Gefahr für Mensch und Tier

Na, heute wieder Stress in der Arbeit gehabt? Nervt vielleicht der Chef oder vielleicht Zoff in der Familie? Dann unternehmen Sie doch ganz einfach einen Spaziergang durch den Wald. Zum Abschalten sozusagen – aber auch zum Krafttanken. Der Wald ist eines der wichtigsten Naher-holungsgebiete, über die wir uns in Mitteleuropa nach freuen können. Teils riesige, uralte Bäume legen Zeugnis davon ab, welche Macht die Natur hat. Dazu kommen die vielen neuen Sinneseindrücke und die sauerstoffreiche Luft.
Doch kann wider allen Erwartens dieser Wald auch gefährlich werden. Und dabei sind es nicht mal die grossen Beutefänger wie Wolf oder Bär, die wieder in ihre alte Heimat zurückkehren, sondern kleine Raupen, die es aber wahrhaft in sich haben: Die Eichenprozessionsspinner (EPS) – nicht zu verwechseln übrigens mit dem Eichenspinner!

https://www.youtube.com/watch?v=FRIQWagffJA

Bis zum Juni bevölkern sie zu Millionen die Baumkronen – heuer ist es aufgrund des vorigen, lange warmen Herbstes, des milden Winters und des sehr warmen Frühlings wieder besonders zu bemerken. Der Eichenprozessionsspinner gehört zur Gruppe der Nachtfalter und ist eigentlich harmlos. Die Flügelspanweite reicht zwischen 25 bis 36 mm – dabei sind die weiblichen grösser als die männlichen (Sexual-dimorphismus). Auch sind die weiblichen wesentlich heller als die kastanienbraunen Flügel der Männchen. Ein einziges Weibchen kann bis zu 300 Eier legen. Die Jungraupe überwintert im Ei. Normalerweise im Mai – im Laufe eines sehr warmen Frühlings jedoch auch schon im April schlüpfen die Raupen. Gefährlich ist vor allem das 3. bis 5. Larvenstadium. Diese 50 bis 80 mm grossen Raupen kriechen nämlich zwischen April und Juni in prozessionsähnlichen Gruppen (daher der Name) mit einer Länge von bis zu 10 m aus den Baumkronen, die sie während des Frühjahrs teils grossräumig abgefressen haben können (Lichtungs- bzw. Kahlfrass), in Richtung Boden. Dort finden sie ihre Nahrung ganz entgegen ihres Namens an Sträuchern, wie Schlehdorn, Brombeer, Blaubeere, und Besenginster. Die Rauschbeere, Weiden und die Besenheide sind ebenfalls heiss begehrt. Auch hier können sie grossen Schaden anrichten, weshalb sie in der Landwirtschaft und dem Beerenanbau nicht wirklich gern gesehen sind.
Damit sie diesen Weg überleben und nicht etwa davor von Fressfeinden den Weg in die Nahrungskette finden, besitzen sie dichte, feinste Brennhaare (bis zu 600.000). Kommen Mensch und Tier mit diesen Härchen in Berührung, so lösen sie Hautexeme aus, die durch das Jucken und Kratzen noch wesentlich schmerzhafter werden. Gelangt das Gift in die Augen oder Atemwege ist gerade für Allergiker höchste Alarmstufe geboten. Deshalb gleich mal vorweg: Meiden Sie in diesen Monaten den Aufenthalt an oder unter einer Eiche bzw. im Bereich der angesprochenen Sträucher.
Der Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) gehört zur Ordnung der Schmetterlinge und kommt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Entdeckt wurde er in Deutschland erstmals im 19. Jahr-hundert. Nachdem er nahezu als ausgestorben galt, ist er seit rund 20 Jahren auch in unseren Breiten wieder recht aktiv, wo er zu einem gefährlichen Allergieträger avanzierte. Zu den natürlichen Feinden gehören Wanzen, Schlupfwespen, Raupenfliegen, der Kuckuck und räuberische Käfer wie etwa der Puppenräuber. In den Baumkronen von Eichen durchleben die Falter in Gespinstnestern mit etwa 30 anderen ihre ersten Stadien. Für einen Laien sehen