Archive for Dezember, 2017

Na denn: Lasst es Euch schmecken!!!

Es weihnachtet bereits allernortes. Deshalb möchte auch ich der Tradition nachkommen und den letzten Blog in diesem Jahr einem Weihnachtsthema widmen. Über die Traditionen, die Rauhnächte und die unterschiedlichsten Weihnachtsbräuche habe ich an dieser Stelle schon berichtet. Deshalb möchte ich heute mal “Häferlgucker” spielen und mich in den Töpfen dieser Welt umschauen: Was kommt traditionell zum Fest auf den Tisch! Eine Empfehlung noch vorweg: Lesen Sie diese Zeilen bitte, wenn Sie erst vor kurzem gegessen haben, ansonsten werden Sie Appetit bekommen – wie auch ich während des Schreibens.
Besonders vielfältig werden im Alpenstaat Österreich die Messer gewetzt. War ansonsten früher eher Schmalhans Küchenmeister, da es an den meisten Bauernhöfen nur am Sonntag Fleisch gab, so lässt sich gerade zum Fest der Feste niemand lumpen. Das kommt daher, dass in Österreich Weihnachten stets ein Fest der Familie war. Aus allen Ecken und Enden dieses Globusses strömen die Familienmitglieder zusammen und Muttern kommt an den Feiertagen nicht vom heimischen Herd weg. Trotzdem wird einmal im Jahr das über Jahrhunderte vererbte Silberbesteck aus der Wohnzimmervitrine geholt.
In der Steiermark beispielsweise werden zum Heiligen Abend kalte Platten gereicht, in manchen Häusern auch Würstel oder Fisch. Allerdings sehr dezent, ging doch die Fastenzeit bis zur Christmette. So wirklich in’s Volle griff die Chefköchin seit je her dann am Christtag und dem Stefanitag. Sehr häufig wechselt sich der Braten mit der gefüllten Gans ab. Und das alles selbstverständlich nicht ohne das orange Gold des Landes: Dem Kürbis! Egal ob in Form des köstlichen Kürbiskernöls im Salat oder mit der Kürbiskernkruste beim Braten. Den Abschluss bilden meist Desserts mit den Weihnachtsgewürzen Zimt und Vanille oder auch die sog. Potitzen. Dies sind Hefe- oder Strudelteigkuchen mit einer Füllung aus gemahlenen – na? – genau – gemahlenen Kürbiskernen oder auch Nüssen.
In Kärnten werden nach der Bescherung Selchwürstel mit Sauerkraut und Schwarzbrot gereicht. Danach steht der Kärntner Reindling auf dem Speiseplan. Ein Guglhupf mit einer Nuss-Mohn-Rosinenfüllung.
Die Bundeshauptstadt Wien und auch das angrenzende Bundesland Niederösterreich mögen’s am ehesten klassisch: Karpfen oder Bratwürste zu Heiligabend. Dazu: “Erdäpfelsalat” (Kartoffelsalat) und manches Mal auch Sauerkraut. Der Donau flussaufwärts in Oberösterreich hat die Schnittlsuppe zu Heiligabend Tradition. Dies ist eine Brotsuppe mit gekochtem Schweinefleisch. Im Burgenland stärkt sich die Familie vor der Christmette zumeist mit geräuchertem Lachs. Ebenso lukullisch eher weniger spektakulär ist der Heiligabend in den drei westlichen Bundesländern. In Salzburg bestimmt die “Würstelsuppe” das Geschehen, eine Rindsuppe mit Frankfurtern, Mettwürsten oder auch Weißwürsten. In den Gauen (Pongau, Pinzgau und Lungau) wird das sog. “Bachlkoch” serviert, eine mit Honig eingerührte und eingekochte Mehl-Milchsuppe. In Butter herausgebraten wird das Ganze mit Mohn bestreut und verzehrt. In Tirol löffeln Klein und Gross ebenso eine Suppe – eine Nudelsuppe mit Würsteln. Und im “Ländle”, in Vorarlberg werden frische Kalbsbratwürstel oder Hauswürste (geräucherte Mettenwürste) mit Sauerkraut oder italienischem Mayonaisesalat dargeboten. An den folgenden Feiertagen besteht dann nahezu kein Unterscheid zwischen den Bundesländern: Braten oder Gans mit Rotkraut und zumeist Kartoffelknödel. Im Burgenland verschönert auch schon mal der eine oder andere Tafelspitz mit Apfelkren den Festtagstisch.
Apropos Weihnachtsgans: Die Tradition aus dem deutschsprachigen Europa kommt eigentlich ursprünglich aus England. Der Legende nach soll Queen Elisabeth I. anno 1588 gerade ihren Gänsebraten verzehrt haben, als man ihr die Botschaft übermittelte, dass die spanische Armada von der englisch-königlichen Marine bezwungen worden sein soll.
Der Karpfen ist allerdings eine tatsächlich uralte christliche Tradition. Damit die 40-tägige Fastenzeit eingehalten werden konnte, griff man auf etwas vermeintlich “vegetarisches” zurück – dem Karpfen! Er wird zumeist mit Kartoffel- oder Gurkensalat bzw. gekochten Kartoffeln gereicht. Schliesslich wollte man damit ja die Geburt Christi gebührend feiern. In diesem Zusammenhang ranken sich die unterschiedlichsten Mythen: Steckt man die Schuppen des Fisches in die Jackentasche, so erwartet einen wenige Tage später ein Geldsegen. Die Gräten des Fisches werden am Christtag unter einen Obstbaum gelegt, damit dieser im Frühling wieder kraftvoll wachsen kann.
Übrigens haben auch die Würstchen mit Sauerkraut einen religiösen Hintergrund: Damit soll auf die Armut von Maria und Joseph hingewiesen werden, die das Christuskind zu Bethlehem in einem Stall zur Welt brachten.
Auch in deutschen Landen ist der Heiligabend in den meisten Regionen noch eher kleingehalten: Würstchen mit Kartoffelsalat oder inzwischen auch Fondue oder Raclette – damit die ganze Arbeit nicht nur an Muttern hängen bleibt. An den Feiertagen dann ebenso die Weihnachtsgans (gefüllt mit Zwiebeln, Äpfeln und Maroni) mit Rotkohl und Kartoffelklössen oder der Weihnachtskarpfen. Nur in wenigen Regionen wird bereits an Heiligabend gross aufgetischt.
Die Schweizer mögen’s gerade zu Heiligabend sehr gesellig. Zwischen Genfer- und Bodensee sorgt entweder das Fondue chinoise (mit Rind- und Hühnerfleisch) oder das Raclette für einen gemütlichen Abend im Kreise der Lieben. Früher wurde der Raclettekäse übrigens am offenen Feuer geschmolzen und dann direkt vom Laib auf den Teller geschabt. Heute geht das mit den Raclette-Grills ganz einfach. Als Beilagen empfiehlt der Chef de Cuisine Suisse Kartoffeln, Gemüse bzw. Mais.
Und damit verlassen wir die deutschsprachige Küche und schauen sozusagen “über den Tellerrand” auch in andere festlich geschmückte Wohnzimmer. Am besten alphabetisch, damit sich niemand benachteiligt fühlt.
Das Weihnachtsfest in Down Under – etwas ganz besonderes, denn während sich in unseren Gefilden das Christkind einen Weg durch den Schnee schaufeln muss, feiern die Aussies Weihnachten bei sommerlichen Temperaturen am Strand. In T-Shirt und Badehose. Ähnlich wie in Grossbritannien und den USA ist eigentlich der Christtag der Haupttag des Festes. Der Stefanstag wird als “Boxing Day” bezeichnet – der Beginn der Sommerferien. Dennoch wird am Heiligabend im Kreise der Familie gegessen. Zumeist ist es ein Putenbraten mit anschliessendem Plumpudding. Allerdings stehen auch Fisch bzw. Seafood auf dem Speiseplan. Der Christtag findet zumeist am Strand oder im Park beim BBQ statt.
Der Haupttag des Weihnachtsfestes in Bulgarien ist ebenfalls der 25. Dezember. Zuvor müssen Herr und Frau Bulgare durch 40 Fastentage (beginnend am 15. November) hindurch. Deshalb fällt das Mahl am 24. Dezember auch fleisch- bzw. fischlos aus. Nach den traditionellen Linsen gibt es nur vegane Gerichte aus Bohnen, Paprika, Nüssen und Äpfeln. Ähnlich dem hiesigen Bleigiessen zu Silvester werden Nüsse geknackt – deren Inhalt dient als Orakel für das kommende Jahr. Danach übergibt der Älteste am Tisch jedem Brot, in dem jeweils eine Münze eingebacken ist. Nach dem Heiligabend geht es auch in Bulgarien wieder etwas deftiger weiter.
