Archive for Februar, 2018

Erst wenn der letzte Baum gefällt…

Sofern Sie ein regelmässiger Leser dieses Blogs sind, wissen Sie, dass ich ein strikter Gegner von grossflächigen Abholzungen bin. Wald bedeutet Lebensraum, Naherholung und Sauerstoffproduktion. Er beeinflusst das Mikro-Klima, dient als Wasserspeicher und zeigt dem Menschen immer wieder auf, wie die Natur funktionieren könnte, wenn man sie nur machen lässt. So habe ich bereits über die Radikal-Abholzung des Regenwaldes im brasilianischen Amazonasgebiet und in Indonesien, aber auch in Australien durch gewinnsüchtige Unternehmer geschrieben. Immer wieder kommt es nun in diesen brachliegenden Gebieten zu Naturkatastrophen (Überschwemmungen, Murenabgänge, Flächenbrände, …). Dies vorher-zusagen bedarf es keines allumfassenden Wissens, das lernen schon unsere Kinder in der Schule. Dennoch verhallen die Warnungen immer wieder ohne gehört zu werden. In Kolumbien fallen derzeit die Kokabauern wie die Berserker im Amazonas-Regenwald ein. Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hat angekündigt, grosse Teile der Nationalparks freizugeben und auch bei mir um’s Eck schlägt die Kettensäge alles um, was sich ihr in den Weg stellt. Hier wird dies gerechtfertigt mit den durch den Schlauchpilz befallenen kranken Eschen (siehe hierzu mein Blog im September des Vorjahres) und der Verjüngung des Waldes. Dass dieser Pilz aber auch Nadelbäume, Ahorn und Birken anfällt, ist mir zumindest nicht bekannt. Und – wie soll sich ein Wald nach einem Kahlschlag verjüngen, wenn keine Wiederaufforstung erfolgt??? § 13 des Forstgesetzes (übrigens ein Bundesgesetz in Österreich) sieht eine Wiederaufforstungspflicht vor. Zudem dürfen nach § 80 “unreife Bestände” nicht kahlgeschlagen werden. Und schliesslich sieht § 82 ff eine Bewilligungspflicht bei Kahlhieben > 0,5 ha vor – in Deutschland ist Kahlhieb ab einem Hektar verboten!
In Kanada spielt sich aber derzeit eine Tragödie ohne gleichen ab: Im Westen werden die Küstenregenwälder (sog. “Primärwälder”) radikal zur Holznutzung abgeholzt! Bis zu 1000 Jahre alte Zedern – in wenigen Minuten umgesägt! Und in Alberta kommt seit einigen Jahren die Gewinnung von Erdöl aus Ölsand hinzu (bis 2020 bis zu 3 Mio Barrel pro Tag)!!! Das Land ist übrigens bereits 2011 aus dem internationalen Klimaabkommen ausgetreten. Die CO2-Emissionen wurden seit 1990 um 30 % erhöht – inzwischen ist das Land in direkter Richtung auf die Top 5 der Klimakiller unterwegs!

https://www.youtube.com/watch?v=fiku7BMXVno

Kanada ist nach Russland der flächenmässig zweitgrösste Staat dieser Erde. Bei einer Fläche von knapp 9,9 Mio km² beläuft sich der Waldanteil auf rund 40 %. Ob in den arktischen Randzonen mit nur schütterem Baum-Bewuchs, den grossen Laubwaldgebieten im Osten bis hin zu den Regenwäldern entlang der pazifischen Küste. Bei einer Bevölkerungsdichte von 3,3 Einwohner auf den km² sollte auch für den Menschen genügend Platz zum Leben übrig sein. Der grösste Anteil dieser Wälder ist als sog. “crown land” in öffentlicher Hand. In etwa 3/4 wird dabei von den Provinzen verwaltet. Diese verkaufen nun Einschlagsberechtigungen (“timber sales”) an die Holzindustrie, mit teils erheblichen Auflagen, wie etwa der Wiederbeforstung.
Die Wälder sind landesweit in 15 terrestrische Ökozonen gegliedert. Die grösste Waldfläche befindet sich in den borealen Waldregionen mit v.a. Nadelbäumen (Fichten) und Aspen. Danach folgt der Laubwaldbestand rund um die grossen Seen und dem St. Lorenz-Strom, die subalpine Waldregion und die Bergwaldregion.
Die Kanadier achteten bislang auf ihre Wälder: So besitzt das Land den grössten Anteil an sog. “Large intact forest landscapes”, also Waldgebieten, die noch nie eine Axt sahen. In den klimatisch gemässigteren Zonen, wie den fünf östlichen Provinzen, fiel dieser Wald allerdings bereits der Zivilisation zum Opfer. Die nutzbare Waldfläche (“stocked forest land”) liegt bei 89 %, der Holzvorrat hier bei 27,5 Milliarden m³ – das sind fast 110 m³ pro Hektar. Drei Viertel als Nadel- (vornehmlich Fichten und Kiefern), ein Viertel als Laubholz (Aspen bzw. Pappeln und Birken). Der für Kanada so charakteristische Ahorn spielt dabei mit 3 % des Gesamtvorrates eine nur untergeordnete Rolle. Gigantische Zahlen! Betrachtet man allerdings die Geschwindigkeit mit der sich die Waldkillermaschinen in den Regenwäldern einschneiden, so sind auch diese Zahlen im relativen Bereich anzusiedeln. Während im Osten die geringsten Durchschnittsvorräte zu finden sind (weit unter 100 m³ pro Hektar), so sind die Wälder im Westen mit über 200 m³ wesentlich reicher. Jene Wälder entlang des Columbia-Flusses bzw. v.a. entlang der Pazifikküste werden gar mit 450 m³ pro Hektar ausgewiesen. Das bedeutet somit eine der biomassereichsten Regionen dieser Erde. Aber auch die artenreichste: Rund 140.000 unterschiedliche Arten von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen sind hier zuhause.

https://www.nfb.ca/film/battle_for_the_trees/

Der Stein des Anstosses nun sind die sog. “tree farm licences”, die alternativ zu den Einschlägerungsberechtigungen erworben werden können. Pachtverträge, die in der Regel über 25 Jahre abgeschlossen werden und privaten Unternehmen alle Nutzungsrechte des Kronlandes in dieser Zeit zusichern. Zu einem recht niedrigen Pachtzins. Die Gegner dieser Praxis befürchten – ähnlich der Wassernutzung in den USA – den Ausverkauf der kanadischen Wälder an profitorientierte Grossunternehmen. Obgleich die Einschlägerungen überwacht werden, besitzt die Holzindustrie einen sehr grossen politischen Einfluss – immerhin ist sie einer der grössten Arbeitgeber Kanadas (jeder 10. Arbeitsplatz) – 20 % der Exportvolumens ist hölzern. Ganze Landstriche mit mehr als 60 ha Waldfläche werden dem Erdboden gleichgemacht. Die Folgen auch hier: Erosion der Brachflächen und verschlammte Flüsse. Fairerweise sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Holzindustrie für grosse Teile der Infrastruktur verantwortlich ist. Immer wieder entstehen rund um Sägewerke kleine Dörfer; Schulen und Krankenhäuser werden aus den Pachteinnahmen finanziert. Dies führt allerdings zu einer immer grösser werdenden Abhängigkeit der Provinzen von diesen Unternehmen. Die Holzindustrie selbst betont, dass auf diesen Kahlflächen immer wieder Aufforstung betrieben werde. Mag durchaus korrekt sein, allerdings finden hierfür Pflanzen Verwendung, die nicht heimisch sind: Norwegische Fichte, Europäische Weisstanne, sibirische und japanische Kiefer und nicht zuletzt die Hybrid-Pappel. Im Vergleich zum gerodeten Gehölz wachsen diese Baumarten wesentlich schneller, sodass nach bereits 30 bis 40 Jahren der nächste Einschlag gemacht werden kann. Dabei wird vermehrt auch auf gentechnisch veränderte Züchtungen zurückgegriffen, die gegen Schädlinge resistent sind. Das aber ist ganz und gar nicht im Sinne der Ökologie. Schlussendlich verändert sich das komplette Leben – die pflanzlichen Ureinwohner und mit diesen auch die unterschiedlichsten Insekten dieser Regionen werden immer mehr in’s Aus vertrieben. In Deutschland spricht man in diesem Zusammenhang von “Holzäckern”. Und das treibt die Umweltschützer auf den Ahorn: Sie versuchen der Bevölkerung klar zu machen, dass Erholung nicht nur in den Nationalparks und damit den geschützten Zonen stattfinden kann, sondern dass ein Krafttanken auch in jedem anderen Wald möglich ist. Allerdings muss dieser dafür gesund sein, leben und möglichst vielen Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause bieten. Monokulturen wie Fichtenforste verhindern dies. Die wenigen alternativen Waldnutzungsformen mit indigenen Einwohnern sind dabei ein Tropfen auf einen heissen Stein! Dies gleicht etwa einem langen Strassenzug in Ihrer Stadt, in dem nur ein einziger Grundstücksinhaber noch Naturrasen und nicht künstlichen Spielerasen im Garten hegt und pflegt.

