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Weihnachten? Früher war’s anders…

Die heiligste und schönste Zeit im Christentum steht unmittelbar bevor: Weihnachten! Nach alter Überlieferung wurde in einem Stall zu Bethlehem das kleine Christuskind geboren, das die Menschheit durch seinen Tod am Kreuz von der Erbsünde befreien soll. Die vielen Unklarheiten, wie etwa die “unbefleckte Empfängnis” oder auch die automatische Weiter-gabe der Erbsünde (theoretisch müssten ja dann auch alle Vertreter Gottes davon betroffen sein) wollen wir heute mal ausser Acht lassen. Trotzdem möchte ich einige Jahrzehnte in der Geschichte zurückgehen, als es noch nicht den adventlichen Kaufrausch, Glühwein und Punsch, die Weihnachtsmärkte, den Kitsch und Plunder und den Weihnachtsmann gab. Dies sind alles Erfindungen der letzten Dekaden. Übrigens – wenn das Christkind noch am ehesten mit Weihnachten im ursprünglichen Sinn zu tun hat, so sind auch Adventskalender, Adventskranz und der Christbaum selbst Erfindungen.
Der Adventskalender geht beispielsweise auf das 19. Jahrhundert zurück – vermutlich auf das Jahr 1851. Ursprünglich sollte er einen Countdown hin zur Geburt Christi darstellen. So wurde ab dem ersten Advents-sonntag jeden Tag ein anderes Bild aufgehängt oder die Kinder konnten pro Tag einen Kreidestrich am Türpfosten wegwischen. Später wurde der Kalender mit Schokolade säkularisiert und damit auch kommerzialisiert. Der Adventskalender selbst ist eigentlich lutherischen Ursprungs und hatte weihnachtliche Motive, Sprüche und Bilder hinter den Türen versteckt. 1902 erschien der erste gedruckte Kalender, verkauft durch die Evangelische Buchhandlung in Hamburg. Den ersten Kalender mit 24 “Wibele” (Gebäck) stellte die lithografische Anstalt Reichhold & Lang in München her. Heuer hatten die Schokoladekalender bereits im Oktober in den Regalen der Supermärkte Premiere! Im Alpenraum übrigens gehört es zum Brauch, dass sich der Ort vor einem Haus mit Fenstern versammelt, die als Kalendertürchen verwendet werden. Zu Glühwein, Punsch und Selbstgebackenem wird dann abends jeweils ein Fenster geöffnet. Auch lebendige, begehbare Kalender finden immer wieder Verwendung – stets bei einem anderen Gastgeber. In der Schweiz heißen sie “Adventskalender im Quartier”. Dort werden Weihnachtsgeschichten erzählt und Lieder gesungen. Das 24. Türchen ist das Portal der Kirche.
Auch der Adventskranz geht auf die lutherische Kirche zurück. Der erste Kranz soll vom evangelisch-lutherischen Theologen Johann Hinrich Wichern in Hamburg aufgestellt worden sein. Damals verwendete er ein Wagenrad mit 20 kleinen und vier grossen Kerzen. Seit 1860 besteht der Kranz aus Tannenzweigen – ein Wagenrad im Wohnzimmer war dann doch etwas zu mühsam! 1925 wurde der erste Adventskranz in einer katholischen Kirche in Köln aufgehängt. Was nun wirklich mit dem Kranz ausgedrückt werden soll – darüber sind sich die Gelehrten uneins. Zunahme des Lichts auf dem Globus je näher Christi Geburt rückt? Der Kreis als Symbol für das ewige Leben? Farbsymbolik (grün – die Farbe der Hoffnung und des Lebens; drei violette Kerzen – die rosa Kerze wird am 3. Adventssonntag “Gaudette” angezündet). Oder – wie in Schweden: 1 weisse Kerze für den ersten Adventssonntag und drei violette, in Norwegen sind alle violett! Oder in Irland: 3 violette, eine rosa und eine weisse Kerze, die in der Mitte steht und am 24. Dezember angezündet wird. Übrigens werden normalerweise die Kerzen alle gegen den Uhrzeigersinn abgebrannt.
Zum Christbaum als DAS Symbol für Weihnachten schlechthin!
Wann genau der Tannenbaum Einzug in die Wohnstuben gehalten hat, ist unklar. Möglicherweise findet er erstmals 1419 urkundliche Erwähnung, als die Bäckerschaft von Freiburg einen Baum mit vielerlei Naschwerk behängt haben soll, das die Kinder nach dem Abschütteln zu Neujahr essen durften. Eindeutig belegt hingegen sind Aufzeichnungen von 1695 aus dem Elsass, als erstmals beschrieben wurde, wie ein “Dannenbaum” zu Weihnachten behängt werden soll. Seither hat sich viel getan – so kamen etwa 1830 die Christbaumkugeln hinzu. Im 19. Jahrhundert begann von Deutschland aus der Siegeszug um die Welt. Die ersten Bäume übrigens standen ebenfalls in evangelischen Kirchen. Der Christbaum auf dem Petersplatz in Rom ist erst seit 1982 Tradition. Seither kommt der Baum für den Papst jedes Jahr aus einer anderen Region – heuer stammt die 23 m hohe und 4,5 Tonnen schwere Fichte aus der von den diesjährigen Unwettern schwer betroffenen nord-italienischen Stadt Pordenone – ihre letzte Fahrt führte sie über 600 Kilometer nach Rom. Ein österreichischer Baum steht jedes Jahr vor dem EU-Parlament in Brüssel. Die 17 Jahre alte und 3,5 Meter hohe Nordmanntanne aus Niederösterreich hatte es etwas einfacher: Sie wurde geflogen! Die Illuminierung eines solchen Baumes ist in jeder Stadt etwas besonderes. Während der Weihnachtsbaum in katholischen Haushalten bis zum 02. Februar steht (Lichtmess), wird er in evangelischen Haushalten bereits am 06. Januar abgeputzt. Danach landet er entweder im Biomasse-Kraftwerk (Wien) oder im Zoo bei den Tieren (München). Der Baum gilt in allen Kulturen als Zeichen für Lebenskraft und Gesundheit. In Kärnten wird seit den 60er Jahren von Tauchern ein geschmückter Christbaum im Wörther See, später auch im Neufelder See versenkt und am Boden befestigt. Er dient dem Gedenken an die im See Ertrunkenen.
In Deutschland stand die Rotfichte als ursprünglicher Christbaum in den Wohnzimmern, seit Jahren jedoch sind die Nordmanntannen am beliebtesten, gefolgt von der Blaufichte, der Fichte, der Rotfichte, der Edeltanne, der Kiefer und der Douglasie. Einige Exoten wie die Korea-Tanne oder die Colorado-Tanne sind ebenfalls mancherorts zu entdecken. Alleine in Deutschland werden jedes Jahr nicht weniger als 27 Mio Christbäume geschmückt (in Österreich 2,8 Mio – 90 % davon aus heimischem Anbau). In deutschen Landen hingegen kann diese Menge gar nicht mehr selbst aufgezogen werden, benötigt doch eine Nordmanntanne rund 15 Jahre bis sie Zimmerhöhe erreicht hat. Sehr viele Bäume kommen aus Dänemark. Nordmanntannen sind schön und gleichmässig gewachsen und verströmen den typischen Tannenduft. Zudem nadeln sie weniger als etwa die Fichte. Die Blaufichte hingegen besitzt stahlblaue bis grünliche Nadeln und wächst etagenförmig. Damit verträgt sie auch einiges an Chrisbaumschmuck. Die Rotfichte ist aufgrund ihres kegelförmigen Wachstums der klassische Christbaum. Sie verliert jedoch schon nach wenigen Tagen die Nadeln. Sehr lange hingegen bleibt die Kiefer frisch, doch spielt sie eher eine untergeordnete Rolle. Ihre Nadeln werden bis zu 15 cm lang und sind in Büscheln beieinander.
Egal, welchen Baum Sie auch immer wählen: Wenn er auf dem Autodach transportiert wird, sollte er gut festgegurtet sein – und auf jeden Fall die Spitze nach hinten!
