Archive for Juli, 2018

Tee – ein Geschenk Gottes

Komm nach Haus
ruh dich aus
wo der Tee schon auf dich wartet.
Du kommst rein, kannst dich freu’n, bist zufrieden.
Wenn der Teekessel singt und der Gold Teefix duftet,
hat man’s gut, hat man’s gut, ja dann hat man’s wirklich gut.

(© TEEKANNE GmbH & Co. KG)

Die Älteren unter Ihnen können sich vielleicht noch an die Abwandlung des Cat Stevens-Songs “Father and son” erinnern. Das Unternehmen Teekanne lieferte damit einen unvergessenen Hit ab, der das Original nahezu verblassen lässt. Der Text vermittelt die Freude, nach Hause zu kommen, geborgen zu sein und es sich mit der Familie so richtig fein zu machen. Attribute, die auch heute noch dem Tee zugeschrieben werden. Zu Recht, wie ich meine und ich werde heute den Beweis dafür antreten: Der Tee ist eine Erfindung von jemandem, der es wirklich gut mit uns meinte!!!
Die Geschichte des Tees ist uralt. Seine Ursprünge werden vor bereits 5000 Jahren vermutet. Der Legende nach kochte 2.737 v. Chr. der chinesische Kaiser Shen Nung (“Der Sohn des Himmels”) nach einem anstrengenden Tag unter einem Baum Wasser auf. Plötzlich fielen auf-grund eines Windzuges einige Blätter vom Baum – so unter anderem auch in das Gefäss des Kaisers. Das Wasser soll sich golden verfärbt und ganz ausgezeichnet geduftet haben. Der Kaiser probierte einen Schluck des heissen Getränks – und es schmeckte ihm. Er fühlte sich sogar danach erfrischt und belebt.
Etwas anders die Legende aus Indien: Auf seiner Missionsreise nach China soll der dritte Sohn von König Kosiuwo drei Jahre lang nicht geschlafen haben. Als er von der Müdigkeit übermannt, schlafverloren versehentlich einige Blätter eines wilden Teestrauches gekaut hat, war die Müdigkeit plötzlich wie weggeblasen und er blieb weitere sechs Jahre wach.
Welcher der beiden Sagen Sie mehr abgewinnen können, überlasse ich selbstverständlich Ihnen. Urkundlich erwähnt wurde der Tee erstmals im Jahr 350 n. Chr. in einem Wörterbuch von Kuo Po. Er definierte “Tu” als ein “Getränk aus gekochten Blättern”. Dann ging alles Schlag auf Schlag: 126 Jahre später – Tauschhandel mit Tee entlang der Chinesischen Mauer, weitere 304 Jahre später erscheint das Werk “Cha Ching” (Das klassische Buch vom Tee) von LuYu; während der Ming-Dynastie wurde die Fermentation erfunden, der Schwarztee kam auf den Markt. Im Jahre 1610 bringt die Holländisch-Ostindische Kompanie den ersten Schwarz- und Grüntee über den Seeweg nach Europa; acht Jahre später schenkt der russische Gesandte Wassilij Storkow seinem Zaren Michael I. 200 Kisten Tee, die über den Landweg nach Moskau gebracht werden. Dieser “Karawanentee” galt lange Zeit als qualitativ wesentlich besser, da der mit den Schiffen trans-portierte etwas muffig schmeckte (aufgrund der zumeist feuchten Verhältnisse auf den Schiffen). 1644 gelangt der erste Tee nach England, wo er 13 Jahre später erstmals öffentlich in sog. “Coffee-Shops” ausgeschenkt wird. Das erste Tee-Geschäft eröffnete 1717 Thomas Twining. Tee avancierte sehr rasch zum heiss begehrten Handelsgut.
Das Heissgetränk löste allerdings auch einen Krieg aus: Bei der “Boston Tea Party” am 16. Dezember 1773 wurden 342 Kisten mit Tee über die Reeling der Schiffe der East India Company in’s Hafenbecken geworfen. Die als Indianer verkleideten Freimaurer wollten damit gegen die hohen Steuern der Engländer auf Tee protestieren – es war dies der Auftakt der amerikanischen Unabhängigkeitskriege.
1866 wurde das erste Tee-Rennen der Geschichte ausgetragen: Ein Rennen von neun Tee-Clippern über 16.000 Meilen Seeweg. Sie starteten am 29. Mai 1866 im chinesischen Foochow. Der schnellster Clipper, die Taeping, kam nach 99 Tagen im Hafen von London an – 20 Minuten vor dem zweitplatzierten Clipper Ariel. Einer dieser Teeclipper, die Cutty Sark, ist heute noch im Hafen von Greenwich an der Themse zu bewundern.
Und schliesslich war es 1908 die unbeabsichtigte Erfindung des Teebeutels durch den amerikansichen Teehändler Thomas Sullivan in New York, der dem Tee zum weltweiten Erfolg verhalf. Er wollte seinen Kunden Proben für Ihre Bestellungen zuschicken und packte diese in kleine Seidenbeutel. Verbessert wurde dies 1949 durch den von Teekanne entwickelten Doppelkammerbeutel aus feinstem Filterpapier, damit der Tee aus allen Richtungen richtg umspült wird und dadurch sein volles Aroma entfalten kann.

https://www.youtube.com/watch?v=7cn0P0koNQU

Heute ist der Tee neben Wasser das am meisten konsumierte Getränk auf unserem Planeten. Tee-Trink-Weltmeister ist Kuwait mit 295 Liter pro Kopf und Jahr (die Ostfriesen liegen mit 300 Liter pro Kopf und Jahr sogar noch darüber, wird aber deutschlandweit durch etwa die Bayern wieder ausgeglichen, die eher dem Hopfenblütentee zusprechen!!!). 2016 wurden immerhin 5,4 Millionen Tonnen Tee produziert!
Während meiner Studienzeiten entwickelten wir im Studentenheim ein Teeritual. Ein Studienkollege und ich genossen – sofern wir gegen 16.00 Uhr keine Lehrveranstaltung mehr hatten – die unterschiedlichsten Tee-sorten – allerdings mit Tee-Ei! Ein wichtiger Moment zum Abschalten! Danach war dann Laufen oder sonstiges Sporttraining angesagt!
Apropos: Tee gehört unbedingt zum Slow-Food! Geniessen Sie ihn! Es muss ja nicht gleich ein japanisches oder russisches Tee-Zeremoniell sein! Buddhistische Mönche brachten anno 552 n. Chr. den ersten Tee nach Japan. Dort wurde das Getränk schon sehr bald durch eine beinahe schon rituelle Zeremonie (茶道 – Sadō) gewürdigt. Gastgeber und Gäste treffen sich dabei in einem schlicht gehaltenen Teehaus, damit der Gast die Möglichkeit zur inneren Einkehr erhält. Die Zeremonie selbst läuft dann nach Jahr-hunderte alten Regeln ab, die sich aufgrund der verschiedenen Schulen leicht voneinander unterscheiden können. Durch dem Wandeln auf einem Gartenpfad soll der Alltagsstress abgestreift werden. Im Garten des Teehauses begrüsst der Gastgeber seine Gäste mit heissem Wasser. Danach gehen die Gäste über den Pfad wieder zurück, meist zu einem Pavillon, in dem sich eine Wartebank befindet. Dort reinigen sie sich mit dem vom Hausherrn frisch aufgefüllten Wasser Mund und Hände. Damit soll alles Schlechte abge-waschen werden. Nun geht es nacheinander zum Teehaus. Jeder Gast kniet sich zum Öffnen der Türe nieder – ein Zeichen des Respektes und der Demut. Hierbei verschwinden auch alle sozialen Unterschiede – egal ob Milliardär oder Strassenarbeiter. Nun werden leichte Speisen und Reiswein (Sake) gereicht. Der Gastgeber legt Holzkohle auf das Feuer, die Gäste ziehen sich erneut in einen Warteraum zurück, bis ein Gong zum fünften Mal geschlagen wurde. Der letzte Gast schliesst nun die Türe – jetzt beginnt die eigentliche Tee-zeremonie mit der Verbeugung des Gastgebers vor jedem seiner Gäste. In einem eisernen Kessel wird nun unter Zuhilfenahme einiger wichtiger Uten-silien wie dem Behälter für Pulvertee, einem Frischwassergefäss, dem Tee-bambuslöffel, dem Teebesen und dem seidenen Teetuch, das der Gastgeber an seinem Obi trägt, vorerst der dicke bzw. starke Tee Koicha oder auch Natsume angerichtet und mittels Teeschalen getrunken. Danach wird die Holzkohle erneut geschürt, notfalls aufgefüllt und der leichte bzw. dünne Tee Usucha angerichtet und getrunken. All die Schritte dazwischen, wie das Vor-wärmen der Teeschale (Chawan), dem Entnehmen des Tees mit dem Bam-buslöffel sowie dem Aufbrühen in der Teeschale mit dem Schöpflöffel in der rechten Hand, dem Schaumig-Rühren des dünnen Tees mit dem Teebesen etc. – hierin unterscheiden sich in weiterer Folge die Rituale. Der Hauptgast erhält als erster die Teeschale, die er mit drei Schlücken leert. Sie geht dann wieder an den Gastgeber zurück, der sie reinigt und den zweiten Gast damit bedient. All dies geschieht zumeist schweigend in aller Stille um hierdurch mit den Werten des Zen übereinzustimmen. Der dicke Tee ist derart dick, dass er nur sehr schwer getrunken werden kann. Der Gastgeber richtet eine Schale damit an. Jeder nimmt drei kleine Schluck daraus und reicht sie dann weiter. Erst nach der Zeremonie unterhalten sich die Gäste mit dem Gastgeber über die verwendete Teesorte, deren Geschichte, das Tee-service etc. Themen von ausserhalb des Teeraumes sind tabu. Es ist eine grosse Ehre für jemanden, von einem Japaner zum Teezeremoniell eingeladen zu werden. Deshalb sollte sich der damit Belohnte zuvor auch genau in das Protokoll einlesen, da ansonsten der Gastgeber sehr verbrämt werden kann. Als Vater der Tee-Zeremonie gilt der buddhistische Abt Shogu, der mit seinem ehemaligen Herrn, dem Shōgun Ashikaga Yoshimasa, dem Kampf abschwor und sich nurmehr dem künstlerischen Leben widmete. Das Ritual war zuerst der Ober-schicht vorbehalten, fand aber ab 1400 n.Chr. auch den Weg in’s Bürgertum. Als besondere Wertschätzung gelten Geschenke wie Teeschalen, die auch schon mal einige hundert Jahre auf dem Rücken haben können!
Wesentlich einfacher, wenn auch nicht weniger rituell ist die russische Tee-zeremonie. Dort gilt das Teetrinken als Symbol für die gemeinsame Gemüt-lichkeit – v.a. während der eiskalten Wintertage. Dabei spielt der Samowar die wichtigste Rolle. Früher mit Holzkohle gefüllt, werden die meisten heutzutage mit Strom betrieben. Auch in der Transsibirischen Eisenbahn ist in nahezu jedem Waggon ein solcher Samowar angebracht. Im grossen Hauptkessel wird Wasser erhitzt. Kocht dieses, wird eine kleine Kanne auf dem Samowar aufgesetzt. Hierin befindet sich das Teewasser mit dem Tee, der zuvor mehr-fach mit heissem Wasser aus dem Samowar gewaschen wurde um dadurch den Staub zu entfernen. Nach einer vierminütigen Ziehphase wird der Tee durch ein Teesieb gesiebt und die Kanne erneut auf den Samowar gestellt. Der Aufguss heisst “Tscheinik”. Jeder kann sich nun davon bedienen. Dazu füllt er etwas von diesem sehr starken Aufguss in seine Tasse oder Glas und giesst mit Wasser auf. Das ist durchaus zu empfehlen, da die Russen pro Liter Wasser meist 20 Teelöffel Tee verwenden. Der Tee wird grundsätzlich im Wohnzimmer gereicht. Dabei gehört der Würfelzucker ebenso hinzu wie die Zitrone. Ausserdem erhält der Gast verschiedene Kräuter, frische oder getrocknete Beeren und eine sehr süsse Konfitüre (“Warenije”). Teeexperten nehmen einen Teelöffel der Warenije in den Mund und lassen den Tee darüber hinwegfliessen. Später werden dann auch Blini, Piroggen und Obst serviert. Diese Zeremonie wird in der Familie oder im Freundeskreis abge-halten – mit Menschen, mit denen man sich gerne unterhält. Ganz im Gegen-teil zur japanischen Tee-zeremonie.
Weitere ähnliche Zeremonien gibt es auch in China, dem Orient (Çaydanlık – ähnlich der russischen Version), Tibet (mit Yakbutter und Salz), England (mit trockenen Keksen – zumindest bei der Queen), Ostfriesland (mit Sahne) uvam. Traf man sich früher in Norddeutschland in den literarischen Salons zu Teegesellschaften, so erfreuten sich in den 20er-Jahren des vorhergehenden Jahrhunderts die Tanz-Teeparties sehr grosser Beliebtheit. Heute ist es hin-gegen das Kochen und Essen mit Tee, das Food-Pairing. In einigen Restau-rants wird so der passende Tee zum Menuegang angeboten – als alkoholfreie aber durchaus aromatische Alternative zum Wein.

