Posts Tagged ‘Insekten’

Die Stinker sind da

An dieser heutigen Stelle hätte eigentlich ein anderer Text stehen sollen. Jedoch wurde mir von Sicherheitsexperten geraten, diesen nicht zu veröffentlichen, da sich die Szene augenblicklich im Umbruch befindet und sehr hellhörig geworden ist. Deshalb habe ich mich kurzfristig umentschieden und eine wahrhaft unappetitliche Sache angepackt.

Der Klimawandel macht’s möglich, dass derzeit eine Sache ganz offen besprochen wird, die eigentlich lieber stillgeschwiegen wird: Deutschland hat ein Wanzenproblem! Nein – nicht die kleinen Technikdinger, mit denen man sich zwar einseitig, dennoch aber lebhaft unterhalten kann und dabei immer ein offenes Ohr findet. Die Rede ist von den sechsbeinigen, lebenden Insekten! Sie trotzen den monatelangen Meldungen zum Insektensterben und bevölkern derzeit zu Millionen Bäume, Terassen, Hausfassaden und sonstige Restwärme abstrahlende Orte. Experten sprechen von einem massiven Auftreten der Amerikanischen Kiefern-, der Malven- und der Grünen Stinkwanze. Die Erklärung hierfür ist ganz einfach: Wanzen lieben warme und trockene Orte. In den Ballungsräumen wird es zusehends wärmer. Hinzu kommen nahezu frostfreie Winter und wie zuletzt heisse und lange Sommer – perfekte Voraussetzungen also für grosse Populationen, die gleich zwei Generationen beinhalten. Wer nun eine Panikattacke bekommen sollte: Sie sind zwar unangenehm, jedoch für den Menschen meist nicht gefährlich!
Weltweit gibt es zirka 40.000 Arten von Wanzen. In Deutschland derer knapp 1000. Bei so manchen Exemplaren ist Vorsicht angesagt, da sie sich von Menschenblut ernähren (die Bettwanze etwa) und dadurch Krankheiten übertragen können bzw. toxische Stoffe ausscheiden. Die drei vorhin angesprochenen Arten jedoch sind Pflanzensauger. Auch hilft beim Antreffen in den heimischen vier Wänden kein mikrobiologischer Putzfimmel – Wanzen haben nichts mit mangelnder Hygiene zu tun – zumindest nicht die Pflanzensauger. Da kann sich das Zuhause nahezu steril präsentieren, ein gekipptes Fenster, eine offene Tür oder auch eine Mauernritze reichen bereits und sie sind im Haus. Dort suchen sie sich eine warme Stelle für die Übernachtung oder auch die Überwinterung. Aber: In Wohnungen vermehren sie sich nicht. Zudem sind die meisten Wanzen flugfaul – sie suchen sich deshalb das kürzeste Ziel – immer das erste geöffnete Fenster neben einem befallenen Baum.
Zur Familie der Baumwanzen gehören weltweit rund 4.000 Arten – etwa 70 davon finden sich in Mitteleuropa. Besonders unangenehm sind die Graue Gartenwanze (Rhaphigaster nebulosa) und die Grüne Stinkwanze (Palomena prasina). Damit sie sich vor Fressfeinden schützen können, sondern sie bei Gefahr oder Berührung ein streng riechendes Sekret ab, das sich zudem sehr lange auf Haut oder Kleidung halten kann. Die Gartenwanze lebt vornehmlich in der deutschen Rheinebene. Die Grüne Stinkwanze ist zumeist in Sträuchern anzutreffen, in der Oberpfalz haben sie deshalb die Bezeichnung “Schwoarzbeer Gougl” erhalten. Im Herbst färbt sich deren Panzer braun-grün: Zeit wird’s, ein Winterquartier zu suchen. Sollten Sie solche Stinkwanzen im Hause finden, verwenden Sie bitte keine Chemikalien. Es reicht das Aussprühen einer Spülmittellösung. Dies löst den Panzer der Tiere auf – sie vertrocknen von innen heraus. Auch mögen sie keinen Knoblauch. Der Stinker, die auch Gemeine Baumwanze Genannte lebt vornehmlich in Erlen und Linden und ernährt sich vom Pflanzensaft. Dabei erreicht sie eine Grösse von rund 16 Millimetern. Die Weibchen beginnen im Frühsommer mit der Eiablage an der Unterseite der Wirtspflanze. Dabei produziert ein einziges Tier insgesamt bis zu 450 Eier. Einige Tage später schlüpfen die sog. “Nymphen”. Sie werden in den nächsten Wochen fünf Stadien durchlaufen.
Besonders in der Nähe von Gewässern oder Feuchtwiesen leben die Lederwanzen (Coreus marginatus). In Europa sind rund 25 Arten bekannt. Ihr Körper ist durchgehend mittel- bis dunkelbraun, ihr Hinterleib leuchtend rot. Die Farbe ändert sich im Herbst in schwarz-braun. Die Körperoberfläche ist vernarbt, das führt zu einem lederähnlichen Erscheinungsbild. Die Tiere werden zwischen 10,5 und 16 Millimeter groß. Diese Wanzenart ist ab zirka April in Sträuchern im Garten zu finden. Zur Eiablage bevorzugt sie Ampfer- und Knöterich-Pflanzen. Aus den Eiern schlüpfen nach drei bis fünf Wochen die Larven, die bis Juli fünf Nymphen-Stadien durchlaufen. Die erwachsenen Imagos finden sich dann in Sträuchern (Brombeer) oder Stauden bzw. Disteln. Sie lieben übrigens den Saft des Rhabarbers. Die Lederwanze kann Gift versprühen – auf der menschlichen Haut hinterlässt es braune Flecken. Zur Überwinterung nutzen die Tiere Bodenstreu.
