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Kindersoldaten – die brutalsten unter den Brutalen

Wir alle haben sie noch in Erinnerung: Die Bilder von verletzten und blutverschmierten Kindern in Syrien, die Bilder von kleinen Kindern, die mit ihrem Teddybären alleine durch die zerstörte Stadt irren, die Bilder von weinenden Kindern, die gerade ihre Eltern oder Geschwister verloren haben. Ausgerechnet unsere Kleinsten sind jene , die am meisten unter bewaffneten Konflikten und Kriegen zu leiden haben. Überleben sie, hat man ihnen die wohl wichtigste Phase im Leben genommen: Ihre Kindheit. Diese Menschen denken anders über das Leben, als die in Friedenszeiten wohlgehütet aufgewachsenen Sprösslinge. Und dann gibt es noch die Härtesten unter den Harten: Die Kindersoldaten! Sie kennen keine Moral oder Ethik – sie sind psychisch zerstörte Kampfmaschinen, die zum Töten ausgebildet wurden.
Es ist wohl die grausamste Art der Kriegsführung: Bei der „Säuberung“ von Dörfern und Städten nicht nur die zivile Bevölkerung umzubringen, sondern auch deren Kinder zu entführen und sie unter einem Druck zu Kämpfern auszubilden, dem die meisten Erwachsenen nicht standhalten würden. Dabei haben es jene, die hinter den Fronten als kostenlose „Funktionssoldaten“ wie Koch oder Träger arbeiten müssen, noch gut erwischt. Viele unter ihnen stehen an vorderster Front, da sie weitaus brutaler als Erwachsene vorgehen und trotzdem nicht derart „wertvoll“ sind, wie etwa die Söldner. Deshalb müssen sie auch häufig Landminen verlegen oder entschärfen. Werden Kinder verwundet, lässt man sie sehr häufig zum Sterben zurück. Dass es zudem gegen das internationale Kinderrecht verstösst und bei unter 15-jährigen sogar ein Kriegs-verbrechen ist, interessiert die dafür Verantwortlichen zumeist wenig bis überhaupt nicht. Die Vereinten Nationen sprechen bei Rekruten unter 18 Jahren, die bewaffneten Streitkräften oder Gruppen angehören, von „Kindersoldaten“. Sie sind nicht erst eine Erscheinung dieses Jahr-hunderts, gab es sie doch schon in früheren Zeiten. So werden die sog. „Rossbuben“ bereits zu römischen Zeiten erwähnt – sie kümmerten sich vornehmlich um die Pferde der berittenen Truppen; während des Dreissigjährigen Krieges werden Kindersoldaten ebenso wie in den Napoleonischen Kriegen oder dem Sezessionskrieg in den USA literarisch erwähnt. Im Zweiten Weltkrieg griffen v.a. die Luftabwehr und die SS auf Jugendliche zurück – im abschliessenden Volkssturm wurde die komplette Hitlerjugend eingezogen.
Um auf diese Unmenschlichkeit hinzuweisen, haben die Vereinten Nationen den 12. Februar zum „Welttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten“ gemacht. Niemand weiss, wie viele es wirklich sind. Schätzungen gehen von rund 250.000 aus. Die meisten von ihnen im Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, aber auch in Asien (Afghanistan, Myanmar) oder Südamerika (Kolumbien). Viele werden derzeit auch im Jemen-Konflikt im Einsatz stehen.
Kinder sind leicht zu manipulieren, ideologisch zu indoktrinieren und kosten nichts. Viele unter ihnen haben noch nie ein Klassenzimmer von innen gesehen, dafür können sie ein Sturmgewehr innerhalb kürzester Zeit zerlegen, zusammenbauen und damit auch treffen. Alle wurden sie eingeschüchtert, die meisten während der Ausbildung sexuell miss-braucht. Schliesslich sollen sie seelenlos gemacht werden, Unmenschen werden, die die Zahl ihrer Opfer nicht mehr kennt und zwischen Soldaten, alten Menschen, Frauen oder Kindern keinen Unterschied machen. Sie sind es auch, die einmal aus dieser Hölle befreit, mit dem normalen Leben nicht mehr zurecht kommen. Viele haben deshalb das Morden zu ihrem Beruf gemacht und kennen später als Söldner oder Milizionäre nichts anderes.
Doch gibt es sie auch – die Freiwilligen, die sich einer Miliz anschliessen um dadurch der Armut zu entgehen oder sich beispielsweise für den Tod ihrer Eltern oder Geschwister rächen wollen.

