Posts Tagged ‘Reichtum’

Die Patriarchen

Sie denken in sieben- und achtstelligen Beträgen, werden von den Politikern hofiert und ziehen die Strippen im Hintergrund: Die Unternehmerfamilien! Spätestens seit der industriellen Revolution hat die Bedeutung der Wirtschaftsbosse zugenommen. Inzwischen ist so manches deren Worte bedeutungsvoller als jene regierender Politiker. Und sie sind die Königsmacher – nicht nur mit hohen Spendengeldern. Vor einigen Jahren perfekt verdeutlicht in einer Dokumentation, wonach Coca und Pepsi Cola den Präsidenten der USA unter sich ausmachen.
Auch wenn viele dieser Konzerne bereits fleissig an den Börsen gehandelt werden, so stehen doch zumeist noch die Gründerfamilien dahinter. In ihrem Besitz befindet sich auch die Aktienmehrheit, sodass wichtige Entscheidungen noch in vielen Fällen am heimischen Frühstückstisch und nicht in der Vorstandskonferenz getroffen werden. Die 20 grössten Familienunternehmen entscheiden über Millionen von Arbeitsplätzen in Deutschland, Österreich und auch der Schweiz. Nach einer Rangliste der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind unter den zehn umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands gleich sechs Familienbetriebe zu finden. Ich möchte nun im folgenden einige dieser Betriebe vorstellen. Sie werden Augen machen, wie weitreichend das Netz der Macht dieser Eltern und ihrer Kinder ist.
Der grösste Autobauer Deutschlands heisst VW – Volkswagen. Bei einem prolongierten Umsatz von 192,7 Milliarden € zählt der Konzern auch zu den Global Playern. Nicht weniger als nahezu 550.000 Menschen verdienen ihr Geld mit dem Zusammenschrauben eines Golfs, Passat oder Beetles. Obwohl der Österreicher Piech vor einigen Jahren den Vorstandsposten abgegeben hat, führt er nach wie vor im Hintergrund – gemeinsam übrigens mit der Familie Porsche – die Marionetten. Neben Seat und Skoda gehören auch Audi und Lamborghini zum Konzern. Ferdinand Piech ist der Sohn des Wiener Anwaltes Anton Piech und dessen Frau Louise, der Tochter des Konzerngründers Ferdinand Porsche. Gegenwärtig ist er Vorsitzender des VW-Aufsichtsrates, aber auch des LKW-Herstellers MAN SE. Piech übernahm 1993 den Vorstandsvorsitz des damals strauchelnden Unternehmens und führte es wieder zurück an die Spitze. Die Familie Porsche hat sich im Salzburger Pinzgau niedergelassen. In der Umgebung von Zell am See läuft nahezu gar nichts ohne sie: Almen, Hotels, Jagden, Bauland, Jagdpachten, ein Schloss, über den Anteil an der Schmittenhohebahn auch der Schiffsverkehr auf dem Zeller See und der Flugplatz in Zell am See. Daneben ist die Familie noch an der Pinzgau-Milch beteiligt. Trotzdem halten sich die Porsches dezent im Hintergrund.
Auch der Konkurrent aus München ist in Händen zweier Familien. Die BMW-Group beschäftigt rund 106.000 Menschen und erzielt einen Umsatz von 76,8 Mrd. €. Die Familie Quandt lebt sehr medienscheu zurückgezogen. Ihr Vermögen wird auf rund 20 Mrd. € geschätzt. Herbert Quandt beteiligte sich Anfang der 60er Jahre an der Sanierung der Autos Made in Bayern. Daneben hatte das Pharma-Unternehmen Altana mit dem Magenmittelchen Pantoprazol einen Best-Seller. Zudem bestehen Beteiligungen am Batterie-Hersteller Varta, dem Smartcard-Erzeuger Datacard, Heilmittel Heel, der Thiel Media Group uvam. Auch neuen Technologien gegenüber ist die Familie nicht abgeneigt: Im Besitz sind Anteile von Unternehmen aus den Bereichen Robotics, Solar und Windkraft! Die Familie ist aufgrund des Engagements Günther Quandts im Zweiten Weltkrieg umstritten (Zwangsarbeit, Enteignungen,…). Seine Ex-Frau war mit Joseph Goebbels verheiratet. Die Klattens sind vornehmlich durch Susanne Hanna Ursula Klatten vertreten. Sie gilt mit einem geschätzten Vermögen von 14,3 Mrd. US-Dollar als die reichste Frau Deutschlands. Susanna Klatten (geborene Quandt) ist die Tochter von Herbert Quandt und dessen dritter Frau Johanna. Von Ihrem Vater erbte sie auch die BMW-Anteile. Ihr Mann, Jan Klatten, ist der Bruder des Wirtschafts- und Medienmanagers Werner E. Klatten, der wiederum Posten in der Tabakindustrie, bei Sat.1, dem Spiegel Verlag, Constantin, der Deutschen Sporthilfe und der Bundesliga-Stiftung inne hatte bzw. hat. Zu BMW gehören inzwischen auch Mini Morris und Rolls Royce.
