Archive for Mai, 2015

DIe Zeit der Angst

https://www.youtube.com/watch?v=MCya4jBwZes

Mit diesem Dreifach-Selbstmord (wenig später folgte auch Ingrid Schubert in der JVA München) dachte das offizielle Deutschland, dass sich das mit dem Linksterrorismus von selbst erledigt haben sollte! Doch weit gefehlt!

Alles begann mit dem Tot des Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration am 02: Juni 1967. Die Studentenbewegungen wurden darauf hin militant und schreckten auch vor Gewalttaten nicht mehr zurück. So gingen am 2. April des Jahres 1968. In Frankfurt/Main zwei Kaufhäuser in Flammen auf: Brandstiftung! Die Ermittlungen führten zur Festnahme von vier Personen: Der damaligen Studentin Gudrun Ensslin und deren Freund Andreas Baader sowie von Thorwald Proll und Horst Söhnlein. Mit dieser Tat sollte ein Zeichen gegen den Vietnamkrieg gesetzt werden, gegen die Ignoranz der Deutschen zum kriegerischen Eingreifen der USA in Fernost. Der Schaden belief sich auf 700.000 D-Mark (350.000 Euro). Die Berichterstattung über den anschliessenden Prozess nutzte die Journalistin Ulrike Meinhof immer mehr um damit gegen den Konsumterror des Westens zu protestieren. Nachdem Revision beantragt wurde, kamen die zu jeweils drei Jahren Verurteilten auf freien Fusse – Ensslin und Baader nutzten dies um zu fliehen.
Ab Dezember 1969 traf sich regelmässig eine Gruppe Gleichdenkender in der Wohnung der Freundin des Rechtsanwaltes Horst Mahler in Berlin. Nahezu wöchentlich stiess ein neues Mitglied hinzu. Ziel war es, eine bewaffnete Stadt-Guerilla-Gruppe zu gründen. Bei einer fingierten Verkehrskontrolle konnte schliesslich Andreas Baader nach dem Hinweis eines V-Mannes doch noch festgenommen werden. Er war übrigens als einziger Sprössling einer Arbeiterfamilie, alle anderen entstammten einem sog. “gutem Hause”.
Der 14. Mai 1970 gilt als die Geburtsstunde der ersten terroristischen Vereinigung Deutschlands, der “Roten Armee” – später ergänzt durch das Wort “Fraktion” (RAF). An diesem Tag pressten Ulrike Meinhof und der Baader-Anwalt Horst Mahler den Inhaftierten im Rahmen eines fingierten Interviews mit Waffengewalt frei. Ein Mann wurde dabei schwer verletzt. Ab diesem Zeitpunkt distanzierte sich auch die intellektuelle Linke von der RAF. So meint etwa einer deren Köpfe, Rudi Dutschke, in seinen Memoiren:

„Die negativen Auswirkungen der RAF-Scheiße sind vielerorts erkennbar, CDU/CSU im besonderen, Regierung im allgemeinen und RAF-Kacke im einzelnen scheinen verheiratet zu sein: um den politischen Klassenkampf zu hemmen!“

Inzwischen waren Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof untergetaucht – im Nachhinein wurde bekannt, dass sie sich mit anderen Gesinnungsgenossen in einem Trainingscamp der palästinensischen Fatah-Miliz in Jordanien ausbilden liessen. Die Schlagzeilen in den Zeitungen wurden ab sofort von der “Baader-Meinhof-Gruppe” beherrscht. Mit Banküberfällen und Brand- sowie Sprengstoff-Anschlägen begann die RAF ihren Kampf gegen den Imperialismus, gegen die jüdisch-angloamerikanische Fremdherrschaft mit dem Ziel einer kommunistischen Regierung auch in Westdeutschland. 4 Personen kamen dabei um’s Leben, 60 weitere wurden teils schwer verletzt. In Wohnungen richteten die “Kämpfer” (wie sie sich selbst bezeichneten) Unterschlüpfe und Waffenlager ein. Auch ich staunte nicht schlecht, als in den 80ern bekannt wurde, dass in der unmittelbaren Nachbarschaft meines Elternhauses in der Nähe von Frankfurt eine solche “konspirative Wohnung” ausgehoben wurde. Die beiden Bewohner waren stets freundlich und unauffällig. Die Klassenfeinde gehörten in den 70ern zu den meist gesuchten Verbrechern – ihre Köpfe waren in allen Polizeistationen und Bahnhöfen zu sehen. Dies brachte auch Erfolge: Nach intensiven Fahndungen konnte im Sommer 1972 die nahezu komplette Entscheidungsebene der 1. Generation der RAF festgenommen werden: Gudrun Ensslin, Holger Meins, Jan-Carl Raspe, Ulrike Meinhof und erneut Andreas Baader. Immer wieder versuchte nun die 2. RAF-Generation rund um Peter-Jürgen Boock und Brigitte Mohnhaupt ihre Anführer aus der Haft freizupressen (“Offensive 77″). Etwa durch die Ermordung des Generalbundesanwaltes Siegfried Buback sowie zwei seiner Fahrer oder durch die Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer und der Ermordung seiner vier Begleiter. Doch lief dies nicht wie gewünscht. Die Regierung hatte beim ersten Versuch einige Terroristen in den Jemen freigelassen, die sich jedoch erneut blutig in Deutschland zu Wort meldeten. Deshalb war Kanzler Helmut Schmidt zu keinerlei Eingeständnissen mehr bereit. Um ihre Forderungen nachhaltig zu untermauern kidnappte eine Gruppe mit der RAF verbündeter Palästinenser die Lufthansa-Maschine “Landshut”, die jedoch in Mogadischu durch GSG9-Spezialeinheiten gestürmt wurde. 86 der 87 Geiseln wurden befreit, der Pilot bei einer Zwischenlandung bereits vorher durch die Geiselnehmer erschossen. Diese übrigens überlebten das Stürmen der Maschine nicht. Noch in dieser Nacht haben sich Baader, Raspe und Ensslin in ihren Zellen erhängt. Die vierte im Bunde, Irmgard Möller, verletzte sich beim Selbstmord-Versuch mit einem Messer schwer. Die Leichen und die Verletzte wurden erst am Morgen beim Frühstücksgang entdeckt. Lange galt es als erwiesen, dass nachgeholfen wurde, da einiges nicht stimmig war, sehr vieles verwunderte.

“Nur solange einer lebt, kann er aufstehen und kämpfen. Wenn du hörst, ich hätte mich umgebracht, dann kannst du sicher sein: es war Mord.“
(Ulrike Meinhof)

So wurde etwa sofort von Selbstmorden gesprochen – damals war es jedoch Usus, dass ein derartiger Schluss erst nach abgeschlossenen Untersuchungen gezogen wurde. Deshalb kombinierten einige Journalisten und Querdenker, dass die gefährlichen Inhaftierten aus dem Weg geräumt wurden, damit nicht noch mehr Aktionen durch deren Zöglinge angezettelt werden konnten. Experten hingegen verneinen inzwischen eine Fremdeinwirkung.
Es war ein dunkles Kapitel in der deutschen Justizgeschichte, das nach wie vor geheimnisumwittert ist. Welche Rolle spielte die CIA in der Todesnacht von Stammheim bzw. der BND dann in der 2. RAF-Generation (“Celler Loch”, V-Männer)? Welche die DDR? Wie war es möglich, dass linksradikale Extremisten so viele Menschen umbrachten und noch wesentlich mehr in Angst und Schrecken versetzen konnten – über nahezu drei Jahrzehnte! Urteile als Blamage des Rechtsstaates Deutschland? Die Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim galt als DAS Hochsicherheitsgefängnis in Deutschland schlechthin. Der komplette 7. Stock – die Terroristen-Etage – war ein Gefängnis im Gefängnis. Ulrike Meinhof kritisierte die Haftbedingungen in Ihrem Ablehnungsantrag heftigst.

https://www.youtube.com/watch?v=s_MBW_RZNMo

Von Folter und Isolationshaft ist die Rede – nicht nur sie forderte die Anerkennung als “Kriegsgefangene”. Am 09. Mai 1976 schliesslich setzte Ulrike Meinhof in Zelle 719 ihrem Leben ein Ende – mit einem zerrissenen und zusammengeknoteten Handtuch, das an den Gitterstäben ihres Zellenfensters angebracht war. War dies das Ende der proletarischen Revolution? Holger Meins verstarb bereits am 9. November 1974 in Folge eines Hungerstreiks gegen die Haftbedingungen – allerdings in der Haftanstalt Wittlich. Der prominenteste Fürsprecher für bessere Haftbedingungen der inhaftierten Baader-Meinhof-Bande war der französische Philosoph Jean-Paul Sartre, der allerdings nach einem Treffen in Stammheim Andreas Baader als “Arschloch” bezeichnete! Übrigens wurden drei der RAF-Anwälte später Politiker: Otto Schily (Grüne/SPD), Hans-Christian Ströbele (Grüne) und Rupert von Plottnitz (Grüne). Die Stammheimer Prozesse endeten nach 192 Tagen!
Die zweite Generation der RAF konnte durch die Verhaftung der Köpfe Siegfried Haag (1977) bzw. Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt im November 1982 ebenfalls dingfest gemacht werden. Doch war der Kampf gegen den innerdeutschen Terrorismus auch damit noch nicht zu Ende. 1984 löste sich in einer Wohnung in Frankfurt/Main versehentlich ein Schuss aus einer Pistole. Die Kugel durchschlug den Boden und blieb im Fussboden der Wohnung darunter stecken. Deren Bewohner, der gerade Fernsehen schaute, alarmierte die Polizei, die nicht schlecht staunte. Schliesslich konnte an diesem 2. Juli mit Barbara Ernst, Christa Eckes, Ernst-Volker Staub, Helmut Pohl, Ingrid Jakobsmeier und Stefan Frey nahezu die komplette Führungsebene der 3. RAF-Generation festgenommen werden. Übrig blieben noch Birgit Hogefeld, Eva Haule und Wolfgang Grams. Sie verbündeten sich mit der französischen Terror-Gruppe “Action Directe”, da die Stasi kopfschüttelnd weitere Hilfe verweigerte. So sollen Stasi-Offiziere, die inzwischen die geflohenen Terroristen der 2. Generation in der DDR betreuten, gemeint haben:

“Mit solchen Amateuren wollen wir nichts mehr zu tun haben!”

