Archive for August, 2017

Die vielleicht klügsten Tiere der Welt

Die einen mögen sie, die anderen hassen sie abgrundtief und manche fürchten sich gar vor ihnen: Ratten! Angewiesen auf sie hingegen sind die meisten Menschen, schliesslich wird die Ratte seit dem 19. Jahrhundert als Versuchstier in der Medizin, der Phamarzie und der Kosmetik eingesetzt! Doch in Deutschland und in Österreich werden sie zunehmend zu einem Problem, das wiederum der Mensch verbrockt hat. Im deutschen Untergrund sollen rund 160 bis 200 Millionen der Nager leben – allein in Berlin werden 2,4 Millionen vermutet. Auch in Wien sind es mehr als menschliche Einwohner. Die Wiener Zeitung titelte beispielsweise bereits 2010: “Ratten erobern Schlaraffenland Wien”. Ihre Heimat ist die Kanalisation, Schächte und auch die U-Bahn. Kaum eine Stadt, die nicht von ihnen befallen ist. Und das, obgleich die Ratte seit dem Mittelalter verfolgt wird. Raffte doch ein kleiner Mitbewohner halb Europa dahin: Der Rattenfloh überträgt die Pest! Was aufgrund der zunehmenden Hygiene überwunden schien, hält nun hingegen wieder Einzug: Eine Krankheit, die hochansteckend, jedoch inzwischen gut behandelbar ist.
Ratten sind aber nicht nur deshalb derart gefürchtet. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von sog. “Kulturfolgern” des Menschen. Schliesslich mögen die beissfreudigen Tiere all das, was auch der Mensch mag. Somit sind sie meist dort anzutreffen, wo der Mensch lebt und Vorräte sammelt oder Abfälle produziert. Sie sind Nahrungskonkurrenten, deren bevorzugtes Jagdrevier so manches Getreidedepot darstellt. Wanderratten fressen allerdings auch Vögel, kleinere Wirbeltiere und Insekten – doch vertragen sie zudem Pelz, Seife und Papier – wenn gerade nichts anderes da ist.

https://www.youtube.com/watch?v=-i0BASTjq_4

Die römische Besiedlung Mitteleuropas dürfte auch die Ratten eingeschleppt haben – sie waren zuvor hierzulande nicht heimisch. Viele andere Arten wurden durch Kreuzfahrtschiffe bereits ab dem frühen 13. Jahrhundert nach Europa gebracht. So hatte Vasco da Gama nachdem er als erster am 20. Mai 1498 Indien auf dem Seeweg erreichte, viel zu erzählen, als er mit seiner portugiesischen Flotte wieder zurück nach Europa kam. Seine Schiffe waren bis unter die Planken gefüllt mit wertvollen Gewürzen. Allerdings auch mit Tieren, die dort eigentlich so wirklich gar nichts zu suchen hätten: Ratten. Um genau zu sein: Die kleine schwarze asiatische Hausratte (Rattus tanezumi). Sie ist in komplett Asien beheimatet und wurde durch die Kreuzfahrer als Neozoon auch in hiesigen Gefilden eingeführt. Entweder marschierten sie ganz frech über die Stege der Schiffe oder sie kletterten auf den Tauen rüber, mit welchen die Boote im Hafen festgemacht waren. Dabei sind die Verluste an Lebensmittel zwar ärgerlich, jedoch verkraftbar. Die Flöhe (Xenopsylla cheopis), die die Tiere jedoch über das Meer oder auch durch die unzähligen Kamelkarawanen auf die Reise schickten, brachten den schwarzen Tod nach Europa: Die Pest! Fehlen diesen Flöhen die Wirte, so wechseln sie ganz einfach auf das Kamel oder den Menschen. Beim Beissen überträgt sich dann das Bakterium Yersinia pestis. Inzwischen wurde etwa auch durch Untersuchungen von Boris Schmid et al. von der Universität Oslo nachgewiesen, dass eine direkte Korrelation einer Pestepidemie in Europa mit Klimaschwankungen im Karakorum besteht – nicht unbedingt mit Rattenplagen in Europa. Anhand 7.700 Pestepidemien konnten die Wissenschaftler aufzeigen, dass 15 Jahre nach einem besonders guten Klima in diesem Gebirgszug in Zentralasien, zu dem übrigens auch der K2 gehört, in Europa eine weitere Epidemie auftauchte. Somit ist die heimische Hausratte (Rattus rattus) nahezu unschuldig, obgleich sie dann trotzdem auch als Überträger fungierte. Ergo dürften alle Pestepidemien ihren Anfang im 4.000 km entfernten Indien genommen haben. Dies zeigt etwa auch die Tatsache auf, dass viele Epidemien in heissen europäischen Sommern oder kaltem Herbst tobten – eigentlich keine guten Lebensbedingungen für den Rattenfloh. Dabei traten übrigens die ersten Fälle stets in Hafenstädten auf. Und eines sei hier noch erwähnt: Die Ratten, die auf Schiffen mitgeführt wurden, haben die Reise grossteils gar nicht überstanden, da die infizierten und kranken Rattenpopulationen schon meist aufgrund des raschen Klimawechsels verendeten. Das lässt den Schluss zu, dass die Flöhe bereits auf den Schiffen den Wirt wechselten oder auf den tausenden Kamelen über die Seidenstrasse an die Mittelmeerhäfen und von dort über die Schiffsratten weiter ins Abendland gebracht wurden. Zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert fielen rund 25 Millionen Menschen in Europa der Pest zum Opfer. Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem Blog zur Pest an dieser Stelle. Neben der Pest können Ratten jedoch über 70 weitere Krankheiten übertragen, darunter auch Boreliose, Leptospiren, Salmonellen und das Streptobacillus moniliformis. Letzteres, auch als das “Rattenbissfieber” bekannt, ist mit Penizillin bzw. Tetrazyklin und Streptomyzin recht gut behandelbar. Ansonsten sterben rund 13 % der Infizierten an Komplikationen. Fieberkrämpfe, Hirnhautentzündung oder Organversagen – mit diesen Infektionen ist keineswegs zu spassen.
Kaum zu glauben, so ist es dennoch wahr: Die Hausratte Rattus rattus steht seit 1975 auf der roten Liste des Wahingtoner Artenschutzabkommens als besonders gefährdete Tierart. Zwei Rattenarten, die auf den Weihnachtsinseln vorkamen, sind bereits ausgestorben (die Maclear-Ratte & die Weihnachtsinsel-Ratte), sieben weitere sind „stark gefährdet“. Neben den bereits genannten Arten gibt es noch 63 weitere – die meisten davon in den Regenwäldern Zentral- und Südostasiens. Sie meiden auch die Nähe zum Menschen. Daneben sind hierzulande noch die Pazifische (Rattus exulans) und die Wanderratte (Rattus norvegicus) bekannt. Letztere wurde durch die Handelsflotten Ende des 18. Jahrhunderts mitgebracht. Auch diese kommt eigentlich aus Zentralasien – dort jedoch aus den Steppen. Und das unterscheidet sie von der Hausratte: Während sich diese zumeist in den oberen Etagen eines Hauses oder im Vorratsspeicher, der ja meist auch weiter oben liegt, einmietet, ist die Wanderratte sehr bodenständig. So lebt sie in Kellern, Höhlen, Schächten, der Kanalisation – zumeist also unterirdisch. Die Wanderratte ist somit den Verhältnissen entsprechend anpassungsfähiger. Dazu zählt auch eine wesentlich grössere Zahl an Nachkommen. Der Wanderratten-Wurf liegt bei durchschnittlich 8-9 Tiere, kann aber auch schon mal bis auf 22 ansteigen. Bei der Geburt wiegen die Kleinen zwischen 5-7 Gramm, sind nackt und blind. Erst nach 15 Tagen öffnen sie ihre Augen. Ab dem Zeitpunkt haben sie auch ein Fell. Die Jungen verlassen nach rund drei Wochen das Nest. Ratten gehören zur Gattung der Altweltmäuse (Murinae). Durchschnittlich sind sie zwischen 8 bis 30 cm gross, ihr Schwanz ist – je nach Art – auch länger als der Rumpf. Die Wanderratte kann bis zu 500 g schwer werden, die polynesische Ratte auf Hawaii hingegen nur rund 38 Gramm. Sehr gut ausgebildet ist das Gehör (Ultraschallbereich) und v.a. der Geruchssinn, der auch der Kommunikation mit anderen Tieren dient.
Oftmals steht der Mensch bei der Bekämpfung der kleinen Nager auf verlorenem Posten: Einerseits ist es die hohe Vermehrungsrate und ihre Anpassungsfähigkeit, andererseits sind Ratten hochintelligente Tiere. Die Nager leben zumeist in grossen Familiensippen (bis zu 60 Tiere) mit klaren sozialen Strukturen. Sollten Ihnen bei Aussenstromleitungen schon mal dort befestigte PET-Flaschen aufgefallen sein, so dienen diese dem einen Zweck, dass die Ratten nicht über die Stromleitungen auf das Dach der Häuser kommen, von wo aus sie sich bis in den Dachboden durchbeissen können.
In England startete zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine richtiggehende Hetzjagd auf Ratten. Sie wurden jedoch lebend gefangen um dann in sog. “Schaukämpfen” auf Terrier losgelassen zu werden. Der nach wie vor geltende Weltrekord stammt aus dem Jahr 1861 – ein Terrier biss innerhalb nur einer Minute 25 Ratten tot. Gelang es bei derartigen Jagden weisse Ratten zu fangen, so wurden sie als Haustiere verkauft oder später auch zum Zwecke der Tierexperimente gezüchtet. Mit der Wistar-Ratte kreierte die Wissenschaft eine eigene Züchtungslinie. Inzwischen sind rund 450 Laborarten bekannt. Dabei züchtet der Mensch die Ratten, wie er sie braucht: Anfälliger für Infektionen, fruchtbar, resistent gegenüber Umwelteinflüsse uvam. Ob es nun ethisch vertretbarer ist, eine Ratte durch einen Hund todbeissen zu lassen oder sie im Labor zu Tode zu quälen – diese Entscheidung überlasse ich Ihnen. Fakt ist jedoch, dass viele lebensrettenden Medikamente ohne Rattenversuche nicht auf dem Markt wären. Alleine in Deutschland werden rund eine halbe Million jährlich bei Tierversuchen getötet (Angaben: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz).
Seit den 1980er Jahren hat allerdings auch die Haustierhaltung zugenommen. Rund 200.000 dieser sog. “Farbratten” werden in den bundesdeutschen Haushalten gehalten. Sie sind aufgrund ihrer Neugier und Zutraulichkeit sehr beliebt.

