotspots nicht mehr sehr lange geben. Oder wird es künftig einfach mehr Städte und Orte wie Zürs geben???

PS:
Sollte nun wieder die Frage aufgetaucht sein: “Und was kann ich dagegen tun?” Sehr viel – so manche Urlaubsregion ist es beispielsweise auch ausserhalb der Hauptsaison wert, besucht zu werden. Und: Kaufen Sie nicht den Plunder aus den Souvenirläden, der meist in Fernostasien hergestellt wurde. Suchen Sie sich Handarbeiten der dortigen Bevölkerung aus! Nur zwei Beispiele – derer gibt es noch wesentlich mehr!!!

Filmtipps:

- Overtourism: Status Quo, Maßnahmen, Best Practices europäischer Tourismus-Destinationen; ITB-Berlin
- Venedig: Ausverkauf eines Juwels; WDR-Doku
- Tourist Go Home! Europas Sehnsuchtsorte In Gefahr; Doku
- Mallorca – Insel vor dem Kollaps; WDR-Doku
- Ferienparadies Kroatien – Schattenseiten des Tourismus-Booms; WDR-Doku
- Re: Touristen gegen Anwohner – Wem gehören die Städte? Arte-Doku

Lesetipps:

.) Overtourism – Issues, realities and solutions; Hrsg.: Dodds / Butler; De Gruyter 2019
.) Tourismussoziologie; Kerstin Heuwinkel; utb 2018

Links:

- www2.unwto.org/
- responsibletourismpartnership.org/icrt/
- whc.unesco.org/en/danger/
- www.austriatourism.com
- www.itb-berlin.de
- www.christkindlesmarkt.de
- www.venedig.net/
- www.hallstatt.net
- about.visitberlin.de
- www.abc-mallorca.de
- www.barcelona.com/de
- www.dubrovnik.in/de/
- www.iamsterdam.com/de
- edinburgh.org/
- www.ischgl.com/de
- www.tirolwerbung.at
- www.europeancitiesmarketing.com/

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Gehören Sie zur Mittelschicht???

Friedrich Merz ist einer der Kandidaten auf den Parteivorsitz in der deutschen CDU und damit möglicher Nachfolger von Angela Merkel auch im Bundeskanzleramt. Er sorgte vor kurzem mit seiner Aussage, er gehöre zur gehobenen Mittelschicht, für heftigste Diskussionen. Wenn er so lapidar nebenbei betont, dass er über einer Million (Euro) liegt, so kann man ihm das durchaus glauben. Offizielle Einkommensauflistungen gibt es freilich nicht – nur Schätzungen:

Blackrock 125.000,- € pro Jahr
Wepa Industrieholding 80.000,- € pro Jahr
HSBC Trinkaus Bank 75.000,- € pro Jahr
Flughafen Köln-Bonn 14.000,- € pro Jahr
Mayer Brown unbekannt
(Angaben: APA/Reuters)

Es soll Zeiten gegeben haben, als der Protagonist bis zu 20 Posten gleichzeitig inne hatte. Allerdings gehört er wohl nicht zu den Aufsichtsrats-Abnickern. Nach Aussage von Ex-Kollegen waren sein aktives Einbringen und seine Nachfragen durchaus unangenehm. Sollen sie auch, schliesslich ist der Aufsichtsrat ein Kontroll- und kein Durch-winkgremium, eine Tatsache, die wohl viele Aufsichtsräte vergessen haben. Somit sei’s ihm zugestanden.

“Wenn ich ‘Oberklasse’ oder ‘Oberschicht’ höre, denke ich an Menschen, die viel Geld oder eine Firma geerbt haben und damit ihr Leben genießen. Das ist bei mir nicht der Fall.”
(Friedrich Merz in der “Bild am Sonntag”)

Somit zählen – entsprechend dieser Definition – auch Self-Made-Milliardäre wie George Soros, Larry Page, Jeff Bezos oder Bill Gates zur Mittelschicht, da sie ja ihr Vermögen selbst aufgebaut haben. Und auch Helene Fischer – ganz neu in den Forbes-Top Ten der Frauen. Donald Trump jedoch nicht – hat grosse Teile seines Vermögens geerbt!
Mir als Schreiberling geht es nun vornehmlich um die Beantwortung zweier Fragen:

1.) Ab wann bis wann gehört jemand zur Mittelschicht?
2.) Ist es günstig für Deutschland, wenn es von einem Millionär regiert wird oder droht dasselbe Schicksal wie den USA?

Bei der Beantwortung der zweiten Frage müsste ich auch darauf eingehen, wie Herr Merz zu seinem Mittelschicht-Reichtum gekommen ist und würde sehr rasch bei den “Cum-Ex-Geschäften” landen. Dieses “Dividendenstripping” zu verstehen bzw. verständlich weiterzugeben würde auch mir schwer fallen. Insbesondere wie es möglich ist, derartige Geschäfte ganz offiziell und offenbar mit dem Segen der Politik, ganz zum Unwohl des Staates zu machen. Zudem ist, wie beschrieben, Merz bei vielen der Unternehmen als Aufsichtsrat tätig. Wenn nun ein Vertreter dieser Zunft dermassen gut verdient: Sind auch alle Politiker, die in Aufsichtsräten durch ihre Funktion als Volksvertreter einen Sitz inne haben, Millionäre? Was hat zudem die virtuelle Finanzwirtschaft dieses Bereiches mit der Realproduktivität Deutschlands und somit jedes Einzelnen zu tun? Ausserdem ist dieser Blog nur in unregelmässigen Abständen ein Politik-Blog, deshalb stürzen wir uns doch auf die erste Frage!
Ab wann nun zählt jemand zur Mittelschicht (in der Schweiz “Mittelstand”, im englischen “middle class” oder “white collar”)? Wenn er ein Haus besitzt, das er noch abzahlen muss und dadurch vielleicht trotz eigent-lich guten Einkommens finanziell bereits zur Unterschicht gehört? Wenn er einen Mittelklasse- anstatt eines Kleinwagens fährt? Wenn er sich dreimal Urlaub im Jahr leisten kann? Jeder Politiker, der seine Arbeit auch PR-relevant ernst nimmt, aber auch der Makroökonom spricht von der Mittelschicht als “Säule des Landes”, als tragende und stützende Kraft. Deshalb müsse sie geschützt, gestärkt und entlastet werden. Klar kann er dies nicht offiziell von der ihn möglicherweise unterstützenden Ober-schicht behaupten, da dieser gerade mal 10 % der Bevölkerung angehören, die aber rund 40 % des Gesamteinkommens beziehen – im Vergleich dazu die Unterschicht: 17 % des Gesamteinkommens (bundes-weite Studie des französischen Ökonomen Thomas Piketty aus dem Jahr 2013). Die deutsche Sozialwissenschaft reiht bei einer Median-Bandbreite von 70-150 % nicht weniger als 48 % der bundesdeutschen Haushalte in die Mittelschicht ein, in der Schweiz sind es 60 % der Bevölkerung. Das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO bei identischer Bandbreite 57 % der Haushalte – das sind ganze 5 Millionen Menschen. Viele davon Wähler!
Das Gehalt auf dem Lohnzettel ist sicherlich ein ausschlaggebender Faktor – jedoch nicht der einzige. Wichtig ist das Haushaltseinkommen. Nach den Richtlinien der OECD wird dieses Einkommen über die mittleren 60 % der erfassten Einkommensbezieher ermittelt. Dabei in der Mitte liegt das Medianeinkommen. Darüber befindet sich die eine Hälfte, darunter die andere Hälfte des Volkes. Die von Merz angesprochene “obere Mittel-schicht” setzt sich aus den obersten drei Einkommenszehntel über dem Median zusammen.
Verdient nun ein Angestellter im mittleren Management vielleicht gar nicht mal so schlecht, muss aber für Miete und Schuldentilgung den grössten Teil seines Verdienstes aufbringen, so könnte es durchaus sein, dass er mit seinem “äquivalisierten Nettohaushaltseinkommen” gar nicht mehr zur Mittelschicht gezählt werden dürfte, da ihm unter dem Strich fast nichts mehr bleibt. Zu diesem Haushaltseinkommen werden gerechnet:
- das Nettogehalt
- Dividenden
- Mieteinkommen etc.
aber auch
- die Mindestsicherung
- das Kindergeld etc.
All diese Einnahmen werden zusammengezählt und nach einem speziellen Schlüssel durch die Haushaltsgrösse dividiert. Ein zweiter Erwachsener zählt etwas weniger, ein Kind bis zum 14. Lebensjahr noch etwas weniger. So besitzt ein Ein-Personen-Haushalt den Gesamt-bedarfs-Faktor 1, ein Haushalt mit einem Erwachsenen und einem Kind den Faktor 1,3, ein Zwei-Personen-Haushalt 1,5, ein Haushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kind den Faktor 1,8 usw. (“bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen”). Die Einkommenszehntel beginnen beispielsweise in Österreich unten mit 12.738 € im Jahr, in Stufe 5 bei 23.694 bis hinauf zur Stufe neun mit 40.593.

Hier geht’s zum Einkommensrechner der österreichischen Tageszeitung Der Standard:

https://derstandard.at/2000074289930/Online-Rechner-Gehoeren-Sie-zur-Mittelschicht

Damit EU-weit dieselben Basiswerte gelten, greifen Studien auf die SILC-Abfrage der Mitgliedsländer zurück. Diese Umfrage wird regional durchgeführt und ein Jahr später wiederholt. Verglichen wird die Einkommensverteilung im Land sowie die Haushaltszusammensetzung nach Einkommensschichten im Speziellen. Die Wiederholung ein Jahr später zeigt die Auswirkungen von Krisen sowie Regierungen und ihrer Sozialpolitik auf. Sie brachte zutage, dass sich die Mittelschicht zuletzt in vielen der EU-Staaten vergrössert – in Österreich ging sie um 4,2 % zurück. In Deutschland stieg nach der Wiedervereinigung die Mittel-schicht an, um nach der Jahrtausendwende wieder auf das Niveau von 1991 zurückzufallen. Allerdings sackten in den letzten zwanzig Jahren dort nur 2-3 % in die Unterschicht ab – rund 50 % davon wiederum konnten sich nach bereits einem Jahr erneut als zur Mittelschicht zugehörig betrachten. Fragt man sich also, wo die restliche Differenz geblieben ist!?
Die Statistik Austria etwa definiert das “mittlere Einkommen” auf 60 bis 180 % des Medianeinkommens. Unten liegt die “relative Armuts-gefährdungsgrenze”, oben das Dreifache derer. Als arm gilt im Alpenstaat ein Single-Haushalt, der über 1.185,- € netto oder weniger im Monat verfügt; in Deutchland sind es 1.025,- €. Hat er vielleicht nur 1 bis 10 € mehr, so zählt er bereits zur Mittelschicht (in Deutschland ab 1.410,- €). Da nun das Haushaltseinkommen zählt, kann hier der perverse Fall eintreten, dass bei beispielsweise einem Vier-Personen-Haushalt nur das doppelte Einkommen eines Single-Haushaltes ausreicht, um der heissbegehrten sozialen Klasse anzugehören. Zum Vergleich: In der Schweiz gehört ein Single-Haushalt ab einem Jahres-Haushaltsein-kommen von 42.000,- CHF zur Mittelschicht.
Die Sozialwissenschaft ist da etwas humaner. Sie legt die Mittelschicht bei 80 bis 150 % des Medianeinkommens an. In Zahlen: Bei einem Alleinstehenden zwischen 1.410,- und 2.640,- Euro netto. Rund 48 % der Bevölkerung waren anno 2014 in diesem Bereich zu finden. Bei Familien gilt aufgrund des anderen Bedarfs wieder der Aufteilungsschlüssel der OECD.
Etwas einfacher ist die Mittelstandsbezeichnung des 19. Jahrhunderts für Unternehmer. Hier bedeutet “Mittelstand”, ein Unternehmen sein eigen zu nennen, das über 10 bis 249 Beschäftigten bzw. über einen Jahresumsatz von zwei bis 50 Mio € verfügt. Darunter ist man Klein-, darüber Großunternehmer. Bei diesem Gedankengang setzt auch die Politik an, da sich in dieser aufgezeigten Zielgruppe die wohl grösste Wählerschaft befindet. Durch derartige Kohortenbestimmung wird der Bereich zwischen Ober- und Mittelstand sowie der Unterschicht klar getrennt.
Der Münchhausen, der jedoch dahintersteckt, ist die Tatsache, dass das bereits erzielte Vermögen bei all diesen Berechnungen keine Rolle spielt. So besitzen etwa die reichsten 5 % der österreichischen Bevölkerung fast die Hälfte des Gesamtvermögens zwischen Neusiedler- und Bodensee (in Deutschland belaufen sich die Spitzen-Einkommensbezieher auf 3,6 %). Das ist das reale Problem bei all diesen statistischen Aufzählungen. Deshalb wurde das Medianeinkommen eigeführt, denn schliesslich verdienen die wirklich Reichen innerhalb kürzester Zeit wesentlich mehr dazu als die anderen. Und da trifft die Millionärs-Grundregel “Nur die erste Million war wirklich schwer!” voll in’s Schwarze. Wurde diese erste Million beispielsweise in Immobilien oder Aktien angelegt, so arbeitet das Geld von alleine. Erst wenn dieses verkauft wird, scheint dieses Geld auch tatsächlich in der Statistik auf – zuvor nur in Form der Mieteinnahmen oder der Dividenden. Würde somit auch das Vermögen einberechnet, so würde höchstwahrscheinlich die Mittelschicht zur Gänze wegfallen, da etwa ein geerbtes Haus oder eine Eigentumswohnung in der Münchner Innenstadt Gold wert ist und somit der beerbte Buchhalter der unteren Mittelschicht urplötzlich in höhere Gefilde aufsteigen würde.
Damit habe ich also die schöne Vorstellung einer vierköpfigen Familie, mit eigenem Haus, zwei Autos und einem alleinverdienenden Mann in der Position eines Abteilungsleiters als Sinnbild der Mittelschicht möglicher-weise zerstört – das sind nämlich gerade mal maximal 10 % der Bevölkerung. Eine Mittelschicht-Familie dieser Grösse kann sich alleine in den Städten einen solch benötigten grossen Wohnraum (Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer, möglichrweise zwei Bäder) nicht mehr leisten – sie benötigt Bürgen oder lange Kreditlauf-zeiten. In Österreichs Landeshauptstädten etwa konnte noch 2006 mit zehn Jahresnettogehältern im Schnitt 120 qm Wohnraum finanziert werden (mit Ausnahme Salzburg!) – 2018 sind es hingegen nurmehr 75 qm!
Ergo: Die Mittelschicht ist aufgrund des Gehörten ein “inhomogenes Konglomerat”; ein Auffangbehälter für alle, die nicht der Unterschicht, aber auch nicht der Oberschicht angehören – weltweit sind es rund 1,8 Milliarden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass in Asien die Mittelschicht bereits bei einem Stundenlohn von 10,- US-Dollar beginnt – das wäre bei uns ein Geringverdiener! Liest man sich die Postings zum Einkommensrechner des Standards durch, so gehören eigentlich alle der Mittelschicht an. Wer will denn eingestehen, dass er Angehöriger der Unterschicht ist? Wer will im Gegensatz dazu den Neid erwecken, wenn jemand zur Oberschicht zählt?! Und so nebenbei erwähnt: Im Marxismus wird auch die städtische Mittelschicht sowie das Kleinbürgertum der Klasse des Proletariats zugeordnet, da sie zumeist unterprvilegiert und einflussschwach sind – also wieder nix mit einer besseren Situierung! Durch die immer stärker werdende Einkommensschere und die Globalisierung geht’s jedoch der Mittelschicht und dem Mittelstand immer mehr an den Kragen. Wenn ein Akademiker nurmehr 2.500,- € brutto oder gar noch weniger verdient, so hat er den Bildungsvorsprung der Mittelschicht verspielt. Und durch Importe aus Billiglohnländer werden viele mittelständische Unternehmen (auch als Zulieferer der Industrie) ruiniert, sofern sie sich nicht schon vorzeitig genug auf eine Nische spezialisiert haben. Noch drastischer stellt es der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in seiner Studie “Capital in the Twenty-First Century” dar. Im Vergleich der letzten 300 von ihm untersuchten Jahre zeigte er auf, dass jede Krise auf dem Rücken der Mittelschicht ausgetragen wurde, während die Oberschicht sogar noch Kapital daraus schlug. Praktisch aufgezeigt in jüngsten Vergangenheit etwa bei der durch die amerikanische Immobilienblase verursachten Finanzkrise. Grosse Teile der vorherigen “middle class” rutschten in die “lower class” oder gar durch Arbeitslosigkeit in die “unemployed underclass”.
Im Jahr 2014 veröffentlichte die OECD die Studie “Making Inclusive Growth Happen”. Demnach ist Österreich in den Jahren 1993 bis 2009 um nicht unbeträchtliche Teile seiner Mittelschicht umgefallen. Zumindest nach OECD-Definition. Die Ursachen liegen einerseits in der gestiegenen Steuerbelastung der mittleren Mittelschicht (mittlere Quintile) und andererseits in den erheblichen Gehalts-Zuwächsen der Oberschicht. Wie sich die schon getätigten oder noch zu erledigenden Massnahmen der schwarz-blauen Regierung auswirken werden? Mit diesen Gedanken lasse ich Sie heute zurück!!!

Lesetipps:

.) Hurra, wir dürfen zahlen: Der Selbstbetrug der Mittelschicht; Ulrike Herrmann; Westend 2010
.) Der stille Raub: Wie das Internet die Mittelschicht zerstört; Gerald Hörhan; edition a 2017
.) Melkvieh Mittelschicht: Wie die Politik die Bürger plündert; Clemens Wemhoff; Redline Verlag 2009
.) Mythos “Mitte”: Oder: Die Entsorgung der Klassenfrage (Kapital & Krise); Ulf Kadritzke; Bertz und Fischer 2017
.) Die Ausplünderung der Mittelschicht: Alternativen zur aktuellen Politik; Marc Beise; Deutsche Verlags-Anstalt 2009
.) Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten; Hrsg.: Michael Borchard u. a.; Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. 2008
.) Mittelstand ist eine Haltung: Die stillen Treiber der deutschen Wirtschaft; Heiner Kübler/Carl A. Siebel; Econ 2016
.) The Value of Everything; Mariana Mazzucato; Allen Lane Verlag 2018

Links:

- www.diw.de
- www.wifo.ac.at
- www.oecd.org
- www.arcadis.com
- ec.europa.eu/eurostat/de
- www.statistik.at
- www.dandc.eu
- www.iwkoeln.de
- www.boeckler.de
- www.kaes.de
- www.oegb.at
- arbeitgeber.de
- www.agenda-austria.at
- www.armutskonferenz.at
- www.arm-und-reich.de

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Syphilis – eine Geißel Gottes?

