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Braunkohle – das stinkt zum Himmel

“Die Kommission hält es für wünschenswert, dass der Hambacher Forst erhalten bleibt.“
(Abschlussbericht der Kohle-Kommission)

Nach einem nahezu 21-stündigen Verhandlungsmarathon präsentierte dieser Tage die Kohle-Kommission Deutschlands das Ergebnis: Ausstieg aus der Braunkohle bis 2038, mit 27 von 28 Stimmen beschlossen! Wahrlich kein Grund zum Feiern! Schliesslich könnte der „Point of no return“ dann bereits schon überschritten sein. Von Nachhaltigkeit und Klimaschutz somit keine Spur – es ist eine Zumutung für unsere Kinder und Enkel. Deutschland hat sich zur Einhaltung des Klimaziels 2030 verpflichtet. Zudem müssen bis 2050 die CO2-Emissionen um 80 bis 95 % unter den Wert von 1990 gesenkt werden. Mit diesen Rauchbomben ist es wohl nicht möglich. Doch war es ohnedies zu erwarten, nachdem Grenzwerte und Tempolimits in Frage gestellt werden. Um es bildlich auszudrücken: Der Fussball wird noch weiter in Richtung des Tores getrippelt, doch keiner traut sich, den Torschuss abzugeben. Deshalb ist auch der Ausdruck des „historischen Kraftaktes“ (Ex-Kanzleramtschef und Vorsitzender der Kohlekommission Ronald Pofalla) ein Widerspruch in sich. Zudem sollte man sich nicht dermaßen überschwänglich selbst beweihräuchern, wenn zuvor tatenlos iim „politischen Wachkoma“ verharrt wurde, so Greenpeace-Deutschland-Geschäftsführer Martin Kaiser.
Schliesslich gehören kalorische Kraftwerke, die mit Braunkohle betrieben werden, zu den grössten Umweltverschmutzern unserer Zivilisation.
Braunkohle entsteht durch Druck und Luftabschluss aufgrund einer „Inkohlung“ der organischen Substanzen. Dabei sammeln sich abge-storbene Sträucher und Bäume im Moor an – Torf wird gebildet. Über-lagern nun zusätzlich Sedimente den Torf, so kommt es zum notwendigen Druck und dem Luftabschluss. Braunkohle besitzt einen wesentlich höheren Schwefelgehalt als Steinkohle. Daneben ist in der Rohkohle der Wassergehalt höher (bis zu 55 %). Zwischen 5 bis 20 % sind nicht brennbare Stoffe, die in Form von Asche entsorgt werden müssen. Braunkohle wird zu 90 % zur Stromerzeugung herangezogen, der Rest wandert als Briketts in private Öfen bzw. wird für die Herstellung von Montanwachs oder als Ersatz von Rindenmulch verwendet. Der Heizwert der getrockneten Braunkohle beläuft sich auf rund 1/3 jenes der Steinkohle. Entstanden ist sie vornehmlich im Tertiär (bis etwa 2 Millionen Jahre vor heutiger Zeit). Die deutsche Bundesanstalt für Geowissen-schaften und Rohstoffe schätzt das weltweite Braunkohle-Aufkommen auf rund 283,2 Milliarden Tonnen – davon 40,8 Milliarden in deutschen Landen. Bei gleichbleibender Förderung von 966,8 Millionen Tonnen per anno könnte alsdann der Bedarf bis zum Jahr 2300 gedeckt sein. Gefördert wird Braunkohle in Deutschland in der Niederrheinischen Bucht (RWE Power AG) sowie im Mitteldeutschen (MIBRAG) und Lausitzer Revier (LEAG) im Tagebau. In Österreich wurde im Bundesland Oberösterreich bis zur Mitte der 90er-Jahre auch untertage abgebaut. Der Energieträger hielt die komplette DDR am Laufen. Recherchen ergaben, dass seit 1949 250 Ortschaften deshalb abgebaggert und 80.000 Menschen umgesiedelt wurden. Die Bagger standen bis kurz vor Cottbus und Leipzig.
Bei der Verwendung dieser Kohle gibt es nun zwei ganz entscheidende Nachteile:

1.) Bei der Gewinnung im Tagebau wird die komplette Ökologie zerstört! SIe werden dies bei Vergleichsbilder des Hambacher Forsts gesehen haben. Alle Pflanzen- und Tierarten fallen den Baggern zum Opfer. Auch die Rekultivierung nach dem Abbau schafft anstelle eines über Jahrtausenden entstandenen Naturjuwels nur eine künstliche Landschaft, die ebenfalls wieder Jahrhunderte brauchen wird, bis sie sich erholt hat. Apropos Jahrhunderte: Auch das Grundwasser benötigt in etwa diese Zeit, bis es entsprechend verwendet werden kann. Der als „Abraum“ bezeichnete Bodenanteil aus Sedimentpaketen ist nämlich ein über Jahrhunderte gewachsener Leiter und Filter für das Grundwasser gewesen. Das komplette Grundwasser muss während des Abbaus abgepumpt werden („gesümpft“). Damit geht es alsdann dem Trinkwasser an den Kragen. Die Niederrheinische Bucht ist mit einer Fläche von rund 6.000 km2 die wichtigste Grundwasserreserve Nordrhein-Westfalens. Bereits heute schon sind mit 3.000 km2 rund zehn Prozent der Landesfläche NRWs durch die bergbaubedingte Absenkung des Grundwasserspiegels betroffen. Experten sprechen von einem „hydrologischen Infarkt“, sollte die Braunkohlenutzung unverändert bis zum Jahr 2045 weiter fortschreiten. Alleine im Jahr 2017 wurden nicht weniger als rund 562 Millionen Kubikmeter Grundwasser gesümpft. Auswirkungen waren nicht nur in deutschen (beispielsweise im Raum Mönchengladbach), sondern auch in niederländischen Brunnen zu spüren. Ein fatales Vorgehen, sollte sich der trockene Sommer von 2018 vermehrt wiederholen. Damit ein Eindruck entsteht, über welche Ausmaße wir hier sprechen: Bis Ende 2017 lag der Flächenverbrauch durch Braunkohle-Tagebau bei insgesamt 32.995 ha – nur im Rheinland. Rekultiviert wurden bis zu diesem Zeitpunkt 23.270 ha – der Rest ist noch aktuelle Betriebsfläche. Über 17.000 ha sollen bis 2045 bearbeitet werden. Dieser rekultivierte Boden braucht über Jahre hinweg besondere Pflege, da ihm die kompletten Nährstoffe des Humus entzogen wurden. Und Wasser! Bis sich hier wieder ein halbwegs funktionierendes Trennungs- und Sickerungssystem durch die natürliche Schichtabfolge gebildet hat, geht Jahr um Jahr vorüber. Bis dahin gelangt kontaminiertes Kippenwasser in die Grundwasserreservoirs.

