Archive for Dezember, 2012

In eigener Sache

Woche für Woche klickt sich eine vierstellige Anzahl von interessierten Usern auf diese Seite. Dies erfüllt mich in zweifacher Hinsicht mit Freude und Stolz.
Einerseits wird damit die Themenauswahl honoriert. Dies war auch der ausschlaggebende Grund dafür, dieses Projekt ins Leben zu rufen: Probleme aufzuzeigen, die existent sind; den Nabel der Zeit zu treffen; Themen aufzugreifen, die von Medien nicht in gebührendem Ausmass gewürdigt werden und Diskussionen hierüber in Schwung zu bringen.
Andererseits haben viele Journalistenkollegen dem Blog keine grossen Chancen eingestanden. Zu viel Text, zu langatmig, zu ausführlich. Die Themen sollten knackiger auf den Punkt gebracht werden. Dies jedoch war niemals angedacht. Die Inhalte sind gut recherchiert und sollen alle Lesergruppen ansprechen – auch wenn es sich – wie etwa beim Atomstrom oder dem Bohrinsel-Unglück im Golf von Mexiko – um schweren Stoff handelt. Dies gibt es ansonsten im Berufsjournalismus nicht mehr. Hier zählt der Spruch “Zeit ist Geld!” – dementsprechend lesen sich auch die Artikel, hören sich die Beiträge an und sind die Features anzusehen. Ich liebe das Spiel mit der Sprache. Schade, dass sich im täglichen Gebrauch der Wortschatz immer mehr einschränkt und Sätze nurmehr internettauglich, kurz und bündig formuliert werden. Doch verirren sich immer mehr Redakteure zur Themenfindung auf diese URL – das wiederum freut mich sehr. Die Zugriffszahlen bestätigen auch meine Annahme, dass diese Art des Schreibens, dieser schon mal da gewesene aber längst wieder verlorengegangene Journalismus fehlt. Content-Spitzenbewertungen liefern für mich noch zusätzlichen Anreiz.
Apropos Zugriffszahlen: Die meisten Zugriffe verzeichneten wir beim Korruptionsausschuss, gefolgt von den Tierversuchen, den Martinigänsen und meinem Erlebnis mit den Österreichischen Bundesbahnen.
Doch genug der Worte! Ich möchte mich bei Ihnen in aller Form für Ihr Interesse und Ihre Treue bedanken. Tragen Sie bitte auch weiterhin die Probleme, die in diesem Blog angesprochen werden, nach aussen. Regen Sie Diskussionen an! Es ist meist immer nur ein kleiner Stein, der die Lawine ins Rollen bringt. Und: Probleme haben wir zuhauf! Lösungen müssen gesucht werden, da es ansonsten sehr rasch zu spät sein könnte!
Für die kommenden Tage sollte aber “Abschalten” das Motto sein. Denn es gibt Menschen, Beziehungen und Kinder, die im täglichen Arbeitskampf zu kurz kommen.

Deshalb wünsche ich Ihnen ein ruhiges, besinnliches Weihnachtsfest im Kreise derer, die Ihre Zuneigung verdienen, und einen guten Rutsch in ein menschliches, v.a. aber gesundes Jahr 2013!!!

Den nächsten Blog gibt es am 04. Januar im neuen Jahr!

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Das Schlimmste, das er je gesehen hat…!

