Archive for Dezember, 2018

Weihnachten? Früher war’s anders…

Die heiligste und schönste Zeit im Christentum steht unmittelbar bevor: Weihnachten! Nach alter Überlieferung wurde in einem Stall zu Bethlehem das kleine Christuskind geboren, das die Menschheit durch seinen Tod am Kreuz von der Erbsünde befreien soll. Die vielen Unklarheiten, wie etwa die “unbefleckte Empfängnis” oder auch die automatische Weiter-gabe der Erbsünde (theoretisch müssten ja dann auch alle Vertreter Gottes davon betroffen sein) wollen wir heute mal ausser Acht lassen. Trotzdem möchte ich einige Jahrzehnte in der Geschichte zurückgehen, als es noch nicht den adventlichen Kaufrausch, Glühwein und Punsch, die Weihnachtsmärkte, den Kitsch und Plunder und den Weihnachtsmann gab. Dies sind alles Erfindungen der letzten Dekaden. Übrigens – wenn das Christkind noch am ehesten mit Weihnachten im ursprünglichen Sinn zu tun hat, so sind auch Adventskalender, Adventskranz und der Christbaum selbst Erfindungen.
Der Adventskalender geht beispielsweise auf das 19. Jahrhundert zurück – vermutlich auf das Jahr 1851. Ursprünglich sollte er einen Countdown hin zur Geburt Christi darstellen. So wurde ab dem ersten Advents-sonntag jeden Tag ein anderes Bild aufgehängt oder die Kinder konnten pro Tag einen Kreidestrich am Türpfosten wegwischen. Später wurde der Kalender mit Schokolade säkularisiert und damit auch kommerzialisiert. Der Adventskalender selbst ist eigentlich lutherischen Ursprungs und hatte weihnachtliche Motive, Sprüche und Bilder hinter den Türen versteckt. 1902 erschien der erste gedruckte Kalender, verkauft durch die Evangelische Buchhandlung in Hamburg. Den ersten Kalender mit 24 “Wibele” (Gebäck) stellte die lithografische Anstalt Reichhold & Lang in München her. Heuer hatten die Schokoladekalender bereits im Oktober in den Regalen der Supermärkte Premiere! Im Alpenraum übrigens gehört es zum Brauch, dass sich der Ort vor einem Haus mit Fenstern versammelt, die als Kalendertürchen verwendet werden. Zu Glühwein, Punsch und Selbstgebackenem wird dann abends jeweils ein Fenster geöffnet. Auch lebendige, begehbare Kalender finden immer wieder Verwendung – stets bei einem anderen Gastgeber. In der Schweiz heißen sie “Adventskalender im Quartier”. Dort werden Weihnachtsgeschichten erzählt und Lieder gesungen. Das 24. Türchen ist das Portal der Kirche.
Auch der Adventskranz geht auf die lutherische Kirche zurück. Der erste Kranz soll vom evangelisch-lutherischen Theologen Johann Hinrich Wichern in Hamburg aufgestellt worden sein. Damals verwendete er ein Wagenrad mit 20 kleinen und vier grossen Kerzen. Seit 1860 besteht der Kranz aus Tannenzweigen – ein Wagenrad im Wohnzimmer war dann doch etwas zu mühsam! 1925 wurde der erste Adventskranz in einer katholischen Kirche in Köln aufgehängt. Was nun wirklich mit dem Kranz ausgedrückt werden soll – darüber sind sich die Gelehrten uneins. Zunahme des Lichts auf dem Globus je näher Christi Geburt rückt? Der Kreis als Symbol für das ewige Leben? Farbsymbolik (grün – die Farbe der Hoffnung und des Lebens; drei violette Kerzen – die rosa Kerze wird am 3. Adventssonntag “Gaudette” angezündet). Oder – wie in Schweden: 1 weisse Kerze für den ersten Adventssonntag und drei violette, in Norwegen sind alle violett! Oder in Irland: 3 violette, eine rosa und eine weisse Kerze, die in der Mitte steht und am 24. Dezember angezündet wird. Übrigens werden normalerweise die Kerzen alle gegen den Uhrzeigersinn abgebrannt.
Zum Christbaum als DAS Symbol für Weihnachten schlechthin!
Wann genau der Tannenbaum Einzug in die Wohnstuben gehalten hat, ist unklar. Möglicherweise findet er erstmals 1419 urkundliche Erwähnung, als die Bäckerschaft von Freiburg einen Baum mit vielerlei Naschwerk behängt haben soll, das die Kinder nach dem Abschütteln zu Neujahr essen durften. Eindeutig belegt hingegen sind Aufzeichnungen von 1695 aus dem Elsass, als erstmals beschrieben wurde, wie ein “Dannenbaum” zu Weihnachten behängt werden soll. Seither hat sich viel getan – so kamen etwa 1830 die Christbaumkugeln hinzu. Im 19. Jahrhundert begann von Deutschland aus der Siegeszug um die Welt. Die ersten Bäume übrigens standen ebenfalls in evangelischen Kirchen. Der Christbaum auf dem Petersplatz in Rom ist erst seit 1982 Tradition. Seither kommt der Baum für den Papst jedes Jahr aus einer anderen Region – heuer stammt die 23 m hohe und 4,5 Tonnen schwere Fichte aus der von den diesjährigen Unwettern schwer betroffenen nord-italienischen Stadt Pordenone – ihre letzte Fahrt führte sie über 600 Kilometer nach Rom. Ein österreichischer Baum steht jedes Jahr vor dem EU-Parlament in Brüssel. Die 17 Jahre alte und 3,5 Meter hohe Nordmanntanne aus Niederösterreich hatte es etwas einfacher: Sie wurde geflogen! Die Illuminierung eines solchen Baumes ist in jeder Stadt etwas besonderes. Während der Weihnachtsbaum in katholischen Haushalten bis zum 02. Februar steht (Lichtmess), wird er in evangelischen Haushalten bereits am 06. Januar abgeputzt. Danach landet er entweder im Biomasse-Kraftwerk (Wien) oder im Zoo bei den Tieren (München). Der Baum gilt in allen Kulturen als Zeichen für Lebenskraft und Gesundheit. In Kärnten wird seit den 60er Jahren von Tauchern ein geschmückter Christbaum im Wörther See, später auch im Neufelder See versenkt und am Boden befestigt. Er dient dem Gedenken an die im See Ertrunkenen.
In Deutschland stand die Rotfichte als ursprünglicher Christbaum in den Wohnzimmern, seit Jahren jedoch sind die Nordmanntannen am beliebtesten, gefolgt von der Blaufichte, der Fichte, der Rotfichte, der Edeltanne, der Kiefer und der Douglasie. Einige Exoten wie die Korea-Tanne oder die Colorado-Tanne sind ebenfalls mancherorts zu entdecken. Alleine in Deutschland werden jedes Jahr nicht weniger als 27 Mio Christbäume geschmückt (in Österreich 2,8 Mio – 90 % davon aus heimischem Anbau). In deutschen Landen hingegen kann diese Menge gar nicht mehr selbst aufgezogen werden, benötigt doch eine Nordmanntanne rund 15 Jahre bis sie Zimmerhöhe erreicht hat. Sehr viele Bäume kommen aus Dänemark. Nordmanntannen sind schön und gleichmässig gewachsen und verströmen den typischen Tannenduft. Zudem nadeln sie weniger als etwa die Fichte. Die Blaufichte hingegen besitzt stahlblaue bis grünliche Nadeln und wächst etagenförmig. Damit verträgt sie auch einiges an Chrisbaumschmuck. Die Rotfichte ist aufgrund ihres kegelförmigen Wachstums der klassische Christbaum. Sie verliert jedoch schon nach wenigen Tagen die Nadeln. Sehr lange hingegen bleibt die Kiefer frisch, doch spielt sie eher eine untergeordnete Rolle. Ihre Nadeln werden bis zu 15 cm lang und sind in Büscheln beieinander.
Egal, welchen Baum Sie auch immer wählen: Wenn er auf dem Autodach transportiert wird, sollte er gut festgegurtet sein – und auf jeden Fall die Spitze nach hinten!
