Syphilis – eine Geißel Gottes?

Die Geschlechtskrankheit Syphilis, oder auch “Lues” bzw. “maladie française”, wurde in früheren Zeiten als “Strafe Gottes” bezeichnet. Schon im Jahre 1495 sprach der Arzt Niccolo Leoniceno aus Vicenza in seinen Vorlesungen von der Epidemie einer Krankheit, die er als “Morbus gallicus” benannte. Er bezog sich auf eine neuartige Hauterkrankung, die seit 1493 in den spanischen Hafenstädten tobte und sich von dort rasend schnell im gesamten westlichen Mittelmeerraum ausbreitete. Den Ursprung könnte sie in der zweiten Fahrt von Christoper Kolumbus nach Hispaniola (Haiti) gehabt haben. Molekularbiologen haben inzwischen nachgewiesen, dass tatsächlich Bakterien des südamerikanischen Syphilisstammes auf diese Art nach Europa eingeschleppt wurden. Während der Besetzung Neapels im Jahr 1495 durch Karl VIII. von Frankreich kam es dort wirklich zu einer Epidemie, die von den Söldnertruppen über das ganze restliche Europa verschleppt wurde. Eine andere Ursprungstheorie geht von einer sehr seltenen Konjunktur des Saturns mit dem Jupiter im Zeichen des Skorpions und Hause des Mars aus (Miasma-Theorie). In einem Gedicht des Mediziners Girolamo Fracastoro soll der Schafhirte Syphilus von Gott mit einer neuen Krankheit bestraft worden sein, da er Gotteslästerung betrieb – das brachte den Namen. Zudem wird sie ausschliesslich durch den Geschlechtsverkehr übertragen und der Betroffene geht meist elendigst zugrunde. Durchaus also Hinweise für eine böse Strafe notorischer Sünder durch die höchste Obrigkeit. Knochenfunde im englischen Riverhall/Essex zeigen allerdings, daß das Bakterium bereits vor 1445 aktiv war. Auch Grabungen am Domplatz von St. Pölten/Österreich brachten Skelette aus dem 14. Jahrhundert zu Tage, die typische Syphilis-Merkmale aufwiesen. Archäologische Ausgrabungen in der griechischen Siedlung Metapont in Süditalien gaben ebenfalls Hinweise darauf, dass die Menschen schon weitaus früher an Syphilis erkrankten. Die Knochen stammen aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Die Gefahr also, sich bei oftmaligem Partnerwechsel zu infizieren, war vor der Erfindung des Kondoms sehr hoch. Nachdem nun die Ärzte aufschreien, daß die Zahl der Erkrankungen wieder eklatant ansteigt, möchte ich dem nachgehen: Was steckt wirklich dahinter?!
Die Krankheit überträgt sich durch das spiralförmige Bakterium Treponema pallidum während des Geschlechtsakts. Ausserhalb des Körpers stirbt es sehr rasch ab, innerhalb teilt es sich alle 36 Stunden. Das Bakterium gelangt über die Schleimhaut oder feinste Hautrisse in das Innere des Körpers. Somit ist also nicht nur der herkömmliche Geschlechtsverkehr, sondern zudem Oral- oder Analsex durchaus riskant. Ebenso wie der HI-Virus ist die Infektion auch durch Bluttransfusionen oder Blutkontakt möglich – jedoch weitaus seltener. Die letzte Infektion durch eine Bluttranfusion liegt in Deutschland bereits 20 Jahre zurück. Auch eine Infektion während der Schwangerschaft ist sehr problematisch und kann zu einer Fehlgeburt oder einem infizierten Kind führen (Lues connata präcox). Ab der 20. Schwangerschaftswoche ist der Erreger plazentagängig, überwindet also die natürliche Barriere zwischen dem Kreislauf der Mutter und dem des Kindes. Neugeborene Infizierte sind normalerweise unauffällig, die Krankheit zeigt sich erst etwas später. Einige wenige Säuglinge können unter Atemnot, Ödeme, Untergewicht, Hautausschlägen, Lymphknoten- oder einer Milzschwellung leiden. Die Lues connata tarda tritt bei einer Infektion der Mutter in der Schwangerschaft während der ersten Lebensmonate des Kindes auf. Sie äussert sich durch Knochenfehlbildungen an Gaumen, Stirn und Nase, Fieber, Hautausschlag, blutigem Schnupfen, Taubheit, Krampfanfällen und Knieproblemen. Aufgrund dieser schwerwiegenden Krankheitsbilder wird bei Schwangerschaftsuntersuchungen automatisch eine mögliche Syphilis-Infektion der Mutter überprüft. Deshalb sind derartige Erkrankungen bei Kindern zumindest in unseren Breiten sehr selten geworden. Ansonsten kann rechtzeitig mit einer entsprechenden Therapie begonnen werden.
Apropos Therapie: Aufgrund der guten Therapieerfolge hat die Syphilis offenbar ihren Schrecken verloren. So steigt die Anzahl der Neuinfektionen jedes Jahr. In Deutschland wurden beispielsweise im Jahr 2014 rund 5.700 Erkrankungen gemeldet, ein Jahr später bereits 6834. V.a. homosexuelle Männer sind davon betroffen. Weltweit stecken sich zirka 12 Millionen Menschen pro Jahr an. Jedoch nicht nur an Syphilis, sondern auch an Krankheiten, die von Erregern aus derselben Bakterien-Familie stammen: Bejel (Afrika und Mittlerer Osten), Frambösie (Afrika, Asien und Lateinamerika), Pinta (Süd- und Mittelamerika) oder auch der Plaut-Vincent-Angina. In Westeuropa sank die Zahl aufgrund der AIDS-Kampagnen ab den 80er Jahren. Seit 2001 allerdings steigt die Kurve wieder an. In Österreich etwa wurden 2006 267 Erkrankungen gezählt, ein Jahr später waren es bereits 441 und 2008 gar 551. Nichtpathogene Treponema-Arten hat jeder Mensch in der Flora des Mundes, des Verdauungstraktes und in den Geschlechtsorganen.
Eines sollte jedoch niemals vergessen werden: Gegen die Krankheit wird man nicht immun sondern kann sich jederzeit wieder anstecken. Das Risiko einer Ansteckung beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer erkrankten Person liegt bei 40-60 %. Nicht immer treten nach einer Infektion Beschwerden sofort auf. Es kann sogar mitunter Jahre dauern.
Die Syphilis verläuft in drei bis vier Stadien – bei einer gleichzeitigen HIV-Infektion jedoch atypisch. Auch im Einzelfall kann es zu einem komplett anderen Krankheitsverlauf kommen.

