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Zu viel des Guten – Touristen bleibt zuhause

Wenn in diesen Tagen wieder die Luft nach Lebkuchen und Glühwein, Brotwoascht und Sauerkraut duftet, der Passant allerorts mit kitschiger Weihnachtsmusik beschallt wird – dann, ja dann ist es wieder so weit: Christkindles-Markt in Nürnberg! Während Millionen von Touristen mit Bussen herangekarrt und durch die Strassen geschoben werden, ist die Nürnberger Innenstadt für Einheimische jedes Jahr mit dem ersten Dezemberwochenende Sperrzone. Rund 2,1 Mio Besucher wurden 2017 gezählt bzw. geschätzt – in etwas mehr als drei Wochen. 32.000 Deutschland-Touristen aus 60 Ländern wählten den Christkindlesmarkt 2017 auf Platz 63 der Top-Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Gleich nach der Hamburger Hafencity und dem Fischmarkt, noch vor dem UNESCO-Welterbe Stiftskirche, Schloss und Altstadt von Quedlinburg. Platz 1 ging übrigens an das Miniatur-Wunderland Hamburg. Während man solche Zahlen in Franken gewohnt ist, melden sich die ersten kritischen Stimmen aus der Mozartstadt Salzburg: “Salzburg darf kein zweites Hallstatt werden!”. Auf Mallorca haben im vergangenen Sommer die einheimischen Inselbewohner demonstriert: “Tourist go home!” Der letzte Hilferuf kommt aus Berlin: “Es reicht!”
In der Branche selbst spricht man von “Overtourism” – Übertourismus. Ein sehr ernsthaftes Thema offenbar, wenn sich der diesjährige ITB-Kongress, der weltweit führende Fachkongress der Touristik-Branche, mit Schwerpunktveranstaltungen dieses Themas angenommen hat und im kommenden Jahr speziell auf Overtourism-Konflikte eingehen wird. Wieviele Touristen sind ok – wann ist es genug?! Hinzu kommt zum Massentourismus immer wieder auch der Diskont- und der Tages-Tourismus. Beides bringt den Destinationen meist wenig bis überhaupt nichts. Zurück aber bleibt ein riesiger Haufen Müll, physisch und psychisch!

“Das Problem ist, dass diese Touristen denken, dass dies eine Form von Disneyland sei. Sie sollten aber nicht vergessen, dass dies eine lebende Stadt ist.”

(Stimmen der Touristen-Widerstandgruppen Venedigs)

Venedig sehen und sterben! Die Lagunenstadt war einst eine Oase der Schönheit. Anziehungspunkt nicht nur der Frischverliebten sondern auch anderer Freunde des Wundervollen. Was blieb davon übrig? Kanäle, die nach Exkrementen stinken, horrende Preise für Essen und Getränke und Einwohner, die möglichst rasch und möglichst weit wegziehen möchten. 60.000 Touristen kommen täglich (rund 22 Mio im Jahr) auf 55.000 Einheimische, die Stadt wird regelrecht überlaufen. Die Hälfte davon sind Landgänger der Kreuzfahrtschiffe. Und alle fahren sie nach der Stadtbesichtigung wieder weg – die wenigsten bleiben zum Mittagessen, nur ganz wenige über Nacht, denn dafür ist ein prall gefüllter Geldbeutel vonnöten. Am ersten Mai-Wochenende dieses Jahres trat in der Lagunenstadt ein Notfallplan in Kraft. Verschiedene Kanäle durften von Nicht-Einheimischen nicht benutzt werden – die Ströme sollten dadurch im wahrsten Sinne des Wortes kanalisiert werden!

https://www.youtube.com/watch?v=Xkm4IC_AZR4

Die Marktgemeinde Hallstatt im Salzkammergut ist UNESCO-Weltkulturerbe. Sehr idyllisch am Hallstätter See gelegen, der Dachstein in greifbarer Nähe, das Salzbergwerk als besondere Attraktion – keine Frage: Bei der Erschaffung dieses Fleckchens Erde hat es der liebe Gott wirklich gut gemeint. Wenn da nicht die vielen Menschen wären. Rund eine Million Besucher zählt der Ort jedes Jahr (bei nur 778 Einwohnern – Stand 01.01.2018). Schon 2016 wurde über eine Besucher-Höchstgrenze diskutiert, schliesslich haben zu Stosszeiten nicht mal mehr die Busse genügend Platz. Auch hier sind es grossteils Tagesgäste, die nach kurzem Aufenthalt wieder durch ihre Reiseführer eingesammelt werden. Der dortige Tourismus allerdings wirbt auch in dieser Zielgruppe. Einem chinesischen Architekten gefiel der Ort dermaßen gut, sodaß er ihn nachbauen ließ. Innerhalb nur eines Jahres wurde Boluo aus dem Boden gestampft – allerdings seitenverkehrt, da Hallstatt ein eingetragenes Markenzeichen ist.

https://www.youtube.com/watch?v=UfQ7C_cI6Mk

In Berlin sind die Zeichen etwas anders gelagert: Hier sind es weniger die Tages- als vielmehr die Geiztouristen. Die Airline Easy-Jet hat die Landerechte der konkurs gegangenen Air Berlin übernommen. Aus allen Himmelsrichtungen landen die Maschinen in Tegel oder Schönefeld – bereits ab 30,- € ist man dabei. Wer will, kann auch gleich ein Pauschalangebot online buchen. Doch nicht alle wollen in ein Hotel – viele wählen auch das Massenquartier im Hostel ab 8,50 €- die drei grössten davon haben jeweils über 1.500 Betten. Diese Klientel ist es auch, die das Getränk und das Essen bei einem Diskonter einkaufen und auf der Straße konsumieren. 2017 kamen nicht weniger als rund 13 Millionen Menschen nach Berlin (+1,8 %) – allerdings sorgten diese für “nur” 31,15 Mio Übernachtungen (+0,3 %). Viele davon sind Clubgeher, die die florierende Lokalszene der deutschen Bundeshauptstadt unsicher machen und sich auf den Dancefloors verausgeben. Damit ist nun für viele Berliner der Grenze des Mach- und Duldbaren überschritten. Die Experten sprechen bereits von einer “Übernutzung mancher Stadtteile”, eine Situation, die durchaus Stoff für Konflikte geben kann. Der ehemalige Oberbürger-meister Klaus Wowereit gab zu seinen Amtszeiten noch die Maxime aus: “Je mehr Touristen, umso besser”! Um in der Sprache eines grossen deutschen Denkers zu bleiben: Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los! Nach Meinung von visit Berlin freilich ist das Problem in anderen Bereichen zu suchen: Etwa der Stadtentwicklung. Auch sei der Billigtourismus nicht verantwortlich – schliesslich gibt es in Berlin 27 Fünf-Sterne-Paläste; der Durchschnittstourist lässt pro Tag rund 200 € zurück! 11 Milliarden sind es jährlich! Im Falle der untervermieteten Privatwohnungen (Airbnb) greift seit geraumer Zeit die Steuerbehörde streng durch. Zudem wurde ein Zweckentfremdungsverbot von Wohn-raum durch die Stadtregierung erlassen.