https://www.youtube.com/watch?v=MGf-HlQcxZI

In der Landwirtschaft und bei so manchem Hobby-Gärtner hingegen gefürchtet. Bevorzugt nagen sie Wurzeln und Knollen an und können auf diese Art gewaltige Schäden verursachen. Dabei verwenden sie nicht selten bereits vorhandene Maulwurfgänge. Doch auch in städtischen Gefilden fühlen sie sich sehr wohl. Hier bauen sie Nester unter den Häusern und knabbern auch Wasser- und Abwasserrohre an. In Berlin gab es einzig im Jahr 2016 rund 8.700 Ratteneinsätze der Schädlingsbekämpfer. Tendenz: Steigend! Auch aus New York, Paris, Kaiserslautern oder Rostock kommen ähnliche Meldungen. In Rostock verirrten sich gar einige Exemplare in die Innere Medizin der Universitätsklinik. Sie sollen von einer angrenzenden Grossbaustelle stammen. In München herrscht pro Jahr auf fünf bis sechs Spielplätzen Rattenalarm. Jeder runtergefallener Speisekrümel lockt die Tiere an. In der Weltstadt mit Herz gibt es übrigens rund 750 städtische Spielplätze.
Eindeutige Zeichen für einen Rattenbefall ist frischer spindelförmiger Kot bzw. ein starker nach Ammoniak riechender Gestank. Auch verendete Tiere sind ein klarer Hinweis. Ratten sind sehr scheu und tagsüber so gut wie nicht zu sehen. Über die sog. “Schmierspuren” (Schmutz und Körperfett in staubigen Teilen der Wohnung) gelangt der Experte dann auch direkt zum Nest, da Ratten immer dieselben Wege wählen.

https://www.youtube.com/watch?v=VQKOq9J3z48

Vorbeugend sollten v.a. im Kampf gegen die Wanderratte keine Essensreste über den Ausguss oder die Toilette entsorgt werden. Rückstauklappen oder Gitter bei Kellerabläufen können auch gute Arbeit leisten. Zudem sollten alle Türspalten beispielsweise mit Gummidichtungen verschlossen werden. Bereits ein 2 cm grosser Spalt reicht Ratten und Mäuse aus um in ein Gebäude vorzudringen. Im Haus sollten Vorräte stets gut verschlossen sein – gleiches gilt auch für Mülltonnen. Müllbeutel grundsätzlich erst am Tag der Abholung auf die Strasse stellen. Für den nicht verschlossenen Komposthaufen gilt: Gut durchmischen und möglichst keine Fleischreste dort ablagern. Komposter haben zumeist einen Boden, der gegen Wühlmäuse und Ratten schützen soll. Mit den messerscharfen Zähnen können sowohl Ratten als auch Mäuse Stromleitungen anknabbern. Das führt zu Kurzschlüssen und schliesslich zu Bränden. Sollte es dennoch geschehen sein, so helfen bei vermuteten einzelnen Tieren Schlag- oder Lebendfallen. Im Haus sollte noemals Rattengift (Biozid) zum Einsatz kommen. Auch ausserhalb muss man sich gut damit auskennen ist es doch für Hund und Katze ebenso giftig – auch wenn sie das Gift indirekt aufnehmen. Durch fressen eines vergifteten Tieres beispielsweise. Viele dieser Wirkstoffe, wie beispielsweise Bromadiolon, Brodifacoum, Difethialon, Flocoumafen und Difenacoum dürfen nur von Spezialisten eingesetzt werden, obgleich sie im Handel zu erwerben sind. Enthalten sind blutgerinnungshemmende Wirkstoffe, die erst nach einiger Zeit wirken. Dann verbluten die Tiere innerlich. Ratten haben übrigens Vorkoster. Stirbt einer dieser Vorkoster, so lassen die anderen den Köder in Ruhe – da kann er noch so verlockend sein. Stirbt der Vorkoster erst nach einiger Zeit, so haben die Ratten inzwischen auch vom Köder gefressen oder können keinen Zusammenhang mehr herstellen.
Katzen als natürliche Feinde zu halten ist gut, doch können diese einen Rattenbefall nicht gänzlichst verhindern. Sie können lediglich deren Population in Grenzen halten. Die Wirksamkeit von Hausmitteln, die den Geruchssinn der Tiere irritieren sollen (Minze etwa oder Cayenne-Pfeffer) ist nicht nachgewiesen.
Aufgrund all dieser negativer Eigenschaften haben Ratten in der westlich-zivilisierten Welt einen sehr schlechten Ruf. Im asiatischen, v.a. aber indischen Raum gilt sie hingegen als heilig und glückbringend und wird sogar gefüttert. Die meiste Verehrung kommt dem Nagetier im Hinduismus zu – als Reittier des Gottes Ganesha nicht zuletzt auch aufgrund ihrer Intelligenz. Die Chinesen haben der Ratte ein eigenes Tierkreiszeichen gewidmet. Andernorts werden sie aufgrund ihres guten Geruchssinnes zur Minenräumung oder Erkennung von Krankheitserregern eingesetzt. In den meisten hiersigen Städten jedoch besteht Meldepflicht!

Lesetipps:

.) Meine Ratten; Brigitte Rauth-Widmann; Franckh-Kosmos Verlag 2000
.) Lehrmeister Ratte; Kelly G. Lambert; Springer Spektrum 2013
.) Das ANDERE Rattenbuch; Erika Weiß-Geißler; Books on Demand GmbH 2004
.) Leitsymptome bei Hamster, Ratte, Maus und Rennmaus
Diagnostischer Leitfaden und Therapie; Anja Ewringmann/Barbara Glöckner; Enke 2007
.) Ratten glücklich und gesund; Monika Lange; Gräfe und Unzer Verlag 2002
.) Ratten – Halten, pflegen, beschäftigen; Andrea Langos; Franckh Kosmos Verlag 2013
.) Ratten: So fühlen sich die Kletterkünstler rundum wohl; Gerd Ludwig; Gräfe und Unzer Verlag 2016
.) Spiel und Spaß mit Ratten; Christine Wilde; Verlag Eugen Ulmer 2012
.) Das große Buch der chinesischen Astrologie; An Kuei Chi; Goldmann Verlag 2003

Links:

- www.vdrd.de
- www.ratte.ch
- farbratten.com
- www.rattenecke.com
- www.notrattenhilfe.de
- www.tierquartier.at
- www.ratteninfo.at
- www.rattenclub.ch
- yuri-akuna-yoki-nash-joshi.jimdo.com/
- www.tierschutzbund.de
- labortiereberlin.de/
- www.peta.de
- www.wwf.at
- www.naturkundemuseum-erfurt.de
- www.diebrain.de
- www.petakids.de
- www.tierchenwelt.de
- www.ncbi.nlm.nih.gov
- www.apopo.org/de
- www.veolia.de

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Vegan – auch keine Lösung???

“Ich habe Hochachtung und Respekt vor Menschen, die aus Achtung vor dem Tier auf Fleisch und alles andere Tierische verzichten. Sie sind zu Recht wütend über die Zustände in der Landwirtschaft. Was mich aber stört, ist die Haltung vieler, die glauben, allein der Verzicht auf alle tierischen Produkte sei die richtige Antwort.”
(Sarah Wiener im enorm-magazin)

Sarah Wiener – ein Name bürgt für Qualität! Auch ich schaue mir die Sendungen der TV-Köchin und mehrfachen Restaurantbesitzerin gerne an, zeigt sie doch stets dabei, dass sie für alles offen ist. Kulinarisch! Nun hat sie sich im enorm-Magazin über den aktuellen Zustand der Fleischindustrie, des Konsums und den Veganismus ausgelassen. Und dies nicht nur positiv! Was meint dazu die vegane Gegenseite? Anstatt sich ob der Medienwirksamkeit zu freuen, wird der Artikel zerrissen und Frau Wiener auf’s Rüdeste beschimpft!
Bevor ich mich allerdings diesem Thema widme, möchte ich eines klarstellen: Die industrielle Fleischproduktion ist ein riesiges Problem, das es auf jeden Fall zu lösen gilt. Nachhaltig (wegen der Umwelt und mehr), v.a. aber ethisch im Umgang mit den Tieren und deren Würde. Lebewesen werden zur Ware. Jener Arbeitnehmer, der in diesem Teufelskreis moralische Bedenken hat, wird einfach durch Billigarbeitskräfte aus Ungarn und Rumänien ausgetauscht. Wie bereits an dieser Stelle beschrieben, erhalten ungarische Schlachter in Bayern ihr Gehalt nach Anzahl der Tötungen. Dabei haben sie einige Sekunden pro Tier! Versteht das die Religion unter dem 1. Buch Moses Kapitel 1:

“…und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alles Lebendige, was auf Erden kriecht!”

Keine Angst – das wird kein Reli-Blog! Es steht nur im krassen Gegensatz dazu, wenn ein einzelner Mensch alle paar Sekunden ein Schwein tötet, damit Familie Maier aus Dortmund oder Familie Wagner aus Wien möglichst jeden Tag Wurst oder Fleisch auf dem Tisch stehen haben. Und – da sich nicht alle Biofleisch von Tieren aus nicht wesensfremder Haltung leisten können, müssen eben viele auf das Billigfleisch vom Fliessband zurückgreifen. Der Konsument ist schliesslich derjenige, der den Markt bestimmt. Er ist es auch, der einem derartigen Horror entgegen treten kann.

“Wir müssen uns wieder bewusst machen, dass das Fleisch, das wir konsumieren, von einem Tier stammt und nicht in einer Plastikschale herangewachsen ist. Und auch, dass das Tier aus konventioneller Haltung höchstwahrscheinlich ein mieses Schweineleben gelebt hat und leiden musste.”
(Denise Snieguole Wachter; Genuss-Redakteurin Stern)

U.a. deshalb habe ich mich dafür entschieden, Fleisch oder Wurst nurmehr am Wochenende auf den Speiseplan zu setzen. Und siehe da: Ich lebe noch!
In Horsens/Dänemark steht ein gläserner Schlachthof des Danish Crown-Konzerns. Interessierte können sich von der Tötung des Tieres bis zum fertigen Kotelett alle “Produktionsgänge” anschauen. Spätestens wenn die Innerreien herausgenommen werden, bereut es jeder Einzelne, wenn er zuvor etwas gegessen hat. Mein Fall wäre es nicht – dennoch sollten v.a. all jene das mal gesehen haben, die Wurst oder Fleisch in rauhen Mengen kaufen, um sie vielleicht dann wegzuwerfen. Danish Crown ist der zweitgrösste Schweineschlachter und drittgrösste Fleischexporteur der Welt. Ich gehe jede Wette mit Ihnen ein, dass auch sie schon mal Fleisch aus diesem Konzern gegessen haben. Der Schlachthof in Horsens ist trotz alledem ein Vorzeigebetrieb, da alles transparent geschieht. Allerdings lässt der Konzern auch in Deutschland schlachten – in Betrieben, wo keine Besucher oder Kameras erwünscht sind. Nirgendwo ist das Schlachten derzeit so günstig in in Deutschland!

