Archive for Dezember, 2016

Ich wünsche allen Lesern dieses Blogs ein besinnliches und frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein gesundes 2017! Danke für Ihre Treue!

Den nächsten Blog gibt’s wieder am 06.01.2017!!!!

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Sind “Arschloch” und “Fick Dich” salonfähig geworden???

Kurz vor dem Fest der Liebe und der Besinnlichkeit möchte ich mal so richtig die Grobraspel auspacken: Ist die Vulgärsprache die gepflegte Kommunikation für das Essen am festlich gedeckten Tisch???
Auch wenn Ludwig Eichinger vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim die Schule dafür verantwortlich macht, schliesslich sei es nicht die Sprache sondern der Sprachgebrauch, der droht zu verrohen (hier müsse die Schule Alternativen für die Kommunikation anbieten – Wortschatz etwa), so bin ich der Meinung, dass das Problem v.a. im eigenen Zuhause liegt. Viele unter uns sind noch mit einer Erziehung gross geworden, bei welcher der “Gute Ton” selbstverständlich war – muss ja nicht alles wortwörtlich aus dem Knigge kommen – trotzdem! In unserer Gesellschaft geziemt es sich, dem Gegenüber zumindest halbwegs freundlich zu begegnen. V.a. dann, wenn er einem bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt war. Doch hat sich dies eklatant in den letzten Jahren geändert. Viele behandeln einander nicht mehr wie ehedem mit Respekt sondern gehen bereits mit der Begrüssungsformel (sofern es denn eine gibt) wortwörtlich “aufeinander los”: “Was geht ab, Arschloch!”, “Verpiss Dich!”, “Hey Spacko!” und weitere Drohgebärden versetzen uns wieder zurück in eine Zeit, als derjenige, der die grösste Keule hatte, diese zur Machtdemonstation auch immer kreisen liess, damit jeder sehen konnte, wo der Bartl den Most herholt! Dieser Rück-Entwicklung in den Umgangsformen möchte ich mich heute anhand zweier Beispiele widmen: Den Kindern und Jugendlichen sowie der Politik.
Der Sohn einer Bekannten war bereits vor seiner Pubertät ein Paradebeispiel für ein solches Gehabe. Selbst bezog er offenbar regelmässig Prügel von Grösseren, ging jedoch gleichfalls auf Kleinere los. Als ich ihn damals fragte, warum er denn das mache, meinte er nur lapidar: “Weil es die anderen so gesagt haben!” Zuhause nannte er seine Mutter eine “Blöde Kuh”, “schwule Sau” oder “Schlampe”, bekam er mal etwas nicht, das er haben wollte, bezog sie dafür Boxer und Schläge. Das Ganze ging sogar soweit, dass sie ihm auf Ihre Kosten Zigaretten kaufte, obgleich er noch unter 16 war!
Kein Einzelfall, wie die Initiative des BLLV (Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband) zeigt. Rund 60.000 Lehrer/-innen sind in diesem Verband organisiert. In München wurde ein Manifest für den respektvollen Umgang miteinander vorgelegt (“Für unsere Demokratie, Haltung zählt”). Es zeigt auf, dass an den Schulen dringender Handlungsbedarf besteht – es müssen Grenzen gesetzt werden. Kern des Ganzen:

“Sprache führt direkt zum Handeln!”
(Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV)

Die Ursache steckt in der Barrierefreiheit der Medien und neuen Medien. Die Schüler lesen und sehen in den Zeitungen, im Fernsehen und im Internet Verhalten und Aktionen von zumeist gestörten Erwachsenen und eignen sich die ihrer Meinung nach coolsten unter ihnen an, damit sie selbst als etwas Besseres in ihrem Freundeskreis gelten. Im Kindes- und Jugendalter will schliesslich jeder der Beste und Grösste sein, der von den anderen bewundert wird. Bei Mädchen und Jungen! Wie anders lassen sich derartige Übergriffe erklären, dass noch strafunmündige Mädchen zu dritt oder viert auf ein gleichaltes oder jüngeres Mädchen losgehen, sie krankenhausreif schlagen und das davon gedrehte Video in’s Internet stellen? Oder mehrere männliche Jugendliche auf einen älteren Mann einschlagen und -treten, weil der meinte, dass sie sich in der U-Bahn etwas vernünftiger aufführen sollen.
Den Beginn nahm hier meist die Sprache: Psychologen, Psychotherapeuten und auch Neurologen warnen vor dem Ton in der Politik und den Medien. Wird dort ganz unverblümt von “Erschiessen” oder “Flüchtlingsflut” gesprochen, so assoziieren die Kinder damit Lebensgefahr. Durch die zusätzliche zügellose Hetzerei im Internet (v.a. in den Social Medias), wird all das noch verstärkt. Schon in der Grundschule, mit 8-9 Jahren sind “Spasti”, “Hure” oder “Asylant” v.a. gegenüber andersdenkenden Menschen, wie Flüchtlingen, Ausländern im Allgemeinen oder auch nur schüchternen Mitschülern nichts aussergewöhnliches. Immer mehr auch gegenüber den Pädagogen! Hört ein Jugendlicher, dass das Draufhauen die einzige Lösung ist, dann wird er es auch machen. Bedenken ob des Ausmaßes und der Strafen werden erst gar nicht in Erwägung gezogen. Für was hat man denn die “Grufties” (Eltern) – die sollen das wieder ausbügeln!

“Wenn rund jedes fünfte Kind bei seiner Einschulung unter Spracharmut leider, entwickelt sich der Wortschatz dieser Schüler durch schlechte Vorbilder obendrein auch noch in die falsche Richtung!”

(VBE-Sprecher Michael Gomolzig)

In der Pädagogik ist eine Tatsache unumstritten: Die Schule ist der Spiegel der Gesellschaft. Hält dort eine Sprache Einzug, die hier keineswegs sein dürfte, so kann sich wohl jeder ausmalen, was dies für die Zukunft bedeutet. Schliesslich sind die Kinder von heute die Gesellschaft von morgen. Mir schaudert davor, dass viele die Kurve nicht mehr kriegen; jenen Punkt, an dem dieser “inflationäre Gebrauch von Kraftausdrücken”, durch den sich Pubertierende von den Erwachsenen abgrenzen wollen, in die normalen gesellschaftlichen Umgangsformen übergehen sollten. Schon heute nehmen Unternehmen keine Lehrlinge mehr auf, da sie den künftigen Mitarbeitern nicht erst Benimmregeln beibringen möchten, was partout nicht deren Aufgabe ist. Zu einem grossen Teil übrigens auch nicht jene der Lehrer. Beide sollen vornehmlich Wissen vermitteln. Für das Benehmen ist das Elternhaus verantwortlich. Wird dort nicht dafür gesorgt, dass aus dem Jugendlichen ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft wird, ist dessen Weg meist vorbestimmt. Deshalb möchte der BLLV in einen gemeinsamen Dialog mit den Schülern und deren Eltern treten. Doch machen da viele Eltern erst gar nicht mit.
Was sich daraus entwickeln kann? In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals auf jene Frau zurückkommen, die während der Brexit-Diskussion bei einer britischen Radiostation angerufen hatte und zu Tränen aufgelöst meinte, dass sie als “scheiß Ausländerin” beschimpft wurde und sie sich gefälligst wieder nach Deutschland vertschüssen soll. Sie war vor zig Jahren wegen ihres inzwischen verstorbenen Mannes nach Grossbritannien gezogen; in Deutschland habe sie doch niemanden mehr! Oder der Emmigrant, der in der U-Bahn von Jugendlichen wüstest beschimpft wurde, der aber seit weitaus längerer Zeit einen britischen Pass hatte als irgendeiner der Radikalisten. Gegen längst eingebürgerte Polen werden Morddrohungen ausgesprochen,… In Grossbritannien ist der Unterschied zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum weitaus grösser als hierzulande. Da zieht der Vater beim Abendessen über die deutsche Bundeskanzlerin Merkel her. Schon sind für die beiden Jugendlichen der Familie alle Deutsche “Wixer”!
Neurologisch gesehen bewirkt eine derartige Hasssprache, gespickt mit Beleidigungen oder Demütigungen, zuerst einen Schmerz im Gehirn, dann werden Aggressionen freigesetzt. Wüste Beschimpfungen über das Internet zeugen von einer mehr als bedenklichen Kinderstube. Früher fuhren einem die Eltern oder Grosseltern über den Mund, wenn sich ein Kind diese Vulgärsprache aneignete.