https://www.youtube.com/watch?v=myswymKsSPw

Und Alberta? Dort, wo einst dichte Urwälder standen, regiert der kontaminierte Schlamm in Kraterlandschaften! In sog. “Tallings Ponds” (Abwasserseen) wird die giftige Brühe abgepumpt – pro Barrel Öl rund 650 l! Tiere trinken das verseuchte Wasser, Millionen Liter versickern in den Boden. 149.000 Quadratkilometer Wald sind bereits oder werden noch geschlägert – diese Fläche ist in etwa so gross wie England! Doch die Natur schlägt zurück: 2016 suchte eine bislang nie gekannte Trockenheit den Bundesstaat heim. Brände zerstörten grosse Teile der übrig gebliebenen Wälder. Zigtausende Menschen mussten evakuiert werden. Anstatt des versprochenen Reichtums haben viele unter ihnen alles verloren.
Wenn nun lobenswerterweise manche Menschen auf Tropenholz (wie etwa Teak) verzichten und bei anderen Anbietern einkaufen, so wird meist dennoch nicht umweltbewusst gehandelt, da diese Produzenten schlichtweg auf die grossen Waldgebiete Sibiriens und Kanadas ausweichen. So gewährleisten beispielsweise die beiden Siegel “Aqua pro Natura” und “Weltpark Tropenwald”, dass das angebotene Papier nicht aus Tropenholz hergestellt und chlorfrei gebleicht wird. Dass hingegen ebenso profitgeile Wirtschaftsunternehmen wie in den Tropen dahinterstecken, das wird nicht garantiert. Und zum Chlor: Die meisten Papiersorten werden inzwischen chlorfrei gebleicht! Die Webseite www.abenteuer-regenwald.de bezeichnet deshalb die Siegel als irreführend, damit gekennzeichnete Produkte als nicht empfehlenswert. Freiwillige Zertifizierungen wie das “Forest Stewardship” oder jenes des “Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes” hingegen sind zu bevorzugen!
Ganze Wälder, die Jahrhunderte zum Wachsen benötigten, werden zum Zwecke der Papierherstellung abgeholzt. Das landet dann auf irgendeinem Schreibtisch, wird auf einer Seite beschrieben und vielleicht gar noch im Müll entsorgt – nicht beim Recycling. Die Forscher der University of Maryland rund um Matthew Hansen haben ausgerechnet, dass innerhalb nur eines Jahrhunderts rund 1,5 Millionen Quadratkilometer Wald geschlägert, gerodet oder abgebrannt wurden. Alleine in den Tropen verschwinden pro Jahr rund 2.101 km². Klar – auch ich heize im Winter mit Holz. Zuletzt mit Buchen – als nächstes höchstwahrscheinlich mit Eschen. Kranke Bäume, die deshalb gefällt wurden. Dafür allerdings wachsen auf meinem Grundstück noch Bäume und Sträucher. Alsdann gehe ich zurückhaltend mit dem Papierverbrauch um, verwende wo es möglich ist Recycling-Papier und führe das von mir verwendet Papier der Wiederverwertung zu. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Papier liegt in Deutschland bei nicht weniger als 235 kg pro Jahr – davon 30 kg in Form von Werbeflyern (Zahlen: WWF). Wir alle sollten mit dem Rohstofflieferanten Wald achtsamer umgehen. Schliesslich produziert er den Sauerstoff, den wir zum Atmen brauchen. Er filtert das Regenwasser, das als Trinkwasser bis in unsere Küchen und Bäder fliesst. Der Wald schützt vor Lawinen und Murenabgängen. Er spendet Schatten und sorgt somit dafür, dass sich der Boden nicht zu stark aufheizt. Und er bindet Kohlenstoff, der ansonsten als Treibhausgas Kohlendioxid verantwortlich für die Klimaerwärmung ist. Eine nachhaltige Holzwirtschaft ist möglich! Das zeigen Regionen wie das schweizerische Emmental, der Biosphärenpark im Grossen Walsertal in Österreich und der Naturpark Schwarzwald bzw. Bayerischer Wald in deutschen Landen. Wiederaufgeforsteter Wald , sog. “Sekundärwald”, ersetzt den Urwald niemals, da zuvor bereits viele Lebensräume von Pflanzen und Tieren zerstört wurden und die Freilegung von Kohlenstoff enorme Ausmaße erreicht hat. Monokulturen sind noch fataler. Ein Urwald kann sich wieder regenerieren, doch braucht er dazu Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte!

Wieso geht’s immer nur gegen die Natur, nur ganz selten mit der Natur!? Wir haben nur eine davon!!!

PS: Illegaler Holzeinschlag und der Handel mit derartigem Holz ist verboten und wird durch Interpol und die Vereinten Nationen (UNEP) verfolgt – meist jedoch erfolglos!

Lesetipps:

.) Aus hartem Holz; Annie Proulx; Luchterhand Literaturverlag 2017
.) Deforesting the earth – from prehistory to global crisis; Michael Williams; Univ. of Chicago Press 2003
.) The Value of Forest Ecosystems (= CBD Technical Series. no. 4); Secretariat of the Convention on Biological Diversity; SCBD 2001
.) Die Wälder der Erde; J. Herkendell, J. Pretzsch (Hrsg.); Beck 1995
.) Forstliche Vegetationskunde; Anton Fischer; Blackwell 1995
.) Echoes from the Poisoned Well: Global Memories of Environmental Injustice; Sylvia Hood Washington / Heather Goodall / Paul Rosier (Hrsg.); Lexington Books 2006
.) Kanada: Ein Länderporträt; Marcus Funck; Ch. Links Verlag 2012
.) Kanada von innen: Der Westen und Yukon Territory; 1. November 2009
von Joy Fraser
.) Am Ende der Wildnis: Umweltaktivist oder Ökoterrorist? Die wahre Geschichte vom Verschwinden des Grant Hadwin; John Vaillant; Karl Blessing Verlag 2012

Links:

- www.canada.ca
- www.nrcan.gc.ca
- www.globalforestwatch.ca
- www.forestresearch.ca
- www.nrcan.gc.ca
- www.un.org/esa/forests
- www.vws.org
- www.dgvn.de
- www.ipcc.ch
- www.greenpeace.de
- wwf.de
- www.raincoast.org
- www.regenwald.org
- www.thuenen.de
- www.bergwaldprojekt.ch
- www.klimafitterwald.at
- www.waldundklima.net
- www.waldwissen.net
- www.iley.de
- www.proholz.at
- www.syncrude.ca

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Lebensgefährlich für die Retter

Gleich zu Beginn möchte ich – um etwaigen Missverständnissen vorweg zu kommen – betonen, dass der Mensch diesen Planeten schon genug zerstört hat. Somit sind alle Massnahmen, die den Umwelt-Kollaps vermeiden helfen, zu befürworten. Dazu gehört auch die vermehrte Nutzung von elektrischer Energie – sofern sie denn nicht von Kohlekraftwerken hergestellt wird.
Als der Handy-Hersteller Samsung das Galaxy Note 7 auf den Markt brachte, veranstalteten die Verantwortlichen wahre Jubelgesänge. Schliesslich war es das leistungsstärkste Handy, das der Konzern jemals erzeugte – ein kleiner PC für die Hand. Da allerdings niemand gerne ein Kilogramm Gewicht beim Telefonieren an’s Ohr stemmen möchte, musste alles kleiner und feiner gemacht werden – auch der darin enthaltene Lithium-Ionen-Akku. Und das wurde nicht berücksichtigt: Gerade beim Aufladen (muss ja alles immer schneller gehen), war dieser Energiespeicher Extremverhältnissen ausgesetzt, die nicht spurlos an ihm vorbeimarschierten. Hunderte Akkus verschmorten beim Aufladen, andere auch ohne Einwirkungen von selbst. In zwei Fällen war höchste Gefahr angesagt: So geriet ein Smartphone im Flugzeug in Brand. Gottlob stand der Flieger noch am Boden. In einem anderen Fall lag das qualmende Handy auf dem Nachttisch – der Besitzer erwachte, als der komplette Raum bereits verraucht war. Samsung musste daraufhin 2,5 Millionen Handies zurückrufen. Lithium wird zumeist aus Salzseen in Südamerika gewonnen. Es ist das leichteste feste Element, kommt fast ausschliesslich in Salzverbindungen vor und ist unheimlich reaktionsfreudig. Bei der Herstellung von Lithium-Ionen-Akkus wird das Ausgangsmaterial oxidiert. Je flacher nun dieser Akku ist, desto grösser ist auch die Gefahr, dass bei der Herstellung ein Fehler geschieht, da im Zehntelmillimeterbereich gearbeitet wird. Bereits geringe Verunreinigungen reichen aus um einen Kurzschluss hervorzurufen. Und – gerät ein solcher Akku in Brand, so kann dieser nicht mehr gestoppt werden. Die Experten der Feuerwehr raten deshalb, das Gerät in einen Kochtopf zu packen, diesen sofort in’s Freie zu bringen und das Ganze abbrennen zu lassen. Es besteht nämlich zudem Explosionsgefahr! Nun werden Sie auch verstehen, dass eingeschaltete Handies im Flugzeug ein absolutes No-Go sind. Auch Sony machte vor rund 12 Jahren schlechte Erfahrungen mit Laptop-Akkus.