Doch finden sich nicht nur die heimischen Arten wie die Stink- oder die Gartenwanze derzeit in unseren Gärten. Aus China etwa wurde die Grüne Reiswanze (Nezara viridula), die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys) eingeschleppt, aus Nord-Amerika die rötlich-braune Amerikanische Zapfen- der Kiefernwanze (Leptoglossus occidentalis) oder auch die Malvenwanze (Oxycarenus lavaterae) aus dem Mittelmeer-raum.
Die marmorierte Baumwanze ist zwischen 12 bis 17 Millimeter gross, grau bis braun marmoriert und besitzt am Seitenrand schwarz-weiß gemusterte Flecken. Die Fressgeräte (der Mundteil) sind als Saugrüssel ausgebildet. Das macht sie auch für die heimische Landwirtschaft dermassen gefährlich: Sie kann besonders im Gemüse- und Obstanbau (Äpfel, Trauben, Gurken, Tomaten) grosse Schäden anrichten. In den USA blieb sie für rund 10 Jahre unentdeckt – derzeit richtet sie v.a. in Apfel-Plantagen Ernteausfälle von rund 30 Millionen US-Dollar an. Sie wurde vermutlich in den 90er Jahren mit Baumaterial aus Ostasien in die Schweiz gebracht. Insektenforscher entdeckten sie erstmals 2004 in Liechtenstein – inzwischen wandert sie den Rheingraben hinauf. Durch den Klimawandel finden die Tiere nun auch in Europa hervorragende Lebensvoraussetzungen und zudem nach diesem Fruchtjahr auch jede Menge Nahrung. Manches Mal bringen derartige Schädlinge auch gleich ihre Fressfeinde mit. Nicht so die Marmorierte Baumwanze, da sie keine natürlichen Feinde hat. In Wien sorgte sie bereits 2016 für ziemliches Aufregen, da sie massenweise auftrat.
Die Amerikanische Kiefernwanze gelangte erstmals 1999 in Norditalien in das Visier der Entomologen. Möglicherweise wurde sie auf Weihnachts-bäumen, Saatgut oder ebenfalls Baumaterial eingeschleppt. Auch sie hat sich inzwischen auf weite Teile Europas ausgebreitet. Ihre Grösse liegt bei 15 bis 20 Millimeter, die Körperoberseite ist rötlich-braun bis schwarz, in der Mitte der Vorderflügel befindet sich ein auffallendes weißes Zick-Zack-Muster. Das Weibchen legt Ende Mai/Anfang Juni rund 80 Eier ab, davon werden jedoch nur zirka 10 % zu erwachsenen Tieren – die anderen werden von sog. “Eiparasitoiden” wie der Erzwespe befallen. Nach 10 bis 14 Tagen schlüpfen die Nymphen. Nur in Mexiko bzw. in Norditalien können bis zu drei Generationen vorkommen, bei uns nur eine pro Jahr. Diese Wanzen sind ausgezeichneten Flieger – ihr Flugton erinnert etwas an den Flug von Hummeln. Die Besiedelung der britischen Südküste soll beispielsweise durch Tiere aus Frankreich erfolgt sein, die mal eben über den Ärmelkanal geflogen sind. Als Nahrungsquelle bevorzugen sie Kiefern, Douglasien, Weiß-Fichten oder auch Koniferen. Dort saugen sie aus den Zapfen das wasserspeichernde Gewebe ab – später dann auch aus den Samen. Nach fünf Nymphenstadien häuten sie sich im August zur Imago und überwintern in dieser Form. Während die Kiefernwanzen in den USA grosse Schäden vor allem in den Samenschulen anrichten, spielen sie hierzulande nahezu keine Rolle. Wittern sie Gefahr, sondern auch sie ein Sekret ab, das jedoch nach Kiefern-Nadeln bzw. Äpfeln riecht. Für den Menschen ist auch diese Wanzenart völlig ungefährlich. Dennoch sollten sie diese Wanzen aus dem Haus bringen – sie überwintern teils auch gerne in Dachböden – da abgestorbene Tiere zur Nahrung einiger Käfer-Arten gehören.
Die Malvenwanze bevorzugt eigentlich den Raum rund um das Mittelmeer, seit Mitte der 90er Jahre hat sie ihren Zug auch in das restliche Europa angetreten. Bekannt sind rund 50 Arten. Das auch als “Lindenwanze” bekannte Insekt tritt zwar regional teils massiv auf, hat sich aber noch nicht derart weit verbreitet wie die beiden zuvor besprochenen Arten. Die Weibchen werden zirka 5,5 bis 6 Millimeter groß, die Männchen sind etwas kleiner. Während der Kopf schwarz ist, kann diese Wanze an ihrem ansonsten überwiegend roten Körper erkannt werden. Die Malvenwanze liebt Strauchpappeln, Hibiscus und natürlich Malven. Erst im Herbst sammeln sich die Tiere an Linden zu Kolonien um zu überwintern.
Bei der Bekämpfung ist es am besten, man fängt sie mit einem Glas oder Becher ein und befördert sie wieder in’s Freie. Begehen Sie bitte niemals den Fehler, eine Stink-Wanze zu zerquetschen oder zu zertreten. Dabei sondert sie ein sog. “Aggregationspheromon” ab, das für andere Artgenossen als Lockstoff dient. Sie werden alsdann noch mehr dieser Tierchen im Haus vorfinden. Auch gegen die Kiefernwanze hilft nur die Chemiekeule, die jedoch auch den Menschen gefährden kann. Kehrt vor der Tür der Winter ein, löst die Natur dieses Problem von alleine.
In Parkanlagen oder Wäldern unternehmen viele Kommunen nichts gegen die Wanzen. Einerseits schaden die Baumwanzen ihren Wirtspflanzen nicht, andererseits findet das massenweise Auftreten grundsätzlich nur für zwei bis drei Wochen im Jahr statt. Viele wollen deshalb keine möglicherweise auch für andere Tiere oder gar dem Menschen schädliche Chemikalien ausbringen.
Für die meisten Wanzenarten ist hierzulande die Schlupfwespe der einzige wirkliche Feind.