https://www.youtube.com/watch?v=F8wOnrn2hI4

Schwarztee und Grüner Tee übrigens stammen von derselben Pflanze. Einziger Unterschied: Der Grüne Tee erfährt eine Hitzebehandlung, wodurch die begonnene Fermentation unterbrochen wird.
Doch weshalb sind diese getrockneten Blätter oder Kräuter überhaupt der-maßen beliebt? Eine Erklärung hierfür ist sicherlich, dass es für jeden Geschmack eine entsprechende Sorte gibt: Kamille, Hagebutten, Pfefferminz, Früchte, Kräuter, Schwarz- und Grüntee, Biotee, Ostfriesentee – um nur die wichtigsten zu nennen. Aber auch solche Exoten wie Rooibos-Tee oder Blütentee. Mag man also die Hagebutte nicht, so schmeckt sicherlich der Früchtetee. Manche bevorzugen ihn mit Zucker, andere mit Honig oder Milch. Oder mit einem Schuss Rum. Für die Puristen und Aromengeniesser reicht die Palette vom malzigen, würzig-kräftigen Aroma des Schwarztees (aufgrund der Fermentation) über das herb-frische und grasige Aroma des Grüntees bis hin zum leicht butter-cremigen und weichen Geschmack des Milky Oolong oder dem trockenen pelzigen Mundgefühl des Assam-Tees. Die einzelnen Tee-sorten werde ich jedoch heute nicht beschreiben – das würde den Rahmen dieses Blogs sprengen. War doch das erste Buch über Tee von LuYu bereits ein Dreibänder! Nur zwei als Beispiel:
.) Der Jasmintee. Hier werden die Blätter des Grünen Tees aus biologischen Anbau mit Jasminblüten vermischt. Haben die Teeblätter das duftig-blumige Jasmin-Aroma aufgenommen, wird beides sehr auf-wendig händisch wieder getrennt.
.) Der Matcha-Tee: Der Grüne Tee wird vor der Ernte eigens beschattet, damit die Blätter mehr Chlorophyll produzieren. Nach der Ernte wird der fleischige Teil der Blätter vom Blattgerippe getrennt und getrocknet. Schliesslich ganz langsam in Steinmühlen zu Pulver gemahlen. Der Matcha-Tee ist einer der geschmacklich wertvollsten, farblich nach Jade aussehenden, aber sehr teuren Teesorten. Wer hier noch Zucker dazu gibt, wird wohl niemals wieder eine Einladung zum Tee erhalten.
Der Tee hat auch eine gesundheitsfördernde Wirkung. Die meisten werden nun gleich an den Kamillentee oder den Gute-Nacht-Tee denken. In Schwarz- und Grünem Tee sind Flavinoide enthalten, die im Körper antioxidativ wirken. Sie sorgen für eine bessere Elastizität der Blutgefässe und erhöhen die Durchlassmenge. Allerdings wird diese Wirkung durch die Hinzugabe von Milch nach Studien der Berliner Charité nahezu aufgehoben. Andere Unter-suchungen zeigten auf, dass in Ländern, in denen viel Grüner Tee getrunken wird, die Anzahl bestimmter Krebserkrankungen vergleichsweise niedrig ist. Wissenschaftler führen dies auf die enthaltenen Polyphenole und hier im Speziellen dem unaussprechlichen Epigallocatechingallat (EGCG) zurück. Bei Prostata-Karzinomen beispielsweise hinderte das EGCG das Zellenwachstum des Krebses (Quelle: Center for Human Nutrition an der David Geffen School of Medicine der UCLA).

https://www.youtube.com/watch?v=5ZGUiI4illQ

Tee kann auch sehr förderlich für die Harnwege sein und desinfizierend bei Katarrhen eingesetzt werden. Wie etwa die Teemischung eines namhaften österreichischen Herstellers, der die Inhaltsstoffe von Bären-traubenblatt, Schachtelhalmkraut, Bruchkraut und der Hauhechelwurzel nutzt um eine Entwässerung durchzuführen und die Harnausscheidung zu steigern. Gleich-zeitig werden die Harnwege durch das Bären-traubenblatt desinfiziert.
Mit dem im Grünen Tee enthaltenen Catechin kann alsdann gegen Erkran-kungen des Zahnfleisches vorgegangen werden. Durch die im Schwarztee und Grünen Tee enthaltenen Polyphenole und Fluoride kann zudem Karies vorgebeugt werden.
Zahlreiche andere Studien wissen ebenfalls über weitere positive Wirkungen des Tees zu berichten:
.) Cheng-Kung-Universität in Taiwan – zwei bis vier Tassen Grüner Tee oder Oolong-Tee pro Tag senken das Risiko an Bluthochdruck zu erkranken um 46 %. Mehr Tassen sogar um bis zu 65 % (Studie an 1.500 Probanden).
.) Der Ägypter Mervat Kassem bemerkte, dass Antibiotika, die mit Grünem Tee runtergespült werden, bei nicht weniger als 28 Infektions-krankheiten stärker wirken. Auch Keime, die resistent gegen Antibiotika waren, konnten auf diesem Wege wieder bekämpft werden.
Allerdings kann zu viel Tee durchaus negativ wirken: Die Polyphenole verhin-dern die Aufnahme von Eisen aus pflanzlichen Lieferanten. Dadurch kann es bei übermässigem Genuss zu Eisenmangel kommen.
Der Teeanbau ist sehr nachhaltig, da eine solche Pflanze in China bis zu 100 Jahre, in anderen Ländern bis zu 50 Jahre alt werden kann und nicht jedes Jahr neu gepflanzt werden muss, was den Boden sehr schadet! In Bio-Teeplantagen werden somit wichtige Lebensräume für andere Pflanzen und Tiere geschaffen und der Erosion entgegengewirkt. Wenn Sie sich und der Umwelt also etwas Gutes tun wollen, so kaufen Sie Tee aus biologischem, nachhaltigen Anbau. 2015 wurden nach Angaben der Organisation Rainforest Alliance rund 911.457 Tonnen nachhaltigen Tees produziert. Hiervon reichen dann wirklich auch 10 Gramm für einen Liter Wasser!
Tee enthält zudem bis zu 4,5 % Koffein (Teein), das den Kreislauf in Schwung bringt. Je höher der Blütenanteil, desto mehr dieses Wirkstoffes ist enthalten (in den Blättern weniger).
Je nach Zugabe bestimmter Blätter, Blüten, Früchte, Knospen, Rinden, Stängel oder Wurzeln werden auch deren Wirkstoffe weitergegeben, die wiederum gegen die unterschiedlichsten Krankheiten oder für das Wohlbefinden eingesetzt werden können. Allerdings darf gemäss der ISO-Norm 3720 Tee nur dann als Tee bezeichnet werden, wenn es sich um den Aufguss von Blättern oder Bestandteilen der Teepflanze handelt. Alles andere sind teeähnliche Erzeugnisse. Nähere Details finden Sie u.a. im Öster-reichischen Lebensmittelbuch, IV. Auflage, Kapitel / B 31 / Tee und teeähnliche Erzeugnisse!
Immer wieder wurde versucht, durch den Anbau auch in Europa die Abhängigkeit von China zu minimieren. Leider allerdings gelang dies nicht überall. Neben China sind nur in Indien, Sri Lanka, Taiwan, Nepal, Vietnam und Argentinien ausgezeichnete Bedingungen für ein Wachstum vorhanden. Grüner Tee konnte allerdings auch in Kenia angebaut werden (teil-fermentierter Oolong). An der russische Schwarzmeerküste bei Sotschi und der türkischen Schwarzmeerküste gedeiht der Teebaum ebenfalls. Auf den Azoren (São Miguel) und im englischen Cornwall wurden einzelne Pflanzen – jedoch nicht für den kommerziellen Zweck – hochgezogen. Ein erster Versuch in Deutschland wurde mit 3.000 Stecklingen bei Freiburg gestartet. Für einen Hektar werden bis zu 13.000 Setzlinge benötigt. Die erste Ernte kann nach drei bis sechs Jahren durchgeführt werden – dann ergibt der Hektar rund 1.500 kg fertigen Tee – sechs Kilogramm Teeblätter werden zu rund einem Kilogramm Schwarztee. Davor durchlaufen die Blätter fünf Bearbeitungs-stufen: Welken (Witherin), Rollen (Rolling), Aussieben, Oxidation (Fermen-tation – nur bei Schwarztee) und schliesslich die Trocknung (Firing). Jeder noch so kleine Fehler bei einer dieser Produktionsstufen wirkt sich auf die Qualität des Produktes aus. Die beste Qualitätsstufe übrigens wird beim Schwarztee mit “Orange” bezeichnet (königlich) und besitzt den höchsten Koffein-Gehalt; beim Grünen Tee ist es der Chun-Mee.
Sollten Sie mal über die Bezeichnung “Flugtee” stolpern: Das ist frischer, hochwertiger Tee, der sofort nach der Ernte und Erstbehandlung mittels Flug-zeug eingeflogen wurde – äussert sich selbstverständlich auch im Preis (etwa First Flush oder Shincha)!
Zuletzt noch ein Wort zur Zubereitung: Schwarztees werden meist mit sprudelnd-siedendem Wasser aufgegossen, Grüne Tees hingegen mit 65 bis 90 Grad heissem Wasser. Die Ziehdauer liegt bei 20 Sekunden bis zu fünf Minuten. Je länger, desto mehr Gerbstoffe werden freigesetzt, die beruhigend wirken, da sie das Koffein binden. Eine kurze Ziehdauer wirkt hingegen anregend, da sich das enthaltene Koffein sofort löst. Zu viel Kalk im Wasser führt zur sog. “Teehaut” und beeinflusst den Geschmack des Getränks. Und: Trinken Sie Tee stets heiss bzw. warm, da er ansonsten teils grosse geschmackliche Änderungen erfährt.