Ein Brauchtum, der nichts mit der Religion zu tun hat, trotzdem aber besonders im Alpenraum sehr verankert ist, sind die Rauhnächte. Dabei handelt es sich um die 12 Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem Dreikönigstag. Hinzu kommen unter Umständen (je nach Region) auch die “Thomasnacht” vom 21. auf den 22. Dezember (Wintersonnenwende) und die Christnacht vom 24. auf den 25. Dezember. Der Ursprung dieser Nächte geht auf die alten Germanen oder gar noch weiter zurück und wird erstmals schriftlich im 16. Jahrhundert erwähnt. So berichtet 1520 Johannes Boemus und vierzehn Jahre später auch Sebastian Franck vom “Beräuchern”. Dabei gehen der Dorfpriester oder der Hofbauer mitsamt der Familie durch alle Zimmer sowie die Stallungen des Hauses und beräuchert diese mit Weihrauch. Währenddessen werden Gebete gesprochen. Das soll das Haus und seine Bewohner vor Geistern und Bösem bewahren. Doch war das noch lange nicht alles. Zu Silvester soll das Geisterreich offenstehen, Zauberer verwandeln sich in Werwölfe und fallen über den Menschen und dessen Vieh her. Zum Jahreswechsel beginnt aus diesem Grunde eine “wilde Jagd”. In den Alpen zeigt sich dies in den Perchtenläufen, in Norddeutschland im Rummelpottlaufen. Auch das Silvesterfeuerwerk soll die bösen Geister vertreiben. Es wird in der Mitte der Zwölfnächte um 12.00 Uhr abgebrannt. Das ist übrigens auch eine perfekte Zeit für Vorhersehungen und Orakeln – das erklärt das Bleigiessen zu Silvester. In den vier wichtigsten Rauhnächten darf zudem keine weisse Wäsche zum Trocknen aufgehängt werden. Reiter, die vorbeikommen, könnten sich einerseits in den gespannten Leinen verfangen und andererseits die weissen Tücher als Leichentuch mitnehmen. Weisse, weibliche Unterwäsche würde sie anlocken, heisst es in der Legende, die dann über die Frauen herfallen. Es gibt noch vieles mehr, das in den Rauhnächten nicht gemacht werden darf. Die Perchten überprüften die Einhaltung der Verbote und bestraften gegebenenfalls die Betreffenden mit Schlägen und Hieben.
Nicht unerwähnt bleiben sollte das “Glöckeln” (in Bayern auch “Klöpferlsingen”). Dabei marschiert zumeist eine Gruppe von Haus zu Haus und singt dort uralte Brauchtumslieder. Belohnt wird dies mit einem Einkehrschwung mit Getränken und Selbstgebackenem. Während diese Tradition in Tirol wiederentdeckt wird, ist sie übrigens auch in den USA ein fixer Bestandteil von Weihnachten.
Apropos – werfen wir einen Blick über den Tellerrand! Wie wird Weihnachten in anderen Ländern gefeiert?
Im British Empire liefert “Father Christmas” (in Nordamerika auch “Santa Claus”) die Geschenke in der “Christmas Eve” direkt unter den Weihnachtsbaum. Am “Christmas Day” trifft sich die ganze Familie zum Weihnachtsmahl. Die Queen hält jedes Jahr an Heiligabend eine Weihnachtsansprache, der Gottesdienst “Nine Lessons and Carols” aus dem Cambridger “King’s College” ist auf den britischen Inseln die quotenträchtigste Sendung des Jahres und dank BBC auch auf der ganzen Welt zu empfangen.
In Frankreich beschenkt Père Noël die Kinder. Dazu müssen sie ihre Stiefel vor die Türe stellen. Alsdann wird richtig aus dem Vollen geschöpft und ausgiebig geschlemmt: Muscheln, Gänseleber, Truthahn und viel Wein. Als Dessert gibt es schliesslich das “bûche de Noël”, ein traditionelles Weihnachtsgebäck aus Biskuit und Schokoladen-Butter-crème.
In Schweden beginnen die Weihnachtsfeierlichkeiten mit dem Luciafest am 13. Dezember. Zu Heiligabend trifft sich die Familie zum Jolbrod – genau: Zum Essen! Dazu werden allerlei Süssigkeiten gereicht und Glögg getrunken, eine Art Glühwein mit Beeren und Mandeln. Die Geschenke brachte früher der heidnische Julbock – heute ist es der Jultomte. Den Abschluss von Weihnachten bildet der Besuch der Frühmesse am Christtag.
Das Julbord gibt’s im benachbarten Norwegen bereits in der Vorweihnachtszeit. Im Land der Rentiere wird am Heiligabend ebenfalls diniert – mit Rippchen, Sauerkraut, Kartoffeln und Steckrüben. Die Geschenke bringt der Julenissen – jedoch nur für all jene Kinder, die das Jahr über brav waren. Der Jüngste der Familie darf sie verteilen. Die Pfarrer freuen sich, sehen sie doch zu Weihnachten viele unbekannte Gesichter unter den Besuchern ihrer Gottesdienste. Der 25. ist ein ruhiger Tag, am Stephanstag hingegen gibt’s allerorts Parties und verkleidete Kinder, die nach Süssigkeiten verlangen.
In Tschechien bringt das Jesuskind (“Ježíšek”) die Geschenke, die nach dem Weihnachtsessen am Heiligabend ausgepackt werden. Tagsüber darf nichts gegessen werden, damit die Kinder ein goldenes Ferkelchen (“Zlaté prasátko”) sehen können, sagen zumindest die Eltern. Ein mehr als interessanter Brauch wird ausserdem gefeiert: Mädchen werfen Schuhe über ihre Schultern. Zeigt die Schuhspitze zur Tür, steht eine baldige Heirat bevor. Geht der Fussboden dabei zu Bruch, war es wohl ein Schischuh!!!
Im eisigen Russland bringt Väterchen Frost mit seiner Enkelin Snegurotschka den Kindern die Geschenke. Dabei fährt er in einem von drei Pferden gezogenen Schlitten. Die Russen feiern Weihnachten allerdings entsprechend des Julianischen Kalenders erst am 07. Januar. Nachdem die Kommunisten jahrzehntelang den Weihnachtsbrauch unterdrückten, steht auch im Osten das “Heilige Mahl” am Heiligabend im Zentrum. Es besteht aus 12 Gerichten – das entspricht der Anzahl der 12 Apostel. Zar Peter der Grosse übrigens brachte von einer seiner Reisen auch den Weihnachtsbaum nach Russland mit.
Jenseits des grossen Teiches sind die Traditionen etwas anders. So erhalten etwa die Kinder in Argentinien ihre Geschenke erst durch die Heiligen Drei Könige am 08. Januar. Zu diesem Zweck lassen sie ihre Schuhe unter dem Bett stehen, die dann mit Süssigkeiten gefüllt werden. In allen anderen südamerikanischen Ländern hingegen werden die Geschenke tatsächlich zum christlichen Weihnachtsfest vom Papai Noel (Brasilien), dem Viejo Pasquero (einem alten chilenischen Hirten) oder dem Niño Dios (dem kolumbischen Jesuskind) gebracht. Ansonsten ähneln die Bräuche den europäischen. In El Salvador gibt’s ein Riesen-Feuerwerk, in Guatemala wird mit der ganzen Familie um einen Hut (“Purtina”) getanzt, in Mexiko finden Prozessionen statt.
In Indien ist der “bada din” (“Der Grosse Tag”) ein offizieller Feiertag. Weihnachten auf indisch heisst “Santa Claus” – das Fest ist mit jenem in den USA zu vergleichen. Grossartig ist, dass sich auch Hindus an den christlichen Gepflogenheiten wie Krippenspielen etc. beteiligen. Die Weihnachtsfeiern gehen schliesslich nahtlos in die Neujahrsfeiern über.
Auf dem afrikanischen Kontinent wird Weihnachten grossteils nicht gefeiert. Nur dort, wo Christen leben, erinnern sich die Menschen an die Geburt Jesu. In Ägypten etwa, bei den koptischen Christen, wird am 7. Januar nach der Mitternachtsmesse ein grosses Essen veranstaltet. Gereicht wird Fisch (“Bouri”), ein Gebäck (“Zalabya”) und mit Kreuzen versehene Kekse (“Kahk”). Mit dem 08. Januar beginnt dann eine Fastenzeit, die über vierzehn Tage andauert. Der 07. Januar ist in Ägypten (noch) ein gesetzlicher Feiertag.
In Australien und Neuseeland ähneln sich die Feierlichkeiten jenen aus Grossbritannien bzw. den USA. Zusätzlich finden in allen Städten grosse Paraden statt. Der Schlitten des Weihnachtsmannes wird von weissen Känguruhs gezogen, das Weihnachtsessen findet in Form von Barbecues oder Picknicks am Strand statt, während Santa Claus auf dem Surfbrett sein Können demonstriert. Auf den Tellern finden sich Truthahn und Plumpudding. Seit 1938 kommen zu Heiligabend auch Menschen zusammen, die gemeinsam zum Kerzenlicht Weihnachtslieder singen (“Carols by Candlelight”).
Sie sehen also, werte Leser, gefeiert wird überall. Zumeist auch im Kern gleich. Doch denke ich, dass es schade um das Fest selbst ist, wenn dies immer mehr kommerzialisiert wird. Wochenlang auf der Suche nach dem richtigen Geschenk, Stress mit dem Backwerk und Streiterei mit der Verwandten. Würde so manche Familie aus den unterschiedlichen Traditionen und alten Brauchtümern Anleihen für Weihnachten ziehen, käme auch unsereins wieder davon ab, nach der Bescherung die Joysticks der Playstation nicht mehr aus der Hand zu geben, abwesend in das Galaxy einzutippen oder mit dem neuen I-Pad die ohnedies schon bekannte Welt des WWWs stundenlang zu bereisen!

