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Kindersoldaten – die brutalsten unter den Brutalen

Wir alle haben sie noch in Erinnerung: Die Bilder von verletzten und blutverschmierten Kindern in Syrien, die Bilder von kleinen Kindern, die mit ihrem Teddybären alleine durch die zerstörte Stadt irren, die Bilder von weinenden Kindern, die gerade ihre Eltern oder Geschwister verloren haben. Ausgerechnet unsere Kleinsten sind jene , die am meisten unter bewaffneten Konflikten und Kriegen zu leiden haben. Überleben sie, hat man ihnen die wohl wichtigste Phase im Leben genommen: Ihre Kindheit. Diese Menschen denken anders über das Leben, als die in Friedenszeiten wohlgehütet aufgewachsenen Sprösslinge. Und dann gibt es noch die Härtesten unter den Harten: Die Kindersoldaten! Sie kennen keine Moral oder Ethik – sie sind psychisch zerstörte Kampfmaschinen, die zum Töten ausgebildet wurden.
Es ist wohl die grausamste Art der Kriegsführung: Bei der „Säuberung“ von Dörfern und Städten nicht nur die zivile Bevölkerung umzubringen, sondern auch deren Kinder zu entführen und sie unter einem Druck zu Kämpfern auszubilden, dem die meisten Erwachsenen nicht standhalten würden. Dabei haben es jene, die hinter den Fronten als kostenlose „Funktionssoldaten“ wie Koch oder Träger arbeiten müssen, noch gut erwischt. Viele unter ihnen stehen an vorderster Front, da sie weitaus brutaler als Erwachsene vorgehen und trotzdem nicht derart „wertvoll“ sind, wie etwa die Söldner. Deshalb müssen sie auch häufig Landminen verlegen oder entschärfen. Werden Kinder verwundet, lässt man sie sehr häufig zum Sterben zurück. Dass es zudem gegen das internationale Kinderrecht verstösst und bei unter 15-jährigen sogar ein Kriegs-verbrechen ist, interessiert die dafür Verantwortlichen zumeist wenig bis überhaupt nicht. Die Vereinten Nationen sprechen bei Rekruten unter 18 Jahren, die bewaffneten Streitkräften oder Gruppen angehören, von „Kindersoldaten“. Sie sind nicht erst eine Erscheinung dieses Jahr-hunderts, gab es sie doch schon in früheren Zeiten. So werden die sog. „Rossbuben“ bereits zu römischen Zeiten erwähnt – sie kümmerten sich vornehmlich um die Pferde der berittenen Truppen; während des Dreissigjährigen Krieges werden Kindersoldaten ebenso wie in den Napoleonischen Kriegen oder dem Sezessionskrieg in den USA literarisch erwähnt. Im Zweiten Weltkrieg griffen v.a. die Luftabwehr und die SS auf Jugendliche zurück – im abschliessenden Volkssturm wurde die komplette Hitlerjugend eingezogen.
Um auf diese Unmenschlichkeit hinzuweisen, haben die Vereinten Nationen den 12. Februar zum „Welttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten“ gemacht. Niemand weiss, wie viele es wirklich sind. Schätzungen gehen von rund 250.000 aus. Die meisten von ihnen im Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, aber auch in Asien (Afghanistan, Myanmar) oder Südamerika (Kolumbien). Viele werden derzeit auch im Jemen-Konflikt im Einsatz stehen.
Kinder sind leicht zu manipulieren, ideologisch zu indoktrinieren und kosten nichts. Viele unter ihnen haben noch nie ein Klassenzimmer von innen gesehen, dafür können sie ein Sturmgewehr innerhalb kürzester Zeit zerlegen, zusammenbauen und damit auch treffen. Alle wurden sie eingeschüchtert, die meisten während der Ausbildung sexuell miss-braucht. Schliesslich sollen sie seelenlos gemacht werden, Unmenschen werden, die die Zahl ihrer Opfer nicht mehr kennt und zwischen Soldaten, alten Menschen, Frauen oder Kindern keinen Unterschied machen. Sie sind es auch, die einmal aus dieser Hölle befreit, mit dem normalen Leben nicht mehr zurecht kommen. Viele haben deshalb das Morden zu ihrem Beruf gemacht und kennen später als Söldner oder Milizionäre nichts anderes.
Doch gibt es sie auch – die Freiwilligen, die sich einer Miliz anschliessen um dadurch der Armut zu entgehen oder sich beispielsweise für den Tod ihrer Eltern oder Geschwister rächen wollen.

http://www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=S/2018/465&Lang=E&Area=UNDOC