https://www.youtube.com/watch?v=ktb76lnqIro

Der Ballermann hat Millionen von Party- und Saufgästen auf die Insel Mallorca gezogen. Mit Billig-Airlines ist es heute sogar möglich, in den frühen Morgenstunden zu fliegen, den Tag dort zu verbringen und gegen Abend wieder zurückzukehren – in welchem Zustand auch immer. Logischerweise gibt es zwischen der Bevölkerung und den Betrunkenen eine Unzahl von Konflikten. Doch auch die Kreuzfahrtschiffe werfen Probleme auf. An manchen Tagen legen bis zu sieben dieser Meeres-kolosse an – pro Liner rund 2.000 Menschen auf Landgang. Der Zuwachs von 2016 auf 2017 lag bei 10 %! Palma de Mallorca ist damit schlichtweg überfordert. Zu den anderen Erscheinungsweisen des Massentourismuses kommt hier noch ein massives Trinkwasserproblem hinzu. Und nach wie vor gehen die Immobilien und Fincas zu Höchstpreisen wie im Schluss-verkauf an die Reichen und Schönen aus dem Ausland.

https://www.youtube.com/watch?v=9p2VKS4Hmf4

Bleiben wir noch etwas in Spanien: In Barcelona hat Oberbürgermeisterin Ada Colau inzwischen selbst das Motto ausgegeben: “Die Stadt den Bürgern zurückgeben!” Jeden Sommer gehen Einheimische auf die Strasse, um gegen die Touristenmassen zu demonstrieren. Bei einer dieser Aktionen wurde im vergangenen Jahr von vier vermummten Personen ein Reisebus gestoppt, die Reifen zerstochen und auf die Fenster “Der Tourismus tötet die Stadviertel!” gesprüht. In der Hauptstadt Kataloniens stiegen die Mieten in’s Unermessliche, der Verkehr kommt nahezu stündlich zum Erliegen, durch die Fussgängerzonen wird man geschoben. In Barcelona leben 1,61 Millionen Menschen – 2016 kamen 7,48 Millionen Gäste in die Stadt. Im vergangenen Jahr wirkte sich das Unabhängigkeitsreferendum zumindest etwas dämpfend auf die Zahlen aus. Die Oberbürgermeisterin verhängte inzwischen einen Planungsstop für neue Hotelanlagen. Ausserdem wurden die Taxen verfünffacht – ein Teil davon fliesst unmittelbar in die Infrastruktur zurück und kommt somit auch der heimischen Bevölkerung zugute. Ähnliches praktiziert Paris bei den Tickets für den Eiffelturm, die um 50 % angehoben wurden. Damit kann die Sanierung des bekanntesten Turms der Welt in der Höhe von 300 Mio € finanziert werden.

https://www.youtube.com/watch?v=bdfaGDnYTDo

In der Stadt der Grachten, der Holzschuhe und der Coffee-Shops, Amsterdam; gilt es, mit demselben Problem wie in Berlin auszukommen: Hier sind es die Party-Touristen, die für viele Konflikte sorgen. 18 Millionen Menschen besuchen jedes Jahr die Stadt. Zu viele, wie auch der Stadtrat bereits erkannte. Deshalb wurde das Lärm- und Müllproblem während des Wahlkampfes im März 2018 thematisiert. Jetzt gilt es, die versprochenen Massnahmen auch umzusetzen. So wurde etwa die Hafenerweiterung vorerst verschoben.

https://www.youtube.com/watch?v=oORO_5FaxPA

Ein weiterer Hotspot an der Adria (neben Venedig) ist Dubrovnik. 42.000 Einwohnern stehen in den Sommermonaten rund 800.000 Touristen gegenüber. Verantwortlich dafür ist die Serie “Games of Throne”, in welcher die kroatische Hafenstadt als Drehort und Heimat der beiden Adelsgeschlechter Lannister und Baratheon gecastet wurde. Seither reisst der Gästestom nicht mehr ab. Hier zeigen sich wohl die Tourismus-Probleme am ehesten: 107 Souvenirläden, 143 Restaurants und Lokale – jedoch nur vier Lebensmittelgeschäfte. Auch an der kroatischen Adria haben die Einwohner inzwischen die Schnauze voll und protestieren. Die UNESCO hat bereits ermahnt: Wird der Gästestrom nicht auf max. 8000 Besucher pro Tag beschränkt, so wird die ebenfalls als Weltkulturerbe ausgezeichnete Altstadt dieses Privileg verlieren. Die Stadtväter reglementieren inzwischen die Zugangszahlen durch Datatracking und Kameras.

