Archive for April, 2016

Die Gemeinschaft ist alles

Als wir damals am Gymnasium den Physiklehrer in ein Experiment vertieften, damit inzwischen die Fragen für die Chemie-Prüfung kopiert werden konnten, so geschah dies eindeutig “zum Gemeinwohl”, also zum Wohle aller: Der Prüflinge (gute Noten), des Lehrers (den Stoff gut vermittelt) und natürlich der Schule (ausgezeichnete Quote)!
Gemeinwohl – ein Wort, das lange Zeit in Vergessenheit geriet, seit kurzem hingegen ausgerechnet in der Wirtschaft für ein spektakuläres Auferstehen sorgt.
Unter Gemeinwohl versteht man den gemeinen Nutzen, das gemeine Beste. V.a. die Politik verwendet immer wieder das Wort, auch wenn darunter meist nur das Wohl der Partei, weniger jenes der zu Vertretenden verstanden wird. Im Eigentlichen wird damit vornehmlich die politische Gerechtigkeit bezeichnet – aktuell ist das Gemeinwohl jedoch der Staat! Paradoxerweise könnte man es deshalb so formulieren: Je höher die Steuern, desto besser geht es dem Staat, umso grösser ist der Effekt auf das Gemeinwohl. Obwohl das Volk darunter zu leiden hat – und so manches Mehr an Steuern nicht in den Staatssäckel sondern den Geldsäckel der Volksvertreter geflossen ist. Ergo: Stimmt also nicht ganz!

Gemeinwohl ist eine “…politisch-soziologische Bezeichnung für das Gemein- oder Gesamtinteresse einer Gesellschaft, das oft als Gegensatz zum Individual- oder Gruppeninteresse gesetzt wird.”
(Dt. Bundeszentrale für politische Bildung bpb)

Ziel ist alsdann, das grösstmögliche Glück für die grösstmögliche Anzahl von Menschen zu erreichen.
Dies setzt sich auch in der Gemeinwohl-Ökonomie fort – sie fordert einen neuen ethischen Ansatz in der Wirtschaft: Im Mittelpunkt steht nicht die Vermehrung von Kapital, sondern das bessere Leben für alle, der gesellschaftliche Wert (“Public Value”). Über die sog. “Gemeinwohl-Matrix” wird dieser Grundgedanke bei der tagtäglichen Arbeit unter der Einbeziehung der Menschenwürde, Menschenrechte und der ökologischen Verantwortung bewertet. Dadurch erhalten die positiven Unternehmenspratiken Plus-, die negativen hingegen Minus-Punkte. Bei Verstössen gegen gesetzliche Vorgaben bzw. Normen werden Punkte abgezogen. Auch feindliche Übernahmen werden mit Abzügen “bestraft”. Insgesamt kann ein Unternehmen bis zu 1.000 Punkte in der abschliuessenden “Gemeinwohl-Bilanz” erzielen. Die Qualitätssicherung erfolgt über die Peer-Evaluierung. Daberi werden die einzelnen Indikatoren in Kleingruppen mit anderen Unternehmern jeweils einzeln besprochen. Über mehrere Wochen hinweg bleiben diese Gruppen-Mitglieder in Kontakt, bis schliesslich ein Bericht erstellt wird. Zuerst wird dieser Bericht von jedem Einzelnen selbst bewertet, dann von den anderen Gruppenmitgliedern. Abschliessend auch durch eine GWO-Organisation, die zudem den Vergleich mit den jeweiligen GWO-Bilanzen herstellt. Zuletzt erfolgt ein externes Audit. Der Zertifikat gilt für zwei Jahre.

“Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie ist es Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie demokratische Mitbestimmung & Transparenz zur Grundlage wirtschaftlichen Handels zu machen.”
(Gemeinwohl-Gruppe Berlin-Brandenburg)

Simpel dargebracht, sollen erzielte Gewinne nicht auf das Off Shore-Konto eines externen Investors in Panama fliessen, sondern allen Angestellten in Form eines höheren Einkommens bzw. der Alterssicherung zugute kommen. Dazu bedarf es einer peniblen Überprüfung der Bilanz und des Umsetzungsberichtes sowie deren Veröffentlichung, um somit alles möglichst transparent zu halten. Dies war früher etwa mit Fair Trade-Unternehmen der Fall. Seitdem jedoch dieses System verkommerzialisiert wurde (in einem Fair Trade-Produkt müssen nurmehr 20 % Fair Trade enthalten sein), ist das hier mit dem Gemeinwohl ja wohl eher Augenauswischerei! Können doch auch in Fair Trade-Produkten inzwischen Arbeitssklaverei und Kinderausbeutung stecken. Gemeinwohl-Unternehmen haben mehrere Vorteile, die sich ihnen auftun: Bewusstere Konsumenten und Geldgeber, aber auch steuerliche Vorteile, Vorzüge bei Krediten und bei der Vergabe öffentlicher Aufträge.
Die Gemeinwohl-Ökonomie besagt nicht, dass es zu keinerlei Gehaltsunterschieden in Betrieben kommen darf. Sie fordert vielmehr, dass ein bestimmtes Grundgehalt besteht, das nach oben hin beispielsweise beim Zehnfachen des durchschnittlichen Gehaltes gedeckelt ist. Damit kommt es nicht zu Gehaltsperversionen, im Rahmen derer Manager horrende Summen abkassieren, obwohl dreiviertel der Angestellten vom Mindestlohn leben müssen.
Wissenschaftlich gesehen baut das managementorientierte Gemeinwohl auf Epstein’s “Cognitive-Experiential Self Theory” auf: Das Gemeinwohl definiert sich hierbei aufgrund der Werte und Normen einer Gesellschaft. Dadurch, dass sich jede einzelne Person mit dieser Gesellschaft aktiv auseinandersetzt, wird aus ihr ein sozialer Bestandteil derselben. D.h. die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen werden mit jenen des Kollektivs verbunden.

https://www.youtube.com/watch?v=RnZifsIPviY

Viele unter Ihnen werden nun sagen, dass wir das alles schon mal hatten! Stimmt, es ist der gute Ansatz des Marx’schen Sozialismuses bzw. des leninistischen Kommunismuses.
Hier entstand offiziell das Gemeinwohl durch die “solidarische Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit”, was den Klassenkampf und die Streichung des privaten Eigentums zur Folge hatte. Doch war dies in der Praxis nichts anderes als der pure Kapitalismus, gewürzt mit enormem politischen Druck. Auch heute noch wird das Volk in Nordkorea, China und Russland ausgeblutet, damit es einer kleinen Schicht jener, die an den Hebeln der Macht sitzen, gut geht (siehe Blog zu den reichsten Chinesen bzw. Putin’s Panama-Konten). Welcher Schwerindustrie-Arbeiter aus Wolgograd, Lipetsk oder Murom nennt wohl eine Datscha die Seine, wie es viele Genossen mit Parteibuch können. Selbiges auch in der Kirche – v.a. der katholischen Kirche, die das Gemeinwohl sogar in ihrer Rechtsphilosophie (katholische Soziallehre) eingebaut hat. Bis zur Gründung der Caritas oder ähnlicher Einrichtungen jedoch lebte die Kurie ausgezeichnet von dem, was die grossteils armen Menschen etwa in Form des Ablasses einzahlen mussten. Nicht umsonst entstand in früheren Zeiten die Bezeichnung des “Kirchenfürsten”! Inzwischen wurde das Gemeinwohl zu einer Art “Dienstwert”, wie es der Jesuit Oswald von Nell-Breuning auszudrücken pflegte. Also ein gemeinschaftliches Gut, das über den Interessen und den sozialen Gegensätzen aller steht. In beiden Bewegungen fehlte die externe Kontrolle. Aufgrund der selbstauferlegten strengen Richtlinien und Transparenz ist dies in der Gemeinwohl-Ökonomie auszuschliessen. Gemeinwohl ist also im Sinne dieser ökonomischen Strömung die stete Willensbildung durch die “Überprüfung des Bestehenden und der Entfaltung von Neuem”. Im Gemeinwohl-Atlas kann sich jeder selbst ein Bild verschaffen, welche Unternehmen gemeinwohlorientiert am Markt vertreten sind!

http://www.gemeinwohlatlas.de/

Selbiges natürlich auch in der Schweiz:

http://www.gemeinwohl.ch

Nur für Österreich wurde der Schreiberling dieser Zeilen leider nicht fündig. Gibt es im Alpenstaat, im Land der Familienbetriebe etwa zu wenig gemeinwohl-orientierte Unternehmen?
Die finanziell-ökonomische Wertschöpfung ist nur ein Teil des Gemeinwohl-Beitrages eines Unternehmens. Viele Experten vertreten die Meinung, dass jeder Betrieb auch einen moralisch-ethischen, einen politisch-sozialen bzw. auch einen hedonistisch-ästhetischen Gemeinwohl-Beitrag zu leisten hat. Bei anderen hingegen zählt dies zur gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmers. Beschäftigt etwa ein Schlachthaus Akkord-Schlächter oder eine Zimmerei Mindestlöhner aus Ungarn, so können möglicherweise zwar durchaus günstige Angebote erstellt werden, doch konzentriert sich der Beitrag für’s Gemeinwohl auf die Steuern, die allerdings bei der Bezahlung über ein ungarisches Subunternehmen im Staate des Paprikas und des Gulaschs zu entrichten sind. Bei der Anstellung von heimischen Arbeitern würden die Abgaben höher ausfallen und damit der Nachhaltigkeitseffekt grösser sein, da ja auch die Wertschöpfung im Lande bleibt. Ein süditalienischer Wandermaurer meinte einst mir gegenüber, dass er 25 Jahre hart arbeitet (mit Übernachten im Schlafsack auf der Baustelle), dafür zieht er sich danach in sein Haus am Meer zurück.
Aristoteles sprach in der griechischen Antike bereits davon, dass der Bürger nur dann Glück erreicht, wenn er sich für das Allgemeine engagiert. Jean-Jacques Rousseau packte es in seinem “Gesellschaftsvertrag” (Buch 2, Kapitel 3 “Kann der Gemeinwille irren?”) von einer anderen Seite an: Bestünde unter allen Bürgern keinerlei Verbindung untereinander, so würde aufgrund der vielen kleinen Unterschiede stets der Gemeinwille (“Volonte générale”) mit einer guten Entscheidung hervorgehen. Na ja – meist sehr kräftezehrend, eine solche Basisdemokratie!
Im deutschen Grundgesetz steht das Gemeinwohl gar noch über dem Eigentumsrecht:

“Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen!” (GG Art. 14 Abs. 2)

Im September 2015 haben 86 % der Mitglieder des Wirtschafts- und Sozialausschuss er EU in einer Stellungnahme eine Empfehlung der Gemeinwohl-Ökonomie im Bereich der öffentlichen Verwaltungen der Europäischen Union selbst, aber auch der nationalen Verwaltungen ausgesprochen. Dieses sieht einerseits vor, dass Investitionspläne auf ihre Wirkung zum Gemeinwohl überprüft, aber auch jene Betriebe empfohlen werden sollen, die eine Gemeinwohl-Bilanz vorlegen. Die Vorarbeit dazu lieferte der Verwaltungswissenschafter Mark Moore von der Harvard University ab. Schliesslich ist die öffentliche Verwaltung zu einem Grossteil an Public Value interessiert – oder sollte es zumindest sein. Der Freistaat Bayern hat dies gar in seiner Landesverfassung niedergeschrieben, neben dem Art 3 etwa auch hier, obwohl viele der auf sich selbst bedachten Menschen in der Politik und Verwaltung davon keine Ahnung haben:

“Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesonders der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.” (Artikel 151. (1))

Als Christian Felber vor rund fünf Jahren die Gemeinwohl-Ökonomie begründete, konnte er eine derartige Erfolgsgeschichte wohl nicht erahnen: Die europäische, ethische Marktwirtschaft als Fortentwicklunbg der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

“Menschenrechte und –würde sowie ökologische Verantwortung sollen auch in der Wirtschaftsweise umgesetzt werden.”
(Christian Felber)

Viele öffentliche Verwaltungen haben sich inzwischen die Gemeinwohl-Ökonomie zu Herzen genommen und vergeben gestaffelte Steuervorteile aufgrund der erreichten Punkte in der Gemeinwohl-Bilanz (Ökologie, Nachhaltigkeit, Fairness,…). Diese Betriebe sind für die heimische Gesellschaft um ein Vielfaches wertvoller, als jene, die in Fernost-Asien produzieren lassen und die Gewinne auf die Caymans verschieben. Unternehmen wie die bayerische Sparda-Bank, der Textilproduzent Vaude oder auch der Gewürzhersteller Sonnentor, die schweizerischen Einzelhandelsketten Migros und Coop arbeiten inzwischen an ihrer Gemeinwohl-Bilanz. Viele übrigens unter der Bezeichnung “Corporate social responsibility”.Europaweit sind es über 2.000 Unternehmen, tausende Privatpersonen, hunderte Vereine und viele Entscheidungsträger aus der Politik (etwa die Grüne Wirtschaft in Österreich).
Als sehr gut auf dem richtigen Weg unterwegs erweist sich inzwischen die österreichische “Bank für Gemeinwohl”. Bei dieser wird das Kapital durch die Genossenschafts-Mitglieder gestellt, Kredite werden nicht gewinn- sondern vielmehr gemeinwohl-orientiert vergeben. Soll heissen: Je grösser der Nutzen für die Allgemeinheit, desto sicherer ist die Kreditzusage. Die erste österreichische Alternarivbank besinnt sich somit wieder zurück auf den Ursprung der Bank-Idee, wie es damals bei etwa der Sparkasse der Fall war. Inzwischen aber arbeiten alle Banken nurmehr auf ein Ziel hin: Den grösstmöglichen Gewinn! Bei der Bank für Gemeinwohl geht – mit Ausnahme eines kleinen Kernteams – so mancher Experte oder Manager einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach. Im kommenden Jahr sollen Girokontos eingerichtet und Crowdfunding-Plattformen für gemeinwohl-überprüfte Projekte gegründet werden. Das Stammkapital von 15 Mio € wird durch rund 40.000 Genossenschaftsmitglieder getragen. Unter ihnen etwa auch solch prominente Namen wie Toni Innauer, Thomas Maurer oder auch Leo Hillinger..

“Ziel ist Maximieren des Gemeinwohl, nicht des Gewinns. Die Bank wird nicht spekulativ agieren und Geld aus Geld schöpfen, abgekoppelt von der Realwirtschaft, sondern der Gesellschaft dienen.”
(mitgruenden.at)

Die Bank wird sich künftig v.a. in den nachhaltigen Bereichen einsetzen: Ökologie, Biolebensmittel, Bildung, Soziales, erneuerbare Energien,… Wie bei anderen Ethikbanken auch, werden dabei die Sparer dazu “eingeladen”, auf ihre Zinsen zu verzichten (kein Kunststück bei der derzeitigen Zinspolitik der EZB).

“Immer größere Teile unserer Gesellschaft vergessen, dass materieller Wohlstand nur durch produktive Investitionen in die Realwirtschaft erreicht werden kann. Das zu unterstützen wäre die eigentliche Aufgabe des Bankensystems. Das heutige Finanzwirtschaftssystem aber unterstützt in immer höherem Maße nur die Umverteilung von Gütern und immer weniger die Schaffung von Realgütern. Die Bank für Gemeinwohl ist ein erster richtiger Schritt, diesen Trend umzukehren.”

(Der ehemalige Direktor der Stadtwerke Linz, Erhard Glötzl, auf mitgruenden.at)

Vielen spricht die Gemeinwohl-Ökonomie aus dem Herzen, wie auch eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahre 2010 nachweist, wonach sich 90 % der Befragten eine ethischere Wirtschaftsförderung wünschen. Und dies bereits vor den Steuerskandalen und den Panama-Papers. Auch vor TTIP! Die GWO sieht in diesem Handels- und Investitionsabkommen zwischen der EU und den USA eine Gefahr für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Schliesslich steht es im Rahmen dieser Vereinbarung etwa den Genmais-Befürwortern frei, die Zulassung ihrer Produkte in Europa einzuklagen, was jedoch nicht vor den heimischen Gerichten sondern von eigenen Entscheidungsgremien beurteilt wird. Im Gegenzug befürchten die USA, dass die europäischen Grossbrauereien gegen das Alkoholverbot unter 21 Jahren klagen werden.
Fairerweise muss soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Gemeinwohl-Ökonomie nicht nur Anhänger hat. Als sie etwa in Österreich in zwei Schulbüchern ersichienen ist, haben sich 134 Ökonominnen und ihre männliche Kollegen zusammengetan und in einer Petition die Einziehung der Bücher gefordert. Es ist die Rede von nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert, der rosaroten Brille, ja bis hin zur Planwirtschaft. Klar – sollte die Gemeinwohl-Ökonomie funktionieren, hätten wohl viele Ökonomen ihr bisheriges Betätigungsfeld verloren!
Das Gemeinwohl ist sicherlich am besten in Vereinen, Verbänden und Genossenschaften vertreten, die nicht gewinnorientiert geführt sind. Jeder, egal welchen sozialen Status er inne hat, besitzt eine Stimme. Geht es allen Mitgliedern gut, geht es auch dem Verein gut.
Abschliessen möchte ich diese heutigen Zeilen mit einem Zitat der Mathematikers und Physikers Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz:

“Es ist eine meiner Überzeugungen, daß man für das Gemeinwohl arbeiten muß und daß man sich im selben Maße, indem man dazu beigetragen hat, glücklich fühlen wird.”

Lesetipps:

.) Gemeinwohl-Ökonomie; Felber, Christian; Paul Zsolnay Verlag Wien 2014
.) Gemeinwohl und Gemeinsinn. Historische Semantiken politischer Leitbegriffe. Band I; Herfried Münkler, Harald Bluhm (Hrsg.); 2001
.) Gemeinwohl – auf der Suche nach Substanz; Gunnar Folke Schuppert, Friedhelm Neidhardt (Hrsg.); Edition Sigma, Berlin 2002
.) Recognizing Public Value. Cambridge; Marc Moore; Harvard University Press 2008.
.) Gesellschaft, Gemeinschaft, Gemeinwohl; Walter Lesch; Oswald-von-Nell-Breuning-Institut, Frankfurt/Main 1993

Links:

http://www.gwoe-steiermark.at

https://www.mitgruenden.at/

https://www.ecogood.org/

http://berlin.gwoe.net/

http://hamburg.gwoe.net/

http://hannover.gwoe.net

http://www.gemeinwohlatlas.de

http://www.gemeinwohl.ch

http://www.bpb.de

http://www.ethikbank.de/

http://www.welcker-online.de

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Die Erde bebt

Eigentlich wollte ich in dieser Woche meinen Tintenkleckser zu einem komplett anderen Thema kreisen lassen. Doch machen es die letzten tragischen Ereignisse erforderlich, etwas Licht in die Erdbebenproblematik zu bringen, da wirklich sehr viele unheimlich wenig über Erdbeben wissen. . Schliesslich kann in unserern, vermeintlich sicheren Breitengraden ein stärkeres Beben nicht ausgeschlossen werden. Auch durch Europa verlaufen einige durchaus ernstzunehmende Erdbebenlinien, die gottlob nur alle hunderte Jahre zu stärkeren Erdbewegungen führen. Aufgrund der hohen Ballungsdichte auf dem Kontinent, können aber auch schon schwächere Vorkommnisse eine durchaus verheerende Wirkung zeigen. Durch Erdbeben kamen in diesem und im vorhergehenden Jahrhundert weltweit über 2 Mio Menschen um’s Leben. Doch dazu etwas später mehr!

https://www.youtube.com/watch?v=ow0eDTC_uuQ

(Fukushima 2013)