https://www.youtube.com/watch?v=xKKJIYLtsCM

Doch beginnt das Problem schon weitaus früher: Am “Bauernhof”! Mit der Idylle und Romatnik eines Berghofes aus den Alpen hat die Realität schon längst nichts mehr zu tun. Weitaus gefehlt. Tausende Tiere warten zusammengepfercht in ihren Mastboxen auf den Tod! Und ihre Gülle kontaminiert nach und nach das Grundwasser. Mit Koli-Bakterien und Nitraten. Beim Anblick dieser armen Tiere und ihrer Lebens- und Tötungsumstände sind viele Menschen zu Vegetarier oder gar Veganern geworden. Auch ich habe mir überlegt, komplett auf Grünfutter umzusteigen und Vegetarier zu werden. Doch steht mir da die Evolution des Menschen etwas im Wege: Der Mensch ist ein Allesfresser! Und hier kommt wieder Sarah Wiener in’s Spiel, die in ihren Ausführungen vor allem kritisiert, dass niemand mehr darauf achtet, was man sich hineinstopft. Sie bezeichnet Fast Food und den hohen Fleischkonsum als die grösste Ernährungssünde. Doch ohne Fleisch ist es enorm schwer, einseitige und damit gesundheitsgefährdende Ernährung zu vermeiden. Deshalb möchte ich heute diese Thematik unter dem ernährungswissenschaftlichen und physiologischen Aspekt genauer begutachten!
Ich hatte während meines Studiums einen Bekannten, der jede Sekunde nutzte, um in die Berge zu gehen. Er war Freeclimber – und Vegetarier! Immer mehr Hochleistungssportler gehen dazu über, sich vegetarisch zu ernähren. Es ist auch durchaus machbar, jedoch muss die Nahrung dementsprechend bunt und vielseitig sein, sodass die meisten Otto Normalbürger bereits nach kurzer Zeit aufgeben, da das Ziel zudem gewaltig in die Geldbörse geht oder nahezu ein ernährungswissenschaftliches Studium benötigt wird, damit keine Mangelerscheinungen auftreten. Hier nun zu den wichtigsten Bestandteilen im Einzelnen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit!):

.) Eiweiss
Durchschnittlich beinhalten 100 g Fleisch rund 20 % Eiweiss (bei Rindersteaks sind es gar 30 %). Diese Proteine sind den körpereigenen sehr ähnlich und müssen somit nicht aufwendig umgebaut werden. Besonders wichtig dabei sind die essentiellen Aminosäuren, die der menschliche Körper unbedingt für z.B. den Zellaufbau aber auch das Nervensystem benötigt. Solche essentiellen Aminosäuren wären beispielsweise (gemeinsam mit der von der WHO empfohlenen Mindestmenge pro Tag und Kilogramm)::
Histidin 10 mg
Isoleucin 20 mg
Leucin 39 mg
Lysin 30 mg
Methionin 15 mg
Phenylalanin 25 mg
Threonin 15 mg
Tryptophan 4 mg
Valin 26 mg
Aber auch bei der Hormonproduktion bzw. dem Stoffwechsel tragen Aminosäuren das ihre bei. So bilden Lysin und Methionin das besonders für den Fettstoffwechsel lebensnotwendige L-Carnitin. Fehlt eine dieser essentiellen Aminosäuren, so führt dies in den meisten Fällen zu einer Dysfunktion des Körpers, etwa zur Phenylketonurie (PKU). Hierbei kann Phenylalanin nicht mehr in Tyrosin umgewandelt werden. Zudem gilt: Fehlt eine Aminosäure oder ist in ungenügendem Ausmass vorhanden, so können auch die anderen aufgenommenen nicht mehr verarbeitet werden – sie werden zu Zucker bzw. Fett umgebaut (Desaminierung).
Neben diesen essentiellen, also lebensnotwendigen Aminosäuren spielen auch die semi-essentiellen eine nicht zu unterschätzende Rolle:
Arginin
Asparagin
Cystein (4 mg)
Glutamin
Glycin
Prolin
Tyrosin
Einige davon können aus essentiellen Aminosäuren aufgebaut werden, wie etwa das Cystein (aus Methionin) oder Tyrosin (aus Phenylalanin) – wenn sie gebraucht werden. Dies kann je nach Lebensalter der Fall sein, bei Krankheiten oder auch bei körperlicher Arbeit.
Der menschliche Körper (heterotropher Organismus) kann vor allem die essentiellen Aminosäuren nicht selbst aufbauen – sie müssen über die Nahrung zugeführt werden. Pflanzen (autotrophe Organismen) hingegen können sie in den meisten Fällen selbst herstellen. Werden allerdings nur Obst, Salate oder Gemüse als Nahrung aufgenommen, so muss die Ernährung sehr ausgewogen sein und auf jeden Fall durch Hülsenfrüchte bzw. Getreideprodukte erweitert werden. Zudem benötigt der Körper länger um die essentiellen Aminosäuren körpergerecht umzubauen.

.) Vitamine

V.a. im Schweinefleisch, aber auch in allen anderen Sorten sind viele B-Vitamine enthalten (etwa B1, B2, Niacin, B6 oder B12). Diese sind ebenfalls für das Nervensystem, aber zudem für die Blutfettwerte, Haare und Haut sowie auch das gesamte Wohlbefinden und die Vitalität immens wichtig. Das Vitamin B12 wird beispielsweise nahezu ausschliesslich durch Fleisch geliefert.
Vitamin B1 (Thiamin) – Energiestoffwechsel
Vitamin B2 (Riboflavin) – Gewebebildung
Vitamin B3 (Niacin) – Blutzucker und Blutdruck-Regulierung
Vitamin B5 (Pantothensäure) – Protein- und Fettsynthese
Vitamin B6 (Pyridoxin, Pyridoxamin und Pyridoxal) – Nerven und Abwehrkräfte
Vitamin B7, auch Vitamin H (Biotin) – Haut und Haare
Vitamin B9, auch Vitamin B11 oder Vitamin M ist Folsäure bzw. Folat – Zellteilung und Proteinstoffwechsel
Vitamin B12 (Cobalamine) – Blutbildung, Schutz des Herz-Kreislauf- und Nervensystems
Keine Vitamine sind B13, B15 und B17!
Die B-Vitamine sind vornehmlich für die Energieproduktion beim Stoffwechsel verantwortlich. Soll heissen – sie bauen Kohlehydrate, Eiweisse und Fette zu Brennstoffen für die Mitochondrien, also die Kraftwerke der Zellen um. Dabei ist jede Zelle des Körpers auf eine genügend hohe Konzentration an B-Vitaminen angewiesen. Aufgrund der Wasserlöslichkeit (mit Ausnahme des Vitamins B12) können diese B-Vitamine jedoch nicht gespeichert werden – sie müssen kontinuierlich zugeführt werden. Ein Mangel wird vornehmlich durch Konzentrationsschwächen, Müdigkeit und Erschöpfung, aber auch leichter Reizbarkeit und Infektanfälligkeit signalisiert. Besteht jedoch über einen längeren Zeitraum ein Mangel, so können daraus Depressionen, Anämien, zu hohe Homocystein-Werte und nicht zuletzt auch ein chronischer Erschöpfungszustand entstehen. Auch Artheriosklerose und beispielsweise Alzheimer (neurodegenerative Erkrankungen), die nicht mehr mit einer erhöhten Vitaminzufuhr zu behandeln sind, werden immer wieder aufgrund dessen diagnostiziert. V.a Menschen jenseits der 40 sollten grundsätzlich einen solchen Vitamin B-Mangel bekämpfen, da dieser zumeist zu spät als solcher erkannt wird und zu schleichenden Krankheiten führt. Kommen noch Faktoren wie Alkohol, Kaffee, Schwangerschaft oder Stress hinzu, benötigt der Körper um ein Vielfaches mehr an B-Vitaminen.
Besonders häufig vom Vitamin-B-Mangel betroffen sind Vegetarier bzw. Veganer. Hier gilt es sich genauestens zu informieren, wie die notwendigen B-Vitamine aufgenommen werden können. Eine sehr ausgewogenen Ernährung ist also ein unbedingtes Muss. Mit Ausnahme von B12 sind sie alle auch in Pflanzen zu finden. B12 kann im Körper gespeichert werden, muss jedoch von Veganern und Vegetarier in Form von Nahrungsergänzungen zugeführt werden. Es spielt gemeinsam mit B6 und der Folsäure eine schwergewichtige Rolle bei der Ausscheidung von Homocystein (unbedenklich sind Werte von unter10 Mikromol pro Liter Blutplasma). Dieses Stoffwechselgift entsteht bei der Verarbeitung der Aminosäure Methionin. Reichert sich dieses nun aufgrund mangelnder Ausscheidung im Blut an, kann die Wand der Gefässe angegriffen werden und das Blut gerinnt leichter. Die dadurch entstehenden Ablagerungen hindern den Blutfluss. Dadurch wird die Hirnleistung beeinträchtigt – die Folge davon können Demenz und Alzheimer sein. Auch bei Menschen mit leichten Wahrnehmungsstörungen konnte ein Vitamin B-Mangel festgestellt werden. Nachzulesen in einer Studie von Smith et al. aus dem Jahr 2010. Dabei wurde nachgewiesen, dass durch einen “Vitamin-Cocktail aus B6, B12 und Folsäure einerseits die Homocystein-Werte auf das Normallevel gebracht, der altersbedingte Hirnschwund um 53 % aufgehalten und auch die Demenzerscheinungen um 30 % gemindert werden konnten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch die Wissenschafter der University of Oxford in ihrer VITACOG-Studie.
Bei sich normal ernährenden Menschen kann einem solchen Mangel an B-Vitaminen sehr leicht durch Fleisch, tierische Produkte (etwa Eier), Fisch und Vollkornprodukten entgegengewirkt werden. Doch ist beispielsweise Folsäure auch im Spinat, den Gurken, Tomaten und Orangen enthalten.
Die Leber speichert rund 4000 µg des wichtigen B12 – das reicht für mindestens 3 Jahre. Ein Erwachsener sollte je nach Studie zwischen 3-7 µg pro Tag zu sich nehmen. Ein Mangel macht sich vorerst bemerkbar durch Müdigkeit, Schwäche und Depression. Wird nicht reagiert, so kann dies zu Schäden am Nervensystem führen, die nicht mehr reparabel sind. Übrigens ist B12 auch an der Zellteilung und der DNA-Bildung beteiligt. Fehlt es bereits beim heranwachsenden Kind, kann dies zu Wachstumsstörungen führen.
Alsdann sind nicht nur Vegetarier und Veganer von diesem B12-Mangel betroffen. Menschen mit Sodbrennen etwa oder Gastritis Typ A leiden ebenfalls darunter. Bei Sodbrennen wird zuhauf ein Säureblocker verwendet, der nicht nur die Produktion von Magensäure hemmt, sondern auch jene des Resorptionshelfers. Übrigens behindern auch Gichtmedikamente und Blutgerinnungsmittel die Aufnahme von B12. Das Vitamin wird im Dünndarm mittels des Transportproteins “Intrinsic Factor” resorbiert. Gerne wird immer wieder damit argumentiert, dass B12 bei gesunder Darmflora auch im Dickdarm aufgebaut wird. Durchaus korrekt – doch wird es dort nicht mehr resorbiert sondern nurmehr ausgeschieden. Hier behelfen sich einige Affenarten und auch Kanninchen, indem sie eigenen Kot essen um dies ausgleichen zu können. Auch wurde nachgewiesen, dass Pflanzen wie die Gerste und Spinat B12 aus dem Boden aufnehmen können (A. Mozafar – ETH Zürich). Dies gelingt jedoch nur dann, wenn die Düngung organisch erfolgt – also mit Kuhmist. Ist aber dann die Pflanze noch vegan? Zudem müssten täglich mindestens 400 g Gerste oder etwa 1 kg frischer Spinat gegessen werden, um an die erforderliche Menge an B12 ranzukommen. Mit Soja funktioniert dies im Übrigen nicht. Und wenn die Rohkostesser unter den Veganern Salate, Gemüse und Obst nicht waschen, essen sie automatisch auch kleinste tierische Mikroorganismen mit (Schnecken etwa). Gerade die sind aber wichtige Produzenten des Vitamins. Mittels eines einfachen Vitamin B12-Urintests können Sie selbst überprüfen, ob sie ausreichend versorgt sind. Bei einem Mangel ist die Konzenztration von Methylmalonsäure erhöht.
Zudem enthält Fleisch auch Vitamin C und eine sehr hohe Konzentration an Vitamin A in den Innerreien.

