Kreuzfahrtschiffe – Umweltbomben zum Quadrat

Man nennt sie die „Riesen der Ozeane“ – tatsächlich sind Kreuzfahrt-schiffe schwimmende Kleinstädte, die keinen Wunsch unerfüllt lassen. Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass ich mir das nicht auch gerne mal von innen ansehen möchte. Ich glaube, es war damals die Doku über den Bau der Norwegian Breakaway, die mich derart begeisterte.

https://www.youtube.com/watch?v=vWYsRUxmt3A

Doch wie alles hat auch das Bereisen der Weltmeere seine Schattenseiten. Damit 20.000 Tonnen bewegt werden können, jeder fliessend kaltes und warmes Wasser in der Kabine hat, ein üppiges Kapitäns-Dinner abge-halten werden kann und auch tatsächlich das Licht angeht, wenn der Schalter betätigt wird, dazu ist ein ungeheuerlicher Energieaufwand vonnöten. Daneben produzieren bis zu 8.000 Menschen einen ganz ordentlichen Haufen Müll und Abwässer.
Rollen wir das Ganze mal von hinten auf:
Gab es in grauen Vorzeiten einen Donnerbalken am Heck eines Schiffes, so wurden immer wieder Seeleute vermisst. Sie nahmen das Wort „Runterspülen“ wohl zu ernst. Bei der grossen Anzahl der Reisenden und Crew wäre dies heutzutage wohl nicht mehr zumutbar. Da muss nur einer dabei sein, der Zeitung liest!!! Aber – Spass beiseite. Grau- und Schwarz-wasser werden häufig nach wie vor teils geklärt, teils nicht geklärt in den Ozean abgelassen. Was auf hoher See wohl ohne weiteres möglich ist, kann am windstillen Äquator oder in einem Binnenmeer wie etwa der Ostsee zu einem ganz gewaltigen Problem werden. Deshalb entsorgen rund 70 bis 80 % der Ostsee-Schiffe dies in den Häfen – ab 2021 wird es für alle Kreuzfahrtschiffe zur Pflicht: Entweder direkt an Bord klären oder abpumpen und entsorgen. Hierfür wurde beispielsweise in Kiel am Ostseekai eine eigene Abwasseranlage gebaut. 300 Kubikmeter können pro Stunde abgepumpt und vorbehandelt (Ozon und Natronlauge) in das städtische Kanalsystem weitergegeben werden. Die Ostsee stand nahe am Umkippen. Sie ist sehr sauerstoffarm – durch die Abwässer würden komplett sauerstofflose Zonen entstehen. Aufgrund solcher Massnahmen konnte sie davor bewahrt werden. Für all jene, die es noch nicht wissen sollten: Grauwasser sind die Abwässer aus Waschbecken und Dusche, Schwarzwasser hingegen aus der Toilette – näher möchte ich hierauf nicht Eingehen. Damit Sie einen Einblick in die Dimensionen erhalten: Nach Angaben des WWF reisen jedes Jahr rund 80 Millionen Menschen über bzw. durch die Ostsee. Es sind nicht nur Skandinavien-Kreuzfahrten, sondern auch Fährschiffe. Einige davon (v.a. die grossen Kolosse) besitzen eigene Kläranlagen und müssen somit nurmehr den Klärschlamm entsorgen. Weitaus mehr jedoch verfügen nicht über eine solche Möglichkeit.
Zweites Problem: Der Müll! Sie selbst werden wissen, wieviel Müll und „Wertstoff-Abfall“ Sie innerhalb von neun bis zehn Tagen (Durchschnitts-dauer einer Kreuzfahrt) produzieren. Somit können Sie sich vorstellen, wieviel 2-8.000 Menschen auf einem solchen Schiff zurücklassen. Auch der Müll muss in den Häfen entsorgt werden. Durchaus eine Herausforderung – nicht nur für die Crew sondern auch die angelaufenen Häfen. Besonders problematisch wird es bei Hotspots wie Venedig oder Mallorca!
Der wohl aber gewichtigste Umstand, weshalb ich niemals eine Kreuzfahrt machen werde, sind die Abgase und das verwendete Schweröl. Der deutsche Naturschutzbund hat Berechnungen angestellt, deren Zahlen ich nun wiedergeben möchte. Ein Kreuzfahrtschiff produziert pro Tag folgende Emissionen im Vergleich:
.) 476.850 kg Kohlendioxid (CO2) – 84.000 Autos
.) 5.250 kg Stickoxide (NOx) – 42.100 Autos
.) Feinstaub – 1 Mio Autos
.) 7.500 kg Schwefeldioxid (SO2) – 376 Mio Autos
Da kann der Aufenthalt auf dem Sonnendeck schon mal gesundheits-schädigend werden.

