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Gehören Sie zur Mittelschicht???

Friedrich Merz ist einer der Kandidaten auf den Parteivorsitz in der deutschen CDU und damit möglicher Nachfolger von Angela Merkel auch im Bundeskanzleramt. Er sorgte vor kurzem mit seiner Aussage, er gehöre zur gehobenen Mittelschicht, für heftigste Diskussionen. Wenn er so lapidar nebenbei betont, dass er über einer Million (Euro) liegt, so kann man ihm das durchaus glauben. Offizielle Einkommensauflistungen gibt es freilich nicht – nur Schätzungen:

Blackrock 125.000,- € pro Jahr
Wepa Industrieholding 80.000,- € pro Jahr
HSBC Trinkaus Bank 75.000,- € pro Jahr
Flughafen Köln-Bonn 14.000,- € pro Jahr
Mayer Brown unbekannt
(Angaben: APA/Reuters)

Es soll Zeiten gegeben haben, als der Protagonist bis zu 20 Posten gleichzeitig inne hatte. Allerdings gehört er wohl nicht zu den Aufsichtsrats-Abnickern. Nach Aussage von Ex-Kollegen waren sein aktives Einbringen und seine Nachfragen durchaus unangenehm. Sollen sie auch, schliesslich ist der Aufsichtsrat ein Kontroll- und kein Durch-winkgremium, eine Tatsache, die wohl viele Aufsichtsräte vergessen haben. Somit sei’s ihm zugestanden.

“Wenn ich ‘Oberklasse’ oder ‘Oberschicht’ höre, denke ich an Menschen, die viel Geld oder eine Firma geerbt haben und damit ihr Leben genießen. Das ist bei mir nicht der Fall.”
(Friedrich Merz in der “Bild am Sonntag”)

Somit zählen – entsprechend dieser Definition – auch Self-Made-Milliardäre wie George Soros, Larry Page, Jeff Bezos oder Bill Gates zur Mittelschicht, da sie ja ihr Vermögen selbst aufgebaut haben. Und auch Helene Fischer – ganz neu in den Forbes-Top Ten der Frauen. Donald Trump jedoch nicht – hat grosse Teile seines Vermögens geerbt!
Mir als Schreiberling geht es nun vornehmlich um die Beantwortung zweier Fragen:

1.) Ab wann bis wann gehört jemand zur Mittelschicht?
2.) Ist es günstig für Deutschland, wenn es von einem Millionär regiert wird oder droht dasselbe Schicksal wie den USA?

