Archive for November, 2018

Gehören Sie zur Mittelschicht???

Friedrich Merz ist einer der Kandidaten auf den Parteivorsitz in der deutschen CDU und damit möglicher Nachfolger von Angela Merkel auch im Bundeskanzleramt. Er sorgte vor kurzem mit seiner Aussage, er gehöre zur gehobenen Mittelschicht, für heftigste Diskussionen. Wenn er so lapidar nebenbei betont, dass er über einer Million (Euro) liegt, so kann man ihm das durchaus glauben. Offizielle Einkommensauflistungen gibt es freilich nicht – nur Schätzungen:

Blackrock 125.000,- € pro Jahr
Wepa Industrieholding 80.000,- € pro Jahr
HSBC Trinkaus Bank 75.000,- € pro Jahr
Flughafen Köln-Bonn 14.000,- € pro Jahr
Mayer Brown unbekannt
(Angaben: APA/Reuters)

Es soll Zeiten gegeben haben, als der Protagonist bis zu 20 Posten gleichzeitig inne hatte. Allerdings gehört er wohl nicht zu den Aufsichtsrats-Abnickern. Nach Aussage von Ex-Kollegen waren sein aktives Einbringen und seine Nachfragen durchaus unangenehm. Sollen sie auch, schliesslich ist der Aufsichtsrat ein Kontroll- und kein Durch-winkgremium, eine Tatsache, die wohl viele Aufsichtsräte vergessen haben. Somit sei’s ihm zugestanden.

“Wenn ich ‘Oberklasse’ oder ‘Oberschicht’ höre, denke ich an Menschen, die viel Geld oder eine Firma geerbt haben und damit ihr Leben genießen. Das ist bei mir nicht der Fall.”
(Friedrich Merz in der “Bild am Sonntag”)

Somit zählen – entsprechend dieser Definition – auch Self-Made-Milliardäre wie George Soros, Larry Page, Jeff Bezos oder Bill Gates zur Mittelschicht, da sie ja ihr Vermögen selbst aufgebaut haben. Und auch Helene Fischer – ganz neu in den Forbes-Top Ten der Frauen. Donald Trump jedoch nicht – hat grosse Teile seines Vermögens geerbt!
Mir als Schreiberling geht es nun vornehmlich um die Beantwortung zweier Fragen:

1.) Ab wann bis wann gehört jemand zur Mittelschicht?
2.) Ist es günstig für Deutschland, wenn es von einem Millionär regiert wird oder droht dasselbe Schicksal wie den USA?

Bei der Beantwortung der zweiten Frage müsste ich auch darauf eingehen, wie Herr Merz zu seinem Mittelschicht-Reichtum gekommen ist und würde sehr rasch bei den “Cum-Ex-Geschäften” landen. Dieses “Dividendenstripping” zu verstehen bzw. verständlich weiterzugeben würde auch mir schwer fallen. Insbesondere wie es möglich ist, derartige Geschäfte ganz offiziell und offenbar mit dem Segen der Politik, ganz zum Unwohl des Staates zu machen. Zudem ist, wie beschrieben, Merz bei vielen der Unternehmen als Aufsichtsrat tätig. Wenn nun ein Vertreter dieser Zunft dermassen gut verdient: Sind auch alle Politiker, die in Aufsichtsräten durch ihre Funktion als Volksvertreter einen Sitz inne haben, Millionäre? Was hat zudem die virtuelle Finanzwirtschaft dieses Bereiches mit der Realproduktivität Deutschlands und somit jedes Einzelnen zu tun? Ausserdem ist dieser Blog nur in unregelmässigen Abständen ein Politik-Blog, deshalb stürzen wir uns doch auf die erste Frage!
Ab wann nun zählt jemand zur Mittelschicht (in der Schweiz “Mittelstand”, im englischen “middle class” oder “white collar”)? Wenn er ein Haus besitzt, das er noch abzahlen muss und dadurch vielleicht trotz eigent-lich guten Einkommens finanziell bereits zur Unterschicht gehört? Wenn er einen Mittelklasse- anstatt eines Kleinwagens fährt? Wenn er sich dreimal Urlaub im Jahr leisten kann? Jeder Politiker, der seine Arbeit auch PR-relevant ernst nimmt, aber auch der Makroökonom spricht von der Mittelschicht als “Säule des Landes”, als tragende und stützende Kraft. Deshalb müsse sie geschützt, gestärkt und entlastet werden. Klar kann er dies nicht offiziell von der ihn möglicherweise unterstützenden Ober-schicht behaupten, da dieser gerade mal 10 % der Bevölkerung angehören, die aber rund 40 % des Gesamteinkommens beziehen – im Vergleich dazu die Unterschicht: 17 % des Gesamteinkommens (bundes-weite Studie des französischen Ökonomen Thomas Piketty aus dem Jahr 2013). Die deutsche Sozialwissenschaft reiht bei einer Median-Bandbreite von 70-150 % nicht weniger als 48 % der bundesdeutschen Haushalte in die Mittelschicht ein, in der Schweiz sind es 60 % der Bevölkerung. Das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO bei identischer Bandbreite 57 % der Haushalte – das sind ganze 5 Millionen Menschen. Viele davon Wähler!
Das Gehalt auf dem Lohnzettel ist sicherlich ein ausschlaggebender Faktor – jedoch nicht der einzige. Wichtig ist das Haushaltseinkommen. Nach den Richtlinien der OECD wird dieses Einkommen über die mittleren 60 % der erfassten Einkommensbezieher ermittelt. Dabei in der Mitte liegt das Medianeinkommen. Darüber befindet sich die eine Hälfte, darunter die andere Hälfte des Volkes. Die von Merz angesprochene “obere Mittel-schicht” setzt sich aus den obersten drei Einkommenszehntel über dem Median zusammen.
Verdient nun ein Angestellter im mittleren Management vielleicht gar nicht mal so schlecht, muss aber für Miete und Schuldentilgung den grössten Teil seines Verdienstes aufbringen, so könnte es durchaus sein, dass er mit seinem “äquivalisierten Nettohaushaltseinkommen” gar nicht mehr zur Mittelschicht gezählt werden dürfte, da ihm unter dem Strich fast nichts mehr bleibt. Zu diesem Haushaltseinkommen werden gerechnet:
- das Nettogehalt
- Dividenden
- Mieteinkommen etc.
aber auch
- die Mindestsicherung
- das Kindergeld etc.
All diese Einnahmen werden zusammengezählt und nach einem speziellen Schlüssel durch die Haushaltsgrösse dividiert. Ein zweiter Erwachsener zählt etwas weniger, ein Kind bis zum 14. Lebensjahr noch etwas weniger. So besitzt ein Ein-Personen-Haushalt den Gesamt-bedarfs-Faktor 1, ein Haushalt mit einem Erwachsenen und einem Kind den Faktor 1,3, ein Zwei-Personen-Haushalt 1,5, ein Haushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kind den Faktor 1,8 usw. (“bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen”). Die Einkommenszehntel beginnen beispielsweise in Österreich unten mit 12.738 € im Jahr, in Stufe 5 bei 23.694 bis hinauf zur Stufe neun mit 40.593.

Hier geht’s zum Einkommensrechner der österreichischen Tageszeitung Der Standard:

https://derstandard.at/2000074289930/Online-Rechner-Gehoeren-Sie-zur-Mittelschicht