Kurz vor dem Fall der Mauer flogen wie durch ein Wunder die in der DDR untergetauchten Terroristen urplötzlich auf – es folgte deren Auslieferung an die BRD. Der 3. Generation wurde vonseiten der DDR-Regierung jedwede Unterstützung untersagt.
Es war ein mehr als blutiger Kampf, den sich die 60 bis 80 Mitglieder der Roten Armee Fraktion mit der Staatsgewalt auf offener Strasse lieferte. 34 durch die RAF getötete Menschen und 20 tote “RAF-Guerillas” waren das Resultat dieses Extremismuses. Die erste Terroristin, die im Kugelhagel starb war das Hippie-Mädchen Petra Schelm am 15. Juli 1971 in Hamburg. Eines der letzten der Opfer war vierzehn Jahre später am 01. Februar 1985 der MTU-Manager und BDLI-Präsident Ernst Zimmermann, der durch einen Schuss aus einer Maschinenpistole in seinen Hinterkopf im eigenen Schlafzimmer regelrecht hingerichtet wurde. Und dies, obgleich beim Zugriff drei Jahre zuvor in der Wohnung in Frankfurt entsprechende Pläne für diese Ermordung, aber auch jene des Siemens-Vorstandes Karl-Heinz Beckurts sichergestellt werden konnten. MTU produzierte für den auch durch die NATO verwendeten Kampfbomber Tornado Turbinen und den Kampfpanzer Leopard Motoren. Insgesamt wurden noch 22 Aktionen durch die 3. Generation verübt, 29 Menschen wurden dabei verletzt, 10 ermordet. Darunter auch die letzte RAF-Hinrichtung am 01. April 1991 – der Chef der Treuhandanstalt Detlev Karsten Rohwedder (“Kommando Ulrich Wessel”). Der letzte Terrorist wurde 1999 durch die österreichische Polizei erschossen: Horst Ludwig Meyer. Die meisten Fälle gelten inzwischen als aufgeklärt, wenn gleich auch nur ganz wenige der Führungsköpfe bekannt waren. Nicht geklärt jedoch die Ermordung des Diplomaten von Braunmühl. Auch viele der Aktionen der 1. und 2. Generation blieben nach wie vor ungewiss. Bewiesen durch beispielsweise Bekennerschreiben ist nur, dass die RAF dahintersteckte. Wer jedoch tatsächlich die todbringenden Schüsse etwa auf den Generalbundesanwalt Sigfried Bubak abgab, ist nach wie vor unklar. Die Ermordung des Chefs der Dresdner Bank, Jürgen Punto, jedoch scheint eindeutig: Den ersten Schuss hatte Christian Klar, die weiteren tödlichen Schüsse Brigitte Mohnhaupt abgefeuert. Am 20. April 1998 schliesslich erklärten angebliche Mitglieder der RAF in einem achtseitigen Pamphlet an die Nachrichtenagentur Reuters deren Auflösung – sie hatten auch im äusserst linken Bereich jegliche Unterstützung verloren.

„Vor fast 28 Jahren, am 14. Mai 1970, entstand in einer Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte.“

(Quelle: Reuters)

1976 wurde der neue Strafbestand “Mitglied einer terroristischen Vereinigung” in das Strafgesetzbuch aufgenommen, die Anti-Terror-Gesetze aus den Jahren 1977 bis 79 gelten nahezu allesamt noch heute (Kontaktsperre-Gesetz, Rechtsanwaltslimitierung,…) – und schneiden die Menschenrechte der Bürger sobald irgendein Zusammenhang zum Terrorismus erkannt wird, extremst ein. Aus den damaligen Studentenbewegungen entwickelten sich die RAF, die Bewegung 2. Juni, die Revolutionäre Zellen und die Rote Zora. Die einstigen “Kämpfer des Proletariats” sind inzwischen verstorben oder haben ihre Strafen abgesessen. Der letzte Überlebende der 1. Generation, Horst Mahler, betätigt sich komplett kontrovers als Rechtsextremist und Holocaust-Leugner, zuletzt erhob die Staatsanwaltschaft Cottbus im Mai 2014 Klage gegen Mahler wegen Volksverhetzung. Brigitte Mohnhaupt aus der 2. Generation wurde im März 2007, Christian Klar im Dezember 2008 aus der Haft entlassen – er dürfte derzeit in der Schweiz leben. Eva Haule aus der 3. Generation ist heute künstlerische Fotografin, sie wurde im August 2007 aus der Haft entlassen; Christa Eckes lebt gegenwärtig in Karlsruhe – sie befand sich zumindest zum Zeitpunkt der Morde an Bubak und Schleyer in Haft!
Doch vergessen können zumindest all jene nicht, die von diesem RAF-Terrorismus direkt oder indirekt betroffen waren. Als Christian Klar aus der Haft entlassen wurde, wollte der Co-Pilot der 1977 entführten Lufthansa-Maschine, Jürgen Vietor, das Bundesverdienstkreuz zurückgeben.

„Die Freilassung verhöhnt alle Opfer der RAF, seien sie tot oder noch am Leben.“
(Jürgen Vietor)

Die Bundesstaatsanwaltschaft ermittel seit November 2014 erneut in der Ermordung des Bundesstaatsanwaltes Sigfried Buback.
Eigentlich sollte der Staat aus der Bekämpfung dieser revolutionären Elemente gelernt haben – doch wie sich in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart etwa bei der NSU oder den salafistischen Gruppen herausstellt: Zu wenig! Vieles wird auch hier vertuscht oder gilt als geheim. Zuletzt etwa als ein Rechtsradikaler, der gegen die NSU aussagen wollte, in der Nacht zuvor in seinem Auto verbrannte. Seine Verwandten hatten angeblich der Polizei im Nachhinein einige persönliche Gegenstände des Mannes ausgehändigt – darunter auch das Handy. Diese galten aber plötzlich als verschwunden. Wenige Wochen später tauchten einige wieder auf – es fehlt nach wie vor das Handy.
Terrorismus ist eine üble Sache, die bekämpft und unterbunden werden muss. Schliesslich geht es um das Ersetzen einer Staatsform durch eine andere – zumeist weitaus totalitärere. Völlig egal ob aus dem rechten, linken oder religiösen Lager! Dabei dreht sich alles um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ob Unschuldige sterben oder nicht ist gleichgültig – ganz im Gegenteil: Je mehr sterben, umso grösser ist der Aufschrei in der Bevölkerung! Wie die jüngsten Ereignisse immer wieder beweisen, kann es dabei jeden von uns treffen. Deshalb sollte auch jeder von uns informiert darüber sein, was Terrorismus heisst und beinhaltet. Es sind wahrhaft keine Helden, da sie die Bomben ferngesteuert explodieren lassen – auch wenn sie von jemandem am Körper getragen werden. Das sind nur deren meinungslose und radikalisierte Handlanger!

Lesetipps:

.) Der Baader-Meinhof Komplex. Hoffmann und Campe; Stefan Aust; Hamburg 1985.
.) Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF; Butz Peters; Argon, Berlin 2004
.) Die Todesnacht in Stammheim – eine Untersuchung; Helge Lehmann; Pahl-Rugenstein 2011
.) Das Lächeln der Alligatoren; Michael Wildenhain; Klett-Cotta 2015.) Das RAF-Phantom. Wozu Politik und Wirtschaft Terroristen brauchen; Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber & Ekkehard Sieker; Droemer Knaur, 1997
.) Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF; Martin Hoffmann (Hg.) ; ID-Verlag, Berlin 1997
.) Natürlich kann geschossen werden; Michael Sontheimer; Deutsche Verlags-Anstalt 2010
.) Die Akte RAF. Taten und Motive. Täter und Opfer; Ulf G. Stuberger; Herbig, München 2008

Filmtipps:

.) “Die innere Sicherheit”; Spielfilm, Regie: Christian Petzold 2000
.) “Die Stille nach dem Schuss”; Spielfilm, Regie: Volker Schlöndorff
.) “Stammheim”; Doku-Drama, Regie: Reinhard Hauff, Drehbuch: Stefan Aust 1986
.) “Ulrike Meinhof – Wege in den Terror”; Dokumentarfilm (60 Min.) ARD 2006

Links:

http://www.verfassungsschutz.de/

http://www.dhm.de/

http://www.socialhistoryportal.org/

http://www.todesnacht.com/

http://www.bpb.de

http://www.rafinfo.de/

http://hdg.de/lemo

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Mmmmmh – wie lecker!!!

Mein Beitrag über Crystal Meth vor einigen Monaten hat für ziemlichen Wirbel gesorgt. Ich hoffe, dass er auch etwas bewirkt hat – nämlich die Überzeugung, die Finger von solch gefährlichen Giften zu lassen. Oder würde jemand unter Ihnen vielleicht Rohrreiniger direkt aus der Flasche trinken!? Wenn ja, darf ich an der geistigen Zurechnungsfähigkeit zweifeln.
Na ja – die Giftmischer schlafen leider nicht. Sobald etwas auf der Strasse verkauft wird, sobald etwas verboten wird, sobald wird etwas neues entwickelt um mit dem verschissenen Sucht-Leben der anderen Geld zu machen! Blutgeld! Leider kamen seither wieder einige Nachfolge-Drogen auf den Markt, die gleich oder gar noch heftiger wirken als Meth und zugleich fatalere Folgen hinterlassen: Meow, Bonzai etwa aber auch die neue Horrordroge Flakka!
Experten bezeichnen Flakka als wesentlich gefährlicher wie Crystal Meth. Die Synthie-Droge ist günstiger, stärker und macht weitaus schneller abhängig. Die Folgen hingegen sind noch schwerwiegender: Nierenversagen und Schäden an den Herz-Muskelfasern und Herzgefässen durch die stark erhöhte Herzfrequenz. Auch Fieberanfälle mit 40 Grad Körpertemperatur sind nicht selten (deshalb auch das Entkleiden der Betroffenen). Die US-amerikanischen Medien sind derzeit voll mit Berichten und Abschreckungen.

https://www.youtube.com/watch?v=p1g4nvIA2Hw

In der Szene wird die neue Designerdroge auch als “Kies” bezeichnet. Chemisch gesehen ist u.a. der Wirkstoff Methylendioxypyrovaleron (MDPV) für den “Rauschzustand” verantwortlich. Dieses Amphetamin wird übrigens auch zum Strecken von Ecstasy verwendet. In geringen Dosen verabreicht gleicht die Wirkung jener von Ecstasy. Wird diese aber erhöht, so spricht man vom sog. “Hulk-Modus”: Es versetzt den Süchtigen in einen Zustand des Verfolgungswahns. So werden Flakka-Süchtige immer wieder vor allem in den US-Bundesstaaten Texas, Ohio und Florida nackt, halluzinierend und sehr aggressiv aufgegriffen. In diesem allgemeinen Angstzustand entwickeln sie auch nahezu übermenschliche Kräfte. So pochte etwa ein Mann im Rausch gegen die Tür einer Polizeistation und demolierte diese regelrecht. Er nahm an, dass er von Mördern verfolgt würde. Ein anderer wollte sich ebenfalls bei der Polizei in Sicherheit bringen. Beim Versuch über den Zaun zu klettern, spiesste er sich selbt auf – er überlebte nach einer sofortigen Notoperation. Hinter ihm sollen deutsche Schäferhunde her gewesen sein. Ein anderer lief in Florida ebenfalls nackt durch die Strassen und versuchte Bäume zu beglücken. Er dachte, er sei der nordische Donnergott Thor. Andere sehen blutrünstige Bestien bis gar hin zum Teufel selbst. Um sie dingfest zu machen sind nicht selten mehrere Polizisten vonnöten. Experten haben diesen Rauschzustand auch als “Excited Delirium” bezeichnet!

