Archive for April, 2015

Eine Frage des guten Geschmacks

In jeder Hinsicht lehrreich war vor kurzem ein Gespräch mit einem Weinakademiker. Ein “Wein-Akademiker” ist zwar nicht ein staatlich anerkannter, universitärer Akademiker im althergebrachten Sinn, doch musste er die markenrechtlich geschützte Ausbildung einer Wein-Akademie absolvieren (Diplom “Wines & Spirits”) – die grösste davon im deutschsprachigen Raum übrigens gibt’s – na no net – in Rust (Burgenland) mit Filiale in Krems an der Donau; die grösste weltweit mit dem “Wine and Spirit Education Trust (WSET)” in London. Als nun dieser Wein-Akademiker vom Riechen im Mund sprach, dachte ich mir insgeheim: “Na, ma Gutster – wohl zu viel Abgang-Probe bei der letzten Verkostung gemacht!” Doch liess mich das Thema nicht los und ich stiess bei genauerer Recherche auf wahrhaft Wundersames!
Schon die alten Ägypter, Babylonier, Griechen und Römer wussten den edlen Tropfen aus Gottes gekelterter Natur zu schätzen. Doch ging es damals nach überlieferten Sagen doch wohl eher um guten oder schlechten Wein – nicht um Südhang, leichte Muskatnote, mit einem vollmundigen Abgang…. Dabei war zumeist der letzte Kelch voll mit schlechtem Wein! Auch wenn die letzteren beiden Kulturvölker mit Dionysos (Griechen) und Bacchus (Römer) eigene Weingötter verehrten. Die Germanen tranken ihren Met, der es wahrhaft in sich hat. Winzer waren bei den kultivierten, aber auch den sagen wir mal bodenständigen Volkern hochangesehene Personen: Wer von diesen einen guten Tropfen aus den Fässern zauberte, hatte auch im Mittelalter schon mal bei den Fürsten und Monarchen einen, wenn nicht gar mehrere Wünsche frei. Dass aber daraus ein solches Brimborium gemacht wird, das ist eine Erscheinung der Gegenwart bzw. näheren Vergangenheit. Schliesslich sind die Gastgeber-Regeln “Helles Fleisch – Weisswein, dunkles Fleisch – Rotwein” inzwischen schon leicht aufgeweicht; es dreht sich nicht mehr unbedingt um die Harmonie sondern möglicherweise um einen Kontrapunkt. Vorsicht ist somit geboten, wenn Sie bei Freunden waren und der Wein passte nicht zum Essen – das kann Absicht gewesen sein! Wichtig ist nur, dass mit leichtem Wein begonnen und mit schwerem Wein geendet wird, da es ansonsten zu einer nachhaltigen Geschmacksverwirrung kommt und die leichte Rebsorte gar nicht mehr geschmacklich wahrgenommen wird (bewusst oder nicht hängt vom Genuss bzw. der Menge des vorhergehenden Ganges ab). So wird inzwischen beispielsweise nicht selten zu Schokolade ein Rotwein getrunken – zum süssen Dessert ein noch süsserer Dessertwein. Würg – gottlob sind die Geschmäcker verschieden. Und genau hier wollen wir mit diesen heutigen Zeilen auch hin: Der Geschmack! Nein – nicht das, was gefällt oder nicht (ob nun die Kelly-Family tatsächlich aus den Kleidersäcken gelebt hat, soll uns alsdann heute nicht interessieren), sondern vielmehr der menschliche Geschmackssinn. Dem Herrn sei Dank – wir haben einen solchen, kann er doch das Leben zum wahrhaften Paradies machen.
Als ich mir zum ersten Mal die Show “Wetten, dass…?” live in Innsbruck anschaute, sass neben mir eine Dame mit einem recht intensiven, aber nicht wirklich aufdringlichen Parfüm. Immer – auch Jahre danach noch – hatte ich diese Geruchsassoziation, wenn ich an die Sendung dachte. Gleiches geschah bei einem Muttertagsessen, bei welchem ich mir einen Zigeunerspiess gönnte. Das war etwas vom Feinsten, das ich jemals zu mir genommen hatte. Denke ich heute noch daran, läuft mir nach wie vor das Wasser im Munde zusammen. Es ist durchaus interessant, wie sich ein Geruch bzw. Geschmack im Gedächtnis manifestieren kann. Und beides wirkt übrigens zusammen. Bei der täglichen Fahrt zur Arbeit muss ich immer wieder bei einem ganz speziellen Restaurant vorbei. Der Geruch von frischen Pommes oder Wiener Schnitzel lässt bei mir jedes Mal wieder den Appetit aufkommen, auch wenn ich mich davor komplett satt gegessen hatte. Logische Konsequenz: Es erfolgt die vermehrte Speichelproduktion um die Verdauung anzukurbeln.
Allerdings kann ich auch während des Essens bestimmte Aromen riechen, die ihre volle Wirkung erst beim Kauen entfalten. Dies ermöglicht die sog. “retronasale Aromawahrnehmung”. Dabei zieht das Aroma aus der Mundhöhle über den Rachen in den Nasenraum und löst dort eine Geruchswahrnehmung an den Rezeptoren aus. Wie etwas wahrgenommen wird, entscheidet sich dann in weiterer Folge im sog. “olfaktorischen Cortex” (dem Rhinencephalon). Dieses Riechhirn ist ein Teil des Grosshirns, die Grosshirnrinde besteht in diesem Bereich aus dem Riechkolben (Bulbus olfactorius) und dem Riechstiel (Pedunculus olfactorius). Der Mensch benötigt nicht unbedingt einen dermassen guten Geruchssinn, somit haben die Zellen im Vergleich zu früheren Entwicklungen oder auch anderen Säugetieren stark abgenommen. Zu sehr möchte ich hier nicht in’s Detail gehen, schliesslich soll dies ja kein neurobiologischer Fachartikel werden.
Die Duft-Zulieferung erfolgt primär über die Nase (orthonasal) oder indirekt über den Mund, Rachen und Nase (retronasal). Nicht weniger als 10 Mio Geruchssinneszellen und 400 mit unterschiedlichen Rezeptoren versehenen entscheiden über diese Duft- und Aromenwahrnehmung. Hier wird festgelegt, ob etwas geniessbar ist oder nicht, ob sauer oder süss, ob Rose oder Käse … Über Pheromone beginnt hier auch die zwischenmenschliche Kommunikation, werden Gedächtnisprozesse aktiviert und können Emotionen geweckt werden. Unglaublich – so kann eine gute Nase ebenso gut alleine die Umwelt wahrnehmen, wie jemand mit allen Sinnen – deshalb sind diese nasalen Spezialisten auch in der Parfüm-Entwicklung so heiss begehrt!
Zurück zum Aroma: Aromen sind flüchtige und somit kurzfristig freigesetzte Stoffe, die fälschlicherweise recht häufig als Geschmacksstoff bezeichnet werden. Wie vorhin bereits beschrieben – nicht ganz richtig. Trotzdem gibt es keinen Geschmack ohne diese Aromen. Das wird am Deutlichsten, wenn Sie mal eine Erkältung plagt und die Nase komplett zu ist – dann schmeckt Ihnen auch das beste und würzigste Essen nicht mehr. Sehr interessant ist übrigens auch die Tatsache, dass dieser retronasale Wert häufig intensiver wahrgenommen wird als sein orthonasaler Gegenpart.
Der Geschmack selbst setzt sich zusammen aus den sog. “5 Geschmacksqualitäten”: Salzig, sauer, süss, bitter und umami. Unter “umami” versteht der Experte vollmundig. Ausgelöst wird dieser letztgereihte Geschmack durch die Aminosäure Glutaminsäure, die in allen eiweisshaltigen Nahrungsmitteln vorkommt, so selbstverständlich auch dem Fleisch. Salze dieser Glutaminsäure dienen deshalb recht häufig als Geschmacksverstärker. Mononatrium-L-Glutmat-Monohydrat etwa wird alljährlich zu 2-3 Mio Tonnen produziert. Umami vornehmlich in Asien; als Glutamat jedoch schon längst Bestandteil auch unserer Lebensmittel: Würzmittel wie Maggi, Extrakte, Fonds, Brühe, Sellerie-Saat – aber auch (hört, hört) in der Muttermilch enthalten.
Somit beginnt also die Verdauung mit dem Kochen. Durch garen, kochen, braten etc. werden Molekül-Ketten aufgerissen, Zellwände gesprengt und die Nahrung somit verdaulicher gemacht. Im Mund erfolgt die Zerkleinerung der Nahrung, die durch das Einspeicheln schluckfähiger wird. Das Schlucken selbst ist nun ein Reflex, der automatisch durch die Berührungsrezeptoren der Gaumenbögen eingeleitet werden. Währenddessen verschliessen Kehlkopf und Kehlkopfdeckel die Luftröhre und das Gaumensegel den Nasen-Rachenraum. Sie sehen also, ein durchaus komplexer Vorgang, über den die wenigsten Menschen schon mal nachgedacht geschweige denn davon gewusst haben. Der weitere Verlauf der Verdauung sei hier und heute unbeachtet.
Die während des Kauens und Schluckens freigesetzten Aromen gelangen mit dem ersten Atemzug nach dem Schlucken in die Nasenhöhle und in den oberen Nasengang. Dort nun erfolgt die Geruchswahrnehmung. Deshalb ist es auch dermassen wichtig, beim Essen den Mund geschlossen zu halten, damit sich die Geschmacksaromen vollkommen entfalten können. Noch intensiver wird das Geschmackserlebnis, wenn während des Kauens eingeatmet wird – perfekt demonstriert von geübten Gustatoren bei der Weinprobe: Der Wein muss zuvor den gesamten Mund befeuchten. Damit die Aromastoffe komplett zur Geltung kommen, wird sowohl durch Mund als auch der Nase eingeatmet. Dadurch wird das Gaumensegel teilweise geöffnet. Jene Aromen, die nicht durch den Speichel abgebaut werden, werden durch die Mundschleimhaut absorbiert und erst nach und nach freigesetzt – das ist der Depoteffekt oder auch Abgang!
So manch Einer ist mit einem ausgezeichneten Geschmackssinn gesegnet – andere trainieren sich diesen einfach an. Es beginnt beispielsweise schon damit zu wissen, bei welchen Temperaturen sich die unterschiedlichen Aromen entfalten (ab wann sie gasförmig werden), welche Aromen werden beim Kauen oder blossem Bewegen im Mund freigesetzt,… Wenn man weiss, nach was man auf der Suche ist, kann der Geschmacks-Fokus gezielter gebündelt werden. Und die Sache mit dem Gaumensegel – einige verschlucken sich dabei. Das kommt nicht wirklich gut, wenn dich bei der nächsten Weinverkostung ein Husten plagt, sodass deine Mitmenschen davon ausgehen müssen, dass du gleich wegen Erstickens darnierder liegst! Besser also vorher üben!
Technisch übrigens lassen sich Aromen durch die Protonentransferreaktions-Massenspektroskopie (PTR-MS) oder dem Retronasal Aroma Headspace Simulator erkennen – das jedoch ist wieder ein ganz anderes Thema, hinter dem die Lebensmittelproduzenten heissest hinterher sind (schliesslich wird auch bereits in Supermärkten mit Gerüchen experimentiert)! Vielleicht mal ein Thema für einen anderen Blog!
Ach ja – und ob nun der Chardonnay auch tatsächlich zum Spargel passt (Cremige Sauce – Chardonnay oder Weissburgunder), Salzgebäck und der Schweinsbraten lieber eine kraftvolle aber säuerliche, weisse Reblaus (Grüner Veltliner oder Riesling etwa) sucht – ausprobieren! Nur eines noch: Je schärfer eine Speise ist, desto süsser sollte der Wein sein, um die Schärfe etwas zu nehmen! Zum Wohle!