“Meine Oma hat damals in meiner Gegenwart den Begriff ‘Gulasch’ vermieden und durch ‘Gulpopo’ ersetzt, um weniger vulgär zu klingen.”
(Ein Kommentar zu einem Beitrag des WDR)

Heute wird es toleriert oder gar durch die Eltern als Vorbild weitergegeben. Im Gesetz gibt es nicht umsonst die Straftatbestände der üblen Nachrede, Drohung, Nötigung, etc. Hier ist zusehends mehr Justitia gefordert. Wie im Falle jenes Öberbürgermeisters aus Baden Württemberg, dem es reichte und mehr als 15 Hassmails und Postings zur Anzeige gebracht hat. Doch sind es meist die Anhänger ausgerechnet jener, die sofort ihren Anwalt anrufen, sobald auch nur der Hauch einer erfolgreichen Klage wahrnehmbar ist, die Hassmails, Postings etc. verfassen.
Leider finden wir dies in unseren Breitengraden ebenfalls immer öfter. Politiker, Polizisten, Sanitäter – noch nie zuvor wurden so viele davon derart zügellos beschimpft wie in der Gegenwart – ob direkt verbal oder online. Vom Respekt vor Autoritäten ist bei immer mehr Menschen immer weniger zu spüren. Als Vorbild allerdings agiert zumeist, ganz nach dem Motto “Die Geister, die ich rief…”, die Politik. Donald Trump führte den wohl schmutzigsten Wahlkampf in der US-amerikanischen Geschichte. Persönliche Beleidigungen, haltlose Beschuldigungen, Angriffe gegen Meinungsbildner – seine Reden strotzten geradezu mit Leihgaben aus der Gosse – genau von dort stammt kein einziger Vertreter seines Kabinetts! Er wird im Januar zum Präsident der Vereinigten Staaten angelobt. Viele seiner Wahlkampfhelfer sind nun in einer Mission für die rechtspopulistischen Parteien in Europa unterwegs. Ob nun Front National, AfD oder auch FPÖ – nachdem dieser “sprachliche Extremismus” (Angela Merkel), der österreichische Bundeskanzler Christian Kern spricht von einer “Rhetorik der Härte”, in den USA Erfolg hatte, wird’s auch in Good old Europe funktionieren. Stammtischparolen werden plötzlich in die Mikrophone geplärrt und verteilen sich millionenfach in den Social Medias. Sprachwissenschaftler haben inzwischen nachgewiesen, wie solche rechtspopulistische Demagogie funktioniert: Man greife etwas aus der untersten sozialen Schicht auf, verstärke dies noch und werfe es schliesslich den Wölfen zu Frass vor. Sobald eine Diskussion entbrannt ist und Stürme der Entrüstung toben, nimmt man die getätigte Meinung zumindest zur Hälfte wieder zurück, mit den Worten:

“So habe ich das gar nicht gemeint. Das hat die Lügenpresse komplett anders dargestellt!”

So ähnlich etwa die Schiessbefehl-Äusserung der AfD-Chefin Frauke Petry, die Nazi-Sager so mancher Freiheitlichen aus Österreich und dergleichen mehr. Immer mehr nehmen sich auch ansonsten als integer geltende Politiker dieser Formeln an. Horst Seehofer (Ministerpräsident aus Bayern), Alexander van der Bellen (designierter österreichischer Bundespräsident) sind nur zwei Beispiele dafür. Teilweise absichtlich überspitzt formulierte Sager wie “fussballspielender, ministrierender Senegalese” (der Generalsekretär der CSU Andreas Scheuer) oder “… dann reiss ich ihnen die Ohrwascheln ab” (Wiens SP-Bürgermeister Michael Häupl) stehen in einer Linie mit Sagern wie “niemand will ihn als Nachbarn!” (AfD-Vize-Chef Alexander Gauland) oder die “Erd- und Höhlenmenschen” vom FP-Vorsitzenden aus Niederösterreich Christian Höbart. Dass übrigens der Häupl-Ausrutscher eigentlich gar keiner war, schliesslich lautet der ganze Satz “Wenn Sie ihre Tochter nicht in die Schule lassen, dann reiß ich Ihnen die Ohrwascheln ab.” – das wird in den meisten Fällen überhört! Auch das Wort “Asylantenflut” äussert sich durch Angst vor dem eigenen Untergang und ist damit mehr als negativ besetzt. Zudem äusserst bedenklich, werden doch Menschen in Not mit einer zumeist tödlichen Naturkatastrophe gleichgesetzt! In der Befürchtung, dass die bislang diplomatischen Volksvertreter ansonsten Wähler verlieren könnten oder gar nicht gehört werden, eignen sie sich derartige Verbalattacken an. Ein wohlwollendes Grinsen etwa wurde mir beim Anblick jener Bilder entlockt, die uns im Rahmen der Pressefreiheit-Demonstrationen aus Warschau erreichten: Die gesamte Opposition stand im blockierten Parlament auf und reihte sich in der Sprechchor der Demonstranten auf der Strasse ein. Eine Aktion, wie sie ansonsten durchwegs von den Rechtspopulisten selbst abgehalten wird. Doch diesmal musste sich die rechtskonservative Regierung der Prawo i Sprawiedliwość (PiS) dies anhören. Gleiches auch in einem ZiB 2-Interview in der vergangenen Woche mit dem Chef der österreichischen Freiheitlichen, H.C. Strache. Dieser ist bekannt dafür, dass er noch im Rahmen des “guten Tones” spricht. Doch hier verliess er ihn fast und ging offenbar nur haarscharf am Aussageverhalten so mancher dafür bekannten, rechtspopulistischen Demagogen vorbei. Hatte ihn Interviewer Tarek Leitner aus der Reserve gelockt?

“Wir erleben eine Aggressivität, eine Sprache des Hasses, der Geringschätzung und Diskriminierung, persönliche Beleidigungen, bewusste Kränkungen und Ausgrenzung in Wort und Handeln.”
( Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des VBE)

Offenbar geht es nicht mehr anders: Den Gegner mit seinen eigenen Waffen schlagen! Doch: Ist dieser eingeschlagene Weg auch der Weg zum richtigen Ziel? Und damit wieder zurück zum Zitat der Frau Fleischmann, dass die Sprache direkt zum Handeln führt! Radikalisierung, Brutalität imd Spaltung – all das glaubten wir überwunden zu haben. Jetzt kommt es wie ein Boomerang wieder zurück. Wird nichts dagegen getan, kann man gleich zurück zum Duschen und Umziehen in die Kabine gehen und das Spielfeld den anderen überlassen.
Oder – wir sehen es wie die vielen Sprachforscher, die hierin eine Chance sehen: Jede Community habe ihren eigenen Stil – dadurch wird die Sprache differenzierter! Wirklich? Denn damit muss jeder, der eine solche Community verlassen will, erstmal eine neue Sprache erlernen!

Lesetipps:

.) Geht die Sprache vor die Hündinnen?; Andrea Doleys; VDM Verlag 2009
.) Handbuch Sprache und Bewegung; Renate Zimmer; Herder 2016
.) Das kulturelle Bedürfnis nach der anderen Sprache; Annelore Mayer; Praesens 2006
.) Manipulation – Persuasion – Sprache; Hans D. Fischer; Academia Verlag GmbH 1995

Links:

bllv.de
www.vbe.de
www.news4teachers.de
www.sprachforschung.org/
www.germanistik.uni-bonn.de
www.sprachforschung.uni-wuppertal.de
www.dphv.de
www.mpg.de
www.degruyter.com

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Die gekaufte Weihnacht’

