Archive for Februar, 2013

Papa ante portas

Geboren wurde Amadeus VIII. 1383 in Chambery. Als Amadeus der Friedfertige sollte der spätere Herzog von Savoyen jedoch nicht in die Geschichtsbücher eingehen. 1401 heiratete er in Arras Marie, die Tochter des Herzogs von Burgund, Philips II., die ihm nicht weniger als neun Kinder schenkte. Na ja – Fernsehen gab’s damals noch nicht! Marie verstarb 1422 – 17 Jahre später wurde aus Amadeus VIII. Felix V. – der letzte Gegenpapst. Er residierte in Genf, Lausanne und Basel und wurde als Papst in Aragonien, Ungarn, Bayern und der Schweiz anerkannt. Felix V. dankte 1449 ab.
Verzeihen Sie mir bitte diesen historischen Abstecher zu Beginn meiner heutigen Ausführungen. Doch war dies das letzte Mal, dass zwei Päpste gleichzeitig ihren durch Gott gegebenen Ämtern nachkamen. Abdankungen hingegen gab es bereits derer vier. Während sich Coelestin V. ebenso wie jetzt auch Benedikt XVI. der Aufgabe nicht mehr gewachsen sah, mussten sich insgesamt drei dem Druck ergeben und verzichten (Pontianus, Silverius und Gregor XII.); alle anderen holte der Chef selbst aus dem Amt. Das war auch die Meinung Johannes Pauls II., der bereits vom Tode gezeichnet meinte, dass ein Pontifex nicht so einfach in die Pension gehen könne! Er war es auch, der Kardinal Josef Ratzinger gleich zweimal darum gebeten hatte, Präfekt der Glaubenskongregation und damit die religiöse rechte Hand des Papstes zu werden. Karol Wojtyla galt als Nachfolger Petri in Rom als ein moderner und aufgeschlossener Papst, der von seinen Schäfchen geliebt wurde. Er war es auch, der um die Welt reiste und sich mit den Oberhäuptern der anderen Weltreligionen an einen Tisch sass. In seinem Tun allerdings wurde er immer wieder durch die Konservativen an kurzer Leine gehalten. Josef Ratzinger setzte sich hingegen bereits als Kurienkardinal für den Zölibat, gegen Teile der Befreiungstheorie, gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen sowie für die katholische Sexuallehre in der Humanae vitae und für die zentralistische Kirche ein. Man könnte durchaus von einem Bremseffekt im Vergleich zum damaligen obersten Hirten sprechen. Ratzinger galt bis 1999 als Vorantreiber der Ökumene, mit dem Erscheinen des päpstlichen Lehrschreibens “Dominus lesus” jedoch musste dies revidiert werden, war es doch Ratzinger selbst, der hierbei federführend dahinter stand. Vielleicht auch deshalb wollte sich Ratzinger immer wieder nach Bayern zurückziehen um sich der Schriftstellerei widmen zu können. Letzmals bat er darum im Jahr 2002, was Johannes Paul II. jedoch erneut ablehnte. Dann verstarb dieser. Die Welt hoffte auf einen Nachfolger, der die durch Karol Wojtyla beschrittenen Wege fortsetzte und aus der teils antiquierten katholischen Kirche eine Glaubensrichtung des neuen Jahrtausends formen sollte. Nach 26 Stunden hatte sich das Konklave dann allerdings auf den Spitzenkandidaten für den Posten, auf Josef Ratzinger als neuen Papst geeinigt. Das Amt abzulehnen, kommt für die meisten Kardinäle nicht in Betracht, ist es doch eine durch die Obrigkeit gewollte Aufgabe, die in voller Demut angenommen werden muss. Man kann sich nur im Vorfeld aus dem Kreis der Favoriten holen, wie es derzeit der Wiener Kardinal Schönborn macht. Ob nun die Ära Ratzinger positiv oder negativ für die Weiterentwicklung der Papstkirche war, sei dahin gestellt und nicht Thema meiner Ausführungen.
Benedikt XVI. war massgeblich an den Beerdigungsfeierlichkeiten für Johannes Paul II. beteiligt. Bereits davor hatte er einige Aufgaben des Papstes interimistisch übernommen. Was nun wirklich hinter seiner Abdankung steht, wird sein Geheimnis bleiben. Möglich, dass er körperlich zu alt für dieses an der Substanz zehrende Amt ist. So meinte etwa der päpstliche Biograf Peter Seewald gegenüber des Nachrichtenmagazins “Focus”, Benedikt habe ihm im Sommer auf die Frage hin, was noch aus dem Pontifikat werden solle, geantwortet: “Von mir? Nicht mehr viel. Ich bin doch ein alter Mann, die Kraft hört auf. Ich denke, das reicht auch, was ich gemacht habe.” Möglich, dass er nicht wie sein Vorgänger sterben und beerdigt werden möchte. Möglich, dass ihm eine Krankheit diagnostiziert wurde, was jedoch aus dem Vatikan dementiert wird. Möglich, dass er sich aus den Machtkämpfen raushalten möchte, die hinter verschlossenen Türen schon immer im Vatikan getobt haben. Das Intrigenspiel und die Flügelkämpfe sind ein offenes Geheimnis. So meint etwa auch Bischof Stephan Ackermann aus Trier gegenüber der “Bild am Sonntag”, dass das Kirchenoberhaupt mit seinem Rücktritt möglicherweise eine Zäsur setzen wolle. “… ein Schritt in Richtung Moderne!” Das will offenbar auch Benedikt selbst – er forderte den Klerus auf, die Kirche zu erneuern. Auch möglich, dass er nun von seinen damaligen Plänen des Rückzugs Gebrauch machen und in der letzten Phase seines Lebens einfach nur Ruhe haben möchte, denn die Bücher, die er verfassen wollte, hat er ja bereits publiziert. Für diese Versetzung in den Ruhestand nutzte er die Gunst der Stunde, denn Ratzinger selbst schreibt in seinem Buch “Licht der Welt”, dass man in der Gefahr nicht davonlaufen dürfe. Offiziell heisst es, möchte er sich in das Karmelkloster im Vatikan zurückziehen und dem Gebet widmen. Ein Kloster, in dem früher Karmelitinnen wirkten, heute sind es sieben Salesianerinnen, die in diesen Mauern ihren Berufungen nachgehen.
Wieso Nonnen? Schliesslich hat Benedikt XVI. die konservative Haltung der katholischen Kirche zur Rolle der Frau und der Bedeutung des Zölibats fortgeführt. Ok – nach Definition ist der Zölibat “das Versprechen zur Ehelosigkeit”. Trotzdem wird Josef Ratzinger den Rest seines Lebens gemeinsam mit Frauen zusammenleben. Apropos – wie soll dies dann aussehen? Hat er als legitim gewählter Pontifex noch Mitspracherecht bei den Entscheidungen seines Nachfolgers (das entspreche allerdings der Rolle eines Gegenpapstes)? Was geschieht bei Widerspruch mit dem neugewählten Papst? Wer kann wen im Extremfall exkommunizieren (Universaljurisdiktion)? Bleibt ihm der Luxus, den er in den letzten rund 12 Jahren gewohnt war? Mit Kammerdiener, Koch, Vorkoster, etc. Und die Gretchenfrage: Bleibt er Seine Heiligkeit und damit in Glaubensfragen unfehlbar? Ja – die Unfehlbarkeit: Benedikt XVI. bat um Verzeihung für all die Fehler, die er gemacht habe!!! Ähm – wie passt denn dies zusammen?! Wirken sich vielleicht die vielen Diskussionen, die der Heilige Vater mit den Vertretern der Protestantischen Kirche führte, negativ auf sein Amtsverständnis aus? Doch zeigt uns dies, dass sich hinter dem Pontifex der Mensch Josef Ratzinger verbirgt, der zudem eingesteht, dass er jetzt für das Amt zu schwach ist! Ein starkes Zeichen des Menschen Ratzinger.