https://youtu.be/dYq75w9WBJM

Diese Gefahren lauern inzwischen immer mehr auch auf den Fahrradwegen und Strassen. E-Bikes und E-Cars! Nun sollten sich Mann und Frau nicht unbedingt Sorgen machen, wenn sie mit ihrem E-Bike eine Tour unternehmen. Problematisch wird’s in diesem Falle erst dann, wenn die Akkus kleiner und leistungsfähiger gemacht werden, damit dadurch eine längere Reichweite oder weniger häufige Ladevorgänge ermöglicht werden. Trotzdem sind E-Bikes in Flugzeugen verboten. Sollten Sie also einen Radurlaub auf Mallorca planen, müssen Sie sich ein solches vorort ausleihen. Auch darf der Akku nicht mit Wasser oder sonstiger Nässe in Verbindung kommen – hier besteht die Gefahr eines Kurzschlusses. Führen Sie Ihr E-Bike auf dem Gepäck- oder Fahrradträger am Auto mit, so ist es empfehlenswert, zuvor den Akku zu entfernen. Und im Winter lagern Sie das Bike oder zumindest den Akku am besten im frostfreien Keller, denn auch extreme Hitze oder Kälte ist nicht gut für diese Energiespender. So kann Kälte beispielsweise eine sog. “Tiefenentladung” hervorrufen. Beim Ladevorgang besteht alsdann Explosionsgefahr. Apropos aufladen: Verwenden Sie zum Laden des Bike-Akkus immer die vom Hersteller mitgelieferten oder empfohlenen Ladegeräte und gehen Sie stets nach Gebrauchsanleitung vor, da der Akku ansonsten überladen werden könnte – auch hier besteht Explosionsgefahr.
Die grösste Gefahr jedoch besteht bei einem Unfall mit einem E-Car. Wird ein Akku beschädigt, kann er in Brand geraten oder gar explodieren. Deshalb sollten Akkus entsorgt werden, wenn sie auf den Boden gefallen sind. Ausserdem sind die Hochvoltnetze dieser Fahrzeuge für die Retter lebensgefährlich. Sie weisen eine Spannung von 350 bis 700 Volt auf – ein derartiger Stromschlag kann tödlich sein. Spezielle Schulungen sorgen dafür, dass Feuerwehrleute einen solchen Fahrzeugbrand bekämpfen oder technische Hilfe leisten können. Deshalb gestaltete sich auch der Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr von Bruchsal am 28. November 2016 derart schwierig. Ein Tesla Modell S ist mit hoher Geschwindigkeit auf der A5 in eine Baustellenabsperrung gerast. Der schwerverletzte Lenker konnte sich selbst aus dem Fahrzeug retten. Die Feuerwehr hingegen musste sich bei Tesla Amerika telefonisch kundig machen, ob die Hochvoltanlage noch in Betrieb ist bzw. wie das Problem gelöst werden könne. Die Amerikaner stellten den Kontakt zur Tesla-Niederlassung Frankfurt her. Dort wurde betont, dass auch beim grundlosen Auslösen eines Airbags die Hochvoltanlage sofort von den Batterien gelöst wird, damit das Fahrzeug spannungsfrei ist. Allerdings müsse das Fahrzeug wegen der Brandgefahr der Akkus im Freien gelagert werden. Die grösste Gefahr geht bei Hybridfahrzeugen von ausgelaufenem Benzin aus, das mit defekten Batterien reagieren kann.
Auch Ersthelfer müssen sich hierüber im Klaren sein, dass die Karosserie eines verunfallten E-Cars evt. unter Spannung stehen kann und extreme Brand- bzw. Explosionsgefahr besteht. Erste Hilfe ist für jedermann Pflicht – ansonsten macht man sich strafbar und gefährdet Menschenleben. Allerdings kann von niemandem verlangt werden, dass er dabei sein eigenes Leben auf’s Spiel setzt. So gehen auch Atemschutztrupps der Feuerwehr nur dann in ein brennendes Haus, wenn für sie die Gefahr nicht zu gross ist. Ist man sich als Ersteingetroffener am Unfallort nicht sicher, muss bei der Notfallmeldung sofort erwähnt werden, was das für ein Auto ist und ob es mit einem Zusatz wie “E” auf dem Nummernschild (in Deutschland) oder einem grünen Kennzeichen (in Österreich) bzw. einem anderen Hinweis bei der Typenbezeichnung gekennzeichnet ist! Der ADAC verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass normalerweise bei allen Hybrid- oder Elektroautos die Sicherheitsvorkehrungen im Auto verhindern, dass dieses nach einem Unfall unter Spannung steht. Eine dieser Vorkehrungen ist beispielsweise, dass das Bordnetz von der Hochvoltanlage getrennt funktioniert. Während das 12-Volt-Bordnetz ebenso wie bei Verbrennungs-Autos für elektrische Funktionen wie Lampen, Scheibenwischer, Heizung etc. zuständig ist, sorgt die Hochvoltanlage für den Antrieb. Derartige Leitungen sind stets orange! Bei dieser liegt die Masse nicht auf der Karosserie, weiss auch der TÜV. Dies verhindert, dass diese unter Spannung gesetzt wird. Dennoch gilt stets: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!
Wie bei dem Unfall auf der A5 mit dem verunglückten Tesla bereits erwähnt wurde, ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass diese Hochvoltanlage beim Auslösen eines Airbags vom Netz geht, also von der Batterie gelöst wird. Zudem sollten Schmelzsicherungen in den Batterien garantieren, dass bei einem Kurzschluss kein weiterer Strom geliefert wird.
BMW schreibt, dass inzwischen weitaus mehr als 100.000 i-Modelle ausgeliefert wurden. Es sei noch kein einziger Fall bekannt, bei dem es durch einen Stromfluss zu Schädigungen von Insassen, Rettungskräften, Ersthelfern oder Passanten gekommen ist. Dennoch werden Feuerwehrleute für derartige technischen Einsätze speziell ausgebildet. Dies beginnt etwa beim Lesen der Rettungsdatenblätter, die online für jeden Fahrzeugtyp abgerufen werden können. Hier sind die Sicherheitsvorkehrungen und Handlungsanweisungen enthalten, wie ein elektrisches Antriebssystem deaktiviert werden kann, sollten erstere versagt haben. Das ist unter Umständen dann der Fall, wenn das Fahrzeug aufgrund des Unfalles stark deformiert ist und beispielsweise Hochvoltteile herausgerissen wurden.
Dennoch warnen Hersteller, die Autofahrerklubs und der TÜV: Ein Elektrofahrzeug ist nichts für Bastler! So werden die Pannenfahrer des ADAC und ÖAMTC eigens darüber geschult, wo sie hingreifen dürfen und wie man Unfallautos stromlos macht. Beim BMW i3 etwa kann im Frontkofferraum der Minusleiter der Batterie gekappt und der orange Stecker der Hochvolt-Rettungsstelle entriegelt werden. Im Tesla gibt es einen Notfallkabelsatz, der doppelt durchtrennt werden muss. Dies alles sollte allerdings nur jemand erledigen, der sich auch damit auskennt. Ansonsten – wie auch in den Rettungskarten zu lesen – muss stets davon ausgegangen werden, dass das Fahrzeug weiterhin unter Spannung steht.
Nächstes Problem ist das Abschleppen! Das Fahrzeug, das beispielsweise wegen Leistungsmangel liegen geblieben ist, wird grundsätzlich zur Gänze auf einen LKW geladen. Es darf nicht über die Achse geschleppt werden, da hierdurch eine Spannung aufgebaut wird, die in das Hochvoltsystem eingespeist werden könnte. So steht etwa im Rettungshandbuch des BMW i3, dass ein E-Auto nur in Schrittgeschwindigkeit und nicht weiter als 500 m geschoben werden darf. Deshalb muss ein Unfallfahrzeug zudem vor dem Wegrollen gesichert werden. Für den Tesla gilt ausserdem, dass er nur an vier dafür vorgesehenen Hebepunkten angehoben werden darf, da ansonsten die unter der Bodenplatte montierte Hochspannungsbatterie beschädigt werden könnte, die ansonsten bei Fahrzeugen, die ab dem März 2014 produziert wurden, durch Titan gegen auf der Strasse liegende Gegenstände “gepanzert” ist.
Besonders schwierig allerdings wird ein Unfall dann, wenn die Feuerwehr sägen muss um etwa Verletzte zu bergen oder das Fahrzeug stromtod zu machen, da beispielsweise der Frontkofferraum durch den Unfall blockiert wird. Hier gibt es im Tesla nur eine Stelle, wo mit der 12-Zoll-Kreissäge angesetzt werden kann.