Jedes Jahr veröffentlichen die Vereinten Nationen einen Bericht über die Situation der Kinder in Unruhegebieten („Annual Report of the Secretary-General on Children and Armed Conflict“). Ein eigenes Kapitel ist auch der Rekrutierung von Kindern gewidmet. Nicht weniger als 50 Armeen und bewaffnete Gruppierungen, die Kindersoldaten einsetzen, sind hier namentlich genannt. 19.000 sollen es alleine im Südsudan seit 2013 sein. In den acht Bürgerkriegsjahren in Liberia (1989 bis 1997) kämpften bis zu 20.000 Kindersoldaten. Die jüngsten unter ihnen wurden mit 9 Jahren zwangsrekrutiert. Die Liste liesse sich nahezu endlos fortsetzen: Sierra Leone, Irak, Syrien, …
In den letzten zehn Jahren konnten 65.000 befreit werden. Sie werden in ein Programm der UNICEF aufgenommen, durch das sie Schritt für Schritt wieder in das normale Leben eingegliedert und zu Ihren Familien rückgeführt werden sollen. In vielen Fällen aber vertane Liebesmüh’, da sie entweder zu stark traumatisiert sind oder als Mörder durch die Dorfgemeinschaft schlichtweg nicht mehr aufgenommen werden. Aller-dings bestehen auch Erfolgschancen – die guten Beispiele: Nach einer Studie von Christopher Blattmann (Columbia University) und Jeanne Annan (International Rescue Committee) konnten nach dem Ende des Bürgerkrieges in der Elfenbeinküste viele der Kindersoldaten und ehemaligen Milizionäre wieder in die Gesellschaft Liberias eingegliedert werden, wenn ihnen eine berufliche Perspektive geboten wurde. Auch mit nur einem Zehntel des früheren Söldnergehaltes gelang das Projekt.
Nicht weniger als 168 Staaten haben das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention unterschrieben, das am 12. Februar 2002 in Kraft getreten ist („Fakultativprotokoll zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten“). Es besagt, dass Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr nicht gegen ihren Willen in Kampfhandlungen einbezogen werden dürfen – sind sie jünger als 15 ist es gar ein Kriegsverbrechen. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO spricht hierbei von einer „extremen Form von ausbeuterischer Kinderarbeit“ (Resolution 182). Freiwillige, älter als 15 Jahre hingegen sind und bleiben wohl auch legal. So können etwa – mit Zustimmung der Eltern – 17-jährige freiwillig in die Bundeswehr bzw. das Bundesheer einrücken. Noch enger sehen es die „Cape Town Principles“ aus dem Jahr 1997. Sie beziehen auch jene Kinder mit ein, die als Koch, Träger, Informant oder bei Mädchen als Zwangsprostituierte eingesetzt werden. Sie kämpfen zwar nicht direkt an der Front, helfen oder müssen jedoch hinter den Linien arbeiten.
Die beiden Kriegsparteien im Südsudan haben sogar ein eigenes Abkommen unterschrieben, dass sie keine Kinder mehr rekrutieren. Einzig – sie halten sich nicht daran.
Deshalb ist es wichtig, Zeichen zu setzen. Und das geschah gottlob bereits 2012: Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag verurteilte den Milizenchef Thomas Lubunga aus dem Kongo zu 14 Jahren, den ehemaligen Präsidenten von Liberia, Charles Taylor zu 50 Jahren Haft wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten und im zweiten Falle auch anderer Kriegsverbrechen.
Erschreckend sind die Zahlen, die der Sonderbeauftragte des „UNO-Generalsekretärs für Kinder in bewaffneten Konflikten“ – nicht nur zu den Kindersoldaten – veröffentlichte. Nach Angaben von Clara Ottuno sollen zwischen 1990 und 2000 etwa 2 Millionen Kinder gefallen sein. Weitere 6 Millionen wurden zu Invaliden und 10 Millionen zogen sich schwere psychische Schäden zu.
Als krassestes Beispiel möchte ich die Lord’s Resistance Army aus Uganda etwas genauer beleuchten. Joseph Kony gründete diese „Widerstands-Armee des Herrn“ im Jahre 1987. Sie sollte fortan den Kampf gegen die von Präsident Yoweri Museveni geführte Regierung im Norden des Landes führen. Mit einem indigenen, christlichen Hintergrund war es die dritte esoterisch-militante Organisation im Land. Sie kämpfte für die Errichtung eines auf den zehn Geboten beruhenden Gottesstaates. Mit der Religion dürfte es jedoch nicht weit her sein, wurde doch gegen das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ gleich in rund 100.000 Fällen zumeist auf das Grauenvollste verstossen. Noch während des ugandischen Bürgerkrieges zogen sich die Milizionäre stets in den Südsudan zurück. Dort mischten sie – nach der Niederlage gegen die Armee Ugandas – für die Regierung in Khartum auch im südsudanesischen Bürgerkrieg gegen die Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) mit. Im Kongo terrorisierten sie häufig die Bevölkerung. Zuletzt haben sich mehrere afrikanische Staaten in der „Regional Cooperation Initiative for the Elimination of the Lord’s Resistance Army“ unter der Aufsicht der Afrikanischen Union zusammengetan, um diese Miliz zu sprengen. Seit 2017 soll sie nach Regierungsangaben aus Uganda keine wichtige Rolle mehr spielen und somit auch keine grosse Gefahr mehr darstellen. Dennoch gehen viele Raubzüge im Garamba Nationalpark auf ihre Kosten, da sie mit dem Elfenbein der geschossenen Elefanten die Waffenkäufe finanzieren. Die UNO bezeichnete im Jahr 2005 die LRA offiziell als die „brutalste Rebellengruppe der Welt“. Am 28. Dezember 2008 soll die Terrorgruppe in einer katholischen Kirche in der Region von Doruma in der Demokratischen Republik Kongo 45 Menschen zu Tode gehackt haben („Weihnachtsmassaker von Doruma“). Ein Entwicklungshelfer bestätigte die Beschuldigung der ugandischen Armee. Bei weiteren Überfällen auf Kirchen sollen nach Angaben der Caritas International bis zu 485 Menschen umgebracht worden sein. Bei einem Massaker in der Makombo-Region (ebenfalls im Kongo) wurden etwas später mindestens 321 Menschen getötet und 250 Menschen entführt. Insgesamt bis zu 100.000 Menschen getötet und zwischen 60 bis 100.000 Menschen entführt. Die Lord’s Resistance Army in Uganda bestand zu 90 Prozent aus Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren. 12.000 davon waren zwangsrekrutiert.
Die Flucht von Minderjährigen vor einer solchen Zwangsrekrutierung gilt jedoch hierzulande nicht als Asylgrund!

Filmtipps:

.) Invisible Children; 2003; Buch: Carol Mansour
.) Slaves – Auf den Spuren moderner Sklaverei; 2016; Regie: Marc Wiese
.) Lost Children; 2005; Buch und Regie: Ali Samadi Ahadi, Oliver Stoltz
.) I killed people; 1999; Buch: Alice Schmid

Lesetipps:

.) I killed people – wenn Kinder in den Krieg ziehen; Margit R. Schmid/Alice Schmid; Lamuv 2001
.) Kindersoldaten, neue Kriege und Gewaltmärkte; Michael Pittwald; Sozio-Publishing 2008
.) The causes of child soldering: Theory and evidence from Northern Uganda; Christopher Blattman; University of California 2007.) Du sollst Bestie sein!; Uzodinma Iweala; Ammann 2008
.) Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr – Mein Leben als Kindersoldatin; China Keitetsi; Ullstein-Verlag 2003
.) Sie zwangen mich zu töten – Afrikas verlorene Kinder; Annette Rehrl; Knaur-Taschenbuch-Verlag 2006
.) Rückkehr ins Leben – Ich war Kindersoldat; Ishmael Beah; Campus Verlag 2007

