Archive for Februar, 2017

Die Opel-Story

Die Geschichte ist nahezu unglaublich und rührt zu Tränen – ganz besonders, wenn man eines dieser Objekte der Begierde sein eigen nennt: General Motors hat sich nach langen Jahren von Opel getrennt – den Zuschlag erhielt der Peugeot-Citroen-Konzern. Durchaus ein Grund zur Freude, wird der Eine oder Andere sagen: Zumindest sind es nicht die Chinesen! Doch ist die Zukunft der deutschen Traditions-Automarke mehr denn je fraglich. Und – was da alles im Hintergrund abgelaufen ist, kann durchaus mit dem Wort “unfassbar” auf den Punkt gebracht werden.

https://www.youtube.com/watch?v=oP683fYrYdM

Opel wurde als Nähmaschinenfabrik (etwa Perfecta) anno 1862 von Adam Opel in der väterlichen Schlosserei in Rüsselsheim am Main gegründet. Ein Jahr später wechselte er mit seiner Produktion in einen ehemaligen Kuhstall. Bis zur Einstellung der Produktion im Jahre 1911 sollten nicht weniger als eine Million Nähmaschinen das Werk verlassen haben. 1886 folgten Fahrräder und ab 1898 auch Automobile, Motorräder, Lastkraftwagen und Flugzeugmotoren. 1911 vernichtete ein Grossbrand weite Teile der Produktionsstätten. Die fünf Söhne des Gründers waren allesamt erfolgreiche Radrennfahrer. Durch diesen Werbeeffekt fanden die Opel-Fahrräder reissenden Absatz. In den 1920er Jahren stieg Opel gar zum Weltmarktführer auf. Kurz vor dem 2. Weltkrieg wurde im Jahr 1936 dieser Geschäftszweig allerdings an NSU verkauft.
Die LKW-Produktion wurde anno 1909 aufgenommen. Vorerst mit 1,5 to Nutzlast, dann mit 3,5. Mit seinen Heeresfahrzeugen hatte Opel im Ersten Weltkrieg grossen Erfolg – es gab diese zudem als Bus. Nach dem Grossbrand wurden später ausserdem Feuerwehr-LKW gebaut. Nach 4.453 Fahrzeugen war 1918 vorübergehend Schluss – da die französischen Besatzungstruppen die weitere Produktion untersagten. Etwas später folgten dann bis 1923 grossvolumige LKW (6,2 l und 50 PS) – jedoch nur in sehr geringen Stückzahlen. Ab 1927 wurden die Kleinlastwagen mit 2,5 to Nutzlast in Angriff genommen – der bekannteste davon war der “Blitz”.
Im Lizenzbau wurden zudem noch rund 6.000 Flugmotoren der Modelle Argus As III und BMW IIIa produziert.
1899 erwarb das Unternehmen die Anhaltische Motorwagenfabrik. Dessen bisheriger Inhaber und Chefkonstrukteur Friedrich Lutzmann wurde zum Direktor gemacht. Der erste Patent-Motorwagen, der “System Lutzmann” sorgte im Jahre 1897 bei der ersten IAA im Hotel Bristol in Berlin für einige Furore. Doch waren die Franzosen stets einen Schritt voraus, sodass vorerst die Automobil-Produktion wieder eingestellt wurde. Erst als 1902 ein Kooperationsvertrag mit dem französischen Produzenten Darracq geschlossen wurde, ging es bergauf. 1902 kam der 1,9 Liter Zweizylinder als Eigenkonstruktion mit 10 bzw. 12 PS auf den Markt, 1904 der Opel-Darracq erstmals mit Vier-Zylinder und 30 bzw. 32 PS usw. Sehr beliebt war übrigens auch der sog. “Doktorwagen” ein zweisitziges Cabriolet mit 4 bzw 8 PS, das von vielen Ärzten für deren Hausbesuche verwendet wurde. Das erfolgreichste Modell, der sog. “Laubfrosch” – der Opel 4 PS – rammte alle anderen Konkurrenten buchstäblich in den Boden. Seine Produktion erfolgte ab 1924 auch auf Fliessbändern. Dadurch stieg die Autoproduktion immer mehr an – bis 1928 war die Adam Opel KG der grösste deutsche Autohersteller (42.771 hergestellte Automobile – Marktanteil von 27,5 Prozent). Während des Zweiten Weltkrieges entliess der Mutterkonzern GM jüdische Mitarbeiter oder versetzte sie in die USA und besetzte Schlüsselpositionen in Deutschland mit Nationalsozialisten. Im damaligen Nazi-Deutschland machte GM bis zum Kriegseintritt der USA durchaus gute Geschäfte. 1935 wurden über 102.000 Fahrzeuge produziert, alleine 65.000 davon aus der Modellreihe Opel P4. Die Wehrmacht orderte den Dreitonner Blitz in rauhen Mengen. 1938 hatten die Rüsselsheimer bereits 46,5 % des deutschen Gesamtexports inne! Hitler persönlich überreichte dem damaligen Vizepräsidenten von GM, James D. Mooney das Verdienstkreuz des Ordens vom Deutschen Adler (ob er das gern gemacht hat?). Der erste Kadett erschien Im September 1939. Parallel dazu ergänzten die Modelle Olympia, Kapitän und Admiral die Produktpalette. Während des Weltkrieges schliesslich wurde Opel zum Rüstungsbetrieb, bei dem auch Zwangsarbeiter zum Einsatz kamen – nicht jedoch KZ-Häftlinge. Am 15. Juli 1946 verliess als erstes Fahrzeug nach dem Krieg ein kleiner Blitz das Werk in Rüsselsheim, das auf Befehl der amerikanischen Besatzung wiederaufgebaut wurde. Im Autobereich, aber auch im Werk in Brandenburg mussten etwas später die Kadett-Modelle in Form des Moskowitschs 400 als Reparationsleistungen für Russland produziert werden. 1953 verliess der erste Olympia Rekord das Werk. Der neue Opel Kadett wurde ab 1962 im neuen Werk in Bochum produziert. Von Mitte der 60er Jahre bis weit in die 70er Jahre avanzierte Opel zum zweitgrössten Autohersteller Deutschlands. Mit den Modellen Kapitän, Admiral, Diplomat, Ascona und Manta wurden Kultautos geschaffen. Senator, Monza, Omega, Corsa und Astra – sie machten viele Autofahrer bis weit in die 90er-Jahre glücklich. Der erste Golfkrieg sorgte bei allen Autobauern zwischen 1980 bis 82 für ein tiefes Loch. Opel schrieb etwa 1980 erstmals seit den 50er Jahren rote Zahlen (-411 Mio D-Mark). Erst der im spanische Saragossa produzierte Corsa brachte ab 1983 wieder gute Verkaufsberichte (ab 1993 auch in Eisenach produziert).
Das schwere Schicksal Opels begann 1929 mit dem Börsengang des Unternehmens als Aktiengesellschaft. Am 17. März 1929 verkauften die beiden Brüder Wilhelm von Opel und Friedrich Opel zunächst 80 Prozent ihrer Unternehmensanteile an den US-amerikanischen Konzern General Motors. Drei Jahre später übernahm GM Opel zur Gänze. Bestandteil des Verkaufs (für über 33 Mio US-Dollar) waren Positionen im Aufsichtsrat, Fritz von Opel als Vorstand und eine eigenständige Modellpolitik unter dem Namen Opel. Am nunmehrigen Stammsitz in Detroit wurde auch 2005 die Umwandlung der AG in eine GmbH beschlossen, um aus der Opel Group GmbH nur sechs Jahre später wieder eine AG zu machen. Zuvor schlug eine versuchte Trennung von GM fehl. Symptomatisch für die sehr wechselhafte Geschichte der deutschen Autobauer.
Die Adam Opel AG ist mit 35.600 Mitarbeitern, davon 18.250 (Stand: 2017) in Deutschland, einer der ganz Grossen. Der Umsatz belief sich etwa im Jahre 2013 auf nicht weniger als 11,84 Milliarden Euro. Jeder, der auf der Autobahn schon mal an Rüsselsheim vorbeigefahren ist, dürfte wohl von den endlos langen Autoschlangen auf dem Firmengelände des Unternehmenssitzes beeindruckt sein. Neben diesem Werk gibt es mit Kaiserslautern und Eisenach noch zwei weitere Produktionsstätten, in Europa zusätzliche sieben. Doch nicht überall werden Autos produziert – Opel fertigt im Gegensatz vieler seiner Konkurrenten auch Komponenten in Eigenregie an. Teile auch bei GM Korea! Das Modell Ampera wird zur Gänze bei Chevrolet in den USA produziert.
In Detroit wurden mehrfach unverständliche Entscheidungen getroffen. So wurde die Chemnitzer Motorradproduktion, die 1928 mit der Übernahme der Aktienmehrheit beim Fahrradhersteller Elite-Diamant einen Höhepunkt erreichte, nach der Konzernübernahme durch GM verkauft. Bis zu diesem Zeitpunkt waren etwa vom Modell Motoklub 500 nicht weniger als 6.000 Maschinen produziert worden – der silber-rote Flitzer war sehr beliebt. Der Geschäftszweig schrieb allerdings rote Zahlen. Nach dem 2. Weltkrieg beantragte General Motors die Auszahlung des Dividendenkontos in der Höhe von 22,4 Mio Reichsmark, obwohl der Gewinn in den USA als schändlich bezeichnet wurde, da er mit Hilfe von Zwangsarbeitern erwirtschaftet worden ist. Auch in der Nachkriegszeit wurden die Rüsselsheimer stets vom Mutterkonzern gebremst. Opel durfte zum Beispiel an den Standorten von GM, an welchen deren Marken verkauft wurden, keine eigenen Modelle zum Kauf anbieten. In Südamerika wurden Opel-Autos unter dem Namen “Chevrolet” verkauft, in Grossbritannien als “Vauxhall”. Einzelne Modelle standen in unterschiedlichen Ländern ebenfalls als Chevrolet in den Verkaufshallen: In Indonesien und auf den Philippinen (Zafira), in Russland (Astra G). In Nordamerika und China gibt’s den Insignia als Buick Regal.
Zudem ging es den Amerikanern niemals um Qualität – ein Messerstich in’s Herz eines wohl jeden Deutschen und eine Katastrophe für ein Traditionsunternehmen aus Deutschland. Zudem sorgte der “López-Effekt” in den 80ern für einen starken Image-Verlust. Der Rüsselsheimer Manager José Ignacio López de Arriortúa nahm sich die Vorstellungen seiner amerikanischer Chefs wohl sehr zu Herzen: Mängel und Qualitätsverluste führten zu einem Vertrauensbruch der Autofahrer mit der Marke – eine katastrophale Entwicklung. Hinzu kamen in weiterer Folge Fehler in der Qualitätssicherung, dem Marketing und der gesamten Produktion. Die amerikanischen Manager an der Konzern-Spitze in Deutschland wechselten nahezu schneller als so mancher Fliessband-Arbeiter den Overall (Durchschnittsdauer: 2,6 Jahre). Nicht wirklich förderlich für ein Unternehmen. Es kam zu Verkaufsrückgängen und Milliardenverlusten. Mitarbeiter wurden reihenweise entlassen; das Werk in Bochum schrumpfte etwa von ehedem 23.000 auf 6.000 und wurde schliesslich 2014 komplett dicht gemacht. 2008 schwächelte während der Finanzkrise der Mutterkonzern GM, worauf sich die Opel-Verantwortlichen eine Trennung durchrechneten. Dies schlug jedoch fehl, nachdem die Bundeskanzlerin zwar Bankgarantien zusagte, eine direkte Beteiligung durch den Bund jedoch ausschloss. 2009 folgten Übernahme-Angebote von Fiat, Magna und dem russischen Finanzinstitut Sperbank (gemeinsam mit dem amerikanischen Finanzinvestor Ripplewood Holdings). Auch aus China kam ein Interessent. Magna, der Konzern des Austro-Kanadiers Frank Stronach, galt als nahezu sicherer Gewinner, bis GM die Verkaufsabsichten zurücknahm. Es folgte der Abbau von 5.400 Stellen in Deutschland, europaweit waren es über 9,000. Wieviel der 2013 durch GM versprochenen vier Milliarden Euro tatsächlich nach Rüsselsheim geflossen sind, ist nicht bekannt. Nach weiteren Umbaumassnahmen in den Führungsebenen wurde jedoch das Ziel, 2016 schwarze Zahlen schreiben zu wollen, nicht erreicht. Dennoch konnte das operative Minus im vergangenen Jahr auf 257 Mio Dollar reduziert werden (2015 waren es noch 813). Sicherlich mit dafür verantwortlich scheint die Vauxhall-Gruppe aus England, die direkt zum Opel-Konzern zählt.