.) Mineralstoffe
Mineralstoffe sind wichtige anorganische Elemente, wie etwa Chlor, Magnesium, Phosphat, Calcium, Natrium, Eisen oder Zink, die nicht vom Körper selbst produziert werden können und somit ebenfalls durch die Nahrung zugeführt werden müssen. Fleisch ist reich an v.a. Eisen und Zink und liefert dies in wesentlich besser zu verarbeitendem Zustand als Pflanzen – etwa in Form des Hämeisens. Je dunkler nun das Fleisch ist, desto mehr Eisen beinhaltet es. Studien haben insofern erwiesen, dass beispielsweise das Zink aus Rindfleisch um das drei- bis vierfache besser durch die Darmwand aufgenommen wird, als jenes aus Getreide, da hierbei das Phytat entgegenwirkt. Phytat oder Phytinsäure sind Phosphorspeicher der Pflanze, die für die Photosynthese unerlässlich sind. Es bindet allerdings auch Mineralstoffe. Dadurch kann es bei einseitiger Ernährung auch zu Mikronährstoffmangelerscheinungen kommen.
Über die Bedeutung von Eisen muss ich in diesem Zusammenhang nicht viel schreiben. Oftmals wird allerdings jene von Selen unterschätzt – dabei ist das Element v.a. für das Immunsystem von entscheidender Bedeutung. Es wirkt antioxidativ und bindet zudem Schwermetalle. Eine ausreichende Versorgung mit diesem Spurenelement kann alsdann vor Krankheiten schützen. Durch die Bindung der Freien Radikalen beispielsweise können diese nicht mehr die Zellwand und damit die Zellen selbst zerstören. Zudem wird die Bildung von Antikörpern angeregt.
In Mitteleuropa sind die Böden aufgrund der Übersäuerung zunehmend selenarm. Zudem wird immer mehr durch die ebenfalls zunehmenden Starkregenereignisse aus dem Boden gespült. So beinhaltet beispielsweise kanadisches Brot das 30- bis 40ig-Fache an Selen im Vergleich zum vergleichbaren Wecken aus Mitteleuropa. Tiere nun besitzen die Fähigkeit, das Element aus an sich selenarmem Futter und Trinkwasser zu akkumulieren. Im Gegensatz dazu nehmen die Schwermetalle wie Quecksilber, Cadmium, Blei etc. im Boden immer mehr zu. Bindet sich nun das Selen bereits dort mit den Schwermetallen, kann es durch die Pflanzen nicht mehr verwertet werden.
Das meiste Selen ist im menschlichen Körper in der Skelettmuskulatur enthalten. Tritt nun der Fall einer Selen-Unterversorgung ein, so wird das Spurenelement im ganzen Körper gesammelt und dorthin verbracht, wo es am lebensnotwendigsten ist: In die Hypophyse, die Zirbeldrüse, die Schilddrüse, die Nebenschilddrüsen, die Bauchspeicheldrüse und die Nebennieren. Viele Krankheiten können durch einen Selenmangel ausgelöst werden: Augenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Parkinson bzw. Multiple Sklerose. Freie Radikale beispielsweise begünstigen Entzündungen wie jene der Schilddrüse oder Arthritis. Auch in der Krebsforschung spielt Selen eine wichtige Rolle (Glutathionperoxidase). Eine Selen-Messung muss im Labor durch eine Blutuntersuchung vorgenommen werden. Mediziner empfehlen eine Konzentration von 120 bis 160 Mikrogramm pro Liter Blut; in Mitteleuropa liegt dieser Wert meist bei 80, in Kanada bei über 200 Mikrogramm!
Neben dem Fleisch kann Selen auch vermehrt über Kokosnüsse, Sesam sowie Paranüssen, aber auch durch Knoblauch, Steinpilzen und etwa Sonnenblumenkerne aufgenommen werden. Nehmen Sie es als Nahrungsergänzung, sollte ein Wert von 300 Mikrogramm pro Tag dauerhaft nicht überschritten werden. Deshalb muss der Arzt Ihres Vertrauens herbeigezogen werden.

Sollte nun der Eindruck aufgekommen sein, dass ich ein Loblied auf Fleischberge in den Speisekarten unserer Wirtshauskultur gesungen habe, so ist dies falsch. Bereits zwischen 300 bis 600 g Fleisch oder Wurst in der Woche sind aus ernährungsspezifischer Sicht ausreichend, eine optimale Nährstoff-Grundversorgung herzustellen. Dabei sollte vermehrt auf weisses Fleisch von Geflügel zurückgegriffen werden. Und hier nun komme ich wieder auf Sarah Wiener zurück. Mit dieser Menge ist eine “industrielle Fleischproduktion” nicht nötig. Die Versorgung aus einem “normalen” Bauernhof, auf dem den Tieren auch der ihnen zustehende Respekt und Würde entgegengebracht wird, ist durchaus ausreichend. Zudem haben Tiere mit Auslauf auch einen wesentlich geringeren Fettanteil. Apropos – nur so zum Drüberstreuen: 100 g Schweinekotelett beinhalten 5,2 g Fett und 133. kcal. 100 g Sojabohnen frisch mittel beinhalten 5,9 g Fett und 143 kcal. Auch das Problem mit den Soja-Monokulturen in der Dritten Welt würde nicht mehr bestehen. Schliesslich wird der grösste Teil der Sojaproduktion nach wie vor verfüttert. Anstelle des Sojas würde höchstwahrscheinlich dann das Palmöl treten.
Im Vordergrund steht somit stets die Einhaltung einer ausgewogenen Mischkost. Dabei kann das Fleisch gar dafür sorgen, dass auch der pflanzliche Teil der Ernährung besser aufgenommen wird (“Resorptionsvermittler”). Zudem wirkt tierisches Fett als Appetitzügler. Gerade bei Leistungssportlern oder Schwerarbeitern sollte der Speiseplan, sofern sie sich vegetarisch oder gar vegan ernähren, durch einen Experten zusammengestellt werden.

Abschliessend möchte ich die heutigen Gedanken mit einem mir sehr wichtig und richtig erscheinenden Satz von der Website vegan.eu:

“Die Nutztierhaltung beruht auf der totalen Instrumentalisierung tierischen Lebens.”

Lesetipps:

.) Biochemie der Ernährung; G. Rehner/H. Daniel; Spektrum Akademischer Verlag 2002
.) Ernährung – Physiologische Grundlagen, Prävention, Therapie; C Leitzmann; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart 2006
.) Handbuch Vitamine; K. Pietrzik/I. Golly/D. Loew; Urban & Fischer Verlag 2008
.) Biochemie & Pathobiochemie; G. Löffler/P. Petrides/P. Heinrich; Springer Medizin Verlag 2007
.) Intensivkurs Biochemie; U. Dettmer/M. Folkerts/E. Kächler/A. Sönnichsen; Elsevier Verlag 2005
.) Ernährungsmedizin; Hans-Konrad Biesalski e.a. (Hrsg.); Thieme 2004
.) Molekulare Zellbiologie; James E. Darnell/Harvey Lodish/David Baltimore; de Gruyter 2001,
.) Lebensmitteltabelle für die Praxis; S.W. Souci/W. Fachmann/H. Kraut; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH 2004
.) Küchenbibel. Enzyklopädie der Kulinaristik; Ralf Frenzel (Hrsg.); Tre Torri 2007

Links:

- www.vegan.eu
- enorm-magazin.de
- www.vitalstoff-lexikon.de
- www.pflanzenforschung.de
- www.bfr.bund.de
- www.fao.org
- www.who.int/en/
- www.ncbi.nlm.nih.gov
- www.nature.com
- www.hindawi.com
- www.journals.elsevier.com
- www.stda.org
- bkk-advita.de
- www.nährwertrechner.de

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Die wahren Regenten


“Die ganze Politik soll sich zum Teufel scheren, wenn sie nicht dabei hilft, das Leben der Menschen einfacher zu machen!”

(Willy Brandt, dt. Bundeskanzler 1969-74)