Filmtipp:

- Bitterer Tee; Dokumentarfilm; Buch und Regie: Michael Höft 2013

Lesetipps:

.) Tee. Alles über die Welt des Tees und die Tees der Welt; Eelco Hesse; Gräfe und Unzer 1985
.) Vom Genuss des Tees: Eine heitere Reise durch alte Landschaften, ehrwürdige Traditionen und moderne Verhältnisse, inklusive einer kleinen Teeschule; Stephan Reimertz; Gustav Kiepenheuer Verlag 1998
.) Tee; Jane Pettigrew; Benedikt Taschen Verlag 1998
.) Die Welt in einer Tasse Tee; Yi Sabine/Jacques Jumeau-Lafond/Michel Walsh; Paul Neff 1984
.) Tee. Süßer Tau des Himmels; Andreas Gruschke; Gruzim Verlag 2007
.) Tee für Genießer. Vom Geist in der Tasse. Edition Spuren; James Norwood Pratt; Edition Spuren 2002
.) Der Tee. Anbau, Sorten, Geschichte; Peter Rohrsen; C.H. Beck 2013
.) Tee. Eine Kulturgeschichte; Martin Krieger; Böhlau 2009
.) Der Tee (mit großer Faltkarte der Tee-Distrikte in Ost-Asien); Otto Schleinkofers; Beckstein 1924
.) Die Welt des Tees; Cornelia Haller-Zingerling; Umschau 2006
.) Das Buch vom Tee; Alain Stella/Nadine Beauthéac/Gilles Brochard/Catherine Donzel; Collection Rolf Heyne 2001
.) Teelexikon – DAS Nachschlagewerk für alle Teetrinker; Hans-Bernd Böttger; Pro BUSINESS Verlag 2010
.) Teetrinker sind bessere Menschen. Anregungen für abgebrühte Kenner; Achim Schwarze; Eichborn Verlag 1991
.) Der japanische Tee-Weg. Bewußtseinsschulung und Gesamtkunstwerk; Franziska Ehmcke; DuMont Buchverlag 1991
.) Zen in einer Schale Tee. Einführung in die japanische Teezeremonie; Jana und Dietrich Roloff; Lotos Verlag 2003
.) Book of Tea; Kakuzō Okakura; Tuttle Publishing 2000
.) Tea; Werner F.J. Schmitt; Ullstein 1997
.) The Japanese way of tea. From it’s Origins in China to Sen no Rikyû; Sōshitsu Sen; University of Hawai Press 1998
.) Chado der Teeweg; Soshitsu Sen; Theseus 1998
.) Sechs Getränke, die die Welt bewegten; Tom Standage/Rita Seuß; Artemis & Winkler Sachbuch 2012

Links:

- www.teeverband.de
- teekampagne.de
- www.zauberdestees.de
- www.teekanne.at
- www.twinings.at
- www.lebensmittelbuch.at
- www.fairtrade.at
- www.rainforest-alliance.org
- www.teaboard.gov.in
- www.omotesenke.jp/english
- www.urasenke.de
- www.ueda-souko.de

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Wieso unterschreiben unsere Politiker so etwas???


“Die Geburt der größten Wirtschaftszone der Welt!”

(Shinzō Abe, japanischer Premierminister)

Kennen Sie die Mär von den Lemmingen? Sie besagt, dass die Tiere angeblich zu Tausenden auf Meeresfelsen laufen um sich in Form eines kollektiven Selbstmordes hinunterzustürzen! Diese Geschichte ist inzwischen durch die beiden Universitäten von Helsinki und Freiburg widerlegt worden – die hohen Populationseinbussen stammen offenbar von Fressfeinden, wie dem Hermelin, die ansonsten in der kargen Landschaft der arktischen Regionen kerine andere Nahrung finden.
Dennoch ist das Bild der sich vom Fels stürzenden Lemminge durchaus auf das heutige Thema umlegbar: In regelmässigen Abständen unter-zeichnen unsere Politiker irgendwelche Abkommen trotz der Erkenntnis, dass darunter auch die heimische Wirtschaft und Bevölkerung leiden kann. Und die grobste Nachlässigkeit: Die Bevölkerung weiss davon meist gar nichts, gäbe es nicht NGOs wie Attac, Campact etc., die darüber berichten. Über CETA und TTIP habe ich an dieser Stelle bereits geschrieben. Anfang Juli wurde das jüngste unter diesen Abkommen, der Freihandelspakt mit Japan (JEFTA) durch die Parlamente der EU durchgewunken – noch rasch vor der Sommerpause. Einspruch hätten sie sowieso nicht erheben können, ist doch das Abkommen “EU only”, wie in der Mai-Sitzung der EU-Kommission beschlossen. Somit wurde ein Abkommen, das unmittelbaren Einfluss auf die einzelnen Mitglieds-staaten hat, ohne deren Mitbestimmung in Brüssel entschieden und am 17. Juli unterschrieben. Wohl ein Vorgeschmack dessen, was ab 2019 stattfinden wird! Möglicherweise wollte die Kommission das Prozedere vermeiden, das beinahe CETA zu Fall gebracht hätte: Drei belgische Regionen verweigerten die Unterschrift und brachten dabei all die Staaten, die bereits unterzeichnet hatten, gehörig ins Schwitzen. Und JEFTA ist beileibe das bislang grösste Abkommen, das in der EU jemals ratifziert wurde. Gewusst?

https://www.youtube.com/watch?v=q1T–47ru_U

Nachdem der US-amerikanische Präsident nicht mehr nachzuvollziehende Tagespolitik betreibt und seine Meinung binnen kürzester Zeit revidiert, spätestens jedoch nach der Einführung der Strafzölle auf europäisches Stahl und Aluminium, betonten immer wieder europäische Politiker, dass es wichtig sei, sich andere, verlässliche Partner zu suchen. Schliesslich hat Donald Trump nicht nur TTIP (Gott sei Dank; Anm. des Schreiber-lings), sondern auch das geplante Freihandelsabkommen mit 11 asiatischen Staaten auf Eis gelegt (TPP – Transpazifische Freihandels-zone). Aus dieser Sicht betrachtet ist die europäische Annäherung an China zu verstehen, als Trotzreaktion zudem die Unterzeichnung und Ratifizierung des neuen Handelsabkommens JEFTA mit Japan. Es soll ganz klar signalisiert werden, dass Europa auch ohne die USA weiterbestehen wird. Allerdings wurde das Abkommen noch zu Zeiten Barack Obamas vorbereitet. Umso beschämender ist der Inhalt des Schriftstückes, das 2019 in Kraft treten wird. Hintergrund ist einmal mehr der Abbau von Zöllen und anderen Handelsbarrieren damit die Wirtschaft angekurbelt wird und neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen. Immerhin handelt es sich bei Japan um die drittgrösste nationale Volkswirtschaft (nach den USA und China) und den grössten Binnenmarkt der Erde, die EU. Beides zusammen ergibt mehr als 600 Millionen Einwohner, mehr als ein Drittel des weltweiten Bruttoinlandsproduktes. Durchaus interessant also für Produkte aus der EU – allerdings auch jenen aus Japan. Und v.a. den dortigen Wirtschafts- und Investorenimperien.
Kritiker befürchten – wie auch bei CETA und TTIP – das Aushebeln heimischer Qualitätsstandards und nicht zuletzt eine riesige Privatisierungswelle bei öffentlichen Dienstleistungen, allen voran des Trinkwassers und der Entsorgung der Abwässer. Resultierend daraus wird ein massiver Preisanstieg vermutet. Zudem könnten Entwicklungsländer im dadurch verstärkten Wettbewerb noch weiteren Erschwernissen entgegenblicken.
Brüssel versucht sich einmal mehr in der Schadensbegrenzung. All diese Sorgen seien unbegründet; es wird versprochen, dass die bisher bereits gültigen, hohen Standards in Sachen Arbeit, Sicherheit, Umwelt- und auch Verbraucherschutz beibehalten würden. Fragt man sich erneut, ob denn die vielen Juristen und Wirtschaftsexperten der NGOs schon zum dritten Mal ein Abkommen falsch gelesen und interpretiert haben oder können die Unterzeichner nicht lesen, worunter sie ihre Unterschrift setzten!? Das stärkere Wirtschaftswachstum in der EU führe ausserdem zu einer stärkeren Nachfrage nach Produkten aus Entwicklungsländern. Da prallen also zum wiederholten Male die unterschiedlichsten Meinungen aufeinander. Schnuppern wir doch etwas in das Abkommen hinein!

