Archive for August, 2015

Es werde Licht – verdammt ich find’ den Schraubenschlüssel nicht

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit sorgte der Spruch “Der kann ja nicht mal die Lampen in seinem Auto wechseln!” am Stammtisch für höhnisches Gelächter und liess so manchen Betroffenen vor Scham errötet unter den Tisch abgleiten. Diese Zeiten jedoch gehören unwiderbringlich der Vergangenheit an. Auch ich musste dieser Tage die Erfahrung machen.
Was in der Bedienungsanleitung immer wieder als simpel und einfach beschrieben wird, jagt immer mehr Autofahrern den kalten Schauer über den Rücken: Dunkelheit an der Frontpartie ihres Autos! Nach § 23 StVO in Deutschland eine Ordnungswidrigkeit! Alsdann kann – auch wenn er vielleicht gar nicht daran schuld ist – dem Fahrzeughalter eines schlecht beleuchteten Kraftfahrzeuges bei einem Unfall eine Teilschuld zugesprochen werden, die ausreicht, damit die Versicherung aussteigt. Irgendwann ist die Lebensdauer einer jeden Lampe überschritten – sie gibt den Geist auf. Vor allem bei jenen Kraftfahrzeugen, die noch nicht über LED-Tagfahrlicht verfügen, werden diese Servicereperaturen immer häufiger der Fall. Der Grund: Das Abblendlicht ist durchgeschaltet!
In den meisten (älteren) Modellen sorgen Fahrlichtschaltungen dafür, dass dieses “Day Running Light” nicht gleich hell leuchtet wie das normale Abblendlicht. Das Relais dieser elektrischen Schaltung ist mit der Zündung gekoppelt und schaltet die Hauptscheinwerfer mit Laufen des Motors automatisch ein, dimmt sie aber auf einen Wert zwischen 400 bis 800 Candela (ECE-87-Wert) zurück. Dunkler dürfen sie nicht werden. In Skandinavien wird nahezu der komplette Lichterbaum eingeschaltet (Begrenzungs- und Rücklicht, Kennzeichen- und Armaturenbeleuchtung); in den USA schalten sich neben dem Hauptscheinwerfer mit dem Lösen der Handbremse ebenfalls die vorderen Begrenzungsleuchten ein. Notwendig machte dies in unseren Breitengraden eine Überlegung aus Brüssel, wonach das Fahren mit Licht auch am Tage als sicherer galt (Richtlinie 2008/89/EG der Kommission vom 24. September 2008 zur Änderung der Richtlinie 76/756/EWG des Rates und zur Anpassung an die UN/ECE-Regelung Nr. 48). Diese Richtlinie schreibt vor, dass alle neu typisierten Kraftfahrzeuge zur Personenbeförderung mit vier Rädern ab 7. Februar 2011 mit einer Tagfahrlichteinrichtung produziert werden müssen. Diese vermeintliche Sicherheit im Strassenverkehr wurde jedoch durch entsprechende Studien und Statistiken rasch widerlegt, sodass inzwischen die Tagfahrlicht-Regelung von Staat zu Staat unterschiedlich gehandhabt wird. Sie gilt etwa in den meisten östlichen Staaten inklusive Russland – aber seit dem 01.01.2014 auch für die Schweiz (Verkehrssicherheitsprogramm “Via sicura”). Übrigens kann es richtig teuer werden, wenn Sie ohne Tagfahrlicht in Russland (200,- €) bzw. Norwegen (235,- €) erwischt werden. Man beachte – beide Staaten gehören nicht zur EU! Dagegen sind die 33,- € in der Schweiz ja geradezu ein Klacks! In Österreich war es eine zeitlang Pflicht. Ab dem 15. November 2005 mussten auch jene Autos mit Abblendlicht am Tag fahren, die noch keine Tagfahrlicht-Einrichtung besassen. Dies wurde jedoch zum 31. Dezember 2007 wieder abgeschafft, da die Unfallzahlen in diesem Jahr drastisch angestiegen sind. Zudem ergab eine wahrnehmungsphysiologische Studie, dass bei Licht eine Fixierung auf für das unmittelbare Vorfeld des eigenen Autos unwesentliche Faktoren erfolgt. Die weiteren Nachteile sind rasch aufgezählt: Frontscheinwerfer, Instrumenten- und Kennzeichenbeleuchtung verbrauchen zwischen 150 bis 200 Watt. Berechnungen des TÜV-Rheinland und der Bundesanstalt für Strassenwesen ergaben einen Mehrverbrauch von 0,2 l Kraftstoff bei Benzinmotoren (0,14 l bei Dieselmotoren) auf 100 km. Somit auch mehr CO2-Ausstoss. Schätzungen weisen darauf hin, dass deutschlandweit durch die falsche Benutzung des Abblendlichtes am Tag rund 130.000 Tonnen CO2 pro Jahr zusätzlich ausgestossen werden. Wenn Sie unbedingt beleuchtet auch am Tag unterwegs sein möchten und verfügen über noch kein Tagfahrlicht, schalten Sie bitte das Standlicht anstelle des Abblendlichtes ein. Werden in einigen Jahren alle Fahrzeuge mit Taglicht ausgestattet sein, so bedeutet dies den Ausstoss von weiteren 550.000 Tonnen – wohlgemerkt: Pro Jahr! Zudem steigt logischerweise auch der Verschleiss der Lampen. Macht summasummarum für jeden Autobesitzer 50,- € mehr an Kosten pro Jahr! Die Werkstatt nicht eingerechnet, da die Lampen wie vorhin erwähnt, nicht immer einfach ausgewechselt werden können. So musste beispielsweise beim Opel Meriva der 1er Baureihe die komplette Stossstange abmontiert werden, da ansonsten nicht an den Scheinwerfer ranzukommen war. Die Gegner dieses Taglichtfahrens, u.a. auch die Autofahrerklubs, argumentierten alsdann mit der “Geldmache der Autoindustrie”, da bei vielen Fahrzeugtypen zum simplen Lampenwechsel eine Fachkraft hinzugezogen werden muss. Und – der immer geringer werdende Spritverbrauch so mancher moderner Motoren wird durch eine solche gesetzliche Regelung ad absurdum geführt. Ausserdem – so ganz nebenbei werden die schwächeren Verkehrsteilnehmer (Motorradfahrer etwa) sicherheitstechnisch wieder entwertet. Ferner sinkt die Wahrnehmungsschwelle für unbeleuchtete Verkehrsteilnehmer, wie Fussgänger und Radfahrer. Nun ja, nicht wirklich nur Vorteile, wie die Verantwortlichen damals versprochen hatten.
Die Autoindustrie reagierte alsdann darauf und führte als Alternative zum gedimmten Abblendlicht durch eine derartige Fahrlichtschaltung die sog. “Pulsweitenmodulation” ein. Sie reduziert die Stromzufuhr für jene Lampen, die für das Taglichtfahren verwendet werden. Doch ist auch dies etwa für eine handelsübliche Xenonlampe nicht genug, da diese speziellen Leuchten immer die volle Leistung für den notwendigen Lichtbogen benötigen. Würde somit auch bei voller Leistung vielleicht die Lampe ein Autoleben lang funktionieren, so gibt schon sehr rasch im Vergleich dazu das Steuermodul mit dem Hochspannungsgenerator w.o. Halogenlampen besitzen eine Lebensdauer von rund 1.000 Stunden – ebenfalls also begrenzt. Ergo wurden zuerst bei mittelklassigen und Hochpreismodellen die LED-Lichterketten eingebaut. Diese LEDs bringen es auf eine Lebensdauer von rund 100.000 Stunden und benötigen nur 10 Watt – ergibt einen Mehrverbrauch von ca. 0,01 – 0,02 l/100 km). Bevor Sie sich nun aber gleich auf den Weg in den nächsten Autozubehörladen machen, um einen solchen LED-Nachrüstsatz zu kaufen, beachten Sie bitte, dass es für die Anbringung gewisse gesetzliche Kriterien zu erfüllen gilt (etwa mindestens 250 Millimeter vom Boden entfernt, horizontaler und vertikaler Sichtwinkel, Kennzeichnung als RL-Beleuchtung, …). Und zu guter letzt: In den meisten Ländern ist es verboten, Nebelscheinwerfer als Tagfahrlicht zu verwenden! In Österreich kann beides in Kombination eingeschaltet werden – die falsche Verwendung der Beleuchtung wird jedoch mit bis zu 5.000,- € geahndet!
Soweit also so gut zur Tagfahrlichtregelung. Doch – gehen wir dem ersten Argument der Gegner etwas auf den Grund: Dem Birnenverschleiss und dem komplizierten Lampenwechsel. Im Jahr 2014 machten Reporter des NDR die Probe auf’s Exempel: Zwei Autos mit jeweils einem defekten Abblendlicht in einer freien Werkstatt. Beim Audi 100 war die Glühlampe innerhalb von drei Minuten gewechselt – die Kosten für Lampe und Einbau lagen bei 5,70 €. Beim Renault Megane mussten die Scheinwerfer ausgebaut werden, nachdem der Stossfänger deinstalliert wurde. Dauer: 30 Minuten, Kosten: 54,- €!!! Auch der ADAC spricht in einem seiner Autotests von “Zumutung”, wenn der Lampenwechsel bei so manchen Modellen thematisiert wird. Beim Golf 4 beispielsweise muss die gesamte Front inkl. Stossfänger und Kühlergrill entfernt werden. Deshalb rät der Hersteller zum Besuch einer Werkstatt. Gleiches gilt auch für die Modelle Fiat Stilo, Ford Fiesta, Renault Scenic II, Smart City Coupé und Cabrio bzw. Daewoo Nubira. Beim Fiat Stilo bedarf es zudem des Entfernens der Batterie. Alles was mittels Code im Fahrzeug funktioniert (Autoradio, …), muss deshalb währenddessen mittels einer zweiten Batterie überbrückt werden. Haben Sie vielleicht eine zweite Batterie gerade mal so in der Garage stehen? Auch beim Smart hiess es: Weg mit der Vorderfront.

