Archive for September, 2013

Wenn Sie mich wählen, …

“Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das, was vor den Wahlen gesagt wurde, auch wirklich nach den Wahlen gilt. Und wir müssen damit rechnen, dass das sich in verschiedenen Weisen wiederholen kann.”
(Angela Merkel, 2008)

http://www.youtube.com/watch?v=ttVzyPgkJBY
(Quelle: Euronews)

2013 ist ein Superwahljahr! Die Bayern, Hessen, Niedersachsen und Schleswig Holstein haben ebenso wie Kärnten, Niederösterreich, Salzburg und Tirol die Landtage neu gewählt (Südtirol folgt heuer auch noch) – Mitte September wurden 598 neue Jobs im Deutschen Bundestag vergeben – Ende September 183 im österreichischen Nationalrat. Über die jeweiligen Ausgänge der Urnengänge möchte ich hier jedoch nicht im Detail zu sprechen kommen.
Wesentlich interessanter hingegen gestaltet sich der Wahlkampf und seine Versprechungen. Politiker, die während der Legislaturperiode nahezu unantastbar sind, begeben sich in die Niederungen des geknechteten Volkes, zum Mob in den Strassen und möchten damit demonstrieren, dass sie einer der ihren sind, versprochen wird alsdann eine bessere Zukunft. Viele dieser Zusagen können gar nicht eingehalten werden, doch was weiss schon Frau Müller oder Herr Wagner in dieser Problematik! Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Ein Gerücht hingegen soll es sein, dass die katholischen Politiker am Wahlsonntag die Beichtstühle besetzen. Ganz im Gegenteil – werden solcherartige Sprücheklopfer dann während der Legislaturperiode zur Sache befragt, beginnen die meisten Sätze mit: “Ja – eine gute Frage. Sie müssen verstehen,…!” Verstehen muss ich überhaupt nichts – ausser dass viele Volksvertreter vor den entsprechenden Abstimmungen im Hohen Haus noch etwas ganz anderes gesagt haben! Für diese ihre Meinung wurden viele unter ihnen gewählt! Wenn sie das nun nicht mehr vertreten – auch in der eigenen Partei kein Rückgrat mehr zeigen – wofür habe ich sie dann gewählt? Sind die Parlamente etwa meinungsfreie Zonen, in welchen nurmehr der Fraktionszwang hochgehalten wird? Jene Politiker, die zugaben, dass sie dieses oder jenes nicht mehr gegenüber ihrer Wähler vertreten können und zurücktraten, können wohl an einer Hand abgezählt werden. Solche Rebellen werden zumeist dann durch brave Parteisoldaten ersetzt. Und noch viel schwerwiegender erscheint mir die Tatsache, dass so viele Bürgerinnen und Bürger bei den nächsten Wahlen erneut reinfallen!
Im Anschluss möchte ich Ihnen einige der wohl grössten Wahllügen auf den Tisch bringen. Ich versuche dabei, keinerlei Couleur zu ergreifen und so objektiv wie möglich jede politische Richtung zum Zuge kommen zu lassen. Ausserdem erhebt die Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das nämlich wäre ein Lebenswerk! Für alle “Vater unser”, die nach einem Wahlkampf gesprochen werden müssten um Ablass zu erhalten, wäre hier wahrhaft der Platz zu klein.
Beginnen wir vielleicht gleich mit dem mächtigsten Mann der Welt. Jenem Politiker, der aufgrund seiner vielen Versprechungen und Reden neue Hoffnung aufkommen liess und als erster Afro-Amerikaner, der Präsident wurde, in die Geschichte einging. Yes we can – Barack Obama wehte bei seiner zweiten Wahl ein erheblich schärferer Wind um die Ohren. Von seiner Parole, die ihn zum vielumjubelten Erlöser der USA machen sollte, blieb nicht mehr sehr viel übrig. Er brachte zwar vieles auf den Weg, doch mit noch mehr scheiterte er. Mehr Gewicht der Umwelt und dem Klimaschutz – die USA sind in vielen globalen Konferenzen gar nicht präsent oder boykottieren wichtige Entscheidungen. In der Naval Base von Guantanamo gibt es nach wie vor Gebäude, die von Reportern nicht betreten werden dürfen. Dabei könnte der Stützpunkt doch perfekt zu einem Urlaubsparadies für Exilkubaner ausgebaut werden, die es zu etwas gebracht haben und mal wieder Urlaub in der Heimat machen möchten. Durch den Maschendrahtzaun könnten sie zudem mit ihren Verwandten reden. Krankenversicherung für jeden US-Bürger – alter Schwede ging das in die Binsen! Obama war bereits zuvor Berufspolitiker. Er hätte also wissen müssen, dass auch der mächtigste Mann der Welt Unterstützung braucht – manches Mal von der Opposition!

http://www.youtube.com/watch?v=JvdXszv1aAU
(Quelle: Spiegel online)

Eine Mauer trennte jahrzehntelang das, was eigentlich zusammengehörte: Ost- und Westdeutschland. Die Ossis sahen über Umwege, wie gut es den Wessis hinter dem Zaun ging. Viele kamen bei der Flucht in’s gelobte Land um’s Leben. Andere erlebten den Mauerfall und setzten noch in derselben Nacht oder Tage später zum ersten Mal in ihrem Leben einen Fuss auf das Land hinter Checkpoint Charly. Wochen zuvor wurde der Vorhang an der österreichischen Grenze aufgetrennt. Nicht nur die Politiker des Alpenstaates, sondern auch jener Mann, der hier ganz vorne dabei war und immer wieder auch gerne mit dem Mauerfall in Verbindung gebracht wird – Hans-Dietrich Genscher – versprach die Aufnahme der Geflüchteten. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl beabsichtigte 1990 aus dem darniederliegenden Osten blühende Landschaften zu machen. Vor den Wahlen zum Bundestag sprach er von der Portokasse, mit der dies finanziert werden sollte. Es kam der Soli-Zuschlag. Der aber sollte bis 1996, spätestens 1999 ausgedient haben! Heute gibt es ihn noch immer – viele Menschen von der Ostsee bis zum böhmischen Wald sind arbeitslos. Ganze Landstriche sind verlassen. Nicht wenige Ossis sehnen sich inzwischen nach der Planwirtschaft zurück, denn da hatten sie zumindest Arbeit.
Im Vorfeld des EU-Beitritts Österreichs machte die Regierung Vranitzky/Mock unzählige Versprechungen. So beispielsweise 1994 die Beibehaltung des Schillings als Währung und des anonymen Sparbuches sowie die besseren Vertriebsmöglichkeiten für die Produkte Made in Austria. Und: Mehr Auswahl! Geblieben ist…? Handelsketten werben inzwischen wieder mit der Regionalität der Waren. Ganze Produktionen wurden zuerst nach Rumänien bzw. Bulgarien verlagert um nach ein paar Jahren in Vietnam und Bangladesh neue Niedrigstlohn-Arbeitsplätze zu bringen. Immer mehr Betriebe werden durch grössere geschluckt, immer weniger Produkte kommen von unterschiedlichen Anbietern. Teuerungen durch die neue Währung wurden ausgeschlossen. Doch schon sehr bald gab es kräftige Aufschläge durch den Teuro.
Apropos: 2005 betonte die SPD, dass eine Steigerung der Mehrwertsteuer in einer Regierung mit roter Beteiligung völlig ausser Diskussion stünde. In der grossen Koalition jedoch stieg die Mehrwertsteuer um 3 %. Hahnebüchen – sprach doch die CDU zuvor von 2 %! So ganz nebenbei erwähnt: Die 6. Mehrwertsteuerrichtlinie der EU siedelt einen EU-weit einheitlichen Steuersatz noch weitaus höher an.
Bereits das Energiekonzept von Josef Klaus (ÖVP) sah die Nutzung der Atomenergie in Österreich vor. Die Regierung Bruno Kreisky (SPÖ) fällte den Baubeschluss. Das AKW Zwentendorf wurde errichtet. Als der Riesenbau so gut wie fertig war, kam es in einer Volksabstimmung zu einer hauchdünnen Mehrheit von 50,47 % gegen den Betrieb. Kreisky tobte, hatte er doch zuvor mit seinem Rücktritt gedroht, sollte etwas schief laufen. Dies geschah nicht – bei den nächsten Wahlen fuhr er sein bestes Ergebnis ein. Die teuerste Industrieruine Mitteleuropas kostete den österreichischen Steuerzahler bis 1985 nicht weniger als 14 Milliarden Schilling (knapp über 1 Mrd. Euro).

http://www.youtube.com/watch?v=nVBEcEXqo_o
(Quelle: ORF 2)

