Posts Tagged ‘Plastik’

Plastik – ein wertvoller Rohstoff

Vollgemüllte ehemalige Traumstrände, elendig erstickte oder anders krepierte Fische und Meerestiere, riesige im Meer treibende Plastik-Müll-Inseln. Ein Beitrag aus „Unser lebenswerter Planet“!

Als ich kürzlich gelesen habe, dass deutscher Haushalts-Kunststoffmüll in Malaysia und Hamburger Kunststoffabfall in den Anden gesichtet wurde, stieg in mir die Wut auf: Es kostet viel Überzeugungsarbeit, die über Jahre hinweg geleistet werden muss, damit Otto Normalverbraucher den Sinn des Wertstoffsammelns versteht und seinen Müll tatsächlich trennt. Ist dies dann geschehen (Recyclingquote Österreich 58 % gleich hinter Deutschland mit 66 %; Zahlen: Institut der deutschen Wirtschaft), gibt es Unternehmensbosse, die diesen unsortierten Kunststoffmüll in ferne Länder verschiffen oder auf hoher See löschen lassen (zirka 100.000 Tonnen Kunststoff landen jährlich in den europäischen Meeren). Es kommt sie günstiger als die aufwendige Sortierung und fachgerechte Entsorgung. Trotzdem werden die öffentlichen Gelder und Zuschüsse eingestreift. Es ist ein Milliardengeschäft, das Geschäft mit dem Müll.
Und das Plastik leistet hierzu einen schwergewichtigen Anteil. Während sortenreiner Industrie-Abfall zumeist durch etwa Extrusion, Spritzguss- oder Spritzpressverfahren, Intension bzw. Sinterpressverfahren meist direkt wieder in der Kunststoffproduktion eingesetzt werden kann, stellt der zumeist unreine und vermischte Haushaltskunststoff ein grosses Problem dar. Dabei ist gerade dieser ein wertvoller Grundstoff für die Gewinnung von Öl, dem sog. „ReOil“. Beim österreichischen Treibstoff-Riesen OMV etwa wird auf diese Weise synthetisches Rohöl gewonnen. Verantwortlich dafür ist Wolfgang Hofer. Er managt den Raffineriebereich für neue Technologie- und Rohstofflösung. Hofer entwickelte im Jahre 2010 ein Verfahren, das drei Jahre später in den Testbetrieb ging. Wird das Plastik nun auf 400 Grad erhitzt, so werden die Kunststoff-molekülketten depolymerisiert. Klingt einfach – ist es aber nicht, da Kunststoff unheimlich schlecht Wärme leitet. Damit ein derartiges Schmelzen überhaupt möglich ist, wird gleich zu Beginn des Vorganges ein bereits heisses Lösungsmittel hinzugeführt, das die Wärmeleitungs-fähigkeit des Ganzen wesentlich verbessert. Die somit flüssig gewordene Masse wird verdampft. Dadurch erst lösen sich die langen Molekülketten und können zu kleineren Ketten erneut zusammengefügt werden. Das Resultat: „ReOil“! Der Testanlage folgte 2018 eine Anlage mit einer rund 20-fach grösseren Kapazität. Sehr zufrieden zeigt sich der für die her-kömmliche Raffinerie verantwortliche Michael Fadler mit dem Endprodukt:

„Die Qualität der Produkte aus dem ReOil-Prozess war schon bei der Anlage im Technikum großartig und das hat sich auch jetzt nicht verändert. Wir bekommen hier am Ende ein so sauberes, hochwertiges Produkt, dass man es mit dem besten Rohöl vergleichen kann.“

Deshalb wird dieses ReOil auch dem anderen Öl beigemischt, das für Kraftstoffe oder andere Raffinerie-Produkte verwendet wird. Aus 100 Kilogramm Kunststoffen entstehen auf diese Art 100 Liter Rohöl. Die Planungen für eine noch grössere Anlage haben bereits begonnen – sie wird 2.000 kg Altkunststoff pro Stunde verarbeiten können. Auf dies Weise sollten dann auch die Müllberge kleiner werden.