Der kulinarische Höhepunkt der dänischen Weihnacht ist der 23. Dezember: “lillejuleaften”! An diesem Tag trifft sich die Familie zur gefüllten Gans oder auch Ente mit Weisskohl und kandierten Kartoffeln. Ganz besonders ist dann die Nachspeise: “Ris à l’amande”, Milchreis mit gehackten Mandeln, Sahne und Kirschsoße. Allerdings ist in diesem Reistopf auch eine ganze Mandel versteckt. Wer sie entdeckt, erhält ein kleines Geschenk. Getrunken wird das eigens zu diesem Zweck gebraute Weihnachtsbier oder der “Gløgg”. Dieser Verwandte des Glühweins besteht aus Rotwein, Aquavit, Mandeln, Rosinen und Gewürzen – und der hat’s wirklich in sich.
Im Feinschmeckerland Frankreich wird am Heiligabend noch bis zum Abend gearbeitet. Danach allerdings beginnt nach der kirchlichen Abendmesse der Weihnachtsschmaus (“Réveillon”). Nicht immer übrigens zuhause, manche bevorzugen das Restaurant. Dieser Höhepunkt des kullinarischen Weihnachtsfestes kann auch schon mal über mehrere Stunden hinweg andauern. Verspeist wird dabei Truthahn mit Kastanien oder Kapaun mit Pflaumen. Danach kommt mit dem “Buche de Noel” der Weihnachts-Baumkuchen auf den Tisch. Eine uralte französische Tradition, brachte doch früher jeder Gast einen “Baumstamm” mit, damit das Haus des Gastgebers geheizt werden konnte.
Die Griechen, zumindest jene, die es sich nach den finanziellen Achterbahn-Jahren noch leisten können, verbinden das Nützliche mit dem Angenehmen: Gereicht werden zu Heiligabend Kekse bzw. Plätzchen! “Kourabiedes”, ein Gebäck mit griechischen Mandeln und Puderzucker (symbolisiert die Reinheit des Christuskindes). Auch “Melomakarona” (mit einem speziellen Sirup gebackene Kekse) dürfen bei keinem Weihnachtsfest fehlen. Ansonsten ist der Heiligabend kulinarisch eher ruhig, da die Jugend bis in die Nacht hinein von Haus zu Haus zieht und die Botschaft der Geburt Christi verkündet.
Auf den britischen Inseln bringt der Weihnachtsmann die Geschenke ebenfalls in der Nacht auf den 25. Dezember. Er kommt durch den Kamin, die Socken werden deshalb dort aufgehängt. Zu Heiligabend ist nichts besonderes geplant, das Festessen findet am Christtag statt. Serviert wird am festlich geschmückten Tisch meist ein mit Äpfeln und Backpflaumen gefüllter Truthahn oder Hackbraten mit Brot. Danach gibt’s den bekannten Plumpudding, in dem für die Kinder kleine Geschenke versteckt sind. Zwischen den Mahlzeiten sorgen Eierpunsch und Früchtekuchen für die richtige Stimmung.
In Island beginnen die Weihnachtsfeierlichkeiten bereits am 12. Dezember. Da treffen sich die Frauen aus den unterschiedlichsten Familien und backen das “Laufabraud”, das sog. “Schneeflockengebäck” aus Mehl, Milch und Zucker – und den Geheimzutaten, die von Familie zu Familie variieren. Dieses spielt beim Weihnachtsessen neben geräuchertem Lammfleisch „Hangikjöt“ die Hauptrolle. Danach erfreut sich der Gaumen am Milchreis – wie gehabt – mit einer ganzen Mandel im Topf. Getrunken wird auch im hohen Norden Bier: “Malt og Appelsin“ – eine Art Malzbier mit Saft. Würg!
Auf dem apeninnischen Stiefel wird am 25. Dezember gross aufgekocht. “Arrosto di vitello con patate” ein beliebter Braten aus Kalbfleisch mit Kartoffeln. Zuvor gibt’s als “primo piatto” die allseits bekannte Lasagne. In manchen Häusern steht zudem “Cotechino e lenticchie” auf dem Speiseplan. Diese gekochte Salami mit Linsen und Kartoffelpüree bzw. Polenta ist allerdings eher zu Silvester Tradition. Was bei uns die Plätzchen, sind dort die “Tartufolin da Credaro”, frittierte Gnocchi aus Mehl, Eiern, Zucker und Sahne. Leckerschmecker!!! Die Zeit zwischen den Mahlzeiten wird ansonsten auch mit dem “Pandoro”, einem weichen Kuchen ursprünglich aus der Region Venetien oder dem Kuchen mit den kandierten Früchten “Panettone” verkürzt.
In den Niederlanden stehen am Heiligabend (“Kerstmis”) weniger die Geschenke im Mittelpunkt. Das ist vielmehr das Festmahl mit der ganzen Familie. Einmal pro Jahr wird dazu mit den “Gourmetten” eine Art Raclette-Grill aus der Abstellkammer hervorgeholt. Anstatt des holländischen Goudas aber kommen Eier mit Kartoffeln oder Frühlingszwiebeln in die kleinen Pfannen. Dazu werden in der oberen Etage des Grills Fisch und Fleisch gebruzelt.
Richtiggehend erbarmungswürdig sind die polnischen Frauen. Sie sorgen am Heiligabend ab 18.00 Uhr für ein Gänge-Menue. Für ein 12-Gänge-Menue! Dabei steht die Zahl “12″ für die 12 Apostel bzw. die Monate des Jahres. Das lukullische Füllhorn, das hier über die Familie ausgeschüttet wird, ist übrigens komplett fleischlos. Dieses wird durch Fisch und “Barszcz”, einer Suppe aus Rote Beeten oder auch den üblichen Piroggen und Krautgerichten ersetzt. Tagsüber darf übrigens nichts gegessen werden – nur Getränke sind genehmigt. Mei lieber Schorle – 12 Gänge!!! Übrigens liegt unter jedem Teller ein Geldstück, damit man im kommenden Jahr genug davon haben soll. Zudem gibt’s immer ein zusätzliches Gedeck für den Fall, dass ein Bedürftiger vorbeikommt bzw. will man damit der Verstorbenen gedenken.
In Schweden gibt es zwei Haupt-Feiertage: Das Fest der Heiligen Lucia am 13. Dezember (“Lichterfest”) und der Heiligabend. Deshalb wird an diesen beiden Tagen bereits gross aufgetischt. Am Abend vor dem Heiligen Abend, dem sog. “Lillejulafton” wird der Weihnachtsschinken (“Julskinka”) für den nächsten Tag gekocht. Und beim “Smörgåsbord” darf dann am Heiligabend so richtig geschlemmt werden. Das “Julbord” ist eine Art Buffet, bei dem sich jeder bedienen kann: Knäckebrot, Butter, Käse, Kartoffeln, Schinken, Köttbullar, Lachs und Hering aber auch die von Ikea bekannten Fleischklösschen, Rippchen, Rotkraut, Schweinesülze und ein Gratin aus Kartoffelstäbchen und Hering (“Janssons frestelse”). Reispudding, Käse und Brot runden das Ganze dann ab. Das Essen übrigens ist nicht unbedingt das Teuerste des schwedischen Weihnachtsfestes: Bei den Getränken muss der Chef des Hauses meist sehr tief in den Klingelbeutel greifen: Bier, “Glögg” (ein Glühwein mit Mandeln und Beeren, die mit dem Löffel herausgefischt werden) und Schnaps in rauhen Mengen lassen Stimmung aufkommen!
In Spanien wird am Heiligabend (“La Noche Buena”) gross aufgekocht. So steht in den meisten Familien ein Mehr-Gänge-Menü auf dem Speiseplan: Vom Hunger machenden kleinen Häppchen, über ersten und zweiten Gang sowie Nachtisch. Dabei zeigt sich kein Spanier geizig: Schinken, Truthahn, Lamm, Meerbrasse, Glasaal, Austern, Rotkohl uvam. Dazu: Spanischer Rot- oder Weisswein und zum Abschluss Schaum- oder Apfelwein, den auch die Dame des Hauses beruhigt geniessen kann, denn dann hat sie’s hinter sich. Daneben gibt’s die “Ensaïmades”, ein schneckenförmiges Schmalzgebäck mit heisser Schokolade und “Turrón” – ein dem türkischen Honig ähnliches Nougat-Mandel-Gebäck. Süsser die Glocken nie klingen!
Mr. Trump wird wohl zu Heiligabend nicht viel geplant haben, schliesslich wird auch in den USA Weihnachten kulinarisch erst am 25. Dezember gefeiert. Ebenso wie zu Thanksgiving greifen schliesslich die Millers zum Truthahn. Daneben wird den Gästen auch der französische Baumstammkuchen (“Buche de Noel”) und ein oder zwei Punsch gereicht.

