Archive for Oktober, 2012

Todesfahrer auf der Autobahn

Ich kann es nicht leugnen: Als ich für diesen Blog recherchierte, lief es mir eiskalt den Rücken runter! Vor Jahren kam ich selbst auf der Brenner-Autobahn/Tirol in einen Unfall. Es handelte sich allerdings nicht um einen Geisterfahrer-Crash. Ein PKW-Lenker wollte die Spur wechseln, übersah jedoch dabei ein überholendes Fahrzeug. Der Lenker dessen krachte gegen die Leitplanke. Während er und die beiden Kinder zwar verletzt aber doch geborgen werden konnten, durchbohrte die Mittelleitschiene ein Bein der Mutter am Beifahrersitz – es musste amputiert werden. Ausserdem verlor sie ihr ungeborenes Kind. Ein solches Bild vergisst man nicht so schnell. Zudem war ich damals auch an drei Tagen der Woche auf der Autobahn unterwegs. Als ich die Videos anschaute, kamen all die Erinnerungen wieder hoch.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1570920/Zusammenprall-mit-Geisterfahrer#/

Wie es der Zufall will, hörte ich im Oktober gleich zweimal des nächtens eine Geisterfahrermeldung, die sich dann beide als Horrorcrashes erwiesen. Anfang des Monats (04. Oktober) in Oberfranken – auf der A 73 nahe Hirschaid, bei welchem drei Menschen um’s Leben kamen und am vergangenen Wochenende auf der A 46 bei Meschede. Bilanz: Fünf Todesopfer! In beiden Fällen kamen die Geisterfahrermeldungen leider zu spät. Etwa eine Stunde vor dem ersten Unfall in Oberfranken wurde die 31-jährige Frau noch nackt beim Tanken und Klauen eines Sixpacks Mineralwasser gefilmt. Dabei soll sie dem völlig überrumpelten Kassier zugeschrieen haben: “Ich bin von Gott!” Die Polizei geht von einem psychischen Ausnahmezustand aus, der vielleicht in einem zuvor geführten Streit mit ihrer Mutter begründet war. Bei zweiterem Unfall jedoch dürfte Suizid die Ursache gewesen sein. Bremsspuren waren keine festzustellen – die beiden Fahrzeuge knallten also ungebremst aufeinander! Zudem ergab die Begutachtung des Unfallortes, dass das Fahrzeug mit den vier unwissenden Insassen auf der rechten Fahrspur fuhr! Eine Wahnsinnstat, die mir partout nicht in den Kopf will: Weshalb soll ich bei meinem Selbstmord unschuldige Menschen mit in den Tod nehmen?! Die können ja schliesslich am wenigsten dafür, dass ich mein Leben nicht in den Griff bekommen habe und deshalb feige aus diesem scheide (schwere, unheilbare Krankheiten ausgeschlossen – jedoch nicht auf diese Art!). Psychiater, die sich mit dem Thema intensiver befassen, nennen vornehmlich zwei Gründe: Verschleierung der wahren Suizid-Hintergründe oder Inszenierung des eigenen Abganges. Zweiteres ist immer wieder auch bei Amokläufern zu erkennen. Dadurch soll darauf hingewiesen werden, dass die Umwelt dem Betroffenen ein grossen Unrecht zugefügt hat. Experten sprechen vom F60.8 im ICD 10 oder einer Cluster-B-Störung nach DSM-IV – einer narzißtischen Persönlichkeitsstörung. Perfekt übrigens durch Michael Douglas auf die Leinwand gebracht (“Falling down”). Auslösender Reiz war dessen Kündigung. Durch einen aufwendigen oder aussergewöhnlichen Selbstmord versucht der Betroffene ein letztes Mal Aufmerksamkeit zu erhaschen. Das gekränkte Ego soll mit einem lauten Knall besänftigt werden. Beim Geisterfahrer in Meschede durchaus der Fall: In seiner Abschieds-SMS schrieb er, dass Eheprobleme die Ursache für dieses grausame Tun darstellten – es war eine letzte, beschuldigende Nachricht an seine Frau! Die Anderen – Pech: Zur falschen Zeit am falschen Ort! Eine Studie der Universität Würzburg zeigt beispielsweise auf, dass sehr viele, die schon einmal einen Suizid-Versuch unternommen haben, bei Verkehrsunfällen um’s Leben kommen. Gibt es etwa einen kausalen Zusammenhang? Verkehrsexperten sind sich hier einig: Gegen Amokfahrer helfen keine Hinweisschilder, keine Fangnetze und keine hochfahrende Barrieren. Sie finden immer eine Möglichkeit.
Das deutsche Bundesverkehrsministerium zählt jährlich rund 1.700 Falschfahrer, der ADAC geht von 2.000 aus. Tendenz: Gleichbleibend. In Österreich wurden im Jahr 2008 497 Geisterfahrermeldungen durch den bundesweiten Radiosender Ö3 on air gebracht – 2010 waren es noch 402(auf den österreichischen Autobahnen verstarben seit 1987 bei solchen Unfällen 105 Menschen). Auch im Alpenstaat somit leider konstant! Falschfahrer durchbrechen den Vertrauensgrundsatz. Deshalb sind solche Unfälle zumeist die schlimmsten. Blutige Oktoberbilanz: 12 Tote auf Deutschlands Autobahnen – und der Monat ist noch nicht vorbei. Doch nicht immer steckt ein Selbstmordversuch dahinter. Im Folgenden wollen wir dies etwas genauer beleuchten.
Bei einem Unfall auf der A 1 in Rheinland-Pfalz (ein Vater und zwei Kinder starben), behauptet die Unfalllenkerin, eine 60-jährige Frau, nach wie vor felsenfest, dass ein Monster sie verfolgte. Unfassbar ist auch der Anruf einer Lenkerin von der A8 (Salzburg-München). Sie meldete am 17. März 2006, dass ihr “jede Menge Geisterfahrer” entgegenkämen. Die Polizei konnte die Frau stoppen – offenbar hatte die psychisch Verwirrte ihre Medikamente nicht genommen.

https://www.youtube.com/watch?v=lUi9c-boS0M

Riesige Autobahnkreuze machen es so manchem Autofahrer nicht unbedingt einfach. Einmal falsch abgebogen befindet sich die nächste Abfahrt mit viel Glück schon nach nur 10 Kilometern, sehr häufig jedoch sind es mehr. Panik greift um sich. Dabei geht es weniger um die verlorene Zeit und das Mehr auf dem Kilometerstand. Vielfach setzt das logische Denken des Einzelnen aus – es wird schlicht und einfach umgekehrt.
Auch Baustellen können dies verursachen. Als auf der A3 bei Würzburg gebaut wurde, bog auch ich falsch ab und befand mich plötzlich auf der Route Nürnberg-München (A 9), obwohl ich in Richtung Ulm-Lindau (A 7) musste. Sh… happens!, dachte ich mir und wartete auf die nächste Abfahrt. Fazit: 25 km mehr! Doch wäre mir niemals ein Umkehren oder Rückwärtsfahren auf dem Pannenstreifen in den Sinn gekommen.

