Archive for April, 2019

Ist die Ukraine EU-tauglich?

Als im Jahre 1991 die Sowjetunion zerfiel, blieben 15 postsowjetische Staaten zurück, die vorerst noch in der GUS künstlich und zwanghaft zusammengehalten wurden. Nach den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen erklärten sich nach und nach alle für souverän und somit als unabhängig. Heute sind die meisten zwar offiziell als Republiken geführt, betrachtet man sich das jedoch genauer, so sticht einem das Wort „Präsidialsystem“ in’s Auge, das dort entweder als Diktatur (Weissrussland) oder als Autokratie (Russland) umgesetzt wird. Die drei baltischen Staaten bilden hier die löbliche Ausnahme. Sie sind zudem seit 2004 Mitglied er EU und gehören der Eurozone und der NATO an.
Ein Status Quo, den die Ukraine auch gerne hätte. Liegt sie derzeit doch wirtschaftlich am Boden und lebt ständig mit der Angst, von russischen Panzern überrollt zu werden. Nicht ganz unberechtigt, wie die Annexion der Halbinsel Krim und v.a. der Konflikt in der Ostukraine seit Jahren aufzeigen. Das Land versucht den Anschluss an den Westen, kann jedoch nicht wirklich alle sowjetischen Altlasten abschütteln. Ich möchte deshalb mit dem heutigen Blog mal erörtern, ob die Ukraine reif wäre für die EU oder nicht!
Dieser Tage fanden die Stichwahlen zum Präsidentenamt statt. Dabei straften die Bürger den bisherigen Amtsinhaber Petro Poroschenko gewaltig ab. Sein Herausforderer Wolodymyr Selenskyj erhielt 73,2 % der abgegebenen Stimmen. Eindeutiger hätte das Volk wohl seine Unzufriedenheit mit der bisherigen Regierung nicht darstellen können. Mit Selenskyj wurde nach Beppe Grillo in Italien der zweite Komiker in die Politik gewählt. Gross sind auch die Erwartungen des Auslands in den neuen und politisch unerfahrenen Mann, der aus seiner prowestlichen Überzeugung keinen Hehl macht, obgleich er auch in Russland ein TV-Star ist. Dabei hat er aber gewiss keinen leichten Job: Der Konflikt in der Ost-Ukraine muss gelöst werden, erwartet sich doch der russische Amtskollege Putin ebenfalls eine Entspannung im Klima zwischen den beiden Ländern. Allerdings sprechen dessen Taten nicht wirklich dafür: So ermöglichte er den Bewohnern aus den Separatistengebieten in der Ostukraine mittels eines Erlasses die leichtere Beantragung eines russischen Passes. Ganz und gar nicht zum Wohlwollen des Wahlsiegers, der bereits einen verbalen Warnschuss gen Osten abgab:

„Das zeigt wieder deutlich, dass Russland ein Aggressorstaat ist, der einen Krieg gegen die Ukraine führt!“
(Wolodymyr Selenskyj)

Poroschenko hat die Wahl zurecht verloren, ist er doch gar bei seinen Anhängern in Ungnade gefallen. Kritiker meinen, auch ein zur Wahl aufgestellter Hund hätte deshalb gegen ihn gewinnen können. Vieles hat er versprochen, doch nur wenig davon gehalten. Der Krieg in der Ostukraine sollte raschest möglich beendet werden – hier starben bislang etwa 13.000 Menschen. Noch immer schlagen dort die Geschosse und Granaten ein. Jeden Tag, seit fünf Jahren. 50.000 ukrainische Soldaten sind an der Frontlinie und im Hinterland stationiert. Jetzt nach der Wahl erhoffen sich viele (darunter auch der russische Aussenminister Lawrow), dass der Minsker Friedensplan wieder aus der Schublade geholt wird, der durch die Vermittlung von Frankreich und Deutschland zustande kam. Der Wahlsieger jedenfalls bleibt auf der Linie seines Vorgängers und fordert die Rückgabe der Halbinsel Krim und der von prorussischen Separatisten besetzten Region Donbas.
Wirtschaftlich tritt die „Kornkammer Europas“ auf der Stelle – die Arbeitslosigkeit auch bei Akademikern ist gewaltig. Amtsmissbrauch und Korruption waren an der Tagesordnung. Das eigens eingesetzte Korruptions-Büro wusste gar nicht, wo es mit den Ermittlungen beginnen sollte. Unter den Betroffenen viele Gouverneure, aber auch Vertraute des Präsidenten.
Die Mitgliedschaft in der EU und der NATO waren zwei Wahlversprechen des abgewählten Poroschenko – doch auch hierbei scheiterte er.
Einzig im Gesundheitswesen, dem Bildungssystem, der Armee und der Dezentralisierung konnte Poroschenko während seiner fünfjährigen Amtszeit punkten. Letzteres jedoch mit bitterem Nachgeschmack: Regionen und Städte wurden teils Clans überlassen, die Probleme zuerst mit Bestechungsgeldern, dann mit Amtsenthebungen unrechtsstaatlich lösten. Alsdann schreckte so manch einer gar vor Anschlägen nicht zurück, um seine Interessen durchzusetzen. Doch auch der Präsident bzw. sein Umfeld waren in der Wahl der Mittel nicht zimperlich: Nicht weniger als 160 Aktivisten wurden in den letzten fünf Jahren angegriffen, zehn davon überlebten es nicht. Darunter auch die Bürgerrechtlerin Katarina Gandsiuk, die im Sommer vergangenen Jahres ermordet wurde. Die meisten Fälle blieben ungelöst.
Im Jahre 2017 fiel die Visa-Pflicht für die EU. Bis zu 6 Millionen Ukrainer nutzen dies, um dort Geld zu verdienen. Verständlich, erhält doch etwa eine Sekretärin oder Buchhalterin in Kiew nur 250 bis 300 Euro pro Monat. Der Stundenlohn in der Hauptstadt Kiew liegt derzeit bei etwa 2,20 Euro. Alleine beim Nachbarn in Polen sollen bis zu 2 Millionen Gastarbeiter aus der Ukraine einer Beschäftigung nachgehen.
Selenskyj soll das Land nun an den Westen angleichen mit dem Ziel der EU-Mitgliedschaft. Doch zuvor muss er ein Verwaltungsstrafverfahren gewinnen, da er nach dem Ausfüllen des Wahlzettels diesen in die Kameras der Journalisten hielt. Die zu erwartende Strafe: 17 oder 28 Euro! Der neugewählte Präsident nahm’s mit Humor. Der Wahlverlierer hat sich inzwischen mit seinem Los abgefunden und will eine starke Oppositionspolitik angehen.

„Wir haben eine gesicherte demokratische Tradition und gerade das macht die Ukraine als europäischen Staat aus.“
(Petro Poroschenko)

Hinter Selenskyj steht der aus der Ukraine geflüchtete Oligarch Igor Kolomoiski. Er war einst an der Seite Poroschenkos zu finden, wurde jedoch später dessen grösster Kritiker. Ihm gehört u.a. der private Fernsehsender „1+1“. In dessen Programm läuft die Sendung „Diener des Volkes“, die Selenskyj bekannt machte. Hier spielt er einen Lehrer, der zum Präsidenten gewählt wird. Die Gegner Selenskyjs meinen, dass diese Film-Person, nicht die Person, die sich dahinter verbirgt, von vielen gewählt wurde. Journalisten recherchierten, dass Selenskyj und einige enge Mitstreiter öfter nach zuerst Genf, dann Tel Aviv reisten, um sich dort mit Kolomoiski zu treffen. Der Milliardär könnte also eine weitaus grössere Rolle spielen als zunächst erwartet. Nach dem Sieg seines Kandidaten wird er wohl wieder in sein Heimatland zurückkehren. Inwieweit er die Zukunft des Landes beeinflussen wird, ist noch unklar.

