Archive for März, 2015

BMI – Das Magersucht-Fliessband

Als ich vor kurzem die Schlagzeile las, dass Laura Paterson die französische Regierung anfeindet, weil diese keine Models mehr auf die Pariser Catwalks lassen möchte, die einen BMI von weniger als 18 vorzuweisen haben, kann ich einen gewissen Freudeschimmer in meinen farblich undefinierbaren Augen nicht verhehlen. Es war nicht Schadenfreude an ihr, sondern vielmehr gegenüber der Designer und der ganzen Branche. Die bildhübsche Schottin ist 1,75 m gross und wiegt 51 kg – könnte also durchaus einiges mehr auf den Rippen vertragen. Somit liegt ihr BMI bei gerade mal 16,5! Nach eigenen Worten aber fit und gesund! Die 22-jährige dürfte alsdann keine Laufstege unsicher oder Shootings im Land der Liebe mehr machen, da ihre Auftraggeber ansonsten gar die modischen Vorzüge eines Gefängnis-Overalls kennen lernen könnten oder fünfstellige Strafen bezahlen müssten. Der Gesetzesentwurf wurde von dem Neurologen Olivier Veran in’s Rollen gebracht, der zufällig auch gleich in der französischen Nationalversammlung sitzt.

“I can’t believe the French authorities are picking on these girls, because, like me, it is maybe just the way they are made and they like to look after themselves. “
(Laura Paterson in The National)

Dabei ist sie nicht mal eine der Dünnsten. Das 2010 verstorbene Model Isabelle Caro wog nurmehr 31 kg bei 1m64! Vier Jahre zuvor verstarb das brasilianische Model Ana Carolina Reston an den Folgen von Unterernährung, sie hatte bei 1m74 nurmehr 40 kg (ein BMI von 13,2). Die ehemalige Busenfreundin (oder was in beiderlei Hinsicht noch davon übrig ist) von Paris Hilton, Nicole Richie, bringt bei einer Grösse von 1m61 nur 41 kg auf die Waage (BMI 16), auch Claudia Schiffer war mal bei diesem BMI, die Brasilianierin Gisele Bündchen liegt auch bei 16.24 BMI. Ich hoffe, sie macht es nicht der Schiffer nach und isst nach dem Ende ihrer Karriere endlich mal etwas! Und ich dachte vorher, dass Kate Moss mit einem BMI von 17 (53 kg bei 1.72) die Liga der dünnsten Dümmsten anführt. Hungerhaken, bei denen Mann befürchten muss, dass sie auseinanderbrechen, wenn sie mit dem Finger angestupst werden. Im Vergleich dazu einige Beispiele von Gottes schönsten Geschöpfen (mit viel Liebe handgefertigt!) – allen voran Jennifer Lopez (57 kg bei 1m67), Reese Witherspoon (50 kg bei 1m57), Kate Winslet (58 kg bei 1m68) – jeweils mit einem BMI von 20 bzw. Renee Zellweger (50 kg bei 1m63 – ausser sie dreht wieder Bridget Jones), Catherine Zeta Jones (58 kg bei 1m73) und Terri Hatcher (53 kg bei 1m68) – jeweils mit einem BMI von 19. Nun möchte ich ernsthaft an Sie als Leser dieser Zeilen die Frage stellen – egal ob sie männlich oder weiblich sind: Auf was reagiert Ihr Auge mehr? Was ist für Sie “more womanlike”? Ich finde es sehr traurig, dass es nun Gesetze braucht, um eine bereits 2008 selbst auferlegte, offenbar aber niemals eingehaltene Maxime der Modelabels und -designer umzusetzen. So etwa auch bei Stefanie Giesinger, die mit ihren 58 kg bei 1m77 und dem daraus resultierenden BMI von 18,1 offenbar zu dick für die Shows in Mailanf ist! Doch gibt es auch Ausnahmen: Lobend hervorheben möchte ich die “Cibeles” – die Modewoche Madrid, die bereits im Jahr 2006 durch Ärzte überprüfen liess, ob der Mindest-BMI von 18 bei den Models eingehalten wurde!
Über die Mager-Models am Laufsteg habe ich jedoch meine Gedanken schon einmal an dieser Stelle schweifen lassen. Deshalb möchte ich mich heute dem BMI im Allgemeinen widmen. Während die Weltgesundheitsorganisation WHO bei einem BMI von 18,5 bis 24,99 kg/m² als normalgewichtig spricht, gelten die Werte darunter als “unterernährt” (auch wenn sie dermassen hübsch verpackt sind wie bei Heidi Klum oder Eva Herzigova, die beide 17 haben), darüber hingegen als übergewichtig bzw. ab 30 als behandlungsbedürftig. Verglichen damit liegt der Durchschnitts-BMI bei Frauen in Frankreich bei 23,9, in Gross Britannien bei 26,9, in Deutschland bei 24,9, im Alpenstaat bei 24 und in der Schweiz bei 23,7. In nahezu allen erwähmtem Ländern sind die Männer leicht übergewichtig!
Für all jene unter Ihnen, die vielleicht schon seit geraumer Zeit denken: “Was will er heute eigentlich?” – oder besser: “Von was spricht er denn?”, einige kurze, und erklärende Worte. Der BMI wurde 1832 von dem belgischen Mathematiker Adolphe Quetelet erstellt. Seit den 1980er Jahren wird er von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwendet; US-amerikanische Lebensversicherungen richten nach ihm die Prämien aus; in einigen deutschen Bundesländern wird dieser BMI als Kriterium für die Definitivstellung im öffentlichen Dienst (Verbeamtung) herangezogen! Dieser teils stark umstrittene Wert wird gern auch als Indikator für den Lebensstandard verwendet, was jedoch volliger Humbug ist. Der BMI definiert sich wie folgt:

Der Body Mass Index bezeichnet die Körpermasse im Vergleich zum Quadrat der Körpergrösse!

Der BMI jedoch berücksichtigt viele Faktoren nicht – etwa ob nun das Übergewicht durch die Muskelmasse eines Bodybuilders (Muskelmasse ist dichter als Fett) entsteht oder durch das angelagerte Fett eines Schreibtisch-Attentäters (vornehmlich das Bauchfett ist gefährlich). Auch grosse Menschen werden damit nicht unbedingt in’s rechte Licht gerückt, kleinere hingegen fühlen sich schlanker. Somit nicht wirklich ausschlaggebend für die Beantwortung der Frage, ob man nun einer Risiko-Gruppe für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes angehört. Deshalb versuchte bereits der Erfinder selbst kurz danach die Einführung des Exponenten 2,5 – er scheiterte jedoch daran. Nach wie vor finden auch die Veranlagung und der gesundheitliche Gesamtzustand keine Erwähnung. So meint beispielsweise der Autor Keith Devlin in der Zeitschrift “Mathematical Association of America”, dass die Frauenherzen höher schlagen lassenden Beaus Johnny Depp, Brad Pitt und auch George Clooney gemäss dieser Formel als übergewichtig angesehen werden müssten.
Wesentlich zielführender ist da meines Erachtens der Body-Adiposity-Index (BAI), der auch den Hüftumfang mit einbezieht. Schliesslich könnte ein durchtrainierter Bodybuilder stolz seinen Sixpack präsentieren, trotzdem aber dieselben BMI-Werte wie ein untrainierter Kugelschreiber-Schwinger vorweisen. Bei Zweiterem hingegen befinden sich die Körpermassen als Rettungsring um den Bauch, was wesentlich ungesünder als in der ersten Variante ist, sofern der Bodybuilder den Metabolika abgeschworen hat.
Einen solche BAI-Rechner finden Sie auf