PS:
Diese Zeilen sollen nun nicht etwa zum übermässigen Weinkonsum animieren. Auch der anerkannte Gerichtspsychiater und Sucht-Prophylaktiker Dr. Reinhard Haller betont, dass hin und wieder Alkohol in geringen Mengen etwas Gutes ist – das Maß jedoch ist das Ziel (nein – ich meine nicht das 1 Liter-Maß-Glas!)! Ein Gläschen Rotwein (1/8 l) etwa bringt den Kreislauf und die Produktion von roten Blutkörperchen in Schwung – die Idee mit dem “Doppelt hält besser!” sollte beim Geniessen stets überdacht werden.

Lesetipps:

.) Geschmack; Thomas Vilgis; Tre Torri Verlag; Wiesbaden 2010
.) Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken; Hanns Hatt, Regine Dee; Knaus 2012
.) Neurogastronomy. How the Brain Creates Flavor and Why It Matters; Gordon M. Shepherd; Columbia University Press 2011
‪.) L‪ebensmittelsensorik; Eva Derndorfer; ‪Facultas Verlag, 2010
.) Lehrbuch der Lebensmittelchemie; H.-D. Belitz, W. Grosch, P. Schieberle; Springer Verlag 2008
.) Cortex cerebri. Performance, structural and functional organization; Otto Detlev Creutzfeldt; Oxford 1995

Links:

www.weinakademie.at/
www.weinakademie.de/
www.wsetglobal.com/
www.mastersofwine.org/
ajcn.nutrition.org/

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Die staatlichen Abzocker

Sein Namen ist Schelling – Hans Jörg Schelling! Und er hat die Öster-reich-Lizenz für “solide Staatsfinanzen”! Doch lässt sich schon heute sagen: Der Schein trügt!
Die Alpenrepublik hat ein grosses Problem, das der Vorstandsvorsitzende der Bayern-LB, Dr. Johannes-Jörg Riegler in etwa so formulierte: Die Österreicher haben eine solche Regierung nicht verdient! Na ja – inwieweit er eine Mitschuld bei einem Teil dieses Problems trägt, bleibt abzuwarten. Dazu etwas später mehr. Während in benachbarten deutschen Landen der Wirtschaftsmotor so richtig brummt und nahezu Vollbeschäftigung herrscht, schaut der kleine Bruder durch die Finger. Die schwarz-gelbe Regierung Merkel-Westerwelle hat die Voraussetzungen dafür bereits vor Jahren geschaffen, meint etwa auch Rewe International AG-Vorstandsvorsitzender Frank Hensel in Sachen Standortentwicklung gegenüber der Kleinen Zeitung:

“…dass man in Deutschland die politischen Hausaufgaben rechtzeitig und gründlich gemacht hat. Dafür fährt man jetzt die Ernte ein.”

Deutsche Qualitätsware ist in der ganzen Welt heiss begehrt. Auch wenn die Experten prognostizierten, dass sich die Abnehmer die Ingenieursware nicht mehr leisten können, so rutschte der Euro ab und machte das Made in Germany noch begehrter, da auch günstiger. Zudem warfen Investoren so viel Geld auf den Markt, wie noch nie. Der DAX kletterte in schwindelerregende Höhen, da sich die Geldbarone einkauften, wo auch immer es möglich war. Es ist vorerst keine Änderung beim Euro zu erwarten, wodurch die Exporte gar noch ansteigen werden. Resultat: Finanzminister Wolfgang Schäuble reibt sich die Hände und begutachtet einmal pro Tag seinen Geldspeicher – er nimmt so viele Steuern ein wie selten zuvor. Herr Müller und Frau Schmidt sind trotzdem zufrieden, da sie Arbeit haben und nicht zuletzt auch aufgrund des Mindestlohnes gut verdienen. Die schwarz-rote Regierung Merkel-Gabriel kann nun Projekte umsetzen, die zu einer spürbaren Entlastung der Bevölkerung führen könnten. Auch wenn die Kfz-Maut eingerichtet wird und der Soli bleibt. Ganz anders jedoch nur wenige Kilometer weiter über die Grenze – in Österreich. Hier wurde klassisch der Anschluss verpasst. Die rot-schwarze Regierung Faymann-Spindelegger hatte zu sehr mit sich selbst zu tun. War vorerst von Krise noch nicht viel zu spüren, wurde auch nichts in die Hand genommen. Es reichte ja, wenn ein Herr Stronach sich in seiner alten Heimat niederliess und Arbeitsplätze schuf – alles andere würde ja sowieso von selbst kommen (“Wart’ mer mal, schau’n mer mal!”). Jetzt hingegen sind die Auftragsbücher leer, die Zahl der Arbeitslosen stieg im Februar mit 466.226 (Quelle: AMS) auf ein bisher noch nie dagewesenes Niveau. Im Vergleich dazu haben in Deutschland im selben Monat 3,02 Mio (Quelle: statista.de) keine Beschäftigung gehabt. Immer lauter wurden nun die Rufe auf eine Steuerentlastung. Allen voran die Wirtschaft – Betriebe fallen in die Insolvenz oder lagern in günstigere Länder aus, einheimische Mitarbeiter werden immer mehr zum Luxus, die Inflation ist wesentlich höher als in Deutschland, von einer Lohnerhöhung bleibt meist überhaupt nichts übrig. Nach der Schlappe bei den letzten Nationalratswahlen, bei welcher die beiden Parteien gerade noch gemeinsam die absolute Mehrheit erringen konnten (hatten sie doch vor den Wahlen schon versprochen, dass sie derart weitermachen werden), gab es jetzt Brot und Spiele für das aufgebrachte Volk:

Die Steuerreform!

Riesengross angekündigt, erweist sich diese jedoch als nichts anderes als heisse Luft – eine Flatulenz auf offener Almkräuter-Wiese! Kein Wunder, ist doch für derartige Spielereien überhaupt kein Geld da: Budgetloch in der Grösse von mehreren Milliarden, Hypo-Alpe-Adria in der Höhe von mehreren Milliarden, ein Heer an Arbeitslosen, …

“Wenn man die Grunderwerbssteuer auf 30 Jahre aufteilt, ist das ein erschwinglicher Betrag!”
(Reinhold Mitterlehner in den Vorarlberger Nachrichten)

Anmerkung des Schreiberlings:
Andere haben in diesen 30 Jahren ihren Neubau abbezahlt! Weshalb dann auf ein altes Haus zurückgreifen, das in den meisten Fällen noch saniert werden muss?

