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Zu viel des Guten – Touristen bleibt zuhause

Wenn in diesen Tagen wieder die Luft nach Lebkuchen und Glühwein, Brotwoascht und Sauerkraut duftet, der Passant allerorts mit kitschiger Weihnachtsmusik beschallt wird – dann, ja dann ist es wieder so weit: Christkindles-Markt in Nürnberg! Während Millionen von Touristen mit Bussen herangekarrt und durch die Strassen geschoben werden, ist die Nürnberger Innenstadt für Einheimische jedes Jahr mit dem ersten Dezemberwochenende Sperrzone. Rund 2,1 Mio Besucher wurden 2017 gezählt bzw. geschätzt – in etwas mehr als drei Wochen. 32.000 Deutschland-Touristen aus 60 Ländern wählten den Christkindlesmarkt 2017 auf Platz 63 der Top-Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Gleich nach der Hamburger Hafencity und dem Fischmarkt, noch vor dem UNESCO-Welterbe Stiftskirche, Schloss und Altstadt von Quedlinburg. Platz 1 ging übrigens an das Miniatur-Wunderland Hamburg. Während man solche Zahlen in Franken gewohnt ist, melden sich die ersten kritischen Stimmen aus der Mozartstadt Salzburg: “Salzburg darf kein zweites Hallstatt werden!”. Auf Mallorca haben im vergangenen Sommer die einheimischen Inselbewohner demonstriert: “Tourist go home!” Der letzte Hilferuf kommt aus Berlin: “Es reicht!”
In der Branche selbst spricht man von “Overtourism” – Übertourismus. Ein sehr ernsthaftes Thema offenbar, wenn sich der diesjährige ITB-Kongress, der weltweit führende Fachkongress der Touristik-Branche, mit Schwerpunktveranstaltungen dieses Themas angenommen hat und im kommenden Jahr speziell auf Overtourism-Konflikte eingehen wird. Wieviele Touristen sind ok – wann ist es genug?! Hinzu kommt zum Massentourismus immer wieder auch der Diskont- und der Tages-Tourismus. Beides bringt den Destinationen meist wenig bis überhaupt nichts. Zurück aber bleibt ein riesiger Haufen Müll, physisch und psychisch!

“Das Problem ist, dass diese Touristen denken, dass dies eine Form von Disneyland sei. Sie sollten aber nicht vergessen, dass dies eine lebende Stadt ist.”

(Stimmen der Touristen-Widerstandgruppen Venedigs)

Venedig sehen und sterben! Die Lagunenstadt war einst eine Oase der Schönheit. Anziehungspunkt nicht nur der Frischverliebten sondern auch anderer Freunde des Wundervollen. Was blieb davon übrig? Kanäle, die nach Exkrementen stinken, horrende Preise für Essen und Getränke und Einwohner, die möglichst rasch und möglichst weit wegziehen möchten. 60.000 Touristen kommen täglich (rund 22 Mio im Jahr) auf 55.000 Einheimische, die Stadt wird regelrecht überlaufen. Die Hälfte davon sind Landgänger der Kreuzfahrtschiffe. Und alle fahren sie nach der Stadtbesichtigung wieder weg – die wenigsten bleiben zum Mittagessen, nur ganz wenige über Nacht, denn dafür ist ein prall gefüllter Geldbeutel vonnöten. Am ersten Mai-Wochenende dieses Jahres trat in der Lagunenstadt ein Notfallplan in Kraft. Verschiedene Kanäle durften von Nicht-Einheimischen nicht benutzt werden – die Ströme sollten dadurch im wahrsten Sinne des Wortes kanalisiert werden!

https://www.youtube.com/watch?v=Xkm4IC_AZR4

Die Marktgemeinde Hallstatt im Salzkammergut ist UNESCO-Weltkulturerbe. Sehr idyllisch am Hallstätter See gelegen, der Dachstein in greifbarer Nähe, das Salzbergwerk als besondere Attraktion – keine Frage: Bei der Erschaffung dieses Fleckchens Erde hat es der liebe Gott wirklich gut gemeint. Wenn da nicht die vielen Menschen wären. Rund eine Million Besucher zählt der Ort jedes Jahr (bei nur 778 Einwohnern – Stand 01.01.2018). Schon 2016 wurde über eine Besucher-Höchstgrenze diskutiert, schliesslich haben zu Stosszeiten nicht mal mehr die Busse genügend Platz. Auch hier sind es grossteils Tagesgäste, die nach kurzem Aufenthalt wieder durch ihre Reiseführer eingesammelt werden. Der dortige Tourismus allerdings wirbt auch in dieser Zielgruppe. Einem chinesischen Architekten gefiel der Ort dermaßen gut, sodaß er ihn nachbauen ließ. Innerhalb nur eines Jahres wurde Boluo aus dem Boden gestampft – allerdings seitenverkehrt, da Hallstatt ein eingetragenes Markenzeichen ist.

