Archive for Mai, 2014

Weiterentwicklung der Spezies oder verkommt die Gesellschaft zur blasphemischen Spielwelt?

Gar muntere Gesellen und Gesellinnen waren bereits im Vorfeld des Lifeballs 2014 zu sehen – das Werbeplakat mit dem Hermaphroditen entzweite die Meinungen. Mit Conchita Wurst gewann eine Frau mit Bart den European Song Contest – oder ist es tatsächlich ein Mann mit weiblichen Attributen? Ich weiss es nicht! Und ehrlich gesagt: Ich will es auch gar nicht wissen! Toleranz lautet wohl das Wort des Jahres 2014. Einerseits zum Lifeball-Plakat: Erregung öffentlichen Ärgernisses durch die Zur-Schau-Stellung weiblicher und gleichzeitig männlicher Geschlechtsteile! Gibt es hierfür überhaupt einen Paragraphen? Oder – wie weit darf der künstlerische Freiraum gehen? Schliesslich wurde dadurch ganz eindeutig der Freiraum eines so manchen konservativen oder auch religiösen Nachbarn gestört! Andererseits – nicht wirklich der Song hat den Songcontest gewonnen – es war die Wurst!!! Auch wenn ich damals schon von der Stimme Thomas Neuwirths bei Starmania beeindruckt war, so gewann die Erscheinung Conchitas. Dabei wurde und wird nach wie vor die Musik in den Hintergrund gedrängt – das zeigt auch im Vergleich dazu das Airplay der Niederlanden auf, die “nur” den zweiten Platz belegten!
Nachdem Homosexuelle auch heute noch für ihre sexuellen Vorlieben kämpfen müssen, dafür eingesperrt und auch getötet werden, ist es noch gar nicht so lange her, dass Trans- oder oder auch Intersexuelle als Freak-Show abgetan am liebsten nach Fernost-Asien abgeschoben worden wären. Hierzulande jedenfalls unerwünscht! Wollte jemand plötzlich zum anderen Geschlecht gehören, wurde er zumeist ausgegrenzt und fristete ab diesem Zeitpunkt ein wahrhaft einsames Leben. Kürzlich wurde der Fall einer Lehrerin gezeigt, die vor den Sommerferien noch ein Lehrer war. Der Tumult bei den Eltern war freilich riesig, schliesslich haftet nach wie vor auch die Möglichkeit eines sexuellen und somit kriminellen Übergriffs an diesen “etwas anderen” Menschen. Zudem werden Kinder in der Pubertät unterrichtet, die ihre Geschlechterrolle in der Gesellschaft häufig noch gar nicht gefunden haben. Sie könnten beispielsweise dadurch homosexuell oder gar transsexuell werden. Die Teens hingegen fanden die Entscheidung ihrer Lehrerin mutig und cool! Für sie stellte es kein Problem dar.
Apropos Pubertät und Sexualität – somit sind wir beim heutigen Thema. Für viele ist die Pubertät einfach die Trotzphase, die jeder durchmachen muss – die einen heftiger, die anderen weniger. Man revoltiert, wo es auch immer geht, gegen das Elternestablishment. Gleichzeitig allerdings entdecken die meisten in diesen paar Jahren zudem das Interesse an der Sexualität. Auch hier – die Einen mehr, die Anderen weniger heftig! Das ist die Evolution. Aus Mädchen werden Frauen, aus Buben Männer. Einerseits durch die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale, andererseits jedoch auch durch die Zunahme der Hirn-Durchblutung, wie inzwischen Wissenschafter bestätigt haben. Sie konnten aufweisen, dass sich der Blutfluss im Gehirn ändert – bis zur frühen Pubertät nimmt er ab. Während die Durchblutung bei männlichen Teens während der schwierigen Jahre weiter fällt, nimmt sie bei weiblichen jedoch wieder zu. Die US-amerikanischen Neuropschologogen der University of Pennsylvania sehen hier einerseits einen Zusammenhang mit den geschlechterspezifischen Verhaltensweisen, andererseits aber auch zu diversen mentalen Krankheitsbildern. Im Rahmen dieser Studie wurden 922 Menschen beiderseitigen Geschlechts im Alter von 8 bis 22 Jahren durch die Damen und Herren rund um Theodore Satterthwaite mittels der Magnetresonanz-Perfusionsbildgebung untersucht, die aufzeigte, dass gerade in jenen Regionen des Gehirns, die für Gefühle und Sozialverhalten verantwortlich zeichnen, bei weiblichen Probanden mehr Blut fliesst. Dadurch unterscheiden sich nun Frauen von Männern – in der Sozialkompetenz und der Welt der Emotionen. Hierbei könnte bei Intersexuellen vielleicht etwas schief gelaufen sein.
Die christliche Religionsgeschichte kennt nur die Unterscheidung zwischen Adam (männlich) und Eva (weiblich): Die Geschlechtsnormativität! So lautet etwa auch der biblische Schöpfungsauftrag, der nach wie vor bei kirchlichen Trauungen verwendet wird:

“Seid fruchtbar und vermehret Euch!”

Dies ist jedoch bei “Zwittern” oder auch “Hermaphroditen” schon rein physiognomisch etwas schwierig. Deshalb haben andere Kulturkreise noch eine weitere Geschlechtsbezeichnung für die Intersexuellen zugelassen. Auch in Deutschland entschied am 07. Mai 2013 der Bundestag im Rahmen des Personenstandsgesetzes (PStG) § 22 Abs. 3:

“Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.“

Es war eine Empfehlung des Ethikrates, da eine Festlegung auf entweder oder (männlich oder weiblich) ein “nicht zu rechtfertigender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht” darstelle. Sollte also ein Kind zur Welt kommen, das wie auf dem Plakat zum Lifeball zu erkennen nicht zugeordnet werden kann, so ist dieses Kind kein Er oder Sie, sondern ein Es! Inwieweit dies auch für die Wurst zutrifft, wage ich für mich nicht zu entscheiden. Das sollen jene beurteilen, die Tom Neuwirth besser kennen. Sein Vater etwa behauptet, dass er sich bereits als Kind mehr zur weiblichen Bekleidung hingezogen fühlte, als zur männlichen! Doch macht ihn dies noch lange nicht zu einem Hermaphroditen – sondern vielmehr zu einem Transgender. Oder – ist sie/er vielleicht gar nur ein grosser Gag? Die Erfindung eines gewieften Managers um damit gehörig den Staub aufzuwirbeln, wie es auch der österr. ESC-Moderator Andreas Knoll formulierte? Dann wäre Conchita tatsächlich eine Kunstfigur, eine Drag-Queen. Doch – was soll in diesem Moment das ganze Getöse um Toleranz etc.? Diese Menschen verdienen meist mit ihrem “Anders-sein” Geld. Damit wäre es nichts anderes als ein Job – zumindest für Thomas Neuwirth! Doch hier möchte ich meine Gedanken einbremsen und umleiten, da ich mir ansonsten erboste Fans und Aktivisten anhören muss, die ihre “Toleranz” in Form von Schimpfeskapaden an den Angehörigen der bislang gewohnten Geschlechterrollen unserer Gesellschaft auslassen.
Zurück zur Intersexualität. Der Begriff ist nicht neu – er entstammt dem Wortschatz des Genetikers Richard Goldschmidt aus dem Jahr 1915. Dieser entdeckte bei seinen Forschungen eine Entwicklung, die keinem der beiden Phänotypen männlich bzw. weiblich zugeordnet werden konnte: Eine Mischform! Die Medizin beschreibt dies als “Sexualdifferenzierungsstörung”! Schliesslich kennt sie aus der Genetik nur die beiden Genotypen 46,XX (weiblich) bzw. 46,XY (männlich). Alles andere sind Syndrome (Turner, Klinefelter, Harry Benjamin, AGS, AIS, …) und damit Störungen. Seit der Konsensuskonferenz im Jahre 2005 in Chicago sprechen die Experten deshalb von “DSD” (Disorders of sex developement). Auch der laute Aufschrei der Interessensvertretungen konnte hierbei nichts ändern. DSD ist im ICD 10 (der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) als psychische Störung enthalten.
Tatsächlich aber kann Intersexualität die unterschiedlichsten Ursachen haben:

- Chromosomen
- Keimdrüsen (“Streifengonade”)
- Hormone (Brustwachstum beim Mann oder Körperhaare bei der Frau)
- anatomische Fehlentwicklungen (etwa übergrosse Klitoris, Hoden im Bauchraum)