“Ein wichtiges Abkommen in schwieriger Zeit!”
(EU- Handelskomissarin Cecilia Malmström)

JEFTA bedeutet “Japan EU Free Trade Agreement”. Die Verhandlungen laufen seit 2013 im Geheimen – sie wurden nach vier Jahren abge-schlossen. Der Inhalt ist im Grossen und Ganzen vergleichbar mit TTIP und CETA. Umstritten waren Datenschutz und die regulatorische Kooperation. Diskussionen gab es zudem bei der Einführung von privaten Schiedsgerichten im Rahmen des Investitionsschutzes. Auch hier soll Konzernen ein Sonderklagerecht zukommen, was unmittelbaren Einfluss auf die innereuropäische Gesetzgebung hätte. Nicht das öffentliche Interesse sondern jenes der Konzerne soll durchgesetzt werden – notfalls auch gegen nationale Gesetze und Parlamente. Politik und Behörden verlieren alsdann die Möglichkeit der Einflussnahme. Die Umweltorgani-sation Greenpeace spricht in diesem Zusammenhang vom “Aushöhlen der Demokratie”. Anders formuliert: Der nationale Rechtsstaat tritt gegenüber des multinationalen Wirtschaftsrechtes (etwa auf freien Warenverkehr) in’s Seitenout. Ob nach dem alten ISDS- oder dem neuen ICS-System (wie aus dem CETA-Abkommen) bleibt sich im Grossen und Ganzen egal. So betont beispielsweise auch der Professor für Globalisierung und Politik an der Universität Kassel, Christoph Scherrer, dass die Liberali-sierungsagenda vor allem “Interessen deutscher und europäischer Gross-konzerne” nutze. Protektionismus par excellance sozusagen! Aber selbstverständlich auch japanischen Konzernen auf der anderen Seite.
Beispiel gefällig? Walfleisch! Japan fordert seit Jahren das Ende des Verbotes beim kommerziellen Walfang. Diese Tiere dürfen eigentlich nur zu Forschungszwecken gefangen werden. Das wiederum interessiert die japanische Fischindustrie herzlich wenig. Hunderte durch das Washingtoner Artenschutzabkommen geschützte Wale werden jedes Jahr auch in internationalen Gewässern gejagt – damit verstösst Japan gegen ein internationales Moratorium. Wie ist es zu erklären, dass auch in unseren Breitengraden Walfleisch verkauft wird? In Tierfutter beispiels-weise! Durch das neue Abkommen kann das offizielle Verkaufsrecht auch für den menschlichen Verzehr eingeklagt werden.
Apropos Greenpeace: Wie bereits beschrieben, erfolgten die Verhand-lungen bis zum Abschluss im letzten Jahr unter Ausschluss der Öffent-lichkeit. Nur vier kleinere Dokumente vornehmlich für den mittel-ständischen Bereich wurden bis Juni 2017 zugänglich gemacht. Greenpeace Niederlande allerdings veröffentlichte am 23. Juni 2017 etwa 200 Seiten des Vertragsentwurfes. Auch wenn sich immer wieder möglichst viele Politiker die Transparenz auf die Fahnen schreiben, so kann wohl hierbei erneut erkannt werden, wie viel heisse Luft eigentlich in den Parlamenten produziert wird. Schliesslich betreffen die Auswirkungen dieser Abkommen jeden einzelnen dort, wo es vielen am meisten schmerzt: Im Haushaltsbudget! Aber auch ansonsten beinhalten die Vertragstexte eine Menge Sprengstoff. Greenpeace nennt beispiels-weise das Hormonfleisch und gentechnisch veränderte Lebensmittel. So kann künftig der Handel damit wohl nur dann verboten werden, wenn eine gesundheitliche Schädigung wissenschaftlich nachgewiesen ist. Bislang reichte der Verdacht (“Vorsorgeprinzip”)! D. h. dass ein Produkt so lange nicht auf den Markt gebracht werden durfte, bis die Unbedenk-lichkeit wissenschaftlich nachgewiesen war.

“Mit JEFTA drohen eine Erosion von Verbraucherschutz, schärfere Standortkonkurrenz zu Lasten von Beschäftigten in der EU und in Japan und eine undemokratische Paralleljustiz zugunsten von internationalen Investoren.”
(Attac)

Ein weiteres, sehr schwerwiegendes Problem ergibt sich aus der Einhaltung von arbeitsrechtlichen und Umweltstandards. Neue Gesetze? Nahezu unmöglich, da diese als “nichttarifäre Handelshemmnise” angesehen werden. Soll heissen: Wenn aufgrund derartiger Massnahmen Einbussen im Vergleich zu den erwarteten Profiten entstehen, kann der jeweilige Vertragspartner vor Gericht gehen. Während Konzerne jederzeit gegen alles klagen können, werden Verstösse gegen Arbeitsrecht oder Umweltschutzgesetze nahezu toleriert – hier ist einzig von Mediation, Empfehlungen und Konsultationen die Rede, Massnahmen also, die ohne Ausblick auf Erfolg zur Verbesserung der Situation gesetzt werden, damit zumindest etwas geschehen ist. In Japan beispielsweise werden weitaus mehr Überstunden nicht bezahlt als hierzulande. Der Begriff “karoshi” (過労死) bezeichnet in diesem Zusammenhang den Tod durch Überarbeitung (stressbedingter Herzinfarkt oder Schlaganfall). Nichts aussergewöhn-liches in Fernostasien. Bereits 40 Krankenhäuser haben sich hierauf in Japan spezialisiert!

“… JEFTA in der derzeitigen Fassung am 26. Juni 2018 im EU-Ministerrat nicht zuzustimmen!”
(Verdi-Vorsitzender Frank Bsirske in einem offenen Brief an den deutschen Wirtschaftsminister Peter Altmaier)

Auch in der Landwirtschaft wird es sicherlich zu Reibepunkten kommen. Allerdings treffen diese die EU-Bauern weniger hart als ihre Kollegen auf den japanischen Inseln. Schliesslich ist die heimische Überproduktion weitaus grösser als die dortige, die Waren weitaus günstiger als auf den japanischen Inseln. Dennoch sind die Standards weit unter jenen, die im CETA-Abkommen mit Kanada beschlossen wurden. Da sollte es sich dann wohl jeder selbst überlegen, ob er zu japanischen landwirtschaftlichen Produkten greift oder nicht! V.a. da ja der Einsatz von Hormonen und Gentechnik erlaubt ist.
Anderes Thema ist das Holz: Japan interessiert sich nicht, ob das dort importierte Holz rechtmässig oder nicht rechtmässig geschlägert wird. Schon jetzt sind japanische Konzerne federführend an grossflächigen Abholzungen in Rumänien beteiligt. Fallen hierauf die Zölle wird die Gier nach Papier noch grösser werden!
Dennoch – im Jahr 2016 wurde mehr Made in Japan in die EU importiert als im Gegenzug hierzu aus der EU nach Japan exportiert wurde (66,5 Milliarden zu 58,1 Milliarden Euro).
Was soll nun durch JEFTA anders werden: Die japanischen Zölle auf Rind- und Schweinefleisch sollen ebenso wie jene auf Wein und Textilien gesenkt werden, 75 % der Zölle auf landwirtschaftliche Produkte sollen zur Gänze fallen. Im Gegenzug wird die EU die Zölle auf japanische Autos, die derzeit bei 10 % liegen, innerhalb der kommenden sieben Jahren ebenso senken. Rund 99 % der EU-Exporte nach Japan sind von diesem Zollabbau betroffen, zirka 90 % sofort mit Inkrafttreten des Abkommens.
Eine unabhängige Studie spricht von einem möglichen EU-Wirtschafts-wachstum von 0,76 % nur aufgrund dieser neuen Vereinbarungen. Noch eklatanter fasst es ein Bericht der London Schools of Economics zu Papier: Die Exporte nach Japan könnten, v.a. in den Branchen Pharmazie, Lebensmittel, Kraftfahrzeuge und Transportmittel um ein Drittel ansteigen.
Soweit zu den unmittelbaren und niedergeschriebenen Auswirkungen. Allerdings beinhalten derartige Texte immer auch geöffnete Hinter-türchen, die nur von Experten ausfindig gemacht werden können. Zumeist für Investoren, denen der Mensch auf dem Weg zu mehr Profit und Dividende völlig gleichgültig ist. Nachhaltige Folgen wird wohl die Klagemöglichkeit von Konzernen gegen politische Entscheidungen haben. Auch wenn die EU beispielsweise im Wasserstreit vor einigen Monaten zurückzog – allerdings erst, als aus der Bevölkerung aller Mitgliedsländer lautstarker Widerstand kam – so können Unternehmen beispielsweise gegen derartige Regulationsmassnahmen der öffentlichen Hand klagen.

“Besonders schädlich ist JEFTA im Bereich der Wasserversorgung. Das Abkommen befördert die Liberalisierung der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. Wasser ist keine Handelsware, sondern ein öffentliches Gut.”
(Sven Giegold, MEP von B90/Die Grünen)

Ein viktives, bald aber schon mögliches Beispiel gefällig? Die Stadt Garmisch-Partenkirchen weigert sich, die Trinkwasserversorgung, die derzeit im Bereich der Gemeindewerke liegt, zu verkaufen obwohl sich ein japanischer Investor dafür interessiert. Schliesslich gilt das Wasser aus den Alpen als grossteils unbelastet und wäre mit nur geringem Aufwand auch für die Flaschenabfüllung geeignet. Der Investor wird nun vor ein privates Gericht gehen, das zumeist für die wirtschaftliche Interessensseite entscheidet (ein grosser schweizerischer Konzern kommt immer wieder durch diese Möglichkeit zu Abfüllrechten). Damit würde plötzlich auch das normale Trinkwasser der Stadt teurer werden, da Millionen Liter in PET-Flaschen den Weg nach Japan antreten, das sich dort als Verkaufsschlager erweisen könnte. Noch ärger wird es wohl, wenn der komplette Wasserbereich privatisiert wird. Diese Horror-szenarien können Sie im Blog “Was geschieht mit unserem Wasser?” vom 06. Februar 2015 nachlesen. Nur so nebenbei vorweg: Günstiger wird’s nicht werden! Auch der deutsche Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat seine Bedenken bereits deponiert und warnt vor der “Gefährdung der kommunalen Handlungsfreiheit”. Ein schützender Passus, wie in CETA enthalten, fehlt hingegen bei JEFTA. Nicht kalt lässt JEFTA alsdann die Kirche: So warnte der Umweltbeirat der evangelisch badischen Landeskirche davor, das Wasser zu privatisieren. Der Rohstoff Wasser müsse allen Menschen auf der Welt zur Verfügung stehen und dürfe nicht zum Handelsgut werden, heisst es in einer Aussendung.
In Berlin wurde ein Privatisierungsversuch unternommen, der im Jahr 2013 wieder abgebrochen wurde. Der Grund: Eine Preissteigerung von mehr als 30 % bei einhergehendem Qualitätsverlust! Der Rückkauf der Anteile kostete 1,2 Milliarden Euro Steuergelder. Die Stadt London privatisierte das Trinkwassernetz anno 1989. Auch hier stiegen die Preise an, die Qualität sank. Die Konzerne weigerten sich, notwendige Arbeiten am Rohrnetz vorzunehmen, da diese kostenaufwendig sind und dadurch die Dividende der Gesellschafter schmälern würde. Gleiches auch in Bolivien: Auf Druck der Weltbank und des IWF wurden die Wasser – und Abwasserentsorgungsrechte privatisiert und zu grossen Teilen an multinationale und französische Konzerne vergeben. Das Land hätte ansonsten keine Kredite mehr erhalten. Ganz und gar nicht zum Wohl der Bevölkerung: So konfiszierte der Konzern Bechtel ganz einfach von Einwohnern selbst gebaute Brunnen, enteignete Wasserwerke und machte sogar Wasser aus Regentonnen zahlungspflichtig. Der Preis für Wasser stieg schlagartig um bis zu 150 % an. Durch einen blutigen Aufstand holten sich die Bolivianer ihr Recht auf Wasser wieder zurück und zwangen Bechtel aus dem Land.