„Alle Bürger in den postsowjetischen Ländern, schaut auf uns! Es ist möglich!“
(Wolodymyr Selenskyj)

Experten erwarten sich allerdings keinerlei grossflächige Änderungen in der Innen- und Aussenpolitik. Selenskyj hatte im Wahlkampf bis zuletzt kein Programm vorgelegt. Immer wieder betonte er jedoch, die Korruption bekämpfen zu wollen.
Die EU zeigt sich in den Beitrittsverhandlungen zurückhaltend. Schliesslich dürfte es sich bei der Ukraine um das wohl ärmste Land Europas handeln. Hier müssten unglaubliche Summen reingesteckt werden, damit EU-Standards erfüllt werden könnten. Und die Lohndumping-Arbeitskräfte kämen dann nicht mehr aus Bulgarien oder Rumänien, sondern aus der Ukraine. Dennoch trafen sich die beiden EU-Führungsspitzen mit den Ukrainern vor der Stichwahl. Angela Merkel nur mit dem bisherigen Präsidenten Poroschenko, was ihr scharfe Kritik der Opposition und auch des Koalitionspartners einbrachte; der Franzose Macron hingegen zuerst mit dem Herausforderer, danach mit dem Noch-Präsidenten. Macron stand vor einiger Zeit ebenfalls in der Rolle von Selenskyj: Eine neue Bewegung gegen die alte und verstaubte Politik – auch bei ihm wurde die Partei erst nach seinem Erfolg zusammen-gebastelt. Dito in der Ukraine.
Für die NATO jedoch könnte eine Osterweiterung mehr als interessant sein, da sie dann in der unmittelbaren Nachbarschaft Putins agieren könnte. Auch würde eine solche Mitgliedschaft viel Druck und Angst von den Polen nehmen, da dort ebenso nach wie vor eine russische Invasion nicht ausgeschlossen wird. Ob sich jedoch der Lebensstandard bessert, was sich ein Grossteil der Bevölkerung erhofft, wird sich zeigen. Denn: Auch ein TV-Star ist kein Zauberer!
Für Urlauber bleibt die Ukraine ein rotes Tuch – für die Krim und die Gebiete rund um Donezk und Luhansk besteht nach wie vor eine partielle Reisewarnung.
An dieser Stelle möchte ich enden. Ohne klare Stellungnahme – das überlasse ich Ihnen. Das zweitgrösste Land Europas (nach Russland) ist sicherlich ein wunderbares Land. Doch gibt es für den neuen Präsidenten noch sehr viel zu tun. Für diese Aufgabe drücke ich ihm die Daumen. Meine Hoffnung gilt jedoch dem Volk. Es hätte nach all den Jahren der Unterdrückung von verschiedenen Seiten endlich verdient, auf eigenen Füssen zu stehen. Dazu muss aber jeder anpacken – vielleicht gelingt es jetzt mit neuen Vorzeichen. Dass die Ukrainer das bewerkstelligen können, haben sie mit der Orange Revolution (Maidan-Revolution) im Jahr 2004 gezeigt. Alles Gute!

Lesetipps:

.) Der Reformprozess in der Ukraine 2014 – 2017; Marian Madela; Ibidem 2018
.) Euromaidan – Protest und Zivilcourage in der Ukraine; Steffen Dobbert; Zeit-Online Epubli 2014
.) Ukraine. Von der Roten zur Orangenen Revolution; Kathrin Boeckh, Ekkehard Völkl; Pustet 2007
.) Die Ukraine: Machtvakuum zwischen Russland und der Europäischen Union; Winfried Schneider-Deters; Berliner Wissenschafts-Verlag 2012
.) Terra incognita: Die Ukraine, die Ukrainer und das Ukrainisch. Eine enzyklopädische Sammlung; Antonia Kostretska; Grin Verlag 2018
.) Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen; Karl Schlögel; Hanser 2015
.) Ungleiche Brüder: Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart; Andreas Kappeler; C.H.Beck 2017

Links:

- https://www.president.gov.ua
- https://www.kmu.gov.ua/ua
- https://rada.gov.ua
- http://www.laender-analysen.de/ukraine/
- https://ukraine-nachrichten.de
- https://www.unian.info
- http://www.bpb.de

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Die Bundeswehr – ein Trümmerhaufen???

„Wir modernisieren eine über 25 Jahre kleingesparte Bundeswehr Schritt für Schritt. Der Nachholbedarf ist riesig!“
(Ursula von der Leyen, Bundesverteidigungsministerin)

Als ich vor einigen Jahren über den bemitleidenswerten Zustand des Österreichischen Bundesheeres schrieb, erntete ich viele mediale Präsenz und verspürte enorm viel Gegenwind – teils von öffentlichen Stellen, teils von nicht wirklich öffentlichen Stellen: Gegendarstellungen, Anfein-dungen, Beleidigungen, Pöbeleien. Als danach jedoch der Verteidigungs-minister wechselte, wurde vieles besser und es war sogar wieder Geld da, damit die Fahrzeuge betankt werden konnten. Mit der türkis-blauen Bundesregierung sind Ausgaben für die Landesverteidigung inzwischen gar kein Thema mehr. Wurden viele langgediente Soldaten entweder in die Frühpension verabschiedet oder in andere Bereiche des öffentlichen Dienstes gedrängt, so wird nun gar wieder Kaderpersonal gesucht.
So manchem Soldat unter deutscher Flagge dürfte damals wohl ein breites Lächeln über das Gesicht gehuscht sein. Sicherlich nicht jedoch jenen, die in Schlüsselpositionen sassen und möglicherweise noch sitzen. Sie dürften den Kollaps höchstwahrscheinlich vorausgesehen haben. Weshalb sie jedoch nicht reagierten, könnte in diesen Tagen durch den einen oder anderen Ausdruck in der Presse nachvollzogen werden: „Duckmäusertum“ etwa. Fakt ist, dass nahezu jede Woche ein neues, grosses Kapitel aufgeschlagen und der Frau Verteidigungsministerin um die Ohren gehauen wird: Flugbereitschaft, Gorch Fock, massive Ausrüstungsmängel, bürokratischer Koloss, rechtsradikales Netzwerk und nicht zuletzt auch die von ihr selbst verschuldeten Berater-Millionen sind nur einige davon. Jetzt aber melden sich Insider zu Wort, wie beispielsweise der Brigadegeneral a.D. Erich Vad, ein ehemaliger wichtiger Militärberater von Kanzlerin Merkel und Mitglied im NATO-Hauptquartier. Er meint, dass dieses Monstrum nicht mehr kontrollierbar sei. Doch eines nach dem anderen!
Unter dem Aktenplan „Drucksache 19/7200“ ist kürzlich der Bericht des Wehrbeauftragten erschienen: 126 Seiten, zumeist doppelspaltig geschrieben. Vieles darin wird so manchem stolzen Erinnerungs-Medaillenträger mehr als sauer aufstossen. Ich erlaube mir, im folgenden Text immer wieder darauf zurückzukommen.
Angefangen hat wohl alles mit den Bemühungen Karl-Theodors zu Guttenberg, der die Wehrpflicht abschaffte – und dies obgleich er Reserve-Offizier und begeisterter Gebirgsjäger ist. Eine Entscheidung, an der wohl sein Nachfolger im Amt, Thomas de Maizière von der Schwesterpartei CDU, am meisten zu kauen hatte. Doch auch dessen Nachfolgerin, Ursula von der Leyen, dürfte die Entscheidung schon mehrfach verflucht haben. Die Zeitung „Die Zeit“ schrieb einst sehr treffend:

„De Maizière wäre wohl niemals auf die Idee gekommen, die Wehrpflicht, dieses Relikt des Kalten Krieges, einfach wegzuquatschen.“

Auch wenn dieser zunächst noch voller Euphorie meinte, dass die Zahlen besser wären als zunächst gedacht (drei Bewerber auf einen Posten), so sah es lange genau gegenteilig aus. Freiwillige fanden sich nurmehr wenige und ein Grossteil jener, die sich meldeten, beendeten die Grundausbildung bereits vorzeitig. Der Bundeswehr gingen die Soldaten aus! Der niedrigste Personalstand wurde im April 2016 erreicht: 166.523 Ist-Stärke! Nach offizieller Angabe aus dem Bundesministerium konnte jedoch der Turnaround geschafft werden. Im Oktober 2018 belief sich der Personalstand auf 172.485. Bis 2024 sollen weitere 5.000 Dienstposten geschaffen werden – allerdings nur 1.000 für Reservedienst-Leistende, dafür jedoch etwa 4.600 Haushaltsstellen für Zivilbedienstete. Frau von der Leyen spricht dabei ganz allgemein von „zusätzliche Dienstposten für Soldatinnen und Soldaten“! Sie dürfte wohl vergessen haben, dass die meisten Zivilbediensteten keine Uniform tragen und somit nicht zum aktiven soldatischen Personalstand gezählt werden dürfen. Und hier untermauert sie die Meinung des Herrn Brigadegeneral a.D. Vad, der von einer „überbürokratisierte Mammutbehörde“ spricht. Im Jahr 2025 wird ein Personalstand von 203.000 Soldatinnen und Soldaten sowie 66.000 Zivilbediensteten angestrebt. Um einige Zigtausend mehr als im Jahr 2017. Im Ministerium ist in diesem Zusammenhang von einem „atmenden Personalkörper“ die Rede, wonach jederzeit der Personalstand erhöht werden kann, wenn es die sicherheitspolitische Lage erfordert. Wie kommt denn Bundesfinanzminister Olaf Scholz in einem Schreiben seines Ministeriums auf die Idee, alle Soldaten „Zur nachhaltigen Stärkung der Einsatzbereitschaft“ länger dienen zu lassen? So sollen Generäle und Oberste bis zum 67. Lebensjahr, alle anderen Berufssoldaten bis zum 65. Dienst versehen. Bislang lagen die Altersgrenzen bei 55 Jahren (Unteroffiziere), ab 56 (je nach Dienstgrad bei den Offizieren) und bei 41 Jahren (Kampfpiloten). Ab diesem Alter können, müssen sie jedoch nicht in den Ruhestand treten. Scholz will diese Altersgrenzee um jeweils drei Jahre anheben, damit sie länger zur Verfügung stehen und nicht weiterhin händeringend um Nachwuchs gesucht werden muss. Das verstehe nun wer will! Die positive Personalentwicklung des Fachbereichs wird durch das Finanzministerium widerlegt. Die Bundesministerin hatte dem durchaus mächtigen Bundeswehrverband jedoch zuvor offenbar versprochen, bei den Ruhestandsbestimmungen keine harten Massnamen zu setzen.