Die Geschlechtskrankheit Syphilis, oder auch “Lues” bzw. “maladie française”, wurde in früheren Zeiten als “Strafe Gottes” bezeichnet. Schon im Jahre 1495 sprach der Arzt Niccolo Leoniceno aus Vicenza in seinen Vorlesungen von der Epidemie einer Krankheit, die er als “Morbus gallicus” benannte. Er bezog sich auf eine neuartige Hauterkrankung, die seit 1493 in den spanischen Hafenstädten tobte und sich von dort rasend schnell im gesamten westlichen Mittelmeerraum ausbreitete. Den Ursprung könnte sie in der zweiten Fahrt von Christoper Kolumbus nach Hispaniola (Haiti) gehabt haben. Molekularbiologen haben inzwischen nachgewiesen, dass tatsächlich Bakterien des südamerikanischen Syphilisstammes auf diese Art nach Europa eingeschleppt wurden. Während der Besetzung Neapels im Jahr 1495 durch Karl VIII. von Frankreich kam es dort wirklich zu einer Epidemie, die von den Söldnertruppen über das ganze restliche Europa verschleppt wurde. Eine andere Ursprungstheorie geht von einer sehr seltenen Konjunktur des Saturns mit dem Jupiter im Zeichen des Skorpions und Hause des Mars aus (Miasma-Theorie). In einem Gedicht des Mediziners Girolamo Fracastoro soll der Schafhirte Syphilus von Gott mit einer neuen Krankheit bestraft worden sein, da er Gotteslästerung betrieb – das brachte den Namen. Zudem wird sie ausschliesslich durch den Geschlechtsverkehr übertragen und der Betroffene geht meist elendigst zugrunde. Durchaus also Hinweise für eine böse Strafe notorischer Sünder durch die höchste Obrigkeit. Knochenfunde im englischen Riverhall/Essex zeigen allerdings, daß das Bakterium bereits vor 1445 aktiv war. Auch Grabungen am Domplatz von St. Pölten/Österreich brachten Skelette aus dem 14. Jahrhundert zu Tage, die typische Syphilis-Merkmale aufwiesen. Archäologische Ausgrabungen in der griechischen Siedlung Metapont in Süditalien gaben ebenfalls Hinweise darauf, dass die Menschen schon weitaus früher an Syphilis erkrankten. Die Knochen stammen aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Die Gefahr also, sich bei oftmaligem Partnerwechsel zu infizieren, war vor der Erfindung des Kondoms sehr hoch. Nachdem nun die Ärzte aufschreien, daß die Zahl der Erkrankungen wieder eklatant ansteigt, möchte ich dem nachgehen: Was steckt wirklich dahinter?!
Die Krankheit überträgt sich durch das spiralförmige Bakterium Treponema pallidum während des Geschlechtsakts. Ausserhalb des Körpers stirbt es sehr rasch ab, innerhalb teilt es sich alle 36 Stunden. Das Bakterium gelangt über die Schleimhaut oder feinste Hautrisse in das Innere des Körpers. Somit ist also nicht nur der herkömmliche Geschlechtsverkehr, sondern zudem Oral- oder Analsex durchaus riskant. Ebenso wie der HI-Virus ist die Infektion auch durch Bluttransfusionen oder Blutkontakt möglich – jedoch weitaus seltener. Die letzte Infektion durch eine Bluttranfusion liegt in Deutschland bereits 20 Jahre zurück. Auch eine Infektion während der Schwangerschaft ist sehr problematisch und kann zu einer Fehlgeburt oder einem infizierten Kind führen (Lues connata präcox). Ab der 20. Schwangerschaftswoche ist der Erreger plazentagängig, überwindet also die natürliche Barriere zwischen dem Kreislauf der Mutter und dem des Kindes. Neugeborene Infizierte sind normalerweise unauffällig, die Krankheit zeigt sich erst etwas später. Einige wenige Säuglinge können unter Atemnot, Ödeme, Untergewicht, Hautausschlägen, Lymphknoten- oder einer Milzschwellung leiden. Die Lues connata tarda tritt bei einer Infektion der Mutter in der Schwangerschaft während der ersten Lebensmonate des Kindes auf. Sie äussert sich durch Knochenfehlbildungen an Gaumen, Stirn und Nase, Fieber, Hautausschlag, blutigem Schnupfen, Taubheit, Krampfanfällen und Knieproblemen. Aufgrund dieser schwerwiegenden Krankheitsbilder wird bei Schwangerschaftsuntersuchungen automatisch eine mögliche Syphilis-Infektion der Mutter überprüft. Deshalb sind derartige Erkrankungen bei Kindern zumindest in unseren Breiten sehr selten geworden. Ansonsten kann rechtzeitig mit einer entsprechenden Therapie begonnen werden.
Apropos Therapie: Aufgrund der guten Therapieerfolge hat die Syphilis offenbar ihren Schrecken verloren. So steigt die Anzahl der Neuinfektionen jedes Jahr. In Deutschland wurden beispielsweise im Jahr 2014 rund 5.700 Erkrankungen gemeldet, ein Jahr später bereits 6834. V.a. homosexuelle Männer sind davon betroffen. Weltweit stecken sich zirka 12 Millionen Menschen pro Jahr an. Jedoch nicht nur an Syphilis, sondern auch an Krankheiten, die von Erregern aus derselben Bakterien-Familie stammen: Bejel (Afrika und Mittlerer Osten), Frambösie (Afrika, Asien und Lateinamerika), Pinta (Süd- und Mittelamerika) oder auch der Plaut-Vincent-Angina. In Westeuropa sank die Zahl aufgrund der AIDS-Kampagnen ab den 80er Jahren. Seit 2001 allerdings steigt die Kurve wieder an. In Österreich etwa wurden 2006 267 Erkrankungen gezählt, ein Jahr später waren es bereits 441 und 2008 gar 551. Nichtpathogene Treponema-Arten hat jeder Mensch in der Flora des Mundes, des Verdauungstraktes und in den Geschlechtsorganen.
Eines sollte jedoch niemals vergessen werden: Gegen die Krankheit wird man nicht immun sondern kann sich jederzeit wieder anstecken. Das Risiko einer Ansteckung beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer erkrankten Person liegt bei 40-60 %. Nicht immer treten nach einer Infektion Beschwerden sofort auf. Es kann sogar mitunter Jahre dauern.
Die Syphilis verläuft in drei bis vier Stadien – bei einer gleichzeitigen HIV-Infektion jedoch atypisch. Auch im Einzelfall kann es zu einem komplett anderen Krankheitsverlauf kommen.

- Primärstadium
Meist zwei bis drei Wochen nach Ansteckung – aber auch bis zu 90 Tage danach. Aus einem etwa hirsekorn-grossen Knoten entwickelt sich ein schmerzfreies, nässendes Geschwür am Penis oder der Scheide, das einen harten Rand (Ulkus durum) ausbildet. Hier traf der Erreger auf. In diesem ersten Stadium ist die erkrankte Person am ansteckendsten: Es reicht schon ein kurzer Hautkontakt. Ohne entsprechende Therapie bleibt der Erkrankte jedoch über Jahre hinweg infektiös. Je nach Sexualpraktik kann dieses Geschwür auch im Mund, am After oder auf den Brüsten auftreten. In weiterer Folge schwellen die benachbarten Lymphknoten (etwa in der Leistengegend) an. Dies verschwindet üblicherweise nach einigen Wochen wieder von selbst.
- Sekundärstadium
Durch das Gefässsystem (Blut- und Lymphbahnen) breitet sich das Bakterium nach zwei bis drei Monaten über den ganzen Körper aus. Dies führt zu einem Anschwellen der Lymphknoten – vornehmlich am Hals und in den Achseln. Damit einher gehen Gelenk- und Muskelschmerzen, Abgeschlagenheit, Fieber und Kopfschmerzen. Am Körper, zumeist an den Handflächen und Fusssohlen tritt ein nicht-juckender, masernartiger Hautausschlag auf. Aus diesen Flecken bilden sich mit der Zeit rötliche bzw. bräunliche Knoten, die aufplatzen und nässen können. Das sind Krankheitserreger, die wiederum hochinfektiös sind. Besonders grosse Knoten bilden sich im Genital- bzw. Analbereich – der Mediziner bezeichnet sie als “Condyloma lata”. Bei manchen Patienten kann es zu einem Haarausfall und einer Veränderung der Mundschleimhaut kommen. Dabei sind auch Mandeln und Rachen entzündet. Diese Symptome ebben normalerweise nach einem Jahr wieder ab – sie können jedoch jederzeit erneut auftreten (“versteckte Syhilis”).
- Tertiärstadium
Rund 25 % der nicht behandelten Erkrankten kommen – wenn auch drei bis fünf Jahre später – in dieses Stadium. Nun wird’s so richtig unschön, da alle Organe, Knochen und Muskeln des Körper entzündet sind. Auf der Haut, der Zunge und der Nase bilden sich grosse Knoten, die aufplatzen können. Blutgefässe werden befallen; so kann es zu einem Aorten-Aneurysma kommen (bis zu 30 Jahre später). Bricht diese Aussackung der Hauptschlagader, so droht eine rasche Verblutung. Undichte Herzklappen (Herzklappen-Insuffizienz) führen zu Problemen des Herz- und Kreis-laufsystems. Ist auch der Sehnerv oder die Regenbogenhaut des Auges entzündet, so kann dies auf auf eine Entzündung des zentralen Nervensystems schliessen lassen.
- Quartärstadium
Wird das zentrale Nervensystem geschädigt (unbehandelt bei ebenfalls rund 25 % – möglicherweise auch erst Jahrzehnte später), so bezeichnet dies der Fachmann als “Neurosyphilis”. Sie zerstört sowohl das Gehirn als auch das Rückenmark. Anzeichen für ein geschädigtes Rückenmark sind lanzenstichartige Schmerzen in der Bauchgegend und den Beinen. Weiters folgen Probleme an Knochen und Gelenken (unsicherer Gang), Kreislauf-störungen, Gefühlsbeeinträchtigungen, Kontrollverlust über Blase und Darm und schliesslich Lähmungen. Derartige Symptome sind als “Tabes dorsalis” bekannt. Wird das Gehirn in Form einer chronischen Gehirnentzündung beeinträchtigt (Syphilis cerebrospinalis), so spricht man von einer “progressiven Paralyse”, also einer fortschreitenden Lähmung, begleitet von Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Die Folge ist ein geistiger Abbau bis hin zur Demenz und dem Tod. Erste Anzeichen dafür können sein: Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit, Schwächen beim Hören und Sehen, ja mitunter auch Lähmungs-erscheinungen.
Wird nun die Krankheit nicht behandelt, so heilt sie bei jenen, die Glück haben, aus (33 – 50 %). Damit würde ich jedoch nicht spekulieren – ein möglicherweise tödlicher Gedankengang (bei rund 10 %).
Das heimtückische an dieser Krankheit ist, dass sie über Jahre hinweg komplett im Verborgenen brodeln kann. Dann ist sie nur anhand von Bluttests nachweisbar. Kann der Dermatologe und Venerologe, an den der Hausarzt überwiesen hat, aus dem durch einen Abstrich entnommenen Sekret nichts erkennen, ist ein solcher Bluttest für die Diagnose unbedingt erforderlich. Dabei wird anhand eines
- TPPA-Tests (Treponema-pallidum Partikelagglutinationstest) oder
- TPHA-Tests (Treponema-pallidum-Hämagglutinationstest)
überprüft, ob das Immunsystem bereits Abwehrkörper gegen das Bakterium gebildet hat. Ist dies der Fall, wird mit einem Bestätigungstest wie dem FTA abs (Treponema-pallidum-Antikörper-Fluoreszenztest) oder Immunoblot die Gewissheit geholt. Besteht der dringende Verdacht auf eine Erkrankung, allerdings lässt sich das nicht nachweisen, so werden die Proben nach zwei bis drei Wochen wiederholt. Nun muss ausgeschlossen werden, dass das zentrale Nervensystem ebenfalls befallen ist. Dies wird bei örtlicher Betäubung durch eine Liquorpunktion durchgeführt. Dabei führt der Arzt eine feine Nadel in den Rückenmarks-kanal ein und entnimmt Rückenmarksflüssigkeit. Auch diese wird auf Antikörper gegen das Bakterium hin analysiert. Ein Syphilis-Patient wird stets auf andere Geschlechtskrankheiten und dem HI-Virus überprüft, da diese den Krankheitsverlauf und die Therapie beeinflussen können.
Nachdem die Syphilis meldepflichtig ist, erstattet bereits der Laborarzt eine solche Meldung in Deutschland an das Robert-Koch-Institut, in Österreich an die Landessanitätsbehörde, in der Schweiz an den kantonsärztlichen Dienst und das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Meldung erfolgt anonym, also ohne Namensnennung des Patienten. Sie wird in weiterer Folge durch die Untersuchungsergebnisse des behandelnden Arztes ergänzt.
Im 15. Jahrhundert erfolgte die Behandlung der Patienten mit Queck-silbersalzen – sie starben alsdann nicht an der Syphilis als vielmehr einer Quecksilbervergiftung. Auch mit Arsen wurden Versuche durchgeführt, die oftmals tödlich endeten. Nachdem bekannt wurde, dass der Erreger ab 41 Grad Celsius abstirbt, wurden Patienten mit Malaria infiziert – dafür erhielt der österreichische Psychiater Julius Wagner-Jauregg 1927 sogar den Nobelpreis für Medizin. Erst 1943 entdeckte der US-amerikanische Arzt John F. Mahoney die Wirksamkeit von Penicillin. Heutzutage werden auch andere Antibiotika (wie Cephalosporine, Tetrazykline, Makrolide) eingesetzt. Die Dosierung und Intensität richtet sich nach dem Krankheitsstadium. Die Prognosen für eine Heilung im ersten oder zweiten Stadium sind sehr gut. Wurden aber bereits Organe befallen, so ist dies irreversibel. Die Heilungschancen im dritten und vierten Stadium sind entsprechend schlecht. Zerfällt der Erreger während der medikamentösen Therapie zu rasch, so kam es in Einzelfällen durch das Freiwerden von Toxinen zur sog. “Jarisch-Herxheimer-Reaktion”: Fieber, Muskelschmerzen, Schüttelfrost und schliesslich Blutdruckabfall. Dagegen erfolgt eine Kortisonverabreichung.
Immer wieder gab es auf der Suche nach einem wirksamen Gegenmittel Medizinskandale. Dabei wurden oftmals Patienten ohne deren Wissen infiziert. Der wohl grösste Skandal jedoch erfolgte zwischen 1932 und 1972 im Städtchen Tuskegee/Alabama in den USA (“Tuskegee-Syphilis-Studie”). Die zumeist armen, afro-amerikanische Erkrankten wurden absichtlich nicht behandelt um zu beobachten, wie sich die Krankheit entwickelt. Die Betroffenen wurden auch 1943 nach der Mahoney-Entdeckung einer Therapie in Unkenntnis gelassen. Die USA übrigens führten zudem in den Jahren 1946 bis 1948 in Guatemala Menschen-versuche durch.
Es liegt in der Pflicht, dass der/die Betroffene alle Partner, die er/sie nach der möglichen Infektion gehabt haben könnte (bis zu 90 Tage vor Auftreten der ersten Symptome), informiert, damit auch sie sich behandeln lassen können (“Partner-Tracing”). Wird die Krankheit erst im zweiten Stadium erkannt, so müssen alle Partner der vergangenen zwei Jahre untersucht werden.
Vorsicht bei Selbstdiagnosen und Behandlungen: Bei der Syphilis muss unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.
Wer sich bei häufigem Partnerwechsel all das ersparen möchte, sollte stets den mit einem Kondom geschützten Geschlechtsverkehr bevorzugen. Zwar besteht auch hier keine 100 %-ige Sicherheit, doch wird eine mögliche Übertragung unwahrscheinlicher.

Film:

.) Das Syphilisgeheimnis; S. Cerasuolo, E. Fergnachino; Großbritannien 2002

Lesetipps:

.) Der Unzucht und Lastern derbey entspringende Krankheit: Syphilis und deren Bekämpfung in der Frühen Neuzeit am Beispiel des Wiener Bürgerspitals St. Marx; Melanie Linöcker; VDM Verlag Dr. Müller 2008
.) Der Ursprung der Syphilis: eine medizinische und kulturgeschichtliche Untersuchung; Iwan Bloch; Fischer 1901
.) Martin Pollich von Mellrichstadt (geb. um 1455, gest. 1513) und sein Streit mit Simon Pistoris über den Ursprung der „Syphilis“; Helmut Schlereth; Königshausen & Neumann 2001
.) Aus der Frühgeschichte der Syphilis. Handschriften- und Inkunabelstudien: epidemiologische Untersuchung und kritische Gänge (= Studien zur Geschichte der Medizin. Band 9); Karl Sudhoff; Barth 1912
.) Amors vergifteter Pfeil. Kulturgeschichte einer verschwiegenen Krankheit; Ernst Bäumler; Hoffmann & Campe 1976
.) Die Strafe der Venus. Eine Kulturgeschichte der Geschlechtskrankheiten; Birgit Adam; Orbis 2001
.) Handbuch der Geschichte der Medizin; Hrsg.: Max Neuburger/Julius Pagel; G. Fischer 1905
.) Ethics and error. The dispute between Ricord and Auzias-Turenne over syphilization 1845–70; D. Beyer Perett; Stanford 1977
.) The Columbian exchange: biological and cultural consequences of 1492; Alfred W. Crosby; Praeger 2003

Links.

- www.dstig.de
- www.oegstd.at
- www.bmgf.gv.at
- www.bag.admin.ch/bag/de
- www.meduniwien.ac.at
- www.gesundheitsamt-bw.de
- www.rki.de
- www.laborkrone.de
- www.liebesleben.de
- www.aids.ch
- www.lovelife.ch/de
- www.cdc.gov

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Knoblauch – keine Frage des guten Geschmacks…

… sondern vielmehr der Gesundheit!
Viele können ihn nicht riechen, viele andere schwören Stein und Bein bzw. Knolle und Zehe auf ihn – ich bevorzuge kleine, dafür aber regelmässige Mengen. Schliesslich ist das Ausdünsten von Knoblauch ein Intensiv-Erlebnis für die Nachbarn. Dabei wird der stark riechende, schwefelhaltige Geruch (Allicin) nur zu einem kleinen Teil über die Haut abgedampft, der weitaus grössere Teil hingegen über die Lungen-bläschen, somit also der Atemluft. Deshalb zeichnet den guten Koch die Tatsache aus, dass keines der Gewürze herausgeschmeckt wird, sofern es sich nicht etwa um Knoblauchsuppe oder -brot handelt. Gemeinsam aber sollten sich die verwendeten Kräuter, Knollen, Blätter etc. zum wahren geschmacklichen Feuerwerk auf der Zunge entwickeln. Und der Knoblauch kann so einiges – nicht umsonst wird er auch als “König der Gewürze” bezeichnet.
Der Knoblauch (Allium sativum) zählt zur Familie der Amaryllisgewächse und hier zur Unterfamilie der Lauchgewächse. Eigentlich krautartig wird als Überdauerungsorgan die Zwiebel durch die 30 bis 90 cm hohe Pflanze gebildet. Sie besteht aus einer Hauptzehe, aus welcher der Stängel wächst und bis zu 20 Nebenzehen (Tochterzwiebeln). Geschützt wird das Ganze durch eine dünne weisse Haut. Die Pflanze hat sowohl fruchtbare als auch unfruchtbare Blüten. In einem zylindrischen Hütchen (Bulbillen) entwickeln sich pro Pflanze zwischen zehn bis zwanzig Brutzwiebeln.
Der Experte unterscheidet zwischen zwei Arten: Dem Kultur-Knoblauch (Allium sativum var. sativum) und dem Schlangenknoblauch (Allium sativum var. ophioscorodon). Beide sind geniessbar, wobei der auch gerne als “Rockenbolle” bezeichnete Schlangenknoblauch hauptsächlich als Heilpflanze Verwendung findet. Die schwarze Ausführung ist nicht etwa eine eigene Sorte, sondern vielmehr fermentierter Knoblauch. Ähnlich wie bei der Vanille werden Zucker und Aminosäuren durch Luftabschluss und Wärme zu stickstoffhaltigen organischen Verbindungen abgebaut, die für die Färbung verantwortlich zeichnen. Der Geschmack ändert sich in’s leicht Süssliche.
Kam die Pflanze ursprünglich eigentlich aus Zentral- und Südasien, so wird sie schon seit sehr langer Zeit zudem im Mittelmeerraum angepflanzt. Und auch hierzulande kommen immer mehr Ackerbauern auf den scharfen, würzigen Geschmack, vor allem da der Preis stark angestiegen ist – das macht das “Weisse Gold” zur wohl profitabelsten heimischen Gemüsesorte. Allerdings haben sie dabei mit harter Konkurrenz aus China zu kämpfen. Dort werden pro Jahr rund 20 Millionen Tonnen geerntet – mit Dumpingpreisen alsdann die Konkurrenz etwa aus Argentinien zunichte gemacht.
Die Pflanze selbst bevorzugt sonnige Plätze. Im konventionellen Anbau aus den Haupt-Herkunftsländern China, Argentinien und auch Spanien werden per Hand rund 1,5 bis 3 Tonnen Knoblauchzehen pro Hektar im Abstand von rund 20 cm mit der Spitze nach oben in den Ackerboden gedrückt. Das führt zu rund 18.000,- € Kosten pro Hektar – die etwas teurere Variante. Die Zehen sind jedoch sehr schädlingsanfällig. Später sind es nurmehr die Lauchmotte und die Weissfäule, die der Pflanze schaden können. Andere Schädlinge meiden die Pflanze aufgrund ihres Geruchs. Deshalb raten Experten auch dazu, in der Wohnung oder dem Haus Knoblauch als natürlichen Schutz gegen Schädlinge auszulegen. Hilft übrigens perfekt im Garten bei anderen Nutzpflanzen, wie beispielsweise Erdbeeren (Blattfleckenkrankheit, Grauschimmel), Him-beeren, Gurken, Karotten (Möhrenfliege), Rote Beete, Tomaten (Braun-fäule), Obstbäumen, Lilien, Rosen und Tulpen, sowie beim Salat (Blattläuse). Auch hilft er gegen Mehltau bei den Flammenbäumen. Wühlmäuse, Läuse und Ameisen möchten ebenfalls nichts mit der geruchsintensiven Pflanze zu tun haben – optimal also im Kartoffelbeet. Besser nicht jedoch in die Nachbarschaft von Bohnen, Erbsen und Kohl pflanzen. Zur Schädlingsbekämpfung setzen Sie die Zehen am besten im April, zum Verzehr im September oder Oktober.
Bei der etwas günstigeren Variante wird bevorzugt mit Brutzwiebelsamen gearbeitet. Die Samen werden ähnlich dem Mais mittels Sämaschinen ausgebracht. Hier konnten durch spezielle Züchtungen bezüglich der Frostbeständigkeit, Dürreresistenz, Inhaltsstoffe und Lagerung grosse Erfolge erzielt werden. Der Kostenpunkt liegt bei rund 2.000,- € pro Hektar.
Die Ernte beginnt in beiden Fällen, sobald das Laub zu rund einem Drittel welk ist. Wilder Knoblauch ist übrigens schon seit Jahrhunderten ausgestorben – es handelt sich also auch bei den in freier Natur vorkommenden Pflanzen um bereits kultivierte Exemplare.
Schon die Ägypter nutzten den Knoblauch. So erhielten die Sklaven, die am Pyramidenbau beteiligt waren, eine tägliche Ration davon – einerseits zur Stärkung, andererseits um Darmparasiten und Läuse abzuhalten. Fiel die Ration aus oder wurde verkleinert, traten sie in den Streik. Im Talmud steht geschrieben, dass der Knoblauch den Geist klart, den Körper sättigt und die Manneskraft steigert (ob da die Frauen geruchsmässig damit einverstanden sind???). Auch die alten Griechen und Römer verwendeten, wie eigentlich der gesamte Mittelmeerraum, die Zehen: Zum Verfeinern ihrer Speisen oder für den Knoblauchkäse “moretum”.
Die beste Geschmacksnote erreichen Sie übrigens durch das Zerdrücken der Zehe mit der Knoblauchpresse. Dann nämlich werden die Zellen zerstört, das Enzym Aliinase kommt in Kontakt mit dem Alliin, wodurch die Umwandlung in Allicin begonnen wird. Dann im Anschluss nur kurz kochen, da er ansonsten bitter schmeckt. Durch das folgende Ziehenlassen entwickelt er seine ganze Kraft.
Auch in unseren Gefilden wird die Pflanze schon seit ewigen Zeiten als Gewürz-, aber auch als Heilpflanze verwendet. Durch die Römer nach Mitteleuropa gebracht, findet die Knolle bereits in dem von Kaiser Karl dem Grossen beauftragten “Capitulare de villis vel curtis imperii” in Kapitel 70 Erwähnung als kultivierte Nutzpflanze. Im Mittelalter wurde “chlobilou” oder “chlofalauh” (aufgrund der gespaltenen Zehen) als “Bauern-Theriak” im niederen Volk gegen alle möglichen Wehwehchen eingesetzt, u.a. gegen Menstruationsprobleme, Zahnschmerzen, Hautausschläge und Lungenleiden. Später sogar gegen die Pest. “Theriak” konnten sich damals übrigens nur die Reichen leisten – es war eine Mischung aus Honig, Vipernfleisch, Opium und anderen Bestandteilen. Ob die Pflanze allerdings auch gegen Dämonen oder Vampire hilft, ist bis heute nicht wissenschaftlich belegt. Ebenso übrigens, dass er Magnete umpolen sollte, weshalb er über Jahrhunderte von Seefahrern gemieden wurde, obwohl das enthaltene Vitamin C gut gegen Skorbut gewirkt hätte. Des Rätsels Lösung war ein Fehler bei einer Übersetzung.

