Archive for März, 2016

Glück gehabt!!!

Sportler kommen ohne sie nicht aus, Politiker haben sie, Wirtschaftsbosse führen keine Verhandlung, wenn sie es nicht dabei haben – ja auch Mafiabosse haben sie: Glücksbringer! Inwieweit das tatsächlich wirkt, ein Aberglaube ist oder auch durch den Glauben an den Glücksbringer schon selbst am Glück gearbeitet wird, sei dahingestellt. Trotzdem wünscht sich jeder diesen Zustand der Seeligkeit! Doch zeigt sich Glück für jeden etwas anders: Ein Nachmittag mit der Familie, ein Gewinn, der Sieg in einem Spiel, die bestandene Prüfung, das Auto, das erst nach dem Abstellen in Flammen aufgeht… Heute möchte ich ein kleines bisschen philosophieren. Philosophieren über etwas, das wohl die meisten unter uns gerne eimerweise hätten: Glück!
Millionen Menschen sind derzeit vor den Grauen des Krieges, Verfolgung, Ermordung und Folter auf der Flucht. Für sie ist es das höchste Glück, eine trockene und warme Unterkunft zu finden, etwas zu Essen zu bekommen und ein Bleiberecht zu erhalten. Jugendliche sind glücklich, wenn sie ihre Freunde beim Gamen oder mit der Anzahl ihrer Friends auf Facebook schlagen können. Ältere Menschen, wenn sie gesund sind. Kapitalisten wenn sie möglichst viel Geld anhäufen können. Ein Streifenpolizist ist vielleicht glücklich, wenn sein Dienst ohne ärgeren Geschehnisse zu Ende geht. Glück ist vielfältig, vielschichtig, es ist polymorph und trotzdem eigentlich recht einfach zu bekommen. Ist es nicht zumindest Glück, dass Sie diese Zeilen lesen können, da sie in einem freien Land geboren wurden, eine gute Schulausbildung geniessen konnten und nicht blind sind?
Das Wort “Glück” leitet sich vom mittelhochdeutschen “gelücke” ab, möge also etwas unter Einbeziehung des schicksalhaften Zufalls gelingen! Googelt man nach dem Wort “Glück”, so findet man etwa den Ausdruck “erfreuliche Fügung des Schicksals” oder “günstiger Zufall”! In unserer Geselslchaft werden alsdann drei Arten von Glück unterschieden: Zufallsglück, Wohlfühlglück und Fülleglück (dauerhaftes Glück). Dieser an sich emotionale Zustand kann greifbar sein, kann verstanden werden, kann ersehnt werden. Doch bekommen viele gar nicht mit, dass sie gerade im Augenblick Glück haben. Die Bedeutung von Glück im Leben eines Menschen wird leider viel zu häufig unterschätzt. Deshalb finde ich das folgende Zitat so treffend:

“Man weiß selten, was Glück ist, aber man weiß meistens, was Glück war.”

(Françoise Sagan)

So weiss es der Gesunde erst dann zu schätzen, wie glücklich er eigentlich war, wenn er krank ist. Und genau hier setzt der Wandel der Medizin und Psychologie an: Vorbeugen ist besser als heilen – ein Mensch wird zu einem glücklichen Menschen, denn Glück wirkt sich auch positiv auf das Immunsystem aus. Wirklich glückliche Menschen sind widerstandsfähiger, regenerieren sich rascher und leben insgesamt auch länger (7,5 bis gar 20 Jahre). Die positive Medizin bzw. Psychologie setzt auf das Wohlbefinden der Patienten und Probanden.
Die Suche nach dem Glück ist so alt wie die Suche nach dem ewigen Leben. Glücksbegriffe finden sich bereits bei Sokrates, Platon, Aristoteles; bei Kant, Schopenhauer und Nietzsche; bei Schulze, Davidson und Seligman. Aber keiner kann das Glück wirklich definieren: Toller Zufall? Wohlfühlen??? Obwohl ich damals auf der Uni mit Platon nicht wirklich Glück hatte (konnte aufgrund meines Jobs nicht zur Vorlesung gehen, das bemerkte der Profax während der mündlichen Prüfung und fragte nurmehr aus einem Kapitel, das in der Geschichte Platons winzig klein ist, während der Vorlesung aber offenbar einen recht grossen Teil einnahm), möchte ich seine Definition des Glücks anführen:

“Ein Mensch ist nur dann glücklich, wenn die Vernuft, der Wille und das Begehren (die drei Teile der Seele; Anm. des Schreiberlings) im Einklang stehen”.

Auch viele östliche Philosophen teilen diese Meinung.
Die Neurobiologen allerdings beissen sich nach wie vor die Zähne bei der Erforschung der Hintergründe aus, die der Satz “Ich bin glücklich!” in unserem Hirn auslöst! Was geschieht vor der Ausschüttung der Glückshormone Serotonin, Dopamin etc.? Der US-amerikanische Wissenschaftler Richard Davidson entdeckte dank der Elektroenzephalografie, dass die linke vordere Hirnhälfte (linker präfrontalen Cortex) für die positiven Stimmungen, die rechte hingegen für die negativen Stimmungen verantworltich zeichnet. Gleiches Resultat brachte auch die anschliessende Überprüfung der Ergebnisse durch die Magnetresonanztomographie und die Positronen-Emissions-Tomografie. Der Nobelpreisträger für Medizin 1962, Francis Crick, bezeichnet es in etwa so:

“Unsere Freuden und Sorgen, Erinnerungen und Ziele, Gefühle und freier Wille sind nichts weiter als das Verhalten von gut 10 Milliarden Nervenzellen und ihrer Signalmoleküle. Kurz gesagt: Wir sind nichts weiter als eine Anhäufung von Milliarden Nervenzellen und ihrer Aktivitäten.“

Der Glückspsychologe Michael Argyle erstellte einen ganzen Fragenkatalog, mit dem er den “Oxford Happiness Inventory* (OHI) bestimmte. Ansonsten werden normalerweise nur drei Antwortmöglichkeiten zu einer Frage (“Wie glücklich waren Sie gestern?”) gegeben: a. nicht glücklich, b. ein wenig glücklich, c. sehr glücklich.
Wenn Sie das nächste Mal durch die Fussgängerzone schlendern, schauen Sie doch mal bewusst in die Gesichter der entgegen kommenden Menschen, denn: Glück kann man sehen! Doch nur ganz wenige lächeln zurück, da sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind: Nächster Termin, Freundin am Telefon, erwische ich den Bus noch, was brauche ich ausserdem, verdammt – hab’ die Kaffeemaschine angelassen,…
Haben Sie gewusst, dass das Königreich Bhutan einen eigenen Glücksminister hat? Die Aufgabe von Ha Vinh Tho besteht darin, das Brutto-Nationalglück seiner Landsleute zu steigern. Er weilte erst kürzlich in Wien. Glück hatten auch die Zuhörer, da der Herr Minister aufgrund seiner damaligen Schulzeit in Wien fliessend Deutsch spricht. Bhutan ist kein reiches Land – die Armut ist in jeder Ecke zu sehen. Trotzdem gaben anno 2010 in einer Umfrage 88,7 % der Bevölkerung an, glücklich zu sein. Sie sind glücklich, da sie Strom im Haus haben, Zugang zu Trinkwasser,… In den 70er-Jahren führte König Jigme Singye Wangchuck das Bruttonationalglück ein – inzwischen ist Glück dem Himalaja-Königreich wichtiger als seine Wirtschaft. Viele finden dort ihr Glück in der Religion und Meditation. Und – ein jeder gesteht dem anderen sein eigenes Glück ein. Die in’s Leben gerufene Glückskommission misst das emotionale Hochgefühl anhand 72 Indikatoren (wie etwa psychisches Wohlbefinden, Gesundheit, Gemeinschaftsvitalität,…). Wäre ein solches Glücksministerium nicht auch hierzulande sehr sinnvoll? Schliesslich meinten im Jahr 2013 nur 53 % der befragten Deutschen, dass sie “oft” oder “sehr oft” glücklich” sind. Allerorts gewinnen die rechten Demagogen an Stimmen bei den Wahlen, die das aussprechen, was sich viele seit geraumer Zeit denken. Doch haben sie alle keinen oder nur einen kurzfristigen Lösungsvorschlag für die Probleme. Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die sozialistischen, vor allem aber kommunistischen Basis-Lehren eher auf dem Unglücksfaktor aufbauen: Macht eine klassenlose Gesellschaft, wie sie Marx und Engels vor Augen hatte, wirklich glücklich? Die zudem – wie wir inzwischen alle wissen – nie wirklich klassenlos war! In Grossbritannien wird beispielsweise das subjektive Wohlbefinden der Menschen als einer der Nachhaltigkeitsfaktoren in die Politik mit eingebaut. Zumindest ein Ansatz, denn die Reaktion darauf ist nicht immer entsprechend. Sind die Menschen in unseren Breiten wirklich so unglücklich, dass sie aus Protest den Schreihälsen und Dampfplauderern ihre Stimme geben? Sie fordern, dass die Politik und die Wirtschaft den Bürger glücklich machen sollen. In Bhutan sind die Menschen glücklich, weil sie eine Familie und ein Zuhause haben. Auch Bertrand Russell ging mit seinen Überlegungen in diese Richtung:

“Wenn alle Menschen den Mut aufbrächten, trotz Widrigkeiten und Hindernissen so (ohne Furcht; Anm. des Schreiberlings) zu leben, würde es für die Erneuerung der Gesellschaft nicht erforderlich sein, mit politischer und ökonomischer Reform zu beginnen: alles dies folgte ohne Widerstand aus der moralischen Erneuerung der Individuen.”

Klar ist, dass die Entwicklung nicht immer unbedingt auch Glück mit sich bringt. Dennoch sollte es dem vielbeschäftigten Arbeitssklaven oder der nicht minder schuftenden Hausfrau auch in Europa gelingen, glücklicher zu werden. Ganz simpel und einfach: Indem kleinere Ziele gesetzt und nicht immer das Ganze als solches betrachtet werden soll. Wuchert in meinem Garten das Unkraut, fange ich erstmal mit dem Rasen an. Danach ist der Baum- und Heckenschnitt an der Reihe, schliesslich als letztes die Blumen! Damit habe ich jeweils Module abgeschlossen, die mich jeden Morgen, wenn ich in den Garten schaue, glücklich machen. Wird der Garten als Ganzes gesehen, so denke ich wohl vermehrt an das, was noch zu machen ist! Förderlich für den Glücksmoment? Wohl kaum!
Während der antike Glücksphilosoph Epikur (ähnliches ist auch bei John Stuart Mill nachzulesen) meinte, dass extreme Lust auch extreme Unlust auslöst und sich der Mensch deshalb strategisch auf das Wichtigste reduzieren sollte, damit er wirkliches Glück erfährt (Abwehr von Schmerz und Bedürfnissen), steht und fällt in unserer Hemisphäre und Zeit das Glück mit den materiellen Werten. Für den Griechen Aristoteles ist ein glückliches Leben jenes, in welchem der Mensch die durch seine Vernuft gegebenen Fähigkeiten ausbilden und anwenden kann. In seiner Polis spricht er auch davon, dass ein Mensch nur dann glücklich sein kann, wenn er mit äusseren Gütern hinreichend ausgestattet ist (neben seinem tugendhaften Leben). Ergo: Je mehr Geld jemand hat, desto glücklicher ist er, da er sich leisten kann, was er will, Kontakte zu Kreisen pflegt, die vieles möglich machen können und aussteigen kann, wann auch immer er möchte – ein Traum von wohl jedem von uns! Doch machen die meisten Lotto-Gewinner die bittere Erfahrung, dass “Geld allein nicht glücklich macht”: Plötzliche Freunde müssen abgewimmelt, es muss darauf geachtet werden, dass Dich niemand bestiehlt, wie kann das Geld am Sinnvollsten investiert werden, damit auch in 20 Jahren noch etwas davon übrig ist bzw. nicht der Staat wieder die Hälfte davon abnimmt,… Und jene, die sich das Geld selbst sauer erarbeiten, haben meist nichts von ihrem Reichtum, da sie keine Zeit dafür haben, die viele Kohle auch auszugeben. Das erledigen dann deren Erben umso rascher!
Im Mai 2014 trafen sich die weltweit führenden Glücksforscher und hunderte Interessierter zum Happiness Kongress (gesponsert von einem führenden Softgetränke-Hersteller, dessen Inhaltszucker angeblich glücklich macht), um sich über ihre Disziplin auszutauschen: Was ist Glück, wie komme ich zu Glück, wie bleibt das Glück bei mir! Es entstand die Happiness-Studie 2015. Darin enthalten waren auch Punkte, wie man jeden Tag etwas mehr Glück empfinden kann:

1. Gefühlte Familie (“Framily”)
Suchen Sie sich Gleichgesinnte aus, mit denen Sie sich austauschen können
2. Pflicht und Arbeit
Erledigen Sie nach der Pflicht auch etwas, das Ihnen Spass macht um zu regenerieren
3. Entscheidungen treffen
Entscheiden Sie eindeutig – bei falschen Entscheidungen lernen Sie sich selbst kennen und entscheiden sich beim nächsten Mal intuitiv richtig
4. Perfekt sein gibt es nicht
Durch Versuch und Irrtum kann gelernt werden und man kommt diesem Idealbild näher – erreichen wird man es aber niemals
5. Soziale Kontakte
Das Treffen mit realen Freunden zählt zu den wichtigsten Glücksmomenten eines Menschen – schalten Sie die virtuelle Elektronik einfach mal aus
6. Re-Framing
Durch ein Umdenken werden manche Ziele erreichbar und stärken dadurch das Selbstbewusstsein
7. Ständige Analyse
Lassen Sie Chancen auf Sie zukommen, blenden Sie auch mal Optionen aus

Das Pflegen der sozialen Kontakte ist immens wichtig, jedoch noch unerforscht. Schliesslich ist es nicht nachgewiesen, ob gute Freunde glücklich machen oder glückliche Menschen leichter gute Freunde finden. Kommt also hier das Glück zuerst oder seine Begleitumstände, wie es die US-amerikanische Psychologin Sonja Lyubomirsky hinterfrägt?
In vielen Religionen hingegen wird vom dauerhaften Glückszustand erst nach dem Tod gesprochen, ein Gedanke, den auch Immanuel Kant teilt. So meint etwa Johannes in der Offenbarung (Offb 21,1-5):

“…dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; … und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“

Auch der Islam spricht von einem Paradies – dem Zustand des ewigen Glücks. Oder im Hinduismus: Das wahre Glück kommt von der Liebe zu geistigen Dingen. Sie ist der Lohn Gottes für Gutes! Soll heissen, dass jener das Glück erfahren wird, der Zeit seines Lebens Gutes vollbracht hat.
Oftmals jedoch ist es die Unzufriedenheit, die einen vorantreibt, etwas neues zu schaffen oder das alte zu verbessern, mit dem man nicht mehr glücklich war. Das erkannte auch die Wirtschaft und gründete die “Happy Economics”: Das Streben nach Glück als Wirtschaftsfaktor! Allerdings kann man glücklichen Menschen nichts bzw. nicht viel verkaufen. Also gilt es, stets neue Bedürfnisse zu wecken.

Und übrigens:

“…ohne dass einem im Leben auch einmal Unglück widerfährt, weiss man das Glück nicht zu schätzen!”
(Prof. Randolf Rodenstock, Vorstandsvorsitzender des Roman Herzog Instituts e. V.)