„Ministerin von der Leyen hat sich festgelegt und auch kommuniziert, dass es in dieser Legislaturperiode keine gesetzliche Anpassung der Altersgrenzen bei der Zurruhesetzung geben wird!“
(André Wüstner, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes)

Beinharte Aussage aus dem BMF: Anstatt die Soldaten mit Annehm-lichkeiten bei Laune zu halten, sollte mehr in die Ausrüstung investiert werden. Olaf Scholz musste, offenbar nach einem intensiven Gespräch mit der Kanzlerin, zurückrudern.
Ausrüstung – trotzdem der nächste Stolperstein. Gerade hier zeigt sich die von vielen Experten kritisierte militärische und rüstungstechnische Inkompetenz der letzten drei Verteidigungsminister mit Merkels Gnaden.
In einem vertraulichen Bericht der Bundeswehr stand im November 2018 zu lesen, dass trotz Reformbemühungen das Ausrüstungsproblem nicht in den Griff zu bekommen sei. Dies liege auch in der schwerfälligen und veränderungsunwilligen Arbeit des Beschaffungsamtes, das für den Nachschub zuständig ist. So bliebe die „materielle Einsatzbereitschaft der Streitkräfte weiterhin begrenzt“. Die Zahlen im Bericht sind ernüchternd: Etwa 40 % der Hubschrauber und 43 % der Kampfflugzeuge sind einsatzbereit. Wartezeiten von 54 Monaten und Mehrkosten von bis zu 12 Milliarden Euro sprechen nicht gerade von einer guten Arbeit der Behörde mit ihren knapp 11.000 Dienstposten. Das ginge sogar soweit, dass die Bundeswehr Probleme habe, ihren internationalen Verpflichtungen (wie etwa in Mali) nachzukommen. Deshalb wurde im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD eine Reform des Beschaffungsamtes festgeschrieben. Dort hingegen heisst es, dass 1.329 Dienstposten derzeit nicht besetzt seien. Mit einer Besserung ist auch künftig nicht zu rechnen, da viele Mitarbeiter demnächst in den Ruhestand wechseln werden.
Den Anfang machte 2017 die Erkenntnis, dass das verwendete Sturmgewehr G36 des Unternehmens Heckler & Koch im Dauerfeuer an Präzision verliert. Bei der Vergabe des Auftrages über 120.000 neuer Gewehre gab es mächtig Zoff: Die Kriterien seien zu eindeutig auf den bisherigen Lieferanten zugeschnitten, hiess es etwa vonseiten des Herstellers Sig Sauer. Er belieferte kurz danach die Polizei aus Schleswig-Holstein mit 522 MCX-Gewehren (halbautomatisch). Allerdings waren die H&K-Gewehre erst der Anfang geringeren Übels in der gerne von NATO-Partnern als „Schrottarmee“ bezeichneten Bundeswehr. So werfen führende US-amerikanische Militärs von der Leyen hinter vorgehaltener Hand vor, sie habe mehr Kinder als einsatzbereite Panzer! Die Bundesministerin sieht dies naturgemäss anders. Gegenüber der BamS meinte sie, dass innerhalb der letzten fünf Jahre „mehr als 300 Panzer, 93 Hubschrauber, 1800 militärische Fahrzeuge, 26 Transportflugzeuge A400 M und 15 weitere Eurofighter“ angeschafft wurden. Weitere Panzer (Puma, Boxer, Fuchs, Leguan) und Fluggeräte (Transporthubschrauber, A400M, Eurofighter, Marinehubschrauber Sea Lion) und eine Fregatte 125 folgen noch in diesem Jahr.
Auch ist der einstige fliegende Stolz der Bundeswehr, der Tornado, mit 30 bis 40 Flugjahren schon langsam in die Jahre gekommen. Ganz offiziell heisst es aus uniformierten Kreisen, dass ohne eine Modernisierung die Flugsicherheit nicht mehr gegeben sei – die zivile Luftfahrtbehörde würde dann den Maschinen die Fluglizenz entziehen. Nun werden viele der ehedem insgesamt erworbenen 334 Maschinen kostenintensiv auf Vordermann gebracht, da angeblich ein Nachfolgemodell fehle, das auch notfalls Atomwaffen mitführen kann. Bis 2023 sind hierfür 931 Mio Euro vorgesehen (Quelle: 8. Bericht des Bundesministeriums der Verteidigung zu Rüstungsangelegenheiten). Inzwischen jedoch gehört es offenbar zum guten Ton, Kosten aus dem Ruder laufen zu lassen. Sollten sich diese ähnlich wie bei den Marine-Flugzeugen Lockheed P-3C Orion entwickeln, so dürfte die Milliarden-Grenze mit Leichtigkeit mir nichts Dir nichts überschritten werden. Das lässt auch der „Bericht zur materiellen Einsatzbereitschaft der Hauptwaffensysteme der Bundeswehr 2017″ vom Februar 2018 vermuten, wonach nur durchschnittlich 26 der verbliebenen 68 Maschinen einsatzbereit seien – viele andere dienten bereits als Ersatz-teillager. Die Krone des Ganzen: Seit Beginn dieses Jahres dürfen keine Tornados mehr an NATO-Einsätzen teilnehmen, da sie nicht über das verpflichtende Freund-Feind-System und einigen anderen wichtigen Voraussetzungen verfügen! Die Zeitung „Die Welt“ bezog sich auf den aktuellen „Bericht zur Materiallage der Hauptwaffensysteme der Bundeswehr“ (verfasst vom Generalinspekteur General Eberhard Zorn) und meinte, dass viele Maschinen nurmehr für eine Spazierfahrt auf dem Luftwaffenstützpunkt geeignet wären. 2035 soll schliesslich die letzte Maschine ausgemustert werden – gemeinsam mit ihrem Rollator.
Apropos Orion: Die Seeaufklärer wurden 2004 von der niederländischen Marine für 388 Mio Euro erworben. Die Kosten gesamt liegen inklusive des Ankaufs nach Angaben des Rechnungshofes inzwischen bei weit über 1 1/2 Milliarden Euro. Allerdings fliegen von den acht Maschinen mit Müh’ und Not gerade mal zwei!
Ach ja – nur ganz kurz noch zum Segel-Schulschiff „Gorch Fock“, da Frau von der Leyen immer einen sehr roten Kopf bekommt, wenn sie diesen Namen hört: Das Schiff liegt seit 2015 in der Werft. Veranschlagte Sanierungskosten: 10 Mio, tatsächliche Kosten voraussichtlich 135 Mio Euro. Ob sie tatsächlich wieder frische Hochseeluft riechen können wird, steht in den Sternen.
Nächstes Problemkind: Die Kryptomodernisierung! Hier scheint der Zug bereits abgefahren zu sein – es wird unheimlicher Anstrengungen benötigen, ihn noch aufhalten zu können. Ohne dieses Verschlüsselungs-system in der Kommunikation können seit heuer keine internationale NATO-Einsätze mehr mitbestritten werden.
Doch ist die Schuld nicht nur den Ministern anzulasten. Immer lauter wird die Kritik an der Generalstabsspitze, die sich offenbar nicht getraut, gegen Massnahmen aus dem Ministerium aufzubegehren. Vielleicht wollen sie ja nur nicht das Schicksal ihres österreichischen Kameraden teilen. So wurde der Chef des Generalstabes, General Edmund Entacher, abberufen und in die Wüste versetzt, da er die von Verteidigungsminister Norbert Darabos geplante Abschaffung der Wehrpflicht kritisierte. Die Berufungskommission im Bundeskanzleramt hatte nur wenige Monate danach die Abberufung aufgehoben, der heute bereits pensionierte Entacher konnte wieder auf seinen Posten zurückkehren. In Deutschland wird inzwischen ganz offen von Führungsschwäche und Duckmäusertum der Generäle gesprochen, die der Einführung von Krabbelstuben auf Kosten der Ausrüstung zustimmen. Können sie dies mit ihrem Eid als Soldat und Offizier vereinbaren?

