Archive for Oktober, 2011

…und wenn er nicht gestorben ist, so…!

Eine westösterreichische Tageszeitung titelte anno 2009: “Ineffizient und teure Mitarbeiter”. Seither sind mehr als zwei Jahre vergangen – zwei weitere Jahre unter Alexander Wrabetz, der mit dem 01. Januar 2007 die Amtsgeschäfte als Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks von Monika Lindner übernommen hatte. Zuvor war dieser als kaufmännischer Leiter für die Zahlen des Unternehmens zuständig. Einer Firma mit staatlicher Gnade, schliesslich ist sie eine Stiftung Öffentlichen Rechts mit einem Hauptbegünstigten – der Allgemeinheit. Wrabetz erwirtschaftete im Jahre 2005 den höchsten operativen Gewinn des Staatsfunks seit dessen Gründung als Radio Verkehrs AG (RAVAG) im Jahre 1924. Am 09. August des Jahres wurde nun genau dieser ehemalige Bundesvorsitzende des Verbandes Sozialistischer StudentInnen für eine weitere Amtsperiode erneut gewählt. Mit 29 von 35 Stimmen im parteipolitisch besetzten ORF-Stiftungsrat – sogar souveräner als noch vor 5 Jahren. Neben Gerd “Tiger” Bacher ist der promovierte Jurist somit der einzige, der diesen Posten länger als nur für eine Amtsperiode bekleiden darf. Offenbar ist die Politik über die Couleurs hinaus mit seiner Arbeit zufrieden! Doch: Ist dies wirklich der Fall???
Wrabetz zog 2006 aus, den doch sehr trägen Staatsfunk zu reformieren. Erschien auch dringend notwendig, da nicht nur die deutschen Privatstationen immer massiver in den österreichischen Markt drängten, sondern auch die Zahl der heimischen TV-Stationen (grossteils ebenfalls mit deutscher Beteiligung) zunahm – sowohl in der potentiellen als auch der realen Reichweite. Im Alpenstaat schien der Quotenkrieg ausgebrochen. Und der bisherige Platzhirsch beteiligte sich munter an diesem Treiben, auch wenn dieser Vergleich über die Zwangsmitgliedschaft der Zuhörer und -seher bei der GIS (Gebührenstelle des ORF) eine gewaltige Seitenlage erhält. Im Vergleich zu anderen Ländern (wie auch Deutschland) macht nämlich der österreichische Staatsfunk keine Abstriche bei der Werbung zugunsten der Privaten. Genommen wird – bis zum erlaubten Ausmass, doch teilweise auch darüber (Urteile wegen unerlaubten Productplacements) – alles, was sich anbietet. Und der mit aller Macht ausgestattete Top-Manager hielt auch Wort: Das Unternehmen wurde erstmals seit Jahrzehnten wirtschaftlich durchleuchtet. Hierzu gehörte unter anderem ein Aufnahmestopp beim Personal – doch leider offenbar auch auf Kosten des Programms. Ein damals fixer Moderator und Redakteur des Landesstudios Tirol meinte einst mir gegenüber (hinter vorgehaltener Hand), dass sehr viele – vornehmlich weibliche Mitarbeiter offenbar zu den gut bezahlten Treppensteigern ohne Funktion im Rondell am Rennweg zählten. Schaut man sich nun die Teams der Landesstudios, aber auch der Zentrale am Küniglberg in Wien an, so muss man aufgrund der Namensgleichheiten beinahe davon ausgehen, dass der Öffentlich-Rechtliche eine Art Familienunternehmen darstellt. Oder wird der amerikanische Slogan “Never fuck your company!” einfach nicht befolgt und die Liebe am Kopiergerät gibt es hier wirklich in einem sehr hohen Maße!? Na egal – wer Vitamin B hat, sollte es auch nutzen!
Das Programm wurde grossflächig umgestaltet, beliebte Sendungen, die aber die Quote nicht mehr erfüllten, gestrichen und neue Sendeschwerpunkte und Formate eingerichtet. Die kritische Stimme des damaligen Info-Chefs Elmar Oberhauser gleichzeitig zum Schweigen gebracht. Die Zuseher jedoch goutierten dies nicht wirklich mit der Fernbedienung: So nahm der Marktanteil von ehemals 47,6 % im Jahr 2006 kontinuierlich auf 38,2 % im ersten Halbjahr 2011 ab. Die Konkurrenz allerdings legte gehörig in dieser Zeit zu. Das liess selbstverständlich auch die Wirtschaft nicht kalt: Aus einem 2006 erwirtschafteten Plus von 9,6 EGT in Mio € sackte das Ergebnis im Jahre 2008 auf -79,7 ab; 2009 waren es noch -44,3 – 2010 dann ein Plus von 23,4 EGT in Mio € (alle Zahlen: ORF, APA). Ok – dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass in dieser Zeit auch die Wirtschaftskrise tobte, damit auch die Werbewirtschaft brachgelegen ist. Doch erlauben Sie mir bitte einen lauten Gedanken: Wenn eine Stiftung mit dem Hauptbegünstigten Allgemeinheit mehrstellige Millionengewinne einfährt, weshalb muss dann dieser Hauptbegünstigte Allgemeinheit alljährlich wieder eine Anhebung der GIS-Gebühren befürchten? Möglichst viel Gewinn – das Prinzip des Kapitalismus – auf dem Rücken der Zwangsmitglieder???
