Archive for Dezember, 2015

Fröhliche Weihnachten und ein gesundes Jahr 2016

Werte Leserinnen und Leser dieser meiner Zeilen!
Ich möchte das auslaufende Jahr nutzen, um mich bei Ihnen für Ihre Treue zu bedanken! Weit über 500.000 Klicks wurden auf diese Seite gemacht. Es ehrt mich sehr und ist für mich ein Zeichen dafür, dass es noch sehr vieles zu besprechen gibt, das sich andere nicht zu thematisieren getrauen!

Den nächsten Blog gibt es am 08.01.2016. Inzwischen wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes, v.a. aber gesundes neues Jahr 2016!!!

Ergebenst Ihr

Ulrich Stock

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Rauhe Nächte – uralte Sitten

Die Winternächte in den Alpen können sehr kalt und verdammt einsam sein. Schon unsere Urahnen hatten deshalb Riten und Bräuche, die ihnen halfen, über diese Jahreszeit gut hinwegzukommen. Über einige habe ich an dieser Stelle schon geschrieben – konnte so manch andere jedoch nur kurz anschneiden, da es ansonsten den Rahmen gesprengt hätte: Die Rauhnächte beispielsweise! Die Recherche damals fesselte mich dermassen, dass ich mir vornahm, diese mystische Zeit in einem eigenen Blog nochmals abzuarbeiten.

https://www.youtube.com/watch?v=Wg1zhsA1xhI

Die Rauhnächte oder auch Glöckel- oder Rauchnächte sind in den unterschiedlichsten Ausprägungen in ganz Europa seit Jahrhunderten gepflegt, dann wieder vergessen und erneut hervorgekramt worden. Bezeichnet werden so die zwölf Nächte zwischen dem Weihnachtstag (dem 25.12.) um 00:00 Uhr und dem Fest der Erscheinung des Herrn (Heiligen Drei Könige am 06. Januar) um 24.00 Uhr. Die beiden genannten Nächte heissen übrigens “foaste Nacht” – all dem, das in dieser Zeit geschieht, wird grössere Bedeutung zugeschrieben! Eine andere Version beginnt bereits am Thomastag (der Wintersonnwende am 21.12.) und endet mit dem Neujahrstag. Auch die Anzahl dieser sog. “Innernächte” ist von Region zu Region unterschiedlich. Die wichtigsten vier Rauhnächte sind somit die Thomasnacht (21./22.12.), die Christnacht (24./25.12.), die Silvesternacht (31.12./01.01) und die Vigilnacht (05./06.01.). Während dieser Tage sollte möglichst nicht gearbeitet werden. Anstatt dessen sass man mit der Familie zusammen und nahm wahr: Wie verläuft das Wetter, wie schmeckt das Essen, was tut sich in der Natur, was gab’s im ablaufenden Jahr, …! Momente des Innehaltens während der Schwellenzeit. Alles hat dabei seine Bedeutung!
Sehr interessant ist übrigens die Thomasnacht, die “Winter-Sonnwende”. Der Apostel Thomas war als Zwillingsbruder von Jesus bekannt. Die beiden stehen auch für die Sommer- und Winter-Sonnwende. In so manchem Kirchenportal sind deshalb zwei Wölfe oder ein Wolfsdrache (Zwillingswölfe) abgebildet, die dies darstellen sollen.
Der Ursprung dieser Rauhnächte lässt sich leicht mit dem Abgleich des Mond- mit dem Sonnenjahr erklären. Das Mondjahr weist nur 354 Tage auf, das Sonnenjahr jedoch 365. Alsdann wurden die 11 “Toten Tage und 12 toten Nächte” eingerichtet – die für den mystischen Anstrich des Ganzen verantwortlich zeichnen. Während dieser Zeit treiben der Sage nach behaarte Dämonen ihr Unwesen. Daher könnte auch die Bezeichnung stammen: “rüch” kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet “haarig”. Die weitaus gebräuchlichere Definition kommt vom Ausräuchern der Stallungen und des Wohnbereiches. Schriftlich ist dieses Ritual bereits im Jahr 1534 festgehalten, als Sebastian Franck schrieb:

“Die zwolff naecht zwischen Weihenacht und Heyligen drey Künig tag ist kein hauß das nit all tag weiroch rauch in yr herberg mache / für alle teüfel gespenst vnd zauberey.“

Das Ausräuchern soll Vieh und Mensch vor Tod und Krankheit beschützen. Somit also die alternative Bezeichnung der “Rauchnächte”. Verwendet wird dafür nicht nur Weihrauch – dieser kommt zumeist erst mit den Heiligen Drei Königen in’s Haus. Einerseits sollen die Kräutermischungen reinigen, andererseits energetisieren: Myrrhe, Bartflechte, Engelwurz, Eschsamen, Fichtenharz, Holunder, Lavendel, Wacholder, Mariengras, Meisterwurz, Salbei, Dammar,… Mit diesem Räucherwerk geht dann der Haushaltsvorstand dreimal gegen den Uhrzeigersinn durch die Wohnung, anschliessend dreimal im Uhrzeigersinn. Anschliessend werden alle Räume “mit Licht und Liebe” erfüllt.
Das Glöckeln hat ebenfalls mit diesem alten Treiben zu tun – mit riesigen beleuchteten oder Spiegel-Hüten und Lärm wurde von Haus zu Haus gezogen um die Geister fortzutreiben. Mit dabei in vielen Regionen immer auch die Aperschnalzler mit ihren Peitschen.

https://www.youtube.com/watch?v=X72ryn3Z1Go

Woher tatsächlich dieser Brauch kommt, ist nach wie vor umstritten. Auch die Rückführung auf die alten Germanen oder Kelten ist nicht nachgewiesen. Inwieweit die frühchristliche Kirche hierbei Einfluss nahm, ist ebenfalls umstritten, schliesslich geht es ja auch um Angelegenheiten, die in der Kirche nichts zu suchen haben.
Genau zur Mitte der Zwölfnächte – in der Silvesternacht – tun sich die Tore zu anderen Welten auf – Dämone und die Seelen der Verstorbenen ziehen in Form einer Wilden Jagd durch die Lande. In der Eifel, den Ardennen, aber auch in Bulgarien und Griechenland dachte man, dass sich jene Menschen in Werwölfe verwandeln, die mit dem Teufel einen Pakt eingegangen sind. Sie bedrohen das Leben von Mensch und Tier. Im Alpenraum finden hierzu jedes Jahr die Perchten- oder Tuiflläufe statt. Die vorhin angesprochenen Glöckler, aber auch das Silvesterfeuerwerk sollen mittels Lärm helfen, diese Geister und Dämonen zu verjagen. In Norddeutschland kennt das Brauchtum anstatt dessen das “Rummelpottlaufen”.
In den Rauhnächten werden alsdann auch die unterschiedlichsten Orakel befragt – etwa das Bleigiessen zu Silvester. Selbstverständlich wird auch beim Orakeln geräuchert. Dazu eignen sich vornehmlich Alraunenwurz, Beifuss, Bilsenkraut, Lorbeer, Mistel und Schafgarbe. Dabei gelten jeweils zwei Stunden einer Rauhnacht für einen der kommenden Monate – jeden Tag. Andernorts stehen die Tage für jeweils einen Monat:

24.12. auf 25.12. – Januar (Basis-Grundlage)
25.12. auf 26.12. – Februar (innere Stimme, innere Führung, höheres Selbst)
26.12. auf 27.12. – März (Herzöffnung, Wunder zulassen)
27.12. auf 28.12. – April (Auflösung von Blockierendem)
28.12. auf 29.12. – Mai (Freundschaft)
29.12. auf 30.12. – Juni (Bereinigung)
30.12. auf 31.12. – Juli (Vorbereitung auf das Kommende)
31.12. auf 01.01. – August (Geburt des neuen Jahres)
01.01. auf 02.01. – September (Segen, Weisheit)
02.01. auf 03.01. – Oktober (Verbindung, Visionen, Eingebungen)
03.01. auf 04.01. – November (Loslassen, Abschied nehmen)
04.01. auf 05.01. – Dezember (Reinigung, Transformation)

