Arche Noah – eine Möglichkeit?

„Die in diesem Bericht veröffentlichten Daten geben Anlass zu großer Sorge!“
(UN-Generalsekretär António Guterres)

Dieser Tage erschien ein Bericht der Vereinten Nationen, der Grund zur Sorge machen sollte: Der Meeresspiegel stieg 2018 um 3,7 Millimeter. Für die meisten Medien war dies gerade mal Stoff für eine Tages-schlagzeile! Da damit jedoch ein Rekordwert gemessen wurde und die Kurve auch weiterhin nach oben geht, möchte ich dies heute etwas detaillierter betrachten und damit den Beweis antreten, dass nicht unerhebliche Teile der Menschheit damit wirklich ein Problem bekommen.
Die Weltwetterorganisation der UN betont, dass die letzten vier Jahre die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen sind – das war im Jahr 1781. Unter Berücksichtigung, dass die Industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann und das komplette 19. Jahrhundert hinweg bestimmte, wurden auch Daten zu einem Zeitpunkt gesammelt, in dem noch alles ungefiltert durch den Schornstein geblasen bzw. unbehandelt in die Flüsse eingeleitet wurde. Glaubt man den Industriebossen, so liefen Maschinen und Motoren noch nie so sauber wie in der Gegenwart. Und dennoch wird die Atmosphäre mit Treibhausgasen verdichtet, wie nie zuvor. Dadurch kann immer weniger Wärmestrahlung in das All entweichen. Detaillierter möchte ich an dieser Stelle nicht darauf eingehen, da dies schon Thema mehrerer meiner Ausführungen war.
Fakt ist jedoch, dass die alpinen, aber v.a. die arktischen und antarktischen Gletscher und Eisfelder schmelzen. Nach Angabe des Welt-Gletscher-Beobachtungsdienstes WGMO zum bereits 31. Mal in Folge. Und dies in einer dermassen rasanten Geschwindigkeit, dass eine Klima-Umkehr nicht mehr vorstellbar ersceint. Neben der Tatsache, dass ganze Meeres-Ströme, wie der Golfstrom, durch den hohen Anteil an Süß-wasser komplett aus dem Ruder gebracht werden – diese Massen an schmelzendem Eis sorgen auch für einen sehr ernstzunehmenden Anstieg des Meeresspiegels. Hinzu kommen immer heftigere Überschwemmungs-katastrophen wie zuletzt beispielsweise der Zyklon „Idai“, sodass das Wasser nicht mehr auf der Landfläche durch versickern gebunden wird, sondern direkt durch die Flüsse in’s Meer abfliesst. Die Abholzungen der Regenwälder zeigen sich dadurch in dramatischem Ausmaß.
Seit 1993 ist der Meeresspiegel durchschnittlich um 3,15 Millimeter pro Jahr angestiegen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnt jedoch: Im vergangenen Jahr waren es 3,7 Millimeter! Mein Gott, werden sich nun viele denken, das sind Millimeter und damit kein Anlass gleich laut aufzuschreien. Experten hingegen meinen: DOCH! Für die Fleissigen unter Ihnen eine Rechenaufgabe: Die Erdoberfläche beträgt 510 Mio qkm – 71 % davon sind von Wasser bedeckt. Diese 361,2 Mio qkm teilen sich wie folgt auf:
Pazifik 47 %
Atlantik 24 %
Indischer Ozean 20 %
Südlicher Ozean 5 %
Arktischer Ozean 4 %
Wenn Sie möchten, können Sie nun ausrechnen, wie viele Liter nun diese Steigerung von 3,7 Millimeter ergeben.
Die Durchschnittstemperatur war um ein Grad Celsius höher als der Referenzwert aus der vorindustriellen Zeit. Während sich die Politiker streiten, ob 2,1- 2.5 oder 2,8 Grad Erwärmung in’s Auge gefasst werden sollen und ob der Protest der Kinder gut oder schlecht ist, schmilzt das ewige Eis immer mehr.

