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Der Rücken…!!!

In meiner Zeit bei der Antenne Tirol ist mir eines Tages etwas abstruses passiert: Nachdem ich einige Tage lang – meines Wissens grundlos – unter leichten Rückenschmerzen gelitten hatte, benötigte ich während der Live-Sendung Unterlagen aus der Redaktion. Also stand ich auf, meine Beine versagten mir jedoch den Dienst und fiel der Länge nach zu Boden. Dieses Spektakel blieb in einem gläsernen Studio natürlich nicht unbemerkt. Während sich einige köstlichst amüsierten, kam eine Kollegin in’s Studio und hatte, nachdem ich geschildert habe, um was es geht, mit drei Handgriffen die Schmerzen behoben. Es dürfte sich um einen eingeklemmten Nerv gehandelt haben, der meine Motorik beeinflusst hatte. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich der Frau war!!!
Aktuelle Studien haben ergeben, dass nahezu jeder zweite Deutsche und 60 % der älteren erwachsenen Österreicher unter Rückenschmerzen leidet. Doch ist Schmerz nicht gleich Schmerz. Deshalb ist es wichtig, bevor der Arzt, die Physiotherapie, der Ergotherapeut oder die Massage aufgesucht wird, den Herd zu lokalisieren, sich Gedanken darüber zu machen, welcher Art dieser Schmerz ist (Stich, Druck, Zug,…) und ob in den Tagen zuvor vielleicht eine atypische Bewegung gemacht wurde, die das Ganze ausgelöst haben könnte. In diesem heutigen Blog möchte ich etwas genauer auf dieses Thema eingehen – wer weiss, vielleicht sind einige nützliche Informationen auch für Sie dabei.
Der Arzt Ihres Vertrauens unterscheidet als erstes zwischen akuten, subakuten und chronischen Schmerzen. In allen Fällen ist eine körperliche Untersuchung empfehlenswert. Durch die Diagnose des Experten kann die Ursache herausgefunden und eine entsprechende Behandlung angesetzt werden.

.) Akute Rückenschmerzen
Dauert der Schmerz maximal 6 Wochen an, so wird dabei von einem akuten Schmerz gesprochen. Akute Schmerzen sollten durchaus ernst genommen werden. Sie weisen entweder auf eine Entzündung oder eine Verletzung hin. Wird dies nicht behandelt, kann es weitreichende Folgen haben.

.) Subakute Schmerzen
Dieser Schmerzzustand hält zwischen 6-12 Wochen an.

.) Chronische Schmerzen
Sollten sich die Schmerzen allerdings über mehr als 12 Wochen hinwegziehen, so bedeutet dies, dass sich bereits ein eigenes Krankheits-bild entwickelt hat. Der Schmerz wird zum täglichen Begleiter („Schmerz-gedächtnis“). Dies kann nicht nur zu körperlichen, sondern auch zu psychischen Auswirkungen führen. Hier ist eine tiefergehende Schmerz-behandlung unbedingt vonnöten.

