Archive for August, 2018

Die Kraft des Waldes – das Netzwerk der Natur

Gesundheit ist das höchste Gut, das ein Mensch haben kann. Die meisten allerdings kommen erst dann zu dieser Erkenntnis, wenn sie mal nicht mehr gesund sind. Da kann ich mich mit all meinen Sportverletzungen und den daraus resultierenden Krankenhausaufenthalten leider nicht davon ausnehmen. Bis dahin wird Raubbau am Körper betrieben. Dass es jedoch gar nicht so schwer wäre, etwas dafür zu tun, wissen viele oftmals gar nicht, da sie dort mitschwimmen, was gerade mal empfohlen wird. Wer käme da schon auf dieses heutige Thema, auf das ich zugegebener-maßen auch eher zufällig während der Recherche zu einem komplett anderen Thema stiess: Das Waldbaden bzw. die Waldmedizin!
Marc G. Berman wohnt in Chicago. Er ist Assistant Professor am Institut für Psychologie der Universität Chicago. Sein Fachbereich geht in eine Richtung, von der ich selbst bis vor kurzem noch nicht wusste, dass es sie gibt: Die Umweltpsychologie. Untersucht wird in diesem Fachbereich die Interaktion der Psyche und neuronaler Prozesse mit Umweltfaktoren aus der Natur. Klingt etwas kompliziert, ist jedoch ganz einfach. Hier ein Beispiel: Berman analysierte für das Rotman Research Institute an der University of Toronto in Baycrest die Unterschiede in den Gesundheits-daten der Bewohner von Wohngegenden mit einem hohen Anteil von Bäumen zu jenen mit nur wenigen (“Regressionsanalysen”). Das Ergebnis ist revolutionierend und zugleich alarmierend: In den grünen Stadtteilen ist das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Störung wie etwa Diabetes oder Bluthochdruck zu erkranken wesentlich geringer als in jenen Stadtteilen, die dermassen zubetoniert (versiegelt) sind, dass nurmehr wenige Bäume Platz finden. Die Studie war recht mühsam, galt es doch, die Standorte von 530.000 Bäumen mit den Gesundheitsdaten von rund 30.000 Anwohnern abzugleichen. Berman weist allerdings daraufhin, dass die Daten miteinander korrelieren – inwieweit die sauerstoffreichere Luft, der schönere Anblick und die Animation für einen Spaziergang, die Bäume ausüben, das Wohlgefühl des Einzelnen beeinflussen, kann durch diese Studie nicht hingewiesen werden.
Ich behaupte: Bäume machen wirklich gesünder und glücklicher! Und den Beweis werde ich hier im Folgenden antreten! Diesem Phänomen widmet sich u.a. die Waldmedizin.

“Wir stellen fest, dass zehn zusätzliche Bäume in einem Häuserblock das durchschnittliche Gefühl der eigenen gesundheitlichen Verfassung in dem Maße erhöht wie eine Steigerung des Jahreseinkommens um 10.000 Dollar oder der Umzug in eine Wohngegend mit einem 10.000 Dollar höheren Durchschnittseinkommen!”
(Marc G. Berman)

An erster Stelle steht selbstverständlich die Sauerstoffproduktion. Die Photosynthese, also die Umwandlung von Kohlendioxid und Wasser zu Sauerstoff und Zucker unter Einfluss der Sonneneinstrahlung findet in den Blättern und Nadeln der Bäume statt. Je grüner ein Wald ist, desto mehr des für diesen Vorgang so wichtigen Chlorophylls findet sich dort, desto mehr kann auch Sauerstoff produziert werden. Sauerstoff nun ist für beinahe alle Vorgänge im menschlichen Körper notwendig. Je höher dessen Gehalt in der Atemluft ist, desto besser laufen auch diese Prozesse ab. Eine Wohltat für Asthmatiker oder Menschen, die an COPD leiden!
Der Wald beruhigt aber auch das Herz, den Blutdruck und entspannt die Muskeln. Zu dieser Erkenntnis gelangten Forscher der Nippon Medical School of Tokio. Sie wiesen nach, dass das Herz während eines Aufent-haltes im Wald deutlich ruhiger schlägt, der Blutdruck gesenkt wird und der Muskelapparat sich so richtig relaxen kann. Dies alles nur dadurch, dass das Stresshormon Cortisol runtergefahren wird. Gleiches stellten auch südkoreanische Forscher fest. Sie schickten zwei Probanden-Gruppen zum Spazierengehen. Die eine in den Wald, die andere in die Stadt. Während die Stadtgeher danach keinerlei Veränderungen auf-wiesen, hatten die Waldgeher einen niedrigeren Blutdruck, eine grössere Lungenkapazität sowie eine bessere Elastizität der Blutgefässe.

„Ein lichter Mischwald ist, wie der Name schon sagt, meist etwas heller und lässt Tiere und Pflanzen und damit auch Menschen mehr Raum zu Atmen und Entfalten als ein düsterer, dichter Laubwald!“
(Renate Cervinka, Universität Wien)

Doch das ist noch lange nicht alles: Blutuntersuchungen ergaben, dass sich die Anzahl der Killerzellen (spezielle weisse Blutkörperchen) bei einem Spaziergang durch den Wald erhöhen – um bis zu 50 %. Ihre Auf-gabe ist es, Eindringlinge jeglicher Art unschädlich zu machen. Damit gleicht also der Gang durch den Wald einem “öko-psychosomatischen Kuraufenthalt” für das Immunsystem des Menschen, so Prof. Hilarion Petzold, Begründer der Psychotherapieverfahren der Integrativen Thera-pie. Der Körper kann die unterschiedlichsten bioaktiven Substanzen wieder aufnehmen, die ihm immer mehr entzogen werden (“Nature Defizit Syndrom”).
Und schliesslich frohlockt zudem unser Nervensystem. Im Wald werden nahezu alle unsere Sinne aktiviert und sensibilisiert: Sei es aufgrund des Duftes junger Tannennadeln (Terpene), dem Gezwitscher der Vögel oder dem Spiel des Lichtes durch das Blätterdach.

„Ein Stoff, der nach Jasmin riecht, spricht im Gehirn dieselben Rezeptoren an, wie manche Schlaf- und Beruhigungsmittel. Und Sandelholzduft beschleunigt die Zellteilung und verbessert die Wundheilung!“

(Prof. Gustav Dobos, Kliniken Essen-Mitte)

Dies alles fassen die heimischen Walderlebnispfade zusammen. Aller-dings kann ein solcher Waldaufenthalt auch intensiviert werden – durch das “Waldbaden” beispielsweise. Dieser Trend aus Japan (dort auch als “Shinrin Yoku” bekannt – gibt’s sogar auf Kasse) gewinnt immer mehr Anhänger. Die eigens angelegten Wege des Nationalen Erholungswaldes von Akasawa werden jährlich von bis zu fünf Millionen Menschen beschritten; in Südkorea wurde mit den Forest Bath Parks in der Nähe von Städten und den fünf großen Natural Recreation Forests im Norden des Landes ähnliches geschaffen. Im Ostseebad Heringsdorf auf Usedom befindet sich der erste anerkannte europäische “Kur- und Heilwald”. Der 187 Hektar grosse Forst dient als Vorbild für weitere Projekte in Mecklenburg-Vorpommern, im Teutoburger Wald und am Berliner Wann-see. Beim Waldbaden ist es nicht wichtig, irgendwelche Übungen zu absolvieren – Waldbaden ist die intime Begegnung mit der Natur; es berührt die Seele des Menschen. Ein einziger Spaziergang kann bereits als Waldbaden bezeichnet werden, sofern ihm alle Achtsamkeit und Aufmerksamkeit gilt. Dennoch sollten Sie sich Zeit hierfür nehmen. Suchen Sie sich mitten im Wald einen Lieblingsplatz. Lassen Sie hier die Natur auf sich wirken, lesen vielleicht ein Buch, machen Yoga-, Qi Gong- oder Atemübungen – was auch immer für Sie am passendsten ist! Entschleunigen Sie! Unbedingtes Muss: Schalten Sie Ihr Handy aus, Sorgen abschütteln und auch alles ansonsten Störende am Waldrand zurücklassen. Nehmen Sie bitte keinen Hund mit. Erklärtes Ziel ist es, sich voll und ganz den Reizen der Natur hinzugeben. Die Arbeits-, Umwelt- und Gesundheitspsychologin Renate Cervinka erklärt dies folgendermaßen: Durch den Wegfall der modernen Mediennutzung (wie etwa des Smartphones) lernt jeder Einzelne loszulassen, Stresserlebnisse abzubauen und zu regenerieren. Die Aufmerksamkeit wird von allen Seiten eingedämmt – der Erholungsfaktor dabei ist enorm. Je häufiger ein solcher Spaziergang gemacht werden kann, desto mehr hat der Körper davon.

“Ein Aufenthalt im Wald kann die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit wieder herstellen und erhöhen sowie die Kreativität fördern!”

(Clemens Arvay, Biologe)

Auch in der Medizin wird vermehrt die Heilwirkung des Waldes erforscht. So meint etwa der Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrativer Medizin der Kliniken Essen-Mitte, Professor Gustav Dobos, dass der Wald vornehmlich aufgrund der Entspannungsmöglichkeiten eine enorme Wirkung auf die Gesundheit entwickeln kann. Er erklärt sich dies hauptsächlich evolutionstheoretisch: Die Natur bot uns in früheren Zeiten Schutz und Nahrung – sie war unser Lebensraum! Durch die Rückkehr in diesen Lebensraum fühlt sich der Körper heimisch und geborgen.
Dies erkannte vor bereits 34 Jahren der Gesundheitswissenschaftler Roger Ulrich (Chalmers-Universität in Göteborg). Er untersuchte in einer klinischen Studie die Auswirkungen des blossen Zimmerausblicks auf Patienten eines Krankenhauses. Bei 46 Menschen, die nach einem standardisierten Verfahren an der Gallenblase operiert wurden, konnte durchaus ein Unterschied in der Heilung festgestellt werden. Die Versuchs-Gruppe hatte dabei ein Zimmer mit Blick auf einen benachbarten Wald, die Kontrollgruppe hingegen schaute auf eine Ziegel-mauer. Das Ergebnis: Die Versuchsgruppe konnte das Krankenhaus früher verlassen, da die Wunden schneller und besser ausheilten. Auch postoperative Komplikationen traten weniger häufig auf und die Schmerzen waren weitaus geringer. Die Erklärung liegt in der Aktivierung des Parasympathikus, der die Regeneration und Heilung des Körpers bestimmt! Yoshifumi Miyazaki kam auf dieselbe Erkenntnis: Er wies mit seinem Team nach, dass bereits der Anblick eines Waldes den Cortisol-spiegel der Probanden um 13,4 % sinken liess!
Eine andere Studie der britischen Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Jo Barton von der University of Essex spricht in diesem Zusammenhang von der Steigerung der Stimmung und des Selbstwertgefühles. Um dies zu erreichen, soll bereits ein kurzer Aufenthalt unter den Bäumen genügen. Etwas weiter geht sogar eine Untersuchung der medizinischen Universität und der Universität für Bodenkultur aus Wien. In der Studie “Gesundheitswirkung von Waldlandschaften” kommen die Experten zum Schluss, dass neben den bisher bereits genannten positiven Auswir-kungen auch durchaus gute Erfahrungen bei der Therapie von Suchtkranken, Burnout- und ADHS-Patienten (Hyperaktivitätsstörungen) gesammelt werden konnten. Gewaltbereitchaft und Aggressionen können durch regelmässige Waldspaziergänge ebenfalls abgebaut werden, betont alsdann ein Bericht des Bundesforschungszentrums für Wald. Die Farben-psychologie weiss, dass die Farbe “Grün” beruhigend wirkt. Sehr positive Erfahrungen in dieser Richtung macht tagtäglich Axel Schmid, der beruf-lich viel mit gewaltbereiten Menschen und hier besonders Jugendlichen zu tun hat. Er meint, dass sich solche Menschen im Wald mehr auf sich selbst fokussieren und ihre Gefühle besser verarbeiten können. Derzeit laufen auch mit Schmerzpatienten entsprechende Untersuchungen. Studienleiter Professor Qing Li von der Nippon Medical School of Tokio spricht sogar von einer Therapie gegen Depressionen und Ängste.