Lesetipps

.) Illustrierte Bestimmungstabellen der Wanzen.Europa; Wolfgang Stichel; Selbstverlag 1962
.) Wanzen beobachten – kennenlernen; Ekkehard Wachmann; J. Neumann-Neudamm 1989
.) Wanzen und Zikaden; Frieder Sauer; Fauna-Verlag 1996
.) Wasserwanzen; K. H. C. Jordan; Die Neue Brehm-Bücherei 1950
.) Insekten – Käfer, Libellen und andere; Siegfried Rietschel; BLV Verlagsgesellschaft 2002
.) The semiaquatic bugs (Hemiptera, Gerromorpha). Phylogeny, adaptations, biogeography and classification. (Entomonograph, Vol. 3); N. M. Andersen; Scandinavian Science Press 1982
.) Garden insects of North America: the ultimate guide to backyard bugs; Whitney Cranshaw; Princeton University Press 2004

Links:

wanzen-nrw.de
koleopterologie.de
www.schaedlingskunde.de
www.bvl.bund.de
www.uibk.ac.at/natmedverein/
naturwissenschaften.ch/organisations/seg
naturschutzbund.at
www.lbv.de
www.wsl.ch
www.julius-kuehn.de
www.hortipendium.de
www.ltz-bw.de
www.provinz.bz.it/de
ento.psu.edu

No Comments »

Das leise Sterben der Insekten

So manch einer wird es in diesem Sommer ganz besonders gespürt haben: Weniger Fliegen, Wespen und Stechmücken auf der Windschutzscheibe des Autos! Gott sei’s gelobt – nicht schade um diese Biester! Soweit die landläufige Meinung grosser Teile der Bevölkerung. Fällt nämlich das Wort “Insekt”, so denken die meisten wohl nur an jene, die dem Menschen ganz offensichtlich lästig fallen oder schaden. Dass es aber da noch wesentlich mehr davon gibt, auf die der Mensch angewiesen ist und ohne die der Lebenskreislauf auf unserem Planeten nicht funktioniert (“Biodiversität”), das wird dabei meist ausser acht gelassen. So ist der Schwalbenschwanz inzwischen in Mitteleuropa vom Aussterben bedroht. Aasfresser, Humusproduzenten, Bestäuber oder auch nur Nahrungsquelle für grössere Tiere wie Vögel, Amphibien oder Fledermäuse beispielsweise: Erste Untersuchungen sprechen von über 12,7 Millionen Vogelbrutpaaren weniger – innerhalb der letzten 12 Jahre nur in Deutschland. Am meisten davon betroffen ist der Star, der Vogel des Jahres 2018. Ornithologen empfehlen deshalb die ganzjährige Fütterung der Vögel durch den Menschen. Ohne Insekten ist ein Leben auf der Erde nicht möglich. Insekten sind das Fundament eines gesunden Ökosystems. So werden seit Jahren immer wieder die Bienen in’s Spiel gebracht, die einen immens wichtigen Anteil am Wachstum und der Vermehrung der Pflanzen erledigen. Über sie habe ich an dieser Stelle bereits berichtet.
Die Studie “Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch in den Jahren 1989 und 2013″ brachte es dieser Tage zu Papier: Die Masse der Fluginsekten verringert sich im Schnitt um 6,1 % pro Jahr. So hat der Bestand um 76,7, im Hochsommer sogar um bis zu 81,6 % im Vergleich zu Ende der 80er Jahre abgenommen. Doch nicht nur in der Masse, sondern auch in der Artenvielfalt. Bei den Faltern beispielsweise um rund ein Drittel. In die Studie wurden alle unterschiedlichen Biotoptypen einbezogen: Die Schmetterlinge, die Hummeln, Nachtfalter, usw. Ein Ergebnis, das erschreckend und zugleich alarmierend ist. Schliesslich wird der Wert der Insektenbestäubung weltweit auf einen dreistelligen Milliardenbetrag beziffert – von den Wildpflanzen sind rund 80 % von der Insektenbestäubung abhängig. Viele Pflanzen können zudem nur von spezialisierten Insekten bestäubt werden. In einem Artikel des Magazins “Science” (erschienen im November 2016) warnten Wissenschaftler von 5 Kontinenten vor dem Tod der Bestäuberinsekten. Die Verantwortung trägt dafür zu grossen Teilen die Intensiv-Landwirtschaft. Nicht nur die übermässige Verwendung von Spritzmitteln, wie Insektiziden oder Pestiziden in Kulturplantagen, sondern auch die Überdüngung von Wiesen und Feldern (zu hoher Stickstoffgehalt, bekannt auch als “Eutrophierung”) bzw. der vier- bis teilweise sogar fünffache Schnitt pro Jahr lassen keine Blütenstände mehr zu, die aber gerade für die Fluginsekten von entscheidender Bedeutung sind. Auch Monokulturen anstelle von Mischkulturen gehören dazu. Wenn ausser Grashalmen auf den Feldern nichts mehr wächst bedeutet dies einen Nahrungsnotstand für die Vielflieger, die sich zudem mehr als schwer tun eine Pflanze zu bestäuben, die es gar nicht mehr gibt.