Auch für all jene, die vielleicht nicht der katholischen Kirche zuzurechnen sind, erfüllt der Papst einen wichtigen ethisch-moralischen Anspruch. Schliesslich ist die durch ihn angeführte Glaubensrichtung eine der grössten Weltreligionen. Allerdings nicht die einzige, wie immer wieder durch sie klar gemacht wird. Alleine das Christentum spaltet sich in eine Vielzahl an Möglichkeiten auf. Durch die Ökumene wird versucht, auf der Basis gleicher Glaubensansätze und Parallelitäten, besser zusammenarbeiten zu können. Die katholische Kirche hat jedoch aufgrund ihrer Häresie nur einen Beisitzer-Status, da ja ansonsten eingestanden werden muss, dass es auch andere Glaubensrichtungen gibt. Gottlob ist der Graben zwischen den Ausrichtungen nicht mehr dermassen tief, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Allerdings besteht er auch weiterhin. Und dabei gibt es Strömungen, die versuchen, mit der Zeit zu gehen (Protestantismus) oder die erzkonservativ bleiben (Orthodoxe Kirche). In der Römisch-Katholischen Kirche gibt es viele, die die alten Glaubenssätze über den Haufen werfen und die Kirche grundlegend modernisieren möchten. Gestattet dies der Vatikan nicht, so kommt es zur Abspaltung, wie im Falle der altkatholischen Kirche (1872/73). Trotzdem sehen sehr viele in diesem Glauben ihr Zuhause, verstehen aber das Festhalten Roms an alten Strukturen, alten Paradigmen nicht, die aus zumeist längst verstaubten Zeiten herrühren. Dies ist auch der Hintergrund der von Österreich und hier v.a. vom ehemaligen Caritas-Direktor Helmut Schüller ausgehenden Pfarrer-Initiative, die zusehends immer mehr Anhänger auch in Deutschland und der Schweiz findet. Sie fordert die Gleichberechtigung von Frau und Mann auch in der Kirche, den Wegfall des Zölibats, das Recht jedes Getauften an der Eucharistie und mehr Bemühungen um die Abendmahlsgemeinschaft der christlichen Kirchen. Vieles davon beispielsweise hat die altkatholische Kirche bereits umgesetzt.
Die Mehrheit der Katholiken fragt sich nun: Was soll der neue Papst bewirken, wie soll es weitergehen? Antworten zu dringenden Fragen müssen gefunden werden! Dabei spielt sicherlich auch der Umstand woher er kommt eine schwergewichtige Rolle. Wird ein Zeichen in Richtung moderne Weltkirche gesetzt und auf ein Bewerber aus Afrika oder Lateinamerika zugegriffen? Kommt er aus Kanada? Von den 117 Kardinälen des Konklaves kommen nicht weniger als 28 aus Italien. Dort wird nach einem Polen und einem Deutschen nun wieder ein Italiener gefordert! Benedikt hat in seiner letzten Predigt am Aschermittwoch die Zerrissenheit der Kirche beklagt. Wird der neue Papst noch mehr polarisieren, wird es auch weiterhin Flügelkämpfe geben, werden sich die Pius-Brüder oder gar die Pfarrer-Initiative abspalten? Oder wird er als Brückenbauer vereinen! So meint der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, dass Fehler benannt werden sollten. “Aber eben nicht nur die!” Zuletzt sorgte etwa ein Vergewaltigungsopfer für heftigste Diskussionen. Die Frau wurde von mehreren katholischen Krankenhäusern abgewiesen. Sie wollte die Pille danach! Dies sind die Probleme des 21. Jahrhunderts, welchen sich auch die Kirchen stellen müssen. Ebenfalls ein sehr heikles Thema: Die päpstliche Haltung zum Islam. In immer mehr Ländern wird die Scharia wieder eingeführt, die keine anderen Regeln und Gesetze zulässt. Hier sind Frauen wieder minderwertig, Diebstähle werden mit dem Abhacken der Hand bestraft, auch mittelalterliche Tötungen (wie Steinigungen) wieder eingeführt. Somit stünde einem immer älter werdenden Islam eine moderner werdende Römisch-Katholische Kirche gegenüber! Wollen das aber die Kirchenväter überhaupt? Früher führten die Päpste Kriege, krönten Kaiser und Könige, verlangten für die Beichte Ablasszahlungen, waren mächtig und reich. Heute treten immer mehr Schäfchen aus, die Kirchen werden leerer, ehedem brave Soldaten begehren auf und der Pomp der Mutterkirche lässt beim kleinen Gläubigen Zweifel aufkommen, ob denn die Kirchensteuer wirklich richtig verwendet wird.
Die Verantwortlichen haben es sehr eilig mit einem Nachfolger. Verständlich, gab es doch einen solchen Fall seit Jahrhunderten nicht mehr. Normalerweise folgte nach dem Tod des Kirchenoberhauptes eine Phase der Trauer und Ruhe, in welcher – gut abgeschirmt von der Öffentlichkeit – erbitterte Machtkämpfe stattfanden. Offiziell benennt die vatikanische Verfassung dies als “Sedisvakanz”, als “leerer Stuhl Petri”. Erst dann kommt das Konklave zusammen (15-20 Tage nach Beginn dieser Sedisvakanz), um nach mehr oder weniger kurzer Zeit mit weissem Rauch einen Nachfolger Petris präsentieren zu können. Doch nun sollen die Herren Kardinäle bereits innerhalb eines Monats zusammentreten. Bis spätestens Ostern muss ein Nachfolger feststehen – wer soll ansonsten den päpstlichen Segen erteilen? Und genau hier zeigt sich wieder die Verstaubtheit des Systems. Es musste diskutiert werden, ob diese mindestens 15 Tage Sedisvakanz nach Verfassung eingehalten werden müssen. Soll heissen, dass mit der Abdankung Benedikts XVI. zum 28. Februar das Konklave frühestens am 15. März zusammentreten darf! Interpretationsspielraum??? Schliesslich muss doch den Kirchenoberhäuptern Zeit zum Kofferpacken und Flugbuchung gegeben werden. Diese aber sind ja bereits grossteils aufgrund der letzten Audienz des Obersten Hirten im Vatikan.
Noch ein Wort zu den Favoriten – in Italien spricht man übrigens bereits vom “Toto-Papa”: Da ist u.a. von Angelo Scola, dem Erzbischof von Mailand oder dem Kanadier Marc Ouellet die Rede, von Kardinal Francis Arinze aus Nigeria oder von Peter Turkson aus Ghana. Oh mein Gott – können Sie sich den Volksaufstand, die Schafsrevolte vorstellen, was in den 70ern los gewesen wäre, wenn ein schwarz-afrikanischer Priester hierzulande die Messe abgehalten hätte? Dem Himmel sei Dank, dass sich dies inzwischen geändert hat und auch die Älteren unter uns (hoffentlich) zu jener Besinnung gekommen sind, dass es keine Herrenrasse gibt! Der Kanadier? 1944 geboren, war er Erzbischof von Quebec, also vom frankophilen Teil des Landes. Bereits Johannes Paul II ernannte ihn zum Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Benedikt XVI. beförderte ihn zum Kardinalpräfekten der Kongregation für die Bischöfe und zum Präsidenten der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika. Er könnte der erste Pontifex aus “der neuen Welt” werden.
Allerdings werden es etwaige Kandidaten sehr schwer haben. Benedikt selbst legte fest, dass im Konklave eine Zweidrittel-Mehrheit erzielt werden muss. Sein Vorgänger hatte dies nur bis zum 33. Wahlgang niederschreiben lassen. Jetzt muss es so lange Stichwahlen geben, bis das neue Kirchenoberhaupt mit dieser Mehrheit feststeht. Wahlberechtigt sind alle Kardinäle, die zum Beginn der Sedisvakanz das 80. Lebensjahr noch nicht überschritten haben – es dürfen allerdings niemals mehr als 120 sein. Am ersten Tag findet die erste Wahl am Nachmittag statt – zur Sondierung sozusagen. An den folgenden Tagen dann jeweils zwei Wahlgänge am Vor- und am Nachmittag. Josef Ratzinger war eine rasche Entscheidung – er stand bereits mit dem vierten Wahlgang fest.
Benedikt XVI. war ein weiser Papst, auch wenn er teilweise an den Gläubigen vorbeigeredet hat, meinen Experten. Bei seinen Einstellungen hingegen scheiden sich die Geister. Einerseits forderte er immer wieder die Modernisierung, andererseits wurden Entscheidungen wider Erwarten erneut erzkonservativ getroffen. Vielleicht wird hier deutlich, dass der Papst ein Brückenbauer zu sein hat. Er war es übrigens auch, der sich bei seinem letzten Deutschlandaufenthalt mit Oberhäuptern der evangelischen Kirche getroffen hat, sich mit den Patriarchen der orthodoxen Kirchen austauschte – allerdings nicht vom römisch-katholischen Pragmatismus abkam. Er traf sich mit seinem eigentlichen Erzfeind, Fidel Castro, mit der jüdischen Kirche, mit dem Islam, wenn gleich auch letzteres nicht wirklich glücklich gewählt war. Einerseits zeitlich, andererseits hatte es sich Ratzinger mit dem Islam im Rahmen seiner Rede am 12. September 2006 in Regensburg verscherzt, als er den christlich-byzantinischen Kaiser Manuel II. Palailogos zitierte:

“Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.”

Eine Beleidigung ohne Gleichen, obwohl er es so eigentlich gar nicht gemeint hatte. Ausserdem: Was machte die christliche Kirche bei den Kreuzzügen? Immer wieder zogen auch die Päpste später in den Krieg. Und: Dass bei der Missionarisierung nicht alles christlich abgelaufen ist, sollte inzwischen allseits bekannt sein. Zudem: Inquisition, Exorzismus,…
Es kommen somit grosse Aufgaben auf seinen Nachfolger zu, die auch der Bayer nicht lösen konnte. Trotzdem kann Deutschland auf diesen Papst stolz sein. Am 28. Februar wird er sich von seinen Kardinälen verabschieden und um 20.00 Uhr in Castel Gandolfo im engsten Mitarbeiterkreis den Siegel-Ring Petris abnehmen, der in Folge höchstwahrscheinlich zerstört wird. Dann ist Josef Ratzinger nurmehr der “Bischof von Rom” i.R., denn nach seiner Wahl zum Papst, schied Benedikt XVI. automatisch aus der Kardinalskurie aus!

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Bio as Bio can – wirklich?

Europa hat einen neuen Fleischskandal: Pferdefleisch aus Argentinien und Rumänien in Tiefkühlprodukten! Auch die ersten deutschen und österreichischen Supermärkte entfernen schon mal vorsichtshalber Produkte aus dem Eiskasten! Nichts aussergewöhnliches! Gehört heutzutage sozusagen zum Tagesgeschäft! Übrigens – auch ich mag Lasagne unheimlich gern, jedoch nur dann, wenn Sie frisch gemacht ist. Hier ist eine sehr gute Bekannte meinerseits Spezialistin für. Aber zurück zum Tiefgefrorenen: Das Hackfleisch (österr.: Faschierte) sollte lt. Auszeichnung vom Rind kommen. Tatsächlich entdecken immer mehr Lebensmittel-Kontrolleure bis zu 100 % Pferdefleisch darin – teilweise gar medikamtentös kontaminiert (durch antibiotika-aufgeputschte Rennpferde). Alter Pferdeflüsterer – sicherlich gibt es sehr viele Menschen, die es wie ich halten: Gewisse Tiere kommen bei mir nicht auf den Tisch – das Pferd gehört dazu! Das Unternehmen schob in diesem Falle die Schuld dem Lieferanten aus Frankreich zu, der wiederum rechtlich gegen einen seiner Lieferanten vorgehen wird. Über die Verpackung und Kennzeichnung habe ich ja schon mal geschrieben, weshalb ich mich einem anderen Thema widmen möchte: Ist denn wirklich immer Bio in Bio?
Es ist wahrhaft ein sehr heikles Thema. Die Unternehmen stehen immer sofort mit dem Rechtsanwalt vor der Türe. Logisch, ist doch Bio zwischenzeitlich zu einem Riesengeschäft avanciert. Jeder Deutsche oder Österreicher kauft zumindest einmal im Jahr ein Produkt mit dem Prädikat “Öko” – die intensive Käuferschicht liegt bei 30-40 %. Seien es nun die Eier, der Kopfsalat, die Tomaten – ja und auch das Fleisch. Das macht alleine in deutschen Landen einen Markt von nicht weniger als 7 Milliarden Euro aus. Tendenz: Stark steigend! Durchaus kontraproduktiv zur Produktionsentwicklung, wurde doch bis zuletzt vieles in Billiglohnländer ausgelagert bzw. die Nahrungsmittelherstellung weitestgehend industrialisiert. Somit müssen Bauern, wollen sie künftig wieder biologisch richtig anbauen, zumeist weit weg von dem, was ihnen der Vater beigebracht hat (intensivierte Landwirtschaft mit Massentierhaltung) und hohe Summen investieren, um das Prädikat “Bio” tragen zu dürfen. Gesellschaften, wie beispielsweise “Abcert” in Deutschland oder die österreichische “AMA” (Agrarmarkt Austria) setzen allerdings hohe Anforderungen an ihre Lieferbetriebe, sodass viele diese gar nicht erfüllen können und beispielsweise ihre Massentierhaltung aufgeben bzw. einen “Produktwechsel” durchführen. Dabei sind immer mehr auch Schafe und spezielle andere Tiersorten (etwa Hochlandrinder oder Wollschweine) durchaus ein Thema.
Galten bis vor kurzem zumeist die Bio-Produkte in den Geschäften noch als Ladenhüter, so legte der Markt alleine im vergangenen Jahr um 6 Prozent zu. Die heimischen Bauern können gar nicht dermassen viel produzieren, damit die Nachfrage gestillt werden kann. So heisst es etwa aus dem österreichischen Bundesgesundheitsministerium, dass drei Viertel der in Bio-Geschäften verkauften Waren aus dem Ausland stammen. Der Grund ist rasch erklärt: Dies liegt an der Anbaufläche, die im Wesentlichen nicht grösser geworden ist. Immer mehr wird in die Mais-Anbaufläche (Biosprit und Biogas) investiert, dies treibt den Pachtzins rauf – Land wird für den Biobauern unerschwinglich. Und Anreize, den Hof ab sofort ökologisch sinnvoll zu betreiben, gibt es nur ganz wenig. Es muss also hinzugekauft werden. Und hier liegt zumeist der Hund begraben. Es nutzt beispielsweise dem biologisch produzierenden Hühnerhof die komplette Produktion nichts, wenn er unter seinen Lieferanten bewusst oder unbewusst konventionelle Landwirte dabei hat! Er ist es, der sich für das Prädikat verbürgt. Somit wäre es zu befürworten, dass er gegenüber seinen Lieferanten dieselben Kontrollen durchführt, die auch er über sich ergehen lassen muss oder sollte. Ansonsten – sorry – verdient auch er das Bio-Zeichen nicht. Apropos – hier nun folgend einige Beispiele, wie das komplette System ad absurdum geführt wird – vielen Dank dafür, dass es noch Aufdecker gibt!
Ein Bericht im MDR-Magazin FAKT auf Anregung der Tierfreunde e.V. (11/2012) liess einen der grössten deutschen Hersteller von Bio-Eiern schlecht aussehen. Die Tierhaltung stank im wahrsten Sinn des Wortes zum Himmel: Immer wieder kranke und gar tote Legehennen, teils nurmehr schlecht befiedert oder im Dämmerzustand waren in einer der Stallungen zu sehen. Das Unternehmen verkauft jährlich 150 Millionen angeblicher “Bio-Eier”. Aus der Vorstandsetage des Unternehmens heisst es in einer Stellungnahme lapidar: “Solche Bilder stehen in einem krassen Gegensatz zu unseren nach höchsten Bio-Standards arbeitenden Stallungen und zu unserem Verständnis einer artgerechten Tierhaltung.” Hallo??? Hierbei handelte es sich um einen Zuliefererbetrieb, sozusagen eine firmeneigene Stallung – nicht um die eines Mitbewerbers!!! Verantwortlich gemacht wird dafür das Rotlauf-Bakterium, das die Vögel infiziert habe. Angeblich wurde zwei Tage nach den Aufnahmen der komplette Bestand geschlachtet. Viele davon sollen auch nicht in den Verkehr gebracht worden sein. Wer hat dies überprüft? Nach Angaben des entsprechend zuständigen Veterinäramtes im Landkreis Diepholz war eine solche Masseninfektion nicht gemeldet worden. Fairerweise muss jedoch erwähnt werden, dass Rotlauf nicht meldepflichtig ist. Wenn es wirklich so war – wo blieb die Bio-Kontrolle? Jeder Geflügelhalter muss nach Naturland-Kriterien mehrfach täglich die Stallungen kontrollieren. Solche Tiere dürfen nicht mehr gehalten und ihrem Leid, ihrem Grauen muss ein Ende bereitet werden. Wo blieb die Fleischbeschau durch einen Veterinär? Ich vertrete die Meinung, dieser Betrieb muss sich das Bio-Siegel erst wieder verdienen!