- Primärstadium
Meist zwei bis drei Wochen nach Ansteckung – aber auch bis zu 90 Tage danach. Aus einem etwa hirsekorn-grossen Knoten entwickelt sich ein schmerzfreies, nässendes Geschwür am Penis oder der Scheide, das einen harten Rand (Ulkus durum) ausbildet. Hier traf der Erreger auf. In diesem ersten Stadium ist die erkrankte Person am ansteckendsten: Es reicht schon ein kurzer Hautkontakt. Ohne entsprechende Therapie bleibt der Erkrankte jedoch über Jahre hinweg infektiös. Je nach Sexualpraktik kann dieses Geschwür auch im Mund, am After oder auf den Brüsten auftreten. In weiterer Folge schwellen die benachbarten Lymphknoten (etwa in der Leistengegend) an. Dies verschwindet üblicherweise nach einigen Wochen wieder von selbst.
- Sekundärstadium
Durch das Gefässsystem (Blut- und Lymphbahnen) breitet sich das Bakterium nach zwei bis drei Monaten über den ganzen Körper aus. Dies führt zu einem Anschwellen der Lymphknoten – vornehmlich am Hals und in den Achseln. Damit einher gehen Gelenk- und Muskelschmerzen, Abgeschlagenheit, Fieber und Kopfschmerzen. Am Körper, zumeist an den Handflächen und Fusssohlen tritt ein nicht-juckender, masernartiger Hautausschlag auf. Aus diesen Flecken bilden sich mit der Zeit rötliche bzw. bräunliche Knoten, die aufplatzen und nässen können. Das sind Krankheitserreger, die wiederum hochinfektiös sind. Besonders grosse Knoten bilden sich im Genital- bzw. Analbereich – der Mediziner bezeichnet sie als “Condyloma lata”. Bei manchen Patienten kann es zu einem Haarausfall und einer Veränderung der Mundschleimhaut kommen. Dabei sind auch Mandeln und Rachen entzündet. Diese Symptome ebben normalerweise nach einem Jahr wieder ab – sie können jedoch jederzeit erneut auftreten (“versteckte Syhilis”).
- Tertiärstadium
Rund 25 % der nicht behandelten Erkrankten kommen – wenn auch drei bis fünf Jahre später – in dieses Stadium. Nun wird’s so richtig unschön, da alle Organe, Knochen und Muskeln des Körper entzündet sind. Auf der Haut, der Zunge und der Nase bilden sich grosse Knoten, die aufplatzen können. Blutgefässe werden befallen; so kann es zu einem Aorten-Aneurysma kommen (bis zu 30 Jahre später). Bricht diese Aussackung der Hauptschlagader, so droht eine rasche Verblutung. Undichte Herzklappen (Herzklappen-Insuffizienz) führen zu Problemen des Herz- und Kreis-laufsystems. Ist auch der Sehnerv oder die Regenbogenhaut des Auges entzündet, so kann dies auf auf eine Entzündung des zentralen Nervensystems schliessen lassen.
- Quartärstadium
Wird das zentrale Nervensystem geschädigt (unbehandelt bei ebenfalls rund 25 % – möglicherweise auch erst Jahrzehnte später), so bezeichnet dies der Fachmann als “Neurosyphilis”. Sie zerstört sowohl das Gehirn als auch das Rückenmark. Anzeichen für ein geschädigtes Rückenmark sind lanzenstichartige Schmerzen in der Bauchgegend und den Beinen. Weiters folgen Probleme an Knochen und Gelenken (unsicherer Gang), Kreislauf-störungen, Gefühlsbeeinträchtigungen, Kontrollverlust über Blase und Darm und schliesslich Lähmungen. Derartige Symptome sind als “Tabes dorsalis” bekannt. Wird das Gehirn in Form einer chronischen Gehirnentzündung beeinträchtigt (Syphilis cerebrospinalis), so spricht man von einer “progressiven Paralyse”, also einer fortschreitenden Lähmung, begleitet von Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Die Folge ist ein geistiger Abbau bis hin zur Demenz und dem Tod. Erste Anzeichen dafür können sein: Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit, Schwächen beim Hören und Sehen, ja mitunter auch Lähmungs-erscheinungen.
Wird nun die Krankheit nicht behandelt, so heilt sie bei jenen, die Glück haben, aus (33 – 50 %). Damit würde ich jedoch nicht spekulieren – ein möglicherweise tödlicher Gedankengang (bei rund 10 %).
Das heimtückische an dieser Krankheit ist, dass sie über Jahre hinweg komplett im Verborgenen brodeln kann. Dann ist sie nur anhand von Bluttests nachweisbar. Kann der Dermatologe und Venerologe, an den der Hausarzt überwiesen hat, aus dem durch einen Abstrich entnommenen Sekret nichts erkennen, ist ein solcher Bluttest für die Diagnose unbedingt erforderlich. Dabei wird anhand eines