2009 traten dann die Prüfer des Rechnungshofes auf den Plan und unterzogen die Jahre 2004 bis 2007 (also vornehmlich die Prä-Wrabetz-Zeit) einer genauen Kontrolle. Auf 94 Seiten wurde v.a. die umfassende Gesamtstrategie des Unternehmens kritisiert. Daraus resultierte eine “ineffiziente Organisationsstruktur”, “nicht realisierte Einsparungspotenziale” und zu hohe Personalkosten. Beispiele gefällig: 17 Organisationseinheiten und Tochtergesellschaften waren ohne einheitliches strategisches Konzept tätig. Content-Manager, also Redakteure, die übergreifend die Bereiche TV, Radio, Teletext und Online abdecken, wurden nur nach und nach über die Landesstudios eingesetzt. Ansonsten sind Produktionsabläufe in den Redaktionen nicht aufeinander abgestimmt worden. Und übrigens: Etwa ein Fünftel des Personals hat in dieser Zeit von “überaus grosszügigen Einzelverträgen” (Wortlaut des Rechnungshofes) profitiert. Gehaltszulagen von 2.250 € monatlich waren offenbar keine Seltenheit. Ein wilder Dschungel also, dem sich Alexander Wrabetz annehmen musste. Dieser argumentierte dann auch glatt mit dem “journalistischen Pluralismus” um den öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllen zu können. Ein Kritikpunkt des Rechnungshofes aber traf Wrabetz mitten ins Herz: Die Teilung der TV-Hauptabteilung Information. Resultat: Mehr stellvertretende Chefredakteure, Sendungs- und Ressortverantwortliche. Gegenüber 2004 habe sich der Personalstand gar um 13,2 % erhöht. Erstaunlich etwa auch, dass der Bereich Familie/Unterhaltung mit 20,4 % die höchsten Kosten verursacht, mit 12,8 % Sendezeit hinter den Filmen und Serien, dem Sonstigen sowie der Information und Magazinen nur auf Platz 4 liegt, in der Zuschauergunst ebenfalls nur auf Platz 3 zu finden ist! Soweit also der Rechnungshofbericht von 2009.
Wie sich der “Chef” Wrabetz nun auswirkt, ist direkt für Zuseher und -hörer mitzuverfolgen. Seine Schwerpunkte liegen in den “nachhaltigen Programmakzenten zur Stärkung des öffentlich-rechtlichen Profils des ORF” (Alexander Wrabetz). Zum Verstehen von mir subjektiv übersetzt: Direkte Beeinflussung des Programms nach wirtschaftlichen Hintergründen. Dabei kommt so manchem kritischen Betrachter der öffentlich-rechtliche Medienriese allerdings teils privater als die Privaten vor. Formate, die Quote bringen, die Werbeeinnahmen dadurch verheissen, werden somit auf Kosten von Sparten favorisiert. Dies würde nach der Reichweiten-Auflistung  von 2009 bedeuten, dass die Verlierer Sonstiges, Kultur und Filme/Serien in der Versenkung verschwinden müssten. Doch ist dies ganz und gar nicht der Fall! Am Nationalfeiertag starteten zwei neue Sender: ORF III (Kultur und Information) und ORF Sport+. Gecancelt wurde TW1 und der ebenfalls auf dieser Frequenz sendende, bisherige Sport+-Kanal des ORF, der vornehmlich für Randsportarten eingerichtet wurde, jedoch immer häufiger Fussball- und Tennis-Aufzeichnungen bzw. ein Standbild mit Ö3-Radio brachte. Bin nun mal gespannt, ob die Fussball-Sendezeit auf ORFeins dadurch weniger wird. Ist aber nach den ersten Sendetagen zu urteilen nicht zu erwarten! Somit also erneut: Doppelt gemoppelt!
Im Wahlkampf 2011 anlässlich seiner Wiederwahl zog der Herr Generaldirektor auch eine Karte, welche die privaten Stationen einhalten müssen, damit sie überhaupt eine Sendelizenz erhalten: Eigenproduziertes Programm! Herr Wrabetz greift aber bei der Umsetzung offenbar in die Ideen-Trickkiste der Mitbewerber! Ist es möglich, dass ich das Format “Kratky” bereits als “Beckmann im Ersten” kenne? “Die grosse Chance” kommt mit Dieter Bohlen anstelle von Sido auf RTL wesentlich besser (zumindest aufsehenerregender). Auch das zugegebenermassen kongeniale Duo Stermann & Grissemann geht eigentlich auf die Late-Night-Sendungen etwa eines Harald Schmidt zurück. Quotenbrecher “Dancing Stars” ist eine gekaufte Idee der BBC. “Was gibt es neues?” – ich kenne da etwas, das vom ehemaligen Tutti Frutti-Moderator Hugo Egon Balder mit einigen Dezibel mehr aus der deutschen Röhre kommt. Auch eine Kuppelshow gab bzw. gibt es. Wann taucht das neue deutsche Talk-Format Jauch auf? Vielleicht als “Geschichten aus dem Wienerwald” – ähm Verzeihung Parlament? Aus dem Dschungel-Camp könnte etwa “Überleben im Berg” werden (Kommunikation nur mittels Jodeln, damit aus den Gefallenen im zweiten Berufsweg noch etwas werden könnte)! Die Knoff-Hoff-Show könnte als Sitcom aus dem Patentamt neu auferstehen. Es sind ja nur Anleihen! Aufgegriffene Ideen, die überarbeitet und weiterentwickelt werden, sodass auf jeden Fall etwas “Neues” entsteht! Ah ja! Aber: “Bauernfeind” etwa zieht leider nur im Original!
In Deutschland ist grossteils der öffentliche Auftrag in die Dritten oder die Spartenkanäle verschwunden. Offenbar nicht quotenträchtig genug. Doch vergessen sehr viele dabei. dass der grösste Batzen der dortigen GEZ nicht zuletzt aufgrund des öffentlichen Auftrages in die Glaspaläste der Sender verschwindet. Nun ist auch der ORF an der Reihe, dies umzusetzen. So vereint er in ORF III neben Kultur und Information etwa auch Volkskultur, Zeitgeschichte, Regionalität und Religion (meines Erachtens also etwa den kompletten Bildungsauftrag). Deshalb plädiere ich für eine klare Trennung: Werbung für die Privaten und Gebühren für die Öffentlich-Rechtlichen! Und: Weg mit der Zwangsmitgliedschaft ohne Stimmrecht! Dann muss auch beim Staatsfunk im Umgang mit Geld ein wirtschaftlicher Background berücksichtigt werden (obwohl auch ich gerne monatliche Zulagen von über 2.000,- € hätte!). Es gibt in Österreich übrigens ein Präzedenzurteil, wonach sich ein Salzburger TV-Seher die TV-GIS einsparen kann, da er das digitale TV-Programm des ORF nicht mehr empfangen kann! Wäre sicherlich eine Überlegung für all jene unter uns, die schon mal rosigere finanzielle Zeiten hatten und nun die 37 € im Quartal dringend für Brot und Wasser brauchen: Eine Sat-Schüssel, ohne ORF-Karten-Receiver bzw. DVB-T-Tuner! So manches läuft in Deutschland schon lange Zeit, bevor es in Österreich aufgegriffen wird!