https://www.youtube.com/watch?v=z3oSb1adzu8

Damit wird jede achtlos weggeworfene Kunststoffverpackung auch wirtschaftlich zum No-Go. Das, was niemand für möglich gehalten hat, ist damit zur Realität geworden: Der Kunststoffkreislauf! Ganze Forscher-Generationen haben sich mit einer solchen Lösung beschäftigt – bislang ohne Erfolg. Plastik benötigt zur Verrottung zwischen 10 bis 20 Jahre. Bei den Bildern, die immer wieder zu sehen sind, wurde es also höchste Zeit, dass ein solches Verfahren entwickelt worden ist.
Problemlos wiederverwertbar waren nämlich bislang nur bestimmte Kunststoffabfälle, wie etwa PET-Flaschen oder Joghurtbecher. Sie werden geschnetzelt, die rund 12 mm grossen „Flakes“ in eine 50 %-ige Natriumhydroxid-Lauge gegeben, auf bis zu 207 Grad erhitzt und mit reinem Wasser abgewaschen. Diese nun sauberen Flakes werden erneut auf rund 250 Grad erhitzt – aus der Masse entstehen dann zwar keine neuen PET-Flaschen mehr (deutsche Lebensmittelverordnung – in anderen Staaten jedoch sehr wohl), jedoch Windeln, Kunststofftextilien oder anderes. So ist etwa in einem Paar Socken aus China eine PET-Flasche enthalten – in einem T-Shirt bis zu sechs Flaschen.

https://vimeo.com/17486598

Das System funktioniert in Deutschland aufgrund des Pfandsystems wesentlich besser als in Österreich, da die relativ sauberen Flakes bereits auf diese Weise zur Wiederverwertung gelangen. Beim PET liegt die Recyclingrate bei rund 91 %, bei den Pfandflaschen sogar bei 98 %. In Österreich müssen die PET-Flaschen erst aus dem alles andere als sauberen Haushalts-Kunststoff sortiert werden. In der Schweiz stehen rund 200.000 PET-Sammelcontainer, die ebenfalls eine raschere Wieder-verwertung möglich machen.
Jedes Jahr werden weltweit über 280 Mio Tonnen Plastik produziert, 19,5 Mio Tonnen davon alleine in Deutschland – 58 Milliarden Euro jährlich werden an Umsatz eingefahren. Ein gut florierender Industrie- und Wirtschaftszweig. 90 % der jährlich anfallenden deutschen 6 Mio Tonnen Plastikabfälle (900.000 Tonnen in Österreich) werden auch wieder eingesammelt – jedoch nur 43 % davon recycelt. 55 % werden verbrannt („thermisches Recycling“). Ich überlasse es Ihren Rechenkünsten, was es bedeuten würde, wenn 45-50 % dessen wieder zu Rohöl umgewandelt werden könnten. Europaweit übrigens fallen jedes Jahr nicht weniger als 25 Mio Tonnen Kunststoffabfall an. Auch das deutsche Umweltbundesamt spricht alsdann beim Recycling von „viel Potenzial nach oben“!

„In Deutschland tobt ein Preiskampf zwischen Verbrennungs- und Recyclingindustrie!“
(Matthias Franke, Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik)

2016 exportierte Deutschland nicht weniger als 750.000 Tonnen Alt-Kunststoffe nach China. In früheren Jahren waren es aus Europa nicht weniger als 2,5 Millionen. Dann jedoch führte das Reich der Mitte mit März 2018 aufgrund der systematischen Vermüllung des Landes den Importstop von Kunststoffen mit einem Verschmutzungsgrad von mehr als 0,5 % ein („National Sword“). In Form von Textilien, Spielzeug bzw. anderen Produkten aus Kunststoff gelangt dieser ehemalige Kunst-stoffabfall wieder zurück nach Europa. Werden bei den Waren Made in China so manche Grenzwerte überschritten, so sollte deshalb beachtet werden, dass diese Gifte zumeist eigentlich hausgemacht sind, sprich aus den Industrieländern des Westens stammen!
Die zu hohe Kunststoffverbrennung erfolgt jedoch nicht nur in Deutschland. Österreichs Bundeshauptstadt Wien sammelte Kunststoff ebenfalls getrennt. Als der Brennwert des Restmülls plötzlich in den Keller sackte, liess man Kunststoffabfälle wieder im Restmüll zu. In deutschen Landen muss aufgrund dessen sogar Müll aus dem Ausland importiert werden, damit die rund 70 Müllverbrennungsanlagen auch wirklich ausgelastet sind – 2012 etwa waren dies 5,9 Mio Tonnen (inkl. Altmetall, Kunststoffe, Bauschutt und Sondermüll). Fragt man sich also, weshalb nach wie vor deutscher Kunststoff verschifft wird! Zudem sollte bedacht werden, dass fossiler Treibstoff nurmehr für begrenzte Zeit zur Verfügung steht. Deshalb ist es sehr schade, dass Kunststoff, der zu ReOil recycelt werden kann, verbrannt wird – schliesslich steht dieser später nicht mehr zur Verfügung.