Lesetipps:

- Conditions of Happiness; Ruut Veenhoven; Reidel Publishing, Dordrecht / Boston / Lancaster 1989
- De beata vita / Über das Glück. Deutsch von Ingeborg Schwarz-Kirchenbauer und Willi Philipp Schwarz; Augustinus von Hippo; Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1982
- Antike Glückslehren; Malte Hossefelder; Kröner Verlag, 1996
- Auf dem Weg zu einer allgemeinen Theorie des Glücks. Eine Bestandsaufnahme der Glücksforschung; Paul Thierbach; GRIN Verlag, München 2010
- Psychologie des Glücks; Anton Bucher; Beltz 2009
- Glück. Eine Philosophie des Einverstandenseins; Christoph Meier; Strub Verlag, Kreuzlingen 2006
- Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist; Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007
- Das Anti-Glücksbuch. Warum uns das Glück kein Glück bringt; Georg Römpp; A. Francke Verlag, Tübingen 2012
- Die glückliche Gesellschaft. Kurswechsel für Politik und Wirtschaft; Campus Verlag Frankfurt 2005
- Große Lust auf ganz viel Glück: Self-fulfilling Management; Simone Langendörfer; Books on Demand, Norderstedt 2010
- Happiness and economics. How the economy and institutions affect well-being; Bruno S Frey, Alois Stutzer; Princeton Univ. Press, Princeton 2002

Links:

www.gluecksinstitut.eu
www.gluecksforschung.de/
www.gluecksarchiv.de/
www.geistigenahrung.org
www2.eur.nl/fsw/research/veenhoven/Pub2000s/2008j-fulld.pdf

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“Bist ein kleines Sensibelchen!!!”

Als ich kürzlich den bekannten Gerichtsgutachter und Psychiater aus Österreich, Prof. Dr. Reinhard Haller in einem Interview anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buches “Die Macht der Kränkung” hörte, spitzte ich ganz plötzlich die Ohren. So meinte er, dass bereits 19 % der Menschen hypersensibel sind. Tendenz: Steigend! Eigentlich wollte ich ja über die Kränkungen ganz im Allgemeinen schreiben – bei der Recherche allerdings fokussierte ich mich zusehends mehr auf die Hypersensibilität. Grund genug also, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und das, was ich damals im Rahmen meines Studiums zu diesem Themenkreis gelernt habe, auf halbwegs verständliches Niveau zu bringen, denn: Sie müssen über keinen Psychologie-Doktortitel verfügen, um diesen Blog lesen zu können.
Die Hochsensibilitäts-Expertin Birgit Trappmann-Korr beschrieb HS meines Erachtens am schönsten: Ein Normalo fährt die Strecke Rheinberg nach Aalen auf der Autobahn, um möglichst rasch am Ziel zu sein.

“Wir wissen jedoch auch, dass eine Minderheit einen holistischen Wahrnehmungs- und Denkstil hat. Hier führt die Strecke von Rheinberg nach Aachen über Landstraßen, zu Sehenswürdigkeiten – und vielleicht ist die Autobahn ja nicht immer die beste Strecke?”

Für Kinder manches Mal fatal, da sie sich häufig verfahren (ADHS). Trotzdem ist holistischers (kreatives) Denken das wichtigste Wirtschaftsgut des 21. Jahrhunderts. Globale Konzerne beschäftigen ganze Armeen von andersdenkenden Menschen, damit sie innovativ bleiben.
Unter “Hochsensibilität” oder “Hypersensibilität” versteht man die allgemeinsprachliche “Überempfindlichkeit”. Diese kann körperlich oder nervlich bedingt sein, führt jedoch zumeist in beiden Fällen zu einer Meidung von Belastungs- oder Stresssituationen. Diese HSPs (hyper-sensible Personen) wirken auf andere als introvertiert und schüchtern! Besonders damit zu kämpfen haben Männer, da die Gefühle des Verletztseins, des Mitfühlens und durchaus auch Tränen nicht der Rolle des Mannes in unserer Gesellschaft entsprechen. Sie werden oftmals sofort als schwul abgestempelt, obwohl sie es gar nicht sind!
Der Ausdruck der “Hochsensibilität” wurde im Jahre 1995 durch die Wissenschaftlerin Elaine Aron in ihrem Buch “The highly sensitive person” erstmals vorgebracht. Sie meinte damit Menschen, die auf bestimmte Reize intensiver reagieren, da sie diese auch zuweilen anders verarbeiten als die Mehrheit. Aron leitet dies unter Umständen auf ein starkes Traumata in der Kindheit zurück. Andere Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass HS genetisch bedingt ist.

https://www.youtube.com/watch?v=Kx2Bo7cFhQ8

Viele der Betroffenen wissen meist gar nichts über ihre Hochempfindlichkeit – dennoch haben diese zwischen 15-20 % der Bevölkerung. Bei den einen sind es Umwelteinflüsse, die über die Sinne verstärkter aufgenommen werden (Geräusche, Licht, Düfte, Druck und Temperaturen etc.), bei anderen ist es die Psyche, die auf spezielle Einwirkungen überempfindlich reagiert (Schmerzwahrnehmung, Belastbarkeit, Feinmotorik, gedankliche Überstimulation,…), bei den meisten allerdings die Vermischung von beidem. Manche Experten erwähnen in diesem Zusammenhang auch den Begriff der “Hochsensitivität”, der allerdings klar von der Hochsensibilität abgegrenzt werden sollte. Dies bezeichnet den sog. “Sechsten Sinn”, also Ahnungen und Visionen. Dies können auch HSPs haben, da sie aufgrund ihres Denkens und Analysierens komplexer Zusammenhänge mehr voraussagen können als Normalos.
Wie eine solche Hypersensibilität verarbeitet wird, zeigt sich bei den meisten Menschen unterschiedlich: So manch Einer träumt intensiver, andere agieren vermehrt intuitiv; einige lehnen sich selbst ab, andere wiederum ziehen sich zurück; viele möchten perfekt sein, manche können sich schwer entscheiden, da sie immer und immer wieder das Für und Wider abwägen. Na – auch etwas für Sie dabeigewesen??? Dann sollten sie den HS-Test absolvieren (siehe Link unten). Fakt ist, dass sich solche hochsensible Menschen wesentlich leichter durch die Stimmungen anderer beeinflussen lassen (v.a. bei der Trauer, aber auch der Liebe). Ist dies bekannt, so kann daran gearbeitet werden. Ist die Ausprägung hingegen nicht bewusst, so erleben viele einen grossen Leidensdruck, der sich körperlich als auch seelisch als auch geistig in ihrem Tun und Handeln auswirkt. Viele fühlen sich dadurch ausgegrenzt, andersartig. Durch Sätze wie:

“Sei nicht so empfindlich!”,

die sie von allen Seiten zu hören bekommen, manifestiert sich dies auch im Unterbewusstsein des Betroffenen und führt bei vielen zu einer teils eklatanten Verschlechterung des Selbstwertgefühles: Ich bin nicht ok, da ich anders als der Rest empfinde. Dadurch kann ich niemals dazugehören, da mich niemand mag. Diese Menschen leiden meist unter Bindungsängsten, sind wenig belastbar, Burn-out-gefährdet und sind empfänglicher für so manche Krankheiten. Forscher haben beispielsweise herausgefunden, dass eineinzige Mal so richtig ärgern ausreicht um bestimmten Viren freien Weg in den Atemwegen zu gewähren.

Wie wollen uns die anderen haben???

Diese Frage hat vor allem Auswirkungen in der Erziehung der Kinder. Wächst ein hochsensibles Kind in einer schwierigen Familie auf, so versucht dieses alles zu tun, damit die Bezugspersonen mit ihm zufrieden sind. Sie passen sich diesen an und arbeiten stets daran, deren Bedürfnisse zufrieden zu stellen. Die grosse Gefahr besteht nun jedoch darin, dass sie mit der Zeit die eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen. Hochgefährlich, da keine Verarbeitung auf emotionaler Ebene mehr stattfinden kann. Es treten Krankheiten und Ängste auf. Hier ist es wichtig, die Betroffenen wieder auf sich selbst zu fokusieren. Eine entscheidende Frage kann dabei sein:

“Wie fühlst Du Dich heute?”