Triumphierend wurde verkündet, dass jedem unselbständig Arbeitenden über 900,- € mehr im Jahr zur Verfügung stehen wird. Klingt ja wirklich gut – bleibt aber (um im Mitterlehner’schen Jargon zu bleiben) aufgeteilt auf 12 Monate nicht wirklich sehr viel übrig, auch wenn Finanzminister Schelling von der “grössten Entlastung der Zweiten Republik” spricht. Verständlich somit die Reaktion der Opposition: “PR-Gag der Regierung!” (Die Grünen), “Kümmerliches Paketchen!” (FPÖ), “Blosse Geldumverteil-Aktion” (Team Stronach): Dafür wurde die Mehrwertsteuer in der Hotelerie und dem Kultursektor, im Kino, Schwimmbädern und sogar den Kindergärten, aber auch auf Pflanzen und Tiere (besteuerbares Gut?) auf 13 % erhöht, der Grunderwerb wird eklatant teurer (nicht mehr vom dreifachen Einheitswert sondern vom Verkehrswert errechnet – je nach Wert der Immobilie entspricht dies einer Erhöhung von bis zu 70 %), der Sachbezug für Autos steigt um 0,5 %, die Steuer auf Zinsvorteile von bereits versteuertem Geld (KESt.) wird um 2.5 auf 27,5 % angehoben, die Immobilienertragssteuer steigt um 5 % und der ganze Alpenstaat avanciert zum wirtschaftspolizeilichen Überwachungsstaat: Registrierkassen, Schwarzarbeit, Konteneinsicht (ohne richterliche Anordnung), Meldung bei grösseren Kapitalabflüssen (Barbehebungen, Auslandsüberweisungen,…) und nicht zuletzt auch der Verkauf von Eigentum – es lebe der Generalverdacht der Steuerhinterziehung! Bietet etwa jemand auf E-Bay mehrere gleiche Artikel zur Versteigerung oder Verkauf an, so gilt ab bereits drei dieser Produkte eine Wiederholungsabsicht – das soll besteuert werden. Ist einerseits gut, da sich einige ein goldenes Händchen dabei verdient haben, indem sie Waren aus eigener Fertigung steuerfrei (mit Ausnahme der luxemburgischen MWSt. in der Höhe von 17 % (seit 01.01.15 – davor gar nur 15 %) online an den Abnehmer brachten. Versteigert nun hingegen der Familienvater das Spielzeug seines Sohnes, der diesem Alter entwachsen ist, oder die Bibliothek des Grossvaters, so wird dies künftig ebenfalls steuerlich belastet werden – nach dem 3. Matchbox-Auto oder Buch. Hallo? Bei der Einkommenssteuerberechnung wird alles Einkommen in einen Topf geworfen. Dann gilt der Steuersatz für dieses jährliche Einkommen für die Berechnung der Einkommenssteuer abzüglich der bereits durch den Arbeitgeber abgerechneten Lohnsteuer. Wer also Pech hat, kann durch solche Versteigerungsplattformen unbeabsichtigt in eine höhere Steuerklasse rutschen, wodurch unter’m Strich weniger übrig bleibt als zuvor.

http://onlinerechner.haude.at/bmf/brutto-netto-rechner_Entlastungsrechner.html

Tu felix Austria – am besten in Deutschland investiert, dort kommt eine ordentliche Rendite zusammen oder in Spanien angelegt, dort kostet derzeit ein Haus so gut wie nichts. Doch im Lande von Wolfgang Amadeus Mozart, Hans Krankl und Conchita Wurst wird jeder Euro gleich mehrfach besteuert – wenn man unter einer Erhöhung der Steuern eine “Vereinfachung des Steuerrechts” versteht, dann hat die Regierung wohl eine saubere Arbeit abgeliefert. Auch Vizekanzler Reinhold Mitterlehner betont, dass es eine gelungene Reform ist, die ein einheitliches, ein gerechteres Steuersystem bringe – fragt sich letztlich: Für wen! Hierzu sei erwähnt, dass die grosse Koalition in Österreich ja schon seit 2007 die Register an der Ringstrasse in Wien zieht. Es wäre also genügend Zeit gewesen, ordentliche Lösungen zu suchen, zu finden und umzusetzen. Auch wenn der Eingangssteuersatz von 36,5 auf 25 % gesenkt wird, anstelle der drei nun sechs Steuerstufen bei den Napierschen Rechenstäbchen der Finanzämter eingeführt werden, der höhere Spitzensteuersatz für einen grösseren Beitrag der Reichen sorgt – so fressen die Gegenfinanzierungsmassnahmen diese Vorteile wieder mehr als komplett auf. Auch ein neuerlicher Anstieg bei den Verbrauchssteuern lässt sich bereits wieder erahnen.
Apropos Verbrauchssteuern! Hier orten Steuerrechtsexperten, wie etwa der deutsche Sozialrichter Jürgen Borchert, die grösste soziale Ungerechtigkeit: Im Bedeutungswechsel zwischen Einkommens- und Verbrauchssteuer. In der Schweiz und in Österreich beispielsweise werden die Besserverdienenden auch mehr zur Kasse gebeten (“progressive Versteuerung“). Ein Beispiel? Mein Nachbar verdient im Jahr 30.000,- €. So sind beispielsweise in Österreich die ersten 10.000,- € steuerfrei, die nächsten 15.000,- € werden zu 38,333 % und die letzten 5.000,- € zu 43,596 % versteuert. Somit bezahlt er nicht die doppelte Steuer wie mein anderer Nachbar, der nur 15.000,- € im Jahr verdient – sondern wesentlich mehr! Bei Einkommen über 60.000 € jährlich gilt zwischen Neusiedler- und Bodensee ein Spitzensteuersatz von 50 % (nach der Steuerreform 55 % bzw. 60 % bei den 416 Einkommensmillionären – zeitlich vorerst, später dann heimlich übernommen, auf 5 Jahre befristet). In Deutschland beginnt bei einem Einkommen von 8.700,- € die Besteuerung mit 1 %. Pro 500 bis 1.000,- € steigt dieser durchschnittliche Steuersatz um 1 %. Ein Grenzsteuersatz von 25 % ist erst bei einem Jahreseinkommen von 14.800,- € erreicht, der Spitzensteuersatz von 42 % gilt ab einem jährlichen Einkommen von 51.700,- € (Quelle: Einkommenssteuer-Grundtabelle 2015) – oder habe ich da etwas falsch verstanden??? Im Vergleich dazu lag er in der Wiederaufbauzeit nach dem 2. Weltkrieg (1948-1953) bei satten 95 %. Damit mussten die Reichen wesentlich mehr als die Armen beitragen um damit eine volkswirtschaftliche Verschiebung zugunsten der Reichen zu vermeiden. Borchert meinte kürzlich bei einem Interview im SWR, dass die 46 reichsten Deutschen mit einem Durchnittsverdienst von 174 Mio eine Steuerbelastung von unter 30 % vorzuweisen haben, jeder Arbeitnehmer aber inklusive des Arbeitgeberbeitrages bei über 50 % liege. Hier wird also bei der Einkommenssteuer bereits schon beim kleinen Volk mehr abgeschöpft als bei den Reichen. Bezahlen Unternehmer dann auch noch überdurchschnittliche Löhne für Frau, Söhne und Töchter bzw. Neffen und Nichten oder Enkel, so können diese als Betriebsausgaben selbstverständlich steuerschonend abgeschrieben werden. Sich selbst hingegen gönnen sich die Unternehmer nur niedrigere Löhne, da durch die Ausschüttung der Gewinne meist mehr lukriert werden kann – fiskalisch ausserdem wesentlich sinnvoller. Hinzu kommen nun auch noch die Verbrauchssteuern wie Mineralöl-, Tabak-, Alkoholsteuer,… Bei den Niedrigverdienern bleibt am Monatsende nicht viel übrig von ihrem Gehalt. Je weniger der Einzelne verdient, desto mehr davon geht in den Konsum (Miete, Nahrung, Mobilität, Bekleidung, …) – zum Ansparen oder Investieren in welcher Form auch immer – nada! Somit ist die steuerliche Belastung weitaus höher als bei den Besserverdienenden (“regressive Besteuerung“). Beim kleinen Volk wird alsdann auch hier mehr abgeschöpft als bei den Reichen. Bringt für Vater Staat mehr, da es ja auch wesentlich mehr sind! In der Schweiz hatte ein Bundesgericht diese regressive Besteuerung für verfassungswidrig eingestuft, als der Kanton Obwalden sie einführen wollte. Der Vollständigkeit seien hier noch die beiden anderen Steuerformen erwähnt:
.) Die proportionale Steuer! Hier gilt für alle der gleiche prozentuale Anteil der Steuerberechnungsgrundlage; etwa 25 % Einkommenssteuer für alle! Ergibt bei einem höheren Einkommen mehr, bei einem niedrigeren weniger an Steuern!
.) Die degressive Steuer! Mit zunehmenden Einkommen verringert sich die Steuerbelastung. Dies gilt etwa beim Erreichen absoluter Höchstsätze. Jener, der gerade mal darüber kommt, muss wesentlich mehr seines Einkommens besteuern als jener, der beispielsweise um das Zehnfache mehr verdient. Beispiel: Der Höchstsatz liegt bei 500.000,- € im Jahr. Liegt jemand mit einem Einkommen so hoch, dass er diesen gerade mal überschreitet, so bezahlt er im Vergleich zum Einkommen wesentlich mehr Steuern als jener, der das fünffache verdient. Auch dieses Steuermodell wurde in der Schweiz als unverhältnismässig gekippt, als einzelne Kantone es einführen wollten. In der Sozialversicherung hingegen ist der Höchstbetrag gang und gebe – auch in den USA und Grossbritannien (“Payroll Tax”).
Was die Steuerreform in Österreich anbelangt: Auch wenn ausländische Experten betonen, dass dies ein Tropfen auf den heissen Stein ist und die lauthals verkündete “Impulssetzung durch wirtschaftspolitische Massnahmen” eine Ankurbelung des inländischen Konsums und dadurch der Wirtschaft nicht erwarten lässt, die Reform gar noch eine steuerliche Verschärfung bringt (“Tarifanpassung nach oben”) und der Tourismus als Arbeitgeber ausgedünnt wird, …: So ist beispielsweise alleine im Tourismusland Tirol mit Mehrkosten von 60-70 Mio € für Hoteliers und Gastwirte per anno zu rechnen. Ab 2016 soll es für 6,4 Mio Österreicher und Österreicherinnen merkbar besser werden. Durchschnittlich 1.000,- € mehr im Jahr im Börserl – insgesamt 4,9 Milliarden, die aber gar nicht da sind – bei der Hypo Alpe Adria sind mehr Steuergelder bereits weggezaubert – wohin weiss niemand! Die Steuerreform wird höchstwahrscheinlich ebenso viel bringen, wie die anderen dermassen toll präsentierten Ideen der Nicht-Experten:
.) Zur Bekämpfung der Schwarzarbeit wurde etwa der Handwerker-Euro eingeführt! Ein Schuss nach hinten, da die Handwerkerrechnungen beim Steuerausgleich meist abgelehnt werden, da sie den Bestimmungen nicht entsprechen. Diese Wohnraum-Sanierung als Absetzung entfällt künftig! Nix mit Impuls für klimagerechte Sanierung!
.) Betreuungsgeld um die Kitas zu entlasten – junge Familien haben meist auch hohe Schulden und können es sich nicht leisten, einen Mitverdiener dauerhaft zu verlieren. Beim Nachbarn Deutschland derzeit ein harter Diskussionsbrocken.
.) Verwaltungsabbau und Entbürokratisierung – seit Jahrzehnten ein Versprechen in unzähligen Wahlkämpfen! Würden es die Verantwortlichen ernst damit meinen, wäre es nicht jetzt schon wieder auf der Agenda.
.) Steuerliche Berücksichtigung von Lebensversicherungen – wird die Steuer bei Auszahlung der Lebensversicherung fällig, kostet es mich meist mehr als ich dadurch jährlich weniger an Steuern eingespart habe (Maximum-Grenze von 750,- €/Jahr – bei einer Familie mit den üblichen Versicherungen und Krankenversicherung leicht erreicht). Zudem muss man heutzutage noch froh sein, wenn man zum Endfälligkeitsdatum das rausbekommt, was einbezahlt wurde. Und dann nochmals Steuern davon abziehen? Diese – in Deutschland auch als Riesterrente bezeichnete – Absetzmöglichkeit entfällt ebenso wie jene für Wohnraumbeschaffung
.) Einkommen unter 11.000 € steuerfrei – dies ermutigt auch mehr Unternehmer, aus einem Vollzeit-Posten zwei Teilzeitjobs zu machen! Diese Angestellten haben dann eklatante Probleme mit ihrer Pension – der Staat muss zuschiessen.
.) Bildungsfreibetrag und Bildungsprämie – unsere westliche Gesellschaft kann sich nur über die Bildung definieren und von den anderen absetzen. Während in Deutschland immer mehr in dieser Richtung getan wird, entfallen diese Absetzmöglichkeiten ab 2016!
.) Bei Lohnerhöhungen blieben bislang bei einem Jahresgehalt von brutto 30.000,- € 44,3 % in der Lohnsteuer und der Sozialversicherung hängen! Hinzu kommt die Inflation, die das Leben immer teurer macht! Somit rinnt dem arbeitenden Volk das Geld nurmehr durch die Finger, ohne dass dagegen etwas unternommen werden kann. An dieser Stelle sei auch Lob angebracht: Durch die Einführung dreier neuer Steuerstufen sollte diese Steuerprogression abgeflacht werden (eine Forderung übrigens, wie sie auch von führenden Wirtschaftsexperten in Deutschland gestellt wird) – doch bleibt sie nach wie vor bestehen! Soll heissen, dass Tarifverhandlungen bislang zu beinahe 45 % auch für Vater Staat gemacht wurden!!! Ich bin ja kein Lohnbuchhalter, doch ergibt sich für mich folgendes Rechenexempel: Bei einer KV-Erhöhung von 2,1 %, wie 2014 bei den österreichischen Metallern, muss als erstes die Inflation abgezogen werden, durch welche das Geld weniger wert ist (in Österreich zuletzt bei 1,61 %). Somit bleiben 0,49 % übrig – 45 % davon gehen in Form von Lohnsteuer und Sozialversicherung ab – bleiben gerade mal 0,22 % netto übrig! Bei einem Einkommen von 1.400,- €/Monat netto bleiben 3,08 € zusätzlich pro Monat stehen! WOW!
Nicht thematisiert wurden zudem die hohen Beiträge der Selbstständigen in die Sozialversicherung und die Senkung der Lohnnebenkosten für Angestellte – um nur zwei Punkte zu nennen.
Übrigens – Jürgen Borchert brachte zudem eine andere Idee auf: Das nicht-besteuerbare Existenzminimum sollte zudem für Kinder gelten! Schliesslich verursachen auch Sie dauerhaft Fixkosten! Das Kindergeld ist alsdann nur eine Teilrückzahlung des Staates, der Kinderfreibetrag ein Erlass auf etwas, das bereits schon eingehoben wurde! Apropos Staat: Neben der leistungsbezogenen Kfz-Steuer gibt es nun in Deutschland noch eine Kfz-Steuer (Strassenmaut) – sollte das Ganze durch den EuGH wegen Ungleichbehandlung gekippt werden: Wird Wolfgang Schäuble die Maut zurückziehen? Wohl kaum, dann wird der Rabatt in der Kfz-Steuer gestrichen werden – Berlin hat plötzlich Milliarden mehr, ohne als Buhmann dastehen zu müssen. Und in Österreich verkauft ein dynamisches Trio Faymann-Mitterlehner-Schelling eine Steuererhöhung als Steuerreform, die dem Bürger zugute kommt! Unterschrieben haben dies zudem alle, doch bekennt sich nun im Nachhinein niemand mehr dazu!
Deshalb sei mir zum Abschluss eine Frage erlaubt:

Nehmen uns die da oben eigentlich noch für voll???

(Fortsetzung folgt….)

Lesetipp:

.) Sozialstaats-Dämmerung; Jürgen Borchert; Riemann 2013

Links:

www.bmf.gv.at
www.bruttonetto-rechner.at
www.wko.at
www.oehv.at
www.arbeiterkammer.at
www.oevp.at
spoe.at
www.wienerzeitung.at
wirtschaftslexikon.gabler.de
www.einkommenssteuertabelle.de/
www.bundesfinanzministerium.de

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Das Problem mit den Führern …

“Folge mir, ich bin dein Alphatier
Alphatiere können nicht verlieren
Glaube mir, ich bin ein Alphatier
Alphatiere können nicht verlieren!”

(Marius Müller-Westernhagen – “Alphatier”)

Es gibt sie, und es gibt sie nicht. Viele wollen es sein, werden es jedoch nie. Ist man es nicht, so brauchen einige Gewalt um es sein zu können! Was geht eigentlich in den Köpfen dieser Rudelführer, dieser Alphatiere vor?
Herzlich willkommen zu einem kurzen Ausflug in die Gruppentypologie!
Alpha ist der erste Buchstabe des griechischen Alphabets – auch wenn derzeit viele denken, es wäre “tsi” wie Tsipras! In der Verhaltensforschung spricht man von einem Alphatier, wenn es eine Herde, ein Rudel oder auch einen Schwarm anführt. Das Leittier ist meist das grösste und kräftigste seiner Art, da es viele Kämpfe gegen Widersacher bestehen muss. Alphatiere sind in der Regel männlich und auch sexuell die aktivsten in ihrer Gruppe. Zuhauf lassen sie kein zweites Männchen im Umfeld zu. Im Hühnerstall ist es der Hahn, der mit scharfen Krallen und Schnabel auf Gegner losgeht, in der Herde der Steinböcke der Leitbulle, der seine Kontrahenten bei unglaublichen Machtkämpfen aus der Herde verbannt und bei den Gorillas der Silberrücken, der zuerst durch das Trommeln auf den Brustkorb oder die Erde aufzeigt, wo der Bartl den Most herholt. Man möchte meinen, dass es beim Menschen der Intelligenteste ist, der ein Volk anführt. Doch – weit gefehlt. Schliesslich kommen bei der sog. “Krone der Schöpfung” noch unzählige weitere Eigenschaften in’s Spiel, die ein derartiges Gruppenverhalten gewaltig aus den Fugen bringen können.
Eine dieser Eigenschaften ist die “Autorität”. Neben den Griechen waren die alten Römer jenes Volk mit der am besten funktionierenden Gesellschaft. Sie haben aus den Fehlern der Griechen gelernt und versucht, diese auszumerzen. Deshalb gab es Rechte und Pflichten der Bürger, die auch deren Positionierung im Rahmen der Gesellschaft ganz eindeutig regelten. Eigens hierfür wurde die sog. “auctoritas” eingeführt. Der Imperator (“Cäsar”) war die höchste Autorität im Staate. Sein Wort entschied über Sein oder Nicht-Sein. Mit dem Senat gab es eine (schein-) demokratische Einrichtung, die ebenfalls sehr mächtig war – der Autorität des Imperators allerdings in keinster Weise gleich kam! Jeder Kaiser nun versuchte, jene Senatsmitglieder, die ihm unpässlich zu sein schienen, durch getreue Gefolgsleute zu ersetzen. Nach wie vor das Wesen der heutigen Diktatoren – aber auch der Führungskräfte in einem Unternehmen: Mit dem Fachbereichsleiter wechseln meist auch die anderen Führungspositionen. Schliesslich braucht der neue Chef ja loyale Mitarbeiter, die ihm nicht am Stuhl sägen. Der CEO beauftragt seinen Personalchef jenen Mitarbeiter zu finden, der intelligent, kompetent und strebsam ist, der gut mit seinen Mitarbeitern kann und deshalb auch immer wieder von diesen angesprochen wird. Dem Grosses vorausgesagt wird, der auch im Management beliebt ist! Um ihn zu entlassen! Schliesslich könnte er zur Gefahr des Rudelführers werden.
Der deutsche Jurist und Nationalökonom, aber auch Soziologe aus Leidenschaft, Max Weber beschäftigte sich zwischen dem auslaufenden 19. Jahrhundert und dem Ende des 1. Weltkrieges vornehmlich mit dem “Idealtypus”, aber auch dem “Moralischen Handeln in der Gesinnungs- und Verantwortungsethik”. Viele seiner Definitionen finden auch heute noch in der Soziologie, der Wirtschaft und Politik Anwendung. So etwa auch die Aufteilung der unterschiedlichsten Autoritäten nach den charakteristischen Charismatisierungsquellen – in diesem Falle grob vereinfacht:

.) Charakter-Autorität (persönliche Autorität)
.) Behörden-Autorität (gegebene Autorität)
.) Kompetenz-Autorität (wissende Autorität)

Durch Spezialisten aus den unterschiedlichsten Wissensbereichen, wie etwa Jane Elliott und Erich Fromm (Pädagogik) oder Gerard Mendel (Soziopsychoanalyse) wurde dies noch verfeinert, differenzierter dargestellt.
Das klassische Alphatier nun wäre jener, der nur auf der Charakter-Autorität aufbaut und sich die beiden anderen Autoritäten zu nutze macht. Sei es durch Gefolgsleute, Berater oder andere Möglichkeiten. Allerdings kämpfen in unseren Breitengraden die Anführer des Volkes nicht wie in anderen Regionen dieser Welt noch mit dem Schwert gegeneinander, um zu sehen, wer der Stärkere ist. Sie lassen sich bis zu einem gewissen Punkt die Autorität durch die Gesetze geben, danach formen sie die Gesetze nach eigenem Gutdünken. Die eigentlich wichtigste Autorität, die Wissenskomponente, bleibt dabei meist den Beratern überlassen – leider! Versagt dann die Kompetenz, weil Flüsterer verstossen werden, selbst davon laufen oder vielleicht doch nicht wirklich kompetent waren, so setzt die Charakterautorität zunehmend auf Gewalt, um sich Gegner vom Leibe zu halten und hierdurch die erarbeitete Rolle oder Position verteidigen zu können. Sie fallen wieder auf das Niveau der Steinböcke, die mit ihren Köpfen voran aufeinander zurennen und dies wiederholen, bis einer der beiden durch die Schmerzen des ständigen Aufpralls klein bei geben muss. Einzig die Methode unterscheidet Menschen wie Hitler oder Stalin bzw. auch Kim Jong-un von den Tieren: Sie lassen kämpfen und treten selbst nurmehr nach, wenn der Andere schon auf dem Boden liegt!
Die meisten wirklichen menschlichen Alphatiere bauen also auf einem sehr gesunden Selbstvertrauen mit einem klar definierten Ziel auf, das sie erreichen wollen, sowie einer ordentlichen Portion der Selbstpräsentation, der Selbstdarstellung. Ein Alpha benötigt immer das Publikum, den Spot auf der grossen Theaterbühne – perfekt etwa beim Österreicher Richard “Mörtel” Lugner zu sehen, der sich auch nicht davor gescheut hat, auf Schritt und Tritt von Kameras begleitet zu werden; Peinlichkeiten mit einem Lächeln preisgebend, die besser hätten verschwiegen werden sollen. Aufmerksamkeit – koste es, was es wolle! Fehler machen dabei nur die anderen, Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. So soll Daimler-Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche einst gegenüber einem Unternehmensberater betont haben, dass Daimler nicht ohne ihn, er aber ohne Daimler könne! Alter Schwede! Jene Menschen allerdings, die dies alles ermöglichen, werden niemals in den pubilzierten Erfolg eingeschlossen. Wladimir Putin etwa baut auf einem ganzen Stab ihm treuest untergebener Gefolgsleute auf, ohne die seine derzeitige Stellung gar nicht machbar wäre. Und einer der treuesten ist ohne Zweifel Dmitri Anatoljewitsch Medwedew, der dem ehemaligen KGB-Offizier den Stuhl im Kreml warmhielt, als dieser per Gesetz nicht mehr kandidieren durfte – ein Gesetz, das inzwischen geändert wurde. Widerspricht nun einer dieser Stabsoffiziere, so verliert er seine Existenzberechtigung in diesem Kreis der Privilegierten. Putin ist somit der Prototyp des modernen Leittiers: Intelligent, zielstrebig, makellos, strategisch durchtrieben und lässt für sich kämpfen. Einziger Makel: Die geschiedene Ehe – denn Alphas machen ja keine Fehler! Viele dieser speziellen Menschen stehen derzeit in einer Warte- und Lauerstellung. In der Branche der Berufspolitiker besonders gefährlich, lässt sich doch das Volk sehr rasch beeinflussen und vergisst vieles binnen kürzester Zeit! Perfektes Beispiel: Der vorhin erwähnte griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hat seinen Wählern wieder goldene Zeiten, Schokoladebrunnen sowie eine schallende Ohrfeige für die ach so böse EU versprochen, wenn er gewählt wird. Jetzt – einige Wochen nach seinem Erfolg in der Bürgergunst – gleicht er eher dem Ritter von der traurigen Gestalt, der gegen die Windmühle kämpft. Trotzdem hàben viele seiner Landsleute den Glauben an ihn noch nicht verloren, da sich die Wut gegen die Sparmassnahmen dermassen aufgestaut hat, dass sie dem krawattenlosen Vorzeige-Linken alles abnehmen würden. So gäben nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes MARC für den TV-Sender Alpha im März nicht weniger als 40,2 % der Griechen der Tsipras Partei SYRIZA ihre Stimme – der konservativen Oppositionspartei ND hingegen nurmehr 21 %. Dass es jedoch die Griechen selbst es waren, die für diese Krise verantwortlich sind und eine Zeit lang wie die Maden im Speck lebten, steht gar nicht zur Diskussion. Tsipras ist derjenige, der die Krise meistern wird – er ist der Leitwolf!
Auch in der Wirtschaft gibt es immer wieder derartige Fälle. Traditionsunternehmen gehen den Bach runter, weil der Rudelführer als Alphatier grundsätzlich keine Fehler macht, geschweige denn sich gute Berater in’s Boot holt, die ihm auch schon mal widersprechen. So sprangen viele auf die Energiewende und die sich dadurch bietenden Möglichkeiten auf. Wenn sie auch anfänglich vielleicht Erfolge damit einheimsen konnten, so bekamen sie schon sehr bald den rauhen Wind der chinesischen Billigkonkurrenz zu spüren und mussten schliessen. Oder wurden durch Investoren übernommen, welche die Pokerkarten nach einer gewissen Zeit durch ein neues Päckchen ersetzen.
Alpha-Männchen bilden mit ihren Alpha-Weibchen das sog. Alpha-Pärchen. Wir kennen das ja zur Genüge aus den US-amerikanischen College-Filmen: Der Quarterback des Schul-Footballteams mit der Anführerin der Cheerleaders! Bei nur ganz wenigen Arten (Mufflons, den Bergzebras, den Kattas, …) werden die Herden von Alpha-Weibchen geführt. In der Rangordnung geht es dann weiter mit den Beta- bis hin zu den Omega-Tieren. Interessant ist inzwischen die Erkenntnis, dass in einem Rudel Wölfe zwar die Elterntiere die Führungsfunktionen übernehmen – tatsächlich aber nur selten autoritär auftreten. Ansonsten herrscht ein soziales Gefüge – entgegen der bisherigen Auffassung, dass jedes Rudel nur einen Anführer hat.
Ein Alpha-Tier ist und bleibt ein Alphatier – vollkommen egal, in welcher Situation es sich befindet. Somit ist es beispielsweise erklärbar, dass viele Frauen solcher Männer lieber alleine zum Einkaufen gehen, da der Alpha – auch wenn er zum ersten Mal dabei ist – ansagt, was einzukaufen ist und was benötigt wird. Dies gilt selbstverständlich auch für die Arbeit – die Kollegen sind nur der lästige Rest, mit dem sich ein solches Leittier abfinden bzw. gar quälen muss. Somit wird die immer wieder in den Stellenausschreibungen enthaltene Eigenschaft der “Teamfähigkeit” für ein Alphatier ad absurdum geführt. Erfahrene Headhunter können nach nur wenigen Augenblicken solche Rudelführer von der Masse der anderen unterscheiden: Während etwa der Beta-Bewerber etwas nach seitlich gebeugt auf dem Stuhl sitzt und nickend zustimmt, sitzt der Alpha-Bewerber kerzengerade ohne sich anzulehnen. Er scheut auch davor nicht zurück, den Headhunter zu unterbrechen und seine Meinung durchzusetzen. Zudem glänzt er mit der Schilderung seiner bisherigen schulischen oder beruflichen Erfolge. Dass dabei nur das Positive vermittelt wird, steht ganz ausser Frage. Betonte doch der bereits erwähnte Daimler-Chef Dieter Zetsche ebenfalls einem Headhunter zischend gegenüber, dass er grundsätzlich nur erfolgreiche Unternehmen führt! Manches Mal ist ein solches Alphatier in einer Abteilung recht sinnvoll. In den meisten Fällen aber gibt es aufgrund seiner Dominanz Probleme. Kollegen, v.a. aber Kolleginnen werden eingeschüchtert, die Kreativität der ganzen Gruppe eingeschränkt, da ja nur die Meinung des Rangersten zählt. Dies kann schon mal fatale Folgen haben, wenn dieser die Gruppe aus welchen Umständen auch immer verlässt! So kann eine hochqualifizierte Arbeitsgemeinschaft den Bach runter geh’n, da es niemand mehr gewohnt ist, eigenständig zu arbeiten, seine Ideen einzubringen. Die Arbeit ist keine One-Man-Show – zumindest nicht offiziell! Hinter den Linien weiss jeder, dass auch eine Einzelperson eine Gruppenarbeit wesentlich schneller und effizienter erledigen kann. Doch gilt jener als überheblich, der gerne seine eigenen Ideen umsetzen und für das Resultat alleine verantwortlich sein möchte – könnte ja an der Position des Alphatieres arbeiten!!! Im Zusammenspiel der Abteilungen hingegen zählt unbestritten die Zusammenarbeit. So kann der Vertrieb erst dann etwas auf den Weg bringen, wenn der Einkauf, die Produktion, das Marketing und auch der Verkauf funktioniert hat! Es ist nicht alleine der Verdienst des Verkaufs, wenn ein Unternehmen gut läuft. Auch nicht der Geschäftsführung. Hier spielen die unterschiedlichsten Faktoren zusammen. Schliesslich könnte der CEO nicht auf dermassen gute Leute zurück greifen, wenn der Personalchef nicht ein derart gutes Händchen bewiesen hätte oder der Ausbildner nicht aus den Lehrlingen so gute Mitarbeiter gemacht hätte. Auch solche Löwen, die es gewohnt sind, laut zu brüllen, sollten sich besinnen, dass sie ihre Kollegen brauchen, andere Herangehensweisen sollten in’s Kalkül gezogen werden – somit sind auch die Ideen der Gruppenmitglieder wichtig – nicht nur jene des Anführers. Zeigt sich dabei der Rudelführer zwar als charismatisch, jedoch als inkompetent, verliert nämlich die Gruppe an Kreativität, an Flexibilität und an Innovation. Hier nun kommt der Big Boss in’s Spiel, der nicht unbedingt ein Alphatier sein muss, jedoch die Behörden-Autorität vorzuweisen hat. Ein guter Unternehmensleiter, Vereinspräsident, Direktor,… schafft es, “die Stärken ihrer Mitarbeiter zu aktivieren und Schwächen zu kompensieren!” (Wirtschaftspsychologe Dr. Albert Nussbaum). Gilt übrigens auch für jeden einzelnen Lehrer: Es gibt durchaus Schüler, die mehr drauf haben als die Pädagogen. Sie einzuschränken, ist ein Fehler. Sie zu fördern der Sinn dieses Berufes!
Und trotzdem regt sich zumindest bei mir so etwas wie Mitleid: Während sich Beta-Tiere auch anderen Tätigkeiten zuwenden können, sind Alphatiere immer nur damit beschäftigt, die Position gegenüber Widersacher verteidigen zu müssen. Da fällt mir in diesem Zusammenhang ein Spruch eines meiner Namensvetter, Oskar Stock, ein:

“Nichts ist anstrengender, als immer Recht haben zu müssen!”

Um das bisher eher etwas abstrakt Beschriebene nun zu untermauern – hier einige praktische Beispiele:
.) Dieser Tage sah ich zwei Katzen auf der Strasse. Die Eine (das Alphatier) nahm Kampfhaltung ein und war zum Absprung bereit. Die andere (das Beta-Tier) marschierte langsam und gemütlich in einiger Entfernung vorbei – sie wollte nicht kämpfen!
.) In der Gruppe des Alphas kommt ein neues Mitglied hinzu – ein ausgezeichneter Tischtennis-Spieler. Der Rudelführer wird natürlich einmal diesen Tischtennisspieler herausfordern, schliesslich kann er ja alles besser als die anderen. Nachdem er eine volle Abfuhr erfahren hat (selbstverständlich vor Publikum), wird er wie ein Verrückter trainieren. Ab dem Zeitpunkt jedoch, an dem er erkennen muss, dass es keinen Sinn mehr macht, ist das Thema gestorben. Ganz nach dem Motto: “Wen interessiert schon Tischtennis! Ist doch sowieso nur ein Spiel! Viel wichtiger scheint doch wohl, den Zusammenhang zwischen Protestantismus und Führungspositionen nach Max Weber zu kennen. Dann schicke ich als Katholik meinen Nachwuchs nicht auf eine humanistische sondern auf eine naturwissenschaftliche Schule, damit aus ihm mal etwas wird!” Übrigens – Leistungssportler sind meist nur in einer Sportart wirklich gut, da sich die Trainingsmethoden beispielsweise eines Marcel Hirschers komplett von jenen eines Michael Phelps unterscheiden.
.) Das Alphatierchen hat vom Urlaub eines Beta-Tierchens erfahren, der beim Schnorcheln am Barrier Reef einem Kugelfisch in die Augen geschaut hat. Das Alphatier hingegen bucht für den nächsten Urlaub Bali und badet dort in einer heiligen Quelle. Die weltweite Empörung entlockt ihm nur ein müdes Lächeln.
.) Das Loch in der Strasse ist das einzige auf 5 Kilometer. Das Beta-Tier fährt zwar hinein, denkt sich aber nichts dabei. Der Alpha fährt ebenfalls zielsicher hinein und wird fucksteufelswild. Schliesslich haben die anderen ihn beobachtet, wie und wo er diese Stelle passiert und haben dort mit der Spitzhacke ein Loch reingemacht. Und – das Omega-Tier kehrt um, nachdem es mit seiner Klapperkiste in das Loch gefahren ist, und fährt noch fünfmal hinein. Schliesslich ist es ja seine Bestimmung, kein Loch auszulassen!
Zuletzt noch eine beiläufige Bemerkung für all jene unter Ihnen, die – mit der Aussicht auf einen Führungsposten – beim nächsten Vorstellungsgespräch voll den Alpha markieren, darstellen, schauspielern oder was auch immer. Unternehmensberater oder auch Personalchefs gleichen das Persönlichkeitsprofil mit dem Anforderungsprofil der Position ab. Die wirklich guten HR-Spezialisten hingegen wissen, dass dieses Anforderungsprofil bereits in kurzer Zeit überholt sein könnte. Sie müssen also vorausplanen und abchecken, inwieweit ein Bewerber das Unternehmen weiterbringen wird – auch wenn er vielleicht nur in speziellen Punkten diesem Anforderungsprofil entspricht. Auf diese Weise greifen sich auch die vielgerühmten Headhunter aus dem Pool heraus, wen sie gerade benötigen: Was hat diese Person bisher in seiner Arbeit bewirkt! Die Krawatte ist hier nur Beiwerk!

Lesetipps:

.) Das Faszinosum Max Weber. Die Geschichte seiner Geltung; Karl-Ludwig Ay, Knut Borchardt (Hrsg.); UVK; Konstanz 2006
.) Max Weber und Heinrich Rickert – Die erkenntnistheoretischen Grundlagen der verstehenden Soziologie; Peter-Ulrich Merz-Benz; VS Verlag für Sozialwissenschaften; Wiesbaden 2008
.) Auge in Auge mit dem Wolf: 20 Jahre unterwegs mit frei lebenden Wölfen; Günther Bloch, Peter A. Dettling; Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2009
.) Was ist Autorität? Einführung in die Logik der Autorität; Joseph Maria Bocheński; Herder; Freiburg 1974