“Wir fühlen uns weniger gestresst. Wir erholen uns, schlafen besser. Der Wald wirkt entschleunigend, die frische, kühle Luft stärkt und vitalisiert.”
(Angela Schuh, Professorin für Medizinische Klimatologie an der Universität München)

Lassen Sie uns eine ganz spezielle Gruppe der “Gesundmacher” etwas genauer betrachten: Die Terpene! In vielen Wellness- und Gesundheits-hotels werden inzwischen Zirben-Zimmer angeboten. Gäste berichten, dass sie wesentlich tiefer und somit besser in diesen mit Zirbenholz ausgestatteten Zimmern schlafen und ausgeglichener als üblich ihren Urlaub geniessen konnten. Der Aufenthalt in einem derartigen Zimmer lässt nachweislich das Herz langsamer schlagen, wodurch der Körper weniger zu tun hat. Verantwortlich dafür zeichnet der Duft, der von diesem speziellen Holz ausgeht. Er beinhaltet neben vielem anderen mehr auch die sekundären Pflanzenstoffe der Terpene (“Phytonzide”). Ätherische Öle, die in vielen Bäumen, ganz besonders jedoch in der Zirbe enthalten sind. Im Wald sind sie für die Kommunikation der Bäume untereinander zuständig. So haben Untersuchungen gezeigt, dass sich Bäume, Sträucher und auch Pilze gegenseitig vor dem Angriff von Schädlingen warnen. Eine mehr als wichtige Information, damit das Abwehrsystem der Pflanze hochgefahren werden kann. Rund 2000 derartiger Duftstoffvokabeln von über 900 Pflanzen sind bereits bekannt – die meisten davon gehören zu den Terpenen. Bei Mensch und Tier wirkt dieser “Heilungscode der Natur” ebenfalls: Terpene aktivieren die Produktion von Neurotransmittern und Hormonen (etwa Dehydro-epiandrosteron DHEA), aber auch von Killerzellen aus der Gruppe der Leukozyten, die Eindringlinge im wahrsten Sinne des Wortes “abschiessen”! Auch bösartige Zellen, die zu Tumoren führen können. Die gefährlichen Zellen werden mit sog. “Granzymen” beschossen, die die Zellmembran durchlöchern. Die Proteine “Perforin” und “Granulysin” gelangen auf diesem Wege in die Zelle und vergiften sie, sodass diese abstirbt. Zu diesem Ergebnis gelangte auch Japans bekanntester Wald-Gesundheitsforscher Qing Li: Blutuntersuchungen brachten bei der Verweildauer von einem Tag im Wald 40 % mehr Killerzellen, zwei Tage gar doppelt so viele wie zuvor. Im ersten Fall hielten sie ganze sieben Tage lang an, im zweiten sogar 30 Tage. Die Terpene-Konzentration ist im Sommer nach einem Regen oder bei Nebel besonders hoch – da die Baumkronen die Luft vermehrt zurückhalten – im Wald zudem mehr als am Waldrand. In einem zweiten Test extrahierte Li die beiden gängigsten Terpene Limonene und Pinene aus der Waldluft. Pinene werden vornehmlich im grünen Teil der Fichtennadeln, aber auch im Myrten-strauch gebildet, Limonene in Zitrusgewächsen, dem Lavendel und bei Fichten, Tannen und Kiefern. Damit reicherte er bei einer unwissenden Versuchsgruppe in der Nacht die Luft im Hotelzimmer an, während die Kontrollgruppe ohne die Zusatzstoffe auskommen musste. Auch hier ergaben Bluttests am nächsten Morgen die Zunahme der Killerzellen bei der Versuchsgruppe. Gemeinsam mit seinem Team kam er nach einer Analyse von Bevölkerungszahlen zu dem Resultat, dass die Krebs-sterblichkeit in bewaldeten Regionen weitaus geringer ist als in nicht bewaldeten.
Völlig unabhängig voneinander untermauern auch die Studien der Krebsforscherin Roslin Thoppil von der US-amerikanischen Vanderbilt-Universität in Nashville sowie des Pharmazieprofessors Anupam Bishayee am Larkin-Institut für Gesundheitswissenschaften in Miami diese Thesen. Umso intensiver forscht deshalb die Onkologie in dieser Richtung, da nicht alle Krebszellen auf eine Chemotherapie reagieren. Zellen sind derart konzipiert, dass sie Giftstoffe nach aussen pumpen. Diese Fähig-keit fehlt jedoch den meisten Krebszellen. Einige wenige jedoch können dies. Sie sind therapieresistent, überstehen die Chemo unbeschadet und bilden später weitere Krebszellen. Sie könnten möglicherweise mit Terpenen wirksam dem programmierten Zelltod zugeführt werden..

“Dabei geht es nicht darum, dass Patienten etwas leisten, dass sie Sport treiben, sondern sich ihrer selbst bewusst werden, sich spüren. Waldbaden hat mit Achtsamkeit zu tun.”

(Andreas Michalsen, Arzt für Naturheilkunde in Berlin)

Der Biologe Clemens Arvay fordert aufgrund all dieser wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkungen von Bäumen auf den Menschen mehr Wald in den Städten. In seinen Büchern ist er zudem davon überzeugt, dass das regelmässige Umarmen von Bäumen gesund hält, da die meisten Terpene über die Borke der Bäume abgegeben werden. In Österreich stehen rund 3,4 Milliarden Bäume – tun Sie sich keinen Zwang. Sollten Sie bei ihrem nächsten Spaziergang durch den Park Bäume umarmende Menschen sehen, so wissen Sie zumindest ab jetzt, dass sie nicht unbedingt auf Freuds Couch gehören! Versuchen Sie es doch ganz einfach selbst!
Und noch etwas: Zerstäuber, die mit Terpenen angereichert sind, wirken zwar – sie ersetzen aber nicht den Waldspaziergang, da hier ja noch weitaus mehr Stimulanzien auf den Menschen einströmen. Also: Raus in die Natur!!!

Der Vollständigkeit halber am Ende noch der Warnhinweis:
Die Komplementärmedizin, wie etwa die Waldmedizin, ist bei Krankheit kein Ersatz der Therapie durch die Schulmedizin. Sie sollte immer nur zusätzlich zur ärztlichen Behandlung eingesetzt werden!

Factbox:

Waldbaden nach Dr. Qing Li (Professor für Umweltimmunologie)
- Erstelle Dir einen Plan für Deine Wanderungen oder Spaziergänge – Anforderungen je nach Konstitution
- Solltest Du beim Waldbaden müde werden, dann suche Dir einen Platz zum Ausruhen – egal wo, Hauptsache im Wald
- Nimm Dir Zeit – mindestens vier Stunden für rund fünf Kilometer zu Fuss; hast Du nicht so viel Zeit, so sollten es zumindest zwei Stunden und 2,5 km sein
- Suche Dir einen schönen Platz im Wald, geniesse die Stille, die Natur oder lese ein gutes Buch
- Gestalte das Waldbaden so, wie es Dir am besten gefällt, setze entsprechend Deine persönlichen Ziele
- Nach dem Waldbaden kannst Du auch ein warmes Bad zuhause nehmen
- Ein dreitägiges Waldbad einmal im Monat aktiviert Dein Immunsystem und hält für die restliche Zeit an

Filmtipps:

- Therapie unter Tannen; 3Sat
- Ist der Wald Medizin?; NDR

Lesetipps:

.) Forest Bathing: How Trees Can Help You Find Health and Happiness; Qing Li; Viking 2018
.) Waldbaden – das kleine Übungshandbuch für den Wald; Ulli Felber; Schirner Verlag 2018
.) Der Biophilia Effekt – Heilung aus dem Wald; Clemens G. Arvay; edition a 2015
.) Das geheime Leben der Bäume; Peter Wohlleben; Ludwig Verlag 2015
.) Holzwunder. Die Rückkehr der Bäume in unser Leben; Erwin Thoma; Servus Buchverlag 2018
.) Die sanfte Medizin der Bäume; Maximilian Moser/Erwin Thoma; Servus 2018
.) Der Heilungscode der Natur – die verborgenen Kräfte von Pflanzen und Tieren entdecken; Clemens G. Arvay; Riemann 2016
.) Die neuen Naturtherapien. Garten-, Landschafts-, Wald- und tiergestützte Therapie, Green Care und Green Meditation; H.G. Petzold/B. Ellerbrock/R. Hoemberg; Aisthesis 2016
.) Einfach raus! Wie Sie Kraft aus der Natur schöpfen; Beate und Olaf Hofmann; Patmos Verlag 2016
.) Trickkiste Natur: 40 Naturwunder vor deiner Haustür: entdecken – staunen – ausprobieren; Hrsg.: Bund Naturschutz Bayern; oekom verlag 2016
.) Gebrauchsanweisung für den Wald; Peter Wohlleben; Piper 2017

Links:

- ihrs.ibe.med.uni-muenchen.de
- www.hphpcentral.com
- www.bund-naturschutz.de
- www.eag-fpi.com
- www.healthdesign.org
- psychology.uchicago.edu
- www.arvay.info
- www.psychologie-heute.de
- gesundheitsmanager.aok.de
- www.waldwelt.at
- www.menschundwald.de
- www.waldbaden.org
- www.waldbaden-akademie.com
- www.insel-usedom-wollin.de
- bfw.ac.at
- www.landscapeandhealth.at
- www.pan-praxis.de
- www.heilpraxisnet.de
- www.fpi-publikation.de
- www.biokrebs-kongress.de
- www.wildundfrei.net

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Ist der Metal tot?

Dieser Tage geriet meine Welt aus den Fugen!
Im Rahmen einer Diskussion in den Social Medias erfuhr ich, dass es die Musikrichtung des “Metals” nicht mehr gibt! Es gäbe nurmehr den guten Rock, möglicherweise auch etwas härter gespielt! Alter schwedischer Speed-Drummer: Habe ich da vielleicht während meiner Zeit im Pop- und Schlager-Radio etwas verpasst? Der Metal hat sich verabschiedet, ohne mir die Möglichkeit zu geben, ihn zu Grabe tragen zu können? Nicht auszudenken!
Anlass für die Diskussion war das Post eines Bekannten zum Auftritt der Schweden-Rocker “Europe” beim Wacken-Open Air 2017. Wir alle kennen Europe vornehmlich aus den Hitparaden der 80er Jahre, als sie mit “Final Countdown” die Hymne einer ganzen Generation prägten, gefolgt vom softigen “Carrie” und den nurmehr mässig erfolgreichen “Superstitious” und “Rock the night”. Ähnlich wie etwas später Jon Bon Jovi hängten wohl in zigtausenden Mädchenzimmern (und möglicherweise auch einigen Jungenzimmern) Plakate des dauergewellten Joey Tempest, seines Zeichens Lead-Sänger der Schweden. Doch waren sie abseits der Hit-paraden eigentlich schon recht rockig auf dem Weg – sie ebneten damals den Weg für die unzähligen Swedish Rock-Bands, wovon einige durchaus auch in das Genre “Heavy Metal” passten. Doch Europe? Ich weiss nicht so recht. Die Hitparadennummern hätte ich eher dem Pop-Rock und die anderen Titel dem Rock zugeordnet. Dies liess ich auch in meiner Antwort zu dem Post wissen, mit dem Beisatz, dass Wacken einst das weltweit grösste Metal-Open Air war, zuletzt doch immer kommerzieller wurde. Als Beweis brachte ich aus dem bereits bestätigten Line-up des nächsten Jahres Krokus aus der Schweiz und Rose Tatoo von Down Under, die beide nicht das Prädikat “Heavy Metal” verdienen. Alsdann hätten sicherlich auch Bands wie Metallica, Kreator oder Sepultura etwas dagegen, in dieselbe musikalische Schublade wie Europe eingeordnet zu werden. Daraufhin wurde ich von einem Musiker gerügt, dass ich keine Ahnung habe. Es gäbe keinen Metal mehr, sondern – wie zuvor bereits erwähnt – nurmehr gute Rockmusik! Kein Metal mehr – Tatsache??? Oh mein Gott!!!
In meiner Sturm und Drang Phase jobte ich ab und an als Rock-DJ in einer Kneipe und war späterhin beim damals einzigen Rock-Sparten-Sender aus Südtirol tätig. Damals mussten die Moderatoren noch selbst die Musik für ihre Sendungen zusammenstellen. Ich war der Spezialist für guten Melodic-Rock und astreinen Hardrock. Die Grenze zum Heavy Metal stellten für mich damals Iron Maiden dar. Ab dieser Güteklasse wählte ich nur wenige und wenn dann gute, nicht zu heftige Songs aus, die auf den Plattenteller kamen. Klar fuhr ich damit auch ein! Bei einer M1-Rock Night in einer Münchner Disco zu Silvester beispielsweise! Bestückt mit dem Besten, was das Radio-Archiv in Sachen Rock her gab machten wir uns auf den Weg. Dort angelangt mussten wir schon sehr rasch feststellen, dass so gut wie keine Stimmung aufkam. Ich war fehlbesetzt – es war eine Metal-Disco. So kann’s gehen. Deshalb musste ich mich den ganzen restlichen Abend durch das Haus-Archiv des Lokals quälen. Ich hatte auch stets den Mittwoch in meiner Stammkneipe gemieden An diesem Tag hatte nämlich der Metal das Sagen. Es war damals zudem die Zeit des aufkommenden Dark- und Thrash-Metals – gottlob blieb ich von dieser M1-Sendung am Freitagabend verschont. Jetzt also sollte es diese von mir stets streng bewachte, entmilitarisierte Zone zwischen Hardrock und Heavy Metal nicht mehr geben? Whitesnake, Aerosmith oder die Scorpions sollten im selben Atemzug wie Testament, Slayer oder Pantera genannt werden? Nö – da hab’ ich was dagegen!
Alsdann machte ich mich auf – zur Recherche im World Wide Web. Und siehe da – zu früh meine nurmehr wenigen Haare gerauft. Es gibt nicht weniger als 28 Untergliederungen des Metals – von A wie Alternative Metal, über F wie Folk Metal bis hin zu V wie Viking Metal. Von vielen habe ich noch nie gehört (etwa “Grindcore-Metal”), die meisten Bands sind mir gänzlichst unbekannt (wie “An Autumn for Crippled Children” – eine Depressive Black Metal-Band aus den Niederlanden). Ehrlich? Da werde ich schon aufgrund des Bandnamens depressiv!!! Nun – alle haben sie ihre Fans und damit ein Publikum, zu dem allerdings ich auch in Zukunft nicht gehören werde. Soll nicht heissen, dass sie schlechte Musik machen! Dies würde ich niemals in einem Bereich beurteilen, in dem ich mich nicht auskenne! Is aber nix für Vattern!!!
Hard Rock hingegen – YES! Dat is meen Jung! Was sagt eigentlich das Wörterbuch zum “Hard Rock”?