Damit EU-weit dieselben Basiswerte gelten, greifen Studien auf die SILC-Abfrage der Mitgliedsländer zurück. Diese Umfrage wird regional durchgeführt und ein Jahr später wiederholt. Verglichen wird die Einkommensverteilung im Land sowie die Haushaltszusammensetzung nach Einkommensschichten im Speziellen. Die Wiederholung ein Jahr später zeigt die Auswirkungen von Krisen sowie Regierungen und ihrer Sozialpolitik auf. Sie brachte zutage, dass sich die Mittelschicht zuletzt in vielen der EU-Staaten vergrössert – in Österreich ging sie um 4,2 % zurück. In Deutschland stieg nach der Wiedervereinigung die Mittel-schicht an, um nach der Jahrtausendwende wieder auf das Niveau von 1991 zurückzufallen. Allerdings sackten in den letzten zwanzig Jahren dort nur 2-3 % in die Unterschicht ab – rund 50 % davon wiederum konnten sich nach bereits einem Jahr erneut als zur Mittelschicht zugehörig betrachten. Fragt man sich also, wo die restliche Differenz geblieben ist!?
Die Statistik Austria etwa definiert das “mittlere Einkommen” auf 60 bis 180 % des Medianeinkommens. Unten liegt die “relative Armuts-gefährdungsgrenze”, oben das Dreifache derer. Als arm gilt im Alpenstaat ein Single-Haushalt, der über 1.185,- € netto oder weniger im Monat verfügt; in Deutchland sind es 1.025,- €. Hat er vielleicht nur 1 bis 10 € mehr, so zählt er bereits zur Mittelschicht (in Deutschland ab 1.410,- €). Da nun das Haushaltseinkommen zählt, kann hier der perverse Fall eintreten, dass bei beispielsweise einem Vier-Personen-Haushalt nur das doppelte Einkommen eines Single-Haushaltes ausreicht, um der heissbegehrten sozialen Klasse anzugehören. Zum Vergleich: In der Schweiz gehört ein Single-Haushalt ab einem Jahres-Haushaltsein-kommen von 42.000,- CHF zur Mittelschicht.
Die Sozialwissenschaft ist da etwas humaner. Sie legt die Mittelschicht bei 80 bis 150 % des Medianeinkommens an. In Zahlen: Bei einem Alleinstehenden zwischen 1.410,- und 2.640,- Euro netto. Rund 48 % der Bevölkerung waren anno 2014 in diesem Bereich zu finden. Bei Familien gilt aufgrund des anderen Bedarfs wieder der Aufteilungsschlüssel der OECD.
Etwas einfacher ist die Mittelstandsbezeichnung des 19. Jahrhunderts für Unternehmer. Hier bedeutet “Mittelstand”, ein Unternehmen sein eigen zu nennen, das über 10 bis 249 Beschäftigten bzw. über einen Jahresumsatz von zwei bis 50 Mio € verfügt. Darunter ist man Klein-, darüber Großunternehmer. Bei diesem Gedankengang setzt auch die Politik an, da sich in dieser aufgezeigten Zielgruppe die wohl grösste Wählerschaft befindet. Durch derartige Kohortenbestimmung wird der Bereich zwischen Ober- und Mittelstand sowie der Unterschicht klar getrennt.
Der Münchhausen, der jedoch dahintersteckt, ist die Tatsache, dass das bereits erzielte Vermögen bei all diesen Berechnungen keine Rolle spielt. So besitzen etwa die reichsten 5 % der österreichischen Bevölkerung fast die Hälfte des Gesamtvermögens zwischen Neusiedler- und Bodensee (in Deutschland belaufen sich die Spitzen-Einkommensbezieher auf 3,6 %). Das ist das reale Problem bei all diesen statistischen Aufzählungen. Deshalb wurde das Medianeinkommen eigeführt, denn schliesslich verdienen die wirklich Reichen innerhalb kürzester Zeit wesentlich mehr dazu als die anderen. Und da trifft die Millionärs-Grundregel “Nur die erste Million war wirklich schwer!” voll in’s Schwarze. Wurde diese erste Million beispielsweise in Immobilien oder Aktien angelegt, so arbeitet das Geld von alleine. Erst wenn dieses verkauft wird, scheint dieses Geld auch tatsächlich in der Statistik auf – zuvor nur in Form der Mieteinnahmen oder der Dividenden. Würde somit auch das Vermögen einberechnet, so würde höchstwahrscheinlich die Mittelschicht zur Gänze wegfallen, da etwa ein geerbtes Haus oder eine Eigentumswohnung in der Münchner Innenstadt Gold wert ist und somit der beerbte Buchhalter der unteren Mittelschicht urplötzlich in höhere Gefilde aufsteigen würde.
Damit habe ich also die schöne Vorstellung einer vierköpfigen Familie, mit eigenem Haus, zwei Autos und einem alleinverdienenden Mann in der Position eines Abteilungsleiters als Sinnbild der Mittelschicht möglicher-weise zerstört – das sind nämlich gerade mal maximal 10 % der Bevölkerung. Eine Mittelschicht-Familie dieser Grösse kann sich alleine in den Städten einen solch benötigten grossen Wohnraum (Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer, möglichrweise zwei Bäder) nicht mehr leisten – sie benötigt Bürgen oder lange Kreditlauf-zeiten. In Österreichs Landeshauptstädten etwa konnte noch 2006 mit zehn Jahresnettogehältern im Schnitt 120 qm Wohnraum finanziert werden (mit Ausnahme Salzburg!) – 2018 sind es hingegen nurmehr 75 qm!
Ergo: Die Mittelschicht ist aufgrund des Gehörten ein “inhomogenes Konglomerat”; ein Auffangbehälter für alle, die nicht der Unterschicht, aber auch nicht der Oberschicht angehören – weltweit sind es rund 1,8 Milliarden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass in Asien die Mittelschicht bereits bei einem Stundenlohn von 10,- US-Dollar beginnt – das wäre bei uns ein Geringverdiener! Liest man sich die Postings zum Einkommensrechner des Standards durch, so gehören eigentlich alle der Mittelschicht an. Wer will denn eingestehen, dass er Angehöriger der Unterschicht ist? Wer will im Gegensatz dazu den Neid erwecken, wenn jemand zur Oberschicht zählt?! Und so nebenbei erwähnt: Im Marxismus wird auch die städtische Mittelschicht sowie das Kleinbürgertum der Klasse des Proletariats zugeordnet, da sie zumeist unterprvilegiert und einflussschwach sind – also wieder nix mit einer besseren Situierung! Durch die immer stärker werdende Einkommensschere und die Globalisierung geht’s jedoch der Mittelschicht und dem Mittelstand immer mehr an den Kragen. Wenn ein Akademiker nurmehr 2.500,- € brutto oder gar noch weniger verdient, so hat er den Bildungsvorsprung der Mittelschicht verspielt. Und durch Importe aus Billiglohnländer werden viele mittelständische Unternehmen (auch als Zulieferer der Industrie) ruiniert, sofern sie sich nicht schon vorzeitig genug auf eine Nische spezialisiert haben. Noch drastischer stellt es der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in seiner Studie “Capital in the Twenty-First Century” dar. Im Vergleich der letzten 300 von ihm untersuchten Jahre zeigte er auf, dass jede Krise auf dem Rücken der Mittelschicht ausgetragen wurde, während die Oberschicht sogar noch Kapital daraus schlug. Praktisch aufgezeigt in jüngsten Vergangenheit etwa bei der durch die amerikanische Immobilienblase verursachten Finanzkrise. Grosse Teile der vorherigen “middle class” rutschten in die “lower class” oder gar durch Arbeitslosigkeit in die “unemployed underclass”.
Im Jahr 2014 veröffentlichte die OECD die Studie “Making Inclusive Growth Happen”. Demnach ist Österreich in den Jahren 1993 bis 2009 um nicht unbeträchtliche Teile seiner Mittelschicht umgefallen. Zumindest nach OECD-Definition. Die Ursachen liegen einerseits in der gestiegenen Steuerbelastung der mittleren Mittelschicht (mittlere Quintile) und andererseits in den erheblichen Gehalts-Zuwächsen der Oberschicht. Wie sich die schon getätigten oder noch zu erledigenden Massnahmen der schwarz-blauen Regierung auswirken werden? Mit diesen Gedanken lasse ich Sie heute zurück!!!

Lesetipps:

.) Hurra, wir dürfen zahlen: Der Selbstbetrug der Mittelschicht; Ulrike Herrmann; Westend 2010
.) Der stille Raub: Wie das Internet die Mittelschicht zerstört; Gerald Hörhan; edition a 2017
.) Melkvieh Mittelschicht: Wie die Politik die Bürger plündert; Clemens Wemhoff; Redline Verlag 2009
.) Mythos “Mitte”: Oder: Die Entsorgung der Klassenfrage (Kapital & Krise); Ulf Kadritzke; Bertz und Fischer 2017
.) Die Ausplünderung der Mittelschicht: Alternativen zur aktuellen Politik; Marc Beise; Deutsche Verlags-Anstalt 2009
.) Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten; Hrsg.: Michael Borchard u. a.; Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. 2008
.) Mittelstand ist eine Haltung: Die stillen Treiber der deutschen Wirtschaft; Heiner Kübler/Carl A. Siebel; Econ 2016
.) The Value of Everything; Mariana Mazzucato; Allen Lane Verlag 2018

Links:

- www.diw.de
- www.wifo.ac.at
- www.oecd.org
- www.arcadis.com
- ec.europa.eu/eurostat/de
- www.statistik.at
- www.dandc.eu
- www.iwkoeln.de
- www.boeckler.de
- www.kaes.de
- www.oegb.at
- arbeitgeber.de
- www.agenda-austria.at
- www.armutskonferenz.at
- www.arm-und-reich.de

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Syphilis – eine Geißel Gottes?