2.) Der in der Braunkohle enthaltene Schwefel wird durch die Verbrennung zu Schwefeldioxid. Dieses war in den 70er und 80er Jahren entscheidend für den sauren Regen verantwortlich, da aus dem Gas in Verbindung mit Wasser Schwefelige Säure entsteht. Und der bislang im Boden gebundene Kohlenstoff wird als Kohlendioxid in die Atmosphäre abgegeben, ohne wie etwa beim Holz einen Ausgleich zu schaffen. Somit tragen diese fossilen Brennstoffe zu einem wesentlichen Teil am Klimawandel bei. Ausserdem sind in den Abgasen Schwermetalle (wie Quecksilber) und Feinstaub. In modernen kalorischen Kraftwerken können durch entsprechende Filter das Schwefeldioxid (zu 90 %) und die Flugasche (zu 99,5 %) herausgefiltert werden. Bleiben also neben den Schwermetallen vornehmlich der Wasserdampf, Stickoxide und das CO2. Moderne Braunkohleblöcke stossen pro erzeugter Kilowattstunde 980 – 1230 g Kohlendioxid aus. Im Vergleich dazu Gas- und Dampf-Kombi-Kraftwerke: 410 – 430 g CO2/kWh – das ist weniger als die Hälfte!!! Durch die CCS-Technologie könnte das CO2 vom restlichen Abgas getrennt werden. Im Jahr 2008 errichtete der Energiekonzern Vattenfall im brandenburgischen Schwarze Pumpe eine solche Versuchsanlage. Der dadurch entstandene Kohlenstoff sollte unterirdisch gespeichert werden. Das Resultat: Der Wirkungsgrad der Anlage war weitaus geringer als bei anderen vergleichbarer Grösse, der Kohlebedarf dadurch weitaus höher. Und schliesslich lehnten sich die Bürger des Ortes gegen die Lagerung des Kohlenstoffes auf.
Ein Beispiel gefällig? Das RWE-Kohlekraftwerk BoA 2/3 Niederaußern bläst nicht weniger als 32 Millionen Tonnen CO2 jedes Jahr in die Atmosphäre. BoA ist die Abkürzung für „Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik“ – es handelt sich hierbei also um ein moderneres Kraftwerk, das dennoch pro Kilowattstunde 950 g CO2 ausstösst (alle Angaben: BUND). Und dann waren da noch die CO2-Emissions-Zertifikate. Nach Angabe von BUND soll der Konzern RWE dafür bis zum Jahr 2012 überwiegend nichts bezahlt haben – dennoch sollen die fiktiven Kosten an die Stromverbraucher weitergereicht worden sein. Das Problem der Stickoxide könnte durch den Einbau von Katalysatoren oder der Zufuhr von Harnstoff (wie beim Dieselmotor) zumindest um zwei Drittel gelöst werden. Derartige Katalysatoren sind seit den 1980er-Jahren ein ausschlaggebender Faktor für die Betriebsbewilligung von Steinkohlekraftwerken. Einzig: Es kostet sehr viel Geld! Deshalb versuchen die Kraftwerksbesitzer seit Jahren, die EU-Schadstoffgrenzwerte auf ein höheres Niveau zu bringen. Da kommt ihnen die derzeitige Diskussion über die Grenzwerte durchaus mehr als gelegen!

Diese Kraftwerke sind zumeist abbaunah errichtet worden. Dadurch kann auch die Prozesswärme nicht etwa als Fernwärme für Haushalte oder Betriebe verwendet werden (Kraft-Wärme-Kopplung) – der Wasserdampf wird ebenfalls ausgestossen, die Wärme entweicht ungenutzt. Bei Alt-Kraftwerken sprechen wir somit über einen Wirkungsgrad von gerade mal 30 %, bei BoAs von 40 %. Zum Vergleich: Jener eines Gas-Kraftwerkes mit dieser KW-Kopplung liegt bei über 80 %.
Klar – es gibt einige kleine Eingeständnisse. So sollen in den kommenden vier Jahren 24 Kohleblöcke vom Netz gehen, viele davon dürften eigentlich gar nicht mehr laufen. Einige davon sind älter als 50 Jahre! Nach Angaben des Energieverbandes BDEW sollen alsdann in den kommenden 20 Jahren 45 Gigawatt an derzeitiger Kohle-Leistung ersetzt werden. Dadurch leiste man einen wesentlichen Anteil zum Klimaschutz, weiss der Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung Stefan Kapferer. Auch bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie zeigt man sich zufrieden: Durch dieses Ergebnis könne man die Beschäftigten vor sozialen Härtefällen schützen. Alles eitel Sonnenschein! Doch kommt ein solcher Kompromiss um Jahre zu spät!
Kalorische Kraftwerke sind vornehmlich dazu bestimmt, Schwankungen bei den erneuerbaren Energieproduzenten wie Sonne und Wind auszu-gleichen. Der Kohlestrom-Anteil ging ohnedies die letzten Jahre zurück. Schliesslich muss es zu jeder Abschaltung Alternativen geben. Bedenkt man, dass bis 2022 die Atommeiler runtergefahren werden, besteht nach wie vor grosser Nachholbedarf an Ökostrom-Anlagen und Speicher-möglichkeiten. Beides war schlichtweg wesentlich teurer als der Kohle- oder Atomstrom, weshalb entsprechende Pläne immer wieder nach hinten geschoben wurden.
Ich möchte fairerweise hier nicht verheimlichen, dass ein ganzer Industriezweig mit sehr vielen Arbeitsplätzen von dieser Entscheidung betroffen ist (rund 21.000 bundesweit) So beschäftigt etwa RWE nur im Tagebau Hambach 4.600 Arbeitnehmer, 1.300 davon in der Förderung und 1.500 in der Veredelung der Braunkohle. Vor allem im rheinischen, dem mitteldeutschen Kohlerevier und Lausitz blickte man deshalb gespannt nach Berlin. Jetzt werden milliardenschwere Strukturwandel-Programme die riesigen Löcher in Mutter Erde stopfen und die betroffene Bevölkerung dadurch abfangen. Der Vorschlag der Kommission beläuft sich auf 40 Milliarden Euro.