Die Energiewende in Deutschland – ein Faustschlag in’s Gesicht des Bürgers. Noch 2005 sprach sich die CDU für die Atomenergie aus und versuchte, wo und wie nur möglich, die AKW-Schliessungsabsichten der rote-grünen Regierung zu boykottieren! Demgemäss wurde auch gar nicht an die Weiterentwicklung alternativer Energien gedacht. Dann kam Fukushima! Frau Bundeskanzler Merkel wendete sich um 180 Grad und gab Ziele vor. Ziele, die nicht realistisch sind. So soll Deutschland ab 2022 kernenergiefrei sein. Doch hatten sich zuvor schon Bündnis 90/Die Grünen für Alternativ-Energien durch die Schaffung von Arbeitsplätzen ausgesprochen – die Schreie verhallten im grossen Oval des Bundestages! Tausende wurden etwa durch erneuerbare Energien versprochen! Dass aber nun die Billig-Solar- und Photovoltaik-Einheiten aus China dafür sorgen, dass nahezu monatlich ein deutsches Sonnen-Unternehmen dicht machen muss (zuletzt die Solar-Abteilung von Bosch), das wollte Berlin aber dann doch nicht verhindern. Schliesslich hätte man sich durch Einfuhrbeschränkungen den Groll der chinesischen Regierung eingefangen. Hier wurde schon mal vorsorglich gedroht, dass deutscher Wein oder Autos nicht mehr ins Land der Mitte dürfen! Wein wäre zwar bedauerlich, doch hätten wir dann mehr von der guten Traube – müssten also weniger Billigwein etwa aus Spanien oder Italien herkommen lassen. Die Autos? Werden diese für den chinesischen Markt überhaupt in Deutschland produziert??? Zudem – sicherlich müssen erstmal die Anschaffungskosten wieder reingeholt werden, doch war Strom noch nie so teuer wie derzeit und das obwohl die Sonne kostenlos scheint und der Wind auch nichts für seine Arbeit verlangt! Hier klingt mir noch dunkel im Ohr, dass es zu keinerlei eklatanten Strompreiserhöhungen kommen werde.
In Tirol versprechen ganze Politiker-Generationen, dass das Problem des Durchgangsverkehrs endlich gelöst wird. Und die dortige Landesregierung versucht löblicherweise alle möglichen Hebel umzulegen: Nachtfahrverbot, sektorales Fahrverbot, Fahrverbot für spezielle Güter, Tempo 100,… Doch wurde hier die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Brüssel sieht dadurch den grenzenlosen Warenverkehr und die Gleichstellung gefährdet. Einzige Lösung besteht wohl tatsächlich im Brenner-Basis-Tunnel. Allerdings lässt sich Bayern hierbei erstaunlich viel Zeit mit dem Streckenausbau! Wissen die etwas, was die Tiroler noch nicht wissen? Oder geht es wie bei der sündhaft teuren Unterinntal-Trasse: Gebaut um die lärmgeplagte Bevölkerung zu entlasten, muss dennoch ein Grossteil des Güterverkehrs oberirdisch geführt werden, da die Loks nicht über entsprechende Sicherheitssysteme verfügen! Schildburga lässt grüssen! Und was den Individualverkehr auf der Nord-Süd-Achse betrifft: Dauert nicht mehr lange, dann hat sich das Problem von selbst gelöst, da Herr und Frau Deutsche kein Geld mehr für’s Urlauben in Italien haben!
Daran ist nicht zuletzt ebenfalls ein nicht gehaltenes Versprechen verantwortlich. Im Wahlkampf 1988 meinte Sozialminister Norbert Blüm: “Eins ist sicher: Die Rente!” Auch wenn ich ein Blüm-Fan bin, so verfehlte er damals meilenweit sein Ziel. Die staatliche Rente – zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben! 2001 wurde die Riesterrente eingeführt – auch sie kann die Altersarmut offenbar nicht bekämpfen. Jene Menschen, die Deutschland nach dem letzten Weltkrieg aufgebaut haben, müssen nun in den Abfallkörben nach Pfandflaschen suchen – eine Schande (Der Chef der Linken, Gregor Gysi, wobei ich ihm recht geben muss, auch wenn ich ihn eigentlich nicht mag). Die Bundessozialministerin der letzten Merkel-Regierung, Ursula von der Leyen, sprach sich im Sommer für eine Zuschussrente aus.

http://www.youtube.com/watch?v=a_dDwgzQaiE

In Österreich wurde der Wahlkampf der Sozialdemokraten durch zwei Schlagworte bestimmt: Sicherung der Arbeitsplätze und leistbares Wohnen. In einem Land, das weltweit in den Toprängen in Sachen Lohnnebenkosten steht, wäre ich mit dem ersten Slogan etwas vorsichtig, werden doch immer mehr Arbeitsplätze ausgelagert. In Österreich boomt zudem der soziale Wohnbau. Doch stand ich kürzlich vor einem dieser Hochhäuser und suchte den Klingelknopf eines Bekannten. Ich fand keinen einzigen österreichisch klingenden Namen (als ich dann zum Handy gegriffen hatte, musste ich bemerken, dass ich mich in der Adresse geirrt hatte). Eine mir bekannte Frau musste jahrelang auf eine solche Wohnung warten – sie war alleinerziehende Mutter und wäre somit dringendst darauf angewiesen werden. Tja und im Gegensatz dazu wohnt ein Nationalratsabgeordneter der Grünen in einer Wiener Gemeindebauwohnung!
Die Geburtenzahlen gehen zurück – Volkswirtschafter appellieren, hier dringend Massnahmen zu setzen! Das tat auch die schwarz-gelbe Regierung und erhöhte wie versprochen das Kindergeld! Na ja – zumindest versucht sie das. Im Wahlkampf 2009 wurden von Westerwelles FDP 200,- € versprochen und auch im Koalitionsvertrag niedergeschrieben. Bis 2014 soll das Kindergeld gar um sagenhafte 2,- € erhöht werden – derzeit müssen die Eltern nach wie vor mit 184,- € für das erste und zweite bzw. 190,- € für das dritte Kind auskommen. Die Inflation in diesem Bereich zu erwähnen – Gott nein! Apropos FDP – nach dem Rausschmiss aus dem Bundestag dürfte auch das “Bürgergeld”, das die Partei seit 1994 immer wieder regelmässig in ihr Parteiprogramm schreibt, endgültig in der Schublade verschwinden.
Ein neues Gesicht sorgt inzwischen in Österreich für frischen Wind in der Politszene. Nachdem der austrokanadische Milliardär Frank Stronach bereits unternehmerisch und sportlich seine Millionen spielen liess, hat er sich einfach in den Nationalrat eingekauft (Sein Wahlkampfslogan “gegen die Korruption von rot-schwarz” kommt somit einem Oxymoron gleich). Seine Versprechen gehen vornehmlich in zwei Richtungen: Eine Reform des Euros und die Einführung einer Flat-Tax! Als er dann meinte, dass er sich auch für die Todesstrafe für Berufskiller einsetze und nur zu den wichtigsten Nationalratssitzungen erscheine – ebenso wie er bei einem österreichischen TV-Sender zur Konfrontation der Spitzenkandidaten als einziger ausgeladen wurde, da er weder eine Zu- noch eine Absage erteilte, dachten sich so manche Österreicher: Genau einen solchen Politiker brauchen wir! Zudem: Was soll sich der Alpenstaat für eine Euro-Reform stark machen, wenn Österreich in der Entscheidungshierarchie der EU nur eine untergeordnete Rolle spielt?!
Interessant im abgelaufenen deutschen Wahlkampf war die Aussage des Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück, der die Trennung vom normalen Bankenwesen und dem Investment-Banking haben wollte. Die Branche müsse es selbst veranlassen, bevor sie es vielleicht aufgrund des Drucks von der Strasse machen muss. Wo er recht hat, da hat er recht. Die Wirtschaftskrisen in den letzten Jahren waren Spekulationskrisen – allesamt! 2007 – als das alles begann – wurde Deutschland durch eine grosse Koalition regiert. Gleichzeitig hatte Deutschland auch die Präsidentschaft der G8-Staaten inne. Steinbrück war in diesem Jahr wortgewaltiger deutscher Bundesfinanzminister. Hätte er nicht bereits damals schon beinhart durchgreifen sollen? Vielleicht mit seiner Idee der Zusammenführung von Haftung und Risiko? Bevor eine Bank Steuergelder erhält, müssen erstmal die Aktionäre und Gläubiger zur Kasse gebeten werden. Somit würden sich so manche Banker zumindest vor einem riskanten Geschäft Gedanken machen und die Aktionäre nicht immer mehr und mehr verlangen, da ja auch die Gewinne der letzten Jahre zur Diskussion stehen! Dann wären alle weiteren Krisen und so manche Pleite oder Beinahe-Pleite von Banken nicht eingetreten! Oder ist das der beste Hinweis dafür, dass doch der schnöde Mammon die Welt regiert – nicht die Politiker!
Die österreichischen Freiheitlichen unter H.C. Strache versprechen in ihrem aktuellen Wahlprogramm ein humaneres Steuersystem. Zwei der Punkte wären Senkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel und auf verschreibungspflichtige Medikamente sowie die Nicht-Besteuerung von Überstunden. Hehre Ziele Herr Strache, denn durch ersteres werden die Armen entlastet und durch zweiteres jene, die mehr arbeiten wollen, dies jedoch nicht für den Staat machen möchten. Allerdings steht im selben Parteiprogramm geschrieben, dass Lehrlinge künftig von der öffentlichen Hand finanziert, Arbeitslose umgeschult und im Sozialbereich eingesetzt und auch das Bundesheer-Budget aufgebessert werden soll. Mehr Kosten mit weniger Steuern? Hinzu kommen ja zudem die hohen Gehälter der Politiker. Und die sind wahrhaft in keinster Weise bemüht, den Sparhebel anzusetzen. So brachte das neue Wahlsystem in Deutschland sogar noch mehr Abgeordnete für den Bundestag!
Ach ja – und da war dann noch ein grüner Landesvater, der in einer Wahlkampf-Abschluss-Veranstaltung mit Pfiffen von den eigenen Leuten bedacht wurde: Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, kam nicht zuletzt aufgrund der Kampfansage seiner Partei gegen Stuttgart 21 auf diese seine jetzige Position. Bei der Bildung der Regierungskoalition musste er sich allerdings einem Konsens mit der SPD beugen – das Volk solle über das Milliardengrab in der Hauptstadt entscheiden! Das sorgte bei den Grünen für einige Missstimmung.
Apropos Grüne: Als die ersten Grünen in den österreichischen Landtagen auftauchten, wurde das Rotationsprinzip hochgehalten: Jeder darf mal! Eigentlich ein Wahnsinn, hat sich denn jemand eingearbeitet, darf er schon wieder den Hut nehmen! Das merkten auch die Mandatare und blieben ungewöhnlich lange auf den vorgewärmten Sesseln des Hohen Hauses sitzen.
Noch ein recht folgenschweres Brechen einer Wahlversprechung? Im Wahlkampf 2008 zum hessischen Landtag versprach die Kandidation der SPD, Andrea Ypsilanti, sie werde auf gar keinen Fall mit der Linkspartei zusammenarbeiten. Nach der Wahl hingegen liebäugelte sie dermassen fest mit einer solchen Beziehung, sodass es ihren Kopf kostete. Sie schaffte keine Regierungsbildung und trat zurück.
Tja – die bittere Realität scheint den Schreiberling dieser Zeilen einzuholen! Gerüchte besagen, dass die CDU bereit wäre, Steuererhöhungen zu billigen, wenn die SPD “Ja” zur grossen Koalition sagt. Angela Merkel wird damit nach diesen Wahlen zur grossen Verlierin. Einerseits kann sie offenbar keine funktionierende Regierung auf die Füsse stellen, andererseits bricht sie das zentrale Unterscheidungsmerkmal zwischen schwarz-gelb und rot-grün und damit ihr heiligstes Wahlkampfversprechen: Keine Steuererhöhungen! Wütende Protestanrufe auch aus eigenen Reihen, erste Stimmen werden laut, die eine Neuwahl fordern, andere sprechen sich für eine Koalition mit dem Bündnis 90/Die Grünen aus, da nach deren Wahlschlappe die komplette Führungsriege zurückgetreten ist und somit nach den Altkommunisten, den Alternativen und Realos eine neue Generation zum Zuge kommt. Mit dieser neuen Führungsriege könne wesentlich besser gesprochen werden.