https://www.youtube.com/watch?v=R4EbLssltLo

Nun reichte es offenbar der Detroiter Konzernchefin Mary Barra, die seit drei Jahren den Konzern umkrempelt – des Profites wegen! Alles, was rote Zahlen bringt, wird abgestossen, rückläufige Märkte (Russland, Indonesien,…) verlassen! Mit dem Verkauf von Opel riskiert sie sogar etwas, das der Analyst David Whiston vom Analysehaus Morningstar perfekt auf den Punkt brachte: GM ist dann kein global aufgestellter Autobauer mehr! Der französische Konzern PSA (Peugeot-Citroen) soll die deutsche Traditions-Marke übernehmen. Den Franzosen fehlt es an Produktionskapazitäten. Deshalb wurde gemunkelt, dass Opel komplett von der Bildfläche verschwinden soll. Kurz danach hiess es, die Marke bleibe weiterhin bestehen, jedoch sollen tausende Stellen dem Kauf zum Opfer fallen. Der französische Wirtschaftsminister Michel Sapin schürte die Glut nochmals an, als er meinte, dass Rücksicht auf die Arbeitsplatzsorgen genommen werden sollte. Frankreich ist zu 14 % am PSA-Konzern beteiligt. Besorgte Anrufe gab es daraufhin beim PSA-Vorstandsvorsitzenden Carlos Tavares, der erst dieser Tage mit seinen Vorstandskollegen für weitere vier Jahre im Amt bestätigt wurde: Der britischen Premierministerin Theresa May geht es um die Werke auf der Insel, ihrer deutschen Amtskollegin Angela Merkel um jene in deutschen Landen. In Berlin zeigt man sich inzwischen zufrieden, gab doch Tavares Standort- Investitions- und Beschäftigungsgarantien für die Werke Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach ab. Fragt sich nur: Für wie lange??? Schliesslich redet man auch bei Mercedes, trotz eines der erfolgreichsten Geschäftsjahre seit Anbeginn der Autoproduktion, über eine Verkleinerung des Benzin- und Dieselsektors zugunsten der Elektroautos. Aus dem Bundeskanzleramt hiess es zudem, dass Opel als Eigenmarke erhalten bleiben soll. Die Nachrichtenagentur Reuters jedenfalls hat Insider zitiert, die meinten, dass sich PSA rund 1,5 bis 2 Milliarden Euro jährlich in den Bereichen Einkauf und Entwicklung einsparen könnte, durch die Nutzung von nunmehrigen gemeinsamen Synergien. Tja – und da war dann noch die Berechnung von Dominic O’Brien aus dem Hause Exane BNP Paribas, die wie ein Aasgeier über all dem schwebt. Er spricht Einsparungen in der Höhe von 1,2 Milliarden €, 400 Mio in der Forschung und 400 Mio durch den Abbau von 6.000 Stellen! Möge er hoffentlich recht behalten, dass die meisten dieser abzubauenden Stelle auf natürliche Weise erfolgen: Durch Fluktuation und freiwilliges Ausscheiden!
Bis zum Autosalon Genf, der am 06. März beginnt, sollte alles in trockenen Tüchern sein!!! Schliesslich rückt ein weiterer Grund GMs für den Verkauf immer schneller näher: Die durch Donald Trump angekündigten Strafzölle und der Protektionismus!