“This is where the body goes into hyperthermia, generally a temperature of 105 degrees. The individual becomes psychotic, they often rip off their clothes and run out into the street violently and have an adrenaline-like strength and police are called and it takes four or five officers to restrain them. Then once they are restrained, if they don’t receive immediate medical attention they can die.”
(Jim Hall, Epidemiologe an der Nova Southerstern University gegenüber CBS News)

Flakka ist bereits ab 5,- US-$ erhältlich und gehörte einst zur Gruppe der “Badesalze”. Heute jedoch ist dessen Konzentration wesentlich höher. Das macht die Droge auch dermassen gefährlich: Billig und stark! Der “5-Dollar-Wahnsinn” wird nach wie vor auf der Strasse, aber auch online verkauft, obgleich schon längst verboten. Aus China, Indien und Pakistan stammend kann es geschnupft, gespritzt, gegessen oder geraucht werden – auch in E-Zigaretten findet es Platz. Beim Rauchen entsteht ein stechender Geruch, der Flakka ganz einfach erkennen lässt. Der Rauschzustand kann über drei bis vier Stunden bis hin zu mehreren Tagen anhalten. Danach verlangt das Gehirn sofort Nachschub.
Im Speziellen betrachtet zählt Flakka zu den Cathinon-Derivaten, also den Mittelchen, die aus dem sog. Kath-Strauch gewonnen werden. Dieser wächst im Mittleren Osten und Somalia. Dort werden die aufputschenden Blätter gekaut um damit einen aufputschenden Effekt auszulösen; doch ist – ähnlich wie beim Gebrauch der Coca-Blätter – die Konzentration niemals derart hoch als im Vergleich zum Drogenmissbrauch. Auch wenn es bislang wie durch ein Wunder noch keine Todesopfer durch Flakka-Konsum zu beklagen gibt, sollte das alles keineswegs auf die leichte Schulter genommen werden. Alleine im US-Bundesstaat Florida starben 2013 nicht weniger als 126 direkt oder indirekt durch derartige synthetische Cathionen. Wurden im Jahre 2010 noch 699 Flakka-Funde amerikaweit registriert, so waren es drei Jahre später bereits 16.500 – die Droge findet reissenden Ansatz. Und das Tragische an all dem bringt Jim Hall auf den Punkt: Die Rezeptur der Droge wird immer wieder verändert. Die Junkies wissen somit nicht, was sie nehmen und wie es sich auswirkt!

https://www.youtube.com/watch?v=rrAuBGPQ5yw

In Europa hingegen greifen immer mehr zu “Bonzai”. Im Internet werden Pflanzenmischungen mit den klingenden Namen “Bonzai Citrus” bzw. “Bonzai Winter Boost” angeboten. Diese Pflanzen- und Kräutermischungen werden mit Cannabis-Ersatzprodukten angereichert. Damit erweitert sich auch deren Wirkungsspektrum. Bereits nach ein bis zwei Zügen setzt ein Gleichgültigkeitsgefühl ein. Wenig später folgen Übelkeit sowie Hitzeschübe, Herzrasen und Angstzustände. Halluzinationen verursachen Panikattacken. Das Gefährliche ist auch hier: Niemand weiss, wieviel dieser THCs (Tetrahydrocannabinol) enthalten ist. Nicht wenige Süchtige landeten nach einem solchen Joint in der Intensivstation der Krankenhäuser oder gar im Keller der Kliniken. Derartige Cannabinoide wurden seit den 1990er Jahren in der pharmazeutischen Industrie entwickelt. Inzwischen sind rund 200 solcher synthetischer Verbindungen bekannt, die zumeist auf Kräuter oder Pflanzen aufgesprüht, geraucht und somit inhaliert werden.
Hierzulande setzen sich nun immer mehr auch die Experten für die Legalisierung von Cannabis ein. Kann dies offiziell gekauft werden, ist zumindest bewusst, was in welcher Konzentration enthalten ist und wie es wirkt, da es ständiger Kontrolle unterliegt. Derartige Versuchspanscherei würde dadurch unterbunden. Ausserdem würde die Droge für Jugendliche nicht mehr attraktiv, wenn sie plötzlich auch von den Eltern erworben werden kann – der Joint ist nicht mehr wirklich cool!
Meow (ausgesprochen: Miau) hingegen ist ebenfalls ein synthetisch produziertes Amphetamin, dessen Wirkung wie auch jene von Flakka nicht unterschätzt werden darf. Ende 2013 stach ein britischer 19-jähriger im Meow-Meow-Rausch zuerst auf seine Mutter ein und schnitt sich danach mit demselben Messer seinen Penis ab. Beide konnten in letzter Minute gerettet werden. Die offiziell als “Mephedron” bezeichnete Designer-Droge erschien erstmals 2007 im Internet. Sie bewirkt in etwa dasselbe wie Ecstasy (3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin) und Kokain: Gesteigerte Aufmerksamkeit, Schlaflosigkeit, Redebedürfnis, Appetitlosigkeit,.. Auch Meow war zuerst in den Badesalzen enthalten. Die Strassennamen “Magic”, “MMC Hammer” oder auch “Bubbles” zeigen auf, dass die Droge sehr beliebt ist und in unterschiedlichen Rezepturen auf dem Markt verkauft wird. Entwickelt wurde Mephedron ursprünglich von der israelischen Firma Neorganics, die jedoch die Produktion 2008 einstellte, da die israelische Regierung den Stoff für illegal einstufte. Über die USA gelangte die Substanz auch als Pflanzendünger oder eben Badesalz nach Good Old Europe. Konsumiert wird das Ganze durch die Nase, geschluckt oder geraucht. Die körperlichen Reaktionen sind Halsschmerzen, Reizungen der Nasenschleimhaut bzw. der Haut bei Kontakt, Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, Erhöhung der Herzfrequenz, starke Schweissausbrüche etc. Bei häufigem Konsum verätzen die Junkies regelrecht die Nasenscheidewand und schädigen dauerhaft die Nieren. Gemischt mit Alkohol kann Mephedron lebensgefährlich sein. In den Staaten der EU ist Mephedron seit 2010 verboten.
Ich persönlich bin der Meinung, dass – sofern man sich wirklich dermassen menschenunwürdig verhalten will, wie im zweiten Video aufgezeigt – sollte man dies doch nüchtern und nicht auf Droge machen! So hat man persönlich zumindest noch etwas davon gehabt, vor der Einlieferung!

Links:

http://www.kmdd.de

http://www.caritas-pb.de/Beratung-Betreuung/Suchtkrankenhilfe

http://www.kolping.at/drogenberatung-fuer-jugendliche.html

http://www.drogenarbeitz6.at

http://www.eve-rave.ch

http://www.dea.gov

http://www.mnn.com

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Der Niedergang der Musikkultur

Werte Leser dieser meiner Zeilen – gleich zu Beginn muss ich mich heute outen: Ich werde mir weder das Finale, noch eines der Semifinali des ESC 2015 anschauen! Der European Songcontest interessiert mich schlichtweg überhaupt nicht. Anstatt dessen habe ich mir die WM-Finalspiele der DFB-Auswahl seit 1954 besorgt, Bier ist eingekühlt und Snacks angerichtet. Da mache ich keinen Hehl daraus und werde es in den kommenden Sätzen etwas präzisieren!
Vorweg einige allgemeine Informationen. Im Jahr 1954 gründeten die staatlichen Rundfunkanstalten der westeuropäischen Länder in Genf die European Broadcasting Union EBU. Mit ihrer Hilfe sollte ein Austausch von Rundfunk- und Fernsehprogrammen über die Grenzen hinweg wesentlich erleichtert werden. Dafür wurde später ein eigener Satellitenkanal (Eurovision News EVN) eingerichtet. Die Premiere machte am 6. Juni 1954 das Narzissenfest von Montreux. Ein Jahr darauf wurden hunderttausende Zuschauer (der Fernseher war damals noch ein Luxusgut!) Zeugen des wohl tragischsten Unfalls in der Geschichte des Motorsport: Beim 24-h-Rennen von Le Mans starben 84 Menschen. Seit 1959 wird jeweils am 01. Januar das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker sowie am Ostersonntag der päpstliche Ostersegen via EBU ausgestrahlt uvam. Das Pendant zur Eurovision war in den osteuropäischen Staaten die Intervision.
Die EBU startete dann im Jahre 1956 mit dem Grand Prix Eurovision de la Chanson aus Lugano und sieben Teilnehmern; dem ersten grenzüberschreitenden Musikwettstreit der Länder – live im Fernsehen. Die Strassen waren leergefegt – wer einen Fernseher zuhause hatte, verbrachte den Abend vor der Glotze, die anderen bei Ihren Verwandten oder Nachbarn, die einen Flimmerkasten hatten. Als Vorbild diente das San Remo Festival. Bereits ein Jahr später (in Frankfurt/Main) entsendete jeder Mitgliedsstaat der EBU einen Vertreter in das Starterfeld – San Remo war plötzlich vergessen. Seit 1958 wird nun die Folgeveranstaltung im Land des Siegers abgehalten. Das Interessante daran war, dass jedes Land mit dem entsprechenden Lied etwas eigene Kultur vermitteln konnte. Zudem wurde in der landeseigenen Sprache gesungen (bis 1999), was dem Ganzen noch weitaus mehr an Flair brachte. Nur die Schweiz konnte es sich aussuchen, ob der Beitrag auf deutsch, italienisch oder französisch präsentiert wurde. Die Musik kam nicht etwa vom Band sondern vielmehr live aus dem Orchestergraben, dirigiert zumeist vom Chefdirigenten des entsprechenden Starters. Nicht weniger als 150 Millionen Zuschauer verfolgten dort die Geburtsstunde von Gassenhauern, die nach der Sendung in ganz Europa gesummt, gepfiffen oder auch gesungen wurden.