Soweit die mehr als tiefgreifenden Worte des leitenden Gerichtsmediziners H. Wayne Carber, als er den Tatort nach dem Amoklauf von Newtown aufgenommen hatte. Und es ist wirklich sehr viel gewesen, das der 60-jährige im Laufe seines 23-jährigen Berufslebens sehen musste. Doch dieser Tag im Advent 2012 übertraf leider alles. Mitte Dezember richtete Adam Lanza zuerst seine Mutter hin, drang dann mit einem halbautomatischen Sturmgewehr, einer 9 Millimeter Glock und einer Sig Sauer in die Sandy-Hook-Grundschule ein und schoss dort wahllos um sich. Zuerst aus der Ferne, dann aus nächster Nähe. In manchen Körpern steckten bis zu 11 Kugeln. 20 Erstklässler im Alter von sechs bis sieben Jahren (zwölf Mädchen, acht Jungs) sowie 6 erwachsene Frauen starben im Kugelhagel. Die Opferbilanz wäre noch weitaus höher ausgefallen, hätten die Lehrerinnen die Kinder nicht versteckt – einige davon mussten dies mit ihrem Leben bezahlen. Dann erschoss sich Lanza selbst. Wehrlose Kinder und Frauen, die in keinem offensichtlichen Zusammenhang mit dem Täter standen aber auf das Schrecklichste getötet wurden: Mit einer speziellen Munition, die verheerende Verletzungen verursachte. Den Eltern und Verwandten wurden deshalb auch vorerst nur Bilder von den Gesichtern der Opfer gezeigt, damit eine Identifizierung stattfinden konnte.
Augenzeugen berichten von Heldentaten einiger Erwachsener. So hat sich die Direktorin Dawn Hochsprung gemeinsam mit der Schulpsychologin dem Wahnsinnigen in den Weg gestellt. Die Lehrerin Victoria Soto hat die meisten ihrer Schüler in einem Schrank bzw. einem Waschraum versteckt, die drei Frauen wurden kaltblütig erschossen. Andere Kinder konnten noch in der Bibliothek bzw. einem nahegelegenen Feuerwehrhaus in Sicherheit gebracht, andere in Abstellräumen versteckt werden. Unglaublich, wie die Schulangestellten reagiert haben um damit noch Schlimmeres zu verhindern.
Was ging dieser Wahnsinnstat voraus? Drei Tage vor dem Massaker hatte Lanza versucht, völlig legal eine Waffe zu kaufen. Die Identifizierung jedoch lehnte er ab, ausserdem wollte er keine zwei Wochen warten. Offenbar die einzigen beiden Hindernisse, die Menschen in den USA beim offiziellen Erwerb einer Waffe zu überwinden haben. Kein Waffenschein, keine Waffenbesitzkarte. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zählt es zum Grundrecht eine jeden Einzelnen, eine Waffe besitzen zu dürfen. Jeder Präsident, wie auch Obama, der dies ändern wollte, wurde durch die mächtige Waffenlobby in seine Grenzen gewiesen. Einen Tag vor diesem Wahnsinn hatte der 20-jährige eine Auseinandersetzung mit Angestellten der Schule. Am Freitag, den 14. Dezember schliesslich überwandt er in Kampfmontur die Sicherheitsbarrieren der Schule, die erst kürzlich noch verbessert wurden. Die ersten Schüsse fielen gegen 09.30 Uhr, acht Minuten später hiess es im Polizeifunk, dass die Schiesserei aufgehört habe. Acht Minuten, die bei 26 Menschen über Leben und Tod entschieden haben.
Heute möchte ich etwas in die Hintergründe bzw. Zustände hineinschnuppern, die Menschen zu einer solch unglaublich schrecklichen Tat treiben. Dabei werden Sie auch leider resignierend feststellen müssen, dass dieser Wahnsinn nur dann verhindert werden kann, wenn Menschenansammlungen ausschliesslich in Sicherheitstrakts stattfinden dürfen. Denn – auch wenn ein Waffenverbot durchgesetzt werden könnte – so kann sich jeder auf dem Schwarzmarkt bedienen – alles nur eine Frage des Geldes!
Bei Lanza war es nach ersten Ermittlungen das Asperger-Syndrom. Dies ist eine spezielle, tiefgreifende Entwicklungsstörung bei Autisten. Sie sind weder in der Lage, nonverbale und somit körpersprachliche Signale der Mitmenschen zu erkennen, noch sie selbst auszusenden, wodurch ihre Kommunikation und soziale Interaktion extremst beeinträchtigt wird. Sie wirken meist tapsig und ungeschickt, was jedoch nicht wirklich als psychische Störung erkannt wird. Daneben können Betroffene zumeist keine Freude, Hinwendung, Interesse oder Stolz empfinden. Auch Experten sind sich hierbei uneins: Krankheit oder noch keine Krankheit! Der Namensgeber des Syndroms, der österreichische Kinderarzt Hans Asperger (1981 durch die britische Psychiaterin Lorna Wing erstmals so bezeichnet) spricht von “autistischer Psychopathie”, die Erstendeckerin, die russische Kinderpsychiaterin Grunja Sucharewa, von “schizoider Psychopathie”. Jedenfalls ist das Syndrom im grossen, dicken medizinischen Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitsorganisation WHO enthalten, mit welchem auch ich mich während meines Studiums herumquälen durfte. Die Welt eines Aspergers ist ritualisiert. Der Tag ist grossteils gleichbleibend strukturiert. Jede Veränderung kann diese Menschen überfordern. Deshalb haben sie auch sehr häufig wenig reale Sozialkontakte, sondern suchen Zuflucht im Internet. Die Verantwortung an all dem tragen die Spiegelneuronen im Gehirn. Sie funktionieren beim Asperger-Syndrom nicht wie beim gesunden Menschen. Bislang ging die Psychiatrie eher davon aus, dass Menschen mit Asperger mehr der Opfer- als der Täterrolle zuzuschreiben sind. Dies muss jetzt wohl geändert werden. Sie werden sich nun fragen, wie das Massaker von Newtown hätte verhindert werden können?! Nahezu unmöglich, schliesslich gibt es gegenwärtig keine kausal wirksame Therapie! Wie Lanzas Mutter allerdings zum Sturmgewehr und den anderen Waffen kam, ist derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen. Im Auto wurde noch ein Gewehr Bushmaster.223 gefunden. Alle waren auf Nancy Lanza zugelassen. Bei uns müssen Waffen getrennt von der Munition verschlossen werden, wie dies im Hause Lanza war, wird noch untersucht.
Der Begriff “Amok” kommt aus dem malaiischen Sprachgebrauch (amuk = wütend, rasend) und bedeutet ursprünglich: “Eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens. Dabei muss diese Gewalttat mehrere Menschen gefährden, d.h. verletzen oder gar töten, wenn von Amok die Rede sein soll.” (Begriffsdefinition der Weltgesundheitsorganisation WHO). Die Psychologie oder Psychiatrie nennt keinen auslösenden Impuls, da die Hintergründe mannigfaltig sein können (“multifaktorielle Bedingtheit” – es ist ein mehrschichtiges Problem). Körperlich können etwa Demenz, maskierte Epilepsie, Arteriosklerose oder Intoxikation beispielsweise durch Rauschmittel dafür verantwortlich sein. Psychosoziale Komponenten spielen meines Erachtens eine wesentlich grössere Rolle. Demütigungen, Beleidigungen, Unterdrückung,… führen zu einem Aufstauen der Aggressionen, die sich – nicht kanalisiert – plötzlich entladen. Kommt hierzu eine psychische Erkrankung, so kann durchaus von einem Pulverfass gesprochen werden. Jedoch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass schwere Geisteskrankheiten wie etwa Psychosen nur in ganz wenigen Fälle als Ursachen in Betracht gezogen werden können (Ausnahme schizophrene Psychosen mit beispielsweise Wahnvorstellungen oder Sinnestäuschungen). Zum Vergleich: In etwa dieselbe Prozentzahl werden die keinerlei objektivierbaren Motive eingereiht. Amok-Zustände treten häufig beispielsweise bei Kriegshandlungen auf, in Situationen also, bei welchen extreme Aggressionen bzw. selbstzerstörerische Angriffe vorherrschen. Die Psychiatrie sprach ehedem von einem Dämmerzustand, da einige Täter sich danach an nichts mehr erinnern konnten. Doch ist dies inzwischen widerlegt. Heute bezeichnet der Experte dies als “dissoziative Ausnahmezustände”, also einem unkontrollierten Verhalten, das nicht mehr durch das Bewusstsein gesteuert wird. Damit sind solche Täter rein rechtlich auch nicht zurechnungsfähig. Die Experten unterscheiden vier Phasen des Amoks:

1.) Prodromal-Stadium – hier spielen psychische oder körperliche Erkrankung, Demütigungen, soziales Defizit etc. mit ein. All diese Ursachen können zu einem dumpfen, reizbaren, depressiven und äusserst feindseeligen Brüten führen. Diese Zustände schaukeln sich nach und nach reizbar hoch.
2.) In einer solchen Brüt-Situation bricht Angst und Wut hervor – in einem sog. “Bewegungssturm” kommt es zum eigentlichen Amok-Zustand (explosiver homizidaler Ausbruch). Der Betroffene kann seine Aggressionen nicht mehr im Zaum halten, greift Menschen an und versucht grösstmögliche Zerstörung hervorzurufen. Im Fachjargon wird dies als “ungesteuerte Überreaktion” bezeichnet.
3.) Als letztes zieht sich der Betroffene zurück und richtet diese Aggressionen gegen sich selbst (persistierende homizidale Handlungen). Er fügt sich selbst Verstümmelungen zu oder begeht Suizid.
4.) Jene Amokläufer, die entwaffnet werden konnten, verfallen meist in den Zustand der totalen Erschöpfung. Tagelanger Schlaf oder Erstarrungszustand (Stupor) mit anschliessender, angeblicher Amnesie (Gedächtnisverlust).