„Die Bundeswehr hat in der Tat ein Führungsproblem! Die militärische Führungskultur ist weit entfernt von dem eigentlichen Daseinszweck von Streitkräften, dem Kampfeinsatz. Das verschweigt man tunlichst, und selbst im Weißbuch der Bundeswehr findet man dazu nicht viel Substanzielles.“
(Erich Vad, Brigadegeneral a.D.)

Und dann war da noch ein ziemlich grosses Malheur mit Beratergeldern in dreistelliger Millionenhöhe. Bringt es etwa eine Mail, die den Unter-suchungsausschuss erreichte, auf den Punkt, wenn dort von einem „einzigartigen System von Seilschaften“ zu lesen ist? Ein Beispiel? Rüstungsstaatssekretärin Karin Suder war eine Arbeitskollegin von Timo Noetzel bei McKinsey, der als Berater des Unternehmens Accenture bei der Vergabe von Aufträgen des Verteidigungsministeriums gleich mehrfach zum Zuge kam und dabei durchaus gut bezahlt wurde.

Auf der Seite des BMVG ist zu lesen:

„Die Bundeswehr durchläuft den umfangreichsten Modernisierungsprozess ihrer Geschichte. Mit einer neuen Personalstrategie, einer stärkeren Professionalisierung und mehr Familienfreundlichkeit will sie als Arbeitgeber punkten – und zugleich den vielfältigen Aufgaben des 21. Jahrhunderts gerecht werden.“

Wenn da nur mal nicht die eigentliche Aufgabe der Bundeswehr und etliche Zusatzaufgaben (wie etwa der Katastrophenhilfe) vergessen wird! Schliesslich obliegt inzwischen der tatsächliche Zustand der Bundeswehr der Geheimhaltung. Da kann sich jeder wohl selbst denken, was er will. Eine Frage aber sei zuletzt noch gestattet: Wo fliessen 2019 die genehmigten 44,7 Milliarden Euro des Verteidigungsressorts eigentlich hin?

Links:

- www.bmvg.de
- www.bundeswehr.de
- www.bundestag.de

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Kälbertransporte – eine Schande!!!

Achtung:
Die Links verweisen auf Videos, die zu psychischen Negativfolgen führen können!!!

“Unsere Recherchen mit Videos von schreienden, hungernden und unter den Strapazen des Transportes gestorbenen Kälbern haben die Menschen erschüttert.“
(Tobias Gieriger, Verein gegen Tierfabriken)

Obgleich es mich unter den Fingernägeln brannte – über dieses Thema wollte ich eigentlich nicht schreiben, da ich viele Landwirte und Bauern kenne, die ihren Hof nach bestem Wissen und Gewissen führen. So erhielt ich etwa auf meinen Milchblog hin viele Zuschriften, dass auch ich nicht alle in einen Topf werfen solle. Nun hat sich die Lage in Österreich aber dermassen in die falsche Richtung entwickelt, sodass – wäre es nicht so tragisch und würde es nicht dermassen bestialisch auf dem Rücken unschuldiger Jungtiere ausgetragen – man wirklich nurmehr den Kopf schütteln kann ob der Gier von Menschen, die vorgeben, im Einklang mit der Natur zu leben und einen mehr als verantwortungsvollen Job inne haben: Die Verantwortung über Lebe-Wesen, die Verantwortung unsereins mit Lebensmitteln zu versorgen und die Verantwortung, nachhaltig zu wirtschaften, da ein ausgelaugter Boden niemandem mehr etwas bringt.
In manchen österreichischen Bundesländern werden Kühe am Fliessband „produziert“, obgleich nach dem Fall des Milchkontingentes niemand mehr damit verdienen kann. Daneben sackte parallel zum Schweinefleisch auch der Preis für Rindfleisch in den Keller. Für den Konsumenten gilt nach wie vor: „Geiz ist geil!“, da er möglicherweise für einen Chef arbeitet, der dies ebenso zu seinem Motto wählte. Wenn für einen akademischen und diplomierten Betriebswirt nurmehr 2.400,- € brutto geboten werden, lohnt sich ein Studium nicht mehr, v.a. da Miet- und Lebenskosten hinzu kommen und in Deutschland im Anschluss daran ja auch die BAFÖG zurückbezahlt werden muss. So manch einer muss also auch weiterhin Billigfleisch kaufen oder wird zum Vegetarier bzw. Veganer. Die Verkaufszahlen für Fleisch gehen somit längerfristig zurück. Stellt sich mir also die Frage, weshalb es nach wie vor Landwirte gibt, die so viele Rinder besitzen, dass eine Selbstversorgung nicht mehr möglich ist und Futter hinzugekauft werden muss!? Sie sind es auch, die jetzt am Lautesten aufschreien, weil sie nicht wissen, wo sie nach dem Verbringungsverbot durch die EU mit den Kälbern hin sollen! Jene Jungtiere, die diesen bis zu 90 Stunden dauernden Transport lebend überstehen, werden in Italien und Spanien billigst gemästet und gelangen als Billigfleisch wieder in die Regale der Supermärkte. Das wiederum lässt die heimischen Bauern erneut aufschreien, dass sich die Viehhaltung aufgrund dieser Konkurrenz nicht mehr lohnt. Inzwischen aber werden wieder Dutzende neue Kälber produziert!

„Kein Geschäftsmodell darf Tierleid in Kauf nehmen.“
(Martin Staudinger, SPÖ-Vorarlberg)

