Die Patriarchen

Sie denken in sieben- und achtstelligen Beträgen, werden von den Politikern hofiert und ziehen die Strippen im Hintergrund: Die Unternehmerfamilien! Spätestens seit der industriellen Revolution hat die Bedeutung der Wirtschaftsbosse zugenommen. Inzwischen ist so manches deren Worte bedeutungsvoller als jene regierender Politiker. Und sie sind die Königsmacher – nicht nur mit hohen Spendengeldern. Vor einigen Jahren perfekt verdeutlicht in einer Dokumentation, wonach Coca und Pepsi Cola den Präsidenten der USA unter sich ausmachen.
Auch wenn viele dieser Konzerne bereits fleissig an den Börsen gehandelt werden, so stehen doch zumeist noch die Gründerfamilien dahinter. In ihrem Besitz befindet sich auch die Aktienmehrheit, sodass wichtige Entscheidungen noch in vielen Fällen am heimischen Frühstückstisch und nicht in der Vorstandskonferenz getroffen werden. Die 20 grössten Familienunternehmen entscheiden über Millionen von Arbeitsplätzen in Deutschland, Österreich und auch der Schweiz. Nach einer Rangliste der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind unter den zehn umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands gleich sechs Familienbetriebe zu finden. Ich möchte nun im folgenden einige dieser Betriebe vorstellen. Sie werden Augen machen, wie weitreichend das Netz der Macht dieser Eltern und ihrer Kinder ist.
Der grösste Autobauer Deutschlands heisst VW – Volkswagen. Bei einem prolongierten Umsatz von 192,7 Milliarden € zählt der Konzern auch zu den Global Playern. Nicht weniger als nahezu 550.000 Menschen verdienen ihr Geld mit dem Zusammenschrauben eines Golfs, Passat oder Beetles. Obwohl der Österreicher Piech vor einigen Jahren den Vorstandsposten abgegeben hat, führt er nach wie vor im Hintergrund – gemeinsam übrigens mit der Familie Porsche – die Marionetten. Neben Seat und Skoda gehören auch Audi und Lamborghini zum Konzern. Ferdinand Piech ist der Sohn des Wiener Anwaltes Anton Piech und dessen Frau Louise, der Tochter des Konzerngründers Ferdinand Porsche. Gegenwärtig ist er Vorsitzender des VW-Aufsichtsrates, aber auch des LKW-Herstellers MAN SE. Piech übernahm 1993 den Vorstandsvorsitz des damals strauchelnden Unternehmens und führte es wieder zurück an die Spitze. Die Familie Porsche hat sich im Salzburger Pinzgau niedergelassen. In der Umgebung von Zell am See läuft nahezu gar nichts ohne sie: Almen, Hotels, Jagden, Bauland, Jagdpachten, ein Schloss, über den Anteil an der Schmittenhohebahn auch der Schiffsverkehr auf dem Zeller See und der Flugplatz in Zell am See. Daneben ist die Familie noch an der Pinzgau-Milch beteiligt. Trotzdem halten sich die Porsches dezent im Hintergrund.
Auch der Konkurrent aus München ist in Händen zweier Familien. Die BMW-Group beschäftigt rund 106.000 Menschen und erzielt einen Umsatz von 76,8 Mrd. €. Die Familie Quandt lebt sehr medienscheu zurückgezogen. Ihr Vermögen wird auf rund 20 Mrd. € geschätzt. Herbert Quandt beteiligte sich Anfang der 60er Jahre an der Sanierung der Autos Made in Bayern. Daneben hatte das Pharma-Unternehmen Altana mit dem Magenmittelchen Pantoprazol einen Best-Seller. Zudem bestehen Beteiligungen am Batterie-Hersteller Varta, dem Smartcard-Erzeuger Datacard, Heilmittel Heel, der Thiel Media Group uvam. Auch neuen Technologien gegenüber ist die Familie nicht abgeneigt: Im Besitz sind Anteile von Unternehmen aus den Bereichen Robotics, Solar und Windkraft! Die Familie ist aufgrund des Engagements Günther Quandts im Zweiten Weltkrieg umstritten (Zwangsarbeit, Enteignungen,…). Seine Ex-Frau war mit Joseph Goebbels verheiratet. Die Klattens sind vornehmlich durch Susanne Hanna Ursula Klatten vertreten. Sie gilt mit einem geschätzten Vermögen von 14,3 Mrd. US-Dollar als die reichste Frau Deutschlands. Susanna Klatten (geborene Quandt) ist die Tochter von Herbert Quandt und dessen dritter Frau Johanna. Von Ihrem Vater erbte sie auch die BMW-Anteile. Ihr Mann, Jan Klatten, ist der Bruder des Wirtschafts- und Medienmanagers Werner E. Klatten, der wiederum Posten in der Tabakindustrie, bei Sat.1, dem Spiegel Verlag, Constantin, der Deutschen Sporthilfe und der Bundesliga-Stiftung inne hatte bzw. hat. Zu BMW gehören inzwischen auch Mini Morris und Rolls Royce.