Links:

- www.child-soldiers.org
- www.kindersoldaten.info
- invisiblechildren.com
- www.unicef.de
- www.hrw.org/de
- www.worldvision.de
- www.tdh.de
- www.amnesty.org
- www.ilo.org
- www.ag-friedensforschung.de
- crisistracker.org

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“Schüler mögen keine Softies”

Es rumort wieder einmal ganz heftig in den heimischen Wohnzimmern – am meisten jedoch derzeit in der römisch-katholischen Kirche. Anlass dafür sind zwei Sätze, die das kirchliche Oberhaupt Papst Franziskus erst vor kurzem zum Ausdruck brachte:
Während des Fluges auf die Phillipinen meinte er gegenüber der versammelten Presse:

„Wenn einer eine Religion beleidigt, dann ist das so, als ob man meine Mutter beleidigt, und dafür riskiert man schon mal einen Kinnhaken. Das ist doch normal.“
(Quelle: ZDF-heute-Journal, 18.01.2015, 21:45 Uhr).

Ein Heiliger Vater, der schlägert? Auch der Papst ist nur ein Mensch – wenn auch ein auserwählter!
Und dann auch noch der Sager zum Schlagen von Kinder! Ein Vater meinte in Anwesenheit Franziskus’;

“Ich muss manchmal meine Kinder ein bisschen schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen.”

Der Papst zu den Journalisten auf dem Rückflug von den Phillipinen:

“…er muss sie bestrafen, aber er tut es gerecht und geht dann weiter”.
(Zitate – Quelle: derStandard.at vom 07.02.16)

Ergo: Kinder dürften geschlagen werden, wenn dadurch die Würde des Kindes nicht verloren geht!? Ähm – wer schon mal geschlagen wurde, weiss, dass die Würde hier einer fruchtbaren Oase mitten in der Wüste gleicht, die von tausenden Verdurstenden gleichzeitig gesucht wird, jedem davon aber als Fata Morgana erscheint. Um diese wieder zu erlangen, schlägt man grundsätzlich zurück – also nix mit der anderen Backe zeigen!. Und da wären wir schon wieder bei jenem Spruch, der immer gerne der Vergeltung als von oben verordnet zugeschrieben wird und im 2. Buch Mose, Kapitel 21 niedergeschrieben scheint:

“Kommt ihr aber ein Schade daraus, so soll er lassen Seele um Seele, (3. Mose 24.19-20) (5. Mose 19.21) (Matthäus 5.38) Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule.”

Beschrieben damit wird allerdings das Schlagen einer schwangeren Sklavin, die dadurch möglicherweise ihr Ungeborenes verliert!
Die Bedeutung im Kapitel “Tora für das Volk Israel EX 21,23-25 EU” des hebräischen Bundesbuches, dem Sefer ha-Berit ist wieder komplett anders gemeint:

„… so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“

Als “Talionsformel” (“Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn”) steht sie für Vergeltung und damit dem Wiederherstellen der Ehre. Somit sind wir mitten in der allen Anscheins göttlich gewollten Keilerei!
Nicht anders ist es in der Erziehung. Mal abgesehen davon, dass Gewalt in der Erziehung grundsätzlich nichts zu suchen haben sollte, ist ein Kind, v.a. aber ein Jugendlicher dermassen gedemütigt, wenn er sich vor seinen Freunden oder Schulkameraden eine Ohrfeige seiner Mutter einfängt, dass er dies mit bitterer Miene bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zurückzahlen wird.
Jener argentinische Kardinal also, der wöchentlich auf seinem Moped oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Slums von Buenos Aires fuhr, um den dort dahin vegetierenden Menschen Mut zuzusprechen, der von den Christen (auch den Protestanten) freudestrahlend empfangen wurde, da er bodenständig, zurückhaltend geblieben ist und die Sprache des Volkes spricht, jener ehemaliger Harley Davidson-Biker, von dem sich die meisten ein Umkrempeln des alten und verstaubten Klerus zu einer modernen Kirche erwarten – genau der wird nun aufgrund zweier Sätze angefeindet, die nahezu jeden Tag am Stammtisch fallen, den Medien hingegen den solcherartiges aussprechende Huber-Bauern nicht mal eine Schlagzeile in der Sparte “Und was war noch?” wert ist?!
Nun gut – das letzte Wort ist in der Erziehung nicht gesprochen. Da gab und gibt es den autoritären Stil, in dessen Rahmen über Jahrhunderte hinweg Frau und Kinder Angst vor Vattern hatten, da zuerst er, dann die Mutter zuschlugen. Dann kam es zur pädagogischen Revolution – es entstand der anti-autoritäre und der Laissez-faire-Stil. Obwohl beides bereits eingeführt, erhielt auch ich noch eine Ohrfeige oder die Knute bzw. den Schlüsselbund eines so manchen Lehrers zu spüren. Heutzutage versucht man sich irgendwo zwischen diesen drei Erziehungsmodellen durchzuwurschteln. Die – wie sie in Österreich gerne bezeichnet wird – “g’sunde Watsch’n” als letztes Bremsmittel kam vornehmlich deshalb in Verruf, da viele Kinder misshandelt wurden, was nicht selten auch mit dem Tod des Kindes endete. Wird sie heute erwähnt, sorgt dies für einen grossen Aufruhr der Besserwisser. Obwohl sie meist gar nicht wehtut – es geht vielmehr um die erlittene Demütigung. Heutzutage stehen v.a. Lehrer, aber auch viele Eltern vor der Entscheidung, wie sie den Kleinen die Grenze “bis hierher und nicht weiter” aufzeigen sollen. Interessant in diesem Zusammenhang ist jedoch auch eine Studie im Auftrag der Illustrierten “Stern”, wonach ein Grossteil der Kinder endlich erzogen werden wollen!

http://www.stern.de/familie/kinder/exklusive-kinderstudie-des-stern-kinder-wuenschen-sich-eltern-die-sich-konkret-um-die-erziehung-kuemmern-2169199.html