Mit den beiden Familien Schwarz und Albrecht sind wir bei den Platzhirschen im Diskonthandel angelangt. Die Familie Schwarz steht für die Unternehmenszweige Lidl und Kaufland. 320.000 Mitarbeiter erwirtschaften einen jährlichen Umsatz von 67,6 Mrd. €. Mit weltweit 9.000 Lidl und 1.000 Kaufland-Filialen gilt die Schwarz-Gruppe als drittgrösster Lebensmittel-Einzelhandels-Konzern Deutschlands und zählt weltweit zu den Top Ten. Die Schwarzstiftung allerdings hat sich im Jahr 2007 aus allen anderen Beteiligungen zurückgezogen und auf das Kerngeschäft konzentriert. Nur ein Online-Versandhandel wird noch zusätzlich betrieben. Ähnlich verhält es sich mit der Familie Albrecht. Mit einem Umsatz von 56,8 Mrd. € wurde Aldi zwischenzeitlich von Lidl überholt. Aus einem Geschäft in der Essener Huestrasse formten Theo und Karl Albrecht sehr rasch mit Aldi Nord und Süd einen der Big Player am weltweiten Lebensmittelmarkt mit nicht weniger als 250.000 Angestellten. Lange Zeit (Theo Albrecht sogar bis knapp vor seinem Tod im Jahr 2010) lenkten die beiden noch selbst die Geschicke des Unternehmens; einerseits über die Siepmann-Stiftung (Aldi Süd), andererseits über die Markus-Stiftung (Aldi Nord). Beide werden durch Familienmitglieder geführt. Zur Markus-Stiftung zählt auch der US-amerikanische Discounter Trader Joe’s mit 350 Filialen. Bei den Albrechts steht der Handel im Mittelpunkt.
Anders hingegen bei den Familien Beisheim, Haniel und Schmidt-Ruthenbeck, die in der Metro-Gruppe das Sagen haben (283.000 Mitarbeiter, 66,7 Mrd. € Umsatz). Zum Konzern gehören neben dem Grosshandelsunternehmen auch die Einzelhandelsgruppen Real, Kaufhof und Saturn. Otto Beisheim war als SS-Sturmmann niederrangiges Mitglied der Leibstandarte Adolf Hitlers. Nach dem 2. Weltkrieg hatte er den Posten eines Prokuristen im Elektro-Fachgeschäft Stöcker & Reinshagen inne. Die Inhaber, die Familie Schell, gründeten gemeinsam mit den Kaufleuten Schmidt und Schmidt-Ruthenbeck 1964 die Metro AG, der sich 1967 auch Franz Haniel anschloss. Beisheim sass lange Zeit auf dem Chefsessel des Metro-Konzerns und baute ihn zu einem der weltweit führenden Handels-Unternehmen auf. Er selbst rettete in den 1990ern den Medienunternehmer Leo Kirch vor dem Konkurs indem er unzählige Filmrechte aufkaufte und beteiligte sich u.a. am damaligen Kabelkanal (heute: Kabel 1). Zudem errichtete er 2004 das Beisheim-Center in Berlin, das neben vielen anderen Mietern auch die beiden Nobel-Hotels Ritz-Carlton und das Marriott beherbergt.