https://www.youtube.com/watch?v=UfQ7C_cI6Mk

In Berlin sind die Zeichen etwas anders gelagert: Hier sind es weniger die Tages- als vielmehr die Geiztouristen. Die Airline Easy-Jet hat die Landerechte der konkurs gegangenen Air Berlin übernommen. Aus allen Himmelsrichtungen landen die Maschinen in Tegel oder Schönefeld – bereits ab 30,- € ist man dabei. Wer will, kann auch gleich ein Pauschalangebot online buchen. Doch nicht alle wollen in ein Hotel – viele wählen auch das Massenquartier im Hostel ab 8,50 €- die drei grössten davon haben jeweils über 1.500 Betten. Diese Klientel ist es auch, die das Getränk und das Essen bei einem Diskonter einkaufen und auf der Straße konsumieren. 2017 kamen nicht weniger als rund 13 Millionen Menschen nach Berlin (+1,8 %) – allerdings sorgten diese für “nur” 31,15 Mio Übernachtungen (+0,3 %). Viele davon sind Clubgeher, die die florierende Lokalszene der deutschen Bundeshauptstadt unsicher machen und sich auf den Dancefloors verausgeben. Damit ist nun für viele Berliner der Grenze des Mach- und Duldbaren überschritten. Die Experten sprechen bereits von einer “Übernutzung mancher Stadtteile”, eine Situation, die durchaus Stoff für Konflikte geben kann. Der ehemalige Oberbürger-meister Klaus Wowereit gab zu seinen Amtszeiten noch die Maxime aus: “Je mehr Touristen, umso besser”! Um in der Sprache eines grossen deutschen Denkers zu bleiben: Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los! Nach Meinung von visit Berlin freilich ist das Problem in anderen Bereichen zu suchen: Etwa der Stadtentwicklung. Auch sei der Billigtourismus nicht verantwortlich – schliesslich gibt es in Berlin 27 Fünf-Sterne-Paläste; der Durchschnittstourist lässt pro Tag rund 200 € zurück! 11 Milliarden sind es jährlich! Im Falle der untervermieteten Privatwohnungen (Airbnb) greift seit geraumer Zeit die Steuerbehörde streng durch. Zudem wurde ein Zweckentfremdungsverbot von Wohn-raum durch die Stadtregierung erlassen.

https://www.youtube.com/watch?v=ktb76lnqIro

Der Ballermann hat Millionen von Party- und Saufgästen auf die Insel Mallorca gezogen. Mit Billig-Airlines ist es heute sogar möglich, in den frühen Morgenstunden zu fliegen, den Tag dort zu verbringen und gegen Abend wieder zurückzukehren – in welchem Zustand auch immer. Logischerweise gibt es zwischen der Bevölkerung und den Betrunkenen eine Unzahl von Konflikten. Doch auch die Kreuzfahrtschiffe werfen Probleme auf. An manchen Tagen legen bis zu sieben dieser Meeres-kolosse an – pro Liner rund 2.000 Menschen auf Landgang. Der Zuwachs von 2016 auf 2017 lag bei 10 %! Palma de Mallorca ist damit schlichtweg überfordert. Zu den anderen Erscheinungsweisen des Massentourismuses kommt hier noch ein massives Trinkwasserproblem hinzu. Und nach wie vor gehen die Immobilien und Fincas zu Höchstpreisen wie im Schluss-verkauf an die Reichen und Schönen aus dem Ausland.