Die Geschlechtskrankheit Syphilis, oder auch “Lues” bzw. “maladie française”, wurde in früheren Zeiten als “Strafe Gottes” bezeichnet. Schon im Jahre 1495 sprach der Arzt Niccolo Leoniceno aus Vicenza in seinen Vorlesungen von der Epidemie einer Krankheit, die er als “Morbus gallicus” benannte. Er bezog sich auf eine neuartige Hauterkrankung, die seit 1493 in den spanischen Hafenstädten tobte und sich von dort rasend schnell im gesamten westlichen Mittelmeerraum ausbreitete. Den Ursprung könnte sie in der zweiten Fahrt von Christoper Kolumbus nach Hispaniola (Haiti) gehabt haben. Molekularbiologen haben inzwischen nachgewiesen, dass tatsächlich Bakterien des südamerikanischen Syphilisstammes auf diese Art nach Europa eingeschleppt wurden. Während der Besetzung Neapels im Jahr 1495 durch Karl VIII. von Frankreich kam es dort wirklich zu einer Epidemie, die von den Söldnertruppen über das ganze restliche Europa verschleppt wurde. Eine andere Ursprungstheorie geht von einer sehr seltenen Konjunktur des Saturns mit dem Jupiter im Zeichen des Skorpions und Hause des Mars aus (Miasma-Theorie). In einem Gedicht des Mediziners Girolamo Fracastoro soll der Schafhirte Syphilus von Gott mit einer neuen Krankheit bestraft worden sein, da er Gotteslästerung betrieb – das brachte den Namen. Zudem wird sie ausschliesslich durch den Geschlechtsverkehr übertragen und der Betroffene geht meist elendigst zugrunde. Durchaus also Hinweise für eine böse Strafe notorischer Sünder durch die höchste Obrigkeit. Knochenfunde im englischen Riverhall/Essex zeigen allerdings, daß das Bakterium bereits vor 1445 aktiv war. Auch Grabungen am Domplatz von St. Pölten/Österreich brachten Skelette aus dem 14. Jahrhundert zu Tage, die typische Syphilis-Merkmale aufwiesen. Archäologische Ausgrabungen in der griechischen Siedlung Metapont in Süditalien gaben ebenfalls Hinweise darauf, dass die Menschen schon weitaus früher an Syphilis erkrankten. Die Knochen stammen aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Die Gefahr also, sich bei oftmaligem Partnerwechsel zu infizieren, war vor der Erfindung des Kondoms sehr hoch. Nachdem nun die Ärzte aufschreien, daß die Zahl der Erkrankungen wieder eklatant ansteigt, möchte ich dem nachgehen: Was steckt wirklich dahinter?!
Die Krankheit überträgt sich durch das spiralförmige Bakterium Treponema pallidum während des Geschlechtsakts. Ausserhalb des Körpers stirbt es sehr rasch ab, innerhalb teilt es sich alle 36 Stunden. Das Bakterium gelangt über die Schleimhaut oder feinste Hautrisse in das Innere des Körpers. Somit ist also nicht nur der herkömmliche Geschlechtsverkehr, sondern zudem Oral- oder Analsex durchaus riskant. Ebenso wie der HI-Virus ist die Infektion auch durch Bluttransfusionen oder Blutkontakt möglich – jedoch weitaus seltener. Die letzte Infektion durch eine Bluttranfusion liegt in Deutschland bereits 20 Jahre zurück. Auch eine Infektion während der Schwangerschaft ist sehr problematisch und kann zu einer Fehlgeburt oder einem infizierten Kind führen (Lues connata präcox). Ab der 20. Schwangerschaftswoche ist der Erreger plazentagängig, überwindet also die natürliche Barriere zwischen dem Kreislauf der Mutter und dem des Kindes. Neugeborene Infizierte sind normalerweise unauffällig, die Krankheit zeigt sich erst etwas später. Einige wenige Säuglinge können unter Atemnot, Ödeme, Untergewicht, Hautausschlägen, Lymphknoten- oder einer Milzschwellung leiden. Die Lues connata tarda tritt bei einer Infektion der Mutter in der Schwangerschaft während der ersten Lebensmonate des Kindes auf. Sie äussert sich durch Knochenfehlbildungen an Gaumen, Stirn und Nase, Fieber, Hautausschlag, blutigem Schnupfen, Taubheit, Krampfanfällen und Knieproblemen. Aufgrund dieser schwerwiegenden Krankheitsbilder wird bei Schwangerschaftsuntersuchungen automatisch eine mögliche Syphilis-Infektion der Mutter überprüft. Deshalb sind derartige Erkrankungen bei Kindern zumindest in unseren Breiten sehr selten geworden. Ansonsten kann rechtzeitig mit einer entsprechenden Therapie begonnen werden.
Apropos Therapie: Aufgrund der guten Therapieerfolge hat die Syphilis offenbar ihren Schrecken verloren. So steigt die Anzahl der Neuinfektionen jedes Jahr. In Deutschland wurden beispielsweise im Jahr 2014 rund 5.700 Erkrankungen gemeldet, ein Jahr später bereits 6834. V.a. homosexuelle Männer sind davon betroffen. Weltweit stecken sich zirka 12 Millionen Menschen pro Jahr an. Jedoch nicht nur an Syphilis, sondern auch an Krankheiten, die von Erregern aus derselben Bakterien-Familie stammen: Bejel (Afrika und Mittlerer Osten), Frambösie (Afrika, Asien und Lateinamerika), Pinta (Süd- und Mittelamerika) oder auch der Plaut-Vincent-Angina. In Westeuropa sank die Zahl aufgrund der AIDS-Kampagnen ab den 80er Jahren. Seit 2001 allerdings steigt die Kurve wieder an. In Österreich etwa wurden 2006 267 Erkrankungen gezählt, ein Jahr später waren es bereits 441 und 2008 gar 551. Nichtpathogene Treponema-Arten hat jeder Mensch in der Flora des Mundes, des Verdauungstraktes und in den Geschlechtsorganen.
Eines sollte jedoch niemals vergessen werden: Gegen die Krankheit wird man nicht immun sondern kann sich jederzeit wieder anstecken. Das Risiko einer Ansteckung beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer erkrankten Person liegt bei 40-60 %. Nicht immer treten nach einer Infektion Beschwerden sofort auf. Es kann sogar mitunter Jahre dauern.
Die Syphilis verläuft in drei bis vier Stadien – bei einer gleichzeitigen HIV-Infektion jedoch atypisch. Auch im Einzelfall kann es zu einem komplett anderen Krankheitsverlauf kommen.

- Primärstadium
Meist zwei bis drei Wochen nach Ansteckung – aber auch bis zu 90 Tage danach. Aus einem etwa hirsekorn-grossen Knoten entwickelt sich ein schmerzfreies, nässendes Geschwür am Penis oder der Scheide, das einen harten Rand (Ulkus durum) ausbildet. Hier traf der Erreger auf. In diesem ersten Stadium ist die erkrankte Person am ansteckendsten: Es reicht schon ein kurzer Hautkontakt. Ohne entsprechende Therapie bleibt der Erkrankte jedoch über Jahre hinweg infektiös. Je nach Sexualpraktik kann dieses Geschwür auch im Mund, am After oder auf den Brüsten auftreten. In weiterer Folge schwellen die benachbarten Lymphknoten (etwa in der Leistengegend) an. Dies verschwindet üblicherweise nach einigen Wochen wieder von selbst.
- Sekundärstadium
Durch das Gefässsystem (Blut- und Lymphbahnen) breitet sich das Bakterium nach zwei bis drei Monaten über den ganzen Körper aus. Dies führt zu einem Anschwellen der Lymphknoten – vornehmlich am Hals und in den Achseln. Damit einher gehen Gelenk- und Muskelschmerzen, Abgeschlagenheit, Fieber und Kopfschmerzen. Am Körper, zumeist an den Handflächen und Fusssohlen tritt ein nicht-juckender, masernartiger Hautausschlag auf. Aus diesen Flecken bilden sich mit der Zeit rötliche bzw. bräunliche Knoten, die aufplatzen und nässen können. Das sind Krankheitserreger, die wiederum hochinfektiös sind. Besonders grosse Knoten bilden sich im Genital- bzw. Analbereich – der Mediziner bezeichnet sie als “Condyloma lata”. Bei manchen Patienten kann es zu einem Haarausfall und einer Veränderung der Mundschleimhaut kommen. Dabei sind auch Mandeln und Rachen entzündet. Diese Symptome ebben normalerweise nach einem Jahr wieder ab – sie können jedoch jederzeit erneut auftreten (“versteckte Syhilis”).
- Tertiärstadium
Rund 25 % der nicht behandelten Erkrankten kommen – wenn auch drei bis fünf Jahre später – in dieses Stadium. Nun wird’s so richtig unschön, da alle Organe, Knochen und Muskeln des Körper entzündet sind. Auf der Haut, der Zunge und der Nase bilden sich grosse Knoten, die aufplatzen können. Blutgefässe werden befallen; so kann es zu einem Aorten-Aneurysma kommen (bis zu 30 Jahre später). Bricht diese Aussackung der Hauptschlagader, so droht eine rasche Verblutung. Undichte Herzklappen (Herzklappen-Insuffizienz) führen zu Problemen des Herz- und Kreis-laufsystems. Ist auch der Sehnerv oder die Regenbogenhaut des Auges entzündet, so kann dies auf auf eine Entzündung des zentralen Nervensystems schliessen lassen.
- Quartärstadium
Wird das zentrale Nervensystem geschädigt (unbehandelt bei ebenfalls rund 25 % – möglicherweise auch erst Jahrzehnte später), so bezeichnet dies der Fachmann als “Neurosyphilis”. Sie zerstört sowohl das Gehirn als auch das Rückenmark. Anzeichen für ein geschädigtes Rückenmark sind lanzenstichartige Schmerzen in der Bauchgegend und den Beinen. Weiters folgen Probleme an Knochen und Gelenken (unsicherer Gang), Kreislauf-störungen, Gefühlsbeeinträchtigungen, Kontrollverlust über Blase und Darm und schliesslich Lähmungen. Derartige Symptome sind als “Tabes dorsalis” bekannt. Wird das Gehirn in Form einer chronischen Gehirnentzündung beeinträchtigt (Syphilis cerebrospinalis), so spricht man von einer “progressiven Paralyse”, also einer fortschreitenden Lähmung, begleitet von Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Die Folge ist ein geistiger Abbau bis hin zur Demenz und dem Tod. Erste Anzeichen dafür können sein: Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit, Schwächen beim Hören und Sehen, ja mitunter auch Lähmungs-erscheinungen.
Wird nun die Krankheit nicht behandelt, so heilt sie bei jenen, die Glück haben, aus (33 – 50 %). Damit würde ich jedoch nicht spekulieren – ein möglicherweise tödlicher Gedankengang (bei rund 10 %).
Das heimtückische an dieser Krankheit ist, dass sie über Jahre hinweg komplett im Verborgenen brodeln kann. Dann ist sie nur anhand von Bluttests nachweisbar. Kann der Dermatologe und Venerologe, an den der Hausarzt überwiesen hat, aus dem durch einen Abstrich entnommenen Sekret nichts erkennen, ist ein solcher Bluttest für die Diagnose unbedingt erforderlich. Dabei wird anhand eines
- TPPA-Tests (Treponema-pallidum Partikelagglutinationstest) oder
- TPHA-Tests (Treponema-pallidum-Hämagglutinationstest)
überprüft, ob das Immunsystem bereits Abwehrkörper gegen das Bakterium gebildet hat. Ist dies der Fall, wird mit einem Bestätigungstest wie dem FTA abs (Treponema-pallidum-Antikörper-Fluoreszenztest) oder Immunoblot die Gewissheit geholt. Besteht der dringende Verdacht auf eine Erkrankung, allerdings lässt sich das nicht nachweisen, so werden die Proben nach zwei bis drei Wochen wiederholt. Nun muss ausgeschlossen werden, dass das zentrale Nervensystem ebenfalls befallen ist. Dies wird bei örtlicher Betäubung durch eine Liquorpunktion durchgeführt. Dabei führt der Arzt eine feine Nadel in den Rückenmarks-kanal ein und entnimmt Rückenmarksflüssigkeit. Auch diese wird auf Antikörper gegen das Bakterium hin analysiert. Ein Syphilis-Patient wird stets auf andere Geschlechtskrankheiten und dem HI-Virus überprüft, da diese den Krankheitsverlauf und die Therapie beeinflussen können.
Nachdem die Syphilis meldepflichtig ist, erstattet bereits der Laborarzt eine solche Meldung in Deutschland an das Robert-Koch-Institut, in Österreich an die Landessanitätsbehörde, in der Schweiz an den kantonsärztlichen Dienst und das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Meldung erfolgt anonym, also ohne Namensnennung des Patienten. Sie wird in weiterer Folge durch die Untersuchungsergebnisse des behandelnden Arztes ergänzt.
Im 15. Jahrhundert erfolgte die Behandlung der Patienten mit Queck-silbersalzen – sie starben alsdann nicht an der Syphilis als vielmehr einer Quecksilbervergiftung. Auch mit Arsen wurden Versuche durchgeführt, die oftmals tödlich endeten. Nachdem bekannt wurde, dass der Erreger ab 41 Grad Celsius abstirbt, wurden Patienten mit Malaria infiziert – dafür erhielt der österreichische Psychiater Julius Wagner-Jauregg 1927 sogar den Nobelpreis für Medizin. Erst 1943 entdeckte der US-amerikanische Arzt John F. Mahoney die Wirksamkeit von Penicillin. Heutzutage werden auch andere Antibiotika (wie Cephalosporine, Tetrazykline, Makrolide) eingesetzt. Die Dosierung und Intensität richtet sich nach dem Krankheitsstadium. Die Prognosen für eine Heilung im ersten oder zweiten Stadium sind sehr gut. Wurden aber bereits Organe befallen, so ist dies irreversibel. Die Heilungschancen im dritten und vierten Stadium sind entsprechend schlecht. Zerfällt der Erreger während der medikamentösen Therapie zu rasch, so kam es in Einzelfällen durch das Freiwerden von Toxinen zur sog. “Jarisch-Herxheimer-Reaktion”: Fieber, Muskelschmerzen, Schüttelfrost und schliesslich Blutdruckabfall. Dagegen erfolgt eine Kortisonverabreichung.
Immer wieder gab es auf der Suche nach einem wirksamen Gegenmittel Medizinskandale. Dabei wurden oftmals Patienten ohne deren Wissen infiziert. Der wohl grösste Skandal jedoch erfolgte zwischen 1932 und 1972 im Städtchen Tuskegee/Alabama in den USA (“Tuskegee-Syphilis-Studie”). Die zumeist armen, afro-amerikanische Erkrankten wurden absichtlich nicht behandelt um zu beobachten, wie sich die Krankheit entwickelt. Die Betroffenen wurden auch 1943 nach der Mahoney-Entdeckung einer Therapie in Unkenntnis gelassen. Die USA übrigens führten zudem in den Jahren 1946 bis 1948 in Guatemala Menschen-versuche durch.
Es liegt in der Pflicht, dass der/die Betroffene alle Partner, die er/sie nach der möglichen Infektion gehabt haben könnte (bis zu 90 Tage vor Auftreten der ersten Symptome), informiert, damit auch sie sich behandeln lassen können (“Partner-Tracing”). Wird die Krankheit erst im zweiten Stadium erkannt, so müssen alle Partner der vergangenen zwei Jahre untersucht werden.
Vorsicht bei Selbstdiagnosen und Behandlungen: Bei der Syphilis muss unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.
Wer sich bei häufigem Partnerwechsel all das ersparen möchte, sollte stets den mit einem Kondom geschützten Geschlechtsverkehr bevorzugen. Zwar besteht auch hier keine 100 %-ige Sicherheit, doch wird eine mögliche Übertragung unwahrscheinlicher.