PS:
Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen/-innen, die sich für ihre Inhalte bezahlen lassen, habe ich von Beginn an davon Abstand genommen. In diesem Falle ist es nur meine Enttäuschung darüber, dass immer mehr Traditionsbetriebe und qualitative Aspekte der Wegwerf-Philosophie der Wirtschafts- und Finanzwelt weichen müssen.


Lesetipps:

.) Autos und Technik: 125 Jahre Opel; Hans-Jürgen Schneider; Verlag Schneider + Repschläger 1987
.) Opel – Räder für die Welt; Karl E. Ludvigsen; Automobile Quarterly Publications 1983
.) Opel der Zuverlässige, Drei Jahrzehnte Opel-Werbung; Bernd Tuchen; Heel Verlag 2005
.) Die Opel-Werke im Konzern von General Motors (1929–1948) in Rüsselsheim und Brandenburg; Günter Neliba; Brandes & Apsel Verlag 2000
.) Morgen kommst Du nach Amerika. Erinnerungen an die Arbeit bei Opel 1917-1987; Peter Schirmbeck (Hrsg.); Verlag J. H. W. Dietz Nachf. 1988
.) Opel, Fahrzeug-Chronik von 1887 bis 2000. (Fahrräder, Motorräder, Personenwagen und Lastwagen); Eckhart Bartels; Podszun Verlag 2000
.) Im Schatten des Automobils – Opel-Motorräder aus drei Jahrzehnten; Jürgen Nöll; Heel Verlag 2001

Links:

www.opel.de
www.opel.at
www.opel.ch
www.vauxhall.co.uk
www.gm.com
www.bundesanzeiger.de

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Das Geld liegt auf dem Acker

“Kaufen Sie Land. Es wird keines mehr gemacht!”
(Mark Twain)

Als im vergangenen Dezember der Film “Landraub” in den Kinos erschien, sorgte er für ein ganz ordentliches Poltern in den Medien – allerdings war leider zu Jahreswechsel alles wieder vorbei. Aufgezeigt werden in dem Streifen die Praktiken der Grosskonzerne und Investoren bei der Jagd nach fruchtbaren Ackerflächen. Auf diesen Erkenntnissen aufbauend finden vom 09. März bis zum 07. April in Österreich die Filmtage “Hunger.Macht.Profite – Hungrig nach Land” statt. Jeweils nach den Vorführungen stehen Organisationen und Initiativen Rede und Antwort um Alternativen zur industriellen Landwirtschaft aufzuzeigen. Empfehlenswert v.a. für jene, die kiloweise Lebensmittel wegwerfen, anstatt deren Wert endlich schätzen zu lernen.

https://www.youtube.com/watch?v=H8NfjDioLlA

Landraub (Engl: “land grabbing”) – Dieses Thema habe ich schon einmal an dieser Stelle angeschnitten, als es um die grossflächigen Abholzungen auf Papua Neuguinea ging. Leider ein Problem, das sich rund um den Erdball zieht. Banken und Investoren sowie Agrarkonzerne (wie Monsanto), Agrarrohstoffhändler (wie Cargill) und sogar Pensionskassen begeben sich weltweit auf Shopping-Tour und kaufen tausende Hektar an Landflächen ein. Völlkommen gleichgültig, ob darauf schon Kleinbauern wohnen und den Grund bewirtschaften. Eine Fläche – mit 203 Mio Hektar so gross wie Brasilien – wurde bereits auf diese Art verscherbelt – ein Viertel davon Regenwald! In den Ländern der Dritten Welt wird damit den Einwohnern die auch durch die Entwicklungshilfe mühsam aufgebaute Lebensgrundlage entzogen, sie werden vertrieben und zu Hunger gezwungen. Neben der Abholzung des Regenwaldes sind es vornehmlich Palmöl- und Zuckerrohrplantagen im Fernen Osten, Soja, Kakao und Kaffee in Afrika und Südamerika. Der Boden wird durch die Intensivbewirtschaftung ausgelaugt und brach und versalzen wieder zurückgelassen. Nur sehr mühsam und langwierig kann hier noch etwas wachsen.

“Es ist wichtig, dass sich mehr Dorfgemeinschaften gegen Landraub wehren!”
(PUSAKA – Organisation zum Schutz indigener Völker Indonesiens)