In der Frage, was sich biologisch und neurobiologisch im Körper eines Amokläufers abspielt, ist sich die Wissenschaft ebenfalls noch nicht einig. Eine These geht von Depressionen aufgrund fehlenden Serotonins aus. Serotonin ist ein Neurotransmitter, ein Botenstoff, der den Kontakt zwischen den Nervenzellen herstellt. Es wird auch gerne als “Glückshormon” bezeichnet und scheint bei einem in bestimmten Regionen des Körpers auftretenden Mangel eine zentrale Bedeutung bei selbst- (suizidale) oder fremdaggressiven (homizidale) Durchbrüchen zu haben. Bei Amokläufern, die sich selbst richteten (“erweiterter Suizid”) war dieser Serotonin-Spiegel im Blut und der Gehirnflüssigkeit weitaus geringer als bei “normalen” Selbstmördern. Bei diesen wiederum niedriger als bei Mördern.
Ein Amoklauf kann – wie auch das Beispiel Sandy Hooks beweist – nirgendwo ausgeschlossen werden. Die meisten dieser schrecklichen Ereignisse treten ohne vorherige Warnzeichen auf. Interessante Details zeigt zudem die Statistik: Waren die Täter in früheren Zeiten zumeist junge Männer aus der sozialen Unterschicht, die allein lebten oder geschieden waren, so hat sich dies inzwischen grundlegend geändert. Nach Untersuchungen von Adler und andere (1993) sowie Schmidtke und andere (2002) sind die typischen Amokläufer nun in den mittleren Jahrgängen (30-40 Jahre) zu finden. Frauen sind zwar nur ganz vereinzelt dabei, jedoch nicht mehr auszuschliessen. Die Täter kommen (zumindest in der westlichen Welt) aus meist gutem Hause, sind gebildet und sozial integriert! Und nun das Tragische: Eine Studie, welche die Fälle zwischen 1980 und 1990 in Deutschland betrachtete, kam zu einer Ein-Jahres-Prävalenz von 0,03 bei Männern und 0,002 bei Frauen auf 100.000 Einwohner! Umpf!!! Dies würde heissen: Unter 100.000 Menschen befinden sich rein statistisch gesehen 30 männliche Amokläufer???
Eine andere Untersuchung zu diesem Thema beleuchtet 143 Amok-Ereignisse zwischen 1993 bis 2001 – durchgeführt von 144 Männern und einer Frau. Die Zahl der Verletzten reichte dabei von 0 bis 30, die mittlere Tötungsrate der Täter lag bei 5,6 (im Vergleich zu 3,1 Opfern bei Tätern, die überlebt hatten). Auch hier zeigt sich dieselbe Entwicklung wie bereits zuvor: Zumeist sozial isolierte Einzelgänger im Alter von 35,2 Jahren (im Schnitt), der überwiegende Teil war Single. Mit 26 % waren die meisten Soldaten, gefolgt von den Angestellten (19 %) sowie den Selbständigen und Schülern mit jeweils 14 %. In dieser Studie wurden auch die Motive erfasst: Rache (61 %), persönliche oder familiäre Probleme (22 %) und bei 10 % waren es politische Motive. Nur 7 % waren psychisch erkrankt.
Schul-Amoks sind die emotional wohl tiefgreifendsten Massenmorde. Schliesslich sterben hierbei kleine Kinder oder Jugendliche, die einerseits noch gar nichts vom Leben gesehen und andererseits sicherlich nichts mit den Hintergründen einer solchen Tat zu tun haben. Zudem opfern sich – wie auch auf der Sandy Hooks – die Lehrer, um die Kinder zu retten! 2002 richteten zwei Jugendliche an der Columbine Highschool in Littleton/USA ein Blutbad an. 12 Mitschüler, ein Lehrer und die beiden Täter kamen dabei um. Beinahe auf den Tag genau drei Jahre später erschiesst ein Schüler des Johannes-Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt 16 Menschen, dann sich selbst. Glaubte man, dass diese “School Shootings” ein US-amerikanisches Problem darstellen, da hier freier Waffenzugang herrscht, so wurde dies spätestens mit Erfurt widerlegt. Sind die Täter aus der Schule selbst, so wurden auch “Todeslisten” gefunden, sodass die Opfer also nicht zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Hier gibt es dann sehr wohl erklär- aber in keinster Weise die Tat verzeihbare Hintergrundgeschichten. Dem Jugendlichen in Erfurt wurde zum Beispiel aufgrund seiner Leistungen das Abi und damit auch der Schulabschluss verweigert.
Ein sehr grosses Problem stellen die Nachahmungstäter dar. Durch die Berichterstattung in den Medien erhalten solche Amokläufe eine weltweite Aufmerksamkeit. Unheimlich viele solcher Folgetaten ereignen sich binnen 10 Tagen nach der Erstberichterstattung. Menschen, die sich vielleicht noch uneins waren, sind durch die Tat bestätigt worden. Andere wollen sich dadurch einen Abgang mit Pauken und Trompeten machen. Die grösste diesbezügliche Gefahr geht von den beiden Gruppen der Schüler und der Rache als Motiv aus. In solchen Fällen könnte die mediale Berichterstattung als auslösender Impuls betrachtet werden.
Präsident Barack Obama musste an der bereits 4. Trauerfeier für Amok-Opfer während seiner beiden Amtszeiten teilnehmen – dieses Mal ging es ihm als zweifachen Familienvater besonders nahe. Er will nun gemeinsam mit vielen anderen Politikern vornehmlich seiner Partei, aber auch der Republikaner das Waffengesetz verschärfen. So sollen halbautomatische Waffen, wie auch das Sturmgewehr, mit dem Lanza dermassen viel Unheil über Newtown gebracht hat, verboten werden. Er wird es verdammt schwer haben. Einerseits gilt die Waffenlobby als eine der wohl stärksten in den USA. Wayne LaPierre, Sprecher der einflussreichsten und grössten Teilorganisation der Lobby, der National Rifle Association NRA, meinte in einer Pressekonferenz, dass der einzige Weg einem schlechten Menschen mit einer Waffe zu begegnen, ein guter Mensch mit Waffe sei. Er fordert gar noch die Aufrüstung der USA. Zusätzlich reitet er Angriffe auf Präsident Obama, die Medien und die Videospieleindustrie: Bewaffnete Sicherheitskräfte an den Schulen, weniger direkte Berichterstattung und weniger grausame und gewaltverherrlichende Games! Die Presse schäumt; die Baltimore Sun etwa titelt: “Let’s not let NRA’s LaPierre misdirect us with ignorance, lies about media”. Andererseits betrachten es sehr viele seiner Landsleute als ihr Grundrecht, sich mit Waffengewalt verteidigen zu können. Gerade in den Tagen nach dem letzten Schulamoklauf wurden so viele Pistolen, Revolver, Gewehre und Sturmgewehre wie schon lange nicht mehr verkauft. Letztere auch wegen eines möglichen Verkaufverbotes.
Umso schauriger erscheint das Beispiel eines 11-jährigen, der einer Klassenkameradin eine Pistole an den Kopf hielt. Als ihm die Waffe abgenommen wurde, meinte er, er wolle sich damit lediglich gegen einen solchen Amokläufer verteidigen.