Film:

.) Das Syphilisgeheimnis; S. Cerasuolo, E. Fergnachino; Großbritannien 2002

Lesetipps:

.) Der Unzucht und Lastern derbey entspringende Krankheit: Syphilis und deren Bekämpfung in der Frühen Neuzeit am Beispiel des Wiener Bürgerspitals St. Marx; Melanie Linöcker; VDM Verlag Dr. Müller 2008
.) Der Ursprung der Syphilis: eine medizinische und kulturgeschichtliche Untersuchung; Iwan Bloch; Fischer 1901
.) Martin Pollich von Mellrichstadt (geb. um 1455, gest. 1513) und sein Streit mit Simon Pistoris über den Ursprung der „Syphilis“; Helmut Schlereth; Königshausen & Neumann 2001
.) Aus der Frühgeschichte der Syphilis. Handschriften- und Inkunabelstudien: epidemiologische Untersuchung und kritische Gänge (= Studien zur Geschichte der Medizin. Band 9); Karl Sudhoff; Barth 1912
.) Amors vergifteter Pfeil. Kulturgeschichte einer verschwiegenen Krankheit; Ernst Bäumler; Hoffmann & Campe 1976
.) Die Strafe der Venus. Eine Kulturgeschichte der Geschlechtskrankheiten; Birgit Adam; Orbis 2001
.) Handbuch der Geschichte der Medizin; Hrsg.: Max Neuburger/Julius Pagel; G. Fischer 1905
.) Ethics and error. The dispute between Ricord and Auzias-Turenne over syphilization 1845–70; D. Beyer Perett; Stanford 1977
.) The Columbian exchange: biological and cultural consequences of 1492; Alfred W. Crosby; Praeger 2003

Links.

- www.dstig.de
- www.oegstd.at
- www.bmgf.gv.at
- www.bag.admin.ch/bag/de
- www.meduniwien.ac.at
- www.gesundheitsamt-bw.de
- www.rki.de
- www.laborkrone.de
- www.liebesleben.de
- www.aids.ch
- www.lovelife.ch/de
- www.cdc.gov

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Knoblauch – keine Frage des guten Geschmacks…

… sondern vielmehr der Gesundheit!
Viele können ihn nicht riechen, viele andere schwören Stein und Bein bzw. Knolle und Zehe auf ihn – ich bevorzuge kleine, dafür aber regelmässige Mengen. Schliesslich ist das Ausdünsten von Knoblauch ein Intensiv-Erlebnis für die Nachbarn. Dabei wird der stark riechende, schwefelhaltige Geruch (Allicin) nur zu einem kleinen Teil über die Haut abgedampft, der weitaus grössere Teil hingegen über die Lungen-bläschen, somit also der Atemluft. Deshalb zeichnet den guten Koch die Tatsache aus, dass keines der Gewürze herausgeschmeckt wird, sofern es sich nicht etwa um Knoblauchsuppe oder -brot handelt. Gemeinsam aber sollten sich die verwendeten Kräuter, Knollen, Blätter etc. zum wahren geschmacklichen Feuerwerk auf der Zunge entwickeln. Und der Knoblauch kann so einiges – nicht umsonst wird er auch als “König der Gewürze” bezeichnet.
Der Knoblauch (Allium sativum) zählt zur Familie der Amaryllisgewächse und hier zur Unterfamilie der Lauchgewächse. Eigentlich krautartig wird als Überdauerungsorgan die Zwiebel durch die 30 bis 90 cm hohe Pflanze gebildet. Sie besteht aus einer Hauptzehe, aus welcher der Stängel wächst und bis zu 20 Nebenzehen (Tochterzwiebeln). Geschützt wird das Ganze durch eine dünne weisse Haut. Die Pflanze hat sowohl fruchtbare als auch unfruchtbare Blüten. In einem zylindrischen Hütchen (Bulbillen) entwickeln sich pro Pflanze zwischen zehn bis zwanzig Brutzwiebeln.
Der Experte unterscheidet zwischen zwei Arten: Dem Kultur-Knoblauch (Allium sativum var. sativum) und dem Schlangenknoblauch (Allium sativum var. ophioscorodon). Beide sind geniessbar, wobei der auch gerne als “Rockenbolle” bezeichnete Schlangenknoblauch hauptsächlich als Heilpflanze Verwendung findet. Die schwarze Ausführung ist nicht etwa eine eigene Sorte, sondern vielmehr fermentierter Knoblauch. Ähnlich wie bei der Vanille werden Zucker und Aminosäuren durch Luftabschluss und Wärme zu stickstoffhaltigen organischen Verbindungen abgebaut, die für die Färbung verantwortlich zeichnen. Der Geschmack ändert sich in’s leicht Süssliche.
Kam die Pflanze ursprünglich eigentlich aus Zentral- und Südasien, so wird sie schon seit sehr langer Zeit zudem im Mittelmeerraum angepflanzt. Und auch hierzulande kommen immer mehr Ackerbauern auf den scharfen, würzigen Geschmack, vor allem da der Preis stark angestiegen ist – das macht das “Weisse Gold” zur wohl profitabelsten heimischen Gemüsesorte. Allerdings haben sie dabei mit harter Konkurrenz aus China zu kämpfen. Dort werden pro Jahr rund 20 Millionen Tonnen geerntet – mit Dumpingpreisen alsdann die Konkurrenz etwa aus Argentinien zunichte gemacht.
Die Pflanze selbst bevorzugt sonnige Plätze. Im konventionellen Anbau aus den Haupt-Herkunftsländern China, Argentinien und auch Spanien werden per Hand rund 1,5 bis 3 Tonnen Knoblauchzehen pro Hektar im Abstand von rund 20 cm mit der Spitze nach oben in den Ackerboden gedrückt. Das führt zu rund 18.000,- € Kosten pro Hektar – die etwas teurere Variante. Die Zehen sind jedoch sehr schädlingsanfällig. Später sind es nurmehr die Lauchmotte und die Weissfäule, die der Pflanze schaden können. Andere Schädlinge meiden die Pflanze aufgrund ihres Geruchs. Deshalb raten Experten auch dazu, in der Wohnung oder dem Haus Knoblauch als natürlichen Schutz gegen Schädlinge auszulegen. Hilft übrigens perfekt im Garten bei anderen Nutzpflanzen, wie beispielsweise Erdbeeren (Blattfleckenkrankheit, Grauschimmel), Him-beeren, Gurken, Karotten (Möhrenfliege), Rote Beete, Tomaten (Braun-fäule), Obstbäumen, Lilien, Rosen und Tulpen, sowie beim Salat (Blattläuse). Auch hilft er gegen Mehltau bei den Flammenbäumen. Wühlmäuse, Läuse und Ameisen möchten ebenfalls nichts mit der geruchsintensiven Pflanze zu tun haben – optimal also im Kartoffelbeet. Besser nicht jedoch in die Nachbarschaft von Bohnen, Erbsen und Kohl pflanzen. Zur Schädlingsbekämpfung setzen Sie die Zehen am besten im April, zum Verzehr im September oder Oktober.
Bei der etwas günstigeren Variante wird bevorzugt mit Brutzwiebelsamen gearbeitet. Die Samen werden ähnlich dem Mais mittels Sämaschinen ausgebracht. Hier konnten durch spezielle Züchtungen bezüglich der Frostbeständigkeit, Dürreresistenz, Inhaltsstoffe und Lagerung grosse Erfolge erzielt werden. Der Kostenpunkt liegt bei rund 2.000,- € pro Hektar.
Die Ernte beginnt in beiden Fällen, sobald das Laub zu rund einem Drittel welk ist. Wilder Knoblauch ist übrigens schon seit Jahrhunderten ausgestorben – es handelt sich also auch bei den in freier Natur vorkommenden Pflanzen um bereits kultivierte Exemplare.
Schon die Ägypter nutzten den Knoblauch. So erhielten die Sklaven, die am Pyramidenbau beteiligt waren, eine tägliche Ration davon – einerseits zur Stärkung, andererseits um Darmparasiten und Läuse abzuhalten. Fiel die Ration aus oder wurde verkleinert, traten sie in den Streik. Im Talmud steht geschrieben, dass der Knoblauch den Geist klart, den Körper sättigt und die Manneskraft steigert (ob da die Frauen geruchsmässig damit einverstanden sind???). Auch die alten Griechen und Römer verwendeten, wie eigentlich der gesamte Mittelmeerraum, die Zehen: Zum Verfeinern ihrer Speisen oder für den Knoblauchkäse “moretum”.
Die beste Geschmacksnote erreichen Sie übrigens durch das Zerdrücken der Zehe mit der Knoblauchpresse. Dann nämlich werden die Zellen zerstört, das Enzym Aliinase kommt in Kontakt mit dem Alliin, wodurch die Umwandlung in Allicin begonnen wird. Dann im Anschluss nur kurz kochen, da er ansonsten bitter schmeckt. Durch das folgende Ziehenlassen entwickelt er seine ganze Kraft.
Auch in unseren Gefilden wird die Pflanze schon seit ewigen Zeiten als Gewürz-, aber auch als Heilpflanze verwendet. Durch die Römer nach Mitteleuropa gebracht, findet die Knolle bereits in dem von Kaiser Karl dem Grossen beauftragten “Capitulare de villis vel curtis imperii” in Kapitel 70 Erwähnung als kultivierte Nutzpflanze. Im Mittelalter wurde “chlobilou” oder “chlofalauh” (aufgrund der gespaltenen Zehen) als “Bauern-Theriak” im niederen Volk gegen alle möglichen Wehwehchen eingesetzt, u.a. gegen Menstruationsprobleme, Zahnschmerzen, Hautausschläge und Lungenleiden. Später sogar gegen die Pest. “Theriak” konnten sich damals übrigens nur die Reichen leisten – es war eine Mischung aus Honig, Vipernfleisch, Opium und anderen Bestandteilen. Ob die Pflanze allerdings auch gegen Dämonen oder Vampire hilft, ist bis heute nicht wissenschaftlich belegt. Ebenso übrigens, dass er Magnete umpolen sollte, weshalb er über Jahrhunderte von Seefahrern gemieden wurde, obwohl das enthaltene Vitamin C gut gegen Skorbut gewirkt hätte. Des Rätsels Lösung war ein Fehler bei einer Übersetzung.