“Unfair” - so bezeichnete es der damalige Vizekanzler Franz Müntefering, wenn eine Regierung “an dem gemessen wird, was in Wahlkämpfen gesagt worden ist!” Verzeihen Sie mir bitte Herr Müntefering. Ich muss doch wohl davon ausgehen, dass jemand, der sich für die Ausübung eines politischen Amtes bewirbt, jemand, der andere vertreten soll, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist. Dementsprechend tue ich solche Wahllügen nicht als Kavalliersdelikt ab, sondern bezeichne sie beinhart als Vorspiegelung falscher Tatsachen. Ansonsten würde ich es lieber dem italiensichen Komiker Beppe Grillo gleichtun, der seinen Wahlkampf als “Tsunami-Tour” bezeichnete und ein Ende der Politikerkaste forderte – ganz nach dem Motto: “Diese parasitäre Form der Politik muss aufhören! Sie alle müssen ab nach Hause! Wir sind Bürger. Punkt und basta!” Brauchen auch wir hierzulande einen Beppe Grillo, der in seinen “Vaffa-Days” das ausspricht, was sich viele Bürger schon längst denken???

PS:
Die angeführten Beispiele waren nur einige wenige! Doch lassen bereits diese eine bitterböse Vermutung aufkommen: Gibt es in der Politik überhaupt noch Ehrlichkeit?

PPS:
Ich höre nicht auf Wahlversprechungen! Ich wähle aufgrund der Arbeit, die geleistet wurde!

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Sensationen, Attraktionen – Akrobat schööööön!!!

Unglaublich, wie doch die Zeit vergeht! Trotzdem kann ich mich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Wenn Muttern meinte, wir fahren am Wochenende zum Zirkus, waren wir Kinder schon Tage zuvor dermassen aufgeregt, dass wir beinahe nicht mehr schlafen konnten. Die Clowns, die Artisten – und die Tiere! Unsere strahlenden Augen sahen damals noch nicht all das Leid, das für den kurzen Auftritt in der Manege zugeführt wird. Jetzt weiss ich es und aus gegebenem Anlass möchte ich Ihnen auch diese Zeilen an’s Herz legen.
Das Wort “Zirkus” leitet sich vom lateinischen “Circus” ab, das eigentlich “Kreis” bedeutet! Der Duden definiert das Wort als “Unternehmen, das meist in einem großen Zelt mit Manege Tierdressuren, Artistik, Clownerien u.Ä. darbietet”! Ah ja – klingt nach Volksbelustigung. Ist es auch! Die alten Griechen (“kirkos”) und Römer verstanden darunter eine Arena in Form eines Kreises oder einer Ellipse, wo zumeist Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe oder Tierkämpfe stattgefunden haben. Den heute bekannten Zirkus im Zelt gibt es eigentlich erst seit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts. Zuvor wurden die Veranstaltungen entweder im Freien oder in Schaubuden abgehalten. Die Manege besitzt zumeist einen Durchmesser von 13 m – das optimalste Maß, um hier Pferde im Kreis laufen zu lassen. Viel Schweiss und Blut müssen die Artisten vergiessen, bis sie als die grossen Gladiatoren den Schritt in diesen Kreis setzen dürfen.
Noch mehr aber müssen die Wildtiere darunter leiden, die eigens hierfür abgerichtet werden. Was in der Promi-Weihnachtsvorstellung des Circus Krone so spielerisch aussieht, grenzt sehr häufig an Tierquälerei. Leider muss ich somit das Besondere, das Flair der grossen, weiten Welt zerstören, denn viele dieser Tiere möchten nicht für zehn Minuten zum vielumjubelten Star werden. Mit den ersten Pferdedressuren begann Philip Astley im Jahre 1770. Elefanten, Tiger, Bären etc. – das alles kam viel später. Im Jahre 1831 waren erstmals dressierte Löwen zu sehen (“Die Löwen von Mysore”). Leider war der Erfolg dermassen gross, sodass immer mehr Tiere in den Mittelpunkt des Geschehens traten, bis Carl Hagenbeck im auslaufenden 19. Jahrhundert den Begriff des “Zoologischen Zirkuses” prägte. Immer mehr lösten auch die Raubtierdressuren die Pferdenummern ab. So werden Grosskatzen, Bären ja sogar Hyänen im Zentralkäfig präsentiert. Bei sog. “Exotentableaus” sind neben Affen auch Strausse, Giraffen; Antilopen und Nashörner sogar auch Krokodile zu sehen. Alles, was Gottes freie Natur auf anderen Kontinenten zu bieten hat. Haben Sie übrigens gewusst, dass eine der gefährlichsten jene Übung darstellt, in welcher die Grosskatze durch einen Ring springt, der vom Dompteuren gehalten wird? Nicht vergessen werden dürfen auch die Tierschauen!

http://www.youtube.com/watch?v=IjxbdchdME4

Insgesamt werden derzeit in deutschen Landen rund 330 Zirkusse geführt. Viele mit Tieren, andere ohne sie. Gerade bei Kleinstunternehmen reichen die Einnahmen gerade eben aus, um die Personalkosten zu erfüllen. Die Tiere fallen durch den Rost. Der deutsche Tierschutzbund nennt nicht weniger als 200 Wanderzirkusse, wo dies der Fall sein soll. Zu wenig Futter, Rationierung von Trinkwasser, kein Brauchwasser zur Reinigung der Tiere und Käfige, sprich: Mangelnde Tierhaltung – nicht selten müssen Tier- oder Amtstierärzte durchgreifen und der Qälerei ein Ende setzen. Dies erkannte auch schon 1994 die Gesundheitsministerkonferenz der Länder (67. GMK am 17./18. November 1994). Geschehen ist freilich seither nicht wirklich viel, das dem Leid der Tiere ein Ende setzen könnte. Auch aufgrund der Tatsache, dass es keinerlei Unterbringungsmöglichkeiten für weggenommene Tiere gibt! Deshalb appellieren viele Tierschützer an die Vernunft der Besucher, die sog. “Cirque Nouveau” zu besuchen. Bei den bekanntesten, dem “Cirque du Soleil” aus Kanada, dem Chinesischen Staatszirkus oder auch dem Circus Baobab aus Afrika müssen keine Tiere leiden. Hier zeigen Menschen Höchstleistungen am Trapez, dem Vertikal- bzw. Schlaggseil oder auch in der Jonglage. Diese Akrobaten und Artisten haben allesamt den Tieren etwas voraus: Sie haben sich diese Leiden selbst ausgesucht! Im Gesetz heisst es, dass im Zirkus nur solche Tiere gehalten werden dürfen, “die regelmässig – d.h. täglich – beschäftigt werden und die unter Zirkusbedingungen verhaltensgerecht untergebracht und schadensfrei transportiert werden können (Deutsche “Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen” vom 15. Oktober 1990).
Neben dem Futterproblem ist es somit vornehmlich die artgerechte Haltung der Tiere, sprich die Bewegung, der soziale Kontakt zu Artgenossen und auch die Körperreinigung – all dies fehlt in der engen und reizarmen Haltungsumgebung. Dies kann zu schwerwiegenden Verhaltensstörungen der Tiere führen. Das Säugetiergutachten ermöglicht hier unverständlicherweise eine Ausnahme: Die erforderliche Gehegegrösse kann unterschritten werden, wenn das Tier “täglich verhaltensgerecht beschäftigt wird”! Dies kann in Form der Ausbildung, dem Training bzw. auch der Vorführung in der Manege geschehen. Ein Freischein also für viel zu kleine Gehege! Ebenso unverständlich ist der Passus: “In begründeten Einzelfällen kann bei Tieren mit denen aus gesundheitlichen oder Altersgründen nicht mehr gearbeitet wird, die Haltung unter den bisherigen Haltungsbedingungen toleriert werden!” Das könnte nun bedeuten, dass etwa Tiger, die das ganze Leben lang in der Manege geschuftet haben, das Lebensalter in nicht-artgerechten und viel zu engen Käfigen bis zum Tod verbringen (oder sie werden an Versuchslabore verkauft). Vonseiten der Verantwortlichen hingegen wird damit argumentiert, dass die meisten Tiere bereits in menschlicher Obhut geboren wurden und somit den Kontakt zum Menschen gewohnt seien. Bei den Stallungen und auch den Raubtiergehegen seien inzwischen Aussengehege und Wasserbecken eingerichtet worden (!). Fakt ist jedenfalls, dass dies hohe Kosten verursacht, die viele Zirkusse gar nicht aufbringen können. Etwa beim Personal. §11 Abs. 1 Nr. 3 Buchstabe d des Dt. Tierschutzgesetzes bringt es auf den Punkt. Demnach unterliegt das gewerbsmässige Zur-Schau-Stellen von Tieren einem Erlaubnisvorbehalt. So muss fachkundiges Personal bei der Tierbetreuung eingesetzt werden. Nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, wie immer wieder auch die Zoologischen Gärten beweisen – eine diplomierte Tierpflegerin kostet viel Geld! Die Erlaubnis ist an eine Kontrolle des zuständigen Amtstierarztes bzw. weiterer Sachverständiger gekoppelt.

http://www.youtube.com/watch?v=6h_mQXkkj_0
(Das Video stammt aus dem Jahre 2008 – hoffentlich hat sich hier etwas gebessert!)