Mit den beiden Familien Schwarz und Albrecht sind wir bei den Platzhirschen im Diskonthandel angelangt. Die Familie Schwarz steht für die Unternehmenszweige Lidl und Kaufland. 320.000 Mitarbeiter erwirtschaften einen jährlichen Umsatz von 67,6 Mrd. €. Mit weltweit 9.000 Lidl und 1.000 Kaufland-Filialen gilt die Schwarz-Gruppe als drittgrösster Lebensmittel-Einzelhandels-Konzern Deutschlands und zählt weltweit zu den Top Ten. Die Schwarzstiftung allerdings hat sich im Jahr 2007 aus allen anderen Beteiligungen zurückgezogen und auf das Kerngeschäft konzentriert. Nur ein Online-Versandhandel wird noch zusätzlich betrieben. Ähnlich verhält es sich mit der Familie Albrecht. Mit einem Umsatz von 56,8 Mrd. € wurde Aldi zwischenzeitlich von Lidl überholt. Aus einem Geschäft in der Essener Huestrasse formten Theo und Karl Albrecht sehr rasch mit Aldi Nord und Süd einen der Big Player am weltweiten Lebensmittelmarkt mit nicht weniger als 250.000 Angestellten. Lange Zeit (Theo Albrecht sogar bis knapp vor seinem Tod im Jahr 2010) lenkten die beiden noch selbst die Geschicke des Unternehmens; einerseits über die Siepmann-Stiftung (Aldi Süd), andererseits über die Markus-Stiftung (Aldi Nord). Beide werden durch Familienmitglieder geführt. Zur Markus-Stiftung zählt auch der US-amerikanische Discounter Trader Joe’s mit 350 Filialen. Bei den Albrechts steht der Handel im Mittelpunkt.
Anders hingegen bei den Familien Beisheim, Haniel und Schmidt-Ruthenbeck, die in der Metro-Gruppe das Sagen haben (283.000 Mitarbeiter, 66,7 Mrd. € Umsatz). Zum Konzern gehören neben dem Grosshandelsunternehmen auch die Einzelhandelsgruppen Real, Kaufhof und Saturn. Otto Beisheim war als SS-Sturmmann niederrangiges Mitglied der Leibstandarte Adolf Hitlers. Nach dem 2. Weltkrieg hatte er den Posten eines Prokuristen im Elektro-Fachgeschäft Stöcker & Reinshagen inne. Die Inhaber, die Familie Schell, gründeten gemeinsam mit den Kaufleuten Schmidt und Schmidt-Ruthenbeck 1964 die Metro AG, der sich 1967 auch Franz Haniel anschloss. Beisheim sass lange Zeit auf dem Chefsessel des Metro-Konzerns und baute ihn zu einem der weltweit führenden Handels-Unternehmen auf. Er selbst rettete in den 1990ern den Medienunternehmer Leo Kirch vor dem Konkurs indem er unzählige Filmrechte aufkaufte und beteiligte sich u.a. am damaligen Kabelkanal (heute: Kabel 1). Zudem errichtete er 2004 das Beisheim-Center in Berlin, das neben vielen anderen Mietern auch die beiden Nobel-Hotels Ritz-Carlton und das Marriott beherbergt.
