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Die Radio-Totengräber

In diesen Tagen gingen die Lokalrundfunktage in Nürnberg über die Bühne. Eine Einrichtung, deren Hintergrund vornehmlich im Gedankenaustausch und der Vernetzung von deutschsprachigen Radiomachern zu finden ist. Durchaus treffend besetzt war das Workshop “Don’t kill the Radiostar” mit einem gewissen Robert K. Den österreichischen Lesern dieser Zeilen dürfte er als Wecker im landesweiten dritten Programm des rot-weiss-roten Radios bekannt sein. Eine mehr als gelungene Auswahl, spiegelt er doch die derzeitige Situation des Lokalradios par excellance wieder. Herr K. hat beim österreichischen Staatsfunk begonnen, kann auf einen ganzen Stab von Sendungsredakteuren, Producern und Gagschreibern zurückgreifen und verfügt alleine für die Comedies (einen Bereich, dem er früher selbst angehörte) über ein Budget, mit dem so manche Lokalradiostation das ganze Jahr über auskommen muss. Kurz vor Sendungsbeginn kommt Herr K. in’s Studio – die nahezu komplette Sendungsvorbereitung haben andere übernommen. Um die Ängste, Probleme und Arbeit eines Lokalradiomachers weiss er somit rein gar nichts. In den tiefen, unterirdischen Höhlen der kleinen Rundfunkbetreiber würde es Herr K. wohl kaum eine Woche aushalten: Dunkel, staubig, Eigeninitiative, Handarbeit und ein Gehalt, für das er wohl nicht mal in’s Mikrophon lächeln würde. Wesentlich mehr hingegen weiss er unbestrittenermassen über das Star-Dasein. Die sog. “Personalities” wurden über Jahre hinweg als unbequem so lange durch Air-Checks, Sendungsvor- und v.a. -nachbesprechungen etc. bearbeitet, bis sie entweder von selbst das Boot verlassen oder sich als claim-wiederholender Roboter in die Zahl der anderen eingeordnet haben. Jetzt, nachdem das mediale Schlachtschiff “Radio” nach und nach unterzugehen droht, jetzt sollen es ausgerechnet derartige Personalities wieder retten! Sehr viele davon haben jedoch inzwischen die Schnauze vom Radiomachen gestrichen voll oder sind auf ihrem eigenen Internet-Sender zu finden, der allerdings in Ermangelung von Ports und damit der entsprechenden Genehmigungen durch die Landesmedienanstalten nur über eine sehr eingeschränkte Hörerschaft verfügen, dort jedoch Kultstatus haben!
Radio ist meines Erachtens das interessanteste Medium, das uns der Erfindergeist gebracht hat. James Clerk Maxwell machte die theoretische Basisarbeit – Heinrich Hertz hat die Radiowellen bereits 1887 im Experiment nachgewiesen. Seither machte die Rundfunktechnik unglaubliche Fortschritte bis sie schliesslich beim heutigen Digitalradio ankam, das auch zur Weiterleitung von Informationen jeglicher Art verwendet werden kann. Sehr rasch traten die Funkwellen ihren Siegeszug rund um den Globus an, vorerst auf Kurz-, Lang- und Mittelwelle, schliesslich auch auf UKW. Für so manch Einen ist das Aufstehen, der Weg zur Arbeit,… ohne Radio gar nicht mehr denkbar. Im Durchschnitt hört beispielsweise jeder Deutsche für vier Stunden seinen Lieblingssender (in Österreich sind es 203 Minuten, in der Deutsch-Schweiz nurmehr 119 Minuten). Die Tendenz: Abnehmend! Dieser Entwicklung möchte ich heute gleich in mehrfacher Hinsicht auf den Grund gehen.
In meiner Rundfunk-Ausbildung lernte ich jene drei Faktoren kennen, die einen Hörer zum Einschaltknopf seines Radiogerätes greifen lassen:
1. Die Musik
2. Die Information
3. Die Moderation