Allerdings hat bislang die Dressur selbst die heftigsten Proteste ausgelöst. Jeder von uns kennt die Bilder von angeketteten Tanzbären, die auf heissen Kohlen dressiert werden. Oder Elefanten, die geschlagen werden, bis sie sich auf die Hinterfüsse stellen bzw. einen Kopfstand machen. Diese Bewegungen und Haltungen sind für die meisten Tiere unnatürlich und deshalb zumeist auch mit Schmerzen verbunden. Mal ganz davon abgesehen, dass sie für die meisten Arten erniedrigend sind. Dies schmettern die Befürworter zurück: Inzwischen werde mit dem positiven Erfolg dressiert. Dies bedeutet die Zerlegung der Übung in kleine Module. Ist ein Modul abgearbeitet, erhält das Tier Lob und meist auch Futter (“Konditionierung” bzw. Targettraining). Das erklärt jedoch nicht den Einsatz von Peitschen, engen Halsbändern oder Maulkörben in der Manege. Gehört dies etwa zur “positiven Konditionierung”?
Hinzu kommt der Stress durch die Reisen und den zwei bis drei Auftritten pro Tag. Auch wenn es bei Tieren vielleicht nicht unbedingt das Lampenfieber ist, so doch der Stress in der Manege, verbunden mit dem hohen Geräuschpegel. Nashörner etwa reagieren sehr sensibel auf Ortsveränderungen, Transporte und Stress. Daneben kann ihnen niemals jener Auslauf gewährt werden, den sie brauchen würden. Muttertiere benötigen zudem mit ihrem Nachwuchs Rückzugsmöglichkeiten. Welcher Zirkus kann dies im laufenden Tourneebetrieb gewährleisten?
Nicht zu unterschätzen ist ferner eine Gefahr, die Leben kosten kann! Ehemals wilde Tiere, auch wenn sie an den menschlichen Kontakt gewöhnt sind, legen ihre Gewohnheiten und Triebe über Generationen nicht ab. Deshalb ist auch der Reifensprung der Grosskatze so gefährlich: Ist es nur der Sprung durch einen Reifen oder auf ein kleines Nachmittagshäppchen? Eine Raubkatze ist und bleibt eine Raubkatze! So wurde während der Aufführung des Dinner-Zirkus im Mai 2010 in Hamburg ein Dompteur mit dem Prankenhieb eines Tigers zu Boden geworfen, worauf sich drei der fünf Tiere auf den Mann stürzten. Ursula Bauer von der Initiative “Aktion tier” meinte damals gegenüber der Süddeutschen Zeitung: “Viele Dompteure wollen die Öffentlichkeit glauben machen, dass sie ein besonderes Vertrauensverhältnis zu ihren Großkatzen haben.” Das aber entspreche nicht der Realität. Der direkte Umgang mit Raubtieren bleibe deshalb lebensgefährlich. Der Zirkus Dinner musste nach diesem Vorfall übrigens Konkurs anmelden.
Tja – zuguterletzt sollte nicht auf das Wetter vergessen werden. Wie etwa können Giraffen winterfest gemacht werden? Bären schwitzen in der gleissenden Sommersonne!
2003 hat sich der Deutsche Bundesrat gegen die Haltung von Wildtieren im Zirkus ausgesprochen. Die bereits angesprochenen Zirkus-Leitlinien sollen durch die jeweiligen Veterinärämter überprüft werden. Tiere, die hier oder auch im Säugetiergutachten nicht genannt sind, müssen nach dem Tierschutzgesetz behandelt werden. Und da sind sie wieder – die dehnbaren Gummi-Paragraphen! In den Leitlinien etwa heisst es, dass “die Möglichkeit des Tieres zu artgemässer Bewegung” nicht so eingeschränkt werden darf, “dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schaden zugefügt werden”. Wann ist ein Leiden “vermeidbar”? Wenn es die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens erlaubt?
Die Behörden agieren alsdann bei der Umsetzung mehr als zögerlich, da aufgrund der Reisen immer wieder die behördliche Zuständigkeit wechselt. So können Beanstandungen nicht immer entsprechend durch die tierärztlichen Kollegen nachkontrolliert werden. Hier könnten Eintragungen in die Bestandsbücher oder noch besser ein Zirkus-Zentralregister sehr hilfreich sein. Grobe Verstösse gegen das Tierschutzgesetz werden sofort gemeldet, der Zirkus wird gesperrt. Zudem verfügen die meisten Amtstierärzte nicht über die Erfahrung im Umgang mit exotischen Tieren. Was dem Pferd zugemutet werden kann, muss nicht unbedingt für das Zebra gut sein. Grosse Zirkusse, wie etwa der Circus Krone unterliegen inzwischen regelmässigen Kontrollen – hier werden die Amtstierärzte auch selten fündig. Der Zirkus Giovanni Althoff hingegen musste seine Tiere verkaufen, da hier grobe Verstösse vorlagen. So heisst es im Urteil des Landgerichtes Hanau (Az.: 1013 Js 9934/04-Kls vom 16.06.2006): “Lahmheit ist – wie die Angeklagten wussten – regelmässig ein Zeichen von Schmerz… Durch die sich summierende Vernachlässigung der Körperpflege wurde das Wohlbefinden der fünf indischen Elefanten derart beeinträchtigt, dass ihnen erhebliche Leiden zugefügt wurden, was die Angeklagten auch wussten!”
All das ist überflüssig und nicht der Diskussion würdig, meint hingegen der Verhaltensbiologe Immanuel Birmelin aus Freiburg in einem Interview, das er der Zeitung “Welt” gab. Er hat bei den Löwen des Circus Krone nach einem Gastspiel in Monaco vor, während und nach der anschliessenden Nonstop-Rückreise nach München eine Speichelprobe entnehmen lassen. Diese wurden auf das Stresshormon Cortisol hin untersucht. Dabei fiel auf, dass die Tiere komplett entspannt waren. Zudem würden sie ja ständig beschäftigt, körperlich fit gehalten und erleben stets etwas neues. Dies sei bei ihren Artgenossen im Zoo keineswegs der Fall. Auch sein Kollege aus Cambridge, Sir Patrick Bateson, betonte nach einer Studie, dass er keinerlei Grund sehe, die Haltung von Wildtieren im Zirkus zu verbieten. Verhaltensauffälligkeiten, wie etwa das sog. “Weben” bei Elefanten, also das ständige Hin- und Herbewegen, stammen aus früheren Zeiten, als weitaus weniger auf die Tiere geschaut wurde. Die meisten Zirkuselefanten beispielsweise sind zwischen 40 und 50 Jahre alt. Mit entsprechenden Aussengehegen sei somit die Zirkus-Tierhaltung heutzutage kein Problem mehr, so Birmelin. Nur Bären und Schimpansen haben nichts in der Manege zu suchen, da sie sehr viel Auslauf benötigen.
In Schweden, Finnland, Dänemark und auch in Österreich ist die Haltung von Wildtieren (Affen, Elefanten, Grosskatzen, Nashörner, Robben und Wölfen) in Zirkussen inzwischen gänzlich oder zum Teil verboten. In Frankreich setzt sich seit Jahren Ex-Filmstar Brigitte Bardot für ein Tierverbot in der Manege ein. Sie fordert endlich ein Ende dafür, dass “Tiere wie Sklaven gehalten werden”. In deutschen Landen allerdings tun sich die Verantwortlichen hier etwas schwerer, denn ein solches Verbot könnte als Einschränkung der Grundrechte bei der Berufsausübungs- und Berufswahlfreiheit angesehen werden und könnte deshalb vor dem Verfassungsgerichtshof enden. Doch – mal etwas übertrieben formuliert – klagen Berufskiller dieses Recht ein?

http://www.youtube.com/watch?v=tF3DpOTlVKg

Sie können nun selbst helfen, dass das zuständige Ministerium (BM f. Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz) diesen schon 2003 gefällten Beschluss des Bundesrates zum Verbot von Wildtieren in Zirkussen durch eine entsprechende Verordnung umsetzt und damit nach Artikel 20 a des Grundrechtes solche Tierhaltung untersagt. Die Tierschutzorganisation PETA hat zu diesem Zweck eine Online-Petition gestartet. Ziel sind bis 2014 500.000 Unterschriften, damit die deutsche Bundesregierung unmissverständlich zur Kenntnis nehmen muss, dass sich Deutschland dieses Themas angenommen hat.
Hier geht’s zur Petition:

http://tyke2014.de/

Lesehinweise:
“Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen.” von C. Kröplin u. a., Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Berlin 2009. online (PDF; 142 kB)
“Natumi Okawango” von Ingrid Kaletka; Urbanek, Neuwied 2009
“Wie man Tiere im Circus ausbildet.” von Klaus Zeeb; Enke, Stuttgart 2001, ISBN 3-7773-1937-6.
“Animal Liberation – Die Befreiung der Tiere” von Peter Singer; Rowohlt, Reinbek b. Hamburg, 1996. S. 192 f.

Links:
www.tierschutzbuero.de
www.tierschutzbilder.de
www.tierschutzvideos.de
www.animalprotection.de/zirkus1.htm#ohnetier

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Neuromarketing – Die Verführung im Supermarkt!!!