Ein grober Fehler bedeutet der Griff zu starken Schmerzmitteln, sofern gar nicht bekannt ist, was tatsächlich dahintersteckt. Derartige Medikamente haben meist auch jede Menge Nebenwirkungen und verstehen sich möglicherweise mit anderen Arzneimitteln oder Gebrechen nicht (Kontraindikationen). Daneben können sie bei längerem Gebrauch Organe wie Magen oder Leber angreifen. Deshalb sollte zuerst eine ärztliche Untersuchung stattfinden – wenn die Medizinerin solche Mittel verschreibt, hat dies seinen Grund.
Um die richtige Therapie zu wählen, wird der Arzt im Vorfeld der Diagnose nach der Dauer und der Art der Schmerzen fragen (Anamnese). Danach erfolgt die Überprüfung der Beweglichkeit und der unterschied-lichsten Funktionen. Dazu zählt auch die Prüfung der Reflexe und anderer neurologischer Tests. Sollte dies zu noch keiner Diagnose führen, wird die Technik zu Hilfe genommen: Röntgen, Ultraschall, Computer-tomographie, Kernspintomographie – zumeist begleitend mit Blutunter-suchungen im Labor, damit eine andere Erkrankung ausgeschlossen werden kann. Nach den erzielten Ergebnissen erfolgt die Diagnose und anschliessende Behandlung.
Die Ursachen für Kreuzschmerzen sind vielfältig und können direkt mit unseren Lebensumständen zusammenhängen. Bewegungsmangel – aber auch übertriebener Sport, Übergewicht, eine zu grosse Oberweite, falsches Heben oder Tragen, Fehlhaltung bei der Arbeit und nicht zuletzt auch Stress zeigen sehr rasch Auswirkungen: Zumeist verspannen sich die ansonsten stützenden Muskeln, Bandscheiben nutzen sich ab oder es besteht eine Entzündung. Allerdings: 85 % der Rückenbeschwerden gehören zu den nicht-spezifischen Schmerzen.
Viele von uns gehen einer sitzenden Tätigkeit nach. Einer meiner Arbeitsplätze etwa bestand aus einem Konferenztisch, einem Bürostuhl und einem Laptop. Kam ich abends aus dem Büro, machte sich automatisch mein Rücken bemerkbar. Erst als ich den Stuhl in seine niedrigste Sitzhöhe stellte, wurde es besser, da ich nun gerade sitzen konnte. Zuvor war die Haltung gebeugt. In diesem Falle verspannte sich die ansonsten gut dehnbare Rückenmuskulatur – sie verhärtet. Durch die Reizung der darin befindlichen Nerven kommt es zu kleinen, aber sehr schmerzhaften Entzündungsherden. Nicht immer sind diese auch durch etwa Rötungen oder Schwellungen äusserlich erkennbar. Hier empfiehlt sich, den Arbeitsplatz ergonomisch einzurichten. Dabei ist der Bürostuhl enorm wichtig. Viele bevorzugen Sitzbälle. Dies ist eigentlich nur dann sinnvoll, wenn man sich damit auch bewegt, da die Muskulatur dadurch zur Arbeit gezwungen wird. Sitzt man steif darauf, wird durch die gerade Sitzhaltung und dem Nachgeben das Balles nur die Wirbelsäule entlastet bzw. die Pomuskeln trainiert (etwa der Gluteus maximus). Bei Computerarbeitsplätzen hilft auch ein Monitor, da sich jeder automatisch über einen Laptop beugt, wenn reinen solchen im Einsatz hat. Grundsätzlich gilt jedoch: Der Arbeitsplatz muss immer an den Körper angepasst werden – nicht umgekehrt! Zudem sollten öfters Pausen eingelegt werden, in welchen man sich im Gehen bewegt.
Auch Ausgleichsgymnastik wie Yoga oder Pilates bzw. natürlich Rückengymnastik können die Muskulatur zusätzlich stärken, damit diese ihrer angestammten Funktion wieder nachgehen können. Medikamentös werden in solchen Fällen zu Beginn Schmerzsalben verschrieben, die auch etwaige Entzündungen behandeln (wie z.B. Diclofenac, Ibuprofen). Allerdings sollte sich unbedingt die Ursache ändern – eine reine Symptombehandlung wirkt nicht wirklich nachhaltig.
Gleiches gilt für Ihre Matratze. Vergessen Sie nicht, dass Sie jeden Tag zwischen sechs bis acht Stunden im Bett verbringen (manche auch etwas mehr). Eine durchgelegene, zu weiche oder zu harte Matratze oder einfach nur die falsche sorgen nicht nur für wache Nächte sondern auch schmerzhafte Tage.
Oftmals ist die Ursache für Rückenschmerzen psychisch bedingt. Abgabedruck, Stress oder vielleicht gar die unterschiedlichsten Ängste können für viele körperliche Erkrankungen verantwortlich sein. Sie kennen den Ausspruch vielleicht von dem Schifahrer, der im Starthaus steht: „Das Adrenalin schiesst durch den Körper. Seine Augen sind starr und konzentriert nach vorne gerichtet. Jeder einzelne Muskel im Körper ist angespannt!“ Das geschieht jedoch nicht nur beim Profisportler. Jemand, der ständig unter Druck steht, mit dem Stress per Du ist, reagiert ebenso. Vielen Workaholics etwa sieht man dies an ihrer Körperhaltung an: Kein Bauch rein, Brust raus, Schultern zurück und Kopf nach oben!
Menschen, die körperlicher Arbeit nachgehen, werden zudem ein Lied davon Singen können – auch wenn die Arbeit vielleicht nicht mal so schwer ist: Falsches Anheben von Lasten oder Tragen derselben bzw. einseitige Bewegungen, da macht sich sofort das Kreuz bemerkbar. Das Anheben sollte grundsätzlich aus den Knien erfolgen. Beim Tragen ist ein gerader Rücken enorm wichtig, zudem sollte niemals einseitig getragen werden. Der volle Einkaufskorb kann durch eine Tasche auf der anderen Seite etwas leichter gemacht werden. Und die Männer haben eine Ausrede für eine zweite Kiste Bier! Bei einseitigen Bewegungen wie dem Laubkehren, dem Schaufeln etc. sollte der Rechen oder die Schaufel auch mal von der anderen Seite angepackt werden. Hält man sich nicht an derartige Tipps, so kann sich dies rasch äussern:

- Hexenschuss
Hier werden ein oder mehrere Wirbelgelenke blockiert oder ein Nerv ist gequetscht. Vor allem ein falsches Anheben kann dafür verantwortlich sein. Nach rund einer Woche sollten die Schmerzen von selbst wieder nachlassen.
- Bandscheibenvorfall
Bandscheiben sind kleine Fettpolster, die dafür sorgen, dass die Wirbelkörper nicht unmittelbar aufeinander reiben oder gegeneinander stoßen. Bei einem Bandscheibenvorfall wird das Gewebe dieser Bandscheibe zwischen den Wirbelkörpern immer mehr nach aussen gedrückt. Wird dadurch auch eine Nervenwurzel gepresst, so führt dies zu Schmerzen – in seltenen Fällen auch zur Schädigung oder dem Absterben des Nervs. Derartige Vorfälle haben zumeist eine jahrelange Vorgeschichte: Fehlhaltung, Abnutzung,… Zumeist reicht dann schon ein kalter Windzug, ein nasses T-Shirt im Sommer oder eine ungeschickte Bewegung. Der Schmerz schiesst urplötzlich ein. Normalerweise baut der Körper diese vorgefallene Bandscheibe selbst wieder ab. Eine OP ist nicht immer sinnvoll, da nach einem Jahr dasselbe Problem erneut auftauchen kann. Sollte nun ein Nerv dabei eingeklemmt werden, so kann dies zu Bewegungsstörungen und gar Lähmungen führen. Unter diesen Umständen muss operiert werden.
- Gereizter Ischias-Nerv
Ein schmerzender Ischias-Nerv ist das Feinste vom Feinsten für einen Masochisten. Die Schmerzen ziehen dabei vom Rücken über das Gesäss bis in die Oberschenkel und Füsse. Der Ischias-Nerv besteht aus mehreren im Lendenbereich der Wirbelsäule austretenden Nervenfasern. Falsches Sitzen, Heben oder Tragen und auch ein Bandscheibenvorfall – die Ursachen für diese teuflischen Schmerzen sind mannigfaltig. Ist „nur“ der Hüftmuskel („Piriformis“) verspannt, so kann dies mit leichten Dehnübungen recht einfach beseitigt werden. Auch die sog. „Stufenhaltung“ kann die Schmerzen beseitigen. Dabei liegt die Person mit dem Rücken auf dem Boden. Die Unterschenkel werden im rechten Winkel zu den Oberschenkeln auf einen Stuhl gelegt. Und schliesslich kann ein Wärmeumschlag oder Wärmepflaster, Infrarotbestrahlung oder ein Saunagang Entspannung bringen. Auch beim Ischias hilft – wie grundsätzlich bei allen Rückenschmerzen, leichte Bewegung (Spaziergang beispielsweise), damit sich die Muskulatur entspannen kann! Bettruhe ist falsch, da die Muskulatur dadurch zu wenig durchblutet bzw. sogar abgebaut wird. Sollten sich auch Taubheitsgefühle, Lähmungen oder plötzliche Inkontinenz dazu gesellen, muss sofort der Arzt konsultiert werden, der höchstwahrscheinlich zu einer Operation raten wird.