„Immer wieder gelangen Plastiksackerln und Kunststoffteile im Biomüll!“
(Hans Roth, Präsident des Verbands Österreichischer Entsorgungsbetriebe)

Eine aktuelle Studie aus Deutschland ergab: In einem kg Kompost befinden sich bis zu 900 kleine Teile Kunststoff! Dabei gäbe es so viele Alternativen, die biologisch abbaubar sind:

- Folien aus Milchproteinen (thermoplastische Stärken)
- Gemüsenetze aus Buchenholzfasern (Celluloseprodukte) …

Aber auch der Abbau von herkömmlichem Kunststoff könnte biologisch erfolgen. In Spanien konnte Federica Bertocchini vom Institut für Biomedizin und Biotechnologie an der Universidad de Cantabria in Santander beobachten, wie sich die Larven der Grossen Wachsmotte über Polyethylen-Folien hermachten. Mit ihren Beisswerkzeugen erfolgte die erste Zerkleinerung, den Rest übernahm dann offenbar die mikrobielle Zersetzung im Darm. Diese Mottenart ist bei Imkern höchst gefürchtet, legt sie doch ihre Eier in Bienenstöcken ab. Die Larven zerfressen schliesslich die kompletten Brutwaben. Fischer hingegen verwenden diese Larven als Köder. Am Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik in Oberhausen werden ebenfalls Versuche mit Mehl-würmern durchgeführt. So beobachtete die Biologin Elma Mehovic, dass Mehl-würmern offenbar Polystyrol schmeckt. Das auch gerne als „Styropor“ bezeichnete Material fällt gerade im Hausbau oder als Verpackungsmaterial in großen Mengen an und gilt eigentlich seit einiger Zeit als Sondermüll. Die Mehlwürmer verfügen offenbar über Bakterien in ihrem Verdauungstrakt, die das Styropor zersetzen können. Sollten dadurch keine Giftstoffe mehr übrig bleiben, könnten hiermit zwei Fliegen mit einer Larve geschlagen werden: Der Kunststoffmüll wird auf biologisch-natürliche Weise dezimiert und die Vögel und Fische bekommen wieder Futter.
Allerdings sind dies im Vergleich zur ReOil-Möglichkeit nur kleine Lösungsansätze. Mit der Rückumwandlung zu ReOil nun könnte auch der schwierige Mischkunststoff (wie die Zahnpastatube, die Chipstüte oder Autokunststoffe) dem Kreislauf zugeführt werden. Das wäre notwendig, bedenkt man doch, dass jeder Deutsche im Jahr 2016 statistisch rund 628 kg Müll verursachte. Platz vier im EU-weiten Ranking, die Dänen führen mit 777 kg pro Kopf. Die Recycling-Zielquote der EU liegt bei 55 % für das Jahr 2025 und 65 % zehn Jahre später – obgleich 72 % schon fast heute technisch möglich wären. Deutschland hat diese Zielvorgaben schon heute erreicht – allerdings nur dann, wenn auch der Bioabfall, also Kompost hinzugezählt wird. Betrachten wir uns die EU-relevanten Zahlen etwas genauer, so versteht Brüssel unter Recycling nur jenes Material, das als Rohstoff wiederverwertet, nicht hingegen dem thermischen Recycling zugeführt wird. Das nun wirft die Bundesrepublik um Meilen zurück: 47-52 %. Auch für Österreich sind keine besseren Zahlen zu erwarten: Rund ein Drittel der Kunststoffabfälle!

„Im Prinzip lässt sich jedes Kunststoff-Produkt aus Recycling-Material herstellen!“
(Wolfgang Beier, Umweltbundesamt).