https://www.youtube.com/watch?v=t_y0OJB0Nl4

Bei anderen sucht sich der Fahrzeuginhaber krumm und dämlich nach einer Reperatur-Anleitung, geschweige denn dem erforderlichen Werkzeug. Nicht selten werden nämlich von den Herstellern derart spezielle Schrauben und Muttern verwendet, dass Original-Werkzeug notwendig wird. Doch besitzen dies meist nur die Markenwerkstätten oder Bastler. Hinzu kommt, dass der Glühwendel bei den H7-Halogenlampen nicht wirklich immer an derselben Stelle positioniert ist. Blendet Ihr Scheinwerfer nach dem Austausch, so war das auch bei Ihnen der Fall. Für das richtige Einstellen wird erneut der Besuch einer Werkstatt notwendig. Bei Xenon-Lampen hingegen heisst es auch für den geübtesten Bastler: “Finger weg!” In diesen wird nämlich – wie vorhin angesprochen – durch Zünden eines Edelgases ein Lichtbogen erzeugt. Dabei treten schon mal Spannungen von (je nach Modell) über 30.000 Volt auf. Ein Fehler beim Einbau und schon steht das ganze Fahrzeug unter Strom bzw. in Flammen. LED-Dioden müssen ebenfalls als Ganzes ausgetauscht werden. Soll heissen, segnet ein Scheinwerfer das Zeitliche, so muss der komplette Scheinwerfer ausgetauscht werden. Dies kommt jedoch im Vergleich selten vor.
Eigentlich besagt die ECE-Regelung R-48, dass ein Lampenwechsel bei jenen Modellen, die nach dem 01.08.2006 typisiert wurden, möglichst simpel und ohne Spezialwerkzeug machbar sein sollte. Zumindest muss dies verständlich in der Bedienungsanleitung erklärt sein. Schliesslich stellt eine defekte Leuchte ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Geschieht dies während einer längeren Fahrt, hat nicht jeder die Möglichkeit, eine Markenwerkstatt aufsuchen und erst nach erfolgter Reperatur weiterfahren zu können. Jene Modelle, deren Austauschzeit im Jahr 2004 nach diesem Autrotest des ADAC über einer Stunde lag (da erheblicher Mehraufwand), waren etwa:

Chrysler 300 M
Daewoo Kalos und Nubira
Renault Clio D, Megane, Scenic, Espace und Modus

https://www.youtube.com/watch?v=RBHv-VFtlHQ

Das soll nun nicht heissen, dass der Wechsel bei anderen einfacher ist. So müssen etwa beim Polo D der Luftfilter, die Luftführungen und die Batterie ausgebaut, bei der Mercedes A-Klasse der Wischwasser- und der Kühlflüssigkeitsbehälter ausgehängt werden,….
Auch die Zeitschrift “Auto Bild” führte eine solche Testung mit ihren Lesern durch. Geprüft wurden 36 Modelle – nur bei 18 war ein Lampenwechsel relativ einfach möglich. Der Besuch einer Werkstatt wird auf jeden Fall beim Audi A4 und A6, Renault Clio sowie dem Honda Civic empfohlen. Bei Audi hiess es zur Begründung, dass sich ein solcher “Greifraum zum Lampenwechsel” negativ auf Design und CW-Wert auswirke! Zudem auf Kosten des Innenraumes. In etwa die gleiche Aussage bei Renault. Die Franzosen bringen u.a. die Klimaanlage in’s Spiel – irgendwo muss ja Platz eingespart werden. Sie empfehlen übrigens bei ihren Modellen Modus, Clio, Mégane, Koleos, Laguna und Vel Satis eine Werkstatt zum Birnenwechsel aufzusuchen. Klar – derartige Annehmlichkeiten wie ABS, Servolenkung, Klimaanlage etc. benötigen schon auch Platz. Tatsächlich aber liegt es an der digitalisierten Steuerung und der Modulbauweise in der Autoindustrie. Beinahe alles wird inzwischen über eine Steuerungseinheit geregelt. Zuiieferer liefern ferner die Komponenten bereits einbaufertig an den Autohersteller. Dieser erspart sich dadurch viel Zeit, Personal und damit Geld! Für die Reperatur um so schlechter, muss doch immer häufiger das komplette Modul ausgetauscht werden, was möglicherweise gar den Realwert des Fahrzeugs überschreiten kann, kritisiert in diesem Zusammenhang das Fach-Magazin “Auto, Motor, Sport”. Leider ist es bei vielen Modellen inzwischen so, dass die Scheinwerfer im Motorraum ertastet werden müssen, da die Augen nicht bis dorthin vordringen können. Verletzungen, Beschädigungen der Fassung, des Sockels oder gar des kompletten Scheinwerfers und Verunreinigungen an der Birne selbst sind meist die Folge. Doch geht es auch durchaus anders: Volkswagen beispielsweise hatte noch beim Golf 4 die Werkstatt empfohlen, da die Stossstange und der komplette Kühlergrill abgerüstet werden musste, um die Scheinwerfer auszubauen und dann die Birne wechseln zu können. Bei der 5er-Baureihe interessanterweise kann auch ein Laie die Lampen wechseln! Komisch! Ähnliches beim Smart. Nach der Kritik beim ADAC-Test 2004 wurde neu geplant – siehe da: Auto-Bild lobt vier Jahre später den leichten Wechsel der Lampen beim Smart Fortwo (nicht mehr als 5 Minuten ohne Werkzeug).
Die Audi-Bauer aus Ingolstadt übrigens verwenden immer mehr Longlife-Lampen und ein spannungsgeregeltes Bordnetz um Überspannungen zu vermeiden. Hat auch seinen Nachteil: So führte ein defekter Lichtmesser im Innenraum eines Mercedes zum Stottern des Motors. Reperaturkosten: 1.150,- € – wer Mercedes fährt, tut dies mit links ab! Und da sind wir wieder an einem Punkt angelangt, den ein begeisterter Bastler aus dem Kreis der Youngtimer perfekt zu formulieren wusste: Fällt bei einem Neuwagen die Elektronik aus (sei es auch nur ein kleiner Widerstand), bleibt das Auto liegen. Bei den Fahrzeugen der 80er und 90ern hingegen, kann man mit einem kleinen bisschen Know How auch mit dem Schraubenschlüssel noch etwas richten. Je moderner die Autos jedoch werden, desto öfter muss also die Werkstatt aufgesucht werden und desto schwerer wird offenbar bei vielen der Lampenwechsel. Da liest man denn auch schon mal in den einschlägigen Foren:

“Ich schraube doch nicht mein halbes Auto auseinander – nur um eine Glühbirne zu wechseln!”

Äh – und dann war da noch die richtige Lampe. H4 oder doch HB4? H7??? Und überhaupt – was soll das mit der Brille beim Lampenwechsel? …

Links:

http://www.bmvi.de

http://www.adac.de

http://www.autosieger.de

auto-anleitung.de

http://www.taglicht.ch

http://www.oeamtc.at

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Natur? Schon lange nicht mehr!

Nicht immer entspricht das, was da gerade vor uns auf dem Mittagstisch steht, dem, was wir uns darunter vorstellen. Über versteckte Hormon- bzw. Zuckerzusätze habe ich an dieser Stelle ja schon mal die Füllfeder kreisen lassen. Heute geht es weniger darum, was es bei uns Menschen ausrichtet, als vielmehr, wie sie eingesetzt werden: Antibiotika!
So mancher Experte, der Einblick in die Massentierhaltung hat, spricht bei der Verwendung der Antibiotika von einer regelrechten “Sauerei”! Trotzdem wird nicht allzu laut darüber geredet. Schliesslich ist es ein Millionengeschäft: Im Jahr 2009 alleine in Deutschland 688 Mio € schwer, an dem sich vor allem der Tierarzt, aber selbstverständlich auch die Pharma-Industrie gülden verdient. Einer der wenigen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, ist der Ingolstädter Veterinär und Biobauer Dr. Rupert Ebner. Er meinte 2014 – anlässlich des Puten-Zwiebelmettwurst-Skandales in Bayern:

“Tierarzneimittel werden wie Haarshampoos und Tönungsmittel für Frisöre vertrieben.”