“Stilrichtung der Rockmusik, für die sehr einfache harmonische und rhythmische Struktur sowie extreme Lautstärke typisch sind!”
(Google)

Sodele – und das ist dann auch schon der glasklare Unterschied zum Metal: Harmonie und Rhythmus! Eine andere Definition lautet:

“Im klassischen Sinne ist Hardrock ein Sound, der durch schnelle oder/und harte Gitarrenklänge, die insbesondere durch verzerrte Verstärker betont wurden und treibende Rhythmen.”
(Lexikon der Musik)

Nun wird’s ein kleines bisschen schwieriger, wird doch im Lexikon der Musik etwas später auch das Schwermetall in’s Spiel gebracht – somit wäre also der Heavy Metal ebenfalls Bestandteil des Hard Rocks! Schon alleine aufgrund der Tatsache, daß die Gedanken frei sind, bleibe ich bei ersterer Definition. Im Lexikon der Musik steht übrigens auch, daß es umstritten ist, ob “Europe” zum Hard Rock gezählt werden. Aufgrund Ihrer Spätwerke wie dem 2017 erschienen Album “Walk the earth” sollte dieses Eingeständnis jedoch durchaus gemacht werden.
Fakt ist allerdings, dass viele Nicht-Rocker einige Hard Rock-Titel durchaus kennen, etwa:
“Smoke on the water” von Deep Purple
“Whole lotta love” von Led Zeppelin
“Highway to hell” von AC/DC
“Jump” von Van Halen
“Paradise city” von Guns n’Roses
Dann wird’s aber schon etwas diffiziler. So sind die beiden Songs “Number of the beast” von Iron Maiden und “Enter Sandman“ von Metallica ebenfalls vielen bekannt, die ansonsten mit dieser Musik über-haupt nichts am Hut haben. Meines Erachtens jedoch sind es Crossover-Titel zweier Bands, die per se eher dem Metal zuzuordnen sind, da sie ihren Gitarrenseiten ansonsten ganz andere Töne entlocken als ihre Kollegen aus dem harmonischeren Fach.
Um das alles etwas wissenschaftlicher zu machen: Der Hard Rock entwickelte sich in den auslaufenden 60er-Jahren aus dem Rock mit Einflüssen des Blues, des Beats, Rock’n'Roll und Psychedelic-Rock. Mit den einzelnen Stilrichtungen haben die Hard-Rocker meist nichts mehr zu tun – auch wenn Musiker wie David Coverdale, Gary Moore oder auch Jimmy Page bzw. Tico Torres durchaus gute Blues-Titel herausbrachten. Der Hard Rock baut vornehmlich auf dem 4/4-Takt auf, das Liedschema auf Strophe, Zwischenspiel, Refrain und Solo!
Der Heavy Metal entwickelte sich Ende der 70er-Jahre aus dem Hard Rock. Für die meisten Experten setzte die Band Black Sabbath den Anfang, obgleich sie noch zum Hard Rock zu zählen ist. Der Metal wird noch wesentlich härter und schneller gespielt. Auch hier gilt: Die meisten Metaler haben nichts mehr mit dem Hard Rock zu tun – bringen aber immer mal wieder tolle Balladen auf die Plattenteller, die stets beweisen, dass auch für sie Harmonie und Rhythmus keine Fremdwörter sind und sie durchaus mehr als die üblichen drei Akkorde spielen können. Beispiele? W.A.S.P., Cinderella, Skid Row oder Steelheart!
In der Musikformatierung der Radiostationen allerdings wird immer sehr genau nach Genres und Unter-Genres definiert. Special Interest-Stationen etwa gibt es im Metal Bereich sehr wenige. Zumeist sind es Internet-radios, die als Hobby betrieben werden. Kommerzielle Sender hingegen sind von ihrem Publikum abhängig. Sie machen Musik für den Mainstream. Schliesslich sind dies jene Hörer, die bei einer Befragung für etwa den österreichischen Radiotest oder der deutschen Media-Analyse die Quote bringen anhand derer auch die Aufteilung des Werbekuchens erfolgt. Die Special Interest-Hörer hingegen haben sich meist ihre eigenen Playlists zusammengestellt. Wird einer dieser befragt, so bringt er meist gar nichts für die Quote und somit den finanziellen Erfolg eines kommerziellen Senders. Hier liegt es deshalb im Fingerspitzengefühl des Musikformatierers abzuwägen, wie viele Mainstream-Zuhörer er verliert, wenn er einen Speed- oder Thrash-Titel einfügt und wie viele Special Interest-Hörer er im Gegenzug dazugewinnt. Doch diese Entscheidung beschränkt sich nicht nur auf den Rock. Nicht jeder Schlagerfan beispielsweise mag auch den Alpenländischen Schlager. Nicht jeder Klassik-Hörer freut sich über ein atonales Stück. Nicht jeder Oldie-Fan hört auch gerne den zumeist durch Drogeneinfluss entstandenen Psycho-delic aus den anfänglichen 70ern oder der Hitparaden-Junkie einen Black-Titel.
Es wird die Unterscheidung nach Untergruppen der Genres also auch in Zukunft weiterhin geben. Was dabei gut und was schlecht ist, wird auch künftig durch den Geschmack des einzelnen Zuhörers seine Daseins-berechtigung erfahren. Und Geschmäcker sind nun mal unterschiedlich! Gottlob!!! Allerdings: Wenn irgendwo Metal oder Hard Rock draufsteht, sollte das auch wirklich drinnen sein! Ansonsten entstehen unnötige Konflikte!!! Die Schweizer “Krokus” etwa zählen ähnlich wie AC/DC, Rainbow oder Kiss zur zweiten Phase des Hard Rocks (1979 bis zirka 1985) – nicht zum Metal! Nicht jeder Schwermetaller mag dieses “Kinderzeugs”!

Lesetipps:

.) Rock & Metal: Die Chronik des Krachs; Frank Thießies/Tom Küppers; Heel 2011
.) Höllen-Lärm – Die komplette, schonungslose, einzigartige Geschichte des Heavy Metal; Ian Christe; Hannibal Verlag 2013
.) 111 Gründe, Heavy Metal zu lieben – Erweiterte Neuausgabe: Ein Kniefall vor der härtesten Musik der Welt; Frank Schäfer; Schwarzkopf & Schwarzkopf 2011
.) Das Phänomen Heavy Metal:: Ein Szene-Porträt; Christoph Lücker; Nicole Schmenk 2011
.) Metal Antholögy: Ansichten und Meinungen eines Schwermetall-süchtigen; Frank Schäfer; Schwarzkopf & Schwarzkopf 2014
.) Die Wahrheit über Heavy Metal; Hrsg.: Andreas Reiffer; A. Reiffer 2015
.) Happy Metal: Hart aber herzlich; Till Burgwächter (Autor)/Miguel Fernandez (Autor, Illustrator); Lappan 2015
.) Kumpels in Kutten 2: Heavy Metal im Ruhrgebiet; Holger Schmenk/Andreas Schiffmann; Nicole Schmenk 2017
.) Heavy Metal Studies: Bd.1. Lyrics und Intertextualität; Hrsg.: Roman Bartosch; Nicole Schmenk 2011
.) Choosing Death: Die unglaubliche Geschichte von Death Metal und Grindcore geht weiter…; Albert Mudrian; I.P. 2016
.) Roots, Karma, Chaos – Mein Leben mit Sepultura und Soulfly: Die offizielle Autobiographie von Max Cavalera; Max Cavalera; I.P. 2015

Links:

- www.wacken.com/de
- www.lexikon-der-musik.de
- www.britannica.com
- www.metal-archives.com
- breakoutmagazin.de
- www.metal-hammer.de
- www.heavymetal.com
- www.stormbringer.at

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Simbabwe – Land ohne Hoffnung

“… Karikatur eines afrikanischen Diktators!”
(Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu über Robert Mugabe)