Wie das Wetter an diesen Tagen der Rauhnächte, so soll es auch im entsprechenden Monat sein. Verwenden Sie zudem ein Traumbuch, in welchem Sie alles, was Sie in diesen Nächten geträumt haben, sofort schriftlich erfassen (nach fünf Minuten ist alles wieder verflogen!). Im Brauchtum heisst es nämlich, dass die Seele in diesen speziellen Nächten zwischen Weihnachten und Drei König erahnen kann, was sich im zugeordneten Monat des nächsten Jahres ereignen wird!

https://www.youtube.com/watch?v=Z3XT1s2me6o

Gar wundersames tut sich aber zu Silvester auch im Stall: Die Tiere sollen zu Mitternacht plötzlich sprechen und die Zukunft vorhersagen können. Jedoch ist es dem Menschen untersagt, zuzuhören, da er ansonsten nur kurze Zeit danach sterbe. Ein spezieller Hausgeist lauscht in manchen Regionen den Tieren und bestraft deren Besitzer, wenn dieser das Vieh schlecht behandelt hat. Auch wird beispielsweise in der Bretagne, Wales oder Schottland nachgesagt, dass unverheiratete Frauen zu Mitternacht an so manchem magischen Ort oder auch im Kreuzgang ihren zukünftigen Bräutigam sehen können. Während er vorbeiwandelt, darf er jedoch nicht angesprochen werden, da dies ebenfalls tödlich für die Frau enden würde. Apropos Frau – der 5. Januar ist der Hohe Frauentag. Ihm kommt deshalb eine sehr wichtige Bedeutung zu. Ebenfalls ein Schlüsseltag ist der 28. Dezember – der Kindertag! Stritt man sich zuvor in der Familie, so sollte man sich dies an diesem Tag alles nochmals durch den Kopf gehen lassen. Anschliessend beleuchtete man die Stube mit zuerst weissem, dann violetten Licht. Und schon wandelte sich alles zum Positiven hin. Beiden Tagen kam deshalb zudem eine entscheidende Wirkung für das neue Jahr zu.

“Rauhnacht san vier, zwoa foast und zwoa dürr.”
(Essensspruch; zitiert von Rudolf Fochler)

Die Gläubigen verbrachten die meiste Zeit während dieser Tage und Nächte im Gebet. Zuvor jedoch musste noch Ordnung im Hause gemacht werden. In den vier wichtigsten Rauhnächten war Wäsche waschen tabu. Einerseits könnten sich die Reiter und Dämonen während der Wilden Jagd in den gespannten Wäscheleinen verfangen, andererseits dürch beispielsweise aufgehängte weisse Damen-Unterwäsche gar angelockt werden. Anderer weissen Wäsche wurde nachgesagt, dass sie gestohlen und in weiterer Folge als Leichentuch für deren Besitzer verwendet werden könne. Düstere Aussichten also zu einer Zeit, die eigentlich Glück und Hoffnung versprühen sollte. Kartenspielen war verboten, Frauen und Kinder durften nicht des nächtens alleine auf die Strasse gehen. Im Alpenraum überwachten Perchten die Einhaltung. Sie stehlen oder fressen der Legende nach die bösen Kinder auf, belohnen allerdings die guten! Die eigentliche Perchtennacht jedoch ist die letzte Rauhnacht – die Nacht auf das Fest der Heiligen Drei Könige – auch als “Erscheinungsfest” (“Epiphaniea”) bekannt. Im Alpenraum fanden hierzu die Perchtenumzüge oder -läufe statt, die heutzutage allerdings mehr der Volksbelustigung und des Tourismus dienen, deshalb auch schon im November beginnen. Im Allgäu übrigens gehören diese Perchten auch zur Begleitung des Nikolaus. Erst nach den darauf folgenden “Klossa” (Krampus oder Knecht Rupprecht) erscheint der Heilige Mann mit der Bischofsmütze und den vielen Geschenken.
So manche Mär wird in diesen Tagen über diese Tage erzählt. Man möge an sie glauben oder auch nicht – etwas geheimnisvolles hat es allemal!

PS:
Wenn Sie mal wieder herzhaft lachen möchten, dann schauen Sie sich auf YouTube die ganzen selbstgemachten Videos der vielen selbsternannten Hexen, Schamaninnen, Zaubermeister etc. an. Es ist wirklich unglaublich, wie viel Schindluder mit der Esoterik getrieben wird!

Lesetipps:

.) Rauhnächte. Märchen, Brauchtum, Aberglaube; Sigrid Früh; Verlag Stendel, Waiblingen 1998
.) Das Rätsel der Rauhnächte; Reinhardt Stiehle; Chiron Verlag, Tübingen 2011
.) Raunächte erzählen: ein Lese- und Märchenbuch zu den zwölf heiligen Nächten im Jahr; Nina Stögmüller; Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
.) Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens; Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.); Berlin 1927–1942 (Nachdruck Berlin 2000)
.) Die Tiere in den sieben Nächten. Erzählzyklus; Georg Rendl; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/Berlin 1937
.) Die Lebendigen und die Toten: in Volksglauben, Religion und Sage; Rudolf Kleinpaul; G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, Berlin/Leipzig 1898

Links:

http://www.jahreskreis.info

http://www.brauchtumskalender.ooe-volkskultur.at

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Die Lizenz zum Angstmachen

“Populistische Parteien sind Anti-Establishment-Parteien und geben gleichzeitig vor, für das sogenannte einfache Volk zu stehen im Unterschied – so lautet zumindest der Vorwurf – zu den anderen Parteien, die das nicht mehr tun. Das ist der Kern des Populismus.”
(Frank Decker, Politologe an der Universität Bonn)

Sucht man im World Wide Web nach einer Definition für “Rechtspopulismus”, so gelangt man automatisch zu diesen Zeilen:

“Der Begriff Rechtspopulismus bezeichnet eine politische Strömung in mehreren europäischen Staaten, die sich ab den späten 1970er Jahren in Westeuropa herausbildete und in den 1990ern auch in den Staaten Osteuropas Fuß fasste.”

Ah ja – nüchtern und prägnant. Um jedoch ausfindig zu machen, was tatsächlich dahinter steckt, bedarf es tiefer gehender Recherche. Auf was ich da stiess, hat mich nicht gerade begeistert und wird viele fragwürdig den Kopf schütteln lassen: Wie ist das hierzulande nur möglich – trotz der Erfahrungen mit dem Dritten Reich?