Deutschland wählt demnächst einen neuen Bundestag – in Österreich finden kurz danach die vorgezogenen Wahlen zum Nationalrat statt. Stellt sich die durchaus berechtigte Frage: Geht ein Wähler nun zur Wahlurne um eine Person zu wählen? Oder vielleicht deren Programm? Oder gar deren Strippenzieher im Hintergrund! Über letzteres habe ich mich an dieser Stelle ja bereits ausgelassen – im Blog zur Tea Party in den USA und deren Verstrickungen mit der Trump’schen Politik!
Man nennt sie Schattenpolitiker oder Lobbyisten – wohl jeder weiss, um was es bei Ihnen geht, doch wie sie arbeiten und in welchem Ausmass deren Geldtasche die Politik beeinflusst, das ist vielen nicht bekannt.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel war einst Befürworterin der Atompolitik. Unter ihr wurde mit starker Mithilfe der Atomlobby die Verlängerung der Kraftwerkslaufzeiten beschlossen. Als das tragische Fukushima-Unglück geschah, machte die Physikerin Merkel plötzlich eine 180-Grad-Kehrtwende. Wie ist das möglich? Verliert dadurch die PolitikerIn nicht die Glaubwürdigkeit? Oder war Frau Merkel vielleicht gar keine Atomstrom-Durchwinkerin? Anderes Beispiel: Der Abgasskandal. Gleicht es nicht einem Streich aus Schildburga, dass die Entscheidung bzw. der Nachweis den Autoherstellern selbst überlassen wird, ob denn auch deren Modelle den deutschen bzw. europäischen Normen entsprechen? In einer Branche, in der es um Milliarden Euro und um Millionen Jobs geht erscheint mir dieser untrübliche Glaube an die Ehrlichkeit der Chefetagen doch maßlosest übertrieben.
Nach einer Liste der Parlamentsverwaltung des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2015 verfügen nicht weniger als 400 Unternehmen und Institutionen bzw. 1.111 deren Vertreter über eine Zugangsberechtigung (“Hausausweis”) für die Diensgebäude des Deutschen Bundestages. So manch einer verwendet hierfür einen der unterirdischen Tunnels, marschiert also nicht medienwirksam durch den Haupteingang. Schliesslich muss die Boulevard-Presse ja nicht gleich davon Wind bekommen, dass ein Vertreter des AKW-Betreibers Vattenfall gerade im Fraktions-Klub von Bündnis 90/Die Grünen einen Kaffee getrunken hat oder der Lobbyist des Waffenherstellers Kraus-Maffei Wegmann einen Cognac für Die Linke vorbeigebracht hat. Bzw. dass der Volkswagenkonzern die Vorstandssitzung im Rahmen des Bundestagsausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur abgehalten hat. Andere überlassen die Vertretung ihrer Interessen geheimnisumwitterten Agenturen, Kanzleien, Stiftungen oder Thinktanks. Die Wolfsburger verfügen übrigens über nicht weniger als fünf Hausausweise. Apropos – die meisten dieser Karten haben der Deutsche Gewerkschaftsbund mit 16 bzw. der Spitzenverband der Krankenkassen mit 21.
Der Lobbyismus baut auf vier Merkmalen auf:
.) Informationsbeschaffung
.) Informationsaustausch
.) Einflussnahme
.) Strategische Ausrichtung der Tätigkeit
Die Arbeit der Lobbyisten ist durchaus nicht nur als negativ zu bewerten. Schliesslich sind die beiden ersten Punkte bezüglich Beschaffung und Austausch von Informationen auch für die Gesetzgebung sehr wichtig. Dies unterstreicht die Bedeutung öffentlicher Anhörungen, da ein Politiker nicht unbedingt über das entsprechende Fachwissen verfügen muss, vor der Beschlussfassung hingegen zumindest informiert sein sollte.

https://www.bundestag.de/blob/189476/9f913587ac06830ca397e1edeb0184fc/lobbylisteaktuell-data.pdf

Die Lobby-Hauptstadt-Repräsentanzen befinden sich nicht weit vom Hohen Haus entfernt – etwa in der Reinhardtstrasse in Berlin-Mitte! Oder am Pariser Platz! Ebenso wie in so manchem Bankenviertel in Frankfurt reiht sich hier ein Designer-Anzug an den anderen, die im Volksmund als “Regenmacher” bekannten Gutverdiener treten sich sozusagen selbst auf die Füsse (statistisch gesehen sind es rund acht pro Bundestagsabgeordneten). 504 Lobbyisten-Adressen finden sich alleine im Postleitzahlengebiet 10117 – vom Deutschen Zigarettenverband (mit Reemtsma bzw. British American Tobacco Germany), über den Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (u.a. mit Thyssenkrupp) bis hin zum Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Die mächtigsten Verbände betreiben die Pharmaindustrie und die Energiewirtschaft (inklusive der Atomlobby). Das wichtigste Netzwerk nennt sich „Das Collegium“ und vereint 30 DAX-Konzerne. Viele grossen Unternehmen betreiben zusätzlich zur Lobby-Arbeit ihres Verbandes auch eigene. Allen voran Rüstungskonzerne, aber auch Microsoft, Google, die Telekom oder Telefonica. Und so mancher Politiker soll sich gerüchtehalber sehr wohl fühlen in der deutschen Bundeshauptstadt. Manche gar wie die sprichwörtliche Made im Speck! Doch möchte ich hier keine Pauschalverurteilung aussprechen – es soll auch ehrliche Volksvertreter und -innen geben, sagt zumindest das gutgläubige Volk! Betrachten wir uns allerdings die Nebenjobs der Abgeordneten etwas genauer, so stellt sich bei vielen die Frage: Volksvertretung oder Absicherung für die Zeit nach der Politik? So hat etwa ausgerechnet der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer jeweils eine Beraterfunktion beim Energieriesen RWE und beim Autohersteller BMW. Fischer war beim Bündnis 90/Die Grünen! Der ehemalige Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann als heutiger Präsident des Verbands der Automobilindustrie VDA. Oder die ehemalige österreichische Vizekanzlerin Susanne Riess (ehemals Riess-Passer), die direkt nach der gescheiterten politischen Karriere in den Wüstenrot-Konzern wechselte.
Doch dürfen sowohl als auch nicht alle über einen Kamm geschert werden. So veröffentlicht beispielsweise regelmässig der Begründer des Deutschland-Ablegers von Attac und Europa-Abgeordneter des Bündnis 90/Die Grünen, Sven Giegold, seine Treffen mit Lobbyisten auf seiner Webseite. Er schreibt etwa, dass manche Treffen unbedingt notwendig sind um technische Details zu erfahren, die für manches Abstimmungs-Prozedere notwendig sind. Allerdings habe er wesentlich mehr Anfragen, die an Gesprächen interessiert wären.

“Man kann sich nicht mit allen treffen. Aber es gibt eine erfreuliche Nebenwirkung: Sobald man es transparent macht, nimmt die Zahl der Nachfragen ab und es kommen auch nur noch die, die wirklich mit einem reden wollen.”
(Sven Giegold)

Auch NGOs wie beispielsweise Greenpeace, Amnesty International oder auch die unterschiedlichsten Entwicklungshilfe-Organisationen brauchen Interessensvertreter in den Parlamenten. Hier geht es nicht um das grosse Geld sondern um Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung etc. Sie gelangen jedoch meist im Vergleich zu den finanziell potenten Wirtschafts-Lobbyisten in’s Hintertreffen. Der langjährige Geschäftsführer der Bundestagsfraktion CDU/CSU, Bernhard Kaster meinte einst:

“In einer großen Zeitung war mal zu diesem Thema die Aussage getroffen, wenn wir von bösen Interessenvertretern sprechen, nennen wir sie Lobbyisten, wenn wir von guten sprechen, dann nennen wir sie Nichtregierungsorganisationen, das klingt dann etwas anders.”

Kompliziert allerdings wird es dann, wen Lobbyisten auch gleichzeitig im Bundestag sitzen. Lobby Control etwa verweist in diesem Zusammenhang auf den Internisten Rudolph Henke. Der langjährige Vorsitzende der Ärztevereinigung Marburger Bund sitzt seit 2009 im Plenum und bekleidet zudem die Funktion eines stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses für Gesundheit. Der Marburger Bund ist die Interessensvertretung der angestellten und beamteten Ärzt(e)-innen. Durch diese Doppelfunktion erscheint für Kritiker ein Interessenskonflikt für durchaus möglich. Henke selbst meint gegenüber derartiger Vorwürfe:

“Wer diese Aufgaben übernimmt, der ist kein Funktionär, sondern der erfüllt gesetzliche Aufgaben. Die dabei gesammelten Erfahrungen auch für die Arbeit als gewählter Abgeordneter im Parlament zu nutzen, kommt dem Gemeinwohl zugute.”

Andere hingegen schliessen einen solchen Konflikt nicht aus. V.a. dann, wenn die Positionen in den Aufsichtsräten so mancher Unternehmen plötzlich die Arbeit als Abgeordneter beeinflussen. So wird der Aufsichtsrat eines Rüstungskonzerns bei der Abstimmung sicherlich nicht für eine Exportbeschränkung von Waffen oder Kriegsmaterialien nach Saudi Arabien stimmen.

https://www.youtube.com/watch?v=X9QdRgEilGE

In Österreich gibt es mit Michael Ikrath einen ähnlichen Fall. Der Jurist sitzt seit 2003 für die Volkspartei im Nationalrat und ist Obmann des Justizausschusses sowie stellvertretender Obmann im Finanzausschuss. Zudem ist Ikrath auch seit dem 01. März 2004 Präsident des Sparkassenverbandes und Finanzreferent des Österreichischen Wirtschaftsbundes. Er meinte einst, von der Tageszeitung “Die Presse” darauf angesprochen:

“Wäre ich ein reiner Banken-Lobbyist, hätten mich meine Kollegen im Nationalrat nach einem halben Jahr ins Eck gestellt.”

Mit Abgeordnetenwatch und Lobby Control haben sich inzwischen in Deutschland zwei Organisationen in das geschäftige Treiben eingeschaltet. So wurde beispielsweise aufgedeckt, dass ein weltweiter Tabakkonzern Parteiveranstaltungewn der CDU/CSU mit nicht weniger als 80.000,- € sponserte. Und dies in einer Zeit, als ein generelles Tabakwerbeverbot diskutiert wurde. Solche NGOs haben es sich zum Ziel gesetzt, die Wähler zu informieren, was tatsächlich hinter den bombensicheren Mauern aus Stahlbeton und den Fenstern aus Panzerglas läuft. Schade eigentlich, dass viele gar nicht wissen, mit wem ihre Volksvertreter tatsächlich plauschen – der Deutschlandfunk formulierte es im September 2015 recht treffend mit “Leise Geschäfte an lauten Orten”. Nach Angaben von Lobby Control würde gerade die Union die meisten der Hausausweise ausstellen. Doch wird nach wie vor ein Geheimnis daraus gemacht, blieb doch eine entsprechende Klage auf Offenlegung durch Abgeordnetenwatch schon im Jahr zuvor unbeantwortet. Es handle sich ja schliesslich um hausinterne Angelegenheiten, hiess es vonseiten der Parlamentsverwaltung. Erst nachdem die Zeitung “Der Tagesspiegel” 2015 erneut auflagensteigernd klagte, wurde diese Liste präsentiert. Auch die weltweit agierende Organisation Transparency International (TI) hatte Deutschland im Frühjahr 2015 bei einem EU-weiten Transparenz-Vergleich nur 23 von 100 möglichen Punkten zuerkannt – Platz 16 von 22!!! Die EU-Kommission zum Vergleich schaffte es auf Platz drei, das EU-Parlament auf Platz fünf! Verschwiegenheit und Intransparenz sind die obersten Gebote! Lobbyisten agieren meist im Verborgenen. Nicht selten kann überhaupt kein Kontakt zu dem von ihnen vertretenen Unternehmen hergestellt werden.
Das Fass zum Überlaufen brachte dann doch das beabsichtigte Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA. Einer ganzen Armee von US- und europäischen Lobbyisten mitsamt ihrer Wirtschaftsanwälte standen einige Abgeordnete in Brüssel, Berlin und Wien gegenüber, die innerhalb der erlaubten Lesezeit zuerst das unverständliche Wirtschaftsenglisch übersetzen mussten, bevor sie sich um den tatsächlichen Inhalt bemühen konnten. Insofern gebührt dem US-Präsidenten Donald Trump ein Dank, dass er dieses TTIP erstmal auf Eis gelegt hat – ganz vergessen hingegen ist es nach wie vor noch nicht.