http://www.myvideo.at/watch/3178323

Für solche orientierungslose Autofahrer haben die Verkehrsplaner extra grosse Hinweisschilder an besonders schwierigen Stellen angebracht. Doch helfen diese bei Nebel oder schlechter Sicht durch starken Regen oder in der Nacht ebenso wenig. Hier können Navigationsgeräte recht sinnvoll sein. Allerdings sollte man auch diesen nicht unbedingt blind vertrauen, so wurde beispielsweise eine Lenkerin zum Umdrehen aufgefordert – mitten im Tunnel (und sie tat es auch noch!!!).

Ein weiterer Grund ist Alkoholeinfluss bzw. Drogenkonsum. Oder auch eine Mutprobe/Stammtischwette. Hintergründe, die an einer grundsätzlichen Fahrtauglichkeit eines Autofahrers zweifeln lassen. Denn: Gemäss § 315 c StGB ist das Falschfahren in Deutschland eine Gefährdung im Strassenverkehr und stellt einen Angriff auf das Leben anderer dar. Das Urteil lautet auf Freiheitsentzug bis zu fünf Jahre bzw. eine Geldstrafe und der Entzug der Fahrerlaubnis (Führerschein). In Österreich ist dies nach § 177 StGB fahrlässige Gemeingefährdung (1 Jahr Freiheitsentzug, hohe Verwaltungsstrafen und Entzug der Lenkerberechtigung), in der Schweiz nach Art. 90 Satz 2 Strassenverkehrsgesetz ein abstraktes Gefährdungsdelikt und bringt bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe. Kommt es zu einem Unfall, so greift noch jeweils eine Vielzahl an anderen Gesetzen.

https://www.youtube.com/watch?v=6C5PKTs4sqQ&feature=endscreen&NR=1

Wie aber kann nun der Strassenerhalter bei solchen Lenkern reagieren, die nicht nur schwerwiegend gegen geltende Gesetze verstossen, sondern auch die Hoffnung auf einen gesunden Menschenverstand verpuffen lassen. 2009 und 2010 wurden Versuche mit Fangnetzen absolviert. Hier dachten zuerst die Verantwortlichen, auf das Ei des Columbus gestossen zu sein. Stellte sich jedoch dann doch nicht als die Lösung schlechthin dar. In Österreich wurden sog. “Krallen” an exponierten Stellen angebracht. Diese werden bei Druckkontakt durch falsches Auffahren ausgefahren und zerstörten die Reifen. Solche Metallzacken kommen auch in den USA und der Türkei zum Einsatz. In dieser Hinsicht sehr effektiv. Was jedoch, wenn Feuerwehr- oder Rettungsdienste auf einem gesperrten Teilstück entgegengesetzt auffahren müssen? Daneben kam es durch Eis oder Schnee zu Funktionsausfällen. Der deutsche Bundesverkehrsminister, Dr. Peter Ramsauer (CSU), lehnt diese Massnahme zudem aus Kostengründen ab: Rund 2.000 Auffahrten, hinzu kommen Parkplätze und Raststationen – ein unmögliches Unterfangen! Im Alpenstaat sowie auch in Bayern setzt man deshalb seit 1997 auf übergrosse Warntafeln. Sie sollen zumindest die unachtsamen oder orientierungslosen Kraftfahrer am Weiterfahren hindern. Auf der Rückseite ist Werbung angebracht, die normalerweise im Autobahn-Bereich verboten ist, jedoch die Hinweistafeln finanzierte. Der normale Autolenker sieht also die Werbung, der Falschfahrer hingegen die grosse Hand mit dem Fahrverbotsschild. Immer mehr kommt auch das “Ghost Rider Information System” (GRIS) zur Diskussion. Durch elektronische Sensoren sollen Geisterfahrer bereits an den Auffahrten ertappt und direkt an die Exekutive bzw. den Verkehrsfunk gemeldet werden.
Wie reagiere ich – als normaler Autobahn-Benutzer! Wichtig ist zu allererst, dass der Verkehrsfunk aktiviert ist. RDS bietet hierzu das TP (Traffic Programme) in Ihrem Autoradio. Ist beides aktiviert, so können Sie durchaus auch CD hören – bei Verkehrsmeldungen wird unterbrochen. Wird nun tatsächlich eine Geisterfahrermeldung durchgegeben, sollte so rasch als möglich die äusserst rechte Spur aufgesucht und das Tempo gedrosselt werden. Der Abstand zum Vordermann sollte erhöht und im besten Falle ein Parkplatz bis zur Entwarnung angefahren werden.

Passiert dann tatsächlich ein Fahrzeug in verkehrter Richtung, bleibt das Herz des Fahrers erstmal kurz stehen: “Was wäre geschehen, wenn ich nun überholt hätte?!” Sehen Sie zwei Lichter auf sich zukommen, so können Sie die Lichthupe betätigen – doch auf gar keinen Fall aufblenden. Dadurch könnte der Falschfahrer die Sicht verlieren. Sollte es ihnen selbst nun geschehen sein (durch einen Verkehrsunfall etwa), dass sich das Auto gedreht hat, muss die Warnblinkanlage eingeschaltet und der nächste Fahrbahnrand aufgesucht werden. Niemals die Fahrbahn kreuzen oder rückwärts fahren bzw. wenden. Ansonsten empfiehlt die Polizei, das Fahrzeug an der Mittelleitplanke stehen zu lassen. Die Insassen sollten sich auf den Grünstreifen retten und sofort die Polizei alarmieren.
In Österreich wurde mit dem Gefahrenzeichen “Achtung Falschfahrer!” (StVO § 50 Abs. 14a) unter dem damaligen Infrastrukturminister Hubert Gorbach (FPÖ) auch eine Hinweistafel aufgenommen, die etwa durch das Overhead-Autobahn-Informationssystem oder Wechselverkehrszeichenanlagen direkt an den Lenker weitergegeben werden kann.

Weniger Probleme mit Falschfahrern haben mautpflichtige Autobahnen wie jene in der Schweiz, Italien oder auch Frankreich. Und übrigens: Die meisten der Geisterfahrermeldungen sind Scherze. Die Polizei in Deutschland geht davon aus, dass nur rund 300 pro Jahr ernstzunehmende Meldungen sind. Herzlichen Dank an all die Scherzbolde, die eine Notfall-Einrichtung, die Leben retten kann, derart missbrauchen.