Nachdem ich in den letzten Jahren immer wieder zu Weihnachten alte Bräuche habe hochleben lassen, möchte ich heuer das Fest der Feste von einer anderen Seite betrachten – als Fest des rollenden Rubels, des schnöden Mammons, das weit an den Vorstellungen des Christentums vorbeigeht (soweit zu den christlichen Werten!!!)! Auf die Idee brachte mich ein TV-Beitrag über den Weihnachtszauber am Karer See in Südtirol. Ein kleiner Christkindles-Markt, vollständig naturbelassen inmitten einer herrlichen Landschaft mit durchwegs regionalen Anbietern und Produkten. Ein richtiggehendes: “Zurück zum Ursprung”! Ohne Dauerbedröhnung mit Mariah Carey’s “All I want for Christmas is you” oder Elvis Presleys “Blue Christmas”, ohne Waren Made in Fernost und ohne täglichem Glühweinbesäufnis.
Weihnachten ist sinngemäss ein Fest der Freude, schliesslich wurde in Bethlehem das kleine Christuskind geboren. In einem Stall unter mehr als ärmlichen Verhältnissen. Die Geschenke brachten erst später die drei Könige aus dem Morgenland mit: Gold, Myrrhe und Weihrauch! Wie auch heute noch beispielsweise in Spanien. So steht es seit nahezu zwei Jahrtausenden geschrieben. Die neueste Playstation, das I-Phone 24,27 oder der 2342k-Diamantring finden im Heiligen Buch von heute keine Erwähnung. Klar – kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Doch: Muss ich mich tatsächlich jedes Jahr finanziell dermassen verausgaben um diese Freundschaften zu pflegen? Eine Studie von paysafecard.com besagt, dass heuer jede(r) Österreicher/-in 372,- € für Weihnachtsgeschenke ausgibt, die Eidgenossen gar 380,- €, die Deutschen hingegen nur 291,- € pro Kopf. Ausgerechnet in deutschen Landen am wenigsten, wo dort doch der Wirtschaftsmotor brummt!? In Grossbritannien übrigens – zum Vergleich – sind es umgerechnet 452,- € – steht das irgendwie mit dem Brexit in Zusammenhang??? Lieber Herr Gesangsverein – da muss ein Kartoffelbauer aber viele Erdfrüchtchen für ernten, um diese Summe zu erhalten. Hinzu kommen die zusätzlichen Annehmlichkeiten, die man sich nun mal zu dieser Zeit des Jahres gönnt: Die Fahrt in’s Elternhaus, das gute Essen und Trinken und der eine oder andere Besuch des Christkindles-Marktes.
Apropos – der wohl bekannteste Christkindlesmarkt in Nürnberg lockt pro Tag rund 150 Reisebusse und insgesamt weit über zwei Millionen Menschen aus allen Teilen der Welt an. Neben den vielen Besonderheiten und Wundersamkeiten, wie das vielseitige und hochwertige Warenangebot an den Ständen, der benachbarte “Markt der Partnerstädte”, das historische Weihnachtspostamt und nicht zuletzt die Rundfahrten mit der historischen Postkutsche (um den Markt!) beschreibt die Nürnberg-Info das Aussergewöhnliche mit folgenden Worten:

“Es ist seine einzigartige Atmosphäre, die sich in Worten nur schwer beschreiben lässt. Das ‘Städtlein aus Holz und Tuch’ auf dem Hauptmarkt, direkt im Herzen der Altstadt, muss man erlebt haben. Eingebettet zwischen Schönem Brunnen und Frauenkirche bietet die Budenstadt ein Flair, dass individuell betrachtet, wirklich seinesgleichen sucht.”

Aaaah ja! Da fährt der Besucher über hunderte von Kilometern, um sich alsdann vor der ersten Bude stehend von den Massen durch den Markt schieben zu lassen. Mit viel Glück steht dann auch noch das Christkindle oben am Balkon und es konnte im Vorbeifluss noch eine Tasse Glühwein oder Punsch ergattert werden. Ein Foto – nein das geht bei diesem Gedränge und Geschubse nicht. Und die leere Tasse zurückgeben, unmöglich, schliesslich wartet der Bus! Nach jeder Runde erkämpft sich der Besucher einen Platz in einer Reihe weiter aussen, sodass er sich nach sieben bis achten Runden dem Sog entziehen kann und endlich wieder freikomnmt aus dem Getümmel. Deshalb ein heisser Tipp für diese grossen Märkte: Planen Sie Ihren Abstecher für die Abendstunden ein, wenn die Busse bereits wieder auf der Fahrt zurücl sind. Der Nürnberger Christkindle-Markt eröffnet jedes Jahr am Freitag vor dem 1. Advent. Weltbekannt ist der Prolog des Christkindles:

„Ihr Herrn und Fraun, die Ihr einst Kinder wart,
Ihr Kleinen, am Beginn der Lebensfahrt,
ein jeder, der sich heute freut und morgen wieder plagt:
Hört alle zu, was Euch das Christkind sagt!“

Der Markt findet erstmals im Jahre 1628 auf einer Spanschachtel aus Nadel-Holz Erwähnung. Rund 180 Buden lassen so manchen in’s Schwärmen geraten. Dabei stimmt natürlich auch die Kasse! Reden wir kurz Tacheles? Jeder Besucher gibt pro Tag im Schnitt 28,- € aus, der Umsatz- und Kaufkraftzufluss beläuft sich auf rund 130 Mio Euro, der sog. Einkommenseffekt liegt bei zirka 58 Mio Euro (Zahlen: Presse- und Informationsamt der Stadt Nürnberg). Somit also ein durchaus gewichtiger Imagefaktor für das Standort-Marketing!!! Ach ja – hinzu kommen zudem noch die unzähligen Knöllchen der Polizei: Falschparken, Trunkenheit am Steuer,… 2006 bestand das Produkt-Angebot zu 25 % aus Weihnachtsartikeln, 26 % weihnachtliche Back- und Süßwaren, 31 % Spielzeug, handwerkliche Erzeugnisse, Bücher etc. und zu 18 % aus Speisen und Getränken. Angeblich alles aus der Region – heuer gar mit besonderem Vermerk auf Nachhaltigkeit und Bio! Und wenn es schneit oder kalt ist, dann wird auch viel Glühwein getrunken – und das ist wahrhaft ein Millionengeschäft: 64 % der Weihnachtsmarkt-Besucher Deutschlands gaben 2014 an, das eine oder andere Tässchen geschlürft zu haben. 50 Millionen Liter gehen jedes Jahr im Advent über den Tresen – alleine 10 Mio vom Marktführer Gerstacker aus Nürnberg. Heuer kostet die Tasse des begehrten Heissgetränkes in Nürnberg 3,- € (am grössten Weihnachtsmarkt Deutschlands, am Kölner Heumarkt 4,- €; Quelle: Sparwelt-Magazin)!
Im wohl schönsten Christkindlmarkt Österreichs, in Salzburg Stadt/St. Peter, zahlte man bereits 2008 3,40 € für die 0,2 Liter. Jährlich strömen bis zu 1 Mio Menschen vornehmlich auf den Salzburger Dom- und Residenzplatz, um sich diesen Weihnachtstraum nicht entgehen zu lassen. 96 Christkindl-Hütten und rund 400 Beschäftigte sorgen dabei für eine Wertschöpfung von nicht weniger als 60 Mio € (inklusive der auch rund 230.000 Übernachtungen zu dieser Zeit). Ob die Verantwortlichen dermassen an den Umsatz gedacht haben, als der Markt angeblich 1491 seine Tore erstmals öffnete??? Rund 90 Kultur- und Brauchtumsveranstaltungen sorgen zudem für die Pflege des Brauchtums – oder ist dies nur für die auswärtigen Besucher gedacht??? Auch in der Mozartstadt wird die regionale Handwerksqualität als wichtigstes Qualitätszeichen gesehen.

“Der Salzburger Christkindlmarkt am Dom- und Residenzplatz ist für die Stadt Salzburg ein weltweiter Sympathieträger. Vor allem die hochwertige Handwerkskunst ist bei den heimischen und internationalen Gästen sehr begehrt.”
(DI Harald Preuner, Vizebürgermeister der Stadt Salzburg)

Der US-amerikanische TV-Sender CNN nennt Salzburg in einer Reihe mit New York, Barcelona, Rovaniemi, Honululu und Reykjavik bei den vorweihnachtlichen Destinationen.
Der Glühwein ist erstmals übrigens beschrieben in einem 2000 Jahre alten Rezeptbuch der Römer. Offenbar sehr beliebt, wurde er neben den bekannten Gewürzen mit Honig gesüsst. Daneben waren auch Lorbeerblätter, Koriander und Thymian enthalten (Rezept nach einem Kochbuch von Marcus Gaviius Apicius – 1. Jhdt. n. Chr.). Dieser Gewürzwein wurde allerdings zumeist kalt getrunken. Vorsicht übrigens ist mit sehr süssen seiner Sorte geboten – mit dem Zucker wird häufig über die schlechte Qualität des Weines hinwegkaschiert. Das sorgt für den schweren Kopf am nächsten Morgen und das eine oder andere Pfund mehr auf den weihnachtlichen Hüften.
Beim grössten schweizerischen Weihnachts- und Christchindli-Märt in Bremgarten sorgen nicht weniger als 320 Marktstände dafür, dass jeder Wunsch erfüllt wird. Wenn auch – wie in der Schweiz ohnehin üblich – wesentlich exklusiver als an anderen Orten.