In der Serie der Armenhäuser auf unserem Planeten, die ich mit Venezuela eröffnet habe, möchte ich heute ein weiteres Beispiel vor-stellen. Ein Land, aus dem sehr viel hätte gemacht werden können, schliesslich erlangte es erst im Jahr 1980 seine Unabhängigkeit von Grossbritannien und verfügt über große Goldvorkommen: Simbabwe.
Am 30. Juli fanden die letzten Wahlen statt – als das Ergebnis am 02. August bekannt gegeben wurde, gingen tausende Menschen auf die Strasse. Polizei und Militär kamen zum Einsatz, konnten der Lage aber nicht mehr Herr werden – es fielen Schüsse. Demonstrierende Regierungsgegner sackten getroffen in sich zusammen, viele anderen schrieen verletzt um Hilfe. Inzwischen haben sowohl das deutsche Auswärtige Amt als auch das österreichische Außenministerium Sicher-heitshinweise ausgesprochen, wonach v.a. in der Hauptstadt Harare Menschenansammlungen gemieden und vor der Einreise unbedingt eine Reiseregistrierung im Ministerium veranlasst werden soll. Das Land droht zu kippen und im Bürgerkrieg unterzugehen, sollte sich die Lage nicht beruhigen. Wie aber kam es nun dazu?
Simbabwe ist etwa so gross wie Deutschland und Belgien zusammen, bewohnt wird es von rund 16,15 Millionen Menschen. Es grenzt an Südafrika, Botswana, Sambia und Mosambik. Der Name leitet sich vom Great Zimbabwe, einer vorkolonialen Ruinenstätte aus Steinhäusern ab, die etwa zur Zeit des europäischen Mittelalters erschaffen wurde. Am 02. März 1970 rief das bisherige Gouvernement Südrhodesien die Republik aus, gehörte aber bis zum 18. April 1980 weiterhin als Kronkolonie zum Vereinigten Königreich. Harare ist mit 1,46 Mio Einwohnern die mit Abstand grösste Stadt des Landes. Das Klima ist subtropisch/tropisch – die Regenzeit dauert von November bis März. Mit rund 1.000 mm/qm fallen in diesen Monaten rund 90 % der Jahresregenmenge.
Die Bevölkerung setzt sich vornehmlich aus den Shona (70 %), den Ndebele (13 %) und den Chewa (6 %) zusammen. Während der Kolonialzeit kamen sehr viele weiße Farmer und Händler in’s Land (rund 5 % der Bevölkerung). Diese bewirtschafteten die fruchtbarsten Regionen des Landes, der einheimischen Bevölkerung blieb nur der zumeist dürre Rest. Mit der Unabhängigkeit allerdings begann die Abwanderung dieser Bevölkerungsschicht, die sowohl das wirtschaftliche, als auch soziale und politische Leben im Land ganz massgeblich geprägt hatte.
Die Kolonialherren bereiteten das Land eigentlich recht gut auf seine Unabhängigkeit vor. So trat am 21. Dezember 1979 das “Lancaster House Agreement” als Übergangsmassnahme in Kraft. Die parlamentarische Republik wurde alsdann geführt vom Präsidenten Canaan Banana, die Regierung von Robert Mugabe, einem Lehrer und späteren Widerstands-kämpfer gegen die Kolonialherrschaft, der in der Bevölkerung einen ausgezeichneten Ruf genoss. Er war es auch, der federführend an den Verhandlungen zur Unabhängigkeit des Landes in London beigetragen hatte. Das House of Assembly stellte die Abgeordnetenkammer dar, die alsdann die Mitglieder des Senates wählten, dem zudem die Stammes-häuptlinge angehörten. Simbabwe galt lange Zeit als Vorzeigebeispiel für eine gut gelungene, junge afrikanische Republik. Allerdings dürfte einer der Fehler der Kolonialherren ausschlaggebend für die Zukunft des Landes gewesen sein: Die einheimische Bevölkerung durfte sich erst ab 1978 aktiv politisch beteiligen. zuvor war sie quasi stimmlos. Das nutzte der christlich-maoistische Regierungschef Mugabe skrupellos aus. Sehr rasch kehrte er dem sozialistisch geprägten Stil den Rücken, er regierte zunehmend autokratischer und wandelte das Land in einen Einparteien-staat und schliesslich eine Präsidialrepublik um. Nachdem Staatspräsident Canaan Banana wegen angeblicher Homosexualität verurteilt wurde und nach Südafrika flüchten musste, schaffte Mugabe den Posten des Premierministers ab – er war nun zugleich Staatsoberhaupt und Regierungschef.
Hinzu kam in den 80ern eine AIDS-Epidemie mit der weltweit höchsten HIV-Ansteckungsquote. Seit Mitte der 90er-Jahre allerdings sinkt gottlob die Zahl wieder. Ausserdem wanderten rund 3 Millionen Menschen illegal nach Südafrika aus. Das Land bewegte sich immer mehr zum Abgrund hin. Die Arbeitslosigkeit avanzierte zunehmend zum Problem, es tobte der Hunger, Energie wurde knapp. Mugabe regierte bis 2017 diktatorisch mit Hilfe des Militärs, der Polizei und seines Geheimdienstes. In den Jahren 2006 und 2009 belegte das Land in der Zufriedenheitsliste, dem “Happy Planet Index” der New Economics Foundation, von 188 Staaten der Erde jeweils nur den letzten, anno 2016 den 155. Platz.
Mugabe erstellte zu Beginn einige recht sinnvolle Regierungsprogramme: So förderte er die Kleinbauern, baute ein Gesundheitssystem auf und stärkte die Bildung. Die Kindersterblichkeit aufgrund von Unterernährung ging zurück, die allgemeine Lebenserwartung stieg. Mit dem 1991 ein-geführten “Strukturanpassungsprogramm” allerdings wurde der Karren immer mehr in den Schlamm gefahren. Mugabe erwartete sich dadurch mehr ausländische Investoren. Die kamen auch – allerdings hatte die Bevölkerung nichts davon – sie konnte sich dem neuen Markt nicht anpassen. Die öffentlichen Zuwendungen aus den Regierungs-programmen gingen zudem zurück. Die Folge: Die Wirtschaft stagnierte – die Arbeitslosigkeit nahm erneut zu. Im Jahr 2000 lehnte das Volk eine von Mugabe geforderte Verfassungsreform ab. Er und seine Partei-schergen von der ZANU-PF sahen ihre Felle davonschwimmen – Militär und Polizei wurden zusehends mehr gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, vor allem jedoch gegen die Opposition, Organisationen und Gruppierungen, die der Regierungspartei gefährlich werden konnten. Im Jahr 2000 enteignete die Regierung durch die Landreform die weißen Farmer grossteils gewaltsam. Deren Ländereien sollten offiziell an Kleinbauern gehen – inoffiziell wurden die rund 11 Millionen Herktar unter Parteimitglieder und Freunden Mugabes aufgeteilt. Da die meisten Farmer zuvor ihre Höfe, die Gerätschaften, Bewässerungsanlagen und die Ernte vernichtet hatten, war das Land plötzlich auf Lebensmittelimporte angewiesen. Ein Land, das zuvor als die “Kornkammer Afrikas” bezeichnet wurde. Die EU belegte aufgrund dessen den Staatspräsidenten mit einem Einreiseverbot – er durfte nurmehr an Veranstaltungen der Vereinten Nationen und des Vatikans teilnehmen. Im Jahre 2002 wurde die Mitgliedschaft des Landes im Commonwealth suspendiert – im Jahr danach folgte der Ausschluss. Mugabe bezeichnete unterdessen die Mitglieder der britischen Labour-Party als “gay gangsters”! Viele der enteigneten Farmer übrigens flüchteten in das ehemalige Nord-Rhodesien (Sambia) und bauten dort erneut erfolgreiche Farmen auf.
Im Mai/Juni 2005 ging die Regierung im Rahmen der “Operation Murambatsvina” („Müllbeseitigung“) gegen den Schwarzmarkt vor. Die Massnahmen betrafen nicht weniger als 750.000 Menschen – ihre Behausungen wurden komplett zerstört. Beobachter sprechen allerdings in diesem Zusammenhang von einem gezielten Vorgehen gegen Oppositionelle.
Politisch regierte Mugabe inzwischen ganz offiziell als Diktator – Kritiker liess er ermorden. Von einem Rechtsstaat konnte keine Rede mehr sein. Zwar gab es auch weiterhin Wahlen, allerdings monierten die wenigen zugelassenen Wahlbeobachter grossflächige Beeinflussung und Mani-pulation. Mugabe stellte such auch im Jahre 2008 inzwischen als 84-jähriger erneut dem Wahlvolk. Allerdings hatte er erheblichen Gegenwind. So kandidierte sein ehemaliger Finanzminister Simba Makoni mit der Unterstützung einiger anderer wichtiger Mitglieder der ZANU-PF, aber auch Morgan Tsvangirai von der Oppositionspartei MDC gegen ihn. Erste Hochrechnungen vom 2. April sprachen vom Sieg und der absoluten Mehrheit des Oppositionskandidaten Tsvangirai – offiziell schliesslich waren es 47,9 %, Mugabe kam auf 43,2 %. Eine Stichwahl war notwendig. Tsvangirai aber zog seine Kandidatur nach offenbar massiver Gewalt gegen MDC-Parteimitglieder zurück. Er selbst flüchtete aus Angst vor Repressalien der Regierungstruppen in die niederländische Botschaft. Nach der Vermittlung des südafrikanischen Staatspräsidenten Thabo Mbeki wurde zwischen den beiden verfeindeten Fronten eine Macht-teilung vereinbart.
2008 suchte die Cholera Simbabwe heim – sie forderte mehrere tausend Todesopfer. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen. Das nutzten offenbar die Sicherheitskräfte, Kriegsveteranen und Angehörige der Afri-kanischen Nationalunion aus – sie wüteten blutigst in der Bevölkerung. Inzwischen bot Mugabe seine Kooperaton an, sofern die internationalen Sanktionen gegen das Land aufgehoben würden. Am 11. Februar 2009 wurde Tsvangirai als Ministerpräsident vereidigt. Wenn auch die Wirt-schaft nicht sofort darauf reagierte, so nahm doch zumindest die Gewalt im Lande ab. Im März 2013 stimmte das Wahlvolk für einen gemeinsam ausgearbeiteten Verfassungsentwurf. Bei der darauffolgenden Wahl am 31. Juli 2013 – erneut überschattet von vielen Vorwürfen über Unregel-mässigkeiten – rief sich Mugabe mit angeblich 61 % der Stimmen als Sieger aus. Und weiter ging’s mit der Korruption. Das konnte am ehesten an der Goldförderung bemerkt werden. Wurden im Jahr 2004 noch offiziell 17 Tonnen gefördert, so waren es 2013 nurmehr offizielle 900 kg. Auch im Diamantenhandel verdienten Mugabe, seine Familie und Regierungsfreunde Millionen.
Während sein Volk hungerte, feierte der Diktator rauschende Feste. So soll zum 86. Geburtstag des Ditkators Champagner geflossen und Kaviar in rauhen Mengen aufgetischt worden sein. Kosten: Rund 500.000 Dollar! Seinen 93. Geburtstag feierte Mugabe ebenfalls in ganz kleinem Rahmen. Kosten: Rund 1,9 Mio Euro!!!
Dem Diktator wurden alle jemals verliehenen Ehrentitel aberkannt, am 25. Juni 2008 entzog ihm Königin Elisabeth II. auch die Ritterwürde – 1994 hatte sie ihn zum Knight Grand Cross des Order of the Bath geschlagen.

“Der einzige weiße Mann, dem man trauen kann, ist ein toter weißer Mann!”
(Robert Mugabe)

Am 15 November 2017 schliesslich putschte das Militär unblutig – Mugabe trat sechs Tage später zurück um dadurch einem Amtsent-hebungsverfahren vorauszueilen, das bereits in beiden Kammern des Parlaments gestartet worden war. Als neuer Präsident wurde Mugabes ehemaliger persönlicher und Parteifreund, der 74-jährige Emmerson Mnangagwa eingesetzt. Mit ihm teilte sich der Diktator während seiner Haft in den 60ern/70ern eine Zelle. Seit 1980 war Mnangagwa bis 2013 Minister in den unterschiedlichsten Ressorts, von 2014 bis zum Sturz Mugabes Vizepräsident. Er genoss also durchaus das Wohlwollen des Diktators und hat sicherlich vieles zu dessen Selbstverwirklichung beigetragen. Etwa als Staatssicherheitsminister und somit Geheim-dienstchef in den 80er-Jahren. Die Spitznamen, “Garwe” bzw. “Ngwena” (beides bedeutet “Krokodil”), die er sich im Guerillakrieg in Rhodesien wegen seiner Skrupellosigkeit erworben hatte, trägt er sicherlich zu recht. Im Jahre 1998 war er u.a. an der “Operation Sovereign Legitimacy” (Osleg) beteiligt. Dabei räumten seine Schergen während des 2. Kongokrieges, in dem Simbabwe offiziell die Regierung der Demokratischen Republik Kongo unterstützte, Diamantenminen in der Provinz Kasaï im Kongo leer. Schon 2002 empfahl eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen Sanktionen gegen Mnangagwa. Am 6. November, also neun Tage vor dem Militärputsch, wurde er durch Mugabe entlassen und musste gar wegen Landesverrates das Land verlassen, da er sich mit der Frau Mugabes überworfen hatte. Nachdem er aus dem Exil viele Arbeitsplätze und eine “neue Demokratie” versprochen hatte, holte ihn das Militär zurück und machte ihn am 22. November zum neuen Machthaber. In all den Jahren soll er sich ein recht erquickliches Vermögen angehäuft haben – dem armen Volk versprach er hingegen den Kampf gegen die Korruption.
Vieles hat sich seit dem Sturz des Diktators nicht gebessert. Beobachter sprechen nach wie vor von einem nur “teilweise freien politischen System”. Schon im Jahr 2000 hatte der heutige Machthaber in seinem Wahlkreis Kwekwe Central gegen den Oppositionsführer verloren, Mugabe erklärte ihn aber trotzdem zum Abgeordneten. Auch bei den Wahlen Ende Juli wurden seinem Mitbeweber, dem Pastor, Rechtsanwalt und Oppositionsführer Nelson Chamisa, durchaus gute Chancen voraus-gesagt. Dennoch sprach die Wahlkommission ZEC von einem Wahlerfolg des bisherigen Präsidenten mit 50,8 % der abgegebenen Stimmen, sein Kontrahent erhielt 44,3 %. Dasselbe Bild auch im Abgeordnetenhaus: 140 von 210 Sitzen gehen an die Regierungspartei- dubioserweise genau eine Zweidrittelmehrheit. Erstmals waren wieder neutrale Wahlbeobachter zugelassen. Die Vertreter der EU betonen, es gäbe “positive Merkmale” aber auch “ernsthafte Bedenken”, jene der Afrikanischen Union und des südafrikanischen Staatenbundes SADC bezeichnen die Wahlen als “friedlich” und “ordentlich”. Die oppositionelle MDC spricht von massivem Wahlbetrug. Dies veranlasste tausende Menschen zu Protestkund-gebungen. Armee und Polizei gingen mit aller Härte vor – man werde keine weiteren Proteste zulassen, hiess es vonseiten der Regierung. Nach offizieller Meldung gab es sechs Tote. Der Leiter der EU-Wahlbeobachter, Elmar Brok, meint, dass absichtlich eskalierend eingegriffen wurde um den Widerstand zu unterdrücken. Die Parteizentrale der Opposition wurde durch die Polizei gestürmt.
Nun scheint das Land erneut dort angelangt zu sein, wo es einst war. Der Westen lehnt aufgrund der destabilen Lage wirtschaftliche Beziehungen ab – nur Südafrika ist als Nachbarland und aufgrund der vielen Millionen an Flüchtlingen an einer friedlichen Lösung interessiert. 1997 zählte Simbabwe zu den wirtschaftlich stärksten Staaten des Kontinents – seit 2015 weist es eine schwächere Wirtschaftsleistung als all seine Nachbarländer auf (900 Dollar pro Kopf). Einige Wirtschaftsbereiche liegen komplett brach. Noch vor drei Jahren waren 44,7 % der Bevölkerung unterernährt. Aufgrund einer Hyperinflation anno 2008 (90 Trilliarden Prozent) wurde ein Multiwährungssystem (US-Dollar, südafrikanischer Rand, britisches Pfund und chinesischer Yuan) eingeführt. Nach wie vor gehört die Korruption zur Tagesordnung. Selbstverständlich geht es auch nach wie vor um den Kampf der Stämme. Im Jahr 1837 wurden viele bislang von den Shona regierte Staaten von den Ndebele unterworfen, die von Südafrika aus kommend nach Norden wanderten. Heute stellen die Shona den Grossteil der Bevölkerung. Sowohl Mugabe als auch sein Nachfolger gehören diesem Volksstamm an. Unter Mnangagwa wurde in den 80ern die Gukurahundi-Operation durchgeführt, in deren Rahmen rund 20.000 Oppositionelle zu Tode kamen – ein Grossteil davon waren Ndebele. Die Religion übrigens spielt keine grosse politische Rolle, sind doch rund 95 % Christen und weniger als ein Prozent Muslime.
Der diesjährige Gegenkandiat Nelson Chamisa engagierte sich schon während seiner Studentenzeit politisch. Im Jahr 2007 wurde er auf dem Weg zu einer Konferenz in Europa von zwei Staatssicherheitsagenten brutalst am Flughafen zusammengeschlagen. Er erlitt dabei einen Schädelbruch. Zwei Jahre später holte ihn Morgan Tsvangirai in die bis 2013 parteiübergreifende Regierung mit Mugabe. Der Reformer ist v.a. in der jungen und arbeitslosen Bevölkerung sehr beliebt.