Factbox:

Die Hauptursachen für Geisterfahrten in Österreich
Alkoholisierung (50 %)
Überforderung (30 %)
Bewusstes Wenden auf der Fahrbahn (27,4 %)

Geisterfahrten beginnen:
Im Einmündungsbereich (44 %)
Absichtliche Wendemanöver (27 %)
Im Übergangsbereich, auf Abschnitten ohne/mit Mitteltrennung (16 %)
Von einer Raststation (6 %)
Vom Parkplatz (3 %)
Andersweitig

Der durchschnittliche Geisterfahrer:
Männlich 83 %
Zwischen 21 und 40 Jahren 45 %
Zwischen 18 und 02.00 Uhr unterwegs

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Macht endlich Schluss mit der Atomenergie

Unglaublich – da muss man sich doch glatt wundern, dass hierzulande bislang noch nichts geschehen ist: Wir sitzen auf einer atomaren Zeitbombe! Als Anfang Oktober der Atomkraftwerke-Stresstest der EU-Kommission veröffentlicht wurde, kam das zum Vorschein, was sehr viele bereits vorher kritisiert haben: Europas Atomkraftwerke sind alles andere als sicher!
Am 11. März 2011 erschütterte eines der bislang schwersten, in der Chronik niedergeschriebenen Erdbeben die japanischen Inseln. Gefolgt von einem Tsunami unglaublichen Ausmasses wurde das Kaiserreich in die grösste Naturkatastrophe seit Aufzeichnungsbeginn gesogen. Damals konnte noch niemand erahnen, dass dies einen Supergau – den grössten in der Geschichte nach Tschernobyl – auslösen sollte. Doch einige Tage später, war es bittere Gewissheit! Und die Langzeitfolgen sind noch nicht abzuschätzen!

(Quelle: Geomar)

Und jetzt – eineinhalb Jahre nach dem schlimmsten Ereignis nach dem Atombombenabwurf von Hiroshima und Nagasaki ist es ebenfalls bittere Gewissheit, dass das Volk hinter’s Licht geführt wurde. Das Atomunglück von Fukushima wäre offenbar vermeidbar gewesen, hätte der Betreiber Tepco zuvor die unter den Teppich gekehrten Sanierungen durchgeführt oder das AKW geschlossen. In einem dieser Tage veröffentlichten Bericht einer Sonderkommission unter der Leitung des Konzernchefs Naomi Hirose heisst es, dass die Sicherheitsmassnahmen deshalb nicht durchgeführt worden sind, da man eine Explosion der Anti-Atomstimmung vermeiden wollte, die ausgelöst worden wäre, wenn aufgezeigt wurde, dass Kernkraftwerke nicht sicher sind (“Grundlegende Richtlinien für die Reform der Tepco-Atomstrom-Organisation”). Fukushima wäre sicherlich sofort geschlossen worden, hätten Tsunami-Risikostudien den Weg an die Öffentlichkeit gefunden. Standards wurden nicht eingehalten, Mitarbeiter nicht notfall-geschult. Zu diesem Ergebnis kam auch bereits im vergangenen Sommer ein Untersuchungsausschuss der Regierung. Die atomare Katastrophe sei eine “von Menschen verursachte Katastrophe” gewesen. Nicht zuletzt deshalb hat auch die Regierung entschieden: Japan werde bis 2040 aus der Atomenergie aussteigen. Dies setze allerdings voraus, dass zumindest 10 % des Stromverbrauches eingespart wird. Alter Schwede: Leicht realisierbar, wenn auf der Ginza in Tokio jede zweite Lampe rausgedreht würde. Dem Energieriesen Tepco jedoch fehlen jetzt die Mittel dazu, erneuerbare Energien zu forcieren.
Dieses Unglück von Fukushima begründete den Beginn einer schpn längst fälligen, intensiven weltweiten Diskussion. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel führte eine 180-Grad-Kehrtwendung durch: Schliessung der deutschen Atommeiler so rasch als möglich – erst wenige Monate zuvor gab es noch innige Handshakes mit der Atomlobby. Einige AKWs blieben gleich nach ersten Sicherheits-Untersuchungen geschlossen. Die anderen werden nach und nach vom Netz genommen. Damals hiess es noch, die deutschen Kernkraftwerke seien sicher. Jetzt wird dieses Ammenmärchen durch den Stressbericht der EU-Kommission unter Energiekommissar Günther Oettinger Lügen gestraft. Sicherlich – die Befürchtung, dass ohne ein zuvor eingetretenes Ereignis eine Kernschmelze eintreten könne, kann hoffentlich beiseite gelegt werden, gelten doch zumindest in Deutschland und der Schweiz recht hohe Sicherheitsstandards. So meinte auch Oettinger bei der Präsentation, dass die Situation “generell zufriedenstellend” sei. Doch müssten die nationalen Sicherheitsbehörden darauf drängen, dass die höchsten Sicherheitsstandards eingehalten werden sollen – “Um der Sicherheit unserer Bürger willen!”
Die Stresstests wurden in dreifacher Hinsicht durchgeführt: Erdbeben, Überflutung und Flugzeugabsturz. Jeder Stresstest wurde in drei Module aufgesplittet:
- Bewertung durch den Kraftwerksbetreiber
- Prüfung durch die nationalen Aufsichtsbehörden und verfassen von Länderberichten
- Analyse der Berichte und Peer-Reviews (Vorort-Begehung durch internationale Experten-Teams)
145 Kernreaktoren in 14 Ländern wurden überprüft (47 davon stehen in dicht besiedelten Gebieten mit mehr als 100.000 Einwohnern in einem Umkreis von 30 Kilometern).

http://www.netcult.ch/elmue/gp/atomenergie-akws.gif
(Quelle: www.netcult.ch)