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Weltklimagipfel – Eingeständnis der Ohnmacht

Ein Schelm, wer erwartet hat, dass beim Weltklimagipfel in Doha ein durchschlagender Erfolg für das Klima, für unsere Umwelt erzielt hätte werden können. Anstatt dessen einigten sich die Vertreter von knapp 200 Staaten dieser Erde auf einen faulen Kompromiss. Und auch hier muss man sich glücklich schätzen, da sich Russland dagegen gestellt hat. Ähnlich wie die Zusammenkünfte zuvor wurde auch in Doha ein zusätzlicher Tag angehängt, da zuvor keinerlei Einigung erzielt werden konnte. Dann nahm sich Gipfelpräsident Abdullah Bin Hamad al-Attija ein Herz und wickelte im Eilverfahren alle Gipfeldokumente ab. Ansonsten wäre das Ergebnis dieses Treffens noch weniger als nichtig gewesen. Vor zwei Jahren hatte dies die Mexikanerin Patricia Espinosa vorexerziert.
Das Kyoto-Protokoll, das eigentlich bis zum 31. Dezember dieses Jahres gültig gewesen wäre, wird nun bis 2020 verlängert – Russland, Kanada, Japan und Neuseeland sind jedoch ausgetreten. Kanada und Japan wollen ihre Ausstosswerte auf freiwilliger Basis unter die Kyoto-Werte senken. Damals in Kyoto konnte zum bislang ersten und letzten Mal ein verbindlicher Vertrag aufgestellt werden. Er regelt zwar nur 15 % aller Treibhausgas-Ausstösse (jetzt nurmehr 11-13 %), doch gelingt es offenbar nicht, die Staaten unter einen Hut zu bekommen. Nicht, dass es al-Attija nicht versucht hätte. So legte er am letzten Tag des Klimagipfels einen Vertragsentwurf vor, der die Staaten dazu verpflichtet, ab 2014 zumindest über eine Reduktion des CO2-Ausstosses nachzudenken. Wow – habe zwar nachgedacht, doch leider ist mir nichts dazu eingefallen!!! Sorry!!!

Es ist mehr als bedenklich, schliesslich geht es um unseren Planeten.

Die klimabedingten Naturkatastrophen werden vermehrt auftreten, ohne hierbei die Ursachen bekämpft zu haben. Menschen werden in den Fluten auch weiterhin umkommen, trotzdem gibt sich die grosse Weltpolitik nur mit der Symptombehandlung zufrieden.
Immer wieder stellen sich einige Vertreter quer, sodass eine Einigung nicht erzielt werden kann. Am letzten Gipfeltag war es der polnische Umweltminister Marcin Korolec, der betonte, dass Polen die überschüssigen Verschmutzungsrechte aus dem Kyotoprotokoll nicht aufgeben möchte und schon gar nicht an einem erhöhten CO2-Reduktionsziel (30 % bis 2020) interessiert sei. Er verliess daraufhin das Plenum.

Das war’s dann wohl, meinten die meisten der anderen Delegierten.

Dieser Emissionsrechtehandel wurde im Jahr 1966 durch Thomas Crocker von der University of Visconsin/Milwaukee erfunden. Eine Obergrenze an unterschiedlichen Emissionen darf innerhalb einer speziellen zeitlichen Spanne (etwa ein Jahr) für eine gewisse Region (etwa Deutschland) nicht überschritten werden. Hierfür werden Zertifikate bis hin zu dieser Obergrenze ausgegeben. Soll nun der Ausstoss an Abgasen reduziert werden, stehen im kommenden Jahr weniger dieser Verschmutzungsrechte zur Verfügung. Jedoch kann eine Region, die solche Zertifikate nicht zur Gänze braucht, diese an die Klimaverschmutzer weiterverkaufen. Der Handel allerdings ist begrenzt. Die europäischen Länder und auch Japan haben sich dazu verpflichtet, diese nicht verbrauchten Verschmutzungrechte nicht zu verwenden. Polen wollte nun die Papiere offenbar trotzdem weiterverkaufen, was aber im Endeffekt dann doch verhindert werden konnte.

Diese Zertifikate hindern Europa daran, eine vernünftige Klimapolitik zu betreiben.