Immer wieder kommt es dabei auch zu Menschenrechtsverletzungen – wie in dem Film “Herr Abass und das geklaute Land” zu sehen, bei welchem ein Filmteam den Menschenrechtsaktivisten Abass Kamara in Sierra Leone begleitete. Auf 10.000 Hektar wurden hier die Menschen vertrieben und Zuckerrohr angebaut – für den Export als Agrotreibstoff nach Europa. SCHNITT!
In Tansania soll das Dorf Kwa Wagonzi platt gemacht werden, da hier ein Riesen-Staudamm geplant ist. Mit dem Wasser sollen die Ackerflächen in der Umgebung bewässert werden – Reis und Zuckerrohr. Die Geldgeber: Unilever, Monsanto und Bayer! Und: Deutsche Entwicklungshilfe-Euros! Dieses Projekt “Sacgot” soll rund zwei Millionen Bewohnern wenn nicht unbedingt den Wohlstand, so zumindest einen Weg aus der Armut bringen! Soll! Die Zeit wird’s zeigen. In dem Dorf übrigens wohnen Menschen, die schon einmal umgesiedelt wurden – aufgrund einer riesigen Reis-Plantage. Weshalb leben aber nun genau diese nun wieder in Armut – in Kwa Wagonzi? Bereits 5.000 Menschen wurden schon vertrieben oder haben ihr Land verloren. Bei der “Reinigung” durch Polizei und Militär soll es nach Angaben der Indigenen-Organisation IWGIA neben unzähligen Menschenrechtsverletzungen Tote und auch Vergewaltigungen gegeben haben. SCHNITT!
Recherchen des International Consortium of Investigative Journalists haben ergeben, dass innerhalb von nur 10 Jahren weltweit bei Projekten mit Beteiligung der Weltbank nicht weniger als 3,4 Mio Menschen umgesiedelt oder vornehmlich vertrieben wurden!
Ähnliches auch in Uganda – ein Kaffeehersteller liess hier vier Dörfer umsiedeln, damit die heiss begehrte Bohne angebaut werden konnte. Zu sehen ist das alles im Streifen “Der Fall Mubende und der bittere Geschmack der Vertreibung”. Kaffee-Zielland übrigens: Deutschland! SCHNITT!
In Kambodscha verloren bereits über 12.000 Menschen aufgrund von Vertreibung und Umsiedelung ihr Zuhause! Für Zuckerrohrplantagen! Etwa 2,6 Mio Hektar – das sind 65 % der gesamten Anbaufläche des Landes – wurden an Konzerne verpachtet oder verkauft. Zuckerexporte nach Europa werden durch die EU subventioniert! Doch kommt das Geld niemals bei den Armen an, sondern fliesst auf das Konto der Investoren! SCHNITT!
In der indonesischen Provinz Papua versuchen die Mahuze ihren Wald zu retten – hier sollen Reis- und Palmölplantagen (“Merauke Integrated Food and Energy*) entstehen. Der Wald ist für sie Heimat, Arbeitsplatz und Nahrungslieferant in einem – aber auch Zentrum ihres Glaubens: Die Mutter, die ihnen alles gibt, das sie zum Leben brauchen! Das Setzen eines jungen Baumes wird dort als rituelle Handlung gefeiert! SCHNITT!
In Brasilien ist es vornehmlich das Soja, das immer wieder für derartige Ungerechtigkeiten sorgt. Der Film “AGROkalypse” erzählt vom Kampf der Guarani-Kaiowa, einem indigenen Volk, gegen die Futtermittelindustrie. Anstelle des vielfältigen Regenwaldes werden hier Gen-Soja-Monokulturen hochgezogen, die den Boden auslaugen und durch die eingesetzten Pestizide zusätzlich vergiften. Auch hierzulande wird wohl so mancher Bauer Futtermittel mit diesem Soja in Gebrauch haben. SCHNITT!
Doch auch in Europa stirbt der Landwirt langsam aus. An seine Stelle treten Konzerne, die auf der Suche nach dem schnellen Gewinn über nahezu alles drüberfahren, was sich ihnen in den Weg stellt. Lebensmittel als Spekulationsgrundlage – ein Problem, das der Dokumentarfilm “Die neuen Grossgrundbesitzer” aufzeigt. In Rumänien beispielsweise wird Ackerfläche grossflächig an Konzerne aus Dänemark verkauft. Diese holen sich rund 90 % der EU-Förderung für Rumänien, während 75 % der Kleinbauern des Landes gar nichts davon erhalten! Diese Zahlenjongleure haben niemals von “Biodiversität” und schon gar nicht von artgerechter Tierhaltung gehört. Für sie zählt nur der blankpolierte Euro. Nach der Krise interessierte sich plötzlich ab 2008 die internationale Finanzwirtschaft für die Spekulation mit landwirtschaftlichen Flächen und der darauf gewonnenen Produkte. Das änderte alles: Ab sofort stand nurmehr der Profit im Interesse!
Wie es richtig gemacht werden könnte, zeigt der Brite Gavin in seinem Road-Movie “Bauer sucht Crowd” auf. Dabei besuchte er Bauern, die sich diesem Horror entziehen: Kleinstrukturierte und alternative Betriebe bzw. Zusammenschlüsse solcher. So werden beispielsweise im bäuerlichen Kleinbetrieb pro eingesetzter Energieeinheit 23 gewonnen – in der industriellen Landwirtschaft sind es hingegen nur 3!
Der Landraub hat lange historische Wurzeln. Immer wieder eigneten sich Adlige, Soldaten oder auch Verbrecher das Land von Kleinbauern an, die sie sehr häufig davor in die Schulden getrieben hatten. Die meisten dieser Zwangsenteignungen fanden in Europa zu Zeiten der Industriellen Revolution statt. Bauern mussten verkaufen um anschliessend als Billig-Arbeitskräfte in den Fabriken zu schuften. Heute sind es die Unternehmen der reichen Länder, die einem möglichen Engpass bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln oder Biokraftstoffen in ihren Ländern zuvorkommen oder Investoren, die damit gut Geld verdienen wollen. Die hungrigsten dabei sind China, Grossbritannien und Saudi Arabien. Sie errichten dort, wo die Ärmsten der Armen hungern, riesige Ackerflächen mit dem Ziel, die Produkte mit Gewinn in den Industrienationen zu verkaufen. Die Einwohner dieser Staaten wie Mosambique, Äthiopien, Kambodscha und die Philippinen, aber auch ehemalige Sowjet-Staaten selbst haben meist überhaupt nichts davon – vielfach nicht mal Arbeit. In Paraguay etwa wird auf diese Weise auf rund tausend Hektar Soja angebaut – hier haben gerade mal 2 Menschen einen fixen Arbeitsplatz!
Ist es beispielsweise nicht pervers, dass im Jahr 2011 in Ostafrika 12 Mio Menschen hungerten und teilweise daran verstarben, wenn gleich daneben in Gewächshäusern Blumen für Europa sowie Tomaten und Gemüse für Saudi Arabien wächst und gedeiht! Die zumeist Arbeiterinnen, die hier beschäftigt sind, werden zu Feierabend abgetastet, damit sie nichts mit nach Hause nehmen können. Ihr Verdienst reicht gerade mal für etwas Mais, während die Investoren Höchstpreise für das Gemüse in den Emiraten erzielen.
Die Regierungen der Staaten selbst spielen fleissig mit und verkaufen oder verpachten grössflächig ganze Regionen. Was dabei mit der Bevölkerung geschieht, ist den meisten Politikern gleichgültig – es zählt nur das, was in den Nadelstreif-Hosentaschen verschwindet! Andere bewilligen gutgläubig, da sie davon ausgehen, dass nicht alles in den Export geht und dadurch die kaputte Landwirtschaft des Landes wieder aufgebaut wird. Humbug! Auch wenn Landrechte vergeben wurden, werden diese Menschen ganz einfach enteignet – wenn es sein muss auch mit Gewalt! Zumeist mit der scheinheiligen Rechtfertigung, dass damit die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln gesichert werden soll. Studien jedoch haben ergeben, dass nur ein Bruchteil dieser durch Land-Grabbings gewonnenen Produkte der betroffenen Bevölkerung zugute kommen. Und noch fataler: Die Menschen, die vielleicht zuvor aufgrund kleinbäuerlicher Strukturen zumindest etwas zu essen hatte, gehen jetzt leer aus! Als Arbeiter auf solchen Platangen erhalten sie meist nicht mal den nationalen Mindestlohn! Für die Selbstversorgung bleibt so gut wie keine Fläche übrig! Dabei wissen alle Experten, welche Vorteile diese kleinbäuerliche Produktion im Vergleich zu den Monokulturen hat:
- Wertschöpfung bleibt im Land
- Arbeitsplätze
- Ernährungssicherheit
- Bodenschonender Anbau
- Resistenter gegenüber Schädlingen
Heute noch werden 70 % der weltweiten Nahrungsmittel von Kleinbauern hergestellt – nicht von landwirtschaftlichen Industriebetrieben. Jedes Jahr gehen rund 12 Mio Hektar an wertvoller Ackerfläche durch Versiegelung verloren. Die verbleibende Fläche wird intensivst bewirtschaftet. Eine gewinnmaximierte Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen hat rein gar nichts mit Nachhaltigkeit und Sozial-Kompetenz zu tun!

“Riesige Monokulturen sind nicht vereinbar mit lokaler Ernährungssicherung und einer inklusiven Entwicklung, von der die Ärmsten profitieren!”

(Roman Herre, Menschenrechtsorganisation FIAN)

Auch wenn die Weltbank gewisse Prinzipien aufgestellt hat (“Prinzipien für verantwortliches Investieren in Ackerland”), nach welchen gerade in Entwicklungsländern vorzugehen ist, so scheren sich die meisten der Spekulanten und Investoren einen Dreck darum. Auch die Weltbank selbst! Wurden doch dem vorhin angesprochenen Sacgot-Projekt in Tansania 70 Mio US-Dollar in Form eines Weltbank-Kredits zur Verfügung gestellt (Info: NDR/WDR/Süddeutsche). Während sich die USA der Stimme enthielten, sprach sich Deutschland für den Kredit und damit für die Aussetzung des Schutzes indigener Völker in Tansania aus!

World Bank Principles for Responsible Agricultural Investment:

Principle 1: Existing rights to land and associated natural resources are recognized and respected.
Principle 2: Investments do not jeopardize food security but rather strengthen it.
Principle 3: Processes relating to investment in agriculture are transparent, monitored, and ensure accountability by all stakeholders, within a proper business, legal, and regulatory environment.
Principle 4: All those materially affected are consulted, and agreements from consultations are recorded and enforced.
Principle 5: Investors ensure that projects respect the rule of law, reflect industry best practice, are viable economically, and result in durable shared value.
Principle 6: Investments generate desirable social and distributional impacts and do not increase vulnerability.
Principle 7: Environmental impacts of a project are quantified and measures taken to encourage sustainable resource use, while minimizing the risk/magnitude of negative impacts and mitigating them.