Der ehemalige Vizepräsident der Bayerischen Tierärztekammer, jetziger Stadtrat von Ingolstadt und mögliches EU-Parlaments-Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen hat auch gleich die Erklärung parat: Mengenrabatt! Setzt ein pflichtbewusster Tierarzt nur dann Antibiotika ein, wenn es nicht mehr anders geht, so benötigt er vielleicht 30 Flaschen pro Jahr. Diese bekommt er für neun anstelle von zehn Euro je Stück. Kauft nun der Geschäftemacher-Tierarzt gleich 1.000 Flaschen,… Kennen wir ja aus der Philosophie des Supermarktes: Kauf zwei, nimm drei! Das sog. “Dispensierrecht” macht den Tiermediziner auch gleichzeitig zum Apotheker; soll heissen, dass er Pharmaprodukte selbst herstellen, mischen, lagern und verkaufen darf. Ebners Kollegen hingegen streiten dies ab – ein solches Horten von Arzneimitteln mache keinen Sinn, da diese zeitlich nur begrenzt haltbar seien! Stellt sich mir allerdings die Frage: Woher stammen die vielen Antibiotika-Rückstände oder resistente Erreger in Fleisch und Wurst?
Geregelt wird der Einsatz von Antibiotika in Deutschland durch das Arzneimittelgesetz, in Österreich durch das Tierarzneimittel-Gesetz und -kontrollgesetz. Dort ist etwa von einem “Therapienotstand” die Rede. Da ganz offenbar wohl sehr viele Veterinäre und Tierhalter nicht wissen dürften, was darunter verstanden wird, möchte ich eine kurze Begriffsdefinition einfliessen lassen:

“Therapienotstand (Substantiv) Ein Therapienotstand ist gegeben, wenn die Gesundheit eines Patienten ernsthaft gefährdet ist, aber kein wirksames Medikament zugelassen oder keine anerkannte Behandlungsform etabliert ist.”
(Dt. Wörterbuch)

Dem widerspricht aber der § 1 des österreichischen Tierarzneimittelgesetzes:

“Damit soll dem Tierarzt die Möglichkeit gegeben werden, auch bei Behandlungen zu züchterischen Zwecken in Österreich nicht verfügbare Medikamente mit Anwendung der Kaskadenregelung zu importieren.”

Hallo? Ist denn die Zucht ein Notstand??? Wird sie wohl erst dann, wenn eine Tierart aufgrund falscher Haltung auszusterben droht! Mit diesem Paragraphen wird dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet! Und dabei geht es nur um den Import von Tierarzneimittel! War wohl die Lobby wieder mal stärker als der Verstand unserer Volksvertreter. Früher stand dort zu lesen “Behandlung einer Tierkrankheit”!!! Somit wird der Medikamenten-Einsatz also auch an gesunden Tieren legalisiert. Dient ja schliesslich der Zucht!
Ich wollte an dieser Stelle eigentlich einen Vergleich mit dem deutschen Arzneimittelgesetz machen. Obgleich ich geübt bin im Lesen von Gesetzestexten sind die § 56 ff nicht verständlich! Jede Menge Abweichungen, Ausnahmen, Ausnahmen von Ausnahmen, Querverweise auf andere Texte lassen ein sinnbegreifendes Lesen unmöglich erscheinen. Da wiehert der Amtsschimmel und freuen sich die Lobbyisten, denn die haben wirklich ganze Arbeit abgeliefert! Beispiel gefällig?

“Abweichend von Absatz 2 Satz 2 dürfen Arzneimittel für Einhufer, die der Gewinnung von Lebensmitteln dienen und für die nichts anderes in Abschnitt IX Teil II des Equidenpasses im Sinne der Verordnung (EG) Nr. 504/2008 der Kommission vom 6. Juni 2008 zur Umsetzung der Richtlinie 90/426/EWG des Rates in Bezug auf Methoden zur Identifizierung von Equiden (ABl. L 149 vom 7.6.2008, S. 3) in der jeweils geltenden Fassung festgelegt ist, auch verschrieben, abgegeben oder angewendet werden, wenn sie Stoffe, die in der Verordnung (EG) Nr. 1950/2006 der Kommission vom 13. Dezember 2006 zur Erstellung eines Verzeichnisses von für die Behandlung von Equiden wesentlichen Stoffen gemäß der Richtlinie 2001/82/EG des Europäischen Parlaments und des Rates zur Schaffung eines Gemeinschaftskodexes für Tierarzneimittel (ABl. L 367 vom 22.12.2006, S. 33) aufgeführt sind, enthalten.”

Bahnhof!

Allerdings hat es mir in all dem Kauderwelsch ein Absatz besonders angetan – § 57 (1a):

“Tierhalter dürfen Arzneimittel, bei denen durch Rechtsverordnung vorgeschrieben ist, dass sie nur durch den Tierarzt selbst angewendet werden dürfen, nicht im Besitz haben. Dies gilt nicht, wenn die Arzneimittel für einen anderen Zweck als zur Anwendung bei Tieren bestimmt sind oder der Besitz nach der Richtlinie 96/22/EG des Rates vom 29. April 1996 über das Verbot der Verwendung bestimmter Stoffe mit hormonaler beziehungsweise thyreostatischer Wirkung und von ß-Agonisten in der tierischen Erzeugung und zur Aufhebung der Richtlinien 81/602/EWG, 88/146/EWG und 88/299/EWG (ABl. EG Nr. L 125 S. 3) erlaubt ist.”

Habe ich nun beispielsweise ein hormonhaltiges tier-pharmazeutisches Produkt in Besitz, das nicht zur Anwendung bei Tieren bestimmt ist – wofür habe ich es dann im Hause? Zum Vergleich: Die Drogenfahndung findet in meiner Wohnung Cannabis und Zigarettenpapier und ich behaupte mal ganz fröhlich, dass das nicht zum Rauchen bestimmt ist!
Allerdings bringt es ein Paragraph ganz eindeutig auf den Punkt:

§ 58b Mitteilungen über Arzneimittelverwendung
(1) Wer Tiere, für die nach § 58a Mitteilungen über deren Haltung zu machen sind, hält, hat der zuständigen Behörde im Hinblick auf Arzneimittel, die antibakteriell wirksame Stoffe enthalten und bei den von ihm gehaltenen Tieren angewendet worden sind, für jeden Tierhaltungsbetrieb, für den ihm nach den tierseuchenrechtlichen Vorschriften über den Verkehr mit Vieh eine Registriernummer zugeteilt worden ist, unter Berücksichtigung der Nutzungsart halbjährlich für jede Behandlung mitzuteilen

Damit ist ganz klar niedergeschrioeben, dass die Behörden bei der Verwendung von Antibiotika in Tierhaltungsbetrieben informiert sind, ja sein müssen. Somit geschieht all dies amtlich wissentlich, sodass sich die Politik, der Gesetzgeber und in weiterer Folge auch die Interessensverbände nicht mehr ihrer Verantwortung entziehen können: Es ist somit durchaus bekannt, dass in der industriellen Tierhaltung künstlich Supererreger herangezüchtet werden!!! Erfolgt keine Mitteilung durch den Tierhalter, so ist dies strafbar und gehört entsprechend der Gesetze exekutiert! Und hierbei stellt sich mir die Frage: Rangiert die menschliche Gesundheit in ihrer Bedeutung hinter jener der unerlaubten Tierhaltung?
Bei diesem letztjährigen Lebensmittel-Skandal übrigens handelte es sich um resistente ESBL-Keime in verschiedenen Wurstsorten, die im Auftrag des Bündnis 90/Die Grünen in Bayern untersucht wurden. Die meisten derartiger Keime wurden in der angesprochenen Puten-Zwiebel-Mettwurst entdeckt. ESBL bedeutet “Extended-Spectrum-Betalaktamase”. Diese Erreger produzieren ein spezielles Enzym, das ein breites Spektrum der betalaktam-haltigen Antibiotika spaltet. Dadurch werden diese resistent gegenüber Penicilline, Cephalosporine und Monobactame. Gelangen nun solche ESBL-Erreger in die Nahrungskette und werden vom Menschen aufgenommen, lösen dort eine Krankheit aus, die ansonsten mit derartigen Antibiotika bekämpft werden könnte, so wird durch die Zufuhr entsprechender Arzneimittel keine erwartete Reaktion mehr ausgelöst. Es muss eine alternative Therapie gefunden werden, wenn es sie gibt bzw. es noch nicht zu spät dafür ist. Solcherartige Mutanten sind zuletzt vor allem bei den Erregern Staphylococcus aureus, Escherichia coli und Enterokokken immer häufiger aufgetreten.
Resistenzen sind alsdann zumeist Mutationen, also Veränderungen der DNA aufgrund eines veränderten Lebensumfeldes. D.h., dass sich das Bakterium an die ständige Antibiotika-Konzentration gewöhnt und dagegen wehrt. Durch Gentransfer kann eine solche Resistenz auch an andere Bakterienstämme weitergegeben werden. Mutationen entstehen somit dort, wo viele Antibiotika zum Einsatz kommen: In der Massentierhaltung und in Krankenhäusern. Man spricht in diesem Zusammenhang fälschlicherweise vom “Supervirus”! Die meisten Viren allerdings können nicht mit Antibiotika bekämpft werden. Die Experten warnen jedoch dringlichst, wie etwa Prof. Dr. Manfred Grote vom Institut für Analytische Chemie der Universität Paderborn:

“In den beiden letzten Jahrzehnten wird weltweit eine drastische Zunahme an antibiotikaresistenten pathogenen Keimen beobachtet. Ein Großteil der traditionellen Antibiotika ist dadurch zur Behandlung von Infektionen bei Mensch und Tier unwirksam geworden. Für das Gesundheitswesen ist damit ein ernsthaftes Problem entstanden: Infektionen, die von multiresistenten Bakterien verursacht werden, sind schwierig zu therapieren, verlängern die Behandlungsdauer und führen zu einer erhöhten Mortalität sowie zu höheren Behandlungskosten. Die Entwicklung und Ausbreitung resistenter humanpathogener Erreger wird ursächlich u.a. mit dem extensiven Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung in Verbindung gebracht.”

