Archive for Juni, 2018

Ist unser Wald klimafit???

“Unsere Wälder klimafit zu machen, wird zu einer Herausforderung!”
(Hannes Gadermair, Obmann der österreichischen Forstbaumschulen)

Der Anstieg der Temperaturen und verbunden damit auch der Klimawandel setzen nicht nur dem Menschen zu – auch der Wald muss sich den ständig in Veränderung begriffenen Bedingungen anpassen. So verschiebt sich die Waldgrenze immer mehr nach oben, Flachwurzler, wie Fichten oder Weiden, werden durch Stürme umgerissen (Windbruch) oder finden im Sommer kein Wasser mehr (Trockenstress). Durch eine aktive und nachhaltige Waldbewirtschaftung kann die Widerstandsfähigkeit des Waldes jedoch erheblich verbessert, durch die gezielte Förderung von Mischkulturen der Waldboden und damit die Bäume gesund erhalten werden. 2017 wurde zu diesem Zweck durch den damaligen österreichischen Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter die Initiative „Holz verwenden ist gut für das Klima – Wir machen unseren Wald klimafit!” in’s Leben gerufen. Im Rahmen mehrerer Projekte soll den 2.100 österreichischen Gemeinden jene Unterstützung zuteil werden, die sie benötigen, um ihre Wälder auch für die Zukunft den klimatischen Gegebenheiten anzupassen: Erkenntnisse aus Dauerversuchsflächen, wertvolle Handlungsempfehlungen von Experten aus allen möglichen Wissenschaftsbereichen und Hilfe bei der Erstellung kommunaler Wald-bewirtschaftungspläne.
Die Bedeutung des Forsts ist immens wichtig und ganz einfach erklärt:
.) Holz als Bau-, Werk- und Energiestoff
.) Naherholungsmöglichkeit
.) Schutz vor Naturereignissen.
.) Heimat und Rückzugsgebiet von Fauna und Flora
Im Rahmen dieser Aktion “klimafitter Wald” sollen nun wichtige Informationen den Gemeinden zur Verfügung gestellt werden. Schliesslich ist zwar eine Aufforstung wie zuletzt oberhalb von Blons im Grossen Walsertal durch den Lions Club sehr lobenswert, wird sie jedoch ausschliesslich mit Fichten gemacht, so werden die Fehler der Vergangenheit wiederholt und aus dem Eschensterben keinerlei Erkenntnisse gesammelt bzw. umgesetzt. “klimafit” bedeutet nicht etwa einen schnellwachsenden Wald für möglicherweise die nachfolgende Nutzung aufzuziehen. Vielmehr gilt es, eine Biodiversität mit Klima- und Wirtschaftszielen zu vereinbaren. Waldbauliche Bewirtschaftungskonzepte müssen an die geänderten ökologischen Rahmenbedingungen angepasst werden. Nicht weniger als 300.000 Menschen beziehen in Österreich ihre Einkünfte unmittelbar oder mittelbar aus dem Wald, in der Schweiz sind es 86.000, in Deutschland 1,1 Mio Menschen. Danach wird sich der Holzeinschlag ebenso wie die Neuaufforstung zu richten haben. Hierzu hat sich Österreich im “Strategischen Plan für die Wälder” der Vereinten Nationen (United Nations Strategic Plan for Forests, 2017-2030) verpflichtet. Bei Schutzwäldern in Laubwaldhöhen (in den Alpen bis auf zirka 1.850 m) etwa bedarf es einer grossen Anzahl von Eichen und Lärchen, die beständiger und klimatoleranter als Fichten sind. Umso wichtiger ist nun für jede Gemeinde mit Waldfläche die Einbeziehung bewaldeter Flächen in das Regionale Entwicklungskonzept und die Erhaltung der Waldflächen.
Österreich zählt mit seinen 47 % Waldfläche zu den waldreichsten Staaten der EU, in Deutschland sind es nurmehr 32, in der Schweiz rund 33 %. Immer wieder gibt es Meldungen in den Medien, wonach sich der Wald wieder Platz zurückholt. So wurde zuletzt etwa im westlichsten Bundes-land Österreichs, Vorarlberg, betont, dass immer mehr Almen zu verwalden drohen und sich dieser pro Jahr rund 2 m mehr an Platz zurückholt. Messungen in der Schweiz belegen dies: Zwischen 1985 und 2013 nahm die Waldfläche um zirka 4.105 ha pro Jahr zu. Zu 90 % allerdings begrenzt auf die Alpen und die Alpensüdseite! Keine Frage – Kulturfläche ist enorm wichtig und macht die Alpen gerade für Millionen Touristen so erlebenswert. Doch nimmt die Bereitschaft der Bauern für diese Landschaftspflege immer mehr ab, da es einerseits immer weniger Bauern gibt und andererseits gerade in den Bergen oftmals nicht maschinell gearbeitet werden kann. Das widerspricht jedoch den Grundlagen der Intensivlandwirtschaft. Weshalb also überlässt man die Fläche dann nicht dem Wald? Gerade in den bevölkerungsarmen Bergen kommt dem Wald ja wie bereits beschrieben eine wesentlich wichtigere Rolle als im Tal zu.

https://www.youtube.com/watch?v=6UnoAJiWaRI

Gibt es derzeit auch in Brüssel keine einheitliche Forst-Politik, so haben sich dennoch einige wichtige Initiativen gebildet. Die wohl wichtigste ist die Ministerkonferenz zum Schutz der Wälder in Europa (Forest Europe). Allerdings konnten sich die Teilnehmer noch nicht auf eine einheitliche Europäische Waldkonvention einigen. Der ständige Forstausschuss der EU hat nur eine beratende Funktion, keine politische Entscheidungs-möglichkeit. In diesem Gremium wurde in den 1990er Jahren eine gemeinsame Forststrategie und 2006 ein Aktionsplan erarbeitet. In Österreich greift der “Walddialog” diese Ideen auf und diskutiert entscheidende Erkenntnisse zur Holznutzung sowie der Klimaanpassung.
Wie wichtig der Wald für Mitteleuropa ist, zeigen einige Zahlen:
.) Österreich
In den Jahren zwischen 1990 und 2014 wurden alleine im Alpenstaat jährlich nicht weniger als 76 bis 93 Megatonnen CO2-Äquivalente (Treibhausgase wie CO2, Methan, Lachgas u.a.) vornehmlich durch Verbrennung in die Atmosphäre abgegeben (Zahlen nach Anderl et al. 2016). Experten der Universität für Bodenkultur, des Umweltbundesamtes und des Bundesforschungszentrums für Wald haben errechnet, dass durch die richtige Waldbewirtschaftung und der Verwendung von Holz als Baustoff bis zum Jahr 2100 Treibhausgas-Emissionen in der Höhe von nahezu 1,5 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente vermieden werden können. Das entspricht den gesamtösterreichischen Treibhausgas-Emissionen von 20 Jahren. Dabei gilt jedoch: Jede Entwaldung muss von einer Bewaldung gefolgt sein, denn schließlich wächst Holz zwar nach, ist aber nicht grenzenlos verfügbar. Die Substitutionswirkung von Holz-produkten leistet somit einen enormen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele.
.) Deutschland
90 Milliarden Bäume wachsen jeden Tag in Deutschland um einige Millimeter höher. Von 11,4 Mio ha sind 48 % der Waldfläche in privater Hand, den Rest teilen sich Bund, Länder, Gemeinden etc. auf. Pro Jahr werden durch den deutschen Forst nicht weniger als 52 Mio Tonnen Kohlendioxid verarbeitet. Der Holzvorrat beläuft sich auf 3,7 Milliarden m³ – jährlich wachsen etwa 121,6 Mio m³ nach. Nicht weniger als 1,149 Milliarden Tonnen Kohlenstoff sind in den heimischen Wäldern gespeichert. Auch wenn die Fichtenfläche seit 2002 um rund 8 % gesunken ist, nahm der Anteil der Laubfläche um 7 % zu.
.) Schweiz
Der eidgenössische Wald “produziert” jährlich rund 10 Millionen Kubikmeter Holz. Der Gesamtvorrat liegt derzeit bei rund 427 Mio m³. Generell gilt für die Schweiz, dass nur so viel “geerntet” wird, als nachwächst, derzeit jährlich rund 5 Mio m³ Holz. 6000 Menschen finden durch den Wald Arbeit, jährlich kommen 300 neu Ausgebildete hinzu. In der nachgelagerten Holzwirtschaft sind 80.000 weitere beschäftigt. Die Bruttowertschöpfung liegt bei 4,5 Milliarden Franken pro Jahr. Etwa die Hälfte der Grundwasserzonen der Schweiz liegen im Wald – rund 40 % des Trinkwassers kommt aus dem Wald. In den 1,26 Mio ha stehen zirka 535 Millionen Bäume. Sie speichern in etwa 150 Mio Tonnen Kohlenstoff bzw. vergleichbar 550 Mio Tonnen CO2. Wird anstelle von Öl mit Holz geheizt, bedeutet dies um 3 kg weniger CO2 pro Liter Heizöl. Nicht zu vergessen: Die Schutzwirkung gegenüber Naturereignissen liegt bei zirka 4 Milliarden Franken jedes Jahr!!!