https://www.youtube.com/watch?v=jfeiCaRJgMY

“Waterloo”, “Nel blu dipinto di blu (Volare)”, “Merci cherie”, “Hallelujah” oder auch “Ding-a-dong”, “Congratulations” und “Poupée de cire, poupée de son”; Weltkarrieren wie jene von Abba, Johnny Logan, Lys Assia, Brotherhood of Man, Celine Dion, Toto Cutugno wurden begründet.
Dann öffnete sich der Eiserne Vorhang, die EBU wurde durch die ehemaligen Ostblock-Staaten erweitert – es hielt die Politik Einzug in den Wettkampf. Bewertet wurde nicht mehr der beste Song, die meisten Punkte erhielten die Nachbarländer – völlig egal, ob der Titel gut oder schlecht performed wurde. So kam es, dass plötzlich die One Hits Wonder auftauchten – Künstler, die durch eine solche Strategie auf’s Podest gehoben wurden, von welchen aber auch nach dem nun als Eurovision Song Contest (ab 1992) bezeichneten musikalischen Wettstreit auch nie mehr wieder etwas zu hören war. Im Vorfeld des ESC 2015 in Österreich wurde u.a. der ehemalige Starter des ESC 2002, Manuel Ortega, interviewt. Er wurde u.a. befragt, wer den Contest damals gewonnen hatte. Betretenes Schweigen – keine Antwort! Keine Schande – gewann doch die Lettin Marie N. mit “I wanna” vor Malta (Ira Losco “7th wonder”). Ist erst 13 Jahre her – doch kennt die noch Irgendwer? Nicht mal den britischen Beitrag, der gemeinsam mit Estland auf dem 3. Platz landete (Jessica Garlick “Comeback”) wird noch jemandem geläufig sein. Runter von der Bühne und schon aus dem Sinn! Auch Lena, mit “Satellite” die deutsche Gewinnerin 2010, machte einige Zeit damit die heimischen Hitparaden unsicher, brachte sogar noch die eine oder andere Nachfolgesingle auf den Markt, die aber allesamt irgendwie zum Ladenhüter avancierten. Einzig Loreen aus Schweden (Siegerin 2012 mit “Euphoria”) wird heute noch gespielt. Eine Up-Tempo-Nummer, die aus dem ehemaligen Chanson-GP nun auch endgültig einen der vielen Pop-Wettbewerbe machte. Seither haben Songs, die eher in das Slow-AC- oder Schlager-Format passen, nicht mal mehr den Hauch einer Chance. Und die Sieger-Titel – jo mei – es gibt den MTV-Award, Brit-Award, Grammy, ECHO, die Goldene Stimmgabel, den Cometen, Amadeus, Swiss Music Award,… – soll man da wirklich jeden Song, der gewonnen hat, auch ein Jahr später noch kennen? Vor allem da Musik inzwischen am Fliessband produziert wird. Und, dass sich da so manch einer nicht zu schade dafür ist, erfolgreiche Songs in irgendeiner Weise abzukupfern, zeigte wohl niemand besser als Cascada, die ein Jahr nach “Euphoria” mit “Glorious” für Deutschland auf der Bühne stand! Auch den österreichischen Vertretern The Makemakes wurden heuer Plagiatsvorwürfe an den Kopf geworfen. So beschwerte sich der Komponist und Interpret Osssy Pfeiffer aus Hannover, dass sie zwar offenbar beide Denkanleihen bei den Beatles bezogen haben, die Österreicher aber “exakt die gleichen Harmonien und weitestgehend sogar die Harmonieführung genau übernommen” haben sollen – von seinem Titel “All I can do” aus dem Jahre 1996. Dem kann ich – als einer jener, für den Musik mit CDs und MP3-Playern zu tun hat – nicht widersprechen! Sie haben ja sogar beinahe dieselbe Frisur!

https://www.youtube.com/watch?v=DQPBgXMWSA0

Allerdings denke ich, dass das Original von John Lennon dann doch besser als beide Versionen ist! Na ja – offenbar gibt es eben nichts neues mehr! Betrachten wir uns die derzeitige Nummer 1 der deutschen Charts (Felix Jaehn ft. Jasmine Thompson – “Ain’t nobody”), so wird so mancher Kiddy meinen – “Poah – hammergeil!”! Dem sei hiermit entgegengesetzt: Das Original kommt von Chaka Khan und war vorschlaghammergeil!!!
Inzwischen entwickelt sich der Songcontest, nachdem er zur Meterware wurde, immer mehr zur Freak-Show. Besonders die Finnen zeigen hierbei einen sehr grossen Ideenreichtum. Gewannen doch Lordi mit “Hard Rock Hallelujah” 2006.

https://www.youtube.com/watch?v=gAh9NRGNhUU

Seither sind immer wieder recht interessante Interpreten aus dem Nordosten Europas zu sehen und v.a. zu hören. In diesem Jahr wird die finnische Flagge durch die Band Pertti Kurikan Nimipäivät mit dem Titel “Aina mun pitää” vertreten – Punkrock gespielt von fünf Jungs, vier leiden unter dem Down-Syndrom! Oder denken wir zurück an Dana International, einer Transsexuellen aus Israel, die/der 1998 mit “Diva” gewann – neu aufgerollt 2014 durch Conchita Wurst mit “Rise like a Phoenix”. Die Wurst kam nur zu sehr wenigen Chart-Platzierungen im Vergleich mit den Zweitplatzierten, den niederländischen Common Linnets mit “Calm after the storm”. Es siegte somit nicht der Song, sondern die Interpretin – nix also mit dem “Wettstreit der Komponisten und Songtextern”!

Conchita Wurst – Rise like a phoenix
Deutsche Charts: 4 Wochen – beste Platzierung 5
Schweizer Charts: 4 Wochen – beste Platzierung 2
Österreichische Charts: 16 Wochen – beste Platzierung 1

Common Linnets – Calm after the storm
Deutsche Charts: 41 Wochen – beste Platzierung 3
Schweizer Charts: 21 Wochen – beste Platzierung 3
Österreichische Charts: 34 Wochen – beste Platzierung 2

Die Dame mit dem Bart wurde mit dem Aufschrei nach mehr Liebe und v.a. Toleranz gefeiert – da hätte sie/er auch ein Kinderlied zwitschern können und trotzdem gewonnen – aufgrund Ihrer Gesichtsbehaarung! Seither zupfen sich weltweit Millionen von Frauen nicht mehr die Haare ihres Damenbartes weg und viele Touristen kommen nach Österreich um sich zu überzeugen, dass ganz oben auf der Alm die Hüttenwirtin wirklich ausschaut wie die Conchita! Doch – äusserte man sich vielleicht etwas kritisch zur Kunstfigur “Conchita Wurst”, so musste v.a. Mann gar Prügel befürchten – von jenen, die mehr Toleranz forderten! Schräge Vögel wie Guildo Horn & seine Orthopädischen Strümpfe, Stefan Raab als Legastheniker, Alfred Poier als Leiterwagen-Kapitän oder auch die beiden zwar hübschen trotzdem aber komplett abgefahrenen taTu aus Russland liessen so manchen Musik-Kenner zur Fernbedienung greifen, sorgten aber im Endeffekt für mehr Schlagzeilen als die Sieger! Auch sind immer wieder sexy Frauen zu sehen, die zwar viel nackte Haut zeigen, jedoch teils wenig stimmliche Qualitäten vorzuweisen haben.

https://www.youtube.com/watch?v=O1D_b-MWhzg

(Anmerkung des Schreiberlings: Schön anzuschauen – wenn nur die Musik nicht so stören würde!)

Für den Türken Erdogan Anlass genug, die Teilnahme seines Landes zu verhindern. Daneben verblassten Verkaufsmillionäre wie Five, Silver Convention, Ricchi é Poveri, Baccara, DJ Bobo, Alan Sorrenti oder Stimmbandgrössen wie die No Angels, Bonnie Tyler und möglicherweise heuer Il Volo. Besonders zum Denken gab der inzwischen geadelte Sir Cliff Richard: Mit “Congratulations” 1968 nur zweiter, mit “Power to all our friends” 1973 gar nur Dritter verkaufte er in diesen Jahren mehr Tonträger der beiden Songs als die jeweiligen Sieger. Heutzutage gewinnt nur jene(r) Interpret(-in), der/die am meisten aufzufallen weiss, die geilste Performance bringt oder den Goodwill der Ost-Connection hat, die sich immer wieder gegenseitig die 12 zuschieben. Übrigens haben Liechtenstein und der Vatikanstaat noch nie am Songcontest teilgenommen. Ich denke mir, dass ein gemischter Kardinals- und Schwesternchor doch einiges in Sachen Niveau der Veranstaltung wettmachen könnte, wenn noch möglich! Das meinen übrigens auch die Luxemburger, die seit 1994 nicht mehr teilnehmen. Mangelndes Interesse – trotz fünffachem Sieg!
Was also hält die Zuseher noch am Bildschirm? Ich denke mir, dass die Übertragung der Brit-Awards sicherlich interessanter ist, da die wirklichen Stars des Pop- und Rock-Business vertreten sind und Madonna ja möglicherweise wieder von der Bühne kippen könnte.

https://www.youtube.com/watch?v=IawGbR_10RQ

Die moderne Satellitentechnik übrigens macht es möglich, dass Millionen auch ausserhalb Europas den ESC ansehen können – in den USA, Kanada, Australien, Japan, Indien und China etwa.
Alles in allem kostet die Austragung sehr viel Geld – heuer etwa 15 Mio €. (Schätzung des kaufmännischen Leiters des ORF, Richard Grosl in den “Seitenblicken” am 13.05.2015 ORF 2) – nur dem Veranstalter, dem Österreichischen Rundfunk. Tatsächlich sind es aber weitaus mehr als 17 Mio – der grösste Batzen (nahezu 9 Mio) davon geht an die Wien Holding als Inhaber des Austragungsstandortes Wiener Stadthalle für Miete, Adaptierung, etc.), gefolgt vom Marketing (rund 6 Mio – und ich dachte, der ESC sei ein Selbstläufer!). Von einer Umwegrentabilität zu sprechen, grenzt an Hohn, da diese Gelder ja schliesslich nicht oder nur in geringen Maße, dem Veranstalter zugute kommen. Also zahlt der Gebühren- und der Steuerzahler – völlig gleichgültig, ob er sich für das Spektakel interessiert oder nicht. Wer jetzt mit dem berühmten “Ja, aber…!” kommen sollte, dem sei als Beispiel die Stadt Bregenz am Bodensee an’s Herz gelegt. Dort freute man sich 2008 auf die James-Bond-Dreharbeiten “Für ein Quantum Trost” und das “Aktuelle Sportstudio” des ZDF anlässlich der Fussball-EM. Gesprochen wurde über eine nahezu unbezahlbare Werbung – wenn dies so gewesen wäre, weshalb gab es dann einen derart grossen Aufruhr, weil ein riesiges Loch im Budget der Stadtmarketing klaffte, das schliesslich ebenso wieder mit Steuergelder gestopft werden musste. Wäre dieses Geld direkt in Massnahmen auf Nischenmärkten investiert worden, wäre wohl mehr dabei herausgekommen. Und, dass der Generalintendant des ORF, Alexander Wrabetz, schon vor dem Gewinn der Wurst sowohl vom Bund als auch den Gebührenzahlern mehr Geld gefordert hat, ist kein Geheimnis! Ich erinnere mich zurück an das Jahr 2014, als Österreich plötzlich zum Favoritenkreis zählte. Da kam doch der Satz: “Um Gottes Willen! Wenn die gewinnt muss Österreich den ESC im kommenden Jahr ausrichten! Wer soll das bezahlen?”
Tja – und zum Schluss die Wahl der Interpreten selbst. In nicht wenigen der Starterländer, so u.a. in Grossbritannien und Russland – aber auch immer mal wieder in Deutschland (5x), der Schweiz (6x) und Österreich (ausgerechnet im vergangenen Jahr), werden die Interpreten durch einen internen Auswahlmodus ermittelt: Die Nichte des Bruders vom …!!! Damit vertreten sie ja eigentlich nicht ihr Land sondern Lobbyisten und jene Fernsehanstalt ihres Landes, die Mitglied der EBU ist! Kann hier wirklich von der Crème de la Crème des musikalischen Schaffens des Teilnehmerstaates gesprochen werden?
Verstehen Sie nun, weshalb ich mir den Songcontest nicht anschauen werde? Ich hoffe, diesen Überlegungen folgen noch weitaus mehr und die Quoten für die Live-Übertragungen sind katastrophal! Doch ist leider hiervon nicht auszugehen. In Deutschland gehört der ESC inzwischen wie der Fussball zum Nationalstolz!