Das veranlasst den emotional Sensiblen über sein Befinden nachzudenken. Danach sollte keinerlei Bewertung oder Analyse stattfinden, da die Betroffenen ansonsten dazu neigen, nurmehr das für den Fragenden Positive zu antworten.
Wo eine solche Hypersensibilität entsteht, ist noch nicht wirklich wissenschaftlich fundiert. Angenommen jedoch wird ein Defekt in der Reizverarbeitung des Gehirns. Und jetzt wird’s ein wenig neurobiologisch: Der Reiz wird durch die Rezeptoren aufgenommen, in einen elektrischen Impuls umgewandelt und an die Nervenbahnen des Zentralen Nervensystems weitergegeben. Über diese gelangt er in die entsprechend zuständige Region im Gehirn und wird dort zur Wahrnehmung mit anschliessender Reaktion verarbeitet, die zumeist wiederum über die Organe erfolgt; veranlasst durch die Neurotransmitter als Botenstoffe. Produziert nun das Gehirn (möglicherweise durch eine Störung des Hirnstoffwechsels) zu wenig dieser Neurotransmitter, so wirkt sich dies auch auf die Aufmerksamkeit im Stammhirn aus, d.h. dem Betroffenen fehlen die Wahrnehmungsfilter, er kann nicht mehr richtig zwischen wichtigen und unwichtigen Reizen unterscheiden – alle werden verarbeitet. Durch den ständigen Stress aufgrund der Reizüberflutung kommt es aber sehr rasch zu Ermüdungserscheinungen, die einer längeren Regeneration bedürfen. Aus diesem Grund stösst ein hochsensibler Mensch sehr rasch an seine Belastungsgrenzen – auch wenn er gerne weitermachen würde. Bei Erregungssituationen werden normalerweise die beiden Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Bei einem solchen chronischen Stress jedoch wird Cortisol über den Hypothalamus, die Hypophyse und schliesslich die Nebennierenrinde weitergegeben – die Forschung spricht dabei von der “HPA-Achse” (Elaine Aron)! Durch diese ständige Erregung kommt es zu Kopfschmerzen, Migräne, Bluthochdruck und etwa Beschwerden im Magen-Darm-Trakt. Zudem sind Rückenschmerzen und Reizhusten möglich. Das Mehr an Cortisol wirkt sich auch auf das Immunsystem aus: Fiebererkrankungen werden so beispielsweise unterdrückt, wodurch gewisse Krankheiten nicht “ausgestanden” werden können, der Körper somit auch nicht immun gegen derart verursachende Viren wird.
Zur Therapie gehört vornehmlich die Selbstreflexion, damit sich der betroffene Mensch wieder Gedanken über sein richtiges Ich machen kann. Hinzu kommen Flexibilität und Stressbewältigung. Dazu können die unterschiedlichsten Methoden gewählt werden:

- Yoga
- Meditation
- Sport
- Emotional Frequencies Rechniques (EFT) wie die Mieridian-Klopftechnik etwa

Damit aber nun zurück zum Beginn meiner Ausführungen: Hypersensible Menschen sind auch wesentlich schneller durch Bemerkungen zu kränken, die eigentlich gar nicht so tragisch gemeint waren. Sätze wie:

“Das darfst Du nicht so ernst nehmen!”

werden HSPs wohl öfters zu hören bekommen. Trotzdem sinkt auch bei Normalos immer mehr diese Schwelle, ab wann eine Kränkung als beleidigend empfunden wird. Da tut sich so manch einer leichter, der – konstuktive Kritik ausgeschlossen – beispielsweise Beleidigungen einmal hört und sofort wieder vergisst! Emotional Sensiblen kann dies schlaflose Nächte bereiten.
Gefühle werden von HSPs wesentlich intensiver aufgenommen und verarbeitet. Ob Trauer oder Verliebtsein – auch Musik wird komplett anders erlebt. Der Hang zum Perfektionismus und Gerechtigkeit ist wesentlich grösser ausgeprägt. Erhält nun ein solch hochsensibler Mensch eine Therapie um Gefühle zu verdrängen, so mag das anfänglich vielleicht nützlich sein, doch lassen die Filter nach wie vor zu viel durch. Was ein Normalo in’s Unterbewusstsein verdrängt, bleibt bei vielen Hypersensiblen im Bewusstsein erhalten. Verantwortlich dafür zeichnet der Thalamus. Trotzdem muss die Hochsensibilität ganz klar von der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) unterschieden werden. Bei dieser handelt es sich um die Verarbeitung einer tatsächlich dagewesenen Extremstituation (Unfall, Gewalt, Tod eines geliebten Menschen,…) in Form eines Traumas. Traumatisierungen können in allen Abschnitten des Lebens vorkommen – besonders gefährdet aber sind Kinder und Jugendliche für derartige Extremsituationen in der eigenen Familie. PTBS muss speziell therapiert werden. Sie kann auch gemeinsam mit HS auftreten. Doch das, das ist Inhalt eines späteren Blogs! Ebenso übrigens wie ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom – das würde die Grenzen dieser Ausführungen sprengen.
Hochsensible scannen mit ihren Spiegel-Neuronen alle Menschen in ihrem Umfeld. Andere Menschen werden von den HSPs meist als oberflächlich betrachtet, mit welchen sie eigentlich nichts zu tun haben möchten. Gleichzeitig aber vereinsamen sie dadurch umso mehr. So ist es etwa für einen Hochsensiblen immens schwer, einen Partner zu finden: Soll es ein Gleichdenkender sein – das kann anstrengend werden. Soll es ein Normalo sein, wird er den Speziellen oftmals nicht verstehen. Ein Problem stellt für viele auch die eigene Familie dar: Ein oder zwei Kinder sorgen für ein Vielfaches mehr an Reizen.

https://youtu.be/C67Ly3IH-4g

Hochsensibilität ist keine Krankheit, die geheilt werden muss. Auch nicht mit Psychopharmaka! Ganz im Gegenteil, geht doch die Hochsensibilität sehr häufig mit einer Hochbegabung und einem ausgeprägten Langzeitgedächtnis einher. Für viele wirkt die Erkenntnis, dass sie so sind, schon erleichternd und therapierend. Sie müssen sich nicht an spezielle Werte in der Gesellschaft anpassen. Sie sind aber auch nicht fremd in dieser Gesellschaft. Sie nehmen Stimmungen auf, die die Anderen gar nicht mitbekommen, sie begreifen die Realität etwas anders als die Anderen. Das heisst in den meisten Fällen, dass die Normalos nicht etwa einen nicht verstehen wollen – sie können es schlichtweg nicht, da sie anders empfinden und wahrnehmen! HS kann beides sein: Fluch oder auch Segen! Allerdings besteht die Gefahr, so betont zumindest die Stimmausdruckstherapeutin Marianne Schauwecker, dass HS auch im Zusammenhang mit Schizophrenie stehen könnte.

“Hochsensibilität ist zwar ein grundlegendes Wesensmerkmal, aber dennoch nur eine von zahlreichen maßgebenden Charaktereigenschaften, die die individuelle Persönlichkeit bilden.”
(Ulrike Hensel)

Lesetipp

- Die Berufung für Hochsensible: Die Gratwanderung zwischen Genialität und Zusammenbruch; L. Rohleder; 2015
- Schon immer anders: Hochsensible Leben; Matthias Wiese; CreateSpace Independent Publishing Platform 2014
- Hochsensibilität in der Liebe. Wie Ihre Empfindsamkeit die Partnerschaft bereichern kann; Elaine N. Aron; mvg München 2015
- Das Phänomen Hochsensitivität und der Zusammenhang mit AD(H)S: Eine kritische Reflexion; Birgit Trappmann-Korr; B.A. Arbeit
- Darf’s ein bisschen weniger sein?! Hochsensible Patienten in der Pflege; Alexander Weber; Grin-Verlag, München 2014
- Zart besaitet; Georg Parlow; FESTLAND Buch- u. Kunstverlag Peternell-Eder 2015
- Der sensible Mensch. Psychologie, Psychopathologie, Therapie; W. Klages; Enke Ferdinand Verlag, 1991
- Der N-Faktor: Hochsensitivität und Persönlichkeit; B. Trappmann-Korr; BOD

Links:

hsperson.com/
www.hochsensibel-test.de/
www.vseb.org/
www.hochsensibel.org
www.aurum-cordis.de/
www.zartbesaitet.net
www.philognosie.net
www.hochsensibilitaet.ch
www.ifhs.ch
www.hsp-kongress.ch
www.treffpunkt-hochsensibilität.de/
www.hsp-forum.ch
www.hochsensibilitätskongress2016.com
www.trappmann-korr.de
www.marianneschauwecker.ch
www.selbstsicherheit.ch

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Urlaub im Müll???