Mit diesen Worten möchte ich Ihnen allen ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein gesundes Jahr 2019 wünschen! Vielen Dank für Ihre Treue! Den nächsten Blog gibt’s am 04. Januar 2019!

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Stasi 2.0 – Wie gläsern sind Sie???

Als ich dieser Tage die Meldung gelesen habe, konnte ich sie zuerst gar nicht glauben: Bei einem Konzert in China wurde mittels Gesichtser-kennung unter 50.000 Besuchern ein Mann ausfindig gemacht und festgenommen. Er hatte seine Steuern nicht bezahlt! Nach einem leicht ungläubigen Lächeln stellte sich mir die Frage: Durch welche Datenauto-bahnen wandert eigentlich mein Gesicht tagtäglich? Nicht in den Social Medias – da habe ich vorsorglich niemals aktuelle Fotos verwendet. Nein – aufgrund der unzähligen Kameras, die uns im öffentlichen Raum teils komplett legal, teils jedoch auch illegal begleiten. Jeder ist betroffen, egal ob reich oder arm, dick oder dünn! Genehmigt wird dies u.a. durch die sicherheitspolizeilichen Sondergesetze der Regierungen. Offizielle Begründung: Die Bevölkerung müsse gegen schwere Verbrechen und Terrorismus geschützt werden. Ist auch durchaus lobens- und erstrebenswert. Doch werden inzwischen nahezu alle überwacht – es gilt also eine Generalschuld der Bürger!
Über die Bespitzelungen der NSA, des BND und anderer Geheimdienste im Internet habe ich an dieser Stelle bereits berichtet. Deshalb möchte ich mich in diesem heutigen Blog auf eine andere Massnahme konzentrieren: Den Lauschangriff über unsere Handies! Und der läuft schon seit geraumer Zeit, obwohl etwa in Österreich das Gesetz für den Bundes-trojaner (“Govware” oder auch “Remote Forensic Software”) erst im April den Nationalrat passierte. Heimlich, still und leise. So verfügt etwa der deutsche Zollfahndungsdienst über eine entsprechende Ermächtigung. Viele Nachrichtendienste benötigen diese nicht einmal, wenn es um die Vermeidung von Terrorakten geht. Seit 2009 werden solche Bundes-trojaner lt. Aussage des ehemaligen Bundestagsabgeordneten (bis 2017) Hans-Peter Uhl (CSU) pro Jahr rund 35mal eingesetzt. Damit widerspricht er allerdings dem damaligen parlamentarischen Staatssekretär im Innenministerium und heutigen Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der betonte, dass Online-Untersuchungen nach einer geheimen Dienstanweisung bereits seit 2005 durchgeführt werden – das Kontrollgremium des Bundestages wurde jedoch erst später informiert!
Im deutschen Grundgesetz heisst es in Art. 2 Abs. 1:

“Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.”

Der gesetzliche Kollege hierzu in Österreich entstammt dem § 1328a 1b Abs. 1 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches:

“Wer rechtswidrig und schuldhaft in die Privatsphäre eines Menschen eingreift oder Umstände aus der Privatsphäre eines Menschen offenbart oder verwertet, hat ihm den dadurch entstandenen Schaden zu ersetzen. Bei erheblichen Verletzungen der Privatsphäre, etwa wenn Umstände daraus in einer Weise verwertet werden, die geeignet ist, den Menschen in der Öffentlichkeit bloßzustellen, umfasst der Ersatzanspruch auch eine Entschädigung für die erlittene persönliche Beeinträchtigung.”

Und schliesslich – der Vollständigkeit halber – auch der Art. 13 Abs. 1 und Abs. 2 aus der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossen-schaft:

“Jede Person hat Anspruch auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung sowie ihres Brief-, Post- und Fernmeldeverkehrs.
Jede Person hat Anspruch auf Schutz vor Missbrauch ihrer persönlichen Daten.”

Es handelt sich hierbei also um die Wahrung der Persönlichkeitsrechte bzw. des Rechtes auf eine Privatsphäre. Ich würde mal behaupten, dass 99,999 % der mobilen Gespräche oder WhatsApp-Postings nichts mit Kriminalität zu tun haben. Dennoch arbeiten nach den Geheimdiensten nun auch die Cyber-Abteilungen der Polizei an Bundes- bzw. Staatstrojaner. Dabei wird eine Schwachstelle der Smartphones- oder Android-Betriebssysteme ausgenutzt, um diese Spionage-Software auf dem Gerät zu installieren. Freilich sollten die Hersteller vorläufig davon nicht informiert werden, da sie ansonsten diese Hintertüre schliessen. Später werden sie dann sicherlich mittels Gesetz dazu verpflichtet, den Trojaner möglicherweise schon installiert mit dem neuen Gerät auszuliefern. Bis es jedoch soweit ist, muss der Staat am Schwarzmarkt die notwendige Software und das Wissen dazu erwerben, um Schwächen der Betriebssystem ausfindig zu machen. Steuergelder werden also genutzt, um Gesetzeswidrigkeiten zu unterstützen.
Wer nun jedoch denken sollte: Sollen sie ruhig – meine Gespräche oder WhatsApp-Nachrichten sind nicht geheim, dem möchte ich mit auf den Weg geben, dass dieser Trojaner auch die Kontakte und SMSen weiterleitet, sprich die kompletten Inhalte auf dem kleinen Rechner zur Verfügung stellt. Und ein Gläschen Sekt wird immer dann getrunken, wenn eine Synchronisation mit der heimischen Cloud bzw. dem Rechner erfolgt.
Als das Sicherheitspaket am 20. April 2018 im österreichischen Nationalrat beschlossen wurde (in Deutschland bereits im Sommer 2017), sprach die Opposition ganz offen von einem “unverhältnismäßigen Eingriff in die Grund- und Freiheitsrechte”. Hierfür waren bislang ebenso wie für das Abhören von Telefongesprächen richterliche Verfügungen erforderlich. Jetzt reicht “das Vorliegen eines konkreten Verdachts” zu Verbrechen mit einer Strafobergrenze von mehr als zehn Jahren, terroristische Straftaten oder Straftaten gegen Leib und Leben (Quelle: Parlamentskonferenz). Dasselbe Sicherheitspolizeigesetz regelt auch die Herausgabe von Videomaterials der Überwachungskameras und etwa der Section-Control der Autobahngesellschaft ASFINAG zum Zwecke der Kennzeichenverwertung. Ab Januar 2019 muss sich zudem der Käufer eines Wertkarten-Handys ausweisen und Namen und Anschrift bekannt geben. Der österreichische Innenminiszer Herbert Kickl rechtfertigte dies damit, dass es nicht um den “Hendldieb” sondern um internationale Kriminalität und Terrorismus gehe. Deshalb werde auch nicht die Masse sondern der Einzelfall kontrolliert! Wer’s glaubt, wird wohl selig!
Offenbar ist der Regierung des Alpenstaates nicht bekannt oder bewusst, dass diese Massnahmen schon seit geraumer Zeit im Einsatz sind. Schliesslich beinhaltet eine nachrichtendienstliche Überwachung wesentlich intensivere Eingriffe in die Privat- und Intimsphäre des Betroffenen. Seit den Anschlägen von 9/11 bzw. spätestens den islamistischen Terrorakten in Europa ist dies jederzeit bei jedermann möglich – obgleich selbstverständlich nicht offiziell.