https://www.youtube.com/watch?v=9p2VKS4Hmf4

Bleiben wir noch etwas in Spanien: In Barcelona hat Oberbürgermeisterin Ada Colau inzwischen selbst das Motto ausgegeben: “Die Stadt den Bürgern zurückgeben!” Jeden Sommer gehen Einheimische auf die Strasse, um gegen die Touristenmassen zu demonstrieren. Bei einer dieser Aktionen wurde im vergangenen Jahr von vier vermummten Personen ein Reisebus gestoppt, die Reifen zerstochen und auf die Fenster “Der Tourismus tötet die Stadviertel!” gesprüht. In der Hauptstadt Kataloniens stiegen die Mieten in’s Unermessliche, der Verkehr kommt nahezu stündlich zum Erliegen, durch die Fussgängerzonen wird man geschoben. In Barcelona leben 1,61 Millionen Menschen – 2016 kamen 7,48 Millionen Gäste in die Stadt. Im vergangenen Jahr wirkte sich das Unabhängigkeitsreferendum zumindest etwas dämpfend auf die Zahlen aus. Die Oberbürgermeisterin verhängte inzwischen einen Planungsstop für neue Hotelanlagen. Ausserdem wurden die Taxen verfünffacht – ein Teil davon fliesst unmittelbar in die Infrastruktur zurück und kommt somit auch der heimischen Bevölkerung zugute. Ähnliches praktiziert Paris bei den Tickets für den Eiffelturm, die um 50 % angehoben wurden. Damit kann die Sanierung des bekanntesten Turms der Welt in der Höhe von 300 Mio € finanziert werden.

https://www.youtube.com/watch?v=bdfaGDnYTDo

In der Stadt der Grachten, der Holzschuhe und der Coffee-Shops, Amsterdam; gilt es, mit demselben Problem wie in Berlin auszukommen: Hier sind es die Party-Touristen, die für viele Konflikte sorgen. 18 Millionen Menschen besuchen jedes Jahr die Stadt. Zu viele, wie auch der Stadtrat bereits erkannte. Deshalb wurde das Lärm- und Müllproblem während des Wahlkampfes im März 2018 thematisiert. Jetzt gilt es, die versprochenen Massnahmen auch umzusetzen. So wurde etwa die Hafenerweiterung vorerst verschoben.

https://www.youtube.com/watch?v=oORO_5FaxPA

Ein weiterer Hotspot an der Adria (neben Venedig) ist Dubrovnik. 42.000 Einwohnern stehen in den Sommermonaten rund 800.000 Touristen gegenüber. Verantwortlich dafür ist die Serie “Games of Throne”, in welcher die kroatische Hafenstadt als Drehort und Heimat der beiden Adelsgeschlechter Lannister und Baratheon gecastet wurde. Seither reisst der Gästestom nicht mehr ab. Hier zeigen sich wohl die Tourismus-Probleme am ehesten: 107 Souvenirläden, 143 Restaurants und Lokale – jedoch nur vier Lebensmittelgeschäfte. Auch an der kroatischen Adria haben die Einwohner inzwischen die Schnauze voll und protestieren. Die UNESCO hat bereits ermahnt: Wird der Gästestrom nicht auf max. 8000 Besucher pro Tag beschränkt, so wird die ebenfalls als Weltkulturerbe ausgezeichnete Altstadt dieses Privileg verlieren. Die Stadtväter reglementieren inzwischen die Zugangszahlen durch Datatracking und Kameras.