Grote fordert deshalb, dass in der Veterinärmedizin nicht dieselben Antibiotika wie in der Humanmedizin zum Einsatz kommen dürfen.
Um die Ausmaße dieser Thematik aufzuzeigen, möchte ich eine Studie der Universität Vechta (Institut für Strukturforschung und Planung in agrarischen Intensivgebieten) vorstellen. 221 Geflügel-Zuchtbetriebe in Niedersachsen, NRW und Mecklenburg-Vorpommern wurden im Rahmen dessen untersucht. Rund 60 % der Ställe (z.B. 42 % der Puten-, 75 % der Junghennenställe) wurden nach der Ausstallung bzw. vor der Neubelegung nicht desinfiziert. Parallel dazu heisst es jedoch in der I. Geflügelpest-Verordnung vom 03.11.2004 (BGBl. I S. 2746) des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes im Hochsauerlandkreises/Hessen etwa unter Punkt 5 “Einhaltung bestimmter seuchenhygienischer Maßnahmen (Auszug)”:

“Wenn mehr als 1000 Stück Geflügel gehalten werden, ist Folgendes sicherzustellen: … Reinigung und Desinfektion nach jeder Ein- oder Ausstallung (gilt für Gerätschaften u. Verladeplatz, u. im Falle der Ausstallung auch für den Stall u. die Stalleinrichtungen).”

Verfolgt also Hessen restriktivere Seuchen-Massnahmen als andere deutsche Bundesländer???
Immer wieder wird in jüngster Zeit bei Wasseruntersuchungen nicht nur der Nitratgehalt sondern auch die Konzentration an Arzneimittelrückständen im Wasser kritisiert. Sicherlich gelangt ein nicht zu unterschätzender Teil dessen über die Kläranlagen in unsere Flüsse – jedoch nicht in’s Grundwasser. In der industriellen Tierhaltung bzw. Fleischproduktion werden weitaus höhere Mengen von Medikamenten verbraucht, die über die Gülle wieder auf die Felder und von dort auch in die Flüsse und in’s Grundwasser gelangen. Schon in den 1960ern wurde in einer Studie von H. Kögler vor medizinischen Rückständen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gewarnt. Getan hat sich freilich seither gar nichts! 2008 wurde erstmals der GERMAP-Bericht in Deutschland vorgelegt. Initiiert wurde dieser durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, die Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie und die Abteilung für Infektiologie an der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg. Darin wird der Zusammenhang zwischen dem Anrtibiotikaverbrauch und der Verbreitung von Antibiotikaresistenzen aufgeschlüsselt. Den Bericht gibt es sowohl in gebundener Form, als auch im Download:

http://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/08_PresseInfothek/Germap_2012.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Somit nun auch die wissenschaftlich fundierten Zahlen aus diesem Bericht zur Abgabe antimikrobiell wirkender Stoffe aus dem Jahr 2011 für Deutschland:

Humanmedizin
Knapp 38 Mio Antibiotikaverordnungen im ambulanten Versorgungsbereich
358 Mio definierte Tagesdosen
Die meisten Verordnungen im Krankenhaus waren β-Lactame und Fluorchinolone
Gesamtvolumen im ambulanten Bereich (Schätzung): 5-600 Tonnen
Das sind rund 85 % des Gesamtvolumens an Antibiotika in der Humanmedizin

Veterinärmedizin (für “Lebensmittel liefernde Tiere”)
Gesamtvolumen (Verkauf der Pharmazeutischen Industrie an Tierärzte): 1.626 Tonnen (2014 waren es 1.238 t)
Andere Zahlen liegen in diesem Bereich nicht vor!

In Österreich ist dies erfasst im jährlichen AURES-Bericht des Bundesministeriums für Gesundheit – hier die Daten aus dem Bericht 2012:
Humanmedizin:
17,7 Verordnungen/10.000 Einwohner
Veterinärmedizin: 53 Tonnen

http://bmg.gv.at/cms/home/attachments/9/2/1/CH1318/CMS1416214760260/aures_2012.pdf

Die Daten aus der Schweiz entstammen dem BfR-Symposium zur “Antibiotika-Resistenz in der Lebensmittelkette 2013):
Veterinärmedizin: 62 Tonnen

http://www.bfr.bund.de/cm/343/antibiotikaverbrauch-erfassung-in-der-schweiz.pdf

Für alle Verfechter des TTIPs – die Zahlen für die USA wurden dem “U.S. Food and Drug Administration’s Center for Veterinary Medicine – FDA Annual Report on Antimicrobials Sold or Distributed for Food-Producing Animals in 2011″ entnommen:
Veterinärmedizin: 13.600 Tonnen

http://www.fda.gov/downloads/ForIndustry/UserFees/AnimalDrugUserFeeActADUFA/UCM338170.pdf

Die einzige Möglichkeit aus diesem Schlamassel herauszukommen, ist das Ende der Massentierhaltung. Weg von der maximalen Besatzdichte, hin zur tiergerechten Haltung. Diese unwürdige Massenhaltung hätte es sowieso niemals geben dürfen. Die meisten der sog. “Nutztiere” wie Kühe, Schafen, Ziegen, Gänse und auch Schweine und Hühner sind für die Weidetierhaltung vorgesehen, nicht für die Mast mit möglichst wenig Bewegung. Viele werden sich nun fragen, weshalb der Schreiberling dieser Zeilen keine “artgerechte Haltung” einfordert. Ich habe vor kurzem ein Interview mit dem neuen Direktor des Karlsruher Zoos, Matthias Reinschmidt, mitverfolgt, der meinte, dass eine artgerechte Haltung zudem die Futterfeinde und biologischen Feinde beinhaltet. Das würde bedeuten, dass auch andere Raubtiere als der Mensch bei der artgerechten Haltung involviert sind (etwa der Wolf bei der Schafhaltung oder der Fuchs bei der Hühnerhaltung). Da gebe ich Herrn Reinschmidt vollkommen recht. Dies würde jedoch zu einem massiven Anstieg der Fleisch- und Wurstpreise führen. Wäre im Sinne der Humanität, v.a. aber der Volksgesundheit vielleicht nicht mal das Schlechteste – Fleisch würde wieder etwas Exklusives werden; etwas das aufzeigt, dass zu dessen Genuss ein Lebewesen sterben musste. Trotzdem landet dermassen viel an Lebensmittel tierischen Ursprungs im Müll. Geht’s uns etwa zu gut? Moralisch mehr als verwerflich: Hat das noch etwas mit Achtung vor Lebewesen zu tun? Schliesslich sind auch diese Geschöpfe Gottes (für alle Gläubigen unter den Lesern). In der Ernährung wäre es sehr förderlich, wenn weniger Fleisch konsumiert würde: Weniger tierische Eiweisse und Fette bedeuten auch weniger Übergewicht, weniger Diabetes, weniger Übersäuerung,… In Deutschland werden jährlich 69 kg Fleisch pro Kopf verbraucht! Das ist eine riesige Menge!
Abschliessen möchte ich noch einmal mit einem Satz von Tierarzt Ebner:

“Man kann nicht einfach den Hebel umlegen, aber man kann die Entwicklung in kleinen Schritten in die richtige Richtung lenken!”