http://www.intmath.com/functions-and-graphs/bmi-bai-comparison.php

Nahezu jeden Tag ist der Vorwurf in den vornehmlich Frauenmagazinen zu lesen, dass so manche gerne ein spezielles Kleid anziehen möchte, jedoch nicht hineinpasst. Cool fqand ich den Spruch einer Antenne Bayern-Moderatorin: “Zu dick gibt es nicht – es gibt nur ein falscher Fummel!” Auch wenn die Zeitschrift “Die Zeit” schon am 25.02.2010 titelte: “Normalgewichtige Models – Die Kurven kommen zurück”, so blieben die meisten Designer bei den schlanken, jungenhaften Girlies, die in noch so kleine Kleiderfetzen reinpassen. Das führt automatisch zu einem Schlankheitswahn bei den Normalos, der für so manchen Gold wert ist. Für die Diät- und Bekleidungsindustrie etwa, während in der Fitnessbranche ja noch die Bewegung hinzukommt, die dem Körper an sich gut tut! Abnehmen um jeden Preis – koste es, was es wolle! Inzwischen haben aber gottlob sehr viele mitbekommen, dass nach nahezu jeder Diät die ernüchternde Realität aufzeigt: Ausser Spesen, nichts gewesen!
In Österreich sind 40 % der 18 – 64-jährigen übergewichtig, 12 % wiederum davon sogar fettleibig. Soweit das Ergebnis des Ernährungsberichtes 2012. In Deutschland gab es 2013 mit 52 % sogar weitaus höhere Zahlen (Zahlen lt. Statistischem Bundesamt), im Land der Schokolade, der Schweiz 2012 hingegen nur 31,6 % (Zahlen lt. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium). Hier sei jedoch erwähnt, dass der soziale Status eine immens wichtige Rolle spielt. So kostet etwa fettarmes Fleisch wesentlich mehr als fettreiches, das noch so gesunde Walnussöl können sich ebenso viele nicht leisten. Auch das Fitnesstudio ist nicht für jedermann erschwinglich. Und: Muss noch ein zweiter Job nach dem ersten erledigt werden, ist jeder froh, wenn er abends die Füsse auf den Tisch legen und sich ein Bier sowie Chips gönnen kann! Ist also eine riesige Zielgruppe für die Schlankheitsindustrie, die schon munter geschröpft wird!
Allerdings leiden auch immer mehr (auch Männer) unter der Magersucht (rund ein Drittel). Es beginnt vornehmlich mit einem “harmlosen Fasten” (“Wenn alle klatschen, warum sollte er dann damit aufhören!” – Psychotherapeut Dr. Stefan Bienenstein gegenüber des Österreichischen Rundfunks), marschiert meist in eine Dysmorphophobie (kein Tippfehler – ist eine Wahrnehmungsstörung des eigenen Ichs) und endet nicht selten in Lebensgefahr. Wie etwa bei Nicole Richie, der vorhin angesprochenen ehemaligen Freundin von Paris Hilton. Sie wollte aussehen wie ihre Vorbild-Freundin – jetzt wiegt sie um 12 kg weniger als diese. Logisch – lassen doch die Modedesigner keine Gelegenheit und Fashion-Show aus um aufzuzeigen, auf was die Männer stehen! Mumpitz!!! Die meisten Männer stehen auf weibliche Rundungen, nur wenige im Vergleich dazu zu knabenhaften Mädchen oder Rubens’sche Schönheiten!
Mehr als 200.000 Österreicher und v.a. Österreicherinnen erkranken zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung. In Deutschland sind es nach einer repräsentativen Umfrage (Jacobi et al., 2013) 1,1 % der Frauen und 0,3 % der Männer; die Eidgenossen wollten es genau wissen (Studie der Universität Zürich zur Prävalenz von Essstörungen): Bei den Frauen 1.2% Anorexia nervosa, 2.4% Bulimia nervosa und 2.4% Binge Eating Störung – bei den Männern 0.2% Anorexie, 0.9% Bulimie und 0.7% Binge Eating (Heisshunger- oder Fressanfälle). Insgesamt sind 3.5% der Schweizer Wohnbevölkerung von einer Essstörungen im Laufe ihres Lebens betroffen. Oftmals können dabei die Anorexia nervosa oder auch die Bulimie lebensgefährlich werden. Denn – die grösste Gefahr besteht darin, dass sich die/der Betroffene zurückzieht. Dann wird auch eine psychologische Therapie umso schwerer! Da vornehmlich Jugendliche von diesem “Dünner ist besser!” betroffen sind, sollten Eltern bereits auf erste Anzeichen reagieren und Experten hinzuziehen!
Physiologen haben zudem herausgefunden, dass sich mit zunehmendem Alter die Körperzusammensetzung ändert: Der Muskelanteil sinkt, während der Fettanteil zunimmt. Dies resultiert aus der Tatsache, dass sich der Körper mit weniger Kalorien zufrieden gibt, wobei jedoch der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen unverändert bleibt. Soll heissen, der Stoffwechsel stellt sich um. Auch hier gilt es, das Gewicht genau zu beobachten, um dadurch die vorhin beschriebenen Krankheiten zu vermeiden. Tzdem tut der eine oder andere aber regelmässige Spaziergang im Alter gut! Allerdings sollten ab 80 Jahren keinerlei Diäten mehr gemacht werden, da dies zu meist unerwünschten Begleiterscheinungen führen kann. Und übrigens: Ab einem Lebensalter von 64 Jahren beginnt die Übergewichtsgrenze erst bei einem BMI von 29, ab 75 Jahren das Untergewicht erst ab 24 kg/m².
Summasummarum: Schlank ist nur dann schick, wenn man damit auch umzugehen weiss!

Lesetipps:

- La petite fille qui ne voulait pas grossir; Isabelle Caro; Autobiographie. Flammarion, Paris 2008, ISBN 2-08-121394-X;

Links:

http://www.bmi-rechner.net/

https://www.dge.de

http://www.statistik.at

http://www.internisten-im-netz.de

http://www.bzga-essstoerungen.de

http://www.bag.admin.ch

http://www.issgesund.at

http://www.modelmayhem.com

http://www.stat.ucla.edu

http://www.stylished.de

http://www.jolie.de

http://the-way-to-be-thin.ch

http://bmi.biz

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“Schüler mögen keine Softies”

Es rumort wieder einmal ganz heftig in den heimischen Wohnzimmern – am meisten jedoch derzeit in der römisch-katholischen Kirche. Anlass dafür sind zwei Sätze, die das kirchliche Oberhaupt Papst Franziskus erst vor kurzem zum Ausdruck brachte:
Während des Fluges auf die Phillipinen meinte er gegenüber der versammelten Presse:

„Wenn einer eine Religion beleidigt, dann ist das so, als ob man meine Mutter beleidigt, und dafür riskiert man schon mal einen Kinnhaken. Das ist doch normal.“
(Quelle: ZDF-heute-Journal, 18.01.2015, 21:45 Uhr).

Ein Heiliger Vater, der schlägert? Auch der Papst ist nur ein Mensch – wenn auch ein auserwählter!
Und dann auch noch der Sager zum Schlagen von Kinder! Ein Vater meinte in Anwesenheit Franziskus’;

“Ich muss manchmal meine Kinder ein bisschen schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen.”

Der Papst zu den Journalisten auf dem Rückflug von den Phillipinen:

“…er muss sie bestrafen, aber er tut es gerecht und geht dann weiter”.
(Zitate – Quelle: derStandard.at vom 07.02.16)

Ergo: Kinder dürften geschlagen werden, wenn dadurch die Würde des Kindes nicht verloren geht!? Ähm – wer schon mal geschlagen wurde, weiss, dass die Würde hier einer fruchtbaren Oase mitten in der Wüste gleicht, die von tausenden Verdurstenden gleichzeitig gesucht wird, jedem davon aber als Fata Morgana erscheint. Um diese wieder zu erlangen, schlägt man grundsätzlich zurück – also nix mit der anderen Backe zeigen!. Und da wären wir schon wieder bei jenem Spruch, der immer gerne der Vergeltung als von oben verordnet zugeschrieben wird und im 2. Buch Mose, Kapitel 21 niedergeschrieben scheint:

“Kommt ihr aber ein Schade daraus, so soll er lassen Seele um Seele, (3. Mose 24.19-20) (5. Mose 19.21) (Matthäus 5.38) Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule.”

Beschrieben damit wird allerdings das Schlagen einer schwangeren Sklavin, die dadurch möglicherweise ihr Ungeborenes verliert!
Die Bedeutung im Kapitel “Tora für das Volk Israel EX 21,23-25 EU” des hebräischen Bundesbuches, dem Sefer ha-Berit ist wieder komplett anders gemeint:

„… so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“

Als “Talionsformel” (“Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn”) steht sie für Vergeltung und damit dem Wiederherstellen der Ehre. Somit sind wir mitten in der allen Anscheins göttlich gewollten Keilerei!
Nicht anders ist es in der Erziehung. Mal abgesehen davon, dass Gewalt in der Erziehung grundsätzlich nichts zu suchen haben sollte, ist ein Kind, v.a. aber ein Jugendlicher dermassen gedemütigt, wenn er sich vor seinen Freunden oder Schulkameraden eine Ohrfeige seiner Mutter einfängt, dass er dies mit bitterer Miene bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zurückzahlen wird.
Jener argentinische Kardinal also, der wöchentlich auf seinem Moped oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Slums von Buenos Aires fuhr, um den dort dahin vegetierenden Menschen Mut zuzusprechen, der von den Christen (auch den Protestanten) freudestrahlend empfangen wurde, da er bodenständig, zurückhaltend geblieben ist und die Sprache des Volkes spricht, jener ehemaliger Harley Davidson-Biker, von dem sich die meisten ein Umkrempeln des alten und verstaubten Klerus zu einer modernen Kirche erwarten – genau der wird nun aufgrund zweier Sätze angefeindet, die nahezu jeden Tag am Stammtisch fallen, den Medien hingegen den solcherartiges aussprechende Huber-Bauern nicht mal eine Schlagzeile in der Sparte “Und was war noch?” wert ist?!
Nun gut – das letzte Wort ist in der Erziehung nicht gesprochen. Da gab und gibt es den autoritären Stil, in dessen Rahmen über Jahrhunderte hinweg Frau und Kinder Angst vor Vattern hatten, da zuerst er, dann die Mutter zuschlugen. Dann kam es zur pädagogischen Revolution – es entstand der anti-autoritäre und der Laissez-faire-Stil. Obwohl beides bereits eingeführt, erhielt auch ich noch eine Ohrfeige oder die Knute bzw. den Schlüsselbund eines so manchen Lehrers zu spüren. Heutzutage versucht man sich irgendwo zwischen diesen drei Erziehungsmodellen durchzuwurschteln. Die – wie sie in Österreich gerne bezeichnet wird – “g’sunde Watsch’n” als letztes Bremsmittel kam vornehmlich deshalb in Verruf, da viele Kinder misshandelt wurden, was nicht selten auch mit dem Tod des Kindes endete. Wird sie heute erwähnt, sorgt dies für einen grossen Aufruhr der Besserwisser. Obwohl sie meist gar nicht wehtut – es geht vielmehr um die erlittene Demütigung. Heutzutage stehen v.a. Lehrer, aber auch viele Eltern vor der Entscheidung, wie sie den Kleinen die Grenze “bis hierher und nicht weiter” aufzeigen sollen. Interessant in diesem Zusammenhang ist jedoch auch eine Studie im Auftrag der Illustrierten “Stern”, wonach ein Grossteil der Kinder endlich erzogen werden wollen!