“Wer nichts Böses im Schilde führt, braucht sich auch nicht zu fürchten!”
(Nikolaus Prinz, ÖVP)

Philipp Schrangl von der FPÖ spricht gar von einer “Firewall zum Schutz der österreichischen Bevölkerung”! Meines Erachtens ein Definitions-problem des Herrn Abgeordneten. Schliesslich sind Firewalls da, um die User gegen unberechtigte Zugriffe zu schützen. Dies ist auch der Staat angehalten zu tun – nicht im Gegensatz dazu, derartige Schwachstellen zu nutzen, wie es Kriminelle machen!
Manager des Bayer-Konzerns in Deutschland müssen vor jedem Meeting das Handy in eine Blechdose geben. Durch diesen Faradayschen Käfig ist das Abhören in Realzeit ausgeschlossen. Tatsächlich können Handies ganz simpel manipuliert werden, sodass sie wie ein Mikrophon die Funktion einer Abhör-Wanze erfüllen. Obgleich gar kein Gespräch stattfindet. Ob dies der Bundestrojaner ebenfalls bewerkstelligt, wurde bislang noch nicht bekanntgegeben, ist jedoch anzunehmen. Mit diesem Gesetzesbeschluss übrigens ist Österreich seiner Zeit wieder voraus. Die Justizminister der EU sprachen sich erst Anfang Dezember für derartige Massnahmen aus! Dementsprechend müssen Anbieter innerhalb von 10 Tagen auch auf Auskunftsanträge aus dem EU-Ausland antworten (“E-Evidence”). Kaum vorzustellen, was geschehen würde, wenn die Türkei EU-Mitglied wäre: Die dortige Regierung würde wohl alle Telefon- und Internetanbieter mit offiziellen Anfragen überschütten. In Notfällen, wie Kindesentführungen und Terrorermittlungen besteht dann sogar innerhalb von sechs Stunden Auskunftspflicht. Deutschland sprach sich übrigens im EU-Ministerrat dagegen aus, da hierdurch die Möglichkeit bestünde, dass – ohne Genehmigung deutscher Behörden – Ermittler aus Ländern wie Polen oder Ungarn, also aus Staaten, die eine andere Auffassung von Grund- und Menschenrechten verfolgen, auf die Privatsphäre deutscher Bürger zugreifen können.

“Wir wissen, die rechtsstaatlichen Prinzipien werden in der Europäischen Union nicht überall gleichermaßen gewahrt. … Wir halten deswegen das Vier-Augen-Prinzip für wichtig.”
(Justizministerin Katarina Barley SPD)

Übrigens war Österreich auch damals mit der Vorratsdatenspeicherung übergebührlich rasch unterwegs. Sie wurde um Alpenstaat bereits praktiziert, als die Einführung beim Nachbarn in Deutschland scheiterte! Die Datenschützer und Verfassungsrechtler hatten dem einen Riegel vorgeschoben. Inzwischen reagieren auch die grossen Technologie-Konzerne. Facebook etwa bietet einen Alarm an, sobald das Profilbild irgendwo im Netz erscheint, Apple entsperrt Handys mit der “Face-ID” und Brad Smith von Microsoft fordert Gesetze, die Staaten bei ihrer Sucht nach grenzenloser Überwachung eindämmen sollen.
Weshalb sind nun die Sicherheitsbehörden dermassen scharf auf WhatsApp, Skype und Apple i-Message? Diese Anbieter verschlüsseln ihre Dienste vom Absender zum Empfänger. Nicht einmal der Anbieter selbst hat Zugriff auf die Daten – es können somit nur Kommunikations-protokolle erstellt werden, wann wer mit wem in Kontakt stand – nicht jedoch über den Inhalt. Das entsprach auch den Bestimmungen der Vorratsdatenspeicherung. In den USA versucht das FBI schon seit Jahren, das System offiziell und inoffiziell zu knacken – bislang ohne Erfolg. Sollte der Anbieter nun zur entschlüsselten Vorratsdatenspeicherung gezwungen werden, so werden alle Nachrichten einsehbar – nicht nur die angeforderten. Einem Missbrauch wären alsdann Tür und Tor geöffnet! So gab der Chaos Computer Club bereits am 8. Oktober 2011 bekannt, dass ihm ein solcher “Staatstrojaner” zugespielt wurde. Er veröffentlichte daraufhin die Binärdateien mitsamt der technischen Bewertung unter dem Titel “0zapftis”. Der Trojaner beinhaltete beispielsweise die beiden Dateien “mfc42ul.dll” und “winsys32.sys”. Mit ihrer Hilfe wurden Verbindungen zu den IP-Adressen eines deutschen Command-and-Control-Servers in Hessen und eines solchen in Ohio aufgebaut. Die Hersteller von Antiviren-Software reagierten rasch – sie blockierten den Trojaner durch ein entsprechendes Update. Zwei Tage nach der Veröffentlichung des CCCs musste der bayerische Innenminister Joachim Herrmann eingestehen, dass dieser Trojaner aus einer Ermittlung aus dem Jahre 2009 stammte. Nach dem Urteilsspruch des Landgerichtes Landshut war dessen Einsatz rechtswidrig. Aus diesem Grunde wehren sich Facebook (WhatsApp), Microsoft (Skype) und Apple mit Händen und Füssen gegen derartige behördliche Auflagen. Nachdem alle drei Konzerne in den USA ansässig sind, wird die weitere Vorgehensweise sehr spannend werden. Letzte Konsequenz wäre dann wohl das Blockieren der Dienste in der EU, was jedoch nicht wirklich für eine demokratische und rechtsstaatliche Massnahme sprechen würde.

https://www.youtube.com/watch?v=aTou4dbSbi0

Wird nun die Information durch eine Spionagesoftware abgegriffen, bevor sie kryptographisch ver- oder nachdem sie entschlüsselt wurde, so kann dies das komplette IT-Sicherheits-Kartenhaus zum Einsturz bringen. Das würde dann nicht nur Hern Müller oder Frau Maier sondern KMUs, globale Konzerne und auch die Behörden selbst betreffen. Es wird also die über Jahrzehnte hinweg mühsam aufgebaute Sicherheit aller gefährden. So legte beispielsweise die Schadsoftware WannaCry in Grossbritannien ganze Krankenhäuser lahm, die vor wichtigen Operationen die Patienten-akten nicht mehr einsehen konnten. Probleme hatten damit auch die Deutsche Bahn und ein spanischer Telekommunikationsanbieter. In Österreich ist dies nun – gegen die Warnungen von IT-Experten und Datenschützern – ab dem 20. April 2020 ganz offiziell möglich. Eine Expertenkommission unter Leitung des Verfassungsjuristen Prof. Bernd-Christian Funk gelangte bereits 2008 zu der Erkenntnis, dass unter gewissen Umständen eine Online-Überwachung rechtlich gesehen machbar ist – eine Online-Durchsuchung (“Quellen-Telekommuni-kationsüberwachung”) der Geräte durch einen Trojaner jedoch ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen darstellt (etwa auch des Wohnungsgrundrechtes) und somit illegal ist. Dadurch gewonnene Beweise können alsdann vor Gericht gar nicht eingesetzt werden, da sie – ebenso wie bei einer illegalen Hausdurchsuchung – manipuliert worden sein könnten. Hier müsste dann der Staat beweisen, dass dies nicht geschehen ist! In Deutschland urteilte noch am 27. Februar 2008 das Bundesverfassungsgericht nach einem Fall in Nordrhein-Westfalen, dass eine Online-Durchsuchung verfassungswidrig ist. Nur unter strengen Auflagen dürfe eine solche genehmigt werden. Inzwischen wurde jedoch auch in Deutschland das Gesetz geändert. So besagt § 100 Abs. 1 der StPO:

“Auch ohne Wissen des Betroffenen darf mit technischen Mitteln in ein von dem Betroffenen genutztes informationstechnisches System eingegriffen und dürfen Daten daraus erhoben werden (Online-Durchsuchung)…!”