Bei der Beantwortung der zweiten Frage müsste ich auch darauf eingehen, wie Herr Merz zu seinem Mittelschicht-Reichtum gekommen ist und würde sehr rasch bei den “Cum-Ex-Geschäften” landen. Dieses “Dividendenstripping” zu verstehen bzw. verständlich weiterzugeben würde auch mir schwer fallen. Insbesondere wie es möglich ist, derartige Geschäfte ganz offiziell und offenbar mit dem Segen der Politik, ganz zum Unwohl des Staates zu machen. Zudem ist, wie beschrieben, Merz bei vielen der Unternehmen als Aufsichtsrat tätig. Wenn nun ein Vertreter dieser Zunft dermassen gut verdient: Sind auch alle Politiker, die in Aufsichtsräten durch ihre Funktion als Volksvertreter einen Sitz inne haben, Millionäre? Was hat zudem die virtuelle Finanzwirtschaft dieses Bereiches mit der Realproduktivität Deutschlands und somit jedes Einzelnen zu tun? Ausserdem ist dieser Blog nur in unregelmässigen Abständen ein Politik-Blog, deshalb stürzen wir uns doch auf die erste Frage!
Ab wann nun zählt jemand zur Mittelschicht (in der Schweiz “Mittelstand”, im englischen “middle class” oder “white collar”)? Wenn er ein Haus besitzt, das er noch abzahlen muss und dadurch vielleicht trotz eigent-lich guten Einkommens finanziell bereits zur Unterschicht gehört? Wenn er einen Mittelklasse- anstatt eines Kleinwagens fährt? Wenn er sich dreimal Urlaub im Jahr leisten kann? Jeder Politiker, der seine Arbeit auch PR-relevant ernst nimmt, aber auch der Makroökonom spricht von der Mittelschicht als “Säule des Landes”, als tragende und stützende Kraft. Deshalb müsse sie geschützt, gestärkt und entlastet werden. Klar kann er dies nicht offiziell von der ihn möglicherweise unterstützenden Ober-schicht behaupten, da dieser gerade mal 10 % der Bevölkerung angehören, die aber rund 40 % des Gesamteinkommens beziehen – im Vergleich dazu die Unterschicht: 17 % des Gesamteinkommens (bundes-weite Studie des französischen Ökonomen Thomas Piketty aus dem Jahr 2013). Die deutsche Sozialwissenschaft reiht bei einer Median-Bandbreite von 70-150 % nicht weniger als 48 % der bundesdeutschen Haushalte in die Mittelschicht ein, in der Schweiz sind es 60 % der Bevölkerung. Das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO bei identischer Bandbreite 57 % der Haushalte – das sind ganze 5 Millionen Menschen. Viele davon Wähler!
Das Gehalt auf dem Lohnzettel ist sicherlich ein ausschlaggebender Faktor – jedoch nicht der einzige. Wichtig ist das Haushaltseinkommen. Nach den Richtlinien der OECD wird dieses Einkommen über die mittleren 60 % der erfassten Einkommensbezieher ermittelt. Dabei in der Mitte liegt das Medianeinkommen. Darüber befindet sich die eine Hälfte, darunter die andere Hälfte des Volkes. Die von Merz angesprochene “obere Mittel-schicht” setzt sich aus den obersten drei Einkommenszehntel über dem Median zusammen.
Verdient nun ein Angestellter im mittleren Management vielleicht gar nicht mal so schlecht, muss aber für Miete und Schuldentilgung den grössten Teil seines Verdienstes aufbringen, so könnte es durchaus sein, dass er mit seinem “äquivalisierten Nettohaushaltseinkommen” gar nicht mehr zur Mittelschicht gezählt werden dürfte, da ihm unter dem Strich fast nichts mehr bleibt. Zu diesem Haushaltseinkommen werden gerechnet:
- das Nettogehalt
- Dividenden
- Mieteinkommen etc.
aber auch
- die Mindestsicherung
- das Kindergeld etc.
All diese Einnahmen werden zusammengezählt und nach einem speziellen Schlüssel durch die Haushaltsgrösse dividiert. Ein zweiter Erwachsener zählt etwas weniger, ein Kind bis zum 14. Lebensjahr noch etwas weniger. So besitzt ein Ein-Personen-Haushalt den Gesamt-bedarfs-Faktor 1, ein Haushalt mit einem Erwachsenen und einem Kind den Faktor 1,3, ein Zwei-Personen-Haushalt 1,5, ein Haushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kind den Faktor 1,8 usw. (“bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen”). Die Einkommenszehntel beginnen beispielsweise in Österreich unten mit 12.738 € im Jahr, in Stufe 5 bei 23.694 bis hinauf zur Stufe neun mit 40.593.

Hier geht’s zum Einkommensrechner der österreichischen Tageszeitung Der Standard:

https://derstandard.at/2000074289930/Online-Rechner-Gehoeren-Sie-zur-Mittelschicht