PS: Der damalige Informationsdirektor Elmar Oberhauser kam offenbar deshalb ins Straucheln, weil er sich mit den falschen Leuten angelegt hatte. Während des Doping-Skandals bei den Olympischen Winterspielen in Turin gab es anscheinend massive Interventionen der Volkspartei zugunsten des allmächtigen ÖSV-Präsidenten Peter Schröcksnadel. In weiterer Folge bezeichnete laut einem Schreiben Oberhausers an die Vorsitzenden des Stiftungs- und Publikumsrates der aus dem bürgerlichen Lager stammende Publikumsrat Hans-Paul Strobl die Berichterstattung in den ZIB-Sendungen als “Schande für den ORF und für unser Land”! Doch sind gerade diese ZIB-Sendungen das Flaggschiff des ORF und werden dementsprechend via 3Sat gerne auch im Ausland gesehen. Ob nun die Demontage von Oberhauser als direkte, vielleicht gar politisch untermauerte Beeinflussung des eigentlich unabhängigen Programmes angesehen werden kann, dies zu beurteilen, überlasse ich den entsprechenden Experten.

Quellen: Der Standard, Die Presse, Horizont, Kleine Zeitung, Neue Vorarlberger Zeitung, News, ORF, Süddeutsche Zeitung, Vorarlberger Nachrichten, Wikipedia

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Gaddafi – Der Revolutionsführer ist tot