Bleiben wir noch etwas bei des Deutschen liebstes, gutes Frühstücks-Ei. Ausgerechnet kurz vor Ostern 2012 wurden in den Eiern eines Bio-Produzenten aus Nordrhein-Westfalen erhöhte Werte des dioxinähnlichen Stoffes PCB gemessen. Die Polychlorierten Biphenyle sind krebsauslösende Chlorverbindungen, die bis in die 1980er Jahre hinein in der Elektronik (Transformatoren,…) bzw. Hydraulik und als Weichmacher für Kunststoffe verwendet wurden. Im Rahmen von Laboruntersuchungen wurden bei Eiern aus zwei der vier Stallungen des Bauern Werte gemessen, die teilweise das Sechsfache des Grenzwertes aufwiesen. Wie kam nun das PCB in die Eier? Im Futter wurde nichts festgestellt! Die Behörden haben den betroffenen Hof kurzfristig gesperrt! Auch hier sollten die Siegel-Vergeber in sich gehen!
Der letzte Dioxin-Skandal übrigens war 2011. In nicht weniger als 18 Bio-Höfen in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt wurden erhöhte Werte festgestellt! Wie kommt dieses Umweltgift zu diesen Höfen? Wird auch das Futter der Tiere zu wenig kontrolliert?
Bereits 2008 wurden erhöhte Werte von Pflanzenschutzmitteln in angeblichen Bio-Kartoffeln und Bio-Früchten aus Baden-Württemberg festgestellt. Weder Herbizide noch Pestizide haben auf Bio-Gutshöfen etwas zu suchen. Deshalb beispielsweise dürfen auch Kulturen oder Äcker, die zuvor mit solchen Mitteln behandelt wurden, über einen gewissen Zeitraum nicht für den biologischen Anbau genutzt werden. Übrigens Bio-Kartoffeln: Die Süddeutsche schreibt, dass inzwischen die meisten Bio-Kartoffeln aus Ägypten importiert werden! Kann ich somit ausgehen, dass im Land am Nil dieselben Kriterien für den Bio-Anbau zu gelten haben wie hierzulande??? Wohl ein Schelm, der das glaubt. Zudem gibt es ja auf dem afrikanischen Kontinent Nahrung im Überfluss! Und schliesslich können Bio-Äcker nicht wirklich mit Nil-Wasser bewässert werden. Also muss Trinkwasser verwendet herhalten! Auch das gibt es dort ja ohnedies zuhauf! Soweit also zur Nachhaltigkeit. Oder der Hartweizen aus Kasachstan, der als Grundlage für Bio-Nudeln herangezogen wird. Das Bio-Siegel für Produkte oder Ausgangsstoffe aus der dritten Welt bzw. Schwellenländer? Ist das nicht ein Hohn?
Zwischen 2007 und 2010 sollen italienische Fälscher konventionelle Lebensmittel auf Bio-Produkte umdeklariert haben. Nach Angaben von eatsmarter.de sollen auf diesem Wege rund 700.000 Tonnen Lebensmittel (Mehl, Soja, Trockenfrüchte uvam.) als Bio-Produkte exportiert worden sein. Ein Zehntel des italienischen Bio-Marktes! Der Wert: Rund 220 Mio €! Im Rahmen der Aktion “Gatto con gli stivali” (Der gestiefelte Kater) wurden sieben Personen festgenommen und 2.500 Tonnen Lebensmittel in Verona beschlagnahmt. Welche Auswirkungen dies haben kann? Ein kleines Beispiel: Das Soja beispielsweise wird in Deutschland sehr häufig in der Tierfütterung verwendet – auch in der biologischen Landwirtschaft. Der Bauer zieht somit seine Schweine in bestem Wissen und Gewissen biologisch auf, das Fleisch wird auch als biologisch verkauft – tatsächlich aber passt das Futter irgendwie nicht in das ganze Bild, wodurch auch das Fleisch niemals als biologisch in den Handel hätte kommen dürfen! Nicht nur Deutschland sondern halb Europa war von diesem Bio-Skandal betroffen. Die Mehrzahl der 38.679 italienischen Bio-Bauern fordern nun selbst intensivere Kontrollen, denn auch auf der Apennin-Halbinsel boomt inzwischen das Geschäft mit Bio. Früher seien die Bio-Kontrolleure noch Überzeugungstäter gewesen, Pioniere der Bio-Landwirtschaft – heute nurmehr Bürokraten, meint hierzu der Präsident des Bio-Dachverbandes AIAB (Associazione Italiana per l’Agricoltura Biologica), Alessandro Triantafyllidis. Auch in Italien werden die Kontrollen durch private Unternehmen durchgeführt. Die Kontrolleure jedoch werden nach Anzahl der Kontrollen entlohnt! Gefürchtet hingegen ist eine Lebensmittel-Spezialeinheit der Carabinieri, die ohne Voranmeldung plötzlich in den Feldern steht und Proben nimmt. Ein Umstand, der europaweit in der Bio-Branche eingeführt werden sollte: Unabhängige Beamte mit Exekutiv-Vollmacht und Überraschungseffekt! Denn: 1.000,- $ in Bio-Fälschungen investiert, wirft einen höheren Gewinn ab als im Drogengeschäft! Und ist zudem weitaus weniger riskant.
Bio-Siegel gibt es inzwischen beinahe wie Sand am Meer. Leider! Die EU ist zu Unrecht auf ihr Bio-Siegel stolz. Werden doch hier beispielsweise Tierhaltungen zugelassen, die mit “artgerecht” nur sehr wenig zu tun haben! Das ARD-Magazin Exklusiv etwa hat kürzlich einen Bericht über die “artgerechte Tierhaltung nach dem EU-Bio-Siegel” ausgestrahlt – da könnte so manchem Bio-Esser das Fleisch im Halse stecken bleiben. Wieso passierte dann diese Richtlinie das EU-Parlament, in welchem sehr viele Grünen-Abgeordnete, Mütter und Familienväter sitzen? Deren Haushälterin serviert ihren Kindern vielleicht gerade in diesem Moment ein lecker Bio-Tiefkühlprodukt mit Hackfleisch!!! V.a. Discounter legen bei ihren Bio-Linien nur Wert auf das EU-Bio-Siegel. Somit also meine Bitte an Sie als Konsumenten/-in: Kaufen Sie nicht unbedingt anhand dieses europäischen Siegels ein und glauben Sie nicht, wenn Sie es dennoch tun, dass Sie damit etwas Gutes getan haben. Nationale Siegel wie Naturland oder Demeter in Deutschland bzw. das AMA-Gütesiegel in Österreich (strengere Kriterien und Kontrollen als Bio Austria) bzw. Bio Suisse in der Schweiz sind wesentlich aussagekräftiger. Auch wenn einige Verbände ihre Richtlinien “wirtschaftstauglicher” gemacht haben, so der Vorstandsvorsitzende Die Biohennen AG, Walter Höhne in einer Presseaussendung. Als Folge entstand beispielsweise die Bio-Massentierhaltung.
“Siegel hin oder her”, wird sich nun so manch Einer denken, “ich kenn mich in diesem Dschungel eh nicht aus!” Deshalb hier nun ein Beispiel: Die Kriterien für das sechseckige deutsche Bio-Siegel mit grünem Rand:
- Keine Gentechnik
- Zu 95 % aus ökologischem Anbau
- Keine Antibiotika oder andere künstliche Zusätze im Tierfutter
- Artgerechte Tierhaltung (etwa mit Auslauf, maximaler Besatzdichte von 10/m² und max. 4.800 Tiere pro Stall bei Geflügel)
Die Kriterien von beispielsweise Bioland jedoch sind wesentlich höher!
Abschliessend möchte ich noch eines erwähnen: Bio-Produkte sind nicht wirklich unbedingt gesünder als ihre Kollegen aus der konventionellen Produktion. Sie müssen auch nicht wirklich besser schmecken! Das ist die grosse Bio-Lüge! Allerdings werden sie nachhaltig und somit ressourcen-schonend hergestellt, indem weniger Giftstoffe verwendet werden, die beispielsweise dem Boden den Garaus machen oder ins Grundwasser durchsickern. Somit beinhalten die Produkte selbst auch weniger Giftstoffe. Tieren wird in der Biohaltung weniger Leid angetan. Ergo: Bio-Produkte sind also für den Konsumenten nicht so schädlich wie Produkte aus der herkömmlichen Herstellung. Peinlich: Soweit also zum bäuerlichen Arbeitsethos und “Gottes freier Natur”!