https://www.youtube.com/watch?v=OhhmheMQ1oo&ytbChannel=null

Der Verband Deutscher Drogisten (VDD) wählte den Knoblauch im Jahr 1989 zur Arzneipflanze des Jahres. So verbessert der regelmässige Genuss nachgewiesenermaßen vornehmlich das Herz-Kreislauf-System indem es den Blutdruck und die Blutfettwerte (durch das enthaltene Saponin) senkt und die Blutgefässe elastischer macht. Deshalb findet die Heilpflanze auch vermehrt Anwendung bei Thrombose und Arteriosklerose. Daneben wirkt die Zwiebel auch antibakteriell, desinfi-zierend und krampflösend. Das erkannte bereits Louis Pasteur bei seinen Forschungen. Somit beeinflusst der Knoblauch äusserst wohltuend das Immunsystem, den Verdauungstrakt (z.B. bei Blähungen, Darmkrebs) und bei Infektionen ganz im Allgemeinen.
Den Hauptanteil dafür leistet das Alliin, ein ätherisches Öl. Dessen Anteil liegt in frischem Knoblauch bei etwa 0,5 bis 1 %. Durch die Ausscheidung über die Atemluft desinfiziert es die Atemwege und kann sogar bei Bronchitis, Keuchhusten und Bronchialasthma eingesetzt werden. Da dieses Öl schnell oxidiert, sollte Knoblauch rasch verarbeitet werden. Daneben verfügt die Knolle über einen hohen Anteil an Mineralstoffen wie Kalzium, Kalium und Magnesium, aber auch der Ascorbinsäure (Vitamin C), Vitamine B und K, dem Spurenelement Selen sowie Aminosäuren und Proteinen.
Als Heilpflanze wird der Knoblauch zudem äusserlich verwendet – etwa bei Hautflechte (Mykose) oder Warzen: Dabei wird eine Zehe in Scheiben geschnitten, aufgelegt und mittels Pflaster fixiert. Am besten über Nacht einziehen lassen. Bei mehrmaliger Anwendung durchaus wirksam – ausserdem haben Sie das Schlafzimmer wieder alleine für sich.
Allerdings gibt es durchaus Menschen, die den Genuss der Zehen nicht vertragen. Bei rund 10 % der Bevölkerung kann es zu allergische Reaktionen, Erbrechen, Übelkeit oder Durchfall kommen. Jedoch nur bei hoher Konzentration.
Nicht nur die Zehen sind geniessbar – auch die Blätter, das Laub und die Blüten kommen in der gut ausgestatteten Küche zum Einsatz. Dabei kann Knoblauch sehr variantenreich verwendet werden: Als Knoblauchöl, Butter für Knoblauchbrote, als Quarkaufstrich (für alle österreichischen Leser: Topfenaufstrich), in Salaten, in Marinaden etc. Auch bei Braten oder Fischgerichten sollte der gute Koch niemals auf Knoblauch verzichten. So wird etwa der “Vanillerostbraten” nicht mit Vanille sondern mit der “Vanille des armen Mannes”, dem Knoblauch, gewürzt. Beim Einkauf gilt es, auf die perlmutartig glänzende Aussenhaut zu achten. Blättert die Schale stark ab, so ist die Zwiebel meist ausgetrocknet. Finger weg von Knollen mit braunen Stellen: Das ist beginnende Fäule der Zehen! Ein grünes Austreiben ist zwar nicht tragisch, kann jedoch das Aroma beeinflussen. Im Gemüsefach des Kühlschranks hält sich die Zwiebel rund zwei Wochen, geschält kann sie auch eingefroren werden.

“Der starcke Geruch bekompt übel dem blöden Hirn, machet trübe Augen, bewegt Zorn, fürdert den Schlaf und Durst.”
(Jacobus Theodorus, deutscher Arzt und Apotheker 1522 – 1590)

Der durchschnittliche Deutsche isst jährlich rund 250 g Knoblauch, sein Nachbar aus Frankreich nahezu die doppelte Menge. Auch die Briten haben die Pflanze spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg für sich entdeckt. Damals sollen französische Soldaten auf der Isle of Wight stationiert gewesen sein. Sie wollten das fade englische Essen etwas aufpeppen und liessen sich durch Agenten das begehrte Gewürz liefern. Die Insel ist heute das Hauptanbaugebiet im europäischen Vereinigten Königreich. Sinnvoll wären 4 g frischer Knoblauch, das entspricht rund 1,3 g Knoblauchpulver pro Tag. In den mediteranen Ländern auch kein Problem – hierzulande führt ein dauerhafter Knoblauchdunst zur sozialen Ausgrenzung. So wurde in den USA ein Restaurant verklagt, weil es zu viel Knoblauch in seinen Speisen verwendet haben soll. Die Richter baten um wichtigere Fälle und wiesen die Klage ab. Gegen den Mundgeruch übrigens helfen Milch, Chlorophylle, Kardamonsamen oder Ingwer – jedoch niemals zur Gänze. Sollte der Gourmet also nach dem Essen noch etwas vorhaben, so ist es besser, auf die Beigabe von Knoblauch zu verzichten. Tsatsiki kann deshalb nicht wirklich empfohlen werden.
Zuletzt noch ein Tipp von Hobbykoch zu Hobbykoch: Damit Sie stinkende Hände beim Schälen vermeiden, geben Sie einfach die gewünschte Anzahl von Zehen in ein Marmeladeglas, verschiessen es und schütteln für einige Zeit heftig. Die Zehen bekommen dadurch ein Schleudertrauma und die Schale löst sich von selbst!

Lesetipps:

.) Knoblauch – eine ganz besondere Knolle; Johanna Schaal; Seehamer 1998
.) Die Alliumarten als Arzneimittel im Gebrauch der abendländischen Medizin; Kurt Heyser; Kyklos 1928
.) The complete book of garlic – a guide for gardeners, growers, and serious cooks; Ted J. Meredith; Timber Press 2008
.) Heilkräuter Hausapotheke: Die wichtigsten Heilpflanzen für die Anwendung zu Hause; Eva Marbach; Eigen-Edition 2010
.) Knoblauch gegen Krebs und Blaubeeren für das Herz: Mit den richtigen Lebensmitteln das Immunsystem stärken und Krankheiten vermeiden; Jo Robinson; Riva 2014
.) Natürlich gesund – Kräutermedizin. Über 200 Kräuter und Heilpflanzen und ihre Wirkung auf die Gesundheit; David Hoffmann; Element Books 1996
.) Kräuter und Gewürze; Avril Rodway; Tessloff 1980
.) Garlic and Other Alliums: The Lore and the Science; Eric Block; Royal Society of Chemistry 2010
.) Effect of garlic on blood pressure: a systematic review and meta-analysis; K. Ried/O. R. Frank/N. P. Stocks/P. Fakler/T. Sullivan; BMC Cardiovasc Disord 2008
.) Garlic – The Science and Therapeutic Application of Allium sativum L. and Related Species; Heinrich P. Koch/Larry D. Lawson; Williams & Wilkens 1996
.) Pharmazeutische Biologie: Molekulare Grundlagen und klinische Anwendungen; Hrsg.: Theodor Dingermann/Rudolf Hänsel/Ilse Zündorf; Springer Verlag 2002
.) Der böse Blick und Verwandtes; Siegfried Seligmann; Georg Olms Verlag 1985
.) Knoblauch – Über 65 fantasievolle Rezepte mit der beliebten Knolle; Jenny Linford/Manuela Schomann; ars vivendi verlag 2016

Lnks:

- deutscher-knoblauch.de
- rockenbolle.de
- rockenbolle.net
- www.gesundheit.gv.at
- www.lwg.bayern.de
- heilpflanzenwissen.at
- www.zentrum-der-gesundheit.de
- www.oego.org
- www.dialogforum-pluralismusindermedizin.de
- www.ars.usda.gov

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Iran/USA – eine alte Freund-Feindschaft

Donald Trump bezeichnet sie selbst als “die härtesten Wirtschaftssanktionen” – seit dem 05. November gelten die neuen Handelseinschränkungen zwischen den USA und dem Iran. Der US-Präsident will damit das Land im Nahen Osten erneut von der restlichen Welt abkapseln. Doch stärkt ihm dieses Mal kein UN-Beschluss den Rücken – es ist eine blosse Machtdemonstration, mit dem das Alpha-Tierchen aus dem Oval-Office in Washington enmal mehr demonstrieren möchte, wer an den Stricken der Macht das Sagen hat. Zwar gelten diese Sanktionen nicht für alle anderen Staaten oder Unternehmen dieser, jedoch hat Trump damit gedroht, jene Unternehmen aus dem amerikanischen Finanzsystem auszuschliessen, die auch weiterhin den Iran beliefern bzw. Geschäfte mit ihm betreiben. Damit würde es vor allem jene Konzerne schwer treffen, die internationale Geschäfte auf Dollarbasis durchführen, über Niederlassungen in den Vereinigten Staaten verfügen oder dorthin exportieren. Ich für meinen Teil würde dies eher als Erpressung bezeichnen, das Weisse Haus spricht hingegen von einer Drohung.
Die Freund-Feindschaft zwischen den USA und dem Iran ist historisch begründet. Noch im 19. Jahrhundert orientierte sich der Iran mehr an Washington als an Moskau oder London. Beide Staaten fielen alsdann 1941 in Teheran ein, obgleich dieses im Zweiten Weltkrieg neutral bleiben wollte. Schah Reza Pahlevi musste zurücktreten. Zwei Jahre später kam es zur weltberühmten Teheran-Konferenz der Alliierten. Die CIA hatte sich in der “Operation Ajax” 1951 am Sturz den iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh beteiligt und erneut den Schah als Staatsoberhaupt eingesetzt. Hintergrund war selbstverständlich das Erdöl. Nachdem der westlich orientierte, im Land selbst jedoch sehr umstrittene Schah Reza Pahlavi 1979 im Rahmen der islamischen Revolution abgesetzt wurde, entstand aus dem Kaiserreich eine Islamische Republik mit Ayatollah Khomeini an der Spitze. Alle Verbindungen zum Westen wurden gekappt. Viele terroristische Attentate sollen Entscheidungen des dortigen Regimes gewesen sein. US-Präsident Jimmy Carter liess in dieser Zeit den an Krebs erkrankten Schah in den USA behandeln. Das jedoch stiess im Iran auf wütende Proteste. Das Ganze gipfelte 1979 in der Erstürmung der US-Botschaft in Teheran durch eine Gruppe radikaler Anhänger Khomeinis. Die dort anwesenden Menschen wurden als Geiseln genommen. Nachdem Washington nicht auf die Forderungen eingehen wollte, wurde ein Befreiungsversuch durch Spezialkräfte unternommen, der jedoch scheiterte. Es war ein mehr als schwarzes Kapitel in der Geschichte und dem Stolz der USA. Heute steht diese Aktion auf nahezu gleicher Stufe wie der Vietnam- oder der Korea-Krieg. Bei beiden gingen die USA bekanntlich ebenfalls nicht als Sieger vom Schlachtfeld. Am 4. April 1980 wurden alle diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern abgebrochen. Die 52 Geiseln übrigens kamen erst 1981 nach Vermittlung durch Algerien frei. Im ersten Golfkrieg zwischen dem Iran und Irak lieferten die USA Waffen an den Irak, der noch kurz zuvor auf der Liste der Schurkenstaaten stand. Die Begründung: Sicherung der freien Schifffahrt! Trotz Embargos lieferten die Vereinigten Staaten allerdings in den Jahren 1985 und 86 auch Rüstung an den Iran – streng geheim! Damit sollten amerikanische Geiseln im Libanon freibekommen werden. Das Ganze flog später als Iran-Contra-Affäre auf. Nach den beiden Hisbollah-Anschlägen auf die US-Botschaft und einen US-Stützpunkt in Beirut, sowie der schweren Beschädigung eines US-Kreuzers, der auf eine iranische Seemine auflief, intensivierte das US-Militär die Alarmbereitschaft im Persischen Golf. Am 3. Juli 1988 schliesslich identifizierte das neue elektronische Aegis-Kampfsystem der USS Vincennes (CG-49) offenbar vor Katar eine im Anflug befindliche F-14 der Iraner. Nachdem dessen Personal auf Funk nicht reagierte, liess der Kommandant die Maschine abschiessen. Erst danach wurde der tragische Irrtum bekannt: Es war ein ziviler Airbus A300B2 der Iran Air mit 290 Menschen an Bord. Überlebt hat diesen Abschuss niemand! Im Rahmen einer Schlichtung verpflichteten sich die USA im Februar 1996 zur Zahlung eines Schdensersatzes in Höhe von 131,8 Millionen US-Dollar. Nach der Wahl von Mohammad Chätami zum Ministerpräsidenten entspannte sich die politische Situation etwas. Im Zusammenhang mit den Anschlägen von 9/11 jedoch bezeichnete US-Präsident George Bush den Iran als “Teil der Achse des Bösen”, was Teheran, das ebenso an einer Bekämpfung der Taliban interessiert war, nicht wirklich entsprach. Immer wieder wurden bislang geheim gehaltene Informationen veröffentlicht, wonach die USA etwa die Partei für ein Freies Leben und die sunnitische Terrororganisation Dschundollah unterstützte. Beide agierten blutig gegen das Regime in Teheran. Ganz offiziell genehmigte der US-Kongress im September 2006 nicht weniger als 10 Millionen Dollar zur Unterstützung oppositioneller Gruppen im Iran. Erst der “Joint Comprehensive Plan of Action”, der Atomvertrag, erzielte ab 2016 eine Entspannung und ein Herunterfahren der Sanktionen. Als Donald Trump im Mai 2018 das Abkommen einseitig aufkündigte, ging der Iran zwei Monate später vor den Internationalen Gerichtshof. Bis zur Entscheidung in der Hauptsache, erliess das Gericht eine einstweilige Anordnung gegen die USA, basierend auf dem US-iranischen Freundschaftsvertrag von 1955. Für Trump jedoch kein Hindernis!
Ein weiterer Dorn im Auge der Amerikaner: Der Iran und Israel können partout nicht miteinander. Einerseits haben die Israeli grosse Angst vor einem Atomangriff (obwohl sie höchstwahrscheinlich selbst über atomare Waffen verfügen), zum anderen unterstützt der Iran die libanesische Hisbollah-Miliz, aber auch die Huthi-Rebellen im Jemen. Während es Erstere vornehmlich auf Israel abgesehen haben, kämpfen die Huthi gegen die Scheichs von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten – beides fleissige Käufer US-amerikanischer Kriegswaffen. Israel ist nach wie vor engster Verbündeter der USA im Nahen Osten.
Verantwortlich für all die Eskalation in diesen Tagen soll selbst-verständlich der Iran sein, der sich nicht an das Wiener Atomabkommen von 2015 halte. Nach der Meinung des US-Präsidenten werde auch weiterhin Uran angereichert um damit im atomaren Wettrüsten mitmischen zu können. Dem widersprach die Internationale Atom-energiebehörde IAEA bereits mehrfach. Sie erklärte, dass das Land die getroffenen Vereinbarungen durchaus umsetze. Zudem – so Trump – sei am Bau einer ballistischen Rakete gearbeitet worden sein, die auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden könne. Die Beweise freilich blieb Washington bislang schuldig. Hat der US-Präsident Probleme mit dem Patentieren von Rüstungsgütern? An solchen Raketen bastelt Nordkorea seit Jahrzehnten!
Trump geht es wie immer auch dieses Mal darum, dass neu verhandelt wird – selbstverständlich zum Wohlwollen der Vereinigten Staaten. Wobei es nicht wirklich förderlich ist, den Gegenüber zuvor als “Lügner” zu bezichtigen (der Iran betreibe eine Politik der Destabilisierung und unterstütze den Terrorismus wie kein anderer Staat – so die Meinung aus Washington). Ein Treiben übrigens, wie es auch private Geschäftspartnern des Präsidenten seit Jahren praktizieren (Saudi-Arabien), das scheint er vergessen zu haben. Dabei wurde aber offenbar nicht beachtet, dass das Abkommen auch von Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Russland und China unterzeichnet wurde. Also kein bilaterales, sondern ein multilaterales Abkommen.

“Er (Trump) zerstört alles, was Recht und Ordnung ist. Das, was so kleine Staaten wie Deutschland brauchen, die sich kein eigenes Militär leisten. Dann nämlich gilt, wenn es keine Rule of Law mehr gibt, das militärische Recht des Stärkeren und dann kann man auch seine Verbündeten erpressen …!”
(Josef Braml, Politikwissenschaftler & US-Experte im SWR 1 Leute-Gespräch)

Der US-Präsident kann alsdann die anderen Staaten nicht dazu zwingen, sich den Sanktionen anzuschliessen. Ergo: Er wählt einen anderen Weg: Den der Wirtschaftsdrohung – offenbar sein Fachgebiet! Einige Konzerne haben bereits reagiert und sich aus dem Iran zurückgezogen (Peugeot, Siemens, Daimler, Total, Würth und die österreichische Oberbank).
Im Iran heisst es, dass die USA dadurch das Land wirtschaftlich in die Knie zwingen und einen Regierungswechsel in Teheran bezwecken will. Das Land hat sich deshalb bereits vor einigen Jahren neu orientiert. Die Wirtschaftsbeziehungen zu China und Indien wurden intensiviert, Europa als neuer Markt erschlossen. Der US-Dollar wurde als internationales Zahlungsmittel in Teheran abgeschafft – die Wirtschaft orientiert sich vornehmlich am Euro. Auch wenn immer wieder die Kryptowährung “Bitcoins” in diesem Zusammenhang erwähnt wird, so kann keine Volkswirtschaft daran aufgebaut werden, da die Schwankungen der virtuellen Währung einfach zu rasch und zu extensiv vonstatten gehen. Die erste Massnahme nach dem erneuten Inkrafttreten der US-Sanktionen war übrigens das Abschalten der Transponder aller iranischer Öltanker. Diese zeigen ansonsten den aktuellen Standort der Schiffe. Das ist jetzt nurmehr über Satellitenbilder manuell überprüfbar.
Wie bei jedem Trump’schen Alleingang sind die Verbündeten in Europa ganz und gar nicht mit dieser Entscheidung einverstanden. Die wirtschaftlichen Beziehungen mit Teheran kamen gerade wieder in’s Laufen, die dortige Regierung öffnete sich auch politisch immer mehr. Dann schiebt ein feinmotorisch und diplomatisch nicht wirklich versierter Politiker in einem Anfall von Grössenwahn erneut einen Riegel vor. Handelsverträge in Milliardenhöhe mussten gecancelt werden, da die wirtschaftliche Bedeutung im Warenverkehr mit den USA dennoch schwergewichtiger punktet. Und das, obgleich der Iran nach den jahrzehntelangen Wirtschaftssanktionen ein unglaubliches Wachstums-potential vorzuweisen hätte. Nach Berechnungen des National Iranian American Councils haben die USA aufgrund der Wirtschaftssanktionen seit 1995 auf nicht weniger als 135 Milliarden US-Dollar verzichtet. Das bleibt jetzt wohl oder übel erneut den Chinesen überlassen. Ihnen übrigens gesteht es der US-Präsident ein, auch weiterhin iranischen Öl importieren zu können. Gleiches gilt übrigens für Indien, Südkorea und die Türkei. Durchaus gnädig, diese Entscheidung!