Etwas verworren sind die Meldungen am heutigen Tage noch. Es wird wohl noch einige Zeit beanspruchen, bis Licht in die Sache gebracht worden ist. Fakt ist: Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi ist tot! War es eine eiskalte Exekution oder ein unbeabsichtigter Vorfall!? Die Ermittlungen jedenfalls sind am Laufen. Ob sie Aufklärung bringen werden oder sollen, kann derzeit noch nicht vorhergesagt werden. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat darum gebeten, die Leiche des Machthabers nicht zu vergraben und durch Experten untersuchen zu lassen. Dies aber hat der Übergangsrat abgelehnt. Es wurden Haar- und Gewebeproben entnommen und weitergeleitet. Was mit seinem Körper geschehe sei egal, “Hauptsache er verschwindet!”, meinte Mahmud Dschibril von der Übergangsregierung. Deshalb soll der Leichnam so rasch als möglich an einem unbekannten Ort nach moslemischem Ritus beerdigt werden.
Bereits am Donnstagmorgen soll eine Wagenkolonne aus rund 80 Fahrzeugen versucht haben, Sirte, die Geburtsstadt des langjährigen Machthabers, zu verlassen. Dabei wurde diese von einem französischen Kampfbomber attackiert. Ein Vertreter der US-Truppen betont, dass auch eine amerikanische Drohne des Typs “Predator” (führerloses, ferngesteuertes Flugzeug) eine Rakete abgeschossen haben soll. Einige Fahrzeuge wurden zerstört. Am Donnerstag abend schliesslich soll Gaddafi nach Angaben des Kommandeurs der Vorort-Truppen der Übergangsregierung, Mohammed Leith mit einem Jeep einen erneuten Fluchtversuch unternommen haben. Dabei ist er beschossen worden. Bewaffnet mit einer russischen Kalaschnikow und einer Pistole versteckte er sich offenbar in einem Abwasserkanal. Dort konnte er von den gegnerischen Truppen überwältigt werden. Lebend wurde er in einen Pritschenwagen gesetzt. Anschliessend kam es zu einem Feuergefecht zwischen seinen Anhängern und den Gegnern. Und nun gehen die Aussagen auseinander. Bei diesem Kreuzfeuer soll Gaddafi durch Schüsse in Kopf und ein Bein verletzt worden sein. In einem Krankenhaus in Misrata erlag er schliesslich seinen Verletzungen. Dies wird auch in Video-Aufnahmen im libyschen Fernsehen bestätigt. Eines jedoch gibt Anlass zum Rätseln: Ein Video, aufgezeichnet über Handy, zeigt, wie dem Machthaber eine Pistole an den Kopf angelegt wird. Ob abgedrückt wurde oder nicht ist nicht bekannt!
In Agenturmeldungen wird der Regierungschef der Übergangstruppen Mahmud Dschibril zitiert, dass Gaddafi durch Schüsse in Bein und Schulter verletzt und an einem Kopfschuss im Krankenhaus verstorben sei. Andere behaupten, der Revolutionsführer sei bereits im Krankenwagen verblutet. Leith hingegen meinte, dass er bei der Überwältigung die Verletzungen an Bein und Schulter erlitten habe und danach gestorben sei! Ein Mitglied der Übergangsregierung betont sogar, dass Gaddafis eigene Männer ihn hingerichtet haben – ein Befehl zur Ermordung des Gehassten gab es nicht! Aufnahmen, ausgestrahlt in den beiden Fernsehsendern Al Dschasira und Al Arabija zeigen den offenbar verletzten und blutenden Revolutionsführer inmitten der gegnerischen Truppen. Dann kommt die Pistole ins Spiel. Hier bricht die Aufnahme ab – die weiteren Bilder zeigen, wie er auf einen Pickup gezogen wird. Was geschah also wirklich? Wird jemals die Wahrheit ans Licht kommen?