Ein frohes und schmackhaftes Fest 2017!!!

Lesetipps:

.) Das Buch vom Essen: Pelmeni und Piroggen, Borschtsch und Bigos & Co; Tatjana Hofmann / Igor Klech; Edition.fotoTAPETA 2011
.) Haus- Feld- Artzney- Koch- Kunst- und Wunder-Buch; Johann Christoph Thieme; Nachdruck der Ausgabe von 1682; Krauss Druck und Verlag
.) Wintertraum und Weihnachtszeit: Rezepte und Ideen für die schönste Jahreszeit; Hrsg.: Wohnen & Garten; Callwey 2017
.) Weihnachten. Bräuche & Rezepte; Autorengruppe; Buchverlag für die Frau 2012
.) Weihnachten – Das Goldene von GU: Kochen und backen für ein glänzendes Fest; Hrsg.: Adriane Andreas / Alessandra Redies; GRÄFE UND UNZER Verlag 2013

Links:

- www.gutekueche.at
- www.steirische-spezialitaeten.at
- www.speisekarte.de
- www.in-australien.com
- www.bulgarien-rezepte.info
- dänisch.de
- www.frankreich-info.de
- www.griechenlandreise-blog.de
- www.grossbritannien.org
- islandrundreisen.net
- guidetoiceland.is
- www.charmingitaly.com
- www.info-polen.com
- hejsweden.com
- www.spain.info
- www.usa-kulinarisch.de

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Vanille kann tödlich sein

Weihnachten steht unmittelbar vor der Türe, viele Kekse oder Plätzchen sind bereits gebacken, einige werden noch folgen. Für die meisten gehören die Vanillekipferln zum Fest wie der Weihnachtsbaum. In Österreich beispielsweise rangieren diese noch vor den Linzer-Augen auf Platz 1 des süssen Weihnachtsbäckerei-Rankings. Doch schauen viele in diesem Jahr durch die Finger, da es keine Vanille mehr am Markt gibt bzw. die wenige, die noch zum Kauf bereit steht, Unmengen von Geld kostet und damit das Backen dieser Köstlichkeit mit der originalen Vanille nahezu unerschwinglich macht. Experten betonen, dass die richtige Vanille derzeit teurer ist als Silber. Wie aber kann das sein? Ein nachwachsendes Gewürz, das wir als Kinder am Liebsten in Kombination mit Eis kannten.
Die Vanille ist eigentlich eine Orchideen-Gattung mit nicht weniger als 110 Unterarten. Die für das Kochen verwendete wird aus fermentierten Schoten (“Kapselfrüchten”) der Gewürzvanille (Vanilia planifolia) gewonnen. Diese Pflanze kommt ursprünglich aus Mittelamerika und hier hauptsächlich aus Mexiko. Die heutigen Hauptanbaugebiete allerdings sind Madagaskar, Reunion und einige andere Inseln im Indischen Ozean. Reunion übrigens hiess früher Île Bourbon – von hier aus startete die Erfolgsreise der Bourbonvanille, die im Regal (wenn noch nicht ausverkauft!) neben der Gewürzvanille steht. Wesentlich weniger verwendet wird die Tahiti-Vanille (Vanilla tahitensis) und die Guadeloupe-Vanille (Vanilla pompona). Alle vier Arten unterscheiden sich im Aroma: Die Bourbonvanille besitzt einen süssen, rumhaltigen Geschmack, die Tahiti-Vanille einen blumigen, die mexikanische einen hölzern-würzigen und die indonesische Vanille einen geräucherten Geschmack. Die Schoten aus Tahiti und Guadeloupe werden bevorzugt für die Herstellung von Duftessenzen wie Parfüms verwendet.
Schon die alten Atzteken wussten den Geschmack der Vanille (“tlilxochitl” = schwarze Blume) zu schätzen – Veracruz am Golf von Mexiko war deren Hauptumschlagplatz. Auch für die später eingetroffenen europäischen Seefahrer und Kolonialisten. Die Sage erzählt, dass Häuptling Montezuma II. dem Eroberer Hernán Cortés ein Getränk aus Kakao und Vanille angeboten haben soll. Der Häuptling selbst soll angeblich bis zu 50 Tassen täglich davon getrunken haben. Die Vanille entwickelte sich in Europa zu einem heiss begehrten Geschmacksverfeinerer. Und der illegale Handel dieser Pflanzen war schon damals sehr gefährlich – in Spanien stand hierauf die Todesstrafe. Erst nachdem Mexiko anno 1810 unabhängig wurde, war der Weg frei – die Niederländer und Franzosen liessen sie in deren Kolonien anbauen. Vorerst erfolglos, da der Bestäuber aus Mexiko fehlte: Der Kolibri bzw. die Melipona-Biene. Also müssen auch heute noch die Pflanzen von Hand bestäubt werden, nach Art des 12-jährigen Plantagensklaven Edmond Albius auf Réunion im Jahr 1841. Anfänglich gefeiert wie ein Held, streute der Chefbotaniker der Inselhauptstadt neidisch das Gerücht, dass der Junge aus Wut über seinen Herren die Blüten zerstören wollte und dabei zufällig bestäubte. Albius wurde erst frei, als Frankreich die Sklaverei abschaffte. Er verstarb völlig verarmt und wurde in einem Massengrab beigesetzt. In der Gemeinde Sainte Suzanne auf Reunion wurde eine Statue mit seinem Antlitz aufgestellt und jährlich das “Fest der Vanille” an seinem Todestag ausgerichtet.

http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/vanille-aus-madagaskar-das-schwarze-gold-100.html