https://www.youtube.com/watch?v=kWNxNnON-L4

Zurück in heimische Gefilde: Es ist schon einige Zeit her, als ich mich für eine Stelle als Tourismus-Geschäftsführer für Ischgl beworben habe. Meine Vorstellungen fasste ich in einem Konzept zusammen, das ganzjährig auf sportlichen Wettkämpfen aufbaute. Die Verhandlungen waren sogar soweit im Gange, dass für meine damalige Freundin ebenfalls eine Beschäftigung vorort gesucht wurde. Schliesslich entschieden sich jedoch die Verantwortlichen für einen Mitbewerber aus der Snowboard-Szene. Er leistete durchaus gute Arbeit, doch melden sich seit geraumer Zeit auch hier kritische Stimmen – ähnlich wie auf Mallorca! Mit rund 1,5 Mio Übernachtungen in der Saison 2015/16 liegt die Gemeinde an vierter Stelle in Tirol, doch fielen nur etwa 128.000 auf den Sommertourismus (Platz 47)! In dem Ort leben jedoch nur 1.566 Einwohner (Stand: 31.10.2017 – Statistik Austria). Die “Top of the Mountain-Concerts” zu Saison-Beginn und -Ende sorgen für ständig steigende Beliebtheit! Täglich quält sich zudem im Winter eine lange Blechschlange durch das Paznauntal hinauf und am Nachmittag wieder herunter: Die Tagesgäste!
In der schottischen Metropole Edinburgh hingegen sind es vornehmlich die Festivals, die mehrmals im Jahr für einen Touristenansturm sorgen: Edinburgh International Festival, Edinburgh Festival Fringe, Edinburgh International Film Festival, Edinburgh International Book Festival, Edinburgh Jazz and Blues Festival, Edinburgh International Television Festival, Edinburgh Interactive Entertainment Festival, Edinburgh Mela, Edinburgh Science Festival, Hogmanay, Edinburgh Easter Festival, Children’s International Theatre Festival, Beltane und natürlich das Edinburgh Military Tattoo. Aber auch ansonsten gibt es viele Sehens-würdigkeiten. Der Royal Botanic Garden oder das Royal Observatory sind nur zwei davon, die Edinburgh zum “Athen des Nordens” machten. Die Alt- und Neustadt sind UNESCO-Weltkulturerbe. Hier wohnen rund 493.000 Einwohner. Über 30 Millionen Besucher wurden 2017 durch die etwas mehr als 200 schottischen Sehenswürdigkeiten gezählt, 2,1 Millionen davon im National Museum of Scotland, 2 Millionen in Edinburgh Castle, 1,6 Mio in der Scottish National Gallery – alle drei selbstverstädnlich in der schottischen Hauptstadt. Eine Touristensteuer von einem Pfund pro Nacht soll helfen, dass die dadurch stark in Mitleidenschaft gezogene Infrastruktur in Schuss gehalten werden kann.
Zurück bei all diesen Menschenmassen bleiben zumeist frustrierte Einwohner. Sie müssen damit leben, jeden Tag im Stau zu stehen, durch die Strassen geschoben zu werden, die riesigen Haufen Müll wegzu-räumen; vielen besitzen einen nach Urin stinkenden Vorgärten. Grosse Teile der Bevölkerung können sich die teils in’s Unverschämte steigenden Mieten nicht mehr leisten: Günstig einkaufen oder zu normalen Preisen abends weggehen ist nur in anderen Stadtteilen möglich. Die Abwanderung hat schon längst begonnen. Die Verbleibenden stemmen sich immer mehr gegen den Trend. Durchaus korrekt. In den bereits erwähnten Städten sind eingeworfene Fenster, demolierte Straßen-schilder etc. Tagesalltag.
Betrachten wir uns die beiden Nobel-Schiorte Lech-Zürs in der Arlbergregion etwas genauer. Beide sind im Winter zumeist von durchaus betuchten Touristen ausgebucht. Viele, die sich das zur kalten Jahreszeit nicht leisten können, schauen inzwischen im Sommer zumindest in Lech vorbei: Ein gut gelungener Coup des Tourismusvereins, die Betten auch in der heissen Jahreszeit zu belegen. Zürs hingegen ist ausgestorben! Einzig die Hausmeister und ab und an Handwerker, die nach Saisonsende nach dem rechten sehen. Eine Geisterstadt! In Österreich haben die Lifte-betreiber offenbar ohnedies freie Hand: In Vorarlberg wurde im Bregenzerwald durch den Zusammenschluss der Schigebiete von Mellau und Damüls eine riesige Schischaukel geschaffen. Nur knapp an Naturschutzbestimmungen scheiterten die Pläne für die Zusammen-legung des Stubaitales mit der Axamer Lizum in Tirol. Geplant sind dort weiters die Zusammenführungen von Hoch-Ötz und dem Kühtai, St. Anton und Kappl in der Arlberg-Silvrettaregion und schliesslich dem Pitz- mit dem Ötztal. Schi-Moloche mit Bettenburgen auf dem Rücken der anderen, kleineren Schigebiete und damit gegen die Verteilung der Urlauberströme. Die Regionen an den Zulaufstrecken stöhnen laut auf, im Winter wird die Überquerung der Dorfstrasse für viele lebensgefährlich. Damit müssen Umfahrungen geschaffen werden. Und da viele Investoren und Arbeitskräfte aus dem Ausland kommen, einheimische Unternehmen sich vielfach die Mieten für Gewerbeflächen nicht mehr leisten können, bleibt nicht mal mehr die Wertschöpfung im Lande.
Treten nun Konflikte zwischen den Bürgern und den vielen Touristen offen zu Tage, so spricht der Experte nicht mehr von “Übernützung”, sondern vielmehr vom “Overtourism”, der logischen Konsequenz des “Overcrowdings” an den Hot-Spots wie Museen, Märkten usw. Reisebusse belasten auf ihrem Weg zu den Sehenswürdigkeiten den ohnehin schon starken Grossstadtverkehr. Lärmende Betrunkene machen die Nacht zum Tag. In Ischgl wurde beispielsweise ab 20.00 Uhr ein Schischuhverbot erlassen. Dieses Overtourism-Problem wurde bereits in den 1980er-Jahren durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen erkannt. Schon damals sprach sich Mohamed A. Tangi für eine Reglementierung aus: Etwa 600 Gäste pro Hektar Strand! Getan hat sich aufgrund der Umsatzgier der Touristiker, Hoteliers und Gaststättenbetreiber nicht sehr viel. Auch hier müssen jedoch sehr viele aufgeben, da sie sich die Mieten und sonstigen Abgaben nicht mehr leisten können. Eine ausländische Kette übernimmt.
In einer Studie des McKinsey-Instituts (im Auftrag des World Travel & Tourism Councils) wurde 2017 in einer Bewertungsmatrix von 930.000 Besuchern pro Quadratkilometer und Jahr gesprochen. Die Grenze der Zumutbarkeit für Gäste und Einwohner. Ist es etwa für mich als Paris-Urlauber erstrebenswert, stundenlang warten zu müssen um für zwei Sekunden in die Augen der Mona Lisa im Louvre blicken zu können, beim Ötzi in Bozen vorbeigeschleust zu werden oder mit dem Wiener Riesenrad fahren zu können? Während ich das einmal im Jahr oder vielleicht gar in meinem kompletten Erdendasein mache, müssen die Anwohner tagtäglich damit leben. Die Stadt Florenz hatte diesbezüglich eine ausgezeichnete Idee: Online kann bei den Uffizien reserviert werden (“Zeitslot”). Mit der erhaltenen Bestätigung kann um diese Uhrzeit zum angeführten Tag die lange Warteschlange außer acht gelassen und das Objekt der Begierde (“POI”) direkt betreten werden. Venedig veröffentlicht seit kurzem Wartezeiten an diesen Points of Interest online und gibt Empfehlungen ab, wann diese besser besichtigt werden sollten (“Pushnotifications”).
Das gab’s doch in früheren Zeiten nicht! Stimmt – Experten machen folgende Faktoren dafür verantwortlich, die erst seit nicht mal 10 Jahren so richtig boomen:
- Billigfluglinien
- Kreuzfahrtschiffe
- Airbnb
Letzteres, also die Vermietung von Privatwohnraum an Touristen, kann sogar in vielen Städten auch für den Wohnraummangel verantwortlich sein: Während das Geschäft boomt, wird der tatsächlich erforderliche Wohnraum nicht mehr leistbar! Auf Island wird gar befürchtet, dass die Ressourcen des Fremdenverkehrs – Ruhe, Natur, Einsamkeit – zerstört werden, damit noch mehr als die bislang 2,5 Mio Gäste jährlich auf die Insel kommen. Auf Island leben übrigens 340.000 Einwohner. Deshalb sind künftig Massnahmen geplant.
Inzwischen gibt es gar Listen von Urlaubsorten, die nicht empfohlen werden, da sie überlaufen sind. Eine solche hat etwa der US-Fernseh-sender CNN oder der britische Verlag “Fodor’s” veröffentlicht. Einige Beispiele gefällig? Mount Everest, Taj Mahal, die Chinesische Mauer oder hier in Europa etwa die bereits erwähnten Städte Venedig, Barcelona und Dubrovnik bzw. Santorin in Griechenland. Das Problem mit Venedig scheint sich allerdings von selbst zu erledigen, da einerseits durch die Klimaerwärmung immer öfters mit Überflutungen gerechnet werden muss. Zudem verursachen die riesigen Kreuzfahrtschiffe unter Wasser starke Bewegungen, die auch das Fundament der Häuser bzw. die Säulen auf welchen sie wasserseitig stehen, extrem angreifen.
Die Welttourismusorganisation UNWTO formulierte zudem bei ihrem letzten Treffen im September des Jahres eine Liste von Massnahmen, die unbedingt gesetzt werden müssen. Dabei geht es um die bessere Aufteilung der Touristen – sowohl geographisch als auch zeitlich. Hierfür sollen beispielsweise eher unbekannte Routen mehr beworben werden. Auch an Regulierungen und Beschränkungen wird angedacht. Infra-strukturen müssen verbessert und die einheimische Bevölkerung mehr eingebunden werden. Nur einige wenige Faktoren – die Liste ist noch wesentlich länger. Ähnliches ist zudem von “Responsible Tourism”, einer Unterorganisation des International Centre for Responsible Tourism zu erfahren.
Im Rahmen des letzten ITB-Kongresses in Berlin wurde das Problem des Overtourism detailliert besprochen. Das Ergebnis: Eine Zauberformel gibt es nicht und wird es in der Zukunft nicht geben. Die Lösung muss vorort durch eine Analyse der regionalen Tourismuslandschaft gefunden werden. Dabei steht u.a. das Ressourcenmanagement an vorderer Stelle: Steigende Mietpreise, Wohnqualität, aber auch Wasserverbrauch und Müllproduktion sollten neben vielen anderen Faktoren in’s Auge gefasst werden. Daneben gilt es zu klären, ob das Zentrum durch die Bürger noch authentisch wahrgenommen und entsprechende Werte aufrecht-erhalten werden können. Zudem spielt die Natur eine ganz entscheidende Rolle, da viele Destinationen ihretwegen gebucht werden. Experten empfehlen deshalb eine Bewertung und grafische Aufarbeitung folgender Kriterien:
.) Die Wichtigkeit der Region im Tourismus
.) Wachstum
.) Touristendichte
.) Entfremdung der Gemeinde
.) Intensität des Tourismus
.) Negative Bewertungen aufgrund von schlechten Erfahrungen
.) Saisonabhängigkeit der Destination
.) Dichte der Attraktionen
.) Luft-/Umweltverschmutzung
.) Die Gefährdung des kulturellen Erbes
Die Folgen des Overtourism sind sehr rasch zu erkennen. So machte beispielsweise der Film “The Beach” mit Leonardo die Caprio die wundervolle Maya Beach Bay in Thailand weltbekannt. Inzwischen befindet sich das Kleinod auf der UNESCO Danger List und muss immer wieder gesperrt werden.
Im Jahr 2016 buchten 67 % der Gäste ihren Urlaub in nur 20 Ländern (Zahlen: ITB-Kongress). Für die ersten zehn platzierten Destinationen wird dies bis 2020 noch weiterhin ansteigen. Des Deutschen liebstes Urlaubsland, Österreich, lag übrigens mit 27 Mio Ankünften nur auf Platz 13. Ohne die Bevölkerung in weitere Planungen einzubeziehen, wird es den Tourismus in dieser Form vor allem an den Hotspots nicht mehr sehr lange geben. Oder wird es künftig einfach mehr Städte und Orte wie Zürs geben???