“Schlechtere Qualität, höhere Preise: darüber klagen Menschen dort, wo die Wasserversorgung privatisiert wurde!”
(Matthias Flieder, Campact)

Proteste während der Verhandlungen zu CETA zwangen die Verhand-lungspartner, einige zuvor nicht geplante Punkte (etwa beim Verbraucherschutz) in das Abkommen aufzunehmen. Das war bei JEFTA nicht möglich, da viele davon schlichtweg nichts wussten. Die Bevölkerung der einzelnen Mitgliedsstaaten wurde (ebenso wie die nationalen Parlamente) somit erneut übergangen. So ging etwa Berlin davon aus, dass ein Mitbestimmungsrecht bestehe – dem war dann aber doch nicht so. Nachverhandlungen waren niemals vorgesehen! JEFTA macht das Subsidiaritätsprinzip in Europa zur Lachnummer. Die Zustimmung des EU-Parlaments wird bis spätestens Jahresende erwartet.

https://www.youtube.com/watch?v=augjY54cESM

Interessant ist die Situation in Österreich: Setzte sich die SPÖ als Regierungspartei noch für das Abkommen ein, so appellierte sie nun an die verantwortlichen Regierungsmitglieder von ÖVP und FPÖ, das Abkommen im Ministerrat der EU nicht zu unterschreiben. Das Vorsorgeprinzip, der Sanktionsmechanismus und die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) seien noch zu wenig im Abkommen präsent. Diese aber denken nicht daran, schliesslich sehen sie ebenso wie die Neos grosse Möglichkeiten für österreichische Unter-nehmen ausgerechnet im Hochtechnologiesektor in Japan. Japan ist mit Exporten im jährlichen Wert von 1,4 Milliarden der zweitwichtigste Markt für Österreich in Asien.
Alleine die Organisation Campact hat über 580.000 Unterschriften gegen JEFTA gesammelt – einzig: Die verantwortlichen Politiker interessiert’s offenbar nicht! So heisst es aus dem deutschen Bundeswirtschafts-ministerium lapidar, dass das Abkommen Sonderregeln für die kommunale Daseinsvorsorge enthalte. Auch eine Wiederverstaatlichung von zuvor erfolgten Privatisierungen von Dienstleistungen sei nicht ausgeschlossen. Der Hinweis dafür, dass bereits während der Verhandlungen mit solchen Auswirkungen gerechnet wurde.

Hier können Sie Campact im Kampf gegen das handelsgut Wasser mit Ihrer Unterschrift unterstützen:
www.campact.de/wasser-jefta

Durch solche Abkommen werden die Grundvoraussetzungen geschaffen, dass – möglicherweise gar auf Kosten des Mittelstandes – nurmehr Konzerne das Sagen haben. 89 % der Treffen zu JEFTA fanden aus-schliesslich unter Lobbyisten (allen voran BusinessEurope, CEEV, ACEA, ESF, BDI) statt, nur 4 % mit der Zivilgesellschaft (Verbraucher.schutz- und Umweltorganisationen) und die restlichen 7 % mit Institutionen und Think Tanks. Von 213 Treffen mit Lobbyisten zwischen Januar 2014 bis Januar 2017 fanden nicht weniger als 190 unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt (Zahlen: Corporate Europe Observatory CEO). Was unterscheidet die EU inzwischen eigentlich von der derzeitigen Politik der USA mit ihrem Protektionismus???

Lesetipps:

.) Schnelleinstieg Zoll für Import und Export; Gert R. Wagner; Kindle Edition; Haufe Lexware 2018
.) Zollunion versus Gemeinsamer Markt. Eine disaggregierte Makroanalyse der Integration von Güter- und Faktormärkten; Astrid Martina Stange; Duncker & Humblot GmbH 1994
.) Rechtsfragen der Eurasischen Zollunion: Tagungsband zum 15. Münsteraner Außenwirtschaftsrechtstag 2010; Dirk Ehlers; Deutscher Fachverlag GmbH 2011
.) Die verlogene Politik. Macht um jeden Preis; Pascal Beucker/Anja Krüger; Knaur Taschenbuch Verlag 2010
.) Das Kapital im 21. Jahrhundert; Thomas Piketty; C.H.Beck 2018
.) Kulturschutz und Handelsliberalisierung; Sibylle Uibeleisen; Nomos 2012
.) Technische Analyse der Finanzmärkte: Grundlagen, Strategien, Methoden, Anwendungen. Inkl. Workbook; John J. Murphy; FinanzBuch Verlag 2006
.) Remedies and the WTO Agreement; Carmody; Oxford University Press 2011
.) Die Macht der Interessen; Andreas Öffner; Nomos 2016
.) Agricultural Standards; J. Bingen / B. Lawrence; Springer 2010
.) Asean Matters! Reflecting on the Association of Southeast Asian Nations; Lee Yoong Yoong; World Scientific 2011

Links:

- corporateeurope.org
- www.attac.at
- www.campact.de
- www.lobbycontrol.de
- www.tierschutzbund.de
- www.foodwatch.org
- kontrast.at
- corporateeurope.org/fr/tags/jefta
- www.fair-handeln-statt-ttip.eu
- dnr.de
- www.bdew.de
- www.verdi.de

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Transhumanz – Der Zug der Schafe

Das Ötztal ist eines der wohl schönsten und besten Beispiele dafür, weshalb das österreichische Bundesland Tirol jedes Jahr von Touristen aus nah und fern förmlich überrannt wird. Im Winter aufgrund der Möglichkeiten in den Wintersportregionen Sölden-Hochsölden, Ober-gurgl-Hochgurgl und Oetz, im Sommer aufgrund der unglaublichen Wander- und Bergsteigerimpressionen in jener Region der Ostalpen mit den meisten 3000ern. Beispielsweise auf dem Weltwanderweg Via Alpina, der in insgesamt neun Etappen geteilt ist. Vom Inntal aus geht es über 65 Kilometer direkt hinein in das Zentrum der Alpen. Es ist das längste Quertal der Ostalpen, das die Stubaier Alpen im Osten von den Ötztaler Alpen im Westen trennt. Bei Zwieselstein teilt sich dieses Haupttal in das Venter- und das Gurglertal. Verkehrstechnisch endet das Gurglertal mit dem Timmelsjoch, einem der höchstgelegensten Grenzübergänge der Alpen (2.474 m über dem Meeresspiegel). Die Timmelsjoch-Hochalpen-strasse ist einer der schönsten Autostraßen Europas und war eine Herausforderung für den Strassenbau der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Auf Südtiroler Seite liess Benito Mussolini ab 1933 eine Militärstrasse im Passeier errichten, die bis zwei Kilometer vor das Joch reichte, um dadurch die Möglichkeit für eine Offensive gegen Österreich zu bieten. Am 15. September 1968 wurde die Verbindung für den Verkehr freigegeben.

https://www.youtube.com/watch?v=UISYosFZRsU

Wer allerdings denken sollte, dass das Ötztal eine erst recht neue Verbindung von Nord nach Süd darstellt, geht fehl. Am 19. September 1991 fand das Bergwanderpaar Erika und Helmut Simon aus Nürnberg am Tilsenjoch (im Similaungletscher) die Leiche eines Mannes. Bei den Untersuchungen an der Universität Innsbruck wurde sehr rasch klar, dass es sich hierbei um einen Menschen handelt, der wohl seit rund 5.300 Jahren im ewigen Eis konserviert die Wirren der Menschheitsgeschichte überstand: Der “Ötzi” (engl. “Iceman” oder mein Lieblingsausdruck: “Frozen Fritz”)! Eine Wunde zeigte zudem auf, dass er von einem Pfeil getroffen wurde, dessen Schaft auch wieder herausgezogen wurde. Er war also nicht allein. Dieser Umstand beweist, dass auch unsere Urahnen diese Verbindung über die Alpen durch das ewige Eis der Gletscher (“Ferner”) nutzten. Zu Fuss! Der Grund dafür sind die Berge selbst. So schirmt der Tschirgant das Tal vor eisigen Nordwinden ab, die Winde aus dem Süden werden beim Aufsteigen sehr stark erwärmt – das beschert dem Tal ein aussergewöhnlich mildes Klima, das sich zudem auch beim Pflanzenwachstum nachvollziehen lässt. Das Schiefergestein bildet alsdann einen ausgezeichneten Boden dafür. Heute geht die Geschichts-forschung deshalb davon aus, dass diese Hochgebirgsregion schon zu Ötzis Zeiten als Hochweidegebiet genutzt wurde.
In den Chroniken ist nachzulesen, dass schon im 13. und 14. Jahrhundert neben den Herren von Schwangau, von Starkenberg sowie den Klöstern und Stiften von Frauenchiemsee und Stams auch die Herren von Montalban bei Meran zu den Grossgrundbesitzern gehörten. Ein durchaus starker Einfluss also auch von Südtiroler Seite beim nördlichen Bruder. Der erste Saumweg über das Timmelsjoch wurde im Jahr 1320 angelegt.