https://www.youtube.com/watch?v=UqBlzTfbfMo

Eines gleich vorweg: Ich bewege mich politisch in der Mitte! Sowohl links als auch rechts haben teils gute Ideen, die durchaus zu einer nicht gefärbten Conclusio vereinigt werden können. Ist es nicht wesentlich zielführender zusammenzuarbeiten? Schliesslich ist sowohl der Kommunismus als auch der Faschismus gescheitert. Nun allerdings droht dem Liberalismus dasselbe Schicksal. Die Folge der Dekadenz der Mächtigen? Volksvertreter, die sich lieber selbst vertreten; Wirtschaftsbosse, für die der Mensch nurmehr eine Zahl ist; Ökonomen, die ausschliesslich Pluszahlen akzeptieren; Religionsphilosophen, die sich auf gottesgleicher Stufe sehen,… Hatte früher ein Wort seine Bedeutung, so wird es heutzutage durch hunderte Definitionsmöglichkeiten unterschiedlich ausgelegt, wie es gerade gebraucht wird. Handschlagsqualität, Menschen mit Rückgrat – war Helmut Schmid wirklich der Letzte dieser Zunft? Die vermeintlich Grossen bevorzugen den aufrechten Gang mit stolzgeschwellter Brust, die Kleinen hingegen bewegen sich immer gebückter – Rückfall in der Evolution?
Fruchtbarer Nährboden für jemanden, der das Blaue vom Himmel verspricht, zu allem auf Konfrontationskurs geht. Und Tausende folgen Lemmingen gleich zur nächsten Steilküste! Es ist nicht schwer, in der Gegenwart Zwietracht zu säen und daraus eine reiche Ernte einzufahren. Die Menschen glauben ohnedies nahezu alles ohne sich mit welcher Thematik auch immer intensiver zu beschäftigen. Die grosse Bühne für so manchen Lautschreier! Ob von links oder von rechts! Während jedoch die Linken untereinander selbst zerstritten sind (nach dem Rückzug von Gregor Gysi hervorragend im Machtkampf in der deutschen Linkspartei zu sehen), gewinnt bei den Rechten der mit der stärksten Stimme (ebenfalls perfekt in der AfD mitzuverfolgen). Lassen Sie uns alsdann heute mal einen Blick in die autokratisch regierten Rechtsburgen werfen.
Die Regionalwahlen in Frankreich ergaben im ersten Wahlgang mit 28 % einen eindeutigen Sieg des Front National rund um Marine Le Pen. Der FN ist damit zur politisch stärksten Kraft zumindest auf regionaler Ebene in Frankreich avanziert – 2017 finden hier Präsidentschaftswahlen statt. Als Themen beherrschten mit den Ausländern und Europa zwei Bereiche den Wahlkampf, die in allen rechten Parteien zu finden sind: Grenzen dicht machen, raus aus der EU und raus mit den Ausländern. V.a. in Nordfrankreich und dem Südosten des Landes – Forderungen, die offenbar recht gut ziehen. Marine Le Pen selbst meinte in einer ersten Reaktion auf den Wahlerfolg:

“Wir sind dazu berufen, die nationale Einheit zu erreichen, die das Land braucht!”

Der Front National wurde im Oktober 1972 gegründet. Bislang spielten die Rechtsextremen politisch nicht wirklich eine Rolle – mit Ausnahme der beinahe 25 % bei den Europawahlen 2014. Als der Kommunismus in Osteuropa zusammenbrach, wechselten viele Wähler das Lager: Von links nach rechts – vornehmlich der Wirtschaftspessimisums des FN zeichnete dafür verantwortlich. Das Blatt hat sich nun nach den Terroranschlägen von Paris komplett gewendet, auch wenn Experten betonen, dass dies nicht unbedingt nur mit dem islamistischen Terrorismus zusammenhänge. Mit Worten wie “patriotisch” und “national” sowie dem Slogan “Franzosen zuerst” (übrigens auch der Titel eines Buches von Parteichefin Le Pen) versucht der FN eine Zwei-Klassen-Gesellschaft unter der Tricolore herzustellen: Die Franzosen und die Anderen! Zuerst der Mittelstand angesprochen, wird nun durch die Ablehnung der wirtschaftlichen Globalisierung das Heer der Arbeiter und Arbeitslosen in’s Boot geholt. Symptomatisch etwa auch für die österreichische FPÖ oder die deutsche AfD. Die Einwanderung solle auf jährlich 10.000 beschränkt und die illegalen Einwanderer (“Sans papier”) ausgewiesen werden. Schon 1995 forderte der Vater der derzeitigen Parteivorsitzenden, Jean-Marie Le Pen, die Ausweisung von 3 Millionen nichteuropäischer Zuwanderer. Mit der Warnung vor einer “Islamisierung des Landes” befindet sich der FN in guter Gesellschaft! Dies dürfte inzwischen europaweit als wahlentscheidend betrachtet werden. Auch mit der Wieder-Einführung der Todesstrafe, der Nationalisierung der Banken und Rüstungsindustrie, der Einführung von Schutzzöllen und der Rückkehr zu traditionellen Werten liegt der Front National derzeit offenbar voll im rechtspopulistischen Trend. Während Marine Le Pen als gemässigt gilt (sie möchte schliesslich französische Staatspräsidentin werden – dazu benötigt sie hingegen nicht nur die Stimmen der Wutbürger), langt ihre 22-jährige Tochter Marion Marchéval Le Pen voll in die rechts-radikale Wunderkiste und erzielt damit auch die besten Wahlergebnisse. Die beiden Schauspieler Brigitte Bardot und Alain Delon bekennen sich zum FN.
Vernetzt sind die meisten rechtspopulistischen Parteien bis 2007 in der Europaparlaments-Fraktion ITS (Identität, Tradition, Souveränität), die jedoch mit nurmehr 20 Mitgliedern aufgelöst wurde. Danach gründete Marine Le Pen das “Bündnis der Souveränisten”. Hieran beteiligten sich sogleich die österreichische FPÖ, die italienische Lega Nord, der belgische Vlaams Belang sowie die niederländische PVV. Trotzdem ergibt sich bei all diesem nationalen Gedankengutes doch noch eine Abgrenzung: Die Zusammenarbeit mit der ungarischen Jobbik-Partei und der griechischen Goldenen Morgenröte wird derzeit noch abgelehnt!
Das italienische Gegenstück zum FN ist die Lega Nord, obwohl Marine Le Pen immer wieder die Alleanza Nazionale von Gian Franco Fini als Vorbild erwähnt. Die Partei wurde als “Liga Nord für die Unabhängigkeit Padaniens im Dezember 1989 In Mailand gegründet. Auch sie verfolgt dieselben Ziele wie der FN, jedoch in einer etwas extremeren Ausprägung. So wird die Übertragung der Kompetenzen Roms auf die Regionen und die Abspaltung des reichen Norditaliens vom armen Südteil des Landes gefordert. Parteichef Bossi betonte in den 90ern, er habe eine Ladung Toilettenpapier in den Farben der italienischen Flagge bestellt. Historisch knüpft die Lega Nord dabei an den Lombardenbund an. Im Vergleich zur französischen Bruderpartei hat die Lega Nord jedoch Regierungserfahrung. So holte Silvio Berlusconi auch den damaligen Vorsitzenden Umberto Bossi für sein Mitte-Rechts-Bündnis (Forza Italia, Alleanza Nazionale) in sein Kabinett. Den grössten Erfolg fuhr die Lega mit 10,4 % bei den italienischen Parlamentswahlen 1996 ein (in der Lombardei waren es satte 35,8 %). In der politischen Zuordnung der Lega sind sich Politikwissenschaftler nach wie vor uneins: Für manch einen rechtsextrem, für den anderen separatistisch und den Dritten regionalistisch. Im Ziel des Förderalismus liegt auch die eigentliche Abgrenzung zum Neofaschismus, der diesen als Zersplitterung der Heimat und Kleinstaaterei bezeichnet. Sehr zum Nachdenken bewegt die Gründung der zwar militanten, aber unbewaffneten Truppe der Grünhemden. Sie bekennen sich zur Gewaltfreiheit, allerdings kommen immer wieder Parallelen zu Mussolinis Schwarzhemden oder der SA der Hitler-NSDAP auf. Ansonsten aber distanziert sich die Lega von diesem Gedankengut. Immer wieder werden Mitglieder ausgeschlossen oder zum Rücktritt genötigt, die sich mit dem römischen Gruss begegnen. Für einigen Aufruhr sorgte dann auch die Forderung der Partei, dass sich Norditalien von Italien los- und der Schweiz anschliessen solle. Dies wurde inzwischen abgeschwächt – Ziel wäre eine Verwaltung nach britischem Vorbild.