In einer durchschnittlichen deutschen Wohnung oder auch einem Haus befinden sich nicht weniger als 15.000 Gegenstände – meist sogar mehr! Kaufzurückhaltung? Ha – im Sprachgebrauch vieler existiert dieses Wort gar nicht! Grossgeschrieben hingegen wird der Kaufzwang – die Shoppirithis!
Alle Wege führen nach – nein nicht Rom! Sondern an die Kasse! Haben Sie sich eigentlich schon mal überlegt, weshalb die Supermärkte so sind, wie sie sind? Völlig egal ob sie nun Rewe, Spar, Edeka, Accord oder Bilka heissen! Des Rätsels Lösung: Psychologie! Mit dem ersten Schritt in das Shopping-Paradies sind Sie nicht mehr Sie selbst – Sie werden manipuliert auf Teufel komm raus!
Doch tatsächlich beginnt dies bereits wesentlich früher: Die Werbung lockt Sie dorthin, wo Sie eigentlich gar nicht hun wollten. Ist dort die Kiste Bier um zwei Euro günstiger, bei der Abnahme von zwei bekomme ich das Zweite um die Hälfte, das Fleisch ist Bio, das Gemüse von heimischen Bauern,… Ja, ja ich kenn’ das – ich gehöre auch dazu! Geschäfte, die mich ansonsten nie im Jahr sehen, locken verführerisch. Wie der Gesang der Sirenen. Und ich gebe zu, dass das eine oder andere Mal mehr im Einkaufswagen landet, als vorgesehen, nach dem einen oder anderen Produkt gegriffen wird, das ich nicht kaufen wollte. Doch hält sich dies bei mir in Grenzen, da ich Vorratskäufer bin. Und auch der Werbefolder, den die nette Christl von der Post gebracht hat, landet bei mir schneller als versehen im Altpapier-Container. Dennoch – der Kleber “Keine Werbung” kommt nicht an den Briefkasten. Schliesslich will ich ja informiert werden – und schlussendlich geht es um die Sicherung von Arbeitsplätzen. Wenn auch nur durch die fachgerechte Entsorgung des Folders!
Ein Werbeangebot allerdings entlockt mir inzwischen nicht mal mehr ein auch nur winzig kleines Erweitern der Pupille: Wöchentlich flattert Werbepost einer alpenländischen Lebensmittelkette in’s Haus. Folgt man nun dem Lockruf und will im nächsten Geschäft das Angebot aus dem Flugzettel, so heisst es dort: “Tut mir leid – haben wir nicht!” oder “Leider schon aus!” Am meisten habe ich dies in Österreich bei ADEG, Hofer und Lidl gehört! Während die beiden Diskonter zumeist pro Standort mit nur einem bis fünf (!) dieser Lockangebote beliefert werden, sind die ADEG-Kaufleute selbständig. Soll heissen, dass auch die Sonderangebote von ihnen bestellt werden müssen, ansonsten sind sie schlichtweg nicht da! Doch – wenn schon mal im Laden – wie wär’s denn mit… Soweit zur Werbepsychologie in den heimischen vier Wänden. Jene in den Geschäften ist noch viel gefinkelter, viel gewiefter. Lassen Sie mich nun hier den Beweis antreten!
Die Psychologie beginnt bereits am Eingang! Weshalb geht eigentlich die Tür so langsam auf? Das liegt nicht etwa an der Materialschonung, sondern vielmehr daran, dass der Einkäufer gebremst werden soll! Der Konsument, der wirklich nur rasch wegen eines Liters Milch in den Einkaufstempel kommt, verursacht dem Unternehmen Kosten, die dieses nicht haben möchte. Ergo: Muss er schon vor der aufgehenden Türe stehen bleiben, wird ihm die Hektik des Alltags genommen, er hat mehr Zeit, sich in der Regalflucht umzuschauen damit er vielleicht doch mit dem einen oder anderen mehr das Geschäft verlässt! Zu diesem sog. “Blocking” (Bremszone) zählen auch die Hindernisse in den Gängen oder Teppiche am Boden. Ihr einziger Zweck: Sie sollen Tempo wegnehmen. Gemütliche Sitzecken für Senioren lassen zudem den Kindern oder Enkeln mehr Zeit dafür, auch mehr einzukaufen! Im Fastfood-Restaurant sind im Vergleich dazu die Stühle oder Sitzecken so konzipiert, dass man maximal 10 Minuten gemütlich darauf sitzen kann. Dann sollte Platz für die nächsten geschaffen werden.
Auf den ersten Paar Metern im Geschäft befinden sich nun unheimlich viele Artikel – es türmt sich eine riesige Auswahl auf, sodass alles gar nicht richtig erfasst werden kann. Deshalb bleiben nahezu alle nach dem ersten Drittel stehen, damit diese Vielfalt von einströmenden Reizen erst einmal verarbeitet werden kann.
In sehr vielen Supermärkten begrüsst Sie die Frischeabteilung. Obst und Gemüse – nicht etwa, damit der Geruch aufgrund der Nähe zum Ausgang schneller wieder draussen ist! Nein – diese Regale sollten am Abend, wenn das Geschäft schliesst, leer sein. Viele Konsumenten lassen sich auch dazu verleiten, bei den Äpfeln zuzugreifen. Und die gibt es wiederum leider nur im 2 kg-Sack. Isst ein Single nicht täglich fünf davon, muss er welche entsorgen. Oder die Tomaten aus dem Glashaus in Holland! Schmecken nach gar nichts, doch könnte heute Abend mal wieder ein Tomatensalat gemacht werden!
Ich habe mich immer gewundert, wie perfekt die Abmessungen zwischen den Regalen stimmen, sodass ich mit meinem Einkaufswagen durchkomme, obwohl die Abteilungsleiterin gerade das Regal wieder vollräumt. Einerseits sind dies spezielle Paletten (Display-Paletten), die eigens für den Handel angefertigt wurden. Sie sind etwas kleiner als ihre Kollegen aus der normalen Logistik. Ausserdem sind zwischen den Regalen immer genau zwei Meter Platz. Die einkaufende Frau Maier etwa fährt meistens mit ihrem Einkaufswagen in der Mitte des Ganges. Mit nur einem Schritt kann sie sowohl im rechten Regal zum Senf, als auch im linken Regal zu den Nudeln greifen. Bei mehr als zwei Metern (“Rennbahnen”) müsste man schon noch einen Zusatzschritt einlegen, was den Konsumenten überlegen lässt, ob er den gerade gestreckten Arm wieder herunternimmt. Zu enge Gänge hingegen erschlagen den Kunden – er fühlt sich unwohl!
“Nimm 2 zahl weniger – Aktionen” sorgen zudem immer wieder dafür, dass mehr mitgenommen wird, als eigentlich beabsichtigt. Und dann kann es geschehen, dass dieser Mengenrabatt an der Kasse gar nicht gewährt wird. Bei der Recherche zu diesem Text habe ich absichtlich sehr häufig von Sonderangeboten Gebrauch gemacht. So etwa auch in einer Eurospar-Filiale, wo die Rostbratwürste stark verbilligt waren, wenn zwei Packungen gekauft wurden. Bei der nachherigen Kontrolle des Kassabons (leider bereits zuhause) musste ich erkennen, dass ich trotzdem den vollen Preis bezahlt habe. Auf eine Stellungnahme der Sparzentrale in Salzburg warte ich noch heute.
Für Stammkunden günstiger! Haben Sie schon eine Kundenkarte? Cool, doch sehr gefährlich! Schliesslich ist Ihr komplettes Kaufverhalten ersichtlich. Wird zu wenig häufig eingekauft, erhalten Sie rasch eine Zusendung mit Ihrer ganz persönlichen 10 %-Aktion. Oder die besten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstag – aber Getränke und Kuchen für Ihre Party bitte beim Händler Ihres Vertrauens einkaufen – dort, wo sie eine Kundenkarte haben und somit Ermässigung oder Bonuspunkte oder Rabattmarkerln bekommen. Billa verwendete früher die Bankomatkarte als Kundenkarte. Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, welche anderen Daten über den Streifen oder den Chip gelesen wurden? Vor einigen Jahren plante ich eine Party. Getränke sind hier natürlich kein unwesentlicher Faktor. Also schaute ich mir auch die Bierangebote der unterschiedlichsten Lebensmittel-Ketten an. Beim regionalen Anbieter für Vorarlberg, Sutterlüty, wurde ich fündig. Bei vier Kisten Bier hätte dies eine Ersparnis von rund 10,- € ausgemacht. Also kaufte ich dort auch gleich die Limonaden und das Fleisch bzw. die Würste für’s Grillen! An der Kasse wurde ich nach meiner Kundenkarte gefragt. Hatte keine. Bei der Kontrolle des Kassabons (leider auch wieder zuhause) entdeckte ich den vollen Kistenpreis. Wutentbrannt schnappte ich mir die Postwurfsendung und wollte mich beschweren. Steht da doch ganz klein beim Bier: “Für Kunden mit Kundenkarte!”. Als ich am nächsten Tag nochmals im Geschäft war, sah ich zwar beim Bier die Auspreisung zum Folder-Preis, klein mit Stern versehen stand allerdings ebenso diese Voraussetzung dabei.
Sonderaktionen aus der Werbung oder “Nur heute”-Artikel befinden sich meist in der zweiten und damit hinteren Hälfte des Geschäfts (allerdings entfernt zum normalen Standort, damit kein Preisvergleich angestellt werden kann). Schliesslich soll der Käufer durch den gesamten Laden geführt werden und Waren mitnehmen, die er zwar braucht, bei der Planung des Einkaufs jedoch nicht in Erwägung gezogen hatte. Das gilt übrigens auch für die Waren des täglichen Gebrauchs, wie Milchprodukte, Grundnahrungsmittel, … Möglichst weit voneinander entfernt, muss der Suchende quer durch das ganze Geschäft laufen. Dies nennt sich “Ameisen-Algorithmus” (ein Verfahren der kombinatorischen Optimierung). Wie die Ameisen bei ihrer Futtersuche sollen auch die Menschen geleitet werden – vorbei an den nicht ermässigten Artikel, die man vielleicht doch brauchen könnte. Und geht es dabei gegen den Uhrzeigersinn nach links, wird automatisch mehr eingekauft (bis zu 10 %), da ein Grossteil der Bevölkerung Rechtshänder ist. Sie können es selbst versuchen: Ziehen Sie auf dem Boden eine gerade Linie und versuchen nun mit geschlossenen Augen auf dem Strich möglichst gerade aus zu gehen. Sie werden immer einen Rechtsdrall haben. Alsdann werden jene Waren, die schneller weg müssen, aber auch so mancher Ladenhüter auf den rechten Regalen positioniert (“psychologisches Productplacement”). Deshalb bekommen Rechtshänder, wenn sie gegen den Strom durch die Regalfluchten gehen, auch mehr der günstigeren Produkte ab. Doch Vorsicht: Bei 99-er Preisen neigen viele dazu abzurunden und dies als günstiger gegenüber des 00-Preises zu sehen. Gibt es wirklich dermassen viele Pfennigfuchser unter uns? Denn: Sie müssen 100 solcher 99-Produkte kaufen, um sich einen Euro einsparen zu können – lohnt sich der Zeitaufwand? Damit ist das Glücksgefühl, ein Schnäppchen gemacht zu haben, falsch, denn Sie sind psychologisch über’s Ohr gehauen worden. Und Rabatte übrigens schalten erwiesenermassen den Verstand aus (Bernd Weber vom Bonner Hirnforschungszentrum Life & Brain). Das angesprochene Glücksgefühl nämlich ist ein Teil des menschlichen Belohnungssystems!