https://www.focus.de/auto/videos/crash-rettung-im-bmw-i3-wenn-das-karbon-splittert-unerwartete-gefahren-bei-elektroauto-rettung_id_4060793.html

Ein in Brand stehendes E-Fahrzeug muss ebenso durch die Feuerwehr gelöscht werden. Nach Angaben der Prüfgesellschaft Dekra ist zwar die rasche Ausbreitung der Flammen weniger gefährlich als bei Vergaser-Fahrzeugen, bei welchen Treibstoff ausfliessen kann. Dennoch besteht immer wieder Explosionsgefahr. Gefährlich wird’s v.a. dann, wenn weisser Rauch aus dem Motorraum aufsteigt: Dann brennt zumindest eine der Batterien! Nun können Temperaturen von bis zu 1.200 Grad Celsius entstehen; die Abgase reagieren mit Flüssigkeit zu Flusssäure. Zudem können sich die Batterien auch nach erfolgter Brandbekämpfung erneut selbst entzünden. So geriet im letzten Sommer die Feuerwehr im schweizerischen Ermensee in Not. Ein Tesla stand nach einem Unfall in Vollbrand. Aufgrund der giftigen Gase war die Löschung nur mit schwerem Atemschutz möglich.
Beim Löschangriff übrigens zählt nicht das Wissen zur Bekämpfung eines Autobrandes. Vielmehr müssen die Richtlinien zur Brandbekämpfung elektrischer Anlagen eingehalten werden (beispielsweise die Abstände nach DIN VDE 0132). Zudem ist besonders viel Wasser und stets Atemschutz vonnöten. Der Hersteller Tesla betont in seinen Rettungskarten, dass eine Löschung schon mal bis zu 24 Stunden andauern kann. In Indianapolis krachte im Herbst 2016 ein Tesla mit überhöhter Geschwindigkeit gegen ein Baum. Augenzeugen berichten von einer Explosion, bei der Fahrzeugteile meterweise weggeschleudert wurden. Beide Insassen kamen um’s Leben. Anlass genug für zwei Appelle der Feuerwehren:
.) Die Besitzer dieser E-Autos sollten bedenken, dass diese anders zu fahren sind als Autos mit Verbrennungsmotoren
.) Die Hersteller müssen darauf gedrängt werden, die Hochspannung führenden Kabel einheitlich in der Karosserie zu verlegen. Müssen Verletzte herausgeschnitten werden, ist es allzu leicht möglich, dass mit der Säge oder der Bergeschere eines der Kabel durchtrennt wird. Ein tödlicher Stromschlag wäre für den Feuerwehrmann die Folge.

https://www.youtube.com/watch?v=A4kNwFIAUok

In Österreich waren zum Stand 31. Juli 2017 nach Angaben der Statistik Austria nicht weniger als 12.348 E-Autos zugelassen. Tendenz stark steigend, da es im Alpenstaat im Vergleich zur restlichen EU die meisten Neuzulassungen gibt. In deutschen Landen sind bereits über 300.000 Stromer unterwegs. Damit einher geht die Anzahl der Unfälle mit Hybrid- oder E-Autos. In der Schweiz beispielsweise verunfallten im Jahr 2016 nicht weniger als 250 dieser Fahrzeuge. Dies wird – wie etwa auch bei der Berufsfeuerwehr Wien – mit laufenden Schulungen berücksichtigt. Gleiches gilt übrigens auch für Gas- und Wasserstoffautos, die ebenfalls ein grosses Gefahrenpotential bei Unfällen darstellen.

https://www.youtube.com/watch?v=XQelhFzK3Po

Dennoch raten die Hersteller und Befürworter der E-Autos zur Ruhe und Besonnenheit. Ist es zu einem Unfall gekommen und das Auto selbst brennt nicht, so sollten alle Insassen zuerst prüfen, ob sie irgendwo eingeklemmt sind. Wenn ja sollte sich der Verunfallte möglichst nicht selbst befreien, da dies Verletzungen noch schlimmer machen kann. Durch leichte Kopfbewegungen sollte auch auf Taubheit oder Schmerzen geprüft werden. Danach muss die Zündung ausgeschaltet werden. Heraushängende Kabel dürfen niemals berührt werden. Schliesslich muss das Fahrzeug verlassen und in gebührendem Abstand auf das Eintreffen der Rettungskräfte gewartet werden. Diese müssen als erstes darüber informiert werden, dass es sich um ein Hybrid- bzw. E-Mobil handelt.
Für Passanten gilt – wie bei anderen Unfällen auch: Die Unfallstelle zuerst absichern. Dann die Notrufnummer 112 wählen und den genauen Standort, Art des Unfalles und die Situation durchgeben. Das Fahrzeug sollte nach Möglichkeit nicht berührt (Achtung auch auf Lichtbögen!), Insassen an trockenen Kleidungsteilen herausgeholt werden. Solange das Fahrzeug nicht brennt, sollten keine Befreiungsversuche unternommen werden. Stark blutende Wunden allerdings müssen sofort verbunden werden, ebenso wie Notfallmassnahmen bei nichtansprechbaren Verletzten sofort durchgeführt werden müssen.
Ist das Fahrzeug in einem Fluss, Bach oder See gelandet, so gilt: Es ist bis zu einem Meter Tiefe für rund 60 Minuten wasserdicht. Für die Chemiker unter Ihnen: Knallgas (Elektrolyse-Reaktion) bildet sich erst, wenn das Auto für mehrere Tage im Süsswasser bzw. mehrere Stunden im Salzwasser liegt.
Ein Feuerwehrmann brachte es auf den Punkt: Jedes Auto ist bei einem Unfall gefährlich – egal ob Benziner oder Stromer. Sind bestimmte Massnahmen bekannt und werden im Notfall berücksichtigt, so steht einer möglichst sauberen E-Mobilität nichts im Wege!!!

Lesetipps:

.) Elektroautos – Deutschlands Zukunft?; Andreas Schröder; Independently published 2017
.) Wer kriegt die Kurve?: Zeitenwende in der Autoindustrie, Ferdinand Dudenhöffer; Campus Verlag 2016
.) Das Elektroauto – Mobilität im Umbruch; Marcus Keichel / Oliver Schwedes (Hrsg.); Springer 2013
.) Antriebe von Elektroautos in der Praxis; Robert Schoblick; Franzis Verlag 2013
.) Elektroauto – Wir reden nicht! Wir fahren schon!: Kleiner Radgeber zum Thema Elektroauto. Aus der Praxis! Für Ihre zukünftige Praxis; Marco Lorey; epubli 2015
.) Mein erstes Elektroauto: Praktischer Ratgeber für Einsteiger; Ernst Luthmann; Books on Demand 2017
.) Volk ohne Wagen: Streitschrift für eine neue Mobilität Stephan Rammler; FISCHER Taschenbuch 2017
.) Elektromobilität: Grundlagen und Praxis; Anton Karle; Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2016
.) Der Megatrend “Elektroauto”; Marius Dannenberg / Jamil Assadi; Kassel University Press 2011
.) Das Elektroauto: Bilder für eine zukünftige Mobilität Stephan Rammler (Hrsg.); LIT 2011


Links:

- www.opel-rescuecard.com/
- www.tesla.com/de_DE/firstresponders
- www.dekratechnologycenter.de/de/unfallforschung
- www.fahrzeugsicherheit-berlin.de
- www.technische-hilfeleistung.info
- www.retter.tv
- www.elektroauto-news.net
- elektroauto-tipp.de
- ecomento.de
- www.ff-michelhausen.at
- www.ifz-berlin.de
- www.stadt-zuerich.ch/pd/de/index/schutz_u_rettung_zuerich/fachschule_rettungsberufe.html
- www.lfs-bw.de
- www.ifs-ev.org
- www.ekas.ch
- www.nhtsa.gov
- www.sew-eurodrive.de
- www.vlotte.at
- www.autoumweltliste.ch
- www.wbzu.de

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Affen – bessere Menschen???

