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Können Sie es sich leisten???


“Man ist in diesem reichen Deutschland nicht erst dann arm, wenn man unter Brücken schlafen oder Pfandflaschen sammeln muss. Armut beginnt nicht erst dann, wenn Menschen verelenden.”

(Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohl-fahrtsverbandes)

Die Ferien- und Urlaubszeit steht unmittelbar vor der Tür – viele Kinderlose nutzen derzeit bereits die Vorsaison-Angebote. Wie sieht’s bei Ihnen aus? Wohin verschlägt Sie der Wind? Viele Destinationen fallen auch heuer aus Sicherheitsgründen weg, viele andere sind schlichtweg zu teuer! Die Geiz-Touris zieht es derzeit massenweise in die Türkei – sie war noch nie derart billig wie heuer. Doch auch hier muss erwähnt werden: Sowohl das deutsche als auch das österreichische Außen-ministerium haben eine partielle Reisewarnung ausgesprochen. Zudem kann es zu Problemen bei der Ein- und Ausreise kommen. In dem Land herrscht seit 2016 das Notstandsgesetz – in manchen Teilen gar das Kriegsrecht. Wer solche Warnungen missachtet, ist selbst schuld. Gleiches gilt für Ägypten, die Phillipinen – ja sogar für Japan (nach wie vor für das Gebiet rund um Fukushima). Sicherheitshinweise gibt es zudem für beispielsweise Argentinien (Streiks), Australien (Kriminalität), die USA, Zentralamerika und die Karibik (jeweils aufgrund der Wirbelsturme) usw. Und auch Italien nimmt keine Flüchtlinge mehr auf!!! Ist also heuer nicht ganz einfach.
Hinzu kommt allerdings zudem, dass sich offenbar immer weniger einen Urlaub überhaupt leisten können. So war es zumindest im Jahr 2017 – sowohl Deutschland als auch Österreich haben ja inzwischen neue Regierungen, wodurch sich das selbstverständlich zum Guten geändert hat! Wirklich???
Auch ich hatte mal einen dieser Jobs, den niemand anderer haben wollte. Mit dem Netto-Gehalt konnte ich nicht mal meine laufenden Zahlungen begleichen – also hätte ich auch am Samstag ganztags arbeiten müssen. Acht Tage Einschulung – es folgten zwei 13-h-Arbeitstage mit jeweils nur EINER kurzen Rauchpause und meine Aufgabe mittels Kündigung am dritten Tage. Meine Arbeit wurde auf 1 + 3 Mitarbeiter aufgeteilt! Urlaub? Das 13. und 14. Monatsgehalt hätte ich wohl zum Ausgleichen des Kontostandes benötigt! Urlaub auf Balkonien – mehr wäre da nicht drin gewesen. Im vergangenen Jahr wurde eine Studie des Europäischen Statistikamtes “Eurostat” veröffentlicht, wonach sich jeder 5. deutsche Bundesbürger keinen Urlaub leisten könne – europaweit sogar bis zu 40 % – also mehr als jeder Dritte. Bei der Umfrage ging es um eine einwöchige Reise im Jahr. Die genauen Zahlen:
.) Deutschland:
19,2 % der Menschen
19,9 % der Haushalte mit Kindern
39,6 % der Alleinerziehenden
.) Österreich:
15,4 % der Menschen (jeder Achte)
3 % der Haushalte mit Kindern
42 % der Alleinerziehenden
.) EU:
32,9 % der Menschen
.) Rumänien:
66,6 % der Menschen
.) Spanien:
40,3 % der Menschen