Die Augenhöhe ist im Handel ein sehr wichtiges Instrumentarium: Bei der “Greifzone” spricht man von jenem Bereich, der sich zwischen 60 bis 140 cm Höhe erstreckt. Wer bückt sich schon gerne!? Deshalb stehen die teureren Markenartikel auch in dieser Greifzone – zumeist gar auf nahezu Augenhöhe – sie bringen dem Händler eine höhere Marge. Die günstigeren Produkte befinden sich im Regal tiefer (“Bückware”). In der “Streckzone” hingegen, also im Regal oben, sind die “Schnelldreher” zu finden. Waren, die ohnedies gerne und häufig gekauft werden (Zahnpasta etwa). Greift man sich eine solche Tube, bleibt der Blick in der Greifzone sicherlich auf den Crémes, Lotions oder anderen teuren Markenartikeln ruhen. Der “Belegungsplan” berücksichtigt dies und gibt an, wie welches Regal eingeräumt werden muss. Ausserdem stehen neben den teuren Produkten immer noch teurere, sodass der unbedarfte Konsument den Durchschnittspreis (“Ankerpreis”) für das Produkt sofort etwas höher ansetzt und in der Mitte zugreift. Und das, was unbedingt verkauft werden soll, steht meist mitten im Gang, sodass man dies richtiggehend umfahren muss! Direkt an der Kasse finden Sie noch die sog. “Quengelware” – Kaugummis und Süssigkeiten, die v.a. die Kinder animieren sollen. Deshalb sind sie genau im Augenbereich eines 3-4 Jahre alten Kindes gestapelt, das auf dem Kindersitz des Einkaufwagens Platz genommen hat und eigentlich schon längst dort wieder raus will.
Über die Mogelpackungen habe ich an dieser Stelle schon mal geschrieben. Beachten Sie immer den Grundpreis. Eine grosse Verpackung bedeutet nicht automatisch mehr Inhalt und somit ein Schnäppchen! Einheitliche Packungsgrössen – das war einmal. Das Eichgesetz bzw. die Verpackungsverordnung schreiben zwar vor, dass eine grössere Menge des Inhaltes nicht durch eine grössere Verpackung vorgegaukelt werden darf, allerdings liegt der Akzeptanzrahmen bei rund 30 %. Und – bei viel Verpackung haben Sie auch mehr Müll, der entsorgt werden muss!!!
In jenen Zeiten, als ich bei einem Tiroler Radiosender die Morgensendung moderierte, musste ich an einer Bäckerei vorbei. Es war der Lockduft der frischen Semmeln bzw. Brötchen, der mich (höchstwahrscheinlich als ersten Kunden) immer wieder in die Bäckerei getrieben hatte. In manchen Supermärkten sorgen Lüftungen für das Verströmen dieses herrlichen Duftes. Überhaupt kommt es immer mehr in Mode, mit Düften zu arbeiten. Gehe ich etwa zu Mittag an der warmen Theke vorbei, so gehört hier ein Zwischenstopp eingelegt – auch wenn ich nur rasch noch etwas eingekauft habe, das ich für das heimische Mittagessen benötigte. Probeflaschen beim Parfüm sollen nicht nur der Unentschlossenen helfen, sondern auch jene zielgenau dorthin steuern, die eigentlich nur Taschentücher kaufen wollten. Übrigens kommen am besten bei Frauen Vanille- bzw. bei Männern Blumendüfte (Maiglöckchen etwa) oder würzigere Aromen an – auch im Kleiderhandel. Allerdings sind die Forscher auf einen Klotz gestossen, der das Ganze etwas einbremst: Die meisten Duftstoffe verursachen Allergien! Und – wer will schon Dauerniesser in seinem Markt!
Apropos “Niessen”: Haben Sie gewusst, dass die optimale Shopping-Raum-Temperatur bei 19 Grad Celsius liegt? Ist es kühler, bleiben die Kunden wesentlich kürzer, da sie frieren. Ist es wärmer werden sie auch mit ihren Kaufentscheidungen immer träger. Ein Lobgesang also auf den Erfinder der Klima- und Heizanlagen.
Die Trennung der Geschlechter spielt ebenfalls eine immens wichtige Rolle. Besonders in Kaufhäusern. Kam der Portemonnaie-Träger früher in den Kaufhof oder Karstadt, so war im Parterre all jenes zu finden, das das Frauenherz höher schlagen liess: Parfüm, Handtaschen, Accessoires etc. Hier sollten Paare bereits dazu animiert werden, sich zu trennen, denn Männer marschieren eher zielstrebig auf das zu, was sie brauchen. Zwei Frauen hingegen bedeutet: Shopping-Alarm! In Elektronik- oder Heimwerkermärkten hingegen ist dies genau umgekehrt.
Die richtige Musik sorgt für einen Wohlfühlfaktor, der das Kaufverhalten sehr positiv beeinflussen kann. Eine Studie in der Vinothek eines Supermarktes bringt dies auf den Punkt: Hier wurde abwechselnd italienische und französische Musik ausgestrahlt. Je nachdem zeigte dies alsdann Auswirkungen beim Umsatz der Sorten dieser Ursprungsländer. 72 Beats per Minute – der perfekte Takt zum Einkaufen, da es der Herzfrequenz eines gesunden Menschen entspricht und somit beruhigend wirkt! Vormittags Schlager, am Nachmittag Pop, gegen Abend ruhige Musik für die abgestressten Arbeitstiere! Auch Farben wirken! Gelb und rot etwa suggerieren Sonderangebote – obwohl dem gar nicht so sein muss.
Die Grösse der Einkaufswagen sollte für Sie nicht zu einer Messlatte werden. Denn diese sind zuletzt immer grösser geworden, sodass mehr Platz für Spontan-Einkäufe bleibt. Untersuchungen haben ergeben, dass 70 % aller Entscheidungen in den Regalfluchten spontan fallen. So kommt es, dass Sie neben dem Liter Milch, den Sie brauchten, auch Schokolade, Kaffee und Reis eingekauft haben. Am Ende kaufen sie alle mehr ein, als eigentlich beabsichtigt. Sie kennen das Problem mit der Tellergrösse und der soeben begonnenen Diät!
Gewinnspiele im Supermarkt führen immer zu strahlenden Siegern – niemals zu Verlierern. Im Laufe meiner erfolgreichen Shopping-Karriere habe ich an drei Gewinnspielen im Markt selbst teilgenommen. Und habe immer gewonnen! Beim ersten eine Besichtigung in einer Schokoladenfabrik in der Schweiz. Jedoch hätte ich hier den Platz im Bus bezahlen müssen (Familia). Dann gewann ich eine Kiste Bier (PamPam) und schliesslich einen Ring Fleischwurst, die mir allerdings beinhart an der Kasse verrechnet wurde (Rewe). Dem Filialleiter war dies – von mir über die Zentrale angeschrieben – sehr peinlich. Gemeinsam mit einer Schachtel Pralinen schickte er mir auch einen 5 €-Schein per Post zu.
Untersuchungen der University of Columbia (Verhaltensökonomin Sheena Iyengar) haben ergeben, dass eine grosse Auswahl mehr auffällt. Ist sie jedoch zu gross, beeinflusst dies bereits wieder das Kaufverhalten negativ. Zu diesem Zweck wurde in einem Supermarkt in San Francisco ein Tisch mit Marmeladen aufgebaut. Abwechselnd standen hier 6 bzw. 24 unterschiedliche Produkte. Während das Interesse bei mehreren Sorten um nahezu 20 % grösser war, kaufte jedoch nur rund ein Zehntel der Stehengebliebenen auch tatsächlich ein Glas aus diesem grossen Sortiment. Schluss der Wissenschaftler: Ab einer Auswahl von 10 nahezu gleichen Artikeln verlässt uns unsere Urteilskraft! Trotzdem wird immer mehr produziert und damit auch verkauft. Dabei weichen die meisten neuen Produkte nur geringfügig vom ursprünglichen Originalprodukt ab. So wurden im Jahr 2006 in Deutschland nicht weniger als 180 neue Süssigkeiten auf den Markt geworfen!
Auch das Licht spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Durch spezielle Beleuchtungstechniken werden Obst, Gemüse und Fleisch dermassen bestrahlt, dass sie sagenhaft gut aussehen. Hell in der Bio-Frischeabteilung, Rotlicht beim Metzger! Zuhause angelangt haben sehr viele schon geflucht, bei was sie da tatsächlich zugegriffen haben.
Der Mensch ist zudem ein Gewohnheitstier. Haben wir einmal etwas entdeckt, das schmeckt, wird nicht mehr probiert – es landet immer wieder dasselbe Produkt im Einkaufswagen. Aufgabe der Werbung nun ist es, diese Gewohnheiten zu kreieren, nicht zuletzt durch emotionale Assoziationen, denn diese sind meist Ursache für irrationale Handlungen. Dabei lassen wir uns auch gerne von höheren Preisen und aufwendigeren Verpackungen verleiten – dem messen wir höhere Qualität bei. Einmal für ein solches Waschmittel begeistert, werden auch günstigere Sonderangebote bei den anderen ausser Acht gelassen (Dan Ariely von der Duke University in North Carolina).
Der Kunde ist aber ansonsten rational! Das nutzen Shopping-Forscher wie beispielsweise Herb Sorensen in der Verhaltensökonomik aus. Obwohl die Geschlechter immer mehr zusammenrücken, werden Männer nach wie vor am leichtesten durch Erotik (Sex sells) und Frauen durch aufwendige Verpackungen geködert. Eine Untersuchung der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen/Geislingen zeigte zudem auf, dass sechs von zehn Kunden vor dem Einkauf nicht wissen, was sie haben möchten. Diese grosse Zahl von Impulskäufern gilt es, durch einfachste Methoden und Mittel zum Kauf zu bewegen. Hirnforscher ermitteln bereits jene Regionen, die bei gewissen Stimulanzen entsprechend reagieren (“Neuromarketing”). So ist es inzwischen erwiesen, dass abgebildete Gesichter Gefühle wecken. Ist dasselbe Gesicht in der TV- oder Printwerbung zu sehen, werden schnellere und intensivere Assoziationen geweckt.
Die modernen Schaufenster können Blicke über einen spezielle Software erfassen und den potentiellen Kunden ansprechen oder ihm das Gewünschte präsentieren. Bleibt beispielsweise ein Passant stehen und mustert etwas ganz genau, macht ihn entweder eine Stimme auf die Vorzüge des Produktes aufmerksam oder er sieht im Bildschirm, weshalb er unbedingt zugreifen sollte, um mit dieser Ware auch weiterhin glücklich durch’s Leben gehen zu können. Philips hat eine solche “Überwachungstechnologie” entwickelt. Oder beispielsweise die Zusammenarbeit von Microsoft und MediaCart in der US-amerikanischen Supermarktkette Wakefern. Dort erfassen Sensoren die genaue Wegstrecke des Kunden. Bleibt dieser bei den Mueslis länger stehen, erhält er über kleine Bildschirme am Einkaufswagen zusätzliche Infos über die Frühstücksflocken oder es werden einfach die Spots der Unternehmen gezeigt.
Und die neueste Variante am “Marketing-Himmel” ist das persönliche Kaufprofil. Jenes Unding, das Datenschützer immer wieder im Internet verfluchen. So zieht der Betroffene beim Betreten des Marktes seine Kredit – oder Kundenkarte durch den Leser. Nach bereits wenigen Einkäufen erhält er dann Kauftipps über die Monitore am Einkaufswagen. Oder er wird via Mail oder SMS darauf aufmerksam gemacht, dass er nurmehr ganz wenig Zucker zuhause hat. Erschreckende Zukunftsvision: Sie betreten den Supermarkt und an der Kasse steht bereits der volle Einkaufswagen. Susi – die sexy weibliche Stimme aus den Boxen am Einkaufswagen meint zudem, dass sie noch den Vorleger eingepackt hat, da dieser im Angebot war, und vorsorglich 4 Packungen Penne und 3 kg Schweinsfilet mit reingepackt hat, da ja am Wochenende die Verwandtschaft zum Essen kommt.
Ach ja – sollten Sie kürzlich vielleicht das Gefühl nicht losgeworden sein, dass sie beim Einkaufen verfolgt wurden, so muss es nicht immer der Kaufhausdetektiv oder ein Verbrecher gewesen sein. Auch wenn es der vermeintliche Verfolger trotzdem auf Ihre Geldtasche abgesehen hat. “Shoppingforscher” ermitteln Kaufrouten der unterschiedlichen Zielgruppen. Sie messen die Gehwege, stoppen die Verbleibzeiten und dokumentieren die Einkäufe. Daraufhin werden elektronische Routen festgelegt (“Heatmap” – kalte und warme Kaufzonen: 80 % der Einkaufszeit wird auf nur 20 % der Ladenfläche verbracht!). Auch Peilsender werden zu diesem Zweck bereits am Einkaufswagen angebracht. Durch den in diesem Text bereits schon angesprochenen “Ameisen-Algorithmus” soll v.a. wirtschaftlich kranken Märkten beim Aufstehen geholfen werden.