https://www.youtube.com/watch?v=91kUj69_iZI

Der Kraftwerksbetreiber Vattenfall, aber auch der BayWa-Konzern haben nun angekündigt, so richtig in die Tagebau-Regionen zu investieren. Geplant sind riesige Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen, die etwa alleine in der Region Lausitz rund 40 Gigawatt Energie liefern könnten – das entspräche der Leistung von 40 Atomkraftwerken (Quelle: Handelsblatt). Dadurch könnten zudem tausende neue Arbeitsplätze entstehen. Auch der Ökostrom-Produzent Greenpeace Energy will hier mitmischen. Geplant ist der Ankauf des Rheinischen Reviers, die sukzessive Stilllegung und Installation von Wind- und Sonnenparks. Erwartete Gesamtleistung: 8,2 Gigawatt. Wieso gibt es derartige Projekte erst jetzt, kurz vor 12.00 Uhr???
Einen Text über Braunkohleabbau zu verfassen und dabei den Hambacher Forst aussen vor zu lassen, wäre ein nicht wieder gut zu machender Fauxpas. Deshalb hier noch einige Informationen, damit auch Nicht-Anrainer die wilden Proteste dort verstehen können. Der Tagebau in Hambach wird gerne als „das grösste Loch Europas“ bezeichnet. Im Jahr 1978 begann der Abbau in der Niederrheinischen Bucht bei Köln. Bagger der RWE Power AG graben seither auf einer Fläche von 85 Quadrat-kilometern bis zu 450 m tief in die Erde um das begehrte Gut zu fördern. Bis 2040 sollten nicht weniger als 2,4 Milliarden Tonnen Braunkohle gefördert werden. Das Erdmaterial über der Kohle (2,2 Milliarden m3) wurde zur Sofienhöhe aufgeschüttet, einer künstlichen Hügellandschaft von 10 Quadratkilometern und bis zu 280 m Höhe. Die Pläne von RWE sehen vor, nach dem Abbau einen riesigen See aufzufüllen. Dafür soll über eine eigens angelegte Pipeline Rheinwasser herangeführt werden, das jedoch zuerst aufbereitet werden muss. Wissenschaftler und Umweltschützer befürchten jedoch, dass der Kunstsee aufgrund der Schadstoffe der umliegenden Region mit der Zeit versauert. Auch hier einige Zahlen: Grösse 4.000 ha, Fassungsvermögen 4 Milliarden Kubikmeter (die doppelte Menge des Chiemsees), jährliche Wasserent-nahme vom Rhein 270 Millionen Kubikmeter.
Der Hambacher Forst beherbergt viele geschützte Pflanzen und Tiere, wie die Winterlinde, die Bechsteinfledermaus, den Springfrosch und die Haselmaus. Daneben ist immer wieder der ebenfalls geschützte Mittelspecht (Rote Liste II) zu hören und rund 2.000 Arten von Käfern und anderen Insekten zu finden. Biologen schliessen eine Wiederansiedelung in rekultiviertem Gebiet aus. Obgleich alle Kriterien der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie im Hambacher Wald erfüllt sind, wurden nur drei Gebiete mit einer Gesamtfläche von 155 ha als Natura 2000-Gebiete ausgewiesen. Die Naturschutzorganisation BUND geht deshalb hart mit der Landesregierung zu Gericht: Das sei rechtswidrig! Daneben habe es weder eine Umweltverträglichkeitsprüfung noch eine FFH-Verträglichkeitsprüfung gegeben.
Derzeit ruhen die Abholzungen aufgrund eines gerichtlichen Entscheides. RWE rechnet damit, dass ab Ende 2019 die Maschinen in der obersten Sohle still stehen werden. Dann hat nämlich die Abbruchkante den Waldrand des Forstes erreicht. Die tiefer gelegenen Sohle folgen rasch nach und nach. Wie es dann weitergehen wird, ist noch unklar – ein bestandsfester Gerichtsbeschluss des Verwaltungsgerichtes Köln wird nicht vor Ende 2020 erwartet. Auch die Kohle-Kommission hat empfohlen, den mehr als 12.000 Jahre alten Wald (erste urkundliche Erwähnung im 10. Jahrhundert während der Herrschaft Kaiser Ottos II.) nicht anzutasten. Stellt sich abschliessend nur die Frage, ob der Konzern auf die 4.100 ha verzichten will!!!