Die Auflösung des Ostblocks bewirkte zudem den Zusammenbruch der Industrie in den Ländern. Übrig blieb ein Riesenhaufen solcher Emmissionspapiere aus der ersten Phase des Kyoto-Abkommens, sog. “Hot Airs”. Werden diese nun aufgebraucht, so waren all die Bemühungen für A… und Friedrich!
In diesem “Ohne Ergebnis” bestehe auch das Problem für die künftigen Klimagipfel, betonen die Experten. Zwei von drei finden in Europa statt – das nächste Arbeitstreffen beispielsweise im kommenden Jahr in Bonn, gefolgt vom Klimagipfel im selben Jahr ausgerechnet in Warschau. Durch solche Zwistigkeiten kann ein kompletter Gipfel zum Platzen gebracht werden. Dazu benötigt man nicht die mangelnde Bereitschaft der USA, Russlands oder auch Chinas einen Kompromiss zu finden. Doch dieser ist unbedingt vonnöten – zumindest für die Entwicklungsländer. Kann sich eine Industrie-Nation von den Folgen eines Hurricanes oder Flutwellen wieder selbst aufrichten, so ist dies für die Staaten der Dritten Welt unmöglich. Es mangelt an den Möglichkeiten und am Geld.
Bis 2015 soll nun ein neues Abkommen erarbeitet werden. Es wird – sollte nicht wieder etwas anderes dazwischen kommen – 2020 in Kraft treten. Damit sollten dann auch die beiden grössten CO2-Produzenten, die USA und China eingebunden werden. Sehr viele “Solls” – ob es freilich geschieht, bleibt offen. Bis zu diesem Zeitpunkt pumpen auch weiterhin die Industriestaaten Gelder in die Katastrophenregionen (ab 2020 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr), um die Folgen der Klimaänderung zu mildern. Deutschland beispielsweise bezahlt im kommenden Jahr 1,8 Milliarden €. Steuergelder, da Herr und Frau Müller zu gemütlich sind, zu viel Komfort gewohnt sind, als dass sie ihren CO2-Ausstoss einschränken würden. Pervers! “Hallo?” werden nun einige lauthals schreien: “Ich fahre mit dem Bus!” Ja, sehr löblich – wirklich. Doch wie viele Produkte haben Sie aus China in Ihrem Haushalt stehen oder liegen? Bevorzugen Sie auch im Winter T-Shirt-Raumtemperaturen? Apropos – wie sieht’s mit den Dämmwerten Ihres Hauses aus? Was nützt all das Geld dem kleinen Bauern, der Jahre gebraucht hat, um eine Ernte zu erhalten, von welcher er gerade mal so leben kann, wenn diese und seine Wohnhütte innerhalb von Minuten von Wasser oder Muren zerstört wird – anstatt weltweit die Emissionen von Treibhausgasen stark einzuschränken, wodurch die Ursache bekämpft worden wäre.

Es ist zwar sehr schön, wenn Deutschland bzw. Österreich die Kyotoziele vielleicht einhalten, andere Staaten aber nach wie vor aus vollen Schornsteinen ballern!

Kohlen- und Schwefeldioxid oder auch Methan kennen keine Grenzen. Die Insel der Seeligen wird es zumindest klimatologisch nicht geben. Im Gegenteil: Die Erdatmosphäre wird sich bis ins Jahr 2100 um vier Grad erwärmen! Viele Paradiese, die auf Atollen entstanden, werden aufgrund der Schmelze der Polkappen untergehen. Überflutungen in ehemaligen Urwaldgebieten werden tausende Opfer fordern. Der Regenwald als Wasserspeicher ist ja nicht mehr da! Dürrekatastrophen werden für grosse Hungersnot sorgen. Auch Europa wird mit Naturerscheinungen wie Hurricanes oder Windhosen Bekannschaft machen.
Umweltorganisationen wie Greenpeace oder auch der “Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland” (BUND) zeigen sich enttäuscht. So meint BUND-Vorsitzender Hubert Weiger gegenüber der Deutschen Presse-Agentur:

„Der Klimaschutz ist in Doha auf der Strecke geblieben. Die wachsweichen Beschlüsse der Konferenz leisten keinen Beitrag, um den globalen Temperaturanstieg zu bremsen“,

Wohl der Kernsatz, das Resumee der letzten Klimagipfel: Ausser Spesen nichts gewesen! Wenn nun der deutsche Bundesumweltminister Peter Altmaier von einer “neuen Zuversicht” bzw. einer “Solidarität zwischen Industrie- und Entwicklungsländern” spricht, so spreche ich von Hohn! Die immer wieder angesprochenen “5 Minuten vor 12″ sind schon längst vorbei. Der Kyoto-Vertrag wurde nach Strich und Faden ausgehöhlt, die Politik sah tatenlos zu. Weshalb beispielsweise wurde bis in diesem Jahr kein einziges Elektroauto in Serie Made in Germany produziert – die Automobilhersteller aber bei der Entwicklung mit Millionen von Steuergeldern unterstützt? Der einzige Serien-Wagen mit deutschem Hersteller-Namen, der Opel Ampera, wurde in den USA produziert. Auch wenn dennoch viel in Deutschland und Österreich erreicht wurde, so ist das derzeitige Stromdilemma in Deutschland doch der beste Beweis dafür, dass noch zu wenig in dieser Hinsicht erledigt wurde. Elektrizität, die im Norden produziert wurde, kommt nicht dorthin, wo sie verbraucht wird! Da helfen dann auch die intelligenten Stromnetze (Smart Grids) nichts. Wenn dies schon im vergleichbar “Kleinen” nicht funktioniert, wie soll es dann im “Grossen”, im Globalen vonstatten gehen. Wo Nationalstolz und Gewinnsucht herrschen!

PS: Wissen Sie, was der grösste Witz an diesem Weltklimagipfel war? Doha ist die Hauptstadt des Emirates Katar. Katar belegt seit Jahren Platz 1 auf der Liste der CO2-Sünder! Doch wäre genügend Geld da, dies zu ändern!
PPS: Zur 18. UN-Klimakonferenz sind ca. 20.000 Teilnehmer mit dem Flugzeug aus aller Welt angereist. Sie wohnten in Hotels mit Klimaanlagen, toller Beleuchtung, gekühlten Getränken, mehrgängigen Menüs,… Das ist gelebter Klimaschutz!!!

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Die Vernichtungsmaschinerie

Erlauben Sie mir heute – gleich zu Beginn eine Frage: Sind Sie makellos? Nein? Ich würde es Ihnen natürlich wünschen, kenne jedoch niemanden, der von sich aus behaupten könnte, er oder sie sei makellos. Und mein Bekanntenkreis ist wahrhaft kein kleiner! Doch weshalb fordern Sie Makellosigkeit von Obst, Gemüse, Fleisch, ja sogar von einer Verpackung???

Eine Verbraucherstudie hat im letzten Jahr aufgezeigt, dass rund die Hälfte aller Lebensmittel auf dem Müll landen. DIE HÄLFTE!