Ich bin ja kein Fachmann, doch meint der Präsident der Österreichischen Landwirtschaftskammer, Josef Moosbrugger, dass es für eine (Turbo-)Milch-Kuh durchaus normal sei, jedes Jahr Nachwuchs zu bekommen! Nein – doch geht es hierbei nicht um die Kuh sondern um die Menge an Milch, die weniger wird, wenn sie nicht jedes Jahr kalbt! Und damit die tierischen Säuglinge ihrer Hauptbeschäftigung nicht mehr nachgehen können, bekommen sie eine Gliederkette um das Maul gebunden!
Mal ehrlich: Läuft da nicht wirklich alles schief, was schief laufen kann?
Gehen wir doch etwas genauer auf dieses blutige Treiben ein. Seit Jahren ist es Sitte, v.a. männliche Kälber möglichst noch am Tag ihrer Geburt von der Mutterkuh zu trennen. Im Alter nur weniger Wochen (teilweise gar zwei!!!) werden sie in überfüllte Tiertransporter gestopft und über tausende Kilometer quer durch ganz Europa transportiert, damit sie am Zielort entweder gleich oder nach einer ebenfalls grauenvoller Mast später geschlachtet werden, damit die mittel- und nordeuropäischen Haushalte ihr Billigfleisch auf den Mittagstisch bekommen. Das Schicksal nahezu aller männlichen Kälber, da sie für die Milchindustrie nutzlos sind. 60 bis 80 € erhält der Bauer für ein solches verkauftes männliches Kalb. Dazu gab es sogar noch Unterstützung aus Brüssel und den Hauptstädten der jeweiligen Länder, die diesen Teufelskreis mit Subventionen und somit Steuergeldern finanzierten. Dass das Treiben nun gestoppt wurde, liegt nicht an den Behörden, an den Amtstierärzten oder den Politiker! Nein – diese haben zugesehen und gemeint: Alles gesetzeskonform! Dass es gestoppt wurde ist einer kaum mehr als Hand voll Tierschützern zu verdanken, die das Netz mit schockierenden Bildern überfluteten, was schliesslich zu einem grossen Aufschrei in der Bevölkerung führte. Leider aber besitzt die Volksmasse kein Langzeit-gedächtnis mehr – nach zwei bis drei Monaten ist alles wieder vergessen und es geht vermutlich weiter wie zuvor, obwohl es den Transport- und Tierschutzgesetzen widerspricht und wie zuletzt zu hören, auch entsprechende Schlachtkapazitäten am Ursprungsort bestünden. In Vorarlberg läuft seit einiger Zeit eine gross angelegte Kampagne für die regionale Verwertung des Kalbfleisches. Für mich absolut unverständlich: Ich beispielsweise esse keinerlei Jungtiere. Soll ich meine Meinung ändern, damit ich den Unverbesserlichen mehr Gewinn bringe, obwohl sie völlig am Markt vorbei wirtschaften? Viele haben offenbar noch nie vom betriebswirtschaftlichen Grundbaustein gehört und das Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage nicht wirklich verstanden: Sinkt die Nachfrage oder hatte sich bislang ohnedies nur auf einem sehr geringen Level eingependelt – macht es dann Sinn, grossflächig weiter zu produzieren? Wenn es sich um Gegenstände handeln würde, wäre es vielen möglicherweise gleichgültig, der Markt würde sich selbst nach unter regulieren, da die Fliessbandproduzenten mit der Zeit in den Konkurs gehen würden. Hier aber handelt es sich um lebende Tiere, um eine moralische und ja auch eine religiöse Verantwortung des Menschen gegenüber Wehrlosen! Mehr als 80.000 jedes Jahr in ganz Österreich! Nur in den italienischen Mastbetrieben kommen jährlich rund 1,5 Mio Kälber aus ganz Europa an. Und das wird alles durch möglichst hohe Subventionierungen künstlich auf hohem Niveau am Laufen gehalten. Mir kommt dabei wieder jener Kleinbauer in den Sinn, der seinen halben Stall verkaufen musste, da er für die Abnahme seiner Milch fast noch bezahlen musste. Er meinte mit weinerlich, deprimierter Stimme am Viehmarkt, dass er mit dem Verkaufserlös nicht einmal mehr die Aufzucht seiner Kühe hereinbekomme. Und trotzdem wird weiterproduziert!
Vorarlberg, Tirol und auch Salzburg haben inzwischen die wöchentlichen Transporte nach Bozen stoppen müssen, da Brüssel ein Machtwort gesprochen hat. Die Transporte nach Bergheim allerdings gehen weiter. Bozen war nur einer der Umschlageplätze. Wie Tiroler und auch Vorarlberger Tierärzte eingestanden haben, war es durchaus bekannt, dass die Tiere dort ohne gesetzliche Ruhezeit direkt weiter, quer durch ganz Europa transportiert wurden. In der Masse ohne Futter und ohne Wasser. Manche Fahrer liessen den LKW-Zug ganz einfach in der sengenden Sonne stehen (teils sogar auf dem Seitenstreifen der Autobahn!), ohne die Tiere auszuladen und fuhren nach der vorgeschriebenen Ruhezeit weiter. Es war also bekannt, doch wurde nichts dagegen unternommen. Angst um den Arbeitsplatz? Jeder Begutachter unterliegt dem Amtsgeheimnis! Ja – er unterliegt aber auch den geltenden Gesetzen und ist verpflichtet, Gesetzwidrigkeiten anzuzeigen. Möglicherweise hätte dadurch vielen Tieren unsagbares Leid erspart werden können.
Wieso kommt erst jetzt – nach Jahren – an’s Tageslicht, dass die Zertifizierung Bozens gar nicht rechtens ist? Es war also auch im Bundesministerium bereits bekannt, dass hier nicht alles so läuft, wie es sein sollte.
Wieso bedarf es einiger leider immer wieder belächelter Tierschützer des Vereins gegen Tierfabriken (VgT), die solchen Transporten folgten und mittels Fotos und Videos diese gleichgültige Brutalität dokumentierten?
Auch in Salzburg wurde erst nach der Veröffentlichung dieser Beweise reagiert: Europas grösster Kälberumschlageplatz in Bergheim soll genauer kontrolliert werden, meinte der dortige Agrarlandesrat, Dipl.-Ing. Dr. Josef Schwaiger. Auch hier muss über Jahre hinweg bekannt sein, dass gekennzeichnete Kurztransporte eigentlich Langstreckentransporte sind um Tiere in einem Billigland „veredeln“ zu lassen. Nochmals: Wenn dies mit deutschen Kartoffeln geschieht, die zum Waschen nach Italien gekarrt werden, italienische Milch zur Abfüllung nach Deutschland transportiert wird oder andere Produkte, Güter und Waren, so ist es meines Erachtens Betrug am Kunden, jedoch moralisch möglicherweise noch vertretbar. Doch Tiere?

https://www.youtube.com/watch?v=8jLZj7lU1fo

Wie sieht nun die Gesetzeslage hierzu aus? In Tirol zeigt sich die entsprechende Abteilung der Landwirtschaftskammer stolz, dass Transporte künftighin auf ihre Notwendigkeit geprüft werden und die Transporteure nach dem Transport das Fahrtenbuch und die GPS-Daten offenlegen müssen. Eine wirklich hehre Entscheidung! Doch – den Behörden war die Unsitte der Tiertransporte auch in der Vergangenheit bekannt. Machen diese Massnahmen somit Sinn? Wohl nur dann, wenn parallel dazu ein Strafkatalog eingeführt wird, der rigoros zur Anwendung kommt, damit sich derartige Transporte finanziell nicht mehr lohnen. Zum Schutz jener, die im Rahmen der Gesetze wirtschaften und gegen jene, die sich darüber hinwegsetzen oder in der Grauzone agieren.
Im österreichischen „Bundesgesetz über den Transport von Tieren und damit zusammenhängenden Vorgängen“ (Tiertransportgesetz 2007-TTG 2007) in der derzeit gültigen Fassung in Verbindung mit der Verordnung (EG) Nr. 1/2005 heisst es beispielsweise in §4 (3) Abs. 4:

„Kontrollen von Transportmitteln und Tieren an Versandorten, an Ausgangsorten, auf Sammelstellen, an Kontrollstellen, an Ruhe- und Umladeorten“

sowie im selben § 4 (3) Abs. 6:

„Kontrollen von Transportmitteln und Tieren bei der Ankunft am Bestimmungsort“

Offenbar wurden diese nicht oder nur sehr mangelhaft durchgeführt. Nachdem sich das nationale Gesetz auf eine EU-Verordnung bezieht, muss ein solches nationales Gesetz auch in Italien oder Spanien vorhanden sein.
In § 10 TTG 2007 geht es um die Zulassung eines Unternehmens. Und da heisst es in Abs. 3:

„(3) Wird auf Grund von Kontrollen oder Meldungen gemäß § 5 Abs. 5 festgestellt, dass die Zulassungsvoraussetzungen nicht mehr vorliegen und werden etwaige Mängel oder Missstände nicht innerhalb der von der Behörde festgelegten, angemessenen Frist behoben, so ist die Zulassung bis zur Herstellung des gesetzmäßigen Zustandes, oder wenn dies nicht möglich ist, dauernd zu entziehen. In den Fällen des Entzuges hat der Transportunternehmer den Zulassungsnachweis der Behörde unverzüglich abzuliefern. Wird der Zulassungsnachweis nicht abgeliefert, ist er zwangsweise einzuziehen.“

Für mich klingt dies recht eindeutig! In den § 14 ff geht es schliesslich in’s Eingemachte: Versorgung der Tiere während des Transportes, Platzbedarf und Ausstattung des Transportmittels. Und ausschlaggebend ist wohl § 18 (1):

„§ 18. (1) Im Sinne von Art. 1 Abs. 3 der Verordnung (EG) Nr. 1/2005 wird für Schlachttiere eine Beförderungsdauer für innerösterreichische Transporte, bei denen Versand- und Bestimmungsort in Österreich liegen, von 4,5 Stunden festgelegt. Wenn es aus geographischen, strukturellen Gründen oder aufgrund von aufrechten Verträgen notwendig ist, darf die Beförderungsdauer auf maximal 8 oder im Falle von Transporten, bei denen aufgrund kraftfahrrechtlicher Bestimmungen Lenkerpausen einzuhalten sind, auf 8,5 Stunden verlängert werden. Im Rahmen der Pausen ist dem Wohl der Tiere bestmöglich Rechnung zu tragen.“

Die maximale Transportdauer für Saugkälber beträgt nach EU-Verordnung 8 Stunden, da eine entsprechende Tränkung mit Milch im LKW nicht möglich ist. Dadurch sind die Massnahmen, die die Tiroler Landwirtschaftskammer anführte ad absurdum geführt, da sie gesetzlich bereits vorlagen. Gleiches gilt für die „neue Massnahme“ in Salzburg, wo der tatsächliche Bestimmungsort in den Transportpapieren angeführt sein muss. Hallo? Auch in den Ausnahmebestimmungen des § 19 ist nur von 10 Stunden bis zum Bestimmungsort die Rede – hier jedoch ist nicht der Begriff „Schlachtvieh“ angeführt, womit ich davon ausgehe, dass auch Zuchtvieh davon eingeschlossen ist. Für ein kleines Kalb im Alter von zwei bis acht Wochen dennoch unzumutbar. Hier hätte sofort eine Anzeige erfolgen müssen, die jedoch von den Verantwortlichen ausgeblieben ist, obgleich die Umstände bekannt waren.
Die von den Tierschützern aufgezeigten Fahrtrouten gehen von mindestens 22 bis sogar 90 Stunden aus. Vollkommen berechtigt also die Anzeigen des „Vereins gegen Tierfabriken“ gegen die Veterinärbehörden des Landes Salzburg und den zuständigen Amtstierarzt wegen Amtsmissbrauchs und Tierquälerei. Auch die Anzeigen in 148 dokumentierten Fällen gegen Sammelstellenbetreiber, Viehhändler und Transporteure in Vorarlberg gehen in Ordnung. Die Fahrer können sich zumeist die Fahrt nicht selbst aussuchen – dennoch müssten sie entsprechend geschult sein. Und zudem machen sie sich der Tierquälerei nach österreichischem Gesetz schuldig (§222 StGB).