Dies wurde im November 2010 durch die G20-Staaten beim Gipfel in Seoul unterschrieben. Nur einige wenige, wie etwa Pensionsfonds, die ein Interesse an einer langfristigen gewinnbringenden Anlage haben, halten sich an diese Vorgaben (etwa die deutsche Aquila Capital Green GmbH oder die eidgenössische Adveq Management AG) – für die meisten anderen allerdings ist es nur beschriebenes Papier. Aufgrund dessen ist nicht sehr viel seither geschehen. Nicht zuletzt deshalb, da die Betroffenen bei der Formulierung dieser Prinzipien nicht selbst involviert waren, lehnen NGOs diese Maxime ab. Im von ihnen aufgestellten “Dakkar Appeal against the Land Grab” wird der Landraub als Menschenrechtsverletzung verurteilt! Die jeweiligen Regierungen, aber auch die FAO und andere daran beteiligten Organisationen werden aufgefordert, die Interessen der Kleinbauern zu schützen. Auch das “Internationale Jahr des Bodens“, das die Vereinten Nationen für 2015 ausgerufen hatten, brachte keine spürbare Veränderung.
Einige Zahlen gefällig?

1 ha Grund kostet pro Jahr

in Sambia 800 bis 1.000 $
in Argentinien 5.000 $
in Deutschland 24.000 $
(Angaben: www.sonnenseite.com)

Soziologen warnen zudem vor dem Kriminalisierungspotential. Den Bewohnern wird das Recht auf traditionelles Eigentum und Nutzung sowie auf Widerstand durch die Machthaber abgesprochen. Aufgrund dieser ungleichen Verteilung kann es jederzeit zu gewaltsamen Konflikten kommen, sobald das Potential dafür freigesetzt wird. Damit sind die meisten Revolutionen in den entsprechenden Staaten hausgemacht. Ausgelöst jedoch durch die Gier der geldgeilen Finanziers und Unternehmer aus dem Westen, Russlands und Chinas. Alsdann ist nicht nur die Entwicklungsarbeit vorort, sondern auch in den Investorenländern gefordert. Wird beispielsweise politisch ermöglicht, dass Kleinbauern in diesen Ländern ihrer Arbeit nachgehen können und im heimischen Handel mehr Gewicht den von ihnen exportierten Produkten zugesprochen wird, dann sind auch stabilere Verhältnissen in den Ländern der Dritten Welt vorherzusehen – gegensätzlich zur derzeitigen Ausbeuter-Situation. Palmöl beispielsweise hat in vielen Bereichen das Raps- oder Sonnenblumenöl abgelöst, da es einfach günstiger ist. Anstelle der heimischen Zuckerrüben wird vermehrt auf Zuckerrohr zum Süssen zurückgegriffen. Und schliesslich sollte das Mobilitätsverhalten hierzulande eingeschränkt werden. Es nutzt nichts, wenn immer mehr Biotreibstoff aus der Dritten Welt zugemengt wird, wenn die Bewohner dort – trotz Hektar um Hektar gut wachsender Pflanzen – verhungern. Es gilt sich zu überlegen, ob jede Autofahrt wirklich notwendig ist! Und schliesslich – durch die Aufweichung der Fair Trade-Bestimmungen sollte sich jeder Konsumenten besser informieren, bevor man auch bei diesen Produkten zugreift, denn unter Umständen hat man damit Arbeitssklaverei und Kinderarbeit unterstützt! Fair Trade-Rosen aus Kenia???

https://www.youtube.com/watch?v=ZPC6m29E1vM

Zudem sollten die Bürger Europas, die für diesen ganzen Schlamassel verantwortlich sind, einige Projekte der EU auch politisch hinterfragen. Werden die Entwicklungsgelder tatsächlich sinnvoll eingesetzt oder landen sie ohnedies wieder nur in den Glaspalästen und Hochhäusern der Reichen. Beispiel: Der Biosprit! Durchaus ein Schritt in die richtige Richtung, da weniger fossile Treibstoffe gebraucht werden, doch führte dies alles erst dazu, dass dringendst gebrauchte Ackerfläche für die Biosprit-Produktion anstelle der Bekämpfung des Welthungers missbraucht wurden. So geht es in Sierra Leone den Menschen nun wesentlich schlechter als in der Zeit zuvor, als noch keine Zuckerrohrplantage das kleine Nichts an Grund des Einzelnen verschlungen hat – trotz der Versprechen der Akteure auf ein besseres Leben. Und so mancher Entwicklungshilfe-Euro unterstützt dies auch noch. Nein – nicht etwa ein sauberes Autofahren, sondern die Profitgier einiger weniger! Denn:

Geht es um Gewinn, hört jedes moralisches Bedenken auf!

Eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung hat es auf den Punkt gebracht: 44 % der benötigten Gelder kommen aus Europa, 60 % der Nahrungsmittel, die wir täglich benötigen, wächst nicht in Europa, sondern dort, wo die Menschen für deren Anbau hungern müssen!
Ist das das, was auch Sie wollen???

Links:

www.landraub.com
www.nachhaltigkeit.info
unctad.org
www.ziviler-friedensdienst.org/de
www.misereor.de
www.institut-fuer-menschenrechte.de
www.landcoalition.org
www.giz.de
www.fian.at
www.icij.org
www.viacampesina.at
community.attac.at/agrarattac.html
www.normale.at
www.HungerMachtProfite.at
www.meine-landwirtschaft.de
www.langbein-partner.com
www.epd-film.de

Filme:

Landraub
Herr Abass und das geklaute Land
Der Fall Mubende und der bittere Geschmack der Vertreibung
AGROkalypse
Die neuen Grossgrundbesitzer
Bauer sucht Crowd

Lesetipps:

.( Landraub: Die globale Jagd nach Ackerland; Kurt Langbein; Ecowin 2015
.( Der große Landraub: Bauern des Südens wehren sich gegen Agrarinvestoren; Thomas Kruchem; Brandes & Apsel 2012
.( Land Grabbing: Der globale Kampf um Grund und Boden; Fred Pearce; Verlag Antje Kunstmann 2012
.( Kämpfen, glauben, hoffen: Mein Leben als Bischof am Amazonas; Erwin Kräutler; Vier Türme 2011
.( Land und Wasser: Von der Verantwortung ausländischer Agrarinvestoren im Süden Afrikas; Thomas Kruchem; Brandes & Apsel 2013

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Was gibt’s neues in Entenhausen???

Nachdem nun in Washington Donald und Miky regieren (Walt Disney hätte wahre Freudensprünge gemacht), dachte auch ich mir, dass ich an diesem Thema nicht vorbeikomme. Allerdings habe ich schon während des US-Präsidentschafts-Wahlkampf vor Donald Trump gewarnt – es hat sich leider bislang alles bewahrheitet. Deshalb möchte ich mich heute auf etwas anderes konzentrieren, von dessen Existenz ich bis vor kurzem gar nichts gewusst habe: Dem Donaldismus!
Dass so mancher Fankult gar abstruse Erscheinungsformen hervorbringen kann, wissen wir seit spätestens Raumschiff Enterprise (Star Trek) oder den Star Wars-Filmen. Dass jedoch auch Entenhausen die Menschen derart fesseln kann, dass sie ihre komplette Freizeit dem Erpel und seinen drei Neffen opfern – das ist zumindest mir neu gewesen. Das Phänomen ist unter “Donaldismus” bereits schon weltbekannt.

“Eine Kindheit ohne Donald Duck, das ist die schrecklichste Vorstellung, die es gibt.”
(Christian Zarnack, Psychotherapeut)

Klar – auch ich habe als Kind die Heftchen verschlungen – wäre ja ansonsten keine Kindheit gewesen! Allerdings käme ich nicht auf die Idee, dies auch als Erwachsener zu tun. Dennoch sind es nicht wenige, darunter auch Universitätsprofessoren, die es als höchsten Glücksmoment ansehen, sich des Abends in den Sessel zu setzen, die Leselampe einzuschalten und eines ihrer mehreren tausend Heftchen durchzuschmökern. Viele davon sind organisiert, in der “Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus” (D.O.N.A.L.D.) – andere in der “Initiative freies Entenhausen”. Doch vorsicht – die beiden können nicht miteinander. Schliesslich geht es Zweiteren um den Humor, nicht um irgendwelche Botschaften, wie es die Donaldisten verstehen. Deshalb sind diese auch in den Augen der Initiativen-Anhänger “pseudointellektuelle Kultus-Verehrer”. Kleines Beispiel gefällig? Der weltweit anerkannte Klimaforscher Professor Hans von Storch erklärt in seinen Interviews:

“… eine entscheidende Eigenschaft ist nicht erfüllt – das ist der sog. 2. Hauptsatz der Thermodynamik, der in etwas schlampiger Art und Weise sagt: Von alleine wird nichts ordentlich!”