Lesetipps:

.) Unternehmen Braunkohle. Geschichte eines Rohstoffs, eines Reviers, einer Industrie im Rheinland; Arno Kleinebeckel; Greven 1986
.) Die Braunkohlenindustrie in Mitteldeutschland. Geologie, Geschichte, Sachzeugen; Otfried Wagenbreth; Sax 2011
.) Auf der Straße der Braunkohle: Eine Entdeckungsreise durch Mitteldeutschland; Hrsg.: Dachverein Mitteldeutsche Straße der Braunkohle; Pro Leipzig 2009
.) Stoffliche Nutzung von Braunkohle; Hrsg.: Steffen Krzack/Heiner Gutte/Bernd Meyer; Springer 2018
.) Das Bergbau-Handbuch; Hrsg.: Wirtschaftsvereinigung Bergbau; Glückauf 1994
.) Klütten und Kraftwerke. Impressionen aus dem Norden des rheinischen Braunkohlenreviers; Manfred Coenen/Volker Schüler; Sutton Verlag GmbH 2016
.) 50 Jahre mitteldeutscher Braunkohlenbergbau. Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins 1885–1935; Hrsg.: Deutscher Braunkohlen-Industrie-Verein; Knapp 1935
.) Braunkohle an Rur und Inde; Manfred Loenen/Volker Schüler; Sutton 2011

Links:

- www.braunkohle.de
- www.bgr.bund.de
- www.umweltbundesamt.de
- mwe.brandenburg.de
- www.bund-nrw.de
- www.group.rwe
- www.bergbau.sachsen.de
- www.et-energie-online.de
- kohlenstatistik.de
- www.umweltlexikon-online.de

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Alternative Energien – man muss nur wollen!!!