Allerdings hat auch das beste Recycling irgendwann mal ein Ende. Wird PET zu Textilfasern verarbeitet, so kann dieser Kunststoff nicht mehr wiederverwertet werden. Bei PP sinkt die Qualität des Kunststoffes. Auch hier könnte die ReOil-Methode weiterhelfen.
Nahezu 300.000 Menschen sind in der deutschen Recycling-Industrie (Kreislaufwirtschaft) beschäftigt – beim Abfall sind es 129.000 (in Österreich in beiden Sektoren gemeinsam 40.000). Jeder Einzelne vollbringt eine immens wichtige Arbeit für unsere Umwelt und nachfolgende Generationen. Sorgen wir also durch qualitativ hochwertige Mülltrennung, damit wir diese Menschen bei Ihrer Arbeit unterstützen können.
Noch besser ist nur das Müllvermeiden!!!

PS:
Bevor ich nun wieder hunderte Mails erhalte – verzeihen Sie mir bitte, dass ich ab und an das Wort „Plastik“ verwendet habe. Plastik ist umgangssprachlich und beinhaltet auch sog. „Gummi-Produkte“ – also Produkte aus Kautschuk!

Einige recyclingfähige reine Kunststoffe:

Polyamid PA …
Polyethylen PE
Polyethylenterephthalat PET
Polypropylen PP
Polystyrol PS
Polyvinylchlorid PVC

Lesetipps:

.) Besser leben ohne Plastik; Anneliese Bunk//Nadine Schubert; oekom verlag 2016
.) Umweltpolitik und Abfallwirtschaft – Ein Ratgeber für Unternehmen, Behörden, Ratsmitglieder und Verbraucher; Hrsg.: B. Kummer, R. Brinkmann; TK Verlag 2003
.) Die Wiederverwertung von Kunststoffen; Hrsg.: J. Brandrup, M. Bittner, W. Michaeli, G. Menges; Carl Hanser Verlag 1995
.) Makromolekulare Chemie; M. D. Lechner/K. Gehrke/E. H. Nordmeier; Birkhäuser Verlag 2010
.) Improving Markets for Recycled Plastics: Trends, Prospects and Policy Responses; OECD; OECD Publishing 2018
.) Ein Leben ohne Müll; Olga Witt; Tectum Wissenschaftsverlag 2017

Links:

- www.umweltbundesamt.de
- www.bvse.de
- www.vaboe.at
- www.fcio.at
- www.circularfutures.at
- www.petrecycling.ch
- www.bioeconomy-austria.at
- nabu.de
- www.ara.at
- www.voeb.at
- www.kunststoffe.de
- www.gkv.de
- www.plasticseurope.org
- www.plasticstoday.com

No Comments »

Urlaub im Müll???