Allerdings nur, sofern gewisse Voraussetzungen wie Hochverrat, organisierte Kriminalität, Geld- und Wertzeichenfälschung etc. vorliegen. Nachdem das Grundgesetz eigentlich höherwertig ist, wird es durch ein niederrangiges Gesetz eingeschränkt! Die Verfassungsrichter in Karlsruhe sahen übrigens nur Probleme beim Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme. Deshalb ermöglichte der Bundestag durch eine Gesetzes-Rochade auch den präventiven Einsatz in der täglichen Strafverfolgung. Nun müssen sich die Hüter des Grundgesetzes mit mehreren Verfassungsbeschwerden beschäftigen. U.a. auch von hochrangigen Strafverteidigern, die um ihre berufliche Vertrauensgewährleistung fürchten. Zudem vertritt der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofes (BGH) die Meinung, dass die “repressive Online-Durchsuchung” (die Durchsuchung zum Zwecke der Strafverfolgung) nach Bundesrecht nicht zulässig ist (“schwerwiegender Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung”). Dies betrifft die Strafverfolgung – nicht die nachrichtendienstlichen Gefahrenabwehr durch Verfassungsschutz, BND oder MAD. Alleine der BND soll mittels Generalvollmacht bis März 2009 eine derartige Online-Durchsuchung bzw. Keylogging in 2.500 Fällen durchgeführt haben. Auch durch die Länder wurden hochdotierte Aufträge an das hessische Unternehmen “DigiTask GmbH – Gesellschaft für besondere Telekommunikations-systeme” vergeben, die vermuten lassen, dass derartige Software bereits seit Jahren genutzt wird. In Hessen wurden zudem 2009 nicht weniger als 1.000 Posten in der Polizei und Justiz zur Telekommunikations-überwachung ausgeschrieben. Rheinland-Pfalz hat 2011 den § 31c des Polizei- und Ordnungsbehördengesetzes (POG) eingeführt, der eine “Datenerfassung durch den Einsatz technischer Mittel” ermöglicht. Im deutschen Bundeskriminalamt ist übrigens die Gruppe “Remote Forensic Software User Group” für derartige Überwachungsmassnahmen zuständig. Dennoch ist in Deutschland die Sache rechtlich noch nicht vom Tisch – Nachbar Österreich hingegen hat diesen Tisch inzwischen bereits wieder abgeräumt!

https://www.youtube.com/watch?v=GOnGZgT2pxg&ytbChannel=null

Der Chaos Computer Club spricht in diesem Zusammenhang von einer de facto-Geheimpolizei, Datenschützer kritisieren, dass sich jene Zielgruppen, auf die diese Massnahmen eigentlich abzielen sollten, dagegen schützen können!
Könnte also durchaus interessant werden, wenn die Yellowpress vom Tête-à-Tête eines hochrangigen Regierungsmitgliedes erfährt, der hierfür ein Hotelzimmer angemietet hat. Oder wenn künftig in den Wahlkämpfen die Steuerakten der Kontrahenten auftauchen. Oder die Gesprächsinhalte, die sie mit ihren Wahlkampfmanagern führten! Im Februar 2012 wurde bekannt, dass das BKA Mitschnitte von Telefonsex-Telefonaten abspeichert! Terrorverhütung???

PS:
In der chinesischen Stadt Ningbo wurde erst kürzlich eine Frau durch die Gesichtserkennung mit einem Bus verwechselt! Kein Scherz! Ein Bus überquerte vorschriftsmässig eine Kreuzung. Auf dem Bus war ein Werbebanner eines Klimaanlagen-Unternehmens mit dem Bildnis der CEO angebracht. Das wurde durch die Kameras erfasst, die Fussgänger, die bei Rot über die Kreuzung gehen, aufnehmen und auf grosse Bildschirme bannen. Schlecht gelaufen!

Lesetipps:

.) Online-Durchsuchung im Lichte des Verfassungsrechts; Anne Gudermann; Verlag Dr. Kovac 2010
.) Online-Durchsuchungen – Rechtliche und tatsächliche Konsequenzen des BVerfG-Urteils vom 27. Februar 2008; Hrsg.: Fredrik Roggan; Berliner Wissenschaftsverlag 2008
.) Die Online-Durchsuchung. Rechtliche Grundlagen, Technik, Medienecho; Burkhard und Claudia Schröder; dpunkt Verlag 2008
.) Linguistik rechtlicher Normgenese. Theorie der Rechtsnormdiskursivität am Beispiel der Online-Durchsuchung; Friedemann Vogel; Walter de Gruyter 2012
.) Online-Durchsuchungen im Strafverfahren; André Weiß; Diss. Univ. Greifswald 2009
.) Der Zugriff auf E-Mails im strafrechtlichen Ermittlungsverfahren; Florian Meininghaus; Diss. Univ. Passau 2007

Links:

- www.bundesverfassungsgericht.de
- www.bundesgerichtshof.de
- www.bundestag.de
- www.parlament.gv.at
- www.justiz.gv.at
- www.bmjv.de
- www.bundeskriminalamt.at
- www.bka.de
- www.drb.de
- www.humboldt-forum-recht.de
- www.fbi.gov
- www.ccc.de
- www.forumkritjus.at

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Zu viel des Guten – Touristen bleibt zuhause

Wenn in diesen Tagen wieder die Luft nach Lebkuchen und Glühwein, Brotwoascht und Sauerkraut duftet, der Passant allerorts mit kitschiger Weihnachtsmusik beschallt wird – dann, ja dann ist es wieder so weit: Christkindles-Markt in Nürnberg! Während Millionen von Touristen mit Bussen herangekarrt und durch die Strassen geschoben werden, ist die Nürnberger Innenstadt für Einheimische jedes Jahr mit dem ersten Dezemberwochenende Sperrzone. Rund 2,1 Mio Besucher wurden 2017 gezählt bzw. geschätzt – in etwas mehr als drei Wochen. 32.000 Deutschland-Touristen aus 60 Ländern wählten den Christkindlesmarkt 2017 auf Platz 63 der Top-Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Gleich nach der Hamburger Hafencity und dem Fischmarkt, noch vor dem UNESCO-Welterbe Stiftskirche, Schloss und Altstadt von Quedlinburg. Platz 1 ging übrigens an das Miniatur-Wunderland Hamburg. Während man solche Zahlen in Franken gewohnt ist, melden sich die ersten kritischen Stimmen aus der Mozartstadt Salzburg: “Salzburg darf kein zweites Hallstatt werden!”. Auf Mallorca haben im vergangenen Sommer die einheimischen Inselbewohner demonstriert: “Tourist go home!” Der letzte Hilferuf kommt aus Berlin: “Es reicht!”
In der Branche selbst spricht man von “Overtourism” – Übertourismus. Ein sehr ernsthaftes Thema offenbar, wenn sich der diesjährige ITB-Kongress, der weltweit führende Fachkongress der Touristik-Branche, mit Schwerpunktveranstaltungen dieses Themas angenommen hat und im kommenden Jahr speziell auf Overtourism-Konflikte eingehen wird. Wieviele Touristen sind ok – wann ist es genug?! Hinzu kommt zum Massentourismus immer wieder auch der Diskont- und der Tages-Tourismus. Beides bringt den Destinationen meist wenig bis überhaupt nichts. Zurück aber bleibt ein riesiger Haufen Müll, physisch und psychisch!