Um Ihnen einen Eindruck der Arbeit zu vermitteln: Ein geübter Vanille-Bauer kann bis zu 1000 Blüten pro Tag bestäuben – das bringt gerade mal 2 kg Schoten. Damit es auch für das normale Volk erschwinglich wurde, entwickelten anno 1874 die deutschen Chemiker Haarmann und Tiemann aus Coniferin einen synthetischen Vanilleersatz: Das Vanillin! Allerdings enthält die natürliche Vanille zusätzlich 50 unterschiedliche Aromastoffe, die in dieser Labor-Vanille nicht produziert werden können. In Österreich wurde beispielsweise der Knoblauch als “Vanille des armen Mannes” bezeichnet. In alten alpenländischen Rezepten steht deshalb sehr häufig Vanille, gemeint ist jedoch Knoblauch.
Die heutigen Hauptanbaugebiete sind Madagaskar (rund 60 % des Vanilleaufkommens) und Indonesien. Vanille wird in Plantagen angebaut. Die Pflanze selbst wächst als Kletterpflanze an Bäumen nach oben. Die Schoten beinhalten die Beeren und erreichen eine Länge von bis zu 30 cm. Sie werden noch gelbgrün, kurz vor der Reife geerntet. Erfolgt die Ernte zu früh, so hat dies enorme negative Auswirkungen auf den Geschmack. Zudem beginnt die Schote zu schimmeln, was ansonsten durch das Vanillin verhindert wird. Dann erfolgt die sog. “Schwarzbräunung”. Beginnend mit dem Blanchieren unter heissem Wasser oder Dampf werden sie anschliessend in Jutetüchern zum Trocknen in die Sonne gelegt oder in luftdichten Behältnissen bis zur Auskristallisierung feiner Glukosenadeln fermentiert. Dadurch schrumpfen die Schoten zu kleinen Vanillestangen, es entsteht der eigentliche Geschmacksstoff, das Vanillin. Schliesslich werden die Stangen gebündelt, in Pergamentpapier eingerollt und in Zinnbehälter gegeben. So gelangen sie nach Europa. Das traditionelle Schwarzbräunen dauert bis zu sechs Monate. In Trocknungsöfen geht es wesentlich rascher, allerdings auf Kosten der Geschmacksunterschiede der Anbaugebiete – sie schmecken danach alle gleich. Aus sechs Kilo grüner Schoten wird ein Kilo echte Vanille. Sie sehen also: Es ist ein sehr aufwendiger Prozess, der durchaus seinen Preis rechtfertigt.
Weshalb aber nun dieser in ungeahnte Höhen steigt, ist einerseits das Ergebnis von Naturgewalten, andererseits auch der Gewinnsucht der Zwischenhändler. Um 12.30 Uhr Ortszeit erreichte am 7. März 2017 der Zyklon “Enawo” Madagaskar. Hierzulande mit wenig Interesse verfolgt, war es v.a. für die Vanille-Anbauregion Sava eine Riesenkatastrophe. Der Wirbelsturm fegte mit 205 Stundenkilometern über die Insel, 81 Menschen starben. Zudem wurden rund 30 % der Vanille-Ernte zerstört. Von dem, was zuvor eine lange Dürrezeit überdauert hatte. 1000 Tonnen (ansonsten sind es rund 1.500) blieben übrig. Nun kommt die Gewinnsucht hinzu: Zwischenhändler kaufen grosse Mengen der Schoten auf. Doch anstatt sie auf den Markt zu werfen, werden diese gelagert, der Preis beobachtet und mit Maximalgewinn dann abgestossen. Belief sich der Preis zu Beginn des Jahrtausends noch auf 140 US-Dollar für das Kilo, so sind es 17 Jahre später schon mal bis zu 600 US-Dollar. Hauptabnehmer aber auch Hauptmanipulateure des hohen Preises sind Konzerne wie Nestlè, Unilever, Coca Cola und Mondelez. So kritisiert die Regierung Madagaskars beispielsweise die Methoden der Firma Symrise, die angeblich einerseits die Bauern zur Frühernte nötigt, andererseits zum Diebstahl und sogar Mord animieren soll, indem sie gestohlene Ware aufkauft. Siehe hierzu den Bericht des Premierministers Olivier Mahafaly Solonandrasana vom Mai 2017. Nestlé betont immer wieder, sich über die Anbaubedingungen vorort kundig zu machen, mit einem Drei-Punkte-Programm die Bauern beim nachhaltigen Anbau unterstützen zu wollen und nur die beste Vanille aufzukaufen. Der Endverbraucher zahlt allerdings nicht nach Gewicht, sondern nach Schote. Umgerechnet würde ihn ansonsten ein Kilogramm zirka 1.330,- € kosten – rund der dreifache Silberpreis!
Diese Preisentwicklung führt zu einem bizarren Anstieg der Kriminalität auf Madagaskar, kann sich doch so manch einer einen kleinen Reichtum damit aufbauen. Die Bauern übernachten sogar auf den Plantagen, damit die Diebe die Schoten nicht direkt von den Bäumen klauen können. Einer der Kleinbauern berichtet, dass er vor allem in der Nacht damit sein Leben riskiert. Hier setzt auch die Studie des dänischen Instituts für investigativen Journalismus, DanWatch, an. Demnach kämpft jeder Bauer auf der Insel gegen Diebstahl und Nötigung. Kredithaie bieten den Bauern Darlehen an, die sie später zwingen, die Ernte weit unter Wert zu verkaufen. Können sie dennoch nicht zurückzahlen, müssen die Kinder Zwangsarbeit in den Plantagen verrichten. All das wird einem niemals bewusst, wenn in der Küche die Schote mit dem Messer aufgeschnitten und ausgekratzt wird, damit die Aromastoffe des Vanillins im Öl und dem Mark an so manchem Gaumen kitzeln können. Verfeinert werden damit zumeist Kakao und Schokolade, aber auch Süssspeisen wie Puddings und Crèmes. Die englische Königin Elisabeth I. soll ganz wild auf derartige Nachspeisen gewesen sein. Aber auch zu weissem Fleisch, Fisch oder Hummer sagt kein Gourmet nein, zur Vanille.