In genau dieser Reihenfolge findet die Entscheidungsfindung nach dem Liebnlingssender des Konsumenten statt. Wer etwas anderes behauptet, liegt grundlegend falsch! Ist die Information noch so top oder die Moderatoren einsame Spitze, die Musik hingegen taugt nichts, wird das Studiomischpult rasch wieder ausgeschaltet werden können. Die Stunden-Hörerzahlen der fünften Programme der ARD-Sender beweisen dies immer wieder:
BR1 1,027 Mio
BR5 155.000
(Zahlen: Mediaanalyse 2016, Zielgruppe: 10+)
Im Vergleich dazu sei die SWR1-Hitparade erwähnt, die einmal jährlich durch Hörerbeteiligung ermittelt wird und für eine ganze Woche im Sendegebiet zum Strassenfeger avanciert. Doch genau bei der Musik happert es wohl bei den meisten Rundfunkanstalten. In nahezu allen Programmen der unterschiedlichen Zielgruppen läuft derselbe entsprechende Format-Klangteppich. Da brauche ich keine sündhaft teuren Music-Researches um den Hörergeschmack ausfindig zu machen, sondern spiele nur die Top 100 rauf und runter. Früher nannte man dies das “Hot-AC-Format”. 300 Titel, die in einer Dauerschleife laufen, jede Woche werden zwischen 10 bis 30 herausgenommen und durch neue ersetzt! Zieht man hingegen in Betracht, dass am Tag rund 300 bis 350 Songs benötigt werden, wiederholt sich die Rotation noch am selben Tag. Dieses Format wurde inzwischen von den meisten Hitradios übernommen und nur vereinzelt mit guten Klassikern aufgepeppelt. Doch Vorsicht: Mancherorts avanciert ein Song bereits nach nur wenigen Jahren zum Klassiker – gestern noch in der Hot-Rotation, heute schon wieder dort. Bei den meisten Sendern konzentrieren sich die Musikchefs auf die Hitparade – kaum einer beweist hier den Hit-Riecher und holt frische Titel in’s Programm. Wenn denn überhaupt die Musikredaktion besetzt ist und nicht nur als Sammelraum zugemusterter CDs dient.
Weshalb viele Radiosender gleich klingen kann durchaus damit zu tun haben, dass sie denselben Geselllschaftern gehören – zumeist grosse Verlagshäuser, die neben ihrem eigentlichen Kerngeschäft, der Printpresse, auch ein entsprechend grosses Stück vom E-Medienkuchen abhaben möchten. So ist etwa der Hubert Burda-Verlag deutschlandweit an nicht weniger als 21 Radioanstalten beteiligt; die Funke Medien Gruppe (ehemals WAZ-Verlag) an 14, die Axel Springer SE an 5 Radiosendern in Deutschland und vielen mehr in Grossbritannien. Im Vergleich dazu Österreich. Im Alpenstaat ist zumeist das grösste Verlagshaus des Bundeslandes zu 25 – 90 % am jeweiligen Regionalsender und zu max. 10 % an den anderen Bundesländer-Privatradios beteiligt. Die grosse Ausnahme bildet hierbei die Mediaprint GmbH & Co KG, die mit dem KroneHit-Radio einen eigenen nahezu bundesweit empfangbaren Sender betreibt, der auf einem Verbund kleinerer Lokalradios beruht. Auch hierzu mehr etwas später. So ist etwa die Russ Media Gruppe Hauptgesellschafter der Antenne Vorarlberg, daneben jedoch auch beteiligt an Radio Arabella Wien und über Beteiligungsverflechtungen an anderen Radiostationen. Ähnliches gilt für die Fellner-Gruppe mit Beteiligungen an Radio Ö24 und den Antennen Salzburg, Wels und Tirol! Für derartige Grossgesellschafter ist ein Ansprechpartner besser als mehrere – auch in der Musikredaktion, sodass oftmals bei der Fahrt durch die Bundesländer in den jeweiligen Regionalradios zeitgenau derselbe Song zu hören ist. Problematisch aber wird es auch in anderen Bereichen. So war etwa bei einem Unternehmen, in dem ich meiner Arbeit nachging, Krisenstimmung angesagt, als ein Jahres-Werber der Zeitung sein Budget zum Radio gab. In einem anderen Falle wurde ich redaktionell eingebremst, als ich in einem anderen Unternehmen einen Beitrag über Ballungsraum-TV machen wollte. Der Hauptgesellschafter des Radio-Senders war auch Gesellschafter dieser TV-Station. Soweit also zum heiligen Redakteursstatut!
Und dann sind da auch noch die Mantelprogrammanbieter! Der wohl grösste Irrsinn, den die Radio-Branche jemals hervorgebracht hat. Als in Deutschland und wesentlich später auch in Österreich der Radio-Markt geöffnet wurde, freuten sich die meisten Hörer der öffentlich-rechtlichen Sender, dass endlich mal Programmvielfalt Einzug in das Radiowellen-verstaubte, heimische Wohnzimmer hält. Was daraus geworden ist, spottet allerdings jedem Grundsatz. Hier seien vier Beispiele erwähnt!
In Nordrhein-Westfalen gibt es 45 Lokalradiosender. Allen dieser Radioprogramme wird mehr oder weniger durch die radio NRW GmbH zugeliefert. Teilweise nur die Nachrichten, Beiträge, Comedy, grossteils die Musik und vielfach ganze Sendestrecken, die nur durch lokale Werbung und Nachrichten unterbrochen werden. Und der grosse Witz wird klar, wenn man sich die Gesellschafter der radio NRW GmbH etwas genauer anschaut:

Pressefunk Nordrhein-Westfalen GmbH & Co. KG 59%
Westdeutscher Rundfunk (WDR) 24.9%
RTL Radio Deutschland GmbH 16.1%

Der Westdeutsche Rundfunk ist die öffentlich-rechtliche Landesrund-funkanstalt in NRW. Damit mischt also ein durch Hörergelder finanzierter Anbieter munter im Privatradio-Sektor mit. Wie pervers ist das denn!!! Fahre ich von Köln über Düsseldorf nach Dortmund oder Essen, so höre ich in den Lokalradios jeweils dasselbe Programm. Wieso wurden die Frequenzen dann nicht direkt an die radio NRW GmbH vergeben sondern an lauter kleine Anbieter mit mehrfach denselben Geschäftsführern? Um Programmvielfalt vorzuspiegeln? Ich lach’ mich kaputt! Die radio NRW GmbH wirbt auch ganz unverblümt auf ihrer Website, dass ein Werbekunde durchschnittlich 6,722 Mio Stundenhörer (Mo. – Fr.) erreicht. Durch die Ersparnis aufgrund der niedrig gehaltenen Kosten bedingt durch gleichzeitige Nutzung kann hier auch mit einem unschlagbaren Tausend-Kontakt-Preis (TKP) gearbeiter werden, der es anderen Anbietern unmöglich macht, wirtschaftlich zu überleben. So hält der öffentlich-rechtliche Sektor seine private Konkurrenz in Grenzen. Ein Hoch also dem freien Wettbewerb!!!
Ein ähnliches Bild in Bayern. Schon seit 1991 bietet die BLR ganze Programminhalte wie auch radio NRW an, damit sich die “Sender voll und ganz auf ihre lokalen Programmbestandteile konzentrieren” können. Auch hier reicht die Angebotspalette von den Lokal- und Weltnachrichten bis hin zum kompletten Mantelprogramm. Die Gesellschafter sind:

- Mediengesellschaft der Bayerischen Tageszeitungen für Kabel-kommunikation mbH & Co. – Radio 2000 KG mit Sitz in München
- RSG Rundfunk Service GmbH, mit Sitz in Nürnberg
- Studio Gong GmbH & Co. Studiobetriebs KG mit Sitz in München