diese wie Zuckerwatte aus. Es empfiehlt sich allerdings, einen weiter Bogen um solche Bäume zu machen. Diese Gespinstnester bestehen nicht nur aus Raupenseide, sondern auch aus alten Raupenhäuten und -haaren – sie sind deshalb hochgefährlich. Ab dem 3. Larvenstadium bilden die Raupen Härchen aus. Die rund 0,1 bis 0,3 mm grossen Haare besitzen Widerhaken, wodurch sie sich leicht festsetzen und schlecht zu entfernen sind. Das ist besonders im Auge besonders gefährlich: Hat sich ein solches Haar dort verfangen, sollten die Tränen nicht weggewischt werden, das Auge also auf gar keinen Fall gerieben werden. Durch diese Widerhaken kann das Haar nämlich die Hornhaut durchstossen – der todsichere Auslöser für eine sehr schmerzhafte Hornhautentzündung. Ausserden beinhalten sie das Nesselgift Thaumetopoein, die Ursache für die sog. “Raupen-dermatitis”: Starke Hautrötungen oder gar Quaddeln oder Pusteln. Da dies jedoch sehr leicht mit der Krätze (durch Milben verursacht) zu verwechseln ist – wird ein Arzt konsultiert – sollte man vom Aufenthalt im Wald oder Park berichten. Handelt es sich nur um wenige Haare, so verschwinden diese Entzündungen vornehmlich auf nicht behaarten Hautpartien wie Gesicht, Nacken, Armen oder Beinen nach rund 14 Tagen von selbst. Allerdings sollte nicht gekratzt werden, auch wenn es aufgrund des starken Juckreizes nicht wirklich einfach ist. Ansonsten kann sich die befallene Hautstelle leicht entzünden, was den medizinischen Beistand unbedingt erforderlich macht.
Auf jeden Fall sollte ein Arzt aufgesucht werden, wenn ein Auge (bei etwa 20 %) oder die Atemwege (rund 10 %) betroffen sind. Im Auge führen die Härchen zu einer Rötung der Bindehaut, Lichtscheue und Schwellungen. Aufgrund des vorhin beschriebenen Sachverhaltes müssen die Härchen fachmännisch entfernt werden, da nicht immer die Tränenflüssigkeit den Eindringling herausspült.
Besonders problematisch sind die Härchen in den Atemwegen. Hier lösen sie Entzündungsherde aus, die einer Bronchitis, einer Kehlkopf- oder einer Rachenentzündung ähneln. Bei Asthmatikern können sie zudem für einen Asthma-Anfall verantwortlich sein. Hier helfen Kortison-Sprays sowie Antihistaminika. Schlecht für Allergiker: Nachdem das Immun-system darauf sensibilisiert wurde, wird jeder weitere Kontakt mit solchen Haaren schlimmer. Tritt Atemnot ein, so müssen bronchienerweiternde Medikamente (Bronchodilatatoren) eingenommen werden. Ein anaphylaktischer Schock hingegen ist sehr selten.
Die Zeit zwischen Ende Mai bis Anfang Juli ist allerdings die gefährlichste, da die Raupen ihre Härchen verlieren. Sie werden durch den Wind bis zu 200 m weit verfrachtet. Dadurch wird in dieser Zeit ein Kontakt am wahrscheinlichsten. All das gilt übrigens auch für Haustiere wie Hund und Katz, aber auch für Pferde. Diese sind eigentlich durch ihr Fell geschützt. Gelangt das Nesselgift jedoch durch Schnuppern oder Säubern des Felles an Schleimhäute, so führt dies zu Atemnot und Schwellung des Kopfes. Deshalb sollte das Fell nach Kontakt gut ausgespült und bei akuten Symptomen sofort der Tierarzt aufgesucht werden.
Haben Sie sich nun tatsächlich eines dieser Nesselhärchen eingefangen, so sollten Sie die Kleidung wechseln, mit 60 Grad waschen und gut duschen bzw. die betroffene Hautstelle mit Seifenwasser säubern. Danach bitte kein Handtuch verwenden, da sie ansonsten noch verbliebene Haare in die Haut einmassieren. Verwenden Sie einen Föhn zum Trocknen. Den Juckreiz können Sie mit einer kalten Kompresse lindern.

