Archive for November, 2017

Das passende Weihnachtsgeschenk

Weihnachten naht in grossen Schritten. Das Fest der Liebe, der Familie, der Geborgenheit! Und des Kommerzes! Die Feiertage, die in offenbar vergangenen Zeiten hintergründig und sinnhaft waren, verkümmern immer mehr zum Festival der gekauften Geschenke. Präsente, die selbergemacht wurden und für etwas stehen sollen, nämlich, dass sich der Schenkende für den Beschenkten Zeit genommen hat und sich mit ihm auseinandergesetzt hat – wer macht das heutzutage noch?! Die neue X-Box, das soeben auf dem Markt erschienene I-Phone, Schmuck, Spielsachen – alles muss möglichst neu sein, da es spätestens im Februar wieder zum alten Eisen gehört. Wofür öffnet ansonsten der Handel am Heiligabend seine Pforten? An einem Sonntag!!! Geschäftemacherei wo auch immer man hinschaut. Und das heisseste Thema jedes Jahr sind die Spielsachen für die Kleinen. Der Branchenumsatz des Spielwarenhandels belief sich alleine im Jahr 2016 in deutschen Landen auf nicht weniger als 3 Milliarden Euro. Genügte in früheren Zeiten eine Stunde bei Toys’R'us, um für alle Töchter, Söhne, Enkel und Nichten einzukaufen, so entgeht vielen diese Möglichkeit, nach der Insolvenz des Global Players. Deutsche und österreichische Eltern können allerdings aufatmen: Beide Länder sind nicht von der Pleite der Muttergesellschaft in den USA betroffen. Möglicherweise in diesem Jahr noch nicht!
Andere wagen den Blick in’s Internet und siehe da: Ein Paradies tut sich auf. Und dort kommt so manch Einer auf mehr als schräge Ideen. Die aktuellste ist eine Uhr, die sich über eine App am heimischen Telefon oder jeder anderen gespeicherten Nummer meldet. Eigentlich eine gute Sache für Notfälle! Doch diese hier dient der Überwachung. So können Mama oder Papa mithören, was gerade so im Pausenhof der Schule abläuft oder weshalb die Deutschlehrerin, Fräulein Müller, bei den Kindern so beliebt ist.
Sollten auch Sie einer solchen Geschenksidee nachgegangen sein: Lassen Sie bitte die Finger davon – derartiges ist gesetzlich verboten! Die Bundesnetzagentur in Deutschland etwa empfiehlt, diese Uhren (sofern Sie schon eine gekauft haben) zu zerstören und einen Nachweis darüber aufzubewahren, da auch schon der Besitz eines solchen Gerätes strafbar ist. Durchaus möglich, dass demnächst ein Mann vor Ihrer Türe steht und diesen verlangt, da Sie den Einkauf mittels Karte oder Online-Banking bezahlt haben. Das Gesetz sieht für derartige Bespitzelungsaktionen bis zu zwei Jahre Haft vor. Sofern vielleicht auch ihr Kind nichts dagegen hat, so sehr wohl die Erwachsenen in dessen Umfeld. Selbstverständlich können Sie auch über Gerätschaften wie “Alexa” oder Smartphones mithören (deshalb müssen die Manager von Bayer ihre Smartphones bei den Meetings auch stets in Blechdosen geben), doch sind diese keine getarnten Abhör- oder Sendeanlagen. Werden Sie vor dem Gespräch versteckt, so benötigen Sie eigentlich für eine derartige Aktion eine richterliche Verfügung – kennen wir ja aus den Fernsehkrimis.
Inzwischen ebenso bereits verboten ist der Verkauf bzw. Besitz der Puppe “Cayla”. Auch sie verfügt über eine solche Abhörfunktion, kann jedoch zudem mit dem Kind sprechen. Die interaktive Puppe beinhaltet ein Mikrophon, einen Lautsprecher und eine BlueTooth-Schnittstelle, wodurch sie über eine App via Tablet oder Smartphone in’s Internet geschaltet wird. Dort recherchiert sie alle möglichen Fragen und passende Antworten darauf. Stern-TV machte den Versuch auf’s Exempel: So wurde das High Tech-Gerät von einem Mitarbeiter eingerichtet. Die Eltern des Mädchens waren mit diesem Test einverstanden. Ein anderer Mann unterhielt sich über die Puppe mit dem vierjährigen Mädchen, das ihm nach nur wenigen Minuten arglos die Terassentüre öffnete. Die Mutter meinte danach fassungslos:

“Als ich gesehen habe, dass sie die Tür aufmacht, schnürte es mir die Kehle zu!”