„Wir müssen gegen diese zentralistische Kanaille ankämpfen. Fünfzehn Millionen Männer sind bereit, sich für die Freiheit zu schlagen. Wir müssen gegen diesen faschistischen Staat kämpfen.“
(Umberto Bossi 2008)

Geblieben hingegen ist in all den Jahren die Ausländerfeindlichkeit und die Ablehnung des Südens. So fordert etwa Bossi auch die Steuerhoheit für die Regionen, damit nicht mit norditalienischen Geldern der strukturschwache Süden unterstützt wird. Wirtschaftspolitisch ist die Lega in den klein- und mittelständischen, v.a. aber Familienunternehmen beheimatet. Das unterscheidet die Italiener auch von ihren Kollegen/-innen im europäischen Ausland, die immer mehr zur Arbeiterpartei werden.

https://www.youtube.com/watch?v=Jp91Ibz_-ME

Das Recht auf bewaffneten Selbstschutz bei Angriffen wird ebenso befürwortet wie die Zuwanderung aus anderen europäischen Staaten, damit die “christlich-abendländische Tradition” aufrecht erhalten und die “christliche Identität” gelebt werden kann. Flüchtlinge aus Afrika hingegen sollen notfalls mit Waffengewalt wieder zurückgetrieben werden. Die Lega ist nicht grundsätzlich gegen die EU, fordert jedoch möglichst viele Kompetenzen für die Nationalstaaten. Auch die NATO-Mitgliedschaft wird als wichtig für die Verteidigung Italiens angesehen. Dies unterscheidet die Lega ganz wesentlich von den anderen rechtspopulistischen Parteien. Auch vertreten die Italiener viele grüne Ideen in ihrem Parteiprogramm. Umberto Bossi musste nach einem Finanzskandal 2012 zurücktreten. Ihm folgte seine bisherige rechte Hand Roberto Maroni und schliesslich der derzeitige Parteivorsitzende und Ex-Kommunist Matteo Salvini nach. Sie richteten die Lega neu zu einer gesamtitalienischen Rechtspartei aus um damit die bisherigen Forza- und Alleanza Nazionale Wähler auffangen zu können. Dennoch liegt die Partei derzeit nur bei knapp über 4 %.
Im Jahre 2006 gründete Geert Wilders im niederländischen Venlo die “Partij voor de Vrijheid” (Partei für die Freiheit). Gleich bei der ersten Wahl zog die PVV mit 5,9 % in das holländische Parlament ein. Derzeit liegt sie bei 10,1 % und ist damit die drittstärkste Partei der Niederlanden. Das einzige Mitglied ist deren Gründer Geert Wilders, der immer wieder zur Bekämpfung des Islams auffordert. Alle anderen Themen sind mit den bisherigen vergleichbar. Wilders selbst entstammt ideologisch der rechtspopulistischen LPF (Lijst Pim Fortuym), deren Spitzenkandidat Fortuym 2002 kurz vor den Wahlen ermordet wurde. Danach zerfiel die Bewegung. Anno 2009 machte der Parteigründer und unangefochtene Vorsitzende weltweit von sich Reden, als er eine Kopftuchsteuer forderte (1.000,- € pro Jahr). Das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung, die Einnahmen sollten den niederländischen Frauenhäusern zugute kommen. Im selben Atemzug betonte der Parteivorsitzende, dass die Muslime in die Niederlanden gekommen seien um die Sozialleistungen abzuholen. Durch seine Haltung gegen das Schächten unbetäubter Tiere protestierten auch die konservativen Juden gegen die PVV. Zusätzlich machte Wilders gegen die Osteuropäer mobil, als er seine Landsleute dazu aufrief, Osteuropäer auf der PVV-Website zu melden, die privat und beruflich aufgefallen seien. Viele Parteimitglieder sind immer wieder aufgrund des “Politbüro-gleichen Führungsstils” aus der Partei ausgetreten. Auch bei der PVV gibt es unterschiedliche Meinungen zur Ausrichtung: Während Wilders selbst von nationalliberal spricht, reiht die Anne-Frank-Stiftung die Partei mit einem Mitglied als rechtsextrem ein. Neben dem Kampf gegen den Islamismus (5-jähriger Einwanderungsstopp für Muslime) hat sich Wilders der direkten Demokratie und der Abschaffung des Oberhauses verschrieben. Die christliche, jüdische und humanistische Kultur müsse in der niederländischen Verfassung niedergeschrieben werden. EU und auch das Europaparlament sollten abgeschafft, Steuern durch den Wegfall der EU-Abgaben gesenkt werden. Wilders setzt sich zudem für den Bau von Atomkraftwerken und gegen Klimaschutzmassnahmen (“unbewiesener Klimahype”) ein. Zudem solle jeder ethnisch registriert werden. Im Rahmen der Gemeinderatswahlen 2014 fragte Wilders die Anwesenden, ob sie mehr oder weniger Marokkaner haben möchten. Als der Saal mit weniger antwortete, meinte Wilders:

“Dann werden wir dies wahrmachen!”

Das sorgte für Empörung nicht nur an den holländischen Deichen.
Gleich beim Nachbarn Belgien gibt es mit der Partei “Vlaams Belang” eine politische Strömung, mit der viele der Rechtspopulisten anfänglich nichts zu tun haben wollten, da sie ungefiltert nationalistische und rassistische Gedanken in die Politlandschaft weitergab. 2004 ging Vlaams Belang aus Vlaams Blok in Antwerpen hervor.

https://www.youtube.com/watch?v=q7bweMnY3pY

In Flandern gehört die Partei zu den drei stimmenstärksten Fraktionen. Bruno Valkeniers steht rund 17.000 Mtigliedern vor. Im Mittelpunkt ihrer Interessen findet sich die Unabhängigkeit Flanderns, die niederländische Region Belgiens. Das flämische Kulturgut gehöre geschützt und die niederländische Muttersprache gepflegt. Trotz der Wahlerfolge wird Vlaams Blok von Gründung an von allen anderen Parteien Belgiens als nicht koalitionsfähig beurteilt (“Cordon sanitaire”). Auch der belgische Ableger des Front National geht zu Valkeniers auf Distanz, da sich dieser für die Einheit Belgiens ausspricht, nicht für dessen Spaltung. Der in den 70ern gegründete Vlaams Blok löste sich 2004 auf, nachdem das oberste Berufungsgericht drei Organisationen der Partei als ausländer-diskriminierend abgeurteilt hatte. Zeitgleich wurde Vlaams Belang gegründet. Unter dem Motto “Eigen volk eerst” soll auch in Belgien die Zuwanderung beschränkt und die Marktwirtschaft gefördert werden. Staatliche Betriebe sollen privatisiert und Anti-Diskriminierungsgesetze mit Bezug auf die Meinungsfreiheit abgeschafft werden. Einwanderer müssen sich der flämischen Kultur unterordnen. Vlaams Belang unterstützt immer wieder auch rechtsextreme Gruppierungen im Westen Deutschlands. Die Partei hält derzeit 3,7 % im belgischen und 5,9 % im flämischen Parlament.
Kaum zu glauben, doch waren die österreichischen Freiheitlichen tatsächlich mal liberal. Zumindest versuchte dies der damalige Vizekanzler und Parteivorsitzende Norbert Steeger in den Jahren 1980 bis 86 durchzudrücken. Ansonsten scheint der Weg der FPÖ seit der Gründung 1955 mit dem ersten Parteivorsitzenden Anton Reinthaller vorbestimmt. Dieser ehemalige SS-Brigadeführer sass von 1950 bis 53 wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung hinter Gittern.

„Der nationale Gedanke bedeutet in seinem Wesen nichts anders als das Bekenntnis der Zugehörigkeit zum deutschen Volk.“
(Anton Reinthaller 1955)

Alsdann wurde der wirtschaftsliberale Norbert Steeger 1986 in einer Kampfabstimmung vom jungen Revoluzzer Jörg Haider richtiggehend aus seiner Funktion katapultiert.