Ein Brauchtum, der nichts mit der Religion zu tun hat, trotzdem aber besonders im Alpenraum sehr verankert ist, sind die Rauhnächte. Dabei handelt es sich um die 12 Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem Dreikönigstag. Hinzu kommen unter Umständen (je nach Region) auch die “Thomasnacht” vom 21. auf den 22. Dezember (Wintersonnenwende) und die Christnacht vom 24. auf den 25. Dezember. Der Ursprung dieser Nächte geht auf die alten Germanen oder gar noch weiter zurück und wird erstmals schriftlich im 16. Jahrhundert erwähnt. So berichtet 1520 Johannes Boemus und vierzehn Jahre später auch Sebastian Franck vom “Beräuchern”. Dabei gehen der Dorfpriester oder der Hofbauer mitsamt der Familie durch alle Zimmer sowie die Stallungen des Hauses und beräuchert diese mit Weihrauch. Währenddessen werden Gebete gesprochen. Das soll das Haus und seine Bewohner vor Geistern und Bösem bewahren. Doch war das noch lange nicht alles. Zu Silvester soll das Geisterreich offenstehen, Zauberer verwandeln sich in Werwölfe und fallen über den Menschen und dessen Vieh her. Zum Jahreswechsel beginnt aus diesem Grunde eine “wilde Jagd”. In den Alpen zeigt sich dies in den Perchtenläufen, in Norddeutschland im Rummelpottlaufen. Auch das Silvesterfeuerwerk soll die bösen Geister vertreiben. Es wird in der Mitte der Zwölfnächte um 12.00 Uhr abgebrannt. Das ist übrigens auch eine perfekte Zeit für Vorhersehungen und Orakeln – das erklärt das Bleigiessen zu Silvester. In den vier wichtigsten Rauhnächten darf zudem keine weisse Wäsche zum Trocknen aufgehängt werden. Reiter, die vorbeikommen, könnten sich einerseits in den gespannten Leinen verfangen und andererseits die weissen Tücher als Leichentuch mitnehmen. Weisse, weibliche Unterwäsche würde sie anlocken, heisst es in der Legende, die dann über die Frauen herfallen. Es gibt noch vieles mehr, das in den Rauhnächten nicht gemacht werden darf. Die Perchten überprüften die Einhaltung der Verbote und bestraften gegebenenfalls die Betreffenden mit Schlägen und Hieben.
Nicht unerwähnt bleiben sollte das “Glöckeln” (in Bayern auch “Klöpferlsingen”). Dabei marschiert zumeist eine Gruppe von Haus zu Haus und singt dort uralte Brauchtumslieder. Belohnt wird dies mit einem Einkehrschwung mit Getränken und Selbstgebackenem. Während diese Tradition in Tirol wiederentdeckt wird, ist sie übrigens auch in den USA ein fixer Bestandteil von Weihnachten.
Apropos – werfen wir einen Blick über den Tellerrand! Wie wird Weihnachten in anderen Ländern gefeiert?
Im British Empire liefert “Father Christmas” (in Nordamerika auch “Santa Claus”) die Geschenke in der “Christmas Eve” direkt unter den Weihnachtsbaum. Am “Christmas Day” trifft sich die ganze Familie zum Weihnachtsmahl. Die Queen hält jedes Jahr an Heiligabend eine Weihnachtsansprache, der Gottesdienst “Nine Lessons and Carols” aus dem Cambridger “King’s College” ist auf den britischen Inseln die quotenträchtigste Sendung des Jahres und dank BBC auch auf der ganzen Welt zu empfangen.
In Frankreich beschenkt Père Noël die Kinder. Dazu müssen sie ihre Stiefel vor die Türe stellen. Alsdann wird richtig aus dem Vollen geschöpft und ausgiebig geschlemmt: Muscheln, Gänseleber, Truthahn und viel Wein. Als Dessert gibt es schliesslich das “bûche de Noël”, ein traditionelles Weihnachtsgebäck aus Biskuit und Schokoladen-Butter-crème.
In Schweden beginnen die Weihnachtsfeierlichkeiten mit dem Luciafest am 13. Dezember. Zu Heiligabend trifft sich die Familie zum Jolbrod – genau: Zum Essen! Dazu werden allerlei Süssigkeiten gereicht und Glögg getrunken, eine Art Glühwein mit Beeren und Mandeln. Die Geschenke brachte früher der heidnische Julbock – heute ist es der Jultomte. Den Abschluss von Weihnachten bildet der Besuch der Frühmesse am Christtag.
Das Julbord gibt’s im benachbarten Norwegen bereits in der Vorweihnachtszeit. Im Land der Rentiere wird am Heiligabend ebenfalls diniert – mit Rippchen, Sauerkraut, Kartoffeln und Steckrüben. Die Geschenke bringt der Julenissen – jedoch nur für all jene Kinder, die das Jahr über brav waren. Der Jüngste der Familie darf sie verteilen. Die Pfarrer freuen sich, sehen sie doch zu Weihnachten viele unbekannte Gesichter unter den Besuchern ihrer Gottesdienste. Der 25. ist ein ruhiger Tag, am Stephanstag hingegen gibt’s allerorts Parties und verkleidete Kinder, die nach Süssigkeiten verlangen.
In Tschechien bringt das Jesuskind (“Ježíšek”) die Geschenke, die nach dem Weihnachtsessen am Heiligabend ausgepackt werden. Tagsüber darf nichts gegessen werden, damit die Kinder ein goldenes Ferkelchen (“Zlaté prasátko”) sehen können, sagen zumindest die Eltern. Ein mehr als interessanter Brauch wird ausserdem gefeiert: Mädchen werfen Schuhe über ihre Schultern. Zeigt die Schuhspitze zur Tür, steht eine baldige Heirat bevor. Geht der Fussboden dabei zu Bruch, war es wohl ein Schischuh!!!
Im eisigen Russland bringt Väterchen Frost mit seiner Enkelin Snegurotschka den Kindern die Geschenke. Dabei fährt er in einem von drei Pferden gezogenen Schlitten. Die Russen feiern Weihnachten allerdings entsprechend des Julianischen Kalenders erst am 07. Januar. Nachdem die Kommunisten jahrzehntelang den Weihnachtsbrauch unterdrückten, steht auch im Osten das “Heilige Mahl” am Heiligabend im Zentrum. Es besteht aus 12 Gerichten – das entspricht der Anzahl der 12 Apostel. Zar Peter der Grosse übrigens brachte von einer seiner Reisen auch den Weihnachtsbaum nach Russland mit.
Jenseits des grossen Teiches sind die Traditionen etwas anders. So erhalten etwa die Kinder in Argentinien ihre Geschenke erst durch die Heiligen Drei Könige am 08. Januar. Zu diesem Zweck lassen sie ihre Schuhe unter dem Bett stehen, die dann mit Süssigkeiten gefüllt werden. In allen anderen südamerikanischen Ländern hingegen werden die Geschenke tatsächlich zum christlichen Weihnachtsfest vom Papai Noel (Brasilien), dem Viejo Pasquero (einem alten chilenischen Hirten) oder dem Niño Dios (dem kolumbischen Jesuskind) gebracht. Ansonsten ähneln die Bräuche den europäischen. In El Salvador gibt’s ein Riesen-Feuerwerk, in Guatemala wird mit der ganzen Familie um einen Hut (“Purtina”) getanzt, in Mexiko finden Prozessionen statt.
In Indien ist der “bada din” (“Der Grosse Tag”) ein offizieller Feiertag. Weihnachten auf indisch heisst “Santa Claus” – das Fest ist mit jenem in den USA zu vergleichen. Grossartig ist, dass sich auch Hindus an den christlichen Gepflogenheiten wie Krippenspielen etc. beteiligen. Die Weihnachtsfeiern gehen schliesslich nahtlos in die Neujahrsfeiern über.
Auf dem afrikanischen Kontinent wird Weihnachten grossteils nicht gefeiert. Nur dort, wo Christen leben, erinnern sich die Menschen an die Geburt Jesu. In Ägypten etwa, bei den koptischen Christen, wird am 7. Januar nach der Mitternachtsmesse ein grosses Essen veranstaltet. Gereicht wird Fisch (“Bouri”), ein Gebäck (“Zalabya”) und mit Kreuzen versehene Kekse (“Kahk”). Mit dem 08. Januar beginnt dann eine Fastenzeit, die über vierzehn Tage andauert. Der 07. Januar ist in Ägypten (noch) ein gesetzlicher Feiertag.
In Australien und Neuseeland ähneln sich die Feierlichkeiten jenen aus Grossbritannien bzw. den USA. Zusätzlich finden in allen Städten grosse Paraden statt. Der Schlitten des Weihnachtsmannes wird von weissen Känguruhs gezogen, das Weihnachtsessen findet in Form von Barbecues oder Picknicks am Strand statt, während Santa Claus auf dem Surfbrett sein Können demonstriert. Auf den Tellern finden sich Truthahn und Plumpudding. Seit 1938 kommen zu Heiligabend auch Menschen zusammen, die gemeinsam zum Kerzenlicht Weihnachtslieder singen (“Carols by Candlelight”).
Sie sehen also, werte Leser, gefeiert wird überall. Zumeist auch im Kern gleich. Doch denke ich, dass es schade um das Fest selbst ist, wenn dies immer mehr kommerzialisiert wird. Wochenlang auf der Suche nach dem richtigen Geschenk, Stress mit dem Backwerk und Streiterei mit der Verwandten. Würde so manche Familie aus den unterschiedlichen Traditionen und alten Brauchtümern Anleihen für Weihnachten ziehen, käme auch unsereins wieder davon ab, nach der Bescherung die Joysticks der Playstation nicht mehr aus der Hand zu geben, abwesend in das Galaxy einzutippen oder mit dem neuen I-Pad die ohnedies schon bekannte Welt des WWWs stundenlang zu bereisen!