https://www.youtube.com/watch?v=QWPwc3We2wU&feature=youtu.be

Fernab von alledem erfolgt seit Jahrhunderten zweimal im Jahr ein Spektakel, das eindruckvoller nicht sein könnte: Der Schafstrieb über die Jöcher. Tatsächlich soll diese Tradition rund 6.000 Jahre alt sein – urkundlich erwähnt wurden die Weiderechte der Schnalser Bauern auf dem Rofenberg erstmals anno 1357, im Niedertal anno 1415 (zu besichtigen im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck). Vor 1977 querten auf diese Weise rund 7.000 Tiere die Alpen – bis zirka 1900 waren auch Rinder und Pferde dabei.
Mitte Juni werden über 3.000 Schafe in kleineren Gruppen vom Schnalstal in Südtirol bis ins Venttal zur Martin Busch-Hütte und dem Hochjoch-Hospiz aufgetrieben, Anfang bzw. Mitte September erfolgt dann in zwei grossen Gruppen der Abtrieb, wo sie in Vernagt im Rahmen eines grossen Volksfestes (“Schôfschoad”) wieder in Empfang genommen werden. Dabei geht es via teils sehr schmale Pfade über Bergwiesen, steile Felsabhänge, durch Gebirgsbäche aber auch durch Schnee und Eis des Similaunferners. Bei Sonnenschein, Regen- oder Schneefall, dichtestem Nebel oder auch von allem etwas, da das Wetter in den Bergen sehr rasch umschlägt. Dabei ist insbesondere der Aufstieg sehr mühsam und gefährlich. Nicht selten müssen Männer mit Schaufeln vor der Herde die Wege freimachen und vortrampeln. Jeder Fehltritt kann das eigene Leben kosten oder viele Tiere in den Tod treiben. Beginnt für die ersten bereits um 03.00 Uhr der eigentliche Aufstieg in Vernagt, kommen etwa die Vinschgauer Gruppen einen Tag zuvor aus Laas über das Taschenjöchl. Ein Zwölfstunden-Marsch, der bereits Mensch und Tier alles abverlangt. Die Überquerung des Alpenhauptkammes erfolgt entweder am Niederjoch (3.019 m) oder dem etwas niedrigeren Hochjoch (2.770 m – dieser Zug endet bei der Rofenbergalm). Ein dritter Zug übrigens mit Tieren aus dem Passeier geht über das Timmelsjoch bis nach Obergurgl. Bis zum Jahr 1962 wurde noch ein weiterer Auftrieb geführt: Über den Gurgler Ferner mit der Alpenhauptkamm-Überquerung am Gurgler Eisjoch (3.154 m)! Diese gefährlichste Tour (Gletscherspalten, Eisfelder, …) aber wurde eingestellt.
Wir bleiben etwas beim beschwerlichsten, beim ersten Zug. Nach einer kurzen Pause bei der Similaunhütte beginnt der Abstieg in’s Ötztal. Die ersten Schafe werden beim Martin-Busch-Haus zurückgelassen, die zweite Gruppe folgt bei der alten, die restlichen dann bei der neuen Schäferhütte. Nicht allen Schafrassen kann diese Tortur zugemutet werden. Ausgesucht für die Almkräuter und Höhenluft werden vornehmlich das Tiroler Berg- bzw. Steinschaf und das Schwarznasen-schaf. Immer wieder müssen Lämmer über die steilsten Wegstrecken hinweg von den Hirten und Treibern getragen werden.
Nach ellfstündigem Marsch und über 1.800 überwundenen Höhenmetern ist die Karawane auf der Alm angelangt. Im Vergleich dazu die noch beeindruckenderen Zahlen für die Herden aus Laas im Vinschgau: 44 km, 3200 Höhenmeter im Aufstieg und 1800 Meter im Abstieg – wohlgemerkt für den Alm-Auftrieb! Waren am Aufstieg noch bis zu 80 Menschen als Schaufler oder Treiber beteiligt, so reicht für die kommenden drei Monate ein Schäfer mit Hunden, um die Herden zu beaufsichtigen. Einer dieser Schäfer und Leiter des Schafsübertriebs ist Elmar Horrer mit seinem Hirtenhund Aiko. Ein braungebrannter, kerniger Mann, den nahezu nichts mehr erschüttern kann. Er verbringt die meiste Zeit unter freiem Himmel, hat selbst nur die alte oder neue Schäferhütte als Unterstand und ist das Leben allein auf der Alm gewöhnt: Ohne Handy, ohne Internet oder Fernsehen. In der 800 Jahre alten Schäfer-Hütte gibt es nach wie vor keinen Strom oder fliessendes Wasser. Nur selten erhält er Besuch vom zuständigen Jäger oder dem Pächter der Similaunhütte, der ihn auch mit dem Lebensnotwendigsten versorgt. Ansonsten muss er selbst bis nach Sölden absteigen, um sich Vorräte zu holen. Tagwache ist um halb sechs. Als erstes wird mittels des Fernglases der Tierbestand kontrolliert. Kurz danach geht es auch schon in’s Gelände. Schafe müssen gesucht, gebrochene Läufe gegipst und verunfallte oder verendete Schafe geborgen, sowie die Salzbehälter aufgefüllt werden. Ein bis zwei Prozent der Schafe bleiben übrigens verschwunden. Die Hirten sprechen davon, dass sie “vom Berg gefressen” werden. So spult der Hirte Tag für Tag Kilometer um Kilometer ab. Insgesamt sind es 2.900 Hektar, die zwar nicht abgegangen, allerdings beobachtet werden müssen.
Neben all den guten Jahren, in welchen nichts geschehen ist, sitzt den Bauern das Jahr 1979 nach wie vor als Katastrophe in den Rippen. Bei einem Schneesturm erstickten unterhalb der Similaunhütte rund 70 Tiere. Das Leben in den Bergen sollte niemals verharmlost werden.
Kein Job für Warmduscher!
Auch das Ötztal profitiert von diesem Zug der Schafe. Dominierte doch dort in Urzeiten der Flachsanbau und später die Rinderzucht die Landwirtschaft. Erst in letzter Zeit wurden wieder die Vorzüge der Schafhaltung erkannt. Die Tiere sorgen dafür, dass auch an unzugäng-lichen Stellen einerseits das Gras auf der Hochalm nicht zu hoch wächst, was zu Hangrutschungen und im Winter Lawinenabgängen führt, und andererseits werden unerwünschte Pflanzen wie junge Bäume oder Unkräuter von ihnen samt der Wurzel entfernt. Dadurch verwaldet das Gebiet nicht vollends.
Die ersten zweibeinigen Sommerfrischler übrigens brachte gegen 1866 Clemens Franz Xaver Reichsgraf von Westphalen nach Oetz. Inzwischen wird das Ötztal alljährlich in den Wintermonaten von Millionen Urlaubsgästen geradezu überflutet (alleine in Sölden rund 2 Millionen Übernachtungen) . Durch die Seilbahnverbindung mit dem Pitztal sollen gar noch mehr Urlauber in’s hintere Ötztal geholt werden. Die dortige Sprache (Bairisch vornehmlich beeinflusst durch das Passeier- und das Schnalsertal) gehört zum immateriellen Kulturerbe Österreichs.

https://www.youtube.com/watch?v=krzgRf7rxso&feature=youtu.be

Transhumanz – der Zug der Schafe wurde im Jahr 2011 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Wie lange es diese noch geben wird, ist jedoch fraglich. Immer mehr Weidegebiete fallen der Gewinnsucht der Wintertouristiker zum Opfer, neue Seilbahn- und Pistenerschliessungen sorgen immer wieder für Kontroversen. Sollten Sie die Gelegenheit haben, den Zug der Schafe vorort mitzuverfolgen, so nutzen sie dies. Die Schnalser Gletscherbahnen ermöglichen es auch für die Nicht-Alpinisten! Selbstverständlich können Sie zudem als freiwilliger Helfer aktiv werden. Dafür sollten Sie durchtrainiert, wetterfest und bergtauglich sein sowie sich mit Schafen auskennen Die Eindrücke werden Sie Ihr Leben lang nicht vergessen!

Rückkehrtermine 2018:
- Niedertalalm am 08. September nach Vernagt
- Rofenbergalm am 09. September nach Kurzras

Infos:

.) https://www.merano-suedtirol.it/de/schnalstal.html
.) https://www.suedtirolerland.it/de/suedtirol/schnalstal/vernagt-am-see/
.) https://www.suedtirolerland.it/de/suedtirol/schnalstal/kurzras/

Filmtipps:

- Mit di Schoof gian; Sebastian Marseiller

Lesetipps:

.) Pässe, Übergänge, Hospize; G. Bodini; Tappeiner Verlag 1999
.) Wege der Schafe: Die jahrtausendalte Hirtenkultur zwischen Südtirol und dem Ötztal; Hans Haid; Tyrolia-Verlag 2008
.) Schafe und Hirten im Vinschgau & Schnalstal; G. Bodini; Hrsg: Kulturverein Schnals 2005
.) Schafe in Tirol; Thomas Stoffaneller/Susanne Schaber; Tyrolia-Verlag 2016
.) Aufbruch in die Einsamkeit – 5000 Jahre überleben in den Alpen; Hans Haid; Ed. Tau 1992
.) Die Grundherrschaften des Tales Schnals in Untervinschgau; Franz Huter; Innsbruck 1926
.) Alpenvereinsführer Ötztaler Alpen; Walter Klier; Bergverlag Rother Ottobrunn 1997

Links:

- www.transhumanz.net
- www.kulturverein-schnals.it
- www.provitaalpina.com
- www.vent.at
- www.merano-suedtirol.it
- www.naturpark-oetztal.at
- www.timmelsjoch.com
- www.unesco.at
- similaun.net
- www.museen-suedtirol.it
- www.oetzi-dorf.at
- www.oetztal.com
- www.kulturnatur.de
- hoehepunkt-tirols.oetztal.com

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12 h Arbeit am Stück – das ist lebensgefährlich

Jede(r) nichtselbständige Vollzeit-Arbeitnehmer/-in in Österreich arbeitet im Schnitt 41,5 h pro Woche! Pro Jahr fallen 250 Mio Über- und Mehrstunden an – 54 Mio davon werden nicht abgegolten. Nur auf Zypern und in England wird länger gearbeitet. (Angaben: AK)