Mein Gott – darf das denn überhaupt wahr sein? Weltweit sind nach einer Studie 852 Millionen Menschen vom Hunger betroffen. Jedes Jahr fallen 8,8 Mio Menschen dem Hungertod zum Opfer – das ist ein Mensch alle drei Sekunden (Stand: 2007)! Unglaublich, während in den Hungergebieten jeder froh ist für ein Stück Brot oder eine Schale Reis, wird das hierzulande weggeworfen. Grosse Teile davon noch bevor sie den Besitzer wechseln. Der Handel weist Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln oder Kopfsalate zurück, da sie zu klein sind oder nicht so perfekt aussehen, wie sie sollten. Das mag der Konsument nicht. Somit erspart sich mancher Bauer die Fahrtkosten, sortiert diese aus und entsorgt sie direkt bei Vergasungsanlagen oder pflügt sie wieder unter. Im Experten-Fachjargon spricht man hierbei von “kosmetisch mangelhaften Agrar-Produkten” (auch die Farbe bei Tomaten ist ein entscheidendes Kaufkriterium). Was für eine Verschwendung!

Nach einer Studie des Worldwatch Institutes in Washington wird auf diese Weise dermassen viel an Nahrungsmitteln vernichtet, wie sie der kompletten Nahrungsmittelproduktion der südlich der Sahara gelegenen afrikanischen Staaten entspricht!

230 Mio Tonnen geschmacklich hervorragender Lebensmittel, noch bevor sie die Chance hatten, gekauft zu werden. Auch soziale und wohltätige Aktionen oder Vereinigungen, wie etwa die Tafeln oder Tischlein deck dich, bekommen hiervon nichts ab, da diese Lebensmittel erst gar nicht in die Nahrungskette kommen. Gleiches auch in der Fischerei: Für jeden essbaren Fisch landet ein zweiter Fisch als Beifang im Netz und wird tod wieder im Meer entsorgt! Oder: 20 % der Bananenernte in Afrika und Mittelamerika wird vorort entsorgt, da sie nicht den Normen des Handels entsprechen, Farmer in den USA pflügen ein Fünftel der Melonenernte wieder unter, da sie einen Makel an der Oberfläche haben. Ist das nicht pervers?
Erschreckende Dokumentationen wie “Taste the waste” oder ein kürzlich im österreichischen Fernsehen gezeigter “Am Schauplatz” liefern hierfür den Beweis. Den Bauern selbst blutet dabei das Herz. Klimatische Veränderungen, die Launen der Natur, Fehler im Anbau, gesetzliche Richtlinien und die Gewinnmaximierung im Handel tragen dafür die Verantwortung. Doch wirklich schuld daran ist das Konsumverhalten eines jeden Einzelnen. Klar – auch ich mag es, wenn der Inhalt eines 5 kg-Kartoffelsackes eine halbwegs vernünftige Grösse oder Aussehen hat, dann muss weniger geschält werden. Zudem habe ich etwas dagegen, wenn ich teures Geld dafür bezahle und rund ein Viertel oder gar ein Drittel des Gewichtes sind Schalen. Deshalb greife ich häufiger auf Aktionen zurück. Zwar sind hier die Kartoffeln vielleicht nicht so schön oder gross wie die anderen, teureren Kollegen, doch bezahle ich auch deutlich weniger dafür. Zudem helfe ich den Bauern dabei, auch solche Ernteerträge verkaufen zu können. Dadurch landet weniger Nahrung auf dem Müll. Immer wieder heisst es, dass das Pflegesystem in den industrialisierten Ländern langsam nicht mehr finanzierbar wird. Würden allerdings solche Lebensmittel, die den Vorstellungen der Überfluss-Gesellschaft nicht entsprechen, günstiger eingekauft werden – sofern sie nicht wirklich schlecht bzw. ungeniessbar sind – bliebe beispielsweise auch mehr Geld für Pflegepersonal übrig. Oder Arbeitslose auf den Feldern einsetzen, die zugunsten der Pflegeeinrichtungen Karotten oder Zwiebeln sowie Kartoffeln aufsammeln, die bei der Ernte liegen geblieben sind. Dies aufzusammeln ist für die meisten Bauern nicht rentabel, da die Lohnkosten meist höher sind als der erzielte Ertrag.
In den vorhin angesprochenen beiden Filmen werden auch die sog. “Mülltaucher” vorgestellt. Menschen, die sich zumeist die Nahrung nicht leisten können, tauchen in die Abfall-Container der Supermarktketten und holen sich dort essbare Abfälle heraus. Immer wieder finden sich dabei Lebensmittel, die das Mindest-Haltbarkeitsdatum noch gar nicht erreicht haben – also durchaus noch verkaufbar wären.

Tausende Menschen in Deutschland, der Schweiz und Österreich ernähren sich inzwischen auf diesem Wege.

Manche Markt- oder Filialleiter haben ein Einsehen und deponieren essbare Waren eigens neben den Mülltonnen. Bemerkt dies allerdings der kontrollierende Regionalleiter, hagelt es Abmahnungen. Schliesslich könnte es ja sein, dass einer dieser Mülltaucher krank wird oder gar verstirbt. Es könnte ein Zusammenhang hergestellt und die Supermarktkette verklagt werden. Wird das Brot allerdings in die Mülltonne entsorgt, kann man den Gewinn-Maximierern nichts anhaben. Hier kommen nun die vorhin angesprochenen sozialen Vereine ins Spiel. Sie besuchen im regelmässigen Abstand die Geschäfte und holen die Lebensmittel, die geniessbar sind, direkt im Geschäft ab – also nicht aus der Tonne. Daraus entstehen Menüs für Obdachlose und Gestrandete, die froh sind, eine warme Mahlzeit im Magen zu haben. Und all das mit dem, das die anderen nicht mehr haben wollen, die sich aber trotzdem immer mehr beschweren, dass das Leben langsam nicht mehr finanzierbar ist.
Damit auch rasch zum Hauptschuldigen: Dem Konsumenten! Es ist toll, wenn ich nach einem harten Arbeitstag noch kurz vor Ladenschluss in ein Geschäft gehen kann und dort frisches Brot erhalte. Trotzdem könnte ich liebend gerne darauf verzichten, wenn ich damit etwas bewirken kann.

Jeden Tag wird in Deutschland 20 % mehr Brot produziert, als verbraucht wird.