https://www.youtube.com/watch?v=wbMqDskrJv8

Die echte Vanille kann zumeist an den kleinen schwarzen Samen in der Speise erkannt werden – die gelbliche Farbe kommt meist von den vielen verwendeten Eiern. Doch auch hier zeigt sich die Lebensmittelindustrie als sehr ideenreich: Wird Vanillin aus Holz gewonnen, so kann es rechtlich gesehen durchaus als “natürlich” bei den Inhaltsstoffen angeführt werden. Die schwarzen Samen werden nur beigegeben, um den Eindruck echter Vanille aufkommen zu lassen – sie haben zumeist kein Aroma mehr.
In Europa ist es hauptsächlich die Bourbon-Vanille aus Afrika, in den USA und Kanada die mexikanische Vanille, die so manchen Sternekoch begeistert. Coca Cola wollte in den 80er Jahren die teure Vanille durch das synthetische Vanilin ersetzen. Diese Entscheidung trugen aber die Kunden nicht mit, sodass der Versuch abgebrochen werden musste. Heutzutage benötigt das Unternehmen – ähnlich wie Konkurrent Pepsi Cola – rund 40 Tonnen des edlen Gewürzes pro Jahr. Im Vergleich dazu: Die Niederösterreich-Milch (NÖM) braucht neun Tonnen pro Jahr!
Die Vanille aus der Sicht der Heilkunde, Pharmazie und Medizin betrachtet: Sie wirkt potenzsteigernd, entspannend, stoffwechselfördernd, galletreibend, muskelstärkend und vieles mehr. Entsprechend auch ihr Einsatzgebiet: Bei Potenzproblemen, Muskelschwäche, Rheuma, Stimmungsschwankungen und Verdauungsstörungen.
Wenn Sie selbst auf Einkaufstour gehen, dann achten Sie darauf, dass die Schote lederartig elastisch ist. In ausgetrockneten Stangen sind nurmehr wenig Aromastoffe enthalten. Schwarze Schafe versuchen zudem synthetische Vanillinkristalle auf die Schote aufzusprühen. Die natürlichen sind unregelmässig verteilt, die aufgesprühten regelmässig. Lassen Sie sich dadurch nicht hinter’s Licht führen. Oftmals findet auch das Vanillepulver zuhause Anwendung. Dies sind die gemahlenen Samenkörner. Allerdings sind hier nur ganz wenige Aromastoffen enthalten. Bei der “gemahlenen Vanille” hingegen werden auch die Kapselhülsen mitgemahlen, sodass diese Aromen erhalten bleiben.
Die Industrie bevorzugt den Vanille-Extrakt. Er besteht aus bis zu 35 % Ethanol und ist nicht selten mit Zuckersirup gestreckt. Der hochkonzentrierte Extrakt ist unbegrenzt haltbar. Nach Schätzungen enthalten rund 18.000 Produkte ein Vanillearoma. Vom Joghurt (mein Favorit!) über Eis bis hin zu Parfüms und Medikamenten. Allerdings ist dies zumeist im Labor entwickelt worden. Nur rund 1 % dieser aromatischen Produkte kommt tatsächlich aus der Schote.
Experten warnen bereits davor: Der nächste Vanille-Kollaps wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Spätestens wenn der Konsument nicht mehr dazu bereit ist, den Preis für echte Vanille bezahlen zu wollen, wird die Seifenblase platzen. Dann wird der Preis enorm fallen, da zudem die Ware aus den anderen Anbaugebieten (Indien, China) auf dem Markt angekommen ist, um den Ausfall von Madagaskar zu kompensieren. Das sollte frühestens 2019 der Fall sein – dann jedoch wird hoffentlich auch wieder die Ernte in Madagaskar ertragreich sein.

Lesetipps:

.) Wilhelm Haarmann auf den Spuren der Vanille; Björn Bernhard Kuhse; Verlag Jörg Mitzkat 2012
.) Vanille, Gewürz der Göttin; Annemarie Wildeisen; AT Verlag 2001
.) Vanilla planifolia – Echte Vanille (Orchidaceae). Jahrbuch des Bochumer Botanischen Vereins. Bd. 5; Veit Martin Dörken/Annette Höggemeier 2014
.) Gewürze – Acht kulturhistorische Kostbarkeiten; Elisabeth Vaupel; Deutsches Museum 2002
.) Vanille – Die schwarze Königin; Katja Chmelik; Geschichte 2007
.) Vanilla: Travels in Search of the Luscious Substance; Tim Ecott; . Penguin Books 2004
.) Encyclopédie Biologique. Band XLVI; Hrsg: Gilbert Bouriquet; Paul Lechevalier 1954

Links:

- www.mondevanille.com
- www.vanille-reunion.fr
- www.vanillacampaign.com
- www.ziaf.uni-frankfurt.de
- www.lafaza.com
- www.hachmann-vanilla.de
- www.kotanyi.at
- www.symrise.com
- madecasse.com
- www.heilkraeuter.de
- www.gesundheit.gv.at
- www.lebensbaum.com
- vanille-und-co.eu
- tropicos.org

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GroKo – das Damoklesschwert Deutschlands

“Erst das Land, dann die Partei.”
(Willy Brandt)

Deutschland hat gewählt – und die Volksvertreter sind unfähig, eine Regierung zu bilden. Einige Stimmen werden nun meinen: “Na, besser als in Österreich!” Nun, sei’s drum: Jedem Volk die Regierung, die es verdient hat!
Dabei hat das Wort “polītik” bei den Erfindern der Demokratie, den Griechen, die Bedeutung: “Kunst der Staatsverwaltung”. Offenbar ist die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als Naturwissenschaftlerin zu wenig künstlerisch begabt. Allerdings muss erwähnt werden, dass während dieser Jamaika-Verhandlungen besonders zwei Politiker Rückgrat bewiesen haben und keinen Zentimeter von ihrem Wahlprogramm abgerückt sind: Christian Lindner von der FDP und Horst Seehofer von der CSU. Doch hätte allen vorher klar sein müssen: Eine Koalition (in diesem Falle sogar mit vier Protagonisten) erfordert einen gewaltigen Batzen an Diplomatie im Sinne von Verhandlungsgeschick, verbunden damit auch dem Machen von Eingeständnissen. Doch zeigten diese Sondierungsgespräche vornehmlich eines auf: Die Zeiten, als Politiker das Land regierten, sind schon längst passé. Heute geht es nurmehr um die Durchsetzung von Interessen der unterschiedlichsten Geldgeber-Verbände. Die Lobbyisten lassen die Marionetten tanzen – meines Erachtens übrigens perfekt in der ZDF-Serie “Die Lobbyistin” in Szene gesetzt. Doch dies war vor einigen Monaten schon mal Inhalt meiner Betrachtungen.
Jetzt steuert die Bundesrepublik erneut auf das zu, was nicht nur das Wählervolk enttäuschte, sondern auch dessen Vertreter im Bundestag lautstark aufschreien liess: Eine grosse Koalition! Die Wahlen waren also ein zu schwacher Schuss vor den Bug, die Populisten werden noch mehr Oberwasser gewinnen. Ich für meinen Teil hätte eine Minderheits-Regierung vorgezogen, bei der jeweils ein Ministerposten an die für dieses entsprechende Ressort passenden und fähigsten Leute der FDP und Grünen vergeben worden wären. Auch viele Experten sehen hier einen Vorteil: Der Parlamentarismus würde eindeutig gestärkt. Schliesslich muss die Regierung bei jeder Gesetzesvorlage quer Beet Stimmen sammeln. Gesetze würden mehr unter die Lupe genommen und diskutiert. Das also, was damals im alten Athen und Rom die Demokratie prägte. Bislang wurde dies einfach gegen die Opposition durchgeboxt. Denn: Jede GroKo lähmt!!!
Die SPD hat einen Status erreicht, der sie eigentlich vernünftigerweise zum Schritt in die zweite Reihe zwingen sollte, um sich dadurch zu resetten und selbst aufzufangen, damit ein Neuaufbau ermöglicht wird. Ausserdem würden die Genossen wohl sehr an Glaubwürdigkeit verlieren.
GroKo – Die Österreicher können ein Lied davon singen. Wie häufig waren dort die Worte “Es reicht!” zu vernehmen?
Anschliessend nun einige Beispiele von grossen Koalitionen, die zwar auch ihren Vorteil hatten (wichtige Reformen konnten schneller durchgeführt werden), insgesamt gesehen jedoch einen Schritt zurück bedeuteten.
Bereits in der Weimarer Repiblik wurden die Regierungen Stresemann I und II sowie Müller II durch eine GroKo ermöglicht. Damals noch durch die Parteien SPD, DVP, DDP und DNVP in den unterschiedlichsten Verhältnissen. Eine solche GroKo zwischen der SPD und dem Zentrum hätte in den 30er Jahren womöglich den Aufstieg Hitlers verhindern können. Doch haben sich diese geweigert – der lachende Dritte war die NSDAP.
In den Ländern sind derartige grosse Koalitionen schon lange an der Tagesordnung. In nicht weniger als 12 von 16 Bundesländern wurden GroKo-Regierungen geführt. Derzeit bestehen noch in Baden Württemberg (Bündnis 90/Die Grünen und CDU) sowie im Saarland (CDU/SPD) derartige Verbindungen. In der Bundespolitik war die GroKo erstmals 1962 im Anschluss an die Spiegel-Affäre ein Thema. Konrad Adenauer erwartete sich damals, dass er nach dem Scheitern der Koalition mit der FDP durch die SPD als Kanzler akzeptiert würde. Diese Regierung kam aber schliesslich doch nicht zustande. Am 01. Dezember 1966 jedoch war es so weit. Kurt Georg Kiesinger hatte bei der CDU Ludwig Erhard abgelöst und wurde Kanzler. Die Position des Vizekanzlers und Aussenministers bekleidete damals Willy Brandt von der SPD. Es war eine “Vernunftehe”, die bis zur nächsten Bundestagswahl im Jahre 1969 einige wichtige Reformen auf den Weg brachte, wie etwa das Ankurbeln der Wirtschaft und die Eindämmung der Staatsschulden, vornehmlich übrigens der Verdienst von Karl Schiller und Franz Josef Strauss.
Die nächste GroKo kam aufgrund ähnlicher Stimmenverhältnisse wie derzeit zustande. Weder schwarz-gelb noch rot-grün hatten eine absolute Mehrheit. Also unterzeichneten Angela Merkel und Franz Müntefering am 22. November 2005 den Koalitionsvertrag. Müntefering wurde später durch Kurt Beck ersetzt. Diese Regierung nutzte die Übermacht im Plenum zur Anhebung der Umsatzsteuer auf 19 % um einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Hinzu kam die Föderalismusreform und das erste Atommüll-Endlager für leichte und mittelstarke radioaktive Abfälle. .
2013 verfehlte die CDU/CSU knapp die absolute Mehrheit. Die Sondierung mit dem Bündnis 90/Die Grünen brachte kein Ergebnis, der bisherige Koalitionspartner der CDU/CSU, die FDP, erlitt eine Wahlschlappe ohne Gleichen und schied aus dem Bundestag aus. Auf der anderen Seite lehnte die SPD eine rot-rot-grüne Koalition ab – es kam erneut zu einer grossen Koalition im Kabinett Merkel III. Die Entscheidung lag auf beiden Seiten bei den Mitgliedern der Parteien.
Im Alpenstaat Österreich hingegen regierte nach Ende des Zweiten Weltkriegs grossteils eine grosse Koalition. Nur in den Jahren 1966 bis 1987 und 2000 bis 2007 gab es Alleinregierungen (etwa unter Bruno Kreisky) oder Koalitionen mit der FPÖ. Dort hatten diese Bündnisse zumeist auch die Zweidrittelmehrheit, sodass Verfassungsgesetze im Alleingang beschlossen werden konnten. Auch in den Bundesländern des Alpenstaates sind grosse Koalitionen an der Tagesordnung. Die letzte derartige Verbindung auf Bundesebene allerdings führte zu einer Rotation der Parteiobleute und zum völligen Kollaps, wodurch Neuwahlen erforderlich wurden. So mancher Kritiker sprach hier von “Sandkastenspiele” der Protagonisten bzw. “Schönheitswettkämpfe der Pfauen”. Verantwortlich dabei waren vornehmlich die unterschiedlichen Interessen der Bünde innerhalb der Volkspartei (Wirtschaftsbund, Arbeiter- und Angestelltenbund, Bauernbund etc.).
Etwas anders ist die Lage in der Schweiz. Hier besteht eine sog. “Konkordanzregierung”. Soll heissen, dass sich die Regierung aus Vertretern aller grossen Parteien zusammensetzt. Dort kann es also durchaus vorkommen, dass eine Parlamentsfraktion in der Regierung ist, gleichzeitig aber der Opposition angehört.