“Die Hauptursache ist tatsächlich die Intensivierung der Landwirtschaft!“
(Johannes Steidle, Tierökologe Universität Hohenheim)

Insekten erfüllen als Destruenten eine nicht ersetzbare Arbeit: Sie sorgen dafür, dass wir nicht in faulendem organischen Abfall untergehen. Sie zersetzen Pflanzen und Lebewesen und führen dem Boden dadurch wichtige Nährstoffe zu. Sind sie plötzlich nicht mehr da, beginnt das organische Material am Boden zu faulen.
Die zumeist Sechsbeiner werden in der Botanik und Zoologie auch als Zeigertiere und somit als Bioindikatoren eingesetzt.
Die vorhin angesprochenen Untersuchungen wurden von ehrenamtlichen und damit nicht bezahlten Insektenforschern des Entomologischen Vereins Krefeld und dem Naturschutzbund (Nabu) durchgeführt. Sie betreiben Dutzende Messstellen in Nordrhein-Westfalen – zwei davon im Obroicher Naturschutzgebiet mit sog. “Malaise-Fallen”. Diese wurden über den Untersuchungszeitraum 1989 bis 2013 pro Jahr insgesamt 24mal an nahezu denselben Tagen entleert. Die Präsentation der Ergebnisse fand im vergangenen Jahr im Bundestag statt, durch die Erkenntnisse eines internationalen Forscherteams aus Deutschland, den Niederlanden und Grossbritannien erweitert und in der Online-Fachzeitschrift “Plos One” dieser Tage veröffentlicht. So wurden beispielsweise noch Ende der 80er Jahre 1,4 Kilogramm in den Obroicher Fallen gefunden, 2013 allerdings nurmehr 300 Gramm. Und dies obgleich sich der Anstieg der durchschnittlichen Jahrestemperatur eigentlich positiv auswirken sollte. Insgesamt haben wir seit 1989 rund 3/4 der Insektenmasse verloren! Doch nicht nur in Deutschland entwickelt sich die Insektenfauna dermassen bedrohlich. In Grossbritannien besteht seit 1968 ein Netz an Messstellen für grosse Nachtfalter, den sog. “Macro-Moths”. Rund 80 Messstellen sind aufgestellt, jede Messstelle bleibt für zirka sieben Jahre am selben Ort. Parallel dazu wird vom UK Butterfly Monitoring Scheme zudem die Entwicklung der Tagfalter beobachtet. Auch hier sind es jeweils ehrenamtlich Mitarbeiter, die nach einem standardisierten Beobachtungs-Protokoll vorgehen. Das Ergebnis: 337 Falterarten gehen zurück, 71 davon sogar so stark, dass sie in der Roten Liste gefährdeter Arten aufgenommen werden mussten. Dasselbe Bild auch bei den Wildbienen: 39 der in Deutschland beheimateten rund 570 Arten sind bereits verschwunden – die Mohnbiene und auch die Mauerbiene ist beispielsweise massivst gefährdet. Die Arten der Schwebfliege verringerten sich im Untersuchungszeitraum von 143 im Jahr 1989 auf 104 im Jahr 2013.
Zurückzuführen ist all dies auf die “Degradation der Habitate”, also des schlechter werdenden Lebensraumes bis hin zu dessen Zerstörung durch etwa die intensive, landwirtschaftliche Bodennutzung (Verarmung der Agrarlandschaften). Bei ähnlichen Lichtfallen-Studien in Ungarn wurde dasselbe Ergebnis erzielt.
Der Objektivität halber sei hier auch die Stellungnahme der bäuerlichen Interessensvertretung zur Obroicher-Studie angeführt.

“In Anbetracht der Tatsache, dass die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand, verbieten sich voreilige Schlüsse in Richtung Landwirtschaft!”
(Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernbundes)