Japan ist derzeit im Schockzustand. Am 14. April erschütterte ein Beben mit der Stärke 6,5 die Insel Kyushu im Südwesten des Landes. Mindestens 9 Menschen kamen um’s Leben, hunderte wurden verletzt. Hundertausende waren ohne Strom und Wasser. Wie sich jedoch zwei Tage später herausstellen sollte, war dies nur ein Vorbeben vor dem eigentlichen, dem grossen. In der Nacht auf den darauffolgenden Samstag bebte die Erde erneut. Dieses Mal mit einer Magnitude von 7,3. Mindestens 32 Personen wurden getötet, tausende verletzt, 184 davon schwer. Beide Epizentren lagen ungewöhnlich nahe beieinander, rund 10 km unter der Erdoberfläche. Erdbeben sind in Japan nichts aussergewöhnliches. Im Durchschnitt gibt es dort 73 Ereignisse monatlich mit einer Magnitude von 4 oder höher. Die Einwohner sind das Leben mit der sich bewegenden Erde inzwischen gewohnt – v.a. Hochhäuser werden beispielsweise auf Dampfungsvorrichtungen erbaut. Trotzdem sollte keine dieser Naturgewalten auf die leichte Schulter genommen werden, da die letzten wirklich grossen Beben noch gar nicht allzu lange her sind: Am 11. März 2011 beispielsweise das Tōhoku-Beben (9,0 nach Richter) mit über 18.000 Totesopfern oder am 26. Oktober 2013 das Fukushima-Beben (9,0 nach Richter), das einen Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushime auslöste.
Japan liegt auf dem sog. “Pazifischen Feuerring”. Nachdem ich schon mal über ihn berichtet habe, nur ganz kurz zur Erinnerung: Ein U-förmiger Ring mit einer Länge von rund 40.000 Kilometern. Er reicht von der Südspitze Südamerikas, über die Anden, dem Westrand Mittel- und Nordamaerikas, den Aleuten, Kamtschatka, den Kurilen, dem Marianengraben, den Philippinen, den Salomonen bis zur Nordinsel Neuseelands. In diesem Bereich liegen nicht weniger als 450 aktive Vulkane, hier finden auch die meisten Erdbeben statt. In diesen Bereichen tauchen die tektonischen Platten mit ozeanischer Kruste unter andere mit ebenfalls ozeanischer oder kontinentaler Kruste ab. Der Druck und die Hitze führen zu Vulkanausbrüchen, die Spannungen zu Erdbeben.

https://www.youtube.com/watch?v=ga55cv82N48

An diesem pazifischen Feuerring liegt auch der Staat Ecaudor. Vor dessen Westküste, etwa 173 km von der Hauptstadt Quito entfernt, bebte am Samstag abend in rund 20 km Tiefe die Erde mit einer Stärke von 7,8 – das schwerste Erdbeben des Landes seit 1979. Mindestens 570 Personen kamen um’s Leben, tausende wurden teils schwer verletzt. Viele Gebäude stürzten ein, grosse Landesteile waren ohne Strom und Wasser. Die Kosten für den Wiederaubau werden auf zirka 3 Milliarden US-Dollar geschätzt. Gottlob konnte eine Tsunami-Warnung entlang der Küste wieder aufgehoben werden.

http://www.volcanodiscovery.com/de/erdbeben/heute.html

Die Stärke eines Bebens übrigens wird durch die Richterskala definiert, der höchste Ausschlag im Seismogramm (Amplitude) wird unter Einbeziehung der Entfernung zum Epizentrum als “Magnitude” bezeichnet. In der Richterskala bedeutet der nächsthöhere Wert ein zehnfach starkeres Ereignis. So ist etwa Richterskala 5 zehnmal so stark wie Richterskala 4! Ab Richter 5 muss zudem mit Schäden gerechnet werden – ab hier wird’s somit gefährlich.
Der Experte versteht unter einem Erdbeben eine Masseverschiebung infolge unterschiedlichster Verschiebungen an Bruchfugen der Lithosphäre, also der Erdkruste und der äusseren Schicht des Erdmantels. Insgesamt gibt es sieben grosse Platten und mehrere kleinere Bruckstücke. Diese Platten driften, d.h. sie bewegen sich pro Jahr um mehrere Milli- bzw. Zentimeter. Verantwortlich dafür sind die sog. “Konvektionsströme”, also die Strömungen im Erdmantel. Wo nun zwei oder mehrere dieser Platten aufeinanderstossen, dort entstehen nach den Erkenntnissen des deutschen Klimatologen und Polarforschers Alfred Wegener (1915) Erdbeben, Vulkane, Gebirge und Tiefseegräben. Die ozeanischen Platten sind schwerer, sie üben deshalb auch mehr Druck auf die Kontinentalplatten aus. Beispielsweise schiebt sich bei der San-Andreas-Verwerfung bei Kalifornien die pazifische Platte an der nordamerikanischen Platte vorbei. Deshalb kommt es in diesem Bereich zu vielen, recht starken Beben. Sinkt die schwerere ozeanische Platte unter die leichtere Kontinentalplatte (Subduktion), so entsteht neben dem Beben auch ein Tsunami. Fukushima etwa. Treffen zwei Kontinental-Platten aufeinander, faltet sich ein Gebirge auf – so etwa bei der indischen mit der eurasischen Platte. Der Himalaya wächst nach wie vor. Gilt auch für die Alpen, da die afrikanische Platte weiterhin gegen die eurasische schiebt. Bei zwei ozeanischen Platten entstehen Inselbögen (etwa die Aleuten). Entfernen sich die Platten voneinander, tritt Magma aus. Die Geburtsstunde eines Vulkans! Apropos – auch Vulkane oder etwa der Einsturz unterirdischer Hohlräume können zu Beben führen. Von Menschenhand ausgelöste Beben gibt es meist durch Sprengungen. Natürliche Ereignisse treten häufig mit Vor- und Nachbeben auf. Ziehen sich diese über längere Zeiträume hinweg, so nennt sich das “Schwarmbeben”. Auch wenn sich die stärksten Beben seit 1900 allesamt im Bereich des Feuerrings ereigneten, bewegt sich auch bei uns ständig die Erde – etwa im Vogtland oder im Bereich des Hochstaufens, des Rheintalgrabens oder entlang der Alpen. Pro Jahr werden durch seismische Messgeräte hierzulande im Schnitt 200 Beben gemessen – die meisten werden vom Menschen nicht wahrgenommen, da sie unter der Schwelle von 2,0 liegen!
Ich selbst habe bislang zwei stärkere Beben mitgemacht: Als kleines Kind in Vorarlberg und später im Stubai in Tirol. Zweiteres hatte das Epizentrum in Südtirol – es war dermassen stark, dass Bücher aus den Regalen fielen. Zu Beginn hörte es sich an, als ob eine Strassenwalze auf der vor dem Haus vorbeiführenden Strasse fuhr. Im dritten Stock weiss man allerdings nicht wirklich, was zu tun ist. Flucht? Bei einem starken Beben hätte es uns dann im Stiegenhaus erwischt. Das Nachbeben kam recht rasch. Dann störte nurmehr der Lärm des notlandenden Notarzthubschraubers die Stille. In einem der benachbarten Hotels hatte einer der Gäste einen Herzinfarkt bekommen. Klar – im Vergleich zu den oben beschriebenen Beben ein Klacks. Trotzdem: Im Bauch extremer als die Fahrt auf einer Achterbahn.

https://www.zamg.ac.at/cms/de/geophysik/erdbeben/aktuelle-erdbeben/bebenmeldung

Dass starke Beben auch in unseren Breitengraden nicht ausgeschlossen werden können, zeigte einige Jahre später eine grossangelegte Katastrophenübung in Bayern, Tirol, der Schweiz und Baden Württemberg. Auch schliesst ein Seismologe für die österreichische Bundeshauptstadt Wien ein Beben mit grösserer Intensität inzwischen nicht mehr aus. Dort fand mit dem “Neulengbacher Erdbeben” am 15. September 1590 das bislang schwerste Beben statt. Das letzte mit einer Epizentralintensität von 8 war ebenfalls im Wiener Becken zu spüren – am 8. Oktober 1927 in Schwadorf. Das letzte in dieser Region stärker spürbare Ereignis geschah am 16. April 1972 (Epizentrum in Seebenstein/NÖ). Unter dem Wiener Becken befinden sich mehrere Bruchlinien und Störungssysteme, die nach Berechnungen des Seismologen Kurt Decker für ein Beben mit der Stärke von 7,3 wie am 12. Januar 2010 auf Haiti ausreichen würden. Die Hauptbruchlinie erstreckt sich vom Semmering, über Marchegg, den Kleinen Karpaten bis nach Dobra Voda in der Slowakei. Zahlreiche Seitenlinien, wie etwa der Markgrafneusiedler Bruch im Weinviertel/NÖ oder der Leopoldsdorfer Bruch zweigen davon ab. Die Hauptlinie bewegt sich um ca. 1 Milimeter pro Jahr.

http://www.zamg.ac.at/cms/de/images/geophysik/erdbebendienst/erdbebenzonen-der-baunorm-oenorm-en-1998-1/image_view_fullscreen

In Deutschland ist die Lage etwas prekärer:

https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/download/geologie/Erdbebenzonenkarte.jpg