Mal ganz ehrlich: Wann haben Sie das letzte Mal im Supermarkt nachgedacht, ob Sie die Einkaufstüte auch wirklich benötigen? Oder noch schlimmer – die dünnen Kunststoffsäckchen beim Obst und Gemüse? Ich hatte einst eine Freundin, die bei jedem ihrer Einkäufe eine solche Plastik-Einkaufstasche dazu nahm. Die Dinger stapelten sich bei ihr, bis sie wieder einen Rappel bekam und sie in den Restmüll gab. Jegliches umweltschonende Zureden meinerseits scheiterten bereits im Ansatz – ich bekam – immer wenn ich dieses Thema ansprach – den Eindruck der Klagemauer: Du kannst reden so lange Du willst – Antwort oder Reaktion wirst Du keine bekommen. Dieselbe uebrigens war es auch, die immer wieder Kleinstportionen von Wurst in Kunststoff eingeschweisst aus dem SB-Kühler mit nach Hause schleppte. Im Vergleich dazu verwende ich bei Wocheneinkäufen Sporttaschen und Bananenschachteln bzw. für den kleinen Einkauf zwischendurch habe ich stets einen Rucksack im Auto verwahrt. Durch die Veröffentlichung einer Studie vor einigen Wochen fühle ich mich in meinem Tun mehr als bestätigt: Bis zum Jahr 2050 könnte es mehr Plastik als Fische in den Weltmeeren geben! Schon heute haben sich an manchen Stellen des Ozeans mehr Plastikteilchen als Plankton angesammelt, das übrigens selbst Nanoteilchen anreichert.
Pro Quadratkilometer Meeresfläche sind rund 46.000 Kunststoffpartikel in jeder Grösse vorhanden – ganze Müllteppiche können von der Raumstation ISS bei Ihrer Wanderung mit den Strömungen beobachtet werden. Im Nord-Pazifik schwimmt inzwischen der “Great Pacific Garbage Patch”, ein Müllstrudel, der mit 700.000 bis 15 Mio km² rund so gross ist wie ganz Europa (10,18 km²). Zerstückelter Abfall – 3/4 davon aus Kunststoff, der Jahrhunderte braucht, bis er auf natürliche Weise abgebaut worden ist. Weitere solcher Plastikinseln gibt es im Südpazifik, dem Nord- und Südatlantik sowie im Indischen Ozean. An den Küsten Vietnams und Kambodschas etwa blickt man bei ungünstigen Windverhältnissen tagelang auf eine Müllkippe, wo eigentlich das Meer sein sollte. Dass dies den Urlauber stören könnte – sei’s drum! Er verursacht ja schliesslich diese Müllberge selbst. All die Meeresbewohner, ob Fische oder Säuger wie Delphine oder Wale aber sind unschuldig. Für sie kann eine solche Begegnung mit dem Überbleibsel der Zivilisation tödlich enden. Schliesslich verstopfen kleinste Kunststoffpartikel die Atemwege oder verkleben die Kiemen. Fische halten kleinste Kunststoff-Teile für Plankton und futtern sie. Mikro-Partikel (rund 1 Mio pro km² im Nordpazifik) lagern sich im Fisch oder selbst den Muscheln an, die über einen Plankton-Filter verfügen, und gelangen dadurch in die Nahrungskette! Der Mensch isst somit seinen eigenen Müll – schön angerichtet auf dem Teller im Restaurant. Mahlzeit!
Ein paar Ingenieure haben sich nun an einen Tisch gesetzt um diesem selbstmörderischen Treiben entgegenzuwirken. Auf Papier entstand mit der SeaVax ein solarbetriebenes Schiff, das pro Jahr rund 22 Millionen Kilogramm des Plastikmülls aufsaugen könnte. Mehrere dieser Schiffe bräuchten bis zu zehn Jahre, um diese Müllinseln im Pazifik zu entfernen. Spezielle Sensoren sollen verhindern, dass auch Fische oder andere Meeres-Lebewesen aufgesogen werden. Einzig: Es fehlt am Geld! Auch andere Ideen scheitern am schnöden Mammon: So die Armada von Sieben, die den Müll sammeln, der entweder recyclet oder dierekt auf den Schiffen verbrannt werden soll. Oder die Mikroben, die Plastik zerfressen. Doch – was bleibt davon über und was geschieht, wenn diese Mikroben aufgrund das riesigen Nahrungsangebotes Überhand nehmen. Ja, es scheitert bereits schon bei den Fischern, die den Fehlfang aus Plastik wieder in’s Meer werfen, da die Entsorgung im Hafen Geld kostet.

https://www.youtube.com/watch?v=D41rO7mL6zM

Wie gelangt nun dermassen viel Müll in die Ozeane? Komplette Müllschiffe fahren weit genug hinaus um dort ihre gefährliche Ladung zu entleeren. Eigentlich verboten (MARPOL-Abkommen) – doch fühlt sich in internationalen Gewässern niemand wirklich dafür verantwortlich. Die Umweltorganisation Oceana rechnet vor: Stündlich gelangen rund 675 Tonnen Müll in die Meere. Jedes Jahr zirka 6,4 Mio Tonnen Plastik-Müll (Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP 2014). Das Meer wird dadurch zur übergrossen Kloake. Dabei macht der sichtbare Anteil nur rund 30 % aus – die restlichen 70 sinken auf den Meeresgrund. 15 % werden wieder an Land gespült. Würden die Strände im Indischen Ozean und dem Pazifik (etwa Kanapou Bay auf Hawaii) nicht regelmässig von besorgten Anrainern oder Aktivisten oder Gutmenschen gesäubert, würden auch diese innerhalb kürzester Zeit wie Müllhalden aussehen – wie bereits bei unbewohnten Inseln zu bewundern. In Hawaii wurde 2014 auch das erste künstliche Gestein entdeckt: “Plastiglomerat” – ein Gebilde aus geschmolzenem Plastik, Vulkangestein, Korallenfragmenten und Sand! So sind auch beispielsweise Ost- und Nordsee-Inseln wie Norderney oder die unbewohnte Insel Mellum vollgemüllt, obwohl dort die Schiffe nichts entladen dürf(t)en: Von Plastiktaschen über Feuerzeuge bis hin zu Einweg-Rasierern! Die Löffler etwa, die auf Mellum brüten, bauen ihre Nester inzwischen aus Kunststofftüten! Nicht selten verwechseln Tiere den Müll mit Futter und verenden jämmerlich daran. Eissturmvögel etwa. Als Hochsee-Vögel leben sie nur von dem, was sie auf offener See fressen können. Bei 93 % der gefundenen, toten Eissturmvögel wurde Plastik im Magen gefunden – pro Vogel rund 27 Partikel. Sie verhungern trotz eines vollen Magens oder krepieren elendig an Verstopfung. Oder die Lederschildkröte. Sie ernährt sich vornehmlich durch Quallen. Eine dahintreibende Einmal-Plastiktasche sieht für sie ihrem Futter zum Verwechseln ähnlich! Luftballon-Schnüre strangulieren Seevögel, Delphine oder Wale oder sie verfangen sich in Dosen-Six-Pack-Gittern. Eine Untersuchung von Greenpeace kommt zu dem Resultat, dass rund 8 % einer Robben- oder Seelöwen-Population unmittelbar durch den Müll verenden, weil sie sich unter Wasser etwa in Geisternetzen (herrenlosen Fischernetzen) verfangen und nicht mehr zum Luftholen an die Oberfläche kommen, sich selbst durch Schnüre und ähnlichem strangulieren, etc. Die Meldung jenes Zwergwales, der vor einigen Jahren an der schottischen Küste verendete ging um die Welt: In seinem Magen hatten sich 800 kg Plastik angesammelt!