http://www.ardmediathek.de/tv/Hart-aber-fair/Zwangsheirat-mit-Angela-ist-die-gro%C3%9Fe-/Das-Erste/Video?bcastId=561146&documentId=47919052

Auch in vielen anderen Staaten, wie Italien, Bulgarien, Island usw. hatten grosse Koalitionen die Regierungsgeschicke in Händen.
Der grösste Nachteil dieser grossen Koalition hingegen zeigte sich bei den letzten Wahlen in Deutschland und auch in Österreich. Die Unzufriedenheit im Wählervolk führte zu eklatanten Zugewinnen bei der AfD bzw. der FPÖ. Als populistische Parteien führten diese keine sachliche Oppositions- sondern Stammtischpolitik. In Deutschland stürzte die SPD nahezu im freien Fall ab (20,5 % – das schlechteste Ergebnis seit dem 2. Weltkrieg). Wird es nun zu einer Neuauflage der GroKo im Kabinett Merkel IV kommen, so könnte dies das Aus für die Sozialdemokraten zugunsten der AfD bedeuten. Die Bezeichnung “Volkspartei” musste sie wohl bereits abgeben. Zu wenig konnte in der letzten Legislaturperiode gepunktet werden – zu mächtig war die Stellung der Union. Einzig der Mindestlohn wurde der SPD zuerkannt – für die anderen Errungenschaften holte stets Angela Merkel den Trumpf aus der Hand. Bei der Rente mit 63 anstelle 67 wird sich sicherlich noch etwas ändern. Auch in Österreich wollte der Quereinsteiger als Parteiobmann der SPÖ, Christian Kern, in die Opposition. Erst als er die Felle davonschwimmen sah, betonte er, dass eine grosse Koalition nicht ganz ausgeschlossen werden sollte. Auch hier zeigte sich dieses Problem des kleinen Bruders allerdings unter anderen Vorzeichen. Dabei musste sich der schwarze Vizekanzler nicht nur gegenüber des Bundeskanzlers, sondern auch gegenüber der parteiinternen Bünde behaupten. Daran scheiterten ab Wilhelm Molterer alle nachfolgenden ÖVP-Parteiobmänner.
Der grosse Unterschied zwischen Deutschland und Österreich liegt im Konsens. Während die Alleinregierungen in Deutschland sehr viel zum heutigen wirtschaftlichen und sozialen Status beitrugen, da die Parteien im Sinne des zu Anfang stehenden Satzes von Willy Brandt agierten, setzte der Alpenstaat zumeist auf einen solchen Konsens und dadurch auf halbe Lösungen. Einzig die Ära Kreisky brachte prägende sozialdemokratische Akzente zwischen dem Burgenland und Vorarlberg. Sowohl bei den deutschen als auch den österreichischen Genossen sollte man sich raschest möglich Gedanken zur Zukunft machen – sozialdemokratische Gedanken als grosse Alternative zu den christdemokratischen Lösungsansätzen. Schliesslich geht es künftig um ehemalige sozialdemokratische Kernkompetenzen (Arbeiterschaft, Renten, Europa, Energie,…). Zu sehen beispielsweise bei den Massenkündigungen bzw. Werksschliessungen bei General Electrics, Osram und nicht zuletzt Siemens. Erst dann wird die Partei wieder wählbar sein und den Titel der “Volkspartei” zurecht tragen. Ansonsten werden die Populisten die Oberhand gewinnen. Jene übrigens, die in Österreich bereits Regierungsbeteiligung hatten und wesentlich mehr kaputt als richtig machten (Euro-Fighter, BUWOG, …).