Diese Menschen haben grösste Not damit, ihre Miete überweisen zu können, im Winter die Wohnung zu beheizen bzw. Ihren Kindern die Schulsachen zu kaufen. Wie jüngst etwa jene Mutter, die drei Rechnungen für Schullandwochen und Ferienbetreuung zugleich erhielt. Gesamt-forderung: 800,- €! Da bleibt dann nicht mehr wirklich viel für “die schönste Zeit des Jahres” über. Dieses “zwar gerne wollen aber nicht können” ist ganz eindeutig ein Zeichen von Armut, von der v.a. die Kinder am meisten betroffen sind. Nicht etwa, da sie zu Schulbeginn im Herbst nichts zu erzählen haben. Viele Sozialexperten, wie die Bundestagsab-geordnete der Linkspartei, Sabine Zimmermann, fordern deshalb einen Mindestlohn von 12 Euro und das Aus für die Niedriglohn-beschäftigungsformen, wie etwa der Leiharbeit. In diesen Jobs werden Experten in ihrem erlernten Brotberuf durch eine Leiharbeitsfirma an Unternehmen ausgeliehen. Dort versehen sie dieselbe Arbeit wie ihre fixangestellten Kollegen – allerdings nicht nach dem Tarif für ihren Lehr-Beruf sondern dem der Leiharbeit. So verdient etwa ein Fliesen- und Plattenleger in Rheinland Pfalz seit dem 01.05.2017 nach einer Mindestbeschäftigung von 3 Monaten (Lohngruppe 2b) einen Tariflohn von 19,02 €/Stunde brutto. Erledigt er jedoch dieselben Arbeiten als Leiharbeiter gilt ein Mindestlohn von 8,50 € – die Leiharbeitsfirma multipliziert dies normalerweise mal zwei – damit kostet der Leiharbeiter die beanspruchende Firma gerade mal 17,- €/h, womit alles abgegolten ist: Keine Urlaubs- und Weihnachtsgelder, kein Krankenstand, keine Prämien,…
Neben der Leiharbeit ist auch die Teilzeitarbeit ein grosses Problem. Viele Unternehmen greifen auf diese Möglichkeit zurück, da sie sich Lohnnebenkosten dadurch einsparen können. Vor kurzem veröffentlichte etwa Aldi Süd ein Gehaltsschema, das auf den ersten Blick für eine Vollzeitbeschäftigung ausgezeichnet erscheint. Der zweite Blick: Der Discounter beschäftigt nach eigenen Angaben auf der Unternehmens-Website insgesamt 43.400 Personen – das meiste davon sind Teilzeit-stellen! Dennoch sind Aldi-Arbeitsplätze heiss begehrt, schliesslich sind über 97 % davon unbefristet und die Bezahlung liegt meist 15 % über dem Tarif. Das Unternehmen betont seit Jahren seine soziale Kompetenz.
Viele Arbeitsverträge sind auch absichtlich knapp über Tarif vereinbart. Damit obliegt es jedem Einzelnen, jährlich das so angenehme Gehalts-gespräch mit dem Chef zu absolvieren. Durch die kalte Progression und die ständige Steigerung der Lebenshaltungskosten schaut dann so manch fleissiger Arbeitnehmer trotz Lohnerhöhung durch die Finger.
Diese Befragung betreffs der Selbsteinschätzung zu “materiellen Entbehrungen” wird regelmässig durchgeführt. International gesehen bessert sich die Situation geringfügig. Armut während des Berufslebens bedeutet noch weitaus grössere Armut im Alter, da nichts zurückgelegt werden kann. So lag anno 2014 die Armut im Alter in Deutschland mit 15,6 % bzw. 3,4 Millionen Menschen über dem Durchschnitt. 2017 waren es bereits 15,9 %. Somit hat, nach den Berechnungen der Autoren dieser Armutsstudie, die Zahl der Rentner unter der Armutsgrenze seit 2005 um sage und schreibe 49 % zugenommen.
Gemeint bei all diesen Überlegungen sind nicht etwa jene, die jedes Jahr ein neues Handy brauchen, einmal die Woche shoppen gehen, immer wieder Konzerte besuchen oder sich mindestens zweimal die Woche das Feierabendbier in der Stammkneipe schmecken lassen! Nein, gemeint sind vielmehr jene Menschen, die selbst nach der akribischsten Rotstiftaktion kein Einsparpotential mehr orten können. Ein zweiter Job? Das ist ein Rechenexempel. Schliesslich genügt bei vielen bereits eine geringfügige Beschäftigung um dadurch in eine andere Steuerklasse zu kommen. Schlussendlich werden nämlich beide Einkommen in einen Topf geworfen und die Lohnsteuer anhand dieses Beitrages berechnet (minus der bereits abgezogenen). So bleibt oftmals vom Zweiteinkommen nicht viel übrig – dann arbeitet man sozusagen nurmehr für Vater Staat und die Sozialversicherungen.