Reporter berichten, dass die Leiche Gaddafis und seines Sohnes Mutassim in einem Haus bei Misrata liegen sollen. Die Szene gleicht einer Aufgebahrung – hunderte Menschen wollen sich vom Tod Gaddafis überzeugen. Weltweit wird tief durchgeatmet. Auch wenn das Ende dieser sehr blutigen Revolution zwar vorhergesehen werden konnte, aber trotzdem so nicht geplant war, herrscht Erleichterung. In Libyen selbst wird die Befreiung des Landes gefeiert. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon spricht in einer ersten Stellungnahme von einem “historischen Schritt”, US-Präsident Barack Obama vom “Ende eines langen und schmerzvollen Kapitels”, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel von einem “politischen Neuanfang in Frieden”. Apropos – dies ist auch die grösste Befürchtung der internationalen Politik: Dass sich der Übergangsrat nicht durchsetzen kann und eine Gruppierung im Machtrausch dies fortführt, gegen das gekämpft worden ist! Und hier stehen die Industrieländer bereits Schlange: Libyen ist eines der wichtigen erdölexportierenden Länder. Der Westen ist keineswegs daran interessiert, dass der derzeit alles verschlingende Industrie-Moloch China den Fuss in die Tür setzt. Der Übergangsrat gibt als Zeitplan vor: Bildung einer Übergangsregierung innerhalb der nächsten 30 Tage, Einberufung eines Nationalkongresses innerhalb der kommenden acht Monate.
Muammar Muhammad Abdassalam Abu Minyar al-Gaddafi gründete im Jahre 1966 den “Bund freier Offiziere”, mit dessen Hilfe er König Idris während eines Auslandsaufenthaltes am 01. September 1969 – drei Jahre später stürzte. Nach diesem unblutigen Putsch führte er die Militärjunta an. 1977 wurde die “Sozialistische Libysch-Arabische Dschamahiriyya” (Herrschaft der Massen durch einen Basisvolkskongress) ausgerufen. Zwei Jahre später erhob sich Gaddafi selbst zum Revolutionsführer und lenkte ab sofort die Geschicke des Landes diktatorisch. Rundherum wurde ein frenetischer Personenkult aufgebaut. Im Inland zogen seine Schergen alle Register, um keine Opposition aufkommen zu lassen. Gleichzeitig allerdings setzte er Teile der Erdöl-Einnahmen zum Aufbau der Infrastruktur ein, führte die allgemeine Schulpflicht und die Grundversorgung des Volkes ein. Dies und seine Einwanderungspolitik machten ihn auch in Schwarzafrika zum Heiligen. So wurde er von den Königen des Kontinents zum “König der Könige” erkoren. Im Ausland war der Revolutionsführer allerdings sehr umstritten. Immer wieder erfolgten Anschläge auf libysche Dissidenten, die angeblich von ganz oben angeordnet wurden. Anlässlich des 37. Jahrestages der Machtergreifung hat er 2006 öffentlich zur Ermordung seiner politischen Gegner aufgerufen. Nach der Hinrichtung des irakischen Diktators Saddam Hussein im Dezember desselben Jahres gab es eine dreitägige Staatstrauer in Libyen. Unzählige Terroristen-Ausbildungscamps sollen geduldet worden sein, ein Naheverhältnis zur Terrorgruppe Al Kaida war ein offenes Geheimnis. Gleichzeitig allerdings soll eine rege Zusammenarbeit mit westlichen Geheimdiensten bestanden haben, die anscheinend in Tripolis ein- und ausgingen. Zwei libysche Geheimdienstmitarbeiter, die am Pan-Am-Attentat von Lockerbie elf Jahre zuvor beteiligt waren, wurden 1999 an Den Haag ausgeliefert. Auch der Investor Gaddafi war sehr gerne gesehen. Milliarden US-Dollar sollen bis zuletzt auf westlichen Banken gelegen haben, vor allem italienische Unternehmen – aber auch Politiker – erhielten teils riesige Beträge aus der libyschen Staatskasse. Fiat, Ferrari, Iveco, Agip, Tamoil und Juventus Turin – nur einige grosse Namen! Das Geld kann der “neue” Staat nun sehr gut beim Wiederaufbau gebrauchen. Wohin dieser aber steuern wird – das ist das grosse Fragezeichen. Sollte der Übergangsrat besonnen bleiben, so wird es recht bald zu demokratischen Wahlen kommen. Welche Rolle dabei die Islamisten spielen werden, bleibt abzuwarten! Über 40 Jahre Gaddafi-Herrschaft sind nicht so ohne weiteres abzuschütteln. Jene Stammesführer, die in dem 1993 gegründeten Volksführerschaftskomitee einen Sitz hatten, sind es gewohnt, still zu sein, wenn der mächtige Muammar gesprochen hatte.
Ich wünsche dem neuen Libyen auf diesem Wege Besonnenheit, Toleranz,  demokratisches Grundverständnis und eine gewaltige Portion an Humanität. Viel Glück auf den Wegen, die es nun zu beschreiten gilt!