Cayla entwickelte sich über drei Jahre hinweg zum Verkaufsschlager. In vielen Kinderzimmern wird sie nach wie vor auf dem Bett sitzen, mit rot blinkender Halskette, welche die Empfangsbereitschaft signalisiert. Auch hier gilt: Der Besitz ist bereits strafbar (§ 90 Telekommunikationsgesetz – Verbotene Sendeanlagen)!
Selbstverständlich gibt es ein solches Produkt auch für Burschen: “Freddy der Bär”! Auch dieser kann all das, was Cayla so tagtäglich vollbringt – doch benötigt er keinerlei Internet. Die App greift auf ein Tablet oder Smartphone zu, auf dem Informationen über das Kind stehen. Beim Spielen fragt er den Kleinen dann direkt.
In diesen beiden Fällen übrigens ist die Blue Tooth-Verbindung nicht passwortgeschützt, sodass jeder, der in die Reichweite kommt, darauf zugreifen kann. Auch hier liess ein Test die Eltern aufhorchen: Innerhalb kürzester Zeit gab eine Achtjährige in diesem Versuch über den Teddy den Sicherheitscode der Eingangstüren durch. Für die Technik-Freaks unter den Kiddies gibt es noch den “I-Que-Roboter” mit denselben Funktionen und Möglichkeiten wie Cayla. Natürlich wird auch etwas für’s Auge geboten: Das “I-Spy-RC-Spionagefahrzeug” ist mit einer Kamera ausgestattet. Über WLan wird das Videosignal weitergeleitet, direkt in’s World Wide Web. Die WLan-Verbindung ist zwar passwortgeschützt – jedoch ist dies ein einheitlicher Code, der für alle dieser Autos funktioniert. Wird er gehackt, können sich Fremde jederzeit die Wohnung anschauen.
Das grösste Problem bei diesen sog. “Smart Toys” muss mitunter nicht mal das Abhören sein. Es ist das Vertrauen der Kleinen. Wenn die Puppe oder der Bär meint, sie sollen in den Garten zum Spielen gehen, dann tun sie dies auch. Eine Gefahr, die die meisten Eltern vor dem Kauf gar nicht abgecheckt haben. In entsprechenden Tests folgten sechs von sieben Kindern den Befehlen dieser High Tech-Geräte. Kriminellen, wie Pädophile oder Entführer, tut sich hier eine riesige Spielwiese auf, wo sie sich austoben können. Deshalb liebe Eltern: Derartiges Spielzeug hat im Kinderzimmer nichts verloren. Leider sind nicht alle angesprochenen Artikel verboten.
Ah ja – und da war dann auch noch der Missbrauch der Daten. Die Spracheingaben etwa der “Hello Barbie” wurden bereits 2015 auf externen Servern gespeichert und für Werbezwecke verwendet. Auch über die Lerncomputer und vernetzten Spielsachen der Firma VTech wurden solche Daten weitergegeben und gespeichert. Der Server wurde ebenfalls 2015 gehackt – 190 GB an Daten wie Chats oder Fotos wurden gefunden. Die Hacker wollten allerdings nur darauf hinweisen, wie einfach es ist, an derartiges Material zu gelangen.
Des Erwachsenen Lieblingsspielzeug ist derzeit “Alexa” bzw. der kleinere Bruder “Echodot”! Amazon steckt Millionen in die Bewerbung dieses smarten Alleskönners. Ist ja eigentlich auch eine gute Sache, wenn alles mittels Spracherkennung erledigt werden kann. Doch ist dies ebenfalls ein “Smart Toy”! Der elektronische Butler ist ständig mit dem Internet verbunden um jederzeit auf das Wort “Alexa!” reagieren zu können. Das ist das grosse Fragezeichen der Datenschützer. Alle diese Sprachbefehle werden auf den Servern von Amazon gespeichert und auch verarbeitet, warnt etwa die Verbraucherschutzzentrale Nordrhein-Westfalen. Im Vergleich: Bei VTech kümmerte sich niemand um die Daten, sie wurden einfach nur gespeichert. Bei Alexa werden hingegen auch die Informationen gespeichert: To do-Listen, Geburtstagskalender, Einkäufe, Musikwünsche, … Bei Amazon heisst es, dass die Daten der Verbesserung des Systems dienen und nur an Dritte weitergegeben werden, wenn es für den entsprechender Dienst wichtig ist (Taxi-Unternehmen bespielsweise). Wenn Sie damit zurecht kommen, kann Ihnen Alexa das Leben sicherlich erleichtern. Allerdings gibt es auch dubiose Vorfälle: So musste etwa die Polizei ausrücken, da mitten in der Nacht in einer Wohnung ohrenbetäubende Musik abgespielt wurde. Der Clou: Es war gar niemand zuhause! In San Diego hat das Kind des Hauses mit dem Sprachassistenten gesprochen und dabei ein Puppenhaus und zwei Kilogramm Kekse bestellt. Noch dubioser hingegen wurde es danach: Der Nachrichtensprecher der örtlichen TV-Station brachte dies als kuriose Meldung in den Nachrichten – mit den Worten “Alexa hat mir ein Puppenhaus bestellt!” und schon gingen erneut Puppenhaus-Bestellungen bei Amazon ein! Amazon allerdings hat dies bereits weiterentwickelt – so können Bestellungen mittels eines Zahlencodes deaktiviert und das Mikrophon mittels eines Knopfes ausgeschaltet werden. Ansonsten nehmen sie, als mehr oder weniger glücklicher Alexa-Besitzer, über das Mikrophon alles auf. So höchstwahrscheinlich auch einen Mord am 22. November 2015 in Bentonville in Arkansas. Dort wurde an diesem Sonntagmorgen die Leiche eines Mannes im Swimmingpool gefunden. Er hatte mehrere Schwellungen im Gesicht, dürfte also geschlagen worden sein. Der Hausbesitzer meinte, er habe Freunde zu einem Footballspiel eingeladen, es sei Bier geflossen und er sei müde zu Bett gegangen. Den Freunden habe er erlaubt, im Wohnzimmer zu schlafen. Die Polizei forderte von Amazon die Herausgabe der Daten. Das Unternehmen betonte aber, dass das Gerät nur auf die Worte “Alexa” oder “Echo” reagiere, sich ansonsten im Standby-Modus befände. Der Hausbesitzer wurde dennoch angezeigt, da er nach der Tat für das Reinigen der Terasse zu viel Wasser verbrauchte. Sein Pech: Er hatte wie alle anderen Häuser einen smarten Wasserzähler, berichtet die Zeitung “Washington Post”.
Bei all diesen Smart Toys geht es um die Persönlichkeitsrechte eines Menschen, die im Grundgesetz oder der Verfassung verankert sind. Und für die ganz vehementen Verfechter der Bespitzelung, wie etwa dem österreichischen Innenminister: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen nach Feierabend in Ihrer Eckkneipe und reden mit Ihren Kumpels. Es fällt der eine oder andere schlüpfrige Witz, die eine oder andere politische Unkorrektheit, Sie ziehen über Ihre Nachbarn oder den Chef her. Was Sie nicht gemerkt haben: Ihr Handy wurde geknackt, das komplette Gespräch aufgezeichnet und einer Zeitung angeboten (sofern Sie entsprechend bekannt sind). Ihren Job sind Sie los!

Links:

- www.test.de
- www.konsument.at
- www.verbraucherzentrale.nrw/
- www.ammering.org
- www.amazon.de
- www.toysrus.at

No Comments »

Das leise Sterben der Insekten

So manch einer wird es in diesem Sommer ganz besonders gespürt haben: Weniger Fliegen, Wespen und Stechmücken auf der Windschutzscheibe des Autos! Gott sei’s gelobt – nicht schade um diese Biester! Soweit die landläufige Meinung grosser Teile der Bevölkerung. Fällt nämlich das Wort “Insekt”, so denken die meisten wohl nur an jene, die dem Menschen ganz offensichtlich lästig fallen oder schaden. Dass es aber da noch wesentlich mehr davon gibt, auf die der Mensch angewiesen ist und ohne die der Lebenskreislauf auf unserem Planeten nicht funktioniert (“Biodiversität”), das wird dabei meist ausser acht gelassen. So ist der Schwalbenschwanz inzwischen in Mitteleuropa vom Aussterben bedroht. Aasfresser, Humusproduzenten, Bestäuber oder auch nur Nahrungsquelle für grössere Tiere wie Vögel, Amphibien oder Fledermäuse beispielsweise: Erste Untersuchungen sprechen von über 12,7 Millionen Vogelbrutpaaren weniger – innerhalb der letzten 12 Jahre nur in Deutschland. Am meisten davon betroffen ist der Star, der Vogel des Jahres 2018. Ornithologen empfehlen deshalb die ganzjährige Fütterung der Vögel durch den Menschen. Ohne Insekten ist ein Leben auf der Erde nicht möglich. Insekten sind das Fundament eines gesunden Ökosystems. So werden seit Jahren immer wieder die Bienen in’s Spiel gebracht, die einen immens wichtigen Anteil am Wachstum und der Vermehrung der Pflanzen erledigen. Über sie habe ich an dieser Stelle bereits berichtet.
Die Studie “Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch in den Jahren 1989 und 2013″ brachte es dieser Tage zu Papier: Die Masse der Fluginsekten verringert sich im Schnitt um 6,1 % pro Jahr. So hat der Bestand um 76,7, im Hochsommer sogar um bis zu 81,6 % im Vergleich zu Ende der 80er Jahre abgenommen. Doch nicht nur in der Masse, sondern auch in der Artenvielfalt. Bei den Faltern beispielsweise um rund ein Drittel. In die Studie wurden alle unterschiedlichen Biotoptypen einbezogen: Die Schmetterlinge, die Hummeln, Nachtfalter, usw. Ein Ergebnis, das erschreckend und zugleich alarmierend ist. Schliesslich wird der Wert der Insektenbestäubung weltweit auf einen dreistelligen Milliardenbetrag beziffert – von den Wildpflanzen sind rund 80 % von der Insektenbestäubung abhängig. Viele Pflanzen können zudem nur von spezialisierten Insekten bestäubt werden. In einem Artikel des Magazins “Science” (erschienen im November 2016) warnten Wissenschaftler von 5 Kontinenten vor dem Tod der Bestäuberinsekten. Die Verantwortung trägt dafür zu grossen Teilen die Intensiv-Landwirtschaft. Nicht nur die übermässige Verwendung von Spritzmitteln, wie Insektiziden oder Pestiziden in Kulturplantagen, sondern auch die Überdüngung von Wiesen und Feldern (zu hoher Stickstoffgehalt, bekannt auch als “Eutrophierung”) bzw. der vier- bis teilweise sogar fünffache Schnitt pro Jahr lassen keine Blütenstände mehr zu, die aber gerade für die Fluginsekten von entscheidender Bedeutung sind. Auch Monokulturen anstelle von Mischkulturen gehören dazu. Wenn ausser Grashalmen auf den Feldern nichts mehr wächst bedeutet dies einen Nahrungsnotstand für die Vielflieger, die sich zudem mehr als schwer tun eine Pflanze zu bestäuben, die es gar nicht mehr gibt.