https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/I/I_01465/index.shtml

Apropos EU: Auch dort läuft das Geschäft wie geschmiert! Zwei meiner ehemaligen Studienkollegen waren selbst als Lobbyisten in Brüssel und ergänzten dort das Heer von geschätzten 15-20.000 (rund 20 Lobbyisten auf einen Europaparlamentarier!!!). Nicht weniger als 70 % davon arbeiten für Wirtschaftsverbände oder Unternehmen. Der wohl legendärste ist “Monsieur Frank” – Frank Schwalba-Hoth, ehemaliger grünes MEP und jetziger Herausgeber des “Stakeholder-Directory” – der Liste mit all den wichtigen Personen und ihrem Arbeitsgebiet. Im Brüsseler Europaviertel wimmelt es nur so von Büros der Interessenvertreter – die grössten davon: Die US-Handelskammer, Business-Europe (die europäische Arbeitnehmervertretung), Erdölkonzerne, Autohersteller usw. Die mächtigste jedoch ist mit Abstand die Europäische Lebensmittelindustrie (FoodDrink Europe) mit rund 274.000 Unternehmen, vier Millionen Beschäftigten und einem Umsatz von 950 Milliarden Euro. Brüssel ist gerade für sie von entscheidender Bedeutung, da hier die Massnahmen zur Marktregulierung und Produktsicherheit auf Schiene gebracht werden. Wie mächtig die Lobbyisten bzw. wie ohnmächtig die Politik ist, zeigt wohl am besten der Fall Mella Frewen auf. Sie wurde anno 2012 als mögliche Kandidatin für den Vorstandsposten der Lebensmittelbehörde EFSA vorgeschlagen. Diese Behörde ist zuständig für die Sicherheit von Nahrungsmitteln – u.a. auch von gentechnisch veränderten Bestandteilen. Vergleichbar mit dem deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung oder der österreichischen AGES. Und nun der grosse Coup: Frewen war bis zu diesem Zeitpunkt Chefin der Lobby-Vereinigung FoodDrink Europe und stand zuvor bis 2007 auf der Gehaltsliste des Saatgut-Konzerns Monsanto. Dort lieferte sie ebenfalls als Lobbyistin wahrhaft gute Arbeit ab, wurde doch der Monsanto-Genmais durch die EFSA im Jahre 2006 als gesundheitlich unbedenklich eingestuft! Das wäre dann wohl der sprichwörtliche Wolf im Schafsfell!!! Das EU-Parlament und die deutsche Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner brachten dies jedoch zum Scheitern.
Auf europäischer Ebene versucht die Organisation Corporate Europe Observatory Licht in die Schattenpolitik zu bringen. Deren Kampagnenleiter, Olivier Hoedeman, erklärt, welche Verantwortung den Lobbyisten bei der Vergabe von EU-Richtlinien zukommt:

“Eine Methode der Lobbyisten, um die Gesetzgebung des Parlaments zu beeinflussen, sind ihre eigenen Änderungsanträge. Wenn so viele Lobbyisten das machen und so viele Abgeordnete bereit sind, solche Texte zur Abstimmung zu stellen, bekommt man eine absurde Menge an Anträgen, die diskutiert werden. Bei der Gesetzgebung zu den Landwirtschaftssubventionen gab es 8.000 Änderungsanträge.”

Kritiker sehen hier auch die Ursache für die Probleme in der europäischen Gesetzgebung: Die Union droht zugunsten eines wirtschaftsdominierten Riesen-Molochs Europa ausgehöhlt zu werden. Obgleich es durchaus legitim und somit zudem Bestandteil der Demokratie ist, dass Interessensgruppen ihre Anliegen in die Gesetzgebung einbringen, so ist diese Entwicklung grundsätzlich abzulehnen. Es stecken somit sehr häufig wirtschaftliche Interessen hinter Richtlinien, die den Krümmungsgrad einer Salatgurke, die Grösse eines Gartenzwerges oder das Aus für die Glühbirne anbelangt. Nicht die Politik als solche! Lobby Control etwa warnt davor, wenn die Interessensverbände die Gesetze selbst schreiben und nurmehr zur Beschlussnahme vorlegen oder wenn bei sog. “Cum-ex-Geschäften” Milliarden-Verluste eingefahren werden. Durch dieses Dividenden-Stripping verlor Deutschland mindestens 31,8 Milliarden Euro (Angaben: Die Zeit). Die Strippen zogen im Hintergrund Finanzlobbyisten! Brüssel ist zwar um Besserung bemüht, doch hilft auch dies grossteils nicht. So veröffentlichen die Kommissare, deren Kabinettsmitglieder und die Generaldirektoren der Kommission ebenso wie der vorhin erwähnte Giegold die Treffen mit Interessensvertretungen. Freilich ohne Anspruch auf Vollständigkeit!
Im österreichischen Nationalrat wurde anno 2012 ein Transparenzgesetz beschlossen, das auch gleichzeitig Passus (Mehrzahl von Passus lt. Duden) zum Antikorruptionsgesetz und der Parteienfinanzierung enthält. Dort findet sich auch das Führen eines Transparenzregisters wieder. Anlassgebend war der Fall Strasser im Jahr zuvor. Journalisten der Sunday Times hatten sich gegenüber des ehemaligen österreichischen Innenministers und zum damaligen Zeitpunkt Delegationsleiter der österreichischen Volkspartei im Europäischen Parlament, Ernst Strasser, als Lobbyisten ausgegeben, der auch sofort Eingeständnisse bezüglich Gesetzesänderungen im EU-Parlament einräumte. Dafür wollte er ein jährliches Gehalt von 100.000,- € haben. Strasser wurde rechtskräftig verurteilt! Im österreichischen Strafrecht ist der Versuch einer Person oder Personengruppe einen “ungebührlichen Einfluss auf die Entscheidungsfindung eines Amtsträgers oder Schiedsrichters” zu nehmen nach § 308 StGB verboten. Zudem übernehmen die Sozialpartner (Arbeiter-, Wirtschafts und Landwirtschafskammer sowie Gewerkschaft) viel an Arbeit, die andernorts von Lobbyisten bewältigt wird. Daneben gibt es mit der Österreichischen Public Affairs-Vereinigung (ÖPAV) und ALPAC (Austrian Lobbying and Public Affairs Council) zwei zusätzliche Vereinigungen, deren Mitglieder jedoch strengste Richtlinien einhalten müssen. Im Alpenstaat ist die Aufnahme in das Lobbyregister vor Aufnahme der Tätigkeit verpflichtend, sofern die Einnahmen aus Lobbyarbeit 5 % des Einkommens übersteigen. Ob es dennoch alle machen, bleibt selbstverständlich fraglich, auch wenn es strafbar ist (siehe u.a. auch den Blog zum Eurofighter).
In der Schweiz laufen hingegen die Uhren etwas anders. Hier gibt es neben der Sozialpartnerschaft (ähnlich wie in Österreich) auch das Vernehmlassungsverfahren und die Expertenkommissionen. Die Politiker selbst müssen aufgrund der Unvereinbarkeits-Vorschriften etwa des Bundesrates alle Interessensbindungen aufgeben – die Einflussnahme der Interessensverbände im Parlament erfolgt jedoch nahezu ungehindert. Einzig ist die Publikation desselben verpflichtend. Jeder Abgeordnete kann zwei Lobbyisten eine Zutrittsgenehmigung zukommen lassen – rund 220 Lobbyisten sind ständig im Parlament anzutreffen.

https://www.youtube.com/watch?v=Apv-pJD_GEY

Die Politiker in Brüssel, Berlin und Wien denken, dass ein Transparenzregister ausreicht, damit dieser Schattenpolitik Grenzen aufgezeigt werden können. In Deutschland wurde ein solches Register bereits 1972 eingeführt. Ohne Erfolg, ist doch jeweils eine Eintragung nicht verpflichtend, die Daten werden nicht überprüft – es liegt somit nur proforma da und dient dem Einen oder der Anderen zur Vermeidung eines schlechten Gewissens. Einmal im Jahr wird dieses Register im Bundesanzeiger veröffentlicht – zuletzt mit 2.100 Eintragungen. Trotzdem gibt es bereits wesentlich mehr Verbände, Dach- oder Spitzenorganisationen und rund 5.000 Lobbyisten in Berlin! Ein wie in Österreich bestehendes “verbindliches Lobbyistenregister” wurde nach Antrag der Linkspartei und des Bündnis 90/Die Grünen am 10. Juni 2015 durch die anderen Fraktionen niedergestimmt. Geht es um die Hausausweise, kann man sich ja ohnedies des einen oder anderen willigen Politikers bedienen.
In den letzten Jahren breitete sich der Lobbyismus vermehrt auf die Öffentlichkeit aus. Stiftungen oder Organisationen, die keinen Einblick auf die wahren Hintermänner zulassen, entwickeln Kampagnen um damit die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Neudeutsch formuliert spricht man auch vom “Greenwashing”. Die Atomindustrie, die Erdölbranche oder auch die Chemie legen dabei meist nicht verifizierte Zahlen vor, die zu einem Umdenken in der Bevölkerung führen sollen um etwa die erneute Zulassung von Glyphosat in der EU oder die Verteidigung der Verbrennungsmotoren durch den Nachweis der CO2-Bilanz der Elektrofahrzeuge zum Ziel haben. Von Fake kann nicht gesprochen werden, doch greifen die Verantwortlichen einen oder mehrere Punkte heraus, die zu einer Stimmungsschwankung im Volk führen können. Mit dem Diesel wird es so sein – ebenso mit gentechnisch veränderten Produkten, v.a. nachdem Bayer den weitaus grösseren Monsanto-Konzern übernommen hat. Solchen Aufgaben gehen etwa Berater in den Bereichen Public Relations bzw. hauptsächlich Public Affairs nach. Werden Privatpersonen als Urheber von PR-Aktionen genannt, tatsächlich jedoch stecken Interessenverbände dahinter, so bezeichnet dies der Insider als “Astroturfing”.

https://www.youtube.com/watch?v=R201V1VR0vg

Durch Regierungsentscheide wie in Polen, wo die Judikatur gänzlichst politisiert wird oder auch dem US-amerikanischen Supreme Court, bei den ebenfalls nicht wirklich von unabhängig gesprochen werden kann, tritt in vielen Staaten inzwischen die Gewaltenteilung in weite Ferne. Donald Trump hat zwar auf den “korrupten Politikern” seinen Wahlkampf aufgebaut, doch ist die politische Entscheidung gegen Geld inzwischen jenseits des grossen Teiches zur Tagesordnung geworden. Kurz nach dem Watergate-Skandal in den 70ern stellte noch der damalige US-Senator Ted Kennedy eine durchaus passende Frage:

“Wem gehört Amerika wirklich?”

Dem möchte ich mich ergänzend anschliessen und fragen:

Werden wir von Volksvertretern zum Gemeinwohl oder doch eher im Interesse einiger weniger regiert???