Wenn der Urlaub mal ausfällt, weil eine Wohnung gekauft oder ein Haus gebaut wurde? Ein neues Auto? Dieser Überlegung sollte man sich auf jeden Fall davor stellen! Während des Studiums beispielsweise arbeitete ich in den Sommerferien und nebenbei. Dafür konnte ich mir ein Motorrad und eine starke HiFi-Anlage leisten. Ein Studienkollege zog es vor, zwei bis drei Wochen lang Amerika zu erforschen. Somit sind also auch solche Umfragen mit etwas Vorsicht zu geniessen: Ist es den Eltern bewusst, dass sich nach einer Woche Bibione die Schulsachen ihrer Kinder nicht mehr ausgehen, sollte ich das Problem anders angehen. Es ist also eine Frage der Prioritäten, die bei derartigen Umfragen nicht berück-sichtigt werden.
Dennoch dürfen die harten Fakten des jährlichen Armutberichtes dabei nicht aus den Augen verloren werden. Nach den Angaben etwa des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes lag im Jahr 2017 in Deutschland die Armutsquote bei 15,7 % – 12,9 Millionen der Deutschen waren also im vergangenen Jahr von Armut betroffen. Und dies trotz ausgezeichnet rund laufendem Wirtschaftsmotor. 2005 betrug diese Quote noch 14,7 %. Als arm gilt europaweit jemand, der über weniger als 60 % des durchschnittlichen Einkommens verfügt (“Medianeinkommen”). Als Single bedeutet dies umgelegt ein Netto-Einkommen von bis zu 917 Euro, bei Alleinerziehenden mit einem Kind unter sechs Jahren 1.192 bzw. bei einer vierköpfigen Familie je nach Alter der Kinder 1.978 bzw. 2.355 Euro. In Österreich (Zahlen: SILC-Erhebung der Statistik Austria) waren 2016 1,542 Mio Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen – 18 % der Bevölkerung. Die tatsächliche Armut sank zwar seit 2008 von 5,9 auf 3 %, dafür stieg jedoch die Zahl der gefährdeten Einwohner. Im Alpenstaat gilt als arm, wer in einem Singlehaushalt über weniger als 1.185 Euro netto verfügt (pro Erwachsenem im selben Haushalt müssen 592 Euro, pro Kind unter 14 Jahren 355 Euro hinzugerechnet werden). Viele davon ohne eigene Schuld. Der Beginn dieser Todesspirale ist meist die Trennung vom Lebenspartner, Krankheit oder auch Verlust des Arbeitsplatzes. Vermögenswerte wie Auto, Wohnung, Haus etc. müssen verkauft werden bis schliesslich nichts mehr übrig ist. Trotzdem noch kein Arbeitsplatz in Sicht, denn: Je älter und länger man arbeitslos ist, desto weniger gern erfolgt eine Einstellung bei den Unternehmen. Worst Case: Ein 61-jähriger Arbeiter, dessen Firma dicht macht. Er verfügt möglicherweise über ein bereits abbezahltes Haus, über Erspartes und eine Altersvorsorge. Auch wenn er durchaus weiterarbeiten möchte und auch hier einige Abstriche im Vergleich zur Qualifikation machen würde. Schliesslich landet er bei der Mindest-sicherung oder in Deutschland bei Hartz IV. Und dabei schliesst sich der Kreis mit dem Urlaub wieder: Zu den Fragen der sog. “Erheblichen materiellen Deprivation” in der europaweit einheitlich durchgeführten SILC-Umfrage zählen u.a. auch die Fragen nach vollwertiger Nahrung, ordentlicher Heizung der Wohnung, einer Waschmaschine und: Einmal im Jahr eine Woche Urlaub!
Klar, werden nun einige sagen: Es muss ja nicht unbedingt die Dominikanische Republik oder Indonesien sein. Deshalb hier einige Tipps:
- Preisvergleiche über Urlaubsbörsen lohnen sich
- Nebensaison ist wesentlich günstiger als Hauptsaison
- Fliegen Sie wenn möglich von kleineren Flugplätzen ab
- Starten Sie in einem Bundesland, in dem die Sommerferien vielleicht schon vorbei sind (Flüge werden billiger)
- Auto oder Bahn sind weitaus günstiger und umweltfreundlicher als Flugzeuge
- Zelt oder Wohnmobil anstelle teurer Hotels können auch etwas romantisches haben
- Wenn Hotel, dann Halbpension anstatt All inclusiv
- Ökologischer Natururlaub (Aktivprogramm meist inkludiert)
- Busreisen – nicht nur für Senioren
Wenn nun vornehmlich rechtspopulistische Regierungen dieses soziale Netz noch weiter kürzen mit der Rechtfertigung, dass es genügend Arbeit gebe, die Langzeitarbeitslosen nur nicht einer Beschäftigung nachgehen wollen, so wird dadurch einzig und allein noch mehr Armut produziert. Schliesslich können mit dem Gehalt eines Tellerwäschers die zuvor aufgenommenen und für den Lebensunterhalt notwendigen Kredite nicht zurückbezahlt werden (“Working Poor”). Die Folge: Privatkonkurs trotz 100 %-iger Beschäftigung. Ist das die Lösung eines Sozialstaates???