Die nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl aufgesetzten Vorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zur Risikoeinschätzung werden nur von 54 AKWs (Erdbeben) bzw. 62 Kraftwerken (Überflutung) eingehalten. Auch fehlen an 121 Standorten Seismographen zur Messung der Erdbebenstärken. 32 Reaktoren verfügen über keine mit Filtern ausgestatteten Abluftsysteme, um den Druck im Reaktor ausgleichen zu können. Die EU wird nun Richtlinien aufstellen, die national umgesetzt werden sollen. Empfehlungen und Nachrüstungen sollen im Sommer 2014 durch Spezialisten vorort kontrolliert werden. Sie haben ein Ausmass von 10 bis 25 Milliarden € – wobei alleine 40 % davon auf die französischen Kraftwerke entfallen. Das Krisenmanagement soll genauer vorbereitet und geschult werden. Politiker zeigen sich gleichermassen überrascht aufgrund des Verbesserungsbedarfs.
Was nun brachte die Überprüfung in Deutschland, der Schweiz und in den Anrainerstaaten von Österreich, da im Alpenstaat ja nur ein Versuchsreaktor steht. Quer durch die Bank sollten Ersatz-Kontrollräume errichtet werden (für den Fall, dass der Hauptkontrollraum ausfällt). An allen Meilern muss irgendetwas nachgerüstet werden – so etwa in den norddeutschen Kraftwerken Brokdorf, Brunsbüttel und Grohnde Erdbebenwarnsysteme (die anderen sind inzwischen vom Netz genommen worden). Sicherer werden sie dadurch zwar nicht, jedoch können Erdbeben vorzeitig wahrgenommen und die Anlage ausgeschaltet werden. Erschütterungen könnten den beiden Anlagen Isar und Grafenrheinfeld schwer zu schaffen machen.
Politisch wird unterschiedlich reagiert. Die Grünen kritisieren, dass den Flugzeugabstürzen zu wenig und etwaigen Terroranschlägen gar keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dies weist Oettinger zurück: Bei Terror oder etwa auch Cyberattacken habe die EU kaum Kompetenzen – diese liegen bei den Ländern (Krisenszenario). Aus dem deutschen Bundesumweltministerium heisst es inzwischen: Weshalb soll Deutschland jetzt noch stark nachrüsten, wenn dies die Franzosen nicht machen (Bundesumweltminister Peter Altmaier von der CDU). Die Nachrüstungen sind vorerst noch nicht verpflichtend! Altmeier geht es dabei vornehmlich um die französischen Meiler im Grenzgebiet zu Deutschland, wie etwa in Cattenom, wo immer wieder von Pannen die Rede ist. In der Grande Nation brüskiert man sich hingegen: Die Tests seien nicht mit den französischen Aufsehern abgesprochen gewesen!
Deutschland gilt eigentlich nicht als erdbebenaktive Zone, da es mitten auf der eurasischen Platte liegt. Pro Jahr werden trotzdem mehrere hundert Beben gemessen, die jedoch grossteils dermassen schwach sind, dass man sie nur mit Messgeräten deutlich machen kann. Trotzdem ist eine Schwachstelle der Oberrheingraben an der Grenze zu Frankreich, der bei grossem Spannungsdruck der tektonischen Platte aufbrechen kann. Ein Epizentrum liegt zudem immer wieder in Albstadt bei Tübingen. Diese Region zählt zu einem sog. “Bruchsystem”, das vom Bodensee bis nach Stuttgart führt. Die beiden letzten Erdbeben wurden hier 1911 (Magnitude von 6,1) und 1978 (5,7) registriert, die auch grosse Schäden verursachten.
Anlass zur Sorge gibt es in Tschechien und der Slowakei. In allen Kraftwerken fehlen Schutzvorrichtungen gegen Gasexplosionen (Wasserstoff) sowie Filter, die den Austritt von Radioaktivität verhindern sollen. Eine solche Explosion von Fukushima:

(Quelle: Magnetmike – YouTube)

Zu diesen AKWs zählen auch Dukovany und Temelin (in Tschechien) bzw. Mochovce und Bohunice (in der Slowakei). Sie befinden sich innerhalb 100 bis 150 km von der österreichischen Grenze entfernt. Deshalb wird der Umweltminister des Alpenstaates, Nikolaus Berlakovich, die Nachrüstungen einfordern.
Die Schweiz zählt zwar nicht zur EU, hat sich aber trotzdem am Stresstest beteiligt. Im Vergleich zu den EU-Stresstestdaten schneiden jedoch die Anlagen in Beznau, Gösgen und Mühleberg sehr gut ab, einzig Leibstadt erhielt die Empfehlung zur Nachbesserung des Wasserstoffmanagements. Bei den Eidgenossen gehören beispielsweise gebunkerte Notstandsysteme und -dieselgeneratoren ebenso zum Standard wie mobile Generatoren und Pumpen. Dies alles ist Bestandteil der sieben Safety-Layers, Sicherheits-Ebenen, die lobend in den Ausführungen des Stresstests hervorgehoben wurden. Die AKW-Betreiber müssen nachweisen, dass sie Aktionspläne für 10.000-Jahres Erdbeben oder Überflutungen besitzen. Die Anforderungen liegen dabei zumeist über den Erfordernissen des EU-Stresstestes. Vorbildliche Standards, die eigentlich für die ganze EU gelten sollten.
Fazit des Stresstests: Atomstrom ist und bleibt gefährlich! Um ihn etwas sicherer zu machen, bedarf es grosser finanzieller Anstrengungen, die sich nicht zuletzt im Strompreis niederschlagen werden. So meinte Oettinger, dass er kein Strom-Preisdumping auf Kosten der Sicherheit haben möchte. Auch die Einführung einer Pflichtversicherung (wie von Oettinger gefordert) könnte sich entsprechend auf den Strompreis auswirken. Das Leben wird also auch mit “billigem” Atomstrom erneut teurer! Weshalb dann noch Kernenergie???

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Ein Lichtblick oder unsere aller Rettung?!

Eigentlich sind wir es ja bereits gewohnt: Wenn es um die Erde, das Klima und den Umweltschutz geht, könnte einem das grosse Heulen kommen! Eine Negativmeldung nach der anderen und trotzdem machen die wenigsten etwas dafür, dass es besser werden könnte. Ich bin nur ein ganz kleines Rädchen, wenn die anderen das nicht tun – weshalb soll ich mich dann aus dem Fenster lehnen!? Leider muss da immer mehr die staatliche Kontrolle mittels Gesetzen eingreifen. So auch vor nunmehr 25 Jahren geschehen. In den 70er Jahren entdeckte eine Forschungsgruppe des British Antarctic Survey (BAS) oberhalb der Halley Bay Station einen starken Rückgang des Ozons in der unteren Schicht der Stratosphäre. Mitte der 80er-Jahre trauten die Wissenschaftler ihren Augen nicht mehr. Die Werte waren dermassen niedrig, dass Ersatzgeräte gebaut wurden, die jedoch die Ergebnisse bestätigten: Über der Antarktis war ein riesiges Loch in der schützenden Ozonhülle.