„Lungenkranke, die sich auf eine Kreuzfahrt begeben, sollten sich vor den Abgasen des Schiffes in Acht nehmen.“
(Deutsche Lungenstiftung)

Ein Schelm also, der denkt, dass er mit einer Kreuzfahrt seiner Lunge etwas gutes gönnt, da der Effekt der durchaus gesunden Seeluft dadurch mehr als aufgehoben wird. Ein französischer sowie der britische TV-Sender Channel-4 führten unabhängig voneinander hierzu im Jahr 2017 verdeckte Messungen durch. Nabu bezieht sich auf diese Daten der Franzosen und spricht von einer 200-fach höheren Partikel-Belastung als in der normalen Umgebungsluft etwa zu Lande. Matthew Loxham von der University Southampton vergleicht die Werte mit jenen von Shanghai bzw. Neu Delhi, die bekanntermassen stark belastet sind. Diese Unter-suchungen werden auch durch Luftmessungen des ZDF-Magazins „Wiso“ bestätigt. Durchgeführt an Bord der „Aida Sol“ auf der Fahrt von den Kanaren nach Madeira, wurden mit einem mobilen Messgerät bei Stichproben bis zu 475.000 ultrafeine Partikel pro Kubikzentimeter Umgebungsluft gezählt. Auch in der Kabine lag die Belastung bei 40-70.000 Partikel. Die Redakteure zogen einen Vergleich zu Stuttgart: Bei Feinstaubalarm werden an einer Hauptverkehrsachse 40.000 dieser Partikel gemessen. Aida Cruises hat inzwischen reagiert: Nach eigenen Angaben sollen nach und nach Systeme zur Abgasnachbehandlung in die Schiffe der Flotte eingebaut worden sein bzw. noch werden. Aufgrund solcher Werte schlagen alsdann auch Mediziner Alarm: Die Partikel sind extrem klein, sodass sie direkt in den Blutkreislauf gelangen. Messungen ergaben, dass in grossen Hafenstädten wie Hamburg, Bremerhaven oder Wilhelmshaven die Schadstoffwerte von stark befahrenen Strassen um das 50- bis 80-fache übertroffen werden. In einer internationalen Studie, an der sich auch das Helmholtz-Zentrum aus München beteiligte, konnten Schädigungen der Makrophagen in der Lunge festgestellt werden. Makrophagen sind die Fresszellen des Immunsystems. Sie reagieren gerade in der Lunge wesentlich empfindlicher als die Lungenepithelzellen und spielen auch bei etwa der Lungenerkrankung COPD eine entscheidende Rolle.

„Ich kann keinem Passagier empfehlen, sich lange an Deck eines Kreuzfahrtschiffes aufzuhalten!“
(Dr. Michael Barczok, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Pneumologen)

Verantwortlich für derart hohe Abgaswerte ist vornehmlich das verwendete billige Schweröl. Rund 150 Tonnen dieses giftigen Schweröles blasen die meisten dieser Ozeanriesen pro Tag zum Schornstein raus. Bei dessen Verbrennung entstehen neben den bereits genannten Abgasen und dem Feinstaub zudem Russ und Schwermetalle. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits darauf hingewiesen, dass der Mix dieser Luftschadstoffe krebserregend sein kann. Daneben das bereits erwähnte Schwefeldioxid (7 Tonnen pro Tag und Schiff), das in den 70er und 80er Jahren für das Waldsterben verantwortlich zeichnete. In Verbindung mit Wasser entsteht schwefelige Säure, die selbst-verständlich auch im Meer ihre Spuren hinterlässt. Die erreichten Werte würden wohl in den meisten Ländern der industrialisierten Welt für ein Verbot ausreichen – der in der EU geltende Grenzwert wird zumeist um das 3.500-fache überschritten. Erst im kommenden Jahr soll der Schwefelanteil von derzeit 3,5 auf 0,5 % mittels Grenzwert gesenkt werden.

„Dass im Jahr 2018 immer noch Schiffe auf den Markt kommen, die auf Schweröl als Treibstoff ausgelegt sind und keine wirkungsvolle Abgastechnik einsetzen, ist ein Skandal!“
(Nabu)