“Lassen Sie sich verzaubern von der wundervollen Atmosphäre dieses einmaligen Marktes in unserer wundervollen Stadt. Das Organisationskomitee, die vielen Helfer, die Künstler und Aussteller sowie die ganze Stadt haben sich grösste Mühe gegeben, den diesjährigen Markt noch schöner, noch vielfältiger und noch eindrucksvoller zu gestalten.”
(Stadtammann Raymond Tellenbach)

Auch hier wird mit der regionalen Handwerkskunst geworben – doch begleiten zudem viele Kulturveranstaltungen das weihnachtliche Markttreiben (interessant ist, dass hier von Kultur und nicht unmittelbar vom Brauchtum die Rede ist!). Jedoch unterscheidet sich dieser Markt auch ansonsten von seinen Kolleginnen und Kollegen auf dieser Welt: Er findet nur in den ersten vier Tagen des Dezembers statt. Während die vielen anderen inzwischen meist sogar bis nach dem heiligen Fest andauern. Über 100.000 Menschen besuchten auch heuer wieder den Märt – 2015 wurden 5.500 Liter Glühwein verkauft – zum Preis schweigt sich der Schweizer aus. Schliesslich kommen die Einnahmen den Vereinen zugute. Im Vergleich dazu: In Zürich werden pro Tag 2.500 Liter verkauft – die Tasse beim Testsieger 2015 am Werdmühleplatz zu 6,- CHF (umgerechnet 5,58 €). Fakt aber ist, dass das Handwerk schon sehr bald vom Markt in Bremgarten verschwunden sein wird, da die Standpreise zuletzt eklatant erhöht wurden. Na ja – wird der deutsche Familienvater eben in der Schweiz tief in die Geldtasche greifen, wenn er dort Produkte kauft, die er zuhause günstiger bekommen hätte, da: Made in Germany!
Nicht, dass Sie mich nun falsch verstehen – es ist etwas tolles, nach der Arbeit mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen auf eine Tasse Glühwein zu gehen oder mit der Familie den Turmbläsern zu lauschen. Doch tendieren immer mehr Märkte zum Umsatz-Grössenwahn. Insgesamt besuchten zwischen Flensburg und Berchtesgaden anno 2014 270 Millionen Menschen die Weihnachts- und Christkindles-Märkte und sorgten für Gesamteinnahmen von nicht weniger als 2,5 Milliarden Euro. Soweit das Resultat einer internationalen Studie von RetailMeNot.de. Im Vergleich dazu waren es im Alpenstaat 21 Millionen Besucher mit einem Gesamtumsatz von 297 Mio € (Zahlen aus 2013). Eine millionenschwere Geselligkeit! Und es kommt noch viel schlimmer: Nach einer repräsentativen Umfrage der Marktforscher von GfK in Nürnberg feiern 17,6 % der Befragten Weihnachten nurmehr zuliebe der Kinder und Enkel. 71,6 % sind der Meinung, das Weihnachtsfest habe seine religiöse Bedeutung verloren. Stellt sich mir die Frage: Weshalb tun so wenige etwas dagegen? Lässt alte Bräuche auch zuhause wieder aufleben, lest mit den Kindern aus der Bibel, singt Adventslieder, … In dieser Studie im Auftrag der “Apotheken Umschau” wurden 1015 Personen (älter als 14) befragt
Deshalb hier noch etwas Geschichte – nachzulesen auch in den Brauchtum-Blogs zu Weihnachten in den vorhergehenden Jahren. Ebenso wie der Adventskranz und der Christbaum ist auch das Christkind eine evangelische Erfindung. 1545 liess erstmals der Reformator Martin Luther seine Kinder vom Christkind beschenken. Zuvor war es der Heilige Nikolaus. Freuten sich die Kinder damaliger Zeiten noch über Bratäpfel, Nüsse und Mandeln, über Plätzchen (Kekse) und Weihnachtsstollen oder Früchtebrot, so müssen es heute grosse und immer teurere Geschenke sein. Bescheidenheit und Demut? Wohl fehl am Platz. Stand früher der feierlich geschmückte Christbaum und das Essen mit der ganzen Familie im Mittelpunkt, so ist es heute die Bescherung und das Auspacken, das Ausprobieren und Vergleichen der Geschenke. Für viele bleibt gar nicht mal mehr die Zeit, sich auf das anschliessende Essen im Kreise der ganzen Familie zu konzentrieren. Weihnacht’, wie es früher mal war – nun ja, das wird offenbar nurmehr dort gefeiert, wo man dem Christentum nicht viel Wert zollt: In den Staaten der Dritten Welt! Gibt es dort etwa die besseren Christen als in unseren Breiten, wo die weihnachtliche Andacht und der Advent, der früher zudem Fastenzeit war, der Geschenke- und Geschäftemacherei gewichen ist??? Lebkuchen oder sonstige Weihnachtsbäckerei interessiert zu Weihnachten niemanden mehr, gibt’s das doch bereits im Oktober im Supermarkt zu kaufen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als die ersten selbstgebackenen Kekse am Heiligen Abend ausgegeben wurden. Ein besonderer Höhepunkt neben dem Klingeln des Glöckleins durch das Christkind. Aus der andächtigsten, der stillsten Zeit des Jahres ist die hektischste Zeit des Jahres geworden. Und die meiste Last wird dabei auf den Müttern abgeladen: Hausputz, Backen, Geschenke besorgen und schliesslich stundenlang in der Küche stehen und kochen. Die Väter hingegen haben sich einmal mehr hemmungslos dem Lux-Wettkampf mit dem Nachbarn ergeben. Früher war es die Kerzie im Küchenfenster – heute kilometerlange LED-Ketten. Und das mit dem Christbaum – dermassen beladen, dass vom Baum selbst nichts mehr zu sehen ist. Dafür wurde er abgehackt! Alsdann war da noch ein Song, der als Ohrwurm über knapp einen Monat allerorts zu hören ist: “Last Christmas, I gave you my heart, but the very next day, you gave it away”. Wie wär’s denn mit etwas Ehrlichem, wie “Es wird scho glei dumper, es wird scho glei Nacht” oder anderem aus unserer immer wieder dermassen hochgehaltenen Wertegesellschaft???
Ich dachte immer, hinter dem Geist der Weihnacht’ steckt etwas anderes: Liebe, Besinnlickeit und die Gemeinschaft der Familie! Wäre es da nicht sinnvoller, diese Feierlichkeiten um des Feierns willen wieder auf den Jahreswechsel oder gar auf Dreikönig zu verschieben – so wie es in früheren Zeiten war, damit für den ursprünglichen Sinn von Weihnachten etwas mehr Platz bleibt???!!!

PS: Klar – auch ich war mal Kind und freute mich zu Weihnachten vor allem auf die Geschenke. Doch war mir nicht bewusst, dass sich dafür meine Eltern abschuften mussten! Bringt ja eh das Christkind! Hier liegt meines Erachtens das Übel heutiger Zeit – in der Erziehung! Nicht in der unerschöpflichen Umsatz-Gier der Konzerne, die diesen Umstand nur ausnutzen. Zeit füreinander zu haben ist doch viel wertvoller als jedes noch so teure Geschenk. Viele Kinder wünschen sich dies auch: Mama und Papa sollten mehr Zeit für sie haben!

PPS: Vielen Dank an das Presse- und Informationsamt der Stadt Nürnberg, das als einzige angeschriebene Stelle Rede und Antwort stand. Alles andere musste ich muehsamst recherchieren!

Links:

www.christkindlesmarkt.de
www.christkindlmarkt.co.at/
www.weihnachtsmarkt.ch/

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Nicht alle über einen Kamm scheren