PS:
Sollte nun wieder die Frage aufgetaucht sein: “Und was kann ich dagegen tun?” Sehr viel – so manche Urlaubsregion ist es beispielsweise auch ausserhalb der Hauptsaison wert, besucht zu werden. Und: Kaufen Sie nicht den Plunder aus den Souvenirläden, der meist in Fernostasien hergestellt wurde. Suchen Sie sich Handarbeiten der dortigen Bevölkerung aus! Nur zwei Beispiele – derer gibt es noch wesentlich mehr!!!

Filmtipps:

- Overtourism: Status Quo, Maßnahmen, Best Practices europäischer Tourismus-Destinationen; ITB-Berlin
- Venedig: Ausverkauf eines Juwels; WDR-Doku
- Tourist Go Home! Europas Sehnsuchtsorte In Gefahr; Doku
- Mallorca – Insel vor dem Kollaps; WDR-Doku
- Ferienparadies Kroatien – Schattenseiten des Tourismus-Booms; WDR-Doku
- Re: Touristen gegen Anwohner – Wem gehören die Städte? Arte-Doku

Lesetipps:

.) Overtourism – Issues, realities and solutions; Hrsg.: Dodds / Butler; De Gruyter 2019
.) Tourismussoziologie; Kerstin Heuwinkel; utb 2018

Links:

- www2.unwto.org/
- responsibletourismpartnership.org/icrt/
- whc.unesco.org/en/danger/
- www.austriatourism.com
- www.itb-berlin.de
- www.christkindlesmarkt.de
- www.venedig.net/
- www.hallstatt.net
- about.visitberlin.de
- www.abc-mallorca.de
- www.barcelona.com/de
- www.dubrovnik.in/de/
- www.iamsterdam.com/de
- edinburgh.org/
- www.ischgl.com/de
- www.tirolwerbung.at
- www.europeancitiesmarketing.com/

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Können Sie es sich leisten???