Hier treffen wir auf gleich mehrere grössere Zonen: Nördlicher Alpenrand (Bayern), der Oberrheintalgraben, das mittlere Rheintal, die niederrheinische Bucht sowie der Kreuzungsbereich der Fränkischen Linie mit dem Egertalgraben. Auch die Schwäbische Alp und das vorhin bereits angesprochene Vogtland sollten nicht unerwähnt bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass es v.a. im Rheintalgraben zu einer stärkeren Erschütterung kommen wird, ist nach Angaben der Experten vom Geoforschungszentrum in Potsdam recht hoch. Immer wieder werden hier leichtere Beben verzeichnet. In diesem Graben sinkt die Erdkruste ab. Die Spannungen, die sich aufgrund des Drucks der afrikanischen auf die adriatische Platte ergeben (deshalb kommt es auch immer wieder im Bereich Südtirol zu Beben), gleicht sich in dieser empfindlichen Stelle aus. Experten sagen voraus, dass entlang dieser Linie die Kontinentalplatte bricht – es wird ein neuer Ozean entstehen. Zu beobachten ist dies ebenso beim Bruch der Somalischen mit der afrikanischen Platte in Ostafrika.
Allerdings wurden in den letzten tausend Jahren nur rund 12 Erschütterungen in Deutschland mit einer Stärke von 5,0+ gemessen. Das letzte schwere Beben mit menschlichen Opfern in dieser Region fand in der Nacht auf den 13. April 1992 im niederländischen Roermond statt. 30 Menschen wurden in NRW verletzt, eine Person kam um’s Leben, es entstand ein Schaden von 250 Mio D-Mark. Das Beben hatte eine Stärke von 5,9. Richtig harmlos im Vergleich dazu das seit 20 Jahren stärkste Erdbeben im Raum Darmstadt: Nach Angaben des Landesamtes für Umwelt und Geologie lagen die Erschütterungen am 17, Mai 2014 bei einer Stärke von 4,2 nach Richter. Das Beben von Basel 1356 in der Schweiz hatte zwar sein Epizentrum nicht in Deutschland, gilt jedoch mit einer geschätzten Magnitude von 6,9 als das grösste im deutschsprachigen Raum. Rund 3.000 Menschen sollen bei dieser Katastrophe um’s Leben gekommen sein!

http://www.gfz-potsdam.de/sektion/erdbebengefaehrdung-und-spannungsfeld/projekte/bisherige-projekte/din-4149-din-19700/din-4149-erdbebenzonenkarte/

Gegen derartige Naturgewalten ist der Mensch hilflos. Dies wird bei jedem Beben in Japan oder auch Indonesien neuerlich bewusst. Zudem bieten die ausgeklügelsten Bausysteme nur bis zu einem gewissen Grad Sicherheit. Am tragischsten ist immer das menschliche Leid. Jene Personen, die in ihren Häusern verschüttet wurden oder deren Angehörige. Nicht zu unterschätzen ist aber auch der materielle Schaden. So beliefen sich nach Angaben der Münchener Rück-Versicherung die Erdbeben-Schäden nur in den letzten zehn Jahren (ohne die letzten Beben in Japan und Ecuador) auf nicht weniger als 6 Mrd. Euro. Tendenz steigend, da die Siedlungs- und Industriedichte immer grösser wird. Inzwischen sind die Ursachen eines Bebens weitestgehend bekannt und werden nicht mehr den Göttern oder einem Drachen zugeschrieben – Gefahren sind gut zu berechnen. Somit stellt sich einem solch kleinen Rädchen im Uhrwerk wie mir nach wie vor die Frage: Wie kann man beispielsweise Risikobauten (wie Atomkraftwerke oder Staudämme etc.) ausgerechnet in Erdbebenzonen errichten?! Oder Tiefenbohrungen in sensiblen Regionen! Zudem haben die letzten Ereignisse immer wieder aufgezeigt, dass die Anzahl der Todesopfer nicht unbedingt mit der Stärke des Bebens einhergeht. Mehrere Faktoren müssen dabei berücksichtigt werden:
- Bevölkerungsdichte
- Sozialer Stand der Bevölkerung (wer mehr Geld hat, baut auch sicherer)
- Bauart der Gebäude
- Frühwarnsysteme
- Stabilität der Infrastruktur
- Vorbereitung der Notfalldienste
Eines dieser Frühwarnsysteme ist das “Global Disaster Alert and Coordination System” (GDACS) der Vereinten Nationen. Green Alert bedeutet keine Gefahr, Orange Gefahr für Mensch und Tier und Red Alert steht für eine Katastrophe. Die Warnstufen werden mittels Mail oder SMS verschickt und betreffen auch Wirbelstürme bzw. Überschwemmungen. Allerdings sind Beben nur sehr schwer vorhersehbar, wie etwa eine Mitarbeiterin von Malteser International bei den letzten Erdbeben in Indonesien immer wieder befragt wurde: Sie solle sich bei der UNO kundig machen, wann das nächste Beben kommt! In den meisten Fällen lässt sich nur die Wahrscheinlichkeit voraussagen.
Es klingt zwar blöd, doch kann sich jeder Einzelne von uns auf ein Erdbeben vorbereiten. Zu sehen war dies beim Beben von Fukushima: Die Menschen krochen automatisch unter die Tische! Das kann gegen herabfallende Deckenteile oder umherfliegende Glasscherben helfen. Kommt jedoch die komplette Decke herunter, wird so mancher Tisch der Last nachgeben.:Experten vergleichen deshalb immer gerne die Ereignisse von Haiti 2010 und Chile 1960. Jenes in Chile war mit einer Magnitude von 9,5 das wohl stärkste Beben, seitdem dies durch Aufzeichnungen festgehalten wird. Im Vergleich dazu war das Beben von Haiti wesentlich schwächer. Dennoch gab es hier weitaus höhere Opferzahlen.

Verhaltensmassnahmen bei Erdbeben:
- Ruhe bewahren
- Meiden Sie Treppenhäuser
- Suchen Sie freie Plätze auf, wo sie auch gegen herabfliegende Gebäudeteile sicher sind
- Ist der Ausgang zu weit entfernt, kriechen Sie unter massive Möbelstücke (Tische, Türrahmen,…)
- Mit dem Auto rasch rechts ranfahren, wo sie nicht von Bäumen, elektrischen Leitungen etc. getroffen werden können
- Laufen Sie landeinwärts, wenn sie sich gerade am Strand aufhalten
- Halten Sie Strassen und Zufahrtswege für die Einsatzkräfte frei
- Überprüfen Sie nach dem Beben Strom-, Wasser- und Gasleitungen und schalten diese vorsichtshalber ab

Lesetipps:

.) Erdbeben – Schlüssel zur Geodynamik; Bruce A. Bolt; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1995,
.) Modern Global Seismology. International Geophysics. Band 58; Thorne Lay, Terry C. Wallace; Academic Press, San Diego/London 1995
.) Abschätzung der Erdbebengefährdung für die D-A-CH-Staaten Deutschland-Österreich-Schweiz.- Bautechnik 75; Grünthal,G.; Mayer-Rosa,D.; Lenhardt,W.A.; 1998

Links:

www.zamg.ac.at
www.dgeb.eu
www.bgr.bund.de
www.seismo.uni-koeln.de/
www.gdacs.org/
www.gfz-potsdam.de
www.emsc-csem.org/#2
www.seismo.ethz.ch/index
www.demis.nl
www.usgs.gov
www.iris.edu/hq/
www.ngdc.noaa.gov
www.seismolab.caltech.edu
www.aktion-deutschland-hilft.de
www.das-erdbeben.de/
naturgewalten.de/
www.seismoblog.de/
qcn.stanford.edu/?lang=de

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Sex aus der Dose

Nachdem in Japan dieser Tage der erste virtuelle Sex-Anzug vorgestellt wurde, dachte ich mir, ich widme mich mal wieder diesem einen Thema, da es ohnedies noch etwas dauern wird, bis der Anzug auch in Europa zu erhalten ist (lol). Diese Zeit kann inzwischen überbrückt werden – mit Nahrungsmittel! Ja richtig gehört – Lust ist auch essbar! Es müssen ja nicht gleich Tigerhoden oder fein gemahlenes Nashornpulver sein. Aphrodisierende Lebensmittel – heissbegehrt seit Jahrhunderten!