Der Erfindergeist der Menschheit kennt keine Grenzen! Gottlob, denn nur so lässt es sich wohl auf diesem Planeten überleben. Die Zeiten der stupiden Energieverschwendung sollten bzw. müssen der Vergangenheit angehören – Öl, Kohle und Gas werden irgendwann vielleicht nicht gerade ausgehen, so doch dermassen teuer werden, dass sich niemand mehr beispielsweise eine Ölheizung leisten kann. Wie soll dann geheizt werden? Die meisten Solaranlagen liefern trotz immer besser werdendem Wirkungsgrad im Winter nicht das Warmwasser, das benötigt wird. Photovoltaik ist zwar gut und schön – doch kann auch hier nur im Sommer der Eigenbedarf gedeckt werden – der Strom muss v.a. in der ernergieaufwendigen Jahreszeit hinzugekauft werden. Und ständig Freunde einzuladen, wenn mir in meinem Passivhaus kalt wird – ist auch nicht jedermanns Sache. Wind bläst nicht immer, das Holz wird bereits jetzt schon schneller verbraucht als es nachwächst. Somit ist Fantasie gefragt!
Und diese haben die zuständigen Experten der Unternehmen Suncoal (Deutschland) bzw. AVA CO2 (Schweiz) und Eurosolid (Deutschland) offenbar zur Genüge! In Ludwigsfelde bei Berlin sowie in Karlsruhe bzw. ganz aktuell auch in Vorpommern entsteht aus Gras und Laub Bio-Kohle. Um genau zu sein: Kohle-Pillen, die in kalorischen Kraftwerken verheizt, zumindest eine Millionenstadt wie Rom, Izmir, Toronto oder Faisalabad mit Strom beliefern könnten. Wie aber funktioniert nun dieses Wunderwerk, denn Gottes freie Natur benötigt zwischen 50.000 bis 50 Millionen Jahre um das, was hier über Nacht geschieht, umzusetzen und aus Biomasse Braunkohle zu machen. Suncoal-Geschäftsführer Friedrich von Ploetz erklärt es und es ist wirklich simpel!
Grünabfälle wie Rasenschnitt, Laub oder Gras besitzen einen sehr hohen Wasseranteil, weshalb sie auch nur ganz eingeschränkt zur Biogas-Vergärung und schon gar nicht zur Vergasung eingesetzt werden können. Somit muss zuerst das Wasser entzogen werden. Dies geschieht bei etwa 200 Grad und einem Druck von 20 bar nach dem Schnellkochtopfprinzip. Die gebildeten Oxoniumionen senken den ph-Wert auf 5 bzw. noch tiefer. Bei niedrigen ph-Werten geht umso mehr Kohlenstoff in den flüssigen Aggregatzustand über. Nach wenigen Stunden liegen schliesslich 90-99 % des Kohlenstoffs in Form eines wässrigen Schlamms vor, die Körnung beläuft sich auf ca. 8-20 nm. Der schwarze Brei wird durch eine Presse gezogen und nochmals durch Hitze getrocknet. Nun können die kleinen Kohle-Tabletten geschnitten werden. Dieser Vorgang, auch als “hydrothermische Karbonisierung” bekannt, benötigt für die Produktion rund 10 bis 15 % der Energie des Endproduktes. Auf diese Art entstehen derzeit pro Stunde in Ludwigsfeld aus 200 Kilogramm Grünschnitt (auch Speisereste können so theoretisch verwendet werden) rund 60 bis 70 Kilogramm Biokohle. Wird dieser Karbonisierungsvorgang vorzeitig abgebrochen, so entstehen lipophile Produkte (flüssige Zwischenprodukte) bzw. Torf. Durch einer zusätzliche Erhitzung der flüssigen Zwischenprodukte entsteht auf Basis von Kohlenmonoxid und Wasserstoff ein Synthesegas, das nach weiterer Bearbeitung als Benzin verwendet werden könnte. Durch die Karbonisierung entsteht auch HTC-Kohle, für deren Herstellung jedoch Klärschlamm herangezogen wird.
Doch muss ich Sie enttäuschen: Das alles ist nicht neu!!! Nichtsdestotrotz ist es peinlich, dass dermassen viel Zeit ins Land ziehen musste, bis dieses Verfahren der “Inkohlung” wieder aus den Schubladen geholt wurde. Bereits 1913 beschrieb Friedrich Bergius den Vorgang erstmals. Wieviel Potential nun in dieser Erfindung steckt, zeigt die Studie des Johann Heinrich von Thünen-Instituts auf: Aus organischen Reststoffen könnten alleine in Deutschland rund vier Millionen Tonnen Kohlenstoff gewonnen werden. Dies würde – wie vorhin bereits erwähnt – zur Stromgewinnung für 2,5 Mio Haushalte ausreichen. Verrottet hingegen der Grünschnitt auf dem Komposthaufen, so entweicht der grösste Teil des Kohlenstoffs als CO², die Kohlenstoff-Effizienz liegt in diesem Falle bei gerade mal 5-10 % – im Vergleich dazu beträgt die Kohlenstoff-Effizienz bei der alkoholischen Gärung ca. 67 % – es entsteht dabei ausserdem das klimaschädigende Methan, das jedoch verbrannt werden kann. Über die hydrothermale Karbonisierung liessen sich grosse Teile des Treibhausgases CO² in Form von Kohlenstoff weltweit dynamisch speichern (“Kohlenstoffsenke”). Mittels des gewonnenen Torfs bzw. Humus könnten weite Teile des Brachlandes wieder bepflanzt werden – Wald wieder aufgezogen werden, der zusätzlich über die Photosynthese wieder das Treibhausgas Kohlendioxid in Kohlenstoff umwandelt. Doch hierfür war die Menschheit anscheinend bislang schlichtweg zu blöde!
Eine etwas andere Vorgehensweise beschreitet die Forschungsgruppe der Bundeswehr-Universität in München: Die Grünabfälle werden in einer Pilotanlage gereinigt, zerkleinert und zu Pellets oder Bricketts gepresst. Durch die abschliessende Trocknung wird auch der letzte Rest von Flüssigkeit entzogen. Diese übrigens wird in weiterer Folge in Biogasanlagen weiterverwendet. Der Heizwert dieses Endproduktes ist durchaus mit jenem von Holz zu vergleichen (liegt nur knapp 5-7 % darunter). Das Projekt ist allerdings nicht dermassen effizient wie im Vergleich dazu die Karbonisierungsanlagen, liegt doch der Energieaufwand für die Produktion bei rund 30 % des Endproduktes.
Beide Varianten sind derzeit noch nicht wirtschaftlich interessant, da die normale Kohle noch wesentlich günstiger zu erwerben ist. Doch werden auch hier die weltweiten Vorräte geringer. Hinzu kommt eine ständige Verbesserung der Alternativanlagen. Der Vorteil gegenüber dem Anbau von Energieträgern liegt jedoch auf der Hand: Es wird keine wertvolle Anbaufläche benötigt, die weitaus besser für die Lebensmittelherstellung genutzt werden sollte.
Bis solche oder ähnliche Konzepte ausgereift und wirtschaftlich effizient arbeiten können, wird wohl noch einige Zeit ins Haus ziehen. Zu Beginn des Jahres fanden in Radolfzell am Bodensee die 37. Naturschutztage statt. In dessen Rahmen wurden auch die alternativen Energien diskutiert. Die rund 700 Teilnehmer orteten gerade in diesem Bereich ein riesiges Defizit. Bis zu 40.000 neue Jobs könnten die erneuerbaren Energien bringen. Eine Energiewende allerdings ist unmöglich, wenn dermassen weitergemacht wird wie bisher. Jeder muss sich am Kragen packen und durchleuchten, wo denn Energiesparpotential noch nicht genutzt wird. Sehr aufgeschlossen zeigt sich in diesem Umfeld die Europäische Kommission. Insgesamt wurden 1,2 Milliarden Euro für 23 Pilotprojekte eingesetzt, die allesamt ab 2013 ans Netz gehen sollen. Windkraft, Solarstrom, Biokraftstoffe sowie die unglaubliche Kraft der Gezeiten – das sind die Alternativen zu Atom, Öl und Kohle. Das Gas hier noch gar nicht erwähnt, wird doch inzwischen auch viel mit dem Gärgas Methan gearbeitet. Wir sind mit all diesen Möglichkeiten sehr spät dran. Umso rascher muss nun die Umsetzung verwirklicht werden, da es ansonsten zu spät sein könnte. Viele haben im vergangenen Jahr die Erfahrung machen müssen, dass der Sprit verdammt teuer geworden ist und man sich inzwischen jede Autofahrt doppelt überlegen sollte. Noch sind die Lager der Ölmultis voll. Noch gibt es genug des schwarzen Goldes. Doch schon bald ist wohl Schluss mit lustig. Jeder, der jetzt umsteigt, kann sich sehr viel Geld einsparen – auch wenn die Anschaffungskosten sehr hoch sind.
Holz wird immer wieder als perfekte Energiequelle bezeichnet. Geht es nach dem Biomasseverband Österreich, so soll schon sehr bald rund ein Fünftel des Energiebedarfs damit befriedigt werden. Umweltorganisationen wünschen sich gar 25 % bis zum Jahr 2020. Der Vorteil liegt auf der Hand: CO²-neutral! Soll heissen, dass einerseits die Bäume zeit ihres Lebens dermassen viel CO² durch die Photosynthese umgewandelt haben bzw. dass das Vermodern, also der natürliche Abbauprozess ebenso viele Treibhausgase verursacht wie das Verbrennen! Ein durchschnittlicher Laubbaum mit einer Höhe von 15-20 Metern produziert pro Jahr rund 4.000 kg organischer Stoffe und 3 