https://www.youtube.com/watch?v=0kRGRnEOb1U

Wie nun wirkt sich der Klimawandel im Speziellen auf unsere heimischen Wälder aus?! Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, in dem die industrielle Revolution ad absurdum geführt wurde, stieg die Temperatur im Ostalpenraum um rund 2 Grad Celsius. Sprunghaft sogar seit 1970. Die Prognosen gehen von einer weiteren Steigung aus. Mit jedem zusätzlichen Grad jedoch kann die Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Das bedeutet somit wesentlich mehr Gewitter und Starkregenereignisse. Der Wald ist an sich ein perfekter Wasserspeicher, sofern es sich um einen gesunden Wald handelt. Ist er nun aus welchen Gründen auch immer angeknackst oder es wurden nur Flachwurzler gesetzt, so ist der Boden schon sehr bald gesättigt – weiterer Regen führt zu Rutschungen und Murenabgängen.
Zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts wurden wesentlich mehr Stürme und Windbewegungen registriert als in der Gegenwart. Das führte zu einem besseren Ausgleich von Temperatur- und Drucklagen über dem Alpenhauptkamm. Erfolgt nun ein derartiger Ausgleich nicht mehr oder nurmehr schwach, so wachsen bzw. verstärken sich diese Drucklagen. Kommt es dann zum Ausgleich, so erfolgt dieser mit wesentlich grösserer Intensität. Soll also heissen, dass es zwar weniger Wind gibt, die Sturme aber umso höhere Geschwindigkeiten und Gewaltkraft erreichen. Ausserdem – bei weniger Wind bleiben auch die Wolken vermehrt an einem Ort. Das Unwetterpotential steigt eklatant an. Nahezu machtlos derartigen Stürmen ausgesetzt sind Fichten. Ihre tellerartigen Wurzeln reichen nicht weit in den Boden, zudem wachsen sie sehr hoch, besitzen aber im Vergleich dazu nur einen recht dünnen Stamm. Eichen beispielsweise wurzeln tiefer und weisen ein ausgeglicheneres Verhältnis Stamm/Höhe auf. Laubbäume haben ohnedies den grossen Vorteil, dass sie zu jener Zeit, in der die heftigsten Stürme toben (Winterhalbjahr) kein Laub besitzen und somit eine wesentlich geringere Angriffsfläche als Nadelbäume bieten. Windwürfe übrigens müssen von dafür ausgebildeten Forstarbeiter beseitigt werden, da das Holz meist unter grosser Spannung steht, kann es für Ungeübte lebensgefährlich werden. Ausserdem müssen Sturmschäden per Gesetz nachgepflanzt werden.
Luftbildaufnahmen aus den unterschiedlichen Jahrzehnten haben zudem nachgewiesen, dass die Anzahl und Grösse von Hangrutschungen (Rutschungsdichte) auf Landschaftsflächen mit verzögerter Wiederbewaldung, aber auch dem unkontrollierten Zuwachsen von Almflächen deutlich zugenommen haben. Und diese Hangrutschungen suchen sich in weiterer Folge den schnellsten Weg in’s Tal, sodass eine explizite Gefahr für Hochwasser und Vermurungen auch im Tal besteht. Hier wäre also eine kontrollierte Aufforstung unter nachhaltigen Prinzipien (Mischwald) dringend erforderlich.
Trockenphasen im Sommer werden immer länger und wärmer. Sehr häufig können flachwurzelnde Pflanzen diese nicht mehr überstehen und vertrocknen. Trifft nun Niederschlag auf einen derart trockenen Boden, so rinnt dieser zuerst oberflächlich ab (Sturzflut). In weiterer Folge versickert das Wasser zwar, doch besitzt der Boden keine Festigkeit durch beispielsweise gesundes und tieferreichendes Wurzelwerk. Nachdem er gesättigt ist, wird die erste Hangrutschung abgehen.
Seit 1990 nehmen die Steinschläge in den Westalpen erheblich zu. Kleinere Felsstürze mit bis zu 100.000 m³ Felsmaterial werden immer mehr – eine Steinschlag-Inventur ergab 150 solcher Ereignisse in dieser Zeit bis heute. Gerade lange und heisse Trockenperioden führen zu einer immens steigenden Ereignishäufigkeit. Hinzu kommen milde und regennasse Winter. Wasser versickert vermehrt. Gefriert nun das Wasser während einer Kälteperiode etwa im Februar, so dehnt es sich aus, die Gerinne werden grösser, der Fels wird richtiggehend gesprengt (Frostsprengung).
Diese Auslösefaktoren gelten auch für die Nassschneelawinen in den Höhenlagen von etwa 1.800 bis 2.500 m. Schnee und Regen abwechselnd verhindern die Bindung der unterschiedlichen Schichten. Nasser Schnee wird alsdann umso schwerer. Gerade an Hängen mit grossen Schneeansammlungen (Windverwehungen) besteht grosse Instabilität. Meist reicht schon eine Kleinigkeit für das Auslösen einer solchen Lawine. Berechnungen aus der Schweiz führten zu einer recht interessanten Gegenüberstellung: Ein Hektar künstliche Lawinenverbauung mit Stahl-werken kostet rund 2 Mio Franken – die Pflege einer ebenso grossen Schutzwaldfläche hingegen in 100 Jahren nur etwa 200.000 Franken!
Nicht zu vergessen sind die Schädlinge. Das Thema Wildverbiss und Schälschäden kann ich recht zügig abarbeiten, sind doch die Waldbesitzer in den meisten Fällen selbst dafür verantwortlich. Wird das Kronendach aufgelockert, gelangt mehr Licht bis auf den Boden. Das sorgt für mehr Äsungsangebot. Verteilt man nun diese Waldwiesen strategisch gut, so kann man dadurch auch die Wildkonzentration lenken. Ausserdem bekommt der Boden hierdurch mehr Wasser. Zudem sollten Äsungs- oder Pionierbaumarten (wie die Vogelbeere) belassen bleiben oder Verbiss-gehölze angelegt werden. Winterschlägerungen in Einstands- und Fütterungsbereichen sorgen für zusätzlichen Stress der Tiere – die folgenden Schälschäden v.a. an jungen Fichtenwäldern können teils verheerend sein. Und schliesslich sind naturnahe Waldbausysteme wie beispielsweise Schirm-, Saum- oder Femelschlag wesentlich weniger wildschadensanfällig als etwa Kahlschäge. Auch beim Aufkommen der anderen Schädlinge ist meist der Mensch nicht ganz unschuldig. So sind Monokulturen wesentlich anfälliger als Mischwälder. Bei Forstarbeiten sollte der Jungbestand unangetastet bleiben, der restliche Bestand nicht beschädigt und der Boden durch das Befahren mit schwerem Gerät tatsächlich nur im unbedingt erforderlichen Ausmass geschädigt werden. Er braucht meist Jahre um sich wieder erholen zu können. Auch durch unterschiedlichste Möglichkeiten bei den “Rückegassen”, also jenen Streifen, die befahren werden, kann die Bodenschädigung möglichst gering gehalten werden (Reisigmatten und -armierungen etwa). Am optimalsten hingegen ist die Rückkehr zu Pferden in der Waldarbeit. Insekten sind wechselwarme Tiere und damit von den Temperaturen abhängig. V.a. den eingeschleppten Schädlingen kommen die höheren Temperaturen sehr entgegen. Der Borkenkäfer hat sich inzwischen schon recht gut angepasst. So wird die Eiablage bereits im Herbst von Gefrierschutzmassnahmen begleitet, sodass dem Nachwuchs auch Temperaturen von -20 Grad nicht gefährlich werden können. Ansonsten gilt bei ihm: Bei 20 Grad Celsius gleichbleibender Temperatur dauert es zwischen Eiablage und Schlupf 48 Tage, bei 25 Grad hingegen nurmehr 33 Tage. Dies ermöglicht mehrere Generationen im Jahr, wodurch der Befallsdruck vornehmlich auf Fichten umso grösser wird. Dort bohrt er auch gesunde Bäume an, legt in die Gänge seine Eier ab, die schlüpfenden Larven fressen unter der Rinde weiter. Schwerwiegende Schäden können zudem die Nadelfresser Nonne und Kiefernbusch-hornblattwespe bzw. der Laubfresser Schwammspinner oder die wurzelfressenden Larven des Rüssel-, Schnell- und Maikäfers anrichten. Andere Insekten hingegen benötigen milde Winter um überleben zu können. Die Malvenwanze (Oxycarenus lavaterae) beispielsweise wurde aus dem Mittelmeerraum eingeschleppt. Weniger Minusgrade im Winter kommen ihr sehr entgegen. Die Larven des Pinienprozessionsspinners (Thaumetopoea pityocampa) im Gegensatz dazu benötigen keine Winter-Ruhezeit. Ab Temperaturen von -7 Grad gefrieren sie zwar, allerdings nicht letal. D.h. sie überleben den Frost. Das führte zuletzt zu einer enormen Ausweitung ihres Lebensraumes bis in’s nördliche Frankreich und bis in höhere Lagen der italienischen Alpen. Den Beginn der Ausbreitung allerdings war durch die Einfuhr von hier nicht heimischem, befallenem Pflanzgut durch den Menschen veranlasst. Gleiches gilt auch für den Citrusbockkäfer (Anoplophora chinensis), die Esskastanien-Gallwespe (Dryocosmus kuriphilus), dem transportholzreisenden Asiatischen Laubholzbockkäfer (Anoplophora glabripennis), aber auch Pilzen (etwa das Falsche Weiße Stängelbecherchen) und Bakterien aus Asien und Amerika nach Europa. Die Trockenphasen während der anderen Jahreszeiten kommen vornehmlich den Rindenbrütern zugute (Borkenkäfer oder auch dem Prachtkäfer).
Der Anstieg der Baumgrenze durch die höheren Temperaturen ermöglicht inzwischen auch die Aufforstung mit Laubbäumen, sodass unter Kontrolle ein gesunder Mischwald als Schutzwald herangezogen werden kann. Laubbäume im Schutzwald haben den grossen Vorteil, dass sie im Herbst das Laub verlieren, wodurch sie weitaus weniger Schnee zurückhalten als im Vergleich dazu die Nadelbäume. In seiner Schutzfunktion verhindert dieser Mischwald so manches vorhersehbares Naturereignis.

https://www.youtube.com/watch?v=gAklJa3x2o8

Mitte Juni werden während der Woche des Waldes jedes Jahr inzwischen unzählige Veranstaltungen angeboten. Der Wald mit all seinen wichtigen Funktionen muss für nachfolgende Generationen erhalten bleiben – in deren eigenem Interesse. Je mehr nun auch die “normale” Bevölkerung informiert ist, desto einfacher ist es, Waldprojekte auf die Füsse zu stellen oder nach Meldungen von Befallsmusterm diese bekämpfen zu können. 80 % beispielsweise des österreichischen Waldes befindet sich in Privatbesitz – rund 145.000 Familien alleine in Österreich besitzen Waldflächen. Es ist also nicht immer nur die Aufgabe der öffentlichen Hand, sich hierum zu kümmern. Die Sensibilisierung für dieses wichtige Thema muss deshalb bereits in der Bevölkerung beginnen. So gibt es beispielsweise genaue Richtlinien für die Abholzung. Bei grösseren Kahlschlägen etwa ist eine Wiederbepflanzung (Realersatz) gesetzlich vorgeschrieben. An bestimmten Stellen darf gar nur Altholz entfernt werden (Waldhygiene). Die Forstwirtschaft muss also im Einklang mit der Natur nachhaltig erfolgen. Die ertragreichsten sind meist auch die anfälligsten Bäume. So werden es – nach Szenarien des Bundes-forschungszentrums für Wald (BFW) – Fichten künftig v.a. im Wald- und Weinviertel, dem Mühlviertel, dem Marchfeld, im Burgenland und dem Grazer Becken schwer haben. Weshalb werden sie dennoch weiterhin dort angepflanzt? Aus diesem Grunde erscheint es umso wichtiger, dem Wald bei den zukünftigen klimatischen Herausforderungen zu helfen – mit beispielsweise Spitz- und Feldahorn, Vogelkirsche, Birke, Weiden und Aspen. Gedanken sollte man sich alsdann über den vermehrten Einsatz von Douglasien, Kiefern und Eichen machen. Alle drei sind gegenüber Trockenstress toleranter. Da aber die Kiefer zur Versauerung des Bodens beiträgt, sollte sie stets mit einem Laubbaum, etwa einer Eiche, gemeinsam gepflanzt werden. Auch Nistkästen sind im Wald mehr als sinnvoll. Schliesslich fressen Vögel Insekten. So geht etwa der Specht den Rindenbrütern an den Kragen.
Das alles nennt sich nachhaltiger Waldbau. Schliesslich ist der Wald ein wesentlicher Faktor bei der Bekämpfung des Klimawandels. Bleibt ein gesunder Wald erhalten, haben auch unsere Kinder und Enkel noch etwas von diesem lebensnotwendigen Ökosystem!

Lesetipps:

.) Wald, Wetter, Klima; Günther Flemming; Blv Buchverlag 1995
.) Wald im Klimawandel; Hrsg: Bundesamt für Umwelt BAFU/
Eidgenössische Forschungsanstalt WSL; Haupt Verlag 2016
.) Waldbauliche Handlungsmöglichkeiten angesichts Klimawandel; U. Kohnle/S. Hein/H.-G. Michiels; FVA-Einblicke 2008
.) Wald, Klima und Wasser; Josef R. L. von Liburnau; Vero Verlag in hansebooks GmbH Nachdruck von 1878
.) Klimaveränderungen und Auswirkungen auf Ökosysteme – KLIWA-Symposium 2000; H. Gebhardt; LUB W 2000
.) Analysis of the temperature dependent development of the spruce bark beetle Ips typographus; B. Wermelinger/M. Seifert; J. Appl. Entomol 1998
.) Survival at low temperature of larvae of the pine processionary moth, Thaumetopoea pityocampa from an area of range expansion; Hrsg: G. Hoch/E. Petrucco Toffolo/S. Netherer/A. Battisti/A. Schopf; Entomol 2009
.) Expansion of geographic range in the pine processionary moth caused by increased winter temperatures; Hrsg: A. Battisti/M. Stastny/S. Netherer/C. Robinet/A. Schopf/A. Roques/S. Larsson; Ecol 2005

Links:

- www.klimafitterwald.at
- www.bmnt.gv.at
- www.bafu.admin.ch
- www.boku.ac.at
- www.bfw.ac.at
- foresteurope.org
- www.wvs.ch
- www.lko.at
- www.foresters.ch
- www.forstwirtschaft-in-deutschland.de
- www.bundesamt-wald.at
- www.efna.eu
- www.lfi.at
- www.herkunftsberatung.at
- www.bundeswaldinventur.de
- www.waldverband.at
- www.lwf.bayern.de
- wald.ch
- www.waldwissen.net
- www.waldverband.at
- www.forstverein.ch
- www.waldhilfe.de
- www.waldschweiz.ch
- bwi.info
- www.landforstbetriebe.at
- www.vsfu.ch
- www.forstpflanzen.info
- www.wildeinflussmonitoring.at
- www.bmlfuw.gv.at
- www.bmel.de
- www.forstholzpapier.at
- www.borkenkaefer.at

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Können Sie es sich leisten???


“Man ist in diesem reichen Deutschland nicht erst dann arm, wenn man unter Brücken schlafen oder Pfandflaschen sammeln muss. Armut beginnt nicht erst dann, wenn Menschen verelenden.”

(Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohl-fahrtsverbandes)

Die Ferien- und Urlaubszeit steht unmittelbar vor der Tür – viele Kinderlose nutzen derzeit bereits die Vorsaison-Angebote. Wie sieht’s bei Ihnen aus? Wohin verschlägt Sie der Wind? Viele Destinationen fallen auch heuer aus Sicherheitsgründen weg, viele andere sind schlichtweg zu teuer! Die Geiz-Touris zieht es derzeit massenweise in die Türkei – sie war noch nie derart billig wie heuer. Doch auch hier muss erwähnt werden: Sowohl das deutsche als auch das österreichische Außen-ministerium haben eine partielle Reisewarnung ausgesprochen. Zudem kann es zu Problemen bei der Ein- und Ausreise kommen. In dem Land herrscht seit 2016 das Notstandsgesetz – in manchen Teilen gar das Kriegsrecht. Wer solche Warnungen missachtet, ist selbst schuld. Gleiches gilt für Ägypten, die Phillipinen – ja sogar für Japan (nach wie vor für das Gebiet rund um Fukushima). Sicherheitshinweise gibt es zudem für beispielsweise Argentinien (Streiks), Australien (Kriminalität), die USA, Zentralamerika und die Karibik (jeweils aufgrund der Wirbelsturme) usw. Und auch Italien nimmt keine Flüchtlinge mehr auf!!! Ist also heuer nicht ganz einfach.
Hinzu kommt allerdings zudem, dass sich offenbar immer weniger einen Urlaub überhaupt leisten können. So war es zumindest im Jahr 2017 – sowohl Deutschland als auch Österreich haben ja inzwischen neue Regierungen, wodurch sich das selbstverständlich zum Guten geändert hat! Wirklich???
Auch ich hatte mal einen dieser Jobs, den niemand anderer haben wollte. Mit dem Netto-Gehalt konnte ich nicht mal meine laufenden Zahlungen begleichen – also hätte ich auch am Samstag ganztags arbeiten müssen. Acht Tage Einschulung – es folgten zwei 13-h-Arbeitstage mit jeweils nur EINER kurzen Rauchpause und meine Aufgabe mittels Kündigung am dritten Tage. Meine Arbeit wurde auf 1 + 3 Mitarbeiter aufgeteilt! Urlaub? Das 13. und 14. Monatsgehalt hätte ich wohl zum Ausgleichen des Kontostandes benötigt! Urlaub auf Balkonien – mehr wäre da nicht drin gewesen. Im vergangenen Jahr wurde eine Studie des Europäischen Statistikamtes “Eurostat” veröffentlicht, wonach sich jeder 5. deutsche Bundesbürger keinen Urlaub leisten könne – europaweit sogar bis zu 40 % – also mehr als jeder Dritte. Bei der Umfrage ging es um eine einwöchige Reise im Jahr. Die genauen Zahlen:
.) Deutschland:
19,2 % der Menschen
19,9 % der Haushalte mit Kindern
39,6 % der Alleinerziehenden
.) Österreich:
15,4 % der Menschen (jeder Achte)
3 % der Haushalte mit Kindern
42 % der Alleinerziehenden
.) EU:
32,9 % der Menschen
.) Rumänien:
66,6 % der Menschen
.) Spanien:
40,3 % der Menschen

Diese Menschen haben grösste Not damit, ihre Miete überweisen zu können, im Winter die Wohnung zu beheizen bzw. Ihren Kindern die Schulsachen zu kaufen. Wie jüngst etwa jene Mutter, die drei Rechnungen für Schullandwochen und Ferienbetreuung zugleich erhielt. Gesamt-forderung: 800,- €! Da bleibt dann nicht mehr wirklich viel für “die schönste Zeit des Jahres” über. Dieses “zwar gerne wollen aber nicht können” ist ganz eindeutig ein Zeichen von Armut, von der v.a. die Kinder am meisten betroffen sind. Nicht etwa, da sie zu Schulbeginn im Herbst nichts zu erzählen haben. Viele Sozialexperten, wie die Bundestagsab-geordnete der Linkspartei, Sabine Zimmermann, fordern deshalb einen Mindestlohn von 12 Euro und das Aus für die Niedriglohn-beschäftigungsformen, wie etwa der Leiharbeit. In diesen Jobs werden Experten in ihrem erlernten Brotberuf durch eine Leiharbeitsfirma an Unternehmen ausgeliehen. Dort versehen sie dieselbe Arbeit wie ihre fixangestellten Kollegen – allerdings nicht nach dem Tarif für ihren Lehr-Beruf sondern dem der Leiharbeit. So verdient etwa ein Fliesen- und Plattenleger in Rheinland Pfalz seit dem 01.05.2017 nach einer Mindestbeschäftigung von 3 Monaten (Lohngruppe 2b) einen Tariflohn von 19,02 €/Stunde brutto. Erledigt er jedoch dieselben Arbeiten als Leiharbeiter gilt ein Mindestlohn von 8,50 € – die Leiharbeitsfirma multipliziert dies normalerweise mal zwei – damit kostet der Leiharbeiter die beanspruchende Firma gerade mal 17,- €/h, womit alles abgegolten ist: Keine Urlaubs- und Weihnachtsgelder, kein Krankenstand, keine Prämien,…
Neben der Leiharbeit ist auch die Teilzeitarbeit ein grosses Problem. Viele Unternehmen greifen auf diese Möglichkeit zurück, da sie sich Lohnnebenkosten dadurch einsparen können. Vor kurzem veröffentlichte etwa Aldi Süd ein Gehaltsschema, das auf den ersten Blick für eine Vollzeitbeschäftigung ausgezeichnet erscheint. Der zweite Blick: Der Discounter beschäftigt nach eigenen Angaben auf der Unternehmens-Website insgesamt 43.400 Personen – das meiste davon sind Teilzeit-stellen! Dennoch sind Aldi-Arbeitsplätze heiss begehrt, schliesslich sind über 97 % davon unbefristet und die Bezahlung liegt meist 15 % über dem Tarif. Das Unternehmen betont seit Jahren seine soziale Kompetenz.
Viele Arbeitsverträge sind auch absichtlich knapp über Tarif vereinbart. Damit obliegt es jedem Einzelnen, jährlich das so angenehme Gehalts-gespräch mit dem Chef zu absolvieren. Durch die kalte Progression und die ständige Steigerung der Lebenshaltungskosten schaut dann so manch fleissiger Arbeitnehmer trotz Lohnerhöhung durch die Finger.
Diese Befragung betreffs der Selbsteinschätzung zu “materiellen Entbehrungen” wird regelmässig durchgeführt. International gesehen bessert sich die Situation geringfügig. Armut während des Berufslebens bedeutet noch weitaus grössere Armut im Alter, da nichts zurückgelegt werden kann. So lag anno 2014 die Armut im Alter in Deutschland mit 15,6 % bzw. 3,4 Millionen Menschen über dem Durchschnitt. 2017 waren es bereits 15,9 %. Somit hat, nach den Berechnungen der Autoren dieser Armutsstudie, die Zahl der Rentner unter der Armutsgrenze seit 2005 um sage und schreibe 49 % zugenommen.
Gemeint bei all diesen Überlegungen sind nicht etwa jene, die jedes Jahr ein neues Handy brauchen, einmal die Woche shoppen gehen, immer wieder Konzerte besuchen oder sich mindestens zweimal die Woche das Feierabendbier in der Stammkneipe schmecken lassen! Nein, gemeint sind vielmehr jene Menschen, die selbst nach der akribischsten Rotstiftaktion kein Einsparpotential mehr orten können. Ein zweiter Job? Das ist ein Rechenexempel. Schliesslich genügt bei vielen bereits eine geringfügige Beschäftigung um dadurch in eine andere Steuerklasse zu kommen. Schlussendlich werden nämlich beide Einkommen in einen Topf geworfen und die Lohnsteuer anhand dieses Beitrages berechnet (minus der bereits abgezogenen). So bleibt oftmals vom Zweiteinkommen nicht viel übrig – dann arbeitet man sozusagen nurmehr für Vater Staat und die Sozialversicherungen.
Wenn der Urlaub mal ausfällt, weil eine Wohnung gekauft oder ein Haus gebaut wurde? Ein neues Auto? Dieser Überlegung sollte man sich auf jeden Fall davor stellen! Während des Studiums beispielsweise arbeitete ich in den Sommerferien und nebenbei. Dafür konnte ich mir ein Motorrad und eine starke HiFi-Anlage leisten. Ein Studienkollege zog es vor, zwei bis drei Wochen lang Amerika zu erforschen. Somit sind also auch solche Umfragen mit etwas Vorsicht zu geniessen: Ist es den Eltern bewusst, dass sich nach einer Woche Bibione die Schulsachen ihrer Kinder nicht mehr ausgehen, sollte ich das Problem anders angehen. Es ist also eine Frage der Prioritäten, die bei derartigen Umfragen nicht berück-sichtigt werden.
Dennoch dürfen die harten Fakten des jährlichen Armutberichtes dabei nicht aus den Augen verloren werden. Nach den Angaben etwa des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes lag im Jahr 2017 in Deutschland die Armutsquote bei 15,7 % – 12,9 Millionen der Deutschen waren also im vergangenen Jahr von Armut betroffen. Und dies trotz ausgezeichnet rund laufendem Wirtschaftsmotor. 2005 betrug diese Quote noch 14,7 %. Als arm gilt europaweit jemand, der über weniger als 60 % des durchschnittlichen Einkommens verfügt (“Medianeinkommen”). Als Single bedeutet dies umgelegt ein Netto-Einkommen von bis zu 917 Euro, bei Alleinerziehenden mit einem Kind unter sechs Jahren 1.192 bzw. bei einer vierköpfigen Familie je nach Alter der Kinder 1.978 bzw. 2.355 Euro. In Österreich (Zahlen: SILC-Erhebung der Statistik Austria) waren 2016 1,542 Mio Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen – 18 % der Bevölkerung. Die tatsächliche Armut sank zwar seit 2008 von 5,9 auf 3 %, dafür stieg jedoch die Zahl der gefährdeten Einwohner. Im Alpenstaat gilt als arm, wer in einem Singlehaushalt über weniger als 1.185 Euro netto verfügt (pro Erwachsenem im selben Haushalt müssen 592 Euro, pro Kind unter 14 Jahren 355 Euro hinzugerechnet werden). Viele davon ohne eigene Schuld. Der Beginn dieser Todesspirale ist meist die Trennung vom Lebenspartner, Krankheit oder auch Verlust des Arbeitsplatzes. Vermögenswerte wie Auto, Wohnung, Haus etc. müssen verkauft werden bis schliesslich nichts mehr übrig ist. Trotzdem noch kein Arbeitsplatz in Sicht, denn: Je älter und länger man arbeitslos ist, desto weniger gern erfolgt eine Einstellung bei den Unternehmen. Worst Case: Ein 61-jähriger Arbeiter, dessen Firma dicht macht. Er verfügt möglicherweise über ein bereits abbezahltes Haus, über Erspartes und eine Altersvorsorge. Auch wenn er durchaus weiterarbeiten möchte und auch hier einige Abstriche im Vergleich zur Qualifikation machen würde. Schliesslich landet er bei der Mindest-sicherung oder in Deutschland bei Hartz IV. Und dabei schliesst sich der Kreis mit dem Urlaub wieder: Zu den Fragen der sog. “Erheblichen materiellen Deprivation” in der europaweit einheitlich durchgeführten SILC-Umfrage zählen u.a. auch die Fragen nach vollwertiger Nahrung, ordentlicher Heizung der Wohnung, einer Waschmaschine und: Einmal im Jahr eine Woche Urlaub!
Klar, werden nun einige sagen: Es muss ja nicht unbedingt die Dominikanische Republik oder Indonesien sein. Deshalb hier einige Tipps:
- Preisvergleiche über Urlaubsbörsen lohnen sich
- Nebensaison ist wesentlich günstiger als Hauptsaison
- Fliegen Sie wenn möglich von kleineren Flugplätzen ab
- Starten Sie in einem Bundesland, in dem die Sommerferien vielleicht schon vorbei sind (Flüge werden billiger)
- Auto oder Bahn sind weitaus günstiger und umweltfreundlicher als Flugzeuge
- Zelt oder Wohnmobil anstelle teurer Hotels können auch etwas romantisches haben
- Wenn Hotel, dann Halbpension anstatt All inclusiv
- Ökologischer Natururlaub (Aktivprogramm meist inkludiert)
- Busreisen – nicht nur für Senioren
Wenn nun vornehmlich rechtspopulistische Regierungen dieses soziale Netz noch weiter kürzen mit der Rechtfertigung, dass es genügend Arbeit gebe, die Langzeitarbeitslosen nur nicht einer Beschäftigung nachgehen wollen, so wird dadurch einzig und allein noch mehr Armut produziert. Schliesslich können mit dem Gehalt eines Tellerwäschers die zuvor aufgenommenen und für den Lebensunterhalt notwendigen Kredite nicht zurückbezahlt werden (“Working Poor”). Die Folge: Privatkonkurs trotz 100 %-iger Beschäftigung. Ist das die Lösung eines Sozialstaates???