Mal ganz ehrlich: Wann haben Sie das letzte Mal im Supermarkt nachgedacht, ob Sie die Einkaufstüte auch wirklich benötigen? Oder noch schlimmer – die dünnen Kunststoffsäckchen beim Obst und Gemüse? Ich hatte einst eine Freundin, die bei jedem ihrer Einkäufe eine solche Plastik-Einkaufstasche dazu nahm. Die Dinger stapelten sich bei ihr, bis sie wieder einen Rappel bekam und sie in den Restmüll gab. Jegliches umweltschonende Zureden meinerseits scheiterten bereits im Ansatz – ich bekam – immer wenn ich dieses Thema ansprach – den Eindruck der Klagemauer: Du kannst reden so lange Du willst – Antwort oder Reaktion wirst Du keine bekommen. Dieselbe uebrigens war es auch, die immer wieder Kleinstportionen von Wurst in Kunststoff eingeschweisst aus dem SB-Kühler mit nach Hause schleppte. Im Vergleich dazu verwende ich bei Wocheneinkäufen Sporttaschen und Bananenschachteln bzw. für den kleinen Einkauf zwischendurch habe ich stets einen Rucksack im Auto verwahrt. Durch die Veröffentlichung einer Studie vor einigen Wochen fühle ich mich in meinem Tun mehr als bestätigt: Bis zum Jahr 2050 könnte es mehr Plastik als Fische in den Weltmeeren geben! Schon heute haben sich an manchen Stellen des Ozeans mehr Plastikteilchen als Plankton angesammelt, das übrigens selbst Nanoteilchen anreichert.
Pro Quadratkilometer Meeresfläche sind rund 46.000 Kunststoffpartikel in jeder Grösse vorhanden – ganze Müllteppiche können von der Raumstation ISS bei Ihrer Wanderung mit den Strömungen beobachtet werden. Im Nord-Pazifik schwimmt inzwischen der “Great Pacific Garbage Patch”, ein Müllstrudel, der mit 700.000 bis 15 Mio km² rund so gross ist wie ganz Europa (10,18 km²). Zerstückelter Abfall – 3/4 davon aus Kunststoff, der Jahrhunderte braucht, bis er auf natürliche Weise abgebaut worden ist. Weitere solcher Plastikinseln gibt es im Südpazifik, dem Nord- und Südatlantik sowie im Indischen Ozean. An den Küsten Vietnams und Kambodschas etwa blickt man bei ungünstigen Windverhältnissen tagelang auf eine Müllkippe, wo eigentlich das Meer sein sollte. Dass dies den Urlauber stören könnte – sei’s drum! Er verursacht ja schliesslich diese Müllberge selbst. All die Meeresbewohner, ob Fische oder Säuger wie Delphine oder Wale aber sind unschuldig. Für sie kann eine solche Begegnung mit dem Überbleibsel der Zivilisation tödlich enden. Schliesslich verstopfen kleinste Kunststoffpartikel die Atemwege oder verkleben die Kiemen. Fische halten kleinste Kunststoff-Teile für Plankton und futtern sie. Mikro-Partikel (rund 1 Mio pro km² im Nordpazifik) lagern sich im Fisch oder selbst den Muscheln an, die über einen Plankton-Filter verfügen, und gelangen dadurch in die Nahrungskette! Der Mensch isst somit seinen eigenen Müll – schön angerichtet auf dem Teller im Restaurant. Mahlzeit!
Ein paar Ingenieure haben sich nun an einen Tisch gesetzt um diesem selbstmörderischen Treiben entgegenzuwirken. Auf Papier entstand mit der SeaVax ein solarbetriebenes Schiff, das pro Jahr rund 22 Millionen Kilogramm des Plastikmülls aufsaugen könnte. Mehrere dieser Schiffe bräuchten bis zu zehn Jahre, um diese Müllinseln im Pazifik zu entfernen. Spezielle Sensoren sollen verhindern, dass auch Fische oder andere Meeres-Lebewesen aufgesogen werden. Einzig: Es fehlt am Geld! Auch andere Ideen scheitern am schnöden Mammon: So die Armada von Sieben, die den Müll sammeln, der entweder recyclet oder dierekt auf den Schiffen verbrannt werden soll. Oder die Mikroben, die Plastik zerfressen. Doch – was bleibt davon über und was geschieht, wenn diese Mikroben aufgrund das riesigen Nahrungsangebotes Überhand nehmen. Ja, es scheitert bereits schon bei den Fischern, die den Fehlfang aus Plastik wieder in’s Meer werfen, da die Entsorgung im Hafen Geld kostet.

https://www.youtube.com/watch?v=D41rO7mL6zM

Wie gelangt nun dermassen viel Müll in die Ozeane? Komplette Müllschiffe fahren weit genug hinaus um dort ihre gefährliche Ladung zu entleeren. Eigentlich verboten (MARPOL-Abkommen) – doch fühlt sich in internationalen Gewässern niemand wirklich dafür verantwortlich. Die Umweltorganisation Oceana rechnet vor: Stündlich gelangen rund 675 Tonnen Müll in die Meere. Jedes Jahr zirka 6,4 Mio Tonnen Plastik-Müll (Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP 2014). Das Meer wird dadurch zur übergrossen Kloake. Dabei macht der sichtbare Anteil nur rund 30 % aus – die restlichen 70 sinken auf den Meeresgrund. 15 % werden wieder an Land gespült. Würden die Strände im Indischen Ozean und dem Pazifik (etwa Kanapou Bay auf Hawaii) nicht regelmässig von besorgten Anrainern oder Aktivisten oder Gutmenschen gesäubert, würden auch diese innerhalb kürzester Zeit wie Müllhalden aussehen – wie bereits bei unbewohnten Inseln zu bewundern. In Hawaii wurde 2014 auch das erste künstliche Gestein entdeckt: “Plastiglomerat” – ein Gebilde aus geschmolzenem Plastik, Vulkangestein, Korallenfragmenten und Sand! So sind auch beispielsweise Ost- und Nordsee-Inseln wie Norderney oder die unbewohnte Insel Mellum vollgemüllt, obwohl dort die Schiffe nichts entladen dürf(t)en: Von Plastiktaschen über Feuerzeuge bis hin zu Einweg-Rasierern! Die Löffler etwa, die auf Mellum brüten, bauen ihre Nester inzwischen aus Kunststofftüten! Nicht selten verwechseln Tiere den Müll mit Futter und verenden jämmerlich daran. Eissturmvögel etwa. Als Hochsee-Vögel leben sie nur von dem, was sie auf offener See fressen können. Bei 93 % der gefundenen, toten Eissturmvögel wurde Plastik im Magen gefunden – pro Vogel rund 27 Partikel. Sie verhungern trotz eines vollen Magens oder krepieren elendig an Verstopfung. Oder die Lederschildkröte. Sie ernährt sich vornehmlich durch Quallen. Eine dahintreibende Einmal-Plastiktasche sieht für sie ihrem Futter zum Verwechseln ähnlich! Luftballon-Schnüre strangulieren Seevögel, Delphine oder Wale oder sie verfangen sich in Dosen-Six-Pack-Gittern. Eine Untersuchung von Greenpeace kommt zu dem Resultat, dass rund 8 % einer Robben- oder Seelöwen-Population unmittelbar durch den Müll verenden, weil sie sich unter Wasser etwa in Geisternetzen (herrenlosen Fischernetzen) verfangen und nicht mehr zum Luftholen an die Oberfläche kommen, sich selbst durch Schnüre und ähnlichem strangulieren, etc. Die Meldung jenes Zwergwales, der vor einigen Jahren an der schottischen Küste verendete ging um die Welt: In seinem Magen hatten sich 800 kg Plastik angesammelt!