“Man ist in diesem reichen Deutschland nicht erst dann arm, wenn man unter Brücken schlafen oder Pfandflaschen sammeln muss. Armut beginnt nicht erst dann, wenn Menschen verelenden.”

(Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohl-fahrtsverbandes)

Die Ferien- und Urlaubszeit steht unmittelbar vor der Tür – viele Kinderlose nutzen derzeit bereits die Vorsaison-Angebote. Wie sieht’s bei Ihnen aus? Wohin verschlägt Sie der Wind? Viele Destinationen fallen auch heuer aus Sicherheitsgründen weg, viele andere sind schlichtweg zu teuer! Die Geiz-Touris zieht es derzeit massenweise in die Türkei – sie war noch nie derart billig wie heuer. Doch auch hier muss erwähnt werden: Sowohl das deutsche als auch das österreichische Außen-ministerium haben eine partielle Reisewarnung ausgesprochen. Zudem kann es zu Problemen bei der Ein- und Ausreise kommen. In dem Land herrscht seit 2016 das Notstandsgesetz – in manchen Teilen gar das Kriegsrecht. Wer solche Warnungen missachtet, ist selbst schuld. Gleiches gilt für Ägypten, die Phillipinen – ja sogar für Japan (nach wie vor für das Gebiet rund um Fukushima). Sicherheitshinweise gibt es zudem für beispielsweise Argentinien (Streiks), Australien (Kriminalität), die USA, Zentralamerika und die Karibik (jeweils aufgrund der Wirbelsturme) usw. Und auch Italien nimmt keine Flüchtlinge mehr auf!!! Ist also heuer nicht ganz einfach.
Hinzu kommt allerdings zudem, dass sich offenbar immer weniger einen Urlaub überhaupt leisten können. So war es zumindest im Jahr 2017 – sowohl Deutschland als auch Österreich haben ja inzwischen neue Regierungen, wodurch sich das selbstverständlich zum Guten geändert hat! Wirklich???
Auch ich hatte mal einen dieser Jobs, den niemand anderer haben wollte. Mit dem Netto-Gehalt konnte ich nicht mal meine laufenden Zahlungen begleichen – also hätte ich auch am Samstag ganztags arbeiten müssen. Acht Tage Einschulung – es folgten zwei 13-h-Arbeitstage mit jeweils nur EINER kurzen Rauchpause und meine Aufgabe mittels Kündigung am dritten Tage. Meine Arbeit wurde auf 1 + 3 Mitarbeiter aufgeteilt! Urlaub? Das 13. und 14. Monatsgehalt hätte ich wohl zum Ausgleichen des Kontostandes benötigt! Urlaub auf Balkonien – mehr wäre da nicht drin gewesen. Im vergangenen Jahr wurde eine Studie des Europäischen Statistikamtes “Eurostat” veröffentlicht, wonach sich jeder 5. deutsche Bundesbürger keinen Urlaub leisten könne – europaweit sogar bis zu 40 % – also mehr als jeder Dritte. Bei der Umfrage ging es um eine einwöchige Reise im Jahr. Die genauen Zahlen:
.) Deutschland:
19,2 % der Menschen
19,9 % der Haushalte mit Kindern
39,6 % der Alleinerziehenden
.) Österreich:
15,4 % der Menschen (jeder Achte)
3 % der Haushalte mit Kindern
42 % der Alleinerziehenden
.) EU:
32,9 % der Menschen
.) Rumänien:
66,6 % der Menschen
.) Spanien:
40,3 % der Menschen