Die Angst vor einer OP ist jedoch auch bei einem Bandscheibenvorfall oder dem Ischias in den meisten Fällen unbegründet. Das Skalpell ist grundsätzlich immer die letzte Lösung. Ansonsten bewirken Physio-therapie und/oder Massage wahre Wunder. Auch geeignete Übungen zur Stärkung der Rücken- und Bauchmuskulatur können bei einer Abnutzung der Bandscheiben („Scheuermann“) bereits ausreichen. Wie bereits angesprochen, können Medikamente auch die ärgsten Schmerzen lindern (etwa nichtsteroidale Antirheumatika). Doch sollten diese maximal ein bis zwei Tage genommen werden, andere nicht-verschreibungspflichtige 3-5 Tage. Bestehen die Beschwerden nach wie vor, führen alle Wege zum Arzt Ihres Vertrauens. Er kann dann auch andere Therapien anordnen oder durchführen:
.) Infiltrationen
.) Lokale Injektionen
.) Elektrotherapie
.) Hydrotherapie
.) TENS-Therapie (transkutane elektrische Nervenstimulation mit Reizstrom) …
Aber auch aus einem anderen Grund ist die Beiziehung eines Arztes empfehlenswert: Die Ursache von Rückenproblemen können ferner innere Erkrankungen sein. Etwa eine Nierenbeckenentzündung, Eierstockent-zündung, Tumor, Rheuma oder auch Osteoporose. Zudem kann ein verengter Wirbelkanal, brüchige oder poröse Wirbelkörper oder auch eine Stoffwechselerkrankung dahinterstecken. Hierbei ist es wichtig, die Grunderkrankung zu behandeln. Ist diese im Griff, verschwinden meist auch die Rückenschmerzen. Zudem – bei einem Unfall wie einem Sturz mit dem Rad oder auf der Treppe könnte möglicherweise ein Wirbel-körper zu Schaden gekommen sein, was eine Operation erforderlich macht.

Wichtiger Hinweis:

Dieser Blog ist kein Hilfsmittel zur Selbstdiagnostik und Selbstbehandlung! Grundsätzlich empfiehlt sich immer, die Meinung eines Mediziners einzuholen!

Lesetipps:

.) Rückenschmerz: Verbreitung, Ursachen und Erklärungsansätze; S. Schneider; GRIN Verlag 2007
.) Wirksame Hilfe bei Rückenschmerzen; Klaus-Dieter Thomann; Trias 1998
.) Lendenwirbelsäule. Ursachen, Diagnostik und Therapie von Rückenschmerzen; Jan Hildebrandt/Gerd Müller/Michael Pfingsten; Elsevier 2005
.) Rückhalt für den Rücken – das Programm gegen Kreuzschmerzen; M. Friedrich/H. Mezei; ´Verlagshaus der Ärzte 2009
.) Was für den Rücken gut ist; Dietmar Krause/Helga Freyer-Krause; Verlag im Kilian 2006
.) Nie wieder Rückenschmerzen; E. Gokhale; Riva Verlag 2013
.) Betriebssicherheitsmanagement nach BetrSichV: Leitfaden zur Umsetzung in den einzelnen Unternehmensbereichen; Gabriele Janssen/Volker Neuer; ecomed Sicherheit 2012

Links:

- www.gesundheit.gv.at
- schmerzkongress2018.de
- www.leitlinien.de
- www.dgnc.de
- www.dgom.info
- www.physio-deutschland.de
- www.oss.at
- www.medcenter.info
- www.rehaclinic.ch
- www.iqwig.de
- rueckenschmerzen.behandeln.at
- www.rueckenfit.net

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Schmerzen weg durch Aufmerksamkeit???