https://www.youtube.com/watch?v=o_pzkkDoxxg

Das Wort “Aphrodisiakum” leitet sich von der griechischen Göttin der Liebe “Aphrodite” ab. Darunter versteht man all jene Produkte, die unmittelbar oder nur mittelbar das Lustempfinden und damit die Sexualität beeinflussen. Dazu gehören auch Nahrungsmittel, die ansonsten eher weniger mit Sex in Verbindung gebracht werden. Die beste Version ist natürlich jene, bei der Mann sie von einem schönen Frauenkörper essen kann. Da gibt’s im besten Fall gleich zweimal was zu naschen! Besonders geeignet sind hierfür Erdbeeren, da sie einen hohen Anteil an Zink aufweisen (fördert die Blutzirkulation und die Testosteronproduktion) – in der SM-Szene übrigens schon mal gerne tiefgefroren verwendet. Allerdings hat Mann dafür nicht immer gerade die richtige Frau parat, schliesslich gibt’s eine ziemliche Sauerei, wenn das Ganze auch noch mit Schokolade versüsst wird. Also bleibt es beim Essen. Und – siehe da: Lust kann als wahre Gaumenfreude beginnen! Das wussten auch schon unserer Ur-Ur-Ur-Ahnen, weshalb die Suche nach dem Liebeselixir schon über Jahrhunderte hinweg andauert. Folgend einige Beispiele aus Oma’s sexueller Ernährungs-Schmuckschatulle.
Derzeit steht alles in Blüte, die Sonne weckt vieles und viele wieder aus dem Winterschlaf. Frühling ist Spargelzeit! Das Gemüse ist reich an Vitamin E, Kalium, Calcium, Zink, Phosphor und Aminosäuren – die Bausteine der Sexualhormone. Somit ist es also nicht als Witz zu verstehen, dass der Spargel die Ausdauer beim Sex fördert, weshalb er beispielsweise in der ayurvedischen Medizin seit Urzeiten zum Einsatz kommt. Die Chinesen schwören auf das phallusartige Gemüse!
Übrigens beinhalten auch Bananen viele der Ausgangsstoffe für die Bildung der Geschlechtshormone. Zudem gleicht ja auch sie rein optisch einem Phallus.
V.a. Eiweiss, Zink und Vitamin D finden sich in den Austern oder Jakobsmuscheln. Schon die alten Römer wussten von ihnen als Aphrodisiakum zu berichten. Schliesslich wird durch deren Genuss die Bildung von Testosteron angeregt. Ausserdem sollen sie die Fruchtbarkeit durch das Ankurbeln der Spermienproduktion erhöhen – ideal also für Pärchen mit Kinderwunsch! Der Legende nach hat Casanova bis zu 50 Austern pro Tag verdrückt! Ehrlich? Das Schlabberzeugs ist nicht wirklich meins!!!
Grundsätzlich wirkt sich der Genuss aller Meeresfische und vieler -früchte positiv auf das Gemütsleben aus, da sie reich an Omega3-Fettsäuren sind. Sie steigern die Spermaproduktion des Mannes und sind federführend beteiligt an der Ausschüttung von Dopamin und Norepinephrin. In der Zubereitung vielleicht noch ein Zweig Rosmarin? Nicht nur für den Geschmack sehr zielführend. Rosmarin steigert die Durchblutung und fördert die Sensibilisierung der Haut. Auch der Meerrettich übrigens regt den vermehrten Blutfluss an.
Alsdann sind Blaubeeren ausgezeichnet für die Durchblutung geeignet, da sie die Blutgefässe erweitern. Wie wir alle wissen ist der Penis ja ein Schwellkörper, der für die Erektion viel Blut benötigt. Zudem enthalten die kleinen Beerchen viel Vitamin C für die Bildung der Sexualhormone und Zink für die Spermienproduktion. So ganz nebenbei: Auch Kürbiskerne strotzen geradezu vor Zink.
“Der Nektar der Liebenden” ist der Granatapfel – reich an pflanzlichen Hormonen. So etwa dem Östrogen. Das stärkt die Libido der Frau. Der Granatapfelsirup ist in den meisten Liebesgetränken enthalten. Die Frucht galt schon in der griechischen Antike als Symbol für die Liebe und die Fruchtbarkeit. Nicht zuletzt aufgrund des enthaltenen Piperidin, das nach amerikanischen Studien bei leichter Potenzschwäche wieder den Mann stehen sollte.
Nicht jedermann’s Sache – ich mag sie trotzdem gerne auf meiner Pizza: Die Artischocke. Vitamin C und v.a. das Cynaridin regen die Sexualdrüsen an. Beim weiblichen Geschlecht werden dadurch mehr Östrogene produziert, die die Durchblutung auch der Vagina beeinflussen..
Die Schokolade habe ich ja bereits im Kakao-Blog ausführlich beschrieben. Der hirneigene Botenstoff Phenylethylamin und das Theobromin machen nicht nur glücklich sondern auch sinnlich. Sie wirkt zudem blutverdünnend. Die Schoki wurde bis in’s 19. Jahrhundert in Apotheken verkauft! Die Wissenschaft jedoch glaubt nicht wirklich an den positiven Effekt. Schliesslich müssen Unmengen des schwarzen Goldes verzehrt werden, damit der Magen nicht alle Wirkstoffe abbaut, bevor sie auch nur den Hauch einer Chance bekommen, in die entsprechenden Hirnregionen geleitet zu werden, die sie anregen können. Allerdings wurde nachgewiesen, dass die Zuneigung zu einem möglichen Partner verstärkt werden kann, wenn dieser während des Genusses von Schokolade anwesend ist. Und: Wissenschaftler der Universität Sussex stellten im Jahr 2007 anhand einer Testreihe fest, dass die Herzfrequenz und Hirnströme nach dem Kakao-Genuss rund viermal länger anhält als im Anschluss an Küsse! Hat also doch etwas, das süsse Etwas!
Wer es besonders scharf haben will, greift am besten zur Chilli oder dem Pfeffer. Die Schote regt die Durchblutung der Schleimhäute an. Zudem bewirkt der Import aus Mexiko die Freisetzung von Endorphinen und körpereigener Opiate, die richtiggehend high machen. Das führt zur Euphorie und Schmerzunempfindlichkeit. Das Capsaicin regt ausserdem den Stoffwechsel an.
Ebenfalls mehr Sauerstoff aufgrund des höheren Blutflusses erhalten die Körper- und Sexualregionen durch das ätherische Öl der Ingwerwurzel. In der Geschichte trägt sie die Bezeichnung “Göttliches Feuer”! Zudem ist es wärmend und regt das Nervenkostüm des Betroffenen an.
Kaum zu glauben – Muskatnuss! Sie ist stimulierend und ebenfalls anregend, was sie ihrem ätherischen Öl zu verdanken hat (eine Vorsubstanz von Ecstasy). Doch ist Vorsicht geboten – zu viel der Nuss kann sehr gefährlich sein.
Die sog. “Nasen”, also die Kreateure von Parfüms, wissen, dass Herr und Frau Deutsche und Österreicher immer auf einen Hauch von Vanille stehen. Tatsächlich wirkt der Duft v.a. während des Geschlechtsaktes als sehr erotisierend. Zuständig dafür sind die enthaltenen Pheromone. In Parfüms werden allerdings ebenso seit langer Zeit bereits Basilikum und Orangenduft verwendet, der Anspannungen auflöst und für Zärtlichkeit sorgt.
Wenn wir nun schon bei den Düften des Winters sind: Zimt regt die Produktion der körpereigenen Pheromone, also der Sexuallockstoffe an. Gemeinsam mit Rotwein gibt’s nahezu kein Halten mehr (Resveratrol wirkt lustfördernd)! Ihr freundlicher Arzt oder Apotheker empfiehlt dies v.a. für Frauen, die selbst initiativ werden möchten. Und so ganz nebenbei tun die beiden Wirkstoffe Zimtaldehyd und Eugenol auch dem Kreislauf gut, während sich der Rotwein sehr wohltuend auf die Herzkranzgefässe und die Östrogen-Produktion auswirkt.
Die Nelke macht den Körper empfindsamer. Der enthaltene Wirkstoff Eugenol ist zudem enthemmend. Und schliesslich kann das Cheiriantin einen Schwellreflex im Penis auslösen. Damit es also auch wieder beim Nachbarn klappt. Sollten Sie nun ständig auf einer Nelke kauend den Tag verbringen, nehmen Sie dabei bitte Rücksicht auf Ihre Mitbürger – es stinkt nämlich grauenvoll. Ich hatte es mal durchaus wirkungsvoll gegen Zahnschmerzen versucht. Diese waren zwar weg, allerdings hielt jeder einen Respektsabstand von mir. Mir selbst war dies gar nicht bewusst!
Die Avocado verfügt über viel Vitamin E, ungesättigte Fettsäuren und der Aminosäure Tryptophan, die im menschlichen Gehirn in das Glückshormon Serotonin umgewandelt wird. Seit eh und je wird bei Erektionsproblemen auf die Heilkraft der Avocado gehofft. Ausserdem ähnelt die Frucht einer Vagina. Also auch etwas für die Augen!
Was für den Mann die Avocado ist für die Frau die Süssholzwurzel. Ihr wird eine wesentlich stärkere Leidenschaft nachgesagt. Gilt übrigens auch für das ätherische Öl der Petersilie.
Wer hätte gedacht, dass beispielsweise Chili con Carne die Flaute im Bett überwinden helfen könnte??? Bohnen machen müde Männer wieder munter, das Chili macht sie zudem auch ziemlich scharf!
Apropos Bohnen – das Bohnenkraut ist bei vielen Naturkundigen sehr beliebt. Als Tee mit vereinzelten Pfefferkörnern wirkt es förderlich auf die Gebärmutter.
Reich an Vitamin B ist der Honig. Dies verursacht die erhöhte Produktion an Testosteron.
Ähnlich üngläubig wie Sie nun gleich, schaute auch ich, als ich dies las: Knoblauch reinigt und erweitert die Venen. Er wird deshalb aufgrund des enthaltenen Allicins seit Urzeiten in der Medizin eingesetzt. Soweit so gut! Damit allerdings fördert er die Durchblutung auch der Geschlechtsorgane von Frau und Mann. Beim Sex jedoch sollten beide davon gegessen haben – aus Rücksicht.
Als Kind galt ich in einer Hinsicht als krasser Aussenseiter: Ich mochte Spinat! Auch heute noch esse ich das Gemüse mit grosser Vorliebe. Er beinhaltet viel Eisen und Magnesium, das für eine Erweiterung der Blutgefässe sorgt. Wichtig für das Stehvermögen des Mannes! Ausserdem verbessert er die Balance zwischen dem Östrogen- und dem Testosteron-Spiegel.
Sehr viel Magnesium enthalten zudem Nüsse. Bei den Walnüssen kommt noch hinzu, dass sie die Produktion des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron steigern. Dieses sorgt für Ruhe und Ausgeglichenheit – Grundvoraussetzungen für das Abschalten können der Frau, da sie ansonsten den Sex nicht geniessen kann. Beim Mann verbessern sie die Form, Bewegung und Aktivität der Spermien. Nüsse, kombiniert mit Haferflocken zu einem Müesli bringt alsdann nicht nur Energie für den Tagesbeginn. Haferflocken verursachen auch eine Produktionssteigerung von Testosteron.
Selleriesamen passen ausgezeichnet zu Fischgerichten oder in Salate. Gleichzeitig wirkt dieser sehr anregend für die Frau, beinhaltet die Sellerie doch das Pheromon Androstenol (“jugendliche Fruchtbarkeit”), das auch im männlichen Schweiss vorkommt und so manchen kanadischen Holzfäller für das andere Geschlecht attraktiver macht. Ob sich Frau Mann durch Sellerie allerdings schöner essen kann – na ja, das sei dahingestellt!
Eine an- und erregende Wirkung wird auch der Quitte nachgesagt. Deshalb gehörte sie bei den alten Römern zu jedem Vorbereitungsritual für eine nachfolgende Orgie. Der Orient setzt da schon eher auf die Feige. Durch ihren hohen Gehalt an Zucker, Eisen und Calcium ist sie eine wahrhafte Energiebombe. Der ebenfalls enthaltene Phosphor soll das Seine in der Libido tun.
Eine Frage des Geldes ist das Kochen mit Safran. Auch wenn dieses Gewürz die Lüste steigern soll, bleiben viele aufgrund des Anschaffungswertes lieber lustlos in ihrem Leben. Gleiches gilt auch für die Trüffel. Das alte französische Sprichwort “Wer Trüffel liebt, liebt gut!” hat durchaus seine Berechtigung. Diese sehr speziellen und teuren Pilze beinhalten einen Lockstoff, auf den vor allem Frauen ansprechen. Deshalb sind Eber bei der Trüffelsuche zumeist erfolglos!
Tja – und dann war da auch noch das Prickeln im Bauchnabel der Frau: Schampus! Champagner wirkt nicht nur aufgrund des Alkohols enthemmend, tatsächlich auch wegen des Prickelns der entweichenden Kohlensäure. Allerdings gehen die Rechnungen für Dom Perignon, Krug oder Veuve Clicquot ab einer gewissen Anzahl an Schäferstündchen die Woche doch ordentlich in die Geldtasche! Vielleicht genügt ja für den Durchschnittsverdiener auch der Spumante!
Eine sehr überraschende Wirkung zeigte sich dem Schreiberling dieser Zeilen auch nach dem Genuss sog. “Russischer Eier”. Das Ei gilt grundsätzlich als allseitig zu verwendendes Kraftpaket. Gepaart mit Kaviar und Sardellen ergibt dies ein Aphrodisiakum, das es wahrhaft in sich hat. Also – bis zu diesem Zeitpunkt war mir dies gänzlichst unbewusst!