Lesetipps:

.) Ein bisschen Wahnsinn: Wirklich alles zum Eurovision Song Contest; Clemens Dreyer, Claas Triebel, Urban Lübbeke; Verlag Antje Kunstmann München
.) Kampf der Kulturen: der „Eurovision Song Contest“ als Mittel national-kultureller Repräsentation; Irving Wolther; Königshausen & Neumann Würzburg

Links:

http://www.eurovision.tv

http://songcontest.orf.at/

http://www.songcontest.at/

http://www.eurovision-austria.com

https://www.eurovision.de

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George Orwell’s 1984 oder: Ich kann Dich sehen!!!

Nach der Recherche zum letzten Blog (“Waffenhandel”) wunderte ich mich doch sehr, dass ich immer wieder auf Facebook einschlägige Empfehlungen zu Waffengruppen und Schiessnarren bekam, obwohl ich hier niemals derartige Kontakte pflegte geschweige denn danach suchte. Also ging ich der Sache nach – das Ergebnis ist schockierend!
Des Rätsels Lösung heisst: “Metadaten”. Bei einer Computerdatei beispielsweise wären dies Informationen zum Dateinamen, den Zugriffsrechten und dem Datum der letzten Änderung. Beim User hingegen Informationen jeglicher Art seine Person betreffend. Diese Informationen sind in riesigen Datenbanken abgelegt – bereits strukturiert und teilweise analysiert. Die Unterscheidung zwischen Daten und Metadaten besteht darin, dass zweitere gesammelt wurden, um damit einen bestimmten Zweck zu erzielen. In meinem speziellen Fall habe ich während der Recherche natürlich sehr viel googeln müssen. Diese Suchbegriffe und die angeklickten Websites wurden allen Anscheins nach gesammelt und ausgewertet. Heraus kam somit, dass ich ganz offensichtlich ein grosses Interesse an Waffen habe, weshalb ich auch einschlägige Werbung hierzu und möglicherweise Gleichgesinnte empfohlen bekam. Google und Facebook, aber auch Yahoo und wie sie sonst alle heissen, machen dies natürlich nicht kostenlos. Insofern erklärt sich auch die durch die Kommission dermassen bekämpfte Vormachtstellung von Google in Europa: Die ersten paar Verweise kommen von Geschäftspartnern des Konzerns, die dem Suchmaschinenunternehmen dafür kräftig etwas bezahlen müssen. Jene, die dies nicht machen, rangieren in den gefundenen Ergebnislisten weiter hinten, sodass der interessierte Käufer meist bereits fündig wurde bevor er sie auch nur gesehen hat. Dass in meinem Falle ein rein berufliches und kein Kaufinteresse dahintersteckte – das kann erst ab dem Zeitpunkt ausfindig gemacht werden, ab dem der Blog online veröffentlicht wurde. Und wenn mich nicht alles täuscht, ist es nun ruhiger geworden – mit den Hinweisen und Empfehlungen.
Waren es einst die Keywords, die eine solche Suche erleichterten, so werden über derartige Metadaten komplette User-Profile mit Vorlieben, Gewohnheiten und Interessen erstellt. Ebenso bei der NSA! Hier sollen offiziell (!) mögliche Verbrecher herausgefiltert werden, die eine etwaige Einreise in das Land der (offenbar tatsächlich) unbegrenzten Möglichkeiten verweigert bekommen. Nun kann durchaus der spezielle Fall eintreten, dass mein Namensvetter Prof. Dr. Ulrich Stock, Herzspezialist an der Charité Berlin nicht zum Ärztekongress nach Florida reisen kann, da sich ein Ulrich Stock im Internet über Sturmgewehre, Panzer und sonstiges Kriegsmaterial kundig gemacht hat. Eine derartige Namensverwechslung geschah einem älteren Ehepaar aus Österreich, das kurz vor dem Einnehmen der Sitzplätze im Flugzeug in Düsseldorf durch Sicherheitskräfte wieder herausgeholt wurde. Die NSA hatte sie verwechselt. Kostenersatz für die somit nicht angetretene USA-Reise, den Hotelaufenthalt und die Rückreise nach Österreich – Pfeifendeckel! Ebenfalls schlechte Erfahrungen mit dem (Inlands-)Geheimdienst der USA machte auch eine junge Studentin, die nicht wirklich die offiziellen Wege für eine Au Pair Stelle in den Vereinigten Staaten einhielt, sondern via Facebook eine nette Familie traf. Sie betrat zwar US-amerikanischen Boden – wurde jedoch direkt am Flughafen abgefangen und wieder zurückgeschickt! In beiden Fällen also haben die Metadaten zumindest für die Behörden ihren Zweck erfüllt. Der ehemalige Chef des US-amerikanischen CIA, Michael Hayden, betonte einst in einem Interview:

“We kill people based on metadata!”

Metadaten können nun auf unterschiedlichste Art abgespeichert werden. So übernimmt dies etwa in jenen Homepages, die via HTML programmiert wurden das Tool “meta”, das den Webhost, den Inhaber der Domain, die Sprache und Keywords, also Schlagwörter bekannt gibt. In Dateien übernehmen dies die Datei-Attribute bzw. erweiterte Attribute (etwa HPFS). Für die Abspeicherung werden die unterschiedlichsten Dateiformate verwendet. Unterschieden werden die Metadaten nach “operablen” und “interoperablen” Daten. Operable Daten sind bereits strukturierte Daten, die für eine weitere Bearbeitung verwendet werden können. Interoperable Metadaten sind Daten, die aus unterschiedlichsten Quellen stammen und vor dem Gebrauch zuerst noch strukturiert bzw. analysiert werden müssen. Gesucht wird dabei nach Semantik, Datenmmodell und Syntax. Die Semantik wird für den Grad der Bedeutung gebraucht, das Datenmodell für die Struktur des Ganzen und die Syntax für die Darstellung der Aussagen. Alle drei Faktoren sind engstens miteinander vernetzt. Die Verarbeitung dieser Informationen nun übernehmen intelligente Maschinen. Computersysteme also, die in der Lage sind zu lernen. Gemeinsam mit der Identifizierung (über sog. Uniform Resource Identifier URI) werden die drei vorhin erwähnten Faktoren zusammengefügt, verarbeitet und analysiert – es wird ein Framework erstellt, das immer weiter ausgebaut werden kann, bis ein Profil ensteht. Bei einem Musiktitel etwa bestünde dieses Framework aus Informationen zu Interpret, Komponist und Texter, Veröffentlichungsdatum, Verlag – zu finden mit dem sog. “ISCR-Code” – im elektronischen Bereich dem URI. Das kann noch ergänzt werden durch beispielsweise Musikstil, Instrumente, Tempo, Tonart, Dynamik, … Ein Personen-Framework könnte bestehen aus seinen persönlichen Daten (Geburtstort und -datum, Familienstand, Wohnadresse, Beruf und Sozialversicherungsnummer). Einfliessen können Informationen über Einkommen, Religion, Vorstrafen bzw, Verkehrsdelikte, Hobbies, Kontobewegungen, sexuelle Bewegungen bzw. Vorlieben (war v.a. bei der Stasi sehr wichtig), … Bei der Beschaffung der Informationen sind die Besorger nicht wirklich zimperlich – genommen wird alles: Smartphone, Suchmaschinen, Posts auf Facebook, Online-Shops,…
Die Buchautorin und Expertin für künstliche Intelligenz, Yvonne Hofstetter, meinte kürzlichst um ein Beispiel befragt: Ein Bekannter wollte von Bonn nach Berlin umziehen. Zu diesem Zwecke kündigte er seinen Festnetz-/Internetanschluss. Diese Kündigung jedoch wurde vom Anbieter zurückgewiesen, da im Facebook-Profil des Bekannten nirgendwo etwas stünde, dass er umziehen wolle. In der Zeitung “Die Zeit” meinte Hofstetter 2014:

“Wenn sich alles zum Schlechten entwickelt, dann werden intelligente Maschinen unsere Zukunft so sehr vorherbestimmen, dass der Mensch seine Entscheidungsfähigkeit verliert!”