So mancher Zeitgenosse lässt keinen Zweifel darüber aufkommen: Der Mensch stammt vom Affen ab! Doch hat sich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht, ob das nun ein Lob oder gar eine Beleidigung für die Affen ist? Ist der Mensch vielleicht ein “Schimpanse mit schwacher Behaarung und aufrechtem Gang”, wie es der US-amerikanische Physiologe Jared Diamend einst formulierte??? Herzlich willkommen zu einer anthropologisch-philosophischen Reise der etwas anderen Art!
Mensch und Affe haben dieselben Vorfahren – auch wenn uns die Bibel etwas anderes lehrt. Es waren vermutlich Baumbewohner, nur der Mensch und die Dscheladas haben sich im Laufe der Jahrtausende zu Bodenbewohnern entwickelt. Alle anderen bevorzugen nach wie vor zu grossen Teilen die Bäume als natürliches Lebensumfeld. Ob allerdings der Mensch tatsächlich vom Affen abstammt – darüber ist sich die Wissenschaft nicht wirklich einig. Fakt ist, dass beides Säugetiere sind. Zudem gehören beide in die Ordnung der “Primaten”. In der Unterordnung der “Trockennasenprimaten” (Haplorrhini) finden sich nun auch die Menschenaffen und der Mensch wieder. Für die Ordnung der Primaten wird manches Mal auch der Begriff “Herrentiere” verwendet. Dies leitet sich vom lateinischen “primus” (der Erste) ab und sieht den Menschen als “Krone der Schöpfung”. Dabei hätten beinahe die tierischen Unterordnungskollegen diesen Ausdruck eher verdient. Anstatt dessen werden sie in Glasboxen gesteckt und ohne Sinn und Zweck mit Dieselabgasen vergast. Ein mehr als schändliches Kapitel der Zivilisation, das eines Menschen in keinster Weise würdig ist! Weder ethisch noch im Sinne der christlichen Religion.

https://www.youtube.com/watch?v=zLx5keq3R_o

Vor rund sechs Millionen Jahren teilte sich die Entwicklung von Mensch und Affe. In vielerlei Hinsicht gleichen sich beide allerdings nach wie vor sehr stark – v.a. Mensch und Menschenaffe. So hat der Biologe Robert Martin insgesamt neun Merkamle ausfindig gemacht, welche die menschenähnlichen Primaten von den anderen Säugetieren unterscheiden:
- Hände, die zum Greifen gemacht wurden
- Finger und Zehennägel – keine Krallen
- Fingerabdrücke
- Der Schwerpunkt des Körpers liegt mehr auf den hineren Gliedmaßen – zur Fortbewegung dienen deshalb vornehmlich die Hinterbeine
- Die olfaktorische Wahrnehmung (Geruchssinn) ist unspezialisiert und reduziert
- Die visuelle Wahrnehmung ist hingegen durch die grossen, nach vorne gerichteten Augen hochspezialisiert
- Der “Wurf” beschränkt sich auf zumeist ein, selten mehrere Nachkommen, dafür aber dauern die Schwangerschaft und Stillphase länger
- Das Gehirn ist relativ gross und weist einige Besonderheiten auf
- Die Zahnanordnung ist anders (meist nur zwei bis drei Schneidezähne und einen Eckzahn pro Kieferhälfte)
- Spezielle anatomische Besonderheiten
Was vornehmlich bei den Feuchtnasenprimaten beobachtet werden kann, dass die Männchen nicht selten doppelt so schwer wie die Weibchen sind, tja – das gibt es durchaus auch beim Menschen!!! Zudem ist ferner beim Menschen das Fell geschlechtsspezifisch unterschiedlich!!!
Allerdings beschränkt sich der Lebensraum der Affen vornehmlich auf die tropischen und subtropischen Gebiete Afrikas, Asiens und Südamerikas, die immer mehr vom Menschen zunichte gemacht werden. In Europa ist nur eine Affenart freilebend vorzufinden, doch wurde der Berberaffe auf Gibraltar höchstwahrscheinlich vom Menschen eingeschleppt.
Keinerlei Unterschiede gibt es im Sozialverhalten. Einzelgänger sind – vielleicht mit Ausnahme der Orang-Utans – sehr selten. Für das Zusammenleben suchen sich die Männchen meist Weibchen aus der unmittelbaren Nachbarschaft oder aus überlappenden Territorien aus – beim Menschen etwa am Arbeitsplatz. Auffallend bei den Schimpansen ist, dass jenes Männchen die besten Chancen hat, das öfter das Futter teilt, krault und kuschelt – die Softies! Bei den Gorillas leben die Weibchen zumeist in Harems, bei den Orang Utans schnappt sich das Männchen einfach die Dame seiner Wahl. Parallelen zum Menschen? Während die Gibbons langjährige monogame Beziehungen pflegen, ist dies weder bei anderen Affenarten noch beim Menschen der Fall. So ergab beispielsweise eine landesweit durchgeführte Befragung eines bayerischen Radiosenders, dass 40 % der Schwaben schon mal zumindest einen Seitensprung gemacht haben – landesweit lag die Quote bei immer noch hohen 29 %! Auch das mit der Rangordnung und den Machtkämpfen ist sowohl dort als auch da anzutreffen. Vor allem die Schimpansen sind ausgezeichnete Networker. Wie beim Menschen gibt es auch unter ihnen zweckgebundene Freundschaften, die recht gut funktionieren.
In der Ernährung nähert sich der Mensch immer mehr wieder dem Affen an: Blätter, Früchte und Insekten! Schimpansen und Paviane allerdings jagen auch kleinere Wirbeltiere oder Spinnen. Weder Mensch noch Affe können das lebensnotwendige Vitamin C selbst produzieren – es muss mit der Nahrung aufgenommen werden. Bei der Nahrungsbeschaffung konnten Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Anthropologie aus Leipzig beobachten, dass Affen perfekt zusammenarbeiten, sich die Nahrung teilen und dabei weitaus fairer agieren als etwa der Mensch mit seinem Futterneid.
Lassen Sie uns das Kapitel “Intelligenz” etwas detaillierter begutachten – auch wenn sich hier so mancher Affenforscher nicht wirklich mit den Thesen seiner Kollegen einverstanden erklärt – ist ja beim Menschen nicht anders. Fakt ist aber, dass Menschenaffen bei sehr vielen Intelligenztests besser als die Krone der Schöpfung abschneiden. Sie denken ganz offensichtlich über Probleme nach und verwenden zu deren Lösung auch Werkzeuge, wie Steine zum Knacken von Nüssen. Nicht jeder Jugendliche unter den Menschen kann das von sich behaupten – aber auch viele andere werfen sehr rasch die Flinte in’s Korn. Menschenaffen sind zudem Weltmeister im Nachahmen von Verhaltensmustern. Hier teilen sich allerdings die Ansichten der Wissenschaftler, da viele bezweifeln, dass sie den kausalen Zusammenhang dieses Tuns auch verstehen. Gleiches ist jeden Tag auf der Spielwiese der Grossen zu bemerken – sei es am Arbeitsplatz oder beim Abtanzen bzw. Chillen. Ob nun derjenige, der die Anmache eines anderen verwendet, den Hintergrund verstanden hat oder nur sog. “Assoziationslernen” anwendet, ist wohl durch den Spruch “Hey, das funktioniert ja wirklich!” am ehesten zu veranschaulichen. Jugendliche beginnen mit dem Rauchen, weil sie es bei anderen gesehen haben, die schlechthin als cool gelten!
Am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig wurde in Sachen “Werkzeug-Intelligenz” eine recht interessante Forschungsreihe durchgeführt. Bei mehreren Aufgabenstellungen wurden jeweils Schimpansen, Orang Utans und zweijährige Kinder miteinander verglichen. So lautete beispielsweise eine der Aufgaben: Durch ein Gitter hindurch soll mittels eines Werkzeuges eine Belohnung geholt werden. Dabei handelt es sich aber nicht um “learning by doing”, sondern um einen “schöpferischen Akt” (Wolfgang Köhler), also das kurze Innehalten zum Erkennen des Problems und das anschliessende Arbeiten an der Problemlösung. Anleitung für das Holen der Leckerlis gab es freilich keine. Das Ergebnis überraschte die Wissenschaftler: 74 % der Schimpansen freuten sich über die Belohnung, 38 % der Orang-Utans ebenso – aber nur 23 % der Kinder! In einer anderen Test-Anordnung hatten die Wissenschaftler hinter einem Hütchen ein Objekt versteckt und sie deuteten mit dem Finger drauf. Während von den Affen zwei Drittel mit dem Hinweis etwas anfangen konnten, kamen über 90 % der Kinder auf die Lösung.
Bei einem anderen Test von Tetsuro Matsuzawa von der Universität in Kyoto/Japan wurden Zahlen von 1 bis 9 in unterschiedlicher Reihenfolge gezeigt. Danach mussten Schimpansen und Studenten an Touchscreens die richtige Reihenfolge der Zahlen wiederholen. Erstaunlich, dass die jungen Tiere den menschlichen Versuchspersonen haushoch überlegen waren, auch wenn die Zahlen nur für 210 Millisekunden zu sehen waren. Bei den erwachsenen Tieren hingegen überwiegte das Gegenteil. Deshalb kamen die Forscher zu dem Resume, dass junge Affen ein fotographisches Gedächtnis besitzen müssen, das allerdings mit zunehmendem Alter schlechter wird. Die Sieger dieser Versuchsanordnung bekamen übrigens Münzen. Mit diesen konnten sie an einen Automaten gehen und sich etwas ziehen – Bananen, Feigen, Äpfel oder Rosinen.
Im November 2007 verstarb die Schimpansen-Dame Washoe. Sie ging beim Kommunikationswissenschaftler Roger Fouts von der University of Ellensburg im US-Bundesstaat Washington zur Schule. Dieser soll ihr angeblich 250 Worte der amerikanischen Gebärdensprache beigebracht haben. Sie soll auch Teile davon ihren Artgenossen beigebracht haben. Kritische Kollegen von Fouts hingegen betonen, dass das Schimpansen-Weibchen nur Ursache und Wirkung (Assoziationslernen) miteinander verglichen, die Sprache jedoch nie sinnergreifend erlernt habe.