Mit diesen Worten möchte ich Ihnen allen ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein gesundes Jahr 2019 wünschen! Vielen Dank für Ihre Treue! Den nächsten Blog gibt’s am 04. Januar 2019!

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Na denn: Lasst es Euch schmecken!!!

Es weihnachtet bereits allernortes. Deshalb möchte auch ich der Tradition nachkommen und den letzten Blog in diesem Jahr einem Weihnachtsthema widmen. Über die Traditionen, die Rauhnächte und die unterschiedlichsten Weihnachtsbräuche habe ich an dieser Stelle schon berichtet. Deshalb möchte ich heute mal “Häferlgucker” spielen und mich in den Töpfen dieser Welt umschauen: Was kommt traditionell zum Fest auf den Tisch! Eine Empfehlung noch vorweg: Lesen Sie diese Zeilen bitte, wenn Sie erst vor kurzem gegessen haben, ansonsten werden Sie Appetit bekommen – wie auch ich während des Schreibens.
Besonders vielfältig werden im Alpenstaat Österreich die Messer gewetzt. War ansonsten früher eher Schmalhans Küchenmeister, da es an den meisten Bauernhöfen nur am Sonntag Fleisch gab, so lässt sich gerade zum Fest der Feste niemand lumpen. Das kommt daher, dass in Österreich Weihnachten stets ein Fest der Familie war. Aus allen Ecken und Enden dieses Globusses strömen die Familienmitglieder zusammen und Muttern kommt an den Feiertagen nicht vom heimischen Herd weg. Trotzdem wird einmal im Jahr das über Jahrhunderte vererbte Silberbesteck aus der Wohnzimmervitrine geholt.
In der Steiermark beispielsweise werden zum Heiligen Abend kalte Platten gereicht, in manchen Häusern auch Würstel oder Fisch. Allerdings sehr dezent, ging doch die Fastenzeit bis zur Christmette. So wirklich in’s Volle griff die Chefköchin seit je her dann am Christtag und dem Stefanitag. Sehr häufig wechselt sich der Braten mit der gefüllten Gans ab. Und das alles selbstverständlich nicht ohne das orange Gold des Landes: Dem Kürbis! Egal ob in Form des köstlichen Kürbiskernöls im Salat oder mit der Kürbiskernkruste beim Braten. Den Abschluss bilden meist Desserts mit den Weihnachtsgewürzen Zimt und Vanille oder auch die sog. Potitzen. Dies sind Hefe- oder Strudelteigkuchen mit einer Füllung aus gemahlenen – na? – genau – gemahlenen Kürbiskernen oder auch Nüssen.
In Kärnten werden nach der Bescherung Selchwürstel mit Sauerkraut und Schwarzbrot gereicht. Danach steht der Kärntner Reindling auf dem Speiseplan. Ein Guglhupf mit einer Nuss-Mohn-Rosinenfüllung.
Die Bundeshauptstadt Wien und auch das angrenzende Bundesland Niederösterreich mögen’s am ehesten klassisch: Karpfen oder Bratwürste zu Heiligabend. Dazu: “Erdäpfelsalat” (Kartoffelsalat) und manches Mal auch Sauerkraut. Der Donau flussaufwärts in Oberösterreich hat die Schnittlsuppe zu Heiligabend Tradition. Dies ist eine Brotsuppe mit gekochtem Schweinefleisch. Im Burgenland stärkt sich die Familie vor der Christmette zumeist mit geräuchertem Lachs. Ebenso lukullisch eher weniger spektakulär ist der Heiligabend in den drei westlichen Bundesländern. In Salzburg bestimmt die “Würstelsuppe” das Geschehen, eine Rindsuppe mit Frankfurtern, Mettwürsten oder auch Weißwürsten. In den Gauen (Pongau, Pinzgau und Lungau) wird das sog. “Bachlkoch” serviert, eine mit Honig eingerührte und eingekochte Mehl-Milchsuppe. In Butter herausgebraten wird das Ganze mit Mohn bestreut und verzehrt. In Tirol löffeln Klein und Gross ebenso eine Suppe – eine Nudelsuppe mit Würsteln. Und im “Ländle”, in Vorarlberg werden frische Kalbsbratwürstel oder Hauswürste (geräucherte Mettenwürste) mit Sauerkraut oder italienischem Mayonaisesalat dargeboten. An den folgenden Feiertagen besteht dann nahezu kein Unterscheid zwischen den Bundesländern: Braten oder Gans mit Rotkraut und zumeist Kartoffelknödel. Im Burgenland verschönert auch schon mal der eine oder andere Tafelspitz mit Apfelkren den Festtagstisch.
Apropos Weihnachtsgans: Die Tradition aus dem deutschsprachigen Europa kommt eigentlich ursprünglich aus England. Der Legende nach soll Queen Elisabeth I. anno 1588 gerade ihren Gänsebraten verzehrt haben, als man ihr die Botschaft übermittelte, dass die spanische Armada von der englisch-königlichen Marine bezwungen worden sein soll.
Der Karpfen ist allerdings eine tatsächlich uralte christliche Tradition. Damit die 40-tägige Fastenzeit eingehalten werden konnte, griff man auf etwas vermeintlich “vegetarisches” zurück – dem Karpfen! Er wird zumeist mit Kartoffel- oder Gurkensalat bzw. gekochten Kartoffeln gereicht. Schliesslich wollte man damit ja die Geburt Christi gebührend feiern. In diesem Zusammenhang ranken sich die unterschiedlichsten Mythen: Steckt man die Schuppen des Fisches in die Jackentasche, so erwartet einen wenige Tage später ein Geldsegen. Die Gräten des Fisches werden am Christtag unter einen Obstbaum gelegt, damit dieser im Frühling wieder kraftvoll wachsen kann.
Übrigens haben auch die Würstchen mit Sauerkraut einen religiösen Hintergrund: Damit soll auf die Armut von Maria und Joseph hingewiesen werden, die das Christuskind zu Bethlehem in einem Stall zur Welt brachten.
Auch in deutschen Landen ist der Heiligabend in den meisten Regionen noch eher kleingehalten: Würstchen mit Kartoffelsalat oder inzwischen auch Fondue oder Raclette – damit die ganze Arbeit nicht nur an Muttern hängen bleibt. An den Feiertagen dann ebenso die Weihnachtsgans (gefüllt mit Zwiebeln, Äpfeln und Maroni) mit Rotkohl und Kartoffelklössen oder der Weihnachtskarpfen. Nur in wenigen Regionen wird bereits an Heiligabend gross aufgetischt.
Die Schweizer mögen’s gerade zu Heiligabend sehr gesellig. Zwischen Genfer- und Bodensee sorgt entweder das Fondue chinoise (mit Rind- und Hühnerfleisch) oder das Raclette für einen gemütlichen Abend im Kreise der Lieben. Früher wurde der Raclettekäse übrigens am offenen Feuer geschmolzen und dann direkt vom Laib auf den Teller geschabt. Heute geht das mit den Raclette-Grills ganz einfach. Als Beilagen empfiehlt der Chef de Cuisine Suisse Kartoffeln, Gemüse bzw. Mais.
Und damit verlassen wir die deutschsprachige Küche und schauen sozusagen “über den Tellerrand” auch in andere festlich geschmückte Wohnzimmer. Am besten alphabetisch, damit sich niemand benachteiligt fühlt.
Das Weihnachtsfest in Down Under – etwas ganz besonderes, denn während sich in unseren Gefilden das Christkind einen Weg durch den Schnee schaufeln muss, feiern die Aussies Weihnachten bei sommerlichen Temperaturen am Strand. In T-Shirt und Badehose. Ähnlich wie in Grossbritannien und den USA ist eigentlich der Christtag der Haupttag des Festes. Der Stefanstag wird als “Boxing Day” bezeichnet – der Beginn der Sommerferien. Dennoch wird am Heiligabend im Kreise der Familie gegessen. Zumeist ist es ein Putenbraten mit anschliessendem Plumpudding. Allerdings stehen auch Fisch bzw. Seafood auf dem Speiseplan. Der Christtag findet zumeist am Strand oder im Park beim BBQ statt.
Der Haupttag des Weihnachtsfestes in Bulgarien ist ebenfalls der 25. Dezember. Zuvor müssen Herr und Frau Bulgare durch 40 Fastentage (beginnend am 15. November) hindurch. Deshalb fällt das Mahl am 24. Dezember auch fleisch- bzw. fischlos aus. Nach den traditionellen Linsen gibt es nur vegane Gerichte aus Bohnen, Paprika, Nüssen und Äpfeln. Ähnlich dem hiesigen Bleigiessen zu Silvester werden Nüsse geknackt – deren Inhalt dient als Orakel für das kommende Jahr. Danach übergibt der Älteste am Tisch jedem Brot, in dem jeweils eine Münze eingebacken ist. Nach dem Heiligabend geht es auch in Bulgarien wieder etwas deftiger weiter.
Der kulinarische Höhepunkt der dänischen Weihnacht ist der 23. Dezember: “lillejuleaften”! An diesem Tag trifft sich die Familie zur gefüllten Gans oder auch Ente mit Weisskohl und kandierten Kartoffeln. Ganz besonders ist dann die Nachspeise: “Ris à l’amande”, Milchreis mit gehackten Mandeln, Sahne und Kirschsoße. Allerdings ist in diesem Reistopf auch eine ganze Mandel versteckt. Wer sie entdeckt, erhält ein kleines Geschenk. Getrunken wird das eigens zu diesem Zweck gebraute Weihnachtsbier oder der “Gløgg”. Dieser Verwandte des Glühweins besteht aus Rotwein, Aquavit, Mandeln, Rosinen und Gewürzen – und der hat’s wirklich in sich.
Im Feinschmeckerland Frankreich wird am Heiligabend noch bis zum Abend gearbeitet. Danach allerdings beginnt nach der kirchlichen Abendmesse der Weihnachtsschmaus (“Réveillon”). Nicht immer übrigens zuhause, manche bevorzugen das Restaurant. Dieser Höhepunkt des kullinarischen Weihnachtsfestes kann auch schon mal über mehrere Stunden hinweg andauern. Verspeist wird dabei Truthahn mit Kastanien oder Kapaun mit Pflaumen. Danach kommt mit dem “Buche de Noel” der Weihnachts-Baumkuchen auf den Tisch. Eine uralte französische Tradition, brachte doch früher jeder Gast einen “Baumstamm” mit, damit das Haus des Gastgebers geheizt werden konnte.
Die Griechen, zumindest jene, die es sich nach den finanziellen Achterbahn-Jahren noch leisten können, verbinden das Nützliche mit dem Angenehmen: Gereicht werden zu Heiligabend Kekse bzw. Plätzchen! “Kourabiedes”, ein Gebäck mit griechischen Mandeln und Puderzucker (symbolisiert die Reinheit des Christuskindes). Auch “Melomakarona” (mit einem speziellen Sirup gebackene Kekse) dürfen bei keinem Weihnachtsfest fehlen. Ansonsten ist der Heiligabend kulinarisch eher ruhig, da die Jugend bis in die Nacht hinein von Haus zu Haus zieht und die Botschaft der Geburt Christi verkündet.
Auf den britischen Inseln bringt der Weihnachtsmann die Geschenke ebenfalls in der Nacht auf den 25. Dezember. Er kommt durch den Kamin, die Socken werden deshalb dort aufgehängt. Zu Heiligabend ist nichts besonderes geplant, das Festessen findet am Christtag statt. Serviert wird am festlich geschmückten Tisch meist ein mit Äpfeln und Backpflaumen gefüllter Truthahn oder Hackbraten mit Brot. Danach gibt’s den bekannten Plumpudding, in dem für die Kinder kleine Geschenke versteckt sind. Zwischen den Mahlzeiten sorgen Eierpunsch und Früchtekuchen für die richtige Stimmung.
In Island beginnen die Weihnachtsfeierlichkeiten bereits am 12. Dezember. Da treffen sich die Frauen aus den unterschiedlichsten Familien und backen das “Laufabraud”, das sog. “Schneeflockengebäck” aus Mehl, Milch und Zucker – und den Geheimzutaten, die von Familie zu Familie variieren. Dieses spielt beim Weihnachtsessen neben geräuchertem Lammfleisch „Hangikjöt“ die Hauptrolle. Danach erfreut sich der Gaumen am Milchreis – wie gehabt – mit einer ganzen Mandel im Topf. Getrunken wird auch im hohen Norden Bier: “Malt og Appelsin“ – eine Art Malzbier mit Saft. Würg!
Auf dem apeninnischen Stiefel wird am 25. Dezember gross aufgekocht. “Arrosto di vitello con patate” ein beliebter Braten aus Kalbfleisch mit Kartoffeln. Zuvor gibt’s als “primo piatto” die allseits bekannte Lasagne. In manchen Häusern steht zudem “Cotechino e lenticchie” auf dem Speiseplan. Diese gekochte Salami mit Linsen und Kartoffelpüree bzw. Polenta ist allerdings eher zu Silvester Tradition. Was bei uns die Plätzchen, sind dort die “Tartufolin da Credaro”, frittierte Gnocchi aus Mehl, Eiern, Zucker und Sahne. Leckerschmecker!!! Die Zeit zwischen den Mahlzeiten wird ansonsten auch mit dem “Pandoro”, einem weichen Kuchen ursprünglich aus der Region Venetien oder dem Kuchen mit den kandierten Früchten “Panettone” verkürzt.
In den Niederlanden stehen am Heiligabend (“Kerstmis”) weniger die Geschenke im Mittelpunkt. Das ist vielmehr das Festmahl mit der ganzen Familie. Einmal pro Jahr wird dazu mit den “Gourmetten” eine Art Raclette-Grill aus der Abstellkammer hervorgeholt. Anstatt des holländischen Goudas aber kommen Eier mit Kartoffeln oder Frühlingszwiebeln in die kleinen Pfannen. Dazu werden in der oberen Etage des Grills Fisch und Fleisch gebruzelt.
Richtiggehend erbarmungswürdig sind die polnischen Frauen. Sie sorgen am Heiligabend ab 18.00 Uhr für ein Gänge-Menue. Für ein 12-Gänge-Menue! Dabei steht die Zahl “12″ für die 12 Apostel bzw. die Monate des Jahres. Das lukullische Füllhorn, das hier über die Familie ausgeschüttet wird, ist übrigens komplett fleischlos. Dieses wird durch Fisch und “Barszcz”, einer Suppe aus Rote Beeten oder auch den üblichen Piroggen und Krautgerichten ersetzt. Tagsüber darf übrigens nichts gegessen werden – nur Getränke sind genehmigt. Mei lieber Schorle – 12 Gänge!!! Übrigens liegt unter jedem Teller ein Geldstück, damit man im kommenden Jahr genug davon haben soll. Zudem gibt’s immer ein zusätzliches Gedeck für den Fall, dass ein Bedürftiger vorbeikommt bzw. will man damit der Verstorbenen gedenken.
In Schweden gibt es zwei Haupt-Feiertage: Das Fest der Heiligen Lucia am 13. Dezember (“Lichterfest”) und der Heiligabend. Deshalb wird an diesen beiden Tagen bereits gross aufgetischt. Am Abend vor dem Heiligen Abend, dem sog. “Lillejulafton” wird der Weihnachtsschinken (“Julskinka”) für den nächsten Tag gekocht. Und beim “Smörgåsbord” darf dann am Heiligabend so richtig geschlemmt werden. Das “Julbord” ist eine Art Buffet, bei dem sich jeder bedienen kann: Knäckebrot, Butter, Käse, Kartoffeln, Schinken, Köttbullar, Lachs und Hering aber auch die von Ikea bekannten Fleischklösschen, Rippchen, Rotkraut, Schweinesülze und ein Gratin aus Kartoffelstäbchen und Hering (“Janssons frestelse”). Reispudding, Käse und Brot runden das Ganze dann ab. Das Essen übrigens ist nicht unbedingt das Teuerste des schwedischen Weihnachtsfestes: Bei den Getränken muss der Chef des Hauses meist sehr tief in den Klingelbeutel greifen: Bier, “Glögg” (ein Glühwein mit Mandeln und Beeren, die mit dem Löffel herausgefischt werden) und Schnaps in rauhen Mengen lassen Stimmung aufkommen!
In Spanien wird am Heiligabend (“La Noche Buena”) gross aufgekocht. So steht in den meisten Familien ein Mehr-Gänge-Menü auf dem Speiseplan: Vom Hunger machenden kleinen Häppchen, über ersten und zweiten Gang sowie Nachtisch. Dabei zeigt sich kein Spanier geizig: Schinken, Truthahn, Lamm, Meerbrasse, Glasaal, Austern, Rotkohl uvam. Dazu: Spanischer Rot- oder Weisswein und zum Abschluss Schaum- oder Apfelwein, den auch die Dame des Hauses beruhigt geniessen kann, denn dann hat sie’s hinter sich. Daneben gibt’s die “Ensaïmades”, ein schneckenförmiges Schmalzgebäck mit heisser Schokolade und “Turrón” – ein dem türkischen Honig ähnliches Nougat-Mandel-Gebäck. Süsser die Glocken nie klingen!
Mr. Trump wird wohl zu Heiligabend nicht viel geplant haben, schliesslich wird auch in den USA Weihnachten kulinarisch erst am 25. Dezember gefeiert. Ebenso wie zu Thanksgiving greifen schliesslich die Millers zum Truthahn. Daneben wird den Gästen auch der französische Baumstammkuchen (“Buche de Noel”) und ein oder zwei Punsch gereicht.

