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Todesfahrer auf der Autobahn

Ich kann es nicht leugnen: Als ich für diesen Blog recherchierte, lief es mir eiskalt den Rücken runter! Vor Jahren kam ich selbst auf der Brenner-Autobahn/Tirol in einen Unfall. Es handelte sich allerdings nicht um einen Geisterfahrer-Crash. Ein PKW-Lenker wollte die Spur wechseln, übersah jedoch dabei ein überholendes Fahrzeug. Der Lenker dessen krachte gegen die Leitplanke. Während er und die beiden Kinder zwar verletzt aber doch geborgen werden konnten, durchbohrte die Mittelleitschiene ein Bein der Mutter am Beifahrersitz – es musste amputiert werden. Ausserdem verlor sie ihr ungeborenes Kind. Ein solches Bild vergisst man nicht so schnell. Zudem war ich damals auch an drei Tagen der Woche auf der Autobahn unterwegs. Als ich die Videos anschaute, kamen all die Erinnerungen wieder hoch.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1570920/Zusammenprall-mit-Geisterfahrer#/

Wie es der Zufall will, hörte ich im Oktober gleich zweimal des nächtens eine Geisterfahrermeldung, die sich dann beide als Horrorcrashes erwiesen. Anfang des Monats (04. Oktober) in Oberfranken – auf der A 73 nahe Hirschaid, bei welchem drei Menschen um’s Leben kamen und am vergangenen Wochenende auf der A 46 bei Meschede. Bilanz: Fünf Todesopfer! In beiden Fällen kamen die Geisterfahrermeldungen leider zu spät. Etwa eine Stunde vor dem ersten Unfall in Oberfranken wurde die 31-jährige Frau noch nackt beim Tanken und Klauen eines Sixpacks Mineralwasser gefilmt. Dabei soll sie dem völlig überrumpelten Kassier zugeschrieen haben: “Ich bin von Gott!” Die Polizei geht von einem psychischen Ausnahmezustand aus, der vielleicht in einem zuvor geführten Streit mit ihrer Mutter begründet war. Bei zweiterem Unfall jedoch dürfte Suizid die Ursache gewesen sein. Bremsspuren waren keine festzustellen – die beiden Fahrzeuge knallten also ungebremst aufeinander! Zudem ergab die Begutachtung des Unfallortes, dass das Fahrzeug mit den vier unwissenden Insassen auf der rechten Fahrspur fuhr! Eine Wahnsinnstat, die mir partout nicht in den Kopf will: Weshalb soll ich bei meinem Selbstmord unschuldige Menschen mit in den Tod nehmen?! Die können ja schliesslich am wenigsten dafür, dass ich mein Leben nicht in den Griff bekommen habe und deshalb feige aus diesem scheide (schwere, unheilbare Krankheiten ausgeschlossen – jedoch nicht auf diese Art!). Psychiater, die sich mit dem Thema intensiver befassen, nennen vornehmlich zwei Gründe: Verschleierung der wahren Suizid-Hintergründe oder Inszenierung des eigenen Abganges. Zweiteres ist immer wieder auch bei Amokläufern zu erkennen. Dadurch soll darauf hingewiesen werden, dass die Umwelt dem Betroffenen ein grossen Unrecht zugefügt hat. Experten sprechen vom F60.8 im ICD 10 oder einer Cluster-B-Störung nach DSM-IV – einer narzißtischen Persönlichkeitsstörung. Perfekt übrigens durch Michael Douglas auf die Leinwand gebracht (“Falling down”). Auslösender Reiz war dessen Kündigung. Durch einen aufwendigen oder aussergewöhnlichen Selbstmord versucht der Betroffene ein letztes Mal Aufmerksamkeit zu erhaschen. Das gekränkte Ego soll mit einem lauten Knall besänftigt werden. Beim Geisterfahrer in Meschede durchaus der Fall: In seiner Abschieds-SMS schrieb er, dass Eheprobleme die Ursache für dieses grausame Tun darstellten – es war eine letzte, beschuldigende Nachricht an seine Frau! Die Anderen – Pech: Zur falschen Zeit am falschen Ort! Eine Studie der Universität Würzburg zeigt beispielsweise auf, dass sehr viele, die schon einmal einen Suizid-Versuch unternommen haben, bei Verkehrsunfällen um’s Leben kommen. Gibt es etwa einen kausalen Zusammenhang? Verkehrsexperten sind sich hier einig: Gegen Amokfahrer helfen keine Hinweisschilder, keine Fangnetze und keine hochfahrende Barrieren. Sie finden immer eine Möglichkeit.
Das deutsche Bundesverkehrsministerium zählt jährlich rund 1.700 Falschfahrer, der ADAC geht von 2.000 aus. Tendenz: Gleichbleibend. In Österreich wurden im Jahr 2008 497 Geisterfahrermeldungen durch den bundesweiten Radiosender Ö3 on air gebracht – 2010 waren es noch 402(auf den österreichischen Autobahnen verstarben seit 1987 bei solchen Unfällen 105 Menschen). Auch im Alpenstaat somit leider konstant! Falschfahrer durchbrechen den Vertrauensgrundsatz. Deshalb sind solche Unfälle zumeist die schlimmsten. Blutige Oktoberbilanz: 12 Tote auf Deutschlands Autobahnen – und der Monat ist noch nicht vorbei. Doch nicht immer steckt ein Selbstmordversuch dahinter. Im Folgenden wollen wir dies etwas genauer beleuchten.
Bei einem Unfall auf der A 1 in Rheinland-Pfalz (ein Vater und zwei Kinder starben), behauptet die Unfalllenkerin, eine 60-jährige Frau, nach wie vor felsenfest, dass ein Monster sie verfolgte. Unfassbar ist auch der Anruf einer Lenkerin von der A8 (Salzburg-München). Sie meldete am 17. März 2006, dass ihr “jede Menge Geisterfahrer” entgegenkämen. Die Polizei konnte die Frau stoppen – offenbar hatte die psychisch Verwirrte ihre Medikamente nicht genommen.