Zuletzt in deutschen Landen noch zu einer Familie, deren Name wesentlich mehr mit “Made in Germany” und dem Vertrauen in die deutsche Ingenieurskunst zu tun hat, als alle anderen bisher genannten: Bosch! Schliesslich belief sich bereits 1914 der Exportanteil auf über 30 %. Doch ausgerechnet hier gelten andere Regeln. Die Robert-Bosch-GmbH mit Sitz in Gerlingen erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von rund 52,5 Mrd. €. Verantwortlich dafür zeichnen rund 306.000 Mitarbeiter und -innen. Pardon – demnächst sind es 3.500 weniger! Schliesslich wird das Solarwerk dicht gemacht. So leicht geht man mit dem Schicksal von Menschen um. Doch muss fairerweise erwähnt werden, dass es die erste grössere Entlassungswelle seit lang, langer Zeit im Unternehmen ist. Der Name Bosch ist mit der industriellen Geschichte Deutschlands verknüpft wie nur wenig andere. Die Visionen des Firmengründers Robert Bosch über Qualität und Zuverlässigkeit prägten auch die Kraft der Herkunftsbezeichnung “Made in Germany”. Das erfuhr sogar Robert Bosch jun. bitter am eigenen Leib: 1954 musste er den Sessel des Vorstandsvorsitzenden abgeben, da seine Kollegen aus dem Management ihm nicht zutrauten, die Qualitätsvorstellungen seines Vaters umsetzen zu können. Auch wenn seit damals kein Bosch mehr direkt die Geschicke des Unternehmens leitet, so verfügen die Nachkommen über 8 % der Firmenanteile – zugegebenermassen nicht viel, befindet sich aber die Anteilsmehrheit in der Robert-Bosch-Stiftung. Diese hält sich allerdings aus dem operativen Geschäft heraus. Mit nur einem Promille Anteil verfügt nämlich die Robert-Bosch Industrietreuhand KG über mehr als 90 % der Stimmrechte. Hier entscheiden acht Gesellschafter, wie der Hase zu laufen hat. Ehemalige oder noch aktive Vorstände anderer grosser Unternehmen, die vom langjährigen Bosch-Chef Hans L. Merkle ausgesucht wurden. Einziger verbliebener Bosch in diesem Gremium ist Christof Bosch, der sich jedoch vornehmlich um den Gutshof seines Vaters, Robert Bosch jun. kümmert. Produziert wird alles, was in irgendeiner Weise mit Technik zu tun hat: Vom Schlagbohrer bis zur Kaffeemühle! 2003 kam es zur Übernahme des Heizungsriesen Buderus – für 1,5 Mrd. €! Andere Gesellschaften oder Beteiligungen sind in nahezu allen Technologiebranchen zu finden – ob Steuerungssysteme oder Thermotechnik, ob Haushaltsgeräte oder Healthcare. Von Beissbarth über Blaupunkt, von Hawera Probst bis zur SB LiMotive Co. Ltd.
Wer jedoch gedacht haben sollte, dies alles ist ein deutschen Phänomen, der hat sich gewaltig geirrt. Deshalb hier zum Vergleich jeweils auch eine Familie aus Österreich und der Schweiz.
In Österreich befinden sich übrigens 80 % der Unternehmen in Familienbesitz – dies sind um 10 % mehr als im EU-Schnitt. Im Bereich der Grossunternehmen sind es immerhin noch 50 % (Frank & Keßler, 2009). Im Alpenstaat ist jedoch ein Trend zur Umwandlung in KGs bemerkbar, da die Nachfolgefrage zu einem immer grösseren Problem wird. Trotzdem besteht die höchste Dichte dieser familiengeführten Betriebe in Tirol und Vorarlberg (Egger, Handl, Schwarzkopf bzw. Alpla, Blum, Doppelmayer und Rhomberg). Stellvertretend möchte ich die Kristall-Dynastie Swarowski erwähnen. Zuletzt aufgrund von Massenkündigungen in die Medien geraten, gilt der Gitzersteinchenhersteller als DAS familiengeführte Unternehmen Österreichs. 2011 wurde mit rund 30.000 Mitarbeitern ein Umsatz von 2,87 Mrd. € erzielt. 1895 gründete der aus Südböhmen stammende Glasschleifer Daniel Swarowski das Unternehmen. Jedoch baute es erst Gernot Langes-Swarowski zwischen 1965 und 2002 zu jenem Imperium auf, das es heute darstellt. 2002 übernahm dessen Sohn Markus die Geschäfte. Der Konzern stellt neben Schmuckkristallen und Skulpturen auch optische Linsen (Swarowski-Optik KG in Absam) und Schleifmittel (Tyrolit Schleifmittel Swarowski KG in Schwaz) her. Daneben gibt es ein ganzes Firmen- und Beteiligungsgeflecht in Deutschland, Liechtenstein und 39 anderen Staaten auf allen Kontinenten dieser Welt. Mit dem Tyrolean Jet Service, der Filmproduktionsfirma Swarowski Entertainment, dem Verkehrsleitsystemhersteller Swareflex und der Parfumlinie Aura wird auch in anderen Gewässern gefischt. Grösster Einzelgesellschafter ist nach wie vor Gernot Langes-Swarowski mit 17 %.