Ein frohes und schmackhaftes Fest 2017!!!

Lesetipps:

.) Das Buch vom Essen: Pelmeni und Piroggen, Borschtsch und Bigos & Co; Tatjana Hofmann / Igor Klech; Edition.fotoTAPETA 2011
.) Haus- Feld- Artzney- Koch- Kunst- und Wunder-Buch; Johann Christoph Thieme; Nachdruck der Ausgabe von 1682; Krauss Druck und Verlag
.) Wintertraum und Weihnachtszeit: Rezepte und Ideen für die schönste Jahreszeit; Hrsg.: Wohnen & Garten; Callwey 2017
.) Weihnachten. Bräuche & Rezepte; Autorengruppe; Buchverlag für die Frau 2012
.) Weihnachten – Das Goldene von GU: Kochen und backen für ein glänzendes Fest; Hrsg.: Adriane Andreas / Alessandra Redies; GRÄFE UND UNZER Verlag 2013

Links:

- www.gutekueche.at
- www.steirische-spezialitaeten.at
- www.speisekarte.de
- www.in-australien.com
- www.bulgarien-rezepte.info
- dänisch.de
- www.frankreich-info.de
- www.griechenlandreise-blog.de
- www.grossbritannien.org
- islandrundreisen.net
- guidetoiceland.is
- www.charmingitaly.com
- www.info-polen.com
- hejsweden.com
- www.spain.info
- www.usa-kulinarisch.de

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Vanille kann tödlich sein

Weihnachten steht unmittelbar vor der Türe, viele Kekse oder Plätzchen sind bereits gebacken, einige werden noch folgen. Für die meisten gehören die Vanillekipferln zum Fest wie der Weihnachtsbaum. In Österreich beispielsweise rangieren diese noch vor den Linzer-Augen auf Platz 1 des süssen Weihnachtsbäckerei-Rankings. Doch schauen viele in diesem Jahr durch die Finger, da es keine Vanille mehr am Markt gibt bzw. die wenige, die noch zum Kauf bereit steht, Unmengen von Geld kostet und damit das Backen dieser Köstlichkeit mit der originalen Vanille nahezu unerschwinglich macht. Experten betonen, dass die richtige Vanille derzeit teurer ist als Silber. Wie aber kann das sein? Ein nachwachsendes Gewürz, das wir als Kinder am Liebsten in Kombination mit Eis kannten.
Die Vanille ist eigentlich eine Orchideen-Gattung mit nicht weniger als 110 Unterarten. Die für das Kochen verwendete wird aus fermentierten Schoten (“Kapselfrüchten”) der Gewürzvanille (Vanilia planifolia) gewonnen. Diese Pflanze kommt ursprünglich aus Mittelamerika und hier hauptsächlich aus Mexiko. Die heutigen Hauptanbaugebiete allerdings sind Madagaskar, Reunion und einige andere Inseln im Indischen Ozean. Reunion übrigens hiess früher Île Bourbon – von hier aus startete die Erfolgsreise der Bourbonvanille, die im Regal (wenn noch nicht ausverkauft!) neben der Gewürzvanille steht. Wesentlich weniger verwendet wird die Tahiti-Vanille (Vanilla tahitensis) und die Guadeloupe-Vanille (Vanilla pompona). Alle vier Arten unterscheiden sich im Aroma: Die Bourbonvanille besitzt einen süssen, rumhaltigen Geschmack, die Tahiti-Vanille einen blumigen, die mexikanische einen hölzern-würzigen und die indonesische Vanille einen geräucherten Geschmack. Die Schoten aus Tahiti und Guadeloupe werden bevorzugt für die Herstellung von Duftessenzen wie Parfüms verwendet.
Schon die alten Atzteken wussten den Geschmack der Vanille (“tlilxochitl” = schwarze Blume) zu schätzen – Veracruz am Golf von Mexiko war deren Hauptumschlagplatz. Auch für die später eingetroffenen europäischen Seefahrer und Kolonialisten. Die Sage erzählt, dass Häuptling Montezuma II. dem Eroberer Hernán Cortés ein Getränk aus Kakao und Vanille angeboten haben soll. Der Häuptling selbst soll angeblich bis zu 50 Tassen täglich davon getrunken haben. Die Vanille entwickelte sich in Europa zu einem heiss begehrten Geschmacksverfeinerer. Und der illegale Handel dieser Pflanzen war schon damals sehr gefährlich – in Spanien stand hierauf die Todesstrafe. Erst nachdem Mexiko anno 1810 unabhängig wurde, war der Weg frei – die Niederländer und Franzosen liessen sie in deren Kolonien anbauen. Vorerst erfolglos, da der Bestäuber aus Mexiko fehlte: Der Kolibri bzw. die Melipona-Biene. Also müssen auch heute noch die Pflanzen von Hand bestäubt werden, nach Art des 12-jährigen Plantagensklaven Edmond Albius auf Réunion im Jahr 1841. Anfänglich gefeiert wie ein Held, streute der Chefbotaniker der Inselhauptstadt neidisch das Gerücht, dass der Junge aus Wut über seinen Herren die Blüten zerstören wollte und dabei zufällig bestäubte. Albius wurde erst frei, als Frankreich die Sklaverei abschaffte. Er verstarb völlig verarmt und wurde in einem Massengrab beigesetzt. In der Gemeinde Sainte Suzanne auf Reunion wurde eine Statue mit seinem Antlitz aufgestellt und jährlich das “Fest der Vanille” an seinem Todestag ausgerichtet.