https://www.youtube.com/watch?v=Oh3DbWTg_5I

Experten empfehlen, die zahlreich in Apotheken und Drogerien, v.a. aber die im Internet angebotenen Pflanzenextrakte zu meiden. Entweder ist die Dosierung in diesen Präparaten sehr gering, wodurch wesentlich mehr davon benötigt wird (den Herstellern geht es ja ursächlich um die Verkaufszahlen, nicht um die Steigerung der Libido) oder es verspricht grundsätzlich etwas, das es nicht halten kann. Untersucht und den Erwartungen entsprochen hat bislang nur der Extrakt des westafrikanischen Yohimbe-Baumes – Produkte mit diesem Alkaloid aber sind rezeptpflichtig. Der Wirkstoff wird aus der Rinde des Baumes gewonnen und bei psychisch bedingter Impotenz eingesetzt. Ihm wird eine ähnlich aphrodisierende Wirkung wie Rosmarin zuerkannt. Nur wesentlich stärker!
Bleiben wir doch noch etwas bei den Mittelchen aus Übersee. Schon die Eingeborenen des brasilianischen Regenwaldes verwenden seit Jahrhunderten die Rinde des Catuaba-Strauchs um daraus Tee zu machen. Dieser zählt inzwischen aufgrund seiner belebenden und stärkenden Wirkung zu den beliebtesten Teesorten des Landes. Ob er allerdings wirklich gegen Impotenz hilft, sei dahingestellt. Ähnliches gibt es auch vom sog. “Potenzholz” (Muirapuama) zu berichten. Diese südamerikanische Baumrinde soll sich durch die Steigerung des Testosteronspiegels positiv auf das sexuelle Verlangen des Mannes auswirken. Na ja – wer daran glaubt! Ebenfalls leistungssteigernd ist Damiana, ein südamerikanisches Kraut, das schon von den alten Mayas geraucht, verräuchert oder getrunken wurde. Ob es sich auf den Sex auswirkt, ist ebenso wenig nachgewiesen wie Maca, Ginseng, Gingko, der Taigawurzel bzw. Datura. Letzteres ist ein Extrakt aus dem Stechapfel, das lebensgefährlich sein kann. Deshalb ist der Handel mit Stechapfel-Produkten verboten. All diese Wunderprodukte regen vielleicht den Kreislauf und damit auch die Durchblutung an, tun dem Immunsystem gut etc. – der Nachweis auf die Verbesserung von Schlafzimmerproblemen aber fehlt!
Werte Geschlechtsgenossen, die Sie diese Zeilen vielleicht gerade lesen sollten: Serviert Ihnen Ihre Liebste Spargel oder gar Austern zum Candlelight-Dinner im nach Vanille duftenden Esszimmer, steckt meist etwas mehr dahinter als die Absicht, Sie durch eine gezielte Nahrungsaufnahme zu sättigen! Neben all diesen durchaus nützlichen Tipps aus Mutter Natur sollten jedoch keineswegs die regelmässigen Streicheleinheiten für Körper und Seele vergessen werden. Schliesslich ist es sehr häufig der berufliche und private Stress, der sich immer mehr als Killer im Schlafzimmer herausstellt.

Lesetipps:

- Roh-Schokolade – Super Food und Aphrodisiakum; Britta Diana Petri/Thorsten Weiss (Autor); Schirner 2013
- Lebenselixiere: selbst herstellen; Jutta Beutel; Freya 2015
- Aphrodisiakum: Lustvolle Momente mit sinnlichen Rezepten; Barbara Reishofer; Books on Demand 2015
- Die “Orientalischen Fröhlichkeitspillen” und verwandte psychoaktive Aphrodisiaka (Ethnomedizin und Bewusstseinsforschung); Christian Rätsch; VWB-Verlag 1989

Links:

http://www.ernaehrung.de

https://www.1averbraucherportal.de

http://www.gesundheit-und-wohlbefinden.net

http://www.zentrum-der-gesundheit.de

http://www.undergroundhealth.com/

http://flirt.landwirt.com

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Ein grosser Staatsmann

“Ich habe mir einmal geschworen: Solange du Politik machst, stehst du im Telefonbuch. Damit die Leute dich anrufen können.”
(Hans-Dietrich Genscher 2015, Die Zeit)

Im Alter von 89 Jahren ist dieser Tage Hans-Dietrich Genscher an den Folgen eines Herz-Kreislauf-Versagens verstorben. Mit einem vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck angeordneten Staatsakt wird sich das offizielle Deutschland von ihm verabschieden und für seine Arbeit bedanken. Eine Ehrung, die ansonsten nur Bundeskanzlern und Bundespräsidenten zuerkannt wird – doch hat sich der Aussenminister a.D. dies wahrlich verdient.
Mit Hans-Dietrich Genscher verliess einer jener letzten Politiker die Erde, die tatsächlich die Welt veränderten. Er war bei allen grossen Ereignissen während seiner Amtszeit dabei. Jens Hase meinte kürzlich, er habe ihm alles zu verdanken. Und als er ihm persönlich die Hand schütteln durfte, war dies sicherlich einer der grössten Momente seines Lebens. Hase war neben Jeanette Biedermann einer jener Hundertschaften von DDR-Bürger, die 1989 vor der deutschen Botschaft in Prag standen und ganz offiziell in den Westen ausreisen durften.

https://www.youtube.com/watch?v=iJWzXUGeUVM

Kurze Zeit später fiel die Mauer! Genscher machte in achtzehn Jahren seiner Zeit als deutscher Aussenminister vieles möglich, von dem andere in dieser Position nicht mal zu träumen wagen. Dabei aber blieb er stets seinen Grundsätzen treu, die ihn auch in der Bevölkerung dermassen beliebt machten:

“Den guten Lotsen erkennt man an der ruhigen Hand und nicht an der lautesten Stimme.”
(Hans-Dietrich Genscher)

Hans-Dietrich Genscher wurde am 21. März 1927 in Reideburg bei Halle/Saale als Sohn eines Juristen und einer Bauerstochter geboren. Als Jugendlicher war er Luftwaffenhelfer und beim Reichs-Arbeitsdienst. Um einer Zwangsrekrutierung durch die SS zu entgehen, meldete er sich im Januar 1945 freiwillig zur Wehrmacht. Nach britischer und US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft holte er zuerst das Abi nach und studierte dann Volkswirtschaftlehre sowie Rechtswissenschaft. Als Rechtsreferendar gelang ihm 1952 die Flucht nach West-Berlin und schliesslich in die Bundesrepublik. Schon in der Ostzone war er Mitglied der LDP – nach seiner Übersiedelung in den Westen auch in der FDP. Dort diente er sich hinauf bis er über die Positionen des Fraktionsgeschäftsführers (1959 bis 1965), des Bundesgeschäftsführers (1972 bis 1984) und des stellvertretenden Bundesvorsitzenden schliesslich am 01.Oktober 1974 zum Bundesvorsitzenden der FDP gewählt wurde. Diese Position übte er bis zum 23. Februar 1985 aus. Dann verzichtete er auf eine weitere Kandidatur – bis zu seinem Tode war er Ehrenvorsitzender seiner Partei, was ihm nicht wirklich leicht fiel, schliesslich wandte sich die FDP immer mehr den neo-liberalen Thesen des Otto Graf Lambsdorff zu, die schliesslich 2013 zum Eklat führten: Von der Koalitions-Regierungspartei in’s politische Nichts!
1965 wurde Hans-Dietrich Genscher für den Wahlkreis Wuppertal in den Bundestag gewählt, dessen Mitglied er auch bis 1998 blieb. 1969 holte Willy Brandt ihn in die Regierung, in welcher er bis 1974 als Bundesinnenminister, danach als Aussenminister tätig war. Mit Brandts Nachfolger als Bundeskanzler, Helmut Schmidt, hatte sich Genscher 1982 nach nicht mehr zu reparierenden Meinungsverschiedenheiten verworfen, bei den anschliessenden Neuwahlen machte der durch seinen gelben Pullunder immer wieder belächelte Liberale mit seiner Partei Helmut Kohl (CDU) zum Bundeskanzler, mit dem ihn bis zuletzt eine enge Freundschaft verband. Genscher’s Aussenpolitik, bei der Deutschland immer wieder auf eigene Interessen verzichtet hat, dafür aber umso mehr Druck auf multilateraler Institutionen wie der OSZE oder der EG ausgeübt wurde, aber auch die Politik des Konsenses wird heutzutage als “Genscherismus” bezeichnet. Immer wieder leitete der Jurist Vermittlungen und Schlichtungen.
So auch bei den Olympischen Spielen 1972, als in München palästinensische Terroristen in das Olympische Dorf eindrangen und einen Grossteil der isrealischen Sportler als Geiseln nahmen. Als Bundesinnenminister bot er sich den Terroristen als Austauschgeisel an, was diese jedoch ablehnten. Als Reaktion auf dieses tragische Ereignis (17 Tote – darunter neun Geiselnehmer) ordnete er die Bildung der Anti-Terror-Einheit GSG-9 an, die nur wenig später eine entführte Lufthansa-Maschine in Mogadischu erfolgreich befreite.