http://www.stern.de/familie/kinder/exklusive-kinderstudie-des-stern-kinder-wuenschen-sich-eltern-die-sich-konkret-um-die-erziehung-kuemmern-2169199.html

Ein Beispiel: Der pubertierende Sohn einer Bekannten hatte das Rad wieder einmal kräftig überdreht. Also wurde der Vater angehalten, den Fernseher aus dem Kinderzimmer zu entfernen und wegzuschliessen, der ansonsten jede Nacht über durchgelaufen ist (und dies seit der Volksschule). Der Kleine (nennen wir ihn Alex) blieb nun im Wohnzimmer vor der Glotze sitzen, bis diese abgeschaltet wurde. Der Vater – ein begeisterter Autobastler – war meist noch nach dem Abendessen in der zur Werkstatt umfunktionierten Garage, um das eine oder andere zu tunen. Die Mutter hatte Alex sehr wohl zu Bett geschickt, der jedoch machte keine Anstalten sich zu bewegen. Was wäre nun das Beste in diesem Falle gewesen? Ein weiteres Verbot? Die Absage der Wochenend-Tour? Oder – wie es die Familientherapeutin meint: Das Erklären der Strafe warum und wieso sowie das leichte Drücken von Daumen und Zeigefinger am Oberarm des Kindes! Das hat die Mutter auch gemacht – Alex hatte sie dabei ausgelacht und Ihr den Satz “Du blöde Kuh!” sowie einen Boxer gegen den Oberarm mit auf den Weg gegeben. Mama wurde es schon bald zu bunt – sie ging bereits gegen 21.00 Uhr zu Bett um noch etwas zu lesen. Zuvor schaltete sie den Fernseher ab – Alex schlief nicht nur einmal auf der Couch – aus Trotz! Dem Vater war das inzwischen alles egal, da die Mutter in der Erziehung genau konträr zu ihm arbeitete. Deshalb ging er Streitereien und auch der Erziehung inzwischen aus dem Weg.
Ich möchte nun im dieswöchigen Blog in keinster Weise auf die richtige Art und Weise der Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu sprechen kommen (Gott bewahre!) – obgleich auch dies damals ein Teil meines Studiums war. Hier klaffen die Meinungen sehr weit auseinander. So meinte einst der deutsche Comedian Michael Mittermeier zur “FullMetal-Waldorf-Eliteeinheit” in der Deutschen Bundeswehr beim Exerzieren sinngemäss:

“Na ja Männer. Wenn ich ‘Habt acht!’ sage, dann solltet Ihr schon bitte stramm stehen. Loben möchte ich aber v.a. den Schützen Müller für seine Kreativität! Gut gemacht, Müller!”
(Quelle: Michael Mittermeier – “Achtung Baby”)

Eindeutig hingegen sollte die Definition der Erziehung sein: Vorbereiten auf das Leben in einer bestimmten Gesellschaft. Wird das deutsche Mädchen in der Türkei deutsch erzogen, so wird sie sich ebenso schwer tun wie der türkisch erzogene Junge in Deutschland. Erziehung hat also etwas mit Lernen zu tun: Lernen wie der Hase läuft, wo die Grenzen sind, die nicht überschritten werden sollen, lernen zu überleben! Und damit sind wir beim heutigen Thema (bevor die erste Stimme laut aufschreit: “Thema verfehlt! Setzen – fünf!”): Dem Lernen! Hat jemand nicht gelernt, das Eigentum zu schätzen, so wird er später Dieb oder Banker werden; jemand, der keine Achtung vor seinen Mit-Menschen hat, wird Mörder oder Dieter Bohlen (für mich übrigens wäre seine Kritik ein Ritterschlag, da ich ohnedies nichts von seiner Meinung halte und es ihm somit nicht zusteht, über mein Können, meine Zukunft und meine Würde zu urteilen); jemand, der zwischen Wahrheit und Lüge nicht zu unterscheiden weiss, wird Trickbetrüger oder Politiker, …
Tatsächlich ist es so, dass sich die Eltern während der ersten 18 Jahre ihres Nachwuchses ab dessen Geburt per Gesetz um ihre Söhne und Töchter kümmern müssen – auch wenn viele dies bewusst oder unbewusst vernachlässigen. Geregelt ist das im Grundgesetz im Allgemeinen bzw. im Jugendschutzgesetz im Speziellen. So heisst es etwa im Art 6 (2) GG:

“Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.”

“Zuvörderst” – ein wunderbares Wort! Der Duden beschreibt es als “in erster Linie, zuerst, vor allem!” Innerhalb dieser beiden Gesetze, verbunden natürlich mit den anderen Paragraphen aus dem ABGB und dem StGB, haben die Eltern allerdings nach der ständigen Rechtssprechung des Deutschen Bundesverfassungsgerichtes ein Vorrecht, die Erziehung des Kindes nach eigenem Ermessen zu gestalten (ein staatlicher Eingriff ist nur bei einer möglichen Gefährdung des Kindes möglich!). Das gilt jedoch nicht für den Besuch des Schulunterrichtes, (und jetzt wird’s interessant!) “bei welchem der staatliche Erziehungsauftrag dem elterlichen Erziehungsrecht gleichgeordnet ist” (siehe hierzu auch die ständige Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichtes und des Bundesverwaltungsgerichtes). Soll das nun heissen, dass während der Schulzeit der Erziehungsauftrag an den Lehrkörper übertragen wird? Meines Erachtens: Ja, wodurch auch der Lehrer zum Erzieher wird! Was aber, wenn sich beides widerspricht? Habe ich als Elternteil dann das Recht, mein Kind aus dem Unterricht zu nehmen um ihm notfalls einen anderen Unterricht zukommen zu lassen? Dies betrifft beispielsweise die Koranschulen, die derzeit im Verdacht stehen, die Kinder zu radikalisieren, während der islamische Unterricht an den Schulen vielen moslemischen Eltern als zu liberal erscheint! Könnte aber beispielsweise auch bedeuten, dass ich mein kleines Mathe-Genie aus dem Mathematik-Unterricht herausnehmen kann und für diese Zeit in eine höhere Klasse oder eine Unterrichtseinheit für Hochbegabte setzen kann! Oder im anderen Falle – ich will mein Kind mit Lernschwäche in einer ganz normalen Klasse sehen! Laut Gesetz eigentlich kein Problem. Solange der Art. 1 (1) in Verbindung mit Art. 2 (1) GG (die Menschenwürde und das Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit) gewahrt bleiben. Es ist allerdings ein mehr als heisses Eisen, das immer mal wieder bei Diskussionen zur Bildungsreform aus dem Hut gezaubert wird.
In den Erläuterungen der Gesetzestexte heisst es, dass der Gesamtplan der elterlichen Erziehung geachtet werden soll. Stellen wir uns also mal folgendes vor: Eine Familie mit einem Kind, bei dem Vater und Mutter beruflich jeweils in Führungspositionen sind (also eine sog. “bessere Familie” – Geld spielt keine Rolle) und dementsprechend nicht nur 40 Wochenstunden bei der Arbeit zubringen müssen, haben von zwei Eliteschulen gehört: Einem kirchlichen Internat und einer Kadettenschule. Beide Elternteile sind aber während der Laissez-Faire-Bewegung gross geworden. Hier prallen nun zwei gegensätzliche Welten aufeinander. Einerseits jene, in der das Kind tun und machen kann, was es will. Andererseits jene Welt, in welcher Zucht und Ordnung das Sagen haben! Der Jesuiten-Pater Klaus Mertes meinte in der “Leute-Sendung” vom 16. März 2015 auf SWR1 BW:

“Schüler und Schülerinnen lieben nicht die Softies (als Lehrer, Anm. d. Red.), sondern sie wollen Orientierung haben und sie wollen auch sich an der Orientierung ärgern dürfen. Das ist ganz wichtig. Ich führe viel auch kontroverse Diskussionen mit meinen Schülern, die wütend sind über meine Entscheidungen. Und das gehört zu meinem Job dazu, diese Wut zu zulassen und sie nicht beleidigt abzuwehren sondern den rationalen Kern, der in dieser Wut steckt und auch das Anliegen, das hinter dieser Wut steckt, zu würdigen.”