PS: Für all jene Politiker, die derzeit populistisch auf die Arbeitslosen losgehen: Niemand ist gerne arbeitslos. Für etwa 10 % der öster-reichischen Erwerbstätigen bedeutet Armut soziale Ausgrenzung (Vereinszugehörigkeit, Schullandwochen – ja sogar das Feierabend-Bierchen gehören zu jenen Dingen, die man sich plötzlich nicht mehr leisten kann). Bei den Arbeitslosen sind es satte 57, bei mehr als sechs Monaten ohne Job gar 79 %!!!

Lestipps:

.) Armut in einem reichen Land – Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird; Christoph Butterwegge; Campus
.) Heart´s Fear: Hartz IV – Geschichten von Armut und Ausgrenzung; Bettina Kenter-Götte; Verlag Neuer Weg 2018
.) Armut in Deutschland: Wer ist arm? Was läuft schief? Wie können wir handeln?; Georg Cremer; C.H.Beck 2017
.) Armut: Ursachen, Formen, Auswege; Philipp Lepenies; C.H.Beck 2017
.) Zwangsgeräumt: Armut und Profit in der Stadt; Matthew Desmond; Ullstein 2018
.) Wohlstand und Armut der Nationen: Warum die einen reich und die anderen arm sind; David Landes; Pantheon Verlag 2009

Links:

- www.sozialministerium.at
- www.boeckler.de/wsi-tarifarchiv_2275.htm
- www.statistik.at
- ec.europa.eu/eurostat/de/home
- www.budgetberatung.at
- www.der-paritaetische.de/
- www.armutskonferenz.at
- www.agenda-austria.at
- www.forschungsnetzwerk.at
- www.meinpflegeplatz.at
- www.biblio.at
- www.bewusst-und-sein.at

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Ulrich Stock

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Gefahr für Mensch und Tier

Na, heute wieder Stress in der Arbeit gehabt? Nervt vielleicht der Chef oder vielleicht Zoff in der Familie? Dann unternehmen Sie doch ganz einfach einen Spaziergang durch den Wald. Zum Abschalten sozusagen – aber auch zum Krafttanken. Der Wald ist eines der wichtigsten Naher-holungsgebiete, über die wir uns in Mitteleuropa nach freuen können. Teils riesige, uralte Bäume legen Zeugnis davon ab, welche Macht die Natur hat. Dazu kommen die vielen neuen Sinneseindrücke und die sauerstoffreiche Luft.
Doch kann wider allen Erwartens dieser Wald auch gefährlich werden. Und dabei sind es nicht mal die grossen Beutefänger wie Wolf oder Bär, die wieder in ihre alte Heimat zurückkehren, sondern kleine Raupen, die es aber wahrhaft in sich haben: Die Eichenprozessionsspinner (EPS) – nicht zu verwechseln übrigens mit dem Eichenspinner!

https://www.youtube.com/watch?v=FRIQWagffJA

Bis zum Juni bevölkern sie zu Millionen die Baumkronen – heuer ist es aufgrund des vorigen, lange warmen Herbstes, des milden Winters und des sehr warmen Frühlings wieder besonders zu bemerken. Der Eichenprozessionsspinner gehört zur Gruppe der Nachtfalter und ist eigentlich harmlos. Die Flügelspanweite reicht zwischen 25 bis 36 mm – dabei sind die weiblichen grösser als die männlichen (Sexual-dimorphismus). Auch sind die weiblichen wesentlich heller als die kastanienbraunen Flügel der Männchen. Ein einziges Weibchen kann bis zu 300 Eier legen. Die Jungraupe überwintert im Ei. Normalerweise im Mai – im Laufe eines sehr warmen Frühlings jedoch auch schon im April schlüpfen die Raupen. Gefährlich ist vor allem das 3. bis 5. Larvenstadium. Diese 50 bis 80 mm grossen Raupen kriechen nämlich zwischen April und Juni in prozessionsähnlichen Gruppen (daher der Name) mit einer Länge von bis zu 10 m aus den Baumkronen, die sie während des Frühjahrs teils grossräumig abgefressen haben können (Lichtungs- bzw. Kahlfrass), in Richtung Boden. Dort finden sie ihre Nahrung ganz entgegen ihres Namens an Sträuchern, wie Schlehdorn, Brombeer, Blaubeere, und Besenginster. Die Rauschbeere, Weiden und die Besenheide sind ebenfalls heiss begehrt. Auch hier können sie grossen Schaden anrichten, weshalb sie in der Landwirtschaft und dem Beerenanbau nicht wirklich gern gesehen sind.
Damit sie diesen Weg überleben und nicht etwa davor von Fressfeinden den Weg in die Nahrungskette finden, besitzen sie dichte, feinste Brennhaare (bis zu 600.000). Kommen Mensch und Tier mit diesen Härchen in Berührung, so lösen sie Hautexeme aus, die durch das Jucken und Kratzen noch wesentlich schmerzhafter werden. Gelangt das Gift in die Augen oder Atemwege ist gerade für Allergiker höchste Alarmstufe geboten. Deshalb gleich mal vorweg: Meiden Sie in diesen Monaten den Aufenthalt an oder unter einer Eiche bzw. im Bereich der angesprochenen Sträucher.
Der Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) gehört zur Ordnung der Schmetterlinge und kommt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Entdeckt wurde er in Deutschland erstmals im 19. Jahr-hundert. Nachdem er nahezu als ausgestorben galt, ist er seit rund 20 Jahren auch in unseren Breiten wieder recht aktiv, wo er zu einem gefährlichen Allergieträger avanzierte. Zu den natürlichen Feinden gehören Wanzen, Schlupfwespen, Raupenfliegen, der Kuckuck und räuberische Käfer wie etwa der Puppenräuber. In den Baumkronen von Eichen durchleben die Falter in Gespinstnestern mit etwa 30 anderen ihre ersten Stadien. Für einen Laien sehen diese wie Zuckerwatte aus. Es empfiehlt sich allerdings, einen weiter Bogen um solche Bäume zu machen. Diese Gespinstnester bestehen nicht nur aus Raupenseide, sondern auch aus alten Raupenhäuten und -haaren – sie sind deshalb hochgefährlich. Ab dem 3. Larvenstadium bilden die Raupen Härchen aus. Die rund 0,1 bis 0,3 mm grossen Haare besitzen Widerhaken, wodurch sie sich leicht festsetzen und schlecht zu entfernen sind. Das ist besonders im Auge besonders gefährlich: Hat sich ein solches Haar dort verfangen, sollten die Tränen nicht weggewischt werden, das Auge also auf gar keinen Fall gerieben werden. Durch diese Widerhaken kann das Haar nämlich die Hornhaut durchstossen – der todsichere Auslöser für eine sehr schmerzhafte Hornhautentzündung. Ausserden beinhalten sie das Nesselgift Thaumetopoein, die Ursache für die sog. “Raupen-dermatitis”: Starke Hautrötungen oder gar Quaddeln oder Pusteln. Da dies jedoch sehr leicht mit der Krätze (durch Milben verursacht) zu verwechseln ist – wird ein Arzt konsultiert – sollte man vom Aufenthalt im Wald oder Park berichten. Handelt es sich nur um wenige Haare, so verschwinden diese Entzündungen vornehmlich auf nicht behaarten Hautpartien wie Gesicht, Nacken, Armen oder Beinen nach rund 14 Tagen von selbst. Allerdings sollte nicht gekratzt werden, auch wenn es aufgrund des starken Juckreizes nicht wirklich einfach ist. Ansonsten kann sich die befallene Hautstelle leicht entzünden, was den medizinischen Beistand unbedingt erforderlich macht.
Auf jeden Fall sollte ein Arzt aufgesucht werden, wenn ein Auge (bei etwa 20 %) oder die Atemwege (rund 10 %) betroffen sind. Im Auge führen die Härchen zu einer Rötung der Bindehaut, Lichtscheue und Schwellungen. Aufgrund des vorhin beschriebenen Sachverhaltes müssen die Härchen fachmännisch entfernt werden, da nicht immer die Tränenflüssigkeit den Eindringling herausspült.
Besonders problematisch sind die Härchen in den Atemwegen. Hier lösen sie Entzündungsherde aus, die einer Bronchitis, einer Kehlkopf- oder einer Rachenentzündung ähneln. Bei Asthmatikern können sie zudem für einen Asthma-Anfall verantwortlich sein. Hier helfen Kortison-Sprays sowie Antihistaminika. Schlecht für Allergiker: Nachdem das Immun-system darauf sensibilisiert wurde, wird jeder weitere Kontakt mit solchen Haaren schlimmer. Tritt Atemnot ein, so müssen bronchienerweiternde Medikamente (Bronchodilatatoren) eingenommen werden. Ein anaphylaktischer Schock hingegen ist sehr selten.
Die Zeit zwischen Ende Mai bis Anfang Juli ist allerdings die gefährlichste, da die Raupen ihre Härchen verlieren. Sie werden durch den Wind bis zu 200 m weit verfrachtet. Dadurch wird in dieser Zeit ein Kontakt am wahrscheinlichsten. All das gilt übrigens auch für Haustiere wie Hund und Katz, aber auch für Pferde. Diese sind eigentlich durch ihr Fell geschützt. Gelangt das Nesselgift jedoch durch Schnuppern oder Säubern des Felles an Schleimhäute, so führt dies zu Atemnot und Schwellung des Kopfes. Deshalb sollte das Fell nach Kontakt gut ausgespült und bei akuten Symptomen sofort der Tierarzt aufgesucht werden.
Haben Sie sich nun tatsächlich eines dieser Nesselhärchen eingefangen, so sollten Sie die Kleidung wechseln, mit 60 Grad waschen und gut duschen bzw. die betroffene Hautstelle mit Seifenwasser säubern. Danach bitte kein Handtuch verwenden, da sie ansonsten noch verbliebene Haare in die Haut einmassieren. Verwenden Sie einen Föhn zum Trocknen. Den Juckreiz können Sie mit einer kalten Kompresse lindern.

https://www.youtube.com/watch?v=7tTf3ncOOuU

Eichen finden sich in ganz Deutschland und Österreich. In starken Befallsjahren sind auch Hainbuchen betroffen! Bevorzugt werden allein-stehende, gut besonnte Bäume – die gibt es vermehrt in Freibädern, an Sportplätzen oder in Schulhöfen bzw. am Waldrand. Besonders aktiv sind die Raupen jedoch entlang des Rheins, im Nordosten und Süden Deutschlands; in Österreich in einzelnen Bereichen von Wien (Wienerwald, Lobau), dem niederösterreichischen Hochleitenwald und auch der Südsteiermark, in der westlichen Schweiz und dem Mittelland. In Berlin und Brandenburg waren bereits 2013 mehr als 10.000 Bäume befallen, im Jahr zuvor liessen sich mehr als 7.000 Personen mit diesen Symptomen beim Arzt versorgen! Jeder Vierte war ein Kind oder Jugendlicher. Heuer wurden in der Schweiz bereits 11 dieser Vergiftungsfälle behandelt. Auch beim diesjährigen Open Air “Rock im Park” in Nürnberg mussten einige der Fans mit solchen Hautausschlägen behandelt werden. Betroffene Gebiete werden sofort gesperrt, wie etwa der Schlosspark von Schönbrunn. Derartige Betretungsverbote sollten im eigenen Interesse ernst genommen werden. Besonders schwierig aber ist die Bekämpfung in den städtischen Parks, wie etwa dem Prater in Wien, der heuer besonders stark betroffen ist – in Wien sind rund 400 Bäume befallen. Je einseitiger sich die Insekten ernähren können, desto länger leben sie übrigens auch, wurde in der Schweiz nachgewiesen. Die Raupen verpuppen sich Ende Juni um im August als Falter zu schlüpfen. Die Gifthaare in den Gespinstnestern jedoch bleiben bis zu zehn Jahre, lose bis zu einem Jahr aktiv. Hier ist also mit erhöhter Vorsicht zu agieren. Die Entfernung dieser Gespinste sollte ausschliesslich durch Fachleute vorgenommen werden. Sie kratzen, flämmen oder saugen die Nester ab. Dabei ist ein Schutzanzug unbedingt erforderlich. In der Prävention werden befallene Bäume mit einem bakteriologischen Gift (Bacillus thuringiensis) entweder vom Boden oder bei Eichenwäldern vom Hubschrauber aus besprüht. Das Stoffwechselendprodukt des Bakteriums verbindet sich im Darm der Raupe mit dort vorkommenden Enzymen zu einem Gift – die Raupe stellt nach drei bis vier Tagen den Frass ein und verendet. Dies solte noch bevor die Brennhaare ausgebildet werden geschehen. Entdecken Sie im heimischen Garten ein solches Gespinstnest, so müssen Sie dies beim zuständigen Gemeindeamt oder der Stadtverwaltung (Garten- oder Gesundheitsamt) melden. Bitte entfernen Sie das Nest nicht selbst!
Übrigens: In Bayern etwa ist das Fällen befallener Bäume verboten, sofern diese unter die Baumschutzverordnung fallen, so das Urteil des Verwaltungsgerichtshofes München. Diese verbietet nämlich das Fällen von Bäumen ab einem gewissen Stammumfang. Einzige Ausnahme bildet dabei nur ein grundstückbezogener Grund! Ob Nesselgift oder nicht! Hier muss deshalb der Grundeigentümer Schädlingsbekämpfungsmassnahmen veranlassen.