http://www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=S/2018/465&Lang=E&Area=UNDOC

Jedes Jahr veröffentlichen die Vereinten Nationen einen Bericht über die Situation der Kinder in Unruhegebieten („Annual Report of the Secretary-General on Children and Armed Conflict“). Ein eigenes Kapitel ist auch der Rekrutierung von Kindern gewidmet. Nicht weniger als 50 Armeen und bewaffnete Gruppierungen, die Kindersoldaten einsetzen, sind hier namentlich genannt. 19.000 sollen es alleine im Südsudan seit 2013 sein. In den acht Bürgerkriegsjahren in Liberia (1989 bis 1997) kämpften bis zu 20.000 Kindersoldaten. Die jüngsten unter ihnen wurden mit 9 Jahren zwangsrekrutiert. Die Liste liesse sich nahezu endlos fortsetzen: Sierra Leone, Irak, Syrien, …
In den letzten zehn Jahren konnten 65.000 befreit werden. Sie werden in ein Programm der UNICEF aufgenommen, durch das sie Schritt für Schritt wieder in das normale Leben eingegliedert und zu Ihren Familien rückgeführt werden sollen. In vielen Fällen aber vertane Liebesmüh’, da sie entweder zu stark traumatisiert sind oder als Mörder durch die Dorfgemeinschaft schlichtweg nicht mehr aufgenommen werden. Aller-dings bestehen auch Erfolgschancen – die guten Beispiele: Nach einer Studie von Christopher Blattmann (Columbia University) und Jeanne Annan (International Rescue Committee) konnten nach dem Ende des Bürgerkrieges in der Elfenbeinküste viele der Kindersoldaten und ehemaligen Milizionäre wieder in die Gesellschaft Liberias eingegliedert werden, wenn ihnen eine berufliche Perspektive geboten wurde. Auch mit nur einem Zehntel des früheren Söldnergehaltes gelang das Projekt.
Nicht weniger als 168 Staaten haben das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention unterschrieben, das am 12. Februar 2002 in Kraft getreten ist („Fakultativprotokoll zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten“). Es besagt, dass Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr nicht gegen ihren Willen in Kampfhandlungen einbezogen werden dürfen – sind sie jünger als 15 ist es gar ein Kriegsverbrechen. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO spricht hierbei von einer „extremen Form von ausbeuterischer Kinderarbeit“ (Resolution 182). Freiwillige, älter als 15 Jahre hingegen sind und bleiben wohl auch legal. So können etwa – mit Zustimmung der Eltern – 17-jährige freiwillig in die Bundeswehr bzw. das Bundesheer einrücken. Noch enger sehen es die „Cape Town Principles“ aus dem Jahr 1997. Sie beziehen auch jene Kinder mit ein, die als Koch, Träger, Informant oder bei Mädchen als Zwangsprostituierte eingesetzt werden. Sie kämpfen zwar nicht direkt an der Front, helfen oder müssen jedoch hinter den Linien arbeiten.
Die beiden Kriegsparteien im Südsudan haben sogar ein eigenes Abkommen unterschrieben, dass sie keine Kinder mehr rekrutieren. Einzig – sie halten sich nicht daran.
Deshalb ist es wichtig, Zeichen zu setzen. Und das geschah gottlob bereits 2012: Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag verurteilte den Milizenchef Thomas Lubunga aus dem Kongo zu 14 Jahren, den ehemaligen Präsidenten von Liberia, Charles Taylor zu 50 Jahren Haft wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten und im zweiten Falle auch anderer Kriegsverbrechen.
Erschreckend sind die Zahlen, die der Sonderbeauftragte des „UNO-Generalsekretärs für Kinder in bewaffneten Konflikten“ – nicht nur zu den Kindersoldaten – veröffentlichte. Nach Angaben von Clara Ottuno sollen zwischen 1990 und 2000 etwa 2 Millionen Kinder gefallen sein. Weitere 6 Millionen wurden zu Invaliden und 10 Millionen zogen sich schwere psychische Schäden zu.
Als krassestes Beispiel möchte ich die Lord’s Resistance Army aus Uganda etwas genauer beleuchten. Joseph Kony gründete diese „Widerstands-Armee des Herrn“ im Jahre 1987. Sie sollte fortan den Kampf gegen die von Präsident Yoweri Museveni geführte Regierung im Norden des Landes führen. Mit einem indigenen, christlichen Hintergrund war es die dritte esoterisch-militante Organisation im Land. Sie kämpfte für die Errichtung eines auf den zehn Geboten beruhenden Gottesstaates. Mit der Religion dürfte es jedoch nicht weit her sein, wurde doch gegen das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ gleich in rund 100.000 Fällen zumeist auf das Grauenvollste verstossen. Noch während des ugandischen Bürgerkrieges zogen sich die Milizionäre stets in den Südsudan zurück. Dort mischten sie – nach der Niederlage gegen die Armee Ugandas – für die Regierung in Khartum auch im südsudanesischen Bürgerkrieg gegen die Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) mit. Im Kongo terrorisierten sie häufig die Bevölkerung. Zuletzt haben sich mehrere afrikanische Staaten in der „Regional Cooperation Initiative for the Elimination of the Lord’s Resistance Army“ unter der Aufsicht der Afrikanischen Union zusammengetan, um diese Miliz zu sprengen. Seit 2017 soll sie nach Regierungsangaben aus Uganda keine wichtige Rolle mehr spielen und somit auch keine grosse Gefahr mehr darstellen. Dennoch gehen viele Raubzüge im Garamba Nationalpark auf ihre Kosten, da sie mit dem Elfenbein der geschossenen Elefanten die Waffenkäufe finanzieren. Die UNO bezeichnete im Jahr 2005 die LRA offiziell als die „brutalste Rebellengruppe der Welt“. Am 28. Dezember 2008 soll die Terrorgruppe in einer katholischen Kirche in der Region von Doruma in der Demokratischen Republik Kongo 45 Menschen zu Tode gehackt haben („Weihnachtsmassaker von Doruma“). Ein Entwicklungshelfer bestätigte die Beschuldigung der ugandischen Armee. Bei weiteren Überfällen auf Kirchen sollen nach Angaben der Caritas International bis zu 485 Menschen umgebracht worden sein. Bei einem Massaker in der Makombo-Region (ebenfalls im Kongo) wurden etwas später mindestens 321 Menschen getötet und 250 Menschen entführt. Insgesamt bis zu 100.000 Menschen getötet und zwischen 60 bis 100.000 Menschen entführt. Die Lord’s Resistance Army in Uganda bestand zu 90 Prozent aus Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren. 12.000 davon waren zwangsrekrutiert.
Die Flucht von Minderjährigen vor einer solchen Zwangsrekrutierung gilt jedoch hierzulande nicht als Asylgrund!