Diese Worte ausgerechnet aus dem Munde jenes Mannes zu hören, der die Missstände im St. Blasien Kollegium aufdeckte – ich war mehr als erstaunt! Beenden somit die geliebten Lehrer den Unterricht mit den Worten “I’ll be back!”?
Auch wenn es viele Eltern nicht wirklich gerne hören: Ist ein Mensch gut oder schlecht erzogen, hängt nicht von der Nanny oder den Lehrern ab, sondern von den Eltern!
Aber – zurück zum Erziehungsauftrag. Gesetzlich sind Kinder und Jugendliche bis zum 14. Lebensjahr unmündig – also eigentlich ohne Rechte und Pflichten. Die Eltern müssen für sie geradestehen, wenn sie etwas anrichten und sie sind es auch, die ihnen die Rechte und Pflichten innerhalb der Familie einräumen. Ab dem vollendeten 14. Lebensjahr bis zu Beginn des 19. Lebensjahres kennt zumindest das Verwaltungsstrafrecht eine Weiterentwicklung: “Das Alter der problematischen Reife”. In dieser Zeit wird der Jugendliche selbst verantwortlich für sein Tun. Inwieweit hängt von seiner tatsächlichen Reife ab, die das Gericht unter Zuhilfenahme eines Sachverständigen ausfindig machen muss. Die meisten versuchen in dieser Zeit auch flügge zu werden, auszugehen, bei Freunden/-innen zu übernachten etc. Die Eltern können sich nach dem Jugendschutzgesetz von ihrem Erziehungsauftrag und damit ihrer Verantwortung zurückziehen. Sie übertragen dies mit etwa dem untenstehenden Formular einem anderen “Erziehungsberechtigten”:

http://www.hannovernights.com/files/downloads/erziehungsauftrag.pdf

Dieser Erwachsene übernimmt dann die volle Verantwortung für den ihm in Obhut überlassenen Jugendlichen. Viele unterschätzen dies, wenn sie Ihren Neffen zum Fussballspiel oder die Nichte in die Disko mitnehmen! Schliesslich ist für viele Minderjährige der Ausgang nach einer gewissen Uhrzeit nicht mehr erlaubt oder der Besuch so mancher Veranstaltung verboten – ausser sie sind in Begleitung eines Erwachsenen! Die Vertrauensperson muss nun für etwaige Jugendschutzkontrollen dieses Formular (übrigens heisst es ebenfalls “Erziehungsauftrag”) mitführen. Zusätzlich jedoch auch die Kopie eines Ausweises eines der Erziehungsberechtigten und den Ausweis des Kindes/des Jugendlichen. Sie sehen also – es ist nicht ganz einfach – vor allem dann nicht, wenn etwas geschehen ist. Ist beispielsweise ein Unter-14-jähriger in einer Live-Show am Samstag abend nach 22.00 Uhr ohne Begleitung der Eltern oder eines Erwachsenen mit Erziehungsauftrag Im TV zu sehen, machen sich die Eltern strafbar. Beschädigt ein Kind ein Auto, haben die Eltern dafür aufzukommen. Rammt – wie kürzlich in Baden-Württemberg geschenen – ein 12-jähriger seinem 13-jährigen Kontrahenten ein Messer in den Leib, so sind die Erwachsenen zwar nicht schuldig – so dennoch zu einem grossen Teil dafür verantwortlich (auch in Tirol ist kürzlich ein 12-jähriger von einem 13-jährigen heftigst verprügelt worden – das Opfer erlitt durch einen oder mehrere Fusstritte gegen den Kopf lebensgefährliche Verletzungen). Werden Angehörige einer Religions- oder Volksgruppe beschimpft – wie beispielsweise in einer Grundschule in Ulm/Bayern – so sind auch hier als erstes die Eltern wegen Volksverhetzung fällig. Schwängert ein Minderjähriger seine Mitschülerin, müssen dessen Eltern für die Alimente aufkommen, bis er selbst Geld verdient! Somit sind die meistern Entscheidungen der Eltern nicht etwa Entscheidungen, das Leben ihres Kindes einzuschränken, es vielleicht gar irgendwelchen Repressalien unterwerfen zu wollen, sondern vielmehr gesetzlich fundierte Entscheidungen! Deshalb sollten verantwortungsbewusste Eltern das Jugendschutzgesetz kennen, für welches die Länder zuständig zeichnen. Viele verdammen zwar die Kassiererin, die im Supermarkt Jugendliche Zigaretten oder Alkohol einkaufen lässt, wissen aber selbst nicht im Geringsten ihre gesetzlichen Pflichten im Rahmen der Obhut des Sohnes/der Tochter.
Hier nochmals zur Erinnerung die wichtigsten Rechte und Pflichten, die lt. Jugendschutzgesetz grossteils sowohl für Deutschland als auch Österreich gültig sind und immer wieder am Samstagabend Inhalt unzähliger heimischer Diskussionen sind:
.) Ausgang
ab 16 Jahre bis 24.00 Uhr ohne Begleitung
.) Alkohol
ab 16 Jahre in der Öffentlichkeit
.) Rauchen
ab 18 Jahre in der Öffentlichkeit
.) Fahrt
die Heimfahrt muss gesichert sein
(Gültig für Deutschland!)
Übrigens – die Mutter von Alex hat für Ihren Sohn die Zigaretten gekauft, da dieser noch nicht alt genug dafür war und zu wenig Geld hatte!
Mit dem vollendeten 18. Lebensjahr schliesslich werden die vorher unmündigen oder teil-mündigen Erdenbewohner zum vollen Mitglied der jeweiligen Gesellschaft und sind somit selbst für Ihr Tun und Treiben verantwortlich! Sich hier dann auf eine schlechte Erziehung auszureden, kann zwar unter Umständen richtig sein, ist in den meisten Fällen jedoch meines Erachtens absoluter Schwachsinn. Happerte es bereits vorher, so lernte schon der Unmündige die Grenzen durch die offizielle Abstrafung der Eltern/der Lehrer oder als Teil-Mündiger durch die Polizei/die Richter selbst kennen.
Wird also jemand altersbedingt aus der Obhut der Eltern entlassen, so müssen diese zuvor ihrer Aufgabe nachgekommen sein, und diesen auf die Gesellschaft vorbereitet haben. Ihm klar gemacht haben, welche Rechte er hat, aber ihn auch insoweit darauf geeicht haben, dass er weiss, wo seine Grenzen und die Pflichten liegen. Erst dann hat man als Elternteil seinen Erziehungsauftrag geleistet und lässt den Nachwuchs fliegen – in seine eigene Verantwortung. Ich vergleiche die Erziehung auch gerne mit dem Strassenverkehr: Verlasse ich die gewohnte rechte Fahrspur, muss ich mir klar darüber sein, dass es gefährlich werden kann!!! Gefährde ich durch mein Fahren andere Menschen, so habe ich nichts auf dieser Strasse verloren! Welche Erziehungsmethoden zuvor angewendet wurden – das bleibt den Eltern im Rahmen der Gesetze selbst überlassen. Wurden dann jedoch Menschen in die Unabhängigkeit entlassen, die derer nicht gewachsen sind, entweder untergehen (da verhätschelt) oder straffällig werden (da zu wenig Aufmerksamkeit), so sollte man die Schuld nicht beim Staat oder der Gesellschaft suchen, sondern sich erstmal selbst an der Nase nehmen und klären, was und wie etwas falsch gemacht wurde – in der Probezeit für’s Erwachsenwerden! Denn viele Eltern sind der Erziehung gar nicht gewachsen!

PS:
“Achtung Baby” von Michael Mittermeier sollten alle Eltern zumindest einmal gesehen haben! Ich bereits zum 15. Mal!