https://www.youtube.com/watch?v=OhhmheMQ1oo&ytbChannel=null

Der Verband Deutscher Drogisten (VDD) wählte den Knoblauch im Jahr 1989 zur Arzneipflanze des Jahres. So verbessert der regelmässige Genuss nachgewiesenermaßen vornehmlich das Herz-Kreislauf-System indem es den Blutdruck und die Blutfettwerte (durch das enthaltene Saponin) senkt und die Blutgefässe elastischer macht. Deshalb findet die Heilpflanze auch vermehrt Anwendung bei Thrombose und Arteriosklerose. Daneben wirkt die Zwiebel auch antibakteriell, desinfi-zierend und krampflösend. Das erkannte bereits Louis Pasteur bei seinen Forschungen. Somit beeinflusst der Knoblauch äusserst wohltuend das Immunsystem, den Verdauungstrakt (z.B. bei Blähungen, Darmkrebs) und bei Infektionen ganz im Allgemeinen.
Den Hauptanteil dafür leistet das Alliin, ein ätherisches Öl. Dessen Anteil liegt in frischem Knoblauch bei etwa 0,5 bis 1 %. Durch die Ausscheidung über die Atemluft desinfiziert es die Atemwege und kann sogar bei Bronchitis, Keuchhusten und Bronchialasthma eingesetzt werden. Da dieses Öl schnell oxidiert, sollte Knoblauch rasch verarbeitet werden. Daneben verfügt die Knolle über einen hohen Anteil an Mineralstoffen wie Kalzium, Kalium und Magnesium, aber auch der Ascorbinsäure (Vitamin C), Vitamine B und K, dem Spurenelement Selen sowie Aminosäuren und Proteinen.
Als Heilpflanze wird der Knoblauch zudem äusserlich verwendet – etwa bei Hautflechte (Mykose) oder Warzen: Dabei wird eine Zehe in Scheiben geschnitten, aufgelegt und mittels Pflaster fixiert. Am besten über Nacht einziehen lassen. Bei mehrmaliger Anwendung durchaus wirksam – ausserdem haben Sie das Schlafzimmer wieder alleine für sich.
Allerdings gibt es durchaus Menschen, die den Genuss der Zehen nicht vertragen. Bei rund 10 % der Bevölkerung kann es zu allergische Reaktionen, Erbrechen, Übelkeit oder Durchfall kommen. Jedoch nur bei hoher Konzentration.
Nicht nur die Zehen sind geniessbar – auch die Blätter, das Laub und die Blüten kommen in der gut ausgestatteten Küche zum Einsatz. Dabei kann Knoblauch sehr variantenreich verwendet werden: Als Knoblauchöl, Butter für Knoblauchbrote, als Quarkaufstrich (für alle österreichischen Leser: Topfenaufstrich), in Salaten, in Marinaden etc. Auch bei Braten oder Fischgerichten sollte der gute Koch niemals auf Knoblauch verzichten. So wird etwa der “Vanillerostbraten” nicht mit Vanille sondern mit der “Vanille des armen Mannes”, dem Knoblauch, gewürzt. Beim Einkauf gilt es, auf die perlmutartig glänzende Aussenhaut zu achten. Blättert die Schale stark ab, so ist die Zwiebel meist ausgetrocknet. Finger weg von Knollen mit braunen Stellen: Das ist beginnende Fäule der Zehen! Ein grünes Austreiben ist zwar nicht tragisch, kann jedoch das Aroma beeinflussen. Im Gemüsefach des Kühlschranks hält sich die Zwiebel rund zwei Wochen, geschält kann sie auch eingefroren werden.

“Der starcke Geruch bekompt übel dem blöden Hirn, machet trübe Augen, bewegt Zorn, fürdert den Schlaf und Durst.”
(Jacobus Theodorus, deutscher Arzt und Apotheker 1522 – 1590)

Der durchschnittliche Deutsche isst jährlich rund 250 g Knoblauch, sein Nachbar aus Frankreich nahezu die doppelte Menge. Auch die Briten haben die Pflanze spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg für sich entdeckt. Damals sollen französische Soldaten auf der Isle of Wight stationiert gewesen sein. Sie wollten das fade englische Essen etwas aufpeppen und liessen sich durch Agenten das begehrte Gewürz liefern. Die Insel ist heute das Hauptanbaugebiet im europäischen Vereinigten Königreich. Sinnvoll wären 4 g frischer Knoblauch, das entspricht rund 1,3 g Knoblauchpulver pro Tag. In den mediteranen Ländern auch kein Problem – hierzulande führt ein dauerhafter Knoblauchdunst zur sozialen Ausgrenzung. So wurde in den USA ein Restaurant verklagt, weil es zu viel Knoblauch in seinen Speisen verwendet haben soll. Die Richter baten um wichtigere Fälle und wiesen die Klage ab. Gegen den Mundgeruch übrigens helfen Milch, Chlorophylle, Kardamonsamen oder Ingwer – jedoch niemals zur Gänze. Sollte der Gourmet also nach dem Essen noch etwas vorhaben, so ist es besser, auf die Beigabe von Knoblauch zu verzichten. Tsatsiki kann deshalb nicht wirklich empfohlen werden.
Zuletzt noch ein Tipp von Hobbykoch zu Hobbykoch: Damit Sie stinkende Hände beim Schälen vermeiden, geben Sie einfach die gewünschte Anzahl von Zehen in ein Marmeladeglas, verschiessen es und schütteln für einige Zeit heftig. Die Zehen bekommen dadurch ein Schleudertrauma und die Schale löst sich von selbst!