Zuletzt in deutschen Landen noch zu einer Familie, deren Name wesentlich mehr mit “Made in Germany” und dem Vertrauen in die deutsche Ingenieurskunst zu tun hat, als alle anderen bisher genannten: Bosch! Schliesslich belief sich bereits 1914 der Exportanteil auf über 30 %. Doch ausgerechnet hier gelten andere Regeln. Die Robert-Bosch-GmbH mit Sitz in Gerlingen erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von rund 52,5 Mrd. €. Verantwortlich dafür zeichnen rund 306.000 Mitarbeiter und -innen. Pardon – demnächst sind es 3.500 weniger! Schliesslich wird das Solarwerk dicht gemacht. So leicht geht man mit dem Schicksal von Menschen um. Doch muss fairerweise erwähnt werden, dass es die erste grössere Entlassungswelle seit lang, langer Zeit im Unternehmen ist. Der Name Bosch ist mit der industriellen Geschichte Deutschlands verknüpft wie nur wenig andere. Die Visionen des Firmengründers Robert Bosch über Qualität und Zuverlässigkeit prägten auch die Kraft der Herkunftsbezeichnung “Made in Germany”. Das erfuhr sogar Robert Bosch jun. bitter am eigenen Leib: 1954 musste er den Sessel des Vorstandsvorsitzenden abgeben, da seine Kollegen aus dem Management ihm nicht zutrauten, die Qualitätsvorstellungen seines Vaters umsetzen zu können. Auch wenn seit damals kein Bosch mehr direkt die Geschicke des Unternehmens leitet, so verfügen die Nachkommen über 8 % der Firmenanteile – zugegebenermassen nicht viel, befindet sich aber die Anteilsmehrheit in der Robert-Bosch-Stiftung. Diese hält sich allerdings aus dem operativen Geschäft heraus. Mit nur einem Promille Anteil verfügt nämlich die Robert-Bosch Industrietreuhand KG über mehr als 90 % der Stimmrechte. Hier entscheiden acht Gesellschafter, wie der Hase zu laufen hat. Ehemalige oder noch aktive Vorstände anderer grosser Unternehmen, die vom langjährigen Bosch-Chef Hans L. Merkle ausgesucht wurden. Einziger verbliebener Bosch in diesem Gremium ist Christof Bosch, der sich jedoch vornehmlich um den Gutshof seines Vaters, Robert Bosch jun. kümmert. Produziert wird alles, was in irgendeiner Weise mit Technik zu tun hat: Vom Schlagbohrer bis zur Kaffeemühle! 2003 kam es zur Übernahme des Heizungsriesen Buderus – für 1,5 Mrd. €! Andere Gesellschaften oder Beteiligungen sind in nahezu allen Technologiebranchen zu finden – ob Steuerungssysteme oder Thermotechnik, ob Haushaltsgeräte oder Healthcare. Von Beissbarth über Blaupunkt, von Hawera Probst bis zur SB LiMotive Co. Ltd.
Wer jedoch gedacht haben sollte, dies alles ist ein deutschen Phänomen, der hat sich gewaltig geirrt. Deshalb hier zum Vergleich jeweils auch eine Familie aus Österreich und der Schweiz.
In Österreich befinden sich übrigens 80 % der Unternehmen in Familienbesitz – dies sind um 10 % mehr als im EU-Schnitt. Im Bereich der Grossunternehmen sind es immerhin noch 50 % (Frank & Keßler, 2009). Im Alpenstaat ist jedoch ein Trend zur Umwandlung in KGs bemerkbar, da die Nachfolgefrage zu einem immer grösseren Problem wird. Trotzdem besteht die höchste Dichte dieser familiengeführten Betriebe in Tirol und Vorarlberg (Egger, Handl, Schwarzkopf bzw. Alpla, Blum, Doppelmayer und Rhomberg). Stellvertretend möchte ich die Kristall-Dynastie Swarowski erwähnen. Zuletzt aufgrund von Massenkündigungen in die Medien geraten, gilt der Gitzersteinchenhersteller als DAS familiengeführte Unternehmen Österreichs. 2011 wurde mit rund 30.000 Mitarbeitern ein Umsatz von 2,87 Mrd. € erzielt. 1895 gründete der aus Südböhmen stammende Glasschleifer Daniel Swarowski das Unternehmen. Jedoch baute es erst Gernot Langes-Swarowski zwischen 1965 und 2002 zu jenem Imperium auf, das es heute darstellt. 2002 übernahm dessen Sohn Markus die Geschäfte. Der Konzern stellt neben Schmuckkristallen und Skulpturen auch optische Linsen (Swarowski-Optik KG in Absam) und Schleifmittel (Tyrolit Schleifmittel Swarowski KG in Schwaz) her. Daneben gibt es ein ganzes Firmen- und Beteiligungsgeflecht in Deutschland, Liechtenstein und 39 anderen Staaten auf allen Kontinenten dieser Welt. Mit dem Tyrolean Jet Service, der Filmproduktionsfirma Swarowski Entertainment, dem Verkehrsleitsystemhersteller Swareflex und der Parfumlinie Aura wird auch in anderen Gewässern gefischt. Grösster Einzelgesellschafter ist nach wie vor Gernot Langes-Swarowski mit 17 %.