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Weiss – ein Leben lang

Es war ganz eindeutig ihr Lachen, das ihn fesselte, als sie sich das erste Mal damals in dieser schummrigen Bar in Havanna getroffen hatten – ein strahlendes Lächeln mit blendend weissen Zähnen. Na kein Wunder – vor einer Woche war sie beim Zahnarzt und hat sich ein professionelles Bleaching machen lassen. Zeigt sie ihre weissen Zähne, ist der Betrachter nahezu geblendet! Allerdings darf sie auch nicht mehr rauchen und muss den Kaffee mit einem Strohhalm trinken! Ach ja – und Weisswein ist sowieso tabu!
Eine Untersuchung hat ergeben, dass mehr als 50 % der Männer beim ersten Date auf die Zähne der Frau schauen. Dabei assoziieren sie weiss mit einem gesunden Lebenstil und guter Hygiene. Werte Geschlechtsgenossen – ich muss leider diese Jahrhunderte alte Binsenweis(s)heit zumindest teilweise widerlegen.
Unsere Beisserchen begleiten uns mehr oder weniger ein ganzes Leben lang! Deshalb bedarf es auch einer guten Pflege um sie möglichst lange im Original- und somit gesunden Zustand zu besitzen. Schliesslich müssen sie ungeheurem Druck standhalten, der durch die sog. “Mundschliesser” verursacht wird. Unter dieser Muskelgruppe versteht der Experte die Schläfenmuskel, den grossen Kaumuskel und den inneren Flügelmuskel, die allesamt dafür verantwortlich zeichnen, dass wir bei der Kaubewegung den beweglichen Unterkiefer zum Oberkiefer ziehen können, also zubeissen können. Die Muskeln, die über Bänder am Schädelknochen fixiert sind, üben unglaubliche Kräfte beim Zubeissen aus. Und das anatomische Wunderwerk “Kauapparat” garantiert, dass alle Zähne gleichzeitig aufeinandertreffen, sodass der meiste Druck nicht nur auf den Mahlzähnen (“Molaren”) auftrifft, die dem Kiefergelenk am nächsten liegen. Problematisch wird es hingegen, wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die des nächtens mit den Zähnen knirschen. Dies führt mit der Zeit zu einer dauerhaften Schädigung der Zähne und auch des Unterkiefers mitsamt seines Gelenks.
Tatsächlich sind unsere Zähne kleine Mysterien, die sich aus dem “Enamelum” (Zahnschmelz) und der “Pulpa” (Zahnmark), dem Dentin, der Wurzelhaut und Zement zusammensetzen. Ihre Form besteht aus einem meist leicht zugespitzten , konischen Kegel, der beim Menschen etwa nicht nur dem Zerreissen und Zerkleinern/Zermahlen der Nahrung, sondern auch der artikulatorischen Phonetik, dem Sprechen dient. Der kleine Mensch (ebenso wie viele andere Säugetiere auch) bekommt als erstes die Milchzähne (Dentes decidui), die er wieder verliert, während die zweiten Zähne (Dentes permanentes) teils/hoffentlich bis ins hohe Alter Bestand haben. Die dritten Zähne sind dann meist unechte, also Zahnersatz! In der Funktion, Beschaffenheit und Stellung wird zwischen Schneide- und Eckzähnen sowie den Vormahl- und Mahlzähnen unterschieden. Aufgebaut sind die Beisserchen in jeweils eine Zahnkrone, Zahnhals und Zahnwurzel. Die Härte bekommt der Zahn durch den Zahnschmelz, dem ich heute auch diese Zeilen widmen möchte.
Dieser Zahnschmelz ist die härteste Substanz im menschlichen Körper – er hält beim Erwachsenen im durchschnittlichen Kauzyklus für 0,5 bis 0,8 Sekunden rund 20-30Kp/cm² aus oder auch eine Zugfestigkeit von bis zu 450 MPa (Megapascal = Newton pro mm²) (Vickershärte 250 bis 550 HV10). Im Vergleich dazu weist Baustahl S235JR eine Zugfestigkeit beginnend bei 370 MPa auf – also 37,7 kg pro Millimeter Querschnittsfläche! Jene Zellen, die diese Härte bilden, sind die sog. “Adamantoblasten”. Sie verarbeiten die Grundstoffe Calcium, Phosphor, Sauer- und Wasserstoff zu Hydroxylapatit (Ca5(PO4)3 OH)! Kommen nun noch die Fluoride hinzu, so entsteht aus der nahezu unaussprechlichem chemischen Verbindung das noch unaussprechlichere Fluorapatit (Ca5(PO4)3(F)) – Horn! Der Zahnschmelz ist wasserlöslichen Stoffen gegenüber aufnahmefähig. Was beim Calcium und den Fluoriden durchaus positiv ist, kann ihn allerdings etwa bei Säuren auch zerstören, da sie das Calcium und die Phosphate herauslösen und den Schmelz dadurch aufweichen! Soweit zur kleinen, nicht wirklich ganz vollständigen physiologischen Zahnkunde.
Unsere Zähne werden richtig gereinigt, indem zuerst die Kauflächen mit der Zahnbürste gesäubert werden, dann die Aussenflächen und schliesslich die Innenseite der Zähne (KAI-Methode). Dabei werden die Kauflächen durch hin- und herbewegen der Bürste, die Aussenfläche durch grosse Kreise und die Innenseite durch kleine Kreise oder dem Hin- und Herbewegen der Bürste geputzt!
Trotz alledem lagern sich mit der Zeit Koffein, Nikotin, Tannin und Spurenelemente im Kristallgefüge der Zähne ab. Auch penicillinhaltige Arzbneimittel können zu einer Verfärbung der Zähne führen. Das zunehmende Alter macht zudem die Farbe der Zähne automatisch etwas dünkler. Abgestorbene Zahnnerven können alsdann das Ihre dazu beitragen. Reicht nun die Bürste nicht, so kann zusätzlich zu Möglichkeiten gegriffen werden, die einem ein “gesundes, strahlend weisses” Lachen bescheren können.

.) Polierpasten
Diese Spezialprodukte enthalten Putzkörper (je nach Produkt andere). Je grösser dieser Putzkörper sind, desto grösser ist auch die “Schmirgelwirkung” (der Experte spricht von “Abrasivität”). Allerdings muss beachtet werden: Grosse Partikel zerkratzen die Zahnoberfläche, beschädigen also den Zahnschmelz! Zu kleine hingegen erzielen auch eine kleinere Reinigungswirkung (“verminderte Reinigungseffizienz”). Dafür jedoch ist der Poliereffekt umso grösser. Derartige Putzkörper sind auch in Zahnpasten enthalten, damit die Zahnoberfläche während des Reinigens damit abgeschliffen wird, sprich: Essensreste, Plaque und Zahnstein entfernt werden. Nur der Zahnarzt kann die richtige Politur durchführen, da er weiss, welche Grösse diese Partiukel haben sollen, ohne dadurch den Zahnschmelz zu gefährden.

.) Pulverstrahlgeräte
Habe soeben auf der Seite eines Zahnarztes gelesen: “Pulverstrahl tut nicht weh, Pulverstrahl tut gut!” (DDr. Paul Moser). Was im Grossen beispielswiese an Bauwerken mit dem Sandstrahler erledigt wird, das geschiht auch im Kleinen mit den Bauwerken in unserem Mund. Allerdings – Gott bewahre, nicht mit dem Sand aus der Sandkiste des Zahnarztnachwuchses – sondern mit Wasser und einem speziell dafür entwickelten Pulver! Viele Dentisten sehen im Einsatz dieser Geräte keinerlei Problem. Etwas mulmig hingegen kann einem schon bei dem Gedanken werden, wenn bewusst wird, dass in der stahlverarbeitenden Industrie ebenfalls ein Wasserstrahl zum Schneiden verwendet wird (allerdings um ein kleines bisschen stärker gebündelt!). Auch Prof. Dr. Andreas Schulte aus Heidelberg meinte in einem Fachartikel: “Allerdings sollte der Einsatz der Geräte nur bei den entsprechenden Indikationen und – hinsichtlich der Restaurationsmaterialien – nur bei keramischen Oberflächen erfolgen.” Schliesslich besteht die Gefahr, dass sog. “Emphyseme” dadurch ausgelöst werden. Hierunter vetseht man das unübliche und vermehrte Vorkommen von Luft oder Gas in einem Gewebe. Zudem verrät kein Hersteller die genaue Zusammensetzung des verwendeten Pulvers. Dr. Schulte vermutet, dass dies zu rund 95 % aus Natrium-Bikarbonatpartikeln (NaHCO3 – dient der Pufferung von Säuren, ist auch als Treibmittel im Backpulver enthalten), evt. auch Silika-Partikeln, Aromastoffen und Zusatzstoffen besteht, die ein Verklumpen des Pulvers verhindern sollen. Wer nun vielleicht denken sollte, dass eine derartige Zahnreinigung auch mit dem heimischen Kompressor aus der Garage bewerkstelligt werden könnte, hat recht – wenn’s ihn nicht stört, dass er danach gar keine Zähne und auch Zahnfleisch mehr hat! Das muss somit unbedingt vom Spezialisten gemacht werden!

.) Reduktionsbleiche
Hierbei kommen Schwefelverbindungen zum Einsatz. Sie entziehen den Verfärbungen den Sauerstoff. Allerdings ist die Freude über die Bleichung nur für kurze Zeit vorhanden, da die Zähne und damit auch Verfärbungen auf den Zähnen ja ständig wieder mit Sauerstoff in Verbindung kommen.

.) Oxidationsbleiche
Dafür werden Wasserstoffperoxid oder die unterschiedlichsten Chlorverbindungen verwendet. Während der Anwendung wird Sauerstoff freigesetzt, die Farbstoffe oxidieren, ihre Moleküle gespalten und aus dem Zahnschmelz herausgelöst. Zwar hält diese Bleiche etwas länger als die Reduktionsbleiche – doch ist nach spätestens 2 Jahren wieder der vorhergehende Zustand erreicht.