Unter künstlicher Intelligenz versteht man Maschinen, die in der Lage sind zu lernen. Schach-Computer oder Spiele Computer etwa. In der Schweiz wird inzwischen gar gefordert, dass Währungskäufe nurmehr durch solche Maschinen gemacht werden, damit die Fehlerquelle Mensch ausgeschaltet werden kann.
In den USA werden die Krankenkassen-Beiträge auf die skurrilsten Arten berechnet. Telefoniert beispielsweise ein Student des nächtens regelmässig und lange mit seiner Mutter, so lässt dies den Schluss auf Depression bzw. einer Psychose zu. Somit erhöhen sich in diesem Falle seine Beiträge. Diese Schlussfolgerung geschieht nur anhand der Handy-Daten-Auswertung! Ist das nicht pervers?
Metadaten erlauben also die nahezu lückenlose Überwachung eines Menschen. Jeder der mit seinem Handy unterwegs ist, loggt sich bei Handymasten ein – dadurch kann ein Bewegungsprofil erstellt werden. Jeder, der im Internet unterwegs ist, hinterlässt Spuren (gespeichert in Cookies), die durch seine IP-Adresse jederzeit zurückverfolgt werden können. Postings und Threads werden auch nach dem Löschen in den Social Medias weiterhin gespeichert. Mails werden – wie die letzten Meldungen in den Medien immer wieder aufzeigen – im Sinne des Generalverdachts auf spezielle Keywords durchsucht und abgespeichert. Da benötigt niemand mehr die Datenvorratsspeicherung, da auch die Inhalte der Mails den Nachrichtendiensten bereits vorliegen. Smart-TVs legen den Medienkonsum der TV-Junkies auf den Tisch, damit die Werbeindustrie besser darauf reagieren kann. Bezahlen mit Kreditkarten, Punktesammeln mit Kundenkarten – beides lässt Schlüsse auf das Konsumverhalten einer Person zu. Der Chip in der Mitgliedskarte Deines Fitnessstudios, der Dir eigentlich beim Erstellen des Trainingsplanes helfen soll, ermöglicht Rückschlüsse zu Deinem körperlichen Zustand (wichtig für Kranken- und Lebensversicherungen), die E-Card über Deine Krankheiten (interessiert auch Ihren Chef!). Überwachungskameras geben der Privatsphäre keine Chance. All dies wird gespeichert und zu einem Ganzen zusammengeführt. Eines dieser Programme, die von den USA hierfür genutzt werden heisst “Stellar-Wind”.
Die meisten solchen Programme bauen auf Tracking Algorithmen auf. Unter Tracking versteht der Experte das Verfolgen aufgrund von Aufzeichnungen oder auch die Ablaufverfolgung. Dies kann nun mit Hilfe des GPS erfolgen, der Handy-Ortung, der hinterlassenen Spuren im Internet oder der Verwendung von Plastikgeld etc. Für die Geheimdienste insofern von Wert, da sie stets wissen, wo wer umgeht und auf welcher Route er dorthin kam. Die Werbewirtschaft interessiert dies ebenso, da konkret mit Massnahmen geantwortet werden kann. So wurde in einem US-Shopping-Center durch die Centerleitung ein Mann beobachtet, der mit sehr grimmiger Miene durch den Konsumtempel wandelte. Also begab sich der Centermanager zum Ausgang und übergab dem Besucher beim Verlassen der Mall einen Einkaufsgutschein mit der Bemerkung, dass jeder dieses Center gut gelaunt verlässt! Chips in den Einkaufswagen verraten, wie viele Personen, wie häufig, zu welcher Tageszeit und wie lange an einem Ort des Supermarktes verbracht haben.
Wie nun funktioniert dieses Tracking? Von den Absolutdaten (Bewegungsverlauf und Lage einer Person) werden die relativen Fehlerdaten (Abweichungen) abgezogen. Werden nun technische Messfehler mit einberechnet, so lässt dies den Schluss auf die Geschwindigkeit der Fortbewegung dieser Person sowie die Zielrichtung zu. Damit lässt sich vorausberechnen,, wo und wann diese Person anzutreffen sein wird. Im Idealfall kann die Polizei bereits am Tatort sein, bevor das Verbrechen geschieht. Diese Methode wird alsdann auch in der Meteorologie verwendet, um beispielsweise vor Hurricanes oder Tornados zu warnen. Selbstverständlich können Fehler auftreten (“Missassignments”), wenn möglicherweise eine physikalische Messgrösse nicht berücksichtigt wurde. Der Wetterfrosch beispielsweise spricht dann von einer “Fehlprognose”, die NSA hingegen von einem “Fehler, der nicht mehr passieren darf!” Derartige Tracking-Algorithmen zum Beispiel sind:
- α/β/γ-Filter
- Kalman-Filter
- Sequentielle Monte-Carlo-Methode (Partikel-Filter)
Der Niederländer Ton Siedsma zeigte das mit einer simplen App auf seinem Smartphone auf – niedergeschrieben durch Dimitri Tokmetzis (decorrespondent.nl). Nach einer Woche wurden die ausgewerteten Daten veröffentlicht. Ein Horrorszenario, da das ganze Leben Siedsmas in diesen sieben Tagen aufgeblättert wurde. Aufgrund dessen lassen sich jederzeit Schlüsse über die Gewohnheiten eines Menschen ziehen. Bei manchen können sogar Vorhersagen getroffen werden.
Daten, die sowohl jeder Geheimdienst als auch Hacker sammeln kann. Mehr als witzig ist übrigens der Name des niederländischen Agenten-Geldgebers: “Allgemeiner Auskunfts- und Sicherheitsdienst”. Dort ist man – ebenso übrigens wie in den USA – der Auffassung, dass diese Metadaten-Sammelwut nichts unanständiges ist und nur zu einer “geringfügigen Verletzung der Privatsphäre” führt. Stimmt! Stellen Sie sich vor, Ihr Nachbar weiss Ihren aktuellen Kontostand, kennt Ihre Leseschwäche, weiss Ihre Vorliebe für Zeichentrickfilme und kennt Ihre Lieblingsstellung beim Sex – einmal die Woche! Kommt dann noch dazu, wie Sie die nächste Werbestrategie Ihres Unternehmens mit Ihrer Frau besprechen, sind wir schon mitten in der Wirtschaftsspionage! Plaudert dies nämlich Ihr Nachbar Ihrem Konkurrenten gegenüber aus, können Sie auch beruflich ruiniert sein. Privat sind Sie ohnedies schon am Arsch: Der Nachbar weiss, dass Sie Schulden haben und was Ihrer Frau fehlt! Soweit also zur Geringfügigkeit! Oder sind Sie vielleicht exhibitionistisch veranlagt???
Übrigens – jene, die’s interessiert, lassen sich auch durch SSL-Verschlüsselungen nicht aufhalten. Software, die solche Verschlüsselungen knacken kann, gibt es bereits im Internet zu kaufen.
Hier nun einige Tipps, um eine derartige lückenlose Überwachung zu erwschweren:
.) Weg mit dem Smartphone
Im Bayer-Konzern in Leverkusen dürfen die Manager Ihr Smartphone nur in Keksdosen aus Metall zu Meetings mitnehmen. Hacker können das Mikrophon jederzeit einschalten. Kramen Sie Ihr altes Handy wieder aus. Auch hier kann zwar das eine oder andere Gespräch abgehört und ein Bewegungsprofil erstellt werden, jedoch erfolgt keine derart massive Datenübertragung wie vergleichgsweise über das Smartphone. Beispiel gefällig? Ich fahre jeden Tag zur selben Uhrzeit auf derselben Strecke zur Arbeit. Das I-Phone etwa gibt die Daten automatisch an Apple weiter. Ansonsten kann perfekt ein Bewegungsprofil mit Tagesablaufplan erstellt werden, nur weil ich mich immer zur selben Zeit vom selben Handymasten zum anderen hangle. Am besten also während der Fahrt das Handy ausschalten, da dies unbezahlbare Informationen für Einbrecher sein können.
.) Kein Smart-TV
LG und Samsung haben sogar die Inhalte angeschlossener Hardware wie USB-Sticks überprüft. Auch könnten Webcams eingebaut sein.
.) Bargeld hat Vorrang
Hier können nicht nur die getätigten Einkäufe nachvollzogen sondern auch die Standorte ermittelt werden. Haben Sie beispielsweise das Hotel im Iran mit der Karte bezahlt, so könnte dies bereits Anlass für eine genauere Beobachtung sein.
.) Internet mit der Tarnkappe
Online sollten Sie auf jeden Fall genau acht geben, was sie wo suchen oder anklicken. An Internet-Knotenpunkten wird ganz offiziell durch den BND, die NSA (“XKeyScore”), MI5 bzw. MI6 (“Tempora”), möglicherweise auch durch den russischen und chinesischen Geheimdienst mitgeschnitten. Hier kommen nun wieder die Keywords in’s Spiel. Das wäre etwa Al Kaida, Dschihad, Putin etc. Werden die anderen Nachrichten oder Klicks zwar gespeichert, zumeist aber nicht angeschaut, so schrillen die Alarmglocken bei jenen, die derartige Suchbegriffe beinhalten. Private Gauner hingegen lösen dies meist mit einem kleinen aber feinen Trojaner! Verschlüsselungen bei Mails sind für die staatlichen Spione kein Problem. Tarnkappenprogramme hingegen sehr wohl. Sie ermöglichen das anonyme Surfen im Internet – ohne Spuren zu hinterlassen! Macht aber den Rechner sehr langsam! Hier ist es etwa bei der NSA Usus, dass jene IP-Adressen unter Beobachtung stehen, die solche Tarnkappen-Downloads anklicken. Eines davon wäre beispielsweise das Tor-Project! So ganz nebenbei überwacht die US-amerikanische NSA auch alle elektronische Medien mit dem Top-Secret-Programm “Prism”. Damit kann investigativer Journalismus bereits im Entstehen unterbunden werden. Letzte Gerüchte besagen, dass insofern ein in Baden-Württemberg angesiedeltes Rüstungsunternehmen Absprachen mit dem deutschen MAD treffen wollte, um Journalisten zu überwachen. Und – zum Suchen sollte nicht unbedingt ständig Google verwendet werden. Eine Suchmaschine, die die Daten nicht gleich an die NSA weiterleitet ist beispielsweise https://duckduckgo.com/ . Jedoch besteht hier das Risiko, dass Inhalte nicht gefunden werden, da noch zu wenige diese Suchmaschine nutzen. Derartige Plattformen werden besser und schneller, je mehr User auf sie zugreifen. Zudem könnten Sie auch auf ein vertrauenswürdiges VPN ohne IP-Adressspeicherung zurückgreifen.
.) Facebook – die stille Post
Vorsicht mit persönlichen Daten, Meinungen und Bildern in den Social Medias. Sie werden schön verpackt direkt an die Werbeindustrie weitergegeben. Auch wenn sie komplett falsch sind. Ich beispielsweise bekam sofort nach meiner Anmeldung Werbeempfehlungen zum angemeldeten Land. Yvonne Hofstetter meint: Klickt jemand bei Britney Spears und Desperate Housewives auf “Gefällt mir”, lässt dies Rückschlüsse auf seine homosexuelle Veranlagung zu. Aber hallo! Gerade wegen der “ultrascharfen Kurven” der Damen Spears als auch Longoria habe ich auf den Button geklickt. Whattsapp übrigens liest nicht nur die Geräteidentität ab…!
.) Clouds – Gewitterwolken
So angenehm diese Speichermöglichkeit auch ist, stellen Passwörter weder für staatliche noch private Hacker ein Problem dar. Ist dies der Fall, können schon mal Firmeninterna oder die Nackt-Bade-Fotos vom letzten Ulraub plötzlich im Internet erscheinen. Wichtige Daten sollten nach wie vor auf einer externen Festplatte gespeichert werden, die nur zur Übertragung am Online-Rechner hängt und vielleicht zusätzlich passwortgeschützt und/oder verschlüsselt ist. Das hält zumindest Hobby-Hacker von Ihrem Vorhaben ab.
.) Webcams – Das Auge im Wohnzimmer
Diese Dinger am besten verhängen, wenn sie nicht gebraucht werden. Und so ganz nebenbei: Die Kamera und/oder Video-Überwachung Ihres Hauseinganges geht nicht nur Sie etwas an, sondern muss unter Umständen auch von Ihren Nachbarn genehmigt werden!