Es war eines der wohl dunkelsten Kapitel in der deutsch-österreichischen Geschichte – das schrecklichste jedenfalls des 20. Jahrhunderts. Die Herrschaft der Nationalsozialisten und der daraus resultierende Zweite Weltkrieg. Doch leider wird auch heute noch der Fehler begangen, dass alle in einen Topf geworfen werden. Schliesslich hat das deutsche Volk die Schreckensherrschaft nicht verhindert (die Nazis waren demokratisch gewählt) und die Wehrmacht war neben der SS Hitler’s Speerspitze. Sie folgte ihm auf ihren Führereid! Stimmt nicht so ganz – es gab viele Gegner, Wehrdienstverweigerer, Desserteure und gedrillte Soldaten, die das Treiben der Nazi-Schergen partout nicht gut hiessen. Damit herzlich willkommen in einem History-Blog!!!
Zu Beginn möchte ich gleich mit den beiden wohl bekanntesten Offizieren anfangen, deren Namen auch heute noch mit Respekt ausgesprochen werden: Generalfeldmarschall Erwin Eugen Rommel und Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
Rommel leitete den Feldzug in Nordafrika. Die NS-Propaganda baute rund um ihn einen Mythos auf. Als Sohn einer Arbeiterfamilie soll er eines der ersten Mitglieder der NSDAP gewesen sein. Rommel sollte zum Vorzeige-Nazi werden. Tatsächlich stammte er aus einer Oberschullehrer-Familie – er beschwerte sich schon damals über die erfundene Vita. Die NS-Propaganda-Maschinerie lief während des Feldzuges in Nordafrika auf dem Höhepunkt um damit die Niederlagen im Osten kaschieren zu können – aus Rommel wurde “Der Wüstenfuchs”, dessen blosse Erwähnung seinen Gegnern einen eiskalten Schauer über den Rücken trieb. Seine militärische Laufbahn begann im Jahr 1910, als er in die Württembergische Armee eintrat. Damals lehnten ihn die Pioniere und die Artillerie ab – also musste er zur Infanterie, zum Fussvolk. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er im Raum Longuyon, westlich von Verdun. Nach verschiedenen Auszeichnungen wurde er an die rumänische und schliesslich an die Isonzo-Front versetzt. Nach den unterschiedlichsten militärischen Funktionen unterrichtete der Major bis September 1933 an der Infanterieschule in der Dresdner Albenstadt. Als 1935 aus der Reichswehr die Wehrmacht wurde und Adolf Hitler die Revision des Versailler Vertrages forderte, reagierte Rommel als Soldat erfreut, da dem Militär wieder eine grössere Rolle zukam. Probleme hatte er jedoch mit der damaligen Stellung der SA. Schliesslich landete der Heidenheimer als Kommandeur im Führerbegleitkommando. Dort war er federführend beim Anschluss Österreichs und dem Einmarsch im Sudeten- und Memelland beteiligt. Im März 1939 schliesslich ernannte ihn Hitler zum Kommandant des Führerhauptquartiers. Zuerst im Polen-, dann auch im Frankreich-Feldzug leitete er etwas später die sog. “Gespenster-Division”, eine Panzer-Division, die beim Gegner aufgrund seiner Unvorhersehbarkeit gefürchtet war. Nachdem die italienische 10. Armee im September 1940 nach einer Offensive gegen das mit den Briten verbündete Ägypten zerbrach, schickte Hitler im Januar 1941 seinen besten Mann den Truppen Mussolinis zu Hilfe. Dort erzielte er nur mit der 5. Leichten Division enorme Gebietserfolge, da die Briten auf das deutsche schwere Gerät warteten. Immer dabei die Rommel von Propagandaminister Goebbels geschenkte Kamera. Seine Fotos verstärkten noch zusehends den Mythos. Nachdem der Wüstenfuchs zu rasch vorgestossen war und die Wehrmacht mit dem Nachschub an der Ostfront zu tun hatte, gab es Probleme in Nordafrika. Trotzdem konnte der General mit seinen Truppen am 21. Juni 1942 die von den Briten gehaltene Stadt Tobruk erobern, worauf er zum Generalfeldmarschall ernannt wurde – mit 51 Jahre der Jüngste in diesem Rang. Als General Montgomery am 23. Oktober eine grosse Gegenoffensive der Aliierten startete, widersetzte sich Rommel dem Durchhaltebefehl Hitlers und zog sich mit seinen Truppen nach Tunesien zurück. Im März wurde er aus Afrika zurückbeordert – das in der Bevölkerung so verehrte Idol sollte nicht mit einer Niederlage in Afrika in Verbindung gebracht werden. Zwei Monate später musste das Afrika-Korps kapitulieren. Nach der vom Wüstenfuchs geleiteten Besetzung Italiens, im Anschluss an die Absetzung Mussolinis, musste Rommel den Atlantik-Wall in Frankreich ausbauen. Nach Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vorgesetzten, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt zur alliierten Invasion und seiner Einschätzung der Lage (Niederlage Deutschlands) wurde Rommel bei einem Tieffliegerangriff schwer verwundet. Der Generalfeldmarschall sollte für den Widerstand gewonnen werden. Zudem wurde ihm eine Beteiligung am Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 nachgesagt. Am 14. Oktober 1944 holten Hitler’s Chefadjudant, Gemeral Wilhelm Burgdorf, und der Chef für Ehrenangelegenheiten, General Ernst Maisel, den angeschlagenen Militär ab. Noch im Auto an der Ortsgrenze von Herrlingen wurde ihm eine Zyankali-Kapsel gegeben. Ansonsten hätte sich Rommel vor dem Volksgerichtshof verantworten müssen – ein Schauprozess, den er mit Pauken und Trompeten verloren hätte – wie damals üblich. Offiziell wurde der Bevölkerung berichtet, dass er seinen Verletzungen, die er bei einem Autounfall in der Normandie erlitten habe, erlegen sei. Von den Verletzungen in Folge eines Tieffliegerangriffs war nichts zu lesen!
Über sein Naheverhältnis zu Hitler und der NSDAP herrscht heute noch Unklarheit. Allerdings vermuten sehr viele, dass Rommel, der niemals Parteimitglied war, die Strukturen für seinen raschen Aufstieg nutzte. Der Württemberger war v.a. eines: Ein Soldat. Rommel galt als Hitler’s Lieblingsgeneral. Beide respektierten einander, Der Generalfeldmarschall erwies sich Hitler gegenüber als sehr loyal und gehorsam. Erst der Durchhaltebefehl in Nordafrika und schliesslich die Vorhersage Rommels, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden könnte, führten zu nicht mehr korrigierbaren Spannungen. Politisch wird der ansonsten immer wieder militärisch sehr gewiefte Taktiker als “naiv” dargestellt. Sein Eid als Soldat versagte ihm eine politische Äusserung, so das Selbstverständnis der Generalfeldmarschalls. Seine Witwe veröffentlichte im Jahr 1950 die Kriegsaufzeichnungen ihres Mannes (“Krieg ohne Hass”), die klarstellen sollten, dass sich Ihr Mann stets aus der Politik herausgehalten haben soll.

“Er war während seiner ganzen Laufbahn immer Soldat und nie Politiker.”

(Lucie Maria Rommel)

Das NS-Idol Generalfeldmarschall Erwin Rommel war also eine durchaus gelungene Erfindung von Propagandaminister Goebbels. Rommel nutzte nur die Türchen, die sich ihm dadurch auftaten. Generalfeldmarschall Erwin Rommel steht – trotz all der Machenschaften vieler seiner Offizierskameraden und obwohl er Hitler näher stand als manch anderer – für eine saubere Wehrmacht. Dem bedingungslos ergebenen Soldatentum! Noch Jahrzehnte nach Kriegsende versammelten sich an Rommels Todestag Soldaten beider Seiten des Afrika-Krieges am Grabmal Rommels in Herrlingen.
Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg verkörpert hingegen den militärischen Widerstand gegen Adolf Hitler. Obwohl sich Oberst von Stauffenberg sehr intensiv mit dem Nationalsozialismus und seinen revisionistischen Aspekten befasste, zudem auch ein glühender Patriot und Nationalist war, versuchte er mit der “Operation Walküre” dem nationalsozialistischen Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Als Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres platzierte er im Führerhauptquartier Wolfsschanze am 20. Juli 1944 eine Bombe. Adolf Hitler wurde dabei aber nur leicht verletzt. Nachdem das Attentat misslungen war, folgte auf Befehl von Generaloberst Friedrich Fromm noch in derselben Nacht die standrechtliche Erschiessung von Stauffenbergs. Sein Vater übrigens, Alfred Schenk Graf von Stauffenberg war Oberhofmarschall beim letzten König von Württemberg, Wilhelm II. Zum Widerstand kam von Stauffenberg durch seinen Onkel mütterlicherseits, Nikolaus Graf von Üxküll-Gyllenband, einem Urenkel von Generalfeldmarschall August Neidhart von Gneisenau. Dieser war im Ersten Weltkrieg Hauptmann im k.u.k. Generalstabskorps in Österreich. 1918 verliess er die Armee im Range eines Oberstleutnants. Auch er wurde nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 13. September 1944 am Volksgerichtshof unter Roland Freisler schuldig gesprochen und einen Tag später erhängt. Beide Männer entstammen Adelsfamilien mit militärischer Tradition. Weitere aktive und ehemalige Militärs wurden ebenfalls in den nächsten Wochen und Monaten hingerichtet. Unter Ihnen auch der ehemalige Stabschef der Armeekorps von Frankreich, Norwegen und Finnland, Generalmajor Heinrich Graf zu Dohna-Schlobitten sowie weitere 19 Generäle, 26 Oberste und zudem zwei Botschafter, sieben Diplomaten, ein Minister, drei Staatssekretäre, der Chef des Reichskriminalpolizeiamtes, mehrere Ober-, Polizei- und Regierungspräsidenten. Exekutiert wurde zudem Armee-Oberbefehlshaber Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, der nach einem geglückte Attentat die Befehlsgewalt über die komplette Wehrmacht erhalten hätte. Er versuchte seit 1937 Hitler zu stürzen.
In einer Radioansprache, zwölf Stunden nach dem Attentat bezeichnete der leicht verletzte Diktator die Attentäter als Mitglieder einer

“ganz kleinen Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherisch dummer Offiziere!”

https://www.youtube.com/watch?v=BxaBDl71Nf0

Doch wurden bereits zehn Jahre zuvor nach dem sog. “Röhm-Putsch” Anfang Juli 1934 viele hochrangige SA- und SS-Funktionäre, Politiker, Oppositionelle aber auch Militärs auf unmittelbaren Befehl Hitlers umgebracht (insgesamt bis zu 200 Menschen). Allerdings gab es damals gar keine Putsch-Pläne – es war vielmehr eine grosse Säuberungswelle innerhalb der NSDAP, der SA und SS sowie der Opposition. Ernst Röhm war als Chef der SA wesentlich an der Machtergreifung der NSDAP beteiligt – er galt als zweiter Mann im Dritten Reich.