Lesetipps:

.) Mugabe: Ein afrikanischer Tyrann; Christoph Marx; Beck 2017
.) A Predictable Tragedy. Robert Mugabe and the Collapse of Zimbabwe, Daniel Compagnon; University of Pennsylvania Press 2010
.) Robert Mugabe: A Life of Power and Violence; Stephen Chan; London 2003
.) Zimbabwe at the Crossroads; Jacob Wilson Chikuhwa; AuthorHouse 2006
.) Zimbabwe. The Political Economy of Decline; Suzanne Dansereau/Mario Zamponi/Henning Melber; Nordiska Afrikainstitutet 2005
.) A Crisis of Governance. Zimbabwe; Jacob Chikuhwa; Algora Publishing 2004
.) Zimbabwe. The Past is the Future. Rethinking Land, State and Nation in the Context of Crisis; David Harold-Barry; Weaver Press 2004
.) Mugabe. Power, plunder, and the struggle for Zimbabwe; Martin Meredith; Public Affairs 2007
.) Zimbabwe. The Rise to Nationhood; Jacob W. Chikuhwa; AuthorHouse 2006

Links:

- www.parlzim.gov.zw
- www.zim.gov.zw
- www.zimfa.gov.zw
- www.zanupf.org.zw
- www.mdc.co.zw
- www.wfp.org
- www.unicef.org
- hdr.undp.org
- www.auswaertiges-amt.de
- www.bmeia.gv.at
- www.helpline-eda.ch
- www.misa.org
- www.eisa.org.za
- www.newzimbabwe.com
- www.chronicle.co.zw
- zimnews.net
- theafricareport.com

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Erlebt die europäische Wirtschaft in China ihren Sonnenuntergang?

Ende Juli erregte eine Schlagzeile meine Aufmerksamkeit:

Chinesen blitzen bei deutschem Stromanbieter ab!

Ein sehr ernstes Thema, das offenbar nur durch die Bundesregierung hat gelöst werden können.
Das chinesische Staatsunternehmen State Grid Corporation of China (SGCC) hatte sich für Geschäftsanteile des Stromanbieters 50Hertz interessiert. Ein entsprechender Vertrag mit dem bisherigen Anteile-Eigentümer soll auch bereits unterzeicnnet worden sein. In letzter Minute sprang der Bund über die KfW-Staatsbank ein und kaufte selbst die Anteile auf. Diese 20 % waren zuvor in der Hand des australischen Infra-strukturunternehmens IFM. Der belgische Mehrheitsaktionär, der Netz-betreiber Elia, hatte ein Vorkaufsrecht, auf das er zugunsten des Bundes verzichtete. Die Chinesen hatten nicht weniger als eine Milliarde Euro geboten. In Berlin war ein erleichtertes Aufatmen zu vernehmen, da es sich bei der Stromversorgung um einen mehr als heiklen Bereich (sensible Netzinfrastruktur) handelt. 50Hz nennt rund 10.000 km Stromnetz sein eigen, über die auch der wichtige Strom aus den Windparks in der Ostsee weitergegeben wird und versorgt damit im deutschen Norden und Osten zirka 18 Millionen Kunden. Stellt sich die Frage, weshalb überhaupt Auslandsbeteiligungen in solchen Geschäftsbereichen ermöglicht werden. Der Bund kann bislang erst ab einem Anteil von 25 % bei sicherheits-relevanten Sektoren eingreifen (Transparenzauflagen”)! Welch ein Humbug!

“Es ist dringend notwendig, dass wir noch in diesem Jahr EU-weit ein schärferes gesetzliches Instrument an die Hand bekommen, um Übernahme-Fantasien sowie Technologie- und Know-how-Abfluss wirksam entgegenzutreten!”
(Matthias Machnig, Staatssekretär im deutschen Bundeswirtschafts-ministerium)

Das interessierte mich natürlich Also begann ich mit ersten Recherchen und stiess auf wirklich Unglaubliches. Nicht dass eine derartige Beteiligung in anderen Wirtschaftsbereichen durchaus unternehmerisch wertvoll sein und viele Weiterentwicklungsmöglichkeiten bieten könnte. Doch drängt China massiv auch in umstrittene Bereiche des täglichen Lebens in Europa vor. Denn dieser Einstiegsversuch war nicht der erste aus dem Land der Mitte in mehr als heikle Gebiete der Versorgung innerhalb der Infrastruktur!

https://www.youtube.com/watch?v=6dd-URONofw

In der Automobilindustrie werden inzwischen viele deutsche Vorzeige-marken von chinesischen Firmen beliefert – mit durchaus positiven Erfahrungen, wie es vonseiten eines jener Experten heisst, auf dem man gerne in dieser Branche hört: Ferdinand Dudenhöfer von der Universität Duisburg-Essen. So entwickelte sich der Zulieferer von Schlüssel- und Schlosssystemen, das Unternehmen Kiekert aus Heiligenhaus, nach der Übernahme durch den chinesischen Autozulieferer Lingyun im Jahr 2012 prächtig.
Im selben Jahr wurden zwei deutsche Betonpumpenhersteller erworben: Die Schwing-Gruppe ging an die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) und Marktführer Putzmeister bereits zuvor an Sany. Über den Kaufpreis wurde jeweils Stillschweigen vereinbart. Damit wechselte die Weltmarktführung in diesem Bereich von Deutschland nach China. Das war damals auch die Strategie der Stunde: Die Chinesen haben zwar die Hersteller, aber keine Marken, die sie globalisieren können. Doch hat sich diese Investitionsstrategie inzwischen geändert.
Das Unternehmen Boge Rubber & Plastics (gegründet 1931 in Bad Godesberg) hat sich auf den Fachbereich der Schwingungstechnik und der Produktion von Leichtbaukomponenten für die Automobilindustrie konzentriert. 4.200 Mitarbeiter an Standorten in Deutschland, Frankreich, der Slowakei, den USA, Brasilien, Mexiko, Australien und China (Angaben lt. Firmen-Homepage) produzieren beispielsweise Kunststoff-Pedale für Automotoren, die eine Gewichtsersparnis bei Fahrzeugen ermöglichen. Erforscht wird dort derzeit die Einführung von Kolbenbehältern aus Kunststoff. Neben der Gewichtseinsparung könnte auch der Treibstoff-verbrauch dadurch minimiert werden. All das geschieht mit Millionen von Dollar aus China.
1906 erschien erstmals durch ein Patent der Deutschen Gasglüh-lichtanstalt in Berlin das Warenzeichen “Osram” auf dem Markt. Der daraus entstandene Betrieb arbeitete sich im Produktionszweig der Leuchtenherstellung zu einem der Global Leader hinauf. 2016 wurde dieses traditionelle Lampengeschäft als Ledvance GmbH mit rund einem Drittel der Belegschaft ausgegliedert. Nur wenige Tage später kam die Übernahme durch ein chinesisches Investment-Konsortium an die Öffentlichkeit, bestehend aus dem strategischen Investor IDG Capital, dem LED-Unternehmen MLS Co. Ltd. und dem Yiwu State-Owned Assets Operation Center. Die Chinesen zahlten zirka 500 Millionen Euro dafür. Allerdings erwies sich der Kauf als Fehlgriff – die Standorte in Augsburg und Berlin werden noch in diesem Jahr komplett geschlossen – das Unternehmen war wohl bereits während der Osram-Zugehörigkeit nicht zu halten. Dennoch – strategisch war der Kauf gut, schliesslich hätte der europäische Markt hierdurch mit LEDs Made in China überflutet werden können.
Eine Übernahme, die auch den Industriestandort Deutschland negativ beeinflussen könnte, geschah 2016. Der Augsburger Roboter-Bauer, die Kuka AG, wurde vom chinesischen Haushaltsgerätehersteller Midea übernommen. Die Robotik-Anlagen der Schwaben sind industrie-strategisch enorm wichtig. Die Chinesen haben 2017 viel Geld in den Betrieb gesteckt – der Umsatz stieg auf ein Rekordhoch – wenn auch noch nicht gleich der Gewinn. Im vergangenen Jahr konnte dennoch ein Gewinn von nahezu 103 Mio € vor Steuern und Zinsen erwirtschaftet werden – beim gleichzeitigen Rekordumsatz von 3,5 Milliarden (+18 % gegenüber 2016). Die Auftragsbücher sind voll. Nun soll mit dem Eigentümer ein Joint Venture an dessen Betriebsstandort in Shunde/Südchina in die Wege geleitet werden. Kuka wurde 1898 als Maschinenfabrik Keller & Knappich gegründet. Das Unternehmen war nach dem Zweiten Weltkrieg zudem in der Rüstungsindustrie vertreten, die KUKA-Wehrtechnik GmbH wurde allerdings 1999 an die Rheinmetall verkauft. 1973 erfolgte der Einstieg in die Roboterproduktion. Die Chinesen steckten mehr als 4,6 Milliarden € in den Kauf der Mehrheitsanteile – sukzessive wurden auch fast alle anderen Anteile aufgekauft.
ista erblickte als ISTA Haustechnik im Jahre 1978 in Österreich das Licht der Welt. Raab (später Raab Karcher) übernahm 1994 den Betrieb und expandierte als Raab Karcher Energy Services schon sehr bald in Europa, Asien und Nordamerika. Nach verschiedenen weiteren Fusionen und Expansionen avancierte ista, inzwischen mit Sitz in Essen, zum Weltmarktführer für Energiedienstleistungen. 2017 übernahm die Cheung Kong Property Holding das Unternehmen für 6,7 Mrd. Dollar.
Aktuell wird v.a. die chinesische Beteiligung am Autozulieferer Grammer AG diskutiert. Nach Angaben auf der Firmen-Homepage wollte die Jiye Auto Parts GmbH zuerst 50 % plus 1 Aktie des Unternehmens erwerben. Nachdem es jedoch offenbar erheblichen Gegenwind gegeben hatte, gingen die Chinesen auf 36 % plus 1 Aktie herunter (Stand: 30.07.2018). Zuletzt hiess es, dass 19 % der Grammer-Aktionäre ihre Anteile zum Tausch angeboten haben – damit würden die chinesischen Investoren mit den bereits erworbenen 26 % über weitaus mehr als die Mindestschwelle verfügen. Das Unternehmen aus Amberg ist spezialisiert auf Kompo-nenten und Systeme für die Auto-Innenausstattung im Premium-Bereich. Bleibt die Frage, wann China den Import von deutschen Autos sperrt, da sie alle Teile inzwischen selbst herstellen können.
Die Deutschen haben den Ruf, fleissig und verlässlich zu sein, weniger zu streiken und besseres Englisch als die Asiaten sprechen zu können. Vorteile, die auf dem globalen Markt enorm weiterhelfen können. Dennoch – die bisher erwähnten Übernahmen (mit Ausnahme von KUKA) sind nur Peanuts im Internationalen Vergleich:
.) Syngenta-Übernahme durch die ChemChina (95 %)
Pflanzenschutz, Saatgut
40,9 Mrd. Euro
.) Logicor Europe-Übernahme durch die China Investment Corp. (100 % – 10 % wurden durch den bisherigen Eigentümer Blackstone wieder zurückgekauft)
Logistik (u.a. für den Kunden Amazon)
12,25 Mrd. Euro
.) Rio Tinto-Übernahme durch die Aluminium Corp. of China (12 %)
Weltweit führender Alumnium-Produzent
9,6 Mrd. Euro
.) Pirelli-Übernahme durch die ChemChina (12 % nach einer vollständigen Übernahme 2015)
Reifenherstellung
8,3 Mrd. Euro
.) Supercell-Übernahme durch Tencent Holdings (84 %)
Spieleentwickler
7,6 Mrd. Euro
.) Addax Petroleum-Übernahme durch die China Petrochemical (100 %)
Öl- und Gasproduzent
6,5 Mrd. Euro
.) Global Switch Hold.-Übernahme durch Jiangsu Shagang (49 %)
Rechenzentrumsleistungen
2,9 Mrd. Euro
.) Awilco Offshore-Übernahme durch die China Nat. Offshore Oil (100 %)
Öl-Plattformen-Betreiber
2,8 Mrd. Euro
.) Volvo-Übernahme durch die Zhejiang Geely (8 %)
Auto- & LKW-Hersteller
2,7 Mrd. Euro
.) Energias de Portugal-Übernahme durch die China Three Gorges (21 %)
Energieversorger (wertvollstes Unternehmen Portugals 2015)
2,7 Mrd. Euro
Und es geht noch weiter: Mit knapp 10 % bei Daimler ist der chinesische Mulitmilliardär und Besitzer des Autokonzerns Geely, Li Shufu, der grösste private Einzelaktionär bei den Stuttgarter Autobauern! Damit ist er durch einen Vertreter im Aufsichtsrat des Konzerns stets über die Strategie des Unternehmens auf dem aktuellen Stand! Preis: 7,3 Milliarden Euro!