Links:

http://www.bauernverband.de

https://www.bmel.de

http://www.bvl.bund.de

http://www.aid.de

http://www.p-e-g.org

http://www.antiinfektiva-surveillance.de

https://ars.rki.de/

http://bmg.gv.at

http://www.bauernbund.at

http://www.sbv-usp.ch/de/

http://www.efsa.europa.eu

http://www.fda.gov

http://www.pewtrusts.org

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“Liederliche Weibspersonen”

“Wenn es dunkel wird, beginnt hinter dem Westbahnhof der illegale Straßenstrich. Auf der rechten Seite der Mariahilfer Straße und in den Seitengassen versuchen Drogensüchtige zu Geld zu kommen, im Bereich Österleingasse gehen geschleppte Bulgarinnen auf den Strich und auf der anderen Seite spazieren Afrikanerinnen, vorwiegend Asylwerberinnen.”
(Öffentliche Sicherheit – Das Magazin des Inneniminsteriums 1-2/2003)

Auf das heutige Thema stiess ich durch eine der Mails, die ich derzeit zuhauf erhalte: “Hobby-Huren – Sex schon ab 30 €!” Nicht, dass ich auf Porno- oder Sexseiten mein Unwesen treibe, kamen die Absender doch ganz gewieft auf meine Mailadresse. So erhielt ich normale Werbe-Spams “Testfahrer gesucht”! Zuerst dachte ich, dass es der Newsletter eines Partnerunternehmens aus irgendeinem Preisausschreiben oder Online-Bestellung sei und klickte sie einfach weg. Das Zeugs muss ja immer wieder bei solchen Gelegenheiten akzeptiert werden. Als es mir jedoch zu bunt wurde, habe ich den Newsletter abbestellt. Seither erhalte ich derartige Sexmails, die man grundsätzlich nicht abbestellen soll, da erkannt werden kann, dass die Mailadresse stimmt und somit noch mehr Sex-Spams reinkommen bzw. die Mailadresse weiterverkauft wird. Doch diese eine Mail habe ich angezeigt. Einerseits ist es ein Verstoss gegen das Telekommunikationsgesetz, andererseits Aufforderung zur illegalen Prostitution. Und zudem: Wer weiss, ob die Frauen, die sich da billigst verkaufen, dies auch tatsächlich freiwillig machen. Damit begeben wir uns heute in ein Millieu, das wohl dreckiger nicht sein kann – der geheimen und grossteils erzwungenen Prostitution.
Im Jahr 2003 vermutete die Polizei Wien, dass nicht weniger als 3.500 Frauen in der österreichischen Bundeshauptstadt diesem zweifelhaften Job nachgingen. Einige Hausfrauen und Studentinnen meist freiwillig, die meisten jedoch unfreiwillig: Junkies, die Geld für den nächsten Schuss brauchen; verschleppte Ausländerinnen, denen ein guter Job oder ein heiratswilliger Mann versprochen wurde; Frauen, die einem Mann auf den Leim gingen und von ihm nun zu den Diensten gezwungen werden. Ihre Freier müssen sie sich in den Bordellen oder Animierlokalen suchen, am Strassenstrich oder durch Anzeigen. Immer mal wieder werden illegale Liebeshöhlen ausgehoben; Privatwohnungen, die vielleicht den Nachbarn aufgefallen sind, da ein ständiges Kommen und Gehen von Männern stattfindet. Im Vergleich dazu waren übrigens 2003 460 Frauen und 14 Männer in der Stadt des Heurigen gemeldet, die auch über eine Kontrollkarte, dem sog. “Deckel” verfügten. Diese legalen Prostituierten müssen sich einmal wöchentlich beim Gesundheitsamt melden. Geschieht dies nicht, wird die Kontrollkarte eingezogen. Klar ist auch hier die Ansteckung mit HIV, Tripper, Syphillis oder Hepatitis C möglich, doch bei den Illegalen mehr als wahrscheinlich. Umso erstaunlicher ist das Interesse der Freier. Doch nur mit dieser Kontrollkarte ist lt. dem Prostituiertengesetz 1983 der Stadt Wien, novelliert 1991 das Ausüben dieser Betätigung erlaubt. Zum Schmunzeln auch die Beschreibung im Amtsdeutsch:

„Duldung sexueller Handlungen am eigenen Körper oder die Vornahme sexueller Handlungen“.

Übrigens – ein Landesgesetz! Im westlichsten Bundesland des Alpenstaates, Vorarlberg, ist die Prostitution nur in Bordellen erlaubt – die Eröffnung eines solchen Etablissements wurde jedoch bislang erfolgreich bekämpft. Somit gibt es hier praktisch keinen legalen Strich! Die Männer fahren ganz einfach über die Grenze in die benachbarte Schweiz.
Grossrazzien, wie etwa jene beiden im September oder Oktober 2002, in deren Rahmen innerhalb von zwei Wochen in der Praterstadt nicht weniger als 2.700 Autos kontrolliert wurden, verschrecken die Szene und ihre Freier zwar kurzfristig – können das Problem jedoch nicht ausrotten. Zwangsprostitution mit Menschenhandel und Zuhälterei ist ein sehr attraktives Geschäft, das sich immer wieder seinen Platz sucht. Die Opfer – zumeist Frauen, die mit falschen Versprechungen gelockt wurden, aber leider immer mehr auch Jugendliche und Kinder – leben in einer unmenschlichen Hölle! Den Erwachsenen wird der Reisepass abgenommen, sie werden ausgebeutet, geschlagen, misshandelt und an der kurzen Leine gehalten. Meistens gibt es im Heimatland auch noch Verwandte oder Bekannte, deren Existenz durch die Menschenhändler bedroht wird. Bei ersten Anzeichen eines Aussteigens, werden sie meist entsorgt oder in andere Länder verschleppt. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von einem “Wanderzirkus”! Die Polizei tut sich zumeist schwer, ist es doch nicht damit getan, die Frauen festzunehmen und abzuschieben. Denn – der Ersatz ist schneller da, als Mann sich umgedreht hat! Schliesslich wollen die Männer ja “Frischfleisch”! Die Organisation muss gesprengt werden, was jedoch nicht immer ganz so einfach ist. Europaweit sind sie gut vernetzt und abgeschottet. 80 % der Frauen kommen aus Osteuropa, der Anteil an Afrikanerinnen hingegen steigt an.
Die Prostitution gibt es schon seit sehr, sehr langer Zeit. Erste Nachweise kommen aus Babylon und Tyros (“Tempelprostitution”). Nicht umsonst spricht man in diesem Zusammenhang alsdann vom “ältesten Gewerbe der Welt”. Auch die Kirche duldete im Mittelalter die Sexdienste – der Klerus bezeichnete sie als “geringeres Übel” im Vergleich zur Unzucht, Vergewaltigung, Ehebruch, Selbstbefleckung etc. der untreuen Ehemänner oder Ehelosen! Der Ausdruck im Titel übrigens entstammt dem Preußischen Allgemeinen Landrechts des Jahres 1794. In vielen Kulturkreisen werden die Prostituierten sozial ausgegrenzt, stigmatisiert und verfolgt, ja auch ermordet. Interessant ist, in der DDR war die Stricherei eigentlich verboten, nutzte doch die Stasi viele Damen des waagrechten Gewerbes, um an Informationen ranzukommen. Das nannte sich “Frauenspezifische Verwendung”! Erst Ende des 20. Jahrhunderts musste auch der letzte Gegner einsehen, dass mit der Sexarbeit wohl oder übel gelebt werden muss, da sie nicht auszurotten ist. Seither fordern immer mehr die Anerkennung eines eigenen Berufsstandes. Kontraproduktiv hingegen ist die Regelung in Frankreich und Schweden. Dort wird nicht die Prostituierte, sondern der Freier bestraft. Eine Branche ohne Kunden??? Dies hat seinen Hintergrund auf einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes vom 20. November 2001, wonach die Prostitution entsprechend des Art. 2 EG eine “Erwerbstätigkeit als Teil des gemeinschaftlichen Wirtschaftslebens” darstellt.
Wissenschaftlich fundierte Zahlen freilich sind mehr als rar – nach Hochrechnungen und Umfragen haben zwischen 18 % der deutschen Männer zwischen 15 bis 70 Jahren schon einmal für Sex bezahlt (Kleiber 1994), rund 400.000 Prostituierte sollen 1,2 Mio Kunden täglich versorgen. Wird dies jedoch weitergerechnet, so müsste jeder erwachsene männliche Bundesdeutsche zwischen 20 und 59 Jahren einmal monatlich eine Sexarbeiterin aufsuchen. Zahlen über die Zwangsprostitution gibt es schon mal gar nicht, da dies alles im Dunkeln geschieht. Lediglich bei Infektionen oder Züchtigungen durch beispielsweise die Zuhälter, also bei medizinischen Versorgungsfällen, oder Ausstiegen treten Informationen zu Tage.

https://www.youtube.com/watch?v=y_6MSpi51b4

Zurück zur illegalen Prostitution. In Innsbruck/Tirol wurde vor zwei Jahren eine eigene SoKo zu deren Bekämpfung eingerichtet. Obgleich zumindest ein Bordell und mehrere Animierlokale in der Olympiastadt bekannt sind, ist die illegale Prostitution zu einem ernstzunehmenden Problem geworden. So geht die Polizei von zirka 50 Prostituierten aus. Bei Kontrollen vorort wurden innerhalb nicht mal einer Woche nicht weniger als 102 Verwaltungsanzeigen ausgestellt. Ziel ist es jedoch gleichfalls nicht nur, dass die Damen ausser Gefecht gesetzt sind, sondern der gesamte Komplex gesprengt wird: Zimmer- und Wohnungsvermieter, Zuhälter, Freier, … Im Sommer zuvor war auch die Polizei in Wien nicht untätig: Bei Schwerpunktkontrollen im Stuwerviertel im 2. Bezirk wurden rund 820 Anzeigen geschrieben. Strassenprostitution ist seit 2011 in Wien nurmehr an gewissen Stellen des Praters und im Auhof während der Nachtstunden erlaubt. Zürich beispielsweise hat auf diese Situation reagiert und in 3 Bereichen der Stadt Sexboxen aufgestellt – nurmehr in dieser Umgebung darf auf öffentlichem Grund angeschafft werden. Abgetrennte Carports, in welchen die Strassenprostituierten ihrem Geschäft nachgehen können. Dabei wurden diese Boxen als Vorsichtsmassnahme derart gestaltet, dass auch der Fahrer nur auf der Beifahrerseite aussteigen kann. Obgleich die Neue Zurcher Zeitung von Umsatzeinbussen am Strassenstrich spricht, überlegt sich auch Basel ein ähnliches Modell.