Hiermit könnte der komplette Hunger in Deutschland gestillt werden – es bliebe gar noch etwas übrig. Doch anstatt dessen landet es auf dem Müll. Viele Mitarbeiter im Einzelhandel, die für einen Mindestlohn arbeiten, wären zudem froh, wenn sie diesen Ausschuss mitnehmen könnten. Doch dürfen sie auch das nicht. Pünktlich um 19.00 Uhr wird die teilweise noch volle Theke leergeräumt – was eine Minute zuvor noch 2,50 € gekostet hat, kandet im Container. Dafür steigen allerdings die Preise. Logisch, muss doch dieser Abgang über die verkauften Produkten mitfinanziert werden. Hinzu kommt ferner die Vernichtung, die meist teurer wird als die Herstellung. Der Konsument bestimmt die Richtlinien im Handel. Was nicht entspricht, bleibt liegen und wird zum Fall für die Entsorgung. Und die ist inzwischen zum Millionengeschäft avanciert.
Allerdings sollten auch die Haushalte selbst als Nahrungsvernichter nicht unterschätzt werden – ganz im Gegenteil. Einerseits werden durchaus geniessbare Produkte, die kurz vor dem Ablauf des Mindest-Haltbarkeitsdatums heruntergesetzt wurden, nicht gekauft. Andererseits befindet sich so manch einer mit dem ersten Schritt in den Supermarkt im Kaufrausch. Mehr als eigentlich verbraucht wird, landet im Einkaufswagen. Die Gewinnoptimierer sind natürlich auch nicht dumm und haben die vormals handlichen, kleinen Einkaufswagen durch Grossraum-LKW ersetzt, in die wesentlich mehr reinpasst. Zuhause angelangt wird beim Abendessen vom Speck das Fett weggemacht, die Brotrinde abgeschnitten, der Apfel geschält oder auch das Fett des Fleisches vor dem Anbraten entfernt. Wäre es nicht weitaus besser gewesen, anstelle des Specks vielleicht fettlosen Schinken, anstelle des Schwarzbrotes Vollkorn-Toast-Brot, anstelle des frischen Apfels Apfelmus oder eingelegte Apfelstücke und anstelle des Schulterbratens ein Stück mageres Fleisch zu kaufen? Haben wir allesamt unsere Essgewohnheiten dermassen geändert, dass jetzt das, was in früheren Zeiten eine Hauptmahlzeit bedeutete, nun weggeworfen wird?
Auch die Sache mit dem Mindest-Haltbarkeitsdatum ist mehr als ärgerlich. Der Produzent muss dies anbringen, damit er rechtlich aussen vor ist.

Das MHD ist die Herstellergarantie für die Produktqualität – es hat nichts mit dem Verbrauchsdatum zu tun!!!

Tatsächlich sind somit die meisten Produkte noch weitaus länger geniessbar. Einige Haushalte entsorgen diese sogar noch vor diesem Datum! Hallo? Beim Joghurt etwa wird damit garantiert, dass z.B. die Cremigkeit bis zu diesem Mindest-Haltbarkeitsdatum gewährleistet wird. Mit Verbrauchs- oder Ablaufdatum steht dies in keinem Zusammenhang (sehr wohl hingegen etwa beim Hackfleisch). So hält sich beispielsweise nicht-wärmebehandeltes Erdbeerjoghurt zwischen drei bis sechs Monate lang (Stiftung Warentest). Untersuchungen haben ergeben, dass ein Gros der Verbraucher nur nach dem Datum geht, sich dabei nicht um das kümmert, was davor steht. Deshalb gibt es auch bereits viele Stimmen, die das MHD abgeschafft wissen möchten.
Bislang noch gar nicht erwähnt wurden jene Lebensmittel, die während des Transports, aufgrund mangelhafter Lagerung oder Fehler bei der Verpackung zugrunde gehen. Beispielsweise 150 Mio Tonnen Getreide in den Entwicklungsländern, das Sechsfache, um den Hunger all der Menschen dort zu stillen.
Als ich aöö diese Zeilen gelesen habe, wurde mir schwindelig vor Augen. Die vom Unternehmen Cofresco durchgeführte Verbraucherstudie “Save Food” bringt im Jahr 2011 die grauenvollen Zahlen zu Papier: Deutsche Haushalte werfen rund 21 % der erworbenen Lebensmittel weg, da der Einkauf schlecht geplant ist – dies sind in etwa 11 Mio Tonnen. Dabei landet beinahe ein Drittel davon in Originalverpackung im Müll! Rund die Hälfte könnte eingespart werden. Eine weitere Studie der Universität Stuttgart im Auftrag des BMELVs bestätigt dies: Jeder Deutsche entsorgt im Jahresdurchschnitt auf diese Art 81,6 kg an Lebensmitteln im Wert von 235,- €! 61 % stammt aus Privathaushalten, 17 % von Grossabnehmern (Hotels, Kantinen, Gastronomie) und 5 % aus dem Einzelhandel. Zahlen, die in der Arbeit aufgetreten, jeden Chef zur Weissglut bringen und einen Entlassungsgrund darstellen können. Im Rahmen dieser Studie protokollierten ca. 1.500 Konsumenten ihr Wegwerfverhalten als “Abfall-Tagebücher” auf einer Webseite. Parallel dazu wurde eine Online-Umfrage durchgeführt. Die meisten wussten, dass ein bewussterer Einkauf zielführend wäre. Doch lassen sich viele in den zumeist nach allen werbepsychologischen Tricks aufgebauten Durchgangsschleusen der Märkte hinter’s Licht führen. Sonderangebote und die Werbung führen zum vermehrten Griff in die Regale. Dabei überlegen sich viele gar nicht, ob sie dermassen viel aufbrauchen können. Ein Bekannter griff immer im Herbst zu: Kohl bzw. Kraut (in Österreich)! Sehr schmackhaft und auf die unterschiedlichsten Arten zubereitbar. Also kaufte er immer gleich zehn Kilo davon, da der Sack günstiger war. Meist aber brauchte er nur zwei oder gar einen Kopf davon. Der Rest wurde weggeworfen. Kohlrouladen an einem Tag und Kohlsuppe am nächsten Tag – damit hat Otto Normalverbraucher seinen Kohl-Bedarf für einige Wochen gedeckt. Ich bin übrigens auch einer jener welchen. Ich kaufe meist mehr ein, koche (Hobbykoch aus Leidenschaft) wesentlich mehr, nutze allerdings auch meinen Tiefkühl-Schrank. Lebensmittel roh oder als fertige Speise eingefroren, steigert – na no net – die Haltbarkeit. Brot beispielsweise – den Wecken halbieren und die eine Hälfte davon einfrieren. Wurst en gros gekauft, portionieren und einfrieren. Auch der Kohl könnte eingefroren werden, wenn er zuvor blanchiert wird. Somit denke ich bereits beim Einkauf darüber nach, was ich bis zum nächsten Mal benötige, was ich somit aufbrauche und was ich durch entsprechende Lagerung länger verwenden kann, ohne dass dies verdirbt. Bei jedem Lebensmittel, das ich wegwerfe, habe ich nicht etwa ein schlechtes Gewissen wegen des Geldes.