https://youtu.be/1s0dO_h7q7Q

Trotz dieser vielen kognitiven Leistungsvermögens-Tests und Vergleichen spricht sich die wohl bekannteste Verhaltensforscherin in der Affenwelt, Dame Valerie Jane Goodall, gegen die Behauptung aus, dass Affen die besseren Menschen sind. Sie beobachtete bei ihren Forschungen im Gombe Stream National Park in Tansania, dass nicht nur der Mensch Waffen gebraucht. Auch Schimpansen tricksen und täuschen oder setzen Waffen gegen feindlich gesinnte Artgenossen ein. In gruppeninternen Machtkämpfen oder Auseinandersetzungen um das Revier agieren sie sogar sehr brutal und aggressiv. Die Weibchen hingegen erziehen ihre Kinder. Manche sind streng, andere etwas geduldiger. Eines aber haben sie alle gemein: Sie pflegen eine lebenslange Beziehung zu ihrem Nachwuchs. Allerdings kommt es auch hier manches Mal vor, dass sie ohne Grund ihre Kinder töten. Ansonsten zeichnen sie sich durch Mitfühlen und Trösten aus! Immer wieder kommt es vor, dass ein Gruppenmitglied mitleidend umarmt wird. Und sie zeigen Ehrfurcht. Jane Goodall berichtet von einem Schimpansen, der staunend vor einem Wasserfall stand und dann einen Tanz aufführte! Lisa Pfarr vom Yerkes-Primatenzentrum in Atlanta hat in einem Versuch die Hauttemperatur von Schimpansen gemessen, als sie vor dem Fernseher sassen. Näherte sich in den Videos ein Tierarzt mit einem Betäubungsgewehr oder einem Artgenossen wurde eine Spritze gegeben, nahm die Temperatur stark ab – ein Zeichen für Furcht oder Traurigkeit.
Sehr viele Verhaltensmuster und Eigenschaften der Schimpansen weisen auch die Orang-Utans oder Gorillas auf. Nur sind sie ein kleines bisschen anders zu bewerten, da diese beiden Arten nicht derart sozial eingestellt sind wie ihre Kollegen aus dem Schimpansenlager. Sie sind vornehmlich Einzelgänger. Doch basteln sich etwa die Orang-Utans mit Leichtigkeit eine Hängematte selbst zusammen oder haben schon so manches Schloss des Geheges geknackt, mit einem so lange zurechtgekauten Zweig, bis dieser endlich in das Schloss passte. Gerade bei den Orang-Utans, aber auch bei den Gorillas ist vieles noch nicht erforscht, da die Freilandbeobachtungen erst in den 1960er Jahren begannen und beide Arten sehr schwer zu beobachten sind. In Gefangenschaft zeigen sie komplett andere Verhaltensmuster. So schrieb beispielsweise Biruté M. F. Galdikas nach ihren Orang-Utan-Beobachtungen im Tanjung-Puting-Nationalpark in Borneo, dass das Manipulierverhalten der Orangs gegenüber Dingen ebenso “komplex sei wie das symbolisch-vorbegriffliche Denken dreieinhalbjähriger Menschenkinder”.

https://www.youtube.com/watch?v=lJXY4gabSSA

Um nun jedoch all jene zu verunsichern, die nach wie vor behaupten, dass der Mensch Gottes wohl grösstes Werk ist, sollte der Versuch jener Evolutionsbiologen nicht unerwähnt bleiben, die das Gegenteil herausfanden: Wissenschaftler der University of Michigan verglichen im Rahmen dessen nicht weniger als 14000 Gene, die sowohl beim Menschen als auch beim Menschenaffen vorhanden sind. Ihr Resultat gibt Anlass zum Umdenken: Während beim Menschen 154 Gene perfekt scheinen, sind es beim Affen tatsächlich 233! Damit hat sich der Affe im Laufe der Zeit seit der Evolutions-Trennung durch den Abbau schlechter Merkmale weitaus besser entwickelt, als der Mensch. In der Wissenschaft wird dies als “positive Selektion” bezeichnet. Charles Darwin erklärte es so: Eine auf das Umfeld angepasste Mutation setzt sich nach und nach innerhalb der Population durch! Die weiterführende Erklärung hierfür liefert Jianzhi Zhang, Leiter dieses Genlabors in Michigan: Während Affen stets in grösseren Herden lebten, favorisierte der Mensch kleinere. Deshalb änderte sich das Gengut des Menschen recht häufig – nicht immer somit zu seinem Vorteil. Beispielsweise bei den (auch genetisch bedingten) Krankheiten. Nur etwa zwei bis vier Prozent der Affen sterben an Krebserkrankungen. Beim Menschen sind es 20 %. Affen bekommen zudem weder Aids, noch Malaria, Alzheimer oder Rheuma.
Bei all dieser weitaus positiveren Entwicklung als beim Menschen gibt es leider eine Tatsache, die nicht geleugnet werden darf: Die Affen verschwinden langsam von diesem Planeten. In Afrika beispielsweise leben heute nicht einmal mehr 100.000 Exemplare. Vor 100 Jahren waren es noch schätzungsweise zwei Millionen. Die Schuld dafür trägt der Mensch: Abholzung der Regenwälder, Monokulturen, Jagd (auch für Tierversuche),… Im Jane Goodall-Institut in München rechnet man damit, dass die Schimpansen in freier Natur in 30 Jahren ausgestorben sein werden. Deshalb möchte ich abschliessend, angelehnt an die Beobachtungen und Erfahrungen der Affenforscher, allen voran Jane Goodall, aber auch Dian Fossey (Gorillas) bzw. Biruté Galdikas (Orang-Utans), an die Krone der Schöpfung appellieren – gerade angesichts der vielen Laborversuche und Meldungen der letzten Wochen: Behandelt die Affen mit Respekt. Schliesslich stehen sie wie keine andere Tierart, dem Menschen am nächsten. Und sie beweisen es immer wieder: Affen können vieles, besitzen vieles, tun so manches, das dem Menschen leider schon längst verloren ging!!! Und hört endlich mit der sinnlosen Zerstörung der Regenwälder auf!!!