Die Schweiz schreitet mit 88 % der Unternehmen voran, die noch immer in Familienhand sind. Allerdings fallen wiederum die meisten davon in den klein- und mittelständischen Bereich, nurmehr 30 % der an der Börse gehandelten Unternehmen sind Familienbetriebe. In der Eidgenossenschaft gibt es zudem ein Novum: Die “vinkulierten Namenaktien”! Sie sichern den Familien mehr Stimmrechtsanteile als die normalen Aktien. Neben der Tetra Pak (Schweiz) SA und etwa die Hilti AG, wird auch die DKSH Holding AG durch drei Familien geführt. Diese operative Einheit der Diethelm Keller-Gruppe ist spezialisiert auf den Handel mit Asien. Sei es nun Technologie, Pharmazie, Waren für den täglichen Bedarf oder auch Rohstoffe – bei der DKSH sind Sie gut aufgehoben. Daneben wird auch Unternehmen der Eintritt in den asiatischen Markt erleichtert. Und: Dass hiermit viel Geld zu machen ist, zeigt sich in den Umsatzzahlen! Mit nicht einmal 26.000 Angestellten werden in 680 Niederlassungen in 35 Staaten (alleine davon 660 in Asien) 8,8 Mrd. CHF (2012) umgesetzt – netto!!! Dabei wurde das Unternehmen erst 2002 gegründet, als zur Diethelm Keller Holding auch die Siber Hegner Holding hinzustiess. Die Wurzeln jedoch reichen aufgrund des Rohstoffhandels bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die DKSH ist seit März 2012 börsennotiert!
Diese Liste der erfolgreichen Unternehmerfamilien liesse sich beliebig weiterführen, auch in Branchen, die man hier gar nicht vermuten würde: Althoff (Zirkus), Egedacher (Orgelbau), McDonald (Fastfood – bis 1961) oder auch die Rothschilds (Banken). Es sind also nicht wenige, die durch Firmengeflechte eine unheimliche Macht ausüben. Dabei wird auch nicht davor zurückgeschreckt, diesen Einfluss durch Vermählungen zu vergrössern – ganz nach dem Motto “Gleiches zu Gleichem gesellt sich gut!”. Man lernt sich meist im Rahmen von Dinner-Parties bei offiziellen Anlässen (wie dem Weltwirtschaftsforum) oder beim Polo in St. Moritz kennen. Unsereins wird schwindelig, wenn er einmal im Jahr – immer zum Erscheinungszeitpunkt – einen Blick in die Liste der Reichen werfen darf. Denn: Mehr davon hat unsereiner leider nicht. Solche Listen gibt es viele – die wohl berühmteste stammt vom Wirtschaftsmagazin “Forbes”, die jedoch weltweit erstellt wird und nur wenig über Unternehmerfamilien aussagt. So ist etwa der Sultan von Brunei ebenso wie Bill Gates oder auch mit gebührendem Abstand die Gebrüder Albrecht vertreten. Mehr als amüsant ist u.a. die Tatsache, dass der Gründer des Unternehmens Bofrost, Josef Boquoi 2011 eine Unterlassungsklage gegen Forbes einbrachte – er wollte nicht mehr in dieser Liste aufgelistet sein. Die Klage jedoch wurde am Landgericht I in München abgewiesen.