Mio Liter Sauerstoff pro Jahr, dabei benötigt er ca. 2.500 Liter Wasser per anno. Doch bis der Baum diese Grösse erreicht hat, vergehen einige zig Jahre. Und genau hier liegt der Hund im Pfeffer begraben: Viele denken nicht nachhaltig, somit nicht an die Zukunft. Es wird frisch drauf los gerodet. Irgendwie wächst irgendetwas schon wieder nach! Richtig wäre: Für jeden gefällten Baum sollten am besten zwei neue gepflanzt werden! Die heimischen Wälder speichern nach Angaben der Universität für Bodenkultur in Wien rund 800 Mio Tonnen CO². Allerdings sollte dieses Holz zuerst wirtschaftlich genutzt und erst danach verheizt werden (“kaskadische Nutzung”). Hierfür bedarf es langfristiger Biomassebewirtschaftungskonzepte, die regional angepasst sein sollten. In vielen Regionen sind zwar solche Konzepte vorhanden, jedoch werden sie zu nachlässig umgesetzt. In Österreich stieg der Biomasseeinsatz seit 2005 um 44 % an. Nach einer Online-Studie des Marktforschers GfK würden 88 % der befragten 1.000 Österreicher und -innen auf erneuerbare Energien umsteigen. Auch die Bauindustrie geht verstärkt in Richtung Holz! Irgendwann sind somit die Reserven aufgebraucht und es wird mehr verbraucht als nachwächst!
Zuletzt zur Energie vom Acker. Hier bedarf es der Unterscheidung zwischen jenen Pflanzen, die zur Energiegewinnung (Ölbäume oder Mais) und jenen Pflanzen, die für die Herstellung von Lebensmitteln angebaut werden, deren Abfallprodukte dann zur Energieerzeugung verwendet werden. Ersteres ist zwar gut und schön, jedoch wird immer mehr Ackerfläche für die Energieerzeugung genutzt. Die Lebensmittel werden teurer – der Hunger auf der Welt noch grösser. Dies sieht allerdings das Institut für Betriebslehre der Agrar- und Ernährungswirtschaft der Universität Giessen anders. Harte Worte dementsprechend in dem Projekt „Entwicklung und Vergleich von optimierten Anbausystemen für die landwirtschaftliche Produktion von Energiepflanzen unter den verschiedenen Standortbedingungen Deutschlands“ (EVA): Dem Anbau von Mais müsse mehr Fläche gegeben werden, denn er stellt die beste Kultur als Einsatzstoff für Biogasanlagen dar. Ineffiziente Alternativkulturen nehmen der Nahrungsmittelproduktion den Platz weg. Frage ich mich nur, ob wir dann künftig nurmehr Mais essen sollen???!!! Und was geschieht, wenn ein Schädling die Maisflächen heimsucht? Das Risiko für Monokulturen – doch in diesem Falle hätten wir weder Nahrung noch Energie! Beispiel gefällig? Die Franziskanerinnen vom Kloster Schönbrunn bei Dachau haben die Acker- und Grünlandfläche auf den Energiepflanzenanbau umgestellt, um in einer Biogas-Anlage Strom und Wärme zu erzeugen. Zuvor führten sie eine ökologische Landwirtschaft nach Naturlandrichtlinien. Aufgrund der niedrigen Preise jedoch werden hier künftig Mais, Hirse, Grünroggen und Kleegras angebaut.
Zudem fällt immer mehr Urwald der Rodungsmaschinerie zum Opfer um diese Fläche für den Anbau von Palmöl zu nutzen. Nach drei oder vier Jahren ist der Boden ausgelaugt – er liegt brach. In ganz entscheidendem Ausmass dafür verantwortlich ist die exzessive Nutzung mit Überdüngung und starkem Herbizideinsatz. Zudem wird die grüne Lunge des Planeten zerstört und den Umwelteinflüssen freie Bahn gelassen, da ein Quadratmeter Urwald wesentlich mehr Wasser speichert als ein Quadratmeter Anbaufläche. Die Länder der dritten Welt werden somit ein erneutes Mal ausgebeutet. Waren es vorher die Rohstoffe, so ist es nun der Urwald, der Millionen von Tier und Pflanzenarten als Heimat dient. Doch dieses Mal könnte es den Untergang bedeuten (Muren, Überschwemmungen,…). Ist der Boden einmal ausgelaugt, wächst auch so schnell nichts mehr nach, da die Natur eine andere Zeitrechnung, einen anderen Kreislauf kennt.

Facts (Quelle: Statistik Austria)
Energieverbrauch 2010: 1.119 Petajoule
Hauptverbraucher: Verkehr mit 32,9 %, gefolgt von der Sachgüterproduktion mit 28,4 %
Anteil der erneuerbaren Energieträger: 26,1 %
Davon Bioenergie 61,4 %
Hiervon Biomasse 16 %

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