“Die Hauptursache ist tatsächlich die Intensivierung der Landwirtschaft!“
(Johannes Steidle, Tierökologe Universität Hohenheim)

Insekten erfüllen als Destruenten eine nicht ersetzbare Arbeit: Sie sorgen dafür, dass wir nicht in faulendem organischen Abfall untergehen. Sie zersetzen Pflanzen und Lebewesen und führen dem Boden dadurch wichtige Nährstoffe zu. Sind sie plötzlich nicht mehr da, beginnt das organische Material am Boden zu faulen.
Die zumeist Sechsbeiner werden in der Botanik und Zoologie auch als Zeigertiere und somit als Bioindikatoren eingesetzt.
Die vorhin angesprochenen Untersuchungen wurden von ehrenamtlichen und damit nicht bezahlten Insektenforschern des Entomologischen Vereins Krefeld und dem Naturschutzbund (Nabu) durchgeführt. Sie betreiben Dutzende Messstellen in Nordrhein-Westfalen – zwei davon im Obroicher Naturschutzgebiet mit sog. “Malaise-Fallen”. Diese wurden über den Untersuchungszeitraum 1989 bis 2013 pro Jahr insgesamt 24mal an nahezu denselben Tagen entleert. Die Präsentation der Ergebnisse fand im vergangenen Jahr im Bundestag statt, durch die Erkenntnisse eines internationalen Forscherteams aus Deutschland, den Niederlanden und Grossbritannien erweitert und in der Online-Fachzeitschrift “Plos One” dieser Tage veröffentlicht. So wurden beispielsweise noch Ende der 80er Jahre 1,4 Kilogramm in den Obroicher Fallen gefunden, 2013 allerdings nurmehr 300 Gramm. Und dies obgleich sich der Anstieg der durchschnittlichen Jahrestemperatur eigentlich positiv auswirken sollte. Insgesamt haben wir seit 1989 rund 3/4 der Insektenmasse verloren! Doch nicht nur in Deutschland entwickelt sich die Insektenfauna dermassen bedrohlich. In Grossbritannien besteht seit 1968 ein Netz an Messstellen für grosse Nachtfalter, den sog. “Macro-Moths”. Rund 80 Messstellen sind aufgestellt, jede Messstelle bleibt für zirka sieben Jahre am selben Ort. Parallel dazu wird vom UK Butterfly Monitoring Scheme zudem die Entwicklung der Tagfalter beobachtet. Auch hier sind es jeweils ehrenamtlich Mitarbeiter, die nach einem standardisierten Beobachtungs-Protokoll vorgehen. Das Ergebnis: 337 Falterarten gehen zurück, 71 davon sogar so stark, dass sie in der Roten Liste gefährdeter Arten aufgenommen werden mussten. Dasselbe Bild auch bei den Wildbienen: 39 der in Deutschland beheimateten rund 570 Arten sind bereits verschwunden – die Mohnbiene und auch die Mauerbiene ist beispielsweise massivst gefährdet. Die Arten der Schwebfliege verringerten sich im Untersuchungszeitraum von 143 im Jahr 1989 auf 104 im Jahr 2013.
Zurückzuführen ist all dies auf die “Degradation der Habitate”, also des schlechter werdenden Lebensraumes bis hin zu dessen Zerstörung durch etwa die intensive, landwirtschaftliche Bodennutzung (Verarmung der Agrarlandschaften). Bei ähnlichen Lichtfallen-Studien in Ungarn wurde dasselbe Ergebnis erzielt.
Der Objektivität halber sei hier auch die Stellungnahme der bäuerlichen Interessensvertretung zur Obroicher-Studie angeführt.

“In Anbetracht der Tatsache, dass die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand, verbieten sich voreilige Schlüsse in Richtung Landwirtschaft!”
(Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernbundes)

Die Organisation “Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services” (IPBES), eine Organisation der UNO, sprach in ihrem 2016 vorgelegten Bericht über eine Studie zu Hummeln und Wildbienen ganz eindeutig von der Schuld des Menschen. Einerseits werden fremde Arten eingeführt, die oftmals aggressiver und überlebensfähiger als die in Europa und Nordamerika beheimateten Arten sind. Gleichzeitig aber schleppt der Mensch nicht zuletzt dadurch Schädlinge, Pilze und Krankheiten mit ein, wie die Varroa-Milbe oder die Brutfäule. Auch in heimischen Gegenden ist das Hummelsterben mit freiem Auge zu sehen – im Sommer, speziell unter der Silberlinde. Dieser Baum blüht verhältnismässig spät, weshalb er ein Paradies für alle Insekten, im speziellen aber den Hummeln darstellt. Früher wurde vermutet, dass die Flieger den Nektar nicht vertragen. Forscher der University of Greenwich wiesen jedoch nach, dass sie schlichtweg verhungert sind, da das Nahrungsangebot zu gering war. In den im IPBES-Bericht enthaltenen empfohlenen Massnahmen ist auch die Rede von verschärften Zulassungsbestimmungen bei Pestiziden. Gefordert wird etwa, dass Neonikotinoide gänzlichst verboten werden.
Bei all diesen Betrachtungen habe ich bislang einen nicht unbedeutsamen Faktor ausgelassen: Raupen fressen Pflanzen vornehmlich dann, wenn diese unter Stickstoffmangel leiden. Findet nun auf diesem Feld, diesem Acker eine Überdüngung statt, könnten die davon betroffenen Insekten eigentlich auf das Nachbarfeld ausweichen. Doch ist dies auch nicht möglich, da so gut wie keine Randstreifen mehr bestehen und das Biotop dadurch unterbrochen wird. Somit ist alsdann eine Wanderung nicht möglich. Die Raupen und Insekten verhungern. Zudem befinden sich immer weniger Hecken am Feldrand. Sie hätten den grossen Vorteil, dass mögliche Luftverfrachtungen von Pestiziden in Nachbar-Biotope abgemildert würden. Hier sieht v.a. Jan Christian Hebele vom Institut für terrestrische Ökologie der TU München ein Problem: Naturschutzgebiete gut und schön, doch werden rundherum Pestizide eingesetzt, werden diese durch die Luft auch in die geschützten Zonen verfrachtet, die dadurch kontaminiert werden. Hierbei sprechen die beiden Wissenschaftler Hans de Kroon und Caspar Hallmann (Universität Nijmegen) von einem “Weckruf”: Wofür gibt es dann diese Offenlandbiotope als Naturschutzgebiete??? Das gilt selbstverständlich auch für Bio-Anbauflächen. Bestes Beispiel ist der Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat in Südtirol. Besorgte Eltern entdeckten den Rückgang des Wachstums auf Kinderspielplätzen in der näheren Umgebung von Obst- bzw. Weinplantagen. Das Mittel vernichtet nicht nur Unkraut, sondern auch alle nützlichen Pflanzen, die nicht genetisch resistent gemacht wurden.

“Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus. Wie es scheint, machen wir große Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens, und befinden uns gegenwärtig auf dem Kurs zu einem ökologischen Armageddon.”
(Dave Goulson, University of Sussex)

Die Politik reagiert nur zögerlich (siehe Wiederzulassung von Glyphosat durch die EU). So wurde etwa beim Entomologischen Verein Krefeld eine Studie zu Biodiversitätsverlusten in FFH-Lebensraumtypen in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse 2018 erwartet werden. Glyphosat hingegen zerstört auch den Klee oder Leindotter, der auf Monokulturen wächst. Hat der Mais oder Raps geblüht, finden die Insekten, die ansonsten auf dieses vermeintliche Unkraut zurückgegriffeb haben, keine Nahrung mehr. Es wird allerdings langsam eng für Gegenmassnahmen. Umweltschützer fordern deshalb das sofortige Verbot der Neonikotinoide wie dem Imidacloprid, mit dem das Saatgut gebeizt wird, sowie anderer problematischer Insektizide. Erstere wirken im Nervensystem der Insekten, die dadurch beispielsweise die Orientierung verlieren und nicht mehr – wie im Fall der Bienen – zum Bienenstock zurückfinden. Sie gehen jämmerlich zugrunde. Gleiches gilt auch für den Nützling Schlupfwespe. Sie legt ihre Eier durch den langen Stachel direkt in Schmetterlinge, Läuse und Käfer. Schlüpft dann der Nachwuchs, so frisst er sich durch den Wirt. Diese Wespe wirkt somit tausendfach umweltschonender als ein Spritzmittel. Oder Faltenwespen, die fremde Larven betäuben und im Nest verzehren. Zudem sollen Acker- und Gewässerrandstreifen renaturiert werden.

Jetzt ist Schutzgebietsmanagement angesagt, das auch die Agrarflächen mit einbeziehen muss!