Das Mantelprogramm wird als oldie-based bezeichnet, obgleich sich einschlägige Internetplattformen schon anno 2015 darüber beschwerten, dass kaum mehr Titel aus den 60ern und 70ern gespielt würden. Klar – die Anhänger dieser Musik sind inzwischen älter als 49 Jahre und fallen dadurch aus der kaufkräftigen Umfrage-Zielgruppe der Medienanalyse heraus. Angeschlossen sind 39 kleinere und grössere Rundfunksendern – von insgesamt 70 Anbietern (inkl. BR, DW,…). Ergo: Eine durchaus marktbeherrschende Situation! Unter diesen Stationen erfolgt auch der rege Austausch redaktioneller Beiträge – ähnliches läuft übrigens zwischen den Antenne-Stationen in Österreich. Insofern bedenklich, als ein freiberuflicher Radio-Journalist etwa einen Beitrag nur einfach verkaufen kann, dieser aber trotzdem u.U. bei 39 Sendern läuft! Auch hier die Frage nach Programmvielfalt und Wettbewerb? Hat sich insofern erledigt, als die meisten dieser Radiostationen ohnedies zur Oschmann-Gruppe zählen, die über die Neue Welle Rundfunk-Verwaltungsgesellschaft mbH & Co. KG und deren Tochter Müller Medien GmbH & Co. KG an den meisten der bayerischen und immer mehr Radiosendern in anderen Bundesländern bzw. über einen Telefonbuchverlag auch Anteile an vielen der österreichischen Stationen inne hat. Etwa an Arabella Wien!
Apropos – am Standort des alten AKHs in Wien wird einerseits das Programm für die österreichische Bundeshauptstadt gemacht, andererseits auch das Programm für den Rest Österreichs. Über Satellit zugeliefert, bietet dieses nur lokale Fenster für Werbung und Nachrichten bzw. regionale 1,5 Minuten langen Beiträge, wie Veranstaltungshinweise, Wetter, Verkehr etc. Alle Radiostationen, die den Namen “Arabella” führen, haben auch Arabella Wien drinnen. Dem Funkhaus Innsbruck wurde das zu viel – es switchte wieder auf das eigene Welle-Programm zurück. In Vorarlberg wurde das Schema trotz meiner Warnung durchgezogen, mit dem Effekt, dass der Sender nach nur wenigen Monaten zusperren musste. Niemand wollte in einem zweiten Wiener Radio (neben Ö3) werben – hören wollte Wien im äussersten Westen Österreichs sowieso niemand mehr. Arabella nutzt in der österreichischen Bundeshauptstadt eine, in Niederösterreich 5 und in Oberösterreich 6 Frequenzen. Aus den ehemaligen Super-Oldies und Mega-Schlagern wurde ebenfalls aufgrund der “kaufkräftigen Gruppe der 14-49-jährigen Radiotest-Hörer” ein undefinierbarer Mischmasch mit starker Tendenz in Richtung des AC-Formates. Das allerdings überschneidet sich in vielfacher Hinsicht mit dem Musikformat der Antennen-Kette, die in Form der Oschmann-Gruppe jeweils zumindest einen gemeinsamen Gesellschafter aufweist. Aus einem Adult-Spartenradio als direkte Konkurrenz zum Bundesländer-Radio des ORF wurde ebenfalls ein Hitradio mit nurmehr 900 Titeln in der Rotation als direkte Konkurrenz der privaten Regionalradios. Auch hier somit von Programmvielfalt keine Spur.
Neben der NRJ-Kette, die ebenfalls auf der Suche nach Frequenzen ist, gibt es noch den grössten Platzhirsch in fünf Bundesländern: Kronehit. Produziert wird das Programm ebenso in Wien. Ausgstrahlt über die Frequenzen kleiner, dem Verbund angehörender Lokalradiosender nach demselben Schema wie in NRW: Ein Mantelprogramm mit nur kleinen lokalen Sendefenstern für Werbung und Nachrichten. Zumindest in zwei Punkten unterscheidet sich Kronehit von den anderen: Die Musik entstammt dem CHR-Format – die Moderatoren sind zumeist nicht ausgebildet bzw. lassen dies nicht vermuten. Als Gesellschafter agiert zu 100 % die Kurier Hörfunk Beteiligung GmbH. Wer sich etwas in der Printlandschaft Österreichs auskennt, weiss, dass einer der wichtigsten Gesellschafter der Mediaprint (Kronenzeitung und Kurier) die NKZ Austria-MedienbeteiligungsGmbH aus Essen ist, die wiederum zur Funke-Gruppe (ehemals WAZ-Verlag) gehört. Zu dieser zählern 12 dieser Phantom-Lokalsender in NRW. Womit wir wieder am Anfang meiner Zeilen und dieser ach so bunten Radio-Landschaft angelangt sind.
Die Freude der Hörer nach der Öffnung der UKW-Frequenzen in Deutschland und Österreich über unzählige Alternativen zu den bisherigen öffentlich-rechtlichen Angeboten wurde also bitterlichst enttäuscht. Einige kehrten wieder zu diesen zurück (siehe Mediaanalyse 2016), andere bewaffneten sich mit MP3-Playern und hören nurmehr ihre eigenen Downloads oder Streaming-Plattformen via Handy. Wen nimmt’s Wunder, schaufeln sich dadurch doch die selbsternannten Radio-Neuerfinder das eigene Grab. Radio als Selbstzweck zu machen, vielfach am Hörer vorbei – wen interessiert das noch?!

Lesetipps:

.) Private Parts; Howard Stern; Goldmann Wilhelm GmbH 1997
.) Radio: Eine Einführung; Hans J. Kleinsteuber; VS Verlag für Sozialwissenschaften 2012
.) Radio (Grundlagen der Medienkommunikation, Band 6); Jürg Häusermann; De Gruyter 2013
.) Radio (utb Profile, Band 3333); Hans-Jürgen Krug; UTB GmbH 2010
.) Radio-Geschichte(n); Steffen Lieberwirth; Verlag Klaus-Jürgen Kamprad 2000
.) Das wundervolle Radiobuch – Personality, Moderation und Motivation; Patrick Lynen; Fischer, Reinhard 2004
.) Radios der 50er Jahre Band 2: Detaillierte Anleitungen zur Fehleranalyse: Messen, Signalverfolgung und Hilfsmittel; Eike Grund; Books on Demand 2014
.) Radio, TV, Schallplatte: Erinnerungen an die Nachkriegsjahre; Reinhard Bogena; Einhorn-Vlg. 2016

Filmtipps:

.) Good Morning Vietnam
.) Private Parts

Links:

www.kek-online.de
www.agma-mmc.de
www.rtr.at
www.medienindex.de
lokalrundfunktage.de/
www.radionrw.de
www.blm.de
www.blr.de
www.axelspringer.de
www.funkemedien
www.russmedia.com
www.wko.at
www.arabella.at
www.kronehit.at

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