Ein Beispiel: Der pubertierende Sohn einer Bekannten hatte das Rad wieder einmal kräftig überdreht. Also wurde der Vater angehalten, den Fernseher aus dem Kinderzimmer zu entfernen und wegzuschliessen, der ansonsten jede Nacht über durchgelaufen ist (und dies seit der Volksschule). Der Kleine (nennen wir ihn Alex) blieb nun im Wohnzimmer vor der Glotze sitzen, bis diese abgeschaltet wurde. Der Vater – ein begeisterter Autobastler – war meist noch nach dem Abendessen in der zur Werkstatt umfunktionierten Garage, um das eine oder andere zu tunen. Die Mutter hatte Alex sehr wohl zu Bett geschickt, der jedoch machte keine Anstalten sich zu bewegen. Was wäre nun das Beste in diesem Falle gewesen? Ein weiteres Verbot? Die Absage der Wochenend-Tour? Oder – wie es die Familientherapeutin meint: Das Erklären der Strafe warum und wieso sowie das leichte Drücken von Daumen und Zeigefinger am Oberarm des Kindes! Das hat die Mutter auch gemacht – Alex hatte sie dabei ausgelacht und Ihr den Satz “Du blöde Kuh!” sowie einen Boxer gegen den Oberarm mit auf den Weg gegeben. Mama wurde es schon bald zu bunt – sie ging bereits gegen 21.00 Uhr zu Bett um noch etwas zu lesen. Zuvor schaltete sie den Fernseher ab – Alex schlief nicht nur einmal auf der Couch – aus Trotz! Dem Vater war das inzwischen alles egal, da die Mutter in der Erziehung genau konträr zu ihm arbeitete. Deshalb ging er Streitereien und auch der Erziehung inzwischen aus dem Weg.
Ich möchte nun im dieswöchigen Blog in keinster Weise auf die richtige Art und Weise der Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu sprechen kommen (Gott bewahre!) – obgleich auch dies damals ein Teil meines Studiums war. Hier klaffen die Meinungen sehr weit auseinander. So meinte einst der deutsche Comedian Michael Mittermeier zur “FullMetal-Waldorf-Eliteeinheit” in der Deutschen Bundeswehr beim Exerzieren sinngemäss:

“Na ja Männer. Wenn ich ‘Habt acht!’ sage, dann solltet Ihr schon bitte stramm stehen. Loben möchte ich aber v.a. den Schützen Müller für seine Kreativität! Gut gemacht, Müller!”
(Quelle: Michael Mittermeier – “Achtung Baby”)

Eindeutig hingegen sollte die Definition der Erziehung sein: Vorbereiten auf das Leben in einer bestimmten Gesellschaft. Wird das deutsche Mädchen in der Türkei deutsch erzogen, so wird sie sich ebenso schwer tun wie der türkisch erzogene Junge in Deutschland. Erziehung hat also etwas mit Lernen zu tun: Lernen wie der Hase läuft, wo die Grenzen sind, die nicht überschritten werden sollen, lernen zu überleben! Und damit sind wir beim heutigen Thema (bevor die erste Stimme laut aufschreit: “Thema verfehlt! Setzen – fünf!”): Dem Lernen! Hat jemand nicht gelernt, das Eigentum zu schätzen, so wird er später Dieb oder Banker werden; jemand, der keine Achtung vor seinen Mit-Menschen hat, wird Mörder oder Dieter Bohlen (für mich übrigens wäre seine Kritik ein Ritterschlag, da ich ohnedies nichts von seiner Meinung halte und es ihm somit nicht zusteht, über mein Können, meine Zukunft und meine Würde zu urteilen); jemand, der zwischen Wahrheit und Lüge nicht zu unterscheiden weiss, wird Trickbetrüger oder Politiker, …
Tatsächlich ist es so, dass sich die Eltern während der ersten 18 Jahre ihres Nachwuchses ab dessen Geburt per Gesetz um ihre Söhne und Töchter kümmern müssen – auch wenn viele dies bewusst oder unbewusst vernachlässigen. Geregelt ist das im Grundgesetz im Allgemeinen bzw. im Jugendschutzgesetz im Speziellen. So heisst es etwa im Art 6 (2) GG:

“Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.”

“Zuvörderst” – ein wunderbares Wort! Der Duden beschreibt es als “in erster Linie, zuerst, vor allem!” Innerhalb dieser beiden Gesetze, verbunden natürlich mit den anderen Paragraphen aus dem ABGB und dem StGB, haben die Eltern allerdings nach der ständigen Rechtssprechung des Deutschen Bundesverfassungsgerichtes ein Vorrecht, die Erziehung des Kindes nach eigenem Ermessen zu gestalten (ein staatlicher Eingriff ist nur bei einer möglichen Gefährdung des Kindes möglich!). Das gilt jedoch nicht für den Besuch des Schulunterrichtes, (und jetzt wird’s interessant!) “bei welchem der staatliche Erziehungsauftrag dem elterlichen Erziehungsrecht gleichgeordnet ist” (siehe hierzu auch die ständige Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichtes und des Bundesverwaltungsgerichtes). Soll das nun heissen, dass während der Schulzeit der Erziehungsauftrag an den Lehrkörper übertragen wird? Meines Erachtens: Ja, wodurch auch der Lehrer zum Erzieher wird! Was aber, wenn sich beides widerspricht? Habe ich als Elternteil dann das Recht, mein Kind aus dem Unterricht zu nehmen um ihm notfalls einen anderen Unterricht zukommen zu lassen? Dies betrifft beispielsweise die Koranschulen, die derzeit im Verdacht stehen, die Kinder zu radikalisieren, während der islamische Unterricht an den Schulen vielen moslemischen Eltern als zu liberal erscheint! Könnte aber beispielsweise auch bedeuten, dass ich mein kleines Mathe-Genie aus dem Mathematik-Unterricht herausnehmen kann und für diese Zeit in eine höhere Klasse oder eine Unterrichtseinheit für Hochbegabte setzen kann! Oder im anderen Falle – ich will mein Kind mit Lernschwäche in einer ganz normalen Klasse sehen! Laut Gesetz eigentlich kein Problem. Solange der Art. 1 (1) in Verbindung mit Art. 2 (1) GG (die Menschenwürde und das Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit) gewahrt bleiben. Es ist allerdings ein mehr als heisses Eisen, das immer mal wieder bei Diskussionen zur Bildungsreform aus dem Hut gezaubert wird.
In den Erläuterungen der Gesetzestexte heisst es, dass der Gesamtplan der elterlichen Erziehung geachtet werden soll. Stellen wir uns also mal folgendes vor: Eine Familie mit einem Kind, bei dem Vater und Mutter beruflich jeweils in Führungspositionen sind (also eine sog. “bessere Familie” – Geld spielt keine Rolle) und dementsprechend nicht nur 40 Wochenstunden bei der Arbeit zubringen müssen, haben von zwei Eliteschulen gehört: Einem kirchlichen Internat und einer Kadettenschule. Beide Elternteile sind aber während der Laissez-Faire-Bewegung gross geworden. Hier prallen nun zwei gegensätzliche Welten aufeinander. Einerseits jene, in der das Kind tun und machen kann, was es will. Andererseits jene Welt, in welcher Zucht und Ordnung das Sagen haben! Der Jesuiten-Pater Klaus Mertes meinte in der “Leute-Sendung” vom 16. März 2015 auf SWR1 BW:

“Schüler und Schülerinnen lieben nicht die Softies (als Lehrer, Anm. d. Red.), sondern sie wollen Orientierung haben und sie wollen auch sich an der Orientierung ärgern dürfen. Das ist ganz wichtig. Ich führe viel auch kontroverse Diskussionen mit meinen Schülern, die wütend sind über meine Entscheidungen. Und das gehört zu meinem Job dazu, diese Wut zu zulassen und sie nicht beleidigt abzuwehren sondern den rationalen Kern, der in dieser Wut steckt und auch das Anliegen, das hinter dieser Wut steckt, zu würdigen.”

Diese Worte ausgerechnet aus dem Munde jenes Mannes zu hören, der die Missstände im St. Blasien Kollegium aufdeckte – ich war mehr als erstaunt! Beenden somit die geliebten Lehrer den Unterricht mit den Worten “I’ll be back!”?
Auch wenn es viele Eltern nicht wirklich gerne hören: Ist ein Mensch gut oder schlecht erzogen, hängt nicht von der Nanny oder den Lehrern ab, sondern von den Eltern!
Aber – zurück zum Erziehungsauftrag. Gesetzlich sind Kinder und Jugendliche bis zum 14. Lebensjahr unmündig – also eigentlich ohne Rechte und Pflichten. Die Eltern müssen für sie geradestehen, wenn sie etwas anrichten und sie sind es auch, die ihnen die Rechte und Pflichten innerhalb der Familie einräumen. Ab dem vollendeten 14. Lebensjahr bis zu Beginn des 19. Lebensjahres kennt zumindest das Verwaltungsstrafrecht eine Weiterentwicklung: “Das Alter der problematischen Reife”. In dieser Zeit wird der Jugendliche selbst verantwortlich für sein Tun. Inwieweit hängt von seiner tatsächlichen Reife ab, die das Gericht unter Zuhilfenahme eines Sachverständigen ausfindig machen muss. Die meisten versuchen in dieser Zeit auch flügge zu werden, auszugehen, bei Freunden/-innen zu übernachten etc. Die Eltern können sich nach dem Jugendschutzgesetz von ihrem Erziehungsauftrag und damit ihrer Verantwortung zurückziehen. Sie übertragen dies mit etwa dem untenstehenden Formular einem anderen “Erziehungsberechtigten”:

http://www.hannovernights.com/files/downloads/erziehungsauftrag.pdf

Dieser Erwachsene übernimmt dann die volle Verantwortung für den ihm in Obhut überlassenen Jugendlichen. Viele unterschätzen dies, wenn sie Ihren Neffen zum Fussballspiel oder die Nichte in die Disko mitnehmen! Schliesslich ist für viele Minderjährige der Ausgang nach einer gewissen Uhrzeit nicht mehr erlaubt oder der Besuch so mancher Veranstaltung verboten – ausser sie sind in Begleitung eines Erwachsenen! Die Vertrauensperson muss nun für etwaige Jugendschutzkontrollen dieses Formular (übrigens heisst es ebenfalls “Erziehungsauftrag”) mitführen. Zusätzlich jedoch auch die Kopie eines Ausweises eines der Erziehungsberechtigten und den Ausweis des Kindes/des Jugendlichen. Sie sehen also – es ist nicht ganz einfach – vor allem dann nicht, wenn etwas geschehen ist. Ist beispielsweise ein Unter-14-jähriger in einer Live-Show am Samstag abend nach 22.00 Uhr ohne Begleitung der Eltern oder eines Erwachsenen mit Erziehungsauftrag Im TV zu sehen, machen sich die Eltern strafbar. Beschädigt ein Kind ein Auto, haben die Eltern dafür aufzukommen. Rammt – wie kürzlich in Baden-Württemberg geschenen – ein 12-jähriger seinem 13-jährigen Kontrahenten ein Messer in den Leib, so sind die Erwachsenen zwar nicht schuldig – so dennoch zu einem grossen Teil dafür verantwortlich (auch in Tirol ist kürzlich ein 12-jähriger von einem 13-jährigen heftigst verprügelt worden – das Opfer erlitt durch einen oder mehrere Fusstritte gegen den Kopf lebensgefährliche Verletzungen). Werden Angehörige einer Religions- oder Volksgruppe beschimpft – wie beispielsweise in einer Grundschule in Ulm/Bayern – so sind auch hier als erstes die Eltern wegen Volksverhetzung fällig. Schwängert ein Minderjähriger seine Mitschülerin, müssen dessen Eltern für die Alimente aufkommen, bis er selbst Geld verdient! Somit sind die meistern Entscheidungen der Eltern nicht etwa Entscheidungen, das Leben ihres Kindes einzuschränken, es vielleicht gar irgendwelchen Repressalien unterwerfen zu wollen, sondern vielmehr gesetzlich fundierte Entscheidungen! Deshalb sollten verantwortungsbewusste Eltern das Jugendschutzgesetz kennen, für welches die Länder zuständig zeichnen. Viele verdammen zwar die Kassiererin, die im Supermarkt Jugendliche Zigaretten oder Alkohol einkaufen lässt, wissen aber selbst nicht im Geringsten ihre gesetzlichen Pflichten im Rahmen der Obhut des Sohnes/der Tochter.
Hier nochmals zur Erinnerung die wichtigsten Rechte und Pflichten, die lt. Jugendschutzgesetz grossteils sowohl für Deutschland als auch Österreich gültig sind und immer wieder am Samstagabend Inhalt unzähliger heimischer Diskussionen sind:
.) Ausgang
ab 16 Jahre bis 24.00 Uhr ohne Begleitung
.) Alkohol
ab 16 Jahre in der Öffentlichkeit
.) Rauchen
ab 18 Jahre in der Öffentlichkeit
.) Fahrt
die Heimfahrt muss gesichert sein
(Gültig für Deutschland!)
Übrigens – die Mutter von Alex hat für Ihren Sohn die Zigaretten gekauft, da dieser noch nicht alt genug dafür war und zu wenig Geld hatte!
Mit dem vollendeten 18. Lebensjahr schliesslich werden die vorher unmündigen oder teil-mündigen Erdenbewohner zum vollen Mitglied der jeweiligen Gesellschaft und sind somit selbst für Ihr Tun und Treiben verantwortlich! Sich hier dann auf eine schlechte Erziehung auszureden, kann zwar unter Umständen richtig sein, ist in den meisten Fällen jedoch meines Erachtens absoluter Schwachsinn. Happerte es bereits vorher, so lernte schon der Unmündige die Grenzen durch die offizielle Abstrafung der Eltern/der Lehrer oder als Teil-Mündiger durch die Polizei/die Richter selbst kennen.
Wird also jemand altersbedingt aus der Obhut der Eltern entlassen, so müssen diese zuvor ihrer Aufgabe nachgekommen sein, und diesen auf die Gesellschaft vorbereitet haben. Ihm klar gemacht haben, welche Rechte er hat, aber ihn auch insoweit darauf geeicht haben, dass er weiss, wo seine Grenzen und die Pflichten liegen. Erst dann hat man als Elternteil seinen Erziehungsauftrag geleistet und lässt den Nachwuchs fliegen – in seine eigene Verantwortung. Ich vergleiche die Erziehung auch gerne mit dem Strassenverkehr: Verlasse ich die gewohnte rechte Fahrspur, muss ich mir klar darüber sein, dass es gefährlich werden kann!!! Gefährde ich durch mein Fahren andere Menschen, so habe ich nichts auf dieser Strasse verloren! Welche Erziehungsmethoden zuvor angewendet wurden – das bleibt den Eltern im Rahmen der Gesetze selbst überlassen. Wurden dann jedoch Menschen in die Unabhängigkeit entlassen, die derer nicht gewachsen sind, entweder untergehen (da verhätschelt) oder straffällig werden (da zu wenig Aufmerksamkeit), so sollte man die Schuld nicht beim Staat oder der Gesellschaft suchen, sondern sich erstmal selbst an der Nase nehmen und klären, was und wie etwas falsch gemacht wurde – in der Probezeit für’s Erwachsenwerden! Denn viele Eltern sind der Erziehung gar nicht gewachsen!

PS:
“Achtung Baby” von Michael Mittermeier sollten alle Eltern zumindest einmal gesehen haben! Ich bereits zum 15. Mal!

Lesetipps:

- Die Verwöhnungsfalle: Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit; Albert Wunsch; 2000
- Lob der Disziplin. Eine Streitschrift; Bernhard Bueb;
- Heute schon dein Kind gelobt? (Children Learn What They Live: Parenting to Inspire Values); Dorothy Law Nolte, Rachel Harris: 1998
- Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit; Michael Winterhoff; 2008

Links:

http://www.gesetze-im-internet.de/juschg/

https://www.deutscher-jugendschutz-verband.de

http://www.neckar-odenwald-kreis.de/nok_media/buergerservice/feste_feiern/Jugendschutzgesetz.pdf

http://www.kindererziehung.com

http://www.erziehung.at

http://www.gewaltinfo.at

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Kuckuck! Nicht von mir?