Hoppla! Da mag der Herr Professor durchaus recht haben: Mein Bett macht sich ebenso wenig von selbst, wie sich am Samstag mein Auto wascht, oder der Rasen schneidet. Aus dieser Perspektive habe ich es bislang noch gar nicht betrachtet!
Die erste ernstzunehmende wissenschaftliche Arbeit verfasste anno 1973 Jon Gisle mit seinem Buch “Donaldismen”. Der norwegische Religionswissenschaftler baute die These auf, dass Entenhausen das Zentrum der Welt ist, deren Achse direkt durch Dagobert Ducks Geldspeicher verläuft. Vier Jahre später gründete Hans von Storch, der das Gisle-Werk während seines Aufenthaltes in Dänemark gelesen hatte, D.O.N.A.L.D. Nicht alle nahmen ihn dabei ernst – so titelte die Bild-Zeitung in einer ihrer Ausgaben:

“Sagen Sie mal, Herr Storch, haben Sie nicht eine Meise mit Ihrer Ente?”

Die Donaldisten betreiben eine wissenschaftliche Herangehensweise an die Comics, die ja eigentlich gar nicht hierfür gedacht sind. Es handelt sich dem folgend bei Entenhausen um eine Parallel-Welt, in der weitestgehend alles wie in der realen Welt vonstatten geht – jedoch etwas mehr Humor den Tag verschönert.

https://www.youtube.com/watch?v=1fVDCyzk4io

Jedes Jahr treffen sich hunderte Donaldisten und -innen zu einem Kongress. Der letzte fand im März vergangenen Jahres in Köln statt, der nächste am 01. April in Hamburg. Hier wird fachgesimpelt, Erfahrungen ausgetauscht, neue wissenschaftliche Ansätze präsentiert,… Allerdings sind die Donaldisten Puristen. Der einzige wahre Zeichner Entenhausens war Carl Banks, der nicht weniger als 6.000 Comicseiten ablieferte. Die Übersetzungen machte Erika Fuchs. Die Donaldisten sprechen hierbei von den beiden Propheten oder auch dem “Barksismus-Fuchsismus”! Schliesslich habe Barks viele späteren Erfindungen vorherbeschrieben. Filme? Das ist Mumpitz – es geht um die Comichefte! Jeder Kongress beginnt mit dem Lied vom “rührseligen Cowboy”, der Donald-Hymne, die ähnlich wie die Internationale bei sozialdemokratischen Parteitagen lautstark intoniert wird. Aber auch andere Veranstaltungen finden regelmässig statt: Die “Zwischenzeremonie” (ein lockeres Treffen) im Herbst; das “Mairennen” – eine Art Schnitzeljagd durch eine Stadt, wobei die Teilnehmer donaldistische Fragen beanworten müssen (das nächste Rennen findet am 20.05. statt), oder auch die unzähligen Stammtische, die in den unterschiedlichsten Städten abgehalten werden.

https://www.youtube.com/watch?v=1fVDCyzk4io

Seit 1977 gehen die rund 1.000 D.O.N.A.L.D.-Mitglieder Ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Der Erforschung Entenhausens und seiner Bevölkerung, der Quackus Sapie. Zumeist Menschen älter als 50! Mit Nachwuchssorgen übrigens, schliesslich greifen die Kiddies von heute nurmehr selten zum Comic-Heft als vielmehr zum Smartphone oder dem Tablet. Für die mersten der Donaldisten ist es nicht nur ein Steckenpferd – es ist vielmehr eine Leidenschaft. Von Storch spricht in diesem Zusammenhang auch vom “anarchistischen Spass”! Nicht wenige der Mitglieder sind keine normalen Fans – es sind Wissenschaftler, die der festen Überzeugung sind, dass Entenhausen wirklich existiert. Irgendwo, aber es gibt Donald Duck mit seinen Neffen Tick, Trick und Track, Daisy, Onkel Dagobert, Gustav Gans etc. tatsächlich. Und so beschäftigen sich die realen Experten jeweils in ihrem Fachgebiet mit den Enten. Von Storch betont beispielsweise dasselbe Klima wie hierzulande, die Sportwissenschaftlerin Viola Dioszeghy-Krauß hat sich ausführlich mit den Kampfkünsten der Comic-Figuren beschäftigt, Patrick Martin mit der Quantenchronodynamik:

“Je zwei away- Quaks und ein near – Quak verbinden sich zu Neutronen oder Protonen mit negativer Masse. In Analogie zur Antimaterie ist diese exotische Materie sogenannte Anamaterie, auf nuklearer Ebene also Ana -Neutronen oder Ana -Protonen, die zu den Ana – Baryonen zusammengefasst werden. Sie sind die Träger der Antigravitation im Universum Entenhausens. Ana – Baryonen ersetzen im Atomkern “normale” Neutronen oder Protonen.”

Literaturwissenschaftler haben die Sprache zerlegt, die Stadtplaner Wollina und Pfeiler anhand 700 Comic-Hefte einen maßstabgerechten Stadplan von Entenhausen erstellt. Dafür benötigten sie 13 Jahre!

www.donald.org/stadtplan

Wolina übrigens gründete 1995 das kartographische Institut “M.Ü.C.K.E.” (Meisterhafte Überarbeitung chaotischer Kartengrundlagen Entenhausens). Sozialwissenschaftler, wie PaTrick Bahners, beschäftigen sich mit dem Weltbild, mit der Religion, der Politik, den Finanzen und der Ethnologie in Entenhausen. Mit D.O.N.A.L.D. vergleichbare Vereinigungen gibt es auch in Dänemark (Dansk Donaldist-Forening DDF) und Schweden (Nationella Ankistförbundet Sverige NAFS). Der aktuelle Vorstand von D.O.N.A.L.D. wurde beim Kongress 2016 in Köln mit Christian Pfeiler gewählt. Er trägt offiziell die Bezeichnung “Die PräsidEnte” oder “PräsidErpel”! 2005, beim Kongress in Aachen, wurde zudem erstmals der Preis “MacMoneysac” für „ihre wirtschaftlichen Interessen frei von den Fesseln moralischer Bedenken“ vergeben. Er ging an den damaligen Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Der Professor-Püstele-Preis für die überzeugendste wissenschaftliche Arbeit des vergangenen Jahres (verliehen durch die Entenhausener Akademie der Wissenschaften) ehrte im letzten Jahr Susanne Luber. Über all die Neuigkeiten informiert zudem die Vereinszeitung “Der Donaldist”.
Mitglied bei D.O.N.A.L.D. kann jeder werden – egal welcher Hautfarbe und Nationaltät. Auf der Website der Vereinigung ist gar zu lesen:

“Besondere Voraussetzungen (wie z.B. der Vollbesitz der geistigen Kräfte) sind nicht erforderlich.”