Weitaus interessanter ist jedoch die Liste der 500 reichsten Deutschen, die vom Manager Magazin jährlich veröffentlicht wird. Sie wird seit Jahren von Karl und Theo Albrecht (Aldi) angeführt. An die Stelle von Theo Albrecht sind nun die beiden Söhne Berthold und Theo jun mit ihren Familien nachgerückt. Karl Albrecht (Aldi Süd) verfügte 2012 über ein Privatvermögen von 17,2 Mrd. €, Berthold und Theo jun (Aldi Nord) über 16 Mrd. Rang drei geht an die Familie Dieter Schwarz (Lidl) mit 11,5 Mrd. Auf den weiteren Plätzen folgen die Familien Otto (9 Mrd. – Otto-Versand, ECE-Gruppe), Susanne Klatten (8,9 Mrd. – BMW, Altana), Reimann (8 Mrd. – Otto-Versand, ECE-Gruppe) und Würth (7,2 Mrd. – Würth-Gruppe). Neben der Familie Reimann, die im laufenden Jahr auf 11 Mrd. geschätzt werden, ist Stefan Quandt (BMW) mit einem erwarteten Anstieg von 1,7 Mrd. der zweite Sieger. Neu im Klub der Milliardäre ist übrigens Wolfgang Marguerre (Octapharma), der es heuer auf 1,5 Mrd. schaffen dürfte. Tja und Verlierer wird höchstwahrscheinlich die Familie Rethmann werden, die von 6 auf 3,8 Mrd. fallen könnte. Norbert Rethmann ist einer der wenigen Selfmade-Milliardäre. Sein Imperium umfasst 920 Standorte mit nicht weniger als 40.000 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von 9 Milliarden € (Angaben: Handelsblatt). Er übernahm 1963 von seinem Vater ein kleines Fuhrunternehmen und machte dies zu einem Riesen-Entsorgungsmulti. Rethmann’s Vermögen basiert also sprichwörtlich auf Wertstoffen und Müll!

Verstehen Sie nun das Schwindelgehühl, das mich regelmässig bei solchen Zahlen überkommt???

No Comments »

Opa Wens Kapitalismus – das ist gelebter Kommunismus!

Beim Nationalkongress im November waren die Zeichen schon gesetzt, der Weg bereits markiert – dafür sorgen immer wieder die Parteitage der chinesischen KP im Vorfeld. Staats- und Parteichef Hu Jintao sowie Premierminister Wen Jiabao nehmen den Hut, der bisherige Vizepräsident Xi Jinping wird der neue mächtige Mann im Reich der Mitte, Li Keqiang an seiner Seite neuer Ministerpräsident. In Peking verwendet man hierfür gerne das Wort “Generationswechsel” – erstmals auch zurecht, bei dem Alter der chinesischen Politiker sollte man ansonsten besser von Machtwechsel sprechen. So manch einer hat noch Seite an Seite mit dem grossen Mao Zedong in der Kulturrevolution anno 1949 gegen die kapitalistischen Ausbeuter gekämpft. Machtwechsel auch deshalb, da der Staats- und Parteichef die wohl grösste Wirtschaftsmacht der Welt befehligt. Auch wenn sie es derzeit noch nicht ist, wird es bis dahin nicht mehr lange dauern. Die USA verlieren immer mehr an Boden. Bei der Anzahl der Milliardäre ist dies bereits geschehen, berichtet die Hurun-Liste aus Shanghai (das chinesische Pendant zur amerikanischen Forbes-Liste). 189 wurden nachgewiesen, erwartet werden jedoch zwischen 3-400. Viele der Reichen wollen nicht in diesen “Club der zehn Nullen”. Unter diesen wird die Liste als “Schlachtbank-Liste” bezeichnet. Sie halten sich mit ihrem Reichtum zurück, der Experte spricht von “didiao”. Die Sport- und Luxus-Karossen bleiben in der Garage; ab und an setzt man sich mit guten Freunden rein und trinkt ein Bier. Man ist zwar reich, spricht aber nicht darüber. Der Grund: Der Fall in die Ungnade kann rasch geschehen und im Gefängnis hilft einem der ganze Reichtum nichts mehr! Andere hingegen zeigen es voller Stolz. Der Reichste unter den Reichen war 2012 der Getränkehersteller Zong Qinghou (Mehrheitsgesellschafter der Firma “Wahaha”) mit einem geschätzten Vermögen von 12 Milliarden US-Dollar. Prognostizierter Gewinn 2012: 1,5 Milliarden Dollar!!! Reichste Frau: Zhang Yin mit einem geschätzten Vermögen von 5,6 Milliarden Dollar. Sie macht in Altpapier.