Lesetipps:

.) Knoblauch – eine ganz besondere Knolle; Johanna Schaal; Seehamer 1998
.) Die Alliumarten als Arzneimittel im Gebrauch der abendländischen Medizin; Kurt Heyser; Kyklos 1928
.) The complete book of garlic – a guide for gardeners, growers, and serious cooks; Ted J. Meredith; Timber Press 2008
.) Heilkräuter Hausapotheke: Die wichtigsten Heilpflanzen für die Anwendung zu Hause; Eva Marbach; Eigen-Edition 2010
.) Knoblauch gegen Krebs und Blaubeeren für das Herz: Mit den richtigen Lebensmitteln das Immunsystem stärken und Krankheiten vermeiden; Jo Robinson; Riva 2014
.) Natürlich gesund – Kräutermedizin. Über 200 Kräuter und Heilpflanzen und ihre Wirkung auf die Gesundheit; David Hoffmann; Element Books 1996
.) Kräuter und Gewürze; Avril Rodway; Tessloff 1980
.) Garlic and Other Alliums: The Lore and the Science; Eric Block; Royal Society of Chemistry 2010
.) Effect of garlic on blood pressure: a systematic review and meta-analysis; K. Ried/O. R. Frank/N. P. Stocks/P. Fakler/T. Sullivan; BMC Cardiovasc Disord 2008
.) Garlic – The Science and Therapeutic Application of Allium sativum L. and Related Species; Heinrich P. Koch/Larry D. Lawson; Williams & Wilkens 1996
.) Pharmazeutische Biologie: Molekulare Grundlagen und klinische Anwendungen; Hrsg.: Theodor Dingermann/Rudolf Hänsel/Ilse Zündorf; Springer Verlag 2002
.) Der böse Blick und Verwandtes; Siegfried Seligmann; Georg Olms Verlag 1985
.) Knoblauch – Über 65 fantasievolle Rezepte mit der beliebten Knolle; Jenny Linford/Manuela Schomann; ars vivendi verlag 2016

Lnks:

- deutscher-knoblauch.de
- rockenbolle.de
- rockenbolle.net
- www.gesundheit.gv.at
- www.lwg.bayern.de
- heilpflanzenwissen.at
- www.zentrum-der-gesundheit.de
- www.oego.org
- www.dialogforum-pluralismusindermedizin.de
- www.ars.usda.gov

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Iran/USA – eine alte Freund-Feindschaft

Donald Trump bezeichnet sie selbst als “die härtesten Wirtschaftssanktionen” – seit dem 05. November gelten die neuen Handelseinschränkungen zwischen den USA und dem Iran. Der US-Präsident will damit das Land im Nahen Osten erneut von der restlichen Welt abkapseln. Doch stärkt ihm dieses Mal kein UN-Beschluss den Rücken – es ist eine blosse Machtdemonstration, mit dem das Alpha-Tierchen aus dem Oval-Office in Washington enmal mehr demonstrieren möchte, wer an den Stricken der Macht das Sagen hat. Zwar gelten diese Sanktionen nicht für alle anderen Staaten oder Unternehmen dieser, jedoch hat Trump damit gedroht, jene Unternehmen aus dem amerikanischen Finanzsystem auszuschliessen, die auch weiterhin den Iran beliefern bzw. Geschäfte mit ihm betreiben. Damit würde es vor allem jene Konzerne schwer treffen, die internationale Geschäfte auf Dollarbasis durchführen, über Niederlassungen in den Vereinigten Staaten verfügen oder dorthin exportieren. Ich für meinen Teil würde dies eher als Erpressung bezeichnen, das Weisse Haus spricht hingegen von einer Drohung.
Die Freund-Feindschaft zwischen den USA und dem Iran ist historisch begründet. Noch im 19. Jahrhundert orientierte sich der Iran mehr an Washington als an Moskau oder London. Beide Staaten fielen alsdann 1941 in Teheran ein, obgleich dieses im Zweiten Weltkrieg neutral bleiben wollte. Schah Reza Pahlevi musste zurücktreten. Zwei Jahre später kam es zur weltberühmten Teheran-Konferenz der Alliierten. Die CIA hatte sich in der “Operation Ajax” 1951 am Sturz den iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh beteiligt und erneut den Schah als Staatsoberhaupt eingesetzt. Hintergrund war selbstverständlich das Erdöl. Nachdem der westlich orientierte, im Land selbst jedoch sehr umstrittene Schah Reza Pahlavi 1979 im Rahmen der islamischen Revolution abgesetzt wurde, entstand aus dem Kaiserreich eine Islamische Republik mit Ayatollah Khomeini an der Spitze. Alle Verbindungen zum Westen wurden gekappt. Viele terroristische Attentate sollen Entscheidungen des dortigen Regimes gewesen sein. US-Präsident Jimmy Carter liess in dieser Zeit den an Krebs erkrankten Schah in den USA behandeln. Das jedoch stiess im Iran auf wütende Proteste. Das Ganze gipfelte 1979 in der Erstürmung der US-Botschaft in Teheran durch eine Gruppe radikaler Anhänger Khomeinis. Die dort anwesenden Menschen wurden als Geiseln genommen. Nachdem Washington nicht auf die Forderungen eingehen wollte, wurde ein Befreiungsversuch durch Spezialkräfte unternommen, der jedoch scheiterte. Es war ein mehr als schwarzes Kapitel in der Geschichte und dem Stolz der USA. Heute steht diese Aktion auf nahezu gleicher Stufe wie der Vietnam- oder der Korea-Krieg. Bei beiden gingen die USA bekanntlich ebenfalls nicht als Sieger vom Schlachtfeld. Am 4. April 1980 wurden alle diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern abgebrochen. Die 52 Geiseln übrigens kamen erst 1981 nach Vermittlung durch Algerien frei. Im ersten Golfkrieg zwischen dem Iran und Irak lieferten die USA Waffen an den Irak, der noch kurz zuvor auf der Liste der Schurkenstaaten stand. Die Begründung: Sicherung der freien Schifffahrt! Trotz Embargos lieferten die Vereinigten Staaten allerdings in den Jahren 1985 und 86 auch Rüstung an den Iran – streng geheim! Damit sollten amerikanische Geiseln im Libanon freibekommen werden. Das Ganze flog später als Iran-Contra-Affäre auf. Nach den beiden Hisbollah-Anschlägen auf die US-Botschaft und einen US-Stützpunkt in Beirut, sowie der schweren Beschädigung eines US-Kreuzers, der auf eine iranische Seemine auflief, intensivierte das US-Militär die Alarmbereitschaft im Persischen Golf. Am 3. Juli 1988 schliesslich identifizierte das neue elektronische Aegis-Kampfsystem der USS Vincennes (CG-49) offenbar vor Katar eine im Anflug befindliche F-14 der Iraner. Nachdem dessen Personal auf Funk nicht reagierte, liess der Kommandant die Maschine abschiessen. Erst danach wurde der tragische Irrtum bekannt: Es war ein ziviler Airbus A300B2 der Iran Air mit 290 Menschen an Bord. Überlebt hat diesen Abschuss niemand! Im Rahmen einer Schlichtung verpflichteten sich die USA im Februar 1996 zur Zahlung eines Schdensersatzes in Höhe von 131,8 Millionen US-Dollar. Nach der Wahl von Mohammad Chätami zum Ministerpräsidenten entspannte sich die politische Situation etwas. Im Zusammenhang mit den Anschlägen von 9/11 jedoch bezeichnete US-Präsident George Bush den Iran als “Teil der Achse des Bösen”, was Teheran, das ebenso an einer Bekämpfung der Taliban interessiert war, nicht wirklich entsprach. Immer wieder wurden bislang geheim gehaltene Informationen veröffentlicht, wonach die USA etwa die Partei für ein Freies Leben und die sunnitische Terrororganisation Dschundollah unterstützte. Beide agierten blutig gegen das Regime in Teheran. Ganz offiziell genehmigte der US-Kongress im September 2006 nicht weniger als 10 Millionen Dollar zur Unterstützung oppositioneller Gruppen im Iran. Erst der “Joint Comprehensive Plan of Action”, der Atomvertrag, erzielte ab 2016 eine Entspannung und ein Herunterfahren der Sanktionen. Als Donald Trump im Mai 2018 das Abkommen einseitig aufkündigte, ging der Iran zwei Monate später vor den Internationalen Gerichtshof. Bis zur Entscheidung in der Hauptsache, erliess das Gericht eine einstweilige Anordnung gegen die USA, basierend auf dem US-iranischen Freundschaftsvertrag von 1955. Für Trump jedoch kein Hindernis!
Ein weiterer Dorn im Auge der Amerikaner: Der Iran und Israel können partout nicht miteinander. Einerseits haben die Israeli grosse Angst vor einem Atomangriff (obwohl sie höchstwahrscheinlich selbst über atomare Waffen verfügen), zum anderen unterstützt der Iran die libanesische Hisbollah-Miliz, aber auch die Huthi-Rebellen im Jemen. Während es Erstere vornehmlich auf Israel abgesehen haben, kämpfen die Huthi gegen die Scheichs von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten – beides fleissige Käufer US-amerikanischer Kriegswaffen. Israel ist nach wie vor engster Verbündeter der USA im Nahen Osten.
Verantwortlich für all die Eskalation in diesen Tagen soll selbst-verständlich der Iran sein, der sich nicht an das Wiener Atomabkommen von 2015 halte. Nach der Meinung des US-Präsidenten werde auch weiterhin Uran angereichert um damit im atomaren Wettrüsten mitmischen zu können. Dem widersprach die Internationale Atom-energiebehörde IAEA bereits mehrfach. Sie erklärte, dass das Land die getroffenen Vereinbarungen durchaus umsetze. Zudem – so Trump – sei am Bau einer ballistischen Rakete gearbeitet worden sein, die auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden könne. Die Beweise freilich blieb Washington bislang schuldig. Hat der US-Präsident Probleme mit dem Patentieren von Rüstungsgütern? An solchen Raketen bastelt Nordkorea seit Jahrzehnten!
Trump geht es wie immer auch dieses Mal darum, dass neu verhandelt wird – selbstverständlich zum Wohlwollen der Vereinigten Staaten. Wobei es nicht wirklich förderlich ist, den Gegenüber zuvor als “Lügner” zu bezichtigen (der Iran betreibe eine Politik der Destabilisierung und unterstütze den Terrorismus wie kein anderer Staat – so die Meinung aus Washington). Ein Treiben übrigens, wie es auch private Geschäftspartnern des Präsidenten seit Jahren praktizieren (Saudi-Arabien), das scheint er vergessen zu haben. Dabei wurde aber offenbar nicht beachtet, dass das Abkommen auch von Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Russland und China unterzeichnet wurde. Also kein bilaterales, sondern ein multilaterales Abkommen.