Auf die unterschiedlichen Möglichkeiten möchte ich heute nicht speziell eingehen – es würden den Rahmen sprengen. Intersexuelle Menschen sind gar nicht mal so selten. Die Wissenschaft spricht von einem Verhältnis von 1:5000 bis sogar hinunter auf 1:1500. Doch bei den meisten betroffenen Menschen ist diese Intersexualität gar nicht auffällig – nur eine Chromosomenanalyse kann Licht in’s Dunkel bringen. Ist es beim Kleinkind bereits offensichtlich, so werden auch heute noch genitalangleichende Operationen durchgeführt: Die Beschneidung etwa oder das Anbringen einer Neovagina. Allerdings können solche Eingriffe meist zu starken psychischen Belastungen oder physischen Problemen bis in’s hohe Alter führen! So muss beispielsweise eine Neovagina täglich gedehnt werden, da sie ansonsten zuwächst. Nicht zuletzt auch deshalb sprechen Kritiker von massivster Beeinflussung des Grundrechtes und fordern den sofortigen Stop solcher operativer Massnahmen, bis sich der Intersexuelle selbst entscheiden kann. Was jedoch dabei nicht bedacht wird, ist die Diskimminierung in der Schule, denn Kinder sind meist grausamer als Erwachsene. Von medizinischer Seite betrachtet bringt es John P. Gearhart auf den Punkt: “Es ist einfacher, ein Loch zu machen als einen Pfahl zu bauen!”
Ob nun als Schamanen am nördlichen Polarkreis, Two-Spirits bei den Indianern der nordamerikanischen Steppen, als Hijras in Indien, Katoys in Thailand oder gar als zweigeschlechtliche Gottheiten der Mythologien – Intersexuellen wurden seit Menschengedenken besondere Fähigkeiten zugesprochen, da sie die weiblichen und männlichen Eigenschaften vereinen und somit die Welt von zwei unterschiedlichen Seiten sehen können. Erlauben Sie mir bitte eine Frage? Wieso sind sie etwas Besonderes, das gleichzeitig ausgestossen wird, sollte doch lt. Statistik jedes 500ste Neugeborene in irgendeiner Form intersexuell sein? In Deutschland leben schätzungsweise 80.000 Personen, für die der Ausdruck “Hermaphrodit” oder “Zwitter” durchaus zutreffend ist. Es gibt weit über 3.000 Arten von Intersexualität, Transsexualität und Homosexualität.
Conchita Wurst hat die Diskussion offener gemacht. Früher ein Tabu – heute wird zumindest darüber geredet. Allerdings wird es noch sehr lange dauern, bis hier von tatsächlicher Gleichberechtigung gesprochen werden kann. Auch wenn mit Lynne Brown erstmals eine bekennende Lesbe in das südafrikanische Kabinett (Ministerin für staatliche Unternehmen) einziehen wird. Auch wenn Mitte Juni in Bregenz/Bodensee erstmals die Wahl zum Mr. Gay Europe stattfinden wird. Und doch ist dies alles nicht wirklich neu, war doch die Homosexualität im alten Griechenland bzw. Rom wichtiger Bestandteil sehr vieler Orgien. Trotzdem kommen immer mal wieder Aussagen wie “Das ist heilbar!”. Weder Homosexuelle noch die meisten Intersexuellen sind per se krank! Sie werden erst krank gemacht durch eine etwaige Behandlung!!
Ich bin hetero! Und doch habe ich mit einigen homosexuellen (und statistisch gesehen sicherlich auch intersexuellen) Kollegen zusammengearbeitet. Sicherlich ist das eine eigene Welt für sich – doch ist ebenso auf sie Verlass, wie auf die “sexuell Normalen”! Meine Sache ist es nicht, doch gestehe ich jedem das Seine zu.

Links:

http://xy-frauen.de/

http://shg.intersexuelle-menschen.net/

http://intersex.at/

http://intersex.ch/

http://www.si-global.ch/

Literatur:

Heinz-Jürgen Voß: Intersexualität – Intersex: Eine Intervention. Unrast, Münster 2012
Ulrike Klöppel: XX0XY ungelöst: Hermaphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin. Eine historische Studie zur Intersexualität. Transcript, Bielefeld 2010
Ulla Fröhling, “Leben zwischen den Geschlechtern – Intersexualität: Erfahrungen in einem Tabu-Bereich”, Ch. Links Verlag 2003.
Claudia Lang, “Intersexualität – Menschen zwischen den Geschlechtern”, Campus Verlag 2006

Anlaufstellen:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Ostmerheimer Str. 220
51109 Köln
Tel.: 0221 / 8992-0
Onlineberatung unter:
www.familienplanung.de
www.schwanger-info.de

Pro Familia
Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V.
Stresemannallee 3
60596 Frankfurt am Main
Tel.: 069 / 63 90 02

Deutsche Aids-Hilfe e.V.
Dieffenbachstr.33
10967 Berlin
Tel.: 030 / 69 00 87-0

Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband e.V.
Oranienburger Str. 13-14
10178 Berlin
Tel.: 030 / 2 46 36-0

Lambda
Schwul-lesbisches Jugendnetzwerk e.V.
Windthorststr. 43a
99096 Erfurt
Tel.: 0361 / 6448754

Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)
Pipinstr. 7
50667 Köln
Tel. 0221 / 9259610

Lesbenring e.V.
Postfach 11 02 14
69071 Heidelberg
Mail: buero@lesbenring.de

Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.
c/o Andrea Ottmer
Unstrutstr. 2,
38120 Braunschweig
Tel: 0531 / 22 500 78
Notfall-Telefon: 0179 / 3748 990
Mail: andrea@dgti.org

VIVA TS Selbsthilfe München e.V.
Selbsthilfegruppe für Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität
Baumgartnerstr. 15
81373 München
Telefonberatung: 089 / 89 19 79 82, nur Freitag, 19 bis 22 Uhr
Mail: hotline@vivats.de

Ann and Pat Jugendzentrum, Backstageraum
Lederergasse 7
4020 Linz
Tel. 0681 / 81772638 oder
Mail: info@vimoe.at

No Comments »

Schmuddel – pfui deibel!!!

“Lebensmittelsicherheit ist in Deutschland eine Mogelpackung!”
(Harry Sauer, stv. GF des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure)

Heute möchte ich Ihnen, lieber Leser, von einem Bekannten berichten. Er war der Gutmütigste einer, doch wenn es um das Essen ging, kannte er kein Pardon. So warf er beispielsweise immer einen Blick in die Küche, bevor er in einem Restaurant seinen Hunger stillte. Einerseits sicherlich gut für ihn, konnte er sich doch anhand dessen, was er erspähte, entscheiden, ob er bleiben sollte oder nicht. Andererseits: Wenn das jeder machen würde, könnte keine Küche sauber und hygienisch gehalten werden. Schliesslich kann der Mensch selbst Keime einschleppen! Und wenn nicht er, dann über seine Strassenschuhe! Ehrlich gesagt – in so mancher Küche würde es gar nicht auffallen, wenn eine ganze Kuhherde durchgetrieben würde. Solange an den Speisen selbst nichts auffällt, würde wohl kein Gast auf die Idee kommen, was sich da hinter verschlossenen Türen abspielt. Andere Wirte hingegen setzen auf Transparenz. Verglaste Küchen, offene Türen oder gar Schauküchen sollen dem Kunden aufzeigen, dass in diesem Hause die Sauberkeit zu Gast ist. Dennoch kann es auch hier geschehen, dass etwa durch Salmonellen oder gar Noro-Viren Ansteckungsgefahr herrscht. Da hilft die grösste Sauberkeit nichts – hier müssen ganz einfach Küchen- bzw. Hygiene-Regeln eingehalten werden. Eine dieser Regeln war beispielsweise das Bazillenausscheidungsgesetz in Östereich, das alle Bediensteten, die mit der Herstellung von Lebensmitteln zu tun haben, einmal jährlich zu einer Gesundheitsüberprüfung verpflichtete. Schliesslich kann ein infizierter Koch oder eine Kellnerin als Multiplikator eine richtiggehende Epidemie auslösen. So etwa geschehen im Jahr 2003 im Strandbad von Klagenfurt. Da offenbar die Angestellten nach dem Gang zur Toilette nicht die Hände gewaschen hatten, wurden damals mehr als 100 Menschen mit Salmonellen infiziert. Die betroffene Wirtin hat daraus gelernt und Kameras bei den Waschbecken angebracht sowie die Ausbildung zur Hygienemanagerin absolviert. Peinlich allerdings, dass es auch sechs Jahre nach diesem Vorfall nur zwei solcher Hygienemanager in Kärnten gab, die im Rahmen von Vorträgen aber auch Hygienechecks ihrem Job nachgingen. Hier vertraut man offenbar nach wie vor der mehr als ungeliebten Lebensmittelkontrolle. Doch – würde es die nicht geben, wären in sehr vielen Speisetempeln wohl noch mittelalterliche Hygienestandards anzutreffen.

Lebensmittel sind „alle Stoffe oder Erzeugnisse, die dazu bestimmt sind oder von denen nach vernünftigem Ermessen erwartet werden kann, dass sie […] vom Menschen aufgenommen werden“
(Artikel 2 Satz 1 VO (EG) Nr. 178/2002 gekürzt).

Es ist nahezu unglaublich, mit welchen Zuständen die Damen und Herren bei ihren täglichen Beschauen konfrontiert werden. Ist der Status Quo zu beschämend, wird das Lokal, das Geschäft oder der Betrieb einfach zugesperrt. Ansonsten jedoch erfahren Herr Schmidt oder Frau Müller nichts von dem, was hinter den Kulissen läuft. Das soll nun anders werden, fordern doch die Verbraucherschützer mehr Transparenz bei den Testergebnissen. Nach amtlichen Kontrollen wird jedes Jahr nahezu jeder vierte Betrieb beanstandet – doch der Gast bekommt davon nichts mit. Deshalb wird über Farbbalken oder Smileys (wie seit Jahren erfolgreich in Dänemark umgesetzt) nachgedacht. Es fehle etwa in Deutschland eine “rechtlich verbindliche Regelung” bei der Veröffentlichung solcher Testergebnisse (Süddeutsche Zeitung). Dadurch könnten endlich die Schwarzen Schafe der Branche an den Pranger gestellt und es den Kunden überlassen werden, ob sie dort essen oder einkaufen. Der Berliner Stadtteil Pankow geht seit 2009 mit gutem Beispiel voraus:

http://www.berlin.de/ba-pankow/verwaltung/ordnung/smiley.html

Solche öffentliche Bewertungen wurden bislang von der Regierung bzw. Teilen davon abgelehnt (zuletzt durch die FDP). Ich jedoch denke, dass die Arbeit, auf die man stolz sein sollte, durchaus präsentiert werden muss. Denn: Vertrauen ist gut, Kontrolle jedoch besser! Die logische Folge davon: Eine natürliche Selektion, bei der nur die Sauberen übrig bleiben. Allerdings fehlt es an Kontrolleuren. Denn gerade in diesem so wichtigen Bereich leistet der Sparstift ganze Arbeit. Die Folge: Immer wieder auftauchende Lebensmittelskandale wie Rinderwahn, Dioxin-Eier, Viren-Salate, verwesendes Fleisch, das zu Wurst verarbeitet wird und zuletzt Tonnen verschwundenen Separatorenfleisches. Ekelmeldungen, die gerne überblättert werden, da sich niemand den Appetit verderben lassen möchte. Doch ist der Druck der Wirtschaft gewaltig – schliesslich geht es hier um Millionen! In den 80er Jahren beispielsweise warnte das Stuttgarter Regierungspräsidium vor infizierten Eierprodukten eines namhaften Nudelherstellers (Ekeleier). Der zog vor den Kadi und bekam Recht: Das Land Baden-Württemberg musste nicht weniger als 12,8 Mio D-Mark Schadenersatz auf den Tisch blättern. Erst viel später stellte sich heraus, dass die Behörden richtig lagen! Verbraucherschützer fordern deshalb: “Die Lebensmittelüberwachung darf nicht nach Haushaltslage erfolgen!” (Positionspapier des Bundesverbandes der Verbraucher-zentralen).
Bei all diesen Überlegungen lagen den Verbraucherschützern vornehmlich zwei Entscheidungen Brüssels ganz schwer im Magen:

1.) Die EU-Finanzmarktrichtlinie MiFID II
Sie ermöglicht auch weiterhin die Spekulation mit Nahrungsmitteln, sog. “Agrarspekulationen” (dies war schon mal Inhalt dieses Blogs!). Auch Deutschlands mächtiger Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sang mit in diesem mehr als zweifelhaften Chor – aber auch das EU-Parlament, das ja eigentlich die Wähler gegenüber der Kommission vertreten sollte. Inzwischen spekulieren grosse Unternehmen wie Lufthansa oder RWE an den Terminbörsen (Aussage: Foodwatch). Diese sollten tatsächliche Interessen an den Produkten haben und unterliegen damit keinerlei Positionslimits, wie etwa Banken oder Versicherer, die nur spekulieren wollen. Die versprochene Transparenz in diesem Bereich blieb freilich aus!

2.) Die Novellierung der EU-Kontrollverordnung
Hier befürchten Experten, dass durch die Geheimhaltungspflicht in der Lebensmittelwirtschaft Gesundheitsgefahren nicht mehr an’s Licht der Öffentlichkeit kommen. Es heisst nämlich, dass Behörden Ergebnisse von Lebensmittelkontrollen nicht veröffentlichen dürfen, wenn sie den “Schutz der geschäftlichen Interessen” von Unternehmen gefährden. Diese könnten gar dagegen klagen, weshalb sich die zuständigen Beamten vorsorglich für diesen Passus entscheiden würden.

Das Europaparlament in Strassburg hat sich im Sinne der Mitgliedsstaaten und der Verbraucher oder vielleicht auch gar nicht entschieden. Soll heissen, dass öffentliche Kontrollen forciert und das komplette System transparenter gemacht werden soll. Dabei bleibt es jedoch den Ländern selbst überlassen, ob sie negative Beurteilungen veröffentlichen werden oder nicht. Allerdings müssen rasche Folgekontrollen durchgeführt werden. Auch bei der Finanzierung dieser Kontrollen haben die jeweiligen Regierungen freie Hand. So plant etwa Niedersachsen, die kompletten Kosten auf die Lebensmittelproduzenten abzuwälzen – zumindest für Routinekontrollen. Das Landwirtschaftsministerium begründet dies mit dem durch die Lebensmittelskandale hervorgerufenem weitaus höheren Kontrollbedarf, wodurch zusätzlich Personal eingestellt werden müsse. Dies jedoch stösst den Handwerksbetrieben wiederum sauer auf. So weiss etwa der Fleischereiverband, dass die KMUs eine derartige Entscheidung finanziell nicht verkraften würden. Ansonsten müsste dies wiederum auf den Warenpreis aufgeschlagen werden, was die Schere zur Supermarktkonkurrenz noch grösser mache. Da schrillen natürlich bei mir wiederum die Alarmglocken: Will sich nun der Staat das Vertrauen der Bürger einsparen, seinen Verpflichtungen entziehen und das Geld, das bislang in die Lebensmittelsicherheit geflossen ist, zum Stopfen von Budget-Löchern verwenden???
Die Vorgaben für die amtliche Lebensmittelkontrolle kommen zwar vom Bund (Bundesweiter Überwachungsplan BUP und Mehrjähriger Nationaler Kontrollplan MNKP), tatsächlich aber obliegt sie in Deutschland den jeweiligen Ländern, die es zumeist an die Kreise und Kommunen ausgelagert haben. Das führt zu “völlig zersplitterten Strukturen” und “unterschiedlichen Qualitätsstandards” (BVL). Kontrolliert werden Herstellungs- und Verarbeitungsbetriebe in den Branchen Lebensmittel, Kosmetik, Bedarfsgegenstände und Gastronomie bzw. Hotelerie. Eine Kontrolle kostet nach Angaben des Fleischerverbandes Niedersachsen-Bremen zwischen 4-600 €. Davon entfallen 80,- € auf den Stundensatz des Kontrolleurs. Ein Metzger muss (je nach Region und Risikobewertung) bis zu vier Kontrollen pro Jahr über sich ergehen lassen. Doch – ehrlich – würde man sich auf die gesetzlich vorgeschriebenen Eigenkontrollen verlassen, so haben wir wohl in der Vergangenheit des öfteren bereits bemerkt, auf was dies hinausführt. Doch muss fairerweise erwähnt werden, dass die grossen Lebensmittelskandale nicht von den KMUs ausgingen. Die Situation bei den Kontrolleuren freilich ist mehr als prekär. So meint alsdann der Vorsitzende des Bundesverbandes deutscher Lebensmittelkontrolleure, Martin Müller:

“Jeden Tag laufen 25 Stunden lang Kochsendungen, aber für Lebensmittelkontrolle ist kein Geld da!”

Beispiel: Nordrhein-Westfalen! 2008 versprach der Ministerpräsident NRWs, Jürgen Rüttgers (CDU) im Eindruck eines Gammelkäse-Skandals, die Zahl der Lebensmittelkontrolleure von 300 auf 600 zu erhöhen. Die Idee wurde von der rot-grünen Nachfolgeregierung übernommen. Ende 2013 belief sich der Personalstand nach Schätzungen von Walter Müller auf vielleicht 360! Im Vergleich dazu: In der Städteregion des Landes gibt es 13 Kontrolleure – allerdings auch 5.500 Betriebe, die in der lebensmittelproduzierenden Branche tätig sind und kontrolliert werden müssten. Um dies alles stemmen zu können, wurde eine Risiko-Bewertung eingerichtet. Ist der Betrieb in der Liste unten anzutreffen, wird er nur alle zwei Jahre kontrolliert. Jene, die oben in der Bewertung rangieren, gelangen weitaus häufiger auf den Prüfstand.
Jährlich werden bundesweit nach einem standardisierten Verfahren rund 407.000 Proben gezogen (Jahresbericht 2008 des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit BVL – davon wurden nicht weniger als 55.000 beanstandet!), die in entsprechenden Labors untersucht werden um dadurch zu gerichtsfesten Daten zu gelangen. Hier werden die Proben auf Keime, Inhaltsstoffe und gesetzliche Höchstmengen (etwa Pflanzenschutzmittel oder Schwermetalle) hin untersucht. Werden Unregelmässigkeiten festgestellt, wird das entsprechende Produkt vom Markt genommen. Derzeit gibt es rund 2.500 Tester (Lebensmitteltechniker, Tierärzte, ausgebildete Kontrolleure) in Deutschland – für nicht weniger als über 1 Mio Betriebe (Metzgereien, Bäckereien, Gasthäuser, Hotels, Würstelbuden,…): Die Quote von 5 Proben auf 1.000 Einwohnern muss erfüllt werden (wie war das doch gleich mit der Nadel im Heuhaufen?). Es könnten somit weitaus mehr sein! Mindestens 1.500 weitere Mitarbeiter, damit der Kontrolldruck entsprechend erhöht werden kann. Voraussetzung für die Ausbildung ist eine abgeschlossene Meisterprüfung in einem Handwerk aus der Lebensmittelbranche, die Betriebswirtprüfung in der Fachrichtung Hotel- und Gaststättewesen oder auch der Abschluss der Ausbildung zum Lebensmitteltechniker. Trotzdem schreibt das Magazin “Der Stern” nach dem letzten Listerien-Skandal: “In Deutschland ist Lebensmittelsicherheit eine Mogelpackung.” Dabei liegt es nicht an Interessenten für diesen Job, der nicht wirklich für dermassen ehrenhaft gehalten wird, schliesslich stehen diese Menschen immer zwischen zwei Fronten. Viele Kommunen hingegen weigern sich, einen solchen Posten zu besetzen. Verbraucherschutzorganisationen kritisieren zudem, dass die Nähe zwischen Kontrolleur und Betrieb nicht selten zu gering sei, sodass Missstände auch absichtlich übersehen würden. Müller fordert nicht zuletzt deshalb die Kompetenzenübergabe an die Länder oder noch besser den Bund. Erste positive Schritte setzten da beispielsweise zwei Bundesländer: Während nach den Gammelfleischskandalen eine Spezialeinheit die bayerischen Betriebe überprüft, ist die Kontrolle im Saarland inzwischen wieder in der Landeskompetenz zu finden.
In Österreich sieht die Sachlage etwas anders aus. Hier ist nach dem Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetz (LMSVG) die AGES bundesweit für die Lebensmittelkontrollen zuständig. Diese Gesellschaft geht nach dem mehrjährigen integrierten Kontrollplan (MIK) und dem Revisions- und Probenplan (RuP) vor. Der Probenplan weist aus, wieviele Proben jährlich bei wem gezogen werden müssen und wie eine solche Probenziehung vonstatten gehen muss. Diese Proben werden an den Instituten für Lebensmitteluntersuchung der AGES oder der Länder (Wien, Kärnten und Vorarlberg) untersucht. Österreichweit gibt es 248 Lebensmittelaufsichtsorgane. In den Labors stehen 448 Personen zur Verfügung (beide Stand Dez. 2010) sowie 129 Lebensmittelgutachter. Sie erhalten durch 911 Tierärzte Unterstützung (Stand: 2011). Lt. Lebensmittelsicherheitsbericht (LMSB) 2012 wurden im entsprechenden Jahr rund 31.000 Proben gezogen und begutachtet. 0,4 % davon waren gesundheitsschädigend, die Beanstandungsquote lag bei 14,6 %. Insgesamt wurden in diesem Jahr 34.151 Betriebskontrollen durch die Lebensmittelbehörden durchgeführt, wobei in 9,7 % Verstösse festgestellt wurden. Wesentlich schlechter schnitten die Fleischbetriebe (22.100 Kontrollen und 23,4 % Beanstandungen) bzw. die Milchbetriebe (4.000 Betriebskontrollen und 10,7 % Beanstandungen) bei Prüfungen durch die Veterinärbehörden ab. Mit Ausnahme der Bundesländer Oberösterreich, Salzburg und Wien lagen die getätigten Untersuchungen über dem Plansoll!
Die internationale Zusammenarbeit funktioniert übrigens nahezu perfekt. Wurden über das “Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel (RASFF)” alle EU-Mitgliedsstaaten beispielsweise über Listerienfunde bei Schafskäse informiert, sind die Betroffenen der Fundregion zumeist noch in Unkenntnis davon. Die Meldungen der Bundesländer werden beim BVL bzw. dem österreichischen BMG (Bundesministerium für Gesundheit) gesammelt, überprüft und notfalls an die Kommission in Brüssel weitergereicht. Hier werden die Angaben nochmals kontrolliert und notfalls in dieses RASFF eingestellt. Dies ist durchaus notwendig, da die meisten Lebensmittelkonzerne europaweit agieren und Nahrungsmittel-Grundstoffe quer über den Kontinent verfrachtet werden. So könnte etwa kontaminierte Milch aus Bayern in Süd-Italien zu einer Magen-Darm-Epidemie führen! Je nach Dringlichkeit, gestaltet sich die Wichtigkeit der Meldung:

- Alert Notifications (Warnmeldungen): Risiko für die menschliche Gesundheit, bereits im Umlauf
- Information Notification (Informationsmeldungen): Risiko für die menschliche Gesundheit, noch nicht im Umlauf
- Grenzzurückweisungen (GZ): Lebensmittelimporte, die an der EU-Aussengrenze zurückgewiesen wurden
- News (Nachricht): Reine Informationsmeldungen

Um die Bedeutung dieser europäischen Zusammenarbeit besser zu verdeutlichen:
Im Februar 2010 wurden Dutzende Fälle von Deutschland nach Brüssel gemeldet. Darunter Salmonellen, Aluminium, Listerien, Schimmelpilz, Calciumcarbonat! Inhaltsstoffe, auf die auch der abgebrühteste Esser gerne verzichtet!

Interessante Links:

http://www.lebensmittelkontrolle.de/

http://www.lebensmittelkontrolle-nrw.de/

http://www.bmel.de

http://www.bvl.bund.de

http://www.bmg.gv.at

http://www.baes.gv.at/

http://www.ages.at

https://www.verbrauchergesundheit.gv.at

Literatur

- Das Taschenbuch der Lebensmittelkontrolle; Müller/Wallau/Grube; Deutscher Fachverlag 2014, ZLR, XIII, 250 Seiten, ISBN: 978-3-8005-1584-4

No Comments »

Umwelt und Energie – ist das vereinbar???

Ich muss eingestehen: Als ich erstmals davon hörte, entlockte es mir ein dezentes Grinsen! Bei der Recherche zu diesem Blog hingegen stellte ich fest, dass derartige Mechanismen gar nicht so selten zum Einsatz kommen: Fischlifte! Durch den Bau von Flusskraftwerken, Staustufen und Wehren wird den Flussbewohnern die Möglichkeit des Wanderns genommen. Die meisten unter Ihnen werden wohl die Aufnahmen über die bekanntesten ihrer Zunft, den Lachsen, kennen, die jedes Jahr zum Laichen flussaufwärts schwimmen. Bei der Überwindung solcher Hindernisse erweisen sie sich als richtiggehende Sprungakrobaten. Das hingegen können die Forellen und Äschen im Tiroler Durchmesserfluss, dem Inn, nicht. Nachdem nun durch den Regionalen Stromanbieter TIWAG das Laufkraftwerk Imst für 200 Mio Euro ausgebaut wird, soll auch ein solcher Fischlift bei der Wehr Runserau eingebaut werden. Kosten: 2,5 Mio Euro. Die Stromerzeuger haben dies allerdings nicht ganz freiwillig in ihre Planungen aufgenommen – Hintergrund ist der Nationale Gewässerbewirtschaftungsplan, der vorschreibt, dass spezielle Bereiche des Inns ökologisch saniert werden müssen. Auf eine detaillierte Funktionsbeschreibung dieses Aufzugs möchte ich hingegen verzichten, da dies den Umfang dieser Zeilen sprengen würde.
Der Inn ist ein Fluss mit enormer Bedeutung. So sammelt er das Wasser aller Flüsse Tirols (mit Ausnahme des Ausserferns, Ost- bzw. Südtirols) und leitet es bei Passau in die Donau ein. In den Tiroler Alpen kommt alsfann einiges zusammen. Um genau zu sein: Im Mittel fliessen bei Passau rund 738 m³/sec in die dort selbst nur 690 m³/sec führende Donau. Daneben diente er in früheren Zeiten als Transportmittel für Holz, Salz, Eisenerz, Silber, Kupfer und viele anderen Materialien. Heutzutage wird der Fluss vornehmlich als Naherholungsgebiet (mit dem Europareservat Unterer Inn als letzte nahezu ursprünglich gebliebene Naturperle) und als Energielieferant genutzt. Aufgrund der unzähligen Staustufen ist eine durchgehende Innschifffahrt nicht mehr möglich. Im Oberlauf zwischen der Schweiz und der Stadt Imst, aber auch im Unterlauf befinden sich Kraftwerke und Staustufen, die neben der Energiegewinnung auch dem Hochwasserschutz dienen sollen. Insgesamt 24 Kraftwerke, davon 17 auf deutschem und 3 auf eidgenössischem Terrain. Nun sollen die drei in Tirol befindlichen (Imst, Kirchbichl, Langkampfen – das 4. österreichische Kraftwerk steht in Schärding/OÖ) durch ein weiteres ergänzt werden: Dem Regionalkraftwerk Mittlerer Inn (RMI) bei Polling/Pettnau. Auf einer Staulänge von rund 4 Kilometern wird künftig der Inn aufgestaut um dabei eine Leistung von 21,2 Megawatt (Jahresarbeitsvermögen: 92 Gigawatt-Stunden – reicht für die Versorgung von ca. 25.000 Haushalten) erbringen zu können. Dies führe zu einer Einsparung von 60.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Im Vergleich dazu belief sich lt. Geschäftsbereicht des regionalen Stromanbieters TIWAG 2012 die in den Kraftwerken des Unternehmens erzeugte Strommenge auf 3.599 GWh, der Stromabsatz über das Netz der TIWAG jedoch auf 17.733,6 GWh. Hier klafft somit ein riesiges Loch! Der Bauträger des RMI, die Innsbrucker Kommunalbetriebe IKB, wollen insgesamt 120 Mio € in dieses Vorhaben investieren. Nach Abschluss der Umweltverträglichkeitsprüfung soll im Jahr 2017 mit den ersten Arbeiten begonnen und das E-Werk im Herbst 2021 an’s Netz gehen. Vonseiten der IKB wird betont, dass sich die Anrainer-Gemeinden bis zu 25 % am Projekt beteiligen können sowie im Rahmen eines “Regionalforums” mit den Bürgermeistern eine breite Bürgerbeteiligung angeregt und seit Oktober 2011 auch durchgeführt wird. Dabei wird an Entscheidungen so lange getüftelt, bis sie einstimmig angenommen sind. Die Bürger werden via Rundschreiben auch stets auf dem aktuellsten Stand der Ereignisse gehalten, heisst es zumindest vonseiten der IKB. Der Standort Polling/Pettnau wurde gewählt, da im Schutzgebiet Gaisau bei Inzing nicht gebaut werden darf und bei der Autobahnabfahrt Telfs-Ost erst kürzlich aufwendige Renaturierungsmassnahmen gesetzt wurden.
Soweit so gut. Allerdings fühlen sich Bauern und auch Grundstücksinhaber nicht wirklich gut vertreten und gründeten deshalb die “Bürgerinitiative gegen das Regionalkraftwerk mittlerer Inn”. Hier sind es v.a. drei Faktoren, die die Gemüter der Betroffenen erhitzen:
.) Die Bauern müssen landwirtschaftlich genutzte Fläche abgeben oder werden zwangsenteignet
.) Die Anrainer befürchten den Anstieg des Grundwassers
.) Die Dämme werden dem Druck des Inns bei Hochwasser nicht standhalten

Betrachten wir uns nun die Streitpunkte im Einzelnen – am Beispiel der Gemeinde Polling.