Lesetipps:

.) Sie wissen alles; Yvonne Hofstetter; C. Bertelsmann 2014
.) Prozessorientierte Organisation des Metadatenmanagements für Data-Warehouse-Systeme; Gunnar Auth; BoD 2004
.) Design and Analysis of Modern Tracking Systems (Artech House Radar Library); Samuel S. Blackman, Robert Popoli; Artech House Inc. 1999

Links:

https://netzpolitik.org

http://www.kim-forum.org

https://www.govdata.de

http://torproject.org

http://freenetproject.org

http://freesocial.draketo.de

https://geti2p.net/

https://yacy.ethack.org/

https://freiheitstattangst.de/das-buendnis-2014

https://privnote.com

http://www.chip.de/Downloads_13649224.html?tid1=39013&tid2=0

http://vocaroo.com

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Gevatter Tod schafft Arbeitsplätze

Kürzlichst auf deutschen Autobahnen unterwegs, hatte ich einen kurzen Gedankenblitz, den ich allerdings sicherheitshalber sofort wieder verwarf: Was wäre wohl, wenn ich wüsste, was all diese LKWs transportieren, die ich überholte?! Wäre ich dann noch auf Autobahnen zu finden? Die gefährlichsten davon sind die nicht gekennzeichneten Gefahrengut-Transporter, bei welchen grossteils auch der Fahrer gar nicht mal weiss, was er über hunderte von Kilometern transportiert. Munition, Waffen oder Kriegsmaterial etwa. Muss nicht mal der Schwarzmarkt sein – es genügen die offiziellen aber geheimen Verfrachtungen. So berichtet etwa die deutsche Zeitung “Die Zeit” am 17.. April dieses Jahres, dass alleine 2014 mehr als 15.000 Tonnen Munition alleine Im Hamburger Hafen verladen wurden. Doch Genaues ist nicht bekannt. Waffen und Kriegsgerät – betrifft doch uns alle, oder? Weit gefehlt – das sind Informationen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Fakt jedoch ist, dass Deutschland laut Angaben der schwedischen Organisation SIPRI nach den USA und Russland den dritten Rang der waffenexportierenden Staaten belegt – 2013 wurden für ca. 8,3 Milliarden € Rüstungsgüter exportiert. Ein grosser Teil davon übrigens über den Hamburger Hafen. Passiert nichts, interessiert sich auch niemand dafür. Vor zwei Jahren allerdings ging die Atlantic Cartier in Flammen auf. Geladen hatte das Schiff nicht weniger als 4 Tonnen Munition – ach ja! Und 20 Tonnen radioaktives Material – ups! Nicht auszudenken, was da hätte passieren können und welcher Gefahr sich die Löschmannschaften ausgesetzt sahen. Wäre es zum Worst Case gekommen, wäre wohl der komplette Hafen weggefegt oder radioaktiv verstrahlt worden! Seither schauen viele Hamburger jeden Tag mit einem Stirnrunzeln in Richtung Schiffskräne und Containerstapler, denn geändert hat sich seither nicht sehr viel! Der Export von Waffen und anderem Rüstungsgut ist Hoheitsgebiet des Bundes (GG Art. 26 Abs. 2). 2013 etwa wurden nicht weniger als 15.000 Tonnen Geschosse (Patronen, Brandmunition, sonstige Munition wie Raketen, Mörser,…) verladen.
SIPRI übrigens ist das “Stockholm International Peace Research Institute”, das seit 1966 immer wieder Zahlen des offiziellen internationalen Waffenhandels veröffentlicht. So etwa auch am 13. April 2015 bezugnehmend zur aktuellen Krise in der Ukraine. Die Autoren des Berichtes gehen davon aus, dass in den angrenzenden Staaten der EU wie Polen, Schweden und den baltischen Staaten wesentlich mehr in den Militärhaushalt investiert wird, während viele der anderen EU-Länder klar unter den NATO-2 % des BIPs für Militärausgeben liegen. In der Ukraine etwa stiegen die Militärausgaben auf rund 34 Milliarden Euro – ein Plus um 23 % gegenüber 2013 und gar 65 % gegenüber 2005. Von einer solchen Entwicklung zehrt natürlich auch Deutschland. So sind nicht nur Bohrmaschinen von Bosch, Autos von VW oder Bier vom Münchner Hofbräuhaus weltweit begehrt, sondern auch der Eurofighter der Airbus Group (ehemals EADS), der Leopard von Krauss-Maffei Wegmann oder das G36 von Heckler und Koch. Wer denken sollte, dass das als letztes genannte Sturmgewehr nach den aktuellen Diskussionen zur Präzision bei wärmeren Temperaturen ohnedies ein Ladenhüter sei, der irrt gewaltig – doch dazu weiter unten etwas mehr.
Grundsätzlich muss zwischen zwei grossen Gruppen unterschieden werden:
.) Kleinwaffen (Small Arms Survey)
.) Kriegswaffen