“Mit der Peitsche in der Hand betrat Hitler das Schlafzimmer Röhms in der Pension ‚Hanselbauer‘ in Bad Wiessee, hinter sich zwei Kriminalbeamte mit entsicherter Pistole. Er stieß die Worte hervor: ‚Röhm, du bist verhaftet!‘ Verschlafen blickte Röhm aus den Kissen seines Bettes und stammelte: ‚Heil, mein Führer!‘ ‚Du bist verhaftet!‘, brüllte Hitler zum zweiten Male, wandte sich um und ging aus dem Zimmer.”
(Erich Kempka, der Fahrer Hitler’s)

Im Umfeld dieses sog. “Röhm-Putsches” wurden viele, die Adolf Hitler oder seinen Schergen hätten gefährlich werden können, aus dem Weg geräumt. Alle Umstände jedoch sind bis heute noch nicht geklärt! Ein Grossteil der Akten, die mit dieser Operation in Verbindung standen, wurden auf Befehl Hermann Görings vernichtet. Die Justiz durfte in 83 Fällen nicht ermitteln – höchstwahrscheinlich waren die anderen Fälle die durch Stand-(Schein-)gerichte abgeurteilten Hinrichtungen.

https://www.youtube.com/watch?v=Xjzx2j_CY74

In dieser Säuberungsaktion wurde auch General Kurt Ferdinand Friedrich Hermann von Schleicher ermordet. Der Infanteriegeneral absolvierte neben seiner militärischen Karriere auch die unterschiedlichsten Funktionen im Reichswehrministerium, bis er von Anfang Dezember bis Ende Januar 1933 die Position des Reichskanzlers inne hatte, das er nach vielen Intrigenspielen und Ausbootungen (auch seines Gönners Groener und seines Freundes von Papen) erklommen hatte. Er genoss das Vertrauen des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (“Mein junger General”), der mangels einer Alternative auf von Schleicher als Reichskanzler zurückgreifen musste. Schliesslich war der Reichstag nach dem Sieg der NSDAP bei den Wahlen 1932 nicht regierungs-, geschweige denn beschlussfähig. Nur wenig später musste dieser jedoch auf Druck den Sessel für Adolf Hitler freimachen (siehe hierzu auch “Kölner Gespräch” vom 4. Januar 1933 zwischen von Papen und Hitler). Von Schleicher wollte bis zuletzt die Machtergreifung der Nazis verhindern – mit der Auflösung des Reichstages ohne Neuwahlen allerdings stiess er auf die Gegenwehr Hindenburgs. Daraufhin zog er sich am 28. Januar in’s Privatleben zurück und wurde zwei Tage später durch Hitler ersetzt. Auch von Schleicher entstammte einer preussischen Offiziersfamilie. Den Ersten Weltkrieg versah er als Hauptmann im Stab des Generalquartiermeisters. Dort verfasste er während der Schlacht um Verdun eine Denkschrift gegen die übergrossen Gewinne so mancher Industriekreise. Sie machte von Schleicher auch in Politikerkreisen bekannt (“roter Bürogeneral”). Nach dem Krieg unterstützte er den Pakt seines Vorgesetzten Wilhelm Groener mit dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Dieser trennte das Militär vom Staat und sorgte dadurch für Stabilität in der neuen Weimarer Republik. Später jedoch distanzierte sich Schleicher wieder von der SPD. Er werkelte an einem Kabinett Hindenburg ohne SPD-Beteiligung, was jedoch nicht machbar gewesen war. Der Tathergang am 30. Juni 1934 wurde erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bekannt. Demnach erschossen zwei Mitglieder der SS in Zivilbekleidung von Schleicher in dessen Büro seiner Villa in Neubabelsberg. Auch seine Frau fiel den Schüssen zum Opfer. Nach einer Presseaussendung Görings habe das Ehepaar von Schleicher versucht, sich der Verhaftung gewaltsam zu widersetzen. Die Staatsanwaltschaft kam jedoch auf andere Ermittlungserkenntnisse, musste jedoch nach einem Besuch des damaligen Staatssekretärs des preussischen Justizministers, Roland Freisler, und dreier Gestapo-Beamten den Akt schliessen. Der damalige Justizminister hatte die Ermittlungsakte in einer Personalakte versteckt. Hitler betonte gegenüber von Hindenburg, mit dem Mord nichts zu tun zu haben. Hermann Göring schilderte in Internierungshaft nach dem Zweiten Weltkrieg, dass weder eine Verhaftung noch die Erschiessung von Schleichers geplant gewesen war. Die habe nicht in das Konzept Hitler’s gepasst.
Zuletzt noch ein Beispiel aus den unteren Offiziersrängen. Am 11. Juni 1942 wurde Michael Kitzelmann in Orel/Zentralrussland wegen “Wehrkraftzersetzung” hingerichtet. Der aus Dillingen an der Donau stammende Bauernsohn inskribierte im September 1936 an der Theologischen St. Stephan Akademie in Augsburg das dreisemestrige Studium mit dem Ziel Priester zu werden. Im Jahr darauf bewarb er sich zusätzlich an der Lehrerbildungsanstalt in Pasing. Dort wurde er abgelehnt, da er keinem der nationalsozialistischen Verbände beitreten wollte. Seinen Wehrdienst leistete er in der Luitpoldkaserne in Lindau am Bodensee ab – er wollte Offiziersanwärter der Reserve werden. 1938 marschierte er mit der Wehrmacht in Österreich ein, dann begann auch für ihn der Krieg. Der Polen-Überfall war Kitzelmann’s erster Kriegseinsatz. Es folgte Frankreich und der Russland-Feldzug. Dort war er in der Kesselschlacht von Smolensk und zu Beginn auch jener von Leningrad. Für seine Tapferkeit als Kompaniechef erhielt der Leutnant das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse. Bei Hitler’s Vernichtungskrieg und dem Krieg gegen die Partisanen wurde er Zeuge von Greuel- und Schandtaten. In zwei seinen Briefen an die Eltern stand zu lesen:

“Wir sind ein ewig wandernder, raubender Heerhaufen geworden.”

und

“Daheim reißen sie die Kreuze aus den Schulen – hier macht man uns vor, gegen den gottlosen Bolschewismus zu kämpfen ….”

Nachdem Kitzelmann von einem seiner Kameraden verraten wurde, erfolgte in Orel seine Festnahme und das Todesurteil. In den letzten beiden Monaten seines Lebens, die er in Haft verbrachte, versuchte seine Mutter alles in Bewegung zu setzen um ihren Sohn einer Begnadigung zukommen zu lassen. Bei einer Vorsprache in Berlin wurde ihr gesagt:

“Was erwarten Sie eigentlich, Frau Kitzelmann? Seien Sie zufrieden, wenn wir nicht auch Sie und Ihren Mann belangen. Sehen sie hier diesen Stoß von Briefen – das haben Sie und Ihr Sohn geschrieben.”

Michael Kitzelmann wurde am 11. Juni 1942 nach einer unehrenhaften Degradierung erschossen. An seinem Gymnasium in Dillingen erinnert eine Gedenktafel an ihn, die Katholische Kirche hat Michael Kitzelmann als “Blutzeugen” in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen.

Diese Zeilen möchte ich dem Andenken an meinen Vater widmen. Er wurde – wie Millionen anderer auch – als nicht mal Volljähriger in den Kriegsdienst eingezogen. An der Ostfront musste er mit der Waffe für Werte kämpfen, die nicht die seinen waren. Auch heute laufen viele Tausend wieder durch die Strassen und schreien “Wir sind das Volk!”. Doch ist das eine Minderheit, die der Mehrheit erneut Werte aufdrängen möchte, die keiner mehr haben will. Schliesslich zeichnet den Menschen das Denken gegenüber den Tieren aus. Ergo: Man sollte aus Fehlern gelernt haben.
Mein Vater hätte in diesen Tagen Geburtstag gefeiert!