„Jedes kleine Stück Kunststoff, das in den letzten 50 Jahren hergestellt wurde und ins Meer gelangte, ist dort immer noch irgendwo.“
(Tony Andrady, Chemiker)

Kunststoff (“Plastik”) wird vornehmlich durch Rohbenzin (Naphta), aber auch Kohle und Erdgas halbsynthetisch durch die Modifikation natürlicher Polymere hergestellt. Nicht zu verwechseln mit Gummi, der zumeist aus Kautschuk produziert wird. Durch Erhitzung trennt sich das Rohbenzin in Butylen, Propylen und Ethylen. Durch eine weitere chemische Behandlung bilden sich netzartige oder kettenfömirge Moleküle, die zu den unterschiedlichsten Kunststoffen weiterverarbeitet werden. Die Zugabe anderer Stoffe (“Additive”) ermöglicht die Herstellung von gewünschten Eigenschaften: Weichmacher, Stabilisatoren, Farben,…
Na ja, wird sich nun sicherlich der Eine oder Andere unter Ihnen denken: Wenn ich mich einschränke, bringt das nicht wirklich die grosse globale Lösung! Doch! Nach Angaben des deutschen Umwelt-Bundesamtes fielen in Deutschland alleine im Jahr 2013 nicht weniger als 17,1 Mio Tonnen an Verpackungsabfällen an – der bislang höchste Wert. 71,8 Prozent wurden durch den Recycling-Kreislauf wiederverwendet, 97,6 % somit auf diese oder andere Weise verwertet. Jeder Deutsche produziert pro Jahr nicht weniger als 611 kg Müll pro Jahr. Das Nachrichten-Magazin “Focus” titelte im Juli 2014 völlig zurecht mit “Müllrepublik Deutschland”. Im Alpenstaat Österreich waren es im selben Zeitraum 608 kg, in der Schweiz gar 674 kg. Sie sehen also: Eine direkte Korrelation zwischen Wohlstand und Müllaufkommen! Es sind die geänderten Konsumgewohnheiten der Menschen: Je besser es ihnen geht, desto höher der Konsum, desto grösser auch der Müllberg. Weitere Vergleiche? Schweden – 467 kg/Kopf, Polen 275 kg/Kopf! Primäres Ziel sollte somit sein, derartige Müllhaufen zu vermeiden. Und da zählt jeder Einzelne und jedes Kilogramm. Das Land Oberösterreich verteilt jährlich rund 20.000 Stofftaschen aus fairer Produktion. Das entlastet nicht nur die Umwelt, sondern auch die Geldtasche! Durch derartige wiederverwendbare Transportmittel kann sich ein Haushalt bis zu 50,- € pro Jahr einsparen. Nicht viel, allerdings lade ich gerne anstatt Einkaufstüten aus Plastik zu verwenden einmal im Jahr meine Frau auf ein romantisches Candle-Light-Dinner ein!