https://www.youtube.com/watch?v=Uu93CmxEDcY

Nicht immer geht es um das schnelle Geld aus der laufenden Dividende – inzwischen sind Know-How und Patente wesentlich bedeutender. So würde beispielsweise ein Motor mit Kunststoff-Kolbenbehältern die internationale Autoindustrie revolutionieren. Wurde in früheren Zeiten eine neue Entwicklung kopiert, so setzen inzwischen die Investoren direkt an der Quelle an. Und diese finden sie in den deutschen Bundesländern mit den meisten “Hidden Champions” – den geheimen Weltmarktführern: Baden-Württemberg (23 Prozent der chinesischen Gesamtinvestitionen in Deutschland), Nordrhein-Westfalen (20 Prozent) und Bayern (16 Prozent). In Bayern etwa werden bereits rund 300 chinesische Unternehmen vermutet, darunter auch Linde Hydraulics und Kraus Maffei! Vornehmlich vom Investoren-Shopping betroffen sind die Branchen Beförderung (energiesparende Alternativantriebe 21 %), Energie (Produktion und Speicherung 19 %), Gesundheit (Biomedizin 16 %) sowie Industrie (computergestützte Produktion 15 %). Nicht umsonst sprechen Experten indes vom “Ausverkauf am Technologiemarkt”. Und der Schildbürger-streich dabei: Europa freut sich über chinesische Milliarden und gewährt den Investoren freien Zugang zum Markt – China hingegen hat den Eintritt ausländischer Investoren in strategische Industrien untersagt, wie es eine kürzlich präsentierte Studie der Bertelsmann-Stiftung auf den Punkt bringt. Ein Fall “Kuka” hätte es demnach in China nicht gegeben! Deshalb überlegt sich inzwischen auch Berlin ein engeres Veto-Recht für den Verkauf von Geschäftsanteilen an nicht-europäische Interessenten – zum Schutz der Nationalen Sicherheit und Ordnung.
Zudem ist im Reich der Mitte eine Zwangs-Verstaatlichung von Unternehmen ohne weiteres möglich, während dies hierzulande mit enormen Problemen behaftet ist. Europa lebt damit, schliesslich ist ein Markt mit mehr als einer Milliarde Menschen zu verlockend! Bestes Beispiel ist die derzeit dort boomende deutsche Autoindustrie.
Auch an Österreich geht diese Emtwicklung nicht vorbei. Die Einkäufe im Jahr 2017:
.) Tele2-Übernahme durch Hutchison Drei aus Hongkong (100 %)
Telekommunikation
111 Millionen Dollar
.) C-Quadrat-Übernahme durch HNA (74,8 % an Cubic – Cubic hält 98 % an C-Quadrat)
Fonds & Investments
Obwohl HNA hochverschuldet ist, erhielt der Konzern dadurch Zugriff auf Anteile an der Deutschen Bank (zirka 8,8 %)
Keine Angaben zum Kaufpreis
.) GREENoneTEC-Beteiligung durch die Haier Group (51 %)
Weltmarktführer bei Solar-Flachkollektoren
Stillschweigen zum Kaufpreis
.) Diamond-Aircraft-Übernahme durch die Wanfeng Aviation Industry Corporation
Kolbenmotorflugzeugproduktion
Keine Angaben zum Kaufpreis
.) M&R Automation-Übernahme durch die PIA Automation Holding (Ningbo Joyson Electronic)
Automation
Stillschweigen zum Kaufpreis
China ist inzwischen der sechstgrösste ausländische Investor im Alpenstaat. Ebenso wie ihre deutschen Kollegen erwarten sich auch die Österreicher durch eine Beteiligung von chinesischem Geld einen leichteren Eintritt in die grösste Volkswirtschaft der Welt.
Mit der Strategie “Made in China 2025″ will Peking bis zum Jahr 2025 mit erheblichen Zuwendungen der Regierung nahezu unabhängig vom Hochtechnologie-Westen sein und selbst in vielen Bereichen Weltmarkt-führer vorweisen. In den letzten vier Jahren erfolgten zwei Drittel der Beteiligungen und Übernahmen im Interesse dieser staatlichen Strategie. Zwischen 2014 und 2017 wurden alleine in deutschen Landen nicht weniger als 175 Unternehmen übernommen. 112 davon entsprechen dieser “Made in China 2025″. Alleine im Jahr 2017 gaben chinesische Investoren 11 Milliarden Euro bei ihren Shopping-Touren in Deutschland aus – 47 Milliarden Euro sollen es europaweit gewesen sein – bei 247 Akquisitionen (Angaben: Ernst & Young). Sollte der bislang beschrittene Weg auch weiterhin eingehalten werden, so erscheint die Position der industriellen Supermacht zum 100-jährigen Bestandsjübiläum der Volks-republik im Jahr 2049 als durchaus realistisch. Derartiger staatlicher Goodwill ist jedoch zumindest in Europa nicht machbar, da es zu einer Wettbewerbsverzerrung am Markt führt und andere Anbieter zurecht dagegen vorgehen können. Damit sind Handelsbeziehungen zu China auf Augenhöhe auch in Zukunft auszuschliessen. Seit 2014 wird zwischen der EU und China ein Investitionsabkommen verhandelt. Sollte es jemals dazu kommen, dann wohl zum Schaden der EU.
Inzwischen warnen auch die Arbeitnehmer-Vertretungen, wie die IG Metall. Schliesslich geht es um heimische Arbeitsposten, auch wenn die vielen chinesischen Milliarden erstmal Arbeitsplätze hierzulande schaffen. Ist jedoch das Know-How erstmal in China, kann dort wesentlich günstiger (da zu anderen Bedingungen) produziert werden. Beste Beispiele: Die Textilindustrie und die Photovoltaik! Das gefährdet lang-fristig hunderttausende, wenn nicht gar Millionen europäischer Arbeits-plätze. So ortet etwa die IG Metall erhebliche Gegenwehr in der Frage der Tarifbindung und der Mitbestimmung bei übernommenen Betrieben. Auslegungssache! Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat 42 Firmen mit chinesischen Investoren getestet und stellte überwiegend die genaue Einhaltung der Mitarbeiterrechte fest.

“Ich glaube, dass es heute notwendig ist, chinesische Investitionen kritisch zu hinterfragen, weil die Konsequenzen für den Mittelstand, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau, sehr groß sind.”

(Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall)

Bei all dem muss die derzeitige Situation am Finanzmarkt China im Auge behalten werden. Dieser macht all das durch, was auch der kapitalistische Westen erfahren musste – allerdings in komprimierter, kürzerer Zeit. Die Staatsbanken sind nach wie vor träge. Daneben hat sich jedoch ein Schattenbankensystem entwickelt, das nicht mehr staatlich überwacht oder bei Bedarf auch gestützt werden kann. Dies vergrössert die Gefahr eines Kollapses ganz vehement. Nur 18 % der an den Transaktionen beteiligten Unternehmen sind Staatsunternehmen – der Rest zumindest formal in privater Hand. Zwei Drittel aller Investitionen kommen nach Angaben der Bertelsmann-Studie aus undurchsichtigen Geldquellen oder Beteiligungen. Das kritisiert inzwischen auch die Regierung in Peking, da die Geldabflüsse in’s Ausland nicht mehr kontrollierbar sind. Wohl auch der Grund dafür, dass im laufenden Jahr weitaus weniger chinesisches Geld floss.
Eines der wohl ersten Probleme wird allerdings die Immobilienblase werden. Ähnlich wie damals in den USA 2007, als private Hausbesitzer unglaubliche Kredite erhielten, die nicht durch entsprechende Gegenwerte gesichert waren, was zu einer der wohl schwersten Finanz- und Bankenkrisen führte, wird auch in Asien derzeit mit horrenden Summen der Immobilienmarkt nach oben getrieben. Platzt nun auch diese Blase sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch chinesische Investoren davon betroffen, die zuvor gross in Europa Geld ausgegeben haben. Kaum auszumalen, was dann mit jenen Unternehmen hierzulande geschieht, die bislang auf die Dollars aus Peking oder Shanghai angewiesen sind. Das wird gewaltige Auswirkungen nicht nur in der Industrie sondern auch bei den heimischen KMUs haben, die beispielsweise im Hochtechnologie-Sektor aus Fernostasien finanziell unterstützt werden. Die Zeichen für einen derartigen Kollaps nehmen immer mehr zu.
Daneben ist die chinesische Wirtschaft enorm von ihrem Export abhängig. Hier wurden – wie etwa in der Solarindustrie – riesige Überkapazitäten geschaffen. Europa merkt dies derzeit beispielsweise in der Stahlindustrie. Nachdem die USA aufgrund der Billigimporte aus China ihre eigene Stahlindustrie nahezu in Schutt und Asche gefahren und nun den Hahnen zugedreht hat, wird Good Old Europe mit diesem Billigstahl überschwemmt. Und dies mit den beiden Zielen einerseits derartige Überkapazitäten abzubauen und andererseits durch konkurrenzlose Preise hiesige Anbieter vom Markt zu drängen. So haben beispielsweise viele europäische Produzenten von Solarmodulen die Produktion schliessen müssen. Stagniert aufgrund welcher Entwicklungen auch immer der Abnehmermarkt, so bleibt das Land auf diesen Produktbergen sitzen. Dadurch können dort ganze Branchen zugrunde gehen.

“Es ist der letzte Moment zu handeln. China kann uns überrollen.”
(Mikko Huotari, Leiter des Programms internationale Beziehungen beim China-Forschungsinstituts Merics in Berlin)

Europa muss sich so rasch als möglich an einen Tisch setzen und neue Strategien entwickeln, europäische Lösungen schaffen. Wenn ein Unter-nehmen nicht mehr alleine fähig ist am Markt zu bestehen, sollten europäische Investoren oder Joint Ventures gefunden werden. Ein Ziel, das gerade in der Digitalisierung und dem grossen bereits angelaufenen Thema der künstlichen Intelligenz umso wichtiger erscheint. Erste Versuche, wie etwa die Fusion der beiden Bahnsparten von Siemens und Alstom, die damit gegenüber dem chinesischen Riesen CRRC kon-kurrenzfähig bleiben wollen, der vehement nach Europa drängt, müssen auch den politischen Goodwill erhalten. Übernahmen und Beteiligungen bedürfen andererseits einer besseren Begutachtung. Doch ist es leider für das Kirchturmdenken so mancher Regierung offenbar sinnvoller, europäisches Know-How ganz offiziell auf dem Präsentierteller dem Fernen Osten anbieten zu wollen. Da ist auch das neue Handelsab-kommen JEFTA ein Schritt in die falsche Investorenrichtung!