Um die Grundwassersituation genau zu beobachten, wurden bis zum Dezember 2012 rund 100 Tiefenbohrungen durchgeführt. Interessantes Detail am Rande: Diese Bohrkerne werden in einer beheizten Halle in Innsbruck bis zum Jahr 2020 gelagert, damit jederzeit Nachweise über die Bodenbeschaffenheit getätigt werden können. Die aktuellen Pegelstände sind unter

http://gis.ikb.at/WOE/synserver?project=Wiski&user=RMI&password=123

einsehbar. Sie werden auch in ein computerunterstütztes 3D-Grundwassermodell eingefüttert. Vonseiten der IKB wird nun betont, dass mit der Errichtung eines solchen Flusskraftwerkes durch gezielte Massnahmen wie Drainagierung etwa das Grundwasser gar sinken könnte. Es gelte das Verschlechterungsverbot sowie  das Verbesserungsgebot. Zudem erhalten Betroffene detaillierte Informationen und fachkundige Beratung zur derzeitigen Grundwassersituation. Ganz anderer Meinung hingegen sind die Anrainer. So betonte ein Anwohner, dass sie bereits heute schon bei Hochwasser des Inns eine Pumpe im Keller anwerfen müssten. Wie sich dies bei einem aufgestauten Fluss entwickle, könne sich wohl jeder selbst vorstellen. Ansonsten hier kurz die Erklärung der Bürgerinitiative: Bei einer Innoberkantenanhebung von ca. 6-7 m, plus dem ganzjährigen Hangwasserzulauf, würde sich der derzeitige Grundwasserpegel um geschätzte 4-5 m anheben. Zudem müssten tiefe Drainage-Gräben angelegt werden, zu deren Entwässerung ständig Pumpen laufen müssten. Eine entsprechende Anfrage meinerseits beim Institut für Geophysik an der Universität München blieb leider unbeantwortet. Bei der Recherche zu diesem Blog verriet mir allerdings ein anderer Anrainer, dass er durch die Gemeinde beim Kauf des Grundstücks in den 90ern nicht auf diesen Grundwasser-Umstand aufmerksam gemacht wurde. Wäre dies vor dem Bau bewusst gewesen, hätte sicherheitshalber eine sog. “weisse Wanne” unter dem Keller gebaut werden können, die das Grundwasser abhalten würde. Dies wird normalerweise bei Bauten verwendet, die in das Grundwasser gebaut werden (etwa beim Bahnhof Stuttgart 21). Eine Pilotierung ist in Tirol nach Meinung eines Fachmannes nicht erforderlich, da grosse Teile des Inntals auf dem Schwemmkegel bzw. der Anlandung des Inns errichtet wurden. Die Umweltverträglichkeitsprüfung wird nun sicherlich mehr Licht in diesen komplexen Themenbereich bringen. In einer Information der IKB heisst es: “Die IKB garantiert, dem Kraftwerk zweifelsfrei zuordenbare Ansprüche von Liegenschaftsbesitzern schnell und unbürokratisch zu erfüllen.” Vor Beginn der Bauarbeiten soll zu diesem Zwecke jeweils eine Bestandsaufnahme den aktuellen Ist-Zustand aufzeigen. Einzig was fehlt ist nach Aussage der Bürgerinitiative noch die schriftliche Zusage über eine solche allfällige Schadensregulierung.

Das Überschwemmungsgebiet des Inns ist lt. Gefahrenzonenplan als sog. “Rote Zone” markiert. Hier ist jegliche Bautätigkeit untersagt. Nun hat es sich allerdings ergeben, dass aufgrund der letzten Jahrhundert-Ereignisse der Gefahrenzonenplan überarbeitet worden ist, wodurch die Überschwemmungsflächen ausgeweitet wurden. Dadurch kommen immer wieder auch Häuser zum Handkuss, die bereits vorher errichtet worden sind, als diese rote Zone noch weit weg war (hierzu gibt’s später einen eigenen Blog). Allerdings sollte in Polling aufgeatmet werden können, da nach ersten Informationen kein Haus in der betroffenen Zone steht. Wie vorher beschrieben, ist der Inn aufgrund seiner Zuflüsse einer der wasserreichsten Flüsse Mitteleuropas. Welche Auswirkungen eine solche Überschwemmung anrichten kann, haben wir bei den letzten Hochwasserereignissen der Donau in Ober- und Niederösterreich bzw. der Elbe in den ostdeutschen Bundesländern gesehen. Zwei Nebenflüsse des Inns hatten einerseits in den 90ern komplett Wörgl und andererseits im vergangenen Jahr Kössen unter Wasser gesetzt. Hier etwa kritisiert die Bürgerinitiative, dass die vorgesehenen Dämme dem Druck des Hochwassers nicht standhalten könnten. Die Aussage eines Betroffenen: Auf einem solchen Damm könne nicht mal ein Radlader fahren! In Polling endet diese rote Zone einige hundert Meter vor dem ersten Haus. Dies heisst aber nicht, dass solche Häuser bei einem allfälligen Dammbruch eines aufgestauten Flusses bei Hochwasser nicht auch davon betroffen wären.

Ferner ergibt sich ein Problem mit dem Geschiebe. Sand und Kies – aber auch anderes Schwemmgut wie beispielsweise Treibholz müssen abtransportiert werden. Die verursacht wieder zunehmenden Schwerverkehr.

Auch vonseiten der Bauern regt sich Widerstand. Einerseits müssen sie Grundstücke abtreten oder werden gar zwangsenteignet, da Dämme aufgeschüttet und die vorher angesprochenen Drainage-Gräben angelegt werden müssen. Andererseits ist die landwirtschaftliche Intensivnutzung in zweierlei Hinsicht nicht mehr möglich. Einerseits könnten die Nitrate von Gülle und Mist entweder in’s Grundwasser oder in den Inn gelangen. Andererseits ist beispielsweise die Mais-Ernte durch Hochwasser stark gefährdet. Auf diesen Flächen wird sowohl Viehzucht als auch vornehmlich Maisanbau betrieben. Die Frage, ob nun Landwirte durch den Bau eines solchen Kraftwerkes in ihrer Existenz bedroht sein könnten, muss zumindest von meiner Seite ausgeschlossen werden, da die Landwirtschaftskammer Tirol nicht auf meine Anfrage reagierte. Ebenso übrigens wie das Botanische Institut der Universität Innsbruck. Noch heute warte ich auf die Beantwortung meiner Frage, ob es denn zu Änderungen der Vegetation im Ober- und Unterlauf eines solchen Kraftwerkes kommen kann.
Geantwortet hingegen hat Univ.-Prof. Bernd Pelster, Vorstand des Institutes für Zoologie an der Universität Innsbruck. Allerdings konnte er mir meine Frage nicht wirklich ad hoc klären, ob ein solches Kraftwerk an dieser Stelle des Inns nachhaltige Veränderungen auf das tierische Leben oberhalb der Staustufe haben wird. Auch das wird die UVP wohl zu klären haben, da der nachträgliche Einbau eines Fischliftes wesentlich mehr an Kosten verursachen wird, als die Berücksichtigung bereits vor Baubeginn.
Wir alle benötigen Strom. Dies steht ausser Frage. Allerdings wird – zumindest in Deutschland – immer wieder betotn, dass eine Energiewende nur machbar ist, wenn auch der Stromverbrauch zurückgeschraubt wird. Licht ausschalten, Zimmertemperatur im Winter muss nicht T-Shirt-tauglich sein, Haushaltsgeräte etwa nicht zu den Spitzenzeiten einschalten,… Leider blieb mir auch der regionale Stromanbieter TIWAG eine Antwort auf meine Frage hin schuldig, wieviel Strom eingespart werden muss, damit dieses Kraftwerk nicht erforderlich ist. Zudem darf eine solche Energiewende nicht irgendwo beginnen, sondern startet bereits vor meiner Haustüre. Trotzdem werden Windparks abgelehnt, Stromtrassen bekämpft,… In Baden Württemberg etwa wird an einem sonnigen Sonntag-Nachmittag alleine durch Photovoltaik mehr Strom produziert, als verbraucht wird. Die Energieparks müssen gedrosselt werden. In unserem konkreten Fall wurde durch die Bürgerinitiative ausgerechnet, dass rund 1.800 Häuser mit jeweils 100 m² Photovoltaik-Fläche die Strommenge des Regionalkraftwerkes Mittlerer Inn erzeugen könnten. Allerdings nur tagsüber bei guter Sonneneinstrahlung. Also wurde nach anderen Alternativen gesucht. Und siehe da – die gäbe es sogar!

https://www.youtube.com/watch?v=XFyVCB8vDHw

Durchaus eine Möglichkeit, wenn man bedenkt, dass stark wasserführende Flüsse aus den Gletschergebieten, wie beispielsweise die Ötztaler Ache, in diesem Bereich bereits in den Inn eingemündet sind, zudem eine Beschiffung des Flusses hier auch gar nicht stattfindet. Im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung müssen solche Alternativen ohnedies geprüft werden. Wie sich dann die unabhängigen Prüfer entscheiden, bleibt abzuwarten. Derzeit befinden sich nach Angaben des Branchenverbandes Energie österreichweit nicht weniger als 13 Kraftwerke im Bau (davon 9 Laufwasserkraftwerke), 49 in Planung (davon 39 als Laufkraftwerke – teilweise mit Speicherfunktion). Im Vergleich dazu allerdings österreichweit nur vier Photovoltaik- und Windkraftwerke im Bau und sechs Anlagen (eine davon Biogas) in Planung (vielen Dank an dieser Stelle an Herrn Wolfgang Syrowatka vom Verbund Österreich für die Informationen). Die Innsbrucker Kommunalbetriebe übrigens erklären dies wie folgt: Die Wasserkraft “ist die einzige erneuerbare Energie, die ohne Subventionen machbar ist”! In unserem speziellen Fall allerdings widerspricht dem eine durch den WWF beauftragte Wirtschaftlichkeitsstudie. Der Studienautor Jürgen Neubarth spricht von “unrentabel”. Dies soll auch in einer Sitzung im Innsbrucker Rathaus am 04. April 2013 durch den Vorstand der IKB und der Bürgermeisterin Innsbrucks bestätigt worden sein, wonach die Wirtschaftlichkeit als sekundäre Betrachtungsweise gesehen werden müsste.
Der nächste “runde Tisch” findet am 03. Juni ab 19.00 Uhr im MZS Flaurling statt. Wer an dieser Diskussionsrunde teilnehmen möchte, muss sich über das entsprechende Gemeindeamt anmelden. Ansonsten steht der Ombudsmann DI Siegfried Ploner (ombudsmann@ikb.at) jederzeit mit Rat und Tat zur Seite, er veranstaltet auch in den Anrainergemeinden regelmässige Sprechstunden. Herr Ploner war über Jahre hinweg Sachverständiger am Institut für Wasserbau an der Uni Innsbruck.