PS: Der Bio-Pionier Werner Lampert (“Ja natürlich” bei Rewe Austria bzw. “Zurück zum Ursprung” bei Hofer Österreich) meinte in einem Interview mit der Tageszeitung “Der Standard”:
“…Bioproduzenten sind zu derlei Redlichkeit verpflichtet! Bioprodukte sind die letzten Ehrenprodukte. Wir können keinen Aufpreis dafür verlangen, Gaunereien abzustellen, die es nicht geben dürfte – die es aber geben wird, solange biologische Produkte global gehandelt werden.”
Bio-Tomaten im Winter – aber hallo??? Schauen Sie bitte besser darauf, was der Bauer um’s Eck anzubieten hat, denn Tomaten im Winter kommen zu 99 % aus Folientunnels ohne Kreislauflandwirtschaft!

Weitere Informationen gibt es bei:

www.abcert.de
www.bioland.de
www.demeter.de
www.naturland.de
www.ama.at
www.bio-austria.at/
www.bio-suisse.ch/

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Die nächste Generation der Brainkiller

Schon mal im wahren Leben Zombies gesehen? Ich zeige Ihnen welche:

http://www.myvideo.at/watch/4273397

Eingefallene Augen, blasses Gesicht, Wunden am ganzen Körper, zahnlos. Auch wenn das Video einen witzigen Abschluss hat, so steht ein bitter böser Hintergrund im Mittelpunkt: Die ärgste Droge der Welt – Crystal Meth! Und diese erlebt derzeit wieder einen richtiggehenden Boom. Labors in Tschechien überschwemmen derzeit förmlich den deutschen und österreichischen Markt. Das wiederum führt zu grossen Problemen in den umliegenden Nachbarbundesländern Bayern, Thüringen und Sachsen bzw. Oberösterreich. Die tschechischen Drogenfahnder lassen jedes Jahr zig Labors hochgehen – 2011 waren es nicht weniger als 400. Kaum ist eines weg, machen zwei andere “Hinterhof-Küchen” auf. Auch in Frankfurt/Main wurde kürzlich ein solches Labor ausgehoben. Experten warnen: Diese “Club Drug” hat’s in sich! Lassen Sie die Finger davon!!!
Von Crystal-Meth, Meth, Ice bis hin zu Rice, Chalk oder Dixies – Bezeichnungen gibt es dafür viele, doch steckt in den meisten Fällen dasselbe dahinter: Die wohl gefährlichste synthetische Droge der Gegenwart – Methamphetaminhydrochlorid (C10H15N·HC)! Meth wird gewonnen über die Reduktion von Ephedrin durch Zugabe von Jodwasserstoff oder Jod und Phosphor. Heraus kommt schliesslich ein kristalliner oder pulverförmiger, weißer Stoff mit sehr hohem Reinheitsgrad. Zum Strecken werden Milchzucker, Koffein, Ephedrin oder Paracetamol verwendet. Konsumiert wird die Droge durch Sniefen (durch die Nase), gespritzt (in die Vene) oder auch weniger geschluckt oder rektal eingeführt. In Tablettenform spricht man von der “Thai-Tablette”, es gibt Meth aber auch in Kapseln oder Dragees. Besonders rein ist die re-kristalline Form, das sog. “Ice”, das zumeist geraucht wird. Meth ist wesentlich stärker als Speed und kann bereits nach dem ersten Gebrauch abhängig machen (sehr schnelle Toleranzentwicklung). Denn: “Dem ersten Kick jagt man immer hinterher!”, so ein Betroffener. Es sei ein Gefühl, das unmöglich in Worte gekleidet werden kann.
Die Wirkung lässt sich recht einfach erklären: Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf Skiern im Starthäuschen der Kitzbüheler Streif! Die Droge bewirkt eine vermehrte Ausschüttung von Noradrenalin und Dopamin in die synaptischen Spalten des Gehirns sowie von Adrenalin in das restliche Nervensystem. Während das Dopamin für Zufriedenheit und Wohlbefinden sorgt, ist das Adrenalin und Noradrenalin für die Steigerung des Stoffwechsels, der Atmung, des Pulses und Blutdrucks sowie der Erhöhung der Körpertemperatur verantwortlich. Der Körper wird in einen gefahrenähnlichen Hochleistungsstatus versetzt. Dies alles äussert sich etwa in einer Unempfindlichkeit, einem gesteigerten Rededrang (Logorrhoe) und Leistungsfähigkeit sowie einem starken sexuellen Verlangen nach dem “geflashed sein”. Die Nebenwirkungen jedoch sind nicht von schlechten Eltern: Herzrhythmusstörungen, Kopf- und Muskelschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen sowie Erektions- oder Menstruationsprobleme, um nur einige zu nennen. Die grösste Gefährdung allerdings geht von einer Überdosis oder einem längeren Konsum aus: Halluzinationen, Schlafmangel, Paranoia, plötzlicher Blutdruckabfall, Kollaps. Ausserdem ist durch das Sniefen die Zersetzung der Nasenscheidewand möglich. Zudem wird das körpereigene Abwehrsystem geschwächt. Dadurch können sich alle möglichen Krankheiten ungewöhnlich stark auswirken. Nerven sterben nicht regenerierbar ab, Hirnblutungen und Schlaganfälle führen häufig zum Tod. Der Körper baut in rasend schnellem Tempo ab, es kann zu einem Magendurchbruch oder Nierenversagen kommen. Auch die Wechselwirkungen mit Alkohol, Energizern oder anderen Drogen kann gesteigerte Aggression, einen Kreislaufkollaps oder Herzrasen nach sich ziehen. All dies überträgt sich bei Schwangeren auch auf das ungeborene Kind (Fehlbildungen) bzw. durch die Muttermilch auf den Säugling. Meth lässt sich im Urin zwischen zwei bis sieben Tage nach Gebrauch noch nachweisen. Und so ganz nebenbei erwähnt: Ein Gymnasiast mit einjährigem Crystal-Konsum wird nicht mal mehr die Hauptschule schaffen, warnen Kinderpsychiater.