https://www.youtube.com/watch?v=lUi9c-boS0M

Riesige Autobahnkreuze machen es so manchem Autofahrer nicht unbedingt einfach. Einmal falsch abgebogen befindet sich die nächste Abfahrt mit viel Glück schon nach nur 10 Kilometern, sehr häufig jedoch sind es mehr. Panik greift um sich. Dabei geht es weniger um die verlorene Zeit und das Mehr auf dem Kilometerstand. Vielfach setzt das logische Denken des Einzelnen aus – es wird schlicht und einfach umgekehrt.
Auch Baustellen können dies verursachen. Als auf der A3 bei Würzburg gebaut wurde, bog auch ich falsch ab und befand mich plötzlich auf der Route Nürnberg-München (A 9), obwohl ich in Richtung Ulm-Lindau (A 7) musste. Sh… happens!, dachte ich mir und wartete auf die nächste Abfahrt. Fazit: 25 km mehr! Doch wäre mir niemals ein Umkehren oder Rückwärtsfahren auf dem Pannenstreifen in den Sinn gekommen.

http://www.myvideo.at/watch/3178323

Für solche orientierungslose Autofahrer haben die Verkehrsplaner extra grosse Hinweisschilder an besonders schwierigen Stellen angebracht. Doch helfen diese bei Nebel oder schlechter Sicht durch starken Regen oder in der Nacht ebenso wenig. Hier können Navigationsgeräte recht sinnvoll sein. Allerdings sollte man auch diesen nicht unbedingt blind vertrauen, so wurde beispielsweise eine Lenkerin zum Umdrehen aufgefordert – mitten im Tunnel (und sie tat es auch noch!!!).

Ein weiterer Grund ist Alkoholeinfluss bzw. Drogenkonsum. Oder auch eine Mutprobe/Stammtischwette. Hintergründe, die an einer grundsätzlichen Fahrtauglichkeit eines Autofahrers zweifeln lassen. Denn: Gemäss § 315 c StGB ist das Falschfahren in Deutschland eine Gefährdung im Strassenverkehr und stellt einen Angriff auf das Leben anderer dar. Das Urteil lautet auf Freiheitsentzug bis zu fünf Jahre bzw. eine Geldstrafe und der Entzug der Fahrerlaubnis (Führerschein). In Österreich ist dies nach § 177 StGB fahrlässige Gemeingefährdung (1 Jahr Freiheitsentzug, hohe Verwaltungsstrafen und Entzug der Lenkerberechtigung), in der Schweiz nach Art. 90 Satz 2 Strassenverkehrsgesetz ein abstraktes Gefährdungsdelikt und bringt bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe. Kommt es zu einem Unfall, so greift noch jeweils eine Vielzahl an anderen Gesetzen.