Lesetipps:

.) Die Große Koalition – Regierung – Politik – Parteien 2005-2009; Hrsg: Sebastian Bukow / Wenke Seemann; VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010
.) Die zweite Große Koalition – Eine Bilanz der Regierung Merkel 2005-2009; Hrsg.: Christoph Egle / Reimut Zohlnhöfer; VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010
.) Die Große Koalition von 1966 bis 1969 – Koalitionsbildung und informelles Regieren; Daniel Stelzer; GRIN Verlag 2007
.) Die Große Koalition unter Hermann Müller (1928 1930); Josef A. Schmid; GRIN Verlag 2008
.) Reichtumsförderung statt Armutsbekämpfung: Eine sozial- und steuerpolitische Halbzeitbilanz der Großen Koalition; Christoph Butterwegge; Springer VS 2015
.) Friedrich und die Grosse Koalition: Ein Abriss für den Tag und die Stunde; Thomas Mann; Klett-Cotta 1990
.) Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient! Warum die große Koalition keine großen Ziele verfolgt; Hugo Müller-Vogg; Murmann Verlag GmbH 2014
.) Die Innenpolitik der Außenpolitik – Die Große Koalition, „Governmental Politics“ und Auslandseinsätze der Bundeswehr; Klaus Brummer; VS Verlag für Sozialwissenschaften 2013
.) Zeitenwende: Die SPÖ-FPÖ-Koalition 1983-1987. in der historischen Analyse, aus der Sicht der politischen Akteure und in Karikaturen von Ironimus …; Robert Kriechbaumer; Böhlau Wien 2008

Links:

- www.bundestag.de
- www.spd.de
- www.cdu.de
- www.parlament.gv.at
- spoe.at
- www.oevp.at
- www.jura.fu-berlin.de
- www.steuerzahler.de

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Der grösste Batzen vom Gehalt

Als ich vor kurzem in einer DPA-Meldung die Schlagzeile las “Mittelschicht von Obdachlosigkeit bedroht”, dachte ich zuerst an die Börsenspekulationen der Kleinen. Doch weit gefehlt: Es geht um’s Wohnen! Die Mietpreise in Deutschland und Österreich sind in den letzten Jahren dermassen in die Höhe geschossen wie seit lang, langer Zeit nicht mehr. Wer wird sich in Zukunft noch ein Wohnen auf Miete leisten können???
Während immer mehr Menschen in die Städte drängen (Landflucht) und dort der Platz langsam eng wird, stehen viele Häuser am Land leer. Oder Bürgermeister locken junge Paare mit niedrigen Grundstückpreisen, damit die Kommune nicht überaltert und zur Geisterstadt wird. Das Wohnen am Land ist nach wie vor leistbar, doch nehmen nur wenige das tägliche Pendeln in die Stadt in Kauf. In Ballungsräumen hingegen bedeutet der viel zu hohe Mietzins für die meisten ein finanzielles Fiasko. Nicht selten muss das soziale Netz mit einem Wohnzuschuss unter die Arme greifen, da bei vielen so gut wie nichts mehr vom Gehalt für das Leben übrig bleibt. Bei erschreckend vielen bleibt nach dem Abzug der Miete vom Gehalt weniger übrig als der Hartz IV-Satz (1,3 Mio Haushalte zwischen Flensburg und Oberstdorf!). Die Humboldt-Universität Berlin brachte es auf den Punkt: Eine Studie (77 Städte mit mehr als 100.000 Einwohner) ergab, dass vier von zehn Haushalte rund 30 % des Netto-Einkommens nur für die Miete aufbringen müssen.
Die Vermieter hingegen können es sich leisten, da die Nachfrage eklatant gross ist und auch weiterhin steigen wird. Von der gross angekündigten Mietpreisbremse also keine Spur! Aus einer im Grunde guten Idee wurde eine Lachsalve (für all jene, denen das Lachen noch nicht vergangen ist). Zudem prüfen die deutschen Bundesverfassungsrichter, ob diese überhaupt grundgesetz-konform ist.
Für all jene, die das Wort “Mietpreisbremse” heute vielleicht zum ersten Mal lesen sollten, folgend eine kurze Einführung in ein sehr komplexes Thema. Dieses Gesetz (“Gesetz zur Dämpfung des Mietanstiegs auf angespannten Wohnungsmärkten”) trat am 01. Juni 2015 in deutschen Landen in Kraft. Es sollte eigentlich die Mietpreise regional deckeln, damit nicht das geschieht, was derzeit gang und gebe ist: Ein rapides Ansteigen der Mieten ohne ersichtlichen Grund – nur aufgrund der Nachfrage. Um dies zu veranschaulichen: In den teuersten Städten der Bundesrepublik (Berlin, Dresden, Frankfurt/Main, Leipzig und München) zogen Preisaufschläge von 20 bis vereinzelt sogar 45 % bei der Netto-Kaltmiete den zurecht ungehinderten Groll der Mieter auf sich. Durch die Bremse können nun die Bundesländer regulierend eingreifen, indem in besonders teuren Gebieten die Mieten gedeckelt werden. Soll heissen, dass der Mietpreis bei der Erstellung eines neuen Mietvertrages maximal zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen darf. Die Vergleichsmiete wird durch die unterschiedlichsten Mietspiegel lokal anhand der Parameter Bevolkerungswachstum, Leerstandsquote, Mietentwicklung und Mietbelastung errechnet. Die Länder legen diese Gebiete selbst fest – die Bremse gilt für jeweils die kommenden fünf Jahre. Berlin beispielsweise hat sie sofort zum Inkrafttretungsdatum des Gesetzes umgelegt. Nach und nach folgten weitere Bundesländer bis auf Sachsen, Sachsen-Anhalt, Saarland und Mecklenburg-Vorpommern. Dort sah man offenber bislang noch keinen wirklichen Bedarf der gesetzlichen Regulierung, obgleich Dresden und Leipzig im Schnelllauf nach oben galoppieren. Soweit so gut zu den neuen Mietverträgen. Bestehende Mietverträge werden seit dem 01. Mai 2013 insofern geregelt, als in ebenfalls eigens ausgewählten Gebieten der Mietpreis innerhalb von drei Jahren um maximal 15 % bzw. mancherorts 20 % steigen darf (“Kappungsgrenze”).
Eigentlich sind von der Mietpreisbremse alle in diesen Gebieten betroffen, doch halten sich die meisten gar nicht daran. Offizielle Ausnahmen sind neu errichtete bzw. umfassend modernisierte Häuser (mindestens ein Drittel der Kosten eines Neubaus) und bereits bestehende Miethöhen. Schliesslich will der Gesetzgeber nicht den Wohnbau stoppen, doch lohnt sich ein solcher oder eine Modernisierung mit anschliessender Vermietung erst ab 10,- €/Quadratmeter (netto/kalt). Zum Vergleich: In Berlin-Neukölln liegt der Quadratmeterpreis bei 4,- €. Bei Modernisierungen übrigens können 11 % der Kosten pro Jahr auf den Mieter abgewälzt werden – Mietpreisbremse hin oder her! Auch im Nachhinein – bis zu drei Jahre zurück.
Ein solcher qualifizierter Mietspiegel wird durch die Kommune alle vier Jahre erstellt und muss zumindest für zwei Jahre an den Markt angepasst sein. Einsehbar ist dieser beim Wohnungs- oder Sozialamt der Gemeinde. Dem gegenüber steht der einfache Mietspiegel, eine Schätzung, die von Experten vorort vorgenommen wird.
Bevor ich aber nun noch mehr in’s Detail gehe: Die meisten Vermieter finden eine Lücke um diese Mietpreisbremse umgehen zu können. Der Mieter kann, sobald er hier eine ungesetzliche Unregelmässigkeit feststellt, die zu viel verlangte Miete zurückbehalten. Jedoch sollte dem eine gute Beratung mit Experten vorausgehen. Dann folgt eine qualifizierte Rüge des Vermieters, in welcher er seine übermässigen Forderungen rechtfertigen muss und danach, ja danach folgt zumeist ein jahrelanger Rechtsstreit. Das wollen sich viele Mieter nicht antun, da sie glücklich darüber sind, überhaupt eine Wohnung erhalten zu haben. Zudem benötigen sie den Mietpreis des Vormieters. Der Vermieter muss diesen grundsätzlich nennen, viele machen es dennoch nicht.
Ist noch ein Makler involviert, so müssen dessen Vermittlungsgebühren vom “Besteller” übernommen werden, das ist in der Regel der Vermieter. Konsultiert der Wohnungssuchende selbst einen Makler, so endet dies wohl vor Gericht, da ja der Vermieter zuvor bereits mit dem Makler einen Vertrag ausgearbeitet hat.
Diese Mietpreisbremse soll also ursprünglich vor Wucher schützen. Doch hilft sie nicht etwa den kleinen Mindestlohnbeziehern, sondern vielmehr den ohnehin schon finanziell gut gestellten Mietern, günstigere Quadratmeterpreise für das Penthouse oder die Villa zu erhalten. Während der Mieterbund eine engere Schnürung der Bremse fordert, möchte sie der Vermieterbund am liebsten abgeschafft sehen. Auch hier ein kleines Beispiel: Eine Altbau-Wohnung ist aufgrund Ablebens des Mieters freigeworden. Er selbst zahlte vielleicht ein Appel und ‘n Ei dafür. Nun wird renoviert! Im neuen Mietvertrag wird dies mit einem Mehrfachen der bisherigen Miete zu Buche stehen. Anderes Beispiel: Viele Plattenbauten in Berlin-Marzahn wurden inzwischen aufwendig modernisiert. Aus dem Vorzeige-Projekt der SED in Sachen billiger Wohnraum wurde nun eine gute Geldanlage mit ordentlichen Renditen!
Wohnraum in Grossstädten ist schon längst nicht mehr leistbar, für Rentner, Alleinerzieher, Mindestlohnempfänger. Inzwischen betrifft dies auch den an sich gut situierten Mittelstand. Familien, in welchen Vater und Mutter einer Beschäftigung nachgehen.
Bei den sozial unteren Schichten wurde dies bislang durch den sozialen Wohnbau abgefedert. Doch ebenso wie etwa in Österreich die BUWOG-Wohnungen für staatlich Angestellte oder Bedienstete im Staats- oder Landesdienst werden auch in Deutschland immer mehr Sozialwohnungen durch den bisherigen Träger wie Land oder Bund an private Immobilienkapitalisten verkauft. In Bayern betraf dies etwa zehntausende Wohnungen aus dem bisherigen Besitz der Bayrischen Landesbank. Dort werden nun sukzessive die Mieten angehoben, bis sie den regionalen Stand erreicht haben. Das können sich aber viele der dort lebenden Menschen nicht mehr leisten. Sie suchen um Wohnzuschuss an oder bewerben sich für geförderte Wohnungen. In München beispielsweise werden heuer über 28.000 Anträge für geförderte Wohnungen eingereicht – frei wurden allerdings nur 3.900. Der soziale Wohnbau wird massivst zurückgefahren – die Städte verkümmern alsdann mit Hilfe der Regierungen immer mehr zur Spielwiese der Reichen – auch der ausländischen Investoren.
Ähnliches Bild in Österreich. In der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck etwa liegt der Quadratmeterpreis bei nicht weniger als 12,2 – 16,- € im Median (mittlerer Wert der Angebotspreise). Damit ist das Wohnen am Goldenen Dachl unter Umständen sogar teurer als im Nobelschiort Kitzbühel (14,- €/qm). Danach folgen Wien (14,90 €/qm) und Salzburg (14,40 €/qm). Experten sprechen von einem Rekordanstieg. Im Vergleich dazu die günstigste Landeshauptstadt Eisenstadt (Burgenland): 9,96 €/qm. Allerdings sind alle Zahlen im Gegensatz zu Deutschland Warmmieten. Alle zwei bis drei Jahre werden zudem die Richtwerte entsprechend des Verbraucherpreisindexes erhöht. Zuletzt war dies am 1. April des Jahres der Fall: +3,5%! Ferner kann der Vermieter Zuschläge verlangen. Diese betreffen