https://www.youtube.com/watch?v=tS20XJCuuxg

Junkies erkennt man zumeist am “rumkiefern”. Die Droge führt zu einem enormen Kaudrang, der den Betroffenen zum Aufeinanderreiben der Zähne drängt (daher auch die Zahnausfälle). Drogenexperten raten grundsätzlich auf den Konsum zu verzichten bzw. die Safer-Use-Regeln einzuhalten: Drug-Checkings, niemals alleine konsumieren, nur geringe Dosen bei möglichst vielen Ruhepausen dazwischen. Viel Wasser und Fruchtsäfte, da Meth dem Körper Flüssigkeit, Vitamine und Mineralstoffe entzieht. Keine gefährliche Arbeiten mit Maschinen oder gar Autofahren während des Rausches. Ausreichend Schlaf!
1919 wurde Methamphetamin erstmals in japanischen Labors durch Akira Ogata hergestellt. Es ersetzte in zunehmendem Maße Kokain als Aufputschmittel. Auch Piloten im 2. Weltkrieg haben es zum Wachhalten verwendet (“Panzer-Schokolade” oder “Hermann-Göring-Pillen” – jedoch mit weitaus geringerer Dosierung). Adolf Hitler selbst soll spätestens ab 1943 pervitin-abhängig gewesen sein (der Name des damals zugelassenen Medikaments der Temmler-Werke), behaupten zumindest die beiden US-amerikanischen Psychiater Leonard und Renate Heston. Danach wurde Pervitin vornehmlich als Doping-Mittel im Leistungssport eingesetzt. Der Deutsche Boxer Jupp Elze beispielsweise verstarb im Ring an den Folgen des Drogenmissbrauchs. Er erhielt 150 Schläge auf den Kopf, die er meist gar nicht bemerkte. Das Medikament wurde 1988 vom Markt genommen. Seit 1995 stellt Crystal aufgrund der grossen Verbreitungsraten in den USA ein Problem dar. Viele Straftaten werden im Meth-Rausch verübt. So zitiert FAZ online den republikanischen Kongressabgeordneten Tom Osbourne: “…die grösste Bedrohung Amerikas, und das schliesst die Al Qaida mit ein!” Im Jahr 2011 wurden alleine in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamtes 40 kg der Horrordroge sichergestellt. Tendenz: Stark steigend! So erhöhte sich etwa in Bayern die Zahl der polizeilich erfassten Erstkonsumenten zwischen 2009 bis 2012 von 24 auf 456, die registrierten Fälle von 683 im Jahr 2009 auf 1.832 im Jahr 2011 – eine Verdreifachung (Quelle: Deutscher Zoll); Sachsen-Anhalt meldet ebenfalls Zuwachsraten von 50 % (Quelle: Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd). Sucht-Mediziner gehen von zig-tausenden Süchtigen in Deutschland aus. Dabei gilt Leipzig als Meth-Hauptstadt. Täglich wird rund 1 kg im Wert von 40.000 € konsumiert. Weltweit sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen nicht weniger als 24 Mio Menschen Meth-abhängig – damit ist Crystal nach Cannabis die am zweithäufigsten konsumierte Droge. Die Behörden hinken der mehr als rasanten Verbreitung und Entwicklung hinterher. Kürzlich brachte die “Operation Speedway II” 1,2 Kilogramm beschlagnahmtes Crystal. Dafür allerdings standen von Juli bis Dezember 2012 nicht weniger als 130 Polizei- und Zollbeamte aus Tschechien und Deutschland im Einsatz. Der grösste Fisch ging mit 300 kg beschlagnahmten Meths den Behörden von Australien ins Netz. Grosse Mengen der Droge werden zudem von Westafrika aus frei Haus via Luftfracht auf dem Postweg exportiert. Aus China stammen die Ausgangsstoffe, in Nigeria werden sie verarbeitet und an die “reichen” europäischen Junkies weitergeleitet.

https://www.youtube.com/watch?v=Rsp6PasNoro

Weshalb tun sich nun Menschen so etwas an?
Meth macht wach, leistungsbereit und schlank. Besonders häufig geraten junge Frauen in die Fänge der Monsterdroge. Durch den angeregten Stoffwechsel wird auch Körperfett schneller verbrannt. So berichtete etwa der österreichische Rundfunk von der Sängerin der Gruppe Black Eyed Peas, Stacy Ferguson, die eingestand, von Crystal abhängig gewesen zu sein. Die Welt vermutete zuerst Magersucht. Auch der einstige Tennis-Profi Andre Agassi outete sich – er soll die Droge bis 1997 genommen haben. Für mich absolut unverständlich ist zudem, dass beim Sniefen noch zusätzlich kleine Glassplitter beigegeben werden, damit die Resorption ins Blut schneller vonstatten geht. Bei der Herstellung der Droge extrahiert der Meth-Koch aus simplen Erkältungs- oder Grippemitteln das Pseudoephedrin und kombiniert es mit beispielsweise Batteriesäure, Frostschutzmittel, Lampenöl oder gar Abflussreiniger um die Wirkung zu verstärken.
In den USA werden Metamphetamine in sehr geringer Dosierung in einem Inhalierstift zur Behandlung erkältungsbedingter, angeschwollener Nasenschleimhäute verkauft. Auch zur Therapie von Kindern mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Störung) oder krankhaftem Übergewicht bzw. in der Narkolepsie wird dieser Bestandteil verwendet. In Deutschland bzw Österreich dient Methamphetamin ebenfalls als Ausgangsstoff für die Arzneimittelindustrie. Deshalb kann nach der 21. Betäubungsmittelrechts-Änderungsverordnung vom 18. Februar 2008 der Stoff nicht unter die Anlage I des BtMG (nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel) eingereiht werden.
Immer wieder fliegen Labors in die Luft, da die einzelnen Bestandteile höchst explosiv sind. Bei der Produktion von einem Pfund Meth fallen zudem 5 Pfund Giftmüll an. Die Droge ist zwar riskant aber doch relativ einfach zu produzieren, ist wesentlich billiger als vergleichbar dazu das ähnlich wirkende Kokain. Die Tagesdosis von 1 g kostet 40 €. Die Wirkung einer Dosis kann bis zu 1 1/2 Tage anhalten.

https://www.youtube.com/watch?v=TJ56Wkmtb7k

Aufhören möchten viele, doch ist die Rückfall-Quote eklatant hoch. Ohne eine strenge Therapie ist kein Erfolg zu erzielen. Hier geht es zuerst darum, den aufgeputschten Patienten eine Ruhepause zu geben. Dann erfolgt kognitives Training um die Gedächtnislücken wieder zu schliessen. Nun erst können die psychotischen Bewusstseinsveränderungen, wie etwa Verfolgungswahn, bekämpft werden. Doch fehlt es allerorts an Personal! Immer wieder weisen entsprechende Jahresberichte auf diese Umstände hin. Allerdings tut sich leider nicht viel. Und täglich sterben weitere Menschen an diesem “Brainkiller”!!!!