http://www.nzz.ch/zuerich/zuerich-bilanz-strassenstrich-sexboxen-1.18275014

Die Schweiz geht somit dieses Thema von einer komplett anderen Seite an: Hier ist bewusst geworden, dass das Problem wohl nicht abgeschafft werden kann. Wird der Strassenstrich verboten, verlagert sich das Ganze in Wohnungen. Dadurch verlieren aber auch jene, die beruflich mit den Prostituierten zu tun haben (Mediziner, Sozialarbeiter,…) gänzlich den Kontakt. Und genau vor diesem Problem steht nun auch die Stadtregierung von Zürich: Standen die Damen noch an den Bordsteinen der Partymeilen, gingen rund doppelt so viele ihrem Gewerbe nach. Der Strich-Platz mit den Sexboxen sollte – um einer neuerlichen Verlagerung entgegen zu wirken – mehr ausgelastet sein! 2014 wurden übrigens in Zürich 31 Verfahren wegen Menschenhandels durchgeführt, im Jahr zuvor war es noch knapp unter der Hälfte!
Auch in Deutschland ist das Problem zwar bekannt – eine Lösung hingegen wurde bislang nicht gefunden. Täglich nehmen über eine Mio Männer die Dienste des waagrechten Gewerbes in Anspruch. Durch freiwillige Huren ist dieser Bedarf nicht abzudecken. Deshalb spielt die Zwangsprostitution v.a. mit Osteuropäerinnen eine sehr grosse Rolle im Milieu! Die Polizei München etwa bemerkte im Jahr 2010 einen 50 %-igen Anstieg von rumänischen Sex-Sklavinnen (im Vergleich zu 2009). Nach Schätzungen beläuft sich der Anteil von rumänischen und bulgarischen Prostituierten in Deutschland auf rund 80 %. Doch wird der Anteil der Afrikanerinnen immer grösser. So erregte etwa der Fall von Yamina, der u.a. 2010 in der Zeitung “Die Welt” mit dem Titel “Das Wegwerfmädchen” beschrieben wurde, grosses Aufsehen. Yamina verliess die Slums von Lagos/Nigeria in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Eigentlich sind es Frauen, die den Menschenhandel mit Frauen in Nigeria organisieren. In diesem Falle aber hatte ihr ein Priester einen Job als Kosmetikerin in Europa angeboten! Gelandet ist sie jedoch in einem Bordell. Für 30 € durften die Männer alles mit ihr machen, was sie wollten – 70x in der Woche. Yamina war damals 15! Ein erster Fluchtversuch scheiterte: Sie konnte nicht lesen, schreiben, rechnen und sprach auch kein Deutsch. Ausser der Puffmutter kannte sie niemanden! Ein Fall, der stellvertretend für zigtausende Frauen, Jugendliche und Kinder – ja auch für Jungs – steht. Die EU-Kommission in Brüssel spricht von nicht weniger als 120.000 Frauen und Teenies, die jährlich nach Westeuropa verschleppt werden. Ein Riesengeschäft! 32 Milliarden US-.Dollar werden hiermit umgesetzt – 28 alleine durch Sex! Gerichte und Polizei stehen meist hilflos vor dem Scherbenhaufen. Das Prostitutionsgesetz, dessen Absichten vielleicht tatsächlich gut waren, hat die Vermittlung von Sex legalisiert (nicht den gezwungenen Sex!), wodurch die Prostitution zu einer anerkannten Arbeit wurde. Damit sollten den betroffenen Frauen mehr Rechte zukommen – allerdings blühte der Menschenhandel geradezu auf. Also wurden vier Jahre später die Rechtsgrundlagen gegen diesen verschärft. So wird den Frauen mit Ausweisung gedroht, wenn sie keine Informationen liefern. Schlagende und tretende Zuhälter und Menschenhändler auf der einen, die Abschiebung auf der anderen Seite! Der richtige Weg? 2008 wurden durch bundesdeutsche Gerichte nur 173 Fälle von Menschenhandel abgeurteilt! Eine verschwindend kleine Zahl zur Realität! Yamina übrigens hatte Glück: Zwei Jahre nach ihrem Fluchtversuch wurde sie bei einer Razzia im Eros Center festgenommen und auf den Weg gebracht, den sie eigentlich in Europa einschlagen wollte. Sie hat inzwischen auch den Hauptschulabschluss und die mittlere Reife geschafft!
Bei all dieser Tragik und den grauenvollen Zahlen sollte nicht vergessen werden, dass es auch Frauen gibt, die diesen Job (egal ob Blow- oder Handjob, darf’s a bisserl mehr sein?; Anm. d.Red.) freiwillig ausüben. Vielleicht auch, um aus ihrem normalen Leben auszubrechen, um guten Sex zu haben. Schliesslich ist beispielsweise das Leben einer Escortdame nicht wirklich so übel: Essen und Getränke werden stets bezahlt, Verdienst von rund 1.000 € pro Nacht und “Verkehr in den höchsten Kreisen”!

https://www.youtube.com/watch?v=9oLC2mA1i30

Über die Hintergründe, die Männer zu Prostituierten treiben, gibt es viele Untersuchungen. Neugier ist hier sicherlich ganz oben auf der Liste zu finden. Singles wollen sich die kräftezehrende Geschichte einer Beziehung ersparen. Das Gefühl, über jemanden bestimmen zu können – sicherlich ein weiterer Faktor. Ehemänner gehen häufig in Bordelle um sexueller Praktiken, die die Ehefrau ablehnt, ausleben zu können. Fakt ist aber, wie es Doris Velten ganz treffend in Ihrem Buch “Aspekte der sexuellen Sozialisation” beschreibt: Die meisten Freier sind sexuell unzufrieden!

PS:
Bei all dieser Tragik möchte ich Ihnen etwas witziges nicht vorenthalten. Bei der Recherche zu diesem Blog stiess ich auf den Ausdruck “spontane Springer”. Gemeint sind damit Sexarbeiterinnen, die durch das Land geschickt werden, um Überbedarf auszugleichen! Welch durchaus zutreffender Ausdruck!

Filmtipps:

.) Doku Zeit – “Zwangs Prostitution In Deutschland – Illegale Puffs Doku 2015″
.) Das Erste – “SEX – Made in Germany”

Lesetipps:

.) Prostitutionskunden: Eine Untersuchung über soziale und psychologische Charakteristitika von Besuchern weiblicher Prostituierter in Zeiten von AIDS; Dieter Kleiber, Doris Velten; Nomos Verlag, Baden-Baden 1994,
.) Die Geheime und öffentliche Prostitution in Stuttgart, Karlsruhe u. München mit Berücksichtigung des Prostitutionsgewerbes in Augsburg und Ulm, sowie den übrigen grösseren Städten Württembergs; Anton Otto Neher; Paderborn, F. Schöningh, 1912
.) (Un)heimliche Lust: Über den Konsum sexueller Dienstleistungen; Sabine Grenz. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005
.) Das Lexikon der Prostitution. Das ganze ABC der Ware Lust; Marcel Feige; Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2003
.) Lass dich verwöhnen – Prostitution in Deutschland; Tamara Domentat; Aufbau Verlag, Berlin 2003
.) Der Strich. Soziologie eines Milieus; Roland Girtler; LIT Verlag, Wien 2004
.) Seitenstraßen – Geld, Macht und Liebe oder der Mythos von der Prostitution; Cecilie Høigård, Liv Finstad; Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1987

Linktipps:

http://www.frauenrat.de/

http://bufas.net/

http://www.nswp.org/

http://www.sexworkeurope.org/

http://berufsverband-sexarbeit.de/

http://sexarbeits-kongress.de/

http://menschenhandelheute.net/

http://www.uegd.de/

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Zucker – Die Lüge der Lebensmittelindustrie!