Diese Menschen haben grösste Not damit, ihre Miete überweisen zu können, im Winter die Wohnung zu beheizen bzw. Ihren Kindern die Schulsachen zu kaufen. Wie jüngst etwa jene Mutter, die drei Rechnungen für Schullandwochen und Ferienbetreuung zugleich erhielt. Gesamt-forderung: 800,- €! Da bleibt dann nicht mehr wirklich viel für “die schönste Zeit des Jahres” über. Dieses “zwar gerne wollen aber nicht können” ist ganz eindeutig ein Zeichen von Armut, von der v.a. die Kinder am meisten betroffen sind. Nicht etwa, da sie zu Schulbeginn im Herbst nichts zu erzählen haben. Viele Sozialexperten, wie die Bundestagsab-geordnete der Linkspartei, Sabine Zimmermann, fordern deshalb einen Mindestlohn von 12 Euro und das Aus für die Niedriglohn-beschäftigungsformen, wie etwa der Leiharbeit. In diesen Jobs werden Experten in ihrem erlernten Brotberuf durch eine Leiharbeitsfirma an Unternehmen ausgeliehen. Dort versehen sie dieselbe Arbeit wie ihre fixangestellten Kollegen – allerdings nicht nach dem Tarif für ihren Lehr-Beruf sondern dem der Leiharbeit. So verdient etwa ein Fliesen- und Plattenleger in Rheinland Pfalz seit dem 01.05.2017 nach einer Mindestbeschäftigung von 3 Monaten (Lohngruppe 2b) einen Tariflohn von 19,02 €/Stunde brutto. Erledigt er jedoch dieselben Arbeiten als Leiharbeiter gilt ein Mindestlohn von 8,50 € – die Leiharbeitsfirma multipliziert dies normalerweise mal zwei – damit kostet der Leiharbeiter die beanspruchende Firma gerade mal 17,- €/h, womit alles abgegolten ist: Keine Urlaubs- und Weihnachtsgelder, kein Krankenstand, keine Prämien,…
Neben der Leiharbeit ist auch die Teilzeitarbeit ein grosses Problem. Viele Unternehmen greifen auf diese Möglichkeit zurück, da sie sich Lohnnebenkosten dadurch einsparen können. Vor kurzem veröffentlichte etwa Aldi Süd ein Gehaltsschema, das auf den ersten Blick für eine Vollzeitbeschäftigung ausgezeichnet erscheint. Der zweite Blick: Der Discounter beschäftigt nach eigenen Angaben auf der Unternehmens-Website insgesamt 43.400 Personen – das meiste davon sind Teilzeit-stellen! Dennoch sind Aldi-Arbeitsplätze heiss begehrt, schliesslich sind über 97 % davon unbefristet und die Bezahlung liegt meist 15 % über dem Tarif. Das Unternehmen betont seit Jahren seine soziale Kompetenz.
Viele Arbeitsverträge sind auch absichtlich knapp über Tarif vereinbart. Damit obliegt es jedem Einzelnen, jährlich das so angenehme Gehalts-gespräch mit dem Chef zu absolvieren. Durch die kalte Progression und die ständige Steigerung der Lebenshaltungskosten schaut dann so manch fleissiger Arbeitnehmer trotz Lohnerhöhung durch die Finger.
Diese Befragung betreffs der Selbsteinschätzung zu “materiellen Entbehrungen” wird regelmässig durchgeführt. International gesehen bessert sich die Situation geringfügig. Armut während des Berufslebens bedeutet noch weitaus grössere Armut im Alter, da nichts zurückgelegt werden kann. So lag anno 2014 die Armut im Alter in Deutschland mit 15,6 % bzw. 3,4 Millionen Menschen über dem Durchschnitt. 2017 waren es bereits 15,9 %. Somit hat, nach den Berechnungen der Autoren dieser Armutsstudie, die Zahl der Rentner unter der Armutsgrenze seit 2005 um sage und schreibe 49 % zugenommen.
Gemeint bei all diesen Überlegungen sind nicht etwa jene, die jedes Jahr ein neues Handy brauchen, einmal die Woche shoppen gehen, immer wieder Konzerte besuchen oder sich mindestens zweimal die Woche das Feierabendbier in der Stammkneipe schmecken lassen! Nein, gemeint sind vielmehr jene Menschen, die selbst nach der akribischsten Rotstiftaktion kein Einsparpotential mehr orten können. Ein zweiter Job? Das ist ein Rechenexempel. Schliesslich genügt bei vielen bereits eine geringfügige Beschäftigung um dadurch in eine andere Steuerklasse zu kommen. Schlussendlich werden nämlich beide Einkommen in einen Topf geworfen und die Lohnsteuer anhand dieses Beitrages berechnet (minus der bereits abgezogenen). So bleibt oftmals vom Zweiteinkommen nicht viel übrig – dann arbeitet man sozusagen nurmehr für Vater Staat und die Sozialversicherungen.
Wenn der Urlaub mal ausfällt, weil eine Wohnung gekauft oder ein Haus gebaut wurde? Ein neues Auto? Dieser Überlegung sollte man sich auf jeden Fall davor stellen! Während des Studiums beispielsweise arbeitete ich in den Sommerferien und nebenbei. Dafür konnte ich mir ein Motorrad und eine starke HiFi-Anlage leisten. Ein Studienkollege zog es vor, zwei bis drei Wochen lang Amerika zu erforschen. Somit sind also auch solche Umfragen mit etwas Vorsicht zu geniessen: Ist es den Eltern bewusst, dass sich nach einer Woche Bibione die Schulsachen ihrer Kinder nicht mehr ausgehen, sollte ich das Problem anders angehen. Es ist also eine Frage der Prioritäten, die bei derartigen Umfragen nicht berück-sichtigt werden.
Dennoch dürfen die harten Fakten des jährlichen Armutberichtes dabei nicht aus den Augen verloren werden. Nach den Angaben etwa des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes lag im Jahr 2017 in Deutschland die Armutsquote bei 15,7 % – 12,9 Millionen der Deutschen waren also im vergangenen Jahr von Armut betroffen. Und dies trotz ausgezeichnet rund laufendem Wirtschaftsmotor. 2005 betrug diese Quote noch 14,7 %. Als arm gilt europaweit jemand, der über weniger als 60 % des durchschnittlichen Einkommens verfügt (“Medianeinkommen”). Als Single bedeutet dies umgelegt ein Netto-Einkommen von bis zu 917 Euro, bei Alleinerziehenden mit einem Kind unter sechs Jahren 1.192 bzw. bei einer vierköpfigen Familie je nach Alter der Kinder 1.978 bzw. 2.355 Euro. In Österreich (Zahlen: SILC-Erhebung der Statistik Austria) waren 2016 1,542 Mio Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen – 18 % der Bevölkerung. Die tatsächliche Armut sank zwar seit 2008 von 5,9 auf 3 %, dafür stieg jedoch die Zahl der gefährdeten Einwohner. Im Alpenstaat gilt als arm, wer in einem Singlehaushalt über weniger als 1.185 Euro netto verfügt (pro Erwachsenem im selben Haushalt müssen 592 Euro, pro Kind unter 14 Jahren 355 Euro hinzugerechnet werden). Viele davon ohne eigene Schuld. Der Beginn dieser Todesspirale ist meist die Trennung vom Lebenspartner, Krankheit oder auch Verlust des Arbeitsplatzes. Vermögenswerte wie Auto, Wohnung, Haus etc. müssen verkauft werden bis schliesslich nichts mehr übrig ist. Trotzdem noch kein Arbeitsplatz in Sicht, denn: Je älter und länger man arbeitslos ist, desto weniger gern erfolgt eine Einstellung bei den Unternehmen. Worst Case: Ein 61-jähriger Arbeiter, dessen Firma dicht macht. Er verfügt möglicherweise über ein bereits abbezahltes Haus, über Erspartes und eine Altersvorsorge. Auch wenn er durchaus weiterarbeiten möchte und auch hier einige Abstriche im Vergleich zur Qualifikation machen würde. Schliesslich landet er bei der Mindest-sicherung oder in Deutschland bei Hartz IV. Und dabei schliesst sich der Kreis mit dem Urlaub wieder: Zu den Fragen der sog. “Erheblichen materiellen Deprivation” in der europaweit einheitlich durchgeführten SILC-Umfrage zählen u.a. auch die Fragen nach vollwertiger Nahrung, ordentlicher Heizung der Wohnung, einer Waschmaschine und: Einmal im Jahr eine Woche Urlaub!
Klar, werden nun einige sagen: Es muss ja nicht unbedingt die Dominikanische Republik oder Indonesien sein. Deshalb hier einige Tipps:
- Preisvergleiche über Urlaubsbörsen lohnen sich
- Nebensaison ist wesentlich günstiger als Hauptsaison
- Fliegen Sie wenn möglich von kleineren Flugplätzen ab
- Starten Sie in einem Bundesland, in dem die Sommerferien vielleicht schon vorbei sind (Flüge werden billiger)
- Auto oder Bahn sind weitaus günstiger und umweltfreundlicher als Flugzeuge
- Zelt oder Wohnmobil anstelle teurer Hotels können auch etwas romantisches haben
- Wenn Hotel, dann Halbpension anstatt All inclusiv
- Ökologischer Natururlaub (Aktivprogramm meist inkludiert)
- Busreisen – nicht nur für Senioren
Wenn nun vornehmlich rechtspopulistische Regierungen dieses soziale Netz noch weiter kürzen mit der Rechtfertigung, dass es genügend Arbeit gebe, die Langzeitarbeitslosen nur nicht einer Beschäftigung nachgehen wollen, so wird dadurch einzig und allein noch mehr Armut produziert. Schliesslich können mit dem Gehalt eines Tellerwäschers die zuvor aufgenommenen und für den Lebensunterhalt notwendigen Kredite nicht zurückbezahlt werden (“Working Poor”). Die Folge: Privatkonkurs trotz 100 %-iger Beschäftigung. Ist das die Lösung eines Sozialstaates???