Doch in den meisten Fällen sind die chinesischen Superreichen nicht Selfmade-Milliardäre. Denn: In China gelten andere Gesetze! Die chinesische Form des kommunistischen Kapitalismus! Mit Beziehungen schafft man es sehr weit in der nicht wirklich sozialistischen Volksrepublik. Finanzgeflechte bestimmen die Geschicke des Landes. Hinein kommt nur jemand, der mit einer riesigen Portion Vitamin B gesegnet wurde. Ein Parteifunktionär reicht an sich in der Familie und schon werden die lukrativen Posten verteilt. Und diese “Erbprinzen” haben wahrhaft nichts mehr mit Kommunismus am Hut. Studium an den Eliteuniversitäten dieser Welt und teilweise bereits in westlichen Unternehmen wie Banken oder Technologiebetrieben gearbeitet, deren Vorstand sich dadurch das Entrée nach Peking erwartete, haben sie nur eine Aufgabe: Die Gewinnmaximierung! Ähnlich wie ehedem in Russland teilt sich die Partei den Kuchen auf! Während Akkordarbeiter und -innen vor der Einstellung einen Vertrag unterschreiben müssen, dass sie nicht Selbstmord begehen, damit deren Familien die Versicherungen bekommen können, wohnen die Privilegierten in Villen und Palästen und lassen sich in teuren Luxuslimousinen aus Deutschland durch ihr Reich kutschieren.
Was früher geheim gehalten wurde, ist heute Bestandteil der Politik. Als erster musste der Reformpolitiker Deng Xiaoping während der Studentenunruhen im Jahre 1989 dran glauben. Damals wurde noch hinter vorgehaltener Hand oder über anonyme Wandaushänge über den Deng’schen Kapitalismus berichtet. Brauchte der Wirtschaftsboss ehedem etwas, so führte der “offizielle Weg” über den Parteifunktionär. Dieser liess sich selbstverständlich gut dafür bezahlen. Wahre Legenden erzählt man sich auch heute noch über den Lan-Club in Peking, in welchem sich die Reichen mit den Mächtigen getroffen haben sollen. Für die weniger Reichen und Mächtigen gab es in jedem Restaurant ein Hinterzimmer.
Heute hingegen erfährt es das arbeitende Volk über das Internet (nicht aus den Zeitungen), denn nach wie vor sind die Medien des Landes regimetreu (in China wird noch zensuriert) oder werden einfach von einem Tag auf den anderen dicht gemacht. So berichtete die New York Times über den Wohlstand der Leading Families. Glatt wurde der Internetauftritt der Zeitung für chinesische User gesperrt. Die US-amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg schätzt das Vermögen der Familie des neuen Staats- und Parteichefs Xi auf läppische 376 Millionen US-Dollar plus einem Immobilienbesitz in Hongkong in der Höhe von zirka 55,6 Millionen US-Dollar. Premierminister Wen Jiabao geriet zuletzt ebenfalls aufgrund des New York Times-Artikels ins Gerede und bat den Ständigen Ausschuss des Politbüros – die Machtzentrale Chinas – um Aufklärung. Seine Familie soll 2,7 Milliarden Dollar an Vermögen angehäuft haben. Wen selbst hingegen will ohne Beteiligung mit weisser Weste dastehen. Er hat sich immer als der Ministerpräsident des Volkes verkauft. Seine Familie sei bitterarm gewesen! Doch welch Glückes Geschick: Jetzt ist sie steinreich: Frau Wen, Zhang Peili, ist dick im Diamantengeschäft, Wens Bruder gehört ein Konzern, der aus Kläranlagen und Recycling-Unternehmen besteht, der Sohnemann Wens besitzt eine der wohl grössten Finanz-Investment-Betriebe Chinas. Auch Wens 90-jährige Mutter erwarb Anteile an einer Versicherung in der Höhe von 120 Millionen Dollar. Alle profitierten von Regierungsentscheidungen mit Wens Unterschrift (Quelle: New York Times). Weiters wurden 102 Personen und ihre Verhältnisse genauestens analysiert. All diese Menschen sind Nachfahren der sog. “Unsterblichen”, der Helden der Arbeiterklasse, der Kulturrevolution. Acht Männer, die damals zum engsten Kreis Maos zählten. 26 Söhne, Schwiegersöhne oder Enkel führen staatliche Betriebe, etwa im Rahmen der Citic- oder der Poly-Konzerne. In dieser elitären Gruppe sind auch der Schwiegersohn Dengs, jener des ehemaligen Präsidenten Yang Shankun bzw. der Sohn des hochdekorierten Generals Wang zu finden. Der Produktionsumfang ihrer Betriebe beläuft sich auf mehrere Milliarden Euro. Hinzu kommen die unzähligen Firmen-Konstrukte auf dem afrikanischen Kontinent oder in der Karibik. So hat sich beispielsweise die Firma eines Deng-Enkels in eine australische Eisenerz-Mine eingekauft. Mit der Kulturrevolution und der Befreiung des unterdrückten Volkes hat dies alles in keinster Weise mehr etwas zu tun.