Lesetipps:

.) Das Recht der Investitionen in China; Andreas Diem; Nomos 2000
.) Chinesische Outbound-Investitionen in Deutschland
Rechtlicher Rahmen, Fälle und Analysen; Hrsg: Yuanshi Bu; Mohr Siebeck 2015
.) Die Entwicklung der deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen; Carlos M. Llovet Garcia; Verlag: Diplomica 2008
.) Geschäftserfolg in China – Strategien für den größten Markt der Welt; Dirk Holtbrügge/Jonas F. Puck; Springer-Verlag 2005
.) China und Deutschland – Investition, Technologie und aktuelle Entwicklungen: Beiträge des 5. Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsrechts-symposiums; Winfried Huck; Lang, Peter GmbH 2007
.) Chinesische Investition in Deutschland: dargestellt am Beispiel einer Fallstudie; Thomas vor der Sielhorst; GRIN Verlag 2013
.) Chinesische Zeit – Deutsche Zeit; Sven Hänke; Kovac 2016

Links:

- www.merics.org
- www.ey.com
- www.boc.cn/en
- china.ahk.de
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Spinnen – Wertvolle Nützlinge

Sehr konzentriert bereitete ich mich auf die mündliche Prüfung über Platon vor – aufgrund meines Jobs konnte ich die Vorlesung am Vormittag auf der Uni nicht besuchen und musste mir somit alles selbst erarbeiten. Plötzlich riss mich ein gellender Schrei hoch. Fast automatisch lief ich in den Vorraum. schnappte mir das dort stehende Glas und den dünnen Karton und ging in’s Badezimmer. Dort stand meine Freundin in einer Ecke, zitterte am ganzen Leib und zeigte mit dem Finger auf die Wand gegenüber: Eine Spinne! Zugegeben – es war keine kleine, aber auch keine wirklich große. Ich fing sie mit Hilfe des Glases ein und brachte sie vor die Tür. Nur wenige Tage später dasselbe Prozedere: Dieses Mal war es die Freundin meines WG-Genossen! Damals, wie auch heute in meinem eigenen Haus, heizten wir mit Holz! Da sind Spinnen in der Wohnung nichts aussergewöhnliches. Ganz im Gegenteil: Ich weiss inzwischen ihre Gegenwart zu schätzen, da sie als Nützling viele nicht erwünschten Insekten, wie Fliegen oder Staubmilben beispielsweise fressen. Nur im Schlafzimmer, wenn ich mein Haupt nach getaner Tagesarbeit auf das Kopfkissen bette, da brauche ich keine achtbeinigen Mitbewohner.
Damit sind wir auch bereits mitten drin im heutigen Thema: Den Spinnentieren (Arachnida) und hier insbesondere den Webspinnen! Wie viele unterschiedliche Arten es gibt, ist nach wie vor unklar – Experten schätzen bis zu 100.000. Die meisten davon sind harmlos. Spinnen leben seit rund 360 Millionen Jahren auf unserem Planeten – der “Homo” (Mensch) hingegen erst seit rund 300.000 Jahren (älteste fossile Funde in Afrika). Die Achtbeiner ernähren sich bevorzugt von Insekten oder kleineren Spinnen – die grösseren unter ihnen auch schon mal von Mäusen oder Aas. Nur eine Springspinnenart (Bagheera kiplingi) ernährt sich vegetarisch. Dabei werden lebende Opfer mit einem Gift gelähmt oder direkt getötet und mit einem Magensekret überschüttet. Den meisten Spinnen fehlen nämlich die Kauwerkzeuge, weshalb die Verdauung schlichtweg nach aussen verlagert wird. Die auf diesem Wege vorverdaute Nahrung wird in weiterer Folge aufgesogen. Zwei Wissen-schaftler errechneten (offenbar war ihnen langweilig!), dass die Mensch-heit innerhalb nur eines einzigen Jahres von Spinnen aufgefressen werden könnte – wenn der Mensch zum Beuteschema der Krabbler gehören würde. Gottlob tut er das nicht! Dennoch gibt es Arten, die auch für den Menschen gefährlich werden können – weniger weil sie ihn fressen wollen als vielmehr aufgrund ihres Giftes. Diese leben jedoch bevorzugterweise in tropischen Gefilden bzw. auf anderen Kontinenten (z.B. die Braune Einsiedlerspinne oder die Schwarze Witwe in den USA; die Chilenische Winkelspinne in Südamerika oder die Rotrückenspinne und die Sydney-Trichternetzspinne in Australien). Übrigens: Nur wenige Arten der so gefürchteten Vogel-spinnen sind auch für den Menschen problematisch. Andere Spinnen, wie die Wanderspinne aus Südamerika, hausen gerne in Bananenschachteln und sind gefährlicher, da giftig. In den Tropen können sie auch wahrhaft akzeptable Grössen erreichen – wie etwa die Goliath-Spinne in Guyana (entdeckt durch den Entomologen Piotr Naskrecki). Hierzulande leben rund 1.000 unterschiedliche Arten (alleine in der Steiermark wurden über 630 Arten gezählt, darunter auch die Tarantel!) – die gefährlichsten beiden sind die Dornfinger- und die Wasserspinne, deren Gift beim Menschen einem Wespenstich gleich kommt. Dennoch haben nach einer Umfrage unter 2.561 Personen 46 % große Angst vor Spinnen, weitere 20 % ziemliche Angst. Auch der Sohn einer Freundin, der ansonsten stets den großen Macker heraushängen liess, weigerte sich, sein Zimmer zu betreten, weil sich dort zwischen Kleiderschrank und Wand eine kleine Spinne niedergelassen hatte. Es soll deshalb gar schon zu Notrufen bei der Polizei gekommen sein. Auch in nicht mit Holz geheizten Häuser treten vermehrt im Dezember Spinnenvorfälle auf. Der Grund ist recht einfach: Durch den Christbaum holt man sich bis zu 25.000 Insekten in die Wohnung – so auch Spinnen.

https://www.youtube.com/watch?v=PdpkheaNHAg

Woher aber kommt nun diese panische Angst vor Spinnen, die Arachnophobie??? Sie dürfte wohl aus jener Zeit stammen, als der Mensch in kleineren Gruppen den afrikanischen Urwald durchstreifte. In Zeiten, in welchen medizinische Hilfe noch nicht mal als Idee bestanden hatte und sich der Mensch noch als Sammler und Jäger betätigte. Wer sich in den Tropen nicht vor Spinnen und Schlangen fürchtet, wird gebissen oder gestochen und verstirbt. Deshalb gaben die Überlebenden das Furchtverhalten an den Nachwuchs weiter. Das ist auch heute noch der Fall. So haben Kleinkinder bis in’s Krabbelalter (etwa mit Beginn des zweiten Lebensjahres) keine Angst vor den Tieren. Erst wenn sie eigenständig den Fussboden erforschen können, beeinflusst die Furcht der Eltern deren weitere Entwicklung. In unseren Breitengraden, wie bereits beschrieben, unbegründet, da nur eine kräftige, ausgewachsene Dornfingerspinne es schafft, die menschliche Haut zu durchbeissen um ihr Gift abzusondern. Deshalb sind die meisten der heimischen Spinnen Fluchttiere. Sollten sie nicht mehr auskommen, stellen sie sich tot. Kommt der Mensch ihrem Netz zu nahe, suchen sich die meisten eine andere Netzbaumöglichkeit. Somit also eine mehr als sinnlose Angst. Die Arachnophobie nun ist die krankhafte Ausprägung dieser Angst. Sie muss bei Bedarf unter Einbeziehung eines Experten therapiert werden. Ergo: Nur Allergiker sollten Respekt vor Spinnen haben: Sie können bereits bei wenig oder leichtem Gift mit einem anaphylaktischen Schock reagieren.
Ein meines Erachtens aber sehr interessanter Denkansatz sind die bereits zuvor erwähnten Berechnungen von Martin Nyffeler (Universität Basel) und Klaus Birkhofer (Swedish University of Agricultural), wonach die Menschheit innerhalb eines Jahres komplett durch die Spinnen ausge-löscht werden könnte. Es handelt sich hierbei um Berechnungen, die im “The Science of Nature” veröffentlicht wurden – sie basieren auf blanker Theorie. Spinnen verspeisen pro Tag rund 10 % ihres eigenen Körper-gewichtes. Alle Spinnen dieser Erde wiegen etwa 25 Mio Tonnen – pro Tag werden also 2,5 Mio Tonnen gefressen. Pro Jahr macht dies 400 bis 800 Mio Tonnen aus. Die Menschheit wiegt zirka 360 Mio Tonnen! Wie beschrieben: Rein theoretisch, versteht sich!
Pro Quadratmeter leben statistisch gesehen zirka 131 Spinnen – das ist Realität! Die heimischen bekanntesten Arten sind:
.) Die Kreuzspinne (Araneus)
Diese wohl bekannteste Spinne hierzulande ist auch eine der eifrigsten Arbeiter. In nur einem ihrer wirklich sehenswerten, kunstvollen Rad-netzen können bis zu 20 m Spinnenseide verwebt sein. Verfängt sich nun ein Insekt in diesem Netz, so wird es mit Hilfe des Spinnengiftes gelähmt und in Spinnenseide eingewickelt. Die Giftklauen der Kreuzspinne sind zu kurz für die menschliche Haut, das Gift alsdann unschädlich. Sollte sie es dennoch an einer dünnen Hautschicht oder bei Kindern schaffen, das Gift zu injizieren, so macht sich dies einem Mückenstich vergleichbar zu bemerken. Die Kreuzspinne ist an dem hellen Kreuz auf dem ansonsten braunen Hinterleib zu erkennen. Im Garten ist sie nahezu überall zu finden.
.) Die Winkelspinne (Tegenaria domestica)
Obgleich sowohl die Große Winkelspinne als auch die Hauswinkelspinne ein sehr bedrohliches Erscheinungsbild haben, sind sie sehr scheu und flüchten vor dem Menschen. Diese behaarten, mit Borsten versehenen und mit vielen Beisswerkzeugen ausgestatteten Spinnen können bis zu 12 mm (Spannweite bis 8 cm) groß werden und bevorzugen den Wohnungsbereich. Ihr Netz bauen sie trichterförmig in ruhigen dunklen Ecken. V.a wenn es dunkel wird gehen sie auf die Jagd nach Kellerasseln, kleineren Spinnen, Tausendfüsslern und Fluginsekten.
.) Große Zitterspinne (Pholcus phalangioides)
Auch die Große Zitterspinne ist öfters im Hause zu Gast, wird dabei auch häufig mit den Weberknechten verwechselt. Sie wird bis zu 10 mm groß (Spannweite bis 10 cm) und besitzt einen walzenförmigen Hinterleib mit grau-brauner Musterung. Zumeist hängt sie kopfüber in ihrem baldachinförmigen Nest. Den Namen erhielt sie deshalb, weil sie bei Gefahren ihr Netz in Schwingungen versetzt. Das soll den Angreifer verwirren und den Fressfeinden Probleme dabei bereiten, die Spinne durch das vibrierende Netz ausmachen zu können.
.) Zebra Springspinne (Salticus scenicus)
Aufgrund ihrer drei dunklen Querbinden am Hinterleib (daher der Name) fällt diese Spinne gleich auf. Im Vergleich zu den bisherigen besitzt sie kurze und kräftige Beine, die Spinne wirkt mit ihrer Grösse von 4 bis 7 mm recht kompakt. Die Sprungkraft erhält sie durch ein ausgeklügelten Hydrauliksystem in den hinteren Beinen. Da sie bis zur 20-fachen Körpergrösse weit springen kann, ist die Zebra-Springspinne als gefürchteter Jäger bekannt. Sie sieht mit den zwei Hauptaugen farbig, sodass sie auch leblose Beute erkennen kann. Zu finden sind die Zebras an trockenen Felsen und Mauern.
.) Der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium)
Diese Spinne fühlt sich im hohen Gras am wohlsten. Dort baut das Weibchen ihr Brutgespinst – jedem Lebewesen, das sich diesem Nest nähert, stellt sie sich entgegen und beisst zu. Auch beim Menschen. Der Dornfinger ist eine der beiden Spinnenarten, die – allerdings nur wenn sie erwachsen und kräftig genug ist – die menschliche Haut durchbeissen kann. Allerdings ist auch dieses Gift mehr unangenehm als gefährlich, gleicht es doch maximal einem Wespenstich. Der Dornfinger ist nachtaktiv, weshalb es sehr selten zum Aufeinandertreffen mit dem Menschen kommt.
.) Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia)
Wie der Name bereits andeutet, können sich die Weibchen an den Hintergrund anpassen – den Männchen fehlt diese Eigenschaft. Die bis zu 10 mm grossen Spinnen können von weiss auf grün und gelb switchen – damit werden sie für ihre Beutetiere nahezu unsichtbar – nur zwei rote Seitenstreifen am Hinterleib können sie dann noch verraten. Abgesehen haben sie es vornehmlich auf die Bestäuber unter den Insekten.
.) Die Wasserspinne (Argyroneta aquatica)
Vom Aussterben bedroht ist die zirka 15 mm grosse Wasserspinne. Sie baut ihr Gespinst in Form einer Taucherglocke unter Wasser. Hier wohnt sie, verspeist ihre Beute und zieht den Nachwuchs gross, für den sie auch einen Luftvorrat angelegt hat. Dieser wird stets erneuert, indem sie mittels ihres samtigen Hinterleibs Luftbläschen von der Wasseroberfläche mitbringt. Sie ernährt sich von Wasserinsekten, kleinen Krebsen und den Larven von Amphibien. Da die Wasserspinne immer weniger geeignete Gewässer vorfindet (saubere Seen bzw. ruhige Flüsse), steht die auf der roten Liste des Washingtoner Artenschutzabkommens. Ihr Gift wirkt ähnlich jenem der Dornfingerspinne.
.) Die Gemeine Tapezierspinne (Atypus affinis)
Dieses bis zu 15 mm grosse Tier ist die wohl urtümlichste Art aller Spinnen – sie zählt zur Familie der Vogelspinnenartigen. Leben die meisten Spinnen nur für eine Saison, so kann die Tapezierspinne schon mal bis zu zehn Jahre alt werden – zu sehen ist sie aber vornehmlich im Herbst. Sie lebt in einem mit Spinnenseide ausgekleideten Tunnel unter-irdisch. Am Ausgang befindet sich eine Art 10 cm langer Fangschlauch. Ameisen, Käfer oder auch andere Beutetiere werden von der Spinne durch den Fangschlauch in ihre Höhle gezogen. Die Tapezierspinne bevorzugt trockene Böden wie den Trockenrasen oder lichten Wald, sie ist aber auch in Weinbergen zu finden.
.) Südrussische Tarantel (Lycosa singoriensis)
Eine der grossen Spinnen in Europa ist Südrussische Tarantel, die zu den Wolfspinnen gezählt wird. Sie wird bis zu 38 mm gross (Spannweite bis 10 cm), ist hellgrau bis beige und besitzt kräftige geringelte Beine. Sie stammt eigentlich aus den asiatischen Steppengebieten, hat sich jedoch bis in die östlichen Gebiete Österreichs und Deutschlands verbreitet. So legt sie ebenso wie die Tapezierspinne etwa im burgenländischen Seewinkel tiefe Erdhöhlen an. Bei ihren Beutezügen in der Nacht springt sie Käfer und andere Beutetiere an und erledigt sie mit einem kräftigen Biss. Da diese Spinne immer weniger Lebensraum vorfindet, gilt sie in Österreich als bedroht.
.) Dunkle Wolfspinne (Pardosa amentata)
Bei einer Spannweite von bis zu 3 cm ist der Körper der Dunklen Wolfsspinne gerade mal bis zu 8 mm gross. Ihre Beine sind zumeist braun-schwarz geringelt. Zu finden ist die Spinne vornehmlich in Feuchtbiotopen. Sie kann als einzige Spinne auf dem Wasser laufen, weshalb sie häufig mit den Wasserläufern verwechselt wird. Die Wolfs-spinnen sind weit verbreitet und sehr artenreich. Die Weibchen sind ab dem späten Frühling recht einfach aufgrund ihrers Eikokons am Hinter-leib zu erkennen. Nachdem die Jungtiere geschlüpft sind, dürfen sie noch einige Zeit auf dem Rücken der Mutter geniessen, bevor sie sich dann doch auf eigene Beine stellen müssen.
.) Die Wespenspinne (Argiope bruennichi)
Diese Kannibalenart findet man vornehmlich in Brach- bzw. Heideflächen oder in Feuchtwiesen. Ihren Namen haben sie von den schwarz-gelben Ringen am Leib. Die Weibchen spinnen ihre Netze rund 40 cm über dem Boden. Nähert sich ein Männchen, zupft es am Netz. Das Weibchen, das den Rhythmus erkennt, kommt ihm entgegen. Nach der Paarung frisst das Weibchen ähnlich der Gottesanbeterin das Männchen auf. Aber auch das Weibchen lebt nicht lange, es stirbt direkt nach der Eiablage im Herbst.