(Quelle: NASA)

Andere Wissenschaftler beruhigten hingegen: Die TOMS-Daten zeigten dieses Loch nicht an (das “Total Ozone Mapping Spectrometer” ist eine satellitengestützte Messmethode, das die Ozonkonzentration aufgrund des rückgestreuten Sonnenlichtes errechnet). Kein Wunder, waren doch die Ozonwerte dermassen niedrig, dass sie als Mess-Fehler aus den Rohdaten gestrichen wurden. 1994 wurde nurmehr die Hälfte des Wertes aus den 70er Jahren gemessen.
Unsere Atmosphäre besteht aus drei Schichten:
- der Troposphäre, in welcher wir leben, das Wetter geschieht,…
- der Tropopause
- der Stratosphäre
Das Ozon (O3) ist natürlicher Bestandteil der Luft. Es entsteht durch eine photochemische Reaktion der Luft. In der äussersten Hülle der Stratosphäre spaltet der ultraviolette Anteil des Sonnenlichtes den Sauerstoff O2 atomar auf. Je weiter man eintaucht in die Stratosphäre, desto mehr reagiert der atomare Sauerstoff mit dem O2-Sauerstoff-Molekül – es bildet sich ein O3-Molekül. Die maximale Ozon-Konzentration liegt bei rund 20 km Entfernung von der Erdoberfläche und sinkt bei weiterer Annäherung an die Erde. Die Wissenschaft spricht hierbei von den Chapman-Reaktionen. Ozon filtert nun den Wellenbereich zwischen 240 und 320 nm aus dem Sonnenlicht heraus. Diese Wellenlängen führen beim Menschen zu Hautkrebs und bei Tieren sowie Pflanzen zur Veränderung der DNA. Die Ozonschicht ist über den Polen am dicksten, nimmt jedoch zum Äquator hin ab. Durch unterschiedliche Reaktionen kann sich das Ozon auch wieder rückbilden – etwa erneut durch ultravioletten Lichteinfluss oder durch die Einwirkung von FCKWs und Stickoxiden.
Jetzt wird’s leider etwas chemisch. Aus den Zerfallsprodukten des FCKWs bilden sich Salzsäure und Chlornitrat. Hinzu kommt noch die Salpetersäure; sie enthält hohe Konzentrationen von aktivem Chlor. Im antarktischen Winter fehlt nun das Sonnenlicht. In den sog. Polarwirbeln, die zu dieser unwirtlichen Jahreszeit entstehen, kann sich die Temperatur auf bis zu -80 Grad abkühlen. Es bilden sich die “Polaren Stratosphärenwolken” (PSCs) aus Salpetersäure-Trihydrat. Sinkt nun die Temperatur dermassen, so bildet sich Wassereis mit darin gelöster Salpetersäure. Diese PSCs sind noch nicht ausführlich erforscht, jedoch kann ein Zusammenhang zwischen ihrem Auftreten und dem Verlust des Ozons in der Stratosphäre gezogen werden.
Für all jene, die es interessiert, hier die chemischen Formeln (ohne Anspruch auf Korrektheit!):
HCl + ClONO2 -> HNO3 + Cl2
ClONO2 + H2O -> HNO3 + HOCl
HCl + HOCl -> H2O + Cl2
N2O5 + HCl -> HNO3 + ClONO
N2O5 + H2O -> 2 HNO3
Das molekulare Chor spaltet sich nun – sobald der polare Winter vorüber ist – durch Lichteinfluss – in atomares Chlor auf. Den weiteren Vorgang bezeichnet man als katalytische Ozonzerstörung. Das Chlor und Brom spaltet jeweils einen Sauerstoffatom vom Ozon ab, es entsteht Chlor- bzw. Bromoxid und normaler Sauerstoff O2.
Cl + O3 -> ClO + O2
Br + O3 -> BrO + O2
Durch die Löcher in der Ozonschicht gelangt die gefährliche UV-Strahlung bis auf die Erdoberfläche. Wer nun meinen sollte: “Na ja – Antarktis – ist ja weit weg! Wer auf das ewige Eis will, der muss sich eben damit abfinden!”, der liegt leider komplett falsch. Einerseits wurde das Plankton geschädigt – somit bedeutet dies einen Frontalangriff auf die Nahrungskette.

(Quelle: NASA)