“Das wirft ein dramatisches Bild auf die respektlose Sichtweise des Weißen Hauses auf die transatlantische Partnerschaft!”

(Omid Nouripour, aussenpolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen – selbst 1975 in Teheran geboren)

Vor dem Aufkündigen des Atomvertrages durch Trump exportierte der Iran noch rund 3,8 Millionen Barrel Erdöl täglich – jetzt sind es nach Aussage von US-Außenminister Mike Pompeo um eine Million Barrel pro Tag weniger.
Den Chinesen ist das Treiben des US-Präsidenten inzwischen komplett gleichgültig. Selbst mit Sanktionen belegt, zählen sie zu den grössten Abnehmern des iranischen Erdöls. Hier könnte man einen Zusammen-hang herstellen, um das bisherige Agieren des America-First-Mannes zu rechtfertigen: Je weniger Erdöl am Markt verfügbar ist, desto mehr lohnt sich wieder das amerikanische Fracking, das nahezu komplett zum Erliegen kam, nachdem der Ölpreis in den Keller fiel. Klar – aufgrund der extensiven Förderung ebenfalls selbstverschuldet. Nordamerika schwimmt inzwischen auf einem See aus giftigen Chemikalien, die erwarteten neuen Städte rund um die Förderstellen gleichen verlassenen Geisterstädten. Dennoch ist die Öllobby eine in den USA sehr mächtige Lobby, die sich nun alternativ dazu die Arktis in’s Auge gefasst hat. Doch ier entstehen bei der Förderung erhebliche Kosten. Nur ein höherer Ölpreis würde dies somit rechtfertigen.
In Europa wird inzwischen fleissig an der Zweckgemeinschaft “Special Purpuse Vehicle” (SPV) gebastelt. Wenn sich die Banken aus Angst um ihr Amerika-Geschäft weigern, den Geldtransfer durchzuführen, könnte man ja zum alten Tauschgeschäft zurückkehren. So – angenommen – bezieht Deutschland iranisches Öl und begleicht die Rechnung mit dringend benötigten Arzneimittel! Ein Armutsgeständnis, dass ganze Volks-wirtschaften dermassen von Banken und dem Willen eines Mannes jenseits der grossen Teichs abhängig sind. Die Welt wäre gut beraten, andere Partner zu suchen als jene, die sich abschotten und stets nur einseitig verhandeln wollen. Schliesslich unterscheiden sich die USA in ihrer wirtschaftlichen und politischen Verlässlichkeit partout nicht mehr von den Staaten im Nahen Osten.

Lesetipps:

.) Die Iran-Sanktionen der USA während der Teheraner Geiselaffäre aus völkerrechtlicher Sicht ; Michael Hakenberg; Peter Lang 1988
.) Der Iran – Die verschleierte Hochkultur; Andrea Claudia von Hoffmann; Diederichs Eugen 2009
.) Political Handbook of the World 2015; Hrsg.: Tom Lansford; SAGE Publications Inc. 2015
.) The Iran-United States Claims Tribunal: Its Contribution to the Law of State Responsibility; Hrsg.: Richard Lillich/Daniel B. Magraw/David Bederman; Brill – Nijhoff 1998
.) Iran – United States Relations; Alphascript Publishing 2010
.) Iran foreign policy towards India; Maryam Pouya; LAP Lambert Academic Publishing; 2013
.) Modern Iran: Roots and Results of Revolution; Nikki Keddie; Yale University Press 2003
.) Géopolitique de l’Iran; Bernard Hourcade; Armand Colin 2010
.) The Arab World and Iran – A Turbulent Region in Transition; Amin Saikal; Selbstpublikation 2016

Links:

- www.state.gov
- ir.usembassy.gov
- www.census.gov
- www.treasury.gov
- en.mfa.ir
- mfa.gov.il
- www.unric.org/de
- bpb.de
- tankertrackers.com
- www.educationusairan.com

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Die Stinker sind da

An dieser heutigen Stelle hätte eigentlich ein anderer Text stehen sollen. Jedoch wurde mir von Sicherheitsexperten geraten, diesen nicht zu veröffentlichen, da sich die Szene augenblicklich im Umbruch befindet und sehr hellhörig geworden ist. Deshalb habe ich mich kurzfristig umentschieden und eine wahrhaft unappetitliche Sache angepackt.

Der Klimawandel macht’s möglich, dass derzeit eine Sache ganz offen besprochen wird, die eigentlich lieber stillgeschwiegen wird: Deutschland hat ein Wanzenproblem! Nein – nicht die kleinen Technikdinger, mit denen man sich zwar einseitig, dennoch aber lebhaft unterhalten kann und dabei immer ein offenes Ohr findet. Die Rede ist von den sechsbeinigen, lebenden Insekten! Sie trotzen den monatelangen Meldungen zum Insektensterben und bevölkern derzeit zu Millionen Bäume, Terassen, Hausfassaden und sonstige Restwärme abstrahlende Orte. Experten sprechen von einem massiven Auftreten der Amerikanischen Kiefern-, der Malven- und der Grünen Stinkwanze. Die Erklärung hierfür ist ganz einfach: Wanzen lieben warme und trockene Orte. In den Ballungsräumen wird es zusehends wärmer. Hinzu kommen nahezu frostfreie Winter und wie zuletzt heisse und lange Sommer – perfekte Voraussetzungen also für grosse Populationen, die gleich zwei Generationen beinhalten. Wer nun eine Panikattacke bekommen sollte: Sie sind zwar unangenehm, jedoch für den Menschen meist nicht gefährlich!
Weltweit gibt es zirka 40.000 Arten von Wanzen. In Deutschland derer knapp 1000. Bei so manchen Exemplaren ist Vorsicht angesagt, da sie sich von Menschenblut ernähren (die Bettwanze etwa) und dadurch Krankheiten übertragen können bzw. toxische Stoffe ausscheiden. Die drei vorhin angesprochenen Arten jedoch sind Pflanzensauger. Auch hilft beim Antreffen in den heimischen vier Wänden kein mikrobiologischer Putzfimmel – Wanzen haben nichts mit mangelnder Hygiene zu tun – zumindest nicht die Pflanzensauger. Da kann sich das Zuhause nahezu steril präsentieren, ein gekipptes Fenster, eine offene Tür oder auch eine Mauernritze reichen bereits und sie sind im Haus. Dort suchen sie sich eine warme Stelle für die Übernachtung oder auch die Überwinterung. Aber: In Wohnungen vermehren sie sich nicht. Zudem sind die meisten Wanzen flugfaul – sie suchen sich deshalb das kürzeste Ziel – immer das erste geöffnete Fenster neben einem befallenen Baum.
Zur Familie der Baumwanzen gehören weltweit rund 4.000 Arten – etwa 70 davon finden sich in Mitteleuropa. Besonders unangenehm sind die Graue Gartenwanze (Rhaphigaster nebulosa) und die Grüne Stinkwanze (Palomena prasina). Damit sie sich vor Fressfeinden schützen können, sondern sie bei Gefahr oder Berührung ein streng riechendes Sekret ab, das sich zudem sehr lange auf Haut oder Kleidung halten kann. Die Gartenwanze lebt vornehmlich in der deutschen Rheinebene. Die Grüne Stinkwanze ist zumeist in Sträuchern anzutreffen, in der Oberpfalz haben sie deshalb die Bezeichnung “Schwoarzbeer Gougl” erhalten. Im Herbst färbt sich deren Panzer braun-grün: Zeit wird’s, ein Winterquartier zu suchen. Sollten Sie solche Stinkwanzen im Hause finden, verwenden Sie bitte keine Chemikalien. Es reicht das Aussprühen einer Spülmittellösung. Dies löst den Panzer der Tiere auf – sie vertrocknen von innen heraus. Auch mögen sie keinen Knoblauch. Der Stinker, die auch Gemeine Baumwanze Genannte lebt vornehmlich in Erlen und Linden und ernährt sich vom Pflanzensaft. Dabei erreicht sie eine Grösse von rund 16 Millimetern. Die Weibchen beginnen im Frühsommer mit der Eiablage an der Unterseite der Wirtspflanze. Dabei produziert ein einziges Tier insgesamt bis zu 450 Eier. Einige Tage später schlüpfen die sog. “Nymphen”. Sie werden in den nächsten Wochen fünf Stadien durchlaufen.
Besonders in der Nähe von Gewässern oder Feuchtwiesen leben die Lederwanzen (Coreus marginatus). In Europa sind rund 25 Arten bekannt. Ihr Körper ist durchgehend mittel- bis dunkelbraun, ihr Hinterleib leuchtend rot. Die Farbe ändert sich im Herbst in schwarz-braun. Die Körperoberfläche ist vernarbt, das führt zu einem lederähnlichen Erscheinungsbild. Die Tiere werden zwischen 10,5 und 16 Millimeter groß. Diese Wanzenart ist ab zirka April in Sträuchern im Garten zu finden. Zur Eiablage bevorzugt sie Ampfer- und Knöterich-Pflanzen. Aus den Eiern schlüpfen nach drei bis fünf Wochen die Larven, die bis Juli fünf Nymphen-Stadien durchlaufen. Die erwachsenen Imagos finden sich dann in Sträuchern (Brombeer) oder Stauden bzw. Disteln. Sie lieben übrigens den Saft des Rhabarbers. Die Lederwanze kann Gift versprühen – auf der menschlichen Haut hinterlässt es braune Flecken. Zur Überwinterung nutzen die Tiere Bodenstreu.
Doch finden sich nicht nur die heimischen Arten wie die Stink- oder die Gartenwanze derzeit in unseren Gärten. Aus China etwa wurde die Grüne Reiswanze (Nezara viridula), die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys) eingeschleppt, aus Nord-Amerika die rötlich-braune Amerikanische Zapfen- der Kiefernwanze (Leptoglossus occidentalis) oder auch die Malvenwanze (Oxycarenus lavaterae) aus dem Mittelmeer-raum.
Die marmorierte Baumwanze ist zwischen 12 bis 17 Millimeter gross, grau bis braun marmoriert und besitzt am Seitenrand schwarz-weiß gemusterte Flecken. Die Fressgeräte (der Mundteil) sind als Saugrüssel ausgebildet. Das macht sie auch für die heimische Landwirtschaft dermassen gefährlich: Sie kann besonders im Gemüse- und Obstanbau (Äpfel, Trauben, Gurken, Tomaten) grosse Schäden anrichten. In den USA blieb sie für rund 10 Jahre unentdeckt – derzeit richtet sie v.a. in Apfel-Plantagen Ernteausfälle von rund 30 Millionen US-Dollar an. Sie wurde vermutlich in den 90er Jahren mit Baumaterial aus Ostasien in die Schweiz gebracht. Insektenforscher entdeckten sie erstmals 2004 in Liechtenstein – inzwischen wandert sie den Rheingraben hinauf. Durch den Klimawandel finden die Tiere nun auch in Europa hervorragende Lebensvoraussetzungen und zudem nach diesem Fruchtjahr auch jede Menge Nahrung. Manches Mal bringen derartige Schädlinge auch gleich ihre Fressfeinde mit. Nicht so die Marmorierte Baumwanze, da sie keine natürlichen Feinde hat. In Wien sorgte sie bereits 2016 für ziemliches Aufregen, da sie massenweise auftrat.
Die Amerikanische Kiefernwanze gelangte erstmals 1999 in Norditalien in das Visier der Entomologen. Möglicherweise wurde sie auf Weihnachts-bäumen, Saatgut oder ebenfalls Baumaterial eingeschleppt. Auch sie hat sich inzwischen auf weite Teile Europas ausgebreitet. Ihre Grösse liegt bei 15 bis 20 Millimeter, die Körperoberseite ist rötlich-braun bis schwarz, in der Mitte der Vorderflügel befindet sich ein auffallendes weißes Zick-Zack-Muster. Das Weibchen legt Ende Mai/Anfang Juni rund 80 Eier ab, davon werden jedoch nur zirka 10 % zu erwachsenen Tieren – die anderen werden von sog. “Eiparasitoiden” wie der Erzwespe befallen. Nach 10 bis 14 Tagen schlüpfen die Nymphen. Nur in Mexiko bzw. in Norditalien können bis zu drei Generationen vorkommen, bei uns nur eine pro Jahr. Diese Wanzen sind ausgezeichneten Flieger – ihr Flugton erinnert etwas an den Flug von Hummeln. Die Besiedelung der britischen Südküste soll beispielsweise durch Tiere aus Frankreich erfolgt sein, die mal eben über den Ärmelkanal geflogen sind. Als Nahrungsquelle bevorzugen sie Kiefern, Douglasien, Weiß-Fichten oder auch Koniferen. Dort saugen sie aus den Zapfen das wasserspeichernde Gewebe ab – später dann auch aus den Samen. Nach fünf Nymphenstadien häuten sie sich im August zur Imago und überwintern in dieser Form. Während die Kiefernwanzen in den USA grosse Schäden vor allem in den Samenschulen anrichten, spielen sie hierzulande nahezu keine Rolle. Wittern sie Gefahr, sondern auch sie ein Sekret ab, das jedoch nach Kiefern-Nadeln bzw. Äpfeln riecht. Für den Menschen ist auch diese Wanzenart völlig ungefährlich. Dennoch sollten sie diese Wanzen aus dem Haus bringen – sie überwintern teils auch gerne in Dachböden – da abgestorbene Tiere zur Nahrung einiger Käfer-Arten gehören.
Die Malvenwanze bevorzugt eigentlich den Raum rund um das Mittelmeer, seit Mitte der 90er Jahre hat sie ihren Zug auch in das restliche Europa angetreten. Bekannt sind rund 50 Arten. Das auch als “Lindenwanze” bekannte Insekt tritt zwar regional teils massiv auf, hat sich aber noch nicht derart weit verbreitet wie die beiden zuvor besprochenen Arten. Die Weibchen werden zirka 5,5 bis 6 Millimeter groß, die Männchen sind etwas kleiner. Während der Kopf schwarz ist, kann diese Wanze an ihrem ansonsten überwiegend roten Körper erkannt werden. Die Malvenwanze liebt Strauchpappeln, Hibiscus und natürlich Malven. Erst im Herbst sammeln sich die Tiere an Linden zu Kolonien um zu überwintern.
Bei der Bekämpfung ist es am besten, man fängt sie mit einem Glas oder Becher ein und befördert sie wieder in’s Freie. Begehen Sie bitte niemals den Fehler, eine Stink-Wanze zu zerquetschen oder zu zertreten. Dabei sondert sie ein sog. “Aggregationspheromon” ab, das für andere Artgenossen als Lockstoff dient. Sie werden alsdann noch mehr dieser Tierchen im Haus vorfinden. Auch gegen die Kiefernwanze hilft nur die Chemiekeule, die jedoch auch den Menschen gefährden kann. Kehrt vor der Tür der Winter ein, löst die Natur dieses Problem von alleine.
In Parkanlagen oder Wäldern unternehmen viele Kommunen nichts gegen die Wanzen. Einerseits schaden die Baumwanzen ihren Wirtspflanzen nicht, andererseits findet das massenweise Auftreten grundsätzlich nur für zwei bis drei Wochen im Jahr statt. Viele wollen deshalb keine möglicherweise auch für andere Tiere oder gar dem Menschen schädliche Chemikalien ausbringen.
Für die meisten Wanzenarten ist hierzulande die Schlupfwespe der einzige wirkliche Feind.

Lesetipps

.) Illustrierte Bestimmungstabellen der Wanzen.Europa; Wolfgang Stichel; Selbstverlag 1962
.) Wanzen beobachten – kennenlernen; Ekkehard Wachmann; J. Neumann-Neudamm 1989
.) Wanzen und Zikaden; Frieder Sauer; Fauna-Verlag 1996
.) Wasserwanzen; K. H. C. Jordan; Die Neue Brehm-Bücherei 1950
.) Insekten – Käfer, Libellen und andere; Siegfried Rietschel; BLV Verlagsgesellschaft 2002
.) The semiaquatic bugs (Hemiptera, Gerromorpha). Phylogeny, adaptations, biogeography and classification. (Entomonograph, Vol. 3); N. M. Andersen; Scandinavian Science Press 1982
.) Garden insects of North America: the ultimate guide to backyard bugs; Whitney Cranshaw; Princeton University Press 2004

Links:

wanzen-nrw.de
koleopterologie.de
www.schaedlingskunde.de
www.bvl.bund.de
www.uibk.ac.at/natmedverein/
naturwissenschaften.ch/organisations/seg
naturschutzbund.at
www.lbv.de
www.wsl.ch
www.julius-kuehn.de
www.hortipendium.de
www.ltz-bw.de
www.provinz.bz.it/de
ento.psu.edu

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Afghanistan – geschunden und erniedrigt