Die Organisation “Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services” (IPBES), eine Organisation der UNO, sprach in ihrem 2016 vorgelegten Bericht über eine Studie zu Hummeln und Wildbienen ganz eindeutig von der Schuld des Menschen. Einerseits werden fremde Arten eingeführt, die oftmals aggressiver und überlebensfähiger als die in Europa und Nordamerika beheimateten Arten sind. Gleichzeitig aber schleppt der Mensch nicht zuletzt dadurch Schädlinge, Pilze und Krankheiten mit ein, wie die Varroa-Milbe oder die Brutfäule. Auch in heimischen Gegenden ist das Hummelsterben mit freiem Auge zu sehen – im Sommer, speziell unter der Silberlinde. Dieser Baum blüht verhältnismässig spät, weshalb er ein Paradies für alle Insekten, im speziellen aber den Hummeln darstellt. Früher wurde vermutet, dass die Flieger den Nektar nicht vertragen. Forscher der University of Greenwich wiesen jedoch nach, dass sie schlichtweg verhungert sind, da das Nahrungsangebot zu gering war. In den im IPBES-Bericht enthaltenen empfohlenen Massnahmen ist auch die Rede von verschärften Zulassungsbestimmungen bei Pestiziden. Gefordert wird etwa, dass Neonikotinoide gänzlichst verboten werden.
Bei all diesen Betrachtungen habe ich bislang einen nicht unbedeutsamen Faktor ausgelassen: Raupen fressen Pflanzen vornehmlich dann, wenn diese unter Stickstoffmangel leiden. Findet nun auf diesem Feld, diesem Acker eine Überdüngung statt, könnten die davon betroffenen Insekten eigentlich auf das Nachbarfeld ausweichen. Doch ist dies auch nicht möglich, da so gut wie keine Randstreifen mehr bestehen und das Biotop dadurch unterbrochen wird. Somit ist alsdann eine Wanderung nicht möglich. Die Raupen und Insekten verhungern. Zudem befinden sich immer weniger Hecken am Feldrand. Sie hätten den grossen Vorteil, dass mögliche Luftverfrachtungen von Pestiziden in Nachbar-Biotope abgemildert würden. Hier sieht v.a. Jan Christian Hebele vom Institut für terrestrische Ökologie der TU München ein Problem: Naturschutzgebiete gut und schön, doch werden rundherum Pestizide eingesetzt, werden diese durch die Luft auch in die geschützten Zonen verfrachtet, die dadurch kontaminiert werden. Hierbei sprechen die beiden Wissenschaftler Hans de Kroon und Caspar Hallmann (Universität Nijmegen) von einem “Weckruf”: Wofür gibt es dann diese Offenlandbiotope als Naturschutzgebiete??? Das gilt selbstverständlich auch für Bio-Anbauflächen. Bestes Beispiel ist der Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat in Südtirol. Besorgte Eltern entdeckten den Rückgang des Wachstums auf Kinderspielplätzen in der näheren Umgebung von Obst- bzw. Weinplantagen. Das Mittel vernichtet nicht nur Unkraut, sondern auch alle nützlichen Pflanzen, die nicht genetisch resistent gemacht wurden.

“Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus. Wie es scheint, machen wir große Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens, und befinden uns gegenwärtig auf dem Kurs zu einem ökologischen Armageddon.”
(Dave Goulson, University of Sussex)

Die Politik reagiert nur zögerlich (siehe Wiederzulassung von Glyphosat durch die EU). So wurde etwa beim Entomologischen Verein Krefeld eine Studie zu Biodiversitätsverlusten in FFH-Lebensraumtypen in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse 2018 erwartet werden. Glyphosat hingegen zerstört auch den Klee oder Leindotter, der auf Monokulturen wächst. Hat der Mais oder Raps geblüht, finden die Insekten, die ansonsten auf dieses vermeintliche Unkraut zurückgegriffeb haben, keine Nahrung mehr. Es wird allerdings langsam eng für Gegenmassnahmen. Umweltschützer fordern deshalb das sofortige Verbot der Neonikotinoide wie dem Imidacloprid, mit dem das Saatgut gebeizt wird, sowie anderer problematischer Insektizide. Erstere wirken im Nervensystem der Insekten, die dadurch beispielsweise die Orientierung verlieren und nicht mehr – wie im Fall der Bienen – zum Bienenstock zurückfinden. Sie gehen jämmerlich zugrunde. Gleiches gilt auch für den Nützling Schlupfwespe. Sie legt ihre Eier durch den langen Stachel direkt in Schmetterlinge, Läuse und Käfer. Schlüpft dann der Nachwuchs, so frisst er sich durch den Wirt. Diese Wespe wirkt somit tausendfach umweltschonender als ein Spritzmittel. Oder Faltenwespen, die fremde Larven betäuben und im Nest verzehren. Zudem sollen Acker- und Gewässerrandstreifen renaturiert werden.

Jetzt ist Schutzgebietsmanagement angesagt, das auch die Agrarflächen mit einbeziehen muss!

Zusätzlich liegt die Verantwortung beim Verbraucher. Finden nach wie vor die Billigwaren aus der landwirtschaftlichen Massenproduktion einen Absatzmarkt, wird sich nichts ändern. Erfolgt der Griff im Supermarkt jedoch zu nachhaltigen Produkten, so wird sich auch die Landwirtschaft den Umständen anpassen müssen. Und für den heimischen Garten heisst dies: Kurz geschnittener Rasen ohne Blumen mag zwar schön für’s Auge sein, doch zerstört dies die Natur! Wenn es aus ästhetischen Gründen dennoch sein muss, schaffen sie bitte auch Zonen, in welchen die Flora so wachsen kann, wie sie will. Säen Sie möglichst viele unterschiedliche Wildblumen ein. Die Laubbläser übrigens töten die darunter lebenden Insekten, die das Laub ansonsten zersetzen würden.
Wie nun eine Zukunft ohne bestäubende Insekten aussehen könnte? Am Beispiel Kalifornien wohl am besten zu verdeutlichen: Dort sind im vergangenen Jahr 44 % aller Honigbienen krepiert. Bienenstöcke werden inzwischen auf die Felder gefahren (2 Millionen zuletzt). Nun wird versucht, die Mandelblüten mit Drohnen zu bestäuben. Eine sündhaft teure Angelegenheit. Experten sprechen hier von drei Billionen US-Dollar, sollte dies flächendeckend gemacht werden. Auch Pinsel aus Pferdehaar muss der Bauer verwenden, um per Hand die fehlenden Bestäuber zu ersetzen.

Wir haben lang genug gewartet – es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen!!!