Seitensprünge können oftmals fatale Folgen für alle Beteiligte haben. So haben Untersuchungen ergeben, dass der Mann beim Seitensprung wesentlich mehr Samenzellen im Ejakulat weitergibt als beim partnerschaftlichen Routinesex! Deshalb sollten sich beide Partner davor überlegen, ob sich das alles lohnt – oder nicht. Danach ist es meist zu spät, wie der folgende Fall zeigt, der an mich herangetragen wurde. Zum Schutz der Personen, sind Namen und Orte geändert worden.
Silvie und Charly aus Regensburg haben sich bei der Geburtstagsparty eines gemeinsamen Bekannten in den späten 90ern getroffen! Beide verstanden sich grossartig, trafen einander danach noch öfter, verliebten sich ineinander und heirateten drei Jahre später. Es war bis vor einigen Monaten eine sehr glückliche Beziehung. Viele aus ihrem Umfeld nahmen sich diese auch zum Vorbild für die eigene Partnerschaft. Doch vor einigen Monaten kam urplötzlich heraus, dass Charly nicht der leibliche Vater des bislang gemeinsamen Kindes Natalie ist. Es war ein mehr als dummes Versehen, das Licht in das Ganze brachte. Silvie war damals mit ihren Freundinnen beim Tanzen, es floss Alkohol, der Latino, mit dem sie die ganze Zeit über das Tanzbein schwang, hatte es ihr angetan. Es wurde ein Quickie im Auto. Charly aber wusste von all dem nichts – bis vor kurzem!
Leider nicht der einzige Fall. Mehr als bemitleidenswert auch jenes Schicksal eines Mannes in Niedersachsen. Nachdem die Ehe kaputt ging, zog die Frau zu ihrem neuen Freund. Drei Kinder waren von der Scheidung betroffen. Als beim Ex-Mann Zweifel aufkeimten, kam unglaubliches zum Vorschein: Alle drei Kinder stammten vom angeblich neuen Freund der Frau. Ihr Ex-Mann hatte über 15 Jahre hinweg bezahlt! Diese Auslagen wollte er zurück und ging sogar bis vor den Bundesgerichtshof, dessen Urteil (BGH Az.: XII ZR 144/06 ) ihm schliesslich recht gab!
Besonders schwierig wird es wohl dann, wenn eine Party recht ausschweifend vonstatten geht! Wie im Beispiel einer 17-jährigen, die nach einem Sexwettbewerb auf einer Party schwanger wurde – bei vier getesteten Männern (?!) verlief der Vaterschaftstest negativ! Wer ist nun der leibliche Vater? Oder jene Japanerin, die in der Schweiz verheiratet ist, jedoch mit einem griechischen Diplomaten ein Kind hat. Hierbei geht es um einen multinationalen Konflikt, da der Stammhalter per se auch die Staatsbürgerschaft des leiblichen Vaters “erbt”.
Ich habe schon einmal über die Problematik der Kuckuckskinder geschrieben – allerdings in einem anderen Zusammenhang, weshalb ich das Thema auch nur anschneiden konnte. Tatsächlich haben mich damals die Recherchen zu diesem Thema förmlich “vom Stuhl gehauen”! Nach aktuellen Untersuchungen ist jedes 10. Kind in Deutschland ein Kuckuckskind (Angaben: Interessensgemeinschaft für Abstammungsgutachten in Dortmund). In Österreich sind es rund 1.000 Frauen pro Jahr, die sich entweder irren oder absichtlich die Unwahrheit sagen (die Dunkelziffer liegt im Alpenstaat bei rund 8 %). Dabei spielt das Milieu keine Rolle – kommt auch in Königshäusern vor.
Kuckuckskind – also ein Kind, das in eine Familie hineingeboren wird, ohne dass der Familienvater auch der leibliche Vater ist. In Berlin könnte die Rate sogar bei jedem 5. Kind liegen! 25-40.000 Kinder, die nicht in’s Nest geboren sondern hineingelegt wurden! 800.000 Menschen in Deutschland!!! Unglaublich!!! Schauspielerin Liv Tyler etwa hat ihr tolles Aussehen nicht von ihrem vermeintlichen Vater Steven Tyler. Auch der dänische Regisseur Lars von Trier lebte bis zum Tode seiner Mutter mit einer Lüge! Die Tochter des Austrobarden Falco, Katharina Bianca, ist ebenfalls nicht vom – wie er glaubte – schärfsten Mann der Alpenrepublik. Obwohl die Ehe schon nach einem Jahr gescheitert ist, stand Falco bis zu seinem Tode zu seiner nicht-leiblichen Tochter, obwohl er nach einem Vaterschaftstest seit 1993 davon wusste.
Übrigens – die gesamte Problematik sollte nicht mit dem “Samenraub” gleichgestellt werden. Hier unterscheidet das Gesetz sehr wohl. Dabei kommt ein zumeist betuchter Mann zumeist nur einmal zum Zuge, um dadurch der Mutter ein finanziell unbeschwertes Leben zu ermöglichen. Hier sind sozusagen die Kinder nur Mittel zum Zweck – ein österreichischer Rechtsanwalt bezeichnete es mal recht treffend als “die Mutter als Inkassobüro”. Boris Becker etwa kann ein Lied davon singen. Solche Kinder werden wohl in den meisten Fällen nicht als Kuckuckskinder untergeschoben, da Unterhaltsprozesse mit Prominenten vornehmlich in der Öffentlichkeit ausgetragen werden, damit auch die anschliessende Story zu Gold wird..
Für den vermeintlichen Vater ist das alles natürlich doppelt schlimm. Einerseits wurde er mit dem Seitensprung bereits hintergangen, andererseits über Jahre hinweg angelogen bzw. im Unklaren gelassen. Zudem wurde über lange Zeit hinweg Unterhalt bezahlt. So kommen bis zum 18. Lebensjahr auch bei Geringverdiener schon mal 50.000 € zusammen. Muss der Betroffene dann noch Sprüche wie: “Er hat irgendwie eine Ähnlichkeit mit – ich kann’s derzeit nicht sagen mit wem!” oder “Ihre Augen – die kenn’ ich doch – nein, nicht von Dir!” hören, so kann das den stärksten Mann umhauen oder die beste Beziehung kippen lassen. Doch meist sind es Zufälle, die plötzlich Klarheit bringen: Blutspenden, Erbkrankheiten-Vorbeugung, Organspende,…
Der Mann tut sich bei solchen Seitensprüngen mit Folgen relativ einfach: Entweder er steht dazu, zahlt den Unterhalt für das Kind und macht es offiziell (oder auch nicht), oder er lehnt es ab und verhält sich somit wie ein asozialer, verantwortungsloser Bestandteil unserer Gesellschaft (um keine Schimpfworte zu gebrauchen). Die Frau hat es da schon wesentlich schwerer – v.a. wenn dies in einer Beziehung (nicht in einer offenen Beziehung) geschieht! Es ist der ureigenste Instinkt einer Mutter, zu ihrem Nachwuchs zu stehen, ihn zu umsorgen und gross zu ziehen. Ausserdem ist die Schwangerschaft ja durchaus zu sehen.