Mit den Stimmen der Regierungsparteien und der Neos (119 Ja-Stimmen, 55 Nein-Stimmen) wurde am Donnerstag, den 05. Juli 2018, das Arbeits-zeitgesetz im Österreichischen Nationalrat beschlossen – offenbar mit den Stimmen auch der Abgeordneten des Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbundes. Es wird – ohne Begutachtung – bereits am 01. September in Kraft treten und gilt für 3,7 Millionen Arbeitnehmer.
Das neue Gesetz sorgte im Vorfeld, seit Bekanntwerden des Initiativan-trages der VP/FP-Regierung am 15. Juni für hetigste Proteste. Künftig sollen neben den bisherigen 8h-Normalarbeitstage (plus 2 Überstunden) 8h-Normalarbeitstage mit zusätzlichen 4 Überstunden ermöglicht werden (schon zuvor einige Branchen wie Gesundheit, Sicherheit etc. ausgenommen). Bislang war für dieses Ausmaß an Mehrarbeit (60 h-Woche) die Einwilligung des Betriebsrates, ein schwerer wirtschaftlicher Grund und eine arbeitsmedizinische Begutachtung vonnöten.
Schon jetzt wird jeder vierte Mann und jede fünfte Frau einmal pro Woche kurzfristig zu Überstunden aufgefordert; 1,4 Mio Arbeitnehmer in Öster-reich müssen zumindest 1x im Monat kurzfristig Überstunden machen. Das soll nun auf Wunsch vieler Unternehmer-Lobbies ausgeweitet werden: Bis zu 60 h Arbeitszeit die Woche auf freiwilliger Basis – wie betont wird. Auch weiterhin besteht die grundsätzliche Verpflichtung zur Überstundenleistung in der 9. und 10. Stunde. Bislang waren es also zwei pro Tag – eine Ablehnung muss begründet werden. Sagen Sie mal Ihrem Chef nein, wenn er fordert, dass heute und morgen jeweils vier Stunden länger gearbeitet werden soll. Für die meisten Unternehmer ist dies Arbeitsverweigerung und damit ein Entlassungsgrund. Bei der Befragung “Mikrozensur” der Statistik Austria gaben nicht weniger als 57 % der Befragten an, dass ihre Vorgesetzten zur Gänze über die Arbeitszeit verfügen. Arbeitsjuristen betonen, dass es im Arbeitsrecht keinen Passus “freiwillig” gebe! Die Wirtschaftskammer beispielsweise bezieht sich auf eine von ihr bei “market” in Auftrag gegebene Umfrage, wonach sich 73 % dafür aussprachen, mehr arbeiten zu wollen. Mag ja sein, doch gingen diese sicherlich davon aus, sich selbst entscheiden zu können und das Ganze nicht aufgesetzt zu bekommen. Zwischen “Möglichkeit” und “Pflicht” besteht ein Unterschied, den es zu verstehen keines Doktortitels bedarf.
Durch Betriebsvereinbarungen ist es wie beschrieben bereits heute schon möglich, bei besonderem Anlass auf einen 12 h-Tag zurückgreifen zu können. Hier werden allerdings die Mitarbeiter befragt – wer nicht kann oder will, macht somit keine zwei weiteren Stunden oder Wochenends-arbeit. Das aber ist mit dem neuen Gesetz vorbei. So soll es lt. Betroffenen bereits Betriebsversammlungen gegeben haben, wo durch den Unternehmer auf die verpflichtenden Überstunden hingewiesen wurde.

“Kniefall vor der Industrie!”
(Dr. Andrea Kdolsky – ehemalige Gesundheitsministerin in der Tages-zeitung Kurier)

Ein Sturm der Entrüstung ist die Folge. Das Sommerfest des Bundes-kanzlers konnte nur aufgrund eines Großaufgebotes an Polizeikräften stattfinden. Die Gewerkschaft organisierte Betriebsversammlungen und rief zu einer Grossdemo am 30. Juni in Wien auf. Über 100.000 Teil-nehmer folgten ihrem Ruf. Weitere Gegenmassnahmen (Streik etwa) sind möglich: Auch Arbeitnehmervertreter der beiden Regierungsparteien in den Arbeiterkammern protestieren. So trat etwa der Chef der Tiroler FP-Arbeitnehmer, Heribert Mariacher, aus der FPÖ aus – dies sei keine Arbeitnehmerpolitik mehr, für die er gewählt wurde. Der ehemalige Bundeskanzler Christian Kern forderte eine Volksabstimmung (der Antrag wurde im Nationalrat niedergestimmt). Damit hätte er die Freiheitlichen mit eigenen Waffen geschlagen, da sie im Wahlkampf immer wieder mehr direkte Demokratie in Form von Volksabstimmungen bzw. Volksbegehren einforderten, bislang allerdings noch keine einzige auf den Weg brachten.
Im Jahr 1883 wurde im Rahmen des Statuts über die Gewerbeinspektorate im Alpenstaat zur Überwachung der zum Schutz der Arbeiter erlassenen Gesetze der elfstündige Maximalarbeitstag eingeführt. Mit der 12h-Regelung würden die Arbeitnehmer im teils erbitterten Kampf um ihre Rechte um 135 Jahre zurückgeworfen. Die Novelle soll ohne Begutachtung (somit auch ohne Konsultation der Sozialpartnerschaft) durchgeboxt werden. Das stösst auch der Bischofskonferenz sauer auf, die allerdings zudem befürchtet, dass weniger ehrenamtliche Stunden in der Kirche abgeleistet werden und v.a. auch der Sonntag als arbeitsfreier Tag fällt, da mittels desselben Gesetzes auch vier Wochenenden im Jahr als Arbeitszeit eingefordert werden können.

https://www.youtube.com/watch?v=zLFLWuAJaFI

Das Stichwort lautet: Work-Life-Balance. Die Unternehmen selbst betonen stets im Wettbewerb um geeignetes Fachpersonal, dass diesem in ihrem Betrieb eine entscheidende Bedeutung zukäme. Schliesslich sind die Mitarbeiter eines Unternehmens dessen wichtigstes Kapital. Unzählige Studien haben immer wieder bewiesen, dass jene Betriebe am erfolg-reichsten auf dem Markt agieren, die zufriedene Mitarbeiter haben. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass dies auch dann noch der Fall ist, wenn der Arbeitgeber in regelmässigen Abständen vier Stunden pro Tag an Überstunden einfordert, die lt. Arbeiterkammer bei Gleitzeit nicht mal entsprechend honoriert werden. In diesen Work-Life-Balance-Dienstverhältnissen werden die absolvierten 9. und 10. Stunden zum Gleiten verwendet – sie gelten also als normale Arbeitsstunden und werden nicht erhöht bewertet (Durchrechnung). Somit also auch künftig nicht, wenn die 11. und 12. Stunde hinzukommen. Das kann in vielen Fällen durch Gleiten gar nicht mehr ausgeglichen werden, da in den Kernzeiten ja Anwesenheitspflicht besteht. Diese Stunden verfallen ansonsten am Ende der vorher vereinbarten Periode (Monat, Quartal,…). Das betrifft nicht weniger als 1 Million Dienstnehmer in Österreich. Laut ersten Berechnungen der Gewerkschaft bzw. Arbeiterkamer würden die österreichischen Arbeitnehmer hierdurch um 1,5 bis 2 Milliarden € pro Jahr umfallen.

“Das kommt einem Lohnraub gleich!”
(Fritz Pöltl, FCG-Landesgeschäftsführer Wien)

Vorbei ist es ausserdem mit dem Eis in der Fussgängerzone nach getaner Arbeit, dem Feierabend-Bierchen mit den Arbeitskollegen, dem Fussball-training am Abend, der Feuerwehrprobe, dem Mädelsabend oder gar dem Candle-Light-Dinner mit der Liebsten zu deren Geburtstag. Die Arbeit-nehmer verlieren ihre Zeit-Autonomie!

“Wir haben im aktuellen FP/VP-Regierungsprogramm ein klares Bekenntnis zum 8 Stunden Arbeitstag und einer 38,5 bis 40 Stunden Arbeitswoche für Arbeitnehmer. Eine von den Medien bewusst fälschlich behauptete 60 Stunden-Woche wird es mit der FPÖ nie geben!”
(Vizekanzler H.C. Strache kurz vor Weihnachten 2017 auf Facebook)

Am 17. September 2013 sprach Strache in einem Kurier-Interview vom 12 h-Arbeitstag als “…eine asoziale, leistungsfeindliche Idee, da dies für alle Arbeitnehmer Nettolohnverluste bedeuten würde.” und forderte die Abschaffung der Überstundenbesteuerung.
Zudem ist es bereits mit acht Stunden sehr schwer, Betreuungs-möglichkeiten für die Kinder zu finden, sofern beide Elternteile arbeiten. Für Alleinerziehende nahezu unmöglich. Hier werden die Arbeitsgerichte künftig viele neue Fälle auf den Tisch bekommen, bei welchen sie zu entscheiden haben, ob die wirtschaftlichen Interessen des Arbeitgebers wichtiger sind als die Kinderbetreuungspflichten der nahezu ausschliess-lich Arbeitnehmerinnen. Diese Ausweitung der Arbeitszeiten wird zudem die Pflege von Angehörigen zuhause wesentlich beeinflussen.
Auch wenn der Vorgesetzte diese vier zusätzlichen Stunden möglicher-weise nur ein oder zweimal die Woche einfordert, so kann nach der Arbeit kein Termin mehr fixiert werden, da jederzeit mit dem Auftrag zu Überstunden gerechnet werden muss. Betont nun ein Unternehmer, dass er selbst bis zu 16 Stunden pro Tag arbeitet, so sollte er dabei bedenken, dass er sich auch mal kurzerhand am Donnerstag freinehmen kann, wenn er will. Im Gegenzug: Nur rund 30 % der Arbeitnehmer können sich kurzfristig freinehmen! Und noch weniger zu den Kernzeiten!
Diese neue Regelung wird zudem Arbeitsplätze kosten. Bestehende Arbeitsplätze, die aufgrund fristloser Entlassung der Arbeitnehmer, die sich weigerten, diese Überstunden zu absolvieren, werden eingespart, andere neu zu schaffende Posten dadurch gestrichen. Damit schaut auch der Staat selbst durch die Finger, obgleich die fiskalische Belastung bei Überstunden ohnedies eine höhere ist als bei Normalstunden. Diese jedoch erscheint im Ganzen gesehen weniger hoch als neu geschaffene Posten.
Bei all jenen, die Überstunden in Form von Zeitausgleich abbauen müssen (lt. Arbeitsvertrag), stellt sich die Frage: Wann? In einem gut laufenden Betrieb zieht sich zumeist auch die gute Auftragslage über einen längeren Zeitraum hinweg. Dadurch wird oftmals das Wort “unabkömmlich” zu vernehmen sein. Die einzige Beschränkung stellt derzeit eine EU-Richtlinie dar: Maximal 17 Wochen mit wöchentlich durchschnittlich 48 h! Es häuft sich alsdann ein unheimliches Stunden-Reservoir an, das bislang nach einer gewissen Zeit verfallen ist, jetzt durch die neue Regelung Monat für Monat, Jahr für Jahr als Rucksack mitgeschleppt wird. Wann ich den ZA konsumieren kann, entscheidet der Arbeitgeber. Mir ging es etwa so, als ich als Zeitsoldat zu unzähligen Wachdiensten verdonnert wurde. Ich wurde durch die Kompanie für einen Monat in den befohlenen Zeitausgleich geschickt – ganz zum Missfallen der Vorgesetzten in meiner Abteilung. Die gesetzliche Verjährung lag bislang bei drei Jahren. Allerdings beinhalten viele Kollektivverträge und v.a. die einzelnen Dienstverträge Verfallsklauseln, die auch nur wenige Monate berück-sichtigen können. Ich erhielt bei einem meiner Arbeitgeber eine Abmahnung, da ich am letzten Tag des Monats gemäss Arbeitsvertrag zum Monatsende das Zeitguthaben abbaute und das Büro um 1,5 h früher verliess. Pech also für die Unabkömmlichen: Zeitguthaben werden mitgenommen – wenn’s sein muss gar bis zur Kündigung oder Pensionierung. Soll heissen, dass der Dienstnehmer kein Anrecht auf ZA hat, wenn es dem Chef nicht passt.
Dann gibt es noch die All-in-Verträge, die bereits eine gewisse Anzahl oder alle Überstunden beinhalten, die nicht eigens bezahlt werden. Im Management gang und gebe – doch werden sie hier auch entsprechend honoriert. Derartige Verträge gibt es jedoch vermehrt im Niedriglohnsektor etwa im Handel oder der Gastronomie. Was geschieht, wenn ein Arbeitnehmer durch einen solchen Vertrag und dieser neuen Regelung unter die Mindestlohngrenze rutscht??? Schon jetzt haben sich nach Angaben der Statistik Austria 45 Mio Über- und Mehrstunden (bei Teilzeit-Dienstverhältnissen) im Alpenstaat angesammelt, die nicht bezahlt werden. Wie wird das mit der neuen Regelung?