Lesetipps:

.) Die Schmetterlinge Baden Württembergs Band 4, Nachtfalter II.; Günter Ebert; Ulmer Verlag 1994
.) Der Neue Kosmos Schmetterlingsführer, Schmetterlinge, Raupen und Futterpflanzen; Heiko Bellmann; Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co 2003
.) Nachtfalter, Spinner und Schwärmer; Hans-Josef Weidemann/Jochen Köhler; Naturbuch-Verlag 1996

Links:

- www.umweltbundesamt.de
- www.umweltbundesamt.a
- www.julius-kuehn.de
- www.stadtbaum.at
- www.dog.org
- www.eichenprozessionsspinner.org
- www.lepiforum.de
- www.natur-schmetterlinge.ch
- www.schmetterling-raupe.de
- www.waldwissen.net

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Forza Azzurri – das neue Pulverfass Europas


“Wir werden entschlossen handeln, um die Lebensqualität aller Italiener zu verbessern!”

(Giuseppe Conte, Ministerpräsident Italiens)

Nach Ungarn, Polen, den USA und Österreich werden nun also auch in Slowenien und auf der Apenninen-Halbinsel die Knobelbecher vom Dachboden holt. Italien hat gewählt und Italien hat eine neue Regierung: Wenn die Links- mit den Rechtspopulisten! Von vielen hierzulande schweigend zur Kenntnis genommen, birgt diese derzeitige Konstellation eine Menge Potential an politischem Zündstoff. Die Analysten – und ihnen möchte ich mich anschliessen – hoffen, dass wohl auch dieses Mal der italienische Weg beschritten und es schon recht bald Neuwahlen geben wird. Genau diesen Gedankengang möchte ich ohne Erklärung so nicht stehen lassen.
Als Sieger der vorgezogenen März-Wahlen ging die Mitte-Rechts-Allianz eines Mannes hervor, der sich eigentlich politisch nach den unterschied-lichsten Gerichtsurteilen gar nicht mehr betätigen dürfte: Silvio Berlusconi. Allerdings konnte dieses Bündnis, bestehend aus der Forza Italia, der Lega Nord, der national-konservativen Fratelli d’Italia und verschiedenen Kleinstparteien nicht die regierungsfähige Mehrheit für sich verbuchen, weshalb es nun zu Koalitionsgesprächen der einzelnen Parteien kam. Bei der Wahl zur Abgeordnetenkammer (der Senat ist vergleichbar mit dem deutschen und österreichischen Bundesrat) gewann ganz klar der MoVimento 5 Stelle M5S (Fünf-Sterne-Bewegung) unter dem Vorsitz von Beppe Grillo, gefolgt von dem Partito Democratico PD (Demokratische Partei) des Paolo Gentiloni und der Lega Nord unter Matteo Salvini. Die Fünf-Sterne-Bewegung hielt sich vorerst aus den Sondierungsgesprächen heraus um schliesslich mit dem überraschenden Ergebnis in den Vordergrund zu stossen: Man habe sich mit der Lega Nord geeinigt! Allerdings erst nachdem der IWF-Finanzexperte Carlo Cottarelli sein Mandat für die Bildung einer Technokratenregierung zurücklegte. Er hätte keinen politischen Rückhalt gehabt und ohnedies nur bis zu den nächsten vorgezogenen Neuwahlen regiert. Damit gaben sich – ähnlich wie in Griechenland – die Links- und die Rechtspopulisten die Hand und erzielen in der Abgeordneten-Kammer mit 50,02 % hauchdünn die absolute Mehrheit. Was das nun für die künftige Parlamentsarbeit bedeuten kann ist fatal. Doch eins nach dem anderen.
2009 begründete der in seinem Heimatland sehr bekannte Kabarettist Beppe Grillo den Movimento 5 Stelle als Protest- und Bürgerbewegung gegen die EU. Die Fünf-Sterne stehen für Ambiente, Acqua, Sviluppo tecnologico, Connettività, Mobilità sostenibile – also Umweltschutz, universelles Recht auf sauberes Wasser, technologischer Fortschritt, öffentliche Breitbandkonnektivität und nachhaltige Mobilität. Themen also, die auch in Berlin und Wien immer wieder auf die Fahnen aller Parteien geheftet werden. Anfänglich belächelt, heimsten Grillo und seine Damen und Herren bei immer mehr Wahlen auch immer mehr Stimmen ein. Inzwischen hat die Partei mehr als 500.000 Mitglieder. 120.000 davon, die sog. “Aktivisten”, sind online vernetzt und stimmten bislang bei allen Entscheidungen zuvor über eine Internet-Plattform ab – ähnlich, wie es ja auch die Piratenparteien hierzulande praktizieren wollten. Diese Plattform (Rousseau) autorisierte bis zur Regierungsbildung auch die Interviews und Aussagen der M5S-Politiker. Wie dies künftig in einer Regierungspartei aussehen wird, ist fraglich. Kritiker werfen allerdings Grillo vor, innerparteilich einen beinharten autokratischen Kurs zu fahren.

“Heute ist ein historischer Tag. Die Fünf-Sterne-Bewegung regiert Italien.”
(Aus dem M5S-Blog)

Im Europaparlament ist der M5S Teil der Fraktion EFDD. Grillo selbst griff bereits in den 1980er Jahren Politiker ganz offen in seinen TV-Shows an, weshalb er mit TV-Verbot belegt wurde. Seine Auftritte absolvierte er stattdessen in Theatern und Hallen. Im Jahr 2007 rief er zum sog. “V-Day” (Vaffanculo-Day – dem “Fick-Dich-Tag”) auf. Nur an diesem Tag sammelte er nicht weniger als 350.000 Unterschriften für seine Ziele, wie Direktwahl von Politikern, max. zwei Legislaturperioden für alle Abgeordneten etc. 2008 wiederholte er das Spektakel. Im Jahr darauf wollte er durch eine Urwahl zum Vorsitzenden des PD gewählt werden, was jedoch verhindert wurde. Also gründete er, gemeinsam mit dem Internet-Unternehmer, dem inzwischen verstorbenen Gianroberto Casaleggio, die 5-Sterne-Bewegung. Erste Wahlerfolge gab es 2010 im Piemont und der Emilia Romagna. Diese setzten sich 2011 bei den Kommunal- und Regionenwahlen im Norden und der Mitte des Stiefels fort. 2012 wurde der M5S auf Sizilien stimmenstärkste Partei. Bei den Parlamentswahlen 2013 wurden die 5-Sterne aus dem Stand heraus zweitstärkste Partei knapp hinter dem Partito Democratico. Mit Virginia Raggio gehört zudem die römische Bürgermeisterin der M5S an, ebenso wie Chiara Appendino, die oberste Stadtvertreterin aus Turin. Beppe Grillo hielt sich an seine eigenen Vorgaben. Er lehnte mögliche Bündnisse oder Koalitionen stets ab und trat auch heuer nicht selbst als Spitzenkandidat an (Verhaltenskodex des M5S), sondern schickte einen Quereinsteiger als Nummer eins in die Wahl: Den Wirtschaftsrechts-Professor Giuseppe Conte, der es nicht immer unbedingt ehrlich mit seinen Studien-zeugnissen nahm. Parteivorsitzender bleibt Luigi di Maio, der zugleich auch die Positionen des Vizepremiers und Ministers für Arbeit und Industrie wahrnimmt. Zeigte sich Grillo anfänglich noch gegenrussisch, so änderte er inzwischen seine Meinung und fordert den Stop der Sanktionen gegen Putin. Die EU und auch die USA sollten sich weniger in russische Angelegenheiten einmischen (Ukraine, Krim). Die Bombardements der syrischen Stadt Aleppo werden von Grillo als “Befreiung” bezeichnet. Die NATO ist für ihn “aggressiv”. Auch vor Fake-News wird kein Halt gemacht – bei Populisten üblich. Die 5-Sterne-Bewegung ist grundsätzlich EU-kritisch und Euro-feindlich (der Euro sei “…ein Strick um den Hals!”). Die Europäische Union habe nichts mehr mit den Vorstellungen ihrer Gründungsväter zu tun. Inzwischen bestimmten nurmehr die Banken das ganze Gebilde. 12 Milliarden Euro würden jedes Jahr von Rom nach Brüssel überwiesen, nur neun davon fliessen wieder zurück – ausgerechnet in die vom organisierten Verbrechen dominierten Regionen Kampanien, Kalabrien und Sizilien. Es würde ein ständiger Krieg gegen die Europäische Zentralbank stattfinden, so Grillo. Apropos Geld: Der Verhaltenskodex sieht ein maximales Monats-Bruttogehalt der Abgeordneten in der Höhe von 5.000,- € vor. Der Rest soll in eine Stiftung fliessen, über die Kleinkredite für die Gründung von KMUs vergeben werden. Eine gute Geschichte, doch hielten sich mindestens 14 Parlaments-Abgeordnete nicht daran und liessen sich den Betrag rücküberweisen. Der Wahlkampf wurde bestimmt durch die Themen Direkte Demokratie, Bürokratie-Abbau, weniger CO2-Ausstoss (Einhal-tung des Kyoto-Protokolls), kostenloser Internet-Zugang, Abschaffung von Monopol-Unternehmen, Eingrenzung der Manager-Gehälter, Stärkung des öffentlichen Verkehrs und der E-Mobilität, kostenlose Gesundheitsversorgung. Was von all dem übrig bleiben wird – wir werden’s sehen: Am 4. März des Jahres ging das M5S als stimmenstärkste Partei aus den Parlamentswahlen hervor.
Mit 17,34 % gewann bei derselben Wahl die Lega Nord am meisten Stimmen hinzu – sie belegte Platz drei. Die “Lega Nord per l’indipendenza della Padania” (Liga Nord für die Unabhängigkeit Padaniens) allerdings gibt es schon seit längerer Zeit. Ihr Ziel war es ursprünglich, dass sich der reiche und wirtschaftsstarke Norden mit der Hauptstadt Mantua vom strukturschwachen und armen Süden nach jugoslawischem Vorbild ablösen solle (Sezessionismus). Inzwischen wurden Kontakte zu Autonomiebewegungen in ganz Italien geknüpft. Seit den heurigen Parlamentswahlen tritt sie als Lega in ganz Italien zur Wahl an – im Süden mit ihrer Schwesternpartei, der Lega Sud Ausonia. Politisch steht die Lega für die Übertragung der meisten politischen Kompetenzen an die Regionen (Förderalismus) sowie eine Begrenzung der Zuwanderung.
Am 4. Dezember 1989 gründete der inzwischen verstorbene Gianfranco Migli gemeinsam mit dem heutigen Ehrenpräsidenten Umberto Bossi die Partei und griff dabei vornehmlich auf die historische Ideologie des Lombardenbundes zurück – nicht auf den historischen Faschismus eines Mussolinis, von dem sich die Lega stets distanziert hat. Demnach sollen die Wurzeln des italiensichen Nordens aus dem Keltentum herrühren. Gegenüber den Süditalienern zeichnen sich diese alsdann mit mehr Fleiss und Intelligenz aus, betonte Bossi früher bei jeder Gelegenheit. Der Zentralstaat wird zur Gänze in Frage gestellt – seine Symbole wie die Tricolore oder die Hymne “Fratelli d’Italia” verachtet.

“Il tricolore, signora, lo metta al cesso!”