PS: Für all jene Politiker, die derzeit populistisch auf die Arbeitslosen losgehen: Niemand ist gerne arbeitslos. Für etwa 10 % der öster-reichischen Erwerbstätigen bedeutet Armut soziale Ausgrenzung (Vereinszugehörigkeit, Schullandwochen – ja sogar das Feierabend-Bierchen gehören zu jenen Dingen, die man sich plötzlich nicht mehr leisten kann). Bei den Arbeitslosen sind es satte 57, bei mehr als sechs Monaten ohne Job gar 79 %!!!

Lestipps:

.) Armut in einem reichen Land – Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird; Christoph Butterwegge; Campus
.) Heart´s Fear: Hartz IV – Geschichten von Armut und Ausgrenzung; Bettina Kenter-Götte; Verlag Neuer Weg 2018
.) Armut in Deutschland: Wer ist arm? Was läuft schief? Wie können wir handeln?; Georg Cremer; C.H.Beck 2017
.) Armut: Ursachen, Formen, Auswege; Philipp Lepenies; C.H.Beck 2017
.) Zwangsgeräumt: Armut und Profit in der Stadt; Matthew Desmond; Ullstein 2018
.) Wohlstand und Armut der Nationen: Warum die einen reich und die anderen arm sind; David Landes; Pantheon Verlag 2009

Links:

- www.sozialministerium.at
- www.boeckler.de/wsi-tarifarchiv_2275.htm
- www.statistik.at
- ec.europa.eu/eurostat/de/home
- www.budgetberatung.at
- www.der-paritaetische.de/
- www.armutskonferenz.at
- www.agenda-austria.at
- www.forschungsnetzwerk.at
- www.meinpflegeplatz.at
- www.biblio.at
- www.bewusst-und-sein.at

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Hätten Sie einen Euro – bitte???