https://www.youtube.com/watch?v=oqci73LWmOU

Übrigens gehören alsdann die Milben, Zecken und sogar Skorpione zu den Spinnentieren. Bei uns sind zudem die Weberknechte (Trogulus torosus) – in der Schweiz auch “Zimmermann” – bekannt. Hiervon gibt es ganze 6.600 unterschiedliche Arten. Sie erreichen eine Grösse von bis zu 22 Millimetern, ihre Beine aber können bis zu 160 mm lang werden (beim Mitobates stygnoides können die Beine gar bis zum 25-fachen der Körperlänge betragen). Die meisten gelten aufgrund der intensivierten Landwirtschaft als gefährdet. Die Hauptunterscheidungskriterien zu Webspinnen sind neben vielen anderen mehr einerseits die Verwachsung des Vorder- und Hinterteils ihres Körpers sowie das Fehlen von Spinndrüsen. Ausserdem produzieren sie ihr “Gift” nicht in Gift- sondern in Stinkdrüsen. Dieses Sekret stinkt nicht nur ausserordentlich, sondern wirkt auf Beutetiere ebenso betäubend bis gar tödlich. Die meisten Weberknechte sind nachtaktiv – sie ernähren sich von Mikro-Glieder-füsslern oder toten Insekten. Etwas aussergewöhnliches wurde bei dem südamerikanischen Ableger der Gonyleptidae beobachtet: Das Männchen baute ein Nest und bewachte die Jungtiere und Eier jener Weibchen, mit dem es sich gepaart hatte. Weberknechte treffen sich ohnedies nur beim Paaren – ansonsten sind sie Einzelgänger. Nur manche Arten tun sich tagsüber oder zu Beginn des Winters zu einer Nutzgesellschaft zusammen, um sich dadurch besser schützen zu können.
Zurück zu den Webspinnen. Ihnen (und den Weberknechten) kommt eine entscheidende Rolle bei der Regulierung der Bodenfauna zu. Ohne sie würde das Aufkommen von Käfern, Ameisen etc. geradezu explodieren. Im Unterschied zu den Insekten haben Spinnen keine Facettenaugen, sondern mehrere teils sehr leistungsstarke Punktaugen. Aufgrund der Augenanordnungen verfügen sie über ein sehr grosses Blickfeld, können jedoch Formen höchstwahrscheinlich nicht erkennen. Über das lyriforme Organ nehmen sie Vibrationen des Bodens oder ihres Netzes wahr. Sie verwenden Vibrationen auch für die Kommunikation bei der Partnerwahl oder mit dem Nachwuchs. Für die akkustische Wahrnehmung sind die Becherhaare verantwortlich – das Frequenzoptimum liegt ziwschen 300 und 700 Hz. Spinnen können sich bis zu zehnmal häuten – manche Vogelspinnen sogar noch nach dem Erreichen der Geschlechtsreife. Ein solcher Häutungsvorgang kann von nur zehn Minuten bis zu mehreren Stunden (Vogelspinnen) andauern. Die Fressfeinde der Spinnen sind vornehmlich Vögel, größere Spinnen, aber auch die Weg- und Grabwespen. Amphibien, Reptilien und Fledermäuse hingegen nur in Ausnahmefällen.
Während die männlichen Weberknechte über ein penisartiges Gebilde verfügen, erfolgt bei den meisten Milbenarten und Skorpionen die Fortpflanzung weniger lustvoll, indem die Männchen Spermienpakete ablegen, die die Weibchen dann verwenden. Bei den Webspinnen werden die mit den Spermien gefüllten Bulbi (“Kolben” oder “Knollen”) der Männchen an deren eigenen Geschlechtsorganen oder in fein gewebten Spermatophoren abgelegt und schliesslich in die Epigastralfurche der Weibchen eingeführt. Davor aber muss das Männchen das artspezifische Ritual genau einhalten, da es ansonsten vom Weibchen als Gegner oder Beutetier angesehen und entsprechend bekämpft wird.
Auch die Medizin versucht inzwischen, das Spinnengift zu nutzen. Besonders in der Onkologie wird viel mit Spinnengift geforscht, da in der Tumorbekämpfung nach wie vor kein wirksamer, schonender Stoff gefunden wurde.

https://www.youtube.com/watch?v=Klg5adt0re8

Spinnennetze sind architektonische Meisterwerke. Das Radnetz der Kreuzspinne beispielsweise hält den Todeskampf so mancher Insekten aus, übersteht auch den einen oder anderen Regen und wird alle zwei bis drei Tage neu gebaut. Hierfür frisst die Spinne das alte Netz auf und verwendet die Seide zum Neubau. Diesen begint die Spinne zuerst mit den Hilfsfäden und jenen Fäden, die das ganze Gebilde stabilisieren sollen. Dann erst sind die Stolperfallen, die Kommunikations- und die Signalfäden an der Reihe. Steht die Spinne unter Einfluss von Pestiziden, die sich im Netz verfangen haben und mitgefressen wurden, so leidet der Netzbau darunter – er wird unregelmässig. Die Spinnenseide ist – verglichen mit ihrem Gewicht – viermal belastbarer als Stahl, enorm dehnbar und widerstandsfähig. Baldachinspinnen errichten ein ebensolches Netz mit Stolperfallen darüber. Stolpert ein Insekt aufgrund einer dieser Fallen fällt es in das Netz, in dem die Spinne bereits auf ihre Beute wartet. Solche Baldachinnetze finden sich vornehmlich im Spätsommer auf den Feldern. Sie sind verantwortlich für die Namens-schöpfung des “Altweibersommers”, da sie ein schönes Bild im Morgentau abgeben können. Auf einem Hektar Wiese können dann schon mal bis zu zwei Millionen Baldachinspinnen leben. Mit ihren Netzen fangen sie auf diesem Hektar in einem Jahr bis zu 100 kg Insekten.

“Spinnen bilden einen großen Anteil der Bodentiere, sie wirken regulierend auf die Bodengemeinschaft.”

(Thomas Lübcke; Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz)

Durch die intensive Landwirtschaft werden nicht nur ständig die Netze der Spinnen zerstört, auch sie selbst kämpfen dabei stets um’s Uber-leben. Deshalb legen nachhaltig interessierte Landwirte oder Biobauern direkt neben der Kulturfläche Ausweichhabitate an: Hecken, Stauden, Grasraine, von welchen jeweils im Frühjahr die Neubesiedelung der Kulturflächen erfolgen kann. Schliesslich ist dies auch im Interesse des Bauern oder Gärtner, fressen doch die Spinnen all die Schädlinge wie Blattläuse, weiße Fliegen, Trauermücken etc. Deshalb sind die Achtbeiner in Obstkulturen oder auch Weinhängen gern gesehene Gäste. In anderen Gegenden, wie am Amazonas, werden Spinnen zudem als Haustiere gehalten, da sie beispielsweise die malaria-übertragenden Tse-Tse-Fliegen fressen. In Kambodscha werden ebenfalls Spinnen gehalten – zum Verzehr! Nach der Entfernung der Kieferklauen werden sie frittiert und als Snack auf den meisten Straßenmärkten angeboten. In Ghana und der Elfenbeinküste wird der Gott Anansi als Spinne dargestellt und verehrt, als der Erfinder von Wissen und Weisheit sowie als Regen- und Wettergott.
Wissenschaftler vermuten, dass Spinnen auch Ozeane überwinden können. Dazu schiessen sie ihre Spinnweben in Windrichtung und lassen sich so von ihm über weite Strecken verdriften.

Filme:

.) Geliebt und gefürchtet – Spinnen; Otto Hahn 2002 BR-alpha

Lesetipps:

.) Spinnen kennen lernen. Eklig, giftig oder zum Kuscheln? Wie Spinnen wirklich sind; Rainar Nitzsche; Nitzsche 2012
.) Spinnen ungeheuer – sympathisch; Franz Renner; Nitzsche 2001
.) Spinnen, beobachten – bestimmen, Heiko Bellmann; Naturbuch 1992
.) Spinnen Mitteleuropas; Stefan Heimer/W. Nentwig; Parey 1991
.) Leben am seidenen Faden; Ernst Kullmann/Horst Stern; Franckh-Kosmos 1981, 1996
.) Kosmos-Atlas Spinnentiere Europas; Heiko Bellmann; . Kosmos 2006
.) Biologie der Spinnen; Rainer F. Foelix; Thieme 1992
.) Giftige und gefährliche Spinnentiere; Günter Schmidt; Westarp Wissenschaften 2000
.) Field Guide. Spiders of Britain and Northern Europe; Michael J. Roberts; HarperCollins 1995
.) Spinnen. Warum sie vor uns Angst haben. Aktuelles Spinnenwissen; Rainar Nitzsche; Nitzsche 2012
.) Weberknechte, Opiliones. Die Tierwelt Deutschlands; Jochen Martens; VEB G. Fischer 1978
.) Biocommunication of Animals; Hrsg.: G. Witzany; Springer 2014
.) Atlas der Pflanzen und Tiere im Baltischen Bernstein; Weitschat & Wichard; 1998

Links:

- www.cenak.uni-hamburg.de
- wsc.nmbe.ch
- arachnology.org
- www.senckenberg.de
- www.nhm-wien.ac.at
- www.arachnophilia.de
- www.unine.ch
- www.ausgabe.natur-lexikon.com
- www.naturspaziergang.de
- www.natur.vulkanland.at
- www.donauauen.at
- caucasus-spiders.info
- www.mpg.de
- www.phobius.at
- www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org
- www.angst-verstehen.de

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