Filmtipps:

- “Jane’s Journey – die Lebensreise der Jane Goodall”; Lorenz Knauer
- “Zielgerichtetes Handeln bei Menschenaffen – Intelligenzleistungen von Schimpansen”; WBF

Lesetipps:

.) Menschenaffen – Ihr Schicksal ist unseres; Johannes Refisch; Books on Demand 2016
.) Menschenaffen: Die Letzten ihrer Art?; Kerstin Schmidt-Denter; YOUPublish 2017
.) Menschenaffen – Begegnung mit unseren nächsten Verwandten; Martha Robbins / Christophe Boesch (Hrsg.); Hirzel S. Verlag 2012
.) Aggression bei Affen und Menschen; Walter Angst; Springer-Verlag 1980
.) Mensch und Menschenaffe; Susanne Hahn; GRIN Publishing 2011
.) Der dritte Schimpanse: Evolution und Zukunft des Menschen; Jared M. Diamond; Fischer-Taschenbuch-Verlag 2006
.) Vom Menschenaffen zum Menschen ( Reihe Die Frühzeit des Menschen); Edey Maitland A.; Time Life International 1977
.) Die Welt der Menschenaffen; Steve Parker /‎ Desmond Morris; National Geographic 2010
.) Entdecke die Menschenaffen – Gorilla, Orang-Utan und Co; Thomas Wilms / Agnes Pfister; Natur Und Tier-Verlag 2017

Links:

- www.janegoodall.at
- orangutan.org
- gorillafund.org
- www.eva.mpg.de
- www.fumihirokano.com
- www.yerkes.emory.edu
- www.dpz.eu/de
- www.ds.mpg.de
- www.primata.de
- www.wwf.de
- www.evolution-mensch.de
- www.menschenaffen.info
- www.zoo-wuppertal.de
- www.salzburg-zoo.at
- www.zoovienna.at
- www.tierrechte.de
- www.nationalgeographic.de

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Das Schwarze Loch Baden-Württembergs


“Ich muss mit Erschrecken feststellen, dass alle Befürchtungen der Kritiker sich bewahrheiten. Dieses Projekt ist und bleibt eine kapitale und folgenschwere Fehlentscheidung, die leider nicht durch Volksentscheid korrigiert wurde.”

(Winfried Hermann, Verkehrsminister BW)

Berlin hat eines (Flughafen BER), Hamburg hat eines (Elb-Philharmonie), Stuttgart hat eines (Bahnhof) – offenbar gehört es inzwischen zum guten Ton, dass jeder Oberbürgermeister, der etwas von sich hält, ein Miliardengrab aufmacht. Unter einer zweistelligen Milliardensumme läuft in Deutschlands Grossstädten anscheinend gar nichts mehr. Vor Glück strahlen auch die dort beschäftigten Unternehmen – sie haben für Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte ausgesorgt bei jährlicher Preissteigerung. Und sollte wirklich mal ein verantwortlicher Politiker meinen: “Ja äääh, so war das aber nicht ausgemacht!”, dann reicht schon die Antwort: “Unvorhergesehene Umstände – tut mir leid!” Es zeugt alsdann von wirtschaftlicher Unfähigkeit eines Unternehmers, wenn ein Voranschlag, ein Zeitplan für ein öffentliches Projekt tatsächlich eingehalten wird. Aber: Sei’s drum – der Steuerzahler schreit einmal laut auf und schon hat er’s wieder vergessen! Die mehr verdienten Millionen finden sich dann Jahre später in irgendwelchen Bahamas-Papers wieder.
Eigentlich wollte ich über Stuttgart 21 an dieser Stelle nicht mehr schreiben – zu viele Texte zu diesem Thema tragen mein Namenskürzel. Doch – Ehre wem Ehre gebührt: Wenn der BER hier Platz hatte, so gebührt dies im Sinne der Chancengleichheit auch dem Untergrund-Bahnhof in Baden-Württembergs Landeshauptstadt. Dieser Tage genehmigte der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn die Kostenerhöhung von 6,5 auf 8,2 Milliarden – Experten sprechen davon, dass das Ende damit noch lange nicht erreicht sei. Sie gehen von 10 vielleicht sogar 11 Milliarden aus. Beim Flughafen BER übrigens wird derzeit von 7 Milliarden gesprochen! Euro – nicht türkische Lira! Und dabei belief sich der ursprüngliche Voranschlag für den Bahnhof und seine Anschlussstrecken auf 4,5 Milliarden Euro. Zudem ist die vorhergehende Preiserhöhung noch gerichtsanhängig. Schliesslich machte das Land Baden-Württemberg nur unter der Prämisse mit, dass – egal was auch immer geschehe – sein Anteil an diesem Kostenkuchen nicht steige. Also stellten sich berechtigterweise Ministerpräsident Winfried Kretschmann, aber auch die Stadt Stuttgart quer. Schliesslich war in der Finanzierungsvereinbarung vom 30. März 2009 eine Klausel enthalten, dass bei Überschreitung eines vereinbarten Risikovorsorgebetrages von 1,45 Milliarden € im Rahmen der Gesamtkosten neue Verhandlungen der Vertragspartner aufzunehmen sind. Dies alles nach Abschluss der Entwurfsplanung, spätestens jedoch bis 31. Dezember 2009. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde auch an den Kosten kaum gefeilscht – erst jetzt spricht man von einer nahezu Verdoppelung der Summen, was die Landesregierung nicht auf sich beruhen lassen möchte.
Die ursprüngliche Finanzierungsvereinbarung vom März 2009 sah folgende Verteilung der Kosten vor:
.) Bund fast 1,5 Milliarden Euro
.) Deutsche Bahn 1,3008 Milliarden Euro
.) Land Baden-Württemberg mit Partnern 501,8 Millionen Euro
.) Flughafen Stuttgart 107,8 Mio. Euro plus 112,242 Mio. Euro „zum Ausgleich für Betriebsverluste“
.) Europäische Union 114,47 Mio. Euro plus 594,4 Mio. Euro bis 2020
Die Weigerung des Landes liess aber die Bahn nicht auf sich sitzen und klagte bereits 2016 vor dem Verwaltungsgerichtshof. Bund gegen Land!!! Ob nun im Sinne der Sparmassnahmen im Bereich der Justiz die aktuelle Kostensteigerung gleich mit im Prozess entschieden wird, steht noch nicht fest. Gerechtfertigt wird dieser weitere Anstieg übrigens durch “Erhebliche Baupreissteigerungen” v.a. beim Tunnelbau (insgesamt neun Tunnels). Ein guter Kalkulant sollte dies im Blick haben und bereits beim Voranschlag zu Papier bringen. Inwieweit dies auch tatsächlich der Fall war, dann jedoch durch einen Verantwortlichen wieder herausgenommen wurde, wird sich entweder vor Gericht oder im Rahmen eines Untersuchungsausschusses herausstellen. Ist ja inzwischen so üblich. Und – bevor ich’s vergessen sollte: Die Eröffnung wurde erstmals von Dezember 2019 auf Dezember 2020, dann auf Dezember 2021, vor einigen Tagen schliesslich um weitere vier Jahre auf Dezember 2025 verlegt. Da fragt man sich schon, wie es die Schweizer schaffen, Grossprojekte im Zeit- und Kostenrahmen abzuschliessen, da im Grossen und Ganzen die selben Konsortien hinter Schaufel und Spitzhacke stecken. Doch sieht dort das Kostenmanagement wohl etwas anders aus.