“Nach dem, was geschehen war in Deutschland bis 1945, nun wieder israelische Sportler in Lebensgefahr, bedroht – hier in Deutschland. Das war ein unerträglicher Gedanke. (…) Für mich war das der schrecklichste Tag meiner langen Amtszeit als Mitglied der Bundesregierung.”
(Hans-Dietrich Genscher 2012, ARD)

Als Aussenminister war Genscher massgeblich an der Ausarbeitung der Helsinki-Schlussakte der KSZE, den Wiener Truppenreduzierungsgesprächen und der Anti-Terrorismus-Konvention der Vereinten Nationen (niemals auf die Forderungen der Geiselnehmer eingehen,…) beteiligt. Der ebenfalls von ihm mitinizierte NATO-Doppelbeschluss führte zwar zu Verhandlungen der Sowjetunion und den USA bezüglich der Mittelstreckemwaffen, aber auch zum Ende der sozial-liberalen Koalition.

“Mit Betroffenheit und Bestürzung, aber auch in Dankbarkeit für viele Jahre einer guten und vertrauensvollen sowie menschlich wertvollen Zusammenarbeit nehme ich Abschied von meinem langjährigen Koalitionspartner, politischen Weggefährten und Freund Hans-Dietrich Genscher (…).”
(Helmut Kohl 2016, Bild)

In der Ära Helmut Kohl bewies Genscher ein ausgezeichnetes Fingerspitzengefühl bei der Vermittlung zwischen Ost und West, das zur Entspannung und dem Fall der Mauer führte. Schliesslich war er es, der am 30 September 1989 die Ausreise von hunderten DDR-Bürgern aus der Tschechoslowakei nach zähen Verhandlungen mit dem damaligen sowjetischen Aussenminister Eduard Schewardnadse erwirkte und alsdann gemeinsam mit seinem DDR-Amtskollegen Markus Meckel am runden Tisch sass. Diese Gespräche führten – wie nachzulesen – aufgrund eines Missverständnisses zum Fall der Mauer und schlussendlich auch dem Ende der DDR.

“Als ich dann auf dem Balkon stand, war es dunkel, das Licht der Kamera blendete mich, so dass ich gar nichts mehr sah. Ich hörte nur, dass da draußen die Menschen waren und habe in die Finsternis hinein diesen Satz gesagt….Ich wusste, wie sich die Menschen fühlen, was es heißt, Freunde und Verwandte zurückzulassen. Das hat mich schon sehr aufgewühlt.”
(Hans-Dietrich Genscher 2014, Bild)

Als er 25 Jahre danach nochmals auf diesem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag stand, war der Mann zu Tränen gerührt. Genscher war bis zuletzt überzeugt, dass Frieden in Europa nur mit, nicht gegen die Sowjetunion bzw. Russland möglich ist. Éine Tatsache, die etwa die beiden Politikerinnen Margaret Thatcher und Condoleezza Rice nicht wirklich teilten.

https://www.youtube.com/watch?v=2oWWdjYJI-w

Der Liberale aus Halle/Saale glänzte in seiner Vorreiterrolle. So führte er als einer der ersten Gespräche mit dem Vorsitzenden der polnischen Gewerkschaft Solidarność, Lech Wałęsa, und der neuen iranischen Führung nach dem Sturz des Schahs. Mit der Anerkennung der ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien agierte der an sich sehr vorausschauende und gewiefte Aussenpolitiker etwas zu rasch. Er wollte Österreich aus der Schusslinie nehmen. Seither wird der deutsche Aussenminister a.D. beschuldigt, mit ein auslösender Faktor für die anschliessenden blutigen Kriege gewesen zu sein. Zudem greift immer wieder auch der russische Präsident Wladimir Putin bei einseitigen Grenzverletzungen auf die damalige Aussage Genschers zurück.
Am 18. Mai 1992 trat der FDP-Mann auf eigenen Wunsch als Aussenminister zurück. Danach war er als Rechtsanwalt, als Honorarprofessor, als Aufsichtsratsvorsitzender etc. tätig. Seine Erfahrungen wurden immer wieder für Vermittlungen und Schlichtungen benötigt. So etwa auch 2013 bei der Freilassung von Michail Chodorkowski, DEM Regime-Gegner und Intim-Feind des russischen Präsidenten Putin.
Immer wieder wurde Genscher zum Inhalt zahlreicher Satiren und Karrikaturen – im Vergleich zum türkischen Präsidenten Erdogan ging er damit um, wie es einem grossen Manne geziemt: Eine Auswahl der besten hing eingerahmt in einer Toilette seines Wohnhauses! Das Satire-Magazin “Titanic” bezeichnete ihn anno 1989 als “Genschman” – eine Bezeichnung, die inzwischen salonfähig geworden ist. Er liebte das anschliessend unter diesem Namen erschienene Comic und zeigte es gar selbst Interessierten – es machte ihn damals “cool”! Erst als der Koalitionspartner CDU/CSU hierdurch in Misskredit kam, distanzierte er sich davon. Auch seine Bereitschaft, immer wenn es irgendwo brannte, in ein Flugzeug zu steigen, war stets Inhalt unzähliger Witze (“Begegnen sich zwei Flugzeuge, in beiden sitzt Genscher!”). Hans-Dietrich Genscher selbst nahm es stets mit Humor, weshalb er auch den Karl-Valentin-Orden und den Orden wider den tierischen Ernst verliehen bekam.
Der Jurist wurde mit Auszeichnungen geradezu überschüttet – Ehrenbürger der Stadt Halle/Saale, der Stadt Berlin und seiner letzten Wohngemeinde Wachtberg, Bundesverdienstkreuze, Grosskreuze, Ehrenzeichen, Orden – der Verstorbene war sechsfacher Ehrendoktor und Ehrenmitglied bzw. Ehrensenator in unzähligen Einrichtungen.
Hans-Dietrich Genscher ist und bleibt eine historische Schlüssel-Figur bei der Beendigung des Kalten Krieges und dem Fall der Mauern und Stachelzäune. Er ist einer der Grundsteinleger der Europäischen Union und vieler anderer Institutionen.

“Lassen Sie uns gute Deutsche sein, indem wir gute Europäer sind.”
(Hans-Dietrich Genscher)

Hans-Dietrich Genscher war überzeugter Deutscher. Trotzdem schlug sein Herz für Europa. Sein Name wird hoffentlich noch sehr lange für seine hervorragende, zutiefst menschliche Arbeit stehen und in Ehren gehalten werden. Seine Besucher übrigens empfing er bis zuletzt – soweit möglich – selbst an der Haustüre. Auch als er schon längst im Rollstuhl sass! Leider werden Politiker, wie auch Genscher einer war, immer weniger!

“Das Europa von heute hat eine Botschaft. Das ist das Europa der gleichen Würde der Menschen, der Völker, der Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie. (…) Die Welt wird nur stabil, wenn sie von allen Völkern als gerecht empfunden werden kann und wenn alle erkennen, dass Groß und Klein gleichberechtigt und ebenbürtig sind.’
(Hans-Dietrich Genscher 2006, dpa)

Lesetipps:

- Liberale in der Verantwortung; Hans-Dietrich Genscher (Hrsg.); Hanser, München/Wien 1976
- Aussenpolitik im Dienste von Sicherheit und Freiheit; Hans-Dietrich Genscher; Verlag Bonn Aktuell, Stuttgart 1976
- Hans-Dietrich Genscher; Werner Filmer, Heribert Schwan; Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien/New York 1988
- Politik aus erster Hand. Kolumnen des Bundesaußenministers a. D. Hans-Dietrich Genscher in der Nordsee-Zeitung Bremerhaven; Nordwestdeutsche Verlags-Gesellschaft, Bremerhaven 1992
- Frieden durch Kommunikation. Das System Genscher und die Entspannungspolitik im Zweiten Kalten Krieg 1979–1982/83; Agnes Bresselau von Bressensdorf; De Gruyter Oldenbourg; Berlin 2015

Links:

www.genscher.de/
www.zeitzeugenbuero.de

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Hat der Golf von Mexico nicht gereicht???

„Ich werde dafür sorgen, dass wir diese Energie gewinnen und damit Arbeitsplätze schaffen. Auch wenn mich das ein paar Wählerstimmen kostet – ich mach’ das.”
(Matteo Renz, italienischer Ministerpräsident)