“Er (Trump) zerstört alles, was Recht und Ordnung ist. Das, was so kleine Staaten wie Deutschland brauchen, die sich kein eigenes Militär leisten. Dann nämlich gilt, wenn es keine Rule of Law mehr gibt, das militärische Recht des Stärkeren und dann kann man auch seine Verbündeten erpressen …!”
(Josef Braml, Politikwissenschaftler & US-Experte im SWR 1 Leute-Gespräch)

Der US-Präsident kann alsdann die anderen Staaten nicht dazu zwingen, sich den Sanktionen anzuschliessen. Ergo: Er wählt einen anderen Weg: Den der Wirtschaftsdrohung – offenbar sein Fachgebiet! Einige Konzerne haben bereits reagiert und sich aus dem Iran zurückgezogen (Peugeot, Siemens, Daimler, Total, Würth und die österreichische Oberbank).
Im Iran heisst es, dass die USA dadurch das Land wirtschaftlich in die Knie zwingen und einen Regierungswechsel in Teheran bezwecken will. Das Land hat sich deshalb bereits vor einigen Jahren neu orientiert. Die Wirtschaftsbeziehungen zu China und Indien wurden intensiviert, Europa als neuer Markt erschlossen. Der US-Dollar wurde als internationales Zahlungsmittel in Teheran abgeschafft – die Wirtschaft orientiert sich vornehmlich am Euro. Auch wenn immer wieder die Kryptowährung “Bitcoins” in diesem Zusammenhang erwähnt wird, so kann keine Volkswirtschaft daran aufgebaut werden, da die Schwankungen der virtuellen Währung einfach zu rasch und zu extensiv vonstatten gehen. Die erste Massnahme nach dem erneuten Inkrafttreten der US-Sanktionen war übrigens das Abschalten der Transponder aller iranischer Öltanker. Diese zeigen ansonsten den aktuellen Standort der Schiffe. Das ist jetzt nurmehr über Satellitenbilder manuell überprüfbar.
Wie bei jedem Trump’schen Alleingang sind die Verbündeten in Europa ganz und gar nicht mit dieser Entscheidung einverstanden. Die wirtschaftlichen Beziehungen mit Teheran kamen gerade wieder in’s Laufen, die dortige Regierung öffnete sich auch politisch immer mehr. Dann schiebt ein feinmotorisch und diplomatisch nicht wirklich versierter Politiker in einem Anfall von Grössenwahn erneut einen Riegel vor. Handelsverträge in Milliardenhöhe mussten gecancelt werden, da die wirtschaftliche Bedeutung im Warenverkehr mit den USA dennoch schwergewichtiger punktet. Und das, obgleich der Iran nach den jahrzehntelangen Wirtschaftssanktionen ein unglaubliches Wachstums-potential vorzuweisen hätte. Nach Berechnungen des National Iranian American Councils haben die USA aufgrund der Wirtschaftssanktionen seit 1995 auf nicht weniger als 135 Milliarden US-Dollar verzichtet. Das bleibt jetzt wohl oder übel erneut den Chinesen überlassen. Ihnen übrigens gesteht es der US-Präsident ein, auch weiterhin iranischen Öl importieren zu können. Gleiches gilt übrigens für Indien, Südkorea und die Türkei. Durchaus gnädig, diese Entscheidung!

“Das wirft ein dramatisches Bild auf die respektlose Sichtweise des Weißen Hauses auf die transatlantische Partnerschaft!”

(Omid Nouripour, aussenpolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen – selbst 1975 in Teheran geboren)

Vor dem Aufkündigen des Atomvertrages durch Trump exportierte der Iran noch rund 3,8 Millionen Barrel Erdöl täglich – jetzt sind es nach Aussage von US-Außenminister Mike Pompeo um eine Million Barrel pro Tag weniger.
Den Chinesen ist das Treiben des US-Präsidenten inzwischen komplett gleichgültig. Selbst mit Sanktionen belegt, zählen sie zu den grössten Abnehmern des iranischen Erdöls. Hier könnte man einen Zusammen-hang herstellen, um das bisherige Agieren des America-First-Mannes zu rechtfertigen: Je weniger Erdöl am Markt verfügbar ist, desto mehr lohnt sich wieder das amerikanische Fracking, das nahezu komplett zum Erliegen kam, nachdem der Ölpreis in den Keller fiel. Klar – aufgrund der extensiven Förderung ebenfalls selbstverschuldet. Nordamerika schwimmt inzwischen auf einem See aus giftigen Chemikalien, die erwarteten neuen Städte rund um die Förderstellen gleichen verlassenen Geisterstädten. Dennoch ist die Öllobby eine in den USA sehr mächtige Lobby, die sich nun alternativ dazu die Arktis in’s Auge gefasst hat. Doch ier entstehen bei der Förderung erhebliche Kosten. Nur ein höherer Ölpreis würde dies somit rechtfertigen.
In Europa wird inzwischen fleissig an der Zweckgemeinschaft “Special Purpuse Vehicle” (SPV) gebastelt. Wenn sich die Banken aus Angst um ihr Amerika-Geschäft weigern, den Geldtransfer durchzuführen, könnte man ja zum alten Tauschgeschäft zurückkehren. So – angenommen – bezieht Deutschland iranisches Öl und begleicht die Rechnung mit dringend benötigten Arzneimittel! Ein Armutsgeständnis, dass ganze Volks-wirtschaften dermassen von Banken und dem Willen eines Mannes jenseits der grossen Teichs abhängig sind. Die Welt wäre gut beraten, andere Partner zu suchen als jene, die sich abschotten und stets nur einseitig verhandeln wollen. Schliesslich unterscheiden sich die USA in ihrer wirtschaftlichen und politischen Verlässlichkeit partout nicht mehr von den Staaten im Nahen Osten.

Lesetipps:

.) Die Iran-Sanktionen der USA während der Teheraner Geiselaffäre aus völkerrechtlicher Sicht ; Michael Hakenberg; Peter Lang 1988
.) Der Iran – Die verschleierte Hochkultur; Andrea Claudia von Hoffmann; Diederichs Eugen 2009
.) Political Handbook of the World 2015; Hrsg.: Tom Lansford; SAGE Publications Inc. 2015
.) The Iran-United States Claims Tribunal: Its Contribution to the Law of State Responsibility; Hrsg.: Richard Lillich/Daniel B. Magraw/David Bederman; Brill – Nijhoff 1998
.) Iran – United States Relations; Alphascript Publishing 2010
.) Iran foreign policy towards India; Maryam Pouya; LAP Lambert Academic Publishing; 2013
.) Modern Iran: Roots and Results of Revolution; Nikki Keddie; Yale University Press 2003
.) Géopolitique de l’Iran; Bernard Hourcade; Armand Colin 2010
.) The Arab World and Iran – A Turbulent Region in Transition; Amin Saikal; Selbstpublikation 2016

Links:

- www.state.gov
- ir.usembassy.gov
- www.census.gov
- www.treasury.gov
- en.mfa.ir
- mfa.gov.il
- www.unric.org/de
- bpb.de
- tankertrackers.com
- www.educationusairan.com

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Die Stinker sind da

An dieser heutigen Stelle hätte eigentlich ein anderer Text stehen sollen. Jedoch wurde mir von Sicherheitsexperten geraten, diesen nicht zu veröffentlichen, da sich die Szene augenblicklich im Umbruch befindet und sehr hellhörig geworden ist. Deshalb habe ich mich kurzfristig umentschieden und eine wahrhaft unappetitliche Sache angepackt.