Das Wallstreet Journal erstellte eine Liste der reichsten Männer und Frauen, der chinesischen Kämpfer oder deren Nachfahren – mit politischen Ambitionen. Ganz oben zu finden ist etwa der Immobilien- und Bau-Tycoon Wang Jianlin. Oder der Investor Liang Wengen (7,3 Milliarden Dollar schwer). Auch Zhou Haijiang (1,3 Milliarden Dollar geschätztes Vermögen). Alle drei sind zudem Vertreter des Volkskongresses. Nach den Berichten des Wallstreet Journals bekleiden nicht weniger als 160 der gelisteten 1.024 chinesischen Superreichen zusätzlich Positionen in der Kommunistischen Partei. Von ungefähr? Keineswegs! Dadurch können lukrative Aufträge gesichert und multinationale Projekte im kleinen Kreise besprochen werden. Nach Angaben des Shanghaier Hurun-Reports verfügen 75 der 3.000 Abgeordneten des Volkskongresses über ein durchschnittliches Vermögen von 1 Milliarde US-Dollar. Ein Schelm, der nun behauptet, dass die politische Karriere etwas mit der wirtschaftlichen zu tun haben könnte. Soweit auch das Wallstreet Journal, das keine offiziellen Beweise einer solchen Verbindung vorzulegen weiss. Allerdings gelte es als erwiesen, dass grosse Unternehmen weitaus einfacher zu Geldern von staatlichen Banken kommen und auch die Steuern besser verhandelt werden können, als der kleine Landbauer.
Wäre ich nun böse müsste ich sagen: In so manchem Hohen Hause des Westens sollten Abgeordnete durch Lobbyisten ausgetauscht werden, damit ein internationales Gleichgewicht hergestellt werden kann. Doch beschweren sich hierzulande unheimlich viele Wähler darüber (ich eingeschlossen), dass sich unsere Politiker so manche Legislaturperiode vergolden lassen. Mit Volksvertretung hat dies nur ganz wenig zu tun. Viele bürgerfeindliche Steuer-, Datenschutz- oder andere Gesetze untermauern diese These. Ich möchte nun keinen historischen Exkurs zu Marx und Engels bzw. Lenin und Trotzki machen, auf deren Theorien der ursprüngliche Kommunismus aufbaut. Interessant ist es vielmehr mitzuverfolgen, was andernorts unter “Klassenkampf”, “Diktatur des Proletariats” und “Vergesellschaftung” verstanden wird. Unter Mao sind Kapitalisten noch als “Feinde des Volkes” verfolgt worden. Etwa Liu Wencai. Der Grossgrundbesitzer aus der Provinz Sichuan, das erklärte Feindbild von Mao, der Ausbeutertyp schlechthin. Er soll während der Kulturrevolution 1949 angeblich eines natürlichen Todes gestorben sein. Seine Nachfahren jedoch haben inzwischen nachgewiesen, dass Liu unter den Bauern, die er – so betont die offizielle Geschichtsschreibung – bis zu deren Hungertod geschröpft haben soll, hohe Beliebtheit genoss.
Selbstverständlich lässt dies auch den kleinen Reisbauern nicht kalt, der mit seinem Ernteertrag gerade mal so seine Familie ernähren kann. Mit der Einführung des Blutsauger-Kapitalismus, in welcher Form auch immer, wird das tägliche Leben teurer. Daneben klagen sehr viele über einen wahrhaften Korruptionssumpf. Mit bis zu 100.000 Demonstrationen bzw. Aufständen pro Jahr hat es die Regierung in Peking zu tun. Dabei geht es vornehmlich um Bauernaufstände, da diese immer mehr benachteiligt werden. Sie waren schon zu Zeiten Maos arm, jetzt fühlen sie sich im Vergleich zur urbanen Mittelschicht noch ärmer. Dies bescheinigt auch der sog. Gini-Koeffizient. Diese Zahl misst das Wohlstandsgefälle zwischen arm und reich. Null ist völlige Gleichheit, 1 indes völlige Ungleichheit. In China liegt dieser Gini bei 0,61 – nur in Südafrika ist er mit 0,7 noch höher. Geringe Zuschüsse, kleine Abnahmepreise für ihre Produkte, Massenumsiedelungen aufgrund von Grossprojekten – das ist das Leben der Nahrungsproduzenten.