Damit EU-weit dieselben Basiswerte gelten, greifen Studien auf die SILC-Abfrage der Mitgliedsländer zurück. Diese Umfrage wird regional durchgeführt und ein Jahr später wiederholt. Verglichen wird die Einkommensverteilung im Land sowie die Haushaltszusammensetzung nach Einkommensschichten im Speziellen. Die Wiederholung ein Jahr später zeigt die Auswirkungen von Krisen sowie Regierungen und ihrer Sozialpolitik auf. Sie brachte zutage, dass sich die Mittelschicht zuletzt in vielen der EU-Staaten vergrössert – in Österreich ging sie um 4,2 % zurück. In Deutschland stieg nach der Wiedervereinigung die Mittel-schicht an, um nach der Jahrtausendwende wieder auf das Niveau von 1991 zurückzufallen. Allerdings sackten in den letzten zwanzig Jahren dort nur 2-3 % in die Unterschicht ab – rund 50 % davon wiederum konnten sich nach bereits einem Jahr erneut als zur Mittelschicht zugehörig betrachten. Fragt man sich also, wo die restliche Differenz geblieben ist!?
Die Statistik Austria etwa definiert das “mittlere Einkommen” auf 60 bis 180 % des Medianeinkommens. Unten liegt die “relative Armuts-gefährdungsgrenze”, oben das Dreifache derer. Als arm gilt im Alpenstaat ein Single-Haushalt, der über 1.185,- € netto oder weniger im Monat verfügt; in Deutchland sind es 1.025,- €. Hat er vielleicht nur 1 bis 10 € mehr, so zählt er bereits zur Mittelschicht (in Deutschland ab 1.410,- €). Da nun das Haushaltseinkommen zählt, kann hier der perverse Fall eintreten, dass bei beispielsweise einem Vier-Personen-Haushalt nur das doppelte Einkommen eines Single-Haushaltes ausreicht, um der heissbegehrten sozialen Klasse anzugehören. Zum Vergleich: In der Schweiz gehört ein Single-Haushalt ab einem Jahres-Haushaltsein-kommen von 42.000,- CHF zur Mittelschicht.
Die Sozialwissenschaft ist da etwas humaner. Sie legt die Mittelschicht bei 80 bis 150 % des Medianeinkommens an. In Zahlen: Bei einem Alleinstehenden zwischen 1.410,- und 2.640,- Euro netto. Rund 48 % der Bevölkerung waren anno 2014 in diesem Bereich zu finden. Bei Familien gilt aufgrund des anderen Bedarfs wieder der Aufteilungsschlüssel der OECD.
Etwas einfacher ist die Mittelstandsbezeichnung des 19. Jahrhunderts für Unternehmer. Hier bedeutet “Mittelstand”, ein Unternehmen sein eigen zu nennen, das über 10 bis 249 Beschäftigten bzw. über einen Jahresumsatz von zwei bis 50 Mio € verfügt. Darunter ist man Klein-, darüber Großunternehmer. Bei diesem Gedankengang setzt auch die Politik an, da sich in dieser aufgezeigten Zielgruppe die wohl grösste Wählerschaft befindet. Durch derartige Kohortenbestimmung wird der Bereich zwischen Ober- und Mittelstand sowie der Unterschicht klar getrennt.
Der Münchhausen, der jedoch dahintersteckt, ist die Tatsache, dass das bereits erzielte Vermögen bei all diesen Berechnungen keine Rolle spielt. So besitzen etwa die reichsten 5 % der österreichischen Bevölkerung fast die Hälfte des Gesamtvermögens zwischen Neusiedler- und Bodensee (in Deutschland belaufen sich die Spitzen-Einkommensbezieher auf 3,6 %). Das ist das reale Problem bei all diesen statistischen Aufzählungen. Deshalb wurde das Medianeinkommen eigeführt, denn schliesslich verdienen die wirklich Reichen innerhalb kürzester Zeit wesentlich mehr dazu als die anderen. Und da trifft die Millionärs-Grundregel “Nur die erste Million war wirklich schwer!” voll in’s Schwarze. Wurde diese erste Million beispielsweise in Immobilien oder Aktien angelegt, so arbeitet das Geld von alleine. Erst wenn dieses verkauft wird, scheint dieses Geld auch tatsächlich in der Statistik auf – zuvor nur in Form der Mieteinnahmen oder der Dividenden. Würde somit auch das Vermögen einberechnet, so würde höchstwahrscheinlich die Mittelschicht zur Gänze wegfallen, da etwa ein geerbtes Haus oder eine Eigentumswohnung in der Münchner Innenstadt Gold wert ist und somit der beerbte Buchhalter der unteren Mittelschicht urplötzlich in höhere Gefilde aufsteigen würde.
Damit habe ich also die schöne Vorstellung einer vierköpfigen Familie, mit eigenem Haus, zwei Autos und einem alleinverdienenden Mann in der Position eines Abteilungsleiters als Sinnbild der Mittelschicht möglicher-weise zerstört – das sind nämlich gerade mal maximal 10 % der Bevölkerung. Eine Mittelschicht-Familie dieser Grösse kann sich alleine in den Städten einen solch benötigten grossen Wohnraum (Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer, möglichrweise zwei Bäder) nicht mehr leisten – sie benötigt Bürgen oder lange Kreditlauf-zeiten. In Österreichs Landeshauptstädten etwa konnte noch 2006 mit zehn Jahresnettogehältern im Schnitt 120 qm Wohnraum finanziert werden (mit Ausnahme Salzburg!) – 2018 sind es hingegen nurmehr 75 qm!
Ergo: Die Mittelschicht ist aufgrund des Gehörten ein “inhomogenes Konglomerat”; ein Auffangbehälter für alle, die nicht der Unterschicht, aber auch nicht der Oberschicht angehören – weltweit sind es rund 1,8 Milliarden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass in Asien die Mittelschicht bereits bei einem Stundenlohn von 10,- US-Dollar beginnt – das wäre bei uns ein Geringverdiener! Liest man sich die Postings zum Einkommensrechner des Standards durch, so gehören eigentlich alle der Mittelschicht an. Wer will denn eingestehen, dass er Angehöriger der Unterschicht ist? Wer will im Gegensatz dazu den Neid erwecken, wenn jemand zur Oberschicht zählt?! Und so nebenbei erwähnt: Im Marxismus wird auch die städtische Mittelschicht sowie das Kleinbürgertum der Klasse des Proletariats zugeordnet, da sie zumeist unterprvilegiert und einflussschwach sind – also wieder nix mit einer besseren Situierung! Durch die immer stärker werdende Einkommensschere und die Globalisierung geht’s jedoch der Mittelschicht und dem Mittelstand immer mehr an den Kragen. Wenn ein Akademiker nurmehr 2.500,- € brutto oder gar noch weniger verdient, so hat er den Bildungsvorsprung der Mittelschicht verspielt. Und durch Importe aus Billiglohnländer werden viele mittelständische Unternehmen (auch als Zulieferer der Industrie) ruiniert, sofern sie sich nicht schon vorzeitig genug auf eine Nische spezialisiert haben. Noch drastischer stellt es der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in seiner Studie “Capital in the Twenty-First Century” dar. Im Vergleich der letzten 300 von ihm untersuchten Jahre zeigte er auf, dass jede Krise auf dem Rücken der Mittelschicht ausgetragen wurde, während die Oberschicht sogar noch Kapital daraus schlug. Praktisch aufgezeigt in jüngsten Vergangenheit etwa bei der durch die amerikanische Immobilienblase verursachten Finanzkrise. Grosse Teile der vorherigen “middle class” rutschten in die “lower class” oder gar durch Arbeitslosigkeit in die “unemployed underclass”.
Im Jahr 2014 veröffentlichte die OECD die Studie “Making Inclusive Growth Happen”. Demnach ist Österreich in den Jahren 1993 bis 2009 um nicht unbeträchtliche Teile seiner Mittelschicht umgefallen. Zumindest nach OECD-Definition. Die Ursachen liegen einerseits in der gestiegenen Steuerbelastung der mittleren Mittelschicht (mittlere Quintile) und andererseits in den erheblichen Gehalts-Zuwächsen der Oberschicht. Wie sich die schon getätigten oder noch zu erledigenden Massnahmen der schwarz-blauen Regierung auswirken werden? Mit diesen Gedanken lasse ich Sie heute zurück!!!