Zusätzlich liegt die Verantwortung beim Verbraucher. Finden nach wie vor die Billigwaren aus der landwirtschaftlichen Massenproduktion einen Absatzmarkt, wird sich nichts ändern. Erfolgt der Griff im Supermarkt jedoch zu nachhaltigen Produkten, so wird sich auch die Landwirtschaft den Umständen anpassen müssen. Und für den heimischen Garten heisst dies: Kurz geschnittener Rasen ohne Blumen mag zwar schön für’s Auge sein, doch zerstört dies die Natur! Wenn es aus ästhetischen Gründen dennoch sein muss, schaffen sie bitte auch Zonen, in welchen die Flora so wachsen kann, wie sie will. Säen Sie möglichst viele unterschiedliche Wildblumen ein. Die Laubbläser übrigens töten die darunter lebenden Insekten, die das Laub ansonsten zersetzen würden.
Wie nun eine Zukunft ohne bestäubende Insekten aussehen könnte? Am Beispiel Kalifornien wohl am besten zu verdeutlichen: Dort sind im vergangenen Jahr 44 % aller Honigbienen krepiert. Bienenstöcke werden inzwischen auf die Felder gefahren (2 Millionen zuletzt). Nun wird versucht, die Mandelblüten mit Drohnen zu bestäuben. Eine sündhaft teure Angelegenheit. Experten sprechen hier von drei Billionen US-Dollar, sollte dies flächendeckend gemacht werden. Auch Pinsel aus Pferdehaar muss der Bauer verwenden, um per Hand die fehlenden Bestäuber zu ersetzen.

Wir haben lang genug gewartet – es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen!!!

Lesetipps:

.) Das große Buch der Insekten; Rod Preston-Mafham / Ken Preston-Mafham; DuMont Reiseverlag 2000
.) Das Insektenbuch; Maria Sibylla Merian; Suhrkamp 2015
.) Encyclopedia of Insects; Vincent H. Resh / Ring T. Cardé (Hrsg.); Academic Press (Elsevier) 2003

Links:

- www.entomologica.org
- www.nabu.de
- ipbes.net/
- www.biodiversity.de/
- www.ukbms.org
- journals.plos.org/plosone
- www.naturgucker.de
- www.biologischevielfalt.at
- www.rothamsted.ac.uk
- www.giz.de
- www.ipbes.net

No Comments »

Ist der Erdöl-Dollar schmutzig???

“Der Islam ist vor allem eine Projektionsfläche geworden, er ist in Europa schon lange kein Religion mehr.”
(Farid Hafez; Politikwissenschaftler )

Dieser Tage war im Rahmen des Börsengangs von Saudi Aramco zu lesen, dass sich US-Präsident Trump bemühe, diese Neuemission an die New Yorker Börse zu holen. Es sei wichtig für Amerika! Nicht nur ich dürfte mir beim Lesen der Schlagzeile Gedanken darüber gemacht haben, weshalb der Börsengang eines Unternehmens dermassen wichtig ist, dass sich der Präsident eines Landes einschaltet. V.a. jener Präsident, der die Landesgrenzen für viele islamische Staaten dicht gemacht hat und der Subventionen streicht, wenn an Projekten Nicht-US-Bürger beteiligt sind! Nun, es handelt sich hierbei mit geschätzten 100 Milliarden US-Dollar um den grössten Börsengang aller Zeiten. Dies würde die Bedeutung der New Yorker Börse mit einem Mal um mehrere Sprossen in der Leiter steigern. Und schliesslich hat Trump mit den Saudis auch den grössten Waffendeal aller Zeiten abgeschlossen.
Viele schimpfen über den Nahen Osten, doch dessen Gelder nehmen sie gerne an. Der Öl-Dollar kann also gar nicht so schmutzig sein, wie immer wieder behauptet wird. Die dortigen Regenten nutzen dies auch in vollen Zügen aus. Deshalb erlauben sie sich nicht selten eine Doppelfinanzierung: Einerseits offiziell durch den Kauf westlichen Knowhows, Immobilien, Unternehmen etc., andererseits auch durch Förderungen der nicht immer ganz einwandfreien Art. Saudi-Riyal oder auch türkische Lira sollen in teils unglaublichen Verstrickungen auch hierzulande so manche Rechnung bezahlen. Einige Beispiele gefällig???
Im Oktober des Jahres gerät während des Nationalrats-Wahlkampfes der Kurz-Kandidat Efgani Dönmez in Verdacht, von den Saudis Geld erhalten zu haben, damit er gegen Katar, die Türkei und die Muslimbrüder Strimmung machen solle. In Chatprotokollen, die der österreichischen Tageszeitung “Die Presse” zugespielt wurden, war u.a. zu lesen: “Katar = bad, Türkei = bad, Saudis = good!” Der Beschuldigte streitet ab – es handle sich hierbei um einen sog. “Running Gag”, er habe keinen Cent aus Saudi Arabien erhalten. Die Sache wird umso brisanter, als Dönmez Mitglied im Verein “Europäische Bürgerinitiative gegen Extremismus” ist und diese Initiative “Stop extremism” (ECI) auch mitbegründete. Zudem klagt er an, dass die Erdogan-Partei AKP türkische Vereine in Österreich unterstützt.
Apropos: Schon vor sechs Jahren machten Meldungen die Runde, wonach Organisationen wie “Atib” (die “Türkisch-Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich”) bzw. “Ditib” (“Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.” in Deutschland) durch die AKP gesteuert und finanziert werden. Tatsächlich unterstehen sie dem “Diyanet”, dem Präsidium für religiöse Angelegenheiten in Ankara und sind alsdann ständige Gäste in den türkischen Botschaften in Wien und Berlin. Die angeschlossenen Gebetsstätten oder Moscheen erhalten alle fünf Jahre einen neuen Imam, der vorhergehende wird wieder in die Türkei zurückgeschickt. Auch die “Islamische Föderation” (Avusturya Islam Federasyonu) und das deutsche Pendant “Islamische Gemeinschaft Milli Görüs”, aber auch die “Union Islamischer Kulturzentren” (UIKZ) sind in einer Auflistung aus dem Jahre 2011 genannt. Die Betreuer werden in Koranschulen in der Türkei ausgebildet, die Führungsriege jeweils in der Türkei bestimmt. Als Vorfeld-Organisation der AKP wird häufig die “Union Europäisch-Türkischer Demokraten” (UETD) bezeichnet. Sie soll die Kontakte zu Unternehmern und Meinungsführern der türkischen Community pflegen. Dort wird dies freilich bestritten. Gerade im Falle der Türkei ist diese verdeckte Finanzierung mehr als dubios. So erhält das Land nach wie vor Gelder von der EU (Heranführungshilfe: 4,45 Milliarden Euro, Flüchtlingshilfe: 3 Milliarden Euro), lässt aber einiges davon auf eine derartige Weise wieder zurückfliessen um dadurch Politik in Europa zu betreiben. Nach dem Referendum dürfte nicht mehr die komplette Heranführungshilfe überwiesen werden, schliesslich geht es dabei u.a. um die Finanzierung von Reformen zur Stärkung der Demokratie (Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit etwa). Übrigens hat die Türkei im Jahre 1987 gemeinsam mit Marokko den Antrag auf Aufnahme in die EU gestellt. Überwies Brüssel seither auch die Heranführungshilfe der EU nach Ankara (wie eigentlich üblich!)?
Auch in den USA dürfte türkisches Geld geflossen sein. So berichtet die Lieblingszeitung von Präsident Trump, die New York Times, von Ermittlungen im Rahmen der Russlandaffäre. Die Firma des ehemaligen Sicherheitschefs Trumps, Michael Flynn, soll während des Wahlkampfes nicht weniger als 530.000 Dollar aus Istanbul überwiesen bekommen haben, um angeblich eine Kampagne gegen die Gegner der türkischen Regierung zu starten.
Daneben aber gibt es auch andere Organisationen, wie beispielsweise die “Föderation Islamischer Organisationen in Europa” (FIOE), eine Dachorganisation vieler nationaler Vereinigungen mit Sitz im britischen Markfield/Leicestershire. Sie wird der Muslimbrüderschaft zugerechnet. 1992 etwa war sie an der Gründung des “Institut Europeen des Sciences Humaines” im französischen Burgund beteiligt. In Deutschland 1996 am “Europäischen Rat für Fatwa und Forschung” sowie am “World Assembly of Muslim Youth” (WAMY) und dem “Forum of European Muslim Youth and Student Organizations” (FEMYSO). Über die FIOE erscheint das monatliche Magazin “Al-Europiya” auf Arabisch. Die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate hatte am 15. November 2014 eine Liste mit 83 Organisationen veröffentlicht, die möglicherweise dem arabischen Terrorismus zuzurechnen sind. Darunter war auch diese Organisation zu finden. Sie versuchte immer wieder, eine islamische Charta in Europa durchzusetzen. Im Jahre 2002 als “Charta für Europa”, 2006 als “Charta für die Muslime in Europa”, scheiterte allerdings stets damit. Der Finanzierung des Ganzen diente die 1996 eingerichtete Stiftung “European Trust”, aus welcher einerseits das jährliche Budget der FIOE in der Höhe von rund 400.000 Euro, andererseits jedoch auch Stipendien für islamische Bildungseinrichtungen beglichen wurden. Zwei Drittel der Spendengelder für diese Stiftung sollen aus der Golfregion stammen. 2004 erklärte sich der Trust als unabhängig, nachdem die britische Kommission für Hilfsorganisationen Ermittlungen aufgenommen hatte. Die FIOE ist in Deutschland durch die “Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.” und die “Muslim Studenten Vereinigung in Deutschland e.V.”, in Österreich durch die “Islamische Liga der Kultur” und in der Schweiz durch die “Ligue des Musulmans de Suisse” sowie in weiteren 24 europäischen Ländern vertreten.
Auch Saudi-Arabien mischt in diesem Konzert fleissig mit, wissen die Kritiker der Gründerin der liberalen Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee in Berlin, Seyran Ates. Ihr wurde ein Naheverhältnis mit der Hizmet-Bewegung (Gülen-Bewegung) nachgesagt. Diese hat sich jedoch offiziell von der selbsternannten Islam-Reformerin distanziert. Der Direktor für Europäische Studien am Forschungsinstitut SETA und Dozent an der Türkisch-Deutschen Universität Istanbul, Enes Bayrakli, verdächtigt sie nun, dass sie ebenso wie ihr österreichischer “Stop Extremism”-Mitstreiter von Saudi Arabien finanziert wird. So meint er:

“Das könnte beweisen, dass diese Leute in einer besonders schmutzigen Manier als Teil einer real präsenten Islamophobie-Industrie in Europa miteinander agieren. Das führt zur Stärkung von noch radikaleren salafistischen und wahhabitischen Strömungen!”

Soll heissen, dass durch den Kampf gegen Extremismus, verbunden mit verschärften gesetzlichen Massnahmen vorort (wie der “Maulkorb-Verordnung”), genau das Gegenteil erreicht werden soll: Die Stärkung radikaler Tendenzen bei gleichzeitiger Resignation der Gemässigten. Enes Bayrakli weiter:

“Für die Islamophobie-Industrie in Europa wird sehr viel Geld ausgegeben. Sie dient eindeutig einer politischen Agenda!”

Auch hier gibt es natürlich einen Bezug zu den USA. So soll der ehemalige Chefberater von US-Präsident Trump, Steve Bannon, durch einen recht ansehnlichen Betrag über eine Lobby-Firma dazu animiert worden sein, bei seinem Chef Katar schlecht zu reden. Das Geld dürfte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten geflossen sein. Hintergrund hierbei ist die politische Vormachtstellung im Nahen Osten. Die sich allerdings zudem religiös auswirkt – in die Sunniten (Golf-Region) einerseits und Schiiten (Iran bzw. Türkei) andererseits. Bestes Beispiel für diese Muskelspiele: Die Türkei unterstützte anno 2012 den ägyptischen Präsidenten Muhammed Mursi, der der Muslimbrüderschaft angehörte. Dessen Sturz führte 2013 General Abdel Fattah al-Sisi mit Hilfe Saudi Arabiens durch.
Selbstverständlich hätte auch der Iran Interesse an diesem Spiel der heimlichen Geldverschieber. Doch tat man sich hier aufgrund der Sanktionen zum Atomprogramm sehr schwer. Wurden in der westlichen Hemisphäre Geldflüsse aus Teheran nachgewiesen, musste jeder mit schärfsten Restriktionen rechnen. Deshalb orientierte man sich bevorzugt in Richtung Indien bzw. China. Erst jetzt, nachdem die Sanktionen nach und nach fallen, gewinnt auch der Toman (bisjer Rial) immer mehr an Bedeutung. So meinte etwa der iranische Notenbankchef Walliollah Sejf bei seinem Besuch 2009 in Wien:

“Der Euro ist unsere wichtigste Handelswährung, weil wir in US-Dollar nicht handeln.“

Wie nun derartige Geld-Transaktionen stattfinden, bezeichnen die Experten (neben den normalen Banküberweisungen) als “Hawala”! Sog. “Transporter” (Hawaladar) überbringen auf diese Art täglich weltweit bis zu vier Milliarden Dollar – ähnlich wie im gleichnamigen Hollywoodstreifen. Allerdings nicht wirklich alles tatsächlich im Geldkoffer. Viele sind vernetzt und erledigen die Auszahlungen über ihre Mittelsmänner. Will also jemand 4.000 Dollar an einen Verwandten in Damaskus überweisen, so bedient er sich eines Hawaladar. Diesem gibt er das Geld. Der ruft bei seinem Mittelsmann in Damaskus an, der die Auszahlung gegen ein Codewort vornimmt. Nun steht der erste Hawaladar in der Schuld des zweiten, was durch in anderer Richtung erfolgende Auszahlungen wieder getilgt wird. Da hierbei nichts nachvollzogen werden kann (weder vom Zoll, noch dem Finanzamt,…), wird diese Überweisung nicht nur durch Privatpersonen oder Vereinigungen, sondern auch von Drogenhändlern oder Terrororganisationen wie dem IS oder der al-Qaida verwendet. Dabei weiss der Bote die Höhe des Betrages und den Empfänger – mehr nicht. Empfangsbestätigungen oder Quittungen gibt es selbstverständlich keine. Der Transporter erhält einen gewissen Betrag pro Transaktion – erfolgt es über die zweite Art (also ohne Geldkoffer), so ist es meist günstiger als eine Überweisung durch die Western Union! Deshalb schicken auch Flüchtlinge einige wenige Dollar über diese Wege an ihre Verwandten in den Kriegsgebieten.
Die bislang grössten Hawala-Akteure hatten kriminelles Geld verschoben. Ein Inder, der bis zu 2 Milliarden pro Tag transferiert hat (für lateinamerikanische Drogenbosse oder auch der al-Qaida) wurde 2009 verhaftet. Ein pakistanischer Figaro verschob bis zu 4 Millionen Euro pro Tag zwischen der norditalienischen Mafia und afghanischen Drogenbossen. Er wurde 2006 hinter Gitter gebracht.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts nimmt auch der offizielle Investitionsfleiss aus islamischen Staaten ständig zu. Eine Studie der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS) bezifferte bereits 2005 das weltweite Investitionsvolumen aus islamischen Ländern mit nicht weniger als 500 Milliarden US-Dollar, bei jährlichen Wachstumsraten von geschätzten 12 bis 15 Prozent. Bis zu zwei Drittel werden dabei in Immobilien investiert. Die Gelder kommen ganz legal aus rasch wachsenden Islam-Fonds, weshalb hierbei von “Shariah-Kapital” gesprochen wird. Nur Projekte, die gegen die Schariah verstossen, dürfen nicht auf diese Art finanziert werden (Alkohol, Erotik, Wetten,…). Zinszahlungen sind zwar verboten, werden allerdings auf anderem Wege in die Verträge eingeflochten. Seit dem letzten Jahr ist alsdann Russlands Präsident Wladimir Putin am Shariah-Kapital interessiert. Er möchte es vornehmlich für Infrastrukturprojekte einsetzen. Dort ist man überzeugt – auch wenn es nicht ganz den Gesetzen und dem Bankenwesen von Russland entspricht – dass man durchaus einen Teil des 2,5 Billionen Euro schweren Kuchens des islamischen Bankenwesens abbekommen kann. Kuwait beispielsweise soll angeblich schon recht spendabel Olmillionen in die russische Wirtschaft stopfen.
Sollte dies tatsächlich der Wahrheit entsprechen, dass in Europa auf den Köpfen von vielen unbescholtenen Moslems die Vormachtstellung im Nahen Osten ausgefochten wird, u.a. auch durch die verdeckte Finanzierung von offiziellen und nicht offiziellen Vereinigungen, so sollten wir uns alle – egal ob Christen oder Moslems – hierüber Gedanken machen. Schliesslich sind die derzeitigen Profiteure hierzulande auf gar keinen Fall als harmlos zu bezeichnen. Sie schüren ständig das Feuer mit der Angst vor dem radikalen Islam (in Österreich etwa fürchten sich nach einer Studie 73 % der Befragten davor), um dadurch selbst an die Macht zu gelangen. So spricht der an der Universität Salzburg tätige Politikwissenschaftler Farid Hafez von einem “wunderbaren dialektischen Prozess”, schliesslich brauche die Pegida den IS bzw. die al-Qaida – allerdings auch umgekehrt! Franz Wolf, der Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds formulierte es in einem Interview mit der Tageszeitung “Die Presse” im März des Jahres in etwa so, dass die Meinungsbildner, die sich in der öffentlichen Diskussion zu Wort melden, sehr häufig von extremen Rändern islamischer Strömungen kommen. Viele Moslems hierzulande können und wollen sich damit gar nicht identifizieren (siehe hierzu auch die Aussagen des deutschen Grünen-Chefs Cem Özdemir). Betrachtet man nun die Flüchtlingsproblematik vor diesem Hintergrund, so erhält sie eine komplett andere Dynamik!
Um den Kreis wieder zu schliessen: Saudi Aramco besitzt nach Angaben von Prinz Mohammed Bin Salman einen Wert von zwei Billionen Dollar. Beim Börsengang geht es nur um rund 5% der Anteile. Der Gewinn soll zu grossen Teilen in Westeuropa angelegt werden. So meinte auch der saudische Botschafter in Deutschland, Awwad Alawwad, ganz offiziell gegenüber der Zeitung “Die Welt”:

„Derzeit sondieren wir den deutschen Markt nach interessanten Anlagemöglichkeiten.“

Als Vorbild agieren dabei die inzwischen verfeindeten Scheichs aus Katar! Egal ob Grosskonzern oder Hidden Champion: Die Dividende muss passen, dann fliesst der Erdöl-Dollar! Durch derartige Beteiligungen soll die saudische Wirtschaft unabhängiger vom Erdöl und damit fit für eine Zukunft ohne fossile Treibstoffe gemacht werden. In den Mitfahrdienst Uber wurden beispielsweise satte 3,5 Milliarden Dollar gesteckt. Shopping auf höchstem Niveau!!!

Lesetipps:

.) Missverständnis Orient. Die islamische Kultur und Europa; Georges Corm; Rotpunktverlag 2004
.) Europäische Literatur und islamische Herausforderung. Kampf um Europa; Dirk Hoeges; machiavelli-edition 2017
.) Der Islam in Österreich und in Europa: Die Integration und Beteiligung der Muslime und Musliminnen in der Gesellschaft; Wolfgang Benedek/Kamel Mahmoud (Hrsg.), Universitätsverlag Graz 2011
.) Muslime im Rechtsstaat; Thorsten Gerald Schneiders u.a. (Hrsg.); Lit-Verlag 2005
.) Handbuch der Religionen. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland; Michael Klِcker/Udo Tworuschka (Hrsg.); Loseblattwerk seit 1997
.) Muslime in Europa: Westlicher Staat und islamische Identität; Florian Remien; EB-Verlag 2007
.) Muslim Europe or Euro-Islam: Politics, Culture, and Citizenship in the Age of Globalization; AlSayyad Nezar; Lexington Books 2002
.) Orientalism; Edward Said; Penguin Modern Classics 2003

Links:

- www.atib.at
- www.ditip.de
- https://ifwien.at
- www.igmg.org
- www.uikz.org
- www.uetd.at
- de.financialislam.com
- derislam.at
- de.qantara.de
- www.schulamt.derislam.at
- www.islamportal.at/
- www.bpb.de
- www.eu-infothek.com
- www.stopextremism.eu

No Comments »

Die spinnen, die Spanier

Die Amerikaner haben’s gemacht, die Brasilianer ebenso. Die Slowenen, die Georgier, Indien, die Schotten, … – ich denke, hier alle aufzählen zu wollen, die es getan haben, wäre wohl eine Lebensaufgabe. Einfacher wäre es sicherlich, jene aufzulisten, die es nicht versucht haben! Ich weiss nun leider nicht, an was Sie derzeit wohl denken müssen. Ich für meinen Teil denke an die Unabhängigkeitsbewegung, die Separatisten, die Sezession oder wie auch immer Sie das bezeichnen möchten. Der aktuelle Fall der Katalanen lässt wohl viele ungläubig den Kopf schütteln. Am 27. Oktober des Jahres hat das Regierungsbündnis unter Regionalpräsidenten Carles Puigdemont den Antrag für die Abspaltung Kataloniens von Spanien und zur Gründung einer “katalanischen Republik als unabhängigen und souveränen Staat” im Regionalparlament eingebracht. Er wurde mehrheitlich mit 70 zu 10 Stimmen (2 Enthaltungen) angenommen, nachdem sehr viele Abgeordnete der Opposition den Saal vor der Abstimmung verlassen haben. Klar – das Regierungsbündnis hätte auch so die Mehrheit gehabt – doch wieso verliessen die anderen Politiker den Saal, nachdem die Wahl geheim war??? Eine derartige Abstimmung ist – ebenso wie die zuvor erfolgte Volksbefragung – nach spanischem Recht illegal. Kommt es nun – ein Vierteljahrhundert nach den Balkankriegen – zu den iberischen Kriegen? Nachdem Madrid die Regierung abgesetzt und Neuwahlen für Dezember ausgeschrieben hat, rief Puigdemont zu friedlichem Widerstand auf. Wie paradox: Legte doch die baskische Separatisten-Organisation ETA bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist, erst im April des Jahres die Waffen nieder, nachdem sie 2011 einen “dauerhaften Waffenstillstand” ausgerufen hatte. Nach fast 50 Jahren des erfolglosen, dafür aber umso tragischeren Terrors für die Unabhängigkeit des Baskenlandes! Mehr als 830 fielen dem zum Opfer. Ein Referendum wurde 2008 im Baskenland durch den Verfassungsgerichtshof abgelehnt – ebenso übrigens wie 2014 in Katalonien! Obelix hätte durchaus recht mit den Worten: Die spinnen, die Spanier!

http://www.spiegel.de/video/katalonien-puigdemont-in-bruessel-separatisten-am-ende-video-1810531.html