Zuletzt noch für Sie einige Tipps, wie Sie nicht der Supermarkt-Verführungspsychologie zum Opfer fallen – v.a. da es bereits wieder auf Weihnachten zugeht:
- Schreiben Sie sich stets einen Einkaufszettel und halten Sie sich auch daran
- Vermeiden Sie das Shoppen mit leerem Magen
- Kaufen Sie Grosspackungen und teilen sie sich diese etwa mit Ihrer Freundin
- Vergleichen Sie immer Kilo- bzw. Literpreise, niemals die Angaben auf den Verpackungen
- Gehen Sie zu Fuss oder fahren Sie mit dem Rad – wer sich einmal kaputtgeschleppt hat, lernt für die Zukunft
- Bunkern Sie haltbare Produkte – nutzen Sie dazu Sonderangebote

Wer das alles nicht glaubt, kann es nachlesen:
Surely you are joking, Mr. Feynman von Nobelpreisträger Ricard P. Feynmann; 1997
Vorsicht Supermarkt. Wie wir verführt und betrogen werden von S. Schwartau, A. Valet; 2007
Ant Colony Optimization: Artificial Ants as a Computational Intelligence Technique – ein Artikel von M. Dorigo, M. Birattari, T. Stützle im IEEE Computational Intelligence Magazine. volume 1, num?ro 4, 2006, S. 28–39.
Die große Verführung. Psychologie der Manipulation von R. Levine; 2005
Wie Werbung wirkt. Erkenntnisse des Neuromarketing von C. Scheier, D. Held; 2006
Was Marken erfolgreich macht. Neuropsychologie in der Markenführung von C. Scheier, D. Held 2007
Neuromarketing von H.-G. Häusel; 2007

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Das stinkt ja zum Himmel

Tatort: Mellau im schönen und urigen Bregenzerwald (Vorarlberg).

Corpus delicti: Übelriechendes Wasser aus dem Wasserhahn

Man könnte meinen, an diesem herrlichen Fleckchen Erde könnte nichts das Wässerlein trüben! Doch es geht auch anders! Ein Hotelgast aus Deutschland hat die ganze Chose in’s Rollen gebracht: Stinke-Wasser! Ist es denn den Einheimischen nicht aufgefallen? Oder sind es diese inzwischen gewohnt. Nachdem die Wassergenossenschaft alarmiert worden war, wurde der Schuldige auch rasch ausfindig gemacht: Ein Landwirt hatte im Wasserquellgebiet Wildgunten Mist bzw. Jauche ausgebracht. Da es offenbar in diesem Landstrich noch niemand gewagt hat, den Bauern mitzuteilen, dass Jauche oder Mist – kurz vor dem Regen ausgefahren – gemeinsam mit dem Regenwasser in tiefere Erdschichten gespült wird, den Pflanzen damit überhaupt nichts mehr nutzt, da deren Wurzelwerk nicht dermassen weit hinunter reicht, dafür jedoch ins Grundwasser gelangen kann (Leaching-Verhalten), werden die Unsitten der exzessiven Landwirtschaft mit rascherer Fruchtfolge fortgeführt, bis – wie in diesem Falle – etwas geschieht. In Mellau wurde die Quelle vom Netz genommen, die Leitungen gründlich durchgespült – der Bauer wegen Trinkwasserverschmutzung und Verstosses gegen das Naturschutzgesetz angezeigt. Die Wassergenossenschaft Mellau versucht zu beruhigen: Durch die Desinfektionsanlage sind Schädlinge oder Keime gefiltert bzw. abgetötet worden. Trotzdem steht die stinkende Brühe noch in so manchem Warmwasserboiler! Und die Seele der Einheimischen kocht: Sie wurden erst einen Tag nach Bekanntwerden des Ganzen informiert! Den Seinigen gibt’s der Herr im Schlaf!
Anderer Fall: Die baden-württembergische Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz legte mit dem Jahresbericht “Grundwasserüberwachungsprogramm: Ergebnisse der Beprobung” durchaus brisantes Material der Öffentlichkeit vor. Der Schwellenwert der Grundwasserverordnung (GRwV) wurde an jeder zehnten Messstelle überschritten. Besonders belastet sind – neben anderen auch – der Kraichgau, die Region Stuttgart-Heilbronn und v.a. Oberschwaben. Hier steigt gar die Belastung jährlich an! Die Statistik jedoch gibt Entwarnung: Landesweit sinken die Nitratwerte! Im Mittel um 0,7 mg/Liter! Wie meinte einst ein Vortragender auf der Uni: “Es gibt Unwahrheiten, Lügen und die Statistik!”
Dritter und letzter Fall, da dies ansonsten hier den Rahmen sprengen würde: Fünf der sechs Trinkwasserbrunnen in Töging/Landkreis Altötting (Ostbayern) brachten im Jahr 2001 Trinkwasser in das Leitungsnetz, das einen Nitratgehalt von 40 bis 49 mg/l aufwiesen. Der Grenzwert, den die Weltgesundheitsorganisation WHO festlegte, bewegt sich allerdings bei 25 mg/l (bei Babynahrung bei 10 mg/l)! Unglaublich aber dennoch wahr: Der gesetzliche Spielraum in Deutschland und Österreich liegt bei bis zu 50 mg/l. Das heisst somit, dass jene Menschen, die in den Dürregebieten in Afrika mittels Trinkwasseraufbereitung versorgt werden, das gesündere Wasser erhalten, als es in so manchen heimischen Gemeinden der Fall ist. Im Vergleich dazu: In Bayerns Hauptstadt München wurden zum selben Zeitpunkt Werte um die 8 mg/l erreicht.
Sauberes und somit gesundes Trinkwasser ist für die meisten Menschen hierzulande eine Selbstverständlichkeit! Derzeit verbraucht ein Mensch in Deutschland im Schnitt 122 Liter Trinkwasser pro Tag. Technische Weiterentwicklungen bei Wasch- und Spülmaschinen bzw. auch nur die Kurzspültaste in Toiletten haben zu einem sparsameren Umgang mit dem weissen Gold geführt. In Österreich liegt der tägliche Verbrauch bei 150 Liter, wovon aber nur rund 4 Liter direkt getrunken oder zum Kochen verwendet werden (55 Liter zum Baden oder Duschen, 32 Liter gehen über die Toilette weg, 25 Liter für saubere Wäsche und 8 Liter für sauberes Geschirr; Angaben: Greenpeace Österreich). Im Vergleich hierzu verbrauchen ein Schweizer/Italiener 260, ein US-Amerikaner 400 und die Einwohner Dubais gar 500 l pro Kopf und Tag. Der grösste Teil unseres Trinkwassers kommt aus Grundwasserreserven. In Österreich etwa 50 %. 49 % stammen aus Quellwasser und 1 % aus Oberflächenwasser. In Deutschland sind es weniger Quellen, dafür steigt der Anteil an Grund- und Oberflächenwasser (Bodensee etwa oder Talsperren).
Die grösste Verschmutzungsgefahr des Trinkwassers besteht neben jener, die von Chemikalien ausgeht (etwa im Wiener Becken), in der intensiven Landwirtschaft. Sie sorgt für eine grossflächige Verunreinigung durch Nitrate und Pestizide. In Österreich beispielsweise ist eine Fläche in der 2,5-fachen Grösse des Bundeslandes Vorarlberg davon betroffen (rund 6.500 km²). Im Jahr 2000 mussten nicht weniger als 1,5 Mio Menschen Wasser entweder einkaufen oder mit Nitrat bzw. Pestiziden über dem Grenzwert verseuchtes Wasser trinken. 150 Wasserwerke besitzen eine Ausnahmegenehmigung, die eine Abgabe auch nahe der Grenzwerte erlaubt, da ansonsten eine flächendeckende Wasserversorhung v.a. in Ober- und Niederösterreich, aber auch der Steiermark nicht möglich wäre! Wissen die Konsumenten, was sie trinken und wer dafür verantwortlich ist? Ausser einer Düngeempfehlung wurde im Grossen und Ganzen seither gar nichts gemacht, da die Grundwasserschwellenwertverordnung die Entscheidungs-Kompetenz dem Landeshauptmann überlässt. Mit den Landesregierungen Pühringer und Pröll werden gleich zwei der Bundesländer durch die Volkspartei geführt, bei welcher der Bauernbund ein schwergewichtiges Wörtchen mitzureden hat. Doch auch die sozialdemokratische Regierung in der Steiermark ist auf ihre Bauern angewiesen. In deutschen Landen ist dies nicht anders. So war in der ARD-Sendung “Mainz-Report” der Präsident der Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth zu hören: „Das Umweltbundesamt empfiehlt dringend, dass die Dünge-Verordnung präzisiert und verschärft wird.“ Der Geologe Alfons Baier von der Universität Erlangen meinte gar, dass in manchen Teilen Nordbayerns das Grundwasser direkt zum Düngen der Felder verwendet werden könne, da dermassen hohe Nitratwerte gemessen würden. Übrigens – ein interessantes Detail am Rande: Jede Gemeinde Österreichs muss einmal im Jahr die Nitrat- und Pestizid-Werte gegenüber der Einwohner veröffentlichen (Wasserrechnung oder Gemeindezeitung)!
Ein Beispiel:

http://www.wien.gv.at/wienwasser/qualitaet/ergebnis.html

Schauen Sie sich die Werte Ihrer Kommune doch bitte etwas genauer an und vergleichen diese mit den Grenzwerten, die Sie unter diesen Links finden können:

http://das-beste-trinkwasser-der-welt.de/startseite/grenzwerte/
(Deutschland)

http://www.kirchham.ooe.gv.at/gemeindeamt/download/Tw-inf2005.doc
(Österreich)

http://www.eawag.ch/news/trinkwasser/hoechstkonzentration.pdf
(Schweiz)