http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/vanille-aus-madagaskar-das-schwarze-gold-100.html

Um Ihnen einen Eindruck der Arbeit zu vermitteln: Ein geübter Vanille-Bauer kann bis zu 1000 Blüten pro Tag bestäuben – das bringt gerade mal 2 kg Schoten. Damit es auch für das normale Volk erschwinglich wurde, entwickelten anno 1874 die deutschen Chemiker Haarmann und Tiemann aus Coniferin einen synthetischen Vanilleersatz: Das Vanillin! Allerdings enthält die natürliche Vanille zusätzlich 50 unterschiedliche Aromastoffe, die in dieser Labor-Vanille nicht produziert werden können. In Österreich wurde beispielsweise der Knoblauch als “Vanille des armen Mannes” bezeichnet. In alten alpenländischen Rezepten steht deshalb sehr häufig Vanille, gemeint ist jedoch Knoblauch.
Die heutigen Hauptanbaugebiete sind Madagaskar (rund 60 % des Vanilleaufkommens) und Indonesien. Vanille wird in Plantagen angebaut. Die Pflanze selbst wächst als Kletterpflanze an Bäumen nach oben. Die Schoten beinhalten die Beeren und erreichen eine Länge von bis zu 30 cm. Sie werden noch gelbgrün, kurz vor der Reife geerntet. Erfolgt die Ernte zu früh, so hat dies enorme negative Auswirkungen auf den Geschmack. Zudem beginnt die Schote zu schimmeln, was ansonsten durch das Vanillin verhindert wird. Dann erfolgt die sog. “Schwarzbräunung”. Beginnend mit dem Blanchieren unter heissem Wasser oder Dampf werden sie anschliessend in Jutetüchern zum Trocknen in die Sonne gelegt oder in luftdichten Behältnissen bis zur Auskristallisierung feiner Glukosenadeln fermentiert. Dadurch schrumpfen die Schoten zu kleinen Vanillestangen, es entsteht der eigentliche Geschmacksstoff, das Vanillin. Schliesslich werden die Stangen gebündelt, in Pergamentpapier eingerollt und in Zinnbehälter gegeben. So gelangen sie nach Europa. Das traditionelle Schwarzbräunen dauert bis zu sechs Monate. In Trocknungsöfen geht es wesentlich rascher, allerdings auf Kosten der Geschmacksunterschiede der Anbaugebiete – sie schmecken danach alle gleich. Aus sechs Kilo grüner Schoten wird ein Kilo echte Vanille. Sie sehen also: Es ist ein sehr aufwendiger Prozess, der durchaus seinen Preis rechtfertigt.
Weshalb aber nun dieser in ungeahnte Höhen steigt, ist einerseits das Ergebnis von Naturgewalten, andererseits auch der Gewinnsucht der Zwischenhändler. Um 12.30 Uhr Ortszeit erreichte am 7. März 2017 der Zyklon “Enawo” Madagaskar. Hierzulande mit wenig Interesse verfolgt, war es v.a. für die Vanille-Anbauregion Sava eine Riesenkatastrophe. Der Wirbelsturm fegte mit 205 Stundenkilometern über die Insel, 81 Menschen starben. Zudem wurden rund 30 % der Vanille-Ernte zerstört. Von dem, was zuvor eine lange Dürrezeit überdauert hatte. 1000 Tonnen (ansonsten sind es rund 1.500) blieben übrig. Nun kommt die Gewinnsucht hinzu: Zwischenhändler kaufen grosse Mengen der Schoten auf. Doch anstatt sie auf den Markt zu werfen, werden diese gelagert, der Preis beobachtet und mit Maximalgewinn dann abgestossen. Belief sich der Preis zu Beginn des Jahrtausends noch auf 140 US-Dollar für das Kilo, so sind es 17 Jahre später schon mal bis zu 600 US-Dollar. Hauptabnehmer aber auch Hauptmanipulateure des hohen Preises sind Konzerne wie Nestlè, Unilever, Coca Cola und Mondelez. So kritisiert die Regierung Madagaskars beispielsweise die Methoden der Firma Symrise, die angeblich einerseits die Bauern zur Frühernte nötigt, andererseits zum Diebstahl und sogar Mord animieren soll, indem sie gestohlene Ware aufkauft. Siehe hierzu den Bericht des Premierministers Olivier Mahafaly Solonandrasana vom Mai 2017. Nestlé betont immer wieder, sich über die Anbaubedingungen vorort kundig zu machen, mit einem Drei-Punkte-Programm die Bauern beim nachhaltigen Anbau unterstützen zu wollen und nur die beste Vanille aufzukaufen. Der Endverbraucher zahlt allerdings nicht nach Gewicht, sondern nach Schote. Umgerechnet würde ihn ansonsten ein Kilogramm zirka 1.330,- € kosten – rund der dreifache Silberpreis!
Diese Preisentwicklung führt zu einem bizarren Anstieg der Kriminalität auf Madagaskar, kann sich doch so manch einer einen kleinen Reichtum damit aufbauen. Die Bauern übernachten sogar auf den Plantagen, damit die Diebe die Schoten nicht direkt von den Bäumen klauen können. Einer der Kleinbauern berichtet, dass er vor allem in der Nacht damit sein Leben riskiert. Hier setzt auch die Studie des dänischen Instituts für investigativen Journalismus, DanWatch, an. Demnach kämpft jeder Bauer auf der Insel gegen Diebstahl und Nötigung. Kredithaie bieten den Bauern Darlehen an, die sie später zwingen, die Ernte weit unter Wert zu verkaufen. Können sie dennoch nicht zurückzahlen, müssen die Kinder Zwangsarbeit in den Plantagen verrichten. All das wird einem niemals bewusst, wenn in der Küche die Schote mit dem Messer aufgeschnitten und ausgekratzt wird, damit die Aromastoffe des Vanillins im Öl und dem Mark an so manchem Gaumen kitzeln können. Verfeinert werden damit zumeist Kakao und Schokolade, aber auch Süssspeisen wie Puddings und Crèmes. Die englische Königin Elisabeth I. soll ganz wild auf derartige Nachspeisen gewesen sein. Aber auch zu weissem Fleisch, Fisch oder Hummer sagt kein Gourmet nein, zur Vanille.

https://www.youtube.com/watch?v=wbMqDskrJv8

Die echte Vanille kann zumeist an den kleinen schwarzen Samen in der Speise erkannt werden – die gelbliche Farbe kommt meist von den vielen verwendeten Eiern. Doch auch hier zeigt sich die Lebensmittelindustrie als sehr ideenreich: Wird Vanillin aus Holz gewonnen, so kann es rechtlich gesehen durchaus als “natürlich” bei den Inhaltsstoffen angeführt werden. Die schwarzen Samen werden nur beigegeben, um den Eindruck echter Vanille aufkommen zu lassen – sie haben zumeist kein Aroma mehr.
In Europa ist es hauptsächlich die Bourbon-Vanille aus Afrika, in den USA und Kanada die mexikanische Vanille, die so manchen Sternekoch begeistert. Coca Cola wollte in den 80er Jahren die teure Vanille durch das synthetische Vanilin ersetzen. Diese Entscheidung trugen aber die Kunden nicht mit, sodass der Versuch abgebrochen werden musste. Heutzutage benötigt das Unternehmen – ähnlich wie Konkurrent Pepsi Cola – rund 40 Tonnen des edlen Gewürzes pro Jahr. Im Vergleich dazu: Die Niederösterreich-Milch (NÖM) braucht neun Tonnen pro Jahr!
Die Vanille aus der Sicht der Heilkunde, Pharmazie und Medizin betrachtet: Sie wirkt potenzsteigernd, entspannend, stoffwechselfördernd, galletreibend, muskelstärkend und vieles mehr. Entsprechend auch ihr Einsatzgebiet: Bei Potenzproblemen, Muskelschwäche, Rheuma, Stimmungsschwankungen und Verdauungsstörungen.
Wenn Sie selbst auf Einkaufstour gehen, dann achten Sie darauf, dass die Schote lederartig elastisch ist. In ausgetrockneten Stangen sind nurmehr wenig Aromastoffe enthalten. Schwarze Schafe versuchen zudem synthetische Vanillinkristalle auf die Schote aufzusprühen. Die natürlichen sind unregelmässig verteilt, die aufgesprühten regelmässig. Lassen Sie sich dadurch nicht hinter’s Licht führen. Oftmals findet auch das Vanillepulver zuhause Anwendung. Dies sind die gemahlenen Samenkörner. Allerdings sind hier nur ganz wenige Aromastoffen enthalten. Bei der “gemahlenen Vanille” hingegen werden auch die Kapselhülsen mitgemahlen, sodass diese Aromen erhalten bleiben.
Die Industrie bevorzugt den Vanille-Extrakt. Er besteht aus bis zu 35 % Ethanol und ist nicht selten mit Zuckersirup gestreckt. Der hochkonzentrierte Extrakt ist unbegrenzt haltbar. Nach Schätzungen enthalten rund 18.000 Produkte ein Vanillearoma. Vom Joghurt (mein Favorit!) über Eis bis hin zu Parfüms und Medikamenten. Allerdings ist dies zumeist im Labor entwickelt worden. Nur rund 1 % dieser aromatischen Produkte kommt tatsächlich aus der Schote.
Experten warnen bereits davor: Der nächste Vanille-Kollaps wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Spätestens wenn der Konsument nicht mehr dazu bereit ist, den Preis für echte Vanille bezahlen zu wollen, wird die Seifenblase platzen. Dann wird der Preis enorm fallen, da zudem die Ware aus den anderen Anbaugebieten (Indien, China) auf dem Markt angekommen ist, um den Ausfall von Madagaskar zu kompensieren. Das sollte frühestens 2019 der Fall sein – dann jedoch wird hoffentlich auch wieder die Ernte in Madagaskar ertragreich sein.