„Jedes kleine Stück Kunststoff, das in den letzten 50 Jahren hergestellt wurde und ins Meer gelangte, ist dort immer noch irgendwo.“
(Tony Andrady, Chemiker)

Kunststoff (“Plastik”) wird vornehmlich durch Rohbenzin (Naphta), aber auch Kohle und Erdgas halbsynthetisch durch die Modifikation natürlicher Polymere hergestellt. Nicht zu verwechseln mit Gummi, der zumeist aus Kautschuk produziert wird. Durch Erhitzung trennt sich das Rohbenzin in Butylen, Propylen und Ethylen. Durch eine weitere chemische Behandlung bilden sich netzartige oder kettenfömirge Moleküle, die zu den unterschiedlichsten Kunststoffen weiterverarbeitet werden. Die Zugabe anderer Stoffe (“Additive”) ermöglicht die Herstellung von gewünschten Eigenschaften: Weichmacher, Stabilisatoren, Farben,…
Na ja, wird sich nun sicherlich der Eine oder Andere unter Ihnen denken: Wenn ich mich einschränke, bringt das nicht wirklich die grosse globale Lösung! Doch! Nach Angaben des deutschen Umwelt-Bundesamtes fielen in Deutschland alleine im Jahr 2013 nicht weniger als 17,1 Mio Tonnen an Verpackungsabfällen an – der bislang höchste Wert. 71,8 Prozent wurden durch den Recycling-Kreislauf wiederverwendet, 97,6 % somit auf diese oder andere Weise verwertet. Jeder Deutsche produziert pro Jahr nicht weniger als 611 kg Müll pro Jahr. Das Nachrichten-Magazin “Focus” titelte im Juli 2014 völlig zurecht mit “Müllrepublik Deutschland”. Im Alpenstaat Österreich waren es im selben Zeitraum 608 kg, in der Schweiz gar 674 kg. Sie sehen also: Eine direkte Korrelation zwischen Wohlstand und Müllaufkommen! Es sind die geänderten Konsumgewohnheiten der Menschen: Je besser es ihnen geht, desto höher der Konsum, desto grösser auch der Müllberg. Weitere Vergleiche? Schweden – 467 kg/Kopf, Polen 275 kg/Kopf! Primäres Ziel sollte somit sein, derartige Müllhaufen zu vermeiden. Und da zählt jeder Einzelne und jedes Kilogramm. Das Land Oberösterreich verteilt jährlich rund 20.000 Stofftaschen aus fairer Produktion. Das entlastet nicht nur die Umwelt, sondern auch die Geldtasche! Durch derartige wiederverwendbare Transportmittel kann sich ein Haushalt bis zu 50,- € pro Jahr einsparen. Nicht viel, allerdings lade ich gerne anstatt Einkaufstüten aus Plastik zu verwenden einmal im Jahr meine Frau auf ein romantisches Candle-Light-Dinner ein!

https://www.youtube.com/watch?v=Kd_QlauNmcw

Doch ist eines klar: Auch als perfekter und agribischer Mülltrenner wird mir das alles irgendwann zu bunt, wenn ich andere beobachte, die sich im wahrsten Sinne des Wortes einen Dreck darum scheren. Also müssen Dritte für sie den Müll trennen – und das ist wahrhaftig ein Millionengeschäft, für das wiederum alle aufkommen müssen. So werden in der EU rund 34 % des Müllaufkommens nach wie vor deponiert! Die vermeintlich günstigste Entsorgung! Werden allerdings die späteren Sanierungskosten dieser Deponien mit eingerechnet, so ist auch diese Lösung eine sündhaft teure. Ausserdem braucht die Zersetzung von Plastik zwischen 3-450 Jahre! 27 % werden recycelt. Betrachten wir uns etwa im Vergleich die PET-Flaschen etwas genauer. In Deutschland landen sie im Automaten und werden direkt dort gehäckselt! Der Einzelhandel verkauft das Granulat dann weiter an die Kunststoffindustrie. In Österreich müssen diese wertvollen Rohstoffe wieder mühsam aus dem nicht-verwertbaren Kunststoff oder gar Restmüll sortiert werden. 20 % des Abfalls werden in Energie umgewandelt – etwa in Verbrennungsanlagen oder durch andere Verfahren. 15 % werden kompostiert und 4 % verbrannt, ohne Energie daraus zu gewinnen. In Wien wurden Kunststoffe eigens gesammelt. Dadurch aber nahm der Brennwert des Restmülls immens ab. Also gab der Magistrat grünes Licht dafür, dass Kunststoffabfälle wieder zum Restmüll dazugegeben werden. Mir schaudert allerdings bei dem Gedanken, dass ich das unter Umständen wirklich gesunde Mineralwasser aus einer PET-Flasche trinke, die vielleicht aus Kunststoffflaschen aus dem Restmüll produziert wurde. Pfui deibel!!! Da finde ich das Pfandsystem in Deutschland als wesentlich hygienischer.
In Österreich werden jährlich rund 400 Millionen Plastiksackerln in Umlauf gebracht. EU-weit sind es rund 51 pro Einwohner! Sie werden meist nur einmal verwendet und landen schliesslich im Müll. Damit werden nicht etwa nur wertvolle Ressourcen verschwendet, sondern die CO2-Emission unnötig nach oben getrieben. Zum Vergleich: Für eine Tonne Kunststoff werden zwei Tonnen Rohöl gebraucht! Die EU hat nun vorgeschlagen, die sog. “Knotenbeutel” (dünne Einweg-Kunststoff-Tüten für beispielsweise Gemüse) aus den Supermärkten zu verbannen. Wie üblich in der Wirtschaft, gebe es genügend Alternativen, doch – so lange die günstigste Lösung nicht verboten wird – besteht kein Bedarf darin, innovativ oder nachhaltig zu agieren. Der Rewe-Konzern spart beispielsweise durch den Umstieg auf Plastiktaschen aus Altkunststoff alleine im Alpenstaat seit 2012 pro Jahr rund 700 Tonnen Kunststoff ein. Auch bei Verpackungen von Obst und Gemüse sowie Wurst ist bereits einiges umgesetzt worden. Trotzdem – bei einer vierköpfigen Familie brauchen Sie nicht 5 x 100 g jeweils in Kunststoff abgepackte Wurst, da bekommen Sie auch den Aufschnitt von der bedienten Wursttheke locker weg, der nur einmal verpackt werden muss!!!
Gänzlich wird wohl nie auf Verpackungen verzichtet werden können. Schliesslich stehen darauf wichtige Informationen über Inhalt, Ablaufdatum, Herkunft etc. und v.a. wird die Ware dadurch haltbar gemacht (Vakuumverpackung beispielsweise) oder gegen Transportschäden gesichert Allerdings sollten die Verbraucher bzw. Konsumenten soweit sensibilisiert werden, dass sie die nicht gebrauchten Verpackungen vorort abgeben. Erst dann werden sich auch die Handelsketten umstellen und ihre Zulieferer auf weniger oder wiederverwertbare Verpackung hindrängen. Hier einige Zahlen aus Deutschland – im Vergleich 1991 und 2013:

Verpackungen aus Papier, Pappe und Karton 5,395 / 7,839 Mio. Tonnen
Kunststoffverpackungen 1,628 / 2,873 Mio. t
Glasverpackungen 4,637 / 2,758 Mio. t.
(Quelle: Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung mbH)