Andererseits wanderte dieses Ozonloch. Somit waren plötzlich auch etwa Neuseeland und Australien betroffen. Ohne sehr hohen Sunblocker konnte man hier nicht mehr ins Freie gehen. Auch über der Arktis wurde 2010/2011 ein riesiges Ozonloch entdeckt – 80 % des schützenden Ozons fehlten auf einer Fläche, die teilweise sechsmal so gross wie Deutschland war. Dieses Loch ist nun allerdings verschwunden – höchstwahrscheinlich wetterbedingt.
FCKWs fanden sich bis in die 90er Jahre in Spraydosen, aber zudem als Kühlmittel in Kühl- und Gefriergeräten. Auch Bromverbindungen oder Stickoxide wie NO2 tragen ihr Scherflein hierzu bei. Diese Gase sind in all den Jahren bis in diese Höhe gewandert und haben dort das Ozon grossflächig zersetzt. Und hier hatte meine Grossmutter recht: Die Stickoxide in dieser Höhe kommen zu einem sehr grossen Anteil vom Flugverkehr – als Verbrennungsbestandteil der Turbinen! Denn normalerweise bleiben sie in der Troposphäre und tragen zum Treibhauseffekt bei. Auch in gemässigteren Breiten, wie Europa oder den USA kommt es immer wieder zum Abbau des stratosphärischen Ozons. Während heftiger Sommerstürme werden grosse Mengen an Wasserdampf durch die Sogwirkung etwa eines Hurricanes in grosse Höhen befördert. In der folgenden Kettenreaktion wird auf der nördlichen Erdhalbkugel ebenfalls Ozon abgebaut (Siehe hierzu auch das Fachmagazin “Science”).
Spät aber doch wurde reagiert. Mit dem Montrealer Protokoll gelang es 1987 ein verbindliches Abkommen zum Schutz der Ozonschicht zu treffen. FCKWs mussten durch andere Mittel ersetzt werden, die zwar auch nicht gerade gut für das Ozon sind, jedoch nicht dermassen aggressiv mit diesem reagieren. Bis zum Jahr 2000 war eine Halbierung vorgesehen, die industrielle Herstellung von Halogenverbindungen soll bis 2030 kontrolliert werden. In der EU werden seit dem 01.01.1995 keine FCKWs mehr hergestellt.
Und siehe da: Es war erfolgreich! Dieser Tage veröffentlichte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eine Studie, wonach bis zum Jahr 2050 die Ozonschicht wieder jene Stärke haben sollte, die sie zu Beginn der 80er-Jahre hatte. Allerdings – was über Jahrzehnte hinweg zerstört wurde, kann sich nicht innerhalb kürzester Zeit wieder selbst aufbauen. Deshalb werden die durch die World Meteorological Organisation angestellten Berechnungen für das Jahr 2045 (Berichte Nr. 25 und 37) eher nach hinten verschoben. Dies unterstützt auch eine Gruppe von Wissenschaftlern rund um James Anderson an der Harvard University. Noch sei dermassen viel Chlor in der Atmosphäre, dass von einem finalen Durchatmen noch gar nicht die Rede sein könne. Schon 12 Teile Wasserdampf pro Million Luftteilchen reichen nach Andersons Berechnungen aus, um einen solchen Ozonabbau starten zu lassen. Auch in unseren Breiten!
Deshalb sind Jubelgesänge verfrüht. Zudem wirft ein anderer Grund grosse Sorgenfalten auf der Stirn so mancher Forscher auf: Denn – was da oben zu wenig, ist hier unten zu viel. Das bodennahe Ozon macht gerade bei Inversions-Wetterlagen sehr vielen Menschen zu schaffen. Ozon ist ein Reizgas, das vornehmlich den Atmungsapparat angreift. Doch auch die anderen Inhaltsstoffe unserer Atemluft sind nicht so ohne. So lagen beispielsweise im letzten Jahr 2011 die Feinstaubwerte in Deutschland im Mittel über den Werten der vergangenen vier Jahre, die Stickoxidbelastung ist ebenfalls gefährlich hoch. Das Umweltbundesamt (UBA) bescheinigt, dass im vergangenen Jahr 42 % der verkehrsnahen Immissionsmessstellen über dem zulässigen Tagesgrenzwert an Feinstaub gelegen sind (zulässig sind nur 35 Tage mit über 50 Mikrogramm Feinstaub (PM10) pro Kubikmeter Luft (µg/m3) im Tagesmittel). Noch krasser die Werte beim Stickstoffdioxid NO2: 57 % der städtischen Messstellen lagen über dem erlaubten Jahresmittelwert von 40 µg/m3!
Das macht für viele das Atmen schwer. Gefährlich auch die Folgewirkungen, die gar bis zum Tod führen können. Deshalb werden immer mehr Umweltzonen in den Städten eingerichtet. Hier dürfen nurmehr Fahrzeuge mit grünem Abzeichen einfahren, ansonsten drohen hohe Strafen. Sicherlich nicht wirklich gut für die autofahrenden Einwohner dieser Innenstadtteile, doch verursachen diese nun ihren Dreck selbst. Daneben sollen alle Fahrzeuge künftig entsprechend der modernsten Abgas-Norm, der EURO 6-Norm hergestellt werden. Allerdings trägt auch der Hausbrand bzw. die Industrie in Wirtschaftszonen zu den Belastungen bei. Hier griff der Gesetzgeber ebenfalls ein: Die Regelungen für Kleinfeuerungsanlagen wurden verschärft.
In Berlin zeigt man sich zufrieden: Trotz Wirtschaftskrise sind im Jahr 2010 die Treibhausgas-Emissionen im Vergleich zum Basisjahr 1990 um beinahe 25 % zurückgegangen. Dies bedeutet alleine in diesem Messjahr 295 Mio Tonnen Kohlendioxid weniger als vor 20 Jahren. Na ist ja auch kein Wunder! Die grenznahen Bundesbürger tanken im Ausland – somit belastet dies die Zielsetzungen des Kyotoprotokolls im Nachbarstaat. Österreich beispielsweise wird die Ziele nicht zuletzt deshalb nicht einhalten können. Gesetztes Ziel in Deutschland: Minus 40 % bis 2020! Das ist machbar, meint auch Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen.
Und – so pervers es auch klingen mag: Die Luft wird reiner! So zumindest die Ergebnisse der Studien von Christos Zerefos vom Atmospähren-Forschungszentrum der Universität von Athen (Quelle: “Atmospheric Chemistry and Physics”). In dieser Langzeitstudie wurden die Ergebnisse von 12 Messstationen in den Industriegebieten Europa, Japan und Kanada zwischen 1990 und 2011 verglichen. Worüber sich allerdings die Atemwege freuen, ist gefährlicher für die Haut: Es kommt mehr der schädlichen UV-B-Strahlung durch, die für Hautmelanome verantwortlich sein können.

PS: Messungen via Heliumballon geben die meisten Aufschlüsse, sind jedoch sehr teuer. So startet etwa bei einer deutsch-französischen Messstation in Ny Ålesund nördlich von Spitzbergen wöchentlich nur einer dieser Ballons. Das Konglomerat an Messgeräten, das bis zum Platzen des Ballons in ca. 30 km Höhe mitgeführt wird und Daten sendet, kostet nämlich rund 1.000,- € – pro Stück!!!

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Steuermann – wohin führt uns die Reise