Die Schweiz schreitet mit 88 % der Unternehmen voran, die noch immer in Familienhand sind. Allerdings fallen wiederum die meisten davon in den klein- und mittelständischen Bereich, nurmehr 30 % der an der Börse gehandelten Unternehmen sind Familienbetriebe. In der Eidgenossenschaft gibt es zudem ein Novum: Die “vinkulierten Namenaktien”! Sie sichern den Familien mehr Stimmrechtsanteile als die normalen Aktien. Neben der Tetra Pak (Schweiz) SA und etwa die Hilti AG, wird auch die DKSH Holding AG durch drei Familien geführt. Diese operative Einheit der Diethelm Keller-Gruppe ist spezialisiert auf den Handel mit Asien. Sei es nun Technologie, Pharmazie, Waren für den täglichen Bedarf oder auch Rohstoffe – bei der DKSH sind Sie gut aufgehoben. Daneben wird auch Unternehmen der Eintritt in den asiatischen Markt erleichtert. Und: Dass hiermit viel Geld zu machen ist, zeigt sich in den Umsatzzahlen! Mit nicht einmal 26.000 Angestellten werden in 680 Niederlassungen in 35 Staaten (alleine davon 660 in Asien) 8,8 Mrd. CHF (2012) umgesetzt – netto!!! Dabei wurde das Unternehmen erst 2002 gegründet, als zur Diethelm Keller Holding auch die Siber Hegner Holding hinzustiess. Die Wurzeln jedoch reichen aufgrund des Rohstoffhandels bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die DKSH ist seit März 2012 börsennotiert!
Diese Liste der erfolgreichen Unternehmerfamilien liesse sich beliebig weiterführen, auch in Branchen, die man hier gar nicht vermuten würde: Althoff (Zirkus), Egedacher (Orgelbau), McDonald (Fastfood – bis 1961) oder auch die Rothschilds (Banken). Es sind also nicht wenige, die durch Firmengeflechte eine unheimliche Macht ausüben. Dabei wird auch nicht davor zurückgeschreckt, diesen Einfluss durch Vermählungen zu vergrössern – ganz nach dem Motto “Gleiches zu Gleichem gesellt sich gut!”. Man lernt sich meist im Rahmen von Dinner-Parties bei offiziellen Anlässen (wie dem Weltwirtschaftsforum) oder beim Polo in St. Moritz kennen. Unsereins wird schwindelig, wenn er einmal im Jahr – immer zum Erscheinungszeitpunkt – einen Blick in die Liste der Reichen werfen darf. Denn: Mehr davon hat unsereiner leider nicht. Solche Listen gibt es viele – die wohl berühmteste stammt vom Wirtschaftsmagazin “Forbes”, die jedoch weltweit erstellt wird und nur wenig über Unternehmerfamilien aussagt. So ist etwa der Sultan von Brunei ebenso wie Bill Gates oder auch mit gebührendem Abstand die Gebrüder Albrecht vertreten. Mehr als amüsant ist u.a. die Tatsache, dass der Gründer des Unternehmens Bofrost, Josef Boquoi 2011 eine Unterlassungsklage gegen Forbes einbrachte – er wollte nicht mehr in dieser Liste aufgelistet sein. Die Klage jedoch wurde am Landgericht I in München abgewiesen.
Weitaus interessanter ist jedoch die Liste der 500 reichsten Deutschen, die vom Manager Magazin jährlich veröffentlicht wird. Sie wird seit Jahren von Karl und Theo Albrecht (Aldi) angeführt. An die Stelle von Theo Albrecht sind nun die beiden Söhne Berthold und Theo jun mit ihren Familien nachgerückt. Karl Albrecht (Aldi Süd) verfügte 2012 über ein Privatvermögen von 17,2 Mrd. €, Berthold und Theo jun (Aldi Nord) über 16 Mrd. Rang drei geht an die Familie Dieter Schwarz (Lidl) mit 11,5 Mrd. Auf den weiteren Plätzen folgen die Familien Otto (9 Mrd. – Otto-Versand, ECE-Gruppe), Susanne Klatten (8,9 Mrd. – BMW, Altana), Reimann (8 Mrd. – Otto-Versand, ECE-Gruppe) und Würth (7,2 Mrd. – Würth-Gruppe). Neben der Familie Reimann, die im laufenden Jahr auf 11 Mrd. geschätzt werden, ist Stefan Quandt (BMW) mit einem erwarteten Anstieg von 1,7 Mrd. der zweite Sieger. Neu im Klub der Milliardäre ist übrigens Wolfgang Marguerre (Octapharma), der es heuer auf 1,5 Mrd. schaffen dürfte. Tja und Verlierer wird höchstwahrscheinlich die Familie Rethmann werden, die von 6 auf 3,8 Mrd. fallen könnte. Norbert Rethmann ist einer der wenigen Selfmade-Milliardäre. Sein Imperium umfasst 920 Standorte mit nicht weniger als 40.000 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von 9 Milliarden € (Angaben: Handelsblatt). Er übernahm 1963 von seinem Vater ein kleines Fuhrunternehmen und machte dies zu einem Riesen-Entsorgungsmulti. Rethmann’s Vermögen basiert also sprichwörtlich auf Wertstoffen und Müll!

Verstehen Sie nun das Schwindelgehühl, das mich regelmässig bei solchen Zahlen überkommt???

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