https://www.youtube.com/watch?v=Kd_QlauNmcw

Doch ist eines klar: Auch als perfekter und agribischer Mülltrenner wird mir das alles irgendwann zu bunt, wenn ich andere beobachte, die sich im wahrsten Sinne des Wortes einen Dreck darum scheren. Also müssen Dritte für sie den Müll trennen – und das ist wahrhaftig ein Millionengeschäft, für das wiederum alle aufkommen müssen. So werden in der EU rund 34 % des Müllaufkommens nach wie vor deponiert! Die vermeintlich günstigste Entsorgung! Werden allerdings die späteren Sanierungskosten dieser Deponien mit eingerechnet, so ist auch diese Lösung eine sündhaft teure. Ausserdem braucht die Zersetzung von Plastik zwischen 3-450 Jahre! 27 % werden recycelt. Betrachten wir uns etwa im Vergleich die PET-Flaschen etwas genauer. In Deutschland landen sie im Automaten und werden direkt dort gehäckselt! Der Einzelhandel verkauft das Granulat dann weiter an die Kunststoffindustrie. In Österreich müssen diese wertvollen Rohstoffe wieder mühsam aus dem nicht-verwertbaren Kunststoff oder gar Restmüll sortiert werden. 20 % des Abfalls werden in Energie umgewandelt – etwa in Verbrennungsanlagen oder durch andere Verfahren. 15 % werden kompostiert und 4 % verbrannt, ohne Energie daraus zu gewinnen. In Wien wurden Kunststoffe eigens gesammelt. Dadurch aber nahm der Brennwert des Restmülls immens ab. Also gab der Magistrat grünes Licht dafür, dass Kunststoffabfälle wieder zum Restmüll dazugegeben werden. Mir schaudert allerdings bei dem Gedanken, dass ich das unter Umständen wirklich gesunde Mineralwasser aus einer PET-Flasche trinke, die vielleicht aus Kunststoffflaschen aus dem Restmüll produziert wurde. Pfui deibel!!! Da finde ich das Pfandsystem in Deutschland als wesentlich hygienischer.
In Österreich werden jährlich rund 400 Millionen Plastiksackerln in Umlauf gebracht. EU-weit sind es rund 51 pro Einwohner! Sie werden meist nur einmal verwendet und landen schliesslich im Müll. Damit werden nicht etwa nur wertvolle Ressourcen verschwendet, sondern die CO2-Emission unnötig nach oben getrieben. Zum Vergleich: Für eine Tonne Kunststoff werden zwei Tonnen Rohöl gebraucht! Die EU hat nun vorgeschlagen, die sog. “Knotenbeutel” (dünne Einweg-Kunststoff-Tüten für beispielsweise Gemüse) aus den Supermärkten zu verbannen. Wie üblich in der Wirtschaft, gebe es genügend Alternativen, doch – so lange die günstigste Lösung nicht verboten wird – besteht kein Bedarf darin, innovativ oder nachhaltig zu agieren. Der Rewe-Konzern spart beispielsweise durch den Umstieg auf Plastiktaschen aus Altkunststoff alleine im Alpenstaat seit 2012 pro Jahr rund 700 Tonnen Kunststoff ein. Auch bei Verpackungen von Obst und Gemüse sowie Wurst ist bereits einiges umgesetzt worden. Trotzdem – bei einer vierköpfigen Familie brauchen Sie nicht 5 x 100 g jeweils in Kunststoff abgepackte Wurst, da bekommen Sie auch den Aufschnitt von der bedienten Wursttheke locker weg, der nur einmal verpackt werden muss!!!
Gänzlich wird wohl nie auf Verpackungen verzichtet werden können. Schliesslich stehen darauf wichtige Informationen über Inhalt, Ablaufdatum, Herkunft etc. und v.a. wird die Ware dadurch haltbar gemacht (Vakuumverpackung beispielsweise) oder gegen Transportschäden gesichert Allerdings sollten die Verbraucher bzw. Konsumenten soweit sensibilisiert werden, dass sie die nicht gebrauchten Verpackungen vorort abgeben. Erst dann werden sich auch die Handelsketten umstellen und ihre Zulieferer auf weniger oder wiederverwertbare Verpackung hindrängen. Hier einige Zahlen aus Deutschland – im Vergleich 1991 und 2013:

Verpackungen aus Papier, Pappe und Karton 5,395 / 7,839 Mio. Tonnen
Kunststoffverpackungen 1,628 / 2,873 Mio. t
Glasverpackungen 4,637 / 2,758 Mio. t.
(Quelle: Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung mbH)