Doch ist es schwer, in der sozialistischen Volksrepublik aufzubegehren. Dies erlaubte sich Bo Xilai, hoffnungsvoller Vertreter der Linkspopulisten. Er wurde radikal durch die Regierung abgesägt, indem angebliche Beweise an die Medien überspielt wurden, dass seine Frau einen britischen Geschäftsmann ermordet haben soll. Intern jedoch wurde ihm ein Abhörskandal zum Verhängnis, meldete damals die New York Times. So soll er unter anderem sehr brisante Gespräche von Staats- und Parteichef Hu Jintao aufgezeichnet haben. Bo stand kurz vor der Aufnahme in den Ständigen Ausschuss des Politbüros. Fakt ist, dass wohl der Ausdruck “Wein, Weib und Gesang” bei so manchen Verhandlungen mit Dorf- oder Provinzkaisern wahre Wunder bewirken kann. Kommt noch eine lockere Brieftasche hinzu, so unterschreiben offenbar einige sehr rasch. Die neue Nummer 1, Xi Jinping, wollte dies eigentlich ändern. Er sprach in diesem Zusammenhang erst kürzlich von “…Würmern in einem Kadaver!”. So rasch verbreite sich wohl die Korruption. Doch wie stark dieser Arm, der das Schwert führt, kämpfen wird, bleibt abzuwarten. Schliesslich soll die Schwester des Neuen ja auch nicht zu den Ärmsten einer zählen, meint die Nachrichtenagentur Bloomberg. Auch wenn das Parteiblatt “Renmin Ribao” in den höchsten Tönen titelt: “Der Anti-Korruptionssturm hat begonnen!”, so glauben Kritiker eher an einen Rohrkrepierer. Einige Fälle rangniederer Funktionäre wurden nach Angaben der New York Times bereits aufgedeckt – allerdings nicht von amtswegen. Die Behörden reagierten erst, als diese Dinge zumeist über das Internet auf den Tisch gelegt wurden.
Am Weihnachtstag haben 70 Anwälte und renomierte Wissenschaftler eine Petition vorgelegt, die Reformen und auch die Trennung zwischen Partei und Regierung fordert. Dies gleicht jedoch einem penibel geführten Dolchstoss ins Herzen der Macht. Der Verfasser der Resolution, der Rechtsprofessor Zhang Qianfan von der Universität Peking meinte gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press: “China riskiert Revolution und Chaos, wenn es sich nicht ändert!” Dies aber ist auch der Führung klar. So etwas wie den arabischen Frühling darf es in China nicht geben, das Land würde auseinanderbrechen und im Chaos versinken, da die Bevölkerung seit Mao und seit dem Jahr 1949 an extrem kurzer Leine gehalten wurde. Deshalb werden die Generäle der Armee mit stets steigendem Militäretat jedes Jahr wohlgesonnen bedacht. Würde sich die Armee auf die Seite des Volkes schlagen, bedeute dies das Aus der Partei. Für die 70 Unterzeichner der Petition allerdings könnten die paar Sätze sehr gefährlich werden. Schliesslich treffen sie im Kern auch die Aussage der Charta 08 des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiabo, der dafür zu elf Jahren Haft verurteilt wurde. Dieser jedoch hatte mehr Demokratie und das Ende der Einparteien-Herrschaft gefordert!
Hu Jintao aber hat der neuen Partei- und Staatsspitze noch Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben: Neben der Korruptionsbekämpfung soll die heimische Nachfrage angekurbelt sowie das Einkommen in China bis zum Jahr 2020 verdoppelt werden. Im 3. Quartal 2012 lag das Wirtschaftswachstum bei 7,4 % (in den beiden letzten Jahrzehnten durchschnittlich bei rund 10 %). Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds ist der gelbe Riese für inzwischen 78 Staaten der Erde der wichtigste oder zweitwichtigste Handelspartner. Das wird sich allerdings ändern. Ein altes chinesisches Sprichwort lautet: “Auf 30 satte Jahre, folgen 30 magere!” In sieben Jahren wird es soweit sein – ab 2020 beginnt für die Chinesen die Saure-Gurken-Zeit und damit eine neue Zeitrechnung!
Abschliessen möchte ich meine heutigen Ausführungen mit einem Zitat von Deng Xiaoping: “Reich werden ist ehrenhaft!” Doch forderte er auch – komplett atypisch für einen Kommunisten: “Lasst einige vor den anderen reich werden!” Doch bis alle davon zehren können, müssen Cai Shen Ye, dem Gott des Reichtums, noch sehr viele Räucherstäbchen geopfert werden.

No Comments »

WP Login