Lesetipps:

.) Wilhelm Haarmann auf den Spuren der Vanille; Björn Bernhard Kuhse; Verlag Jörg Mitzkat 2012
.) Vanille, Gewürz der Göttin; Annemarie Wildeisen; AT Verlag 2001
.) Vanilla planifolia – Echte Vanille (Orchidaceae). Jahrbuch des Bochumer Botanischen Vereins. Bd. 5; Veit Martin Dörken/Annette Höggemeier 2014
.) Gewürze – Acht kulturhistorische Kostbarkeiten; Elisabeth Vaupel; Deutsches Museum 2002
.) Vanille – Die schwarze Königin; Katja Chmelik; Geschichte 2007
.) Vanilla: Travels in Search of the Luscious Substance; Tim Ecott; . Penguin Books 2004
.) Encyclopédie Biologique. Band XLVI; Hrsg: Gilbert Bouriquet; Paul Lechevalier 1954

Links:

- www.mondevanille.com
- www.vanille-reunion.fr
- www.vanillacampaign.com
- www.ziaf.uni-frankfurt.de
- www.lafaza.com
- www.hachmann-vanilla.de
- www.kotanyi.at
- www.symrise.com
- madecasse.com
- www.heilkraeuter.de
- www.gesundheit.gv.at
- www.lebensbaum.com
- vanille-und-co.eu
- tropicos.org

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Das passende Weihnachtsgeschenk

Weihnachten naht in grossen Schritten. Das Fest der Liebe, der Familie, der Geborgenheit! Und des Kommerzes! Die Feiertage, die in offenbar vergangenen Zeiten hintergründig und sinnhaft waren, verkümmern immer mehr zum Festival der gekauften Geschenke. Präsente, die selbergemacht wurden und für etwas stehen sollen, nämlich, dass sich der Schenkende für den Beschenkten Zeit genommen hat und sich mit ihm auseinandergesetzt hat – wer macht das heutzutage noch?! Die neue X-Box, das soeben auf dem Markt erschienene I-Phone, Schmuck, Spielsachen – alles muss möglichst neu sein, da es spätestens im Februar wieder zum alten Eisen gehört. Wofür öffnet ansonsten der Handel am Heiligabend seine Pforten? An einem Sonntag!!! Geschäftemacherei wo auch immer man hinschaut. Und das heisseste Thema jedes Jahr sind die Spielsachen für die Kleinen. Der Branchenumsatz des Spielwarenhandels belief sich alleine im Jahr 2016 in deutschen Landen auf nicht weniger als 3 Milliarden Euro. Genügte in früheren Zeiten eine Stunde bei Toys’R'us, um für alle Töchter, Söhne, Enkel und Nichten einzukaufen, so entgeht vielen diese Möglichkeit, nach der Insolvenz des Global Players. Deutsche und österreichische Eltern können allerdings aufatmen: Beide Länder sind nicht von der Pleite der Muttergesellschaft in den USA betroffen. Möglicherweise in diesem Jahr noch nicht!
Andere wagen den Blick in’s Internet und siehe da: Ein Paradies tut sich auf. Und dort kommt so manch Einer auf mehr als schräge Ideen. Die aktuellste ist eine Uhr, die sich über eine App am heimischen Telefon oder jeder anderen gespeicherten Nummer meldet. Eigentlich eine gute Sache für Notfälle! Doch diese hier dient der Überwachung. So können Mama oder Papa mithören, was gerade so im Pausenhof der Schule abläuft oder weshalb die Deutschlehrerin, Fräulein Müller, bei den Kindern so beliebt ist.
Sollten auch Sie einer solchen Geschenksidee nachgegangen sein: Lassen Sie bitte die Finger davon – derartiges ist gesetzlich verboten! Die Bundesnetzagentur in Deutschland etwa empfiehlt, diese Uhren (sofern Sie schon eine gekauft haben) zu zerstören und einen Nachweis darüber aufzubewahren, da auch schon der Besitz eines solchen Gerätes strafbar ist. Durchaus möglich, dass demnächst ein Mann vor Ihrer Türe steht und diesen verlangt, da Sie den Einkauf mittels Karte oder Online-Banking bezahlt haben. Das Gesetz sieht für derartige Bespitzelungsaktionen bis zu zwei Jahre Haft vor. Sofern vielleicht auch ihr Kind nichts dagegen hat, so sehr wohl die Erwachsenen in dessen Umfeld. Selbstverständlich können Sie auch über Gerätschaften wie “Alexa” oder Smartphones mithören (deshalb müssen die Manager von Bayer ihre Smartphones bei den Meetings auch stets in Blechdosen geben), doch sind diese keine getarnten Abhör- oder Sendeanlagen. Werden Sie vor dem Gespräch versteckt, so benötigen Sie eigentlich für eine derartige Aktion eine richterliche Verfügung – kennen wir ja aus den Fernsehkrimis.
Inzwischen ebenso bereits verboten ist der Verkauf bzw. Besitz der Puppe “Cayla”. Auch sie verfügt über eine solche Abhörfunktion, kann jedoch zudem mit dem Kind sprechen. Die interaktive Puppe beinhaltet ein Mikrophon, einen Lautsprecher und eine BlueTooth-Schnittstelle, wodurch sie über eine App via Tablet oder Smartphone in’s Internet geschaltet wird. Dort recherchiert sie alle möglichen Fragen und passende Antworten darauf. Stern-TV machte den Versuch auf’s Exempel: So wurde das High Tech-Gerät von einem Mitarbeiter eingerichtet. Die Eltern des Mädchens waren mit diesem Test einverstanden. Ein anderer Mann unterhielt sich über die Puppe mit dem vierjährigen Mädchen, das ihm nach nur wenigen Minuten arglos die Terassentüre öffnete. Die Mutter meinte danach fassungslos:

“Als ich gesehen habe, dass sie die Tür aufmacht, schnürte es mir die Kehle zu!”

Cayla entwickelte sich über drei Jahre hinweg zum Verkaufsschlager. In vielen Kinderzimmern wird sie nach wie vor auf dem Bett sitzen, mit rot blinkender Halskette, welche die Empfangsbereitschaft signalisiert. Auch hier gilt: Der Besitz ist bereits strafbar (§ 90 Telekommunikationsgesetz – Verbotene Sendeanlagen)!
Selbstverständlich gibt es ein solches Produkt auch für Burschen: “Freddy der Bär”! Auch dieser kann all das, was Cayla so tagtäglich vollbringt – doch benötigt er keinerlei Internet. Die App greift auf ein Tablet oder Smartphone zu, auf dem Informationen über das Kind stehen. Beim Spielen fragt er den Kleinen dann direkt.
In diesen beiden Fällen übrigens ist die Blue Tooth-Verbindung nicht passwortgeschützt, sodass jeder, der in die Reichweite kommt, darauf zugreifen kann. Auch hier liess ein Test die Eltern aufhorchen: Innerhalb kürzester Zeit gab eine Achtjährige in diesem Versuch über den Teddy den Sicherheitscode der Eingangstüren durch. Für die Technik-Freaks unter den Kiddies gibt es noch den “I-Que-Roboter” mit denselben Funktionen und Möglichkeiten wie Cayla. Natürlich wird auch etwas für’s Auge geboten: Das “I-Spy-RC-Spionagefahrzeug” ist mit einer Kamera ausgestattet. Über WLan wird das Videosignal weitergeleitet, direkt in’s World Wide Web. Die WLan-Verbindung ist zwar passwortgeschützt – jedoch ist dies ein einheitlicher Code, der für alle dieser Autos funktioniert. Wird er gehackt, können sich Fremde jederzeit die Wohnung anschauen.
Das grösste Problem bei diesen sog. “Smart Toys” muss mitunter nicht mal das Abhören sein. Es ist das Vertrauen der Kleinen. Wenn die Puppe oder der Bär meint, sie sollen in den Garten zum Spielen gehen, dann tun sie dies auch. Eine Gefahr, die die meisten Eltern vor dem Kauf gar nicht abgecheckt haben. In entsprechenden Tests folgten sechs von sieben Kindern den Befehlen dieser High Tech-Geräte. Kriminellen, wie Pädophile oder Entführer, tut sich hier eine riesige Spielwiese auf, wo sie sich austoben können. Deshalb liebe Eltern: Derartiges Spielzeug hat im Kinderzimmer nichts verloren. Leider sind nicht alle angesprochenen Artikel verboten.
Ah ja – und da war dann auch noch der Missbrauch der Daten. Die Spracheingaben etwa der “Hello Barbie” wurden bereits 2015 auf externen Servern gespeichert und für Werbezwecke verwendet. Auch über die Lerncomputer und vernetzten Spielsachen der Firma VTech wurden solche Daten weitergegeben und gespeichert. Der Server wurde ebenfalls 2015 gehackt – 190 GB an Daten wie Chats oder Fotos wurden gefunden. Die Hacker wollten allerdings nur darauf hinweisen, wie einfach es ist, an derartiges Material zu gelangen.
Des Erwachsenen Lieblingsspielzeug ist derzeit “Alexa” bzw. der kleinere Bruder “Echodot”! Amazon steckt Millionen in die Bewerbung dieses smarten Alleskönners. Ist ja eigentlich auch eine gute Sache, wenn alles mittels Spracherkennung erledigt werden kann. Doch ist dies ebenfalls ein “Smart Toy”! Der elektronische Butler ist ständig mit dem Internet verbunden um jederzeit auf das Wort “Alexa!” reagieren zu können. Das ist das grosse Fragezeichen der Datenschützer. Alle diese Sprachbefehle werden auf den Servern von Amazon gespeichert und auch verarbeitet, warnt etwa die Verbraucherschutzzentrale Nordrhein-Westfalen. Im Vergleich: Bei VTech kümmerte sich niemand um die Daten, sie wurden einfach nur gespeichert. Bei Alexa werden hingegen auch die Informationen gespeichert: To do-Listen, Geburtstagskalender, Einkäufe, Musikwünsche, … Bei Amazon heisst es, dass die Daten der Verbesserung des Systems dienen und nur an Dritte weitergegeben werden, wenn es für den entsprechender Dienst wichtig ist (Taxi-Unternehmen bespielsweise). Wenn Sie damit zurecht kommen, kann Ihnen Alexa das Leben sicherlich erleichtern. Allerdings gibt es auch dubiose Vorfälle: So musste etwa die Polizei ausrücken, da mitten in der Nacht in einer Wohnung ohrenbetäubende Musik abgespielt wurde. Der Clou: Es war gar niemand zuhause! In San Diego hat das Kind des Hauses mit dem Sprachassistenten gesprochen und dabei ein Puppenhaus und zwei Kilogramm Kekse bestellt. Noch dubioser hingegen wurde es danach: Der Nachrichtensprecher der örtlichen TV-Station brachte dies als kuriose Meldung in den Nachrichten – mit den Worten “Alexa hat mir ein Puppenhaus bestellt!” und schon gingen erneut Puppenhaus-Bestellungen bei Amazon ein! Amazon allerdings hat dies bereits weiterentwickelt – so können Bestellungen mittels eines Zahlencodes deaktiviert und das Mikrophon mittels eines Knopfes ausgeschaltet werden. Ansonsten nehmen sie, als mehr oder weniger glücklicher Alexa-Besitzer, über das Mikrophon alles auf. So höchstwahrscheinlich auch einen Mord am 22. November 2015 in Bentonville in Arkansas. Dort wurde an diesem Sonntagmorgen die Leiche eines Mannes im Swimmingpool gefunden. Er hatte mehrere Schwellungen im Gesicht, dürfte also geschlagen worden sein. Der Hausbesitzer meinte, er habe Freunde zu einem Footballspiel eingeladen, es sei Bier geflossen und er sei müde zu Bett gegangen. Den Freunden habe er erlaubt, im Wohnzimmer zu schlafen. Die Polizei forderte von Amazon die Herausgabe der Daten. Das Unternehmen betonte aber, dass das Gerät nur auf die Worte “Alexa” oder “Echo” reagiere, sich ansonsten im Standby-Modus befände. Der Hausbesitzer wurde dennoch angezeigt, da er nach der Tat für das Reinigen der Terasse zu viel Wasser verbrauchte. Sein Pech: Er hatte wie alle anderen Häuser einen smarten Wasserzähler, berichtet die Zeitung “Washington Post”.
Bei all diesen Smart Toys geht es um die Persönlichkeitsrechte eines Menschen, die im Grundgesetz oder der Verfassung verankert sind. Und für die ganz vehementen Verfechter der Bespitzelung, wie etwa dem österreichischen Innenminister: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen nach Feierabend in Ihrer Eckkneipe und reden mit Ihren Kumpels. Es fällt der eine oder andere schlüpfrige Witz, die eine oder andere politische Unkorrektheit, Sie ziehen über Ihre Nachbarn oder den Chef her. Was Sie nicht gemerkt haben: Ihr Handy wurde geknackt, das komplette Gespräch aufgezeichnet und einer Zeitung angeboten (sofern Sie entsprechend bekannt sind). Ihren Job sind Sie los!