Als ich mich vor kurzem mit einer Bekannten auf einen Kaffee in der Stadt getroffen hatte, musste ich nicht schlecht staunen, trank sie doch ihren Kaffee mit zwei Löffel Zucker. Dazu ass sie auch ein Stück Sachertorte! Die Frau ist zwar kein Strich in der Landschaft, aber auch nicht übergewichtig. Sie hingegen wunderte sich, dass ich meinen Kaffee nach wie vor schwarz ohne Zucker genoss. Kaffee ist für mich ein Genussmittel. Wenn nicht gerade in der Früh zum Munterwerden getrunken, möchte ich doch die Bohne schmecken. Tja – und dann ist da noch die Geschichte mit dem weissen Zucker!!!
Der Zucker, so wie wir ihn kennen, wird aus Pflanzen gewonnen – vornehmlich der Zuckerrübe, in unseren Breitengraden weniger aus Zuckerrohr. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch lag 2012/13 in Deutschland bei 32,1 kg, in Österreich bei 37,1 kg! Die Schweiz jedoch schlägt mit 51,9 kg alles! Im Vergleich dazu lag der weltweite Zuckerkonsum 2012/13 bei 24,4 kg pro Kopf. Tendenz: nach Jahren des Sinkens – jetzt wieder steigend (Angaben: Verein der Zuckerindustrie e.V.). Die Verwendung von Zucker kann bis rund 8000 vor Christus nachgewiesen werden. Im alten Rom versüssten die reichen Patrizier ihre Getränke und Speisen mit Fruchtzucker aus eingekochtem Traubensaft. Der kristalline Zucker wurde durch die Kreuzfahrer nach Europa gebracht und lange Zeit als “weisses Gold” bezeichnet. Damals kam er noch in Form von Zuckerhüten in die Haushalte. Den ersten Würfelzucker erfand Jacob Christoph Rad 1840 in Böhmen, weil sich seine Frau angeblich am Finger verletzt hatte, als sie ein Stück aus dem Zuckerhut abbrechen wollte. Nachdem die Gewinnung aus der Zuckerrübe entwickelt wurde, wuchs die Zuckerindustrie sehr rasch heran – die Weltproduktion lag etwa im Jahre 1900 bei 11 Mio Tonnen – zur Hälfte bereits aus Zuckerrüben, 2012 waren es schon 175 Mio Tonnen. Inzwischen wird sehr viel Zucker auch für die Herstellung von Bioethanol verwendet. Detaillierter möchte ich erst gar nicht in dieses Thema eintauchen – Inhalt dieser heutigen Betrachtungen sollen vielmehr die Zuckerzusätze und deren Folgewirkungen sein.
Ernährungsexperten warnen v.a. vor der sog. “Raffinade”, also dem kristallisierten weissen Zucker, der zu 99,96 % aus Saccharose und nur zu 0,4 % aus Invertzucker besteht. Daneben gibt’s das süsse Etwas in allen möglichen Schattierungen – Weisszucker, Kandiszucker, brauner Rohrzucker, Farinzucker,… – aber auch die Fructose, Invertzucker, Maltose, Laktose, Stachyose, …
Nahezu alle Speisen und Getränke eines “normalen” Haushaltes beinhalten heutzutage Zucker – zumeist leider in der schädlichsten, da raffinierten Form. Klar braucht der Körper Zucker um arbeiten zu können. Wenn er allerdings zu viel davon bekommt, so wird dieser als Fett für schlechtere Zeiten deponiert, führt also zu Übergewicht, zu Karies und kann den Blutzuckerspiegel gewaltig in’s Wanken bringen. Ernährungswissenschafter raten deshalb dringendst von zuckerhaltigen Mischgetränken wie Limonaden, Cola usw., jedoch auch von Smoothies und Fruchtsäften unverdünnt ab. Weshalb ist mit folgender Tabelle leicht erklärt:

Fleischsalat aus der Gastronomie 2,46 g Zucker auf 100 g
Wassermelone 8,3 bis 16.6 % (je nach Reifegrad)
Coca Cola 10,6 g auf 100 ml
Natürlicher Fruchtsaft bis zu 12 % Zucker (pro Liter 40 Stück Würfelzucker)
Krautsalat 12 % Zucker
Erdnuss 15 % (bei gerösteten Erdnüssen kommen die Kalorien vom Röstfett)
Bio-Ketchup “mit Apfeldicksaft, ohne Zusatz von Zucker” 20 % Zucker
Kinderzwieback 34,6 g Zucker auf 100 g (normaler hat max. 10g)
Knusperbrot für Kinder 36 g Zucker auf 100 g (normales hat max. 2 g)
Gummibärchen 45,5 g
Reis (1 min gekocht) 46 %
Nutella 55,9 %
Eiscreme 61 %
Hörnchen-Nudeln 67 %
Kartoffelbrei 70 %
Weizenbrot weiss 71 %

DIE Überraschung ist wohl die Wassermelone. Verbraucherschützer betonen: In einer durchschnittlich grossen Wassermelone stecken nicht weniger als bis zu 133,3 Stück Würfelzucker – abhängig vom Reifegrad! Wer aber verdrückt schon eine ganze Wassermelone???
Nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO gemeinsam mit der Landwirtschaftsorganisation FAO noch 2003 den täglichen Zuckerbedarf auf 40-50 g festlegte, empfahl sie im laufenden Jahr nurmehr 25 g pro Tag. In viel zu vielen Lebensmitteln ist inzwischen Zucker enthalten, sodass eine zusätzliche Zufuhr eigentlich gar nicht vonnöten wäre. Entdecken Sie beim Lesen der Zutatenliste Glucose oder Saccharose, so haben Sie ein Produkt mit Zucker erworben. Zucker – wie bereits vorhin kurz angesprochen, führt zu vielen Krankheiten:

.) Übergewicht (Adipositas)
Nicht gebrauchter Zucker wird in den sog. “Problemzonen” deponiert. Einmal angelagert, ist es auch sehr schwer, diesen wieder wegzubekommen, werden doch zuvor alle anderen Zuckerreserven abgebaut. Schwerarbeiter oder Spitzensportler verbrennen ständig viele Kohlehydrate, sodass eine zuckerreiche Ernährung eigentlich kein Problem darstellt. Bei Menschen mit wenig Bewegung hingegen sehr wohl.

.) Diabetes mellitus
Diabetes mellitus entsteht nicht direkt durch den Zuckerkonsum – jedoch meist aufgrund von Übergewicht und Bewegungsmangel. Die Folge davon ist ein ständig erhöhter Blutzucker. Das gleicht der Körper unter normalen Umständen durch die Insulinproduktion aus. Doch – bei manch einem reicht das nicht mehr. Auf Diabetes möchte ich zu einem späteren Zeitpunkt genau eingehen. In der Therapierung aber muss die Ernährung auf eine fettarme und ballaststoffreiche Diät umgestellt werden. Naschen oder etwas anderes – na ja, manches Mal geht auch das! Wie etwa hier nachzulesen:

http://www.guaifenesin.eu/files/liberaleDiaet.pdf

.) Karies
Auf den Zähnen befindet sich ein bakterieller Zahnbelag, der vornehmlich von den Streptococcus mutans gebildet wird. Der Nahrungszucker gelangt nun durch Diffusion in diese Belagsschicht, es werden Säuren gebildet, die den Zahnschmelz entkalken. Vor allem bei heranwachsenden Kindern ist erhöhte Vorsicht geboten! Droht doch schon in frühen Jahren der Zahnverlust!

.) Osteoporose
Hier kann offenbar Entwarnung gegeben werden. Zucker ist für den Kalzium-Stoffwechsel im menschlichen Körper nahezu ohne Bedeutung!

.) Vitaminkiller
Zur Verdauung von Zucker werden teils erhebliche Mengen an Vitamin B1 gebraucht. Doch auch hier können mit einer ausgewogenen Ernährung genügende Mengen des Vitamins aufgenommen werden.

.) Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Medizinische Untersuchungen bei Erwachsenen mit dem Verdacht auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen sehen meist als Ursache einen zu hohen Salzkonsum oder eine zu fettreiche Ernährung. Zucker sollte auf jeden Fall mit einbezogen werden. Auch bei Jugendlichen und Kindern. So ergab eine US-amerikanische Studie der Universitäten von Alabama und Colorado an 320 Kundern im Alter zwischen 7 und 12 Jahren, dass sich Limonaden, Säfte und auch Frühstückscerealien negativ auf den unteren, diastolischen Wert des Blutdrucks auswirken können. Ausserdem wurde bei jenen Kindern mit derartigen Essgewohnheiten auch stärkere Konzentrationen an Triglyceriden im Blut festgestellt. Bei Erwachsenen heisst dies schlechtere Werte beim Blutfett, LDL- und HDL-Cholesterin und ebenfalls bei den Triglyceriden. Eine der Auswirkungen ist überhöhter Blutdruck bzw. eine Fettstoffwechsel-Störung. Die Studie ergab übrigens keinen Zusammenhang zwischen den Resultaten und der Verwendung von Kochsalz bzw. einer fettreichen Ernährung. Nachzulesen in “The American Journal of Clinical Nutrition”.

.) Krebs
Ein Zusammenhang zwischen dem Zuckerkonsum und dem Auiftauchen von Karzinomen ist noch nicht wirklich nachgewiesen. Viele Mediziner jedoch ordnen nach einer Krebsdiagnose auch eine Zuckerdiät an.