PS: Eigentlich wollte ich nicht über laufende Verfahren berichten, da ich hierbei nicht wie gewohnt meine eigene Meinung einfliessen lassen kann. Allerdings wurde ich gebeten, diese Zeilen zu verfassen, da einerseits die Berichterstattung zu diesem Projekt in den Tiroler Medien recht dürftig ist und andererseits zumeist schlecht recherchiert (natürlich nur aufgrund des Tagesgeschäftes!). Ich hoffe nun, dass ich etwas internationales Licht in diese Sache habe bringen können, mich journalistisch objektiv gezeigt habe und viele Informationen habe vermitteln können. Letzteres allerdings wäre wesentlich einfacher gewesen, wenn mir mehr angeschriebene Stellen zumindest auch nur kurz auf meine Fragen Rede und Antwort zur gegenständlichen Sache gestanden wären!

Quellennachweis:
www.ikb.at
www.buerger-gegen-rmi.at
www.hatting.at
www.tiwag.at
oesterreichsenergie.at
www.wikipedia.org

No Comments »

Europa wählt und keiner geht hin

Nahezu ein ganzer Kontinent wird am 25. Mai zu den Urnen gerufen – doch nur wenige werden auch tatsächlich folgen. Schade – 2009 waren es rund 43 %, die sich für die Politik der EU interessierten. Doch schimpfen, das können sie alle! Obwohl die Nichtwähler ja eigentlich gar kein Recht hierzu haben. Schliesslich hätten sie ja etwas ändern können! Dabei werden immer wieder auch solch unsinnige Bestimmungen wie der Krümmungsgrad der Salatgurke, die Grösse der Gartenzwerge oder das Verbot der Glühbirnen in den Vordergrund gestellt. Es sollte aber niemals unerwähnt bleiben, dass inzwischen nicht die nationalen Parlamente, sondern eigentlich das Staatengebilde der Europäischen Union in Brüssel die wahre Politik macht (vom fiskalen Bereich mal abgesehen). Dort verabschiedete Richtlinien müssen von den Mitgliedsstaaten umgesetzt werden, Verordnungen sind sofort gültig. Grosses Unbehagen gibt es allerdings dann, wenn die Bürger unmittelbar von solchen Entscheidungen betroffen sind: Saatgut-Verordnung, Wasserrichtlinie, Datenvorrats-speicherung, … Da erfolgt dann plötzlich der grosse Aufschrei. Dass in diesem Zusammenhang die gewählten Volksvertreter teilweise aufgrund des Fraktionszwanges im EU-Parlament sogar gegen die Linie ihres Heimatstaates gestimmt haben, ist nichts neues und sollte somit auch nicht verwundern – ist ja in den Hohen Häusern der Mitgliedsstaaten auch nicht anders. Schliesslich liegt die Existenzberechtigung des EU-Parlaments in Strassburg ja nur im nickenden Zustimmen zu den bereits auf den Weg gebrachten Entscheidungen der Kommission. Eine demokratiepolitische Ausrede sozusagen.
Doch könnte das mit diesen Wahlen erstmals geändert werden. So betont beispielsweise Prof. Cathleen Kantner von der Universität Stuttgart (Institut für Internationale Beziehungen und Europäische Integration): “Die Europawahl ist die Chance, den Leuten die Möglichkeit zu bieten, sich zu europäische Fragen klar zu positionieren!” Bislang konnten jene Fälle an nahezu einer Hand abgezählt werden, in welchen sich die gewählten Volksvertretern den ernannten Volksvertretern entgegengestellt und einen Beschluss der Kommission wieder zurückgeschickt haben. Auch kann das EU-Parlament keine eigenen Gesetzesvorlagen einbringen. Also – weshalb soll sich Herr Müller oder Frau Schmidt den Sonntag durch das Setzen eines Kreuzchens vermiesen!? Schon gar nicht verwundert das Interesse der Medien. In den beiden deutschen TV-Anstalten ARD und ZDF, die eigentlich einen öffentlichen Auftrag hätten, werden nur die TV-Duelle der beiden Alpha-Männchen ausgestrahlt – und auch hier weitaus nicht alle. Jenes am 15. Mai wird auf der Info-Sparte von Phoenix gesendet. Über 20.000 empörte User haben bereits deshalb ihrer Wut in einer Online-Petition gegen diese öffentlich-rechtliche Ignoranz Ausdruck verliehen, darunter auch einige durchaus prominente Politiker. Die medienpolitische Sprecherin der FDP im Europaparlament, Nadja Hirsch, stellt aufgrund dessen gar die Notwendigkeit öffentlich-rechtlicher Fernsehanstalten in Frage. Auch der Deutsche Kulturrat hat sich inzwischen kritisierend in die Diskussion eingeklinkt. Allerdings solle es nach Angaben der beiden TV-Riesen noch genügend Wahltermine in den hauseigenen Programmen geben. Der österreichische Staatsfunk verhält sich da schon vorbildlicher. Kein Wunder – sind ja kostengünstige Eigenproduktionen. Grösstes Kompliment jedoch gebührt dem Format “Setteles Wahl-Fahrt” (wenn es nicht wie üblich bei einem anderen Sender geklaut wurde?!). Allerdings läuft dies zu einer Sendezeit, zu welcher brav arbeitende Menschen bereits schon den Schlaf des Gerechten schlafen! Also auch hier: Rüge! Als richtiggehender Quotenhit erwies sich das erste Aufeinandertreffen der beiden Spitzenkandidaten auf “Euronews”. Bis zu 10.000 Tweets pro Minute verzeichnete das soziale Netzwerk Twitter.
Doch damit nun zu den Wahlen selbst:
Erstmals seit Inkrafttreten der Lissaboner Verträge 2009 haben die Fraktionen des Europaparlamentes Spitzenkandidaten aufgestellt. Die besten Chancen, da in den grössten Parteien, haben einerseits der Luxemburger Jean-Claude Juncker für die Europäische Volkspartei (EVP), andererseits der Deutsche Martin Schulz von der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE). Als durchaus interessant jedoch ist die Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes TNS Opinion (im Auftrag des Europaparlamentes) zu bewerten. Demnach würden bis zu 18 % der Wählerstimmen an euroskeptische Parteien entfallen. Deren Nährboden sind die unzufriedenen Bürger, die sich aufgrund der vielen Beschränkungen und Ausgleichszahlungen genötigt fühlen, die EU verdammen zu müssen. Den Gürtel enger schnallen zu müssen, damit Milliarden nach Griechenland verschickt werden können. Auch zuletzt das Freihandelsabkommen mit den USA: Viele denken für sich, dies solle Sache der einzelnen Mitgliedsstaaten sein – nicht der EU! Hier die Ergebnisse der Umfrage im Einzelnen:

Europäische Volkspartei, EVP 28,63 Prozent
Sozialdemokratische Partei Europas, SPE 27,83 Prozent
Die Liberalen 7,59 Prozent
Die Grünen 5,99 Prozent
Die Konservativen (Tories) 5,33 Prozent
Linksparteien und Kommunisten 6,39 %
Sammelsurium der neuen Euroskeptiker 9,05 Prozent
Britische Unabhängigkeitspartei 3,99 Prozent
Fraktionslose Parteien (etwa Front National, FPÖ oder PVA) 5,19 Prozent

Während die Christdemokraten nahezu 8 Prozentpunkte gegenüber 2009 einbüssen würden, hätten die Sozialdemokraten rund 2 Prozent dazugewonnen. Resumeé: Die grosse Koalition würde weitergeführt, da ansonsten keine Mehrheiten zu erzielen sind! Somit also: Ausser Spesen nichts gewesen!!!
Apropos Spesen – hier einige Angaben zu den jeweiligen Budgets der grössten deutschen Wahlwerber (ohne Anspruch auf Vollständig-/Richtigkeit!):

CDU/CSU 10 Mio €
SPD 10 Mio €
Die Linkspartei 3 Mio €
Bündnis 90/Die Grünen 1,6 Mio
FDP 750.000 €