Das Bleichen (“Bleaching”) kann entweder zuhause gemacht oder vom Zahnarzt durchgeführt werden. Jeweils gilt: Das Zahnfleisch muss in guten Zustand und die Zahnoberfläche säuberlichst gereinigt sein. Zahnfüllungen werden nicht mitgebleicht. Doch – ganz so einfach ist es nicht. Das Bleichmittel darf auf gar keinen Fall mit dem Zahnfleisch in Berührung kommen, da ansonsten irreversible Schäden (Zahnfleischentzündung) auftreten können. Nach erfolgtem Bleaching sollte ferner eine Stärkung des Zahnschmelzes mit Fluoriden erfolgen. Also – es ist besser, wenn Sie einen Experten Ihres Vertrauens hinzuziehen, so auch die Meinung der deutschen Bundeszahnärztekammer, die sich auf den § 1 Zahnheilkundegesetz (ZHG) bezieht, aber auch jene etwa des Wiener Zahnarztes DDr. Claudius Ratschew. Nicht nur wie er es betont, um gewisse Vorsichtsmassnahmen einhalten zu können. Oftmals halten nämlich auch die Produkte nicht das, was sie in der Werbung versprechen. Es wäre doch schade, wenn Sie bis zu 40 € in der Drogerie ausgeben und erzielen damit keinerlei Wirkung.
Empfehlenswerter hingegen erscheint da schon, wenn Sie die gesamte Prozedur dem Zahnarzt überlassen. Er trägt ein stärkeres Mittel direkt auf dem Zahn auf und bestrahlt die Zähne mit Licht oder einem Soft-Laser. Hierdurch spaltet sich der Sauerstoff aus dem Wasserstoffperoxid ab und bleicht mit wesentlich grösserer Effizienz. Während bereits nach einer Sitzung von rund einer Stunde sichtbare Erfolge beschert sind, muss der Einsatz mit dem Gel für die Zuhause-Anwendung rund zwei bis drei Wochen getragen werden. Tote Zähne hingegen werden nicht gebleicht. Hier muss wiederum der Spezialist Hand anlegen, indem er einen mit Wasserstoffperoxid getränkten Wattebausch in den Zahn einführt – der Zahn wird von innen gebleicht. Ein professionelles Bleaching beim Dentisten hat allerdings auch seinen Preis: 30-70 € pro Zahn – für das Home-Bleaching mit den Materialien des Zahnarztes (Mundeinsatz, Bleaching-Gel) legt der Interessierte auch schon mal 300,- € auf den Tisch.
Nun ja – wo gehobelt wird, da fallen auch Späne. Das Bleaching birgt so einige Risiken, die vor einer Behandlung abgewogen werden sollten.
.) So hat beispielsweise eine Studie der Ohio State University (USA) nachgewiesen, dass einige dieser Bleaching-Produkte zu einer Entmineralisierung des Zahnschmelzes führen – der Zahn verliert an Härte und Elastizität.
.) Bei Karies kann das Bleaching eine Schädigung des Nervs bewirken; immerhin haben (oder hatten) vier von fünf Menschen weltweit Karies
.) Kommt das Zahnfleisch mit dem Bleaching-Mittel in Berührung, kann dies zu einer Reizung bzw. unter Umständen gar zu einer Entzündung führen. Davon können auch die Zahnhälse betroffen sein.
.) Füllungen oder Inlays werden nicht gebleicht
Die Elastizität übrigens erhält der Zahn durch das Zahnbein (Dentin). Es umschliesst das Zahnmark, das Innerste des Zahnes.
Und nun zum Jahrzehnte alten Trugschluss: Die Farbe der Zähne ist nicht wirklich weiss! Die Zahnfarbe entsteht durch das Dentin, das durch den mehr oder weniger durchsichtigen Zahnschmelz hindurchschimmert. Somit ist also die Dicke des Zahnschmelzes entscheidend, wie die Farbe des Dentins wahrgenommen wird. Je dicker nun diese Schutzschicht ist, desto weniger scheint das Dentin hindurch. Dabei spielt der sog. “Lumineffekt” eine ganz entscheidende Rolle. Er lässt nämlich die Beisserchen bei Tageslicht gelblicher, bei Kunstlicht rötlicher erscheinen. Verantwortlich dafür ist die UV-Strahlung der Sonne. Sie regt die Farbtöne gelb, rot und auch das Fluoreszenzgrün an – es entsteht mehr oder weniger weiss (je nach Rot- und Grün-Anteil). Das erleichtert nicht gerade die Arbeit des Zahnarztes, wenn es beispielsweise an die Farbbestimmung einer Füllung oder Krone geht! Da kann der Behandlungsstuhl in der Sonne oder die am Nachmittag schon etwas müderen Augen des Dentisten eine ganz entscheidende Rolle spielen. Schliesslich soll das fremde Teil ja farblich auch zu den anderen Zähnen passen (Farbästhetik des Gebisses). Deshalb gilt hier die Formel: Es zählt jenes “Licht, das am 15. September um 12.00 Uhr Mittag bei bedecktem Himmel” herrscht (“theoretisches Tageslicht”). Damit nun dieser Lumineffekt auch bei Kunstzähnen erreicht ist, werden der Füllung bzw. dem Zahnersatz lumineszierende Stoffe beigegeben. Trotzdem kann etwa bei Disko-Beleuchtung (mit einem Anteil an “Schwarzlicht”) ausgemacht werden, welche Zähne echt und welche nicht echt sind.
Doch zurück zur natürlichen Zahnfarbe. Während die Bezeichnung “Dentin” nicht unbedingt gedankliche Verbindungen herstellen lässt, so ist dies beim deutschen Wort “Zahnbein” einfacher. Als “Bein” wird im medizinischen Fachjargon der Knochen (“Os”) bezeichnet. Die natürliche Farbe der Knochen ist jedoch in den meisten Fällen nicht griechisch-weiss, sondern aufgrund der Zusammensetzung leicht gelblich! Das trübt nun das weisse Farbempfinden, das durch die Komplementärfarben rot und grün gebildet wird. Zudem tragen Zahnstein und Plaque, aber auch die unterschiedlichsten Farbstoffe aus Getränken (Kaffee, Schwarztee, Rotwein, Fruchtsäfte) und Tabak zu Verfärbungen der Zähne bei. Zum Test können Sie ja mal mit einem Schluck Rotwein den Mund spülen und dann auf der Tanzfläche den Strahlemann machen! Somit sind weisse Zähne eigentlich eher untypisch, müsste man sich doch nach jeder kleinen Zwischen- (insbesondere bei Obst) oder grossen Hauptmahlzeit bzw. nach jeder Tasse Kaffee oder jedem Glas Orangensaft die Zähne putzen, was wiederum zu mechanischen Schäden des Zahnschmelzes führen kann. Ausserdem beinhalten die meistehn Getränke Säuren in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen. Zahnpasta hingegen ist meist basisch! Um nun eine Störung des ph-Haushaltes im Mund zu vermeiden, sollte zwischen dem Essen und der Mundhygiene etwas Zeit gelassen werden. Wie bereits beschrieben, dringen beispielsweise Säuren durch den Zahnschmelz in’s Innere des Zahns vor und führen dort zu Verfärbungen, die nurmehr sehr schwer wieder wegzubekommen sind. Auch bestimmte Medikamente können eine Verfärbung der Zähne mit sich bringen.
Viele Zahnärzte verstehen übrigens unter “Mundhygiene” nicht wirklich das Bleaching! Die meisten meinen damit die Entfernung von Plaque und Zahnstein, bzw. das zweimalige Putzen mit einer Bürste sowie die tägliche Behandlung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide, damit sich hier keine Essensreste festsetzen, die zu Karies oder Parodontose führen können.
Somit also zum Schluss eine rein philosophische Frage, auf die ich mir auch keinerlei Antwort erwarte: Gehen wir mal davon aus, dass wir nur einmal leben (für gläubige Christen: “Iim Paradies ist sowieso alles anders!”), so bleibt es jedem Einzelnen selbst überlassen, was er aus diesem seinem Erdendasein macht. Besteht sein einziger Wille nur darin, anderen zu gefallen? Bitte – wer will! Ich bin jedoch eher ein Vertreter der zweiten Kohorte: Ich will das mir geschenkte Leben geniessen, was nicht unbedingt eine gesunde und hygienische Lebensweise ausschliesst! Doch – soll ich immer einen Strohhalm mitführen und kehlige Schlucklaute von mir geben müssen, damit ich auch Genussmensch sein kann? Oder soll ich einen guten Tropfen Wein auch mal über die Zunge abfliessen lassen können, damit die in dieser enthaltenen Geschmackspapillen auch tatsächlich den muskatnussähnlichen, aromatischen Abgang dieser Südlage preisgeben und über die Qualität des edlen Tropfens entscheiden können.

PS:
Auch ich bin dem Trugschluss auferlegen: Zahnimplantate sind künstliche Zahnwurzeln. Der Zahnersatz selbet ist dann die Krone oder der Prothesenzahn!

Lesetipps:

.) Über das Wesen der Zahnfarbe, Zahnfarbmessung und dentaloptischer Phänomene. Neue Erkenntnisse und neuartige Methoden; André Hoffmann; Athene Media Verlag, Dinslaken 2010
.) Das vierdimensionale Zahnfarbsystem; Muia P.J.; Quintessenz, Berlin 1982
.) Schöne Zähne; Stephan Berg, Norbert Schmitz-Koep; Honos Verlag 2001
.) Gesunde und schöne Zähne; Josef Schmidseder; Südwest-Verlag 2002

Links:

www.zahnheilkunde.de
www.zahnwissen.de
www.bzaek.de
www.kindergesundheit-info.de
www.aerztezeitung.de/
www.kariesvorbeugung.de
www.uni-mainz.de

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