Drei Themen beschäftigen derzeit vornehmlich die deutsche Volks-Seele: Atomstrom-Verlängerung, Stuttgart 21-Krawalle und Hartz IV! Über zwei habe ich mich schon breitest möglich ausgelassen – deshalb nun zu einer (nicht nur für Deutschland) sehr heiklen Geschichte: Die Armutsgefährdung!
Im August 2002 legte die Kommission “Moderne Dienstleistungen am Arbeitsplatz” in Deutschland ihren Bericht vor. Diese Expertenrunde wurde vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder eingesetzt, um die Arbeitsmarktpolitik effizienter zu gestalten und die staatliche Arbeitsvermittlung einer Reform zu unterziehen! Der Kommission stand der ehemalige VW-Personalvorstand und SPD-Mitglied Peter Hartz vor. Er gab dem Paket auch den Namen. Nettes Deteil übrigens am Rande: Peter Hartz wurde 2007 im Rahmen der Korruptionsaffäre wegen Veruntreuung von VW-Firmengeldern verurteilt! Hartz I bis IV traten schrittweise von 2003 bis 2005 in Kraft – sie bauen auf dem Zweiten Buch des Sozialgesetzbuches auf – der Grundsicherung für Arbeitssuchende. Hartz IV (oder Arbeitslosengeld II) nun betrifft vornehmlich Langzeitsarbeitslose oder schwer vermittelbare Fälle – früher sprach man hierbei auch von der “Stütze”. Bis zum 30. Juni 2009 belief sich dieses Hartz IV – Geld für volljährige Alleinstehende auf 351,- € pro Monat im Voraus. Mit dem 01. Juli desselben Jahres wurde es auf 359,- € erhöht. Die Regelsätze (Aufteilung nach Nahrung, Freizeit, Bekleidung, Betriebskosten,…) orientierten sich bislang an den Renten. Sprich: Wurden diese erhöht, so wurde auch das ALG II entsprechend erhöht. Schwangere, Alleinerziehende oder erwerbsfähig Behinderte konnten um Mehrbedarf ansuchen. Ausserdem gab es auch einen Zuschlag für Mietkosten bei angemessenem Wohnen und Wohnnebenkosten.
Die obersten Verfassungshüter in Karlsruhe hatten jedoch im Februar 2010 die Regelsätze für verfassungswidrig erklärt. Somit hat sich der Bundestag erneut damit beschäftigen müssen. Die Bundesregierung nun erstellte einen Massnahmenkatalog, der gegenwärtig sehr vielen mehr als sauer aufstösst: Monatlich gibt es 5 ,- € mehr – dafür werden die Zuschüsse komplett überarbeitet. Die SPD etwa kritisiert das Schulpaket für Arme. Bislang erhielten Familien mit Anspruch auf den Kinderzuschlag 100,- € jährlich als sog. “Schulbedarfspaket”. Nach den neuen Regelungen wird dies für Familien mit geringem Einkommen, die aber kein ALG II beziehen, wegfallen. Auch die Grünen und die Linke spricht von einem Schlag ins Gesicht der Betroffenen. Die Erhöhung von 5,- € sei unwürdig. 3.665.086 Haushalte, davon etwa auch 569.307 Paare mit Kindern sind hiervon betroffen – ergibt rund 6,7 Mio Menschen (Bundesagentur für Arbeit; Berichtsmonat April 2010)..
Bei der Late Night “Maybrit Illner”, einer Talkshow im deutschen Fernsehen brachte es ein Hartz-IV-Empfänger auf den Punkt. Über 40 Jahre hinweg sorgte der Industriemeister einerseits mit seiner Arbeitsleistung für den Aufschwung der Wirtschaft, andererseits zahlte er auch fleissig seine Sozialabgaben. Seit 5 Jahren gilt er als Langzeitarbeitsloser und muss von Hartz IV leben. Er fühle sich gemeinhin abgewatscht! Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte in derselben Sendung ein Rechenexempel statuiert und kam auf eine finanzielle Leistung von 1.250,- € brutto monatlich durch den Staat (inklusive der Miete, den Heizkosten, der Pflege- und Krankenversicherung,…). Dies müsse ein Mensch erstmal durch Arbeit nach Hause bringen.
Hier ist auch der Knackpunkt zu suchen! Hartz IV ist deshalb in Deutschland so verschrien, weil immer wieder Bezieher davon bekannt werden, die Vater Staat perfekt ausnutzen und bluten lassen (Villa auf Mallorca, dicke Autos,…) und dadurch all jene in Misskredit bringen, die dringend auf das Geld angewiesen sind: Arbeitslose ab 45-50 Jahren etwa stellt heutzutage kein Personalchef ein; Fabriksarbeiter, die über Jahre hinweg am Fliessband gearbeitet haben, ansonsten allerdings nichts können und durch vollautomatisierte Produktionsstrassen oder billigere Produktionsstandorte in Asien auf die Strasse gesetzt wurden; Menschen, die vielleicht sogar durch ihre Arbeit krankheitshalber arbeitsunfähig wurden. Diese Aufzählung lässt sich beinahe endlos weiterführen. Daneben geniessen auch viele der ALG II-Bezieher den Ruf, dass sie gar nicht mehr arbeiten wollen. Derzeit erlebt die deutsche Wirtschaft wieder einen unheimlichen Aufschwung. Die Arbeitslosenzahlen gehen hinter jenen vor der Weltwirtschaftskrise zurück. Doch bevorzugen die Arbeitgeber zusehends junges, gesundes und billigeres Personal. Alle anderen bleiben auf der Strecke – sie bewerben sich weiter bis sie ohne Aussicht auf Erfolg aufgeben. Das lässt sich mit dem “alten Eisen” wie es Udo Jürgens so schön besungen hatte, zusammenfassen.