Die Aufnahmegebühr beläuft sich auf 5,-, die monatliche Mitgliedsgebühr auf 2,- €, Eines jedoch haben alle Donaldisten gemeinsam: Sie mögen Micky Maus nicht! Diese ist ihnen zu bieder, zu sauber, zu heldenhaft. Donald hingegen ist der tappsige Vollidiot, der sich nach jedem Fall wieder aufrappelt. Die wahren Donaldisten haben deshalb ihre Heiligtümer entmaust – die Mausteile der Hefte entfernt! Die Heftchen wurden von den meisten Donaldisten in deren Kindheit heimlich gelesen, da die Eltern kein wirkliches Verständnis dafür aufbrachten, ja sogar von “Teufelszeug” war da die Rede! Lehrer verurteilten die Comics aufgrund der Sprachfetzen, die aber auch so absolut gar nichts mit der Schulsprache zu tun hatten. Aus den damaligen literarischen Revoluzzern sind inzwischen anerkannte Wissenschaftler und Kapazitäten auf ihrem Gebiet geworden, die auch mit über 60 Jahren Lebenserfahrung noch ein kindliches Blitzern in den Augen bekommen, wenn sie eines dieser Heftchen in Händen halten. Und so ganz nebenbei: Für die Mickey Maus-Ausgabe Nr. 1 vom 01. September 1951 blättern Sammler – je nach Zustand – schon mal bis zu 9.000,- € auf den Tisch.
Bleiben noch die Fragen offen: Gibt es in Entenhausen Toiletten? Hat Donald noch einen oder zwei weitere Neffen? Trägt Gustav Gans ein Tupet? Und nicht zuletzt: Wie sieht’s mit dem Sex zwischen Donald und Daisy aus???

PS:
Auf der Website spricht sich D.O.N.A.L.D. entschieden gegen einen Zusammenhang zwischen Donald Trump und den Donaldisten aus. Auch die Verwendung des Wortes “Donaldisten” für die Anhänger Trumps sei unzutreffend, schliesslich gebe es diese Bezeichnung seit nunmehr vier Jahrzehnten in einer komplett anderen Bedeutung!

Lesetipps:

.) Die Ducks – Psychogramm einer Sippe; Grobian Gans; Reinbek bei Hamburg 1972
.) Wie Enten hausen. Die Ducks von A bis Z; Henner Löffler; Beck 2004
.) Der Bücherdonald – Die große Lesekunde des Donaldismus; Klaus Bohn; Bauer Brüder 1990 (Band I)/1993 (Band II)
.) Entenhausen. Die ganze Wahrheit; Patrick Bahners: Verlag C. H. Beck 2013
.) Donaldismen; Gisle Jon; Gyldendal Verlag
.) Das wahre Leben des Donald D.; Martin S. Gans; Frankfurt 1986
.) Der Fall Entenhausen. Die Machenschaften von Dagobert, Donald und der übrigen Brut auf dem juristischen Prüfstand; Botho Bremer; Eichborn 1994
.) Reiseführer Entenhausen mit Stadtplan: Die schönsten Sehenswürdigkeiten; Jürgen Wollina; Ehapa-Comic-Collection 2010
.) Der Stammbaum der Ducks; Johnny A. Grote/Andreas Platthaus; Ehapa
.) Carl Barks. Werkverzeichnis der Comics; Johnny A. Grote; Stuttgart 1995
.) Das Erika Fuchs Buch. Disneys Übersetzerin von Donald Duck und Micky Maus: Ein modernes Mosaik;Klaus Bohn; Lüneburg 1996

Links:

www.donald.org
www.duckwelt.de/
forum.donald.org
disney.de
www.comicguide.de/
www.comicforum.de
www.comicsvalue.com

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Frankenstein 2.0 – damit ist die Grenze überschritten!

Es war eine Schlagzeile während der vergangenen Tage, die schon bald wieder in Vergessenheit geraten sein wird. Tatsächlich aber bedeutet dies das Überschreiten der Grenze: Nichts wird mehr so sein wie zuvor. “Ethik” ist nurmehr ein bedeutungsloses Wort!

Amerikanische Wissenschaftler schaffen ein Individuum – halb Mensch, halb Schwein!

Werden künftig vielleicht sogar sog. “Cybrids” geschaffen? Eine Mensch-Tier-Mischung durch die Befruchtung einer tierischen Eizelle mit menschlichem Sperma?

https://www.youtube.com/watch?v=ouXrsr7U8WI

Geschehen ist der Stein des Anstosses am Salk Institute for Biological Studies im kalifornischen La Jolla. In diesem Versuch wurden einem Schweineembryo menschliche Stammzellen im Ausmass von 0,001 % implantiert. In Vorversuchen an Mäusen entwickelten diese die Gallenblase einer Ratte – ein Organ, das die Mäuse im Laufe ihrer Evolution verloren haben. Nach vier Wochen (!) hatten sich die unterschiedlichsten Gewebetypen entwickelt – mit dabei Muskelzellen und Zellen als Vorstufe von Herz und Leber. Das Schwein soll also als Ersatzteillager für menschliche Organe herhalten! Alle paar Minuten kommt ein weiterer Mensch auf die Transplantations-Warteliste, jeden Tag sterben Patienten, die kein passendes Spenderorgan bekommen konnten. Nachdem es ohnedies zu wenig Organspender gibt (in den USA ist der Bedarf rund viermal so hoch wie das “Angebot”), könnte dies durchaus eine Lösung darstellen – allerdings nur für Reiche!
Viele Wissenschaftler haben sich bislang geweigert, diese Grenze zu überschreiten – nun ist es geschehen. Die Designer-Babies werden im Genlabor am Fliessband hergestellt (“Genome Editing”) – die misslungenen Versuche wie damals der Elefantenmensch auf Jahrmärkten ausgestellt. Schliesslich wurden bei diesem Versuch im Salk Institute rund 2.500 derartige Chimäre geschaffen – nur ein Teil der Embryonen entwickelte sich normal. Zurück bleiben nun die Fragen:
Hat der Mensch gottesgleich das Recht in die Schöpfung einzugreifen?
Was geschieht mit diesen Mischwesen? Dasselbe wie damals mit dem Klonschwein Dolly?
Ist es ethisch vertretbar, eine solche Chimäre umzubringen um dadurch einem Menschen Gewebe oder Organe einpflanzen zu koennen?
Was geschieht, wenn ein geistig nicht zurechnungsfähiger Wissenschaftler beim Streben nach neuer Erkenntnis menschliche Nervenzellen in das Gehirn eines Schweins einbaut? Wird der “Planet der Affen” langsam zur Realität?
Wo bleibt die Kirche? In der römisch-katholischen Kirche ist die Verhütung verboten. Bei diesen Versuchen jedoch werden menschliche Zellen in ein Schwein eingepflanzt – müssten nicht alle gläubigen Christen sofort auf die Strasse gehen?

“Diese Forschung hat eine neue Qualität. Sie öffnet eine Tür, gezielt in die Keimbahn eines menschlichen Embryos einzugreifen.”

(Prof, Hans Schöler, Leiter des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster)