Lesetipps:

.) Hurra, wir dürfen zahlen: Der Selbstbetrug der Mittelschicht; Ulrike Herrmann; Westend 2010
.) Der stille Raub: Wie das Internet die Mittelschicht zerstört; Gerald Hörhan; edition a 2017
.) Melkvieh Mittelschicht: Wie die Politik die Bürger plündert; Clemens Wemhoff; Redline Verlag 2009
.) Mythos “Mitte”: Oder: Die Entsorgung der Klassenfrage (Kapital & Krise); Ulf Kadritzke; Bertz und Fischer 2017
.) Die Ausplünderung der Mittelschicht: Alternativen zur aktuellen Politik; Marc Beise; Deutsche Verlags-Anstalt 2009
.) Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten; Hrsg.: Michael Borchard u. a.; Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. 2008
.) Mittelstand ist eine Haltung: Die stillen Treiber der deutschen Wirtschaft; Heiner Kübler/Carl A. Siebel; Econ 2016
.) The Value of Everything; Mariana Mazzucato; Allen Lane Verlag 2018

Links:

- www.diw.de
- www.wifo.ac.at
- www.oecd.org
- www.arcadis.com
- ec.europa.eu/eurostat/de
- www.statistik.at
- www.dandc.eu
- www.iwkoeln.de
- www.boeckler.de
- www.kaes.de
- www.oegb.at
- arbeitgeber.de
- www.agenda-austria.at
- www.armutskonferenz.at
- www.arm-und-reich.de

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