Na? Schon auf der Skipiste gewesen? Der Muskelkater nach einem ausgiebigen Skitag sagt eines: Du hättest Dich einfach besser vorbereiten sollen! Skigymnastik muss nicht unbedingt sein – es reicht normale Gymnastik und v.a. Ausdauersport wie etwa laufen. Durch das eine bleibt die Muskulatur beweglich, durch das andere auch arbeitsam. Ein nicht arbeitender Muskel rostet mit der Zeit ein (um es simpel zu erklären). Bewegung ist also das grosse Stichwort. Die Treppe benutzen – nicht den Aufzug. Kurze Wegstrecken auch mal wieder zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Dabei sieht man immer mehr, wie schön diese Welt eigentlich ist und natürlich was es neues gibt – beim Autofahren muss man sich zu sehr auf den Verkehr konzentrieren – da fällt einem das nicht auf. Es muss ja nicht unbedingt derart in’s Extreme gehen, wie bei jenem Sportler, der immer dann mit seinem Rad von der Arbeit nach Hause fährt, wenn ich das auch tue. Ich allerdings mit dem Auto. Er tritt auch jetzt im Winter bei Minusgraden und Schneefall fleissig in die Pedale – und das bei 5 km bergauf, die ich nicht mal im Sommer mit dem Rad schaffen würde. Ich weiss nicht, wie weit er’s ansonsten noch hat. Angesichts seiner Motivation – Chapeau! Angesichts der glatten Strassen allerdings meldet sich bei mir der gesunde Hausverstand!
Nichtsdestotrotz – durch Bewegung lassen sich auch Schmerzen beseitigen. Allerdings ist gerade bei einem Muskelkater Vorsicht geboten, schliesslich handelt es sich nicht wie bislang angenommen um eine Übersäuerung des Muskels durch Milchsäure, sondern um winzig feine Risse in den Muskelfibrillen – ausgelöst durch Überanstrengung (Mikrotraumata). Wird hierauf nicht geachtet, können diese Einrisse schlimme Folgen haben. Trotzdem haben sportmedizinische Untersuchungen ergeben, dass durch gezielte und regelmässige Bewegung Schmerzen behandelt werden können. So etwa durch die Wirbelsäulen-Gymnastik. Hierbei wird die Rückenmuskulatur gestärkt, damit sie die Wirbelsäule entlastet. Ein Dossier der Deutschen Schmerzliga nannte unglaubiche Zahlen: So litten anno 2010 nicht weniger als 12-15 Mio Deutsche an länger andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen – ca. 4-5 Mio davon sind hierdurch stark beeinträchtigt. Vielen könnte mit der richtigen Bewegungstherapie geholfen werden. Doch bezahlt die Krankenkasse meist lieber die Mediziner und teure Schmerzmittel als eine solche schonende Bewegungstherapie.
Ich möchte Ihnen heute etwas näherbringen, das mich in seinen Bann gezogen hat, seitdem ich das erste Mal davon gelesen habe: Die Feldenkrais-Methode! Richtig angewandt, kann sie für jemanden viel Vorsprung auf die anderen im Ziel bedeuten.
Moshé Feldenkrais war ein bekannter Physiker, geboren 1904 in Russland. Er gilt als der Begründer dieser Methode, die er selbst gerne als “Lernmethode” bezeichnete. Mosché formulierte einst die treffenden Worte:

“Was mich interessiert, sind nicht bewegliche Körper sondern bewegliche Gehirne!”

Feldenkrais wanderte als Jugendlicher nach Palästina aus. Dort war er als Vermesser im Strassenbau tätig, lehrte aber nebenbei bereits schwer zu unterrichtende Kinder. In Paris studiert er zunächst Mechanik und Elektrotechnik, dann Physik. In den Jahren 1933 bis 1940 arbeitet er als Nuklearphysiker im Labor von Frederic Joliot und Irene Joliot-Curie, die 1935 den Chemie-Nobelpreis erhielten. Schon damals begeistert er sich für die Mechanik im menschlichen Körper. Neben Jiu-Jitsu lernt er auch Judo, dessen Begründer Iagoro Kano er noch selbst getroffen hatte. Nachdem er vor der deutschen Besatzungsmacht nach Schottland geflüchtet war, erschien dort 1949 sein Buch “Der Weg zum reifen Selbst. Eine Studie zu Angst, Sex, Schwerkraft und dem Prozess des Lernens” (eine Sammlung verschiedenster Vorträge). Kurz nach dessen Veröffentlichung übersiedelte Feldenkrais in das neu gegründete Israel. Neben unzähligen Vorträgen im In- und Ausland lehrte er auch an der Universität von Tel Aviv. 1968 erschien das erste federführende Werk der Feldenkrais-Methode “Der aufrechte Gang”, das später in “Bewusstsein durch Bewegung” umtituliert wurde. Drei Jahre nach einem Hirnschlag starb Mosché Feldenkrais 1984 in Tel Aviv.
Das Lernen nach Feldenkrais geht weit über das schulische Lernen hinaus. Die Feldenkrais-Methode wird meist dann angewandt, wenn man merkt, dass das, “was Sie bisher gelernt haben, weit hinter Ihren Möglichkeiten zurückbleibt”! (Feldenkrais-Verband Deutschland). Soll somit heissen, dass mit Hilfe von Feldenkrais Wege beschritten werden, die entweder gar nicht oder wesentlich später erst, auch aufgrund der Lebenserfahrung beschritten würden. Oder auch aus Zufall! Immer wieder wird die Feldenkrais-Methode kritisiert. Einig sind sich jedoch inzwischen beide Seiten: Durch die Feldenkrais-Übungen, die vornehmlich auf den Erkenntnissen aus dem Judo und Jiu-Jitsu aufbauen – wird der Mensch neurologisch neu organisiert!