Was steckt nun dahinter, dass eine Frau ihren Weg verlässt? Ist es Abenteuerlust? Jagd-Halali? Das Gefühl, etwas verpasst zu haben? Die Möglichkeit des Vergleichs? Oder ist es tatsächlich der Instinkt der Natur, über den ich damals geschrieben habe: Ein gesunder Mann mit gesunden Genen für die Fortpflanzung, für das Leben jedoch ein Mann, der ein gutes Heim bieten kann!? In dem Grossteil der Fälle ist beides nicht in einer Person vereint. Ich als Mann tu mir da etwas schwer, dies zu verstehen. Einzig – Seitensprünge gibt es dann, wenn in der Beziehung etwas nicht funktioniert, also einer der Partner nicht ganz zufrieden ist. Das kann bewusst oder unbewusst geschehen. Deshalb denke ich, dass eine Partnerschaft nicht nur aus Liebe und Sex besteht, sondern auch aus dem Verstehen des anderen besteht! Die andere Möglichkeit: Einer der beiden ist ein perfekter Vollpfosten!
So lange nun eine Beziehung funktioniert, so lange kommen meist auch keine Vermutungen auf. Erst wenn etwas in der Partnerschaft nicht mehr stimmt. Dann fängt man an zu grübeln: Was wäre, wenn…? In diesem Zusammenhang stiess ich kürzlich auf einen coolen Spruch (in Anlehnung an das damalige Motto betreffs AIDS): “Wenn eine Frau ihren Mann wirklich liebt, schenkt sie ihm einen Vaterschaftstest!” Das Geschäft mit den Chromosomen-Analysen boomt. Verantwortlich dafür zeichnet das “Gesetz zur Klärung der Vaterschaft unabhängig vom Anfechtungsverfahren” (April 2008). Damit bedarf es zwar keiner Einwilligung der Mutter oder des bereits volljährigen Kindes mehr, jedoch muss ein Gericht dies beauftragen. Für weniger als 160,- € ist Mann bereits dabei und kann sein Gewissen beruhigen. Für die gerichtliche Gültigkeit müssen die Tests offiziell validiert werden. Interessant ist übrigens, dass in Deutschland bei freiwilligen Tests beide zu Prüfenden mit der Analyse einverstanden sein müssen. Seit 01.02.2010 sind heimlich durchgeführte Tests in deutschen Landen gar strafbar (Gendiagnostikgesetz 2009). In Österreich ist dies nicht der Fall. Doch ist Vorsicht geboten: Ein deutscher Bundesbürger kann unter Umständen sogar für einen heimlichen Test, der im Ausland absolviert wurde, mit einer recht hohen Geldstrafe belegt werden (bis zu 5.000 €). Um auch wirklich über jeden Zweifel erhaben zu sein, sollte die Probenentnahme vor einem neutralen, sachkundigen Zeugen wie etwa einem Arzt erfolgen. Ein Test unter Einbeziehung der Kindsmutter ist übrigens um 1000mal genauer, aber nicht notwendig. Pro Jahr werden schätzungsweise rund 40 bis 50.000 Vaterschaftstests in Deutschland durchgeführt, 10-15.000 von Gerichten beauftragt. Ein Gericht kann einen entsprechenden Antrag eines Familienvaters eigentlich nur dann ablehnen, wenn das Wohl eines minderjährigen Kindes dadurch gefährdet werden kann. In der Regel werden Tests zugelassen. Die Trefferquote liegt bei rund 20 %, in Österreich gar bei 25 %.
Was geschieht nun, wenn ein solcher Test tatsächlich der Vermutung entspricht? Die Reaktion der Väter ist unterschiedlich. Viele fordern im Rahmen einer “Vaterschaftsanfechtungsklage” (nur bis zu 2 Jahre nach Bekanntwerden des Umstandes/in Österreich nach §1042 ABGB max. 3 Jahre) ein Erlöschen der Vaterschaft, brechen die Beziehung zu Mutter und Kind komplett ab und verlangen eine Rückforderung des geleisteten Ziehgeldes vom leiblichen Vater (“Scheinvaterregress”). Schwieriger aber wird es, wenn die Frau den leiblichen Vater nicht bekanntgeben will. In einer solchen Causa verhängte der Bundesgerichtshof auch schon mal die Zwangshaft (BGH XII ZR 136/09), damit der Auskunftsanspruch erfüllt werden kann. Das Gericht stellt damit den Anspruch des Mannes auf effektiven Rechtsschutz (Art. 20 Abs. 3 i.V.m. Art. 2 Abs. 1 GG) zur Durchsetzung seines Unterhaltsregresses nach erfolgreicher Vaterschaftsanfechtung über das Persönlichkeitsrecht der Mutter. Auch die Rückforderung des Unterhaltes durch die Frau ist zumindest rechtlich gesehen möglich. So ist bei einem nachgewiesenen Ehebruch die Frau nach deutschem Gesetz schadensersatzrechtlich haftbar. Bei unehelich geborenen Kuckuckskindern muss die Wahrheitswidrigkeit nachgewiesen werden. Beispielsweise dadurch, dass die Frau während der Zeit der Empfängnis nur mit dem leiblichen Vater geschlechtlich aktiv war! Das ist in der Praxis recht schwer bis gar unmöglich!
Etwas diffiziler gestaltet sich eine Vaterschaftsanfechtung für den biologischen Vater von aussen. Hier zielt die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EuGMR) sowie auch die Meinung nationaler Verfassungsrichter auf den Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention – das Recht auf Familie. Deshalb werden derartige Klagen zumeist abgelehnt – sofern die Familie intakt ist.
Mit einem Urteilsspruch einher gehen auch all die Rechte und Pflichten. So verliert das Kind beispielsweise den Unterhaltsanspruch und die Mitversicherung sowie die gesetzliche Erbfolge. Andere Männer wiederum möchten auch weiterhin Vater bleiben – hier ist die Beziehung intensiviert. Sicherlich bedarf es hierfür einer grossen geistigen Kraft. Denn sie müssen mit dem Gefühl weiterleben, ein Leben lang betrogen worden zu sein. Beide Typen gehen – so oder so – als Verlierer vom Platz! Doch sollte eines nicht vergessen werden: Die Kinder können nichts dafür – sie trifft keine Schuld! Und auch sie müssen erstmal verkraften, dass sie eigentlich vom Milchmann abstammen! Das bleibt ein Leben lang im Kopf!!!
Zuletzt noch eine nette Annekdote: Als ich zwei Bekannten diese Woche das Thema das Blogs verriet, meinte die eine: “Ich weiss, dass ich vom Briefträger bin!” Wir müssen wohl sehr verdutzt geschaut haben, weshalb sie sich beeilte zu erwähnen: “Mein Vater arbeitet bei der Post!!

Literaturhinweis:
“Kuckuckskinder, Kuckuckseltern”; Simone Schmollack; 240 Seiten, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf; ISBN 978-3-89602-817-4

Links:

http://kuckucksvater.wordpress.com/

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