https://www.youtube.com/watch?v=CWH9j57QXi8

Der Präsident der Österreichischen Landwirtschaftskammer Josef Moosbrugger, sprach in einem Interview von „Veredelung“. Ein durchaus guter Hinweis, der noch weitaus mehr Fragen aufwirft: Darf Fleisch von Tieren, die beispielsweise in Österreich geboren wurden, in Spanien aufwuchsen und geschlachtet wurden, als „veredelte“ österreichische Ursprungswaren verkauft und möglicherweise sogar mit entsprechenden Gütesiegeln ausgestattet werden? Ursprungszeugnisse werden in Deutschland durch die Industrie- und Handelskammer, in Österreich durch die Wirtschaftskammer ausgestellt. Wer garantiert dafür, dass das Fleisch, das aus Spanien wieder zurückkommt, auch tatsächlich von einer in Österreich geborenen Kuh stammt? Zudem ist in solchen Ursprungszeugnissen oder Vermerken nurmehr der Hinweis auf eine Ware aus der EU enthalten. Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert das Wort „Veredelung“ wie folgt:

„Produktveredelung, bewirkt durch eine substanziell meist unerhebliche technische Veränderung, Form- und (oder) Qualitätsverbesserungen, die nicht zu einer eigentlichen Stoffumwandlung führen, die aber für eine zweckmäßigere Weiterverarbeitung oder, bei Fertigerzeugnissen, für einen individuell verfeinerten Geschmack wirtschaftlich bedeutungsvoll sind.“

Liegt in diesem Sinne also tatsächlich eine Veredelung vor, wenn aus dem Kalb fertig abgepacktes Rind- oder Kalbfleisch wird? Meines Erachtens handelt es sich hierbei sehr wohl um eine „Stoffumwandlung“ und eine sehr wohl „substanziell erhebliche (technische) Veränderung“. Und – wenn eine Schlachtung eine „unerhebliche Massnahme“ darstellt, habe ich augenblicklich „unerhebliche“ Probleme mit all dem, was ich mein Leben lang aus Ethik und Religion gelernt habe.
Die Vorarlberger Tierschützer des VgTs begleiteten Tiertransporte von Kälbern laut Transportpapieren und Ohrmarken grossteils aus Lustenau und dem Bregenzerwald von Salzburg-Bergheim über Savona bis zur Sammelstelle Vic in Spanien rund 70 km nördlich von Barcelona. Von dort werden sie innerhalb kürzester Zeit zu den Mastbetrieben im ganzen Land weitergefahren. Auch hier also keine Spur von Ruhezeit. Über 2.000 km – bis zu drei Tage lang. Pausen – wie bereits zuvor beschrieben – teilweise nur auf dem Seitenstreifen der Autobahn. Die jungen Tiere, die noch auf die Muttermilch angewiesen sind, wurden zum Grossteil unzureichend oder gar nicht versorgt. Tobias Giesinger vom VgT betont, dass Kälber individuell mit Milch oder Elektrolyten getränkt werden müssen, was im LKW aufgrund des nicht vorhandenen Platzangebotes gar nicht möglich ist. Sie müssen also während der Ruhezeiten ausgeladen werden, da nicht entwöhnte Kälber mit den automatischen Wassertränken überhaupt nichts anfangen können, sollten solche überhaupt vorhanden sein. Stellen Sie Ihrem Säugling mal eine Tasse mit Wasser vor! Beim Vergleich mit den Transportdokumenten wurde klar, dass die Dokumente gesetzeskonform ausgestellt, jedoch niemals eingehalten wurden. Wurden sie in Spanien nicht gleich geschlachtet, gelangten sie zumeist in Mastbetriebe, die den Qualitätsstandards in Österreich keineswegs entsprechen: Tausende Tiere in fensterlosen Hallen, in Einzelboxen, ohne Stroh und Heu. Immer wieder rutschen sie in die Spalten ab, durch die die Exkremente abfliessen sollen.

https://www.youtube.com/watch?v=tz8_sogqkdU

Zur Schlachtung werden sie dann erneut durch nahezu ganz Europa gefahren und entsprechend gequält, so der VgT.
Tausenden Vorarlberger Kälbern erging es bislang so. Mindestens ein Transport war wöchentlich unterwegs. Von Vorarlberg nach Bozen oder Salzburg. Über die angeblichen Ruhezonen Bozen oder Savona (hierzu gibt es nicht mal eine Adresse) weiter durch Italien und Südfrankreich bis nach Spanien. Somit ist weder Salzburg/Bergheim noch Bozen oder Vic in Spanien der Bestimmungsort. Doch leider ist dies nicht alles. Europaweit sind es Millionen: Kühe, Schweine, Pferde, Schafe, Ziegen, Hühner, Puten uvam. Und 70 % dieser Tiertransporte verlassen sogar die EU in Richtung Osten, Naher Osten oder Afrika. Österreich alleine exportiert pro Jahr rund 200.000 Tiere – führt sie also aus der EU aus.
Wie sieht es nun mit der heimischen Kälbermästung aus? Solange sie nicht mit verlängertem Milchaustauscher und ohne Raufutter geschieht – wesentlich besser. Beides garantiert nämlich das weisse Fleisch, führt aber zu grossem Leid bei den Tieren. Wird zudem selbstverständlich teurer! Meiner Meinung nach vollkommen in Ordnung, da Menschen, die weisses Kalbfleisch haben wollen, durchaus auch entsprechend dafür bezahlen sollen. Ist vergleichbar mit dem Billigflug: Für 20,- € (plus Gebühren) nach London, wo das Taxi vom Flughafen in die Stadt schon mehr kostet, und sich dann noch über den Service beschweren!
So oder so wird Tierleid nur vermeidbar sein, wenn am System gearbeitet wird. Zum Teufel mit der Milch- und Fleisch-Überproduktion! Bessere Nutzung der regionalen Ressourcen auch durch den Kunden! Sonderwünsche kosten eben etwas mehr!
Die auf Kalbfleisch spezialisierte VanDrie Group mit Sitz im niederländischen Apeldoorn schreibt auf ihrer Website:

„Für die VanDrie Group und ihre Stakeholder ist es von großer Bedeutung, dass der Umgang mit den Kälbern von Sorgfalt und Aufmerksamkeit geprägt ist. Dieser Grundsatz gilt vor allem, wenn sie über eine längere Distanz transportiert werden. Das fordern wir von unseren Transporteuren ein.“

Allerdings ist gerade dieses Unternehmen ein Dorn im Auge der Vorarlberger Fleischindustrie. Aus der dortigen Landwirtschaftskammer heisst es:

„70 Prozent des bei uns verzehrten Rind- und Kalbfleisches stammen nicht aus Vorarlberg.“

Deshalb appelliert Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger, an den Fleischtheken auf regionales Fleisch zu bestehen. Ansonsten sei die Kritik unberechtigt.
Eine Systemumkehr ist dringend erforderlich!!! Kälber durchstehen in ihrer kurzen Zeit auf diesem Planeten die Hölle. Gleichzeitig wird aus den Niederlanden Billig-Kalbfleisch verkauft. Oder: Ist es etwa nicht pervers, wenn Brüssel Deutschland straft, weil durch die Intensiv-Landwirtschaft im Norden aufgrund der Gülle-Düngung das komplette Grundwasser eine Nitratkonzentration weit über dem Grenzwert aufweist, sodass man es nurmehr als Giesswasser verwenden sollte? Und dann fordern die Bauern auch noch Subventionen um dies einzustellen! Kostet es dermassen viel mehr, wenn in der Nacht alles in den nächsten Bach abgelassen wird? Wie soll ansonsten das „Zu Viel“ an Gülle entsorgt werden??? Jeder Einzelne von uns kann dazu beitragen, dass diese grauenvolle industrielle Tierproduktion gestoppt wird. Doch bleibt es bei vielen nur bei Lippenbekenntnissen!
Der Verein gegen Tierfabriken hat hierzu eine Online-Petition gestartet. Unterzeichnen können Sie unter:

https://vgt.at/actionalert/tiertransporte/petition.php

Links:

- vgt.at
- www.animal-welfare-foundation.org
- www.europarl.europa.eu
- vbg.lko.at
- tirol.lko.at
- sbg.lko.at
- www.t-boer.de

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Arche Noah – eine Möglichkeit?