“Das Problem ist, dass diese Touristen denken, dass dies eine Form von Disneyland sei. Sie sollten aber nicht vergessen, dass dies eine lebende Stadt ist.”

(Stimmen der Touristen-Widerstandgruppen Venedigs)

Venedig sehen und sterben! Die Lagunenstadt war einst eine Oase der Schönheit. Anziehungspunkt nicht nur der Frischverliebten sondern auch anderer Freunde des Wundervollen. Was blieb davon übrig? Kanäle, die nach Exkrementen stinken, horrende Preise für Essen und Getränke und Einwohner, die möglichst rasch und möglichst weit wegziehen möchten. 60.000 Touristen kommen täglich (rund 22 Mio im Jahr) auf 55.000 Einheimische, die Stadt wird regelrecht überlaufen. Die Hälfte davon sind Landgänger der Kreuzfahrtschiffe. Und alle fahren sie nach der Stadtbesichtigung wieder weg – die wenigsten bleiben zum Mittagessen, nur ganz wenige über Nacht, denn dafür ist ein prall gefüllter Geldbeutel vonnöten. Am ersten Mai-Wochenende dieses Jahres trat in der Lagunenstadt ein Notfallplan in Kraft. Verschiedene Kanäle durften von Nicht-Einheimischen nicht benutzt werden – die Ströme sollten dadurch im wahrsten Sinne des Wortes kanalisiert werden!

https://www.youtube.com/watch?v=Xkm4IC_AZR4

Die Marktgemeinde Hallstatt im Salzkammergut ist UNESCO-Weltkulturerbe. Sehr idyllisch am Hallstätter See gelegen, der Dachstein in greifbarer Nähe, das Salzbergwerk als besondere Attraktion – keine Frage: Bei der Erschaffung dieses Fleckchens Erde hat es der liebe Gott wirklich gut gemeint. Wenn da nicht die vielen Menschen wären. Rund eine Million Besucher zählt der Ort jedes Jahr (bei nur 778 Einwohnern – Stand 01.01.2018). Schon 2016 wurde über eine Besucher-Höchstgrenze diskutiert, schliesslich haben zu Stosszeiten nicht mal mehr die Busse genügend Platz. Auch hier sind es grossteils Tagesgäste, die nach kurzem Aufenthalt wieder durch ihre Reiseführer eingesammelt werden. Der dortige Tourismus allerdings wirbt auch in dieser Zielgruppe. Einem chinesischen Architekten gefiel der Ort dermaßen gut, sodaß er ihn nachbauen ließ. Innerhalb nur eines Jahres wurde Boluo aus dem Boden gestampft – allerdings seitenverkehrt, da Hallstatt ein eingetragenes Markenzeichen ist.

https://www.youtube.com/watch?v=UfQ7C_cI6Mk

In Berlin sind die Zeichen etwas anders gelagert: Hier sind es weniger die Tages- als vielmehr die Geiztouristen. Die Airline Easy-Jet hat die Landerechte der konkurs gegangenen Air Berlin übernommen. Aus allen Himmelsrichtungen landen die Maschinen in Tegel oder Schönefeld – bereits ab 30,- € ist man dabei. Wer will, kann auch gleich ein Pauschalangebot online buchen. Doch nicht alle wollen in ein Hotel – viele wählen auch das Massenquartier im Hostel ab 8,50 €- die drei grössten davon haben jeweils über 1.500 Betten. Diese Klientel ist es auch, die das Getränk und das Essen bei einem Diskonter einkaufen und auf der Straße konsumieren. 2017 kamen nicht weniger als rund 13 Millionen Menschen nach Berlin (+1,8 %) – allerdings sorgten diese für “nur” 31,15 Mio Übernachtungen (+0,3 %). Viele davon sind Clubgeher, die die florierende Lokalszene der deutschen Bundeshauptstadt unsicher machen und sich auf den Dancefloors verausgeben. Damit ist nun für viele Berliner der Grenze des Mach- und Duldbaren überschritten. Die Experten sprechen bereits von einer “Übernutzung mancher Stadtteile”, eine Situation, die durchaus Stoff für Konflikte geben kann. Der ehemalige Oberbürger-meister Klaus Wowereit gab zu seinen Amtszeiten noch die Maxime aus: “Je mehr Touristen, umso besser”! Um in der Sprache eines grossen deutschen Denkers zu bleiben: Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los! Nach Meinung von visit Berlin freilich ist das Problem in anderen Bereichen zu suchen: Etwa der Stadtentwicklung. Auch sei der Billigtourismus nicht verantwortlich – schliesslich gibt es in Berlin 27 Fünf-Sterne-Paläste; der Durchschnittstourist lässt pro Tag rund 200 € zurück! 11 Milliarden sind es jährlich! Im Falle der untervermieteten Privatwohnungen (Airbnb) greift seit geraumer Zeit die Steuerbehörde streng durch. Zudem wurde ein Zweckentfremdungsverbot von Wohn-raum durch die Stadtregierung erlassen.

https://www.youtube.com/watch?v=ktb76lnqIro

Der Ballermann hat Millionen von Party- und Saufgästen auf die Insel Mallorca gezogen. Mit Billig-Airlines ist es heute sogar möglich, in den frühen Morgenstunden zu fliegen, den Tag dort zu verbringen und gegen Abend wieder zurückzukehren – in welchem Zustand auch immer. Logischerweise gibt es zwischen der Bevölkerung und den Betrunkenen eine Unzahl von Konflikten. Doch auch die Kreuzfahrtschiffe werfen Probleme auf. An manchen Tagen legen bis zu sieben dieser Meeres-kolosse an – pro Liner rund 2.000 Menschen auf Landgang. Der Zuwachs von 2016 auf 2017 lag bei 10 %! Palma de Mallorca ist damit schlichtweg überfordert. Zu den anderen Erscheinungsweisen des Massentourismuses kommt hier noch ein massives Trinkwasserproblem hinzu. Und nach wie vor gehen die Immobilien und Fincas zu Höchstpreisen wie im Schluss-verkauf an die Reichen und Schönen aus dem Ausland.

https://www.youtube.com/watch?v=9p2VKS4Hmf4

Bleiben wir noch etwas in Spanien: In Barcelona hat Oberbürgermeisterin Ada Colau inzwischen selbst das Motto ausgegeben: “Die Stadt den Bürgern zurückgeben!” Jeden Sommer gehen Einheimische auf die Strasse, um gegen die Touristenmassen zu demonstrieren. Bei einer dieser Aktionen wurde im vergangenen Jahr von vier vermummten Personen ein Reisebus gestoppt, die Reifen zerstochen und auf die Fenster “Der Tourismus tötet die Stadviertel!” gesprüht. In der Hauptstadt Kataloniens stiegen die Mieten in’s Unermessliche, der Verkehr kommt nahezu stündlich zum Erliegen, durch die Fussgängerzonen wird man geschoben. In Barcelona leben 1,61 Millionen Menschen – 2016 kamen 7,48 Millionen Gäste in die Stadt. Im vergangenen Jahr wirkte sich das Unabhängigkeitsreferendum zumindest etwas dämpfend auf die Zahlen aus. Die Oberbürgermeisterin verhängte inzwischen einen Planungsstop für neue Hotelanlagen. Ausserdem wurden die Taxen verfünffacht – ein Teil davon fliesst unmittelbar in die Infrastruktur zurück und kommt somit auch der heimischen Bevölkerung zugute. Ähnliches praktiziert Paris bei den Tickets für den Eiffelturm, die um 50 % angehoben wurden. Damit kann die Sanierung des bekanntesten Turms der Welt in der Höhe von 300 Mio € finanziert werden.