PS:

Abgeordnetenwatch steht derzeit vor Gericht. Grund dafür sind die Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag des ehemaligen Deutsche Bank-CEOs Josef Ackermann. Diese fanden nämlich 2008 auf Einladung der Bundeskanzerlin im Kanzleramt statt – die Gästeliste wurde freilich geheim gehalten – die Offenlegung erfolgte erst aufgrund eines Gerichtsbeschlusses. Alle zuvor auf politischer Ebene eingebrachten Anträge von Abgeordnetenwatch wurden zurückgewiesen! Es geht in dem Prozess nun um die Frage, ob – ähnlich wie bei der Aktion “Rent a Sozi” – auch die höchsten politischen Kreise mit Geld fröhlich gestimmt werden können oder nicht!

Lesetipps:

.) Verbände und Lobbyismus in Deutschland; Peter Lösche; Kohlhammer 2007
.) Lobbying zwischen Eigeninteresse und Verantwortung; Rubin Ritter/David Feldmann (Hrsg.); Nomos 2005
.) Herrschaft der Verbände; Theodor Eschenburg; Dt. Verlags-Anstalt 1955
.) Unternehmerverbände und Staat in Deutschland; Werner Bührer; Nomos 2000
.) Die Lobby regiert das Land; Christian Simmert; Argon 2002
.) Organisierter Pluralismus. Kräftefeld, Selbstverständnis und politische Arbeit deutscher Interessengruppen, Martin Sebaldt; Opladen 1997
.) Interessenvermittlung und Politik. Interesse als Grundbegriff der Sozialwissenschaften; Ulrich von Alemann/Erhard Forndran (Hrsg.); Opladen 1983.
.) Interaktionen zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft; Axel Sell/Alexander N. Krylov; Verlag Peter Lang 2009
.) Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch; Wolfgang Schroeder/Bernhard Weßels (Hrsg.); Springer 2003
.) Die stille Macht. Lobbyismus in Deutschland; Thomas Leif/Rudolf Speth; Westdeutscher Verlag 2003
.) Die fünfte Gewalt – Lobbyismus in Deutschland; Rudolf Speth (Hrsg.); VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007
.) Verbände in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung; Martin Sebaldt/Alexander Straßner; Springer 2004
.) Konzern Europa. Die unkontrollierte Macht der Unternehmen; Belén Balanyà/Ann Doherty/Olivier Hoedeman/Adam Ma’anit/Erik Wesselius; Rotpunktverlag 2001
.) Das Selbstbild der Verbände: Empirische Erhebung über die Verhaltensweisen der Verbände in ihrer Bedeutung für die wirtschaftspolitische Willensbildung in der Bundesrepublik Deutschland; Schmölders, G.; Duncker & Humblot 1965
.) Governing Interests: Business Associations Facing Internationalisation; Wolfgang Streeck/Jürgen R. Grote/Volker Schneider/Jelle Visser (Hrsg.); 2006
.) The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups; Olson, M.; 1965

Links:

- www.bpb.de
- www.lobbycontrol.de
- www.ti-austria.at
- lobbypedia.de
- lobbyismus.org
- corporateeurope.org
- www.degepol.de
- www.diw.de
- www.europa-union.de
- www.finance-watch.org
- www.aquafed.org/
- www.efsa.europa.eu/de
- www.apcoworldwide.com/
- www.eslnetwork.com/
- ecipe.org/
- www.edelman.be/
- interelgroup.com/locations/office/european-union/

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Vom Zwang, anderen die eigene Meinung aufdrücken zu wollen

Es gibt Menschen, die von einem unheimlichen Zwang geplagt sind: Dem Zwang, ihren Mitmenschen die eigene Meinung aufdrücken zu müssen, in der Annahme, dass sie diesen gutes damit tun! Dabei ist ihnen aber niemals bewusst, dass sie damit ihr komplettes Umfeld entmündigen.
Auf dieses heutige Thema der “Zwangsmissionarisierung” bin ich nach einer angeregten Social Media-Diskussion mit Veganern gekommen. Es reichte ihnen nicht, dass ich betonte, mich unter der Woche vegetarisch zu ernähren um nicht zuletzt auch dadurch gegen die “industrielle Fleischproduktion” zu demonstrieren! Doch gibt es auch derart 100 %-ige in anderen Bereichen: Dem Rauchen, dem Autofahren, dem Sport, der Erotik etc. Ja und auch der Kirche. So hat beispielsweise die Römisch-Katholische Kirche diesen Absolutheitsanspruch in der “Anerkennung der geistlichen Autorität der sakramental verfassten Kirche” manifestiert. Wer will kann dies in der Konzilserklärung “Dignitatis humanae” aus dem Jahre 1965 nachlesen. Doch – ist das nicht etwa im Islam ebenso? Zudem teilen sich die Christen ja auch zumindest das Alte Testament mit den Juden, einer anderen Religion, die ebenfalls einen derartigen Absolutheitsanspruch stellt. Ausserdem hat Martin Luther die Bibel übersetzt. Bei der Interpretation seiner Worte trennen sich ja bekanntlicherweise auch innerchristlich die zumindest religiösen Welten in Protestanten A.B. und H.B., die Anglikaner, die Orthodoxen, die Altkatholiken, die Zeugen Jehovas und schliesslich auch die r.-k. Kirche (um nur die wichtigsten zu nennen). Wie kann da auch nur eine Strömung von sich selbst behaupten, dass sie die einzig richtige ist, wenn sich alle auf ein und dasselbe beziehen? Doch habe ich über den Katholizismus an dieser Stelle bereits ansatzweise berichtet – auch wenn das heutige Thema sehr viel mit Religion zu tun hat: Die Missionarisierung, die in fast allen Fällen sehr blutig durchgeführt wurde. Nachfolgend möchte ich einige derartige historisch begründete Fallbeispiele etwas näher betrachten.
Beginnen wir doch am besten mit den Kreuzzügen. Papst Urban II. rief anno 1095 zum ersten Kreuzzug auf. Damit wollte er offiziell dem Byzantinischen Reich im Kampf gegen die Seldschuken helfen. Ganze Freiwilligenheere aus Frankreich, Österreich, Deutschland und Sizilien schlossen sich dem Aufruf an (unter ihnen auch niederrangige Adelige, die sich dadurch Reichtum versprachen). Sie eroberten 1099 mit dem Schwert der Kreuzritter Jerusalem. Dabei wurde jedoch übersehen, dass Palästina bereits über 400 Jahre zuvor von den Arabern erobert wurde, es also praktisch arabisch war. Davor gehörte es zum (ost)römischen Reich bzw. war jüdisch. Papst Gregor VII. hatte die Idee, die Wirkungsstätten Christi wieder für die Christen zurückzugewinnen. Die byzantinischen Gesandten hatten zuvor – masslos übertreibend – von Schändungen der heiligen Stätten und der blutigen Unterjochung der dortigen Christen berichtet. Tatsächlich konnten diese aber auch weiterhin ihrer Religion nachgehen – einzig der Pilgerstrom wurde erschwert. Aus dem Versuch des damaligen oströmischen Kaisers Alexios I. Komnenos sein Reich zu retten, wurde ein Glaubenskrieg, der Papst Urban II. mehr als recht kam. Schliesslich glaubte er an eine Wiedervereinigung mit der Ostkirche (was jedoch misslang) und eine mächtigere Kirche in Europa, in dem die Macht immer mehr an Adelige überzugehen schien. Dabei wurde vor der Kathedrale von Clermont, wo Urban II. seine Initialpredigt hielt, auch recht gut Theater gespielt, damit sich möglichst viele Freiwillige fanden, denen für den Kampf Ablass ihrer Sünden und unglaublicher Ruhm im Himmelreich versprochen wurde. Kennen wir das nicht aus der Gegenwart??? Auf dem Weg nach Palästina wurde bereits gebrandmarkt und gemeuchelt – etwa in der jüdischen Bevölkerung in Ostfrankreich und dem Rheinland. Weitere Pogrome gab es dann auf dem Balkan. Während des Kreuzzuges wurde oftmals die nicht-christliche Bevölkerung umgebracht – wie etwa in Antiochia. Auch nach der Eroberung Jerusalems wurde unter der moslemischen und jüdischen Bevölkerung ein Gemetzel angerichtet, dem zudem viele koptische Christen zum Opfer fielen. Bei der Eroberung von Maarat an-numan schreckten die ausgehungerten Kreuzfahrer auch vor Kannibalismus nicht zurück:

“In Maara kochten unsere Leute die erwachsenen Heiden in Kesseln, zogen die Kinder auf Spieße und aßen sie geröstet.”
(Radulf von Caen)

Das machte v.a. die Franken in der arabischen Welt zu Barbaren, von denen auch heute noch Geschichten erzählt und Lieder gesungen werden! Interessant übrigens zu wissen, dass zu diesem Zeitpunkt sowohl der deutsche König Heinrich IV. als auch sein französischer Amtskollege Philipp I. mit einem Kirchenbann belegt waren. Was übrig blieb aus dieser ganzen Missionarisierung des Morgenlandes waren lauter kleine Kreuzfahrer-Fürstentümer, Grafschaften bzw. das Königreich Jerusalem, die allesamt später erneut gegen die Osmanen verteidigt werden mussten.

https://www.youtube.com/watch?v=-zvNPyryJe0

Das zweite sehr dunkle Kapitel der Geschichte zeigt auf dem Wappen neben dem Kreuz einen Olivenzweig und das Schwert als Zeichen des Gleichgewichtes zwischen Gnade und Strafe: Die Inquisition. Zwischen dem beginnenden 13. Jahrhundert und dem Ende des 18. Jahrhunderts zogen Inquisitionsgerichte durch Süd- und Mittel-Europa, die von katholischen Geistlichen gerufen wurden und über Ketzer (“Häretiker”) richten sollten. Diesen Gerichten stand jeweils ein Bischof oder Ordensgeistlicher vor. Durch Folter sollten jene Menschen bekehrt werden, die einem Irrglauben verfallen waren. Gelang dies nicht, wurde nicht selten die Todesstrafe verhängt. Papst Innozenz III: wollte eigentlich mit diesem Inquisitionsverfahren innerkirchliche Missstände aus dem Weg räumen – daraus wurden jedoch Schauprozesse, die vielfach gar nichts mehr mit der Kirche zu tun hatten. Abgesehen hatte es die Inquisition auf Glaubensgemeinschaften wie Apostelbrüder, Hussiten, Protestanten und Täufer (um nur einige zu nennen). Die bekanntesten Opfer waren die Heilige Jeanne d’Arc, der Natur-Philosoph Giordano Bruno oder auch der Bussprediger Girolamo Savonarola. Legitimiert wurde das blutige Spektakel durch den Hinweis auf Texte aus der Bibel oder hoher kirchlicher Würdenträger. Die Inquisition ging schliesslich in die weniger blutige Glaubenskongregation über. Tatsächlicher Hintergrund war es, die Gegner der Kirche gering zu halten und als Abschreckung für mögliche neue Abtrünnige zu dienen. Deshalb wurden in diese öffentlichen Schauprozesse auch verwandte Strafverbrechern wie Magie, Hexerei oder etwa auch Sittlichkeitsverbrechen einbezogen. Religiöser Irrglaube galt als öffentlicher Aufruhr, da einerseits die Staatsreligion, andererseits die Obrigkeit des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen in Zweifel gezogen wurden.