Ich habe dann vielmehr das Bild eines afrikanischen Kindes mit seinem aufgeblähten Bauch vor Augen, das vielleicht gerade durch das, was ich da wegwerfe, vor dem Hungertod bewahrt werden könnte.

Die Wegwerfgesellschaft ist ein Beispiel dafür, dass der Verbraucher unmündig ist. Wir schimpfen über die Reichen, die immer noch reicher werden, verhalten uns aber in unserer Umwelt völlig identisch. Dabei ist es mir komplett egal, ob Sie ihre Couch, die noch tip top in Ordnung ist, entsorgen, da sie etwas anderes haben möchten. Ob Sie die hochgiftigen Batterien wegwerfen, obwohl sie noch Leistung bringen würden. Ob Sie verbotenerweise Ihr Auto zuhause mit dem Dampfstrahler reinigen, obwohl es hierfür Autowaschanlagen gäbe, die auch das Wasser wieder aufbereiten. Doch bei Lebensmitteln gehe ich voll auf Konfrontation. Die Welt steuert nämlich auf eine Lebensmittelkrise ohne gleichen zu. Missernten oder Dürrekatastrophen wird es aufgrund klimatischer Veränderungen immer häufiger geben. Solche in den USA und auf dem indischen Subkontinent haben in diesem Jahr beispielsweise das angestrebte Nahrungs-Gleichgewicht wieder um Jahre nach hinten geworfen. Noch hat die industrialisierte Welt genügend Geld um sich einen Wecken Brot auch um 5,- € leisten zu können. Allerdings wandert immer mehr Wirtschaftskraft in die Schwellen- und Entwicklungsländer ab. Es gibt immer mehr Menschen, die hierzulande auf ihr Geld schauen müssen.
Immer mehr Anbauflächen werden exzessiv und nicht nachhaltig bewirtschaftet. Nach drei bis vier Jahren Sojabohnen-Anbau ist der Boden ausgelaugt und wird zum Brachland. Dann wird wieder Urwald gerodet. Zudem werden immer mehr Flächen für den Anbau von Biosprit verwendet. Anstatt hier ein Umdenken zu bewirken, dass die 200 Meter ins nächste Geschäft durchaus zu Fuss oder die 2 km mit dem Rad absolviert werden könnten, somit der Verbrauch heruntergeschraubt wird, bleibt dieser konstant. Die nachfolgenden Generationen werden uns dies danken!
Und schliesslich der Fleischkonsum.

“Die Menschheit nähert sich den Grenzen des verfügbaren Farmlandes und der für die Landwirtschaft nutzbaren Wasserversorgung – und hat sie mancherorts schon überschritten!” (Robert Engelman, Worldwatch-Institutsdirektor).

Wer hierbei vielleicht von Umwegrentabilität spricht, liegt aber sowas von volkswirtschaftlich daneben. Der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, Olivier de Schutter, meint: Wird der Fleischkonsum bis 2050 weltweit auf dem Niveau von 2000 festgesetzt (jährlich 37,4 kg pro Kopf), so “könnten ungefähr 400 Millionen Kilo Getreide für die menschliche Ernährung freigesetzt werden!” Genug, um damit 1,2 Milliarden Menschen mit Kalorien versorgen zu können. Das Tier benötigt weitaus mehr Kalorien für den Aufbau des Skeletts, die Körperfunktionen und die Bewegung als für den Muskelapparat (Fleisch). Auch der Präsident der Albert Schweitzer Stiftung, Wolfgang Schindler meint: “Wir können dazu beitragen, den Welthunger zu überwinden, indem wir weniger oder am besten gar kein Fleisch essen!” Weg von der exzessiven Fleischproduktion. In früheren Zeiten gab es auch nicht jeden Tag Fleisch zum Mittagessen. Zusätzlich positiver Nebeneffekt: Die Massentierhaltung (industrialisierte Fleischproduktion) lohnt sich nicht mehr – sie ersparen damit sehr vielen Tieren grausame Qualen!
Zudem muss mit den bestehenden Ressourcen schonend umgegangen werden – sparen heisst somit die Devise. Das fordert auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Die weltweiten Verluste und die Verschwendung von Lebensmitteln muss in den nächsten 15 Jahren um 50 % reduziert werden. Zudem sollten effektivere Wertschöpfungsketten und ein fairer Marktzugang für Kleinproduzenten geschaffen werden. Wenn etwa das Getreide aus den USA in Afrika günstiger ist, als das vorort angebaute, wird es keine Getreidebauern dort geben. Die FAO schätzt, dass rund ein Drittel der Lebensmittel weggeworfen wird. In Grossbritannien sind dies 8,3 Mio (Studie der Initiative “Working together for a world without waste” WRAP aus dem Jahr 2009), in Deutschland ungeheuerlich geschätzte 20 Mio Tonnen (nationale Wegwerfstudie des BMELV). Durch das Verrotten der Lebensmittel entsteht Methan, das erheblich zum Klimawandel beiträgt.

Experten schätzen, dass bei einer Halbierung des Lebensmittelmülls dermassen viele Klimagase nicht mehr freigesetzt werden, als würde jedes zweite Auto stillgelegt!

Könnten die Nahrungsmittel gerettet werden, wäre der Hunger auf der Welt nachhaltig bekämpft, der Umwelt etwas gutes getan und die Preise gedrückt. Also – bitte behandeln Sie die Nahrung auch als das, was sie ist: Lebensmittel – Mittel zum Leben!!!

Literatur:
Stefan Kreutzberger, Valentin Thurn
“Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist”
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2011
320 Seiten

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