Studien haben eindeutig nachgewiesen, dass v.a. im Kindesalter Zucker süchtig macht. deshalb sollten im Kleinkindesalter die Tees auch immer zuckerfrei verabreicht werden. Sie glauben allerdings nicht, was gerade in Kindernahrung unerlaubterweise immer wieder mit Zucker aufgepeppelt wird! Dadurch steigt die “Süssschwelle” – normale Lebensmittel schmecken nicht mehr!
Doch auch als Erwachsener hat man tatsächlich Probleme, sich ohne “versteckten Zucker” zu ernähren. So wurden beispielsweise in einer Studie bereits im Jahr 1994 nicht weniger als 288 nährstoff-angereicherte Lebensmittel in Deutschland entdeckt. 56 % davon waren mit Zucker angereichert. Nicht immer gleich für den Verbraucher zu erkennen, werden doch Bezeichnungen wie “Süßmolkenpulver”, “Dextrose”, “Glucosesirup”, “Laktose”, “Fruktose”, “Maltodextrin”, “Molkenerzeugnis” und ähnliche verwendet. So hat etwa eine Untersuchung der Verbraucherzentralen Deutschland ergeben, dass in einer mit “Schokolade überzogenen, mit Cerealien gefüllten Waffel” (Schokoriegel) Glukose-Fruktose-Sirup, Glukosesirup, karamellisierter Zucker, Maltodextrin, Milchzucker, Molkenerzeugnis, Süßmolkenpulver, Vollmilchpulver, Magermilchpulver, Zucker, gezuckerte Kondensmilch zu einem Zuckergehalt von unglaublichen 45,4 g Zucker pro 100 Gramm beitragen. Der zusätzlich zugeführte Zucker aber erst weiter unten in der Zutatenliste aufgereiht wird.
Das Thema “Zucker” ist zuletzt leider zugunsten der Vitamine und Mineralstoffe etwas in den Hintergrund getreten. Allerdings nicht, weil es des Herstellers hehres Ziel ist, gesunde Konsumenten zu formen, sondern weil für derartig angereicherte Produkte ein höherer Preis erzielt werden kann. Was, wo, wieviel enthalten sein darf, bestimmten lange Zeit die Richtlinien 90/496/EWG und 2000/13/EG.1–3, die “EG-Richtlinien für die Nährwertkennzeichnung”, darauf aufbauend in Deutschland die “Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung”, in Österreich. Ersetzt wurde dies im Dezember 2014 durch die “EU-Lebensmittelinformations-Durchführungsverordnung”. Den Zucker betreffend sind hier zwar keine inhaltlichen Maximal-Zahlen enthalten (es gibt nach dieser LMIV, Anhang XIII, Teil B nur die Referenzmenge für Zucker – 90 g/Tag), doch muss der Konsument informiert werden, was tatsächlich in diesem Produkt ist! Er kann sich dann entscheiden, ob er lieber die Cornflakes mit oder ohne Zucker nimmt. Die Verhandlungen zu dieser neuen Verordnung dauerten übrigens acht Jahre lang. Angaben zum Energiegehalt und den sechs Nährstoffen Fette, gesättigte Fette, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß und Salz müssen in dieser Reihenfolge je 100 g oder 100 ml des Produkts auf der Verpackung angegeben sein. Alle anderen Inhaltsangaben sind freiwillig (Ballaststoffe, Alkohole,…). Lassen Sie sich dabei nicht durch kcal bzw. kJ verwirren – 1 kcal entspricht 4,2 kJ! Ausgenommen von dieser Kennzeichnungspflicht sind übrigens unfertige Waren und jene, deren Nährwertangaben nicht kaufentscheidend sind – alkoholische Getränke beispielsweise.
Die nächste Falle liegt in den Bezeichnungen:
.) “Ohne Zuckerzusatz” bzw. “ungesüsst” bedeutet nicht etwa, dass das Produkt keinen Zucker beinhaltet. Es wurde nur keine Saccharose zusätzlich beigemengt. Trotzdem kann das Lebensmittel vor Zucker geradezu schreien: Fruchtzucker, Milchzucker, Malzzucker,… Ein Beispiel gefällig? Cappuccino-Pulver enthält lt. Zutatenliste keinen Zucker. Tatsächlich aber liegt der Zuckeranteil bei ca. 40 % – das Süssmolkenpulver macht’s aus.
.) “Weniger Zucker” soll nicht unbedingt heissen, dass auch tatsächlich weniger Zucker als in den Produkten der anderen Anbieter enthalten ist. Ketchup mit 30 % weniger Zucker beinhaltete bei einer Untersuchung trotzdem noch 16 %. Ein Fruchtaufstrich zuckerreduziert hatte bei derselben Untersuchung noch mehr Zucker enthalten als in den Konkurrenzprodukten. Die Bezeichnung “Weniger Zucker” darf an sich nur verwendet werden, wenn der Zuckergehalt gegenüber eines anderen gleichen Produktes um 30 % gesenkt wurde. Dies gilt übrigens auch für “Light”- oder “Leicht”-Produkte.
.) “Zuckerarm” dürfen nur Produkte genannt werden, deren Zuckergehalt maximal 5 %, bei Säften und Softdrinks gar nur 2,5 % beträgt.
.) “Mit Süssstoff” bedeutet nur, dass anstelle des Zuckers Süssstoff wie Acesulfam-K, Aspartam, Saccharin oder Cyclamat hinzugegeben wurde. Es bedeutet nicht, dass bereits davor kein Zuckergehalt in dem Lebensmittel war. Zudem greift die Industrie auch auf Zuckeraustauschstoffe wie Sorbitol, Xylitol oder Isomalt zurück. Sie allerdings wirken abführend. Auch die Süssstoffe haben’s wahrhaft in sich. So wird Aspartam mit nicht weniger als 90 unerwünschten Symptomen in Verbindung gebracht.
.) “Zuckerfrei” oder “Ohne Zucker” – auch hier kann Zucker enthalten sein. Nach der Health-Claims-Verordnung 2006 liegt der Zuckergehalt jedoch bei max. 0,5 g auf 100 g oder ml des Produktes.
Zucker hat eine beruhigende Wirkung. Daneben ist er ein guter Energielieferant. Das energetische Level jedoch fällt sehr rasch auch wieder ab, danach wird man müde, die Konzentration lässt nach – es folgt die Trägheit! Das ist der Nachteil eines zu fulminanten Mittagessens beispielsweise. In vielen Speisen dient er nämlich als Geschmacksverstärker. Zudem bindet er Wasser.
Süssstoff als Zuckerersatz ist ebenso abzulehnen. Dieser wird vom Körper meist nicht verarbeitet und geht ebenso rasch, wie er zugeführt wurde, auch wieder raus. Somit kommt es zu keinem Sättigungsgefühl – man braucht immer mehr von allem. Es gibt jedoch gesunde Alternativen: Trockenobst, Agavendicksaft, Stevia,…
Doch – wenn es bekannt ist, dass raffinierter Zucker krank machen kann – weshalb das alles??? Die Erklärung liegt in der Produktion: Soll ein Lebensmittel günstig sein, dürfen nicht so viele Rohstoffe in der Produktion verwendet werden. Anstatt dessen wird Zucker eingesetzt. Er wirkt – wie bereits vorher schon erwähnt – geschmacksverstärkend und auch strukturgebend. Nicht immer wird dafür der weisse Zucker verwendet – sehr häufig gelangt anstatt dessen ein hoher Anteil an Fruchtzucker zur Anwendung. Die deutschen Verbraucherzentralen warnen deshalb vor Bezeichnungen wie “Weniger süß“, „Weniger Zucker“, „Ohne Kristallzucker“ oder „Traubenfruchtsüße”. Zu viel der Fruktose kann nämlich zu Problemen im Verdauungstrakt führen – die Folge sind Magenschmerzen und Durchfall.
Übergewicht kann somit nur sinnvoll bekämpft werden, wenn der Zuckeranteil in der Ernährung reduziert wird. Ich beispielsweise verwende keinen weissen Zucker für Kaffee, Tee,… Trotzdem würden auch mir einige Kilo weniger besser tun! Also verdrückte ich bis zur Recherche für diese Zeilen am Abend anstelle der Kekse oder Chips schon auch mal einen Rote Rüben-Salat, ein Joghurt oder eine Banane. Rote Rüben – gut für’s Blut und stark an Vitaminen. Stark auch der Zuckeranteil: 64 %! Joghurt – gut für die Darmflora – 36 % Zucker! Die Banane – 54 %. Ausdauersprotler sollten sich somit besser mit einem Kürbis die benötigten Kohlehydrate zuführen, schliesslich liegt dieser bei 75 % Zucker!
Zucker war vor dem Rübenanbau etwas exklusives – es sollte dies (wenn auch nicht in diesem Umfang) wieder werden. Die Verwendung als Billig-Produktionsmittel sollte dringendst überdacht werden. Hier werden kritische und eigenverantwortliche Konsumenten gebraucht, denn nach wie vor bestimmt der Absatz den Markt! Die bereits angedachte Zuckersteuer ist nur eine weitere Masche der Finanzpolitiker, noch mehr Geld aus der Bevölkerung an Land zu ziehen. Und diese trifft vornehmlich jene, die sich keine gesünderen Produkte leisten können!!!

Lesetipps:

.) Diet, nutrition, and the prevention of chronic diseases. Report of a WHO-FAO Expert Consultation (= WHO Technical Report Series. Nr. 916 (TRS 916)); World Health Organization, Genf 2003
.) Zucker gegen Saccharin: Zur Geschichte der künstlichen Süßstoffe; Christoph Maria Merki; Campus Verlag; 1993
.) Krank durch Zucker. Der Zucker als pathogenetischer Faktor. Gesammelte Forschungsergebnisse als Basis für umwälzende Erneuerungen der Diätetik. Mit Grundregeln für eine wirksame Heilkost; Max Otto Bruker; Helfer-Verlag Schwabe, Bad Homburg 1992
.) Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers; Sidney W. Mintz; Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1992

Links:

http://www.naehrwertrechner.de

http://www.sge-ssn.ch/

https://www.dge.de

http://germanwatch.org

http://www.eufic.org

http://www.zuckerverbaende.de

http://www.paradisi.de

http://www.vitagate.ch

http://www.vitafit.de

http://www.hafervoll.de/

https://www.crackerscompany.de

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