https://www.youtube.com/watch?v=uo750WFRqL4

Doch nun – genug gelabert – jetzt geht’s in’s Eingemachte!
Durch das sog. “organische Lernen” lernt der kleine, ganz junge Mensch nicht nur seine Umwelt kennen, sondern auch die Möglichkeiten, seinen Körper zu gebrauchen. Das drückt sich im Erlernen des Gehens, des Sprechens und des Gebrauchs der Hände aus. Wird diese spezielle Bewegung oder auch das Wort “Mama” oder “Ulrich” (ggg; Anmerkung des Schreiberlings!) gekonnt, belohnt sich das Kind selbst mit einer tiefen Befriedigung: Es ist glücklich!

https://www.youtube.com/watch?v=D9Ko7U1pLlg

Feldenkrais nun verwendet diesen Hintergrund in seiner Methode, bei welcher die Bewegung, aber auch die Berührung von entscheidender Bedeutung ist. Nur durch die Kombination dieser beiden Aspekte kann die gesamte Wahrnehmung mit dem Denken und in weiterer Folge auch dem Handeln perfekt kombiniert werden – “die Wahrnehmung des Selbst in seiner räumlichen und zeitlichen Orientierung”. Feldenkrais bezeichnet es in etwa so: Der Mensch soll am eigenen Körper durch die Sinnlichkeit der Bewegung lernen! Perfekt? Nein – nicht perfekt, denn Lernen besteht auch aus dem Begehen von Fehlern.
Das Training selbst ist weltweit standardisiert, der Trainingsablauf wird ständig weiterentwickelt. Die Feldenkrais-Methode teilt sich in zwei Übungsmodule:
.) Bewusstsein durch Bewegung
Wird in der Gruppe unterrichtet. Dabei geben die Übungsleiter mündlich Anweisungen zu kleinen, einfachen Bewegungen und fragen während der Bewegung nach der Wahrnehmung der Teilnehmer. Tagtägliche Bewegungen, die uns teils schon gar nicht mehr bewusst sind, werden in unterschiedlichsten Varianten durchgeführt. Dadurch entsteht in der Gruppe auch der spielerische Effekt – wie beim kleinen Kind: Lernen durch Spielen! Die Fragen werden gestellt, dass einerseits die Wahrnehmung darauf geschult wird, andererseits um die Bewegungen auch tatsächlich voneinander unterscheiden zu können! Die Teilnehmer sollen hierdurch auf die für sie passende Bewegung und auf alternative Bewegungen aufmerksam gemacht werden. Am Ende der Übung steht dann zumeist eine grosse komplexe Bewegung, die nun umso leichter und ohne weitere Anstrengungen absolviert wird.

https://www.youtube.com/watch?v=_YNPSf_DPJQ

(Witzig und gut gemacht – mir übrigens hat’s geholfen!)

.) “Funktionale Integration”
Sie schliesslich wird im Personaltraining durchgeführt. Dabei liegt der Trainierende auf einer Liege. Ganz ohne Worte werden durch sanfte Berührungen des Übungsleiters Bewegungen in unterschiedlichsten Variationen durchgeführt. Hierdurch soll v.a. das Nervensystem insofern geschult werden, dass plötzlich unwillkürliche muskuläre Bewegung bewusst wahrgenommen wird. Dabei wird auch festgestellt, ob diese Art der Bewegung Ihren Möglichkeiten entspricht oder ob es eine bessere Variante gibt. Eine ganz entscheidende Rolle kommt der Zusammenarbeit der Wahrnehmungsnerven des Trainers mit den Empfindungsnerven des Schülers zu (Interaktion zwischen Lehrer und Schüler). Dadurch werden Körper und Geist eins.