https://www.youtube.com/watch?v=hAdMSQA9_XQ

Soweit zur Einführung – nun zu den Fakten. Über zwei Jahre hinweg arbeitete auch ich 12 Stunden pro Tag und länger – hinzu kamen täglich noch 1,5 h Fahrt zur und von der Arbeit. Das Leben ging an mir vorbei – soziale Abgrenzung war die Folge. Auch gesundheitlich bemerkte ich die Folgen: Unkonzentriert, ausgepowert, ständige Kopfschmerzen etc. Und dies als Angestellter – nicht als Arbeiter. Tatsächlich haben Studien ergeben, dass 12 Stunden am Stück v.a. bei Arbeitern sogar lebens-gefährlich werden können. Stellen Sie sich etwa derart monotone Beschäftigungen wie jene am Fliessband vor, die dennoch ein Maß an Konzentration erfordern. Schwerarbeiter aus der Stahlbranche, am Bau; Angestellte im Verkehr, Kassiererinnen im Supermarkt, …
Die Studien des schwedischen Arbeitspsychologen Anders Ericsson besagen, dass der Mensch nur drei bis vier Stunden hochkonzentriert arbeiten kann. Er zeigte in dem Werk eines japanischen Autoherstellers in Göteborg auf, dass bei einer Reduktion der wöchentlichen Stunden von 40 auf 30 die Produktivität stieg und auch der Profit um 25 % angehoben wurde. Eine zweite Studie wurde 2015 im Svartedalens Altersheim durchgeführt. Die Mitarbeiter waren zufriedener, produktiver und hatten mehr Energie. Die zu Pflegenden wurden qualitativ wesentlich besser betreut. Zudem gab es weniger Krankenstände und Ausfallstage. Deshalb überlegt sich Schweden nun sogar die Verkürzung der Normalarbeitszeit von acht auf sechs tägliche Stunden. Der Neurowissenschafter Henning Beck bestätigt, dass Fehler bereits nach sieben, auf jeden Fall aber acht Stunden geschehen. Untersuchungen, wie jene des Zentrums für Public Health in Wien vom März 2017, bringen ganz klar eine Tatsache zu Papier: Ab der 9. Arbeitsstunde steigt das Unfallrisiko, ab der 10. Stunde gibt’s einen gewaltigen Leistungsknick. In einem 12h-Arbeitstag ist die Ermüdung dreimal höher als in einem acht Stunden Tag. AK-Präsidentin Renate Anderl zieht arbeitsmedizinische Studien zu rate, wonach das Unfallrisiko im Strassenverkehr bei der Heimfahrt in der 13. Stunde üm das Fünffache steigen würde.

“Das ist so, als ob man mit einem Alkoholspiegel von 0,8 Promille fahren würde.”
(Renate Anderl, Präsidentin der Bundesarbeiterkammer Österreich)

Arbeitzeitforscher betonen auch, dass nach zwei Tagen mit jeweils 12 h Arbeitszeit drei Tage Freizeit folgen müssen, damit eine komplette Erholung möglich ist. Dies könnte nun allerdings bedeuten, dass die Chefs auf vier Stunden mehr am Donnerstag und Freitag bestehen, anstatt wie geplant den Freitag freigeben zu wollen. Ein freier Freitag übrigens ist bereits gegenwärtig schon möglich, nur stösst er bei den Arbeitgebern auf keine wirklich gute Resonanz. Auch ich wollte etwa bei einem meiner Arbeitgeber Urlaub abbauen, indem ich sechs Freitage im Einverständnis mit dem Chef freinahm. Dieser strich mir allerdings dann im Nachhinein auch wieder zwei davon!

https://www.youtube.com/watch?v=7C22Vad1daU

Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres verweist auf gesundheitliche Gefahren bei einer dermassen eklatanten Ausweitung der Arbeitszeiten. Dies beginnt bereits bei den kognitiven Fertigkeiten. Australier haben nachgewiesen, dass diese bei Menschen, die länger als 40 Stunden pro Woche arbeiten, abnehmen. Doch es geht noch weiter: Erfolgt nach solchen 12-h-Schichten keine ausführliche Erholung, so führt dieser Erschöpfungszustand mit der Zeit zu psychischen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen! Forscher aus Kanada haben ferner darauf hingewiesen, dass Frauen, die mehr als 45 Stunden pro Woche arbeiten, ein um 63 % höheres Risiko an Diabetes zu erkranken haben, als andere. Soweit das Ergebnis einer über 12 Jahre andauernden Langzeitstudie an 7.000 Frauen und Männern im Alter von 35 bis 74 Jahren. Die Auslösefaktoren sind mangelnde Bewegung, schlechtere Ernährung und mehr Stress. Letzteres führt zu Hormonstörungen, wodurch der Glukokortikoidspiegel steigt.

“Erhebungen zeigen, dass Frauen in industrialisierten Ländern doppelt so viele Stunden in der Woche im Haushalt arbeiten und Familien-pflichten übernehmen wie Männer!”

(Studienautorin Mahée Gilbert-Ouimet)

Das wiederum bedeutet wesentlich mehr Krankentage und schliesslich eine höhere Personalfluktuation. Bis die neuen Mitarbeiter eingearbeitet sind, entsteht ein enormer wirtschaftlicher Schaden, da die Produktion nicht auf Hochtouren laufen kann. Die Betriebe machen sich schlichtweg selbst kaputt – nachdem sie die Arbeitnehmer kaputt gemacht haben. Fairerweise muss erwähnt werden, dass mehr Arbeit auch positive Effekte haben kann – jedoch nur dann wenn die Arbeitnehmer selbst bestimmen können, wann sie diese machen und wann sie auch das Mehr an Freizeit antreten können.
Zuletzt noch eine rein philosophiche Frage:
Die österreichische Regierung hat v.a. zwei Rechtfertigungen auf den Tisch geworfen: Wer will kann mehr verdienen und mehr Freizeit haben! Ersteres mag ja noch verständlich erscheinen. Doch muss ich ehrlich gesagt bei zweiterem schon hinterfragen: Wenn ich mehr arbeiten muss, wie kann ich dann mehr Freizeit haben? Ein Oxymoron!

PS:
Alle Hinweise auf Gesetze oder der Handhabung von Dienstnehmer-verträgen in diesem Blog beziehen sich auf Österreich. Trotz wesentlich besserer Konjunkturlage bestehen derzeit in Deutschland zumindest nicht offiziell Bestrebungen der Regierung auf eine derartige Ausweitung der Arbeitszeiten.

Lesetipps:

.) Arbeitszeitmodelle der Zukunft: Arbeitszeiten flexibel und attraktiv gestalten; Ulrike Hellert; Haufe-Lexware 2014
.) Rechtshandbuch Flexible Arbeit: Flexible Beschäftigungsverhältnisse, Personalanpassung, Vergütungssysteme, Arbeitszeitmodelle, Aufgabenänderung; Matthias Pletke/Peter Schrader ua.; C.H.Beck 2017
.) Arbeitszeitgesetz – AZG; Hrsg.: Konrad Grillberger; MANZ’sche Wien 2011
.) Arbeitszeit und Mitbestimmung von A bis Z – Das Lexikon für die Interessenvertretung; Beckmann/Steiner; Bund-Verlag 2018
.) Arbeitszeitmodelle: Flexibilisierung und Individualisierung; Hrsg.: Dieter Wagner; Hogrefe Verlag 1995
.) Humane Arbeitszeiten; Ulrike Hellert; LIT 2001
.) Recht und Praxis der Arbeitszeitkonten: Wertguthaben, Altersteilzeit, Flexikonten; Peter Hanau ua.; C.H.Beck 2015
.) Neue Arbeit, Neue Kultur; Frithjof Bergmann; Arbor 2004
.) Arbeitszeit: Handlungshilfe für Betriebsräte; Barbara Jentgens/Jürgen Ulber; Bund-Verlag GmbH 2013
.) Gestaltung betrieblicher Arbeitszeitsysteme – Ein Überblick für die Praxis; Andreas Hoff; Gabler Verlag 2015
.) Handbuch Arbeitszeit – Wem gehört die Zeit?; Meine/Wagner; Bund-Verlag 2016
.) Arbeitszeit- und Dienstplangestaltung in der Pflege; Ronald Kelm; Kohlhammer 2011

Links:

- www.arbeiterkammer.at
- www.oegb.at
- www.wko.at
- www.iv.at
- www.usp.gv.at
- www.sozialministerium.at
- www.arbeitsinspektion.gv.at
- www.parlament.gv.at
- www.oevp.at
- www.fpoe.at
- www.meduniwien.ac.at
- zph.meduniwien.ac.at
- www.auva.at
- www.aerztekammer.at
- www.gesundearbeit.at
- psy.fsu.edu/faculty/ericssonk/ericsson.dp.php
- www.ximes.com/page/arbeitszeitforschung

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