https://www.youtube.com/watch?v=kWNxNnON-L4

Zurück in heimische Gefilde: Es ist schon einige Zeit her, als ich mich für eine Stelle als Tourismus-Geschäftsführer für Ischgl beworben habe. Meine Vorstellungen fasste ich in einem Konzept zusammen, das ganzjährig auf sportlichen Wettkämpfen aufbaute. Die Verhandlungen waren sogar soweit im Gange, dass für meine damalige Freundin ebenfalls eine Beschäftigung vorort gesucht wurde. Schliesslich entschieden sich jedoch die Verantwortlichen für einen Mitbewerber aus der Snowboard-Szene. Er leistete durchaus gute Arbeit, doch melden sich seit geraumer Zeit auch hier kritische Stimmen – ähnlich wie auf Mallorca! Mit rund 1,5 Mio Übernachtungen in der Saison 2015/16 liegt die Gemeinde an vierter Stelle in Tirol, doch fielen nur etwa 128.000 auf den Sommertourismus (Platz 47)! In dem Ort leben jedoch nur 1.566 Einwohner (Stand: 31.10.2017 – Statistik Austria). Die “Top of the Mountain-Concerts” zu Saison-Beginn und -Ende sorgen für ständig steigende Beliebtheit! Täglich quält sich zudem im Winter eine lange Blechschlange durch das Paznauntal hinauf und am Nachmittag wieder herunter: Die Tagesgäste!
In der schottischen Metropole Edinburgh hingegen sind es vornehmlich die Festivals, die mehrmals im Jahr für einen Touristenansturm sorgen: Edinburgh International Festival, Edinburgh Festival Fringe, Edinburgh International Film Festival, Edinburgh International Book Festival, Edinburgh Jazz and Blues Festival, Edinburgh International Television Festival, Edinburgh Interactive Entertainment Festival, Edinburgh Mela, Edinburgh Science Festival, Hogmanay, Edinburgh Easter Festival, Children’s International Theatre Festival, Beltane und natürlich das Edinburgh Military Tattoo. Aber auch ansonsten gibt es viele Sehens-würdigkeiten. Der Royal Botanic Garden oder das Royal Observatory sind nur zwei davon, die Edinburgh zum “Athen des Nordens” machten. Die Alt- und Neustadt sind UNESCO-Weltkulturerbe. Hier wohnen rund 493.000 Einwohner. Über 30 Millionen Besucher wurden 2017 durch die etwas mehr als 200 schottischen Sehenswürdigkeiten gezählt, 2,1 Millionen davon im National Museum of Scotland, 2 Millionen in Edinburgh Castle, 1,6 Mio in der Scottish National Gallery – alle drei selbstverstädnlich in der schottischen Hauptstadt. Eine Touristensteuer von einem Pfund pro Nacht soll helfen, dass die dadurch stark in Mitleidenschaft gezogene Infrastruktur in Schuss gehalten werden kann.
Zurück bei all diesen Menschenmassen bleiben zumeist frustrierte Einwohner. Sie müssen damit leben, jeden Tag im Stau zu stehen, durch die Strassen geschoben zu werden, die riesigen Haufen Müll wegzu-räumen; vielen besitzen einen nach Urin stinkenden Vorgärten. Grosse Teile der Bevölkerung können sich die teils in’s Unverschämte steigenden Mieten nicht mehr leisten: Günstig einkaufen oder zu normalen Preisen abends weggehen ist nur in anderen Stadtteilen möglich. Die Abwanderung hat schon längst begonnen. Die Verbleibenden stemmen sich immer mehr gegen den Trend. Durchaus korrekt. In den bereits erwähnten Städten sind eingeworfene Fenster, demolierte Straßen-schilder etc. Tagesalltag.
Betrachten wir uns die beiden Nobel-Schiorte Lech-Zürs in der Arlbergregion etwas genauer. Beide sind im Winter zumeist von durchaus betuchten Touristen ausgebucht. Viele, die sich das zur kalten Jahreszeit nicht leisten können, schauen inzwischen im Sommer zumindest in Lech vorbei: Ein gut gelungener Coup des Tourismusvereins, die Betten auch in der heissen Jahreszeit zu belegen. Zürs hingegen ist ausgestorben! Einzig die Hausmeister und ab und an Handwerker, die nach Saisonsende nach dem rechten sehen. Eine Geisterstadt! In Österreich haben die Lifte-betreiber offenbar ohnedies freie Hand: In Vorarlberg wurde im Bregenzerwald durch den Zusammenschluss der Schigebiete von Mellau und Damüls eine riesige Schischaukel geschaffen. Nur knapp an Naturschutzbestimmungen scheiterten die Pläne für die Zusammen-legung des Stubaitales mit der Axamer Lizum in Tirol. Geplant sind dort weiters die Zusammenführungen von Hoch-Ötz und dem Kühtai, St. Anton und Kappl in der Arlberg-Silvrettaregion und schliesslich dem Pitz- mit dem Ötztal. Schi-Moloche mit Bettenburgen auf dem Rücken der anderen, kleineren Schigebiete und damit gegen die Verteilung der Urlauberströme. Die Regionen an den Zulaufstrecken stöhnen laut auf, im Winter wird die Überquerung der Dorfstrasse für viele lebensgefährlich. Damit müssen Umfahrungen geschaffen werden. Und da viele Investoren und Arbeitskräfte aus dem Ausland kommen, einheimische Unternehmen sich vielfach die Mieten für Gewerbeflächen nicht mehr leisten können, bleibt nicht mal mehr die Wertschöpfung im Lande.
Treten nun Konflikte zwischen den Bürgern und den vielen Touristen offen zu Tage, so spricht der Experte nicht mehr von “Übernützung”, sondern vielmehr vom “Overtourism”, der logischen Konsequenz des “Overcrowdings” an den Hot-Spots wie Museen, Märkten usw. Reisebusse belasten auf ihrem Weg zu den Sehenswürdigkeiten den ohnehin schon starken Grossstadtverkehr. Lärmende Betrunkene machen die Nacht zum Tag. In Ischgl wurde beispielsweise ab 20.00 Uhr ein Schischuhverbot erlassen. Dieses Overtourism-Problem wurde bereits in den 1980er-Jahren durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen erkannt. Schon damals sprach sich Mohamed A. Tangi für eine Reglementierung aus: Etwa 600 Gäste pro Hektar Strand! Getan hat sich aufgrund der Umsatzgier der Touristiker, Hoteliers und Gaststättenbetreiber nicht sehr viel. Auch hier müssen jedoch sehr viele aufgeben, da sie sich die Mieten und sonstigen Abgaben nicht mehr leisten können. Eine ausländische Kette übernimmt.