„Zum Zögern ist keine Zeit mehr!“
(UN-Generalsekretär Antonio Guterres)

Es ist somit nurmehr eine Frage der Zeit, wann idyllische Südseeinseln für immer von der Weltkarte verschwinden werden. Auch wir in Europa bekommen dies zu spüren, liegen doch etwa die Niederlanden zu einem Grossteil unter dem Meeresspiegel. Eine solche Steigerung werden die dortigen Deiche nicht mehr halten. Auch in Norddeutschland wird es „Land unter“ heissen – die meisten der Halligen-Inseln im nordfriesischen Wattenmeer haben alsdann ein Ablaufdatum. Somit rückt also auch Europa immer mehr zusammen. Apropos: Bis September 2018 wurden 17,7 Millionen Binnenflüchtlinge gezählt. Kriege, Verfolgung, Armut, aber auch Hunger und Durst. Nicht weniger als 2 Millionen davon waren Umweltflüchtlinge. Sie verliessen ihr Zuhause wegen Katastrophen im Zusammenhang mit Klima und Wetter. Diese Zahl wird künftig eklatant ansteigen. Dürren trocknen ganze Länder aus, Überschwemmungen zerstören ganze Landstriche und Stürme verwüsten ganze Regionen. Hitzewellen dauern inzwischen um 0,37 Tage länger als in der Zeit von 1986 bis 2007 – zwischen 2000 und 2016 waren davon nicht weniger als 125 Millionen Menschen betroffen, so der WMO-Bericht.
Durch die Zunahme der Meerestemperatur gibt es immer heftigere Hurrikane, Taifune oder Zyklone, da weitaus mehr Wasser verdampft. 90 % der zusätzlichen Energie nämlich wird in den Weltmeeren gespeichert. Natürliche Strömungen, die das Klima ganzer Teilkontinente beeinflussen und einen Ausgleich zwischen den warmen Zonen am Äquator und den kalten in der Arktis und Antarktis brachten, funktionieren damit plötzlich nicht mehr.

https://www.youtube.com/watch?v=A9Tr_tH6HIU

Doch zurück zum Meeresspiegel. Der Meeresspiegel an den Küsten wird durch Faktoren wie den Gezeiten, Strömungen oder Wind beeinflusst. So ist der Amsterdamer Pegel beispielsweise nicht mit dem Genua- bzw. Triest-Pegel (+/- 30 cm) oder dem Kronstädter Pegel gleichzusetzen. Für Deutschland und die Niederlanden beispielsweise gilt der Amsterdamer Pegel als mittlerer Wasserspiegel, als Nullniveau. Von hier aus werden alle Anstiege und Senkungen über Jahre bzw. Jahrzehnte hinweg beobachtet und in den mittleren Wert einbezogen. Dadurch können jahreszeitliche Effekte sowie Ebbe und Flut nahezu ausgeschlossen werden.
Allerdings muss zudem die Dichteverteilung im Erdinneren berücksichtigt werden. Je dichter der Erdmantel ist, desto höher ist die Erdanziehungs-kraft. Das sorgt beispielsweise dafür, dass der Wasserpegel bei Sri Lanka (Indischer Ozean) um rund 105 m tiefer und bei Neu Guinea bis zu 80 m höher liegt als im Durchschnitt. Dies alles muss in Berechnungen zum Anstieg des Meeresspiegels einbezogen werden. Deshalb verwende ich im Folgenden nurmehr die Bezeichnung „Meeresspiegel“ – er bezieht sich auf den „mittleren Meeresspiegel“.
Von 1860 bis 2009 stieg der Meeresspiegel um rund 25 cm – seit 1870 merklich und zunehmend rasanter. Die Ursache dafür liegt – wie bereits kurz angesprochen – im Abtauen des ewigen Eises an den Polkappen und in den Bergen. Aber auch in der wärmebedingten Ausdehnung des Wassers. Kurz erklärt: Bei Solaranlagen (nicht Photovoltaik) gehört ein Ausgleichsbehälter stets dazu. Er sorgt dafür, dass sich an besonders sonnenintensiven Tagen das immer wärmer werdende Wasser im Puffer ausdehnen kann und dieser nicht explodiert. Sinkt die Temperatur im Puffer, so gibt das Rücklaufventil das im Ausgleichsbehälter befindliche Wasser wieder zurück in die Anlage. Oder: Das Wassererhitzten auf dem Herd. Geben Sie kaltes Wasser in einen Topf, markieren sie an der Topfwand den Wasserstand und erwärmen das Wasser. Es muss nicht mal kochen, also den Aggregatzustand in gasförmig ändern, sondern es reicht das Erwärmen, damit der Wasserstand steigt. Das ist selbstverständlich auch bei diesen ungeheuerlichen Wassermassen der Ozeane der Fall. Sorgen nicht Strömungen dafür, dass die Wärme abgeleitet wird. so sorgt die zunehmende Wassertemperatur etwa in der Südsee für einen höheren Meeresspiegel als der kühle Atlantik an der Küste Frankreichs. Diese beiden Faktoren werden die Zukunft nicht nur an den kontinentalen Küstengebieten bestimmen, sondern selbstver-ständlich auch auf den vielen Trauminseln, die kaum höher liegen als der dortige Meeresspiegel.