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Auf leisen Sohlen

Er kam schleichend – war aber absolut tödlich! Der Schwarze Tod – die Pest! Diese Woche liess die Wissenschaft aufhorchen: Die Forscher konnten das Genom, also das Erbgut des Pest-Erregers entziffern. Wer nun denken sollte: “Was will er denn nu mit den ollen Kamellen?”, der wird sich wohl sehr schnell wundern, wie uns immer wieder die Vergangenheit einholt.
Mitte des 14. Jahrhunderts brach in Europa die erste bekannte Pandemie aus – die Pest. 25 Millionen Menschen (ein Drittel bis halb Europa) erlagen zwischen 1348 und 1353 dem sog.  “Yersinia Pestis”, einem Stäbchen- Bakterium (benannt nach dessen Entdecker Alexandre Yersin), das durch Flöhe übertragen wird – dem Pulex irritans (der gemeine Menschenfloh) oder nach dem Vektor-Index wahrscheinlicher dem Nosopsyllus fasciatus, der sich auch mal mangels eines Wirtes an andere, wie etwa die Ratte, Hund oder Katze hält. Immer wieder wurde bis in die Gegenwart hinein bezweifelt, dass diese Erkrankung für die Ausrottug ganzer Völker verantwortlich zeichnete. Andere Meinungen beispielsweise gingen von einer Virus-Erkrankung wie Ebola aus. Doch ist inzwischen nachgewiesen, dass eine Krankheit, die heutzutage eigentlich ganz simpel mittels Antibiotika behandelt werden kann, in so viele Häuser den Tod brachte. Die Gefahr geht dabei beim Absterben der Bakterien aus. Hierdurch werden grosse Mengen toxischen Materials in den Blutkreislauf abgegeben. Leber und Niere versuchen zwar dieses vom giftigen Sekret wieder zu reinigen, können dabei allerdings nekrotisch werden, was zu einem toxischen Schock des Opfers und somit dessen Tod führt.
Pandemien breiten sich wellenartig über Kontinente bzw. den Globus aus. Dabei fordert die erste Welle die meisten Opfer. Danach folgen kleinere – aber sehr häufig ebenso gefährliche Nachwellen, die zumeist durch veränderte Erreger ausgelöst werden. Man kann also durchaus sagen, dass die Menschen, die gesund eine erste solche Welle überstehen, nicht unbedingt Glückspilze sein müssen, denn sie können jederzeit davon betroffen werden.
Paläo-Genetiker Johannes Krause (31 Jahre; Juniorprofessor in der Abteilung Urgeschichte und Naturwissenschaftliche Archäologie an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen) und Kirsten Bos von der McMaster University of Canada haben nun mit ihren Teams gemeinsam mit Kollegen aus dem Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie (Leipzig) und der University of South Carolina im Labor DNA-Fragmente aus Knochen und Zähnen von Menschen aus einem der Pest-Massengräber in London East Smithfield angereichert und mit dem heutigen Erreger verglichen. Es war eine wahrhafte Sisyphos-Arbeit. Die meiste DNA stammte von Bakterien und Pilzen, die sich nach der Bestattung angesammelt hatten. Nur etwa 4 % waren menschliche DNA und rund 0,0005 % solche des Erregers. Diese wurde durch sog. “Molekulares Angeln” aus dem anderen Material herausgeholt.
Das erstaunliche Ergebnis: Sehr viel Unterschied besteht dabei nicht! So meint Verena Schünemann aus dem Team Krause, dass der DNA-Unterschied zwischen Mutter und Kind grösser sei als jener zwischen dem mittelalterlichen Pesterreger und den heutigen Mikroben. Der heutige Erregerstamm unterscheidet sich in nicht mal 100 Stellen (Punktmutationen) vom ersten nachgewiesenen. Erst kurz vor dem Ausbruch muss sich dieses Bakterium so verändert haben, dass es auch dem Menschen gefährlich werden konnte. Die exakte Reihenfolge der Gene kann im DNA-Strang des Ur-Erregers nicht mehr ermittelt werden. Schliesslich geht es dabei um nicht weniger als 4,8 Mio Basenpaare, also Einzelbausteine sowie drei unterschiedliche Plasmide (Erbgutringe) mit nochmals zigtausenden Basenpaaren. Der auf den Menschen übertragbare Erreger dürfte in den 80er Jahren des 13. Jahrhunderts entstanden sein – also etwa 70 Jahre vor dem grauenvollen Ausbruch in London. Er entwickelte sich höchstwahrscheinlich vor 2-3000 Jahre aus dem an sich harmlosen Boden-Bakterium Yersinia pseudotuberculosis. Im 14. Jahrhundert mutierte die Mikrobe dann zum Erreger, der auch Säugetiere anfiel. Davon wurden offenbar als erstes Nagetiere befallen. Inzwischen ist nachgewiesen, dass rund 200 unterschiedliche Säugetiere an der Pest erkranken können. Gerade mal 2 solcher Punktmutationen wurden in diesen nicht mal 100 Jahren vor dem Ausbruch festgestellt. Damit ist auch die verheerende Wirkung der Pest erklärbar: Das Immunsystem des Menschen hatte keine Abwehrstoffe gegen die Krankheit. Jene Menschen, die die erste Infektionswelle überlebten, entwickelten Antikörper, die sie vor einer weiteren schützten. So hart es auch klingen mag: Die dafür anfälligsten sind daran gestorben. Die natürliche Auslese der Natur! Später wurden Erkrankte in etwa Pesthäusern unter Quarantäne gestellt. Nur auf diesem Wege ist es erklärbar, dass keine weiteren Pan- oder Epidemien dieses Erregerstammes folgten. Die Erkrankung hatte nach heutigem Forschungsstand nichts mit der sog. “Justinaischen Pest” des 6. bis 8. Jahrhunderts zu tun. Trotzdem gilt die ursprüngliche Pest (Yersinia pestis) keineswegs als ausgerottet. Jährlich fallen der heutigen Form v.a. in Afrika, Asien und den amerikanischen Kontinenten immer wieder Menschen zum Opfer. Die letzte Pestepidemie wurde Anfang August 2009 in der tibetisch/chinesischen Provinz Qinghai festgestellt. Elf Menschen starben an der Lungenpest (Tröpfchen-Übertragung).
Diese Untersuchungen sind deshalb durchaus für die Bekämpfung neuer Krankheiten wichtig. Es kann nachvollzogen werden, wie sich ein solches Bakterium verändert. Auf dieser Basis kann die Pathogenität der Supererreger wie jene von Ebola (Virus), der Lungenpest, Influenza (Virus) oder auch dem E.coli vorausberechnet werden. Dies ermöglicht eine einfachere Bekämpfung bis hin zur Ausrottung des Erregers. Ebenfalls von enormer Bedeutung ist der Übertragungsweg. Die Pest, EHEC oder auch Ebola – seuchenartige Erkrankungen, die allesamt aus dem Tierreich auf den Menschen übertragen wurden (Zoonosen) und deshalb einen solch grossen Schaden verursachten. Welche Wirtstiere gilt es künftig besser zu erforschen, welche Chemotaxis (Übertragungsstoffe) gehören sterilisiert, wie kann therapiert oder im besten Falle eine Prophylaxe (wie auch Hygienemassnahmen) angegangen werden?! Eine Unzahl von Experten, vom Archäologen, dem Genetiker, den Entwicklungsbiologen, Medizinern und Pharmazeuten sind an solchen Prozessen beteiligt. Sie alle haben nur ein Ziel: Wie kann diese Laune der Natur, die natürliche Auslese durch Seuchen – sodass nur die kräftigsten und gesündesten einer Spezies überleben – wie kann dies ausgeschaltet und auch die Schwächeren am Leben erhalten werden.
In vielen mittelalterlichen Städten findet der interessierte Städtetourist die Pestsäulen. Sie stellen die Dreifaltigkeit dar und wurden aus Dankbarkeit von Überlebenden gestiftet. Gleichzeitig sind sie auch ein Mahnmal dafür, dass – egal wie gross der Mensch auch jemals werden wird – es immer noch etwas grösseres gibt! In welcher Form auch immer!?