https://www.youtube.com/watch?v=bdfaGDnYTDo

In der Stadt der Grachten, der Holzschuhe und der Coffee-Shops, Amsterdam; gilt es, mit demselben Problem wie in Berlin auszukommen: Hier sind es die Party-Touristen, die für viele Konflikte sorgen. 18 Millionen Menschen besuchen jedes Jahr die Stadt. Zu viele, wie auch der Stadtrat bereits erkannte. Deshalb wurde das Lärm- und Müllproblem während des Wahlkampfes im März 2018 thematisiert. Jetzt gilt es, die versprochenen Massnahmen auch umzusetzen. So wurde etwa die Hafenerweiterung vorerst verschoben.

https://www.youtube.com/watch?v=oORO_5FaxPA

Ein weiterer Hotspot an der Adria (neben Venedig) ist Dubrovnik. 42.000 Einwohnern stehen in den Sommermonaten rund 800.000 Touristen gegenüber. Verantwortlich dafür ist die Serie “Games of Throne”, in welcher die kroatische Hafenstadt als Drehort und Heimat der beiden Adelsgeschlechter Lannister und Baratheon gecastet wurde. Seither reisst der Gästestom nicht mehr ab. Hier zeigen sich wohl die Tourismus-Probleme am ehesten: 107 Souvenirläden, 143 Restaurants und Lokale – jedoch nur vier Lebensmittelgeschäfte. Auch an der kroatischen Adria haben die Einwohner inzwischen die Schnauze voll und protestieren. Die UNESCO hat bereits ermahnt: Wird der Gästestrom nicht auf max. 8000 Besucher pro Tag beschränkt, so wird die ebenfalls als Weltkulturerbe ausgezeichnete Altstadt dieses Privileg verlieren. Die Stadtväter reglementieren inzwischen die Zugangszahlen durch Datatracking und Kameras.

https://www.youtube.com/watch?v=kWNxNnON-L4

Zurück in heimische Gefilde: Es ist schon einige Zeit her, als ich mich für eine Stelle als Tourismus-Geschäftsführer für Ischgl beworben habe. Meine Vorstellungen fasste ich in einem Konzept zusammen, das ganzjährig auf sportlichen Wettkämpfen aufbaute. Die Verhandlungen waren sogar soweit im Gange, dass für meine damalige Freundin ebenfalls eine Beschäftigung vorort gesucht wurde. Schliesslich entschieden sich jedoch die Verantwortlichen für einen Mitbewerber aus der Snowboard-Szene. Er leistete durchaus gute Arbeit, doch melden sich seit geraumer Zeit auch hier kritische Stimmen – ähnlich wie auf Mallorca! Mit rund 1,5 Mio Übernachtungen in der Saison 2015/16 liegt die Gemeinde an vierter Stelle in Tirol, doch fielen nur etwa 128.000 auf den Sommertourismus (Platz 47)! In dem Ort leben jedoch nur 1.566 Einwohner (Stand: 31.10.2017 – Statistik Austria). Die “Top of the Mountain-Concerts” zu Saison-Beginn und -Ende sorgen für ständig steigende Beliebtheit! Täglich quält sich zudem im Winter eine lange Blechschlange durch das Paznauntal hinauf und am Nachmittag wieder herunter: Die Tagesgäste!
In der schottischen Metropole Edinburgh hingegen sind es vornehmlich die Festivals, die mehrmals im Jahr für einen Touristenansturm sorgen: Edinburgh International Festival, Edinburgh Festival Fringe, Edinburgh International Film Festival, Edinburgh International Book Festival, Edinburgh Jazz and Blues Festival, Edinburgh International Television Festival, Edinburgh Interactive Entertainment Festival, Edinburgh Mela, Edinburgh Science Festival, Hogmanay, Edinburgh Easter Festival, Children’s International Theatre Festival, Beltane und natürlich das Edinburgh Military Tattoo. Aber auch ansonsten gibt es viele Sehens-würdigkeiten. Der Royal Botanic Garden oder das Royal Observatory sind nur zwei davon, die Edinburgh zum “Athen des Nordens” machten. Die Alt- und Neustadt sind UNESCO-Weltkulturerbe. Hier wohnen rund 493.000 Einwohner. Über 30 Millionen Besucher wurden 2017 durch die etwas mehr als 200 schottischen Sehenswürdigkeiten gezählt, 2,1 Millionen davon im National Museum of Scotland, 2 Millionen in Edinburgh Castle, 1,6 Mio in der Scottish National Gallery – alle drei selbstverstädnlich in der schottischen Hauptstadt. Eine Touristensteuer von einem Pfund pro Nacht soll helfen, dass die dadurch stark in Mitleidenschaft gezogene Infrastruktur in Schuss gehalten werden kann.
Zurück bei all diesen Menschenmassen bleiben zumeist frustrierte Einwohner. Sie müssen damit leben, jeden Tag im Stau zu stehen, durch die Strassen geschoben zu werden, die riesigen Haufen Müll wegzu-räumen; vielen besitzen einen nach Urin stinkenden Vorgärten. Grosse Teile der Bevölkerung können sich die teils in’s Unverschämte steigenden Mieten nicht mehr leisten: Günstig einkaufen oder zu normalen Preisen abends weggehen ist nur in anderen Stadtteilen möglich. Die Abwanderung hat schon längst begonnen. Die Verbleibenden stemmen sich immer mehr gegen den Trend. Durchaus korrekt. In den bereits erwähnten Städten sind eingeworfene Fenster, demolierte Straßen-schilder etc. Tagesalltag.
Betrachten wir uns die beiden Nobel-Schiorte Lech-Zürs in der Arlbergregion etwas genauer. Beide sind im Winter zumeist von durchaus betuchten Touristen ausgebucht. Viele, die sich das zur kalten Jahreszeit nicht leisten können, schauen inzwischen im Sommer zumindest in Lech vorbei: Ein gut gelungener Coup des Tourismusvereins, die Betten auch in der heissen Jahreszeit zu belegen. Zürs hingegen ist ausgestorben! Einzig die Hausmeister und ab und an Handwerker, die nach Saisonsende nach dem rechten sehen. Eine Geisterstadt! In Österreich haben die Lifte-betreiber offenbar ohnedies freie Hand: In Vorarlberg wurde im Bregenzerwald durch den Zusammenschluss der Schigebiete von Mellau und Damüls eine riesige Schischaukel geschaffen. Nur knapp an Naturschutzbestimmungen scheiterten die Pläne für die Zusammen-legung des Stubaitales mit der Axamer Lizum in Tirol. Geplant sind dort weiters die Zusammenführungen von Hoch-Ötz und dem Kühtai, St. Anton und Kappl in der Arlberg-Silvrettaregion und schliesslich dem Pitz- mit dem Ötztal. Schi-Moloche mit Bettenburgen auf dem Rücken der anderen, kleineren Schigebiete und damit gegen die Verteilung der Urlauberströme. Die Regionen an den Zulaufstrecken stöhnen laut auf, im Winter wird die Überquerung der Dorfstrasse für viele lebensgefährlich. Damit müssen Umfahrungen geschaffen werden. Und da viele Investoren und Arbeitskräfte aus dem Ausland kommen, einheimische Unternehmen sich vielfach die Mieten für Gewerbeflächen nicht mehr leisten können, bleibt nicht mal mehr die Wertschöpfung im Lande.
Treten nun Konflikte zwischen den Bürgern und den vielen Touristen offen zu Tage, so spricht der Experte nicht mehr von “Übernützung”, sondern vielmehr vom “Overtourism”, der logischen Konsequenz des “Overcrowdings” an den Hot-Spots wie Museen, Märkten usw. Reisebusse belasten auf ihrem Weg zu den Sehenswürdigkeiten den ohnehin schon starken Grossstadtverkehr. Lärmende Betrunkene machen die Nacht zum Tag. In Ischgl wurde beispielsweise ab 20.00 Uhr ein Schischuhverbot erlassen. Dieses Overtourism-Problem wurde bereits in den 1980er-Jahren durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen erkannt. Schon damals sprach sich Mohamed A. Tangi für eine Reglementierung aus: Etwa 600 Gäste pro Hektar Strand! Getan hat sich aufgrund der Umsatzgier der Touristiker, Hoteliers und Gaststättenbetreiber nicht sehr viel. Auch hier müssen jedoch sehr viele aufgeben, da sie sich die Mieten und sonstigen Abgaben nicht mehr leisten können. Eine ausländische Kette übernimmt.
In einer Studie des McKinsey-Instituts (im Auftrag des World Travel & Tourism Councils) wurde 2017 in einer Bewertungsmatrix von 930.000 Besuchern pro Quadratkilometer und Jahr gesprochen. Die Grenze der Zumutbarkeit für Gäste und Einwohner. Ist es etwa für mich als Paris-Urlauber erstrebenswert, stundenlang warten zu müssen um für zwei Sekunden in die Augen der Mona Lisa im Louvre blicken zu können, beim Ötzi in Bozen vorbeigeschleust zu werden oder mit dem Wiener Riesenrad fahren zu können? Während ich das einmal im Jahr oder vielleicht gar in meinem kompletten Erdendasein mache, müssen die Anwohner tagtäglich damit leben. Die Stadt Florenz hatte diesbezüglich eine ausgezeichnete Idee: Online kann bei den Uffizien reserviert werden (“Zeitslot”). Mit der erhaltenen Bestätigung kann um diese Uhrzeit zum angeführten Tag die lange Warteschlange außer acht gelassen und das Objekt der Begierde (“POI”) direkt betreten werden. Venedig veröffentlicht seit kurzem Wartezeiten an diesen Points of Interest online und gibt Empfehlungen ab, wann diese besser besichtigt werden sollten (“Pushnotifications”).
Das gab’s doch in früheren Zeiten nicht! Stimmt – Experten machen folgende Faktoren dafür verantwortlich, die erst seit nicht mal 10 Jahren so richtig boomen:
- Billigfluglinien
- Kreuzfahrtschiffe
- Airbnb
Letzteres, also die Vermietung von Privatwohnraum an Touristen, kann sogar in vielen Städten auch für den Wohnraummangel verantwortlich sein: Während das Geschäft boomt, wird der tatsächlich erforderliche Wohnraum nicht mehr leistbar! Auf Island wird gar befürchtet, dass die Ressourcen des Fremdenverkehrs – Ruhe, Natur, Einsamkeit – zerstört werden, damit noch mehr als die bislang 2,5 Mio Gäste jährlich auf die Insel kommen. Auf Island leben übrigens 340.000 Einwohner. Deshalb sind künftig Massnahmen geplant.
Inzwischen gibt es gar Listen von Urlaubsorten, die nicht empfohlen werden, da sie überlaufen sind. Eine solche hat etwa der US-Fernseh-sender CNN oder der britische Verlag “Fodor’s” veröffentlicht. Einige Beispiele gefällig? Mount Everest, Taj Mahal, die Chinesische Mauer oder hier in Europa etwa die bereits erwähnten Städte Venedig, Barcelona und Dubrovnik bzw. Santorin in Griechenland. Das Problem mit Venedig scheint sich allerdings von selbst zu erledigen, da einerseits durch die Klimaerwärmung immer öfters mit Überflutungen gerechnet werden muss. Zudem verursachen die riesigen Kreuzfahrtschiffe unter Wasser starke Bewegungen, die auch das Fundament der Häuser bzw. die Säulen auf welchen sie wasserseitig stehen, extrem angreifen.
Die Welttourismusorganisation UNWTO formulierte zudem bei ihrem letzten Treffen im September des Jahres eine Liste von Massnahmen, die unbedingt gesetzt werden müssen. Dabei geht es um die bessere Aufteilung der Touristen – sowohl geographisch als auch zeitlich. Hierfür sollen beispielsweise eher unbekannte Routen mehr beworben werden. Auch an Regulierungen und Beschränkungen wird angedacht. Infra-strukturen müssen verbessert und die einheimische Bevölkerung mehr eingebunden werden. Nur einige wenige Faktoren – die Liste ist noch wesentlich länger. Ähnliches ist zudem von “Responsible Tourism”, einer Unterorganisation des International Centre for Responsible Tourism zu erfahren.
Im Rahmen des letzten ITB-Kongresses in Berlin wurde das Problem des Overtourism detailliert besprochen. Das Ergebnis: Eine Zauberformel gibt es nicht und wird es in der Zukunft nicht geben. Die Lösung muss vorort durch eine Analyse der regionalen Tourismuslandschaft gefunden werden. Dabei steht u.a. das Ressourcenmanagement an vorderer Stelle: Steigende Mietpreise, Wohnqualität, aber auch Wasserverbrauch und Müllproduktion sollten neben vielen anderen Faktoren in’s Auge gefasst werden. Daneben gilt es zu klären, ob das Zentrum durch die Bürger noch authentisch wahrgenommen und entsprechende Werte aufrecht-erhalten werden können. Zudem spielt die Natur eine ganz entscheidende Rolle, da viele Destinationen ihretwegen gebucht werden. Experten empfehlen deshalb eine Bewertung und grafische Aufarbeitung folgender Kriterien:
.) Die Wichtigkeit der Region im Tourismus
.) Wachstum
.) Touristendichte
.) Entfremdung der Gemeinde
.) Intensität des Tourismus
.) Negative Bewertungen aufgrund von schlechten Erfahrungen
.) Saisonabhängigkeit der Destination
.) Dichte der Attraktionen
.) Luft-/Umweltverschmutzung
.) Die Gefährdung des kulturellen Erbes
Die Folgen des Overtourism sind sehr rasch zu erkennen. So machte beispielsweise der Film “The Beach” mit Leonardo die Caprio die wundervolle Maya Beach Bay in Thailand weltbekannt. Inzwischen befindet sich das Kleinod auf der UNESCO Danger List und muss immer wieder gesperrt werden.
Im Jahr 2016 buchten 67 % der Gäste ihren Urlaub in nur 20 Ländern (Zahlen: ITB-Kongress). Für die ersten zehn platzierten Destinationen wird dies bis 2020 noch weiterhin ansteigen. Des Deutschen liebstes Urlaubsland, Österreich, lag übrigens mit 27 Mio Ankünften nur auf Platz 13. Ohne die Bevölkerung in weitere Planungen einzubeziehen, wird es den Tourismus in dieser Form vor allem an den Hotspots nicht mehr sehr lange geben. Oder wird es künftig einfach mehr Städte und Orte wie Zürs geben???