Lesetipps:

- Die Verwöhnungsfalle: Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit; Albert Wunsch; 2000
- Lob der Disziplin. Eine Streitschrift; Bernhard Bueb;
- Heute schon dein Kind gelobt? (Children Learn What They Live: Parenting to Inspire Values); Dorothy Law Nolte, Rachel Harris: 1998
- Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit; Michael Winterhoff; 2008

Links:

http://www.gesetze-im-internet.de/juschg/

https://www.deutscher-jugendschutz-verband.de

http://www.neckar-odenwald-kreis.de/nok_media/buergerservice/feste_feiern/Jugendschutzgesetz.pdf

http://www.kindererziehung.com

http://www.erziehung.at

http://www.gewaltinfo.at

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Die Gefahr im Garten

Mit den ersten Sonnenstrahlen setzt auch wieder emsiges Treiben in den heimischen Gärten ein. Schliesslich müssen unzählige Dinge erledigt werden, bevor die ersten Pflanzen gesetzt werden oder die ganz frühen unter ihnen austreiben. Dazu zählt auch die Grunddüngung des durch das viele Wasser im Winter ausgewaschenen Bodens. Und hier trennt sich – ebenso wie in der Landwirtschaft – die Spreu vom Weizen. So manch einer macht sich nicht wirklich grosse Gedanken und greift zur Chemiekeule. Die Gärtner mit Herz jedoch lassen kein noch so kleines Korn Kunstdünger auf ihren Boden. Und die dritte Spezies hat einfach im Herbst vom Bauern ihres Vertrauens einige Schubkarren voll Kuhmist besorgt und diesen auf dem Rasen ausgebreitet. Wer nun was richtig macht – da scheiden sich die Geister. So vergessen etwa sehr viele zu unterscheiden, ob es sich um Sommer-, Winter- bzw. mehrjährige Arten handelt, die auch unterschiedlich gedüngt werden müssen.
Was benötigt nun der Boden wofür?
.) Stickstoff zur Förderung des Bodenlebens (zu viel allerdings macht den Boden sauer)
.) Schwefel fördert ebenfalls das Bodenleben
.) Phosphor als Bodenstabilisator durch die Brückenbildung der Humusteilchen
.) Kalium+-Ionen bewirken in hoher Konzentration eine Zerstörung der Krümel durch die Verdrängung der Calcium2+-Ionen
.) Magnesium verdrängt die Hydroniumionen und wirkt somit positiv auf die Krümelbildung
.) Calcium stabilisiert nicht nur die Krümelbildung sondern reguliert auch den pH-Wert des Bodens
Ich hatte während meines Sportstudiums recht intensive Gespräche mit dem Platzwart des Universitätssportinstitutes in Innsbruck. Die Grasplätze präsentierten sich jedes Jahr im saftigen Grün, während die anderen Plätze zwischen Patscherkofel und Hafelekar – ähm na ja!!! Durch die vielen Plaudereien weiss ich inzwischen auch, dass nicht nur ein gewaltiges Wissen sondern auch ein gutes Fingerspitzengefühl für die Pflege des richtigen Rasens unbedingt erforderlich ist. Auch wir hatten nach dem Bau unseres Hauses einen solchen Sportrasen angelegt. Er zeichnet sich durch seine Robustheit und simplen Dankbarkeit aus. Jedoch kamen wir recht rasch wieder davon ab, da mitten zwischen landwirtschaftlich genutzten Feldern das hier ursprüngliche Grün immer wieder Auslass begehrte und somit das vermeintliche “Unkraut-Zupfen” auf rund 400 qm zum zeitraubenden Hauptjob wurde. Andere verwenden Herbizide – hinter so manchem Grün verbirgt sich oftmals mehr Chemie als im Abflussreiniger! Und dann dürfen auch noch die Kleinkinder im Rasen krabbeln und herumtoben! Der Begriff des “Kunstdüngers” übrigens geht auf das von Carl Bosch erfundene Verfahren zur künstlichen Herstellung von Ammoniak (“Haber-Bosch-Verfahren”) und somit des industriell erzeugten Stickstoffdüngers zurück. Heute wird oftmals auch der organomineralische Dünger als Kunstdünger bezeichnet.
Ganz ohne Düngung geht es allerdings auch im heimischen Rasen nicht. Wachsen beispielsweise Pilze im Gras, so ist dies der eindeutige Hinweis dafür, dass zu wenige mineralische Nährstoffe im Boden enthalten sind. Allerdings kann ein zu konzentrierter mineralstoff- bzw. nitrathaltiger Dünger wiederum zu vermehrtem Pilzwachstum führen! Hier gilt es also unbedingt die goldene Mitte zu finden. Übrigens – Schattenrasen benötigt weniger Dünger! Magnesium und Eisen sorgen zudem für ein dunkles und sattes Grün. Dünger – somit also ein mehr als rentables Geschäft. 1999 wurden weltweit nicht weniger als 141,4 Mio Tonnen verwendet – 2012 waren es in Deutschland 3 Mio Tonnen. Nach Schätzungen besitzt der europäische Düngemittelmarkt (organischer, mineralischer und organomineralischer Dünger) bis 2018 ein Volumen von nicht weniger als 15,3 Milliarden €. Hier wird also richtig gutes Geld gemacht.
Spät aber doch entschied sich einer der grössten heimischen Gartenhändler, Bellaflora, im Jahre 2013 auf die Verwendung von Pestiziden und Herbiziden zu verzichten. Aus der Befürchtung eines Einbruchs der Umsatzzahlen wurde binnen eines Jahres eine Steigerung von 20 % bei biologischen Pflanzenschutzmitteln. Das stärkte das Unternehmen in seiner Entscheidung, seit dem vergangenen Jahr auch keinen Kunstdünger mehr zu verwenden. Völlig richtig wurde erkannt, dass die chemisch-synthetischen Dünger “mit der Zeit die strukturellen und physikalischen Eigenschaften des Bodens verschlechtern” (Statement von Bellaflora)! Dadurch findet kein Humusaufbau mehr statt. Zudem werden oftmals die Nährstoffe ausgewaschen und führen in weiterer Folge zu einer Überdüngung der Gewässer durch vornehmlich Phosphor. Diese sog. “Eutrophierung” verursacht ein vermehrtes Wachstum von Algen und Wasserpflanzen, was ja anfänglich gar nicht mal so übel wäre (Nahrung für Fische und Sauerstoffproduktion im Wasser). Allerdings sterben diese auch ab und verbrauchen dabei zu viel Sauerstoff im Wasser, wodurch es zum Fischsterben kommt.
Aber noch etwas anderes hat mich stets davon abgehalten auf Kunstdünger zurückzugreifen: Die ressourcenaufwendige Produktion! So bedarf beispielsweise die Stickstoffproduktion eines sehr grossen Energieaufwandes: Eine Tonne Stickstoff entspricht der Energieausbeute von rund 2 Tonnen Erdöl!!! Kalium und Phosphor werden grossflächig abgebaut, wodurch ganze zuvor unberührte Regionen zerstört werden. Zudem werden Unmengen von Wasser benötigt. Guano, also die Exkremente von Seevögel, der sehr häufig als Düngerbestandteil verwendet wird, muss vornehmlich aus Südamerika nach Europa geschifft werden. All diese wichtigen Bestandteile sind jedoch bereits im Gras enthalten. So entsteht Nitrat etwa beim Abbau von organischem Material. Was also spricht dagegen, dass ich ganz einfach das zuvor abgeschnittene Gras liegen lasse? Mein Gott – werden nun einige unter Ihnen laut aufschreien – sieht ungepflegt aus und das noch lebende Gras bekommt keine Luft! Werte Damen und Herren Hobby-Gärtner: Haben Sie schon mal überlegt, was da eigentlich alles in ihrem Wimbledon-Rasen kreucht und fleucht – sofern er gesund ist? Das wohl bekannteste Bodenlebewesen ist der Regenwurm. Er verzehrt immense Mengen an abgeschnittenem Gras und führt auf diese Weise dem Boden wieder wichtige Nährstoffe zu. Viele sind zudem der Meinung, dass Klee nichts in deren Superrasen zu suchen hat! Falsch! Klee wird nicht nur seit Jahrhunderten als Futterpflanze angebaut. Er tritt mit sog. “Knöllchenbakterien” (Rhizobiaceae) in Symbiose. Durch dieses Zusammenspiel wird an den Wurzeln der Pflanze Luftstickstoff gebunden. Klee führt also zu einer natürlichen Verbesserung des Nitratverhältnisses im Boden und entzieht gleichzeitig der Luft eine ordentliche Portion an Stickoxiden. Wie pervers ist es deshalb, dem Klee im Rasen den Garaus zu machen, dafür nach jedem Rasenschnitt Hornmehl auszustreuen um Stickstoff in den Boden zu bringen. Auch brach liegende Ackerflächen werden oftmals mit Klee besäht! Seine Blüten dienen übrigens auch den Bienen als nicht zu unterschätzende Nektarquelle! Apropos pervers: Im Unterglasanbau (Glashaus) wird künstlich CO2 produziert, da davon im Glashaus v.a. im Winter zu wenig für die Photosynthese der Pflanzen vorhanden ist! Anstatt von aussen vorgewärmte Luft einzuführen wird Propan oder Erdgas verbrannt. Geschieht dies im Zusammenhang mit der Heizung ist es ja ok – doch schlage ich mir angesichts eines solchen Irrsinns die Hände über dem Kopf zusammen. Gerade zur kalten Jahreszeit, zu welcher jedes Haus Tonnen von Kohlendioxid aus dem Kamin bläst, verwenden exquisite Glashäuser gar industriell hergestelltes CO2 aus der Gasflasche!!!
Und – wenn der Boden ohnehin etwas zu sauer ist (vielleicht, da er zuvor intensiv landwirtschaftschaftlich genutzt wurde), muss nicht wirklich industriell erzeugter Kalk zum Einsatz kommen. So kann die Asche aus dem heimischen Kachelofen gute Dienste leisten. Sie ist durch die Verbrennung basisch und gleicht einen zu sauren ph-Wert im Boden aus! Vorsicht jedoch: Nur Asche aus der Holzverfeuerung (keine Schlacke!) taugt für diese Massnahme. Maximal 0,3 l/m² und Jahr sollten ausgestreut werden. Eigentlich ganz simple Massnahmen, die zu einem gesunden Boden führen können. Ohne teure und gar gesundheitsgefährdende Mittelchen aus dem Reagenzglas, die nicht selten zu Hautreizungen bei Körperkontakt führen können.
Aber nicht nur das kann die Gesundheit gefährden. Untersuchungen der Zeitschrift “Ökotest” haben ergeben, dass in den meisten handelsüblichen Universal-Gartendüngern Schwermetalle und vor allem Dioxin enthalten sind. Diese Dünger setzen sich aus pflanzlichen und tierischen Bestandteilen aber auch aus mineralischen zusammen. Die mineralischen bauen zuhauf auf Phosphorsalzen auf. Diese müssen bergmännisch abgebaut werden – die Quelle der Schwermetalle. So wurde in 10 von 20 Proben ein zu hoher Uran- und in fünf ein zu hoher Cadmium-Wert festgestellt. Auch wenn wir hier tatsächlich nur über 10-22 g Uran pro Hektar (bei normaler Düngung) sprechen, so kann dieses in das Grundwasser gespült werden! In allen Düngern wurden zudem erhöhte Dioxinwerte und in manchen auch Pflanzenschutzmittel festgestellt. Dabei hatten viele dieser Düngemittel den Aufdruck “Bio” auf der Verpackung. Was beim Rasen noch als vernachlässigbar gesehen werden kann (ausser das Gras wird verfüttert!), sollte keinesfalls in Gemüse- oder Salatbeeten zu Einsatz kommen. Denn hierdurch gelangen all diese Gifte in die Nahrungskette! Erschwerend hinzu kommt nämlich, dass die meisten Pflanzen aufgenommene Stoffe anreichern – so auch die Schwermetalle. Deshalb empfiehlt Grossmutters Erfahrungsschatz: Streuen sie den Grasschnitt aus dem nicht kunstgedüngten Rasen auch im Beet aus. denn da bin ich mir sicher, dass mein Kopfsalat, meine Kohlrabi oder auch Bohnen und Tomaten geniessbar sind. Bei Calciumdihydrogenphosphat, Diammoniumphosphat oder Tripelsuperphosphat weiss ich nicht, ob ich beim abendlichen Lesen eines Buches überhaupt noch Licht benötige, bezeichnete doch Hennig Brand das von ihm anno 1669 entdeckte Element als “Phosphor”, als Lichtträger, da es bei Kontakt mit dem Luftsauerstoff reagiert – es leuchtet nach (Phosphoreszenz). Oder – in der Pflanze angereicherte Nitrate werden im menschlichen Darm zu Nitriten reduziert. Derartige Nitritanionen (NO3-) reagieren mit dem Hämoglobin des Blutes – es entsteht Methamoglobin. Dadurch transportiert das Blut zu wenig Sauerstoff zu den Zellen, was gerade bei Säuglingen extrem gefährlich werden kann. Somit sollte ich mir also ernsthaft die Frage stellen: Ist das wirklich alles “bio” aus meinem eigenen Garten? Auch bei der Verwendung von Klärschlamm oder Mist in Gemüse- oder Salatbeeten sollte eine Kenntnis der Thematik Voraussetzung sein, da ansonsten ganz leicht etwa Koli-Bakterien übertragen werden können. Mmmmhh – lecker!
Als vor einigen Jahren der winterliche Schnee in meinem Garten weggeschmolzen war, staunte ich nicht schlecht: Mein Rasen sah aus wie ein Raketen-Testfeld! Die Ursache waren ein oder zwei Maulwürfe. Ich schämte mich, da in den anderen Gärten nirgendwo derartige Maulwurfshügel zu sehen waren. Also begann ich mit meinen Recherchen. Im Gegensatz zu den Wühlmäusen ist der Maulwurf ein sehr nützliches Tier! Die Mäuse knabbern die Wurzeln der Pflanzen an, der Maulwurd jedoch ernährt sich von Bodentieren, wie auch den Würmern. Somit ist es leicht erklärt, woher die Regenwürmer ihren Namen haben: Prasselt der Regen herunter, flüchten sie aus dem Boden in der Annahme, dass sich ein Maulwurf in ihrer Nähe befindet. Je gesünder nun ein Boden ist, desto mehr Bodenlebewesen sind dort zu finden. Damit ist also der Maulwurf in meinem Grund und Boden leicht zu erklären, da in den anderen Gärten vornehmlich Kulturrasen zu finden ist! Nachdem mir diese Hügel aber mit der Zeit zu lästig geworden sind, goss ich eine Mischung aus Molke und alter Milch in die Löcher und gab zudem noch jeweils ein Büschel Hundehaare hinein, da der Hund der einzige natürliche Feind des Maulwurfs ist. Maulwürfe stehen unter Artenschutz!
Doch auch in der Landwirtschaft sollte kein Kunstdünger mehr verwendet werden. Entsteht doch ein Stickoxid (N2O), das im Volksmund gerne als “Lachgas” bezeichnet wird. Dieses Lachgas ist rund 310mal schädlicher für unser Klima als etwa das Kohlendioxid aus den Verbrennungsmotoren. Daneben übernehmen die synthetischen Stickstoffdünger die Arbeit der Mikroorganismen im Boden. Sterben diese ab, da sie nicht mehr gebraucht werden, hat das nachhaltigen Einfluss auf die Qualität des Humus. Ausserdem besteht – ebenso wie beim Ausbringen des Wirtschaftsdüngers Gülle – die Gefahr der Überdüngung. Im Extremfall führt dies zur sog. “Plasmolyse”, dem Abtöten der Pflanzen, bedingt durch das Lösen der Plasmamembran von der Zellwand.
Durch die industrialisierte Fleischproduktion zeichnet laut World Wildlife Fund (WWF) inzwischen die Landwirtschaft für nicht weniger als 14 % der Treibhausemissionen verantwortlich, nach Angaben der UNO-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) sogar für 18 %. Nach Berechnungen des WWF Deutschland verursacht die Produktion eines Kilos Käse mehr Emissionen als eine 70 Kilometer lange Fahrt mit dem PKW. Zudem werden immer mehr Waldflächen für die Schaffung von Ackern und Wiesen abgeholzt. In vielen Teilen Deutschlands und Österreich wäre zudem eine Düngung von nicht landwirtschaftlich genutzter Grünfläche gar nicht notwendig, da der Boden genügend Mineralstoffe enthält. Wer also seinen Garten liebt, führt als erstes eine Bodenanalyse durch und verwendet – je nach Fruchtfolge – entsprechenden Dünger aus der Natur selbst in Teilgaben! Weshalb kann nicht jeder Landwirt oder Gärtner auf die Erfahrungen seiner Grosseltern zurückgreifen? Obwohl damals der Begriff der “Nachhaltigkeit” nicht bekannt war, wurde die Natur weniger zerstört als heutzutage.