https://www.youtube.com/watch?v=85o76UXwm9U

Seither triftet die FPÖ immer mehr an den rechten Rand des Polittellers ab. Nach internen Querelen spaltete sich die Partei gleich dreifach. 1966 trennte sich der nationaldemokratische Flügel (mit ihm auch sehr viele Burschenschaften) – es folgte die Gründung der Nationaldemokratischen Partei Österreichs. Nach deren Verbot im Jahr 1988 kamen jedoch viele wieder zurück in Mutters Schoss! 1993 gründeten fünf Nationalratsabgeordnete, allen voran Heide Schmidt, das Liberale Forum, das nun als Teil der Neos wieder im Hohen Haus in Wien vertreten ist. 2005 schliesslich konstituierte der Kärntner Jörg Haider mit vielen freiheitlichen Regierungsmitgliedern das “Bündnis Zukunft Österreich” (BZÖ), das seit dem Unfalltod der Gallionsfigur politisch in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Heinz-Christian Strache übernahm das Ruder der FPÖ. Nachdem ihm die Gratwanderung zwischen rechts, Protest- und Arbeiterbewegung gelungen ist, baute er die Partei zur zweitstärksten rot-weiss-roten Kraft aus (20,51 %). Anders als vielleicht bei einigen ihrer Schwesterparteien im Ausland sind sich die Politikwissenschaftler einig: Die österreichische FPÖ ist eine rechtspopulistische Partei mit einem Naheverhältnis zum Rechtsextremismus. Vornehmlich dafür verantwortlich ist die Haider’sche Relativierung des Nationalsozialismus im Jahre 1991. Auch der “Weisenbericht 2000″, der im Auftrag der EU-14 erstellt wurde, kam zu diesem Ergebnis und bezeichnet die FPÖ als “rechtspopulistische Partei mit extremistischer Ausdrucksweise”! Allerdings identifizieren sich viele der Wähler nicht unbedingt mit der Ideologie, sondern wählen die Partei aus Protest (Experten sprechen von bis zu 60 % Protestwähler). Zudem sinkt der Stimmenanteil mit dem Bildungsgrad der Wähler (Sozial- und Meinungsforscherin Eva Zeglovits vom Sozialforschungsinstitut SORA). Viele der in der Partei engagierten Funktionäre kommen aus dem Bereich der deutsch-nationalen Burschenschaften, was sich alsdann im aktuellen Parteiprogramm niederschlägt. So ist hier das Bekenntnis zur “deutschen Sprach-, Volks- und Kulturgemeinschaft” enthalten. Allerdings werden auch die “integrierten Minderheiten” im Osten und Süden (Ungarn, Slowenen, Kroaten, Roma) als Bereicherung angesehen, wohl um auch hier Wählerstimmen einfangen zu können. Die FPÖ warnt vor einer Islamisierung Österreichs, ist gegen die Einwanderung, EU-skeptisch (mehr Selbstbestimmungsrecht der Mitgliedsstaaten) und lehnt den Beitritt Österreichs zur NATO ab. Fanatismus und Extremismus wird – in jeglischer Form – ebenfalls nicht geduldet. Allerdings tauchen in regelmässigen Abständen Parteifunktionäre immer wieder bei eindeutig rechtsextremen Kundgebungen auf. Die FPÖ hat mehrfache Regierungsbeteiligung (Kabinett Vranitzky und Schüssel), konnte dies jedoch nie richtig nutzen um Verantwortung aufzuzeigen. Viele Regierungsmitglieder wurden noch während ihrer Amtszeit ausgetauscht. Nach anfänglichen Vernetzungsproblemen auf europäischer Ebene bestehen derzeit recht gute Kontakte zu den Freiheitlichen Südtirols, dem belgischen Vlaams Belang und auch zum französischen FN.

https://www.youtube.com/watch?v=X_wq6HR84hk

In deutschen Landen hingegen sorgte die Alternative für Deutschland (AfD) für einen richtiggehenden Wirbelsturm in der Politlandschaft. Gegründet 2013 als Reaktion auf die Euro-Schirme für säumige EU-Mitgliedsstaaten wurden sehr rasch Mandate bei der Europawahl und auch den Landtagswahlen gewonnen. Experten bezeichnen die Partei von rechtspopulistisch gefärbt bis hin zu rechtsextrem. Beim ersten Antreten zur Bundestagswahl 2013 stimmten besonders viele männliche Arbeiter und ehemaligen Wähler der FDP und der Linken für die AfD. Nach zwei Studien (Universität Leipzip/Friedrich Ebert-Stiftung) sind die meisten AfD-Wähler chauvinistisch, ausländerfeindlich und antisemitisch veranlagt. Einen eindeutigen Rechtsruck verspürte die neue Partei nach der Abspaltung des wirtschaftsliberalen Flügels im Juni 2015 rund um Gründungsmitglied Bernd Lucke wegen zunehmender ausländer- und islamfeindlicher Tendenzen innerhalb der Partei. Der Rechtsextremismusforscher Hajo Funke spricht sogar davon, dass sich die Partei “rechtsradikalisiert” habe. Zu Zeiten der Gründung ging es vornehmlich darum, anhand des Euros aufzuzeigen, dass die EU so nicht funktioniere. Die AfD forderte deshalb die Rückgabe der Kompetenzen an die Mitgliedsstaaten, die Wiedereinführung der nationalen Währungen und mehr direkte Demokratie. Das unterscheidet die neue Partei gegenüber der FN bzw. der FPÖ – EU ja, allerdings anders! Aus der anfänglichen Anti-Euro-Bewegung wurde jedoch immer mehr eine rechtspopulistische Partei mit den bereits bekannten Inhalten: Restriktivere Einwanderungsbestimmungen (qualifizierte Zuwanderung – Asyl für politisch Verfolgte aus unsicheren Staaten), nein zur Islamisierung und die Ablehnung eines zentralisierten Europastaates. Allerdings spricht sich die AfD für einen wettbewerbsfähigen Binnenmarkt aus, der Zuwendung zu Staaten der ehemaligen Russischen Förderation und wählerstimmen-wirksam der Einrichtung von Einkommenshilfen bei Geringverdienern. Die AfD liegt in den Bundesländern bei zwischen 5-10 % – nach letzten Umfragen jedoch im Osten gar bei 16 %. Auch wenn die Parteisatzung die Aufnahme von Personen, die einer extremistischen Organisation angehörten, verbietet, werden immer mehr Ausnahmen durch den Bundesvorstand gemacht. So kamen zuletzt vermehrt Burschenschafter bzw. Mitglieder der “Neuen Rechten” und “Jungen Freiheit” in die Partei.
Die “natürlichen Verbündete” des AfD, wie es Alexander Gauland bezeichnet, sind die Pegida-Anhänger, eine an sich überparteiliche Bewegung, die jedoch ganz eindeutig dem rechten Lager zuzuordnen ist. Lucke und Henkel distanzierten sich von der Bewegung, Frauke Petry traf sich mit dem Vereinsvorstand der Pegida sogar im Landtag von Sachsen. Menschen – angeblich jeden politischen Couleurs – gehen seit Oktober 2014 auf die Strassen, um gegen die Flüchtlingspolitik der deutschen Bundesregierung zu demonstrieren. Betrachtet man sich die Organisatoren etwas genauer, so ist klar, woher der Wind weht. Vorstand Lutz Bachmann etwa ist in rechten und ausländerfeindlichen Kreisen wahrhaft kein Unbekannter, auch Anklagen wegen Volksverhetzung sind am Laufen; “Fragida” (der Frankfurter Ableger) wurde von der NPD mitorganisiert, weshalb sich auch immer mehr AfD-Funktionäre davon distanzierten.
Natürlich bleiben auch die Eidgenossen nicht von diesem Rechtsruck, der Europa heimsucht, verschont. Dort agieren die Drahtzieher jedoch zumeist im Hintergrund, was ihnen ein entscheidendes Mehr an Macht bringt. Die SVP gilt besonders seit der misslungenen Volksabstimmung der Schweiz zum EWR im Jahre 1992 als ein Sammelbecken rechter Ideen und derer Träger. Die SVP hat Regierungskompetenz – bei den letzten Wahlen erhielt sie 26,6 % der Stimmen. Allerdings laufen dort die Präzisionsuhrwerke etwas anders: Hier sah man ein, dass die einfachen Ideen und Konzepte der Rechtspopulisten nicht kopiert werden sollen:

“Die radikale Politik der SVP zwingt zum ebenso radikalen Positionsbezug: Wer nicht gegen die SVP ist, ist für sie.”