In einer Studie des McKinsey-Instituts (im Auftrag des World Travel & Tourism Councils) wurde 2017 in einer Bewertungsmatrix von 930.000 Besuchern pro Quadratkilometer und Jahr gesprochen. Die Grenze der Zumutbarkeit für Gäste und Einwohner. Ist es etwa für mich als Paris-Urlauber erstrebenswert, stundenlang warten zu müssen um für zwei Sekunden in die Augen der Mona Lisa im Louvre blicken zu können, beim Ötzi in Bozen vorbeigeschleust zu werden oder mit dem Wiener Riesenrad fahren zu können? Während ich das einmal im Jahr oder vielleicht gar in meinem kompletten Erdendasein mache, müssen die Anwohner tagtäglich damit leben. Die Stadt Florenz hatte diesbezüglich eine ausgezeichnete Idee: Online kann bei den Uffizien reserviert werden (“Zeitslot”). Mit der erhaltenen Bestätigung kann um diese Uhrzeit zum angeführten Tag die lange Warteschlange außer acht gelassen und das Objekt der Begierde (“POI”) direkt betreten werden. Venedig veröffentlicht seit kurzem Wartezeiten an diesen Points of Interest online und gibt Empfehlungen ab, wann diese besser besichtigt werden sollten (“Pushnotifications”).
Das gab’s doch in früheren Zeiten nicht! Stimmt – Experten machen folgende Faktoren dafür verantwortlich, die erst seit nicht mal 10 Jahren so richtig boomen:
- Billigfluglinien
- Kreuzfahrtschiffe
- Airbnb
Letzteres, also die Vermietung von Privatwohnraum an Touristen, kann sogar in vielen Städten auch für den Wohnraummangel verantwortlich sein: Während das Geschäft boomt, wird der tatsächlich erforderliche Wohnraum nicht mehr leistbar! Auf Island wird gar befürchtet, dass die Ressourcen des Fremdenverkehrs – Ruhe, Natur, Einsamkeit – zerstört werden, damit noch mehr als die bislang 2,5 Mio Gäste jährlich auf die Insel kommen. Auf Island leben übrigens 340.000 Einwohner. Deshalb sind künftig Massnahmen geplant.
Inzwischen gibt es gar Listen von Urlaubsorten, die nicht empfohlen werden, da sie überlaufen sind. Eine solche hat etwa der US-Fernseh-sender CNN oder der britische Verlag “Fodor’s” veröffentlicht. Einige Beispiele gefällig? Mount Everest, Taj Mahal, die Chinesische Mauer oder hier in Europa etwa die bereits erwähnten Städte Venedig, Barcelona und Dubrovnik bzw. Santorin in Griechenland. Das Problem mit Venedig scheint sich allerdings von selbst zu erledigen, da einerseits durch die Klimaerwärmung immer öfters mit Überflutungen gerechnet werden muss. Zudem verursachen die riesigen Kreuzfahrtschiffe unter Wasser starke Bewegungen, die auch das Fundament der Häuser bzw. die Säulen auf welchen sie wasserseitig stehen, extrem angreifen.
Die Welttourismusorganisation UNWTO formulierte zudem bei ihrem letzten Treffen im September des Jahres eine Liste von Massnahmen, die unbedingt gesetzt werden müssen. Dabei geht es um die bessere Aufteilung der Touristen – sowohl geographisch als auch zeitlich. Hierfür sollen beispielsweise eher unbekannte Routen mehr beworben werden. Auch an Regulierungen und Beschränkungen wird angedacht. Infra-strukturen müssen verbessert und die einheimische Bevölkerung mehr eingebunden werden. Nur einige wenige Faktoren – die Liste ist noch wesentlich länger. Ähnliches ist zudem von “Responsible Tourism”, einer Unterorganisation des International Centre for Responsible Tourism zu erfahren.
Im Rahmen des letzten ITB-Kongresses in Berlin wurde das Problem des Overtourism detailliert besprochen. Das Ergebnis: Eine Zauberformel gibt es nicht und wird es in der Zukunft nicht geben. Die Lösung muss vorort durch eine Analyse der regionalen Tourismuslandschaft gefunden werden. Dabei steht u.a. das Ressourcenmanagement an vorderer Stelle: Steigende Mietpreise, Wohnqualität, aber auch Wasserverbrauch und Müllproduktion sollten neben vielen anderen Faktoren in’s Auge gefasst werden. Daneben gilt es zu klären, ob das Zentrum durch die Bürger noch authentisch wahrgenommen und entsprechende Werte aufrecht-erhalten werden können. Zudem spielt die Natur eine ganz entscheidende Rolle, da viele Destinationen ihretwegen gebucht werden. Experten empfehlen deshalb eine Bewertung und grafische Aufarbeitung folgender Kriterien:
.) Die Wichtigkeit der Region im Tourismus
.) Wachstum
.) Touristendichte
.) Entfremdung der Gemeinde
.) Intensität des Tourismus
.) Negative Bewertungen aufgrund von schlechten Erfahrungen
.) Saisonabhängigkeit der Destination
.) Dichte der Attraktionen
.) Luft-/Umweltverschmutzung
.) Die Gefährdung des kulturellen Erbes
Die Folgen des Overtourism sind sehr rasch zu erkennen. So machte beispielsweise der Film “The Beach” mit Leonardo die Caprio die wundervolle Maya Beach Bay in Thailand weltbekannt. Inzwischen befindet sich das Kleinod auf der UNESCO Danger List und muss immer wieder gesperrt werden.
Im Jahr 2016 buchten 67 % der Gäste ihren Urlaub in nur 20 Ländern (Zahlen: ITB-Kongress). Für die ersten zehn platzierten Destinationen wird dies bis 2020 noch weiterhin ansteigen. Des Deutschen liebstes Urlaubsland, Österreich, lag übrigens mit 27 Mio Ankünften nur auf Platz 13. Ohne die Bevölkerung in weitere Planungen einzubeziehen, wird es den Tourismus in dieser Form vor allem an den Hotspots nicht mehr sehr lange geben. Oder wird es künftig einfach mehr Städte und Orte wie Zürs geben???