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Hoch soll’n sie leben, unsere Politiker!!!

Also – mal ganz ehrlich: Irgend etwas mache ich falsch in meinem Leben! Je mehr ich arbeite, desto mehr schröpfen mich der Fiskus und die Kassen! Eigentlich hätte ich ja nichts dagegen, wenn es dem Wohl der Öffentlichkeit oder mir in meinem Lebensalter dient! Dann habe ich direkt oder indirekt wieder etwas davon. Allerdings – so bescheinigt mir auch mein Steuerberater – na ja, die Kohle ist weg! Ein für alle mal – futschicato!!! Ein Teil davon wandert nach Griechenland, mit dem anderen Teil werden Budgetlöcher gestopft und ob ich überhaupt noch eine Pension bekommen werde, steht über unserer Köpfen geschrieben!!!
Ich weiss nicht, welcher Leser dieser Zeilen auch schon die bittere Erfahrung machen musste. Das Geld könnte doch etwas mehr sein, damit sich vielleicht mal ein neues Auto oder ein etwas besserer Urlaub ausgeht (immer nur von 5 Sternen zu lesen, sie aber nicht zu bekommen ist doch langweilig!). Also wird eine sich bietende Chance ergriffen und ein Nebenjob angenommen. Täglich ein bis zwei Stunden zusätzlich – das hat noch niemandem geschadet und zum Hauptabendprogramm im Fernsehen bin ich wieder auf der heimischen Couch zurück! Das grosse Katzengejammere aber kommt dann spätestens im folgenden Jahr bei der Lohnsteuererklärung: Obwohl bei beiden Jobs die Steuern schon abgezogen worden sind, muss nachbezahlt werden, da beide Einkommen nicht eigens betrachtet werden, sondern in einen Topf geschmissen und dadurch eine höhere Steuerklasse erreicht wurde. Da kann man Pech haben und unter dem Strich beinahe weniger als zuvor mit nur einer Arbeit rausbekommen. Und dass die Kassen zweifach abkassieren – tja ist schon längst kein Geheimnis mehr (trotzdem möchte ich hierbei auf ein Wortspiel verzichten)! Also lässt man die Finger von einer zusätzlichen Arbeit oder erledigt diese vielleicht sogar schwarz! Die Volkswirtschaft ärgert sich in beiden Fällen! Ist das nicht irgendwie kontraproduktiv und idiotisch?
Umso erstaunter muss man da schon sein, wenn die Zeitung aufgeschlagen und der Herr Abgeordnete wieder mal im Wirtschaftsteil als Aufsichtsrat des Unternehmens SoUndSo genannt wird oder die Frau Parlamentarierin in Ihrer Funktion als Beraterin des Verbandes UndJetztErstRecht wieder gar weise Sprüche formuliert hat. Wow – so viel soziales und/oder ehrenamtliches Verantwortungsbewusstsein hätte ich den Beiden gar nicht zugetraut! Chapeau!!!
Oh, Du unschuldig wirkender, geistig etwas verwirrter Schöndenker, Du! Verantwortungsbewusstsein – ja, alles andere bitte streichen! Bei den Politikern ist es in etwa wie bei den Sportlern: Die Zeit der Höchstleistungen ist begrenzt! Irgendwann ist Schluss damit – deshalb muss diese kurze Dauer auch als solche gewinnbringend für die restliche Lebenszeit genutzt werden! Schliesslich lebt es sich wesentlich leichter, wenn etwas auf der hohen Kante liegt, auf das man zugreifen kann, wenn man es braucht. Politiker verfügen auch – wie eigentlich jeder Mensch – über eine gehörige Portion Selbstgefallens! Bei manchem ist es stärker ausgeprägt, bei manch Anderem hingegen weniger. Otto Normalbürger wird zumeist in diesem seinem Selbstgefallen eingebremst – hoch lebe deshalb das Ehrenamt! Jene aber, die besser verdienen, können sich auch bessere Steuerberater leisten, die aus so manchem Zusatzeinkommen eine steuerfreie Aufwandsentschädigung für gefahrene Kilometer und Fahrzeit machen! Bitte verstehen Sie, liebe Leser, mich da nicht miss! Es gibt auch Gerüchte, wonach es Politiker geben soll, die ihre kompletten Einnahmen preisgeben. Bei diesen ist es ja umso erfreulicher, dass sie einen solch grossen Arbeitseifer an den Tag legen. Schliesslich finanzieren sie damit auch einen Teil jener Kollegen, die einen guten Steuerberater haben oder dies absichtlich nicht tun!
In Deutschland sorgt derzeit eine Diskussion für einiges Aufsehen, die durch die SPD angezettelt wurde. In einem internen Arbeitspapier (veröffentlicht im Nachrichtenmagazin “Spiegel” war es dann nicht mehr wirklich intern) soll mit den Nebentätigkeiten der Parteigenossen und -innen ein für alle Mal aufgeräumt werden. Die MdBs und MEPs (also Bundestagsabgeordnete und Europaparlamentarier) sollen künftig keine Nebenbeschäftigungen mehr annehmen dürfen. Ein wahrhaft hehres Ziel, das sich die Damen und Herren Gabriel, Nahles, Kraft, Scholz, Schwesig und Wowereit da gesetzt haben.  Damit soll der Politikverdrossenheit und Demokratiedistanz entgegengewirkt werden! Ausserdem nehmen sie ja de facto anderen Menschen den Job weg, wirken durch ihre Nebenbeschäftigung also gegen die Vollbeschäftgiung (Anm. des Schreiberlings). Dabei wird es – sofern dieser Wille geschehe – so manchen Volksvertreter finanziell gar heftig treffen. Hier mal im Vergleich die Grossverdiener 2010 des Dt. Bundestages mit den Ranking-Positionen (nur in Sachen Nebenverdienst; Quelle www.nebeneinkuenfte-bundestag.de):
1. Riester, Walter (SPD) – mindestens 144.500 € – 61 Vertragspartner (!!!), dabei 45 mal Stufe 3 in drei Jahren (zumindest 315.000,- €); der Minister, der für die Altersvorsorge zuständig war, hat sich seine vergolden lassen.
Danach folgen SPD-Parteigenossen bis auf Platz
4. Fuchs, Dr. Michael (CDU/CSU) – mindestens 109.500 €
Ein Gesundheitsexperte der SPD, der gerne lautstark die Ärzteschaft beschimpft, sitzt im Aufsichtsrat der Rhön-Kliniken und agiert als Berater der AOK und der Barmer Ersatzkasse – auch er wird hierfür bestens entlohnt. Und da gibt es noch einen ranghohen FDP-Politiker, an dessen Stuhl in letzter Zeit gerne gesägt wurde. Durch Vorträge und Beratertätigkeiten knackte auch er in den letzten drei Jahren die Viertel-Million-Grenze! Die Ex-Kommunisten haben inzwischen ebenfalls die Vorzüge der freien Marktwirtschaft erkannt. Die Top 4 der Organisationen, welche die meisten Parlamentarier “unterstützen” (Quelle: www.nebeneinkuenfte-bundestag.de):
1. Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen, Bonn (33)
2. ZDF, Mainz (19)
3. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (16)
4. Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., St. Augustin (14)
Diese Diskussion erstaunt doch umso mehr, als normalerweise der Verdienst nach wie vor ein Tabu-Thema ist und gerade Politiker aus ihrer Gehaltspyramide nicht gerne einen gläsernen Tut-ench-Amun-Tempel machen lassen. So erhält beispielsweise jeder Bundestagsabgeordnete eine steuerfreie, monatliche Kostenpauschale in der Höhe 3.782,- € für die Finanzierung eines Wahlkreisbüros und den Reisen im Dienste des Volkes! Zusätzlich zu den Diäten von 7.668,- € – im Monat! Hinzu kommt eine Mitarbeiterpauschale, Reisekostenerstattung (???), Zuschüsse zur Krankenversicherung, Übergangsgelder nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag und ab einem gewissen Zeitraum als unentbehrliches Mitglied des Plenums auch Altersbezüge – vollkommen egal ob wirklich die Rente beantragt wurde. Gutes Geld für’s Zeitunglesen oder Kaffeetrinken in der Bundestagskantine, denkt sich nun manch Einer. Doch – so wird von den meisten Volksvertretern bescheinigt – gehen den Sitzungen im Hohen Haus die Zusammenkünfte in den Arbeitskreisen und Ausschüssen voraus. Psychisch zumeist aufreibende Sitzungen bis in die tiefe Nacht.