Es sind harte, aber stolze Leute – die Menschen vom Hindukusch. Anders hätten sie wohl eine solche Geschichte nicht überstanden. Vergangene Woche haben sie nun gewählt. Für viele vielleicht ein letzter Hoffnungsschimmer! Stundenlang haben sie sich an den Wahllokalen angestellt – viele haben dies mit ihrem Leben bezahlt. Immer wieder schlugen Mörsergranaten oder Raketen der Taliban ein. Andere sind ohne Kreuz zu setzen wieder nach Hause gegangen, da das Wahllokal erst gar nicht öffnete – die Wahlhelfer fürchteten um ihr Leben. In der Region Baghlan bildeten Frauen und Männer eine Menschenkette, damit kein Selbstmordattentäter zu den insgesamt sechs Wahllokalen vordringen konnte. Insgesamt haben sich 8,9 Millionen Menschen von 17 Millionen registiert und waren somit wahlberechtigt.
In der Reihe der Armenhäuser dieser Welt haben wir bereits zwei Kontinente besucht – kommen wir damit zum dritten: Asien! Kaum ein anderes Volk ist dermassen geschunden und unterjocht worden wie die Afghanen. Und ein Ende der Gewalt ist noch lange nicht in Sicht. Um all das besser verstehen zu können, gibt’s heute weniger Zahlen, dafür aber mehr Information.
Zwei Tage vor dem Beginn der Parlamentswahlen wurden bei einem Anschlag der radikal-islamischen Taliban auf einen Sicherheitsgipfel in Kandahar, im Süden des Landes, zwei Menschen getötet. Einerseits der Polizeichef der Provinz, General Abdul Rasik Atschiksai. Ein durchaus umstrittener Mann, der vor allem immer wieder von Menschenrechtlern scharf kritisiert wurde. Aber auch die UNO forderte die Aufnahme von Ermittlungen gegen ihn wegen Drogenhandels, Korruption, Folter, Mord etc. Doch ging er unerbittlich gegen die Taliban vor – das brachte ihm sehr viele Plus-Punkte bei den US-Truppen. Ebenfalls um’s Leben kam der Geheimdienstchef der Region, Abdul Momin. Der Terrorist, ein Elitesoldat und Leibwächter des Gouverneurs, hatte plötzlich in der Residenz seines Chefs das Feuer eröffnet. Dort traf sich der Kommandant der ausländischen Truppen, US-General Scott Austin Miller, mit den ranghöchsten Sicherheitsvertretern des Landes. Der Gouverneur wurde ebenso wie zwei amerikanische Soldaten verletzt, der US-General blieb unverletzt.
Die Wahlkommission wollte daraufhin die anstehenden Wahlen landesweit verschieben. Das allerdings lehnte der Nationale Sicherheitsrat ab – es stelle einen Rückschlag bei der Demokratisierung des Landes dar. Schliesslich hätten sie bereits vor drei Jahren abgehalten werden sollen, wurden jedoch immer wieder verschoben. Ausserdem findet Ende November in Genf eine grosse Geberkonferenz statt – hier muss auf-gezeigt werden, daß das Land sehr wohl auf dem richtigen Weg in Richtung Demokratie unterwegs ist. Nun fanden die Wahlen in der Region Kandahar eine Woche später statt. Da die Auszählung ohnedies rund zwei Wochen dauern wird, kam es auch zu keiner Beeinflussung durch vorläufige Auszählungsergebnisse. In der Provinz Ghasni musste der Urnengang allerdings wegen Sicherheitsbedenken ganz abgesagt werden.
Die Taliban hatten schon im Vorfeld damit gedroht, den Urnengang mit Gewalt zu verhindern und die Bevölkerung zum Boykott aufgerufen. Sie haben grosses Interesse daran, die vom Westen unterstützte Regierung zu Fall zu bringen. Möglicherweise allerdings auch, da künftig 68 Frauen dem “Haus des Volkes” angehören sollen. Ein absolutes No Go für die Taliban. Dementsprechend bezeichnen sie diesen Stimmgang als “amerikanische Verschwörung”. Die Wahlen sollen zudem in Anbetracht der nächstjährigen Präsidentschaftswahlen aufzeigen, ob die Wahler geschützt werden können bzw. was noch zusätzlich bis dahin auf Schiene gebracht werden muss. Doch sowohl antretende Kandidaten als auch Vertreter der Wahlkommssionen bzw. andere an der Wahl beteiligte Menschen konnten nicht geschützt werden. Sie bezahlten ihren Mut oder auch ihren Job mit dem Leben. Nach offiziellen UNO-Angaben waren es bislang über 130 Zivilisten – mehr als 250 wurden verletzt. Und dies, obwohl rund 70.000 Sicherheitskräfte am Wahltag im Einsatz standen.
Der Staat “Afghanistan” entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert. Er war als Pufferzone zwischen Persien, British Indien und Russland (“Great Game”) ein Zankapfel im Kampf um die Vorherrschaft in Zentralasien. Die Briten bissen sich in zwei anglo-afghanischen Kriegen die Zähne aus und zogen sich frustriert zurück. Allerdings setzten sie noch Abdur Rahman als Regenten in Kabul ein. Dieser unterjochte alle anderen Stämme während sehr brutaler Kriege. Erst mit dem Ende des dritten anglo-afghanischen Krieges erlangte das Land 1919 seine Unabhängigkeit. Der Enkel Rahmans, Amanullah, versuchte einen Staatsaufbau nach west-lichem Vorbild. Allerdings scheiterte er an den traditionellen Machthabern und musste in’s Asyl nach Italien flüchten. Immer wieder prallten in weiterer Folge die verschiedenen Stämme aufeinander – von einem Demokratisierungsprozess wie bei vielen ehemaligen Kolonialstaaten (zumindest zu Beginn der Unabhängigkeit) konnte somit keine Rede sein.
Am 27. April 1978 putschte schliesslich die kommunistische Demo-kratische Volkspartei Afghanistan (DVPA) und errichtete eine blutige Parteien-Doktatur, bei der Reformen radikal umgesetzt werden mussten. Das aber führte zu tiefen Gräben zwischen der Stadt- und der traditionellen Landbevölkerung. Eine Zahl für den besseren Einblick: Rund 80 % der Bevölkerung leben ausserhalb der Städte. In allen Teilen des Landes kam es zu Aufständen. Bei internen Machtkämpfen liess schliesslich Hafizullah Amin den Präsidenten Mohammad Taraki ermorden und ernannte sich selbst zum Präsidenten.
Die UdSSR besetzten zu Weihnachten 1979 den Nachbarstaat um eine Gefahrenquelle auszuschalten und den eigenen Macht- und Einfluss-bereich in der Region zu wahren. Ein Satellitenstaat sollte geschaffen werden – mit Fortschritt und v.a. dem Sozialismus. Ab sofort prallten der Islam und der Kommunismus aufeinander. Der Jihad wurde ausgerufen. Mit Waffenlieferungen unterstützten die USA und Saudi Arabien den Widerstand, Pakistan organisierte ihn. Obgleich militärisch haushoch überlegen, konnten die Sowjets die Lage nicht in den Griff bekommen. Ihre Truppen mussten eingestehen, dass ihre über zehnjährige Besetzung des Landes im Desaster endete und keinerlei Besserungen brachte. Der Truppenabzug erfolgte in den Jahren 1988/89.
Präsident Najibullah konnte sich noch bis 1992 halten – als Russland die Waffenlieferungen aussetzte, wurde er durch die Mujahidin gestürzt. Es folgten Kämpfe unter den Stämmen, die das Land zerrütteten.
1994 griffen die radikal-islamischen Taliban in die Auseinander-setzungen ein und erzielten rasch grosse Gebietsgewinne. Nach Angaben der Vereinten Nationen sollen sie dabei systematische Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet haben. 1995 schliesslich wurde von ihnen das in Trümmern liegende Kabul eingenommen. Sie wollten einen islamischen Gottesstaat errichten und arbeiteten zu diesem Zweck eng mit der Terrororganisation Al-Quaida von Osama Bin Laden zusammen.
Vor 17 Jahren, am 07. Oktober 2001, intervenierten amerikanische und britische Truppen und vertrieben das Taliban-Regime. Anlass dafür waren die 9/11-Anschläge in den USA. Zahlreiche andere Staaten schlossen sich der “Nordallianz” der afghanischen Stammesfürsten und Parteien an, die sich zuvor erbittert bekämpft hatten. Das Ziel zumindest des Westens: Die Zerschlagung der Al-Quaida, die sich zu den Anschlägen bekannt hatte.
Rund 20.000 ausländische Soldaten sind dort nach wie vor aktiv stationiert (zeitweilig waren es sogar 130.000) – auch deutsche Truppen, die jedoch vornehmlich für den Nachschub bzw. die Ausbildung örtlicher Soldaten oder Polizisten zuständig sind (ehemals 3.500 Soldaten – das drittstärkste Kontingent, aktuell rund 1.200). Doch werden auch sie immer wieder in Kampfhandlungen verwickelt. 30 % des Landes gelten offiziell als umkämpft. Mehr als 40 Staaten haben beim Wiederaufbau des Landes geholfen – wenn nicht militärisch, so doch zivil: Vornehmlich bei der Infrastruktur, dem Schulsystem, der medizinischen Grundversorgung etc. Trotz der Einsicht, dass auch ihr Einsatz nichts einbrachte, können sie das Land nicht einfach – wie damals die Russen – seinem Schicksal überlassen. Ein erneuter sehr blutiger Bürgerkrieg wäre wohl die Folge.
Doch weder die Sowjetunion noch die NATO verloren den Krieg militärisch – schliesslich sind beide vom Gerät und der Mannstärke den Taliban haushoch überlegen. Es war in beiden Fällen das Verständnis des Charakters der Bevölkerung und die zugrundeliegende Strategie: Zuerst wurde der Gegner zurückgeschlagen. Der wechselte in die Guerillataktik und setzte Terroranschläge sowie vereinzelte kleinere Offensiven. Die ausländischen Truppen antworteten mit der Aufstandsbekämpfung. Die eigentlichen, internen Probleme jedoch blieben stets ungelöst. So wurden die verhandlungsbereiten, moderaten Kräfte der Taliban nicht mehr in die Verhandlungen einbezogen. Zudem gab es plötzlich viele private Akteure, die die offiziellen Auseinandersetzungen nutzten, um selbst mächtig zu werden: Warlords, Kommandeure, Drogenbosse und sonstige Geldmacher agieren nicht mehr nur im Hintergrund, sondern ganz offiziell. Einmal für die Taliban, meist jedoch für die vom Westen unterstützte Regierung. Offenbar war auch der ermordete Abdul Rasik Atschiksai ein solcher. Den Ausländern ist dies meist gleichgültig, solange ihnen die Taliban vom Halse gehalten werden. Die Bevölkerung aber kommt dadurch vom Regen in die Traufe.
Apropos: Wasser und Opium – das sind die wahren Schätze des Landes. Wer darüber verfügt, hat schon mal vieles gewonnen. Hierum streiten Stämme und Bevölkerungsgruppen schon seit Jahrhunderten. Manche wurden und werden von den ausländischen Besetzern bezahlt und somit im Krieg gegen die Taliban instrumentalisiert: Sie bekämpfen alsdann umso heftiger die Konkurrenten. Oftmals suchen ihre Gegner (ohne Regierungsgnaden) Hilfe bei den Taliban, wenn sie befürchten müssen, dass die ausländischen Truppen oder Drogenbosse (mit Staatsgewalt und den Waffen des Westens) ihre Mohnfelder zerstören. Und dies obwohl die Taliban während ihrer Herrschaft den Drogenanbau verboten hatten. Damit gibt es nicht nur einen Kriegsschauplatz, auf dem beide Kriegsseiten aufeinandertreffen, sondern viele kleine, die eigentlich überhaupt nichts mit einer Demokratisierung des Landes zu tun haben – ganz im Gegenteil. Viele der Warlords sind durch den Westen erst so richtig mächtig geworden. Ihre Vertrauensleute sitzen in der Verwaltung, der Regierung und auf vielen anderen sehr wichtigen Positionen. Diesen Krieg können weder die ausländischen Truppen, noch das normale Volk gewinnen.
Die auf der Bonner Afghanistan-Konferenz beschlossene “Dekade der Transformation” bis 2024 wird wohl als Wunschvorstellung zu den Akten gelegt werden müssen. Sobald die Militärs, Geld- und Waffengeber das Land verlassen haben, werden sich die dortigen Mächtigen gegenseitig die Schädel einschlagen. Genau das führte 1989 unter Präsident Najibullah zum Bürgerkrieg. Lachende Dritte werden die Taliban sein. Wen werden sie dann wohl auf der Beton-Plattform für die Verkehrs-polizisten vor dem Präsidentenpalast aufhängen und öffentlich zur Schau stellen?
Die Taliban sind in letzter Zeit wieder stärker aufgetreten. Erst im August besetzten sie die Stadt Ghasni, rund 100 km nördlich der Hauptstadt Kabul. Unterstützt werden sie dabei vornehmlich aus Pakistan – zudem soll nach einem Bericht der Deutschen Welle auch Russland mitmischen, das sich dadurch eine stärkere Position für die Friedensverhandlungen erwartet. Ausserdem halten sich nach Schätzungen rund 3.000 Kämpfer der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) im Land auf – zumeist unerkannt.
Wie könnte nun aber tatsächlich eine Lösung aussehen? Experten haben hierzu mehrere Szenarien aufgestellt:
.) Best Case-Szenario
Bei der Bildung einer Allparteien-Regierung der “nationalen Einheit” setzen sich alle an einen runden Tisch, Regierung, Stämme, ethnische Gruppen, Drogenbosse, Taliban, und beraten über ein neues Afghanistan. Obgleich eine solche Regierung die legitimste und beste wäre, ist sie höchst unwahrscheinlich: Die einzelnen Interessen liegen zu weit auseinander. Dennoch könnten Spielregeln dafür sorgen, die aus den bewaffneten Konflikten vorerst politische machen würden, die dann ausverhandelt werden könnten.
.) Status Quo-Szenario
Mit der weiteren Unterstützung des Westens wird eine auch sicherheitspolitisch eigenständig agierende Regierung aufgebaut, die den bewaffneten Aufständischen kräftemässig überlegen ist, sodass diese in eine politische Lösung einlenken müssen, da sie dauerhaft unterlegen sein werden. Aufgrund der derzeitigen Machtverhältnisse in der Politik und Wirtschaft und damit der unterschiedlichen Interessen der Streitparteien erscheint auch diese Lösung als eher unwahrscheinlich.
.) Das Teilungsszenario
Die ausländischen Truppen ziehen sich komplett aus dem Süden und Osten des Landes zurück um dafür im Norden und Westen staatliche und demokratische Strukturen aufzubauen. Auf der anderen Seite würde ein paschtunischer Staat entstehen. Keine wirklich gute Lösung für den Nachbarstaat Pakistan. Hier leben wesentlich mehr Paschtunen als in Afghanistan. Sie würden sich höchstwahrscheinlich ebenfalls unabhängig erklären wollen. Ein solches Szenario kennen wir aus dem nahen Osten mit einem Kurdenstaat, der Teile des Irak, Syriens und auch der Türkei betreffen würde. Dagegen geht der türkische Staats- und Minister-präsident Erdogan mit aller Härte vor. Unter Verletzung des Völkerrechts. Ähnlich würde wohl auch Pakistan handeln. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass Pakistan Atommacht ist.
.) Worst Case-Szenario
Nach dem Abzug der ausländischen Truppen keimt erneut ein sehr blutiger Bürgerkrieg auf, da wohl alle gegenüberstehenden Fronten auf Rache sinnen und sich gleichzeitig das grösst-mögliche Gebiet aneignen wollen.
Die Ereignisse im Irak, Libyen und höchstwahrscheinlich auch Syrien lassen erkennen, dass wohl letzteres vonstatten gehen wird. Ist es jedoch völkerrechtlich vertretbar, in einen schwelenden Konflikt militärisch einzugreifen um einige Jahre später erneut das Land seinem Schicksal zu überlassen? Vor diesem Hintergrund ist auch die hohe Anzahl von afghanischen Flüchtlingen zu verstehen. Gerade die jungen Männer sind im Krieg mit der Lebensphilosophie aufgewachsen, schneller als der Gegenüber zu sein. Viele wollen nicht eingezogen werden um auf einer der beiden Seiten kämpfen zu müssen. Die Alternative: Tod durch Enthauptung! Gleichzeitig wird die organisierte Kriminalität von beiden Seiten nahezu verstaatlicht um mit dem Geld aus dem Drogenverkauf weitere Waffen aufkaufen zu können. Ob mit Zukunft oder ohne ist den Drogenbossen gleichgültig – an erster Stelle steht das eigene Wohl!
Viele Mullahs und Imame sprechen sich inzwischen gegen die Gewalt durch Selbstmordattentate aus und verurteilen diese als “Unislamisch” (der Imam der Zentralmoschee von Herat, Hebatullah Fazeli). Wenn auch nicht offiziell und laut, da viele ihrer Kollegen von den Hasspredigern zum Abschuss freigegeben wurden und dies mit ihrem Leben bezahlen mussten. Fazeli selbst wurde danach ebenso Opfer eines Selbst-mordanschlages. Er überlebte diesen zwar, verlor aber ein Bein. Auch hierzu einige Zahlen: Im Jahr 2017 starben nach offiiellen Angaben der United Nations Assistance Mission to Afghanistan (UNAMA) 3.438 Menschen bei Kampfhandlungen, weitere 7.015 wurden verletzt. Insbesondere die Zahl der Kinder als Gewaltopfer ist mit 3.179 besonders erschreckend. Heuer waren zwischen Januar und Juni bereits 1.700 zivile Opfer zu beklagen.
Experten bezeichnen Afghanistan gerne als “Rentierstaat”, bei dem die meisten Einkünfte von anderen Staaten wie den USA oder der damaligen Sowjetunion stammen. Seit 1950 etwa kommen 40 % der Staatsein-nahmen von ausserhalb des Landes – vieles davon sind Entwicklungs-gelder. Das wird wohl auch in Zukunft so bleiben.
Ich bin zwar nur ein winzig kleines Zahnrädchen im Weltengefüge! Doch gestatten Sie mir zum Schluss einen Gedanken: Würde die Staaten-gemeinschaft geschlossen gegen den Drogenhandel ankämpfen, wäre nicht nur ein grosser Schlag gegen die organisierte Kriminalität möglich! Schliesslich stammen 75 bis 95 % des weltweiten Rohopiums aus dem Land am Hindukusch. Somit würden viele deutsche, österreichische und schweizerische Söhne und Töchter nicht durch einen goldenen Schuss mit afghanischem Heroin sterben! Vielleicht käme es sogar zu einer Lösung des Konfliktes in Afghanistan und zu einem Ende des Flüchtlingsstromes von dort (in Österreich wurden 2017 noch 3.781 Asylanträge afghanischer Staatsbürger eingereicht – die Abschiebequote liegt bei etwa 20 %). Es sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass viele der Kinder und Jugendlichen gar nicht aus Afghanistan kommen. Ihre Eltern sind von dort nach Pakistan (1,8 Millionen afghanische Flüchtlinge) oder in den Iran geflohen. Sie haben also bei einer Abschiebung weder Verwandte noch Bekannte in Afghanistan.

Lesetipps:

.) Der Krieg, der niemals endet; Carsten Jensen/Anders Hammer
.) Afghanistan. Sozialer Wandel und Staat im 20. Jahrhundert; Jan-Heeren Grevemeyer; Vwb-Verlag 1990
.) In Afghanistan; Peter Schwittek; Vdf Hochschulverlag 2011
.) Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival; Amin Saikal; I. B. Tauris & Co Ltd. 2006
.) Afghanistan in the Balance: Counterinsurgency, Comprehensive Approach and Political Order; Hrsg.: Hans-Georg Ehrhart/ Sven Gareis / Charles Pentland; McGill-Queens University Press 2012
.) Afghanistan. A Cultural and Political History; Thomas Barfield; Princeton University Press 2012
.) Descent into Chaos: the United States and the Failure of Nation Building in Afghanistan; Ahmed Rashid; Viking 2008
.) Revolution Unending – Afghanistan: 1979 to the Present; Gilles Dorronsoro; C Hurst & Co Publishers 2000
.) The Taliban Revival – Violence and Extremism on the Pakistan-Afghanistan Frontier; Hassan Abbas; Yale University Press 2014
.) The Taliban Phenomenon, Afghanistan 1994–1997; Kamal Matinuddin; Oxford University Press 1999
.) Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001; Steve Coll; Penguin Press HC 2004
.) Afghanistan – A Country Without a State?; Hrsg.: Christine Noelle-Karimi/Conrad Schetter/Reinhard Schlagintweit; IKO 2002
.) Kleine Geschichte Afghanistans; Conrad Schetter; Beck Verlag 2011

Links:

- www.mfa.gov.af/
- www.afghan-web.com/
- unama.unmissions.org
- www.nato.int/
- www.afghanistan-analysts.org
- areu.org.af
- www.auswaertiges-amt.de
- www.bpb.de/
- www.bicc.de
- www.hsfk.de
- www.politische-bildung.de
- www.ag-friedensforschung.de
- inef.uni-due.de
- www.swp-berlin.org
- www.sigar.mil/
- www.crisisgroup.org
- www.hrw.org/de
- www.kas.de
- www.fes.de
- suedasien.info
- www.savethechildren.de/