Im Folgenden nun stellvertretend für all die anderen einige Namen von Militärs, die während des NS-Regimes ermordet, exekutiert oder hingerichtet wurden:

.) Im Rahmen des Röhm-Putsches:
Generalmajor Ferdinand von Bredow

.) Im Rahmen der Operation Walküre:
Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben
Generaloberst Erich Hoepner
Generalmajor Hellmuth Stieff
Generalmajor Henning von Tresckow (richtete sich selbst vor dem Zugriff)
Generalleutnant Paul von Hase
Oberst Friedrich Gustav Jaeger
Oberstleutnant Hasso von Boehmer
Oberstleutnant Robert Bernardis
Major Egbert Hayessen
Hauptmann Friedrich Karl Klausing
Leutnant der Reserve Fritz-Dietlof von der Schulenburg
Korvettenkapitän Alfred Kranzfelder

.) Weitere Hinrichtungen:
Generaloberst Friedrich Fromm (Feigheit vor dem Feind)
Generalleutnant Gustav Heisterman von Ziehlberg (Ungehorsam – er hatte sich geweigert, einen ihm unterstellten Major zu verhaften)
Oberstleutnant a.D. Gustav Tellgmann (antinazistischer Äußerungen)
Hauptmann Karl Burian (Hochverrat aufgrund absurder Spionage-Beschuldigungen)
Oberleutnant der Luftwaffe Herbert Gollnow (angeblicher Verrat militärischer Geheimnisse)
Oberleutnant zur See und U-Boot-Kommandant Oskar Kusch (Wehrkraftzersetzung und Abhören von Auslandssendern)

.) Kriegsdienstverweigerer (aufgrund ihres Glaubens:

Joseph Ruf (Ordensgeistlicher)
Alois Schübl (Zeuge Jehovas)
Heinrich Bayer (Zeuge Jehovas)
Wilhelm Letonja (Zeuge Jehovas)
Wilhelm Hetkamp (Zeuge Jehovas)
Leander Zrenner (Reformadventist)
Ludwig Pfältzer (Reformadventist)
Albert Merz (Christadelphian)

Links:

www.dnb.de
www.dhm.de/lemo
www.bpb.de
www.gdw-berlin.de/home/
www.deutsche-digitale-bibliothek.de

Filme:

.) Offiziere gegen Hitler; Regie: Maurice Philip Remy; ARD 2004
.) Das Attentat – Schleicher: General der letzten Stunde; Regie: Rainer Wolffhardt; BR 1967
.) Der 20. Juli; Regie: Falk Harnack; 1955
.) Geheime Reichssache, Dokumentation mit Originalfilmausschnitten von dem Verfahren gegen die Angeklagten des 20. Juli am Volksgerichtshof; 1971
.) Stauffenberg – Die wahre Geschichte; Regie: Guido Knopp; 2009

Lesetipps:

.) Nationalsozialismus – 13 Jahre Machtrausch; Heinrich Orb; Olten – Verlag Otto Walter A. G. 1945
.) Die Militärelite des Dritten Reiches. 27 biographische Skizzen; Ronald Smelser/Enrico Syring (Hrsg.); Ullstein Berlin 1997
.) Reichskanzler Kurt von Schleicher. Weimars letzte Chance gegen Hitler; Friedrich-Karl von Plehwe; Bechtle Esslingen 1983
.) Die deutsche Justiz und der Nationalsozialismus: Der Volksgerichtshof im nationalsozialistischen Staat: Mit einem Forschungsbericht für die Jahre 1975 …; Walter Wagner; De Gruyter Oldenbourg 2011
.) Der SD-Mann Johannes Schmidt; Rainer Orth; Verlag: Tectum-Verlag 2012
.) Deutschland am Vorabend der Großen Krise; Gerhard Schulz; De Gruyter Berlin und New York 1987
.) Die braunen Bataillone. Geschichte der SA; Peter Longerich; C. H. Beck München 1989
.) “Der Führer“ hat sie zum Tode verurteilt – Hitlers Röhm-Putsch-Morde vor Gericht; Otto Gritschneder; Beck München 1993
.) Die Reichswehr und der “Röhm-Putsch”; Heinrich Bennecke; Olzog München 1964
.) Die SA und die Krise des NS-Regimes 1934; Charles Bloch; Suhrkamp Frankfurt am Main 1970
.) Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder; Peter Hoffmann; DVA Stuttgart 1992
.) Justiz im Dritten Reich 1933-1940. Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner; Gruchmann; Oldenbourg München 2001
.) “Wenn es gegen den Satan Hitler geht …”. Erwin von Witzleben im Widerstand; Georg von Witzleben; Osburg Hamburg 2013

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48 Stunden Martyrium

Unglaublich, was derzeit wieder los ist. Bei meinen vielen Telefonaten kann ich den Eindruck nicht wirklich loswerden, dass die Hälfte der Bevölkerung aktuell das Bett hüten muss. Die Einen hat die Bronchitis erwischt, die Anderen liegen oder vielmehr rennen mit einer Magen-Darm-Infektion durch’s Haus. Über ersteres habe ich schon mal meine Füllfeder kreisen lassen – uns interessiert heute etwas, das so viele Menschen nicht wissen, geschweige denn hören wollen und deshalb oftmals aus Unwissenheit in die Falle tappen: Eine Norovirus-Erkrankung (in Österreich auch Norwalk-Erkrankung)! Im Englischen wird sie sehr treffend auch als “winter vomiting disease” bezeichnet.
In der Schweriner Volkszeitung war vergangene Woche zu lesen, dass sich der Norovirus derzeit so rasch ausbreitet, wie schon lange nicht mehr. Alleine in der vorletzten November-Woche wurden beim Landesamt für Gesundheit und Soziales nicht weniger als 397 Erkrankungsfälle gemeldet – 124 mehr als in der Woche zuvor. Innerhalb der ersten drei Monate des Novembers wurden in Mecklenburg-Vorpommern 821 Erkrankungsfälle bekannt. Ähnliche Zahlen werden auch aus den anderen Bundesländern veröffentlicht. In Niedersachsen etwa mussten etliche Kitas geschlossen werden. In Österreich traf es bereits im April des Jahres ein Krankenhaus in der Steiermark. Gefährdet sind v.a. die Besucher von Gemeinschaftseinrichtungen, wie Seniorenheime, Kindergärten, Kasernen und eben auch Krankenhäuser. Nicht zwingend jedoch aufgrund mangelhafter Hygiene vorort. In der kalten Jahreszeit halten sich mehr Leute in den geheizten Räumen auf, wodurch die Ansteckungsgefahr potenziert wird. Bereits zwischen 10 bis 100 Viren reichen aus, um einen Menschen flachzulegen.