(Katja Gentinetta, Politikberaterin)

Die SVP ist klar gegen die EU, die Masseneinwanderung, Sozialschmarotzer! Die SVP ist für den “Volkswillen” und das “Schweizerische” – allerdings nach eigener Vorstellung.
Eines haben all diese rechtspopulistischen Bewegungen gemeinsam: Ein feines Gespür, wo der Bevölkerung der Schuh drückt. Das wird aufgenommen und lautstark mit dumpfen Parolen dagegen mobil gemacht. Es geht darum, einfachste (meist gar nicht umsetzbare) Lösungen aufzuzeigen, und dadurch einen Sturm im Wasserglas hervorzurufen. Der Rechtspopulismus funktioniert perfekt in Staaten, die über längere Zeit keine sozioökonomische Krise bewältigen mussten (“Wohlfahrtsstaatchauvinismus”). Dort hingegen, wo derartige Krisen zum tagtäglichen Leben gehören, gehört die Hoffnung der Bevölkerung zuhauf den Linkspopulisten. Viele der rechtspopulistischen Haifische verlieren ihre Zähne, sobald sie auf einer Machtposition sitzen. Lautes Schreien von der Oppositionsbank – das ist partout nicht schwer. Gemeinsame Lösungen für alle zu finden jedoch für die meisten unmöglich. Autokratisch geführte Parteien haben zwar den grossen Vorteil, dass sie schnell reagieren können, da der Parteivorsitzende sich nicht mir den Parteigremien absprechen muss, allerdings ist jeder Einzelne rascher wieder ausgetauscht, als er es für möglich hält, sobald man in Ungnade mit demjenigen/derjenigen fällt, mit dem/der man zuvor noch liebevoll die Wahlplakate zierte. Als politischer Kontrahent tut man sich gut daran, klar Stellung zu beziehen und dem Sturm von rechts die Fallwinde zu nehmen. Dann erweist sich in den meisten Fällen so manches als inhaltsleer. Schaut man hingegen untätig zu, so holt einen die Demagogie rascher ein als erwartet und der eigene Regierungssessel gerät ins Wanken – wie in Österreich und nun auch Frankreich! Noch gefährlicher ist es, aus Angst vor dem Verlust von Wählerstimmen rechtpopulistische Ideen aufzugreifen. So etwa geschehen durch den britischen Premierminister David Cameron, der die Idee des Volksreferendums zu einem Verbleib Grossbritanniens von der rechten UKIP aufgriff. Diese hatte ihre Forderung auch ohne Regierungsbeteiligung durchgedrückt und Cameron steht nun vor dem Scherbenhaufen!
Die von den Lautschreiern immer wieder geforderte homogene Gemeinschaft ist heutzutage aufgrund des demographischen Wandels heutzutage nicht mehr machbar. Auch wenn erneut ein eiserner Vorhang Europa vor dem Rest der Welt schützen sollte – Zuwanderung ist erforderlich um die alternde industrialisierte Bevölkerung finanzieren zu können.
Politisch eigentlich ein Hohn, wenn ausgerechnet autokratisch regierte Parteien mehr direkte Demokratie und somit Volksabstimmungen fordern. Viele Polit-Experten sind sich hierbei einig: Ein Gesetz mit Verfassungs- oder Grundgesetz-Status ist erforderlich um die Rechte jedes Einzelnen gewährleisten zu können. Auch wenn auch ich ein Verfechter der direkten Demokratie bin, so dürfen derartige pluralistische Demokratien, die wir inzwischen selbst aufgebaut haben, nicht immer dem Mehrheitsprinzip folgen. Krasses Beispiel: Volksabstrimmung zur Rolle der Frau in der Arbeitswelt – was geschieht, wenn die Kochtopf-Befürworter mehr mobilisieren können? War der Kampf der Frauen in den letzten Jahrzehnten umsonst???
Gibt es eine Lösung?

“Politik muss den potenziellen Wählern dieser Parteien klarmachen, dass sie ihre Sorgen ernst nehmen. Man muss versuchen, diesen sich abgehängt fühlenden Wählermilieus klarzumachen: Auch wir sind an euren realen Lebensumständen interessiert. Und wir tun unser Bestes, das im positiven Sinne zu verändern. Und wir hören euch zu und wir nehmen das ernst, was ihr uns zu sagen versucht. Das, glaube ich, wäre der allerelementarste Schritt, um dem Rechtspopulismus dieses Wir-sind-diejenigen-die-wirklich-das-Ohr-am-Volk-haben-Image abzujagen, was im Moment eine dringende Notwendigkeit ist für die etablierten Parteien.”
(Ernst Hillebrand, Politikwissenschafter)

Rechts! Ist das wirklich die Seite, zu der wir wieder hin wollen?

Lesetipps:

.) Rechtspopulismus in Europa. Gefahr für die Demokratie?; Ernst Hillebrand (Hrsg.); Dietz, Bonn 2015.
.) Rechtspopulismus als „Bürgerbewegung“ – Kampagnen gegen Islam und Moscheebau und kommunale Gegenstrategien; Alexander Häusler (Hrsg.); Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008
.) Radical Right-Wing Populism in Western Europe; Hans-Georg Betz; St. Martin’s Press: New York 1994
.) Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut: Befunde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz; Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges; Verlag Barbara Budrich, Opladen 2008
.) Die Alternative für Deutschland. Aufstieg und gesellschaftliche Repräsentanz einer rechten populistischen Partei; David Bebnowski; Springer VS, Wiesbaden 2015
.) Rechtspopulismus in Belgien und den Niederlanden: Unterschiede im niederländischsprachigen Raum; Gerd Reuter; Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009
.) The Lega Nord and the Northern Question in Italian Politics; Anna Centro Bull, Mark Gilbert; Palgrave, Basingstoke 2001
.) Le Front national et le monde. Le discours du FN sur les relations internationales sous la présidence de Jean-Marie Le Pen; Magali Balent; Editions universitaires europeennes, Saarbrücken 2011

Links:

http://www.bpb.de

http://www.kas.de

http://www.frontnational.com

http://www.leganord.org

http://www.pvv.nl/

http://www.vlaamsbelang.org

http://www.fpoe.at

http://www.alternativefuer.de

http://www.eurotopics.net

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Aus viel mach’ nix

Begleitet von teils heftigen Demonstrationen von Klima- und Umweltschützern, Kleinbauern, Indigenen, Fischern und vielen anderen findet dieser Tage die Klimaschutzkonferenz 2015 in Le Bourget in der Nähe von Paris (COP 21 bzw. 11. Treffen zum Kyoto-Protokoll) statt. Eine Konferenz, die sich immer wieder selbst in Frage stellt, wurden doch bislang bei derartigen Tagungen nie wirklich Langfrist-Ziele gesetzt, geschweige denn zumindest Teile davon erreicht. Dabei wäre es nicht erst 5 vor 12 sondern leider schon 1 vor 12. Tut sich nicht sehr rasch etwas, so werden unsere Kinder und Enkelkinder nicht mehr gesund auf diesem Planeten leben können.
In Kyoto wurde 1997 beispielsweise ein Minus von 5 % beim Ausstoss von Treibhausgasen beschlossen (nicht unterschrieben von den grössten Umweltverschmutzern wie den USA oder China uvam.). Allerdings nahm die Immission um mehr als 60 % beispielsweise beim Kohlendioxid zu. Wir verheizen jeden Tag dermassen viel an fossilen Energieträgern (Gas, Öl und Kohle), wie die Natur in 1 Million Jahren produziert hat. Die vielen Naturkatastrophen sind die Vorboten davon, was künftig mit unserem Planeten geschehen wird. Kritische Stimmen betonen, dass Afrika in 100 Jahren nicht mehr bewohnbar ist und Europa die derzeitigen dortigen Temperaturen zu bewältigen hat. Mehrtägige Hitzewellen mit 40 Grad Celsius sind in heimischen Gefilden im Sommer nichts aussergewöhnliches mehr! Das Jahr 2015 wird wohl als das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in die Geschichtsbücher eingehen.
Auch wenn ich an dieser Stelle bereits über eine Klimakonferenz geschrieben habe, möchte ich all das nochmals in Erinnerung rufen um vielleicht damit den einen oder anderen unter Ihnen zu einem Umdenken bewegen zu können. Denn – Klima- und Umweltschutz beginnt im Kleinen. Muss wirklich jeden Tag Fleisch auf dem Mittagstisch stehen? Pflanzenöl (meist Palmöl) anstelle des heimischen Rapsöles verwendet werden? Ist das Auto für Strecken von bis zu 5 Kilometern wirklich notwendig oder tut’s etwas Bewegung zu Fuss oder Rad auch? Wohnzimmerliche T-Shirt-Wärme auch im Winter?!
Die sog. “Treibhausgase” gelten schlechthin als die Hauptverursacher dieses Klimawandels. Sie verhindern die Abstrahlung jener Wärme, die von der Sonne geliefert aber nicht gebraucht wird, indem sie ein gewisses Wellenspektrum absorbieren. Klar wird auch durch die Gase Wärme abgegeben – jedoch nicht wie wichtig wieder in’s Weltall, sondern auch zur Erde zurück. Einerseits gut, wäre doch ohne dieses Naturphänomen der Planet rund 33 Grad kälter, andererseits schlecht, da die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre rasch zunimmt: Der Planet heizt sich auf! Die Auswirkungen können im Blog zum Golfstrom bzw. polaren Eis nachgelesen werden.
.) Kohlendioxid CO2
Kohlendioxid entsteht bei so gut wie jeder Art der vollständigen Verbrennung. Das Gas absorbiert die Wellenlänge von 15 μm. Das CO2 zeichnet für rund 75 % der durch den Menschen verursachten Erwärmung verantwortlich. Klimatologen gehen davon aus, dass eine Verdoppelung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu einer Erwärmung von rund 2-4,5 Grad führt. Jährlich gelangen zirka 38 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre (auch durch das Verbrennen von Regenwäldern). Zirka die Hälfte davon wird in sog. “Kohlenstoffsenken” gespeichert (Meere, Ökosysteme wie Wälder, Moore oder auch den Permafrostböden in Russland und Kanada). Die andere Hälfte allerdings verbleibt in der Luft! Jährlich nimmt die Konzentration um rund 2 ppm zu. Der Abbau erfolgt nur sehr schleppend – nach tausend Jahren ca. 50 %. Durch den Wasserdampf in der Luft wird die Wirkung von CO2 sogar verdoppelt.
.) Methan CH4
Methan ist für rund 15 % der Erderwärmung verantwortlich. Es entsteht, wenn organisches Material unter Sauerstoff-Abschluss abgebaut wird (Mülldeponien, Reisanbau, Wiederkäuer,…). Der Hauptverursacher für das Gas ist die industrielle Massentierhaltung, somit also die Landwirtschaft. Methan reagiert in der Luft mit anderen Molekülen. Nach 10 bis 12 Jahren wird es zu CO2 und Wasserdampf abgebaut. Erschreckend ist, dass seit dem Beginn der Industrialisierung der Methangehalt um 151 % zugenommen hat.
.) Lachgas N2O (Distickstoffoxid)
Lachgas wird beim Abbau von mineralischem Stickstoffdünger freigesetzt, dem wichtigsten in der Landwirtschaft. N2O ist für rund 8 % der Erderwärmung zuständig.
.) F-Gase
Die wohl bekanntesten unter ihnen sind die FCKW – Fluorchlorkohlenwasserstoffe, die als Kühlmittel oder in Spraydosen eingesetzt wurden. Sie sind seit 1990 grossteils durch die Fluorkohlenwasserstoffe ersetzt worden, da diese die Ozonschicht nicht schädigen, allerdings ebenfalls zur Erderwärmung beitragen. Weitere F-Gase sind: Perfluorierte Kohlenwasserstoffe (entstehen in der Aluminiumindustrie) und Schwefelhexafluorid (Isolationsgas bei Hochspannungsschaltern).
Um die Gase mitsamt ihren Auswirkungen vergleichen zu können, wurde das sog. “Global Warning Potential” (Treibhauspotential) eingeführt. Die Basis bildet hierbei die Wirkung von CO2. Methan hat einen GWP von 21 (1 Tonne Methan ist vergleichbar mit 21 Tonnen CO2). Lachgas sogar von 310!
Zu all dem kommt noch der Russ dazu. Er ensteht ebenfalls durch Verbrennung oder bei Vulkanausbrüchen. Legt er sich auf das polare oder Gletschereis, kann weniger IF-Strahlung reflektiert werden – das Eis schmilz schneller.
Derartige Klima-Konferenzen sind nicht nur aufgrund dessen umstritten, weil niemals Lösungen präsentiert werden, sondern diese vermehrt zudem von globalen Konzernen genutzt werden, um dadurch auf scheinbar sozial- und ökologisch-verträgliche Produktionsmodelle hinzuweisen: “Climate Smart Agriculture”, “Blue Carbon”, “REDD+” und “Carbon Capture and Storage” sind jene vier, die vornehmlich durch die Menschenrechtsorganisation FIAN bekämpft werden. Während sich die Grosskonzerne auf diese ausreden, wird den Kleinbauern und Fischern, aber auch den Ureinwohnern jegliche Existenzgrundlage und ihr Recht auf Nahrung, Gesundheit und Wohnen genommen. Die Lösung: Hier geht es vornehmlich um ein agrarökologisches Modell der Lebensmittelproduktion, Nachhaltigkeit, Biodiversität und die artgerechte Tierhaltung. Themen, die bei solch grossen Treffen so gut wie nie angesprochen werden, jeder kleine Landwirt muss sich aber genauestens daran halten.
Selten zuvor waren sich Experten dermassen einig, dass eine Klimaschutzkonferenz zu nichts führen wird, wie bei Paris 2015. Auch die Weltbank hat bereits vor einem Scheitern gewarnt. Es könnten weitere 100 Mio Menschen unter die Armutsgrenze schlittern, sollte nicht endlich etwas geschehen. Die beiden Hoffnungsschimmer sind US-Präsident Barack Obama, der jetzt unterschreiben kann, was er versprochen hatte, da er nicht mehr wiedergewählt werden kann. So hat er bereits den “Clean Power Plan” zur Reduktion des CO2-Ausstosses in den USA auf den Weg gebracht. Nach diesen Grundsätzen soll diese Immission der US-Kohlekraftwerke bis 2030 um 32 % gesenkt werden – hierzulande werden die meisten dieser Umweltruinen komplett geschlossen. Allerdings hat die Opposition im Kongress die Mehrheit – sie haben bereits Widerstand angekündigt, denn für die meisten Republikaner ist die Erderwärmung eine Lüge der Gegner der USA. Sollte ein Rep Obamas Nachfolger werden, sind dessen Verordnungen schnellst möglich wieder aus der Welt geschaffen. Zudem sind die Widersprüche nicht wirklich zu verstehen. Der Liter Fracking-Benzin kostet in den USA gerade mal 50 Cent! Shell durfte zudem in der Arktis nach neuen Öl- und Gas-Vorkommen bohren – und nun Obamas Ruf in’s