Zuletzt hier noch eine kurze Gegenüberstellung der Bestandteile von natürlichem Dünger (Wirtschaftsdünger) pro Gesamttonne:

Rindermist
Stickstoff 2 kg
Phosphorpentoxid 3 kg
Kaliumoxid 7 kg
Calciumoxid 4 kg
Magnesiumoxid 2 kg

Schweinemist
Stickstoff 3 kg
Phosphorpentoxid 8 kg
Kaliumoxid 5 kg
Calciumoxid 7 kg
Magnesiumoxid 2 kg

Hühnermist
Stickstoff 15 kg
Phosphorpentoxid 21 kg
Kaliumoxid 30 kg
Calciumoxid 0 kg
Magnesiumoxid 6 kg

Feinkompost
Stickstoff <1 kg
Phosphorpentoxid 2 kg
Kaliumoxid 4 kg
Calciumoxid 6 kg
Magnesiumoxid 1 kg

Lesetipps:
- Pflanzenernährung und Düngung; G. Schilling; Ulmer; Stuttgart (Hohenheim) 2000
- Lebensmittelkunde und Lebensmittelqualität in der Ernährungsberatung; H. Anemueller; Hippokrates Verlag; Stuttgart 1993

Links:
www.boku.ac.at
www.lfl.bayern.de
www.landwirtschaft.sachsen.de
www.Mein-Garten-wird-schoen.de
www.gartentipps.com/
www.gartentipps.de
www.mein-schoener-garten.de
www.hobbygarten.de
www.opas-gartentipps.de
www.krautundrueben.de