Die Gelder werden gerne ausgegeben, schliesslich fliessen durch die Parteienfinanzierung wieder rund 3,50 € pro Wähler an die Parteien zurück! Hier sollte sich auf jeden Fall etwas ändern!!! Übrigens auch die Kritik des Bundes der Steuerzahler! Mit diesen 151 Mio € pro Jahr für derartige Wahlkämpfe könnte sehr vielen Mindestrentnern geholfen werden.
Und hier liegt des Übels tatsächlicher Kern: Durch das Heer der Nichtwähler und die vielen kleinen Parteien wird nichts geändert! Jeder, der aus Protest oder vielleicht auch Überzeugung eine der Klein- und Kleinstparteien wählt, wird wohl auch in Zukunft nicht ordnungsgemäss vertreten werden, da zwei oder drei Abgeordnete in diesem riesigen Parlament (751 Sitze) nichts bewirken können. Als Beispiel möchte ich hier die beiden Österreicher Werthmann und Martin etwas genauer beleuchten. Die Salzburgerin Angelika Werthmann trat zuerst für die Liste des Vorarlbergers Hans-Peter Martin an, danach entzweiten sich hingegen ihre Interessen und Werthmann sass als unabhängige Abgeordnete im Hohen Haus in Strassburg. Der ehemalige Sozialdemokrat Martin feierte in seiner Heimat Österreich bei den Wahlen grosse Erfolge, doch blieb auch seine Partei in Strassburg stets eine Exotenpartei. Dies wohl wissend, beschränkte sich Martin auf die Rolle des Aufdeckers. Er wollte seit seiner ersten Wahl Missstände des Molochs in Brüssel und Strassburg aufdecken. Alsdann bombardierte er die Regierungsparteien mit parlamentarischen Anfragen. Alleine in diesem Jahr waren es bis zum 03. März 22 Anfragen zu teils mehr als heiklen Themen, wie etwa Gehälter und Pensionen der EU-Beamten, Reisekosten, Krankenstände,… Angelika Werthmann brachte es bis zum 03.03. auf gar 52 Anträge zu Themen wie beispielsweise der Arbeitslosigkeit, grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung, Mobilität und Migration,… Damit handelt es sich bei beiden MEPs (Mitglied des Europaparlaments) um ausserordentlich fleissige Arbeitsbienchen, die mehr Anfragen als so manche Partei einbringen. Doch können sie nicht wirklich bei Abstimmungen etwas bewirken. Zudem kommt der Anschein auf, dass Frau Werthmann unbedingt ihren Sitz in Strassburg warmhalten möchte. So war sie zuerst beim Liberalen Forum in Diskussion, stand auch in einem Naheverhältnis mit den nachfolgenden Neos und kandidiert nun für die ehemalige Haider-Partei BZÖ. Soweit zur Identifizierung mit der Parteiideologie! Im Vergleich zu diesen bisherigen Zahlen die Grün-Abgeordnete Ulrike Lunacek – vom Jahresbeginn bis zum 03. März 2014 – ganze 2 parlamentarische Anfragen!
Zu den beiden, die tatsächlich etwas bewirken könnten – wenn sie wollten:
.) Der Deutsche Martin Schulz sieht sich gerne als grossen Reformer, der wieder viele Aufgaben zurück an die Mitgliedsstaaten geben möchte. Einen “Superstaat Europa” schliesst er kategorisch aus, da die Traditionen und Unterschiede zu gross sind. Seine Wahlkampfthemen sind vielmehr: Jugendarbeitslosigkeit, Finanzspekulationen und Einkommenschere zwischen Mann und Frau. Er spricht von dem “Wert des Zivilisationsfortschritts in einem transnationalen Miteinander”! Aaah ja! Soll heissen, wo die kleinere Einheit überfordert ist, da soll das grosse Europa eingreifen! Schulz hat dementsprechend viele Fans in Frankreich, Spanien und Italien. Seine Gegner allerdings sitzen ausgerechnet in London. Der Tory-Chef und konservative britische Premierminister David Cameron möchte ihn verhindern – wie auch immer. Auch der sozialdemokratische Gesinnungsgenosse von der Labour-Party, Ed Milibrand, hat Schulz darum gebeten, die britischen Inseln bei seiner Wahltour auszulassen. Grund: Schulz könnte die EU-kritischen Wähler missstimmen. Hallo? Die Briten sind es doch, die immer ihr eigenes Süppchen kochen und mehr nehmen als geben möchten. Ausserdem wird betont, dass der Sozialdemokrat ja schon seit 20 Jahren in Brüssel tätig ist – davon acht Jahre als Fraktionschef und zwei Jahre als Präsident des Europaparlaments. Wieso hat er denn die von ihm angestrebten Reformen nicht schon auf den Weg gebracht? Schulz selbst greift allerdings nach den Sternen. Der Sitz auf der Regierungsbank im EU-Parlament reicht ihm nicht – er will der erste demokratisch gewählte Kommissionspräsident werden. Diese werden eigentlich seit Anbeginn durch die Regierungschefs der Mitgliedsstaaten ernannt. Schulz betont, dass bei einem sozialdemokratischen Wahlsieg wohl kein Weg an ihm vorbei führe. Allerdings: Wo jemand gross werden möchte, da hat er auch viele Neider. Im Internet kursiert derzeit eine Online-Petition, die den Rücktritt des Deutschen fordert. Er kassiere Sitzungsgelder (über 800,- € pro Tag), obwohl er im Wahlkampf quer durch ganz Europa tingele.
.) Jean-Claude Juncker war über 19 Jahre hinweg Ministerpräsident von Luxemburg. International erlangte er v.a. durch seine Rolle als Chef der Euro-Gruppe grosse Bekanntheit. Er kandidiert für die EVP, die Gruppierung der konservativen Volksparteien und schlug damit parteiintern den EU-Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier aus Frankreich. Selbstverständlich schielt auch er mit einem Auge auf die Position des EU-Kommissionspräsidenten. Er sieht sich hingegen eher als Brückenbauer in einem Vereinten Europa. Die EU hat darauf zu schauen, dass über den Konsens das politische Konstrukt auch weiterhin bestehen bleibt. Eine Aufteilung ist somit nicht wirklich das europäische Ziel. Sein Wahlkampf wird v.a. durch bessere Sozialleistungen, und einem Nein zum Populismus bzw. der Bürokratie in Brüssel dominiert. In einer Wahlkampfrede meinte er wortwörtlich: “Zu viel Europa im Kleinen tötet Europa im Grossen.” Juncker steht somit auch inhaltlich Martin Schulz gegenüber, da es ihm nach wie vor um die “grosse europäische Idee” geht!
Es kriselte wirtschaftlich im Vereinten (nicht Vereinigten!) Europa. Viele Demagogen – zumeist vom politisch rechten Rand – machen sich dies zunutze und wettern gegen den Wasserkopf in Brüssel. Sie finden auch dankbare Zuhörer in all jenen Staaten, die über den Rettungsschirm bzw. den Rettungsfonds diese aufgewärmte Flasche mit Folgemilch bekamen, da ihre bisherigen demokratisch gewählten Volksvertreter versagt hatten. Nun wird von den “national angehauchten” Zwischenrufern immer wieder betont, dass es ohne EU weitaus besser ginge. Möglich – wären eben die Gelddruckmaschinen durchgelaufen, die Inflation gestiegen und alles wie bisher weitergelaufen. Oder vielleicht doch nicht? Hätten die Rating-Agenturen nach und nach Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien in’s Messer laufen lassen? Ein Staatsbankrott nach dem anderen? Welche Auswirkungen hätte das auf den internationalen Finanzmarkt gehabt? Und sehr interessant ist es im Übrigen auch, dass die meisten dieser EU-Hasser Gruppierungen um einen starken Führer sind. In Österreich etwa führt H.C. Strache den EU-Wahlkampf mit dem Spruch “Österreich denkt um!” an, nicht der Spitzenkandidat der FPÖ! Übrigens ein schlechter Reim auf das vorher verwendete negative Wort “dumm” (Herr Strache – wo waren Ihre Wahlkampf-Psychologen???); in Frankreich ist Marine Le Pen mit dem Slogan “Oui, la France” auf den Plakaten zu finden. Taugen etwa die Gefolgsleute nichts oder sind sie zu wenig fotogen, sodass immer dieselben den Wahlkampf führen müssen?! Völlig egal ob es sich um Kommunal-, Landtags-, Parlaments- oder EU-Wahlen handelt! Hatten wir das nicht schon mal? Wo hat dies geendet? Etwa im LaLa-Land? Nein – es war bitterböse Realität, aus welcher sehr viele – sogar selbst Betroffene – nichts gelernt haben. Na ja – eine starke Hand, wie jene des ehemaligen KGB-Offiziers und Kommunisten Putin einige tausend Kilometer weiter östlich – die hat schon was! Wie allerdings auch dieses System gezeigt hat: Nur für die Führungsspitze! Auch hier auf Kosten des Volkes, das mit den in die Praxis umgesetzten Ideen von Marx und Engels zugrunde ging!
Deshalb abschliessend meine Bitte an Sie: Gehen Sie am 25. Mai zur Wahlurne! Zeigen Sie, dass die Demokratie das einzig duldbare politische Staatssystem ist und vermeiden Sie einen Ruck nach rechts oder links! Denn in solchen autokratisch regierten Staaten werden meist die Kreuze bereits auf die Wahlzettel gedruckt! Ob Sie dann Ende Mai die Reformer wählen oder das Alteingesessene bevorzugen – das bleibt Ihnen überlassen.

PS:
In deutschen Landen sorgte wieder mal das AfD für durchaus Interessantes. So wurden auf Wahlplakaten im März fünf nackte Frauen-Pos in String-Tangas mit etwa folgenden Worten präsentiert: “Ich bin keine Feministin, weil mein Mann mein Fels in der Brandung ist – und nicht mein Klassenfeind!” Durchaus nett zum anschauen – inhaltlich allerdings diskussionsreif, denn betrachtet man sich die Einkommensschere, ist die Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht!

No Comments »

Essen, wie Gott in Frankreich!!!