(Umberto Bossi 1993 bei einer Veranstaltung)

Nur kleine und ethnisch homogene Gebilde können auf Dauer überleben – mit “Padanien” hat die Lega eine solche Makroregion neben Etrurien (Mittelitalien) und Ausonia (Süditalien) definiert. Deshalb sympathisiert die Lega international mit der Vlaams Partei aus Belgien und den freiheitskämpfenden Korsen. Politisch wird die Partei dem Rechts-populismus bzw. dem “Rechtsextremismus” (Camus/Kestel & Godmer) zugeschrieben, der zuletzt v.a. durch die Fremdenfeindlichkeit wieder reradikalisiert wurde. Auch die Schaffung der zwar offiziell unbe-waffneten, nichtsdestotrotz sehr militanten Gruppe der “Grünhemden” lassen Erinnerungen an die “Schwarzhemden” Mussolinis aufkommen.
Als Vorläufer der Lega gilt die 1983 gegründete Autonomiebewegung “Lega Lombarda”. Bereits vier Jahre später wurde deren Vorsitzender Umberto Bossi in den italienischen Senat gewählt. 1991 fusionierten andere Autonomiebewegungen des Nordens, wie die Liga Veneta oder auch die Alleanza Toscana gemeinsam mit der Lega Lomarda zur Lega Nord. Seit damals führt Umberto Bossi den Vorsitz. Der Untergang der ersten italienischen Republik und die Mani-pulite-Ermittlungen brachten der Lega einen massiven Wählerzulauf. Nach einem Alleingang bei den Parlamentswahlen 1992 schloss sich Bossi für die vorgezogenen Parlamentswahlen zwei Jahre später Silvio Berlusconi mit seiner Forza Italia und der nationalkonservativen Alleanza Nazionale des Gianfranco Fini an. Nach dem Wahlsieg des Bündnisses gingen fünf Ministerien an die Lega. Jetzt war sie Bestandteil einer Zentralregierung, die sie eigentlich zuvor bekämpft hatte. Es kam Ende des Jahres 94 zum Zerwürfnis mit Berlusconi, den Bossi als “Berluscaz” bezeichnete – “cazzo” bedeutet in’s Deutsche übersetzt “Schwanz”. Bossi lehnte 1996 die Zusammenarbeit mit der PDS (Linksdemokraten) ab und stellte seine Partei in’s politische Zentrum. Bis 2000 blieb die Lega unabhängig. In diesem Jahr einigten sich Berlusconi und Bossi erneut auf ein Mitte-Rechts-Bündnis. Bei den Parlamentswahlen 2001 sackte die Partei auf nurmehr 3,9 % ab – Bossi trat von seinem Ministerposten zurück, die Lega blieb jedoch bis 2006 in der Regierung Berlusconi. Bossi erlitt am 11. März 2004 einen Herzinfarkt und einen Hirnschlag. Nach längerer Genesungsphase wechselte er in’s Europaparlament. Inzwischen jedoch hatte sich die Lega von ihrer Abspaltungsideologie gelöst – in der Verfassungsreform 2005 erhielten die Regionen mehr Mitbestimmungs-rechte in den Ressorts Steuern, Bildung, Gesundheit und Polizei. Zudem sollte der Senat zu einer Länderkammer umgebaut werden. Die Reform wurde jedoch im Rahmen eines Verfassungsreferendums, das durch ein Linksbündnis initiiert wurde, klar abgelehnt. Nach nur geringen Zuwächsen bei den Parlamentswahlen 2006 und der Niederlage des Mitte-Rechts-Bündnisses entschied sich die Lega, unabhängig weiterzumachen. 2008 legte sie deutlich an Stimmen zu – im 4. Berlusconi Kabinett war sie jedoch erneut mit vier Ministern vertreten. Nach Berlusconis Rücktritt 2011 ging Bossi in die Opposition – er unterstützte nicht die Expertenregierung des ehemaligen EU-Kommissars Mario Monti. 2012 folgte ein Parteien-Finanzskandal mit mehreren Festnahmen. Auch die beiden Söhne Bossis wurden verdächtigt, Gelder veruntreut zu haben, weshalb dieser als Parteivorsitzender zurücktrat. Das Amt übernahm Roberto Maroni, der mit einer Neuausrichtung der Partei begann. Ihm folgte nach einem erneuten Wahldebakel 2013 Matteo Salvini. Dieser machte aus der Lega die heutige gesamtitalienische Rechtspartei. Seither stieg auch die Wählerzahl bei den Regionalwahlen. Nachdem die Lega bei der diesjährigen Parlamentswahl mehr Stimmen als die beiden anderen Rechts-Bündnis-Parteien erhielt, gab der unterlegene Berlusconi seine Zustimmung für die Koalition mit der 5-Sterne-Bewegung.

“Die Freiheit kann nicht mehr im Parlament erobert werden, sondern durch den Kampf von Millionen zur Aufopferung bereiter Männer in einem Befreiungskrieg.”

(Umberto Bossi 2007)

Wie fliesst nun eine solche deftige Aussage in ein gemeinsames Regierungsprogramm mit der Partei eines Kabarettisten, dem ein bislang politisch nicht aktiver Rechtsanwalt vorsteht?! Die Lega blieb bei Ihren Forderungen der damaligen Verfassungsreform. Dabei sollen solche Regionen wie etwa Südtirol, die die Voraussetzungen für die Kompetenzenübertragung bereits erfüllen, sofort, alle anderen erst später umgestellt werden. In der Wirtschaftspolitik sollen klein- und mittelständische Unternehmen gefördert werden. Grossunternehmen (Fiat, Alitalia) erhalten künftig keine staatliche Stützung mehr. Interessant wird in diesem Punkt die Haltung der neuen Regierung zu den vielen italienischen Pleitebanken werden. Eine Reform der Behörden soll zudem eine radikale Entbürokratisierung erzwingen. Dies sind auch die Vorstellungen der 5-Sterne. Etwas schwieriger wird’s da schon bei der Steuerpolitik. Nein – nicht in der Forderung nach Steuersenkung. Die Lega fordert nach wie vor, dass über die Steuern auch die Regionen entscheiden dürfen. Ganz und gar nicht im Sinne des Finanzausgleichs, da hierdurch wesentlich weniger Gelder in den strukturschwachen Süden fliessen werden. Matteo Salvini bekleidet neben des Amtes des 2. Vizepremiers auch jenes des Innenminister, wodurch alsdann die Frage der Zuwanderung nach den Vorstellungen der Lega abgehandelt werden kann. Bis zu 600.000 Flüchtlinge sollen abgeschoben und das Budget um 5 Mrd. Euro halbiert werden. Die Wartezeit verbringen die Abzu-schiebenden interniert in Abschiebezentren. Gegen die Einwanderung von Menschen mit “christlich-abendländischer Tradition” hingegen bestehen für die Rechtspopulisten keinerlei Zweifel. Zudem fordert die Lega das Recht auf Selbstverteidigung – auch mit Waffengewalt. Allerdings mit registrierten Waffen. Ob aus Italien ein zweites Amerika wird, bleibt abzuwarten.
Welche Auswirkungen wird nun dieser Koalitionsvertrag “Vertrag für die Regierung des Wandels” haben? Die Diskussion um die EU sollte vorerst vom Tisch sein, beide Parteien fordern allerdings eine Neuverhandlung der EU-Verträge, insbesondere des Euro-Stabilitätspaktes. Der Fortbe-stand der gemeinsamen Währung übrigens scheint gesichert. In einer Umfrage sprachen sich nicht weniger als 72 % der Befragten für den Verbleib in der Euro-Zone aus. Auch mit dem Hintergedanken, dass Italien die Schulden in Euro zurückzahlen müsste, was faktisch das Ende für v.a. den Mittelstand bedeuten würde – der Staat würde kurz vor dem Staatsbankrott stehen. Staatspräsident Sergio Mattarella hatte den als Finanz- und Wirtschaftsminister vorgesehenen Euro-Kritiker Paolo Savona (81 Jahre alt) – wie auch verfassungsrechtlich möglich – abgelehnt, der nun das Ministerium für Europäische Angelegenheiten übernommen hat. Di Maio forderte übrigens im Anschluss daran die Absetzung des Staatspräsidenten. Wirtschaftsminister wurde der 69-jährige Professor Giovanni Tria (unabhängig), der zwar den Euro nicht angreifen möchte, ihn allerdings auch nicht als das Maß aller Dinge versteht. Dass bereits Pläne für eine eigene Währung vorliegen sollen, konnte nicht bestätigt werden.
Beide Parteien treten für eine Flat-Tax, Steuersenkungen und ein Grundeinkommen ein – das bedeutet eine weitere Erhöhung der Staatsausgaben. Wie das bei einem Staatsschuldenstand von nahezu 2,3 Billionen Euro zu stemmen ist – da braucht es wohl anstelle eines Wirtschaftsanwaltes und eines Kabarettisten eher eines Zauberers. Auch Donald Trump hatte dies versprochen – schon 100 Tage nach Amtsantritt war jedoch kein Geld mehr da. Nach wie vor rudert er wie wild um nicht unterzugehen. Die Flat-Tax übrigens bedeutet in diesem Zusammenhang nurmehr zwei Pauschalsteuersätze mit 15 bzw. 20 %. Alleine das wird nach ersten Schätzungen bis zu 80 Milliarden € verschlingen. Woher nehmen???
Für die Sozialpolitik ist Di Maio zuständig. Damit auch für die Zuteilung der 20 Milliarden Euro schweren Sozialhilfepakete. Der wohl grösste Anteil dieser Gelder wird in den Süden fliessen – entgegen der bisherigen Vorstellungen des Koalitionspartners, der Lega. Aber auch nicht wirklich übereinstimmend mit jenen des grossen Grillo, der ja im Zusammenhang mit den EU-Fördergeldern vom Süden als von der organisierten Kriminalität dominiert sprach.
In der Aussenpolitik ist eine Öffnung in Richtung Russland wahrschein-lich, schliesslich haben beide Parteien einen Putin-Pakt unterschrieben und möglicherweise auch Fördergelder aus dem Osten erhalten. Salvini steht zu seiner Bewunderung des russischen Staatspräsidenten. Aussen-minister wurde der parteilose Europabefürworter Enzo Moavero Milanesi, der bereits unter Monti in der EU-Kommission gearbeitet hatte und danach das Europaministerium Italiens leitete.
Interessant vielleicht noch das Verteidigungsressort, das als eines von nur fünf an eine Frau geht: Elisabetta Trenta war zuvor als Spezialistin für Sicherheit im Militärzentrum für strategische Studien in Rom tätig. Sie wird sicherlich keinen leichten Job haben – als Puffer zwischen den pro-russischen Vizepremiers und ihren Kollegen aus dem NATO-Bündnis. Im Koalitionsprogramm ist zwar das Bekenntnis zur NATO enthalten – allerdings auch die Öffnung gegenüber Russland! Wie das zu vereinbaren ist, bleibt freilich abzuwarten.
In den letzten 72 Jahren gab es insgesamt 63 italienische Regierungen. Diese Regierung musste aus zumindest zwei Gründen zustande kommen: Einerseits fürchteten die 5-Sterne um ihre Wähler, da die Lega bei Umfragen nach den Wahlen mehr als 30 % erzielte. Den Sternen schwammen also die Felle davon. Zudem stiegen die Zinsaufschläge auf italienische Staatsanleihen. Das kostete den Staat weitere Millionen, da der Schuldenstand innerhalb kürzester Zeit plötzlich sprunghaft anstieg. Neuwahlen waren somit zumindest für dieses Jahr keine Option. Experten schätzen allerdings das Verfallsdatum dieser Regierung als sehr gering ein. Schliesslich hat Conte, der weder dem M5S noch der Lega angehört, überhaupt nichts zu melden – sind doch beide Vizepremiers die Koalitionsparteichefs! Sie waren es auch, die die Regierung zusammen-stellten, nicht Conte.
Kritik an der Regierungsmannschaft kommt einerseits aus Brüssel. So äusserte der Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vorsichtig seine Bedenken, der Präsident des Europaparlaments, Antonio Tajani (Mitglied der Forza) warnt vor den Zusagen, die sowohl M5S als auch Lega im Vorfeld gemacht haben – sie seien wirtschaftlich nicht finanzierbar. Ähnliches ist auch vom ehemaligen Interimschef des bislang regierenden Partito Democatico, Maurizio Martina, zu vernehmen, der gar von einem “gefährlichen Programm für Italien” und einer “Mischung aus Extremismus und antieuropäischer Politik” spricht.
Mit Neuwahlen im Frühjahr 2019 könnte somit durchaus gerechnet werden.