https://www.youtube.com/watch?v=6C5PKTs4sqQ&feature=endscreen&NR=1

Wie aber kann nun der Strassenerhalter bei solchen Lenkern reagieren, die nicht nur schwerwiegend gegen geltende Gesetze verstossen, sondern auch die Hoffnung auf einen gesunden Menschenverstand verpuffen lassen. 2009 und 2010 wurden Versuche mit Fangnetzen absolviert. Hier dachten zuerst die Verantwortlichen, auf das Ei des Columbus gestossen zu sein. Stellte sich jedoch dann doch nicht als die Lösung schlechthin dar. In Österreich wurden sog. “Krallen” an exponierten Stellen angebracht. Diese werden bei Druckkontakt durch falsches Auffahren ausgefahren und zerstörten die Reifen. Solche Metallzacken kommen auch in den USA und der Türkei zum Einsatz. In dieser Hinsicht sehr effektiv. Was jedoch, wenn Feuerwehr- oder Rettungsdienste auf einem gesperrten Teilstück entgegengesetzt auffahren müssen? Daneben kam es durch Eis oder Schnee zu Funktionsausfällen. Der deutsche Bundesverkehrsminister, Dr. Peter Ramsauer (CSU), lehnt diese Massnahme zudem aus Kostengründen ab: Rund 2.000 Auffahrten, hinzu kommen Parkplätze und Raststationen – ein unmögliches Unterfangen! Im Alpenstaat sowie auch in Bayern setzt man deshalb seit 1997 auf übergrosse Warntafeln. Sie sollen zumindest die unachtsamen oder orientierungslosen Kraftfahrer am Weiterfahren hindern. Auf der Rückseite ist Werbung angebracht, die normalerweise im Autobahn-Bereich verboten ist, jedoch die Hinweistafeln finanzierte. Der normale Autolenker sieht also die Werbung, der Falschfahrer hingegen die grosse Hand mit dem Fahrverbotsschild. Immer mehr kommt auch das “Ghost Rider Information System” (GRIS) zur Diskussion. Durch elektronische Sensoren sollen Geisterfahrer bereits an den Auffahrten ertappt und direkt an die Exekutive bzw. den Verkehrsfunk gemeldet werden.
Wie reagiere ich – als normaler Autobahn-Benutzer! Wichtig ist zu allererst, dass der Verkehrsfunk aktiviert ist. RDS bietet hierzu das TP (Traffic Programme) in Ihrem Autoradio. Ist beides aktiviert, so können Sie durchaus auch CD hören – bei Verkehrsmeldungen wird unterbrochen. Wird nun tatsächlich eine Geisterfahrermeldung durchgegeben, sollte so rasch als möglich die äusserst rechte Spur aufgesucht und das Tempo gedrosselt werden. Der Abstand zum Vordermann sollte erhöht und im besten Falle ein Parkplatz bis zur Entwarnung angefahren werden.

Passiert dann tatsächlich ein Fahrzeug in verkehrter Richtung, bleibt das Herz des Fahrers erstmal kurz stehen: “Was wäre geschehen, wenn ich nun überholt hätte?!” Sehen Sie zwei Lichter auf sich zukommen, so können Sie die Lichthupe betätigen – doch auf gar keinen Fall aufblenden. Dadurch könnte der Falschfahrer die Sicht verlieren. Sollte es ihnen selbst nun geschehen sein (durch einen Verkehrsunfall etwa), dass sich das Auto gedreht hat, muss die Warnblinkanlage eingeschaltet und der nächste Fahrbahnrand aufgesucht werden. Niemals die Fahrbahn kreuzen oder rückwärts fahren bzw. wenden. Ansonsten empfiehlt die Polizei, das Fahrzeug an der Mittelleitplanke stehen zu lassen. Die Insassen sollten sich auf den Grünstreifen retten und sofort die Polizei alarmieren.
In Österreich wurde mit dem Gefahrenzeichen “Achtung Falschfahrer!” (StVO § 50 Abs. 14a) unter dem damaligen Infrastrukturminister Hubert Gorbach (FPÖ) auch eine Hinweistafel aufgenommen, die etwa durch das Overhead-Autobahn-Informationssystem oder Wechselverkehrszeichenanlagen direkt an den Lenker weitergegeben werden kann.

Weniger Probleme mit Falschfahrern haben mautpflichtige Autobahnen wie jene in der Schweiz, Italien oder auch Frankreich. Und übrigens: Die meisten der Geisterfahrermeldungen sind Scherze. Die Polizei in Deutschland geht davon aus, dass nur rund 300 pro Jahr ernstzunehmende Meldungen sind. Herzlichen Dank an all die Scherzbolde, die eine Notfall-Einrichtung, die Leben retten kann, derart missbrauchen.

Factbox:

Die Hauptursachen für Geisterfahrten in Österreich
Alkoholisierung (50 %)
Überforderung (30 %)
Bewusstes Wenden auf der Fahrbahn (27,4 %)

Geisterfahrten beginnen:
Im Einmündungsbereich (44 %)
Absichtliche Wendemanöver (27 %)
Im Übergangsbereich, auf Abschnitten ohne/mit Mitteltrennung (16 %)
Von einer Raststation (6 %)
Vom Parkplatz (3 %)
Andersweitig

Der durchschnittliche Geisterfahrer:
Männlich 83 %
Zwischen 21 und 40 Jahren 45 %
Zwischen 18 und 02.00 Uhr unterwegs

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