Stellen Sie sich mal vor, Bayern würde einen solchen Schritt wagen! Trotz der Diskrepanzen zwischen Angela Merkel (CDU) und ihrem christlich-sozialen Widerpart Horst Seehofer in München würde wohl niemand Zeit für einen solchen “Schmarr’n” verschwenden. Na ja mit Ausnahme der Bayernpartei und des ehemaligen Intimus von Franz Josef Strauss, Wilfried Scharnagl, Nicht mal mehr die Alternative fD hat dies noch erwähnt, seitdem sie nun dank der Protestwähler beheizte Sitze im Berliner Reichstag ergattert hat. Oder das westlichste Bundesland Österreichs: Vorarlberg. Gehört es doch nicht wie der Rest Österreichs zur bayrischen Sprachgruppe, sondern zur alemannischen und wird zudem durch ein Bergmassiv von den anderen Bundesländern getrennt! Oder Bern bekäme Probleme mit dem Tessin! Ähm – nö – das ist etwas anderes!!! Verantwortlich ist dafür – wie eigentlich ohnedies immer – der schnöde Mammon! Die Katalanen wollen als recht gut bestückte Wirtschaftsregion nicht andere, ärmere Regionen Spaniens mitfinanzieren und für den Schuldenhaufen der Zentralregierung aufkommen. Angeblich soll die Region bis zu 12 Milliarden Euro mehr nach Madrid jährlich überweisen, als sie wieder als Zuwendung zurückbekommt. Ähnlich läge der Fall ja auch bei Bayern und Vorarlberg, während das Tessin sich selbst überlassen höchstwahrscheinlich scheitern würde.
Europa rückt immer näher zusammen und hat davon immense Vorteile. Klarerweise bestehen auch Nachteile, an welchen sachlich produktiv gearbeitet werden sollte. Wenn nun einige vornehmlich rechte Politiker wie der Ungar Viktor Orban wieder zurück in die Eigenstaatlichkeit wollen, sollen sie sich den Zinober anschauen, der derzeit in Grossbritannien herrscht: Grenzen werden wieder aufgebaut, die Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit wird faktisch abgeschafft, hunderttausende Jobs gehen verloren, weil sich die Unternehmen andere Europaniederlassungen suchen, die Inflation greift um sich – das Land verliert immens an wirtschaftlicher Schlagkraft und Bedeutung. Ok – Ungarn gehört ebenso wie Grossbritannien nicht der Eurozone an. Doch versuchen auch die Ukraine und Serbien den Eintritt in die EU! Stellt sich Orban eine Insel der Seligen mit Vorbild Schweiz vor, so vergisst er dabei die Macht des Geldes. Schliesslich bekommt so mancher Finanzexperte einen Lachanfall, wenn er die beiden Bankensysteme bzw. den Forinth mit dem Franken vergleichen solle. Und viele der Landsleute Orbans müssten wieder zurück in den ungarischen Arbeitsmarkt. Aber sei’s drum!
Ein Europa der Regionen ist eine hehre Vorstellung, doch wird sie aufgrund der unterschiedlichen Nationalstaaten und ihrer Kompetenzen nicht umzusetzen sein. Die Europaregion Tirol-Trentino lebt es vor: Es ist durchaus machbar, im kleineren Massstab intensiv zusammenzuarbeiten. Doch sind die Mitglieder der Region nach wie vor auf Italien und Österreich angewiesen. Auch Südtirol alleine wäre wohl nicht überlebensfähig. Das ist dort auch bekannt, deshalb erkämpfte man sich die Autonomie, nicht die Unabhängigkeit eines souveränen Staates. Und dies sorgt dafür, dass 90 % der Landeseinnahmen auch dort bleiben, wo sie eingenommen wurden. Anders als in der Lombardei oder beispielsweise Venetien, die 70 % abgeben müssen! Allerdings fühlen sich die Südtiroler auch nicht unbedingt irgendwo zugehörig – wie es der wohl bekannteste Einwohner, Reinhold Messner, 2011 gegenüber der Zeitung “Die Welt” betonte:

“Ich bin kein Deutscher, kein Österreicher, kein Italiener – sondern ich bin Südtiroler. Eventuell noch Tiroler!”

Na – der Gastwirt Andreas Hofer wäre begeistert von seinem Landsmann, dem Burgbesitzer!!!
Etwas diffiziler gestaltet sich die Situation bei den Schotten. Sie votierten vor der Brexit-Abstimmung für Grossbritannien, wollen aber nicht aus der EU raus. Ausser über den Seeweg besteht hier allerdings keine direkte Verbindung mit der EU – alles müsste durch England hindurch kutschiert werden. Zolltechnisch eigentlich wie beim Vorbild Schweiz relativ einfach, wenn auch bürokratisch umständlich. Somit also durchaus interessant, wie sich dort die Lage entwickeln wird: Neuerliche Volksabstimmung oder wie in Katalonien ein parlamentarischer Beschluss???!!!
Wohl am meisten unter all dem haben die Katalanen selbst zu leiden. Schliesslich wollen viele von ihnen unabhängig werden – wie das Ganze aber danach aussieht, darüber machen sich wohl die wenigsten Gedanken. Spanien ist eine parlamentarische Erbmonarchie mit dem Regierungssystem einer parlamentarischen Demokratie, die sich in insgesamt 17 autonome Gemeinschaften aufteilt. Katalonien ist nach Andalusien noch vor Madrid die zweitgrösste. Ein unabhängiger Staat Katalonien würde jedoch weder von der EU, noch von Deutschland und schon gar nicht von Mr. Trump anerkannt, der höchstwahrscheinlich selbst schon ein Krisenmanagement eingesetzt hat, das dann über die Massnahmen entscheidet, wenn demokratisch-dominierte Bundesstaaten oder das nach der Naturkatastrophe so schändlichst vernachlässigte Puerto Rico den Aufstand proben. Niemand will ein Europa der Klein- und Kleinststaaten, da ein europäischer Gedanke dann weitaus schwerer umzusetzen ist. So müssten etwa viel mehr dieser Kleinstaaten auf europäischer Ebene gestützt werden (was bislang national geschah), da sie eigenständig wirtschaftlich nicht lange Bestand hätten.
Klar – 2010 hätte das Autonomiestatut Kataloniens nicht de facto gestrichen werden sollen. Damit gossen die Konservativen in Madrid nur Feuer in die Flammen. Und der brutale Polizeieinsatz im Umfeld des Referendums liess bisherige Zweifler ihren regionalen Nationalstolz aus dem Kleiderschrank holen. Auch wenn im Dezember nun Neuwahlen stattfinden, bei welchen der bisherige Regionalpräsident ebenfalls antreten darf (sofern die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen ihn fallengelassen wird), wird auch weiterhin eine ganze Region am Brodeln sein. Dafür sorgen schon jene, die – wie etwa Carme Forcadell Lluís (die Ex-Regionalparlamentsvorsitzende) – lautstark die Loslösung von Madrid fordern. Dafür haben sie allesamt zu hart gekämpft. Würde sich möglicherweise Puigdemont noch gesprächsbereit zeigen um damit eine Eskalation zu verhindern, Frau Forcadell ist es schon längst nicht mehr.
Mit dem Artikel 155 hat Spaniens konservativer Ministerpräsident Mariano Rajoy nun den grossen Knüppel aus dem Sack geholt. Dieser Artikel besagt, dass sich – sollte eine der 17 Regionen die “allgemeinen Interessen Spaniens” schwerwiegend verletzen oder sich von der Verpflichtung gegenüber der Verfassung und anderen Gesetzen entziehen – die Zentralregierung mit Unterstützung des Senats einschalten darf. Die Regionalregierung wird alsdann abgesetzt, Neuwahlen ausgeschrieben und die regionale Polizei der Bundespolizei unterstellt. Dies ist inzwischen alles geschehen und führt zu weiterem Groll in der Region. Der Artikel übrigens wurde im Jahr 1978 in die Verfassung aufgenommen, jedoch bislang noch nie umgesetzt – nicht mal im blutigen Konflikt mit den Basken. Auch im deutschen Grundgesetz schafft der Artikel 37 der Regierung in Berlin die Möglichkeit eines solchem Eingreifens unter ähnlichen Voraussetzungen wie derzeit in Spanien. Hinzu kommt mit dem § 81 StGB der Straftatbestand des “Hochverrates gegen den Bund” – deshalb hat nun auch die spanische Generalstaatsanwaltschaft Anklage wegen Rebellion erhoben. Die Verhaftung der Ex-Minister und der Haftbefehl gegen Puigdemont allerdings lassen tausende Menschen auf die Strasse gehen – nurmehr eine Frage der Zeit, wann die ersten Ausschreitungen losgetreten werden.
Bleibt die Hoffnung auf eine friedliche Beilegung der Streitereien. Schliesslich würde sich eine derartige Sezession wie ein Lauffeuer durch Europa ziehen und sicherlich nicht überall unblutig vonstatten gehen: Donezk in der Ukraine, Aland in Finnland, die Bretagne und Korsika in Frankreich, die Faröer in Dänemark, Flandern in Belgien, Padanien und Sardinien in Italien und nicht zuletzt das Baskenland und Galicien erneut in Spanien. Die Liste liesse sich noch nahezu endlos fortsetzen. Wären so viele Schrumpfstaaten wirklich sinnvoll?
Haben Minderheiten überhaupt das Recht auf einen souveränen Staat? Eine durchaus heiss umstrittene Frage beispielsweise im Völkerrecht. Die eine Hälfte der Experten meint “Nein” und bezieht sich dabei auf das Integritätsinteresse bestehender Staatsverbände. Auch wenn die Menschenrechtscharta der UNO hier gewisse Möglichkeiten einräumt, so bedarf es einer Mehrheit in der Vollversammlung oder einer Entscheidung bei den ständigen Vertretern des Sicherheitsrates, damit ein solcher neuer Staat als Mitglied in die UNO aufgenommen wird. Gerade zweiteres kann alsdann sofort ausgeschlossen werden.