Nitrat entsteht beim Abbau biologischer Materialien und ist eines der Hauptbestandteile der Gülle. Pflanzen benötigen diese Salze der Salpetersäure mit dem NO3-Anion zum Aufbau von Aminosäuren (Eiweissen). Die Salze sind sehr gut löslich! An sich kommt Nitrat im Boden nur in geringen Mengen vor. Steigt hingegen der Wert, so ist dies ein Zeichen für intensive Landwirtschaft oder unsachgemässer Düngung. In diesem Falle können die Pflanzen den Dünger auch nicht mehr aufbrauchen und speichern es. Der Mensch benötigt die Salze nicht, da er die wichtigen NO-Botenstoffe aus dem pflanzlichen und tierischen Eiweiss gewinnt. Im Körper wird alsdann Nitrat zu Nitrit umgewandelt, das in höheren Konzentrationen zu Problemen beim Sauerstofftransport sorgt, da das Hämoglobin zu Methämoglobin oxidiert. Hierdurch kann es v.a. bei Säuglingen und Kleinkindern zur sog. “Blausucht” (blaue Lippen und Gliedmassen, Kopfschmerzen und Atemnot sowie im Extremfall gar Zyanose – Ersticken) kommen, da der winzige Körper dieses Methämoglobin nicht rasch genug abbauen kann. Ablagerungen der Salze in den Kapillaren können zu Durchblutungsstörungen führen; die Jodaufnahme wird blockiert, was Probleme mit der Schilddrüse bewirkt. Zudem vermuten die Wissenschaftler, dass durch die chemischen Umwandlungen cancerogene Nitrosamine entstehen können – Krebs! Nach Angaben der der JECFA (Joint FAO/WHO Expert Committee in Food Additives) aus dem Jahre 2002 sollten täglich nicht mehr als 3,7 mg Nitrat (NO3) pro Kilogramm Körpergewicht aufgenommen werden (ADI-Wert). 2001 hiess es im unabhängigen Umweltinstitut, dass bei Werten von bis zu 50 mg/l im Wasser für einen erwachsenen Menschen keine akute Gesundheitsgefährdung ausgehe. Allerdings: “Ob nicht doch eine längerfristige Gefährdung von geringeren Konzentrationen ausgeht, vermag heute aber niemand mit Sicherheit zu sagen.”
Dünger, Insektizide und Pestizide, aber auch chlorierte Kohlenwasserstoffe – dies alles sind Risikofaktoren für die Wasserwirtschaft. Deshalb dürfen diese normalerweise auch im Wasserquellgebiet nicht eingesetzt werden. Die biologische Landwirtschaft sorgt zudem für einen Lichtblick: Hierbei wird auf die natürliche Fruchtfolge Wert gelegt. Exzessive Ausbeutung verbunden mit einer Übersäuerung des Bodens sollte in diesem Bereich nicht betrieben werden. Deshalb enthält Bio-Gemüse weitaus weniger Nitrat als die konventionell angebauten Nachbarn. Kopfsalat im Winter etwa hat einen Grenzwert von 4.500 mg/kg an Nitrat (Angaben: Unweltinstitut München – würg!!!). Aus diesem Grunde sollten auch die täglichen Maxi-Werte für Gemüse und Obst bei Säuglingen bis zu einem Jahr mit jeweils 100 g unbedingt eingehalten werden (bis zum 3. Lebensjahr dann max. 120 g). Solche Kindernahrungsgläschen könnten zwischen 50 bis 62,5 mg/kg Nitrat enthalten! Deshalb ein Hinweis: Je mehr Menschen Gemüse und Salate aus Bio-Anbau kaufen, umso schneller kann das Problem mit der Überdüngung in den Griff bekommen werden. Russland übrigens hat die Nitrat-Grenzwerte für Lebensmittel bereits vor einiger Zeit gesenkt. Und dann ist das naoch die Tier-Industrie!

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=ORKpYOdOcyg#t=0
(Quelle: ZDF Frontal 2011)

Bevor Sie nun aber in Panik verfallen und die Supermarkt-Paletten mit Mineralwasser leerräumen, möchte ich Sie beruhigen. Ein Test des deutschen Bundesgesundheitsministeriums und des Umweltbundesamtes (UCA) im Jahre 2012 ergab, dass das deutsche Wasser zu 99 % die gesetzlichen Auflagen erfülle. Im Alpenstaat Österreich spricht man gar von “einem Unterschreiten der EU-Grenzwerte um ein Vielfaches” – obwohl 10 % der Bevölkerung mittels privater Hausbrunnen versorgt werden. 89 % lagen unter den gesetzlichen Grenzwerten.
Doch – schliesslich ist jeder Hausbesitzer selbst dafür verantwortlich, in welcher Qualität das Wasser aus dem Hahnen sprudelt. Oftmals können verschmutzte oder defekte Installationen dafür verantwortlich sein. Auch alte Rohrleitungen aus Blei: Körper – Was begehrst Du mehr! Apropos: Erst ab einem ph-Wert von 7,0 darf Kupfer eingesetzt und unter einem ph-Wert von 7,5 sollte im Leitungsbau kein verzinktes Stahl verwendet werden (Korrosion). Wer also auf Nummer sicher gehen möchte, benötigt ein Filter- oder Desinfektionssystem, das kurz vor dem Austritt des Wassers seine Arbeit versieht. Denn – Legionellen etwa mögen’s lieber etwas wärmer. Deshalb bevorzugen sie nicht wirklich das aus der Erdleitung kommende, kalte Wasser, sondern sind häufiger im Warmwasserbereich vorzufinden. Gegen das Nitrat vorzugehen, ist jedoch wesentlich schwerer. Aktivkohle hilft nicht im Geringsten! Wirklich wirkungsvoll erscheinen hierbei nur die Umkehrosmose, Destillation sowie der Wegwerfdeionizer. Auch ein anionisches Austauschharz im Wasserenthärtungssystem kann helfen! Am besten allerdings sind einsichtige Bauern!

Resumee:

- Werte Landwirte – wenn ihr den Boden durch intensive Bewirtschaftung kaputt machen möchtet – bitte, das ist Euere Angelegenheit. Liegt das Land eben nach einigen Jahren brach! Doch fahrt die Jauche an Tagen aus, die nicht zu heiss sind (“Verbrennen des Grases” aufgrund der hohen Säurekonzentration) bzw. an Tagen, wenn längere Zeit kein Regen erwartet wird. Dann können die Pflanzen den Dünger aufnehmen.
- Werte Häuslebauer – ein grüner Garten ist etwas Herrliches. Finger weg von der Flächenversiegelung und der Betonwalze! Dadurch wird einerseits der Grundwasserspiegel negativ beeinflusst. Andererseits führt dies zu mehr Abwässern und somit zu höheren Betriebskosten. In einigen deutschen Städten müssen die Grundbesitzer mehr an die Kommunen bezahlen, da Luftaufnahmen beweisen, dass der Garten mit Einfahrt, Garage, Gartenhäuschen,… zugebaut ist.
- Werte Haus-Frauen (-Männer) – hängt niemals einen Spüllappen zum Trocknen über den Wasserhahn. Etwaige Keime gehen auf das Wasser über. Auch das Wasser, das über Nacht in den Leitungen gestanden ist, taugt nicht zum Trinken.
- Werte Umweltpolitiker – stellt Wasserquellgebiete unter besonderen Schutz und ahndet Verstösse dagegen mit hohen Strafen!
- Werte Mitbewohner dieses Planeten – gehen Sie sparsam mit Trinkwasser um. Ein tropfender Wasserhahn vergeudet rund 17 l pro Tag, die Präparierung von Skipisten verbraucht zirka 100 l pro Quadratmeter und ein Golfplatz benötigt für sein Grün soviel Wasser wie eine Kommune mit 5-10.000 Einwohnern.

Sauberes Wasser ist das wertvollste Gut, das wir hierzulande haben! Über eine Milliarde Menschen haben es nicht! Bitte: Gehen Sie sorgsam damit um!

Zuletzt noch einige Grenzwert- Beispiele (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
Grundwasser: max. 45 mg/l
Trinkwasser: max. 50 mg/l
Wassermelonen: max. 60 mg/kg
Kartoffeln: max. 250 mg/kg
Tomaten: max. 300 mg/kg
Gurken: max. 400 mg/kg
Spinat – Tiefgefroren oder in Konservendosen: max. 2000 mg/kg
Kopfsalat Freiland – Ernte vom 01.05.-31.08.: max. 2500 mg/kg
Kopfsalat Glashaus/Folie – Ernte vom 01.10.-31.03.: max. 4500 mg/kg

Interessante Links:

http://www.greenpeace.org/austria/de/themen/umweltgifte/hintergrund-info/Trinkwasser-in-Osterreich/
http://www.trinkwasserinfo.at
http://www.bund-naturschutz.de/themen/wasser.html
http://www.umweltbundesamt.de/wasser-und-gewaesserschutz/index.htm
www.nitrat.de

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