Lesetipps:

.) Das große Buch der Insekten; Rod Preston-Mafham / Ken Preston-Mafham; DuMont Reiseverlag 2000
.) Das Insektenbuch; Maria Sibylla Merian; Suhrkamp 2015
.) Encyclopedia of Insects; Vincent H. Resh / Ring T. Cardé (Hrsg.); Academic Press (Elsevier) 2003

Links:

- www.entomologica.org
- www.nabu.de
- ipbes.net/
- www.biodiversity.de/
- www.ukbms.org
- journals.plos.org/plosone
- www.naturgucker.de
- www.biologischevielfalt.at
- www.rothamsted.ac.uk
- www.giz.de
- www.ipbes.net

No Comments »

Eine Mär!

Dieser Tage absolvierte ich (unfreiwillig!) einen Selbsttest: In mein Büro hatte sich eine Hornisse verirrt. An sich hört man diese Insekten ja am tiefen Brummen des Flügelschlags – ich jedoch war gerade auf einen Sprung raus. Als ich zurückkam, mich auf meinen Stuhl niederliess und meinen linken Arm auf das schwarze Polster des Bürosessels legte, traf mich plötzlich ein stechender Schmerz. Die Hornisse hatte sich auf der Lehne ausgeruht und mich in ihrem Todeskampf gestochen. Sie überlebte es nicht, ich hingegen hatte offenbar Glück, da ich haarscharf an einer Entzündung mit möglicher Blutvergiftung vorbeimarschierte. Höchstwahrscheinlich war es nur die Wundsalbe, die dies verhinderte.
Ich kann nicht leugnen, dass ich etwas in Panik verfiel, da es ja heisst, dass Hornissen aggressiv werden, sobald eine gestochen hat und zu Massen auf den vermeintlichen Aggressor einstechen. Auch wenn ich nicht allergisch gegenüber Insektenstichen bin (musste auch schon mal vier Wespenstiche auf einmal über mich ergehen lassen, da ich in ein Erdnest getreten bin) heisst es doch im Volksmund, dass sieben Hornissenstiche ein Pferd, drei einen Menschen töten!!! Erst nachdem ich mich etwas eingelesen hatte, wusste ich, dass dies alles nur Lügengeschichten sind und möchte deshalb ein für allemal damit aufräumen.
Die Hornisse (lat. Vespa crabro) gehört zur Familie der Faltenwespen, insgesamt sind 23 Hornissen-Arten bekannt. Die Königin kann zwischen 23 bis 35 Milimeter gross werden, die Arbeiterinnen und Drohnen sind ein wenig kleiner. Von den Wespen sind die Hornissen recht einfach zu unterscheiden:
- Der Abstand der Ocellen (Nebenaugen) zum Kopfhinterrand ist mehr als doppelt so gross wie zu den Komplexaugen (Hauptaugen)
- Der Kopfschild (“Clypeus”) ist durchgehend gelb
- Die spezielle Aderung der Vorderflügel (benachbarte Mündung)
- Die rote V-Zeichnung auf der Mittelbrust der bei uns am häufigsten auftretenden Vespa crabro germania
Das Verbreitungsgebiet der Hornisse reicht vom Atlantik im Westen bis nach Korea und Japan im Osten, von Norwegen im Norden bis zur Peloponnes im Süden. Damit bevölkert sie ein weitaus grösseres Gebiet als andere Arten derselben Gattung. In Nordamerika wurde sie durch den Menschen eingeschleppt – hier ist sie vornehmlich im Osten des Kontinents heimisch geworden. Trotzdem galt die Hornisse bis zum Ende der 1970er Jahre als bedroht – sie steht nach wie vor in vielen Regionen unter Artenschutz. In den letzten 30 Jahren jedoch wurden gottlob immer mehr Völker gesichtet.