PS:
Sollte nun wieder die Frage aufgetaucht sein: “Und was kann ich dagegen tun?” Sehr viel – so manche Urlaubsregion ist es beispielsweise auch ausserhalb der Hauptsaison wert, besucht zu werden. Und: Kaufen Sie nicht den Plunder aus den Souvenirläden, der meist in Fernostasien hergestellt wurde. Suchen Sie sich Handarbeiten der dortigen Bevölkerung aus! Nur zwei Beispiele – derer gibt es noch wesentlich mehr!!!

Filmtipps:

- Overtourism: Status Quo, Maßnahmen, Best Practices europäischer Tourismus-Destinationen; ITB-Berlin
- Venedig: Ausverkauf eines Juwels; WDR-Doku
- Tourist Go Home! Europas Sehnsuchtsorte In Gefahr; Doku
- Mallorca – Insel vor dem Kollaps; WDR-Doku
- Ferienparadies Kroatien – Schattenseiten des Tourismus-Booms; WDR-Doku
- Re: Touristen gegen Anwohner – Wem gehören die Städte? Arte-Doku

Lesetipps:

.) Overtourism – Issues, realities and solutions; Hrsg.: Dodds / Butler; De Gruyter 2019
.) Tourismussoziologie; Kerstin Heuwinkel; utb 2018

Links:

- www2.unwto.org/
- responsibletourismpartnership.org/icrt/
- whc.unesco.org/en/danger/
- www.austriatourism.com
- www.itb-berlin.de
- www.christkindlesmarkt.de
- www.venedig.net/
- www.hallstatt.net
- about.visitberlin.de
- www.abc-mallorca.de
- www.barcelona.com/de
- www.dubrovnik.in/de/
- www.iamsterdam.com/de
- edinburgh.org/
- www.ischgl.com/de
- www.tirolwerbung.at
- www.europeancitiesmarketing.com/

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