Lesetipps:

.) Fünf Sterne gegen Berlusconi. Das Movimento 5 Stelle und sein Weg in die italienische Politik; Bastian Brandau; ibidem-Verlag 2013
.) Die Antipolitischen; Jacques de Saint-Victor; Hamburger Edition 2015
.) The Lega Nord and the Northern Question in Italian Politics; Anna Centro Bull/Mark Gilbert; Palgrave 2001
.) Lega Nord and Contemporary Politics in Italy (= Europe in Transition – The NYU European Studies Series); Thomas W. Gold; Palgrave 2003
.) La Padania Promessa. La Storia, le idee e la logica d’azione della Lega Nord; Roberto Biorcio; Il Saggiatore 1997
.) Modernità e secession. Le scienze sociali e il discorso politico della Lega Nord; Michel Huysseune; Carocci 2004
.) Handbuch Rechtsextremismus: Netzwerke, Parteien, Organisationen, Ideologiezentren, Medien; Hrsg.: Bernd Wagner; Rowohlt 1994
.) The new politics of the right. Neo-populist parties and movements in established democracies; Hrsg.: Hans-Georg Betz/Stefan Immerfall; St. Martinʼs Press 1998
.) Rechtspopulismus in Europa: Gefahr für die Demokratie?; Hrsg.: Ernst Hillebrand; Dietz 2015
.) Die Parteiensysteme Westeuropas; Hrsg.: Oskar Niedermayer/Richard Stöss/Melanie Haas; VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006
.) Mapping the Extreme Right in Contemporary Europe. From Local to Transnational; Hrsg.: Andrea Mammone/Emmanuel Godin/Brian Jenkins; Routledge 2012
.) Populismus. Gefahr für die Demokratie oder nützliches Korrektiv?; Frank Decker; VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006
.) Extremismus in den EU-Staaten; Hrsg.: Eckhard Jesse/Tom Thieme; VS Verlag 2011
.) Europe for the Europeans; Ashgate/Aldershot; Burlington VT 2007

Links:

- www.movimento5stelle.it
- beppegrillo.it
- rousseau.movimento5stelle.it
- www.chiaraappendino.it
- www.leganord.org
- www.conifa.org
- www.camera.it
- www.senato.it
- www.bpb.de

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Unsere Werte – gibt’s sie wirklich???

Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich für meine Person kann den Aufschrei nach “Verteidigung der deutschen Werte” nicht mehr hören!
Liest man sich durch die Postings in den Social Medias, so stösst der Interessierte immer wieder auf das Wort “Wert” im Sinne von Traditionen. Zumeist wird es jedoch von jenen gebraucht, die vermehrt dem politisch rechten Lager entspringen und gar nicht wissen, was sich dahinter versteckt. Ist es vielleicht die grosse Samstagsabend-Fernsehshow, zu der sich die ganze Familie vor die Glotze versammelt? Tut mir leid – gibt’s nicht mehr. Der Besuch des Stadions im vierzehntägigen Rhythmus um mit Gleichgesinnten “Tooooor!” schreien zu können? Aufgrund der hohen Kartenpreise leider nicht mehr erschwinglich – ausserdem stehen da viele Menschen, die von Werten offenbar keine Ahnung haben sollten, auf den Spielfeldern! Oder das Sangria-Saufgelage am Ballermann – das wird es nicht mehr sehr lange geben, da die Einheimischen nun endlich erkannt haben, dass der Besen, der geholt wurde und jetzt nicht mehr aufhört, Alkohol aus Eimern zu kübeln, das Land kaputt macht?! Apropos – sind es Goethe, Schiller, Beethoven und Wagner, die schon lange nicht mehr von unserer Jugend gelesen, geschweige denn gehört werden? Was sind die deutschen Werte? Und – gibt es sie in Österreich auch? Bestand doch hier bis 1918 ein kaiserlich-königlicher Vielvölkerstaat?! Lassen Sie uns doch heute etwas philosophieren!
Bei der Recherche zu diesem Thema stiess ich auf durchaus unterschied-liche, teils auch konträre Ansichten, die vornehmlich verschiedenen Zeitströmungen unterworfen sind. Schliesslich gilt es als erwiesen, dass der Ursprung der Menschheit auf dem afrikanischen Kontinent zu suchen ist. Die Zeiten der Völkerwanderungen brachten zudem grossflächige Veränderungen mit sich. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen? Nach neuesten Erkenntnissen schrammte Deutschland zudem während des Dreissigjährigen Krieges haarscharf an einer Gesamtauslöschung vorbei. Dann waren da noch die unterschiedlichen Groß-Fürsten- und Herzogtümer oder gar Königreiche, die erst relativ spät (1871) durch einen gemeinsamen Kaiser vereint wurden. Und schliesslich versuchte eine machthungrige und nach heutigem Wissensstand verrückte Herrenrasse ein tausendjähriges Reich zu schaffen und der Bevölkerung deren Werte aufzudrücken. Wo also sollen wir beginnen?
Am besten in der Gegenwart mit jeweiligen Seitensprüngen auf die ach so bunte Vergangenheit. Der praktische Philosoph Prof. Dr. Andreas Niederberger vom Institut für Philosophie an der Universität Duis-burg/Essen ist der Überzeugung, dass es so etwas wie die deutschen Werte nicht gibt. Es handelt sich vielmehr um einer Erfndung aus dem 19. Jahrhundert, um sich gegenüber anderen Nationen abgrenzen zu können. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass es das Jahrhundert der drei Napoleons war, nicht mal der Türkenkriege – die waren bereits geschlagen. Doch auch hier gibt es kein gemeinsames Deutschland, schliesslich kämpften in der Völkerschlacht bei Leipzig (16. – 19. Oktober 1813) tausende deutsche Soldaten auf Seiten Napoleon Bonaparts (Königreich Bayern, Königreich Sachsen, Königreich Württem-berg, Grossherzogtum Hessen, Grossherzogtum Baden,…). Ihnen gegenüber standen die Koalitionstruppen der Kaiserreiche Österreich und Russland sowie der Königreiche Preussen, Schweden und England. Somit also aus deutscher Sicht von “Befreiungskrieg” zu sprechen, ist historisch gesehen ein Fauxpas. Also musste man sich etwas einfallen lassen, um aus Deutschland tatsächlich auch Deutschland zu machen – es entstanden die “deutschen Werte”! Niederberger spricht hierbei von einer nicht durch Grenzen vorgegebenen “volkskundlichen Legitimierung”! Allerdings betont er auch, dass “Werte” ein abstrakter Begriff ist, weshalb sie sehr häufig mit Tugenden und Normen verwechselt werden. Der Duden versteht unter “Norm” eine “allgemein anerkannte, als verbindlich geltende Regel für das Zusammenleben der Menschen”, unter der “Tugend” eine “Eigenschaft, Qualität, Stärke”. Und somit haben wir bereits die gesamte Wertediskussion ad absurdum geführt. Schliesslich sagt der Duden über “Wert” aus, er stelle eine “einer Sache innewohnende Qualität, aufgrund deren sie in einem gewissen Maße begehrenswert ist (und sich verkaufen, vermarkten lässt)” dar. Der Wert verschafft einem Ding also einen “Verkaufswert”. Und hier ist sich nicht mal der Handel einig, weshalb der UVP (die Unverbindliche Preisempfehlung) eingeführt wurde. Mir zumindest liegt es fern, einen Menschen als “Ding” oder “Sache” zu bezeichnen.
Betrachten wir uns doch die vieldiskutierten Kohorten-”Werte” der Deutschen und auch Österreicher etwas genauer.
.) Frieden
Das ist ein wirklicher, ein realer Wert. Produkte, die im Frieden erzeugt werden, weisen zumeist eine wesentlich höhere Qualität auf als jene, die in Kriegszeiten hergestellt werden. Damit beeinflusst der Frieden durchaus den Marktwert eines Gegenstandes. Allerdings kann zur Herstellung des Friedens auch der Einsatz von Waffen erforderlich sein. Wären damals die Hunnen, die Türken, Napoleon Bonaparte oder auch Adolf Hitler nicht mit Waffengewalt aufgehalten worden – wie sähe Europa heute aus? Frieden aber gibt es nicht nur zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, sondern gottlob auch in anderen Staaten dieser Erde. Ist das somit ein typisch “deutscher Wert”?
.) Freiheit
Ist eine Norm! Ein kluger Kopf meinte einst: “Die Freiheit des Einzelnen reicht so weit, als er die Freiheit eines anderen einschränkt!” (Urheber ist unklar – möglicherweise die französische “Déclaration des droits de l’homme et du citoyen”). Doch – sind wir wirklich frei? Kann ich jederzeit zum Nachbarn gehen und von seinem Baum Äpfel klauben? Vorschriften, Gesetze, Regeln, Steuern, Gewohnheiten, Traditionen etc. schränken uns eklatant in unserem Tun ein. Das ist für das Zusammenleben unabdingbar. Ist da aber nicht der umherziehende Beduine als wesentlich freier als der Österreicher aus Stinatz im Burgenland zu bezeichnen?
.) Demokratie
Hier bestehen sehr viele Überschneidungen zum ersten Punkt. Dennoch muss eindeutig gesagt werden: Das ist kein Wert, sondern eine Norm. Die Grundregeln einer jeden Demokratie sind in den Verfassungen niedergeschrieben. Dort beispielsweise ist auch enthalten, wie die Demokratie von jedem Einzelnen ausgeübt werden kann bzw. muss: Durch die Wahl der Vertreter oder durch die direkte Einspruchnahme durch Volksabstimmungen etc. Bei Zweiterem jedoch haben eindeutig die Eidgenossen aus der Schweiz die Nase vorn. Betrachtet man sich die Namensgebung Nordkoreas (Demokratische Volksrepublik Korea) oder auch jene Westsaharas (Demokratische Arabische Republik Sahara), so besteht zumindest theoretisch auch dort die Möglichkeit einer Demokratie! Weshalb soll zudem das Grundgesetz oder in Österreich die Verfassung ein Wert sein, wenn er nicht mal mehr von gewählten Volksvertretern eingehalten oder gar von Gruppierungen wie den Identitären oder Reichsbürgern anerkannt wird? In Österreich etwa fragen sich viele Experten bei nahezu jedem der Gesetzesentwürfe der derzeitigen Regierung, ob diese denn überhaupt noch verfassungs-konform sind!
.) Sicherheit
Meines Erachtens eine Norm! Für die Sicherheit zeichnet die Exekutive verantwortlich – also eine Obrigkeit in Ausübung der Gesetze. In der Türkei sorgt der ausgerufene Notstand dafür, dass die öffentliche Sicherheit zumindest nach der Vorstellung Erdogans gewährleistet wird, in Nazideutschland die Polizei, vornehmlich jedoch die GESTAPO für die innere Sicherheit, in der DDR die Stasi. Wie das neue Polizei-Aufgaben-Gesetz in Bayern zeigt, werden die Gesetze immer enger geschnürt, sodass nicht mal mehr der Verdacht auf eine strafbare Handlung bestehen muss, um der Exekutive alle Möglichkeiten zu bieten, diese Sicherheit aufrecht erhalten zu können. George Orwells “1984″ ist auch bei uns Realität geworden. Doch führt dieser Weg ganz eindeutig in Richtung eines Polizeistaates, wie er in Autokratien und Diktaturen aufgebaut ist.
.) Heimat
Heimat würde ich durchaus als Wert bezeichnen, schliesslich macht dieses Gefühl einen Ort (wenn auch keine Sache) wertvoller. Jeder Deutsche und jede Österreicherin haben hoffentlich eine Heimat. Ein Ort, eine Region, in der man geboren wurde und aufgewachsen ist oder die man sich für sein weiteres Leben aussucht. Dies jedoch einer syrischen Familie absprechen zu wollen, die den lebensgefährlichen Weg nach Mitteleuropa auf sich genommen hat, grenzt an Egozentrismus.
.) Natur
Kann durchaus als Wert bezeichnet werden. Doch – wo gibt es sie noch? Und: Wo es sie gibt – für wie lange noch? Schliesslich bekämpfen die meisten bereits im eigenen Garten die Natur mit Pestiziden, Fungiziden, Herbiziden usw. Neophyten und Neozoen werden eingeführt, Monokulturen geschaffen. Das Wort “naturbelassen” charakterisiert das Ganze wohl am besten. Dort hat nämlich die Natur noch funktioniert. Heute muss man Naturschutzgebiete schaffen, damit für nachfolgende Generationen noch etwas übrig bleibt, die allerdings durch Windver-frachtungen der eingesetzten Chemikalien und Pollen genveränderter Pflanzen ebenfalls diese Naturbelassenheit nach und nach verlieren. Zudem wird immer mehr zubetoniert. Um Natur erleben zu können, müssen viele Menschen immer weiter fahren oder fliegen. Mal ehrlich: Ist das wirklich ein deutscher Wert?
.) Hymne
Kann ein Musikstück als Wert bezeichnet werden? Schliesslich verfügt jede Nation, jedes Land über eine eigene Hymne. Als höchst-wahrscheinlich älteste gilt übrigens die japanische Kimi Ga Yo, deren Text aus spätestens dem Jahre 905, die Musik hingegen aus dem 19. Jahrhundert stammt. Ergo. Auch kein deutscher Wert!
.) Familie
Familie ist meines Erachtens tatsächlich ein Wert. Betrachtet man sich aber die Familienbande in so manch anderem Land, so kann man nicht abstreiten: Familien gibt es auch in Staaten des Hinduismus, Buddhismus und Islam – ja sogar bei den Naturvölkern dieser Erde. Wo also bleibt da die Einzigartikeit???
.) Gesundheit
Eindeutig eine Eigenschaft! Herr und Frau Deutsche und Österreicher versuchen sich, einerseits gesund zu ernähren und andererseits durch eine Optimierung von Leistung und Lebensqualität einen Einklang zu finden. Für viele jedoch ein Wunschdenken. Ist der eine Lebensmittel-skandal gerade mal abgeklungen, taucht bereits der nächste auf. Eine gesunde Ernährung ist für viele finanziell gar nicht machbar. Zudem wird die Lebensqualität vornehmlich durch die Work-Life-Balance bestimmt. Müssen sich viele mit zwei ja teilweise sogar drei Jobs durch’s Leben schlagen, bleibt die Lebensqualität schon mal auf der Strecke. Erstaunlich, wie die Zahl jener zunimmt, die sich einen Urlaub nicht mehr leisten können.
.) Mut
Dies ist eine Tugend. Allerdings zeigen Wirtschaftszahlen und die moderne Kriegsführung auf, dass es mit diesem nicht weit hergeholt ist. Immer weniger gehen das Risiko ein und gründen ein Unternehmen. Ist derjenige, der den Startknopf einer zielgesteuerten Rakete drückt mutiger als sein Kollege, der vielleicht sogar noch mit dem Säbel kömpfend seinem Gegner in die Augen schauen muss???
.) Fleiß (Erfolg)
Eindeutig eine Tugend. Dass jedoch Deutsche und Österreicher schon längst etwa von Japan und Südkorea überholt wurden, vergessen viele der Werteforderer. Und die Überzeugung des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Peter Tauber, dass “…jeder, der fleißig ist und sich anstrengt, den Aufstieg schaffen kann!”, wird richtiggehend torpetiert, wenn man sich die Zahlen des Armutsberichtes regelmässig vor Augen hält! Zu einem Armen zu sagen, er sei faul, ist eine Anmaßung ohne gleichen!
.) Sauberkeit
Das ist eindeutig eine Tugend, die auch öfters als Schuss nach hinten losgehen kann. Studien haben erwiesen, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, ein besseres Immunsystem aufweisen, als jene, die in einem antibakteriellen Haushalt gross werden. Weshalb steigt die Zahl der Allergiker in Deutschland und Österreich?
.) Pünktlichkeit
Auch das ist eine Tugend. Sie zeigt sich allerdings nicht darin, dass ich pünktlich zur PEGIDA-Demo komme, sondern dass ich öfter meine Termine einhalte. Ich kenne viele Menschen, die absichtlich unpünktlich erscheinen um damit auszudrücken, wie wichtig sie sind. Die Pünktlichkeit ist vielfach von den Lebensumständen und den regionalen Gepflogenheiten abhängig. Nicht alle leben nach der Uhr, viele nach dem Tagesverlauf.
.) Genauigkeit
Eine Tugend! Wie ist es möglich, dass sogar Indien und China Raketen und Satelliten in’s All schiessen, wenn doch der kleinste Fehler in einer Katastrophe enden kann??? Diese Zeiten, als Deutschland noch die Perfekt-Tabellen anführte, sind vorbei!
.) Klugheit
Auch dies ist eine Tugend. Wer jedoch den Absolutheitsanspruch stellt und glaubt, dass er der einzige Kluge ist, wird Zeit seines Lebens eines besseren belehrt werden.
.) Gerechtigkeit
Dies ist ohne Zweifel eine Norm. Schliesslich urteilt Justitia aufgrund der Gesetzeslage über Recht und Unrecht. Bevorzugt hingegen der Vater seine Tochter gegenüber seines Sohnes (wie sehr oft), so ist auch dies keine Wertsteigerung der Tochter zuzurechnen, sondern eher den schlechten Tugenden des Vaters!
-) Moralität
Moralität ist das, was der Mensch aus der Ethik macht. Ich würde diese in den Bereich der Normen einordnen, schliesslich gibt es Grundsätze oder Gesetze, die in den meisten Moralfragen entscheiden. Wenn ich mir die Tiertransporte oder auf einer anderen Seite die soziale Kompetenz eines so manchen Industriebosses oder Politikers anschaue, kommen mir wirkliche Zweifel, ob dies ein deutsch-österreichischer Wert ist. Aktuelle Diskussion in Österreich: Der Gewerkschaftsbund betont, dass Arbeit-nehmer keine Untertanen sind! Die Dollarnoten in den Augen lassen zumeist viele die moralischen Grundsätze vergessen. Und Handschlag-qualität haben nurmehr sehr wenige.
.) Gleichberechtigung (Würde)
Dies ist eine Norm – kein Wert. Sowohl das deutsche Grundgesetz als auch die österreichische Verfassung betonen, dass alle Menschen vor Gesetz gleich sind (Grundgesetz: Art. 3/Verfassung Art. 7). Dieser Gleichheitsgrundsatz, der auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau hinzielt, gibt es aber auch in der Verfassung der Demokratischen Republik Kongo von 2006 oder jener von Indien, das zudem mit dem “Protection of Women from Domestic Violence Act” ebenfalls im Jahre 2006 ein zusätzliches Gesetz zum Schutz der Frauen gegen häusliche Gewalt geschaffen hat. Also – auch hier keine deutsch-österreichische Einzigartigkeit.
.) Liberalität
Ist ohne Zweifel eine Tugend. Betrachten wir uns allerdings solche Exzesse wie den “Schwarzen Block” bei Demonstrationen, die PEGIDA oder auf politischer Ebene die AfD und die CSU, so befindet sich die Liberalität auf einem straighten Kurs bergab. Auch die Zahl der Anzeigen wegen Rufschädigung, unlauterem Wettbewerb usw. sprechen Bände.
.) Solidarität
Auch das: Eine Tugend! Zeige ich mich hingegen solidarisch mit jenen, die nicht mal den Mindestlohn erhalten und gehe in meinem Urlaub mit ihnen auf die Strasse, muss ich um meinen eigenen Job fürchten. Jene, die sich mit den Flüchtlingen solidarisch zeigten, werden als “Gut-menschen” und “Totengräber unserer Kultur” bezeichnet. Hallo?
.) Weltoffenheit (Toleranz)
Ganz eindeutig eine Tugend! Verbietet ein Familienvater aus beispielsweise Köln der Familie das Fernsehen oder Internet, so zeugt das nicht wirklich von einem hohen Grad an Weltoffenheit. Ist nur der Boarische das einzig wahre – oder kann’s auch mal ein türkischer Bauchtanz sein! Also auch hier: Nichts einzigartiges! Zudem fragt man sich, angesichts brennender Flüchtlingsunterkünfte, Hasstiraden in den Social Medias, öffentlichen Beschimpfungen etc. wie weit es um die Weltoffenheit so mancher bestellt ist. Von Multi-Kulti oftmals keine Spur!
.) Dirndl und Lederhose
Jetzt wird’s mir aber zu bunt!!!
Wer nun dies alles durchgelesen hat, wird mit mir konform gehen und die ständige Wertediskussion als kontraproduktiv zurückweisen, da es wirklich nur ganz wenige Werte gibt. Normen werden von oben auferlegt um ein geregeltes Miteinander zu ermöglichen. Und die Tugenden? Die hat oder macht man sich doch wohl selbst. Gehen sie verloren (wie zuletzt bei den Autoherstellern), so wird das Volk wohl von sich aus selbst zerfallen – wie die alten Römer. Da braucht es keine Zuwanderer für.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel meinte einst:

“Deutschland wird Deutschland bleiben! Mit allem, was uns daran lieb und teuer ist!”

Meist sind es allerdings ausgerechnet jene lauthals zur Verteidigung der Werte Aufschreienden, die zuhause keine andere Meinung als die ihre gelten lassen. Welche Werte wollen sie dann wem gegenüber noch verteidigen???!!!
Seit dem Jahr 2009 wird jedes zweite Jahr durch die Experten der beiden Institute “Trendbüro” und “Kantar TNS ” aufgrund der Auswertung der Beiträge von Internet-Usern ein Werte-Index zusammengestellt. 2016 wurden dafür 5,7 Millionen Beiträge vornehmlich aus den Social Medias analysiert. Der aktuelle Werte-Index erschien im November 2017, ausgewertet wurden hierfür rund 4 Mio Beiträge. Hier die Reihenfolge der zehn wichtigsten “deutschen Werte” für das Jahr 2018:
a) Natur
b) Gesundheit
c) Familie
d) Freiheit
e) Sicherheit
f) Erfolg
g) Gemeinschaft
h) Anerkennung
i) Nachhaltigkeit
j) Gerechtigkeit
Erlauben Sie mir bitte zum Abschluss noch eine Frage:
Steht es den Generationen nach den unmenschlichen Leistungen der Wiederaufbauer überhaupt zu, von deutschen Werten zu sprechen? Ist es nicht vielmehr die Kultur und ihre Traditionen, die so heiss umkämpft werden? Und genau das hat jedes Volk! Die Kultur und die alten Traditionen sollten hochgehalten werden – muß ja nicht immer die Volks-tanzgruppe sein, die die Dirndln und Krachledernen nur für Touristen anzieht. Das ist meine Einstellung. Und dies zu tun – das liegt doch ganz eindeutig an mir, oder? Wer sagt mir, dass ich zur Sonntagsmesse in Tracht erscheine? Wer gebietet mir, den Christbaum dermassen voll zu hängen und davor die Geschenke zu stapeln, sodass vom Baum nichts mehr zu sehen ist? Wer befiehlt mir, den Ramadan einzuhalten? Wer drückt mir auf, dass ich den Valentinstag oder Halloween feiern muss?
ICH MIR SELBST!

Lesetipps:

.) Werte-Index 2018; Hrsg: Peter Wippermann/Jens Krüger; Deutscher Fachverlag GmbH 2017
.) Werte: Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt; Andreas Urs Sommer; J.B. Metzler 2016
.) Deutschland ist bedroht: Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen; Düzen Tekkal; Berlin Verlag 2016
.) Wert und Werte: Ethik für Manager – Ein Leitfaden für die Praxis; Ulrich Hemel; Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2007
.) Werte und Normen im beruflichen Alltag: Bedingungen für ihre Entstehung und Durchsetzung; Hrsg.: Rebekka A. Klein/Björn Görder; LIT Verlag 2011
.) Die Entstehung der Werte; Hans Joas; Suhrkamp 1999
.) Bibliothek der deutschen Werte – satirische Buchreihe aus dem Droemer Knaur-Verlag 1988-1990:
- Das deutsche Lied; Dietrich Paul 1988
- Der deutsche Bauer; Ottfried Fischer 1988
- Die deutsche Arbeit; Henning Venske 1988
- Die deutsche Seele; Eckart Hachfeld 1988
- Der deutsche Jude; Eva Richter/Ilja Richter 1989
- Der deutsche Mann; Anne Rose Katz 1989
- Der deutsche Selbstverstand; Mathias Richling 1989
- Der deutsche Verein; Klaus Peter Schreiner 1989
- Der deutsche Verkehr; Wolfgang Ebert 1989
- Die deutsche Gemütlichkeit; Ulla Hildebrandt/Walter Drechsel; 1989
- Die deutsche Opposition; Matthias Beltz 1989
- Die deutsche Treue; Karl Hoche 1989
- Die deutsche Verfassung; Martin Buchholz 1989
- Die deutsche Weihnacht; Felix Rexhausen 1989
- Die deutsche Gründlichkeit; Hanns Christian Müller 1990
.) Brauchen wir eine Leitkultur?; Hrsg.: Andreas H. Apelt/Dirk Reimers/Eckhard Jesse; Mitteldeutscher Verlag 2018
.) Leitkultur – Was deutschsprachige Kultur ist! Und was sie nicht ist!; Michael Heinen-Anders; Kindle Edition 2017
.) Leitkultur und Parallelgesellschaft: Argumente wider einen deutschen Mythos; Jürgen Nowak; Brandes & Apsel 2006
.) Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur: Eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen; Claudia Barth; Alibri 2006
.) German Leitkultur – What is the content of the German Leitkultur?; Benjamin Marienfeld; Grin Publishing 2009

Links:

- www.bundestag.de
- www.parlament.gv.at
- www.fides.org
- www.uni-due.de
- www.trendbuero.com
- www.tns-infratest.com
- werteindex.de
- www.wertesysteme.de
- www.wertestiftung.org/
- www.demokratiezentrum.org
- www.virtuesproject.works
- vieraugengespraech.de
- www.lenz-stiftung-mainz.de

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