https://www.youtube.com/watch?v=C3C9I2vDDfs

Bewegung sollte immer in einen Handlungskontext eingebunden sein: Eine klare Absicht und eine definierte Bewegungsrichtung. Nur eine eindeutig gerichtete Bewegung verlangt dem Nervensystem auch eine klare Antwort ab: Will ich ein Glas Wasser, das vor mir auf dem Tisch steht, mit der Hand greifen, werde ich nicht einen Schritt zurück und mit dem rechten Arm einen grossen Bogen machen! Im Fachjargon wird dies als “sensomotorische Differenziertheit” formuliert. Dadurch können Beschwerden oder gar Schmerzen zu ursprünglichen Bewegungsmustern zurückverfolgt und durch alternative Bewegungen therapiert werden.
Schon Shakespeare formulierte die treffenden Worte:

“Unser Körper ist unser Garten, und unser Wille der Gärtner.”

Das Training nach Feldenkreis kommt vornehmlich bei der Rehabilitation, der Traumatherapie, in der Prävention aber auch bei der Behandlung von Haltungsschäden zur Anwendung. Tänzer und Musiker, Schauspieler und Kampf- bzw. sonstige Sportler haben zumindest schon mal reingeschnuppert. Eine Studie der Cleveland Clinic Foundation beispielsweise ergab, dass eine nur vorgestellte Bewegung eines Fingers dessen Kraft plötzlich um nahezu 35 % verstärkte! Unglaublich, wenn etwa ein Sportler eine derartige mentale Stärke aufweisen kann.
Feldenkrais war zu seiner Zeit sehr umstritten – inzwischen kann aber auch die Wissenschaft weitaus mehr mit seinen Erkenntnissen anfangen. Klar ist, dass das organische Lernen keine Rücksicht auf das Alter nimmt – es wird gottlob lebenslänglich studiert. Hierdurch verändern sich die Synapsen, also die Enden der Nervenzellen. Dies beeinflusst durchaus positiv das Gehirn. Belegt wird das immer wieder auch durch Forschungen in der Neurobiologie, wonach unser Denken abhängig ist vom körperlichen Befinden. Ein Zweig der Biokybernetik macht sogar die Fähigkeit zur Bewegungssteuerung zur Grundlage des Denkens bei komplexen Lebensformen, wie etwa dem Menschen. Durch dieses geschulte Wahrnehmen unterschiedlichster Bewegungen werden plötzlich Ebenen in Gehirnregionen aktiviert, die vielleicht ansonsten ein Leben lang brach gelegen wären. Und dies alles nur durch Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft. Durch Feldenkrais lernt man, die Welt aktiver, intensiver und empfindsamer, also sinnlicher wahrzunehmen. All das wird einem nicht einfach durch die Trainerin aufgedrückt – sie gibt lediglich Anreize um dadurch den Körper als ganzheitliches System in’s Laufen zu bringen, mehrere Möglichkeiten zu sehen und unterschiedliche Lösungen zu finden. Denn: Ein Lernprozess ist nicht nur die klassische Konditionierung, wonach ein erreichtes Ziel belohnt oder im anderen Falle bestraft wird. Aus einem Fehler lernt man zu begreifen, dass es auch andere Varianten gibt. Dadurch wird das Bewusstsein immens erweitert, wodurch der Mensch zu einer neuen Dimension der Reife gelangt.

PS:
Bevor ich’s vergesse – Feldenkrais ist ein rechtlich geschützter Name! Bitten denken Sie sich überall dort, wo ich diesen erwähnt jabe ein ® hinzu. Danke!

Lesetipps:
.) Bewusstheit durch Bewegung; Moshé Feldenkrais; 1968, ISBN 3-518-06929-2
.) Die Entdeckung des Selbstverständlichen; Moshé Feldenkrais; 1981, ISBN 3-518-37940-2
.) Einfach bewegen: Feldenkrais – Der Weg zur Verbesserung von Bewegung und Beweglichkeit; Jeremy Krauss; 1996. Junfermann
.) Dem Schmerz den Rücken kehren: Die kluge Lösung für Rückenschmerzen; Roger Russell; Die Feldenkrais-Methode in der Praxis. 2005, Junfermann

Links:

http://www.feldenkrais.de/

http://feldenkrais-method.org

http://www.feldenkrais-foerderverein.de/

http://www.sandrabradshaw.com

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