https://www.youtube.com/watch?v=rbM0RtOXmxI

Die Deutsche Bahn schiebt nun den Schwarzen Peter u.a. auf den Tierschutz. Umfangreiche Genehmigungsverfahren im Hinblick auf den Artenschutz sollen für eine erhebliche Teuerung sorgen. Klar – wenn jede einzelne Kröte, jeder Juchtenkäfer von zwei Mitarbeitern ausquartiert und im gepanzerten Dienstauto eines verantwortlichen Managers umgesiedelt werden muss, dann dauert das schon seine Zeit. Darüber sollten wir uns alle einig sein. Doch – Scherz beiseite: Das Mineral Anhydrit verursacht starke Kopfschmerzen. Kommt dieses in Kontakt mit Wasser, reagiert es und wird zu Gips, der beim Aufquellen unheimlichen Druck verursacht. Stellt sich die Frage, weshalb Probebohrungen durchgeführt wurden und der Hinweis Dutzender Experten nicht beachtet worden ist. Schliesslich ist in einem geologischen Gutachten aus dem Jahre 2003 von “gefährlich” die Rede, da der Untergrund sehr viele Dolinen und Hohlräume aufzuweisen hat. Auch wurde eingehendst auf den Anhydrit hingewiesen. Die Zuleitung der Hochgeschwindigkeitsstrecke Wendlingen-Ulm wird um eine halbe Milliarde teurer und erst im Jahre 2022 fertig. Wenn das mit der Zulaufstrecke zum Brenner-Basistunnel, wo dieser Tage erst die Probebohrungen begonnen haben, ebenso vonstatten gehen wird, sollte der Bauleiter vielleicht das Bohrmonstrum in Richtung Tiroler Oberland weiterlaufen lassen. Evt. wäre eine Tunnelvariante unter dem Fernpass vorzeitiger fertig, sodass die Regionalstrecke Reutte-Garmisch-Partenkirchen als Alternative in’s Auge gefasst werden sollte.
Während der Umweltverträglichkeitsprüfung anno 1997 gingen nicht weniger als 13.700 Einwendungen ein! Innerhalb nur eines Monats!!! Zehntausende demonstrierten Jahre später allwöchentlich (vor allem im Rahmen der Montagsdemonstrationen) gegen das Projekt. Als die “Prellbockanhebung” (Spatenstich der Bahn) am 02. Februar 2010 getätigt wurde, sind die vielen Demonstranten noch als “Spinner” und “Öko-Fuzzis” abgetan worden. Inzwischen fragt sich nicht nur die lärm- und baustellen-geschädigte Stuttgarter Bevölkerung, sondern auch der Steuerzahler in Schleswig-Holstein, weshalb der Kopfbahnhof so unbedingt weg musste. Klar – es ist für den Lokführer des ICEs wesentlich angenehmer, wenn er erst ein paar Zentimeter vor Beginn des Bahnsteiges abbremsen muss. Im Kopfbahnhof hingegen gehen die Minuten für die Einfahrt wie im Fluge vorbei. Apropos: Die Hochgeschwindigkeitsstrecken wie etwa auch München-Berlin werden vornehmlich aus Eigeninteresse der Bahn geschaffen. Schliesslich will man dadurch weniger Passagiere an die Billigfluglinien verlieren, die derartige innerdeutschen Strecken bedienen. Meiner Meinung nach rausgeschmissenes Geld! Schliesslich wird es diese Stehplatz-Flieger nicht mehr lange geben, da sie wirtschaftlich nicht sinnvoll betrieben werden können. Die Air Berlin war nicht mal der Anfang. In diesem Zusammenhang sei auch die vergleichende Reisezeitstudie erwähnt, die durch das Land Baden-Württemberg im November angefertigt wurde. Ausgewertet wurden 38.220 Relationen von 196 Bahnhöfen des Landes. Die Ergebnisse sprechen nicht wirklich für Stuttgart 21:
.) Stuttgart 21 als Durchgangsbahnhof
19 % der Reisenden sind zumindest 2 Minuten schneller unterwegs, 13 % mindestens 2 Minuten länger und für 70 % ergäben sich keinerlei Veränderungen (aufgrund der unterschiedlichen Verbindungen ist auch mehr als 100 % möglich – ausnahmsweise!!!)
.) Stuttgart 21 als Kopfbahnhof
13 % der Reisenden mindestens zwei Minuten schneller, 6 % mindestens zwei Minuten länger und keinerlei Veränderungen bei 80 %
Auch bei den Gleisbelegungen ergäben sich nicht wirklich eklatante Unterschiede.

http://www.ardmediathek.de/tv/MENSCH-LEUTE/Die-Tunnelbauer-von-Stuttgart-21/SWR-Baden-W%C3%BCrttemberg/Video?bcastId=8758102&documentId=42073420

1994 liessen sich der damalige Bahn-Chef Heinz Dürr, Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann und der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel erstmals das Projekt von einem unteriridschen Bahnhof in Stuttgart auf der Zuge zergehen. Die Idee dazu kam von dem Verkehrswissenschaftler Gerhard Heimerl. Kostenrahmen: 4,8 Milliarden! D-Mark – nicht Euro! Daraus wurden 2010 tatsächlich Euro – 4,088 Milliarden! Drei Jahre nach Baubeginn setzte es den ersten Dämpfer: Mit 6,5 Milliarden werden die ersten Planungen um 2 Milliarden geradezu pulverisiert, meinte man damals. Nun sind es 8,2 Milliarden – mit einem Puffer von 500 Millionen. Doch sind Summenspiele, die nicht zumindest zehnstellig sind, für die Verhandlungstische in den obersten Stockwerken der Entscheider ja ohnedies uninteressant. Der grösste Finanzier ist die Deutsche Bahn. Diese will nun natürlich die Verteuerungen auch auf die anderen Beteiligten umwälzen – die allerdings finden diese Idee nicht wirklich gut. Deshalb wird nun der Schrei nach einer Erhöhung der Bundesfinanzierung laut. Grotesk angesichts der Tatsache, dass der Bund Mehrheitseigentümer der Bahn ist und diese jedes Jahr zusätzlich mit Steuergeldern subventionieren muss.
1999 stoppte Bahnchef Johannes Ludewig das Projekt. 12 Jahre später meinte er, dass Stuttgart 21 “schlicht zu groß und für die Bahn zu teuer” gewesen wäre. Erst als die beiden Länder Baden Württemberg und Bayern immensen Druck ausübten und Land, Stadt, Regionalverband sowie der Flughafen eine Finanzierungszusage von 1,3 Milliarden Mark abgaben, wurden die Pläne wieder aus der Schublade geholt. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Überlegung von Sabine Leidig, ihres Zeichens Bahnexpertin der Links-Partei im Bundestag: Aufsichtsräte, die eigentlich finanziellen bzw. wirtschaftlichen Schaden vom Unternehmen abwenden sollten, stehen durch die anstandslose Genehmigung einer solchen Kostenerhöhung “mit einem Bein im Gefängnis”! Mehrere Strafanzeigen gegen den Vorstand und den Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG wurden von anderer Seite ebenso eingereicht, wie auch die Beschwerde bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, dass entsprechende Ermittlungen nicht eingeleitet worden sind. Kritiker sprechen von einer “Stuttgart Connection”, die Millionen hin- und herschieben und sehr gut daran verdienen! Die Grünen meinen etwa, dass alleine durch die Nichtausschreibung bei Bauabschnitten 100 Millionen mehr bezahlt wurden als im Wettbewerb. Leidig betont, bei Stuttgart 21 müsse auf jeden Fall die Notbremse gezogen werden. Doch – leichter gesagt als getan. Ein Ausstieg zum jetzigen Zeitpunkt würde mindestens 7 Milliarden verschlingen. Sollte also der Bundesrechnungshof bzw. das Planungsbüro Vieregg-Rössler mit rund 10 bzw. 9,8 Milliarden Gesamtkosten recht behalten, so ist der Point of No-Return schon längst überschritten und es macht mehr Sinn weiterzubauen – allerdings mit einem mehr als strengen Kostenmanagement. Jetzt wurde der bisherige Projektchef der Hochgeschwindigkeitsstrecke München-Berlin, Olaf Drescher, in den Vorstand gerufen. Dieser hatte zumindest die Pläne auf dieser Strecke eingehalten. Kunststück bei 10 Milliarden Euro und 26 Jahren Bauzeit für die VDE8.
Trotzdem ist davon auszugehen, dass die geplante Erweiterung des Schlossgartens um 20 ha und der Wohnraum für mehr als 25.000 Einwohner noch eine ganze Zeit auf sich warten lassen wird. Stuttgart 21 wird ebenfalls wie seine Kollegen in Berlin und Hamburg zur Neverending story!

Lesetipps:
.) abgrundtief + bodenlos. Stuttgart 21 und sein absehbares Scheitern; Winfried Wolf; PapyRossa-Verlag 2017
.) Stuttgart 21. Die Argumente; Wolfgang Schorlau (Hrsg.); Kiepenheuer & Witsch 2010
.) Die entzauberte Stadt. Plädoyer gegen die Selbstzerstörung; Stuttgart 21 – Das Milliardengrab; Roland Ostertag; Peter-Grohmann-Verlag 2008
.) Der Volksentscheid über Stuttgart 21. Aufbruch zu neuen demokratischen Ufern?; Oscar W. Gabriel / Harald Schoen / Kristina Faden-Kuhne; Verlag Barbara Budrich 2014
.) Stuttgart 21 – ein Großprojekt zwischen Protest und Akzeptanz; Frank Brettschneider / Wolfgang Schuster (Hrsg.); Springer VS 2013
.) “Stuttgart 21″ – Hauptbahnhof im Untergrund?; Winfried Wolf; Neuer ISP Verlag 1995
.) Stuttgart 21 – Oder: Wem gehört die Stadt; Volker Lösch u. a. (Hrsg.); PapyRossa Verlag 2011
.) Oben leben: Warum Stuttgart 21 keine Alternative braucht; Lutz Aichele; Schröderscher Buchverlag 2011

Links:
- www.deutschebahn.com
- www.vr-transport.de
- www.sma-partner.com
- www.bundesrechnungshof.de
- www.eba.bund.de
- www.berlin.de/generalstaatsanwaltschaft
- www.vghmannheim.de
- www.landtag-bw.de
- im.baden-wuerttemberg.de
- um.baden-wuerttemberg.de
- www.stuttgart.de
- www.rp-stuttgart.de
- www.leistungsrueckbau-s21.de
- www.bahnprojekt-stuttgart-ulm.de
- www.s21erleben.de
- www.region-stuttgart.org
- www.biss21.de
- www.schlichtung-s21.de
- gbuerger-rosenstein.de
- www.leben-in-stuttgart.de
- storno21.de
- www.kopfbahnhof-21.de
- c.europa.eu/transport

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