In der Alpenrepublik Österreich hat in den letzten Wochen eine Lachnummer nach der anderen für heftiges Kopfschütteln des Bürgers gesorgt – geschickt durch die Politik lanciert. Als Normaldenkender muss man sich leider inzwischen die Frage stellen: “Wie weit soll die Volksverarsche noch gehen?!” (Verzeihung, ob meiner rüden Wortwahl, entspricht sie meines Erachtens doch dem tatsächlichen Treiben). Gottlob sind die Peinlichkeiten nun bald beendet – der Anti-Korruptions-Untersuchungsausschuss tagt noch bis zum 16. Oktober – dann ist auch er ein Teil der Geschichte! Abgehakt und hoffentlich möglichst rasch vergessen!
In der 126. Sitzung 2011/2012 des Nationalrates wurde am 20. Oktober 2011 ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zur Klärung von Korruptionsvorwürfen eingesetzt. Der gemeinsame Antrag von BZO, FPÖ, ÖVP und SPÖ wurde einstimmig angenommen. Solche Untersuchungsausschüsse können zur Kontrolle der Regierung eingesetzt werden. Geführt zumeist von der Opposition sollen sie Sinnhaftigkeit aufzeigen und nicht eine Larifari-Aktion darstellen. Die Staatsanwaltschaft kann aufgrund der Erhebungen die Ermittlung aufnehmen – der Ausschuss allerdings darf nicht gerichtlich verfolgen – es gilt ein eigene Verfahrensordnung. Geregelt werden darin die Befragungen, die Beweismittelführungen und vieles mehr. Auskunftspersonen unterliegen der Wahrheits- und Aussagepflicht, soll heissen, dass sie notfalls auch zwangsvorgeführt werden können. Behörden müssen Akten offenlegen. Wurde dann alles gesagt, eingesehen und behandelt, erfolgt die Berichterstattung an den Nationalrat. Siehe hierzu auch die Geschäftsordnung des Nationalrates (§ 33 GOG-NR, § 57a GOG-NR und § 75 GOG-NR). Solche Untersuchungsausschüsse gab es bereits zum Wiener AKH, der Lucona- und der Noricum-Affäre sowie der Eurofighterbeschaffung. Man höre und staune: Von sechs Ausschüssen seit dem Jahr 2000 wurde nur der Eurofighter-Ausschuss regulär abgeschlossen. Meist sorgten Fristsetzungsanträge für ein vorzeitiges Ende des Schreckens. Dies liess auch die Aussage des 2. Nationalratspräsidenten Fritz Neugebauer (ÖVP) erahnen, als er vor den verblüfften Abgeordneten der Opposition und der zahlreichen Besucherschaft im Nationalrat verkündete, dass der Anti-Korruptionsausschuss bereits am nächstfolgenden 21. September endgültig “abgedreht” werden! Dermassen ernst wird also der Kontrollmechanismus durch die Regierung genommen.
Der Anti-Korruptionsausschuss ist mitunter eine gute Geschichte, da zum damaligen Zeitpunkt dringende Fragen zur BUWOG- und Telekom-Affäre im Raum standen, die sich immer mehr zu Sackgassen entwickelten. Das dachten sich auch die Regierungsparteien, die mit einem blauen Aug’ davon kommen wollten. Lobbyisten, ranghohe Beamte und ohnedies bereits pensionierte Politiker – aktive Volksvertreter sollten jedoch nicht zu Schaden kommen. Allerdings hatten sie nicht mit der geradezu akribischen, Sherlock Holmes’schen Ermittlungstaktik v.a. dreier Ausschussmitglieder gerechnet: Der Ausschussvorsitzenden Gabriela Moser und deren Parteikollegen Peter Pilz (Grüne) sowie Stefan Petzner (BZÖ). Durch deren nicht-enden-wollenden Aufdeckungsneurose gerieten immer mehr auch noch aktive Parlamentssessel-Warmhalter in’s Fadenkreuz der Ermittler. Hier musste ein Riegel vorgeschoben werden, schliesslich geht es ja nicht an, dass gewählte Abgeordnete, die sich noch in Amt und Würden befinden, in den Verdacht geraten, mehr oder weniger dicke Kuverts in die Jackentasche gesteckt zu haben. Ergo: So mancher vorgeladener Politiker musste nicht erscheinen, da die Regierungsparteien ihn wieder ausladen liessen. Andere hatten plötzliche Maulsperren oder klaffende Gedächtnislücken, sodass sehr viele der Befragungen im Sande verlaufen sind. Schade um die Zeit! Die Oppositionsparteien kritisierten immer wieder lautstark, dass in den unterschiedlichen Causae keine politisch Verantwortlichen zu Worte kamen. Als neben den beiden Regierungsmitgliedern Josef Ostermayer (SP-Staatssekretär) und Nikolaus Berlakovich (VP-Minister) erstmals aktive Regierungsmitglieder auf der Liste der Auskunftspersonen zu finden waren und plötzlich auch Bundeskanzler Werner Faymann höchstpersönlich zur dubiosen Anzeigenvergabe bei den Österreichischen Bundesbahnen aussagen sollte (Faymann war in den Jahren 2007/2008 Infrastrukturminister und somit auch für die ÖBB zuständig), platzte den Regierungsparteien der Kragen: Entweder Ausschussvorsitzende Gabriela Moser von den Grünen geht oder der Ausschuss wird vorzeitig beendet. Die Ausschussvorsitzende hatte einen Vier-Parteien-Antrag nicht gutgeheissen. Moser trat im Dienste der Sache zurück und wurde ganz einfach durch den freiheitlichen Walter Rosenkranz ausgetauscht, die Liste der Auskunftspersonen neu überarbeitet und darüber kein Zweifel gelassen, dass das Ende des Untersuchungsausschusses fix nach Plan eingehalten wird, nurmehr wenig Zeit übrig bleibe und man diese möglichst ohne weitere Schäden überstehen möchte. Der grüne Fraktionschef Pilz beispielsweise meinte bezogen auf die Ladungsliste zur Staatsbürgerschaftsverleihung, dass die Regierungsparteien eine Aufklärung nicht zuliessen! Er wird auch vom BZÖ-Mann Petzner insofern unterstützt, als dieser betont, dass “nur an der Oberfläche gekratzt” würde. Stellt sich die Frage, wie weit der Passus “Verleihungen im besonderen Interesse der Republik” aus- oder umgelegt werden kann. Und übrigens: Den Bundeskanzler wegen ein paar lausigen Inseraten vorladen – wo gibt’s denn so was!!! Wir sind doch hier nicht in Deutschland, wo Kanzlerin Merkel wegen einiger dunkler Bergwerksschächte aussagen muss. Schliesslich habe Feymann bereits in einem TV-Interview hierzu Stellung bezogen (Josef Cap, Klubobmann der SPÖ)! Mein Gott – welch eine Farce!!!
Noch mehr zum Heulen wird mir allerdings bei der Tatsache, dass plötzlich eine Österreichflucht einsetzte. Vorgeladene Auskunftspersonen sagten ihr Erscheinen ab, schlugen Ersatztermine vor, zu welchen sie aber dann plötzlich im Ausland weilten und somit nicht mehr greifbar waren. So kam etwa der ehemalige Infrastrukturminister Mathias Reichhold (FPÖ) erst nach Androhung der polizeilichen Vorführung. Daher kommt es, dass die Punkte “Inseratenvergabe” und “Staatsbürgerschaftsverleihungen” grossteils unaufgeklärt zu den Akten gelegt werden müssen. Apropos – so richtig lückenlos aufgeklärt wurden auch die vorhergehenden Themen nicht. Manch einer der Befragten verwechselte wohl den Parlamentssaal mit einem Theater und antwortete – breit über das ganze Gesicht lächelnd: “Dazu kann ich keine Stellung abgeben, da ich hier nicht involviert war bzw. die genauen Zusammenhänge nicht mehr vor mir habe!”