Weitere Infos gibt es hier:

www.emcdda.europa.eu/
www.erowid.org
saferparty.ch
www.fasebj.org/
de.drugfreeworld.org
www.drogen-aufklaerung.de
www.sag-nein-zu-drogen.de

Haftungsausschluss:
Diese Informationen sind keine Anleitung oder Motivierung zum Drogenkonsum! Amphetamin-Produkte unterliegen in Deutschland dem BtMG (Anlage II), in Österreich der Anlage II des Übereinkommens von 1971 über psychotrope Stoffe und in der Schweiz der Bundesverordnung über die Betäubungsmittel und die psychotropen Stoffe (BetmV).
Besitz, Erwerb und Handel damit sind strafbar!

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Heute schon gebrüderlt???

Es war vor rund einem Jahr, beim Dreikönigstreffen der deutschen Liberalen in Stuttgart. Der offizielle Teil des Tages vor dem eigentlichen Treffen ist beendet, der inoffizielle findet an der Hotelbar statt. Hier interviewen die Journalisten die Politiker oder plaudern einfach nur privat mit ihnen. Dass dies immer ein gewisses Risiko in sich birgt, weiss auch der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der sich bei einem privaten Frühstück mit Journalisten in Brüssel verblabbert hatte. Ein riesiger Skandal war die Folge. In diesem aktuelleren, speziellen Fall jedoch geht es weniger um Politik, sondern um eine offenbar sehr plumpe Anmache.
Laura Himmelreich, eine Reporterin des Magazins “Stern”, sitzt beim Fraktionschef der FDP im Bundestag, Rainer Brüderle. Dieser will jedoch offenbar nicht wirklich über die deutsche Innenpolitik plaudern. Er sollte – nachdem er erfahren hatte, dass die Reporterin aus München stammt – zu ihr sagen, dass sie “…ein Dirndl auch ausfüllen” könne, gibt ihr einen Handkuss und geht bei der Verabschiedung auf Koalitions-Annäherungskurs. Damals war Brüderle noch Fraktionschef – gegenwärtig ist Brüderle Spitzenkandidat der FDP für die Bundestagswahl am 22. September 2013. In diesen Tagen plötzlich klagt die Journalistin – ein Jahr später – über einen möglichen sexistischen Übergriff. In diesem zurückliegenden Jahr jedoch hat sie Brüderle mehrfach zur Berichterstattung bei Terminen begleitet – zuletzt auch bei den Landtagswahlen in Niedersachsen. Doch überlasse ich es Ihren Gedankenspielereien darüber zu entscheiden, weshalb die Dame erst jetzt diese Anzüglichkeiten an die Öffentlichkeit bringt! In Ihrem Artikel spricht Laura H. gar über einen “Zustand der Dauererotisierung”. Starker Tobak!!!
Sehr interessant, wie Wikipedia “Sexismus” definiert:

“Unter Sexismus versteht man die soziale Konstruktion von sexuellen Unterschieden zwischen Menschen und die daraus abgeleiteten Normen und Handlungsweisen. Der Sexismus unterteilt alle Menschen anhand ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale in Frauen und Männer, unterstellt ihnen damit eine grundlegende Unterschiedlichkeit und weist ihnen auf dieser Basis unterschiedliche Rechte und Pflichten zu.”