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Das Geschäft mit dem Kranksein

Dieser Winter 2014/2015 hat es wahrhaft in sich. Eine der wohl heftigsten Grippe-Epidemien hat halb Mitteleuropa an’s Bett gefesselt. Schulklassen mussten zusammengelegt oder gar geschlossen werden, weil weder Schüler noch Lehrer zugegen waren. Verkehrslinien fuhren nurmehr alle zweiten oder gar dritten Takte, da doppelt so viele Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe krank gemeldet waren als in den Jahren zuvor. Und schliesslich mussten in den Krankenhäusern Notdienste geschoben und anberaumte OPs verschoben werden, da auch das medizinische Personal rekonvaleszent zuhause geblieben ist. Trotzdem möchte ich diese Zeilen heute nicht den Grippeviren bzw. -impfungen widmen, da ich dies bereits an dieser Stelle erledigt habe. Zu meinem eigenen Leidwesen musste ich dieser Tage eine ganz andere Erfahrung machen, die mich sehr stutzig werden liess. Die weiteren Recherchen in diesem Bereich liessen mich dann doch staunen!
Auch ich blieb nicht verschont. Ein nicht zu bändigender Hustenreiz verhiess nichts gutes. Als dann am folgenden Wochenende starke Kopf- und Gliederschmerzen sowie schlaflose Nächte und ein allgemeines Unwohlsein hinzukamen, begann ich mit Tee und der medikamentösen Chemiekeule mit der Bekämpfung einer starken Erkältung bzw. stellte mich auf die wirkliche Grippe, die Influenza, ein. Ein Arztbesuch gab mir die Bestätigung, dass die Medien wohl mit ihrer Berichterstattung recht behielten. Das übervolle Wartezimmer versetzte mich in eine Art Schockzustand. Mindestens eine bis zwei Stunden sollte es dauern. Da alles am Husten war, suchte ich fluchtartig das Weite! Was nämlich, wenn es doch nur ein Infekt oder eine Erkältung ist? Im Wartezimmer wirst Du sicherlich angesteckt und kommst für mindestens eine Woche nicht mehr hoch. Also erarbeitete ich zuhause eine Liste mit den Symptomen und fragte Dr. Google. Hier kam ich zur Erkenntnis, dass es sich um einen grippalen Infekt mit akuter Primär-Bronchitis handeln durfte, die durch Viren ausgelöst wird. Auch eine bakterielle Infektion ist möglich: Dabei heften sich die Bakterien an die bereits geschwächten Atemwege (“sekundäre Bronchitis”). Gottlob war dies aber nicht der Fall, sodass ich keine Antibiotika benötigte, die einen Arztbesuch unbedingt erforderlich gemacht hätten. Antibiotika gibt es fast ausschliesslich auf Rezept! Nach der Arbeit stattete ich der ersten Apotheke meinen Besuch ab. Ich beschrieb meine Diagnose und gab an, dass weder das bisher verwendete Grippostad C noch die Resyl Hustentropfen mehr wirkten. Die nette und hilfsbereite Dame hatte schnell die Lösung für mich parat – schliesslich war ich ja offensichtlich nicht der erste, der bei ihr anklopfte: Boxagrippal (anderer Wirkstoff als im Grippostad) und eine Riesenpackung Mucosolvan Hustensaft, mit dem ich sicherlich auch die nächsten zehn Jahre über das Auslangen finden würde. Beides zusammen rund 23,- €. Etwas heftig dachte ich mir, da ich mehr als die Hälfte des Hustensaftes sicherlich wegschütten müsste, weil er nicht in der vorgeschriebenen Zeit nach Öffnung verbraucht werden würde. Also bat ich um ein Alternativ-Produkt, das ebenso ein Abhusten mit anschliessender Gesundung ermöglichen sollte. Das aber war offenbar nicht wirklich so einfach, für die Apothekenhelferin. Nachdem sie einige Zeit ihren Computer zu Rate gezogen hatte, gab sie mir schliesslich Mucobene Brausetabletten. Und siehe da – aus über 13,- € für den Hustensaft wurden nurmehr 3,70 € für die Brause, die übrigens hervorragend wirkte.
Nun aber war mein gottlob noch funktionierender Killerinstinkt geweckt: Ist es möglich, dass auf dem Rücken von kranken Menschen Kohle gescheffelt wird? Lektion Nummer eins für Verkaufspersonal: Beginne immer mit dem Teuersten, Du kannst Dich ja dann irgendwo im preislichen Mittelfeld einigen – oder auch nicht! Dann hat aber der Chef nichts dagegen: Greift jemand sofort zu, hast Du zumindest gute Umsatzzahlen. Jetzt brauchte ich einen Vergleich. Am nächsten Tag, ebenso gleich nach der Arbeit, suchte ich eine zweite Apotheke auf. Der Apotheker zeigte sich genau so sehr bemüht und informierte mich auch prima, obwohl sich hinter mir bereits eine Schlange an ebenfalls nach Genesung heischenden Menschen gebildet hatte. Er fragte als erstes, wie lange ich den Husten denn schon hatte. Das wusste ich aus meinen Recherchen: Kommt es trotz Therapie nach 3-5 Tagen zu keiner Besserung, so sollte auf jeden Fall ein Arzt aufgesucht werden, da dann andere Ursachen dahinterstecken könnten – auch eine Lungenentzündung. Er gab mir einen Thymian-Fluidextrakt gegen den Husten und InfluASS-Tabletten zur Bekämpfung des Infektes! Kosten: Rund 14,- €! Ich befragte ihn nach Boxa-Grippal und Mucosolvan. Bei beiden meinte er, dass es ebenfalls eine Lösung wäre, er mir jedoch dies empfehle.
Soweit also zur Vorgeschichte. Ich für meinen Anteil nutze den Besuch in einer Apotheke, um mich zu informieren und dementsprechend auch ein guten Mittelchen gegen meine Wehwehchen zu bekommen. Schliesslich ist der Apotheker ein ebensolcher Spezialist wie etwa der Arzt. Der Arzt erstellt die Diagnose und die Therapie, der studierte Pharmazeut lernt während der drei Abschnitte seines Studiums (neun Semester Mindeststudienzeit) die Wirkstoffe kennen und wie sie für was eingesetzt werden können. Somit sollte ich mich also durchaus auf dessen Fachwissen verlassen können, ohne, dass das Gefühl aufkommt, zwar schon etwas wirksames gegen mein Unwohlsein zu erhalten, dabei aber nicht unbedingt das beste Produkt zu bekommen, sondern jenes mit dem höchsten Gewinnanteil. Der pharmazeutische und pharmakologische Spezialist verkommt dadurch immer mehr zum pharmazeutisch-kaufmännischen Assistenten (PKA) – dem normalen Verkäufer. Weshalb das so ist, war auch sehr rasch gefunden: Ende Februar sorgte eine Aussendung der österreichischen Apothekerkammer für eine kurze Randnotiz: Rund ein Drittel der alpenländischen Medikamenten-Tempel schreiben rote Zahlen! Kaum zu glauben, bei diesen Preisen! Vor einigen Monaten hatte mich eine Verwandte darum gebeten, etwas aus der Apotheke für sie mitzubringen. Sie hatte Probleme mit der Verdauung. Ich empfahl Sauerkraut, doch sie wollte etwas, das ohne Trompeten von Jericho zu einer Lösung führt. Ich folgte natürlich gerne ihrer Bitte, schaute auf dem Heimweg nach der Arbeit noch schnell in der Apotheke vorbei und bekam dort das werbewirksam vermarktete Dulcolax aufgeschwätzt. Zu diesem Preis könnte ich viele Löffelerlebnisse Rizinus haben! Eine ähnliche Erfahrung übrigens musste ich auch mit Jod zum Desinfizieren machen!
Weshalb also beklagen sich die Apotheker? Im Speziellen geht es hierbei um die von den Medizinern ausgestellten Rezepte. Im Jahr 2014 stiegen zwar die Arzneimittelkosten der österreichischen Krankenkassen um 4,7 % auf 2,481 Milliarden Euro. Berücksichtigt man aber die Inflation (also den allgemeinen Preisanstieg) und die Tatsache, dass mehr sog. “Hochpreiser” verschrieben wurden – das sind Medikamente, deren Preis bei mehr als 200,- € pro Packung liegt – so habe dies gerade mal einem Realzuwachs von 0,5 % entsprochen. Wohlgemerkt – dies gilt für Rezepte! Vielen meiner Bekannten und auch mir selbst ist es nicht nur einmal passiert, dass die Rezeptgebühr höher als der Warenwert war. So stieg die Zuzahlung in Österreich mit dem 01. Januar 2015 von 5,40 auf 5,55 €. In Deutschland beläuft sich diese Gebühr auf mindestens 5,- maximal jedoch 10,- €, da die Zuzahlung 10 % des normalen Verkaufspreises ausmacht. Generika sind in deutschen Landen übrigens von dieser Zuzahlung ausgenommen, sofern ihr Preis ein Drittel unter dem Festbetrag liegt. Es lohnt sich also durchaus, Preisvergleiche anzustellen. Und einen solchen möchte ich nun ebenfalls kurz mit Ihnen durchgehen.
Seit 2014 dürfen auch in Österreich rezeptfreie Arzneimittel in einer handelsüblichen Packungsgrösse über den Versandhandel vertrieben werden. Zuvor war es lt. Arzneimittelgesetz zumindest für einen inländischen Händler verboten. In Deutschland haben einige Jahre zuvor sofort auch einige Apotheker diese Liberalisierung genutzt und Ihre Homepage zur Online-Verkaufsplattform umgestaltet. Wer also auf die Beratung in der Apotheke, die auch schon mal dürftig oder kontrovers ausfallen kann, verzichten will, jedoch auch nicht irgendwelchen nachgemachten Medikamenten aus dubiosen Produktionen auf den Leim gehen möchte, kann durchaus bei solchen Versandapotheken bestellen. Aufgrund des starken Konkurrenzkampfes mit den Diskontern sind die Arzneimittel meist auch günstiger als direkt vorort. Und trotzdem bleibt der Gewinn beim Apotheker. Nicht jedoch zwischen dem Neusiedler und dem Bodensee! Bislang konnten nach einer EU-Richtlinie zwar EU-Apotheken im Alpenstaat zugelassene Medikamente nach Österreich versenden, jedoch war dies im Inland nicht gestattet. Der Apothekerverband wollte dadurch verhindern, dass Medikamente zum “Konsumgut” verkümmern, betont der Präsident des Österreichischen Apothekerverbandes, Dr. Christian Müller-Uri. So ist es auch ganz leicht zu erklären, weshalb die meisten Versandapotheken .at tatsächlich aus Deutschland oder Tschechien kommen, denn dort ist diese Form des Arzneimittelhandels schon seit Jahren gang und gebe. Vonseiten des Verbrauchers zudem mehr als attraktiv, da sehr viel eingespart werden kann. Allerdings: Vergessen Sie nicht auch die Versandkosten einzuberechnen. Vergleichen wir also einige der von mir angesprochenen Medikamente mit dem Angebot eines derartigen Anbieters (in diesem Falle eine tatsächlichen Apotheke in Hamburg mit einer diplomierten Fachapothekerin) genauer:

.) Boxa-Grippal FTBL 200 mg/30 mg – 20 Stück
AVP Apotheke Österreich: 9,75 €
Versandapotheke: 6,57 €

.) Mucobene LSB Tabletten 600 mg – 10 Stück
AVP Apotheke Österreich: 3,70 €
Versandapotheke: 2,48 €

.) InfluASS
AVP Apotheke Österreich: 3,80 €
Versandapotheke: 2,57 €

.) Thymian-Fluidextrakt – 100 ml
AVP Apotheke Österreich: 8,90 €
Versandapotheke: 4,73 € (vergleichbares Produkt Thymiverlan-Lösung)

Leider konnte ich die entsprechenden Produkte nicht in Deutschland entdecken. Zum Vergleich hier noch einige Mittelchen, die auch in Deutschland angeboten werden, damit ein unmittelbarer Vergleich möglich ist (die Versandapotheke ist ein und dieselbe – einmal für de-Kunden, einmal für at-Kunden):

.) ACC akut 600 mg Brausetabletten – 40 Stück
AVP Apotheke Österreich: 18.98 €
Versandapotheke für Österreich: 8,95 €
Versandapotheke für Deutschland: 8,95 €
AVP Deutschland: 18,98 €

.) Aspirin plus C Brausetabletten – 40 Stück
AVP Apotheke Österreich: 14,95 €
Versandapotheke für Österreich: 10,71 €
Versandapotheke für Deutschland: 9,79 €
AVP Deutschland: 16,65 €

.) Mucosolvan 30 mg/5 ml – 250 ml
AVP Apotheke Österreich: 14,65 €
Versandapotheke für Österreich: 9,84 €
Versandapotheke für Deutschland: 10,47 €
AVP Deutschland: 15,49 €

.) Grippostad C – 24 Hartkapseln
AVP Apotheke Österreich: 9,95 €
Versandapotheke für Österreich: 6.98 €
Versandapotheke für Deutschland: 5,71 €
AVP Deutschland: 10,98 €

.) Thomapyrin – Brausetabletten – 20 Stück
AVP Apotheke Österreich: 10,20 €
Versandapotheke für Österreich: 6.89 €
Versandapotheke für Deutschland: 7,18 €
AVP Deutschland: 10,09 €

.) Dulcolax – 40 Dragees
AVP Apotheke Österreich: 5,28 €
Versandapotheke: 3,26 €
Versandapotheke für Deutschland: 3,26 €
AVP Deutschland: 5,28 €

Soweit so gut. Diese Gegenüberstellung soll aufzeigen, dass lange Zeit in Österreich der Medikamentenpreis künstlich hoch gehalten wurde, da diese in den Apotheken verbindlich waren. Soll heissen, dass der Apotheker selbst – auch wenn er es gewollt hätte – gar keine Preisaktion hätte durchführen können. Die Gewinnspanne übrigens lag im Rezeptbereich bislang bei 18,2 %, sie ist zuletzt auf 16,4 % gesunken. Durch dieses Verbot des Versandhandels kamen auch die alpenländischen Apotheken in’s Hintertreffen – sie haben den Anschluss verpasst. Die Apothekerkammer will nach wie vor nur insoweit liberalisieren, als die Medikamente online bestellt werden können, dann allerdings in einer der 1.360 öffentlichen Apotheken abgeholt werden müssen. Ist das nicht kontraproduktiv? Muss ja nicht unbedingt so erfolgen, wie bei jener Apothekerin aus Bayern, die Billigmedikamente im EU-Ausland ankaufte und diese mit der Original-Rechnung an ihre Kunden weitergab (10 % Rabatt bei verschreibungspflichtigen und 22 % Rabatt bei freien Medikamenten). Vollkommen rechtens übrigens, wie das Bundesverwaltungsgericht Leipzig Mitte Februar als letzte Instanz urteilte (Az.: 3 C 30.13). Jedoch mehr als bedenklich. Die Medikamente wurden zuvor mehrwertsteuerfrei nach Ungarn geliefert und wieder rückgekauft – zum dortigen Mehrwertsteuersatz von 5 %. Steuerschonender Reimport! Im Jahr 2012 jedoch entschied der Gemeinsame Senat der Obersten Bundesgerichte, dass sich auch Versandapotheken aus dem Ausland an den deutschen Preisvorschriften zu orientieren haben. Die Rabattfrage liegt derzeit beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Zur Lage in Österreich meinte der dortige Verbandspräsident der Apotheker, Dr. Christian Müller-Uri:

„Unsere Apotheken treten seit Jahren auf der Stelle!“

Eine hausgemachte Situation? Auch bei der Verwendung von weitaus günstigeren Generika hinkt Österreich kilometerweit hinterher (obwohl sich hier die Situation etwas gebessert hat). Die Apotheken weigern sich nun, weitere Sanierungsmassnahmen der Krankenkassen mittragen zu müssen. Klar – muss betont werden, dass die Pharmazeuten für die Nahversorgung zuständig sind und auch schon mal Nachtdienst schieben. Allerdings wurde vielen Hausärzten am Land die Hausapotheke gestrichen, die für lukrative Zusatzeinnahmen sorgte. Nun weigern sich viele Mediziner, eine Landarztpraxis aufzumachen, da sie weitaus länger brauchen um die entstandenen Kosten einer neuen Praxis zu tilgen. Es gibt also weniger willige Landärzte, gleichzeitig hingegen Apotheken, die kurz nach Öffnung aufgrund roter Zahlen wieder schliessen müssen! Sinnvoll???

PS – wichtig:
Bevor Sie nun dem medikamentösen Kaufrausch verfallen und beim nächst besten Arzneimittel-Diskonter grossartig einkaufen, beachten sie bitte, dass gerade im Diskontbereich immer wieder nachgemachte Medikamente verkauft werden (bewusst oder unbewusst), die entweder keine Wirkstoffe, weniger Wirkstoffe oder gar Giftstoffe beinhalten. Viagra-Kopien oder die Abnehm-Tees aus China sind das beste Beispiel hierfür! Suchen Sie sich also am besten eine Versandapotheke, die es auch in natura gibt. Sollten hier Unregelmässigkeiten auftauchen, riskiert der Apotheker dadurch seine Zulassung. Das schwarze Schaf im Versandhandel hingegen ist binnen kurzer Zeit etwa in Polen wieder aufgemacht!

Links:

http://www.apotheker.or.at

https://www.gesundheit.gv.at

http://www.abda.de/

http://www.blak.de

http://www.heimversorger.de

http://www.apo-rot.at/http://www.apo-rot.de

http://www.pharmapoint.at

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