„Wir haben bereits einige Atolle verloren. Auf anderen zerstört das ansteigende Meer das Zuhause von Menschen und spült Särge und Skelette aus den Gräbern.”
(Tony de Brum, Aussenminister der Marshall Inseln)

Messungen via Satellit haben einen Anstieg des Meeresspiegels um 17 cm nur im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgezeigt. Bei der sog. „Satellitenaltimetrie“ werden vom Satelliten kurzwellige Radioimpulse senkrecht auf die Erde geschickt. Die Meeresoberfläche oder auch das polare Eis reflektiert diese Impulse und schickt sie wieder zum Satelliten zurück. Hierdurch können Millionen von Vergleichsdaten gesammelt und die Zunahme der Meereshöhe oder die Abnahme der Eisfläche durch die Laufzeit der Impulse gemessen und berechnet werden. Die ersten derartige Messungen wurden in den 1970er Jahren mit den Satelliten Geos C und Seasat durchgeführt, die Messungen mit TOPEX/Poseidon folgten 1992 und im Dezember 2001 schliesslich Messungen mit Jason. Auch die Satelliten im Rahmen der Projekte Champ und Grace bzw. IceSAT und seit September 2018 auch IceSAT-1 lieferten bzw. liefern wichtige Daten.
Dieser mittlere Meeresspiegelanstieg von 3,1 +/- 0,7 mm teilt sich zwischen 1993 und 2003 in etwa auf wie folgt:
Expansion durch Wärme 1,6 +/- 0,5 mm
Schmelzende Gletscher und Polkappen 0,77 +/- 0,22 mm
Schmelzen der grönländischen Gletscher 0,21 +/- 0,07 mm
Schmelzen des antarktischen Eisschildes 0,21 +/- 0,35 mm
Seither nahm der Anteil durch Expansion aufgrund der Wärme ab – dafür stieg jener durch abschmelzendes Eis eklatant an – alleine im Jahr 2006 beispielsweise verloren Arktis und Antarktis 475 Gigatonnen Eis. Ein Vergleich? Der Bodensee fasst 48 Gigatonnen Wasser.

https://youtu.be/F47brH3_IWs

Die Erde befindet sich eigentlich in einem Stadium mit besonders niedrigem eustatischen Meeresspiegel (Meeresspiegelschwankungen im globalen Maßstab), wie es in der Erdgeschichte beispielsweise im Karbon, Perm oder Trias der Fall war (demgegenüber steht ein hoher Meeres-spiegel wie etwa während der Oberkreide oder dem Ordovizium). Der Anstieg des Meeresspiegel ist somit einzig und allein auf einen klimatischen Ursprung zurückzuführen.
Im Worst Case – wie wirkt sich ein komplettes Abschmelzen des Eises auf den Meeresspiegel aus?

Gletscher 24 cm
Eiskappen 27 cm
Thermische Ausdehnung pro zusätzlichem Grad 20 bis 40 cm
Grönland-Eis 7 m
Antarktisches Eis 57 m

Eine Studie von Forschern der Ohio State University ergab, dass derzeit beispielsweise das grönländische Eis viermal schneller schmilzt als noch 2003. Dabei sprechen wir nicht von einigen Tonnen. Zwischen 2002 uns 2018 hat Grönland jährlich dermassen viel Eis verloren, dass mit dem Schmelzwasser 5 Bodenseen gefüllt werden könnten. Das alleine reicht für einen Anstieg des Meeresspiegels um 0,8 mm pro Jahr.