https://www.youtube.com/watch?v=8MR0VBluF2Q

Die Vespa crabro ist ein einjähriges Insekt. Nur Königinnen (die weiblichen Geschlechtstiere) können in Spalten oder selbst ausgenagten Ritzen im toten Holz überwintern, alle anderen sterben spätestens Ende Oktober. Nachdem das körpereigene Glyzerol sie in der kalten Jahreszeit vor dem Erfrieren schützte, verlässt die Königin das Winterquartier (ein Ort mit möglichst geringen Schwankungen im Mikroklima) je nach Witterung meist Mitte April bis Anfang Mai. Sie begibt sich nun auf die Suche nach einem Neststandort (Baumhöhlen, Dachböden, Nistkästen,…). Da die natürlichen Möglichkeiten immer weniger werden, nutzen sie immer mehr die vom Menschen gebotenen. Oft jahrelang verwenden sie dabei denselben Nestplatz, legen allerdings jedes Mal ein neues Nest an. Hierfür zerkaut das Insekt Holzfasern und formt eine Wabe mit Zellen. In jede dieser Zellen legt sie unmittelbar nach Fertigstellung jeweils ein Ei. Aus diesem schlüpft nach ca. 12 bis 18 Tagen eine Larve. Durch Kratzen an den Zellwänden, das auch für den Menschen mehrere Meter weit hörbar ist), zeigt die Larve, dass sie Hunger hat. Nachdem fünf Larvenstadien absolviert wurden, verpuppt sich diese. Die ersten zwei bis drei Tage verbringt die frisch geschlüpfte Hornissen-Arbeiterin in einer leeren Zelle. Dort ist sie verantwortlich für die richtige Temperatur im Stock, die sie mittels Flügelschlag reguliert. 30 bis 50 Tage nach dem Legen des Eis fliegt sie erstmals aus. Bis das bei den ersten Arbeiterinnen der Fall ist, wird die Brut von der Königin versorgt. Für den Stock sehr gefährlich, da sie zur leichten Beute für Insektenfresser wird. Die Hauptaufgabe der Arbeiterinnen besteht alsdann in der Fütterung der Königin und der Larven. Dazu fangen sie Insekten, wie etwa Wespen oder Spinnen – zeitweise auch Bienen. Die Arbeiterinnen selbst bevorzugen zuckerhaltige Säfte, wie Frucht-, Pflanzen- oder Baumsäfte – später dann auch vom Fallobst. Zudem wird der Nestbau nun von Ihnen übernommen. Dieses kann schon mal bis zu 60 cm lang werden und auf über 1.300 Zellen anwachsen, in Japan sogar auf bis zu 1.900. Wird das Nest zu klein, kann das Hornissenvolk, das bis auf 700 Tiere anwächst, auch umziehen (Filialbildung). Die Arbeiterinnen überleben zwischen 20 bis 40 Tage. Sie sind Akkordarbeiterinnen im wahrsten Sinne des Wortes, die auch in der Nacht fleissig sind. Apropos Nacht – in diesen Stunden gibt es eine Besonderheit: Zwischen 20 bis 25 Mal verfallen alle im Stock wie auf ein geheimes Zeichen in eine Art Tiefschlaf. Nach einer halben Minute ist auch dieser dann wieder vorbei.
Im August/September erfolgt die Produktion der Geschlechtstiere. Dabei werden aus unbefruchteten Eiern Drohnen, aus den befruchteten Eiern Königinnen. Der Anfang vom Ende für die alte Königin, die nicht mehr richtig versorgt wird und schliesslich das Nest verlässt und nach einem sehr anstrengenden Leben stirbt. Ein Volk kann bis zu 200 Jungköniginnen heranbilden, die sich mit Kohlehydraten und Eiweissen anfressen und so für den Winter vorbereiten. Noch im Herbst erfolgt die Befruchtung durch die männlichen Drohnen befruchtet werden. Dies nimmt die Jungkönigin dann im sog. “Receptaculum seminis” in das Winterquartier mit. Das jedoch überleben viele Königinnen nicht, da sie entweder Pilzen oder Vögeln zum Opfer fallen. Inzwischen werden Arbeiterinnen-Larven nicht mehr gefüttert oder den anderen Geschlechtstier-Larven zum Frass vorgeworfen. Übrigens – sollte ein Stock die Königin verlieren (“orphaner Stock”), werden bei einigen Arbeiterinnen für kurze Zeit die Eierstöcke aktiviert, was zuvor durch ausgestossene Pheromone verhindert wurde. Sie legen nun unbefruchtete Eier, aus welchen Drohnen schlüpfen. Der Stock stirbt aufgrund fehlender Arbeiterinnen aus.
Übrigens gibt es im Hornissennest auch einen Parasiten: Der Hornissenkäfer (Velleius dilatatus) ernährt sich von den Abfällen der Nestbewohner, beseitigt aber auch verendete Hornissen und Larven. Sein Artenkollege, der Quedius brevicornis hingegen kann für das Volk gefährlich werden, da sich dieser über die Brut hermacht. Doch ist er nicht der einzige, der den Nachwuchs gefährdet. Finden die Arbeiterinnen wegen schlechten Wetters keine Insekten, halten sie sich an den Eiern und Larven schadlos.
Hornissen sind friedfertige Tiere und lassen normalerweise den Menschen in Ruhe, ja sie fliehen richtiggehend vor ihm. Sollte dies nicht der Fall sein, pusten Sie das Tier nicht an, da sich dieses angepustet fühlt (!) und zustechen könnte. Auch Butter, Konfitüre oder Wurst vom Frühstückstisch auf der Veranda interessiert sie nicht, solange keine Fruchtsäfte auf dem Tisch stehen. Ganz im Gegenteil dazu sind Hornissen sogar Nützlinge, vertilgen sie doch die weitaus aggressiveren Wespen, die sich sehr wohl durch das morgendliche Treiben auf der Terasse angezogen fühlen. Da sie Hunger haben, sind sie zu dieser Tageszeit auch besonders anhängig. Nachdem die Hornisse hier ihre Wespe, Fliege, Biene,… gefunden hat, fliegt sie in Richtung Nest. Dort wird die Beute zerlegt (interessant ist nur die proteinhaltige Flugmuskulatur aus dem Bruststück) und in das Nest gebracht wird. Ein Volk frisst pro Tag bis zu einem halben Kilo Insekten. Sollten nun die Imker unter Ihnen aufschreien und lautstark die Ausrottung der Hornissen fordern: Pro Volk und Tag werden ab Juni nur rund 10-15 Bienen erbeutet. Hierfür gibt es jeweils spezialisierte Jäger. Im Vergleich zu rund 1.500 bis 3.000 schlüpfenden Jungbienen pro Stock und Tag Pipifax! Manche Imker stellen sogar in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Bienen-Stöcke Hornissenkästen auf, da diese in der Nacht die für das Bienenvolk weitaus gefährlicheren Wachsmottenfalter einfangen. Zudem jagen die Hornissen nicht in unmittelbarer Umgebung ihres Nestes.