Ah ja!!! Wie war das doch? Tatsächlich ist der Grat, der zwischen Kompliment, Anmache und sexistischem Übergriff hin und her führt, ein sehr schmaler. Häufig wissen auch die beiden Betroffenen selbst nicht zu unterscheiden: War das nun eine forsche Anmache oder bereits eine Anzüglichkeit. Die eindeutige Definition lässt dabei sehr viele Möglichkeiten der Auslegung offen: Fühlt sich eine Frau bedrängt, so entspricht dies einer nicht korrekten Anzüglichkeit! Dies jedoch kann bereits schon bei einem ehrlich gemeinten Kompliment durchaus der Fall sein! Judith und Theresia sind da durchaus unterschiedlich – die Definition also dehnbar. Ich weiss ja nicht, welchen Hintergedanken Brüderle mit dem Dirndl-Hinweis verfolgte. Sollte er ein Kompliment damit ausgedrückt haben? Vielleicht mit falscher Wortwahl? Oder war es eine eindeutige Bemerkung, die er sich hätte verkneifen sollen? Gerade die Experten des nichtssagenden Wortes, die Politiker, sollten sich der Bedeutung ihrer Sätze bewusst sein, wenn sie schon mal in den eindeutigen Sprachgebrauch hineinplumpsen. Noch dazu, wenn dies in Richtung Presse geht! Was hingegen den Blick ins Dekolté der Frau anbelangt: TV-Kameras schwenkten beim Ball der Jäger in Wien immer wieder ganz unverblümt und offiziell in das weibliche Schaufenster, das von sehr vielen Frauen durchaus auch bewusst als solches verstanden wird.
Mit dem Berühren ist es wieder etwas komplett anderes. Vor gereumer Zeit bei einem Vorstellungstermin: Die Dame, die sich für den Job beworben hatte, griff mir wie aus Zufall während des Gesprächs an meinen Unterarm. Experten aus dem Bereich Körpersprache wissen über die Bedeutung eines solchen Tuns (Aufzeigen einer gemeinsamen Nähe und Verbundenheit). Ich dachte mir allerdings nichts dabei. Wie wäre es jedoch im umgekehrten Falle gewesen? Oder: Was geschieht, wenn ich bei einem ausgelassenen Gespräch am Kaffeeautomaten meiner Arbeitskollegin einen kumpelhaften Schupser an die Schulter gebe, ohne irgendwelche Hintergedanken dabei zu haben? Manche verstehen es als das, was es ist: Einen kumpelhaften Schupser! Andere wiederum fühlen sich sexuell belästigt.
Erst kürzlich lief eine durchaus ernstzunehmende Diskussion. Ein Richter im steirischen Graz (Österreich) hatte die Klage einer Frau auf sexuelle Belästigung zurückgewiesen. Ein wildfremder Mann hatte Hand an ihre Sitzfläche gelegt. In der Urteilsbegründung hiess es, dass der Allerwehrteste kein primäres Geschlechtsteil darstelle. Hallo? Wenn ein anderer Mann meiner Frau an den Ar… greift, werde ich austesten, ob mein rechter Haken noch den Ausdruck “Eisenfaust” verdient. Meines Erachtens ein klares Fehlurteil des Gerichts, denn es gibt gewisse Aktionen, die Mann aber auch Frau tunlichst unterlassen sollten. Das unerwünschte Berühren etwa (muss nicht mal in jenen Zonen stattfinden, die Mann bei Frau bevorzugt), wird von sehr vielen als Verletzung der Intimsphäre betrachtet. Bei nicht wenigen beginnt dies jedoch schon weitaus früher.
Um Aufklärung in die Sache zu bringen, möchte ich kurz in die Proxemie abschweifen. Im Jahr 1966 definierte der Anthropologe Edward T. Hall die “kulturspezifischen Abstände”. Jeder Mensch baut um sich herum – ob bewusst oder unbewusst ist hierbei peripher – einen Schutzraum auf. Er sucht sich jene Menschen selbst aus, die diesen Schutzraum “verletzen” dürfen. Solche Distanzen sind kultur- bzw. gesellschaftsspezifisch – aber auch vom Geschlecht abhängig. Im deutschen Sprachraum etwa schwankt die intime Zone zwischen 20-60 cm Abstand. In manchen asiatischen Regionen kann sie durchaus mehr als einen Meter ausmachen, in manchen arabischen Gebieten hingegen (zumindest unter Männern) auch weniger. Dies zeigt uns beispielsweise einerseits die Verbeugung in Japan, anstelle des Händedrucks oder der Begrüssungskuss etwa in Saudi Arabien. Nach der intimen Zone folgt die persönliche Distanz (zwischen 0,5 – 1,5 m), dann die geschäftliche (1,5 bis 3 m) und schliesslich die öffentliche Distanz (> 3 m). Sehr viele Menschen fühlen sich zurecht angegriffen, wenn jemand in ihre intime Zone einbricht. Es werden Abwehr- oder Verteidigungsmechanismen in Gang gesetzt. Sicherlich auch mit ein Grund, weshalb einige Leute keine grösseren Veranstaltungen besuchen können oder niemals mit den Öffis unterwegs sind. Noch ärger wird es im Aufzug oder bei Klaustrophobie (Raumangst).
Zurück zum Fall Brüderle: Angenommen der Dirndl-Sager sei ein ehrlich gemeintes Kompliment für das Dekolté der Frau gewesen und der Handkuss Ausdruck der Wertschätzung, den viele andere Frauen als süss oder gentlemanlike verstehen (“Na – küss die Hand, Madame!” – auch ich lernte einst die Alt-Wiener Schule), so war es die Verabschiedung, bei welcher der FDP-Politiker der Journalistin zu nahe gekommen sein soll. Offenbar so nahe, dass eine andere Frau einschritt und Herrn Brüderle dazu mahnte, dass es Zeit für’s Bett wäre. Auch nicht mehr Lesen – Licht wird sofort ausgemacht! Wir kennen solche Geschichten aus den Wahlkämpfen in den USA, wo stets im Schlamm gegraben wird und so mancher Kandidat aufgrund eines solchen Vorkommnisses zurücktreten musste. Doch betrachten es auch Journalistenkolleginnen der Stern-Reporterin in zweifacher Hinsicht als dubios. Einerseits liegt der Vorfall, der von Brüderle noch nicht kommentiert wurde, ein Jahr zurück, die beiden haben sich mehrfach zwischenzeitlich gesehen. Andererseits meint etwa auch die Chefredakteurin der “Bunte”, Patricia Riekel gegenüber der “Bild am Sonntag”, dass zwischen den beiden Kontrahenten kein Abhängigkeitsverhältnis bestand; Laura H. also Herrn Brüderle bereits beim ersten Anzeichen hätte zurückweisen können.
Die Politiker haben nun zumindest eines gelernt: Wahren der professionellen Distanz (SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Werner Steinmaier gegenüber der “Leipziger Volkszeitung”). Werte Journalisten-Kollegen: Durch laufende Kameras bei einem vermeintlich privaten Gespräch oder einer solchen Aktion wird es künftig sehr schwer werden, noch an Politiker oder Wirtschaftsbosse ranzukommen. So hat etwa das FDP-Präsidiumsmitglied Dirk Niebel bereits ein Interview-Termin mit Laura H. abgesagt. Allerdings – wenn es ein sexueller Übergriff war – so gehört dieser abgeurteilt und nicht in den Medien breitgetreten. Zweiteres beweist nur, dass für eine Anzeige offenbar zu wenig da ist! Literaturkritiker und Autor Hellmuth Karasek hat es in der ARD-Diskussion bei Jauch sehr treffend formuliert: Der Anlass sei oft lächerlich, “aber die Wirkung ist sehr gross!”
Hier v.a. in politischer Sicht: In einer BamS-Umfrage erwarten sich 90 % eine Entschuldigung Brüderles, wenn es wirklich so gewesen ist, wie es die Journalistin darstellt. 45 % fordern gar seinen Rücktritt. Befragt wurden 500 Personen – bundesweit! Hat dies Laura H. mit ihrem Artikel bezweckt? Brüderles Sympathiewerte sind zuletzt um 9 Punkte gefallen! Die FDP hat seit Monaten die Zahl 5 vor Augen. 5 % sind nötig, um in den Bundestag zu kommen. Bis vor kurzem lagen die Liberalen mit rund 4,6 % darunter. Parteichef Philip Rössler trat deshalb auch nicht selbst als Spitzenkandidat an, sondern überliess diese Rolle dem bisherigen Liebkind der Partei, Rainer Brüderle. Jetzt dieser Skandal – acht Monate vor den Wahlen. Es kommt einer Disqualifikation Brüderles gleich; die Mitglieder der FDP-Bundestagsfraktion dürfen sich schon mal nach neuen Jobs umschauen. Stecken hinter all dem vielleicht gar politische Gegner? Oder wollte das Magazin Stern einfach nur die Auflage verbessern? War das Ganze vielleicht gar provoziert? CSU-Bundestagsabgeordneter Norbert Geis etwa betont, dass es bekannt sei, dass Brüderle “zu saloppen Bemerkungen neigt”, was bisher viele durchaus an ihm zu schätzen wussten (einer, der sagt was er meint). Lautstark meldet sich auch die stellvertretende SPD-Vorsitzende, Manuela Schwesig, zu Wort: Der tägliche Sexismus ist ein Ausdruck für die fehlende Gleichberechtigung der Frauen und damit völlig inakzeptabel (Schwesig in der “Welt am Sonntag”). Auch vonseiten der Grünen ist zu hören: “Längst überfällg!” (Katrin Göring-Eckardt). Auf Kosten der FDP läuft also derzeit die grosse Anstandsdiskussion, die längst vergangene Zeiten, als Aktivistinnen wie beispielsweise Alice Schwarzer deshalb lautstark protestierten, als nicht überwunden aufzeigen! Nutzen wirklich dermassen viele Chefs ihre Machtposition aus? Reissen alle männlichen Arbeitskollegen Herrenwitze, die sich Frauen vielleicht auch untereinander erzählen, am Arbeitsplatz aber als sexuelle Diskriminierung verstanden werden? Ist Deutschland ein Volk der Grabscher? Oder ist es einfach nur viel Staub um nichts? Andere Länder – andere Sitten: Im serbischen TV wurde Ministerpräsident Vica Da?i? vor laufenden Kameras von einer Basic-Instinct-Moderatorin auf die Schippe genommen (sabber).
Alice Schwarzer hingegen entstieg bei der Jauch’schen Diskussion wie ein Phönix aus der Asche und schrie ganz entzückt auf: ” Die alte Kacke ist noch am Dampfen!” Jawoll – Hau’ den Lukas! Autsch – das tut aber weh! Wibke Bruhns scheute nicht einmal das Wort “Ochse” in den Mund zu nehmen! Yahui – bitte nicht! Jauch konterte öffentlich-rechtlich: Er bezichtigte die Schwarzer ebenso des Sexismus, da sie in einer vorhergehenden Sendung die Krawatte des Moderators als dessen “Penis-Verlängerung” bezeichnete! Jetzt wird mir auch klar, weshalb einige Frauen ihren Männern Krawatten zum Geburtstag und Weihnachten schenken! Einzig mit dem Wort “enteiern” hatte Günther Jauch noch einen Fuss bei den Privaten. Gut – die 70er kommen also wieder. Liebe männliche Geschlechtsgenossen: Die Weicheierzeit ist offenbar vorbei! Jetzt müssen wieder Schlachtschiffe in die Diskussion geschickt werden, Prellböcke sozusagen!!! Wie wäre es denn mit der steirischen Eich… (!) Arnold Schwarzenegger (will er uns das mit seinem aktuellen Filmtitel “Last Stand” vielleicht sagen?)? Oder auch Metzgermeister Stefan Raab, der es gewohnt ist einiges einzustecken, aber auch auszuteilen versteht! Guido Westerwelle (FDP) bereist bevorzugterweise arabische Staaten – gut so! NEIN – nicht den Bohlen! Bei ihm muss befürchtet werden, dass er bei heftig werdender Diskussion wieder in die Kopfstimme fällt – und das geht ja wohl gar nicht! Ja und Angela Merkel! Ähm – was?

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