https://www.youtube.com/watch?v=YEPyy4RJLV4

Doch nicht nur im Morgen- und Abendland fanden derartige Zwangsmissionarisierungen statt. Auch in der neuen Welt – Amerika! Dort sollte sich eine an sich hochentwickelte Kultur der indianischen Urbevölkerung der Politik und somit sozialen Kontrolle der Eroberer unterordnen. Auch hier spielte die Kirche eine nicht unwesentliche Rolle. Schliesslich wurden nach Ansicht der Missionare die Indianer erst durch die Christianisierung zu Menschen – mit einem Gott und europäischen Sitten. Diese Missionarisierungen geschahen in mehreren Wellen: Beginnend im Jahr 1615 mit der klösterlichen Reformbewegung der Rekollekten aus Quebec, über die Jesuiten, die Franziskaner und den Puritanern. Diese Missionen in der Neuen Welt dienten nicht nur der Glaubenswiedergabe, sondern vornehmlich auch der Unterwürfigmachung der zuvor freien indianischen Völker. Dabei wurden als erstes die Menschen mit vermeintlicher spiritueller Macht verboten – Schamanen, Medizinmänner etwa, dann die geistige Überlegenheit des Katholizismus eingetrichtert. Das war den Indianern im grossen und ganzen egal, schliesslich hatten sie ja zuvor schon mehrere Götter. Konzentriert sich alles auf einen, so tut sich wohl ein jeder wesentlich leichter. Doch liessen sich das nicht alle gefallen. So brachten die Irokesen die jesuitischen Missionare um. Auch die Sioux glaubten nicht unbedingt an die Erbsünde des Menschen und die Strafe Gottes, die in Form von Epidemien die Ungläubigen heimsucht. Aber auch in den anderen Stämmen waren nicht alle überzeugt. Das führte zum Wegzug der christianisierten amerikanischen Ureinwohner in sog. “christliche Dörfer”. Die Indianer wurden damit gespaltet, wodurch die weissen Siedler auf der Suche nach Land recht leichtes Spiel haben sollten. Auch wenn die Missionare die blutige Eroberungspolitik ablehnten, haben sie das Ihre dazu beigetragen!

https://www.youtube.com/watch?v=TxH–A8P_Fk

Gänzlichst ohne Christentum lief hingegen die “Reinigungsaktion” Chinas in Tibet bzw. den mehrheitlich von Tibetern bevölkerten Provinzen Gansu, Qinghai, Sichuan und Yunnan. Das geistliche und geistige Oberhaupt, der Dalai Lama, meinte erstmals im Herbst 2014, dass er womöglich der letzte traditionelle Amtsinhaber sein könne. Peking beeilte sich mit dem Zusatz, dass dies einzig und alleine in der Kompetenz Chinas liege. Dort spricht man nach wie vor vom “Kampf gegen separatische Tendenzen”! Mao Zedong marschierte mit seinen Truppen von 1949 bis 1951 in ganz Tibet ein – im Mai 1951 wurde das “17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets” unterzeichnet, das China die Souveränität und die Stationierung von Truppen, den Tibetern allerdings weitgehende regionale, politische Autonomie sowie die Herrschaft des Klerus zusicherte. Die Exilregierung spricht nach wie vor davon, dass die tibetische Unterschrift mit Waffengewalt erzwungen wurde. Obgleich das Land als dann nach wie vor über eine eigene Regierung verfügte, zog die KP in Peking die Strippen am Dach der Welt. Am 10. März 1959 lehnten sich in Lhasa die Tibeter gegen ihre Besetzer auf, nachdem es bereits drei Jahre zuvor erste bewaffnete Konflikte in den Provinzen Kham und Ando gab. Anlass dazu war die Einladung des 14. Dalai Lama durch die Besatzer zu einer Theateraufführung ausserhalb Lhasas – ohne dessen Leibwache und auch ohne der ansonsten üblichen Prozession. 300.000 Tibeter versammelten sich an diesem 10. März auf den Strassen vor der Residenz des Dalai Lamas um ihn an der Teilnahme der Veranstaltung zu hindern – sie befürchteten dessen Entführung. Am 12. März wurden erste Rufe nach einer Unabhängigkeit des Landes laut. Fünf Tage später flüchtete der Dalai Lama durch einen Korridor nach Indien, den ihm das tibetische Militär noch freihalten konnte. Peking antwortete mit noch mehr Truppen und schlug schliesslich am 21. März des Jahres nach zwei Tagen blutigster Kampfhandlungen den Aufstand nieder. Schätzungen sprechen von 86.000 toten Tibeter. Neben den Angehörigen der Leibwache wurden zahlreiche andere Tibeter hingerichtet. Auch Mönche! Die Tempel und Klöster wurden geplündert und dem Erdboden gleich gemacht. Nach Angaben unterschiedlichster Menschenrechtsorganisationen haben sowohl Folter als auch Todesfälle während der Haft in Tibet wieder zugenommen. Anlässlich des 50. Jahrestages des Tibetaufstandes kam es am 12. März 2008 erneut zu Ausschreitungen, nachdem die Besatzer Demonstrationen gewaltsam aufgelöst hatten. Etwa 120 Menschen kamen dabei um’s Leben, Peking hingegen spricht von nur 19. Zahlreiche Mönche, Schüler und Lehrer reagierten zwischen 2011 bis 2013 mit Selbstverbrennungen, seit 2015 demonstrieren stets erneut Mönche gegen die Repressionen Chinas. Immer wieder führt Peking verschärfte Überwachungsmassnahmen und “patriotische Erziehungskampagnen” durch. So gilt Chinesisch inzwischen an den Schulen neben Tibetisch und Englisch auch als Unterrichtssprache. Diese von Tibetern bewohnten Provinzen machen rund ein Viertel der Landesfläche Chinas aus – ein riesiges Gebiet. Der Dalai Lama hat sich zwischenzeitlich opferschonend gegen eine Unabhängigkeit, jedoch für eine weitgehende Autonomie des Territoriums ausgesprochen. Peking lehnt dies jedoch als “Eingriff in die territorale Integrität” ab. Der Dalai Lama zog sich derweil aus der Exilregierung im indischen Dhramshala zurück – diese politische Position übernahm der Harvard-Jurist Lobsang Sangay, der selbst noch nie in Tibet war. Peking hingegen macht alles menschenmögliche, um diesen Konflikt am brodeln zu halten. Immer wieder werden Klöster und Tempel geplündert und zerstört – in für die Tibeter heilige Berge werden Minen geschlagen. Geistliche müssen durch Zwang die Autorität des Dalai Lamas leugnen. 2007 wurde einseitig beschlossen, dass eine Reinkarnation eines neuen Dalai Lamas nur in der Volksrepublik vonstatten gehen kann und durch das nationale Religionsbüro anerkannt werden muss. Von Peking wurde ein Stellvertreter des Dalai Lamas bestellt, jener der vom Oberhaupt selbst ausgesucht wurde, ist spurlos verschwunden. Direkte Gespräche mit der Exilregierung lehnen die Besatzer ab, alle Gesprächsrunden mit Unterhändlern verliefen bislang ergebnislos. Das “Gesetz für regionale Autonomie ethnischer Minoritäten” erlaubt eine Selbstverwaltung der Regionen nur unter der Führung der Kommunistischen Partei im Rahmen des zentralistischen Systems Chinas. Der Dalai Lama wollte unterdessen eine Pilgerreise nach China unternehmen – dies jedoch genehmigte die Regierung in Peking nicht.

https://www.youtube.com/watch?v=xOiaGwyJEsI

Dieser Blog könnte nahezu endlos weitergeführt werden: Syrien, der Sudan, Afghanistan, Myanmar, Russland, die USA, die Türkei etc. Es sind nicht immer nur die “Rechthaber”, die andere in ihrem Tun einschränken und sie umerziehen wollen. “Persönliche Freiheit” ist in diesem Zusammenhang für viele ein Fremdwort – “Die Gedanken sind frei!” ein geflügelter Spruch, der vielen allerdings nicht weiterhilft. Die Globalisierung und moderne Technik machen es möglich, anderen Ländern in’s Wohnzimmer zu schauen. Dabei werden Missstände aufgezeigt, von denen früher niemand auch nur zu träumen wagte. Inzwischen sollte jeder in der westlichen Welt aufatmen, in Freiheit geboren, aufgewachsen zu sein und dort leben zu können. Diesen Gedanken im Hinterkopf prallen bei mir die 100 %-igen, aber auch die Ewiggestrigen und religiösen Fanatiker ab!!!

Lesetipps:

.) Kriegserfahrung im Christentum. Religiöse Gewalttheorien in der Geschichte des Westens. Krieg in der Geschichte; Andreas Holzem (Hrsg.); Schöningh/Paderborn 2009
.) Die Kreuzzüge; Thomas Asbridge; Klett-Cotta 2016
.) Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber; Amin Maalouf; Deutscher Taschenbuch Verlag 2003
.) Tod oder Taufe: Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal; Fritz Heymann; Jüdischer Verlag 1992
.) Armies of Heaven. The First Crusade and the Quest for Apocalypse; Jay Rubenstein; Basic Books 2011
.) Glaubensprozesse – Prozesse des Glaubens? Religiöse Minderheiten zwischen Toleranz und Inquisition; Titus Heydenreich/Peter Blumenthal; Stauffenburg Verlag 1989
.) Die Päpste und die Hexen. Aus den geheimen Akten der Inquisition; Rainer Decker; Primus 2013
.) Die Inquisition: Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit; Gerd Schwerhoff; C.H.Beck 2004
.) Die Anfänge der römischen Inquisition. Kardinäle und Konsultoren 1542 bis 1600; Herman H. Schwedt (Hrsg.); Herder 2013
.) Die Dunkelmänner. Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte; Michael Hesemann; Sankt-Ulrich 2007
.) Leben und Wirken des Prinzen Demetrius Augustin Gallitzin: ein Beitrag zur Geschichte der katholischen Missionen in Nordamerika; Peter Henry Lemcke; Harvard University 1861
.) Die Erfindung des Kolonialismus; Ronald Daus; Hammer 1983
.) The Struggle for Tibet; Wang, Lixiong/Tsering, Shakya; Verso 2012
.) Voices from Tibet. Selected Essays and Reportage; Tsering, Woeser/Wang, Lixiong; edited and translated by Violet S. Law, Hong Kong University Press 2014

Links:

- www.kreuzzug.de
- www.navigator-allgemeinwissen.de
- deutschland-im-mittelalter.de
- www.thecathwalk.de
- www.britannica.com
- www.jewishvirtuallibrary.org
- www.indianerwww.de
- welt-der-indianer.de
- www.academia.edu
- www.vaticarsten.de
- www.damian-hungs.de
- www.lai.fu-berlin.de
- www.online.uni-marburg.de
- tchrd.org
- www.tibetanpoliticalreview.com
- www.phayul.com
- www.fys-online.de/
- www.bpb.de

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