In diesen Tagen (15. April bis 15. Juni) befrägt die Regierung in Rom die Bevölkerung Italiens, ob sich das Land an Erdöl- und Erdgas-Förderungen in der Adria beteiligen soll. Das Geld käme dem Säckel des Stiefels sehr gelegen. Befürworter meinen zudem: “Wenn es wir nicht tun, machen es andere!” Kroatien etwa! Mit italienischer Hilfe durch den Ölkonzern Eni übrigens. Ausserdem geht in den Reihen der Energieversorger Italiens die Angst um. Die Angst, dass das, was 2003 passiert ist, erneut geschehen könnte. Ein umstürzender Baum kappte eine Leitung aus der Schweiz – ganz Italien stand plötzlich ohne Strom da! Seither wurde zwar vieles angepackt, doch müssen nach wie vor 4/5 der Energie importiert werden. Erdgas etwa aus Libyen, Algerien und Russland. Italien schwimme auf einem Meer aus Gas und Öl, meinte schon der ehemalige EU-Kommissions- und Ministerpräsident Romano Prodi, dessen Pläne nun durch Matteo Renzi wieder aus der Schublade geholt wurden. Gerade mal 10 % des fossilen Energiebedarfs der Azzurri wird mit den 11,8 Mio Tonnen durch Eigenförderung abgedeckt. Dutzende Offshore-Bohrinseln stehen bereits rund um den Stiefel. Umweltschützer und Touristiker schlagen gleichermassen lautstark Alarm. Zudem befürchtet die Stadtregierung von Venedig, dass der Meeresboden noch rascher absinken und die Lagunenstadt dadurch schneller dem Untergang geweiht sein könnte. Auf Sizilien wiederum geht die Angst davor um, dass unterirdische Vulkanzonen angebohrt werden könnten.
Der Spuk begann 2013, als Geologen vor der Küste Kroatiens den Meeresboden scannten und zu dem Ergebnis kamen, dass sich riesige Öl- und Gas-Felder unter diesem Teil des Mittelmeeres befinden dürften. Die Öl-Barone Europas schlugen erfreut in die Hände und konnten den Start der Arbeiten schon gar nicht mehr erwarten. Auch die österreichische OMV wollte sich an den Förderungen beteiligen. Doch es kam etwas anders als erwartet – gottlob.
Die Adria ist ohne Frage eine der wohl schönsten Meeresregionen auf diesem Planeten. Ob im Osten mit der dalmatinischen Küste und Montenegro oder im Westen mit den italienischen Touristenhochburgen. Hat das Land zwischen Brenner und Carpignano Salentino in den letzten Jahrzehnten zugunsten der Fernreiseziele wie Thailand oder Dominikanische Republik immer mehr an Boden verloren, so nahmen die Nächtigungen zuletzt wieder zu – 2015 etwa um 2,5 %. Verantwortlich dafür nicht zuletzt die unsicheren Verhältnisse in den Destinationen in Übersee. 2015 wurden rund 30 Mio Sommergäste auf dem Stiefel gezählt – Tendenz steigend. Auch in der Adria. Lignano, Jesolo, Bibione usw. melden zunehmende Ankunfts- und Nächtigungszahlen. Die Strände füllen sich zusehends wieder, nach einigen mageren Jahren. 2014 machte der Tourismus 10,1 % des BIPs aus.
In Kroatien beläuft sich der Tourismussektor im BIP auf nicht weniger als nahezu 20 % (ca. 7,5 Mrd. Euro – im Vergleich dazu die Ölkonzessionen nur rund 160 Mio pro Jahr). 13,1 Mio Urlauber suchten im Jahr 2014 den Weg zum EU-Neuling – ein Plus von 5,6 % im Vergleich zum Vorjahr. Tendenz also auch hier stark steigend. Eine grosse Raffinerie befindet sich nahe der Stadt Zadar (liegt etwa auf demselben Breitengrad wie San Marino auf der anderen Seite der Adria). Würde bei einer Bohrinsel ein Unfall geschehen und grossflächig Öl in’s Wasser fliessen, wären hunderte von Urlaubsstrände plötzlich gut geölt, trotzdem aber leergefegt. Eine ökologische und budgetäre Katastrophe für die entsprechenden Regionen.

https://www.youtube.com/watch?v=Dtfew6xyQ8g

Doch warnen auch Meeresbiologen und Tierschützer: Millionen von Delphinen, Walen und Fischen (sowohl im Meer selbst als auch in Fischfarmen) wären im worst case mit einem Schlag gefährdet. Viele unter Ihnen werden noch die Bilder der zu Tränen rührenden, ölverschmierten und um ihr Leben kämpfenden Seevögel im Golf von Mexiko in Erinnerung haben. Durch derartige Bohrungen könnte eine solche Tragik durchaus auch vor unserer Haustüre stattfinden. Hinzu kamen die Scannungen, die mit Hilfe der durch Druckluftkanonen erzeugten Schallwellen vorgenommen wurden. Alle zehn Sekunden eine Explosion mit einer Lautstärke von 240 Dezibel – eine startende Rakete bringt es auf gerade mal 205 Dezibel. Wer weiss, über welche Distanzen beispielsweise ein Wal oder Delphine Artgenossen wahrnehmen, wird sich vorstellen können, wie gerade diese Tiere unter diesen wochenlang anhaltenden Explosionen gelitten haben.

“Die Adria ist ein Juwel, das nicht angefasst werden darf!”
(Ivo Lorencin, kroatischer Zimmervermieter)

Die Bürger von Zadar und Umgebung reagierten wütend: Das Ministerium habe den Forschungsauftrag für das Scannen an allen öffentlichen Institutionen wie dem Parlament vorbeigeschleust und dem norwegischen Unternehmen Spectrum Geo zugesprochen – es herrschte höchste Geheimhaltung. Nachdem das alles nicht mehr zu überhören war, versprach der zuständige Wirtschaftsminister Ivan Vrdoljak der Region billige Energie und Wohlstand. Eine Aussage, die mit grösster Vorsicht wahrgenommen werden sollte. Schliesslich kommen die Einnahmen aus dem Tourismus direkt der Bevölkerung zugute, die Einnahmen aus derartigen Bohrungen hingegen nur Investoren und Ölkonzernen.
Die österreichische OMV etwa hat sich inzwischen wieder aus den Plänen zurückgezogen – der niedrige Ölpreis rechtfertige den Aufwand nicht, heisst es offiziell. Inoffiziell hatte Greenpeace Österreich mehr als 21.000 Unterschriften gegen die Beteiligung des teilstaatlichen Unternehmens an diesen Plänen gesammelt.
In Kroatien wurden zwei Petitionen gegen die Ölbohrungen vor der Küste gestartet:

https://www.change.org/p/stop-oil-gas-drilling-in-the-croatian-adriatic-sea-stop-bu%C5%A1enju-nafte-i-plina-u-hrvatskom-jadranu

https://secure.avaaz.org/en/petition/President_of_Croatia_Mr_Ivo_Josipovic_We_call_on_you_to_stop_the_oil_drilling_plans_in_the_Croatian_Adriatic_Sea/?nrZSFcb

29 Bohrlizenzen mit einer Gesamt-Blockgrösse von nahezu 37.000 Quadratkilometern wurden durch die damalige kroatische Regierung vergeben – das sind rund 90 % der Territorialgewässer des Landes. Mindestabstand der Bohrplattformen zum Festland: 10 km, zur nächsten Insel 6 km. “Deepwater Horizon” im Golf von Mexiko war so ganz nebenbei erwähnt 84 km von der US-Küste entfernt. Dann folgten Wahlen. Die neue Regierung Kroatiens ist zwar dem Bohrprojekt nicht abgeneigt, allerdings wurden die Pläne vorerst auf Eis gelegt, die bereits an 5 Mineralölkonzerne vergebenen 10 Probebohrlizenzen zurückgestellt. Leider jedoch nicht aufgrund eines hehren Umweltgedankens. Vielmehr wurden Anrainerstaaten nicht in die laufenden Umweltverträglichkeitsprüfungen einbezogen (Verstoss gegen die Espoo-Konvention der EU). Das lässt nun Italien und auch Montenegro die Möglichkeit offen, selbst derartige Pläne zu wälzen.In einer Umfrage übrigens entschieden sich 53 % der Kroaten und Kroatinnen gegen die Ölbohrungen, jene 30,4 %, die sich dafür entschieden, kamen aus dem Hinterland.

https://www.youtube.com/watch?v=tZae9ywTIZU

Interessant ist auch die Tatsache, dass US-amerikanische Ölriesen (wie Marathon Oil) ganz heiss auf das Adria-Öl sind. Wo somit die Wertschöpfung bleibt, sollte wohl jedem klar sein. Vor der Küste Kaliforniens werden ebenfalls Öl- und Gas-Reserven vermutet – ca. das Fünffache der Adria-Vorkommen. Dort jedoch ist das Bohren durch die Regierung untersagt worden. Weshalb wohl!? Auch interessieren sich die Amerikaner für ein weiteres Projekt: Die LNG-Station auf Krk. Auf der Insel soll Mitte des Jahres der Grundstein für eine 630 Mio € grosse Umladestation für tiefgefrorenes Erdgas entstehen, weitere 750 Mio kosten die Pipelines. Das Gas wird auf minus 163 Grad abgekühlt, wodurch es sich verflüssigt. Mittels Schiffen oder möglicherweise auch einer Pipeline aus Aserbeidschan (Trans-Adria-Pipeline TAP) soll dieses Gas zur Insel gebracht und dort mittels Pipeline sternförmig weiterverteilt werden: Nach Norditalien, Slowenien/Österreich, Ungarn/Ukraine und Albanien. Das erklärte Ziel ist die Unabhängigkeit Europas vom russischen Gas.
Inzwischen sprechen die Touristenbewertungen Bände: Kinderstrand direkt neben der Raffinerie, beim Sonnenbaden hört man das Öl in den Pipelines blubbern,… Wunderschöne Inseln und Küstenabschnitte sollen für den schnellen Euro aus Erdöl und Erdgas riskiert werden. Tierarten, die dort beheimatet und vom Aussterben bedroht sind, wie die Mönchsrobbe, der Adria-Tümmler und der Gänsegeier sollen der Gewinngier des Menschen zum Opfer fallen. Wissenschafter betonen, dass das Ökosystem der Adria sehr empfindlich ist. Es muss nicht eine solche Katastrophe im Ausmaß von jener im Jahre 2010 sein – es reicht ein kleinerer Unfall mit auslaufendem Öl oder giftigen Chemikalien, wie sie jedes Jahr zu hunderten vorkommen. Offshore-Bohrungen sind weltweit die riskantesten Unternehmen. Kroatien etwa verfügt nicht über die Infrastruktur, die bei einem Notfall erforderlich ist. Über das Geld schon gar nicht: Bislang wurden beispielsweise im Golf von Mexiko über 40 Milliarden US-Dollar für Reinigungsmassnahmen ausgegeben. Auch der hochgiftige Bohrschlamm (Arsen, Blei, Quecksilber, Zink, Chrom, Benzin,…), der zum Abdichten der Bohrlöcher verarbeitet wird, trägt das Seine bei: Schwermetalle gelangen über die Fische in die Nahrungskette. Und so ganz nebenbei: Der Golf von Mexiko ist zwölfmal grösser als die Adria! Ein kleines Versehen in der Adria reicht aus und alles Leben im Wasser und der komplette Fremdenverkehr ist futsch!

PS: Die Touristik-Werbung Kroatien wirbt mit 2.800 Sonnenstunden pro Jahr. Wieso wird nichr an die grossflächige Nutzung der Solar-Energie angedacht???

Links:

www.italia.it/de/home.html
www.enit.at
croatia.hr/de-DE
www.auswaertiges-amt.de
saveadriatic.com
www.oceancare.org
www.nrdc.org/
stiftung-meeresschutz.org
www.delphinschutz.org
www.legambiente.it
ekozadar.hr
clean-adriatic.org/
www.adriaforum.com
taucher.net

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