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Hope for Dope

Während in unseren Gefilden noch eine heftige Diskussion läuft, hat Kanada in diesen Tagen, als erste Industrienation überhaupt, Marihuana zu Genusszwecken freigegeben. Bislang galt auch am Ontario die Straffreiheit nur dann, wenn das Tütchen zu medizinischen Zwecken verwendet wurde. Seit dieser Woche ist die Produktion, der Verkauf und auch der Besitz von Cannabis im zweitgrössten Land dieser Erde erlaubt. Landesweit war es bislang nur in Uruguay und Südafrika genehmigt – in den USA gilt dies vorerst nur für neun Bundesstaaten – letzten Gerüchten aus dem Oval-Office zu glauben, räumt aber Herr Trump zumindest Diskussionsbereitschaft ein. Alle anderen UN-Mitgliedsstaaten bezogen sich auf ein internationales Abkommen aus dem Jahr 1961, das Cannabis auf eine Stufe mit harten Drogen wie den Opioiden stellte und verboten hatte. Ein Umstand, den bereits die Genfer Opium-Konvention 1924 vertrat. Hierauf baute sich das Verbot des Cannabis-Konsums und -Besitzes in Deutschland und Österreich ab 1929 auf. Hintergrund ist aber ein gänzlichst anderer: Der US-Minister Harry Anslinger führte in den 1920ern in den USA die Prohibition (Alkoholverbot) ein. Sie führte zum Aufblühen des organisierten Verbrechens und dem Aufstieg Al Capones. Als sie nicht zuletzt deshalb wieder abgeschafft wurde, hatte das Ministerium von Anslinger seine Existenzberechtigung verloren. Zu diesem Zeitpunkt erschlug ein Jugendlicher in Florida mit einer Axt seine komplette Familie. Er soll angeblich im Marihuana-Rausch gestanden sein. Anslinger sah plötzlich wieder eine Möglichkeit, sein Ministerium retten zu können und verbot Cannabis. Dies obgleich 29 von 30 Experten den Stoff für unbedenklich einstuften. Hier hakten sich viele Staaten ein. Anslinger setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin für ein weltweites Verbot von Cannabis ein. Mit Erfolg: Das Resultat war das vorhin angesprochene UN-Abkommen von 1961.
Keine zweite Diskussion entzweit derzeit derart die Gemüter. Während Experten davor warnen, dass Cannabis nur eine Einstiegsdroge ist, die den Weg zu weiteren ebnet und dabei tiefgreifende Spuren in unserem Gehirn hinterlässt, meinen die Befürworter, dass Alkohol und Nikotin ebenfalls zu den Suchtmitteln gehören und der Markt endlich entkriminalisiert werden muss, damit der Handel damit überprüft werden kann. Und schliesslich ist es ein durchaus lukratives Zubrot für den Staatssäckel. So erwerben die kanadischen Provinzen die komplette Ernte und verkaufen sie an die genehmigten Stellen oder in eigenen Shops direkt an den Konsumenten. Gleiches gilt auch für den Online-Handel. Insgesamt wird mit einem Verkaufsvolumen von 5,7 Milliarden kanadischen Dollar gerechnet – jährlich. Pro Gramm kassiert Vater Staat mindestens einen Dollar an Steuern plus der Mehrwertsteuer, die in den Provinzen unterschiedlich hoch ist. 400 Millionen kanadische Dollar werden als Steuereinnahmen vorausberechnet. Vor insgesamt 100 Verkaufsstellen gab es diese Woche lange Warteschlangen, in manchen Regionen wird sogar ein Lieferengpass gemeldet. Ein Gramm kostet rund 10 kanadische Dollar – bis zu 30 Gramm darf ein Erwachsener besitzen. Die Regierung hat insgesamt 120 Lizenzen für den Anbau vergeben. Der private Anbau war bislang nur zu medizinischen Zwecken mit Genehmigung erlaubt. Die Verkaufszahlen werden jedoch schon sehr bald weiterhin steigen! Auch die Börse hat inzwischen reagiert: Die Aktien entsprechender Unternehmen schossen in den Himmel. Ein Land im Drogenrausch??? Mitnichten – schliesslich kann jede Provinz selbst über die Art und Weise entscheiden. So haben einige bereits die Altersgrenze von 19 Jahren eingeführt – landesweit gilt 18. Zudem sind Nahrungs-mittel und Getränke mit Cannabis-Zusatz vorerst noch verboten. Daneben darf jeder legal max. vier Marihuana-Pflanzen besitzen. Mehr sind ohne Genehmigung nach wie vor strafbar.
Hanf war auch bei uns lange Zeit eine extrem wichtige, da multifunktional zu verwertende Pflanze, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg verboten wurde. Mehr dazu lesen Sie im entsprechenden Blog auf dieser Seite. Das Gesetz unterscheidet allerdings in Deutschland und Österreich zwischen zwei verschiedenen Arten: Hanf mit einem nennenswerten THC-Anteil und Hanfpflanzen ohne diesen bzw. mit einem Gehalt unter dem Grenz-wert. Aus der Trennung der Blüten von ersterer Pflanze wird Cannabis, aus dem Harz Haschisch gewonnen. Getrocknete Blätter gelangen als Marihuana auf den Schwarzmarkt. Dieses ist in unseren Breitengraden nach wie vor nur mit Sonderlizenzen vornehmlich für den medizinischen Gebrauch erlaubt, ansonsten als psychotroper Stoff nach dem Sucht-mittelgesetz verboten.
Cannabis beeinflusst die motorischen Fähigkeiten durch die Dämpfung des Zentralnervensystems. Es kann auch Halluzinationen bewirken, wodurch selbstverständlich die Wahrnehmung ebenso beeinflusst wird wie das Denken und Verhalten des Konsumenten. Jene Gärtnereien, Apotheken und andere Gewerbebetriebe mit solchen Lizenzen werden deshalb strengstens kontrolliert. Allerdings ist in deutschen Landen und zwischen Neusiedler und Bodensee der Anbau nicht blühender Pflanzen, des sog. “Nutzhanfs” noch gestattet. Sie finden recht häufig in der Innenausstattung Verwendung. Das Geheimnis: THC-Säure wird nur in weiblichen Pflanzen während der Blüte produziert. Durch die Erhitzung entsteht schliesslich das Tetrahydrocannabinol. Der Nutzhanf beinhaltet den Wirkstoff CBD (Cannabidiol). Dieser ist nicht verboten und gelangt deshalb auch recht häufig bei der Produktion von Ölen, Tees etc. zum Einsatz. Hanföl beispielsweise ist eines der gesündesten Öle schlechthin. CBD wurde erst kürzlich ganz offiziell in die Arzneimittelliste aufgenommen, wodurch entsprechende Medikamente verschreibungs-fähig, nicht jedoch verschreibungspflichtig werden. Auf Usedom wird einmal im Jahr Hanfbier hergestellt. Es soll leicht süsslich und nach Gras schmecken, meinen die Tester. Auch hier wird selbstverständlich nur Nutzhanf verwendet – berauscht wird man höchstens von den 5 % Volumsalkohol.
Der Besitz von THC-Produkten bleibt jedoch nach wie vor strafbar – in Österreich etwa bei einer Haftstrafe von bis zu einem Jahr oder 360 Tagessätzen. Bei sehr geringen Mengen erfolgt jedoch meist nur eine Meldung bei den Bezirksverwaltungsbehörden. Im Wiederholungsfall jedoch kann es zu erheblichen Konsequenzen wie Entzug, Haft, Überwachung oder Psychotherapie kommen. Dealern allerdings drohen Haftstrafen zwischen zwei und drei, bei grossen Mengen bis zu fünf Jahren. Entscheidend für die Verurteilung ist der Grenzwert von 20 g reinem THC. Normalerweise liegt der THC-Gehalt in Strassenqualität (Reingehalt) bei 10 %.
Und dies obgleich inzwischen auch die WHO empfiehlt, die Einstufung von Marihuana als Droge neu zu bewerten. Es wäre schliesslich falsch, Marihuana auf einer Stufe mit den harten Drogen wie Kokain oder Heroin zu führen. So stellte in diesem Jahr das UN-Expertenkomitee zur Drogenabhängigkeit (ECDD) bei seinem 40. Treffen in Genf fest, dass zumindest das Cannabidiol CBD durchaus gut für die Gesundheit des Menschen sein kann. Das schrieb der Generaldirektor der WHO auch in seinem Bericht an UN-Generalsekretär António Guterres, der sich ja bereits vor Jahren für die Entkriminalisierung von Cannabis in Portugal einsetzte. CBD mache nicht süchtig und habe sich in vielen therapeutischen Bereichen mehr als verdient gemacht. Medizinisch findet THC-Cannabis übrigens in bereits vielen Ländern dieser Erde Verwendung in der Schmerztherapie, bei Epilepsie, Neurodermitis, Asthma, Multipler Sklerose oder beispielsweise auch Spastik. Nicht so in Österreich. Dort werden Patienten noch mit Chemie, unheilbare Krebspatienten noch mit Opiaten vollgepumpt. Im November wird das ECDD zum 41. Mal zusammenkommen und eine Empfehlung abgeben.
Immer wieder finden unregelmässige Demonstrationen von Befürwortern der Freigabe statt, doch nur in Prag regelmässig. Zuletzt forderten beim sog. “Million Marihuana-Marsch” 7000 Menschen zum bereits 20. Mal die Straffreiheit für den privaten Anbau und Konsum. Auch in Tschechien darf Cannabis nur zu medizinischen Zwecken bei Schwerkranken eingesetzt werden. Inzwischen zeigte sich jedoch die Regierung einsichtig und lockerte die ansonsten sehr strengen Gesetze. In den Niederlanden und Portugal wurde der Besitz entkriminalisiert.
Nicht allen geht es dabei um den eigenen Konsum, sondern vielmehr darum, aus dem bisherigen Schwarzmarkt einen legalen Markt zu machen, bei dem das Geld nicht irgendwo in der Unterwelt verschwindet, sondern ganz offiziell als Einnahmen in das Budget fliessen kann. So spürten das beispielsweise jene neun Bundesstaaten der USA bereits ganz eklatant. Marihuana ist in Kalifornien, Arizona, Maine, Nevada, Vermont und Massachusetts sowie dem US-Territorium Nördliche Marianen ab 21 Jahren freigegeben, in Alaska, Oregon, Colorado sowie dem Bundes-distrikt Washington D.C. darf indischer Hanf konsumiert werden. Landesweit aber ist es nach wie vor verboten – dennoch liegt die Verantwortung im Rahmen von Drogendelikten in Händen der Bundesstaaten! Und das Perverse an all dem: Die Betriebe dürfen keine Bankkonten eröffnen, da sie gegen Bundesgesetz verstossen und USA-weit als kriminell gelten. Trotzdem bezahlen auch sie Bundesabgaben – in bar!!! Der Staatenbund verdient also mit an von ihm aus gesehenen illegalen Geschäften, die landesspezifisch jedoch legal sind! Das verstehe, wer will!
Einige Zahlen zur Veranschaulichung? 2015 wurde in Colorado Marihuana im Wert von 996 Millionen US-Dollar verkauft – das brachte dem Bundesstaat zusätzliche Steuereinnahmen von 66,1 Millionen. 2018 werden in den USA rund 7 Milliarden Dollar Verkaufsumsätze erwartet – in zwei Jahren ist mit dem Dreifachen zu rechnen. Inzwischen springen auch Grosskonzerne wie Monsanto auf den fahrenden Zug auf.
Doch spüren die Bundesstaaten nicht nur das. Jedes Jahr werden in den USA hunderte Milliarden Dollar in den Kampf gegen die Drogen investiert. Durch die Freigabe von Cannabis entfällt der Schwarzmarkt dafür – somit auch ein recht erquicklicher Batzen aus den Kriegskassen. Dieses Geld kann sinnvoller in andere Bereiche investiert werden. Im Österreich etwa gab es im Jahr 2014 29.674 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz – nicht weniger als 25.309 betrafen Cannabis-Fälle. Zwischen Flensburg und Berchtesgaden waren es 2017 330.580 Anzeigen, bei 204.904 war Cannabis im Spiel. In diesem Zusammenhang noch ein interessanter Vergleich: 126.153 waren deutsche Tatverdächtige, 48.530 nichtdeutsche Tatverdächtige. (Zahlen: BKA-Bericht für 2017). Zu Beginn des Jahres sprach sich der Bund Deutscher Kriminalbeamter für die Entkriminalisierung von Cannabis aus. Es sei sinnvoller, in die Aufklärung und Prävention zu investieren, als in die Bestrafung von dadurch kriminell gewordenen Menschen. Deshalb haben sich nun auch Okönomen diesem Thema angenommen:

“Der Drogenhandel ist der größte Zweig der organisierten Kriminalität mit 500 bis 600 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr. Wenn man die Drogen weltweit legalisiert, verliert sie mindestens die Hälfte ihres Geschäfts!”
(Prof. Dr. Friedrich Schneider, Volkswirt und emeritierter Experte für Schattenwirtschaft und Korruption Linz/OÖ)

Nun – es müssen ja nicht alle Drogen legalisiert werden!!! Seit Jahren rechnen sie vor, daß eine Legalisierung von Cannabis sogar Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung schafft. In den USA werden bis zum Jahr 2021 bis zu 300.000 Jobs neu entstanden sein, die unmittelbar mit der Freigabe von Cannabis zu tun haben. Ähnliches kann auch für Kanada erwartet werden.
Der Volkswirtschafter Prof. Dr. Justus Haucap von der Universität Düsseldorf erarbeitet derzeit eine Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Cannabis-Freigabe in Deutschland. Er spricht beispielsweise von 1 Milliarde zusätzlicher Steuereinnahmen (bei 60 %-iger Besteuerung) und einem Konsum von etwa 250 Tonnen. Jährlich!!! In Österreich wären es nach mehreren Berechnungsmodellen 200 Mio Euro an Steuereinnahmen. Auch die deutsche Exekutive und Justiz hätte Einsparungen von zumindest einer Milliarde Euro. Zudem könnte die Wirtschaft ganz offiziell von dem derzeit durchaus gut gehenden Schwarzmarkt zehren. Der würde dann ja wohl zusammenbrechen. Haucap spricht von neuen Jobs in fünfstelliger Zahl.
Trotz all dieser Pluspunkte sollte jedoch nicht vergessen werden, dass THC ebenso wie Alkohol und Nikotin süchtig macht. Sollte ein Tütchen ab und an durchaus verkraftbar sein, so kann der ständige Konsum von THC ebenso zu gesundheitlichen Schäden führen: Angststörungen, Depression und Psychosen sind nicht auszuschliessen. Nachgewiesen ist ein Erinnerungsverlust, da Informationen nicht mehr verarbeitet werden können. Experten warnen zudem davor, dass neue Züchtungen einen immer höher werdenden THC-Anteil haben können.
Ich höre nun im Hintergrund bereits die Stimmen, die den Untergang des Abendlandes prophezeien, wenn alle und jeder am Kiffen sein wird. Dem halte ich offizielle Studien aus Colorado zum Konsum unter Jugendlichen entgegen. Dort ist der Verkauf seit 2012 freigegeben. Offizielle Untersuchungen haben ergeben, dass der Cannabis-Konsum unter den Erwachsenen konstant geblieben, die Zahl der jugendlichen Kiffer jedoch sogar rückläufig ist. Leicht erklärbar: Den Schwarzmarkt gibt es nicht mehr – offiziell kann aber erst ab 21 Jahren gekauft werden. Prof. Dr. Rainer Thomasius von der Universitätsklinik Hamburg-Erpfendorf ist jedoch gegenteiliger Meinung. Er meint, dass sich hierzulande der Schwarzmarkt bei einer Legalisierung auf die Jugendlichen konzentrieren werde. Besonders betroffen wären dabei die Kinder sozial schwächerer Bevölkerungsschichten. Übrigens liegt der Cannabis-Verkauf an Erwachsene in den dafür entkriminalisierten Niederlanden ebenfalls im europäischen Durchschnitt.
In der EU überwacht das European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction (EMCDDA) das Abstimmungsverhalten der nationalen Parlamente. Hier geht man noch nicht von einer EU-weiten Freigabe aus. Vor allem rechtspopulistische Regierungen weigern sich strikt – auch die österreichische. So wird die Wirksamkeit von THC-Medikamenten mit dem Hintergrund des Verbotes überprüft; zudem überlegt man sich inzwischen, dass bereits der Verkauf von Hanfsamen und Stecklingen verboten wird. Eine richtiggehende Sünde, zieht man in Erwägung, was inzwischen alles aus Hanf hergestellt werden kann. Zudem ist es eine mehrjährige, nachhaltige Pflanze mit tiefgreifenden Wurzeln, tut somit dem Boden gut und ist weniger dürreanfällig.
Der Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien meinte unlängst hierzu, “…dass eine Cannabis-Freigabe eine Angleichung an die Realität wäre!” Schliesslich geben 30 bis 40 % der Österreicher und -innen bei Umfragen an, zumindest einmal im Leben Cannabis geraucht zu haben – in Deutschland sind es 46 %. In Spanien wurden die Gesetze ebenfalls gelockert und 300 Haschischclubs offiziell genehmigt. Deutschland und Österreich werden sich ihre Stellung zu Cannabis und Marihuana nach einer zu erwartenden internationalen Freigabe durch die UNO neu überdenken müssen – auch wenn sie es derzeit partout nicht wollen. In Österreich wurde das Ganze gar noch verschärft – seit dem ß1. Juni des Jahres gilt der Verkauf auf der Straße als eigener Tatbestand.

“Einziger Profiteur der restriktiven Politik ist die organisierte Kriminalität!”
(Prof. Dr. Justus Haucap, Ökonom an der Universität Düsseldorf)

In Deutschland übergab der Deutsche Hanfverband im Dezember 2017 79.000 Unterschriften einer Petition zur Freigabe von Cannabis. 11.507 Petitionen wurden im vergangenen Jahr dort abgehalten – keine andere hatte mehr Befürworter. Bei mehr als 50.000 Unterzeichnern muss sich der Petitionsausschuss des Bundestages der Sache annehmen. Während sich die Grünen, die Linkspartei und die FDP schon seit einiger Zeit für eine Legalisierung unter verschiedenen Voraussetzungen aussprechen, weigern sich die anderen Fraktionen noch. Die SPD zeigt jedoch erste Anzeichen einer möglichen Meinungsänderung. So wird beim Parteitag der Berliner Genossen im November über eine kontrollierte Abgabe abgestimmt werden. Auch die Justizminister der Länder befürworten inzwischen die Freigabe für den Eigenbedarf (bis max. 6 Gramm!).
Ganz im Gegensatz zum südlichen Nachbarn entwickelt sich Kanada unter dem Liberalen Justin Trudeau immer mehr zum Vorzeigestaat. Im Rahmen der Regierungserklärung, die zur Freigabe von Cannabis führte, wurde auch mehr Sozialhilfe für Bedürftige, weniger Steuern für die Mittelschicht, strengere Waffengesetze und CO2-Zertifikate für den Klimaschutz versprochen. Trudeau gab übrigens zu, in seinem Leben fünf- bis sechsmal ein Tütchen geraucht zu haben – einmal sogar bei einem Abendessen im Parlament. Wenn das so weitergehen sollte, muss wohl mit einer grossen Anzahl von Asylanten aus den USA gerechnet werden.

PS:
Wer aus diesen meinen heutigen Schilderungen vielleicht schliessen sollte, dass ich ein großer Anhänger des Kiffens bin, liegt falsch. Ich habe in meiner Zeit beim Österreichischen Bundesheer (inzwischen verjährt) meinen ersten und einzigen Joint geraucht. Hat mir nicht geschmeckt – deshalb blieb es auch bei diesem einen Versuch. Ich werde alsdann keinen zweiten angehen, wenn es denn legal ist. Ich trete allerdings für die Entkriminalisierung von Cannabis aus den oben genannten Gründen ein. Exekutive und Justiz haben schliesslich sinnvolleres zu tun, als derartige Kleinkriminelle abzustrafen, weil sie einmal ein Tütchen geraucht haben!

Lesetipps:

.) Die Legalisierung und Regulierung des Cannabismarkts in Deutschland; Stefan Lang; Diplomica-Verlag 2015
.) Cannabis Verstehen: Warum unsere Gesellschaft immer noch mit alten Vorurteilen behaftet ist; Dom Piru; tredition 2018
.) Hanfpsychose: Vom psychotischen Umgang über die medizinische Anwendung zum legalen Genuss; Christian Dorn; Books on Demand 2016
.) Legalisieren!: Vorträge zur Drogenpolitik; Günter Amendt ; Rotpunktverlag 2014
.) Rauschzeichen: Cannabis: Alles, was man wissen muss; Steffen Geyer/Georg Wurth; KiWi-Taschenbuch 2008
.) Haschisch. Konsum – Wirkung – Abhängigkeit – Selbsthilfe – Therapie; Helmut Kuntz; Beltz 2016
.) Die Behandlung mit Cannabis und THC: Medizinische Möglichkeiten, Rechtliche Lage, Rezepte, Praxistipps; Franjo Grotenhermen/Britta Reckendrees; Nachtschatten Verlag 2016
.) Die Cannabis-Lüge: Warum Marihuana verharmlost wird und wer daran verdient; Kurosch Yazdi; Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017

Links:

- www.bka.de
- bundeskriminalamt.at
- www.praevention.at
- www.hanfverband.de
- www.proplanta.de
- www.procannabisdeutschland.de
- www.cannabis.info
- cannabis-special.com
- www.cannabis-clubs.de
- kontrast.at
- www.legalisieren.at
- austria.legalize.eu
- arge-canna.at
- hanfinstitut.at
- www.medmix.at

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Der Tod kommt mit der Laus

Massenvernichtungswaffen!
Ein schreckliches Mittel der modernen Kriegsführung, das an der viel zitierten Offiziersehre mehr als zweifeln lässt. Schliesslich ist von diesen Waffen jegliches Leben betroffen. Auch das von alten, vielleicht sogar bettlägrigen Menschen, kleinen Säuglingen und Frauen, die um ihre Männer, Väter, Brüder und Söhne weinen und den Krieg hassen. Der preussische Militärwissenschaftler und -ethiker, Generalmajor Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz meinte einst:

“Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.”

Ehrlich? Mit einer solchen Politik will ich nichts zu tun haben. Auch wenn es damals noch mehr mit Ehre und Ethik vergleichbar war, als man dem Feind Aug’ in Aug’ gegenüberstand. Heute drückt irgendjemand auf den Knopf und hundertausende, ja vielleicht sogar Millionen Menschen sterben. Das hat mit Krieg nichts mehr zu tun – das ist moderne Massenvernichtung! Genozid!
Zwei derartige Waffengattungen habe ich im Rahmen dieses Blogs ja schon ausführlich vorgestellt: Atomwaffen (Atomwaffenabkommen, die nicht eingehalten werden) und Giftgase (Chemische Waffen). Die dritte wollte ich eigentlich nicht behandeln. Jedoch nötigt mich sozusagen die derzeitige Berichterstattung aus US-amerikanischen Labors, auch die meines Erachtens grauenvollste Vernichtungsmethode einer breiten Leserschaft darzulegen, die sich vielleicht ansonsten nicht dafür interessiert hätte: Die biologischen Waffen bzw. englisch auch als “Bio Hazards” bezeichnet. Keine Angst – ich werde im Folgenden keine Anleitung zu deren Herstellung geben. Aus diesem Grund entfallen auch die ansonsten üblichen Hinweise auf Bücher oder Webseiten am Ende des Blogs. Wer sich dafür interessiert, soll von sich aus in’s Keyword-Netz der Fahnder tappen – ein Umstand, der auch meine Recherche im Vorfeld etwas erschwerte!
Nach bislang noch unbestätigten Meldungen soll eine eigene Forschungsgruppe der “Darpa” (Defense Advanced Research Projects Agency), der wissenschaftlichen Abteilung des US-amerikanischen Pentagons (Verteidigungsministerium) Studien betreiben, wie eine neue Biowaffen-Generation aussehen könnte. Dabei spielen Insekten offenbar eine Schlüsselrolle: Die des Überträgers! Angeblich werden derzeit viele Insektenarten auf ihre Effizienz bei der Übertragung von etwa Viren überprüft. Ganz offiziell, da durch das Programm “Insect Allies” ein sog. Genscheren-Virus (etwa CRISPR Cas 9) von den Insekten auf Pflanzen übertragen werden soll, durch das Mais und Tomaten widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Trockenheit gemacht werden. Die Idee hierzu dürfte wohl durch die Pest aufgekommen sein. Die Menschen damals wurden nicht etwa durch einen Rattenbiss infiziert, wie zuerst angenommen, sondern durch eine Laus aus dem Fell der Ratte. Derzeit werden intensivst Blattläuse und Motten ausgetestet. Da dies jedoch auch für Kriegszwecke verwendet werden kann, um dadurch ganze Ernten zu vernichten oder gar direkt auf die Bewohner einzuwirken, spricht man in diesem Zusammenhang von “Dual Use”. Weshalb hat ansonsten das Verteidigungsministerium der USA ein derart grosses Interesse an diesen Forschungen??? Deutsche (wie etwa der Molekularbiologe Guy Reeves vom Max Planck Institut für Evolutionsbiologie) und französische Wissnschaftler warnen bereits vor unvorhersehbarer Wirkung, da das Ganze unkontrollierbar wird.