den Erhaltungszustand des Hauses,
die Ausstattung der Wohnung,
die Lage der Wohnung innerhalb des Hauses und
die Wohnumgebung des Hauses

3,7 Millionen Haushalte gibt es zwischen Neusiedler- und Bodensee. In etwa 40 Prozent sind Hauptmietwohnungen. Gesetzlich greift hierbei das Richtwertmietensystem, das jedoch schon 2004 als mieterfeindlich durch die Arbeiterkammer eingestuft wurde. Schliesslich ist der Vermieter nicht gesetzlich gezwungen, die Faktoren für die Berechnung des Mietpreises bekannt zu geben. Zuschläge können jederzeit zum Richtwert hinzugegeben werden.
Diese teuersten Städte sind jeweils Uni-Städte, die vierte Stadt Dornbirn (Vorarlberg) besitzt eine Fachhochschule. Studenten treffen derartige Preise besonders hart. Deshalb empfehlen Experten WGs einzurichten. Andere schlafen in ihrem Auto oder dem der Eltern. In Deutschland sind durchschnittlich rund 10,- €/qm an Miete zu entrichten (in München sogar 18,40 €/qm) nettokalt. In Innsbruck und Salzburg ist die Anzahl der Numerus Clausus-Flüchtlinge aus Deutschland besonders hoch – stets zu Semesterbeginn steigen deshalb dort die Wohnungspreise. Ich selbst absolvierte meine ersten Studienjahre in Innsbruck in einem Studentenheim. Heute sind für einen solchen Platz sehr gute Beziehungen, die Quote oder eine lange Ausdauer erforderlich. So kommen etwa in Berlin nicht weniger als 5.400 Anwärter auf einen Heimplatz – deutschlandweit liegt die Quote bei 10 %.
Abgesehen von den Studenten vermerkten die Eigentumswohnungen in Österreich die grössten Anstiege: Beinahe bis zu 50 % seit 2008 – Spitzenreiter ist Bregenz (Vorarlberg) mit 49,3 %. Im Schnitt kostet hier der Quadratmeter 3.140,- € (Innsbruck im Vergleich: 3.800,-/qm) . Ein stolzer Preis für einen Durchschnittsverdiener. “Leistbares Wohnen” – ein Slogan, den sich alle vor kurzem zur Nationalratswahl angetretenen Parteien auf die Banner schrieben: Es darf herzhaft gelacht werden.
Zuletzt noch ein interessanter Vergleich mit dem Big Apple, New York: Die durchschnittliche Monatsmiete für ein Appartement in Manhattan liegt bei rund 3.627,- € (4.081,- US-Dollar). Keine Luxus-Wohnung! Die Nachfrage ist enorm – Vergünstigungen gibt es in gerade mal weniger als 1 %. Mit 3.252,- $ ist Brooklyn um einiges günstiger. Wesentlich teurer hingegen sind Soho und Tribexa mit beinahe 4.000,- US-Dollar. Für eine Zweizimmerwohnung! Vier Zimmer kosten mit 9.000,- US-Dollar mehr als das Doppelte.

Lesetipps:

.) Konsequenzen der Energieeinsparverordnung auf den Mietpreis von Immobilien; Maike Dunayski; Universität Hamburg 2013
.) Mietnebenkosten von A-Z; Dr. Klaus Lützenkirchen; Beck im dtv 2014
.) Miete und Mieterhöhung inkl. Arbeitshilfen; Birgit Noack / Martina Westner; Haufe-Lexware 2012

Links:

- www.miet-check.de
- www.immowelt.de
- www.konsument.at
- www.hu-berlin.de
- de.statista.com
- news.immowelt.at
- www.immobilienscout24.at
- www.immosuchmaschine.at
- www.wohnpreis.de

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