hochkarätig besetzte Gipfel-Publikum: “Lassen Sie uns mit der Arbeit beginnen!” Und China? In diesem Winter kann man in Peking nicht mehr ohne Gasmaske durch die Strassen gehen. Hier muss etwas geschehen, da ansonsten ein ganzes Volk an Atemwegserkrankungen zugrunde gehen wird. Trotzdem wurden erst für 2030 Eingeständnisse durch die chinesische Regierung gemacht – das Wirtschaftswachstum ist wichtiger als PM 25 (Feinstaubpartikel, die bis in die Lungenbläschen vordringen). Bis 2030 soll das bevölkerungsreichste Land der Erde bis zu 25 % des Bedarfs aus erneuerbaren Energiequellen gewinnen. Inzwischen rauchen die Kohlekraftwerke weiter – auch 75 % aus fossilen Energieträgern sind viel zu viel! Alsdann will zudem Indien vermehrt an die Kohlereserven des Landes, gleichzeitig aber auch Sonnen- und Windenergie nutzen. Die Berechnungen für den 1,3 Milliarden-Subkontinent sind mehr als düster: Bis 2030 wird der CO2-Ausstoss verdreifacht werden! Und dies, obwohl laut vorgelegten Klimaplan die “Kohlenstoffintensität” um 33 bis 35 Prozent bis zum Jahr 2030 reduziert werden soll! Eine Verhohnepippeling – der Wert steht für die Emissionen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Nimmt somit die Wirtschaftsleistung zu, so nehmen auch die Emissionen zu. Geht es nach der indischen Regierung, können durchaus bis zu 9 % Wirtschaftswachstum möglich sein – damit drohen allen indischen Städten ähnliche Bilder wie die derzeit aktuellen aus Peking! Für die Nutzung erneuerbarer Energien, v.a. der solaren, fordert die indische Regierung von der Weltgemeinschaft Geld und den Fall von Patentrechten auf Technologien!
Erwartet wird von COP21 eigentlich die Verabschiedung der Nachfolge-Vereinbarung des Kyoto-Protokolls. Heisse Luft??? Mitnichten, schliesslich geht es um Themen, die unsere Welt retten sollen: Verbindliche Klimaschutz-Zusagen der Länder, die Gleichbehandlung von Klimaschutz und Klimaanpassung und den Ausbau des Green Climate Funds. Zudem soll alles künftig transparenter gemacht werden. Ah ja – apropos “Green Climate Fund”! Er ist sozusagen das schlechte Gewissen der industrialisierten Welt. Bis zum Jahr 2020 sollen nicht weniger als 100 Milliarden US-Dollar in diesen Fund des UNFCCC in Songdo/Südkorea fliessen, die einerseits für Projekte zur Minderung der Treibhausgase, andererseits jedoch auch als Wiedergutmachung an die Entwicklungsländer entrichtet werden sollen, die durch die Auswirkungen des Klimawandels am meisten betroffen sind. Eine Art Ablass-Zahlung also! Ideen gibt es viele, wie etwa die “CO2-Bepreisung” oder “Dekarbonisierung der Weltwirtschaft” der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Unzählige Tagungen, Seminare und Treffen von Experten, Verantwortlichen etc. fanden im Vorfeld dieses COP 21 statt (etwa die Konferenz “Our Common Future Under Climate Change” oder die Vorbereitungskonferenzen in Bonn). Inzwischen reichten bis Anfang Oktober nicht weniger als 146 Staaten (darunter die komplette EU, die USA und auch Russland) ihre Klimaschutzpläne zur Analyse durch das Grantham Institute for Climate Change in London ein. Und die Experten sind sich einig: Der Klimaschutz ist zu wenig um die Erderwärmung um “nur” zwei Grad zu festigen. Der CO2-Ausstoss muss bereits 2070 (“Dekarbonisierung” – der Komplettausstieg aus den fossilen Brennstoffen), jener für alle Treibhausgase 2100 auf Null reduziert werden. Dann sind 2 Grad machbar! Utopisch! Die Wirtschaft etwa geht davon aus, dass fossile Energieträger auch auf Jahrzehnte hinaus noch gebraucht werden. Die Argumentation, fossile Brennstoffe auch weiterhin verwenden zu können, wenn andererorts Aufforstungen en gros gemacht werden – das ist Augenauswischerei. Schliesslich ist der Baum für sich gesehen CO2-neutral. Er hat im Laufe seines Lebens dermassen viel CO2 verarbeitet, wie seine Verbrennung wieder freisetzt. Damit werden also Birnen mit Äpfeln verglichen.
Die 7,3 Milliarden Menschen Weltbevölkerung verbrauchten im vergangenen Jahr so viel an Energie wie im Vergleich dazu 13 Milliarden Tonnen Öl liefern. Der Anstieg an fosslien Energieträgern lag letztes Jahr bei “nur” 0,9 % – im Vergleich der Jahre zuvor (+2,1 %). Die Internationale Energieagentur IEA rechnet mit einem weiteren Anstieg des Energiebedarfs bis 2040 um schwindelerregende 33 %. Doch, mal komplett abgesehen von diesen 2-4,5 Grad – beim Treffen der G7-Aussenminister im April in Lübeck wurde die gesamte Problematik beleuchtet: Extremwetterereignisse, Anstieg des Meeresspiegels, Zerstörung von Küstenbereichen, grenzüberschreitendes Wassermanagement, Konkurrenz bei den lokalen Ressourcen, Verlust der Existenzgrundlage von Landwirten und Fischern sowie Ureinwohnern, schwankende Versorgung und Lebensmittelpreise… Wenn es die Aussenminister verstanden haben, warum dann nicht auch deren Regierungen? Schliesslich haben die Staats- und Regierungschefs lautstark verkündet, dass etwas geschehen muss – bereits wenige Tage nach der fulminanten Eröffnung wurde schon wieder von “schleppenden Verhandlungen” und einem “Schmalspur-Abkommen” geredet! Hinter vorgehaltener Hand heisst es gar, dass viele Delegationen für die erste Woche des Treffens die Order erhielten, sich nicht zu bewegen (so ein europäischer Diplomat gegenüber der Presse)!
Auch Papst Franziskus zeigt sich in seiner Enzyklika Laufato si’ enttäuscht – vor allem vom vorhergehenden Treffen in Peru: “Mich hat der Mangel an Mut enttäuscht. An einem gewissen Punkt haben sie aufgehört!” Er bezeichnete es während seiner Afrikareise in Kenia als “katastrophal”, wenn das Treffen in Frankreich aufgrund von Einzelinteressen mancher Staaten scheitern sollte. Auch die anderen christlichen Kirchen, der Islam, das Judentum und der Buddhismus haben dazu aufgerufen, endlich energisch für den Klimaschutz vorzugehen.
Ein positiver Punkt ist bislang in all den Verhandlungen zu finden: Die “Breakthrough Energy Coalition”. 20 Industriestaaten haben versprochen, die Ausgaben für saubere Energien und die entsprechende Speicherung zu verdoppeln. 30 Superreiche wie Bill Gates, Marc Zuckerburg, Jeff Bezos und Hasso Plattner werden ebenso in dieser Richtung investieren (Wagniskapital).
Unzählige Staats- und Regierungschefs haben sich in Le Bourget getroffen. Die Protestkundgebungen erreichten mit dem Global Climate March am Tag vor dem Konferenzbeginn ihren Höhepunkt. Millionen auf der ganzen Welt demonstrierten für unser Klima – gegen Dürren, Überschwemmungen, Stürme, dem Anstieg des Meeresspiegel,…
In Paris stehen inzwischen “Brot und Spiele” auf dem Gipfel-Stundenplan! 130 Staats- und Regierungschefs, rund 40.000 Verhandler und 15.000 Sicherheitskräfte – gegen den Rest der hoffenden Welt! Läuft in der industrialisierten Welt derweil alles in die richtige Richtung, so kriegen das alle anderen Staaten nicht gebacken! Denn – auch die Schwellenländer wollen ihr Stück vom Industrialisierungskuchen abhaben. Und Abgase und Feinstaub machen nicht an der Grenze eines Staates hat!

PS:
Sollten die Grossen und Mächtigen dieser Erde noch immer nicht begriffen haben, wie das alles geht – der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, zeigt es vor und steht sicherlich gerne auch Herrn Obama, Herrn Putin, Frau Merkel und Herrn Xi Jinping bzw. Herrn Pranab Mukherjee Rede und Antwort!

Filmtipp:

„Zwischen Himmel und Eis“ – Das Leben von Claude Lorius

Links:

http://www.cop21.gouv.fr/

http://newsroom.unfccc.int/

https://www.ipcc.ch

http://www.gcfund.org

http://www.umweltbundesamt.de

http://www.bmub.bund.de

http://www.un.org/climatechange/

http://klimadiplomatie.de/

https://www.die-gdi.de/

https://germanwatch.org

http://www.wwf.de

http://www.greenclimate.fund/home

http://www.oekosystem-erde.de/

http://www.handsontheland.net

http://www.viacampesina.at

http://www.fian.at

http://www.columbia.edu/~mhs119/

http://www.casinapioiv.va/

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