Links:

- www.test.de
- www.konsument.at
- www.verbraucherzentrale.nrw/
- www.ammering.org
- www.amazon.de
- www.toysrus.at

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Die gekaufte Weihnacht’

Nachdem ich in den letzten Jahren immer wieder zu Weihnachten alte Bräuche habe hochleben lassen, möchte ich heuer das Fest der Feste von einer anderen Seite betrachten – als Fest des rollenden Rubels, des schnöden Mammons, das weit an den Vorstellungen des Christentums vorbeigeht (soweit zu den christlichen Werten!!!)! Auf die Idee brachte mich ein TV-Beitrag über den Weihnachtszauber am Karer See in Südtirol. Ein kleiner Christkindles-Markt, vollständig naturbelassen inmitten einer herrlichen Landschaft mit durchwegs regionalen Anbietern und Produkten. Ein richtiggehendes: “Zurück zum Ursprung”! Ohne Dauerbedröhnung mit Mariah Carey’s “All I want for Christmas is you” oder Elvis Presleys “Blue Christmas”, ohne Waren Made in Fernost und ohne täglichem Glühweinbesäufnis.
Weihnachten ist sinngemäss ein Fest der Freude, schliesslich wurde in Bethlehem das kleine Christuskind geboren. In einem Stall unter mehr als ärmlichen Verhältnissen. Die Geschenke brachten erst später die drei Könige aus dem Morgenland mit: Gold, Myrrhe und Weihrauch! Wie auch heute noch beispielsweise in Spanien. So steht es seit nahezu zwei Jahrtausenden geschrieben. Die neueste Playstation, das I-Phone 24,27 oder der 2342k-Diamantring finden im Heiligen Buch von heute keine Erwähnung. Klar – kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Doch: Muss ich mich tatsächlich jedes Jahr finanziell dermassen verausgaben um diese Freundschaften zu pflegen? Eine Studie von paysafecard.com besagt, dass heuer jede(r) Österreicher/-in 372,- € für Weihnachtsgeschenke ausgibt, die Eidgenossen gar 380,- €, die Deutschen hingegen nur 291,- € pro Kopf. Ausgerechnet in deutschen Landen am wenigsten, wo dort doch der Wirtschaftsmotor brummt!? In Grossbritannien übrigens – zum Vergleich – sind es umgerechnet 452,- € – steht das irgendwie mit dem Brexit in Zusammenhang??? Lieber Herr Gesangsverein – da muss ein Kartoffelbauer aber viele Erdfrüchtchen für ernten, um diese Summe zu erhalten. Hinzu kommen die zusätzlichen Annehmlichkeiten, die man sich nun mal zu dieser Zeit des Jahres gönnt: Die Fahrt in’s Elternhaus, das gute Essen und Trinken und der eine oder andere Besuch des Christkindles-Marktes.
Apropos – der wohl bekannteste Christkindlesmarkt in Nürnberg lockt pro Tag rund 150 Reisebusse und insgesamt weit über zwei Millionen Menschen aus allen Teilen der Welt an. Neben den vielen Besonderheiten und Wundersamkeiten, wie das vielseitige und hochwertige Warenangebot an den Ständen, der benachbarte “Markt der Partnerstädte”, das historische Weihnachtspostamt und nicht zuletzt die Rundfahrten mit der historischen Postkutsche (um den Markt!) beschreibt die Nürnberg-Info das Aussergewöhnliche mit folgenden Worten:

“Es ist seine einzigartige Atmosphäre, die sich in Worten nur schwer beschreiben lässt. Das ‘Städtlein aus Holz und Tuch’ auf dem Hauptmarkt, direkt im Herzen der Altstadt, muss man erlebt haben. Eingebettet zwischen Schönem Brunnen und Frauenkirche bietet die Budenstadt ein Flair, dass individuell betrachtet, wirklich seinesgleichen sucht.”

Aaaah ja! Da fährt der Besucher über hunderte von Kilometern, um sich alsdann vor der ersten Bude stehend von den Massen durch den Markt schieben zu lassen. Mit viel Glück steht dann auch noch das Christkindle oben am Balkon und es konnte im Vorbeifluss noch eine Tasse Glühwein oder Punsch ergattert werden. Ein Foto – nein das geht bei diesem Gedränge und Geschubse nicht. Und die leere Tasse zurückgeben, unmöglich, schliesslich wartet der Bus! Nach jeder Runde erkämpft sich der Besucher einen Platz in einer Reihe weiter aussen, sodass er sich nach sieben bis achten Runden dem Sog entziehen kann und endlich wieder freikomnmt aus dem Getümmel. Deshalb ein heisser Tipp für diese grossen Märkte: Planen Sie Ihren Abstecher für die Abendstunden ein, wenn die Busse bereits wieder auf der Fahrt zurücl sind. Der Nürnberger Christkindle-Markt eröffnet jedes Jahr am Freitag vor dem 1. Advent. Weltbekannt ist der Prolog des Christkindles:

„Ihr Herrn und Fraun, die Ihr einst Kinder wart,
Ihr Kleinen, am Beginn der Lebensfahrt,
ein jeder, der sich heute freut und morgen wieder plagt:
Hört alle zu, was Euch das Christkind sagt!“

Der Markt findet erstmals im Jahre 1628 auf einer Spanschachtel aus Nadel-Holz Erwähnung. Rund 180 Buden lassen so manchen in’s Schwärmen geraten. Dabei stimmt natürlich auch die Kasse! Reden wir kurz Tacheles? Jeder Besucher gibt pro Tag im Schnitt 28,- € aus, der Umsatz- und Kaufkraftzufluss beläuft sich auf rund 130 Mio Euro, der sog. Einkommenseffekt liegt bei zirka 58 Mio Euro (Zahlen: Presse- und Informationsamt der Stadt Nürnberg). Somit also ein durchaus gewichtiger Imagefaktor für das Standort-Marketing!!! Ach ja – hinzu kommen zudem noch die unzähligen Knöllchen der Polizei: Falschparken, Trunkenheit am Steuer,… 2006 bestand das Produkt-Angebot zu 25 % aus Weihnachtsartikeln, 26 % weihnachtliche Back- und Süßwaren, 31 % Spielzeug, handwerkliche Erzeugnisse, Bücher etc. und zu 18 % aus Speisen und Getränken. Angeblich alles aus der Region – heuer gar mit besonderem Vermerk auf Nachhaltigkeit und Bio! Und wenn es schneit oder kalt ist, dann wird auch viel Glühwein getrunken – und das ist wahrhaft ein Millionengeschäft: 64 % der Weihnachtsmarkt-Besucher Deutschlands gaben 2014 an, das eine oder andere Tässchen geschlürft zu haben. 50 Millionen Liter gehen jedes Jahr im Advent über den Tresen – alleine 10 Mio vom Marktführer Gerstacker aus Nürnberg. Heuer kostet die Tasse des begehrten Heissgetränkes in Nürnberg 3,- € (am grössten Weihnachtsmarkt Deutschlands, am Kölner Heumarkt 4,- €; Quelle: Sparwelt-Magazin)!
Im wohl schönsten Christkindlmarkt Österreichs, in Salzburg Stadt/St. Peter, zahlte man bereits 2008 3,40 € für die 0,2 Liter. Jährlich strömen bis zu 1 Mio Menschen vornehmlich auf den Salzburger Dom- und Residenzplatz, um sich diesen Weihnachtstraum nicht entgehen zu lassen. 96 Christkindl-Hütten und rund 400 Beschäftigte sorgen dabei für eine Wertschöpfung von nicht weniger als 60 Mio € (inklusive der auch rund 230.000 Übernachtungen zu dieser Zeit). Ob die Verantwortlichen dermassen an den Umsatz gedacht haben, als der Markt angeblich 1491 seine Tore erstmals öffnete??? Rund 90 Kultur- und Brauchtumsveranstaltungen sorgen zudem für die Pflege des Brauchtums – oder ist dies nur für die auswärtigen Besucher gedacht??? Auch in der Mozartstadt wird die regionale Handwerksqualität als wichtigstes Qualitätszeichen gesehen.