Der Klimawandel macht’s möglich, dass derzeit eine Sache ganz offen besprochen wird, die eigentlich lieber stillgeschwiegen wird: Deutschland hat ein Wanzenproblem! Nein – nicht die kleinen Technikdinger, mit denen man sich zwar einseitig, dennoch aber lebhaft unterhalten kann und dabei immer ein offenes Ohr findet. Die Rede ist von den sechsbeinigen, lebenden Insekten! Sie trotzen den monatelangen Meldungen zum Insektensterben und bevölkern derzeit zu Millionen Bäume, Terassen, Hausfassaden und sonstige Restwärme abstrahlende Orte. Experten sprechen von einem massiven Auftreten der Amerikanischen Kiefern-, der Malven- und der Grünen Stinkwanze. Die Erklärung hierfür ist ganz einfach: Wanzen lieben warme und trockene Orte. In den Ballungsräumen wird es zusehends wärmer. Hinzu kommen nahezu frostfreie Winter und wie zuletzt heisse und lange Sommer – perfekte Voraussetzungen also für grosse Populationen, die gleich zwei Generationen beinhalten. Wer nun eine Panikattacke bekommen sollte: Sie sind zwar unangenehm, jedoch für den Menschen meist nicht gefährlich!
Weltweit gibt es zirka 40.000 Arten von Wanzen. In Deutschland derer knapp 1000. Bei so manchen Exemplaren ist Vorsicht angesagt, da sie sich von Menschenblut ernähren (die Bettwanze etwa) und dadurch Krankheiten übertragen können bzw. toxische Stoffe ausscheiden. Die drei vorhin angesprochenen Arten jedoch sind Pflanzensauger. Auch hilft beim Antreffen in den heimischen vier Wänden kein mikrobiologischer Putzfimmel – Wanzen haben nichts mit mangelnder Hygiene zu tun – zumindest nicht die Pflanzensauger. Da kann sich das Zuhause nahezu steril präsentieren, ein gekipptes Fenster, eine offene Tür oder auch eine Mauernritze reichen bereits und sie sind im Haus. Dort suchen sie sich eine warme Stelle für die Übernachtung oder auch die Überwinterung. Aber: In Wohnungen vermehren sie sich nicht. Zudem sind die meisten Wanzen flugfaul – sie suchen sich deshalb das kürzeste Ziel – immer das erste geöffnete Fenster neben einem befallenen Baum.
Zur Familie der Baumwanzen gehören weltweit rund 4.000 Arten – etwa 70 davon finden sich in Mitteleuropa. Besonders unangenehm sind die Graue Gartenwanze (Rhaphigaster nebulosa) und die Grüne Stinkwanze (Palomena prasina). Damit sie sich vor Fressfeinden schützen können, sondern sie bei Gefahr oder Berührung ein streng riechendes Sekret ab, das sich zudem sehr lange auf Haut oder Kleidung halten kann. Die Gartenwanze lebt vornehmlich in der deutschen Rheinebene. Die Grüne Stinkwanze ist zumeist in Sträuchern anzutreffen, in der Oberpfalz haben sie deshalb die Bezeichnung “Schwoarzbeer Gougl” erhalten. Im Herbst färbt sich deren Panzer braun-grün: Zeit wird’s, ein Winterquartier zu suchen. Sollten Sie solche Stinkwanzen im Hause finden, verwenden Sie bitte keine Chemikalien. Es reicht das Aussprühen einer Spülmittellösung. Dies löst den Panzer der Tiere auf – sie vertrocknen von innen heraus. Auch mögen sie keinen Knoblauch. Der Stinker, die auch Gemeine Baumwanze Genannte lebt vornehmlich in Erlen und Linden und ernährt sich vom Pflanzensaft. Dabei erreicht sie eine Grösse von rund 16 Millimetern. Die Weibchen beginnen im Frühsommer mit der Eiablage an der Unterseite der Wirtspflanze. Dabei produziert ein einziges Tier insgesamt bis zu 450 Eier. Einige Tage später schlüpfen die sog. “Nymphen”. Sie werden in den nächsten Wochen fünf Stadien durchlaufen.
Besonders in der Nähe von Gewässern oder Feuchtwiesen leben die Lederwanzen (Coreus marginatus). In Europa sind rund 25 Arten bekannt. Ihr Körper ist durchgehend mittel- bis dunkelbraun, ihr Hinterleib leuchtend rot. Die Farbe ändert sich im Herbst in schwarz-braun. Die Körperoberfläche ist vernarbt, das führt zu einem lederähnlichen Erscheinungsbild. Die Tiere werden zwischen 10,5 und 16 Millimeter groß. Diese Wanzenart ist ab zirka April in Sträuchern im Garten zu finden. Zur Eiablage bevorzugt sie Ampfer- und Knöterich-Pflanzen. Aus den Eiern schlüpfen nach drei bis fünf Wochen die Larven, die bis Juli fünf Nymphen-Stadien durchlaufen. Die erwachsenen Imagos finden sich dann in Sträuchern (Brombeer) oder Stauden bzw. Disteln. Sie lieben übrigens den Saft des Rhabarbers. Die Lederwanze kann Gift versprühen – auf der menschlichen Haut hinterlässt es braune Flecken. Zur Überwinterung nutzen die Tiere Bodenstreu.
Doch finden sich nicht nur die heimischen Arten wie die Stink- oder die Gartenwanze derzeit in unseren Gärten. Aus China etwa wurde die Grüne Reiswanze (Nezara viridula), die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys) eingeschleppt, aus Nord-Amerika die rötlich-braune Amerikanische Zapfen- der Kiefernwanze (Leptoglossus occidentalis) oder auch die Malvenwanze (Oxycarenus lavaterae) aus dem Mittelmeer-raum.
Die marmorierte Baumwanze ist zwischen 12 bis 17 Millimeter gross, grau bis braun marmoriert und besitzt am Seitenrand schwarz-weiß gemusterte Flecken. Die Fressgeräte (der Mundteil) sind als Saugrüssel ausgebildet. Das macht sie auch für die heimische Landwirtschaft dermassen gefährlich: Sie kann besonders im Gemüse- und Obstanbau (Äpfel, Trauben, Gurken, Tomaten) grosse Schäden anrichten. In den USA blieb sie für rund 10 Jahre unentdeckt – derzeit richtet sie v.a. in Apfel-Plantagen Ernteausfälle von rund 30 Millionen US-Dollar an. Sie wurde vermutlich in den 90er Jahren mit Baumaterial aus Ostasien in die Schweiz gebracht. Insektenforscher entdeckten sie erstmals 2004 in Liechtenstein – inzwischen wandert sie den Rheingraben hinauf. Durch den Klimawandel finden die Tiere nun auch in Europa hervorragende Lebensvoraussetzungen und zudem nach diesem Fruchtjahr auch jede Menge Nahrung. Manches Mal bringen derartige Schädlinge auch gleich ihre Fressfeinde mit. Nicht so die Marmorierte Baumwanze, da sie keine natürlichen Feinde hat. In Wien sorgte sie bereits 2016 für ziemliches Aufregen, da sie massenweise auftrat.
Die Amerikanische Kiefernwanze gelangte erstmals 1999 in Norditalien in das Visier der Entomologen. Möglicherweise wurde sie auf Weihnachts-bäumen, Saatgut oder ebenfalls Baumaterial eingeschleppt. Auch sie hat sich inzwischen auf weite Teile Europas ausgebreitet. Ihre Grösse liegt bei 15 bis 20 Millimeter, die Körperoberseite ist rötlich-braun bis schwarz, in der Mitte der Vorderflügel befindet sich ein auffallendes weißes Zick-Zack-Muster. Das Weibchen legt Ende Mai/Anfang Juni rund 80 Eier ab, davon werden jedoch nur zirka 10 % zu erwachsenen Tieren – die anderen werden von sog. “Eiparasitoiden” wie der Erzwespe befallen. Nach 10 bis 14 Tagen schlüpfen die Nymphen. Nur in Mexiko bzw. in Norditalien können bis zu drei Generationen vorkommen, bei uns nur eine pro Jahr. Diese Wanzen sind ausgezeichneten Flieger – ihr Flugton erinnert etwas an den Flug von Hummeln. Die Besiedelung der britischen Südküste soll beispielsweise durch Tiere aus Frankreich erfolgt sein, die mal eben über den Ärmelkanal geflogen sind. Als Nahrungsquelle bevorzugen sie Kiefern, Douglasien, Weiß-Fichten oder auch Koniferen. Dort saugen sie aus den Zapfen das wasserspeichernde Gewebe ab – später dann auch aus den Samen. Nach fünf Nymphenstadien häuten sie sich im August zur Imago und überwintern in dieser Form. Während die Kiefernwanzen in den USA grosse Schäden vor allem in den Samenschulen anrichten, spielen sie hierzulande nahezu keine Rolle. Wittern sie Gefahr, sondern auch sie ein Sekret ab, das jedoch nach Kiefern-Nadeln bzw. Äpfeln riecht. Für den Menschen ist auch diese Wanzenart völlig ungefährlich. Dennoch sollten sie diese Wanzen aus dem Haus bringen – sie überwintern teils auch gerne in Dachböden – da abgestorbene Tiere zur Nahrung einiger Käfer-Arten gehören.
Die Malvenwanze bevorzugt eigentlich den Raum rund um das Mittelmeer, seit Mitte der 90er Jahre hat sie ihren Zug auch in das restliche Europa angetreten. Bekannt sind rund 50 Arten. Das auch als “Lindenwanze” bekannte Insekt tritt zwar regional teils massiv auf, hat sich aber noch nicht derart weit verbreitet wie die beiden zuvor besprochenen Arten. Die Weibchen werden zirka 5,5 bis 6 Millimeter groß, die Männchen sind etwas kleiner. Während der Kopf schwarz ist, kann diese Wanze an ihrem ansonsten überwiegend roten Körper erkannt werden. Die Malvenwanze liebt Strauchpappeln, Hibiscus und natürlich Malven. Erst im Herbst sammeln sich die Tiere an Linden zu Kolonien um zu überwintern.
Bei der Bekämpfung ist es am besten, man fängt sie mit einem Glas oder Becher ein und befördert sie wieder in’s Freie. Begehen Sie bitte niemals den Fehler, eine Stink-Wanze zu zerquetschen oder zu zertreten. Dabei sondert sie ein sog. “Aggregationspheromon” ab, das für andere Artgenossen als Lockstoff dient. Sie werden alsdann noch mehr dieser Tierchen im Haus vorfinden. Auch gegen die Kiefernwanze hilft nur die Chemiekeule, die jedoch auch den Menschen gefährden kann. Kehrt vor der Tür der Winter ein, löst die Natur dieses Problem von alleine.
In Parkanlagen oder Wäldern unternehmen viele Kommunen nichts gegen die Wanzen. Einerseits schaden die Baumwanzen ihren Wirtspflanzen nicht, andererseits findet das massenweise Auftreten grundsätzlich nur für zwei bis drei Wochen im Jahr statt. Viele wollen deshalb keine möglicherweise auch für andere Tiere oder gar dem Menschen schädliche Chemikalien ausbringen.
Für die meisten Wanzenarten ist hierzulande die Schlupfwespe der einzige wirkliche Feind.

Lesetipps

.) Illustrierte Bestimmungstabellen der Wanzen.Europa; Wolfgang Stichel; Selbstverlag 1962
.) Wanzen beobachten – kennenlernen; Ekkehard Wachmann; J. Neumann-Neudamm 1989
.) Wanzen und Zikaden; Frieder Sauer; Fauna-Verlag 1996
.) Wasserwanzen; K. H. C. Jordan; Die Neue Brehm-Bücherei 1950
.) Insekten – Käfer, Libellen und andere; Siegfried Rietschel; BLV Verlagsgesellschaft 2002
.) The semiaquatic bugs (Hemiptera, Gerromorpha). Phylogeny, adaptations, biogeography and classification. (Entomonograph, Vol. 3); N. M. Andersen; Scandinavian Science Press 1982
.) Garden insects of North America: the ultimate guide to backyard bugs; Whitney Cranshaw; Princeton University Press 2004

Links:

wanzen-nrw.de
koleopterologie.de
www.schaedlingskunde.de
www.bvl.bund.de
www.uibk.ac.at/natmedverein/
naturwissenschaften.ch/organisations/seg
naturschutzbund.at
www.lbv.de
www.wsl.ch
www.julius-kuehn.de
www.hortipendium.de
www.ltz-bw.de
www.provinz.bz.it/de
ento.psu.edu

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