PS:
Sollte nun wieder die Frage aufgetaucht sein: “Und was kann ich dagegen tun?” Sehr viel – so manche Urlaubsregion ist es beispielsweise auch ausserhalb der Hauptsaison wert, besucht zu werden. Und: Kaufen Sie nicht den Plunder aus den Souvenirläden, der meist in Fernostasien hergestellt wurde. Suchen Sie sich Handarbeiten der dortigen Bevölkerung aus! Nur zwei Beispiele – derer gibt es noch wesentlich mehr!!!

Filmtipps:

- Overtourism: Status Quo, Maßnahmen, Best Practices europäischer Tourismus-Destinationen; ITB-Berlin
- Venedig: Ausverkauf eines Juwels; WDR-Doku
- Tourist Go Home! Europas Sehnsuchtsorte In Gefahr; Doku
- Mallorca – Insel vor dem Kollaps; WDR-Doku
- Ferienparadies Kroatien – Schattenseiten des Tourismus-Booms; WDR-Doku
- Re: Touristen gegen Anwohner – Wem gehören die Städte? Arte-Doku

Lesetipps:

.) Overtourism – Issues, realities and solutions; Hrsg.: Dodds / Butler; De Gruyter 2019
.) Tourismussoziologie; Kerstin Heuwinkel; utb 2018

Links:

- www2.unwto.org/
- responsibletourismpartnership.org/icrt/
- whc.unesco.org/en/danger/
- www.austriatourism.com
- www.itb-berlin.de
- www.christkindlesmarkt.de
- www.venedig.net/
- www.hallstatt.net
- about.visitberlin.de
- www.abc-mallorca.de
- www.barcelona.com/de
- www.dubrovnik.in/de/
- www.iamsterdam.com/de
- edinburgh.org/
- www.ischgl.com/de
- www.tirolwerbung.at
- www.europeancitiesmarketing.com/

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