Gleiches gilt übrigens auch für die Europaparlamentarierer.
Verdienst: 7.646,99 Euro brutto im Monat
Allgemeine Kostenvergütung: 4.202,- Euro im Monat

Im Österreichischen Nationalrat sieht dies wie folgt aus:
Verdienst: 8.160,- Euro brutto im Monat
Kostenvergütung: Komisch – habe die Recherche nach einiger Zeit abgebrochen, da ich nichts gefunden habe! Auch bei den Nebenverdiensten heisst es im Alpenstaat – Schweigen ist Gold!!!

Die Bestverdiener sind die Italiener:
Verdienst: 5.419,- Euro netto
Sitzungsgelder: 4.000,- Euro
Allgemeine Spesenpauschale: 4.190,- Euro
Entschädigung für Reisen und Telefonate: 850,- €
Reisen mit Bahn, Schiff oder Flugzeug sind kostenlos!
Bei den Nebenbeschäftigungen möchte ich nur auf den grossen Silvio Berlusconi verweisen, ohne dabei alle über einen Kamm scheren zu wollen!

Unglaubliche Zahlen, angesichts derer jeder sicherlich nicht lange zögern und sofort den Weg in die schwergewichtigsten Sitzungssäle dieser Welt suchen würde, wenn dieser nicht so gut abgeschottet wäre. Aussenstehende tun sich unheimlich schwer, in den erlauchten Kreis zu kommen! Also muss geduckmäusert und/oder bauchgepinselt werden. Und hier ist das eigentliche Übel zu finden: Durch dieses ständig bückende Verhalten dieser ganz besonderen Spezies des homo sapiens sapiens politicus ist es nurmehr sehr schwer, Führungspersönlichkeiten zu finden, die etwas in der Politik bewirken können und diese auch für die Wähler wieder interessant machen könnte!
Aber – bevor ich hier nun abschweife – wieder zurück zum Thema. Die SPD möchte also die Nebentätigkeiten abschaffen. Find’ ich gut, denn so mancher Politiker fehlt auf Bundestagssitzungen, weil er gerade einer dieser Nebenbeschäftigungen nachgeht! Für die Teilnahme an solchen Sitzungen oder in den Ausschüssen erhalten die Damen und Herren jedoch ein meines Erachtens fürstliches Honorar mit allen Annehmlichkeiten – 14 mal im Jahr! Da kann ich mir dann auch täglich die FAZ, die Süddeutsche und die Welt kaufen, damit mir während der langen Reden der Kollegen nicht langweilig wird. Und der Kaffee in der Parlamentskantine ist ja ohnedies günstiger, als jener, den ich mir selbst zuhause aufbrühe!
Wie bereits schon angesprochen: Wird das Ganze offiziell geführt und versteuert, so freuen sich die anderen Steuerzahler, dass hier vor dem Grundgesetz nicht jemand als gleicher gegenüber der anderen eingestuft wird. Zum besseren Verständnis – zwei kleine Beispiele aus der 16. Legislaturperiode des Deutschen Bundestags: Ein Abgeordneter der SPD gab zwar Nebenbeschäftigungen an, meinte aber, dass er bei keinem dieser Jobs mehr als 1.000,- € verdiene. Nach dem Drei-Stufen-System verfügt er alsdann über ein Mindest-Einkommen aus Nebenbeschäftigungen in der Höhe von 0,- €.  Aber hallo!!! Damit sind wir mitten drin – im deutschen Nebeneinkünftegesetz. Eines gleich vorweg: Dieses Gesetz berücksichtigt keinerlei Ausgaben – macht somit auch keinerlei Unterscheidung in Brutto- und Netto-Bezüge! Somit kann das Netto-Einkommen tatsächlich nur erraten werden. Als Beispiel sei hier ein Abgeordneter der CDU angeführt. Offiziell wurde ein Mindest-Nebeneinkommen von 56.000,- € angegeben, nach Schätzungen eines Wirtschaftsmagazins dürfte er allerdings tatsächlich rund 250.000 in diesem Berechnungsjahr verdient haben – zusätzlich! Durchaus förderlich ist es da beispielsweise auch, wenn von der Stufe 2 (monatlich) des Nebeneinkünfte-Gesetzes auf die Stufe 3 (jährlich) gewechselt wird! Damit ist diese Offenlegungspflicht von Abgeordneten in Deutschland ja recht nett und schön – jedoch absolut nichtssagend! Auch hierzu ein Beispiel: Ein(e) Abgeordnete(r) vom Bündnis 90/Die Grünen verdiente im Schnitt 2006 1.594,- € hinzu, ein Jahr später sollen es nurmehr 56,- € gewesen sein! Kann dies stimmen??? So nebenbei erwähnt: Im Durchschnitt verdiente jede(r) der Bundestags-Volksvertreter im Jahr 2006 890,- € monatlich dazu! Eine durchaus stattliche Summe bei 622 Abgeordneten!
Haben nun Herr und Frau Abgeordnete mit diesem Nebeneinkünfte-Gesetz ein für sie sehr wohlwollendes, dehnbares Gummigesetz verabschiedet? Ja durchaus! Dieses 26. Gesetz zur Änderung des Abgeordnetengesetzes sieht vor, dass Abgeordnete Nebenbeschäftigungen von mindestens 1.000,- € (pro Monat) bzw. 10.000,- € (pro Jahr) angeben müssen. Je nach Verdienst werden sie dann in
die Stufe 1 (1.000 – 3.500,- €)
die Stufe 2 (3.500 – 7.000,- €)
und die Stufe 3 (über 7.000,- €) eingeordnet.
Das Gesetz wurde 2005 verabschiedet – bereits ein Jahr später haben neun Abgeordnete dagegen eine Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Sie begründeten dies als “unzulässigen Eingriff in die Berufsfreiheit und die Unabhängigkeit des Abgeordnetenmandats”. Ich sag’ nun erstmal gar nichts dazu! Die Klage wurde mit richterlicher Stimmengleichheit (vier zu vier Stimmen) abgewiesen.
Viele der Politiker agieren dabei als Berater, Beistände oder in Aufsichtsräten von Unternehmen und Banken. Dass es dabei so manche Interessensverflechtungen zwischen den Funktionen geben könnte, ist nur ein leiser Gedanke des Autors. Gerade in Österreich ist das Wort “Lobbysmus” in aller Munde. Immer mehr und immer grössere bislang geheime Fakten werden dort auf den Tisch gelegt. Immer mehr Politiker treten zurück oder sollten dies tun – bei voller Streichung ihrer Annehmlichkeiten in dieser Funktion oder Ex-Funktion! In Deutschland hat sich auf www.lobbycontrol.de eine Gruppe von Akademikern (zumeist Politikwissenschafter und Volkswirte) zusammen getan, um eine möglichst grosse Transparenz in diesen Nebenbeschäftigungsdschungel zu bringen.  So konnte 2009 der Bahnskandal aufgedeckt werden, drei Jahre zuvor wurde nachgewiesen, dass mehrere hundert Lobbyisten einen Schreibtisch in den bundesdeutschen Ministerien hatten!
Natürlich gilt für jeden die Unschuldsvermutung! Wie meinte doch Papst Benedikt XVI. vor dem Bundestag: Die Politiker sollten sich wieder auf ihre eigentliche Arbeit und Funktion konzentrieren – Herr und Frau Abgeordnete zollten dieser Rede zumeist stehenden Applaus! Sehr viele taten sich allerdings sehr schwer beim Aufstehen, was nicht unbedingt auf ein körperliches Manko zurückzuführen ist. Ich bin für eine Offenlegungspflicht – allerdings nicht aufgrund eines solchen Gummiparagraphens. Die Wähler sollten schliesslich erkennen können, wer es mit dem Mandat ernst meint und wer auf seinen eigenen Vorteil erpicht ist! Was ein Politiker nach seiner aktiven Laufbahn macht, als Eremit in den Bergen oder auf einem Versorgungsposten in der Wirtschaft, das ist dann seine private und persönliche Entscheidung. Was er allerdings als gewählter Volksvertreter anstellt, das sollte bekannt sein. Damit auch wieder ein besseres Licht auf die Politik fällt! Und ja: Ich bin neidisch! Aber nicht auf den Verdienst der Damen und Herren! Sondern vielmehr auf die Unverfrorenheit, mit welcher Coolness die Steuerzahler abgezockt werden!
PS: Die Zahlen und Quellen, auf welchen dieser Blog beruht, sind jederzeit im Internet für jedermann frei zugängig!

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