Zu den Kleinwaffen zählen neben den Faustfeuerwaffen auch beispielsweise Gewehre. Unter Kriegswaffen fallen somit Rüstungsprodukte wie Kampfpanzer oder U-Boote bzw. Teile davon sowie Hi-Tech. In beiden Fällen sucht ein Rüstungskonzern um eine Ausfuhrgenehmigung beim Bundeswirtschaftsministerium an. Dann jedoch trennen sich die Verfahrenswege.
Bei der Ausfuhr von Kleinwaffen entscheidet das Wirtschaftsministerium nach gewissen Vorgaben. So wurden beispielsweise im Jahre 2013 Kleinwaffen im Wert von nicht weniger als 135 Mio € exportiert – eine Steigerung von 43 % gegenüber 2013 (Angaben: Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der Linkspartei durch das deutsche Bundeswirtschaftsministerium). Die meisten davon gingen an arabische Diktaturen. Somit ist nicht auszuschliessen, dass auch der IS auf Gewehre Made in Germany zurückgreift. Diese Kleinwaffen sind alsdann der Hauptkritikpunkt von Menschenrechts- und Friedensorganisationen, schliesslich werden mehr Menschen durch sie getötet als durch Kriegswaffen. In den Bereich der Kleinwaffen fallen Maschinengewehre und -pistolen, halb- und vollautomatische Waffen und deren Teile. 20 Exportländer decken rund 80 % des weltweiten Waffenhandels mit Klein- und leichten Waffen (SALW) ab.
Zu Kriegswaffen zählen neben den bereits angesprochenen Panzern oder Raketen auch die Technologie. Todbringende Mikroelektronik, die für so manches Menschenleben rettend sein könnte, wäre sie nur im zivilen Bereich eingesetzt. Etwa Zielerfassungsgeräte, Schiesssimulationssysteme, Radaranlagen, optronische Ausrüstung,… Bei diesen Rüstungsgüter muss neben dem Bundeswirtschaftsministerium auch das Auswärtige Amt und der Bundessicherheitsrat der Ausfuhr zustimmen. Letzteres ist ein Gremium, das im Hochgeheimen tagt (die Sitzungsprotokolle werden mit einer roten Banderole in einem Tresor im Bundeskanzleramt gelagert) und zeitweise vor lauter Geheimhaltung auch vergisst, den Bundestag zu informieren (meint dieser zumindest immer mal wieder offiziell gegenüber der Öffentlichkeit). So wäre der Deal mit Saudi Arabien beinahe schon beschlossene Sache gewesen, als dieser in der Bevölkerung aufgeflogen ist. Die Wut der Bürger fürchtend, setzte Kanzlerin Merkel den Rotstift an und strich alles, das zumindest den Hauch von Waffen erkennen liess. Die arabischen Ölmilliarden werden nun wohl in den USA umgetauscht. Dort wird dem Wunsch sicherlich entsprochen, schliesslich sind die Saudis neben Israel die einzigen noch verbliebenen Verbündeten im Mittleren und Nahen Osten – auch wenn sie Moslems sind und immer wieder Geld von dort in islamistische Terrororganisationen fliesst! Washington kann es sich somit nicht leisten, Riad an Moskau oder gar Peking zu verlieren. Wieso also nicht? Soweit nämlich auch die Überlegung in Berlin: Das internationale Staatenbündnis wird durch die IS oder Al Kaida mit deutscher Militärtechnologie bekämpft?! Dabei ist nicht nur der Schwarzmarkt für verantwortlich! Ein Horrorszenario! Der Bundessicherheitsrat ist das höchste Sicherheits-Gremium der Bundesrepublik. Ein Kabinettsausschuss, dem die neun ständigen Mitglieder Bundeskanzlerin, Vizekanzler, Bundeskanzleramtschef sowie die Minister aus den Ressorts Finanzen, Inneres, Auswärtiges, Justiz, Verteidigung und Entwicklung als fixe, ständige Mitglieder angehören. Damit ist also jede Aussage einer der Personen, man habe über diesen Waffendeal nichts gewusst Humbug! Die Entscheidungen fallen mit einfacher Mehrheit. Der Bundestag hat hier nichts mitzureden. Bei diesen Abstimmungen dürfen offiziell beschäftigungspolitische Gründe oder auch exportrelevante Kompensationsgeschäfte nicht berücksichigt werden. Würde China also 100 Leopard II-Kampfpanzer bestellen und im Gegenzug dafür 1 Mio Mercedes abnehmen – sollte dies bei der Abstimmung nicht berücksichtigt werden (Rüstungsexport-Richtlinie in’s Nicht-EU-Ausland). Ein Schelm, wer solches glauben sollte! Auch die Ausfuhr in Konfliktgebiete ist lt. dieser Richtlinie eigentlich nicht möglich. Deshalb sorgten die Waffenlieferungen an die irakischen Kurden für derart heftige Diskussionen.
Ganz anders gelagert in Österreich. Hier spielten Kompensationsgeschäfte schon bei der Anschaffung der Saab Draken (Gott hab’ sie seelig!) als auch des Eurofighters eine entscheidende Rolle – natürlich neben den unzähligen Provisionen für die beteiligten Personen. Selbstverständlich ist auch im Alpenstaat der Waffenhandel ein mehr als lukratives Geschäft. Im Jahr 2010 etwa lag der Export-Umsatz bei nicht weniger als 1,8 Milliarden €. Führend bei den Faustfeuerwaffen ist das Kärntner Unternehmen Glock. Letzter Grossauftrag waren 2013 25.000 Pistolen Glock 17 Gen 4, die an die britischen Streitkräfte gingen. Aber auch das STG-77 ist weltweit heiss begehrt. Zwar bedarf es ebenfalls der Genehmigungen der unterschiedlichen Ministerien, damit Waffen exportiert werden dürfen, doch ist Wien in der Auswahl seiner Handelspartner nicht wirklich zimperlich. 2010 erhielt Libyen damals noch unter Diktator Muammar al-Gaddafi Waffen und Ausrüstungsgegenstände im Ausmaß von 175.000,- €. Auch der damals gleichfalls diktatorisch beherrschte Nachbar Tunesien zählt ebenso zu den Abnehmern wie Ägypten, Bahrein, Saudi Arabien, der Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Libanon! Auch in Syrien wurden Waffen der Schmiede Steyr Mannlicher aus Oberösterreich gesichtet. Dort wird ein solcher Export jedoch dementiert. Unterschieden wird im Heimatland von Conchita Wurst zwischen “Kriegsmaterial” und “Dual Use”, also Produkten, die sowohl für militärische als auch zivile Zwecke genutzt werden können. Während Kriegswaffen vom Innenministerium abgesegnet werden müssen, reicht bei den Dual-Use-Gütern die Genehmigung des Wirtschaftsministeriums. Der Empfänger muss jedoch eine “Endverbrauchererklärung” abgeben, soll heissen, dass die Waffen im Land des Empfängers verbleiben. Fragt sich somit, wie Waffen Made in Austria nach Syrien gelangen konnten! Das meint auch Heinz Patzelt von Amnesty International Österreich, der im Zusammenhang mit dieser Endverbrauchererklärung von “Klopapier” spricht.
Betrachten wir uns doch mal die grössten Posten etwas genauer!
2013 exportierte Deutschland Rüstungsgüter im Wert von 8,34 Mrd. Euro (etwas weniger als im Jahr zuvor). Darunter militärische Ketten- und Radfahrzeuge (grossteils Kampf- und Schützenpanzer) um über zwei Milliarden Euro. Der mit Abstand grösste Umsatz-Posten. Nur im 4. Quartal 2014 sind Panzerteile im Wert von 30 Mio € über den Hamburger Hafen verschifft worden. Davon profitieren etwa Konzerne wie Rheinmetall oder Krauss-Maffei Wegmann.
Mengenmässig, jedoch nicht wertmässig, führen allerdings die Small Arms die Todes-Exportliste an. Auch wenn etwa das G36-Sturmgewehr von Heckler & Koch derzeit harte Zeiten in der Bundeswehr zu bestehen hat, ist es ein Exportschlager und wird es wohl auch mit einem etwas längeren Lauf bleiben. In den letzten 18 Jahren wurden nicht weniger als 277.000 Stück produziert – die Bundeswehr hat derzeit knapp 170.000 Gewehre im Wert von 210 Mio € im Einsatz (“Ordonnanzwaffe der Bundeswehr”). Auch in Lettland und Litauen sowie bei der spanischen Marine ist das G36 inzwischen Standard. Weitere Nutzer ausserhalb der EU sind Ägypten, Australien (Federal Police), Georgien, Jordanien, Kroatien (jeweils Spezialeinheiten), Irak (Peschmerga), Malaysia (Antiterroreinheit), Mexiko (Polizei), Philippinen und Saudi Arabien. Der Nachteil des Gewehres liegt im Streukreis, der sich bei einer Belastung ab 90 Schuss (“heissgeschossen”) auf 50-60 cm bei 100 m Entfernung vergrössert. Daneben produziert Heckler & Koch noch jede Menge anderer Gewehre, wie etwa das HK G41, das Maschinengewehr HK 21, die Maschinenpistole HK MP7, die Pistole HK P8, das Scharfschützengewehr HK33 SG1 oder das Sportgewehr HK SR9 uvam.
Dem steht im Alpenstaat das AUG-A0/A1/A2, besser bekannt als STG-77 von Steyr Mannlicher gegenüber. Seit 1978 ist die Waffe Standard im österreichischen Bundesheer, obgleich noch zigtausende Grundwehrdiener parallel dazu am STG-58 ausgebildet wurden. Das Gewehr ist aufgrund seiner Handlich- und Zuverlässigkeit, sowie weitestgehenden Resistenz gegen Schlamm, Wasser und Gewalteinwirkung in aller Welt beliebt. So wird es als Ordonnanzwaffe ausserhalb der EU in Australien und Malaysia verwendet, grosse Stückzahlen davon sind in Neuseeland, Tunesien und Uruguay im Einsatz. Auch viele Polizeieinheiten in den USA greifen auf das STG-77 zurück. Leider haben zudem die Dschihadisten des IS im Irak die Vorzüge des Gewehres erkannt. Steyr Mannlicher produziert ferner jede Menge Jagdwaffen, wie etwa das beliebte “Scout”, Sportwaffen wie das “Elite” oder auch Faustfeuerwaffen wie die L-A1.
Die PS-Fraktion wird angeführt in Deutschland durch den Kampfpanzer Leopard, in Österreich durch den Schützenpanzer Pandur.
Keine andere Waffe spiegelt dermassen perfekt das Zusammenspiel deutscher Ingenieurskunst mit Kampfkraft wider wie der Leopard 2. Seit 1979 gingen beim Hersteller Krauss-Maffei Wegmann nicht weniger als 3.000 Stück vom Band – 2.125 kamen zur Bundeswehr – die Zahl wurde jedoch anno 1990 auf 350, jetzt auf 250 reduziert. Die wenigsten davon kamen zum Altschrott, sondern wurden wiederverkauft. Derzeit rollen deutsche Leopard 2 in zahlreichen EU-Staaten, aber auch in Chile, Indonesien, Kanada, Katar, Saudi Arabien, der Schweiz (87 Stück), Singapur und der Türkei. Zuletzt kam das gepanzerte Monstrum aufgrund einer grossen Bestellung Saudi Arabiens in die Schlagzeilen. Geordert wurden nicht weniger als 270 Stück zum Gesamtpreis von mindestens 5 Milliarden Euro. Die Regierung musste sich jedoch – wie bereits vorher beschrieben – dem öffentlichen Druck beugen und cancelte den Auftrag. Die Amerikaner liefern anstatt dessen M1-Panzer (“Abrams”). Trotz seines Gewichtes und der Feuerkraft, sind die Versionen A5 aufwärts auch häuserkampftauglich, sie können also durchaus im Inland zur Bekämpfung von Ausschreitungen gegen das eigene Volk eingesetzt werden. Auch betätigt sich das saudische Königshaus gerne als kampfstarker Helfer der benachbarten Königshäuser – bei der Bekämpfung deren Volksaufstände.
Der österreichische Radpanzer Pandur hat sich inzwischen zum richtiggehenden Verkaufshit entwickelt. 1979 durch die Steyr Spezial Fahrzeuge GmbH. (SSF) entwickelt, steht das Gefährt seit 1996 im Österreichischen Budnesheer im Einsatz – auch bei UNO-Missionen in Krisengebieten. Dort lernten ihn andere Streitkräfte kennen und lieben. Grössere Stückzahlen wurden nicht nur von sehr vielen europäischen Generälen bestellt, ausserhalb der EU z.B. von Gabun und den USA. Modfizierte Versionen finden auch bei der Polizei und im Heeressanitätswesen Verwendung.
Heiss begehrt sind ferner die deutschen U-Boote. Alleine im letzten Quartal 2014 verliessen U-Boot-Komponenten im Wert von 75 Mio € den Hamburger Hafen. Nicht wenige davon nach Südafrika, Malaysia, Südkorea und die Türkei. Auch der österreichische Puch G (“Pinzgauer”) oder jetzt Mercedes G-Klasse findet weltweit reissenden Absatz. Den ersten in den USA fuhr übrigens Arnold Schwarzenegger. In Österreich durch die Magna Steyr produziert kann dieser geländegängige Fahrzeug-Typ sowohl für zivile als auch militärische Zwecke eingesetzt werden (“Dual use”). Bislang wurden seit 1979 über 200.000 Exemplare in alle Ecken der Welt verkauft. Und die Produktion läuft vorerst noch bis 2020 weiter.
Chemikalien, Hi-Tech,… – die Liste der offiziellen Exporte ist unendlich. Jene der inoffiziellen noch länger. Österreich rangiert nach einer Auflistung des Stockhomer Friedensinstitutes SIPRI bei den Waffenexporteuren auf dem 25. Platz. Das Ranking wird von den USA und Russland angeführt, dann folgen bereits Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Die wichtigsten Abnehmer sind Indien, China, Südkorea und Pakistan. Im Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan tritt nun tatsächlich die perverse Situation auf, dass beide Staaten meist von denselben Evporteuren beliefert werden. Übrigens ist auch Schweden sehr aktiv in Sachen Waffenexporte – und dies nicht nur bei Kampf-Jets!
Zuletzt noch ein kurzer Gedankengang: Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die EU-Kommission das Betriebsgeheimnis besser vor Spionage, Whistleblowers und investigative Journalisten schützen möchte, wird öffentlich, dass der deutsche Bundesnachrichtendienst die US-amerikanische NSA bei der Betriebsspionage unzähliger deutscher und französischer Betriebe unterstützt haben soll – darunter auch die Rüstungskonzerne Eurocopter und EADS! Ist das nicht pervers? Hi-Tech-Rüstungsware Made in USA – geplant aber in Deutschland!

Die Waffenindustrie schafft Arbeitsplätze, das ist unbestritten! Das nutzten und nutzen nach wie vor Diktatoren durch die Aufrüstung ihres Militärs. Dienen die Waffen tatsächlich der Sicherheit, so ist nichts dagegen einzuwenden. Jedoch sollte berücksichtigt werden, dass sie auch der Grund für den derzeitigen Flüchtlingsstrom sind. Doch hat die Gewinnsucht auch in diesem Bereich Moral und Ethik schon längstens überholt: Liefern wir nicht, liefert ein Anderer und wir schauen durch die Finger!

PS:
Diese Zeilen sind offizielle Angaben. Die internationale Waffenschieberei ist mir ein eigener Blog wert!

PPS:
Liebe(r/s) MAD, BND, AbwA, StaPo, BKAs und nicht zu vergessen natürlich unsere Freunde jenseits des grossen Teichs – vielen Dank für Ihren Besuch! Diese Informationen sind im Internet frei zugänglich! Nicht nur Kriminelle oder Terroristen, auch Kritiker googlen ab und an!

Literatur:

.) Small Arms of the World; Edward Clinton Ezell; Stackpole Books, New York 1983
.) Kampfpanzer Leopard 2. Entwicklung und Einsatz in der Bundeswehr; Frank Lobitz; Verlag Jochen Vollert Erlangen 2009
.) Schwarzbuch Waffenhandel: Wie Deutschland am Krieg verdient; Jürgen Grässlin; Heyne Verlag 2013
.) Waffenhandel. Das globale Geschäft mit dem Tod; Andrew Feinstein; Hoffmann und Campe 2012

Links:

http://www.sipri.org/

http://www.waffenexporte.org/

http://www.deutschesheer.de

http://www.heckler-koch.com

http://www.kmweg.de/

http://www.rheinmetall.com

http://www.bundesheer.at/

http://eu.glock.com

https://www.steyr-mannlicher.com/

http://www.gdels.com

http://www.puch.at

http://www.magnasteyr.com

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