- TPPA-Tests (Treponema-pallidum Partikelagglutinationstest) oder
- TPHA-Tests (Treponema-pallidum-Hämagglutinationstest)
überprüft, ob das Immunsystem bereits Abwehrkörper gegen das Bakterium gebildet hat. Ist dies der Fall, wird mit einem Bestätigungstest wie dem FTA abs (Treponema-pallidum-Antikörper-Fluoreszenztest) oder Immunoblot die Gewissheit geholt. Besteht der dringende Verdacht auf eine Erkrankung, allerdings lässt sich das nicht nachweisen, so werden die Proben nach zwei bis drei Wochen wiederholt. Nun muss ausgeschlossen werden, dass das zentrale Nervensystem ebenfalls befallen ist. Dies wird bei örtlicher Betäubung durch eine Liquorpunktion durchgeführt. Dabei führt der Arzt eine feine Nadel in den Rückenmarks-kanal ein und entnimmt Rückenmarksflüssigkeit. Auch diese wird auf Antikörper gegen das Bakterium hin analysiert. Ein Syphilis-Patient wird stets auf andere Geschlechtskrankheiten und dem HI-Virus überprüft, da diese den Krankheitsverlauf und die Therapie beeinflussen können.
Nachdem die Syphilis meldepflichtig ist, erstattet bereits der Laborarzt eine solche Meldung in Deutschland an das Robert-Koch-Institut, in Österreich an die Landessanitätsbehörde, in der Schweiz an den kantonsärztlichen Dienst und das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Meldung erfolgt anonym, also ohne Namensnennung des Patienten. Sie wird in weiterer Folge durch die Untersuchungsergebnisse des behandelnden Arztes ergänzt.
Im 15. Jahrhundert erfolgte die Behandlung der Patienten mit Queck-silbersalzen – sie starben alsdann nicht an der Syphilis als vielmehr einer Quecksilbervergiftung. Auch mit Arsen wurden Versuche durchgeführt, die oftmals tödlich endeten. Nachdem bekannt wurde, dass der Erreger ab 41 Grad Celsius abstirbt, wurden Patienten mit Malaria infiziert – dafür erhielt der österreichische Psychiater Julius Wagner-Jauregg 1927 sogar den Nobelpreis für Medizin. Erst 1943 entdeckte der US-amerikanische Arzt John F. Mahoney die Wirksamkeit von Penicillin. Heutzutage werden auch andere Antibiotika (wie Cephalosporine, Tetrazykline, Makrolide) eingesetzt. Die Dosierung und Intensität richtet sich nach dem Krankheitsstadium. Die Prognosen für eine Heilung im ersten oder zweiten Stadium sind sehr gut. Wurden aber bereits Organe befallen, so ist dies irreversibel. Die Heilungschancen im dritten und vierten Stadium sind entsprechend schlecht. Zerfällt der Erreger während der medikamentösen Therapie zu rasch, so kam es in Einzelfällen durch das Freiwerden von Toxinen zur sog. “Jarisch-Herxheimer-Reaktion”: Fieber, Muskelschmerzen, Schüttelfrost und schliesslich Blutdruckabfall. Dagegen erfolgt eine Kortisonverabreichung.
Immer wieder gab es auf der Suche nach einem wirksamen Gegenmittel Medizinskandale. Dabei wurden oftmals Patienten ohne deren Wissen infiziert. Der wohl grösste Skandal jedoch erfolgte zwischen 1932 und 1972 im Städtchen Tuskegee/Alabama in den USA (“Tuskegee-Syphilis-Studie”). Die zumeist armen, afro-amerikanische Erkrankten wurden absichtlich nicht behandelt um zu beobachten, wie sich die Krankheit entwickelt. Die Betroffenen wurden auch 1943 nach der Mahoney-Entdeckung einer Therapie in Unkenntnis gelassen. Die USA übrigens führten zudem in den Jahren 1946 bis 1948 in Guatemala Menschen-versuche durch.
Es liegt in der Pflicht, dass der/die Betroffene alle Partner, die er/sie nach der möglichen Infektion gehabt haben könnte (bis zu 90 Tage vor Auftreten der ersten Symptome), informiert, damit auch sie sich behandeln lassen können (“Partner-Tracing”). Wird die Krankheit erst im zweiten Stadium erkannt, so müssen alle Partner der vergangenen zwei Jahre untersucht werden.
Vorsicht bei Selbstdiagnosen und Behandlungen: Bei der Syphilis muss unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.
Wer sich bei häufigem Partnerwechsel all das ersparen möchte, sollte stets den mit einem Kondom geschützten Geschlechtsverkehr bevorzugen. Zwar besteht auch hier keine 100 %-ige Sicherheit, doch wird eine mögliche Übertragung unwahrscheinlicher.