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Eichen finden sich in ganz Deutschland und Österreich. In starken Befallsjahren sind auch Hainbuchen betroffen! Bevorzugt werden allein-stehende, gut besonnte Bäume – die gibt es vermehrt in Freibädern, an Sportplätzen oder in Schulhöfen bzw. am Waldrand. Besonders aktiv sind die Raupen jedoch entlang des Rheins, im Nordosten und Süden Deutschlands; in Österreich in einzelnen Bereichen von Wien (Wienerwald, Lobau), dem niederösterreichischen Hochleitenwald und auch der Südsteiermark, in der westlichen Schweiz und dem Mittelland. In Berlin und Brandenburg waren bereits 2013 mehr als 10.000 Bäume befallen, im Jahr zuvor liessen sich mehr als 7.000 Personen mit diesen Symptomen beim Arzt versorgen! Jeder Vierte war ein Kind oder Jugendlicher. Heuer wurden in der Schweiz bereits 11 dieser Vergiftungsfälle behandelt. Auch beim diesjährigen Open Air “Rock im Park” in Nürnberg mussten einige der Fans mit solchen Hautausschlägen behandelt werden. Betroffene Gebiete werden sofort gesperrt, wie etwa der Schlosspark von Schönbrunn. Derartige Betretungsverbote sollten im eigenen Interesse ernst genommen werden. Besonders schwierig aber ist die Bekämpfung in den städtischen Parks, wie etwa dem Prater in Wien, der heuer besonders stark betroffen ist – in Wien sind rund 400 Bäume befallen. Je einseitiger sich die Insekten ernähren können, desto länger leben sie übrigens auch, wurde in der Schweiz nachgewiesen. Die Raupen verpuppen sich Ende Juni um im August als Falter zu schlüpfen. Die Gifthaare in den Gespinstnestern jedoch bleiben bis zu zehn Jahre, lose bis zu einem Jahr aktiv. Hier ist also mit erhöhter Vorsicht zu agieren. Die Entfernung dieser Gespinste sollte ausschliesslich durch Fachleute vorgenommen werden. Sie kratzen, flämmen oder saugen die Nester ab. Dabei ist ein Schutzanzug unbedingt erforderlich. In der Prävention werden befallene Bäume mit einem bakteriologischen Gift (Bacillus thuringiensis) entweder vom Boden oder bei Eichenwäldern vom Hubschrauber aus besprüht. Das Stoffwechselendprodukt des Bakteriums verbindet sich im Darm der Raupe mit dort vorkommenden Enzymen zu einem Gift – die Raupe stellt nach drei bis vier Tagen den Frass ein und verendet. Dies solte noch bevor die Brennhaare ausgebildet werden geschehen. Entdecken Sie im heimischen Garten ein solches Gespinstnest, so müssen Sie dies beim zuständigen Gemeindeamt oder der Stadtverwaltung (Garten- oder Gesundheitsamt) melden. Bitte entfernen Sie das Nest nicht selbst!
Übrigens: In Bayern etwa ist das Fällen befallener Bäume verboten, sofern diese unter die Baumschutzverordnung fallen, so das Urteil des Verwaltungsgerichtshofes München. Diese verbietet nämlich das Fällen von Bäumen ab einem gewissen Stammumfang. Einzige Ausnahme bildet dabei nur ein grundstückbezogener Grund! Ob Nesselgift oder nicht! Hier muss deshalb der Grundeigentümer Schädlingsbekämpfungsmassnahmen veranlassen.

Lesetipps:

.) Die Schmetterlinge Baden Württembergs Band 4, Nachtfalter II.; Günter Ebert; Ulmer Verlag 1994
.) Der Neue Kosmos Schmetterlingsführer, Schmetterlinge, Raupen und Futterpflanzen; Heiko Bellmann; Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co 2003
.) Nachtfalter, Spinner und Schwärmer; Hans-Josef Weidemann/Jochen Köhler; Naturbuch-Verlag 1996

Links:

- www.umweltbundesamt.de
- www.umweltbundesamt.a
- www.julius-kuehn.de
- www.stadtbaum.at
- www.dog.org
- www.eichenprozessionsspinner.org
- www.lepiforum.de
- www.natur-schmetterlinge.ch
- www.schmetterling-raupe.de
- www.waldwissen.net

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