https://www.youtube.com/watch?v=XmiP6PJMBlo

Die Symptome dieser Magen-Darm-Erkrankung sind heftiges Erbrechen und starker Durchfall (Diarrhöe). Aber auch Übelkeit, Kopf-, Bauch- und Gliederschmerzen sowie Abgeschlagenheit und leichtes Fieber können einhergehen. Je nach allgemeinem Gesundheitszustand des Patienten klingt der Krankheitsverlauf meist nach 48 Stunden Märtyrium ohne weitere Hinterlassenschaften ab, bei kleinen Kindern und älteren Menschen allerdings kann der Flüssigkeitsverlust lebensbedrohend sein. Sehr häufig werden derartige Erkrankungen durch Bazillen wie dem Koli-Bakterium ausgelöst. Doch ist das Noro-Virus neben den Rotavirus für die meisten Gastroenteritis-Erkranungen (Magen-Darm-Grippe) verantwortlich – das Noro-Virus etwa bei Kindern bei jeder dritten, bei Erwachsenen bei jeder zweiten. Erbrechen ist übrigens bei Kindern nicht immer dabei – bei Erwachsenen hingegen gehört es zu den unerwünschten Beschwerden. In manchen Fällen kann es aufgrund der starken Darmbewegungen und dem Druckaufbau durch das Erbrechen auch zu Darmeinstülpungen (Darninvagination) kommen, die auf jeden Fall medizinisch behandelt werden müssen.
Aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr besteht in Deutschland nach dem Infektionsschutzgesetz, in der Schweiz nach dem Meldesystem des Bundesamtes für Gesundheit und in Österreich nach dem Seuchengesetz Meldepflicht. Im Alpenstaat muss sogar der Verdacht auf eine virale Lebensmittelvergiftung bereits weitergeleitet werden. Durch entsprechende Gegenmassnahmen sollen so lokale Epidemieherde vorzeitig erkannt und weitere Infektionen vermieden werden. Da nur wenige Viren notwendig für eine Infektion sind, reicht zumeist schon eine Person aus um eine ganze Massenansteckung auszulösen. Bei den Eidgenossen etwa infizieren sich rund 400.000 Menschen pro Jahr! Allerdings werden nur wenige Fälle gemeldet – in Österreich im Jahr 2009 beispielsweise nur 1.193!
Das Noro-Virus wurde erstmals im Jahre 1972 in der USA-amerikanischen Stadt Norwalk/Ohio bei elektronenmikroskopischen Untersuchungen nachgewiesen. Die Grösse: 27 nm. Es zählt zur Familie der Caliciviridae, besitzt eine einzelsträngige RNA und ist aufgrund der fehlenden Hüllmembran sehr resistent gegenüber Umwelteinflüsse. So überlebt es Temperaturen bis zu 60 Grad und mehr als 12 Stunden an Oberflächen wie Türgriffen. Zudem ist das Virus resistent gegenüber vielen Desinfektionsmitteln und besitzt die Eigenschaft, sich zu verändern (Genomvariabilität). Dementsprechend werden fünf Genogruppen unterschieden (GG I bis V) mit jeweils noch weiteren Untergruppen. Die Ansteckung erfolgt mittels Schmierinfektion von Mensch zu Mensch durch dessen Stuhl oder Erbrochenem. Werden die Hände nicht ordentlich gewaschen, reicht bereits ein Händedruck für eine fäkal-orale Übertragung. Aber auch feine Tröpfchen beim Erbrechen können durch die Luft in die Nase oder den Mund eines anderen gelangen. Zudem sollte der Übertragung durch Speisen oder Getränke ebenfalls grosses Augenmerk geschenkt werden. Vornehmlich sind es Salate oder Früchte, Krabben oder Muscheln die nicht abgekochtr werden. Ist nun – wie meist in den Wintermonaten der Fall – das Immunsystem angeschlagen, haben die Viren leichtes Spiel. Das Virus der Genotypen GG I, GG II und GG IV nutzt humane Blutantigene als Rezeptoren und befällt die im Dünndarm befindlichen resorbierenden Darmepithelzellen. Die am häufigsten auftretende Genogruppe ist die GG II, die Genotypen GG III und GG V sind für den Menschen nicht gefährlich.
Zwischen sechs bis 50 Stunden nach der Infektion zeigen sich normalerweise sehr plötzlich die ersten Symprome (Bauchschmerzen und Übelkeit, gefolgt von Brechdurchfall) – bei manchen kann sich die Inkubationsdauer aber auch über mehrere Tage hinziehen. Die klinischen Symptome klingen zumeist nach 48 Stunden wieder ab. Die Viren können sich allerdings noch mehrere Wochen danach im Stuhl des Menschen halten. Deshalb sollte die Wäsche eines Erkrankten sofort und möglichst mit 90 Grad gewaschen und Oberflächen oder Gegenstände desinfiziert werden. Ein Arztbesuch ist unbedingt vonnöten. Gemeinschaftseinrichtungen sollten tunlichst gemieden werden, da grosse Ansteckungsgefahr bereits in der Inkubationszeit besteht. Sie endet zumeist rund zwei bis drei Tage nach dem Abklingen der Krankheit. In Deutschland müssen Kinder unter 6 Jahren unbedingt bei Verdacht auf eine ansteckende Gastroenteritis aus dem Kindergarten genommen (§ 34 Abs. 1 IfSG) und dieser von der Erkrankung informiert werden. Auch für Personen, die beruflich mit der Herstellung von Lebensmitteln zu tun haben, gilt eine Arbeitssperre bis zu mindestens 2 Tage nach dem Abklingen der Krankheitssymptome (besser mehr).

https://www.youtube.com/watch?v=KdYiHwwKR8Y

Die Diagnose erfolgt in mehreren Schritten:
- Anamnese
Durch Fragen versucht sich der Arzt ein Bild über die Krankengeschichte zu machen
- Körperliche Untersuchung
Mittels Stethoskop werden Darmgeräusche abgehört, der Bauch nach Anspannungen oder Schmerzbereichen abgetastet um damit andere Ursachen ausschliessen zu können
- Laboruntersuchung
In Stuhlproben oder von Erbrochenem wird in dafür speziell ausgestatteten Labors nach Nukleinsäuren (RT-PCR) oder auch Proteinen (Antigen-EIA) der Viren gesucht. Unter dem Elektronenmikroskop können zudem Partikel des Viruses sichtbar gemacht werden.
Eine kausale antivirale Therapie gibt es nicht, weshalb sich der Arzt darauf beschränkt, die Symptome weitestgehend zu behandeln bis die Erkrankung von selbst abgeklungen ist (etwa ein Antiemetikum gegen den Brechreiz). Alsdann ist es notwendig, dass der Patuent möglichst viel Flüssigkeit und Elektrolyte zu sich nimmt, damit der Körper nicht von innen heraus austrocknet oder es zu Bewusstseins- oder Herzrhythmusstörungen, Kreislaufproblemen, Krampfanfällen und Nierenversagen kommt. Häufig wird hierfür eine Substitutionslösung verabreicht, ein Gemisch aus Wasser, Traubenzucker und Salzen, wie Kochsalz und Kaliumchlorid. Bitte niemals bei Durchfallerkrankungen Cola und Salzstangen verwenden! Daneben ist, wenn nicht Bettruhe angeordnet, so doch jeglicher Kontakt mit anderen Menschen zu vermeiden.
Während der Erkrankung sollte unbedingt Nahrung zugeführt werden – als bekömmlich erwies sich dabei Zwieback, Butterkeks oder auch Knäckebrot. Nach der Erkrankung sollte das Schwergewicht auf leichter, fettarmer Kost liegen.
In der Schwangerschaft geschieht unter normalen Umständen dem Ungeborenen nichts. In manchen Fällen kann sich aber aufgrund des Erbrechens dermassen viel Druck im Körper aufbauen, sodass es zu vorzeitigen Wehen kommt. Werdende Mütter sollten deshalb immer darauf achten, dass genügend Nährstoffe, Elektrolyte und Flüssigkeit im Hause ist, die zugeführt werden können. Gut geeignet sind etwa dünne Suppen, ungesüsster Kräutertee oder auch Mineralwasser.
Sehr gefährlich hingegen kann eine Noro-Erkrankung bei Neugeborenen aufgrund des Flüssigkeitsverlustes werden. Deshalb ist es wichtig, so rasch wie möglich den Arzt aufzusuchen.
Eine pharmazeutische Prävention gegen die Noro-Viren-Erkrankung ist derzeit leider noch nicht möglich – eine Impfung ist in der klinischen Erprobung. Dies jedoch gestaltet sich aufgrund der vielen Typen und Untergruppen als extremst schwierig. Einige Vorsichtsmassnahmen können dennoch weiterhelfen:
- sorgfältige Hygiene
- regelmässiges Händewaschen und vielleicht zusätzliche Desinfektion (Mittel muss 30 Sekunden einwirken um Schutz zu bieten)
- Desinfektion aller patientennahen Flächen und Gegenstände, die ein Erkrankter angefasst hat, mittels Produkten mit nachgewiesener viruzider Wirksamkeit gemäss EN 14476 (Flächendesinfektionsmittel sind meist hautschädigend – verwenden Sie Handschuhe und einen Mundschutz)
- Kohortenisolierung bereits Erkrankter
Eine überstandene Infektion macht nur gegen die Attacken des gleichen Virustyps immun – nicht gegen die unterschiedlichen anderen Subtypen, die sich zudem ständig in Form und Beschaffenheit verändern. Eine Erkrankung durch Noro-Viren sollte niemals auf die leichte Schulter genommen werden!!!

Lesetipps:
- Lebensmittelassoziierte Viren – Norovirus: Vorkommen, Nachweis, Tenazität und Inaktivierung; Prof. Dr. Barbara Becker/Dr. Jens Pfannebecker; Behr’s Verlag 2016
- Hygienemanagement und Infektionsprophylaxe: Ein praktischer Leitfaden für teil- und vollstationäre Pflegeeinrichtungen; Johann Weigert; Schlütersche 2005
- Biological properties of Norwalk agent of acute infectious nonbacterial gastroenteritis. Proceedings of the Society of Experimental Biological Medicine; R. Dolin/N. R. Blacklow et al.; 1972
- Increase in viral gastroenteritis outbreaks in Europe and epidemic spread of new norovirus variant; Lopman B, Vennema H, Kohli E, Pothier P, Sanchez A, Negredo A, Buesa J, Schreier E, Reacher M, Brown D, Gray J, Iturriza M, Gallimore C, Bottiger B, Hedlund KO, Torven M, von Bonsdorff CH, Maunula L, Poljsak-Prijatelj M, Zimsek J, Reuter G, Szucs, G, Melegh B, Svennson L, van Duijnhoven Y, Koopmans M:; Lancet 2004

Links
www.bfr.bund.de
www.infektionsschutz.de
www.rki.de
www.gesetze-im-internet.de
www.uni-wh.de/
www.ages.at
www.bmgf.gv.at
www.ris.bka.gv.at
www.infektionsnetz.at
hygiene.medunigraz.at
www.lkh-stolzalpe.at
www.salk.at
www.oegkv.at
www.austromed.org/
www.bag.admin.ch

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