„Die in diesem Bericht veröffentlichten Daten geben Anlass zu großer Sorge!“
(UN-Generalsekretär António Guterres)

Dieser Tage erschien ein Bericht der Vereinten Nationen, der Grund zur Sorge machen sollte: Der Meeresspiegel stieg 2018 um 3,7 Millimeter. Für die meisten Medien war dies gerade mal Stoff für eine Tages-schlagzeile! Da damit jedoch ein Rekordwert gemessen wurde und die Kurve auch weiterhin nach oben geht, möchte ich dies heute etwas detaillierter betrachten und damit den Beweis antreten, dass nicht unerhebliche Teile der Menschheit damit wirklich ein Problem bekommen.
Die Weltwetterorganisation der UN betont, dass die letzten vier Jahre die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen sind – das war im Jahr 1781. Unter Berücksichtigung, dass die Industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann und das komplette 19. Jahrhundert hinweg bestimmte, wurden auch Daten zu einem Zeitpunkt gesammelt, in dem noch alles ungefiltert durch den Schornstein geblasen bzw. unbehandelt in die Flüsse eingeleitet wurde. Glaubt man den Industriebossen, so liefen Maschinen und Motoren noch nie so sauber wie in der Gegenwart. Und dennoch wird die Atmosphäre mit Treibhausgasen verdichtet, wie nie zuvor. Dadurch kann immer weniger Wärmestrahlung in das All entweichen. Detaillierter möchte ich an dieser Stelle nicht darauf eingehen, da dies schon Thema mehrerer meiner Ausführungen war.
Fakt ist jedoch, dass die alpinen, aber v.a. die arktischen und antarktischen Gletscher und Eisfelder schmelzen. Nach Angabe des Welt-Gletscher-Beobachtungsdienstes WGMO zum bereits 31. Mal in Folge. Und dies in einer dermassen rasanten Geschwindigkeit, dass eine Klima-Umkehr nicht mehr vorstellbar ersceint. Neben der Tatsache, dass ganze Meeres-Ströme, wie der Golfstrom, durch den hohen Anteil an Süß-wasser komplett aus dem Ruder gebracht werden – diese Massen an schmelzendem Eis sorgen auch für einen sehr ernstzunehmenden Anstieg des Meeresspiegels. Hinzu kommen immer heftigere Überschwemmungs-katastrophen wie zuletzt beispielsweise der Zyklon „Idai“, sodass das Wasser nicht mehr auf der Landfläche durch versickern gebunden wird, sondern direkt durch die Flüsse in’s Meer abfliesst. Die Abholzungen der Regenwälder zeigen sich dadurch in dramatischem Ausmaß.
Seit 1993 ist der Meeresspiegel durchschnittlich um 3,15 Millimeter pro Jahr angestiegen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnt jedoch: Im vergangenen Jahr waren es 3,7 Millimeter! Mein Gott, werden sich nun viele denken, das sind Millimeter und damit kein Anlass gleich laut aufzuschreien. Experten hingegen meinen: DOCH! Für die Fleissigen unter Ihnen eine Rechenaufgabe: Die Erdoberfläche beträgt 510 Mio qkm – 71 % davon sind von Wasser bedeckt. Diese 361,2 Mio qkm teilen sich wie folgt auf:
Pazifik 47 %
Atlantik 24 %
Indischer Ozean 20 %
Südlicher Ozean 5 %
Arktischer Ozean 4 %
Wenn Sie möchten, können Sie nun ausrechnen, wie viele Liter nun diese Steigerung von 3,7 Millimeter ergeben.
Die Durchschnittstemperatur war um ein Grad Celsius höher als der Referenzwert aus der vorindustriellen Zeit. Während sich die Politiker streiten, ob 2,1- 2.5 oder 2,8 Grad Erwärmung in’s Auge gefasst werden sollen und ob der Protest der Kinder gut oder schlecht ist, schmilzt das ewige Eis immer mehr.

„Zum Zögern ist keine Zeit mehr!“
(UN-Generalsekretär Antonio Guterres)

Es ist somit nurmehr eine Frage der Zeit, wann idyllische Südseeinseln für immer von der Weltkarte verschwinden werden. Auch wir in Europa bekommen dies zu spüren, liegen doch etwa die Niederlanden zu einem Grossteil unter dem Meeresspiegel. Eine solche Steigerung werden die dortigen Deiche nicht mehr halten. Auch in Norddeutschland wird es „Land unter“ heissen – die meisten der Halligen-Inseln im nordfriesischen Wattenmeer haben alsdann ein Ablaufdatum. Somit rückt also auch Europa immer mehr zusammen. Apropos: Bis September 2018 wurden 17,7 Millionen Binnenflüchtlinge gezählt. Kriege, Verfolgung, Armut, aber auch Hunger und Durst. Nicht weniger als 2 Millionen davon waren Umweltflüchtlinge. Sie verliessen ihr Zuhause wegen Katastrophen im Zusammenhang mit Klima und Wetter. Diese Zahl wird künftig eklatant ansteigen. Dürren trocknen ganze Länder aus, Überschwemmungen zerstören ganze Landstriche und Stürme verwüsten ganze Regionen. Hitzewellen dauern inzwischen um 0,37 Tage länger als in der Zeit von 1986 bis 2007 – zwischen 2000 und 2016 waren davon nicht weniger als 125 Millionen Menschen betroffen, so der WMO-Bericht.
Durch die Zunahme der Meerestemperatur gibt es immer heftigere Hurrikane, Taifune oder Zyklone, da weitaus mehr Wasser verdampft. 90 % der zusätzlichen Energie nämlich wird in den Weltmeeren gespeichert. Natürliche Strömungen, die das Klima ganzer Teilkontinente beeinflussen und einen Ausgleich zwischen den warmen Zonen am Äquator und den kalten in der Arktis und Antarktis brachten, funktionieren damit plötzlich nicht mehr.

https://www.youtube.com/watch?v=A9Tr_tH6HIU

Doch zurück zum Meeresspiegel. Der Meeresspiegel an den Küsten wird durch Faktoren wie den Gezeiten, Strömungen oder Wind beeinflusst. So ist der Amsterdamer Pegel beispielsweise nicht mit dem Genua- bzw. Triest-Pegel (+/- 30 cm) oder dem Kronstädter Pegel gleichzusetzen. Für Deutschland und die Niederlanden beispielsweise gilt der Amsterdamer Pegel als mittlerer Wasserspiegel, als Nullniveau. Von hier aus werden alle Anstiege und Senkungen über Jahre bzw. Jahrzehnte hinweg beobachtet und in den mittleren Wert einbezogen. Dadurch können jahreszeitliche Effekte sowie Ebbe und Flut nahezu ausgeschlossen werden.
Allerdings muss zudem die Dichteverteilung im Erdinneren berücksichtigt werden. Je dichter der Erdmantel ist, desto höher ist die Erdanziehungs-kraft. Das sorgt beispielsweise dafür, dass der Wasserpegel bei Sri Lanka (Indischer Ozean) um rund 105 m tiefer und bei Neu Guinea bis zu 80 m höher liegt als im Durchschnitt. Dies alles muss in Berechnungen zum Anstieg des Meeresspiegels einbezogen werden. Deshalb verwende ich im Folgenden nurmehr die Bezeichnung „Meeresspiegel“ – er bezieht sich auf den „mittleren Meeresspiegel“.
Von 1860 bis 2009 stieg der Meeresspiegel um rund 25 cm – seit 1870 merklich und zunehmend rasanter. Die Ursache dafür liegt – wie bereits kurz angesprochen – im Abtauen des ewigen Eises an den Polkappen und in den Bergen. Aber auch in der wärmebedingten Ausdehnung des Wassers. Kurz erklärt: Bei Solaranlagen (nicht Photovoltaik) gehört ein Ausgleichsbehälter stets dazu. Er sorgt dafür, dass sich an besonders sonnenintensiven Tagen das immer wärmer werdende Wasser im Puffer ausdehnen kann und dieser nicht explodiert. Sinkt die Temperatur im Puffer, so gibt das Rücklaufventil das im Ausgleichsbehälter befindliche Wasser wieder zurück in die Anlage. Oder: Das Wassererhitzten auf dem Herd. Geben Sie kaltes Wasser in einen Topf, markieren sie an der Topfwand den Wasserstand und erwärmen das Wasser. Es muss nicht mal kochen, also den Aggregatzustand in gasförmig ändern, sondern es reicht das Erwärmen, damit der Wasserstand steigt. Das ist selbstverständlich auch bei diesen ungeheuerlichen Wassermassen der Ozeane der Fall. Sorgen nicht Strömungen dafür, dass die Wärme abgeleitet wird. so sorgt die zunehmende Wassertemperatur etwa in der Südsee für einen höheren Meeresspiegel als der kühle Atlantik an der Küste Frankreichs. Diese beiden Faktoren werden die Zukunft nicht nur an den kontinentalen Küstengebieten bestimmen, sondern selbstver-ständlich auch auf den vielen Trauminseln, die kaum höher liegen als der dortige Meeresspiegel.