Nur die „Aida Nova“ ist als einziges Kreuzfahrtschiff mit Flüssiggas unterwegs. Auch nahezu 90 % der erst kürzlich vom Stapel gelaufenen Schiffe fahren mit Schweröl. Übrigens auch im Hafen. Kreuzfahrtschiffe liegen zu rund 40 % im Hafen – auch dann laufen selbstverständlich die Maschinen, schliesslich muss der Betrieb auf dem Schiff weitergehen. Die „Aida Prima“ kann als eines der wenigen Schiffe im Hafen auf Flüssiggas (LNG) umgestellt werden, sofern der Hafenbetreiber dieses anbietet. Chapeau übrigens an Hamburg: In der Hansestadt versorgt eine Land-stromanlage im Hafen liegende Schiffe. Doch bei vielen ist eine externe Stromversorgung technisch gar nicht möglich (Ausnahmen: Die Schiffe der beiden deutschen Anbieter Hapag-Lloyd Cruises und TUI Cruises).
Das alles nahm sich Norwegen zu Herzen. Seit 2017 wird hier heftigst über ein Fahrverbot von Schiffen in die Fjorde diskutiert, die einerseits die Grenzwerte weit überschreiten und andererseits immer wieder ihre Abwässer vorort abliessen. So beauftragte der dortige Umweltminister Helgesen die Erstellung eines entsprechenden Gesetzes, das bis Ende 2018 fertig sein sollte. Es ist also nurmehr eine Frage der Zeit, dass bestimmte Ozeanriesen bzw. Schiffe bestimmter Reedereien dort zu „navibus non gratae“ werden. Betroffen sind dann alle Schiffe, die vor dem Jahr 2000 erbaut wurden, und dies vorerst in den Fjorden Näroyfjord, Synnulvsfjord, Aurlandsfjord und dem Tafjord. Recht hat er, sind doch die Norweger durchaus berechtigt stolz auf ihr Weltkulturerbe.
Besonders problematisch aber sind Unfälle auf See, in deren Rahmen Schweröl austritt, wie zuletzt bei dem Transportschiff „Grande America” vor der französischen Küste – es hatte 2.200 Tonnen des Öls geladen. Wir kennen diese Bilder noch von der Bohrkatastrophe im Golf von Mexico: Der Ölfilm verteilt sich zuerst auf dem Wasser. Ein Teil davon wird an die Küste gespült, der weitaus grössere Teil sinkt auf den Meeresboden ab. Tiere krepieren elendigst durch Ertrinken, Verhungern oder Vergiftungen, auch jegliches pflanzliche Leben wird ausgelöscht.
Galten Kreuzfahrten früher als Privileg der Reichen, so können sich dieses Vergnügen aufgrund des Massentourismuses schon viele mehr finanziell leisten. Im Jahr 2015 wurde nur mit den Hochseekreuzfahrten in Deutschland ein Umsatz von 2,9 Milliarden Euro erzielt – weit mehr als das Doppelte im Vergleich zehn Jahre zuvor. Alleine 2017 nutzten dies über zwei Millionen Deutsche (Platz 3 nach den USA und China), insgesamt waren es 22 Millionen Menschen auf rund 300 Ozeanriesen. Tendenz. Steigend! Das deutsche Umweltbundesamt empfiehlt deshalb jenen, die unbedingt eine Fahrt buchen wollen, die Abgase zu kompensieren: Anstatt mit dem Auto viele Fahrten mit dem Rad zu machen oder gar zu Fuss, regionale Lebensmittel zu verwenden etc. Auf der Website der atmosfair gGmbH (Link siehe unten) können Sie für alle möglichen Aktionen ihren CO2-Fussabdruck berechnen!
Selbstverständlich sollte nicht vergessen werden, dass all das bislang Geschriebene nicht nur bei den Kreuzfahrtschiffen, sondern auch bei Handels- und Kriegsschiffen zutrifft. 90 % des weltweiten Warenverkehrs wird mit rund 40.000 Handelsschiffen (Container- und Transportschiffen sowie Öltanker etc.) verbracht. Doch erfüllt ein solches Handelsschiff eine durchaus berechtigte Funktion, ohne die auch in den heimischen Haushalten wohl vieles nicht mehr möglich wäre. Obwohl der Ärmelkanal ebenso wie die Nord- und Ostsee eigentlich Emissionskontrollgebiete sind, in welchen Schweröl nicht, sondern vielmehr Marinediesel verwendet werden muss, wird dies dem Containerschiff aus Südamerika oder dem Motorschiff aus Australien wohl gleichgültig sein.
Unbestritten: Reizen würde auch mich eine solche Kreuzfahrt. Aufgrund der genannten Fakten jedoch werde ich wohl ohne auskommen müssen. Und dabei habe ich die wirtschaftlichen Aspekte noch gar nicht genannt: Viele Attraktionen beispielsweise bei Landgängen werden auf dem Schiff gebucht, gegessen wird ebenso dort, sodass der Bevölkerung der angelaufenen Hotspots nur ein Minimum an Wertschöpfung durch diese Art des Tourismus zukommt. Ist das Schiff zudem noch für ein Billigland wie etwa Liberia ausgeflaggt, so fallen viele Staaten alsdann um Steuern in Milliardenhöhe um und die Arbeitsbedingungen (inkl. der Löhne) werden den Standards des Registrierungslandes angepasst!
Also: Schiff ahoi!!!

Filmtipps:

.) Kreuzfahrtschiffe: Dreckige Luft durch Feinstaub?; NDR
.) Kreuzfahrtfieber – zwischen Traum und Albtraum; 3sat
.) Auf Kreuzfahrt – Urlaub und Arbeit auf hoher See; Welt
.) Kreuzfahrten – Traumgeschäft mit Schattenseiten
.) Kreuzfahrt Wundercover – die Schattenseite der Lucusdampfer; WDR

Links:

- www.umweltbundesamt.de
- www.lungenstiftung.de
- www.helmholtz-muenchen.de
- www.nabu.de
- www.channel4.com
- www.schiffe-und-kreuzfahrten.de
- www.kreuzfahrten-zentrale.de/kreuzfahrtschiffe
- www.atmosfair.de/de/kompensieren

Leave a Reply


WP Login