Die Stadregierung von San Francisco ging da mit leuchtendem Beispiel voraus: Die Verwendung von Wasser-PET-Flaschen ist im gesamten Stadtgebiet verboten. Lobend muss auch die Schweiz hervorgehoben werden: Im Jahr 2012 beschloss der Schweizer Nationalrat ein Verbot der Wegwerf-Plastik-Beutel.
Der Mensch allerdings wäre nicht der Mensch, wenn er sich mit seinem Tun nicht unmittelbar selbst schädigen würde: Schiffsschrauben verfangen sich ebenso wie Fischernetze im Müll, Kühlwasserrohre von Kraftwerken oder Industriebetrieben werden regelmässig verstopft, einst wunderschöne Urlaubsstrände vereinsamen, da vermüllt!

https://www.youtube.com/watch?v=AqTzpRYF7D4

Doch – nicht nur die Verpackungen oder Einmal-Produkte (wie Plastikgeschirr) sind gefährlich. In der Kosmetik werden immer mehr Produkte mit sog. “Microbeads” eingesetzt. Mikro-Plastik-Partikel, die etwa für’s Peeling oder als Scheuermittel für unsere Beisserchen in Zahnpasten eingesetzt werden. Sie sind für das Klärwerk zu klein – werden in die Flüsse eingeleitet, dort bereits von Fischen gefressen bzw. gelangen in’s Meer. Oder das Waschen von Kunststoff-Bekleidung: Kleinste Kunstfasern gelangen bei jedem Waschvorgang von Fleece-Bekleidung (Polyester, Polyacryl) in’s Abwasser – bis zu 1.900 pro Wäsche. Die andere Möglichkeit der Müllverschmutzung: Überschwemmungen, Windverfrachtungen etc. holen den Müll direkt vor Ihrer Haustüre ab. Durch die Erosion werden die Partikel immer kleiner und gefährlicher.
Wie gesund etwa Weichmacher wie Bisphenol A (BPA), Pthalate oder Flammschutzmittel in Kunststoffen für den menschlichen Organismus sind, ist wieder ein komplett anderes Thema!

Tipps für Ihren nächsten Einkauf:
- Verwenden Sie das nächste Mal feinmaschige, wieder-verwendbare Beutel für Obst und Gemüse – anstelle der “Knotenbeutel”; dadurch benötigen Sie bis zu 1.000 Einmal-Plastik-Sackerln weniger
- Anstelle von Wasser in PET-Flaschen schmeckt sicherlich das Leitungswasser im Glas frischer und schont dabei die Umwelt; durch sog. “Sprudler” können Sie auch ihr eigenes Sodawasser herstellen
- Kaufen Sie möglichst Produkte, die mit wenig Plastik-Verpackungsmaterial auskommen
- Verzichten Sie auf den Kauf von Kosmetik-Artikel mit Microbeads (Mikroplastik-Partikel)
- Bitte entsorgen Sie Plastikmüll, den Sie auf der Strasse oder in der Wiese bzw. dem Wasser finden, damit dieser nicht vom Wind weitergetragen werden kann
- WICHTIG: Plastik oder Kunststoff gehört in die dafür vorgesehenen Kunststoff-Sammel-Tonnen

Filmtipps:

- Inseln aus Müll?
- Der Fluch der Meere – Plastik
- Plastic Planet
- TOXIC: Toxic Garbage Island I-III
- Plastic Soup
- Midway – Message from the Gyre
- Addicted to Plastic

Lesetipp:

.) Der Mensch und das Meer: Warum der größte Lebensraum der Erde in Gefahr ist; Callum Roberts; DVA, Stuttgart 2013

Links:

www.unep.org
www.wwf.de
www.oceancare.org
www.naturefund.org
www.greenpeace.org
www.scientificamerican.com
www.plasticdebris.org/
www.plasticpollutioncoalition.org
www.plastic-sea.com
www.birdlife.org
www.ospar.org
www.oceanconservancy.org
www.5gyres.org
www.saubere-meere.de
www.iucn.org
www.plastic-pollution.org
www.umweltbundesamt.de
bundesverband-meeresmuell.de
www.awi.de
www.ooe.gv.at
www.mellumrat.de/
www.take3.org.au
www.waterboards.ca.gov
theoceancleanup.com
www.avaaz.org/de

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Verfolgt, versklavt, vergewaltigt

Als ich vor kurzem in einem Radio-Interview von der Geschichte einer Frau erfuhr, die vom IS gefangen genommen und versklavt wurde, schauderte mir bei dem Gedanken: Missachtung der Menschenwürde, Gewalt an Frauen, nicht existierende Menschenrechte, Rückfall um Jahrhunderte in schaurige, längst vergangen geglaubte Zeiten! Sie wurde mehrfach verkauft, zwangsverheiratet und vergewaltigt. Längst kein Einzelfall: Im November letzten Jahres entdeckten kurdische Peschmerga-Truppen, die kurz zuvor die Stadt Sindschar zurückerobert hatten, ein Massengrab mit 78 Jesidinnen. Offenbar wurden sie hingerichtet.

https://www.youtube.com/watch?v=2Hf4eZalhXo

Auch die vorhin angesprochenen Frau ist Jesidin! Diese Frauen werden normalerweiser nach einem Geschlechtsakt mit einem Nicht-Jesiden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen – vollkommen gleichgültig, ob dieser gewollt oder erzwungen wurde. Erst vor kurzem hat der oberste geistliche und weltliche Führer, der Mīr von Schaichān, diesen religiösen Usus zeitlich begrenzt ausser Kraft gesetzt, da aufgrund der Verfolgung im Irak sehr viele jesidische Frauen dieser Art der IS-Gewalt zum Opfer fallen. Um dies alles verstehen zu können, möchte ich heute einen Ausflug in eine der wirklich alten Religionen dieser Welt machen – ein History-Stock-Blog sozusagen.
Die Jesiden (auch Eziden oder Yeziden) sind eine religiöse Minderheit, die eigentlich den Nordirak, Nordostsyrien und die Südost-Türkei besiedeln. Ethnisch gehören zu den Kurden, allerdings sind sie grundlegend eigenständig. Die meisten sprechen Kurmandschi, einige wenige arabisch. Jesid kann man nicht werden, man wird in die Gemeinschaft hinein geboren. Jesiden dürfen nur untereinander heiraten, ansonsten werden sie aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen (endogamisch). Den Ursprung der Religion sehen die Jesiden selbst im alt-persischen Mithras-Kult bzw. dem Kult der Meder. Die Religion beruht auf den Grundsätzen Melek Taus (des Engel “Pfau”), den Gott aus dem Licht erschuf, den Lehren von Scheich Adi Ibn Musafir und den sieben Mysterien. Scheich Adi Ibn Musafir lebte im 11. und 12. Jahrhundert. Er gilt als Mensch gewordene Verkörperung des Oberengels Pfau, obgleich er eigentlich ein orthodoxer Sunnit gewesen sein soll. Sein Grab im Lalisch-Tal/Irak nordöstlich der Stadt Mossul ist das oberste Heiligtum der Jesiden. Alljährlich findet ihm zu Ehren dort das Fest der Versammlung (“Jashne Jimaiye”) statt, zu dem Jesiden aus der ganzen Welt anreisen. Die Sieben Mysterien sind fünf Scheichs, die sich Musafir angeschlossen haben – sie werden durch Melek Taus ergänzt. Heilige Schriften wie die Bibel oder den Koran kennt die Glaubensgemeinschaft nicht – die Religion wird grossteils durch Lieder und Bräuche weitergegeben. Die beiden Bücher “Liteba Cilwe” (“Buch der Offenbarung”) und “Mishefa Reş” (“Schwarze Schrift”) wurden zwar von Nicht-Jesiden um 1911 bzw. 1913 veröffentlicht – beschreiben aber im Grossen und Ganzen die Glaubensgrundsätze der Religion. So soll der allmächtige Gott die Welt aus einer Perle erschaffen haben. Sieben Engel formten aus dieser die unzähligen Himmelskörper. Im “Schahid ben Dschar” streiten sich Adam und Eva darüber, wer wohl für die geborenen Kinder verantwortlicher sei. Als Test gibt jeder der beiden “Samen” (Schweiss, Blut, Speichel) in einen Tontopf. Nach neun Monaten nahmen sie den Deckel ab: In Evas Topf waren nur Würmer, während in Adams Topf ein Jüngling steckte: Der Schahid ben Dschar. Er wurde zum Urahn der Jesiden – alle anderen Menschen sind die Nachkommen von Adam und Eva. Dem Menschen hat Gott die Sinnesorgane und den Verstand geschenkt – damit ist dieser jedoch für all seine Taten selbst verantwortlich. Somit ist auch das Böse selbst menschlich, nicht göttlich!
Während all der Zeit beeinflussten durchaus auch Riten und Bräuche aus anderen Kulturen die Religion der Jesiden. So werden die Kinder getauft (Christentum), den Knaben werden im Alter von sieben oder neun Monaten die Haare geschnitten (zwei Locken bekommen die Eltern, eine der Scheich) – zudem werden sie beschnitten (Judentum). Ausserdem glauben die Jesiden an die Seelenwanderung und Wiedergeburt – in welcher Form ist vom vorhergehenden Lebenswandel abhängig (Hinduismus). Um dabei möglichst glaubensfromm zu bleiben, wird den Jugendlichen ein “Jenseitsbruder” bzw. eine “Jenseitsschwester” mit auf den Weg gegeben, der/die das ganze Leben begleiten soll. Zudem sollte jeder Jeside einmal im Leben die Wallfahrt nach Lalisch an das Grab von Scheich Adi Ibn Musafir mitgemacht haben (Islam). Dieses “Fest der Versammlung” dauert über eine ganze Woche, besteht aus mehreren Prozessionen und religiösen Riten und endet mit der Segnung einer Tragbahre, auf welcher damals der tote Scheich Musafir gelegen haben soll. Die Pilger nehmen schliesslich geweihte Erde aus Lalisch, die mit dem Wasser der Quelle Zemzem zu festen Kugeln geformt wird, mit nach Hause (“Heilige Steine”). Die ZemZem-Quelle entspringt übrigens in der Grabhöhle von Scheich Adi Ibn Musafir. Auch das erinnert sehr an die Pilgerreisen der Weltreligionen.
Wieviele Menschen den Jesiden angehören ist nicht geklärt. Weltweit wird deren Zahl auf rund 2-800.000 geschätzt. Die meisten davon lebten im Nordirak. Dort aber wurden sie von der Terrorgruppe Islamischer Staat verfolgt, versklavt und ermordet. Noch allzu frisch sind die unglaublichen Erinnerungen an die Massaker am Höhenzug des Dschabal Sindschar im Juli und August 2014.