PS: Für all jene Politiker, die derzeit populistisch auf die Arbeitslosen losgehen: Niemand ist gerne arbeitslos. Für etwa 10 % der öster-reichischen Erwerbstätigen bedeutet Armut soziale Ausgrenzung (Vereinszugehörigkeit, Schullandwochen – ja sogar das Feierabend-Bierchen gehören zu jenen Dingen, die man sich plötzlich nicht mehr leisten kann). Bei den Arbeitslosen sind es satte 57, bei mehr als sechs Monaten ohne Job gar 79 %!!!

Lestipps:

.) Armut in einem reichen Land – Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird; Christoph Butterwegge; Campus
.) Heart´s Fear: Hartz IV – Geschichten von Armut und Ausgrenzung; Bettina Kenter-Götte; Verlag Neuer Weg 2018
.) Armut in Deutschland: Wer ist arm? Was läuft schief? Wie können wir handeln?; Georg Cremer; C.H.Beck 2017
.) Armut: Ursachen, Formen, Auswege; Philipp Lepenies; C.H.Beck 2017
.) Zwangsgeräumt: Armut und Profit in der Stadt; Matthew Desmond; Ullstein 2018
.) Wohlstand und Armut der Nationen: Warum die einen reich und die anderen arm sind; David Landes; Pantheon Verlag 2009

Links:

- www.sozialministerium.at
- www.boeckler.de/wsi-tarifarchiv_2275.htm
- www.statistik.at
- ec.europa.eu/eurostat/de/home
- www.budgetberatung.at
- www.der-paritaetische.de/
- www.armutskonferenz.at
- www.agenda-austria.at
- www.forschungsnetzwerk.at
- www.meinpflegeplatz.at
- www.biblio.at
- www.bewusst-und-sein.at

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Jaaaaa – Urlaub!!!