https://www.youtube.com/watch?v=xGDNW38XCVM

Weshalb nun ein grosser Aufschrei durch die Massen geht, dass Madrid dermassen stur und rabiat vorgeht, ist dennoch verwunderlich. Schliesslich gab es auch in Deutschland vor noch gar nicht allzu langer Zeit einen Antrag der Bayernpartei auf Zulassung einer Volksabstimmung im Freistaat zum Austritt aus der Bundesrepublik. Der Bundesverfassungsgerichtshof wies jedoch im Dezember 2016 diesen Antrag zurück. Die Länder könnten nicht das Grundgesetz so weit biegen, wie sie es bräuchten. Ähnlich auch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA. 1869 lehnte dieses den Austritt von Texas aus dem Staatenbündnis ab, da der Bundesstaat seit seinem Beitritt stets Mitglied der USA war und sein wird, auch wenn dieser damals auf Seiten der Konföderierten im Bürgerkrieg kämpfte. Apropos: Dies ist alsdann der bekannteste Fall einer versuchten Abspaltung. Die Südstaaten der USA gründeten 1860/61 die Konförderierten Staaten (CSA) und erklärten ihre Unabhängigkeit gegenüber den anderen Staaten, die u.a. die Sklaverei abschaffen wollten. Dies endete leider im Sezessions- oder Bürgerkrieg und brachte viel Blut und Leid. Ähnliche brutale Kriege bzw. Bürgerkriege – grossteils jedoch bereits vergessen – gab es in Europa, die hingegen erfolgreich verliefen:
- Die Niederlande gegen die Habsburger (1648 Anerkennung der Selbständigkeit im Westfälischen Frieden)
- Griechenland gegen das Osmanische Reich (1829 wurde Griechenland unabhängig)
- Belgien gegen die Niederlande (Belgien wurde 1830 unabhängig)
- Finnland gegen die Sowjetunion (erst nach dem Winterkrieg 1939/49 und dem Fortsetzungskrieg 1941 wurde Finnland unabhängig)
- Irland gegen Grossbritannien (1937 wurde die Republik Irland gegründet)
- Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina gegen Serbien – erst das Dayton-Abkommen beendete 1995 das Töten auf dem Balkan
- Zerfall der Sowjetunion – bezieht man den Krieg in der Ukraine mit ein, so finden nach wie vor bewaffnete Auseinandersetzungen statt; davor gab es etwa den Bergkarabach-Konflikt, der Georgisch-Abchasische Krieg oder auch die beiden Tschetschenienkriege neben vielen anderen mehr
Politisch und somit unblutig endete hingegen die Loslösung Norwegens in der Union mit Schweden. Nachdem die norwegische Regierung geschlossen zurückgetreten war und der schwedische König Oskar II. keinen Ersatz fand, musste er einer Volksabstimmung zustimmen. 1905 votierten nur 184 Norweger gegen die Loslösung von Schweden (Vertrag von Karlstad). 1992 trennten sich Tschechien und die Slowakei politisch. Auch die Lösung Mazedoniens (1995) und Montenegros (2006) von Serbien geschah friedlich – allerdings unter dem Eindruck der vorhergehenden Balkankriege.

“Siege und Staatsumwälzungen gehen aus dem unendlichen Planen der Vorsehung hervor. Wir dürfen uns nicht länger dawider sträuben.”
(Andreas Hofer, Tiroler Freiheitskämpfer)

Es gärt an allen Ecken und Enden dieses Planeten. Anstatt Probleme gemeinsam anzupacken und friedlich miteinander zu lösen wollen immer mehr machtgeile Populisten die Unabhängigkeit. Was dann mit dem Volk geschieht, ist ihnen dabei vollkommen gleichgültig. In Kirgisistan etwa stieg die Armut 1993 auf über 75 %, im Südsudan tobt seit 2013 ein mehr als blutiger Bürgerkrieg – zwei Jahre zuvor erfolgte die Abspaltung vom Sudan. Im Pulverfass Süd-Ossetien liegt das Produktionsniveau heute weit unter jenem von 1989, als es noch Bestandteil Georgiens und somit der Sowjetunion war. Die Demokratische Arabische Republik Sahara wurde 1976 durch die Frente Polisario ausgerufen. Beansprucht wird das Gebiet eigentlich von Marokko. Statistisch gesehen leben hier 1,91 Menschen auf einem Quadratkilometer! Mit Ausnahme der Küste gibt es hier hauptsächlich eines: Sand!!!
Die Europäische Union ist eine vertragliche Vereinigung der unterzeichnenden Nationalstaaten. Würde sich nun Katalonien von Spanien, Venetien von Italien, Schottland von Grossbritannien, Flandern von Belgien, Ostfriesland von Deutschland und die südsteirische Weinstrasse von Österreich usw. abspalten, so entstehen dadurch neue Staaten, die nicht automatisch Bestandteil der Union sind. Sie müssten um ihre Aufnahme ansuchen. Diese Überlegung liess schliesslich auch die Schotten damals für Grossbritannien voten. Doch wer weiss, ob ein neuer souveräner Staat bis zu seinem Beitrittszeitpunkt, also bis zu dem Zeitpunkt, ab dem er auch EU-Gelder bekommt, überhaupt überlebt. Wie es zudem mit der vertraglichen Ratifizierung der Mitgliedschaft durch den vorhergehenden Nationalstaat ausschaut, kann sich wohl jeder selbst denken. Und es geht noch weiter: In Katalonien beispielsweise sind bis zu 4.000 multinationale Konzerne ansässig. Was würde hier wohl geschehen, wenn Katalonien plötzlich nicht mehr der EU angehört? Ein Worst Case wie im United Kingdom???

Lesetipps:

.) Katalonien: Der diskrete Charme der kleinen Staaten; Tilbert Stegmann/Martí Sancliment-Solé (Hrsg.); Lit Verlag 2014
.) Kleine Geschichte Kataloniens; Carlos Collado Seidel; C.H.Beck 2007
.) Gebrauchsanweisung für Katalonien; Michael Ebmeyer; Piper 2007
.) Unabhängigkeit!; Marc Engelhardt (Hrsg.); Verlag Christoph Links 2015
.) A Theory of Secession. The Case for Political Self-Determination; Christopher Heath Wellman; University Press 2005
.) Völkerrecht; Wolfgang Graf Vitzthum; De Gruyter Verlag 2007
.) Völkerrecht; Theodor Schweisfurth; UTB GmbH. 2006
.) Towards a Basque State. Territory and socioeconomics; I. Antiguedad u. a.; UEU 2012
.) Geteilte Erinnerung. Die deutsch-tschechischen Beziehungen und die sudetendeutsche Vergangenheit; Samuel Salzborn; Peter Lang GmbH. 2008
.) Sezession und Demokratie: eine philosophische Untersuchung; Frank Dietrich; De Gruyter Verlag 2010
.) Postsowjetischer Separatismus: Die pro-russländischen Bewegungen im moldauischen Dnjestr-Tal und auf der Krim 1989-1995; Jan Zofka; Wallstein 2015

Links:

- www.eurotopics.net/de
- landesverband.bayernpartei.de
- www.bundesverfassungsgericht.de
- www.nrscotland.gov.uk
- www.basquecountry.eus
- russland.news

No Comments »

WP Login