https://www.youtube.com/watch?v=itskmLq-Cc0

Vorsicht für den Menschen ist nur in der unmittelbaren Umgebung ihres Nestes geboten (zwei bis sechs Meter Radius, kann sich erweitern, wenn die Insekten häufig gestört werden). Manche Parfums enthalten Duftstoffe, die jenem Pheromon ähneln, das die Hornissen bei Gefahr verwenden um ihren Artgenossen die Richtung des Eindringlings zu zeigen. Nicht wirklich förderlich! Der Todesfall eines Menschen nach einem Angriff der Vespa crabro ist nicht bekannt, liegt aber nach Schätzungen bei 500 Stichen und mehr. Geht man davon aus, dass bei Gefahr für das Nest nur rund ein Zehntel der Nestbewohner stechen, so sollte auch der Angriff eines grossen Volkes nicht tödlich sein. Gefährlicher aber sind die asiatischen Vespa orientalis und Vespa affinis. Hier kam es nach 300 Stichen zu einem berichteten Todesfall. Das resultiert aus der Tatsache, dass die Giftdosis nicht dermassen hoch ist wie bei einer Honigbiene, da die Biene ja nur einmal im Leben, die Hornisse jedoch mehrfach zustechen kann. Nach wissenschaftlichen Berechnungen liegt die LD50-Giftmenge, die bei 50 % aller Fälle zum Tode führt bei Honigbienen bei rund 40 Stichen pro Körpergewicht (6 mg Gift/kg Körpergewicht), bei Hornissen hingegen bei 154-180 Stichen pro kg (10 mg Gift/kg Körpergewicht). Nachzulesen ist dies bei Habermann 1974 bzw. Kulike 1986. Die Giftblase einer einzelnen Hornisse enthält rund 0,5 mg Frischgewicht an Gift. Pro Stich werden nur zwischen 10-50 % abgegeben. Der Stachel allerdings ist weitaus grösser und kann somit in tiefere Hautschichten vordringen. Hornissen stechen meist nur dann zu, wenn sich ein Mensch ihrem Nest nähert oder sie gequetscht werden, während Wespen völlig unmotiviert auf den Menschen zufliegen. Ist es aber dennoch geschehen, gelten für Hornissenstiche dieselben Massnahmen wie für Wespen- oder Bienenstiche. Ziehen Sie mit einer Pinzette möglichst gerade den Stachel heraus, sollte sich dieser noch an der Einstichstelle befinden. Diese muss desinfiziert und dann gekühlt werden. Die Stichquaddel beläuft sich auf rund 10 cm im Durchmesser. Schlimmer wird’s für Allergiker, da eine lgE-Reaktion ausgelöst werden kann, die für die meisten lebensbedrohlich ist (anaphylaktischer Schock). In meinem Falle dürfte ich den Stachel des Tieres beschädigt haben, wodurch das komplette Gift der Giftblase in die Wunde floss. Eine recht schmerzhafte Geschichte.
Hornissen sind in Deutschland, in manchen Teilen Österreichs und der Schweiz (nicht im Kanton Bern) geschützt, da sie Im Kreislauf der Natur wichtige Funktionen erfüllen: Sie halten das Insektengleichgewicht aufrecht, fliegt auch bei kühlerem oder regnerischem Wetter und in der Nacht (bei bis zu 0,01 Lux – für den Menschen völlige Dunkelheit). Dadurch bestäuben sie auch an Tagen Pflanzen, an welchen Bienen nicht fliegen. Zudem verbaut sie morsches Holz zu Nestern aus “Papier”. Somit dürfen die Insekten auch nicht mit Insektengift bekämpft werden. Sollten Sie ein Nest entdeckt haben, das stört, sollten Sie sich mit der Gemeinde, dem Magistrat oder dem Kreisamt in Verbindung setzen. Ansonsten können Nester ab dem November entfernt werden. Experten empfehlen allerdings, dies erst im darauffolgenden Frühjahr zu erledigen, da Nützlinge, wie die Florfliege derartige Nester zum Überwintern nutzen. In Deutschland werden ausserhalb des Siedlungsraumes künstliche Nester aufgestellt, damit Hornissenvölker vom Wohnraum ferngehalten werden. Lästig kann jedoch der Kot des Volkes werden, da dieser aus der Öffnung auf der Unterseite des Nestes entsorgt wird. Hier kann man sich mit dem Unterstellen eines grösseren Gefässes aushelfen.
Da die Hornisse für den Menschen eigentlich ungefährlich ist, sollte sie dieser auch nicht bekämpfen sondern vielmehr fördern.

Quellen-Nachweis:

.) E. Habermann – Bienen und Wespenstiche aus medizinischer Sicht (Allgemeine Deutsche Imkerzeitung 1974)
.) H. Kulike – Zur Struktur und Funktionsweise des Hymenopterenstachels (Amts- und Mitteilungsblatt des Bundesamtes für Materialprüfung 1986)

Lesetipps:

.) Schützt die Hornissen. Das Standardwerk zum Schutz der Hornissen und anderer Wespen in Deutschland, Österreich und der Schweiz; Robert Ripberger, Claus-Peter Hutter, Berthold Faust; Weitbrecht 1992
.) Wespen beobachten, bestimmen; Rolf Witt; Naturbuch / Weltbild 1998
.) Bienen, Wespen, Ameisen. Hautflügler Mitteleuropas; Heiko Bellmann; Kosmos 2005

Links:

www.hornissenschutz.de
www.hornissenschutz.ch/
www.vespa-crabro.de
www.wildbienenschutz.de
www.nabu.de
www.artenschutz.ch
www.wespenschutz.ch
www.oenj.at
www.umweltbundesamt.at
dejure.org

No Comments »

WP Login