Cook it, boil it, peel it or forget it

Sommerzeit ist immer auch Reisezeit – die schönste Jahreszeit hat begonnen. Auch wenn es immer mehr werden, die es sich schlichtweg nicht mehr leisten können, zieht es sehr viele in’s Ausland. Doch: Andere Länder, andere Sitten und andere Gefahren! Denn, was bringt Ihnen der schönste Urlaub, wenn Sie ein bleibendes Andenken mit nach Hause nehmen oder mit Magen-Darm-Infektion nie aus dem Hotel gekommen sind. Gerade mit viralen oder bakteriellen Erkrankungen ist meist nicht zu spassen. Hier gilt es, einige grundsätzliche Regeln einzuhalten, damit die schönste Zeit des Jahres nicht zum Reinfall des Jahres wird.
Heute möchte ich Sie über das Hepatitis B-Virus (HBV) informieren, das es tatsächlich in sich hat. Gegen Ende des Blogs gibt’s noch eine Kurzbeschreibung der anderen, die aber ebenfalls nicht unterschätzt werden sollten, da ein solcher Krankheitsverlauf im Extremfall auch letal enden kann. 1985 wurde das B-Virus entdeckt: Ein 42 nm grosses, partiell doppelsträngiges DNA-Virus, das zur Familie der Hepadnaviridae gehört. Seither werden alle Blutkonserven auf den Virus hin getestet. Im Jahr 2013 fanden Forscher durch Vogelüberreste heraus, dass der B-Typ sehr alt sein muss. Virale Genbruchstücke verändern sich nur ganz langsam – deshalb konnten diese auch in solch prähistorischen Fundstücken nachgewiesen werden – 82 Millionen Jahre alt! In der Zeit der Dinosaurier! In den folgenden Millionen Jahren gab es dann den Wirtswechsel – von den Vögel auf die Säugetiere. Schon mal ein Hinweis, wie hartnäckig dieser Virus tatsächlich ist. Hepatitis B zählt zu den weltweit häufigsten Viruserkrankungen – bei rund 40 % der Weltbevölkerung sind Antikörper gegen das Virus zu finden (Deutschland: 5-8 %) oder sie zeigen bereits Krankheitssynptome. Übertragen durch Körperflüssigkeiten (Blut, Speichel, Ejakulat, Tränen, Vaginalsekret) greift HBV vornehmlich die Leber an. Eine solche akute Leberentzündung heilt normalerweise folgenlos aus. Sind diese HBVs jedoch länger als 6 Monate im Blut des Betroffenen zu finden, so spricht man von einer chronischen Entzündung (in Deutschland rund 500.000 Menschen), die v.a. bei Neugeborenen und immungeschwächten Personen (Chemo-Therapie oder HIV) kritisch verlaufen kann. Neben der Übertragungsmöglichkeit bei der Geburt oder über die Muttermilch geschieht die häufigste Infektion beim Geschlechtsverkehr (40-70 %), aber auch etwa beim mehrfachen Gebrauch von Nadeln (Drogenmissbrauch, unsauberen Tätowierungen) oder Piercings bzw. Rasuren und Zahnbürsten. Geographisch finden sich die häufigsten Erkrankungen in den Ländern der Dritten Welt bzw. den Schwellenländern (Afrika, Asien, Südamerika). Bei medizinischem Personal zählt Hepatitis B zu den häufigsten Berufserkrankungen.
Die Inkubationszeit erstreckt sich auf 60 bis 120 Tage. Die Symptome sind unterschiedlich. Meist beginnt die Krankheit mit typischen Grippe-Symptomen, wie Unwohlsein und Übelkeit, Appetitlosigkeit und Erbrechen, Gelenkschmerzen – zeitweise auch mit Fieber. Danach färbt sich der Urin dunkel und die Haut gelb (Gelbsucht bzw. Ikterus). Letzteres verblasst 2-4 Wochen nach dem Krankheitshöhepunkt wieder. Der Krankheitsverlauf ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Normalerweise wehrt sich der Körper gegen die Viren und bildet Antikörper, welche die Krankheit ausmerzen (in 90 % der Fälle). In einem schweren Verlauf jedoch kann es zu Leberversagen und somit der Vergiftung des Körpers kommen. Bei infizierten Kindern geht die akute Erkrankung meist in eine chronische über, was in weiterer Folge zu einer Leberfibrose (bindegewebige Veränderung) oder auch einer Leberzirrhose (Schrumpfleber) bzw. einem Leberzellkarzinom (Krebs) führen kann. Während all dieser Monate ist der Betroffene ein Ansteckungsherd! Bei einem solchen chronischen Verlauf empfehlen die Mediziner eine antivirale Therapie (meist eine Interferon-Therapie, die nach 48 Wochen beendet ist), wobei allerdings eine Komplett-Heilung niemals machbar sein wird, da immer virales Erbgut in der Leber bleiben wird.
Normalerweise werden Kinder zwischen dem 2. Lebensmonat und dem 18. Lebensjahr gegen Hepatitis B kostenlos geimpft. Im Erwachsenenalter gilt dies nur für medizininisches Personal, Drogenabhängige, Homosexuelle und etwa Patienten mit Vorerkrankungen bzw. Angehörigen von Erkrankten. Alle anderen müssen die Kosten selbst tragen. Ansonsten ist die Übertragung bei Verwendung eines Kondoms während des Geschlechtsverkehr, normaler Hygiene-Massnahmen und der Verwendung von eigenen Hygiene- bzw. Körperpflege-Geräten eher unwahrscheinlich. Insgesamt sind drei Impfungen zur Immunisierung notwendig. Vier bis sechs Wochen nach der ersten erfolgt die Zweite, sechs bis zwölf Monate nach dieser dann die dritte. Der Impfschutz dauert nun 10 bis 25 Jahre. Die Immunisierung gilt übrigens auch für Hepatitis D – zudem wird häufig ein Kombinationsimpfstoff gegen Hepatitis A verwendet! Die rund 50 € pro Teilimpfung
sind jedoch gut investiert. Wurde die Krankheit einmal überstanden bieten die Antikörper lebenslangen Schutz. Allerdings kann sich der Virus auch als “Schläfer” in die Leber zurückziehen und bei einer Immunschwäche erneut ausbrechen.
Neben dem Hepatitis B-Virus gibt es jedoch noch zahlreiche andere Virenstämme, die sehr gefährlich werden können:
.) Der A-Stamm
Bereits 1965 entdeckte die Wissenschaft dieses Virus. Das gefährliche an diesem A-Stamm ist, dass er sehr widerstandsfähig ist. Temperaturen und auch so manches Desinfektionsmittel ist ihm nahezu egal. Dadurch kann er zu grossen Epidemien führen.
.) Der C-Stamm
1988 wurde dieser Virus (HCV) nachgewiesen. Von ihm gibt es 6 Genotypen und 80 weitere Subtypen. In Europa am meisten verbreitet ist der Genotyp 1. Mit sog. “Proteasehemmern” bestehen gute Heilungschancen, spricht der Virus doch auf die normale Interferon-Therapie so gut wie nicht an. Jährlich infizieren sich weltweit rund 2-3 Mio Menschen mit HCV – insgesamt dürften es inzwischen 130 bis 170 Mio sein, bei welchen der Krankheitsverlauf chronisch wurde – das sind zirka 2-3 % der Weltbevölkerung (in Deutschland konnten bei 0,4 % der Einwohner Antikörper festgestellt werden). Hepatitis C gilt als “lautlose Krankheit”. Rund drei Viertel der Infizierten entwickeln einen chronischen Verlauf, der nach etwa 30 bis 50 Jahren zur Leberzirrhose oder Leberkrebs führt. Viele Infizierte bemerken die Symptome gar nicht (“hinterhältige Erkrankung – Sniper Disease”). HCV ist meldepflichtig, doch verzeichnet das dafür verantwortliche Robert-Koch-Institut Berlin einen Rückgang der Erkrankungsfälle (5.302 im Jahr 2010/4.998 im Jahr 2011)
.) Der D-Stamm
Hierbei handelt es sich um ein defektes Virus, das nur gemeinsam mit B-Viren auftritt (Simultaninfektion). Kommt es nun zu einer zusätzlichen D-Infektion, so spricht der Experte von einer “Superinfektion”, die allerdings im deutschsprachigen Raum eher selten ist. Sie tritt vornehmlich in Süd-, Südosteuropa, Südamerika und Afrika auf. HDV erhöht das Risiko für Leberzirrhose oder -krebs! Deshalb sollte es auf jeden Fall antiviral bekämpft werden.
.) Der E-Stamm
Dieser E-Virus überträgt sich nahezu ausschliesslich über Trinkwasser, das mit menschlichen Fäkalien kontaminiert ist. Betroffen davon sind vornehmlich Erwachsene in den Ländern der Dritten Welt. Diese Erkrankung dauert rund 2-3 Wochen – ein chronischer Krankheitsverlauf ist nicht bekannt. Gefährlich kann es allerdings in der Schwangerschaft werden, sind doch einige Fälle von Fehl- bzw. Totgeburten bekannt. Auch ein folgendes Leberversagen kann in 10-20 % der Fälle tödlich enden. Durch ein Abkochen des Wassers kann präventiv eine Infektion verhindert werden.

PS: Um dem vorzubeugen, dass sich wieder eine Flut von Mails über mich ergiesst – im deutschen Sprachgebrauch ist sowohl “der Virus” als auch “das Virus” gebräuchlich! Wer es genau wissen möchte, dem sei der Duden an’s Herz gelegt!

Literatur:

Medizinische Virologie. A. Erhardt/W. H. Gerlich/Wolfram H. Gerlich (Hrsg.); 2. Auflage, Georg Thieme Verlag, 2010, ISBN 3-13-113962-5

Links:

http://www.hepatitis.de

http://www.kompetenznetz-hepatitis.de/

http://www.rki.de

http://www.uni-giessen.de

http://www.gib-aids-keine-chance.de

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