Mei lieber Schorle – das waren noch Zeiten, als dieser Satz seine Gültigkeit hatte. Wann das war? Oh – tut mir leid: Ich weiss es nicht mehr! Muss irgendwann in grauen Vorzeiten gewesen sein, denn Gott würde wohl die heutigen Speisen nicht anrühren, da er weiss, was hier alles drinnen versteckt ist. Das übrigens hat er mit vielen anderen Erdenbürger gemein, die sich wirklich mal dafür interessiert haben, was da so auf den Tellern landet. Manch einer wird Veganer, andere zu Rohköstlern. Doch sollte sich der Betroffene in diesem, seinem neuen Umfeld sehr genau auskennen, schliesslich wird vieles aus Soja und Tofu hergestellt, das ja auch nicht wirklich unbedingt umweltfördernd erzeugt wird. Und bei der Rohkost heisst es: Finger weg von der Kartoffel! Im Urlaub in südlicheren Gefilden droht gar Hepatitis A-Ansteckungsgefahr. Trotzdem empfinde auch ich es als unfassbare Frechheit, was mit unserer Nahrung angestellt wird, bevor sie den geplanten Weg in die Verdauungsorgane des Menschen findet.
So hat beispielsweise die weltweit führende Fastfood-Kette nun gentechnisch verändertes Futter bei den “Herstellern” der Hühner genehmigt. Alles andere käme zu teuer. Dabei hat die Umweltorganisation Greenpeace ausgerechnet, dass gentechnisch freies Hühnerfutter zu einem Preisanstieg von nur einem Cent – in Zahlen: 1 Cent (!) – pro Portion Chicken McNuggets bzw. Chicken-Burger führen würde. Somit werden wir also unsere Kinder zwar indirekt aber dennoch mit Gentechnik vollstopfen! Ein Grund mehr – zumindest meines Erachtens – dort nicht mehr den Hunger zu stillen und den Burger und die Pommes selbst zu machen! Schmeckt ohnedies wesentlich besser!!!
Über hormonähnliche Nahrungsmittel-Zusatzstoffe habe ich mich in einem anderen Blog ja schon ausführlich ausgelassen. Deshalb möchte ich mich heute dem Wellness- und Gesundheitswahnsinn widmen. Bislang bei Lebensmitteln gang und gäbe, dass – sobald ein gesundheitsfördernder Grundstoff eingesetzt wird – das ganze Produkt als gesund eingestuft werden kann. Ich hatte einst eine Arbeitskollegin, die jeden Tag ein spezielles Trink-Joghurt mit noch spezielleren Inhaltsstoffen geschlürft hat, in der Meinung, dass es wirklich gut für ihr Immunsystem sei (“…activiert die Abwehrkräfte!”). Das möchte ich auch gar nicht abstreiten – allerdings haben zugrunde liegende Studien ergeben, dass nahezu jedes Natur-Joghurt gute Eigenschaften für den Menschen hat (um es vorsichtig auszudrücken, da der Konzern schon eine einstweilige Verfügung gegen die Agrarmarkt Austria AMA erwirkt hatte, da sie sich genauer hierzu äusserte). Somit hätte die Dame durchaus auf heimisches Joghurt zurückgreifen können, bei welchem sie bei gleicher Leistung für weniger Geld wesentlich mehr bekommen hätte. Ausserdem hätte sie zudem die Wertschöpfung dort belassen, wo sie hingehört, um damit heimische Arbeitsplätze zu sichern, da das von ihr geschlemmte Trink-Joghurt angeblich im EU-Asuland produziert wird. Es konnte in keiner wissenschaftlichen Studie ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Stärkung des Immunsystems und dem ganz speziellen “L. casei defensis”-Joghurtkeim (DN-114001) nachgewiesen werden. Auffallend bei diesem Produkt war hingegen der hohe Zuckergehalt von 12,5 %; Naturjoghurt besitzt nur etwa die Hälfte, Fruchtjoghurt etwas mehr, da dieses grundsätzlich zusätzlich gezuckert wird. Der Konzern hatte alsdann 2010 seine Anträge auf Zertifizierung bei der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zurückgezogen. Im Jahr zuvor erhielt das Unternehmen übrigens den Goldenen Windbeutel 2009 – ein Preis für die dreiseste Werbelüge des Jahres, die Werbeclips wurden im britischen TV durch die Werbeaufsicht ASA gar verboten. Und: Das “Gut” in der Zeitschrift Öko-Test erhielt das Wunderjoghurt dafür, dass offenbar nur wenige Schadstoffe aus der Verpackung in das Produkt gelangt sind und evtuelle Auswirkungen auf den Geschmack so gut wie nicht gegeben waren. Gesundheitliche Aspekte wurden in diesem Rahmen jedoch nicht überprüft!
Dasselbe gilt nebenbei erwähnt auch für das vom selben französischen Unternehmen hergestellt Löffel-Produkt mit gesundheitsfördernder “Probiotik”, besonders gut für die Verdauung. Dahinter sollten die Bakterien vom Stamm des “Bifidobacterium animalis” (DN 173 010) stecken. Auch hier gilt, dass ein Naturjoghurt ebenfalls ausgezeichnete Effekte v.a. für den Darm erzielen kann.
Lange Zeit prägten auch die dubiosesten Nahrungsmittel die Werbung – das Wunderwort war “Frühstückscerealien”! Hier wurde behauptet, dass die Produkte alles beinhalten, was der Mensch zum Tagesbeginn benötigt. Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, dass in den meisten Fällen die Milch, die dazugeschüttet werden muss, das einzig gesunde ist. Viele dieser Produkter bauen auf Mais auf, der zwar für ein momentanes Völlegefühl sorgt, dann jedoch zu starkem Hunger führt. Die angeführten Nährwerte entstammen zumeist dem beigefügten Zucker: Bei 143 überprüften Produkten lag dieser bei 30 % und mehr! Somit also nichts anderes als “Mehlpampe und Zucker” (Oliver Huizinga, Foodwatch). Und – wie die Wissenschaft inzwischen weiss – jeder Nahrungsgrundstoff hat seine guten und schlechten Eigenschaften. Zucker hingegen hat nur negative!
Ach ja – und dann war da auch noch jener Kindernahrungsproduzent, der immer “mit meinem Namen” garantiert. Das meinte er u.a. auch bei den von ihm produzierten Früchte-Kindertees. Nach Angaben der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch enthielt das Instantgranulat zu 94 % Zucker. Und dies, obwohl der Konzern selbst Zucker als zahnschädigend bezeichnet. Nachdem dies öffentlich gemacht wurde und ein Sturm der Entrüstung durch die Massen ging, nahm das Unternehmen diese Produkte aus dem Regal, um sie über eine 100 %-Tochter erneut in’s Regal zu bringen; nun übrigens auch mit dem Zusatz von Zitronensäure E330. Ernährungsexperten und Kinderärzte jedoch raten dazu, Kindern in jungen Jahren nur ungesüssten Tee zum Trinken zu geben. Für diesen Flopp übrigens erhielt der, der mit seinem Namen steht, den Goldenen Windbeutel 2012.
Apropos Babynahrung: Habe kürzlich wieder eine Werbung über Folgemilch gesehen. Dort rühmt sich der Anbieter, die Muttermilch über 30 Jahre hinweg untersucht zu haben! Alter Schwede – ein Lebensmittelchemiker (Bestandteile) und ein Mediziner (Wirkungen auf den Körper) hätten dies wohl längstens in einer Woche geschafft!
Nur einige wenige Beispiele, wie der gute Glauben der Konsumenten an die Produzenten missbraucht wird. Tatsächlich gibt es mit der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 ein Gesetz für den EU-Raum, der den Missbrauch von nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben über Lebensmittel (sog. “Health Claims”) einschränken soll. Die Verordnung enthält nicht weniger als 222 detaillierte Anforderungen in der “Artikel-13-Liste”. Demgemäss dürfen seit dem 14. Dezember 2012 Hersteller derartige gesundheitsbezogenen Angaben für “verzehrfertige Lebensmittel” nur dann machen, wenn dies zuvor in einem sehr strengen Zulassungsverfahren als richtig beurteilt wurde. Dadurch sollen Verbraucher vor irreführender Werbung beschützt werden. Auch sog. “Risk Reduction Claims”, die eine Verringerung von Krankheitsrisken vermitteln sollen, sind inzwischen verboten, wenn sie nicht überprüft und als richtig erwiesen wurden – in Deutschland bereits zuvor im § 12 LFGB enthalten. Unglaublich, aber dennoch wahr: Rund 80 % der von der Lebensmittelindustrie gemachten Versprechungen sind falsch, Lug und Trug.
Und nun zu den Schlupflöchern: Ausgenommen von dieser Verordnung sind die traditionellen Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Brot, Milch, Eier sowie Fisch und Fleisch. Dadurch wird nicht automatisch ausgeschlossen, dass etwa gentechnisch veränderte Grundstoffe enthalten sind. Zudem können durch die Zugabe von Mineralstoffen und vor allem Vitaminen nach wie vor Aussagen getätigt werden wie beispielsweise, dass Vitamin C die normale Funktion des Immunsystems unterstützt. Gebe ich nun einem Fertigprodukt, das nur so vor Salz, Geschmacksstoffen, Fetten und Zucker strotzt, eine kleine Portion Vitamin C bei…! Diese Möglichkeit wird künftig vermehrt zur Anreicherung von Fertigprodukten führen. Auch wenn solche künstlichen Vitamine nicht wirklich das gesunde Leben unterstützen. Trotzdem greift etwa der vorher erwähnte Joghurt-Produzent nun wieder in die Gesundheitskiste, da die beiden Vitamine C und D beigegeben werden. Ernährt man sich nun gesund (auch mit Obst und Gemüse), wird eine solche zusätzliche Anreicherung gar nicht nötig. So empfiehlt beispielsweise auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bei Vitamin D-Mangel eine gezielte Massnahme, die aber über einen Arzt erfolgen sollte. Angereicherte Lebensmittel sind keineswegs erforderlich.
Ob der Konzern nun dadurch seine inzwischen miserablen Imagewerte verbessern und das Vertrauen der Konsumenten wieder herstellen kann, bleibt abzuwarten. Erkältungen allerdings werden auch in Zukunft kommen und gehen – egal ob eines dieser angeblichen Wunderjoghurts geschlemmt wird.

PS: Hier können Sie über eine Online-Petition die Forderung der Verbraucherschutzorganisation “Foodwatch” nach einem Stopp der “Gesundheitslüge” unterstützen: www.foodwatch.de/aktion-gesundheitsschwindel

Empfehlenswerte Links:

http://www.barcoo.com

http://www.codecheck.info

http://www.abgespeist.de

http://www.foodwatch.org/de/

http://www.duh.de

No Comments »

WP Login