Film:

.) Das Syphilisgeheimnis; S. Cerasuolo, E. Fergnachino; Großbritannien 2002

Lesetipps:

.) Der Unzucht und Lastern derbey entspringende Krankheit: Syphilis und deren Bekämpfung in der Frühen Neuzeit am Beispiel des Wiener Bürgerspitals St. Marx; Melanie Linöcker; VDM Verlag Dr. Müller 2008
.) Der Ursprung der Syphilis: eine medizinische und kulturgeschichtliche Untersuchung; Iwan Bloch; Fischer 1901
.) Martin Pollich von Mellrichstadt (geb. um 1455, gest. 1513) und sein Streit mit Simon Pistoris über den Ursprung der „Syphilis“; Helmut Schlereth; Königshausen & Neumann 2001
.) Aus der Frühgeschichte der Syphilis. Handschriften- und Inkunabelstudien: epidemiologische Untersuchung und kritische Gänge (= Studien zur Geschichte der Medizin. Band 9); Karl Sudhoff; Barth 1912
.) Amors vergifteter Pfeil. Kulturgeschichte einer verschwiegenen Krankheit; Ernst Bäumler; Hoffmann & Campe 1976
.) Die Strafe der Venus. Eine Kulturgeschichte der Geschlechtskrankheiten; Birgit Adam; Orbis 2001
.) Handbuch der Geschichte der Medizin; Hrsg.: Max Neuburger/Julius Pagel; G. Fischer 1905
.) Ethics and error. The dispute between Ricord and Auzias-Turenne over syphilization 1845–70; D. Beyer Perett; Stanford 1977
.) The Columbian exchange: biological and cultural consequences of 1492; Alfred W. Crosby; Praeger 2003

Links.

- www.dstig.de
- www.oegstd.at
- www.bmgf.gv.at
- www.bag.admin.ch/bag/de
- www.meduniwien.ac.at
- www.gesundheitsamt-bw.de
- www.rki.de
- www.laborkrone.de
- www.liebesleben.de
- www.aids.ch
- www.lovelife.ch/de
- www.cdc.gov

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