Die Stadregierung von San Francisco ging da mit leuchtendem Beispiel voraus: Die Verwendung von Wasser-PET-Flaschen ist im gesamten Stadtgebiet verboten. Lobend muss auch die Schweiz hervorgehoben werden: Im Jahr 2012 beschloss der Schweizer Nationalrat ein Verbot der Wegwerf-Plastik-Beutel.
Der Mensch allerdings wäre nicht der Mensch, wenn er sich mit seinem Tun nicht unmittelbar selbst schädigen würde: Schiffsschrauben verfangen sich ebenso wie Fischernetze im Müll, Kühlwasserrohre von Kraftwerken oder Industriebetrieben werden regelmässig verstopft, einst wunderschöne Urlaubsstrände vereinsamen, da vermüllt!

https://www.youtube.com/watch?v=AqTzpRYF7D4

Doch – nicht nur die Verpackungen oder Einmal-Produkte (wie Plastikgeschirr) sind gefährlich. In der Kosmetik werden immer mehr Produkte mit sog. “Microbeads” eingesetzt. Mikro-Plastik-Partikel, die etwa für’s Peeling oder als Scheuermittel für unsere Beisserchen in Zahnpasten eingesetzt werden. Sie sind für das Klärwerk zu klein – werden in die Flüsse eingeleitet, dort bereits von Fischen gefressen bzw. gelangen in’s Meer. Oder das Waschen von Kunststoff-Bekleidung: Kleinste Kunstfasern gelangen bei jedem Waschvorgang von Fleece-Bekleidung (Polyester, Polyacryl) in’s Abwasser – bis zu 1.900 pro Wäsche. Die andere Möglichkeit der Müllverschmutzung: Überschwemmungen, Windverfrachtungen etc. holen den Müll direkt vor Ihrer Haustüre ab. Durch die Erosion werden die Partikel immer kleiner und gefährlicher.
Wie gesund etwa Weichmacher wie Bisphenol A (BPA), Pthalate oder Flammschutzmittel in Kunststoffen für den menschlichen Organismus sind, ist wieder ein komplett anderes Thema!

Tipps für Ihren nächsten Einkauf:
- Verwenden Sie das nächste Mal feinmaschige, wieder-verwendbare Beutel für Obst und Gemüse – anstelle der “Knotenbeutel”; dadurch benötigen Sie bis zu 1.000 Einmal-Plastik-Sackerln weniger
- Anstelle von Wasser in PET-Flaschen schmeckt sicherlich das Leitungswasser im Glas frischer und schont dabei die Umwelt; durch sog. “Sprudler” können Sie auch ihr eigenes Sodawasser herstellen
- Kaufen Sie möglichst Produkte, die mit wenig Plastik-Verpackungsmaterial auskommen
- Verzichten Sie auf den Kauf von Kosmetik-Artikel mit Microbeads (Mikroplastik-Partikel)
- Bitte entsorgen Sie Plastikmüll, den Sie auf der Strasse oder in der Wiese bzw. dem Wasser finden, damit dieser nicht vom Wind weitergetragen werden kann
- WICHTIG: Plastik oder Kunststoff gehört in die dafür vorgesehenen Kunststoff-Sammel-Tonnen

Filmtipps:

- Inseln aus Müll?
- Der Fluch der Meere – Plastik
- Plastic Planet
- TOXIC: Toxic Garbage Island I-III
- Plastic Soup
- Midway – Message from the Gyre
- Addicted to Plastic

Lesetipp:

.) Der Mensch und das Meer: Warum der größte Lebensraum der Erde in Gefahr ist; Callum Roberts; DVA, Stuttgart 2013

Links:

www.unep.org
www.wwf.de
www.oceancare.org
www.naturefund.org
www.greenpeace.org
www.scientificamerican.com
www.plasticdebris.org/
www.plasticpollutioncoalition.org
www.plastic-sea.com
www.birdlife.org
www.ospar.org
www.oceanconservancy.org
www.5gyres.org
www.saubere-meere.de
www.iucn.org
www.plastic-pollution.org
www.umweltbundesamt.de
bundesverband-meeresmuell.de
www.awi.de
www.ooe.gv.at
www.mellumrat.de/
www.take3.org.au
www.waterboards.ca.gov
theoceancleanup.com
www.avaaz.org/de

No Comments »

WP Login