„Wir haben bereits einige Atolle verloren. Auf anderen zerstört das ansteigende Meer das Zuhause von Menschen und spült Särge und Skelette aus den Gräbern.”
(Tony de Brum, Aussenminister der Marshall Inseln)

Messungen via Satellit haben einen Anstieg des Meeresspiegels um 17 cm nur im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgezeigt. Bei der sog. „Satellitenaltimetrie“ werden vom Satelliten kurzwellige Radioimpulse senkrecht auf die Erde geschickt. Die Meeresoberfläche oder auch das polare Eis reflektiert diese Impulse und schickt sie wieder zum Satelliten zurück. Hierdurch können Millionen von Vergleichsdaten gesammelt und die Zunahme der Meereshöhe oder die Abnahme der Eisfläche durch die Laufzeit der Impulse gemessen und berechnet werden. Die ersten derartige Messungen wurden in den 1970er Jahren mit den Satelliten Geos C und Seasat durchgeführt, die Messungen mit TOPEX/Poseidon folgten 1992 und im Dezember 2001 schliesslich Messungen mit Jason. Auch die Satelliten im Rahmen der Projekte Champ und Grace bzw. IceSAT und seit September 2018 auch IceSAT-1 lieferten bzw. liefern wichtige Daten.
Dieser mittlere Meeresspiegelanstieg von 3,1 +/- 0,7 mm teilt sich zwischen 1993 und 2003 in etwa auf wie folgt:
Expansion durch Wärme 1,6 +/- 0,5 mm
Schmelzende Gletscher und Polkappen 0,77 +/- 0,22 mm
Schmelzen der grönländischen Gletscher 0,21 +/- 0,07 mm
Schmelzen des antarktischen Eisschildes 0,21 +/- 0,35 mm
Seither nahm der Anteil durch Expansion aufgrund der Wärme ab – dafür stieg jener durch abschmelzendes Eis eklatant an – alleine im Jahr 2006 beispielsweise verloren Arktis und Antarktis 475 Gigatonnen Eis. Ein Vergleich? Der Bodensee fasst 48 Gigatonnen Wasser.

https://youtu.be/F47brH3_IWs

Die Erde befindet sich eigentlich in einem Stadium mit besonders niedrigem eustatischen Meeresspiegel (Meeresspiegelschwankungen im globalen Maßstab), wie es in der Erdgeschichte beispielsweise im Karbon, Perm oder Trias der Fall war (demgegenüber steht ein hoher Meeres-spiegel wie etwa während der Oberkreide oder dem Ordovizium). Der Anstieg des Meeresspiegel ist somit einzig und allein auf einen klimatischen Ursprung zurückzuführen.
Im Worst Case – wie wirkt sich ein komplettes Abschmelzen des Eises auf den Meeresspiegel aus?

Gletscher 24 cm
Eiskappen 27 cm
Thermische Ausdehnung pro zusätzlichem Grad 20 bis 40 cm
Grönland-Eis 7 m
Antarktisches Eis 57 m

Eine Studie von Forschern der Ohio State University ergab, dass derzeit beispielsweise das grönländische Eis viermal schneller schmilzt als noch 2003. Dabei sprechen wir nicht von einigen Tonnen. Zwischen 2002 uns 2018 hat Grönland jährlich dermassen viel Eis verloren, dass mit dem Schmelzwasser 5 Bodenseen gefüllt werden könnten. Das alleine reicht für einen Anstieg des Meeresspiegels um 0,8 mm pro Jahr.

„Jetzt erkennen wir aber noch ein zweites ernstes Problem: Immer mehr innere Eismasse fließt als Schmelzwasser dem Meer zu.“
(Michael Bewies, Studienleiter Ohio State University)

Bis zum Jahr 2100 erwarten Forscher aus den unterschiedlichsten Fachgebieten einen Anstieg von bis zu 2 Metern. Die letzte Warmklimaphase fand vor 35 Millionen Jahren statt – im sog. „Eozän“. Während dieser Zeit schmolzen die Polkappen nahezu gänzlich ab. Der Meeresspiegel befand sich um rund 70 m höher als derzeit.
Doch wen betrifft dieser Pegelanstieg eigentlich? Es sind vor allem kleine Inselstaaten oder Atolle im Pazifik und der Karibik, die es schon in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird. Deshalb hier nun eine kleine Auflistung inkl. der Bevölkerungszahlen, da auch diese Menschen nach und nach zu Flüchtlingen werden:

- Kiribati (115.000)
- Malediven (269.000)
- Marshall-Inseln (58.000)
- Mikronesien (500.000)
- Nauru (10.000)
- Palau (22.000)
- Tokelau (1.400)
- Tuvalu (9.000)

Die höchste Land-Erhebung auf Tuvalu beläuft sich auf 5 Meter über dem Meeresspiegel. Die ersten Umsiedelungen aufgrund des steigenden Meeresspiegels gab es bereits auf der pazifischen Insel Vanuatu im Jahr 2005. Auch auf den nicht unmittelbar gefährdeten Fiji-Inseln wurden schon küstennahe Dörfer in höhere Regionen verlegt. Insgesamt sind 43 Inselstaaten von der Überflutung betroffen. Die Atolle umso mehr, als das wärmere Meerwasser zur Korallenbleiche führt, die das Wachstum der Korallen stark einschränkt bzw. sogar stoppt.
Auch die Kontinentalküsten sind selbstverständlich davon betroffen:

- Ägypten
- Bangladesh
- China
- Indonesien
- Niederlanden
- Pakistan
- Thailand

Die 20 Millionenstadt Shanghai beispielsweise liegt durchschnittlich 4 m über dem dortigen Meeresspiegel. In Ägypten wären bei einem Anstieg von nur 50 cm nicht weniger als 12 Millionen Menschen betroffen, in Bangladesh leben 10 Millionen Menschen auf einer Fläche, die max. 1 m über Meeresspiegel-Niveau liegt. Nach Berechnungen der OECD würden im Jahr 2070 bei einem Anstieg des Meeresspiegels von +/- 50 cm ganze 150 Millionen Menschen weltweit zu Klima-Flüchtlingen – nur in küsten-nahen Millionenstädten!

„Ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen, wie erschütternd es ist die Gleichgültigkeit zu sehen, mit der der Misere kleiner Inselstaaten begegnet wird.”
(Marlene Inemwin Moses, UNO-Botschafterin des Inselstaates Nauru)

Seit einem Viertel Jahrhundert laufen nun die Klimaverhandlungen – zumeist ohne Resultat. Was wird mit den Menschen geschehen, die ihre Heimat, ihre Jahrhunderte alte Tradition, ihre Kultur verlieren. Sollten auch Klimaschutzmassnahmen sofort gesetzt werden, so würde dies dennoch den Anstieg des Meeresspiegels nicht mehr stoppen. Hier ist der Point-of-no-return bereits überschritten.
Ich hoffe, ich habe mit diesem Blog etwas zum Verständnis der kleinen Greta Thunberg beitragen können und den einen oder anderen Skeptiker über die Dringlichkeit ihrer Forderungen überzeugen können, denn: Wir haben keine Zeit mehr!!!

Lesetipps:

.) Mut zur Nachhaltigkeit. 12 Wege in die Zukunft; Hrsg.: Klaus Wiegand; FISCHER Taschenbuch 2016
.) Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie; Stefan Rahmstorf / Hans Joachim Schellnhuber: Beck 2006
.) Sea Level Rise: History and Consequences; Bruce C. Douglas / Michael S. Kearney / Stephen P. Leatherman; Academic Press 2000

Links:

- www.wcrp-climate.org
- public.wmo.int/en
- research.csiro.au
- www.ipcc.de
- www.nationalacademies.org/nasem/
- climate.nasa.gov/vital-signs/sea-level/
- www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de
- www.mpg.de/de
- ice.tsu.ru
- icesat-2.gsfc.nasa.gov
- www.unenvironment.org
- www.klimafakten.de
- 350.org
- searise.correctiv.org/de/

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