Filmtipps:

.) Invisible Children; 2003; Buch: Carol Mansour
.) Slaves – Auf den Spuren moderner Sklaverei; 2016; Regie: Marc Wiese
.) Lost Children; 2005; Buch und Regie: Ali Samadi Ahadi, Oliver Stoltz
.) I killed people; 1999; Buch: Alice Schmid

Lesetipps:

.) I killed people – wenn Kinder in den Krieg ziehen; Margit R. Schmid/Alice Schmid; Lamuv 2001
.) Kindersoldaten, neue Kriege und Gewaltmärkte; Michael Pittwald; Sozio-Publishing 2008
.) The causes of child soldering: Theory and evidence from Northern Uganda; Christopher Blattman; University of California 2007.) Du sollst Bestie sein!; Uzodinma Iweala; Ammann 2008
.) Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr – Mein Leben als Kindersoldatin; China Keitetsi; Ullstein-Verlag 2003
.) Sie zwangen mich zu töten – Afrikas verlorene Kinder; Annette Rehrl; Knaur-Taschenbuch-Verlag 2006
.) Rückkehr ins Leben – Ich war Kindersoldat; Ishmael Beah; Campus Verlag 2007

Links:

- www.child-soldiers.org
- www.kindersoldaten.info
- invisiblechildren.com
- www.unicef.de
- www.hrw.org/de
- www.worldvision.de
- www.tdh.de
- www.amnesty.org
- www.ilo.org
- www.ag-friedensforschung.de
- crisistracker.org

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