Doch das alles hat natürlich nicht nur für Deutschland seine Gültigkeit, sondern selbstverständlich auch für Österreich, dem “beseren Deutschland” – wie es eine bundesdeutsche Zeitung mal bezeichnete. Hier beleuchten wir den Status Quo aus einer anderen Sicht: Die Arbeiterkammer Oberösterreich hat bei den beiden Instituten SORA und IFES eine Studie zum Thema “Arbeitsklima-Index” in Auftrag gegeben – das Ergebnis wurde dieser Tage präsentiert. Es veranlasst auch im Alpenstaat sehr viele zum Denken: 350.000 Österreicher und -innen sind sog. “Working poors” – d.h. sie arbeiten zwar, ihr Einkommen aber reicht nicht mehr aus, um die Erfordernisse des Lebens abzudecken! Reinhard Raml, Statistiker bei IFES, veranschaulicht das so: Die Zahl entspricht der doppelten Einwohnerzahl von Linz! Gaben bei einer Befragung vor zehn Jahren noch 65 % an, dass ihr Einkommen adäquat sei, so waren es heuer nurmehr 58 %. Die tiefsten Werte wurden dort erreicht, wo schlechte Arbeitsbedingungen und eine geringe Arbeitsplatzsicherheit vorherrschen – bei Leiharbeitern etwa oder freien Dienstnehmern. Diese Arbeitnehmer werden zusehends bei Rationalisierungsmassnahmen durch Maschinen ersetzt oder müssen als erste zusammenpacken, wenn es einem Betrieb schlechter geht! Im Gegensatz hierzu sind 75 % der männlichen Führungskräfte mit ihrem Einkommen zufrieden. Die Arbeitnehmervertretungen stellen deshalb dringende Forderungen auf. So verlangt die Arbeiterkammer eine Senkung der Lohnsteuer. Diese und auch die anderene Lohnnebenkosten lassen Österreich zu einem für Arbeitgeber immens teuren Produktionsstandort werden. Der Gewerkschaftsbund verlangt einen Mindestlohn von 1.300,- €. Das jedoch klingt angesichts der Tatsache utopisch, da die Übergangsfrist für Billigarbeiter aus den neuen EU-Staaten teilweise sogar abgelaufen ist. Übrigens dreht sich bei all diesen Überlegungen die Katze im volkswirtschaftlichen Kreis: Verdienen die Arbeitnehmer mehr, so haben sie auch mehr Geld zum Ausgeben. Der Konsum steigt, die Wirtschaft floriert. Das Ganze gilt selbstverständlich auch umgekehrt!!!
Die Gesellschaft tut sich immer schwerer, das soziale Netz engmaschiger zu machen, damit solche Härtefälle nicht mehr durchrutschen und unter einer Brücke wohnen müssen. Der Unterschied zwischen reich und arm wird allerdings immer grösser, wobei die Mittelklasse (ähnlich wie in der Wirtschaft der Mittelstand) langsam aufgefressen wird. Der Kauf auf Schulden ist heute ganz normal. Doch irgendwann übersteigt die Rückzahlung das monatliche Einkommen – damit haben wir das Schlamassel! Gleiches gilt auch für plötzliche Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Trennung. Hat das Geld davor gerade noch ausgereicht, um vielleicht über die Runden zu kommen, so ist jetzt Feierabend! Nachdem der Kuckuck gerufen hat, hilft in vielen Fällen nurmehr der Privatkonkurs – oder wie es offiziell heisst: Das gerichtliche Schuldenregulierungsverfahren! Nicht weniger als 300.000 Haushalte in Österreich sind überschuldet oder haben massive Schuldenprobleme. Die Schuldnerberatungen werden zumeist viel zu spät konsultiert. Hätte möglicherweise vorher noch etwas erwirkt werden können, so ist der Privatkonkurs in den vielen Fällen die einzige Möglichkeit für einen Neuanfang. Dies aber veranlasst die Banken, bei der Vergabe von Krediten wieder vermehrt auf strengere Kriterien wie Sicherheiten zu setzen (siehe hierzu auch die Kreditumfrage der Europäischen Zentralbank vom April, wonach einzig die Kriterien für langfristige Ausleihungen nur leicht verschärft, jene für Konsumentenkredite hingegen restrikitve verschärft worden sind).
Damit heisst es also auch weiterhin für viele unserer Mitmenschen: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel!!!

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