“In bewaffneten Konflikten hingegen könnten Insekten Sinn machen, weil man somit eher verdeckte Operationen gegen spezifische Pflanzen durchführen könnte.”
(Silja Vöneky, Völkerrechtsexpertin Universität Freiburg)

Aber: Was hat es tatsächlich mit diesen mehr als gefährlichen Kampfstoffen auf sich?! Krankheitserreger oder biologische Giftstoffe werden gezielt herangezüchtet um bei ihrem Ensatz möglichst viele Menschen, Tiere oder Pflanzen zu töten oder Produkte wie beispielsweise Treibstoffe zu zersetzen. Gegenwärtig sind etwas mehr als 200 Erreger, Toxine und Agenzien bekannt, die für derartige Zwecke verwendbar sind. Im Vergleich zu den chemischen Kampfstoffen müssen biologische erst aufbereitet werden. Als Erfinder dieser Stoffe gilt nebenbei erwähnt Robert Koch, der zu medizinischen Zwecken Methoden zum Heran-züchten von Bakterien und Viren erfunden hat. So entdeckte er u.a. unbeabsichtigt den Milzbranderreger.
Seit 1975 verbietet die Biowaffenkonvention die Verwendung dieser Kampfstoffe. Die “Konvention über das Verbot der Entwicklung, Herstellung und Lagerung bakteriologischer (biologischer) Waffen und Toxinwaffen” wurde am 16. Dezember 1971 als Völkervertrag durch die UN-Vollversammlung angenommen und von bislang 181 Staaten unterschrieben. Die meisten Nicht-Unterzeichner stammen aus Afrika (etwa Ägypten), aber auch Israel, Syrien und einige kleine Inselstaaten im Pazifik finden sich darunter. Gemeinsam mit der Chemiewaffen-konvention aus dem Jahr 1993 ersetzte die Biowaffenkonvention das Genfer Protokoll aus dem Jahr 1925, das speziell den Einsatz derartiger Waffen verbot. Beide Kampfstoffe wurden während des Zweiten Weltkriegs auch nur von Japan verwendet – die anderen kriegsführenden Länder forschten zwar in diese Richtung, schlossen den Einsatz auch nicht aus, ließen aber schliesslich doch davon ab. Dennoch ist auch heute noch bekannt, dass immer wieder entsprechende Anstrengungen unternommen werden. Alle fünf Jahre finden Überprüfungskonferenzen statt, dennoch wäre das Wort “Abrüstungskontrolle” in diesem Zusammenhang wohl eine Stufe zu hoch, da es bislang noch keine Einigung zu Offenlegungspflichten oder Prüf-Inspektionen gibt.
Biologische Kampfstoffe werden in drei unterschiedlich wirkende Kategorien gegliedert:
.) Kategorie A
Hierunter fallen Krankheitserreger, die ganze Staaten auslöschen können, da sie sich leicht verbreiten, tödlich sind und auch Übergangsstadien bilden können. Die bekanntesten sind die Pocken, der Milzbrand (Bacillus anthracis; engl.: Anthrax) und die Pest (Yersinia pestis). Auch die hämorrhagischen Fieber (u.a. Ebola) pder Biotoxine wie Rizin, Abrin, Aflatoxin, Botulinumtoxin sind sehr gefährlich. Diese KatA-Waffen sind unkontrollierbar – das damit verseuchte Gebiet ist auch für die “sieg-reichen Truppen” für lange Zeit nicht mehr betretbar. Zudem gibt es nur wenige Gegenmittel in ausreichender Stärke.
.) Kategorie B:
Im Vergleich zur ersten Kategorie besitzen diese Stoffe eine “nur” mittlere Letalitätsrate und können mit den geeigneten Mitteln auch eingedämmt werden. Beispiele hierfür wären: Coxiella burnetii (Q-Fieber), Brucellen oder Burkholderia mallei (Rotz).
.) Kategorie C:
Hier finden sich beispielsweise Krankheitserreger, die zwar tödlich sind, sich aber nur schwer übertragen lassen oder so gut wie nicht verfügbar bzw. gut behandelbar sind – aber auch Kampfstoffe, die leicht verfügbar sind, jedoch nur eine geringe Letalitätsrate aufweisen. Gelbfieber etwa oder die Tuberkulose (multiresistente Mycobacterien).
Stehen nun weniger Gegenmittel wie Antibiotika oder Impfstoffe zur Verfügung, wirken die biologischen Kampfstoffe logischerweise umso besser.
Nicht immer benötigt ein solches Virus oder Bazillus auch einen Wirt, damit es sich weiterentwickeln kann. So bildet beispielsweise das Milzbrandbazillus mit den Endosporen Übergangsformen und kann somit auch ohne Wirt zu einem späteren Zeitpunkt erneut aktiv werden.
Jene Stoffe, die derzeit offenbar in den USA erforscht werden, sind vornehmlich Rickettsien. Diese Parasiten pflanzen sich nur in Wirtszellen fort und können durch Insekten wie Flöhe, Läuse, Milben oder Zecken auf den Menschen übertragen werden. Als Beispiel muss das Fleckfieber erwähnt werden.
Bei den Viruserkrankungen sind jene Erreger als Kampfstoffe am effektivsten, gegen die nicht prophylaktisch geimpft wird: Ebola, Gelbfieber, Lassafieber oder auch die Pocken, da die Immunisierung mit der Zeit ihre Wirksamkeit verliert.
Biotoxine entwickeln Pflanzen und Tiere, um sich gegen Fressfeinde zu wehren. Unter mehreren hundert dieser Stoffe sind auch einige dabei, die leider als biologischer Kampfstoff Verwendung finden. Botulinumtoxin etwa ist ein Sammelbegriff für mehrere Proteine, die aufgrund der Fehlfunktion des vegetativen Nervensystems zu einer Muskelschwäche und somit zu Organversagen etwa der Lunge führen können. Viele kennen dieses Mittel auch unter seinem Handelsnamen “Botox”.
Pilze werden zumeist nicht als unmittelbare biologische Kampfstoffe eingesetzt als vielmehr zur Vernichtung von landwirtschaftlichen Ernten. Beispielsweise im Kampf gegen den Drogenanbau wie Coca, Cannabis oder Mohn Agent Green. Das im Vietnamkrieg verwendete Agent Orange zur Entlaubung der Regenwälder zählt hingegen zu den chemischen Kampfstoffen.
Die wohl grösste Gefahr dieser biologischen Kampfstoffe geht von den unzähligen Übertragungsmöglichkeiten aus. So ist etwa das Versprühen eines Aerosols durch Flugzeuge die wahrscheinlichste, da durch die Hitze einer Bomben-Explosion viele der Erreger vernichtet würden. Jedoch ist aufgrund der Windverfrachtung nur eine grossflächige, keine gezielte Ausbringung möglich. Mensch und Tier atmen diese feinen Tröpfchen ein und sind zumeist durch die Einnistung der Bazillen und Viren in den Schleimhäuten vornehmlich des Atmungstraktes infiziert. Die Gefahr einer Pandemie (länder- und gar kontinentübergreifend) allerdings ist sehr gross. Andere Möglichkeiten seien absichtlich nicht erwähnt um möglichen Angreifern keinen Vorschub zu leisten.
Die USA setzen jedoch auf die Übertragung durch einen Zwischenwirt. Dabei werden infizierte Insekten ausgesetzt, die durch einen Stich (wie die Anophelesmücke bei Malaria) oder einen Biss (wie bei der Laus) die Krankheiten übertragen.
Biologische Kampfstoffe wurden schon recht früh bei kriegerischen Auseinandersetzungen verwendet. So schleusten die Hethiter vor 3000 Jahren verseuchtes Vieh beim Feind ein um dessen Nachschub an Nahrung zu gefährdetn. Immer wieder ist von Brunnenvergiftungen in der Geschichte zu lesen, indem Kadaver dort entsorgt wurden. Auch das Bestreichen von Pfeilspitzen war nicht nur bei den Naturvölkern bekannt. Der englische König Richard Löwenherz nahm während des 3. Kreuzzuges Akkon ein, indem er hunderte Bienenkörbe über die Stadtmauern werfen liess. Die Tartaren katapultierten im Jahr 1346 Pesttote über die Mauern der Stadt Kaffa. Experten gehen davon aus, dass dadurch eine der grossen Pestwellen Europas ausgelöst wurde. Nach der Entdeckung Amerikas und dem anschliessenden Kampf der Eroberer gegen die indianischen Völker wurden absichtlich europäische Krank-heiten eingeschleppt (etwa in Nordamerika durch die Engländer und Franzosen), gegen welche die Ureinwohner keine Immunisierung hatten (Masern beispielsweise). So wurden während des Pontiac-Aufstandes im Mai 1763 beim Fort Pitt den Unterhändlern der belagernden Indianer, die den Engländern freies Geleit anbieten wollten, zwei Decken aus der Pocken-Quarantäne des Forts mitgegeben. Unter den Indianern brach eine Epidemie aus.

“Wir müssen jede Methode anwenden, um diese abscheuliche Rasse auszulöschen.”
(Jeffrey Amherst, Befehlshaber der britischen Streitkräfte)

Die Briten hatten später auch versucht, mit Pocken infizierte Sklaven auf den amerikanischen Farmen einzuschleusen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges verfügte das deutsche Kaiserreich über ein sehr grosses Arsenal an biologischen Waffen. So sollten die Briten mit der Pest bekämpft werden. Es blieb allerdings gottlob nur bei kleineren Sabotage-Akten gegen Tiere, vornehmlich Pferde, die in der Kavallerie und dem Transport ihre Arbeit verrichten mussten. Dafür wurde Giftgas in rauhen Mengen versprüht. Nach dem Ersten Weltkrieg starteten auch die Siegermächte der Entente mit der Forschung an Bio-Waffen. Das Kaiserreich Japan richtete zu diesem Zweck 1932 die “Einheit 731″ ein. In der gerade eroberten Mandschurei wurden unzählige Menschentests durchgeführt. Vivisektionen, also operative Eingriffe bei vollem Bewussstein, führten zu 3.500 Toten. Im Oktober 1940 schliesslich wurden durch Japan Keramikbomben über grossen Städten abgeworfen. Der Inhalt: Mit Pest infizierte Flöhe. Auch erfolgte 1941 die Freilassung von 3000 chinesischen Kriegsgefangenen, nachdem sie zuvor mit Typhus infiziert wurden. Grosse Städte wurden mit dem Milzbranderreger von Flugzeugen aus besprüht. Tausende Chinesen auch unter den Zivilisten starben während des Zweiten Weltkrieges an Epidemien von Pest, Typhus, Milzbrand etc. Auch an US-amerikanischen Kriegsgefangenen erfolgte die Erprobung von Kampfstoffen, die mittels Ballons über den Jet-Stream nach Nordamerika verbracht werden sollten. Einzig – die beiden Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki führten davor zum Ende des Krieges durch die Kapitulation Japans. Ansonsten ist aus diesem Weltkrieg nichts über den Einsatz von Biowaffen bekannt. Obgleich unter dem Befehl von Winston Churchill in Grossbriatnnien mit Erregern geforscht wurde. So verbrachte die Royal Army 60 Schafe auf die ansonsten vom Menschen nicht bewohnte Gruinard Island im Nordwesten Schottland und versprüht dort Milzbrandsporen. Innerhalb nur eines Tages war jegliches tierische Leben auf der Insel ausgelöscht. Zwar soll das Eiland inzwischen nicht mehr verseucht sein – dennoch ist es militärisches Sperrgebiet. Hätten die Briten damals etwa Berlin mit Milzbrand besprüht, wäre die Stadt bis weit in die 1980er-Jahre kontaminiert und somit unbewohnbar gewesen, weiss Rex Watson, Leiter der britischen chemisch-biologischen Verteidigungsbehörde 1981. Der britische Geheimdienst schnappte übrigens Informationen auf, daß Hitlerdeutschland grosse Mengen an Milzbrand und Botulinumtoxin produziert haben soll. Über eine Million Botulinumtoxin-Seren wurden für die Impfung hergestellt. Allerdings war die Information falsch. Die USA erteilten im Jahr 1944 den Auftrag für die Herstellung von einer Million 2 kg-Bomben, die mit Milzbrand verseucht waren. Sie sollten über Berlin, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt, Aachen und Wilhelmshaven abgeworfen werden. Es kam aber zu Lieferproblemen, sodass auch hier der Krieg zuvor beendet war! Grosses Glück, schliesslich hätte dadurch halb Europa vernichtet werden können. Für die Nazis waren Biowaffen unberechenbar und ineffizient. Erst als in Paris ein Kampfstofflabor der Franzosen ausfindig gemacht wurde, kam es zur Gründung der “Abteilung Kliewe” unter Leitung des Bakteriologen Heinrich Kliewe. Hier wurde ebenfalls mit Milzbrand und Pest experimentiert. Hitler selbst verbot aber im Jahr 1942 die biologische Offensivforschung, obwohl Heinrich Himmler beispiels-weise ein grosser Befürworter dieser Kampfstoffe war. Gleichzeitig wurden die Abwehrmassnahmen gegen biologische Kampfstoffe verstärkt (“Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter”). Zum Austesten von Impfstoffen mussten zumeist KZ-Häftlinge herhalten. 1952 kamen Spekulationen auf, wonach die Sowjetunion rund um die Schlacht von Stalingrad deutsche Truppen und später auch unbeabsichtigt (vermutlich durch Winddrehung) eigene Soldaten mit Tularämie infiziert haben soll. So betrug noch 1941 die Zahl der Erkrankungen rund 10.000, 1942 100.000, 1943 jedoch wieder 10.000 – und das in der kompletten Sowjetunion! Dies wurde von den Russen zurückgewiesen! Während die Sowjetunion bereits 1928 ein Bio-Kampfstoff-Zentrum auf der Insel Solowezki im Weißen Meer eingerichtet hatte, begannen die USA als letzte der Grossmächte mit der Entwicklung im Jahr 1941 nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, ab 1943 schliesslich mit der Produktion. 1946 bestätigte das US-Kriegsministerium auch offiziell die Forschung an Bio-Waffen, nachdem offenbar Unterlagen des Leiters der japanischen Einheit 731, Shirō Ishii, zur Kriegsbeute der Amerikaner gehörten. Zumindest zwei Forschungs-zentren entstanden in den USA. Im September 1950 wurde durch zwei amerikanische U-Boote an der Küste von San Francisco Serratia marcescens versprüht. Für gesunde Menschen nahezu unschädlich, sollte beobachtet werden, wie viele Erkrankungen von immungeschwächten Patienten gemeldet wurden!!! Es kam zu Todesfällen. Nach wie vor streng geheim sind zudem die Versuche aus den 70ern, als an 2000 Adventisten, die aus Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerten, B-Waffen-Testungen erfolgten. Weitere Tests werden ebenfalls geheim-gehalten. Auch zu den Unfällen oder Problemen sind kaum Informationen zu bekommen. So sollen 1981 in Fort Detrick zwei Liter mit dem Chikungunya-Virus verschwunden sein. Diese Menge reicht aus, die komplette Weltbevölkerung mehrfach auszulöschen! 1969 hatte Präsident Richard B. Nixon die Forschung und Produktion von B-Waffen zumindest offiziell gestoppt – im Bereich der Gentechnik wurde jedoch weiter-gearbeitet, so auch an Ebola und Marburg bzw. Machupo und Junin (südamerikanische Erreger).
Ohne Unterbrechung ging’s alsdann in der Sowjetunion weiter und dies obgleich diese gemeinsam mit Grossbritannien “Depositarmacht” ist, also sozusagen Treuhänder für die Hinterlegung und Verwaltung des B-Waffen-Abkommens. Deutsche und japanische Unterlagen aus dem Zweiten Weltkrieg boten dafür die Grundlage. Vorerst noch an Tularämie, Milzbrand und Botulinum, später dann im Rahmen des Projektes “Biopreparat” an Pocken. Auch in der Sowjetunion kam es zu einem Unfall, als am 2. April 1979 durch eine defekte Belüftungsanlage Milzbrandsporen nach aussen gelangten. Die komplette Umgebung von Swerdlowsk musste unter Quarantäne gestellt werden. Die Sache gelangte erst durch Boris Jelzin 1992 an die Öffentlichkeit. Zwei übergelaufene Wissenschaftler berichteten zudem, dass sie den Milzbrand gegenüber Antibiotika resistent gemacht, gleichzeitig allerdings für die eigenen Truppen ein Gegenmittel gefunden hatten. Kaum anzunehmen, dass Russland tatsächlich die noch in den 1990er-Jahren produzierten Tonnen an biologischen Waffen allesamt vernichtet hat.
Die südafrikanische Apartheidsregierung allerdings trieb das Ganze mit ihrem “Projekt Coast” auf die Spitze. Durch eigens entwickelte Biowaffen sollten nur Schwarzafrikaner getötet werden. Wieviele Menschen an den Tests starben, ist nicht bekannt.
Auch der Irak hatte seine Forschungen nach Ende des ersten Golfkrieges 1988 angekurbelt. Die Erreger hierzu kamen aus den USA und Deutschland. Tausende Liter waffenfähiges Botulinumtoxin, Milzbrand und Aflatoxin wurden gefunden. Nach dem Ende des Regimes Hussein sollen diese angeblich vernichtet worden sein – alles deutet allerdings darauf hin, dass in kleinen Labors weitergearbeitet wurde.
Letztmalig führten die sog. “Anthrax-Anschläge” im Jahr 2001 in den USA zu großem medialem Echo. Vermutlich ein Bediensteter der Forschungs-einrichtung Fort Detrick hatte mit Milzbrand verseuchte Briefe verschickt und war somit verantwortlich für zahlreiche Erkrankungen und Todesfälle von Postangestellten, Journalisten und Politiker. Schliesslich reicht eine Menge an Erregern pro Brief, die kleiner als ein Punkt am Satzende ist, um tödlich zu wirken. Der Krankheitsverlauf sieht in etwa wie folgt aus: Nach dem Einatmen der Bakterien kommt es zwei bis drei Tagen später zu ähnlichen Symptomen wie bei einem Schnupfen oder einer Erkältung (Atemwegsinfektion). Nur kurz darauf folgen hohes Fieber, Atem-probleme, Erbrechen sowie innere und äussere Blutungen. Danach tritt der Tod ein.
Weltweit wird nach wie vor weitergeforscht – nach Geheimdienst-informationen von mindestens 12 Staaten. Entweder unter dem Mantel der Produktion von Gegenmitteln oder wie in den USA der “nicht-tödlichen” biochemischen Waffen, die nicht in den Zuständigkeitsbereich der Bio-Waffen-Konvention fallen.
Wie der Fall des sog. “Rizin-Bombers” aus Köln im Juni dieses Jahres aufgezeigt hat, ist es ein brandheisses und mehr als ernstzunehmendes Thema bei der Bekämpfung des Terrorismus. Jeder Staat sollte dementsprechend auf solche Anschläge vorbereitet sein. Doch erfordert die Forschung nach einem Gegenmittel stets auch die Produktion dieses “Dreckigen Dutzends”, also jener Stoffe, die am ehesten für die Verwendung für Biowaffen in Frage kommen. Deshalb werden derartige Kampfstoffe nach wie vor en gros produziert – trotz entsprechender Konvention. Die Vergangenheit hat immer wieder aufgezeigt, dass sich das Interesse von Terroristen stets auf jene Vernichtungsmittel beziehen, die in den Rüstungskammern der Staaten lagern. Giftgas wurde beispielsweise während des 2. Golfkrieges 1990/91 heftigst diskutiert – 1995 kam es zu dem grauenvollen Sarin-Anschlag der Aum-Sekte in der Metro von Tokio. Die Sekte soll auch mit gefährlichen Mikroorganismen geforscht haben. So waren deren Anführer, Shoko Asahara, und 40 seiner Anhänger 1992 in Zaire um angeblich bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie zu helfen.
Anderes, erschreckendes Beispiel: Larry Harris war Labortechniker in Ohio. Er bestellte am 5. Mai 1995 (nur sechs Wochen nach dem Anschlag in Tokio) bei einem Unternehmen für biomedizinische Produkte den Erreger der Beulenpest (Yersinia pestis). Die Bestellung wurde auch zugestellt. Erst als Harris vier Tage später anrief um sich zu erkundigen, wo denn seine Bestellung bleibe, wurde die Bundesbehörde alarmiert. Harris war Mitglied einer weissen, rassistischen Vereinigung. Er hatte die Sendung sehr wohl erhalten und bekannte sich im November desselben Jahres vor einem Bundesgericht des Brief-Betrugs für schuldig. Seither kontrolliert die US-Gesundheitsbehörde Lieferungen mit Krankheitser-regern genauer. Um die Tragik dieses Falls aufzuzeigen: Das Beulenpest-Bakterium teilt sich alle 20 Minuten. So entsteht aus einem Bazillus innerhalb von zehn Stunden eine ganze Milliarde.
Würde es die Ethik den verantwortlichen Politiker, Militärs und Wissen-schaftlern verbieten, derartige Waffen herzustellen, käme es sicherlich auch nicht zu solchen Anschlägen. Im Interesse der Menschheit sollten sich alle Unterzeichnerstaaten zur Offenlegung verpflichten und unabhängige, international besetzte Prüfungs-Kommissionen aus Bioinformatikern, Molekular- und Mikro- sowie Aerobiologen und Sicher-heitsspezialisten auch ohne tagelange Vorinformation zulassen – doch das wird wohl niemals der Fall sein. Allen voran blockieren die USA solche Vorhaben. Ausgerechnet die Regierung Bush lehnte nur wenige Monate vor 9/11 – den Anschlägen auf das World Trade Center und den Pentagon – das 2. Zusatzprotokoll zur Biowaffenkonvention ab.