„Jetzt erkennen wir aber noch ein zweites ernstes Problem: Immer mehr innere Eismasse fließt als Schmelzwasser dem Meer zu.“
(Michael Bewies, Studienleiter Ohio State University)

Bis zum Jahr 2100 erwarten Forscher aus den unterschiedlichsten Fachgebieten einen Anstieg von bis zu 2 Metern. Die letzte Warmklimaphase fand vor 35 Millionen Jahren statt – im sog. „Eozän“. Während dieser Zeit schmolzen die Polkappen nahezu gänzlich ab. Der Meeresspiegel befand sich um rund 70 m höher als derzeit.
Doch wen betrifft dieser Pegelanstieg eigentlich? Es sind vor allem kleine Inselstaaten oder Atolle im Pazifik und der Karibik, die es schon in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird. Deshalb hier nun eine kleine Auflistung inkl. der Bevölkerungszahlen, da auch diese Menschen nach und nach zu Flüchtlingen werden:

- Kiribati (115.000)
- Malediven (269.000)
- Marshall-Inseln (58.000)
- Mikronesien (500.000)
- Nauru (10.000)
- Palau (22.000)
- Tokelau (1.400)
- Tuvalu (9.000)

Die höchste Land-Erhebung auf Tuvalu beläuft sich auf 5 Meter über dem Meeresspiegel. Die ersten Umsiedelungen aufgrund des steigenden Meeresspiegels gab es bereits auf der pazifischen Insel Vanuatu im Jahr 2005. Auch auf den nicht unmittelbar gefährdeten Fiji-Inseln wurden schon küstennahe Dörfer in höhere Regionen verlegt. Insgesamt sind 43 Inselstaaten von der Überflutung betroffen. Die Atolle umso mehr, als das wärmere Meerwasser zur Korallenbleiche führt, die das Wachstum der Korallen stark einschränkt bzw. sogar stoppt.
Auch die Kontinentalküsten sind selbstverständlich davon betroffen:

- Ägypten
- Bangladesh
- China
- Indonesien
- Niederlanden
- Pakistan
- Thailand

Die 20 Millionenstadt Shanghai beispielsweise liegt durchschnittlich 4 m über dem dortigen Meeresspiegel. In Ägypten wären bei einem Anstieg von nur 50 cm nicht weniger als 12 Millionen Menschen betroffen, in Bangladesh leben 10 Millionen Menschen auf einer Fläche, die max. 1 m über Meeresspiegel-Niveau liegt. Nach Berechnungen der OECD würden im Jahr 2070 bei einem Anstieg des Meeresspiegels von +/- 50 cm ganze 150 Millionen Menschen weltweit zu Klima-Flüchtlingen – nur in küsten-nahen Millionenstädten!

„Ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen, wie erschütternd es ist die Gleichgültigkeit zu sehen, mit der der Misere kleiner Inselstaaten begegnet wird.”
(Marlene Inemwin Moses, UNO-Botschafterin des Inselstaates Nauru)

Seit einem Viertel Jahrhundert laufen nun die Klimaverhandlungen – zumeist ohne Resultat. Was wird mit den Menschen geschehen, die ihre Heimat, ihre Jahrhunderte alte Tradition, ihre Kultur verlieren. Sollten auch Klimaschutzmassnahmen sofort gesetzt werden, so würde dies dennoch den Anstieg des Meeresspiegels nicht mehr stoppen. Hier ist der Point-of-no-return bereits überschritten.
Ich hoffe, ich habe mit diesem Blog etwas zum Verständnis der kleinen Greta Thunberg beitragen können und den einen oder anderen Skeptiker über die Dringlichkeit ihrer Forderungen überzeugen können, denn: Wir haben keine Zeit mehr!!!

Lesetipps:

.) Mut zur Nachhaltigkeit. 12 Wege in die Zukunft; Hrsg.: Klaus Wiegand; FISCHER Taschenbuch 2016
.) Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie; Stefan Rahmstorf / Hans Joachim Schellnhuber: Beck 2006
.) Sea Level Rise: History and Consequences; Bruce C. Douglas / Michael S. Kearney / Stephen P. Leatherman; Academic Press 2000

Links:

- www.wcrp-climate.org
- public.wmo.int/en
- research.csiro.au
- www.ipcc.de
- www.nationalacademies.org/nasem/
- climate.nasa.gov/vital-signs/sea-level/
- www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de
- www.mpg.de/de
- ice.tsu.ru
- icesat-2.gsfc.nasa.gov
- www.unenvironment.org
- www.klimafakten.de
- 350.org
- searise.correctiv.org/de/

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