Anhand der Schlagzeilen konnten die Leser hingegen genau mitverfolgen, welche der Zeitungen sich auch in Zukunft neben der Medienförderung dicke Inseratenkampagnen der Bundes- und Landesregierungen sowie staatsnaher Unternehmen erwarten. Diese titelten zurückhaltend und vorsichtig – ausser der Sündenbock wurde auch von der Regierung bereits zum Abschuss freigegeben. Die anderen, die nicht auf diese zugegebenermassen recht hohen Almosen angewiesen sind, ballerten aus vollen Rohren: “Demokratiepolitischer Tiefpunkt”, “Erbärmliches Schauspiel”… Auch im Ausland wurde das Treiben argwöhnisch mitverfolgt. So etwa dieser Tage die Südwest-Presse (BW): “Österreich: Berlusconi lässt grüssen” – nur nicht hinschauen!
Jetzt ist erstmal Ruhe eingekehrt! Kein Stochern mehr in der Privatsphäre von vermeintlich Beschuldigten, der Korruptionssumpf blubbert wieder zufrieden vor sich hin. Einige “schwarze Schafe” konnten aussortiert, andere durch teils lächerliche politische Schachzüge weiss gehalten werden. Es ist nicht zu erwarten, dass der Bericht des Anti-Korruptions-Untersuchungsausschusses im Nationalrat für Aufregung sorgen wird. Die Regierungsparteien sind froh, das Ganze ohne gröbere Plessuren überstanden zu haben, FPÖ und BZÖ sitzen selbst im Glashaus (Staatsbürgerschaftsverleihungen, Hypo-Alpe Adria), sollten deshalb auch das Steinewerfen tunlichst unterlassen. Für alle, die namentlich genannt ins etwas Zwielichtige geraten sind, gilt natürlich vorerst die Unschuldsvermutung. Ob das Eine oder Andere zur strafrechtlichen Verfolgung durch die Staatsanwaltschaft aufgegriffen wird, bleibt abzuwarten. Den Beginn machte nun schon mal die Anklageerhebung gegen drei ehemalige ranghohe Bosse der Telekom. Hier drohen jeweils bis zu 10 Jahre Haft.
Die wirklichen Hintergründe und Wahrheiten bei all diesen Korruptionsvorwürfen werden höchstwahrscheinlich niemals ans Tageslicht kommen – sei es beim Verkauf der BUWOG-Wohnungen, den dubiosen Zahlungen der Telekom Austria, bei der Vergabe des digitalen Behördenfunks, bei Staatsbürgerschaften, bei bei bei… Verlierer des ganzen Brimboriums ist die Politik per se. Die Bürger haben nun ganz offiziell, ohne vorgehaltene Hand serviert bekommen, was in den heiligen Hallen und dunklen Hinterzimmern ausgeschnapst wird, wie die Arbeit der Lobbyisten tatsächlich zu verstehen ist und dass offenbar wenig übrig bleiben, die tatsächlich unschuldig sind und damit den ersten Stein werfen dürften, es aber nicht machen, da sie den Verlust ihres Postens befürchten. Andererseits: Wo beginnt die Korruption? Wenn ich den Herrn Bürgermeister beim Frühschoppen zum Bier einlade und wir über den schon längst geplanten Garagenanbau plaudern? Ist dies schon als Bestechungsversuch zu verstehen? Der Landeshauptmann, der von einem befreundeten Unternehmer zur Jagd eingeladen wird? Der Minister, der versucht, zusätzliche Gelder in die Kampfkasse seiner Partei zu bekommen? Oder der Ministerpräsident, der einen staatsnahen Betrieb um Sponsorgelder für ein Filmprojekt bittet? Wenn ich in den Urlaub fahre, bringe ich eine Torte oder eine gute Flasche Wein mit zu den Nachbarn, damit diese nach den Blumen schauen und den Briefkasten leeren. Dem Mechanikermeister stecke ich einen 20er zu, damit mein Auto gleich drankommt! Je weiter oben jemand sitzt, desto grösser wird sein Einfluss, seine Macht. Desto leichter kann er auch etwas bewirken – desto mehr allerdings muss dafür in die Tasche gegriffen werden. Amtsmissbrauch auf höchster Ebene sollte strafrechtlich beinhart verfolgt und bestraft werden. Denn dies schafft wieder eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in welcher manche mehr wert sind. Doch ist die Staatsanwaltschaft weisungsgebunden. Das sollte der Richter nicht sein; allerdings benötigt dieser politischen Background, wenn er an den OGH oder zum Bundesverfassungsgericht aufsteigen möchte. Nicht, dass sie das nun missverstehen – all das ist NICHT ein österreichisches Problem. Auch in anderen Ländern laufen Untersuchungsausschüsse. Es ist vielmehr ein Problem von Ethik und Moral. Weshalb soll ein Politiker nicht auch etwas von seiner Funktion haben – andere machen es ja genauso. Doch steht hinter jedem Politiker eine ganze Reihe von Menschen, die ihm vertraut und ihn auch gewählt haben. Deshalb ist für mich jede Wahl eine Personenwahl. Kann ich den Kandidaten vertrauen? Wenn nein – dann wähle ich eben anders, auch wenn ich eindeutige parteipolitische Parallelen zu meiner Denkweise habe. Volksvertreter müssen sich profilieren, denn neben ihrem Beruf ist es auch ihre Berufung. Jene, die dies nicht schaffen und gelangweilt mit der Zeitung oder dem Laptop im Parlament sitzen oder gar sich nur wenige Schritte von der Nationalratskantine entfernen, sollten meines Erachtens den Job wechseln. Könnten Sie sich das auf der Arbeit erlauben? Ihr Chef hätte nichts dagegen? Im Nationalrat sind die Steuerzahler die Chefs! Die Senatoren im alten Rom oder die Mitglieder des Rats der 500 (buleutai) im antiken Athen waren hochangesehene Bürger, die über jeden Zweifel erhaben waren. Lässt sich dies heutzutage auch noch behaupten??? Beantworten wir die Frage am besten mit den Schlagzeilen aus den Medien: “Freunderlwirtschaft”, “Selbstbedienungsladen”, “Seilschaften”…
Deutschland steht derzeit noch lachend daneben: “Ja, ja – die Ösis mit ihrer alpinen Mentalität!” Wurde es vor noch gar nicht allzu langer Zeit den Wirtschaftsbossen leicht gemacht, einen Schritt in die Bergwelt zu setzen (eine grosse deutsche Zeitung titelte damals: “Österreich – das bessere Deutschland!”), so heisst es heute: “Ich hab’s ja immer schon gesagt!” Doch sind auch in deutschen Landen bereits die ersten Zeugen eines ebenfalls einberufenen Korruptionsausschusses vorgeladen. “Wie bei Hempels unter’m Sofa sah es in dieser Behörde aus!” Bündnis 90/Die Grünen redet dabei vom Präsidium für Technik, Logistik und Verwaltung der hessischen Polizei (PTLV). Daneben werden nach wie vor Ermittlungen gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geführt. Auch zwischen Garmisch und Flensburg ist somit nicht alles eitel Sonnenschein. Dienst und Fachaufsichten haben auch hier versagt, da ansonsten solche Ausschüsse nicht erforderlich sind. Erlauben Sie mir zum Abschluss eine Frage, die nicht unmittelbar mit dem Anti-Korruptionsausschuss zu tun hat: Wäre ein Vorgehen, das derzeit der austro-kanadische Milliardär Frank Stronach vorexerziert, nicht auch in Berlin denkbar?

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