“Nach (insgesamt) sechseinhalb jährigen Verhandlungen müssen wir feststellen, dass wir keine Vereinbarung über einen Kompromiss-vorschlag und keine Einigung über das weitere Vorgehen haben.”
(Tibor Toth, Vorsitzender des so genannten UN-Ad-hoc-Ausschusses für ein Zusatzprotokoll)

Es beinhalte zu viel Schlupflöcher. Doch beteiligte man sich von dieser Seite zuvor auch nicht an der Beseitigung dieser Schlupflöcher. Wegen befürchteter Wirtschaftsspionage wurde das Abkommen bereits davor ad acta gelegt. Es war aber auch diese Regierung, die sich nicht an den ABM-Vertrag (Begrenzung antiballistischer Raketen-Abwehrsysteme), dem UN-Abkommen für kleinere Waffen und dem Kyoto-Abkommen hielt bzw. die Unterschrift verweigerte. Gleichzeitig zeigen sich die US-Präsidenten stets gerne als grosse Friedensstifter und mahnende Stimme im Weltgefüge. Also denken sich auf der anderen Seite auch Russland und China das Ihre und machen alsdann weiter.
“virus” kommt aus dem Lateinischen und bedeutet “Gift”. Die Griechen und Römer verurteilten im Krieg den Einsatz von Gift als “Verletzung des Völkerrechts”. Davor hatten es bereits die Inder mit dem “Manu-Gesetz” als unmenschlich verboten, später dann die Sarazenen. Daß ethische Bedenken jedoch meist nicht mit dem Kriegführen vereinbar sind, zeigten das Ausschwefeln und der Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg wohl am besten auf. Das hatte nämlich die Haager Landkriegsordnung von 1907. Es war also meist nicht die Ethik, sondern vielmehr die Furcht, die eigenen Truppen zu infizieren, die die kriegsführenden Mächtigen vergangener Tage vom Einsatz der Biowaffen abhielt. Hier liegt es an der Völkergemeinschaft, im Sinne der Menschlichkeit gegen die Herstellung, die Lagerung und den Gebrauch solcher B- und auch C-Waffen gemeinsam und geschlossen vorzugehen. Der Kalte Krieg ist nicht vorbei – er hat sofort nach seinem offiziellen Ende wieder begonnen und ist durch den Aufstieg Chinas zur Weltmacht und dem stärker werdenden Terrorismus sogar noch um zwei Facetten reicher und unvorhersehbarer geworden!!!

Übrigens gründete auch die deutsche Bundesregierung im August eine solche wissenschaftliche Einrichtung der Marke “Darpa” – “Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen”. Selbstverständlich dürfte hier nicht die Entwicklung von Kampfstoffen im Vordergrund gestanden haben. Vielmehr sollten die vielen Ideen deutscher Erfinder gebündelt und weiterentwickelt werden.

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Deutschland vor dem Umbruch???

“Erst erodieren die Parteiensysteme – und später die Demokratien.”
(Markus Blume, CSU-Wahlkampfmanager)

Als ich damals in dem Haus in Fürstenfeldbruck die Treppe empor stieg, schaute mir mitten auf dem Treppen-Absatz Franz Josef Strauß entgegen. Jeder, der in den ersten Stock wollte, musste an diesem Bildnis des ehemaligen Ministerpräsidenten Bayerns vorbei. Einige Jahre später entdeckte ich mitten in einem Gasthaus im beschaulichen Sterzing/ Südtirol eine Franz Josef Strauß-Ecke. Offenbar hatte er hier mal Station gemacht – die Wirtsleute hatten seither alles über den “geheimen König Bayerns” gesammelt. Na ja – der am 3. Oktober 1988 in Regensburg verstorbene Politiker war nicht nur körperlich eine imposante Erscheinung – wenn auch nicht an seiner Körpergrösse gemessen.

“Helmut Schmidt und ich kennen uns sehr gut. Wenn er mich anredet ‘Alter Gauner’ und ich sage ‘Alter Lump’, so ist das durchaus eine von gegenseitiger Wertschätzung und realistischer Kennzeichnung getragene Formulierung.”

(Franz Josef Strauß)

FJS war nach den unterschiedlichsten Ministerfunktionen in der Bundes-regierung in Bonn von 1978 bis 1988 bayerischer Ministerpräsident. Als er 1980 als Kanzlerkandidat bei den Bundestagswahlen gegen Helmut Schmidt (SPD) scheiterte, munkelte man, daß ihn die Bayern schlichtweg nicht ziehen lassen wollten. Am 15. Oktober 1978 erzielte Strauß mit seinen Christsozialen bei den Landtagswahlen im Freistaat 59,14 % der abgegebenen Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Nichts aussergewöhnliches – das beste Resultat erzielte allerdings mit 62,1 % vier Jahre zuvor 1974 Alfons Göppel bei seinem vierten und letzten Antritt. Die CSU war für Bayern DIE Volkspartei schlechthin, ohne ihr Zutun lief gar nichts im Freistaat. Das nahm jedoch 2008 mit dem Erstantritt von Horst Seehofer ein abruptes Ende: Mit 43,4 % stürzte die CSU erstmals unter die 50 % – nach einem zuvor ebenfalls sehr starken Edmund Stoiber. 2013 gab es alsdann gleichermaßen nur 47,7 %. Und am 14. Oktober wählt der Freistaat erneut. Folgt man den Umfragewerten, so wird es für die CSU ein Desaster. Ob die 38 % aus dem Jahr 1954 gehalten werden können, ist fraglich! Die September-Umfragewerte lagen alle darunter – zuletzt gar bei 33 %.
Deutschland steht vor einem gewaltigen politischen Umbruch. Nurmehr jeder Zweite kann sich nach einer Umfrage mit der Politik von Kanzlerin Angela Merkel identifizieren – der Wind, der der Kanzlerin auch in der eigenen Partei entgegenweht, ist beträchtlich. Das musste sie bitter zur Kenntnis nehmen, als ihr engster Vertrauter, der bisherige CDU/CSU-Fraktionschef im Bundestag, Volker Kauder, zugunsten Ralph Brinkhaus abgewählt wurde. Den Grund sehen die Parteikollegen wohl darin, dass es nach 13 Jahren Kauder neue Köpfe, neue Strategien und neue Gedanken bedarf. Hat die Union nun den Besen ausgepackt, um mal so richtig durchzukehren?
Deutschland war noch nie derart politikverdrossen wie in diesen Monaten nach den letzten Bundestagswahlen. Und das obwohl der Wirtschafts-motor nach wie vor auf Hochtouren läuft, obgleich er wegen der Trump’schen Wirtschaftspolitik etwas in’s Stocken geriet. Beginnend mit den gescheiterten Jamaica-Verhandlungen, über die Wiederaufnahme der GroKo und die ständigen partei- und regierungsinternen Querelen, bei welchen Horst Seehofer wohl ordentlich seinen mittelscharfen bayerischen Senf beigesteuert hat. Gewinner des Spektakels ist die Alternative für Deutschland (AfD), da viele wie damals vor der Wahl Donald Trumps in den USA die Schnauze ganz offensichtlich voll haben und die anderen Parteien dieses Straucheln des Unionsriesen nicht auszunutzen wissen. Dass jedoch die Menschen, die aus Protest rechts wählen, nichts aus den Ereignissen jenseits des grossen Teichs gelernt haben und damit einen gewaltigen Fehler machen würden – das ist wieder eine ganz andere Geschichte.
Fakt ist, daß die Bayernwahl am 14. Oktober und zwei Wochen später die Hessenwahl als richtungsweisend gelten. Die CSU mit ihrem derzeitigen Ministerpräsidenten Markus Söder hat es bereits vorgezeigt: Es wird eine 90 Grad-Rechtskurve werden. Nichts anderes ist für die Europawahlen im kommenden Mai zu erwarten. International kennt man dieses Gespenst schon des längeren: Konnten in Frankreich und den Niederlanden die Rechtspopulisten gerade noch abgewendet werden, so regieren in Polen und Ungarn, zuletzt auch Italien nicht mehr die Volksparteien im althergebrachten Sinne, sondern der Rechtsblock, der es verstanden hat, die Stimmen der unzufriedenen Protestwähler einzusammeln. Und dafür benötigte er nicht mal Superkräfte. Während ihre Parteien klar positioniert und strukturell streng organisiert sind, mangelt es den bisherigen Grossparteien am Nachwuchs. Kein Wunder: Sobald jemand da war, der den Obrigen gefährlich werden konnte, wurden er bzw. sie abgesägt. Anders als in den Reihen der Rechtsparteien, die sich von Grund auf intern keine zweite Meinung anhören wollen, wird bei den Parteien der Mitte heftigst hinter den Kulissen gestritten. In Italien beispielsweise gibt es die Mitte gar nicht mehr. Brinkhaus ist ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Ich denke, es hätte ein kleiner Regionalab-geordneter aus Ostfriesland gegen Kauder kandidieren können: Er wäre gewählt worden! Die Erneuerung – ein Zeichen, das für viele jedoch zu spät kommt. Es war die Strategie der Union, zu reagieren, weniger zu agieren. Das sieht nun auch das Wählervolk so. Allerdings offenbar vergessend, dass es der deutschen Wirtschaft noch nie so gut ging, wie in diesen Tagen. Doch wird dies als naturgegeben angesehen. Auch wenn das Geld ungleich verteilt ist. Ferner sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Frau Merkel auch alle Hände voll zu tun hatte, die EU zusamenzuhalten und als Puffer zwischen den USA und Russland den richtigen Ton zu finden.
Wer soll, wer kann ihr aber auf den Thron folgen? Wer hätte das Potential, all diese Themen unter einen Hut zu bringen? So kann sicherlich die Gegenkandidatur eines Jura-Studenten zur Parteispitze nicht wirklich ernst genommen werden. Interessant wird hingegen die Kandidatur des hessischen Unternehmers Andreas Ritzenhoff, der allerdings selbst erst seit Jahresbeginn CDU-Mitglied ist. Er würde damit allen eingesessenen Politikern der Partei vor den Kopf stossen. Der Parteitag im dezember birgt also einige Brisanz.
Vor diesem Malheur stand auch die Parteispitze von Bündnis 90/Die Grünen. Bei deren Urabstimmung vor der Bundestagswahl fielen die kompletten Spitzenfunktionäre durch den Rost. Später dann folgten die Sozialdemokraten, die durch all den parteiinternen Streitigkeiten die wirklich fähigen Köpfe verlor. Jetzt zeigt die Sozialdemokratie gar Auflösungserscheinungen. Die Wähler schwenken nun um zu jenen, die sich am Lautesten zu Wort melden, auch wenn sich deren einzige Kernkompetenzen auf die Migrationspolitik beziehen und sie zu all den anderen Themen nichts sagen können!

“Niemals hätte mein Vater die AfD gewählt. Er war ein Freund der klaren Worte, aber ein Gegner von Hetze!”

(Monika Hohlmeier, Tochter von Franz Josef Strauß)

In dieser Situation ist nun auch die CSU angelangt. Als unter Edmund Stoiber noch Wahlerfolge eingefahren werden konnten, kümmerte sich niemand wirklich um ein derartiges Problem. Es stellte sich erst unter Seehofer, der seinen einzigen Widersacher Markus Söder an der kurzen Leine hielt. Jetzt ist der ewige Kronprinz an der Macht, die jedoch auch er nicht richtig umzusetzen weiss. Und wie so häufig bei Landtagswahlen fällt ihm zudem die Bundespolitik auf den Kopf, die jedoch zu einem grossen Anteil auch von seinem Vorgänger im Amt geprägt wird.
In Bayern läuft alles auf einen Zweikampf hinaus. Die Grünen könnten erstmals ein historisches Ergebnis einfahren und ein schwergewichtiges Wort bei der Regierungsbildung mitreden. Beim Nachbarn Baden-Württemberg war es vornehmlich ein charismatischer Winfried Kretschmann, der die Fehltritte der CDU in Sachen EnBW und vor allem Stuttgart 21 perfekt zu nutzen wusste und inzwischen einen Riesenbatzen an Vertrauen auch bei den Stammwählern der anderen Parteien geniesst. Bayerns Grüne mit ihrem Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann hingegen haben in einer von der Industrie und der Landwirtschaft bestimmten Region einen durchaus schweren Stand. Und dann ist da noch die AfD, die mit aller Macht in den Landtag einziehen will. Sie wird am meisten von der derzeitigen Stimmung in Deutschland zehren. Alle anderen Parteien sind abgeschlagen.
Der Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes Dimap, Michael Kunert, bringt es wohl auf den Punkt:

“Doch weil es den meisten Menschen zurzeit gut geht, ist ihnen wirtschaftliche Kompetenz nicht so wichtig!”

Als die deutsche Wirtschaft noch ordentlich nach der Wirtschafts- und Finanzkrise durchgebeutelt wurde, erschien die Wirtschaftskompetenz als enorm wichtig – schliesslich ging es um die Jobs. Jetzt herrscht nahezu Vollbeschäftigung weshalb die Wähler für alle anderen Themen empfänglich sind: Bildung, Wohnen, Renten, soziale Gerechtigkeit und ja, auch die Migration. Wer hier den richtigen Satz findet, wird reichlich mit Wählerstimmen belohnt. Das hat selbstverständlich auch die CSU erkannt. So warnte etwa zuletzt CSU-Generalsekretär Markus Blume bei einer Regierungsbeteiligung der Grünen vor einem Bevormundungs- und Verbotsstaat und wählt als Beispiel dafür ausgerechnet Baden-Württemberg, das sich ja komplett konträr zu dieser Behauptung entwickelt hat. Dass jedoch Bayern das strengste CSU-Polizeigesetz Deutschlands hat, ist wohl ein Widerspruch in sich selbst. Die Freien Wähler könnten das Zünglein an der Waage sein – sie sind derzeit mit 17 Abgeordneten im Landtag vertreten. Fraktionschef Hubert Aiwanger hat der CSU bereits die Koalition angeboten. Einzig: Ob deren Ergebnis reichen wird, ist die grosse Frage. Die Freien Wähler zählen sich selbst zur politischen Mitte mit liberalen, sozialliberalen bzw. konservativen, aber auch ökologisch-alternativen Ansichten. Sollten sie und nicht die AfD die Protestwählerstimmen einsammeln, so könnte eine derartige Koalition funktionieren. Allerdings verkrämt man bereits in der CSU viele Wähler, da eine Koalition mit der AfD in’s Spiel gebracht wurde, wenn auch gleich wieder fallengelassen, nicht zuletzt aufgrund interner Kritik wie jener des Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff (CDU), der von “politischem Selbstmord” spricht. Eine Zusammenarbeit mit der SPD kann ausgeschlossen werden, da dort einerseits grosse Verluste erwartet werden und andererseits die Sozialdemokraten seit Jahrzehnten auf Landesebene keine gewichtige Rolle gespielt haben – trotz einiger gut positionierter Bürgermeister, wie auch in München.

“Ihnen geht es ausschließlich um das Macht-Erringen und das Macht-Ausüben, als reiner Selbstzweck!”
(Natascha Kohnen SPD zu Markus Söder)

Die CSU muss in eine Koalition – da führt kein Weg dran vorbei. Nach einer Umfrage des Hamburger Umfrageinstitutes GMS im Auftrag des TV-Senders SAT1 (Bayern) befürworten dies auch 66 % der 1004 befragten Personen. Die glorreichen Zeiten der Alleinregierung sind vorbei. Am wahrscheinlichsten ist ein Bündnis mit den Grünen – möglicherweise würden sie auch für frischen Wind in den verstaubten Reihen sorgen. Allerdings vollzog sich bei diesen derselbe Wechsel wie bei der 68er-Generation: Damals noch im Baumwollgewande und den Birkenstocks – heute Teil des Establishments. Dennoch dürfte es schwierige Verhandlungen geben, da in vielen Fragen keine Übereinstimmung herrscht. Es könnte aber der letzte Weg sein, die Situation doch noch zu retten und vielleicht künftig eine Politik für die Bürger zu machen, nicht gegen sie. Sollte das geschehen, so würde das Gespenst von rechts wohl wieder dorthin gebracht werden, wo es seinen Platz hat: Auf unter 10 %.

“Wer die Weiße Rose als Symbol missbraucht, handelt schäbig und unanständig!”
(Markus Söder CSU zu den Ereignissen in Chemnitz)

Dies würde dann sicherlich, wenn auch noch nicht für die Hessenwahl, so doch ein Zeichen für die Bundespolitik bedeuten.
Apropos – dasselbe Bild zeigt sich in Hessen, obgleich es bislang in diesem Bundesland eine stärkere SPD gab und die Machtverhältnisse ausgeglichener waren. Dort haben aktuell die CDU 38,3 %, die SPD 30,7 und die Grünen 11,1 %. Bislang regierte eine schwarz-grüne Koalition mit einer Mehrheit an Sitzen. Nach einer Umfrage im September wird die CDU zwischen 5-7 und die SPD 4-7 % verlieren. Die Grünen könnten um 1 bis 3 % dazugewinnen. Als grosser Sieger hingegen wird die AfD mit 10-15 % in den Landtag einziehen. Sollte das Bündnis 90/Die Grünen nicht mehr Stimmen dazugewinnen, wird es sich mit der Mehrheit einer entsprechenden Neuauflage der Koalition nicht mehr ausgehen. Einmal mehr müsste eine weitere Partei in ein Bündnis geholt werden – das könnte die FDP sein, womit erneut Jamaika-Verhandlungen anstehen könnten.
Auch in Hessen plagen den CDU-Ministerpräsidenten schwere Image-verluste, Volker Bouffler liegt bei nurmehr 28 %. Im Vergleich dazu schafft es der Spitzenkandidat der Grünen, Tarek Al-Wazir, auf eine Zustimmung von satten 58 %.

“Das ist eine Situation, die wir so noch selten hatten!”
(Tarek Al-Wazir, B90/Die Grünen)

Selten zuvor waren im Land an Rhein und Main die Zufriedenheitswerte mit der Landesregierung dermassen hoch. Allerdings ist nicht mit einem grünen Ministerpräsidenten in Wiesbaden zu rechnen, da sowohl die Christdemokraten als auch die Sozialdemokraten noch wesentlich besser dastehen dürften als etwa im benachbarten Baden-Württemberg. Nicht auszuschliessen ist eine GroKo: Die beiden Parteien sind nicht dermassen zerstritten wie die CSU und SPD in Bayern. Auch eine Rot-Rot-Grüne-Koalition wäre machbar, doch dürfte es hierbei wohl knapp mit der Mehrheit werden. Deshalb ist diese Variante sicherlich die Unwahrschein-lichste. Volker Bouffler ist seit 2010 Regierungschef. Auch sein Vorgänger Roland Koch wurde von den Christdemokraten gestellt. Dann folgten seit 1948 fast ausschliesslich SPD-Ministerpräsidenten wie Hans Eichel oder Holger Börner. Nur zwischen diesen beiden hatte sich von 1987 bis 1991 Walter Wallmann von der CDU reingeschummelt.
Obgleich in Hesssen kein derartiger Umbruch wie in Bayern zu erwarten ist, sollten sich die Verantwortlichen dennoch Gedanken darüber machen, weshalb die AfD mit einem solchen Ergebnis in den Landtag einziehen wird. Brachte es doch der Frankfurter Stadtverordnete der AfD, Horst Reschke (ein pensionierter Polizist), schon im Mai 2016 während der Debatte über den Nachtragshaushalt im Römer auf den Punkt:

“Es waren nicht wir von der AfD oder sonstige Nazis!”

Lesetipps:

.) Bayerische Geschichte. Staat und Volk, Kunst und Kultur; Benno Hubensteiner; Süddeutscher Verlag 2013
.) Total alles über Bayern / The Complete Bavaria; Martin Wittmann; Folio Verlag 2014
.) Bayerns Weg in die Gegenwart. Vom Stammesherzogtum zum Freistaat heute; Peter Claus Hartmann; Pustet 2004
.) Wirtschaftsgeschichte Bayerns, 19. und 20. Jahrhundert; Dirk Götschmann; Pustet 2010
.) Die Geschichte Hessens: Von den Neandertalern bis zur schwarz-grünen Koalition; Hans Sarkowicz/Heiner Boehncke; Verlagshaus Römerweg 2017

Links:

- www.bayern.de
- www.hessen.de
- wahlrecht.de
- www.bayern.landtag.de
- hessischer-landtag.de
- www.csu.de
- bayernspd.de
- www.gruene-bayern.de
- www.afdbayern.de
- www.stmwi.bayern.de
- www.hdbg.de
- www.cduhessen.de
- www.spd-hessen.de
- www.gruene-hessen.de
- www.afd-hessen.org
- www.infratest-dimap.de
- www.forsa.de

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