https://www.youtube.com/watch?v=dr0vY8uYlpw

Der IS sieht in den Jesiden “Teufelsanbeter”. Grundlegend dafür verantwortlich ist die Verehrung des Engel Pfau als Stellvertreter Gottes – der Islam sieht in diesem Melek Taus den Teufel, wollte er doch selbst Gott werden und weigerte sich, vor Adam niederzuknien. Eine solche Verehrung geböte nur einem Gott. Dafür musste der Engel 40.000 Jahre lang in der Hölle büssen, wurde aber schliesslich von Gott begnadigt. Diese Teufelsanbetung erlaube somit die Versklavung der Betroffenen, wie sie auch von Graf Helmuth von Moltke in seinem Reisebericht über Kurdistan anno 1838 beschrieben wurde. Dort allerdings sprachen die Osmanen davon! Die Jesiden selbst allerdings lehnen die Existenz eines Teufels ab – schliesslich veranschauliche dies eine Schwäche Gottes. Aber auch das “Sich über die anderen Stellen” wird von radikalen bzw. konservativen Moslems nicht geduldet. Das finden wir auch in der römisch-katholischen Kirche (Absolutheitsanspruch) und dem Islam (Ungläubige). Hiergegen wird argumentiert, dass man kein Jesid sein muss um ein guter Mensch zu sein. Soweit zumindest die Aussage von Telim Tolan aus Oldenburg, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Jesiden in Deutschland. Deren Anzahl wird dort auf rund 60.000 geschätzt. Angehörige der jesidischen Glaubensgemeinschaft werden in Deutschland seit dem Beginn der 1990er Jahre als Gruppenflüchtlinge anerkannt. Tolan untermauert dies auch durch ein traditionelles jesidisches Gebet: “Lieber Gott, schütze erst die 72 Völker und dann uns”!

“Niemals darf Gewalt im Namen der Religion als Mittel gegen Andersdenkende eingesetzt werden oder dürfen andere Menschen getötet werden.”
(Mir Tahsin Saied Ali Beg)

Das weltliche und geistliche Oberhaupt ist seit 1944 Mir Tahsin Saied Ali Beg, der im Alter von elf Jahren das Amt von seinem Vater übernahm. Er residiert im Dorf Baadra. Ihm zur Seite steht das spirituelle Oberhaupt, der “Vater Scheich” (“Bābā Schaich”). Das Volk ist untergliedert in Sippen-Stämme, die jedoch untereinander heiraten dürfen. Sie alle praktizieren eigentlich eine tolerante und friedliche Religion. Eine, die nicht zu missionieren versucht, da man nicht einfach Jesid werden kann, wenn man will. Das ist durch die Geburt gottgewollt! Fragt man sich, weshalb ausgerechnet dieses Volk dermassen leiden muss!
Wie der “Ehrenmord von Detmold” an der 18-jährigen Arzu Özmen in diesem Zusammenhang zu verstehen ist? Sie verliebte sich in ihren Arbeitskollegen und zog zu ihm. Am 01. November 2011 wurde sie im Beisein zweier weiterer Geschwister in einem Wald von einem ihrer Brüder mit mehreren Schüssen ermordet. Im Sinne der Religion gar nicht, betont der Zentralrat des Jesiden in Deutschland, der sich von dieser Tat distanziert hat (“Mord ist Mord!”)! Toleranz und Achtung anderer Menschen, deren Meinungen und Religionen seien die höchsten Werte der jesidischen Religion! Auch wenn es für die Familie sehr bitter sein muss, die jesidische Linie über ihre Tochter dadurch nicht fortsetzen zu können, da Arzu ohnedies aus der Religionsgemeinschaft ausgeschlossen worden wäre. Derartige Ehrenmorde (aber auch Zwangshochzeiten) kennen wir vornehmlich aus dem Islam. Jesiden aber sind keine Moslems! Hier entspreche ich der Meinung des SPD-Landesvorsitzenden Baden Württembergs, Nils Schmid, der selbst mit einer Muslimin verheiratet ist: In Europa gilt Demokratie und Recht vor Religion. Das musste auch die christliche Religion zur Kenntnis nehmen! Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir, betonte in einem Interview (allerdings in einem anderen Zusammenhang), dass den Flüchtlingen beigebracht werden muss, dass sie sich in einem Land mit Grundgesetz befinden!

Ansonsten, werte Leser dieser Zeilen, ansonsten wären alle Kämpfe für Freiheit und Demokratie, alle Entwicklungen, die es in insgesamt über hundert Jahren Krieg in Europa gegeben hat, umsonst gewesen. Menschen, die sich für die freie Meinung, für Menschenrechte und für die Gleichberechtigung der Frauen, den Minderheiten und die Werte unserer Gesellschaft eingesetzt haben, umsonst gestorben.

Lesetipps:

.) Das Yezidentum – Religion und Leben; Telim Tolan/Chaukeddin Issa; Verlag Dene Ezidiyan, Oldenburg 2007
.) Die Kinder des Engel Pfau. Religion und Geschichte der kurdischen Yezidi; Johannes Düchting, Nuh Ates; Komkar, Köln 2004
.) Yezidism in Europe. Different Generations Speak About Their Religion (Göttinger Orientforschungen: Iranica. Band 5); Philip G. Kreyenbroek u. a.; Wiesbaden 2009
.) The Yezidis. The History of Community, Culture and Religion; Birgül Açıkyıldız; Tauris, London 2010

Links:

www.yeziden.de
www.ezidak.de
www.gea-ev.net/
www.ezidische-gemeinde.de
www.gfbv.de/
www

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