Um all das etwas besser verstehen zu können, beleuchte ich die Stammzellenforschung heute etwas genauer. Der Mensch besteht aus zirka 250 unterschiedlichen Zellen. Sie werden im embryonalen Stadium aus den Stammzellen entwickelt und sind die Grundlage für Organe und Haut. Die Forschung mit diesen ganz speziellen Zellen gibt es schon seit geraumer Zeit. Allerdings beschränkte sie sich bislang auf Genlabors und hier auf die allseits bekannte Petrischale! So erzeugten beispielsweise schon 2008 britische Forscher solche Hybriden durch die Ausstattung von Kuh-Eizellen mit menschlichem Erbgut. Vorhergehende Versuche wurden an Kaninchen durchgeführt. Bereits 2003 meldeten chinesische Wissenschaftler der Shanghai Second Medical University, dass sie menschliche Stammzellen aus hybriden Embryonen gewinnen konnten. Am Lehrstuhl für Biotechnologie der Nutztiere am Wissenschaftszentrum Weihenstephan (WZW) der TU München beispielsweise werden Schweine mit menschenähnlicher DNA gezüchtet um dadurch zur Erkenntnis zu gelangen, was notwendig ist, damit gezüchtete Organe aus einem lebenden, tierischen Ersatzteillager nicht durch den Menschen abgestossen werden. Ausschlaggebend dafür sind Zuckermoleküle auf der Zelloberfläche, die der Mensch nicht mehr, das Schwein hingegen sehr wohl noch besitzt. Das Immunsystem erkennt diese als fremd und greift sie an. Im Labor wird dies durch “gene editing” erzielt, wobei die DNA durchtrennt und die störenden Gene entfernt werden.
Vor den Folgen dieser Entwicklung warnen auch viele Wissenschaftler selbst. So etwa am New York Medical College, wo die Vermutung aufkommt, dass künftig Menschen als Ersatzteillager gezüchtet werden – Klone beispielsweise. So benötigt man heutzutage nicht mal mehr eine menschliche Gebärmutter – eine künstliche wurde bereits geschaffen. Und in Japan wurde im vergangenen Oktober sogar die erste künstliche Eizelle entwickelt. Wann also der erste Labormensch abgenabelt wird, ist nurmehr eine Frage der Zeit. 2015 brüsteten sich die Genforscher aus dem Reich der Mitte, dass sie nun auch Menschen klonen könnten. Bis 2020 aber wolle man zuerst eine Million Kühe künstlich erschaffen. Frankenstein lässt grüssen!
In Grossbritannien wurde im Unterhaus anno 2008 ein Antrag auf das Verbot dieser Hybrid-Forschung mit 336 zu 176 Stimmen abgelehnt. Dort wurden zwischen 2008 und 2011 nicht weniger als 155 solcher Hybrid-Embryonen produziert. Inzwischen besitzen das Kings College London, die Newcastle University und die Universität Warwick Lizenzen auf die Schaffung derartiger Mischlingswesen. Jedoch mit der gesetzlichen Auflage, diese Embryonen nach 14 Tagen zu vernichten – ob das wirklich geschieht??? Die ersten Wissenschaftler fordern bereits die Abschaffung dieser Zeitregel, die derzeit noch für alle anglophilen Länder, aber auch einige Staaten der EU gilt (wie etwa Schweden und Dänemark). Im Salk Institute-Versuch wurde sie offiziell erstmals gebrochen! Jenseits des Ärmelkanals übrigens gibt es zwar die staatliche Überwachungsstelle HFEA (Human Fertilisation and Embryology Authority), die jedoch bei der Bewertung dieser wissenschaftlichen Studien sehr grosszügig ist. So etwa auch bei den Studien von Kathy Niakan vom Francis-Crick-Institut in London. Sie verwendet mit ihrem Team gespendete Embryonen, die bei künstlichen Befruchtungen übrig geblieben sind um Grundlagenforschung zum Gen OCT4 zu betreiben. Die Experten vermuten, dass dieses Gen dafür verantwortlich ist, welche Zellen zum Embryo und welche zur Plazenta werden: Dabei handelt es sich also um den Zeitpunkt des Entstehens von Leben! Es sei verboten, einen dieser mit dem sog. “CRISPR/Cas9-Verfahren” manipulierten Embryonen in eine Gebärmutter einzupflanzen – was, wenn doch??? Demnach ist bei den Briten vieles erlaubt, was auf dem europäischen Festland verboten ist (etwa durch das Embryonen-Schutz-Gesetz in Deutschland und Österreich). Sogar Patente sind bereits vergeben. Das angesprochene Verfahren übrigens wurde u.a. auch von der Direktorin des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin, Emmanuelle Charpentier, entwickelt, um die menschlichen Immunzellen genetisch dermassen zu verändern, dass ihnen das HI-Virus nichts mehr anhaben kann.

https://www.youtube.com/watch?v=ouXrsr7U8WI

Während der letzten 12 Monate soll es in den USA zu nicht weniger als 20 Hybrid-Schwangerschaften gekommen sein – Mensch-Schwein und Mensch-Schaf! Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erhielten bislang jene Institute keine Förderung, die sich solchen Hybrid-Züchtungen mit menschlichen Zellen verschrieben haben. Das Salk Institute seit 2015 nicht mehr. Nun überlegt man sich allerdings die Aufhebung dieser Bestimmung, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt werden, wie etwa das Kreuzungsverbot mit Menschenaffen. 2005 lehnte noch das US-Patentamt ein Patent auf Mensch-Tier-Hybriden des Zellbiologen Stuart Newman ab. Er gibt allerdings auch zu bedenken, dass es zu Komplikationen kommen könnte, wenn aus dem Ersatzteillager-Mensch mit einem Schweinehirn ein Schwein mit einem Menschenhirn wird Mit seinem Patent wollte er auf die Gefahren dieser Forschung hinweisen.

“Und dann, was ist, wenn wir den menschlichen Körper mit tierischem Gehirn haben? Dann wird gesagt: Sie sind nicht wirklich ein Mensch, wir können die Organe von Ihnen ernten, da wir an Ihnen Experimente ausgeführt haben.”
(Stuart Newman, Zellbiologe)

Schon vor einigen Jahren haben nicht weniger als 800 Wissenschaftler in einem offenen Brief an alle Regierungen dieser Welt (veröffentlicht vom Institute of Science) vor den Gefahren der Gentechnik gewarnt. Zwar handelte es sich damals um die nicht-autorisierten Gentechnik-Versuche der Bio-Tech-Konzerne. Doch was für gentechnisch veränderte Pflanzen zutrifft, kann auch auf die genmanipulierte Medizin übertragen werden. Der Schrei der Forscher verhallte übrigens – ungehört!
Auch wenn der Gedanke, Menschen zu helfen, die unheilbar krank sind, vielleicht durchaus vertretbar wäre, so weiss man jedoch ebenso wie bei der Atomkraft nichts über die Folgen und Gefahren, nichts über die weitere Entwicklung das Ganzen und dessen Missbrauch. Zudem werden die Genmanipulationen ja auch an die Nachfahren weitervererbt. Und welch grosses Interesse der Reichen an dieser Wissenschaft besteht, zeigt wohl am ehesten die Tatsache auf, dass es offenbar nicht wirklich sehr schwer gewesen ist, die finanziellen Mittel für diese Forschungen aufzutreiben!
Abschliessend noch eine philosophisch-sozialethische Frage, die ich in den Raum stellen möchte:

Gibt es künftig – wenn wir Schweinefleisch essen – einen kannibalischen Beigeschmack???

Lesetipps:

.) Embryologie; Beate Brand-Saberi/Ulrich Drews/Thomas W. Sadler; Thieme-Verlag 2014
.) Die Würde des Embryos. Ethische und rechtliche Probleme der Präimplantationsdiagnostik und der embryonalen Stammzellforschung; Christian Hillgruber/Klaus Ferdinand Gärditz/Manfred Spieker; Ferdinand Schöningh 2012
.) Genforschung und Gentechnik – Ängste und Hoffnungen; C. Niemitz/S. Niemitz (Hrsg.); Springer Verlag 1999
.) Leben aus dem Labor – Die neue Welt der synthetischen Biologie; Craig Venter; S. Fischer Verlag 2014
.) Zukünftige Personen – Eine Theorie des ungeborenen Lebens von der künstlichen Befruchtung bis zur genetischen Manipulation; Anja Karnein; Suhrkamp Verlag 2013
.) Die neue Schöpfung – Wie Gen-Ingenieure unser Leben revolutionieren; Olaf Fritsche; Rowohlt Verlag 2013
.) Kampf gegen die Natur – Der gefährliche Irrweg der Wissenschaft; Konrad Adam; Rowohlt Verlag 2012

Links:

www.salk.edu
www.nymc.edu
www.eb.tuebingen.mpg.de
btn.wzw.tum.de
www.zellbiologie.uni-jena.de
www.mpiib-berlin.mpg.de
www.hfea.gov.uk
www.crick.ac.uk
www.thethirdwayofevolution.com
www.biomedcentral.com
nuffieldbioethics.org
www.transgen.de
www.zentrum-der-gesundheit.de/genmanipulation.html

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