“Der Salzburger Christkindlmarkt am Dom- und Residenzplatz ist für die Stadt Salzburg ein weltweiter Sympathieträger. Vor allem die hochwertige Handwerkskunst ist bei den heimischen und internationalen Gästen sehr begehrt.”
(DI Harald Preuner, Vizebürgermeister der Stadt Salzburg)

Der US-amerikanische TV-Sender CNN nennt Salzburg in einer Reihe mit New York, Barcelona, Rovaniemi, Honululu und Reykjavik bei den vorweihnachtlichen Destinationen.
Der Glühwein ist erstmals übrigens beschrieben in einem 2000 Jahre alten Rezeptbuch der Römer. Offenbar sehr beliebt, wurde er neben den bekannten Gewürzen mit Honig gesüsst. Daneben waren auch Lorbeerblätter, Koriander und Thymian enthalten (Rezept nach einem Kochbuch von Marcus Gaviius Apicius – 1. Jhdt. n. Chr.). Dieser Gewürzwein wurde allerdings zumeist kalt getrunken. Vorsicht übrigens ist mit sehr süssen seiner Sorte geboten – mit dem Zucker wird häufig über die schlechte Qualität des Weines hinwegkaschiert. Das sorgt für den schweren Kopf am nächsten Morgen und das eine oder andere Pfund mehr auf den weihnachtlichen Hüften.
Beim grössten schweizerischen Weihnachts- und Christchindli-Märt in Bremgarten sorgen nicht weniger als 320 Marktstände dafür, dass jeder Wunsch erfüllt wird. Wenn auch – wie in der Schweiz ohnehin üblich – wesentlich exklusiver als an anderen Orten.

“Lassen Sie sich verzaubern von der wundervollen Atmosphäre dieses einmaligen Marktes in unserer wundervollen Stadt. Das Organisationskomitee, die vielen Helfer, die Künstler und Aussteller sowie die ganze Stadt haben sich grösste Mühe gegeben, den diesjährigen Markt noch schöner, noch vielfältiger und noch eindrucksvoller zu gestalten.”
(Stadtammann Raymond Tellenbach)

Auch hier wird mit der regionalen Handwerkskunst geworben – doch begleiten zudem viele Kulturveranstaltungen das weihnachtliche Markttreiben (interessant ist, dass hier von Kultur und nicht unmittelbar vom Brauchtum die Rede ist!). Jedoch unterscheidet sich dieser Markt auch ansonsten von seinen Kolleginnen und Kollegen auf dieser Welt: Er findet nur in den ersten vier Tagen des Dezembers statt. Während die vielen anderen inzwischen meist sogar bis nach dem heiligen Fest andauern. Über 100.000 Menschen besuchten auch heuer wieder den Märt – 2015 wurden 5.500 Liter Glühwein verkauft – zum Preis schweigt sich der Schweizer aus. Schliesslich kommen die Einnahmen den Vereinen zugute. Im Vergleich dazu: In Zürich werden pro Tag 2.500 Liter verkauft – die Tasse beim Testsieger 2015 am Werdmühleplatz zu 6,- CHF (umgerechnet 5,58 €). Fakt aber ist, dass das Handwerk schon sehr bald vom Markt in Bremgarten verschwunden sein wird, da die Standpreise zuletzt eklatant erhöht wurden. Na ja – wird der deutsche Familienvater eben in der Schweiz tief in die Geldtasche greifen, wenn er dort Produkte kauft, die er zuhause günstiger bekommen hätte, da: Made in Germany!
Nicht, dass Sie mich nun falsch verstehen – es ist etwas tolles, nach der Arbeit mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen auf eine Tasse Glühwein zu gehen oder mit der Familie den Turmbläsern zu lauschen. Doch tendieren immer mehr Märkte zum Umsatz-Grössenwahn. Insgesamt besuchten zwischen Flensburg und Berchtesgaden anno 2014 270 Millionen Menschen die Weihnachts- und Christkindles-Märkte und sorgten für Gesamteinnahmen von nicht weniger als 2,5 Milliarden Euro. Soweit das Resultat einer internationalen Studie von RetailMeNot.de. Im Vergleich dazu waren es im Alpenstaat 21 Millionen Besucher mit einem Gesamtumsatz von 297 Mio € (Zahlen aus 2013). Eine millionenschwere Geselligkeit! Und es kommt noch viel schlimmer: Nach einer repräsentativen Umfrage der Marktforscher von GfK in Nürnberg feiern 17,6 % der Befragten Weihnachten nurmehr zuliebe der Kinder und Enkel. 71,6 % sind der Meinung, das Weihnachtsfest habe seine religiöse Bedeutung verloren. Stellt sich mir die Frage: Weshalb tun so wenige etwas dagegen? Lässt alte Bräuche auch zuhause wieder aufleben, lest mit den Kindern aus der Bibel, singt Adventslieder, … In dieser Studie im Auftrag der “Apotheken Umschau” wurden 1015 Personen (älter als 14) befragt
Deshalb hier noch etwas Geschichte – nachzulesen auch in den Brauchtum-Blogs zu Weihnachten in den vorhergehenden Jahren. Ebenso wie der Adventskranz und der Christbaum ist auch das Christkind eine evangelische Erfindung. 1545 liess erstmals der Reformator Martin Luther seine Kinder vom Christkind beschenken. Zuvor war es der Heilige Nikolaus. Freuten sich die Kinder damaliger Zeiten noch über Bratäpfel, Nüsse und Mandeln, über Plätzchen (Kekse) und Weihnachtsstollen oder Früchtebrot, so müssen es heute grosse und immer teurere Geschenke sein. Bescheidenheit und Demut? Wohl fehl am Platz. Stand früher der feierlich geschmückte Christbaum und das Essen mit der ganzen Familie im Mittelpunkt, so ist es heute die Bescherung und das Auspacken, das Ausprobieren und Vergleichen der Geschenke. Für viele bleibt gar nicht mal mehr die Zeit, sich auf das anschliessende Essen im Kreise der ganzen Familie zu konzentrieren. Weihnacht’, wie es früher mal war – nun ja, das wird offenbar nurmehr dort gefeiert, wo man dem Christentum nicht viel Wert zollt: In den Staaten der Dritten Welt! Gibt es dort etwa die besseren Christen als in unseren Breiten, wo die weihnachtliche Andacht und der Advent, der früher zudem Fastenzeit war, der Geschenke- und Geschäftemacherei gewichen ist??? Lebkuchen oder sonstige Weihnachtsbäckerei interessiert zu Weihnachten niemanden mehr, gibt’s das doch bereits im Oktober im Supermarkt zu kaufen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als die ersten selbstgebackenen Kekse am Heiligen Abend ausgegeben wurden. Ein besonderer Höhepunkt neben dem Klingeln des Glöckleins durch das Christkind. Aus der andächtigsten, der stillsten Zeit des Jahres ist die hektischste Zeit des Jahres geworden. Und die meiste Last wird dabei auf den Müttern abgeladen: Hausputz, Backen, Geschenke besorgen und schliesslich stundenlang in der Küche stehen und kochen. Die Väter hingegen haben sich einmal mehr hemmungslos dem Lux-Wettkampf mit dem Nachbarn ergeben. Früher war es die Kerzie im Küchenfenster – heute kilometerlange LED-Ketten. Und das mit dem Christbaum – dermassen beladen, dass vom Baum selbst nichts mehr zu sehen ist. Dafür wurde er abgehackt! Alsdann war da noch ein Song, der als Ohrwurm über knapp einen Monat allerorts zu hören ist: “Last Christmas, I gave you my heart, but the very next day, you gave it away”. Wie wär’s denn mit etwas Ehrlichem, wie “Es wird scho glei dumper, es wird scho glei Nacht” oder anderem aus unserer immer wieder dermassen hochgehaltenen Wertegesellschaft???
Ich dachte immer, hinter dem Geist der Weihnacht’ steckt etwas anderes: Liebe, Besinnlickeit und die Gemeinschaft der Familie! Wäre es da nicht sinnvoller, diese Feierlichkeiten um des Feierns willen wieder auf den Jahreswechsel oder gar auf Dreikönig zu verschieben – so wie es in früheren Zeiten war, damit für den ursprünglichen Sinn von Weihnachten etwas mehr Platz bleibt???!!!

PS: Klar – auch ich war mal Kind und freute mich zu Weihnachten vor allem auf die Geschenke. Doch war mir nicht bewusst, dass sich dafür meine Eltern abschuften mussten! Bringt ja eh das Christkind! Hier liegt meines Erachtens das Übel heutiger Zeit – in der Erziehung! Nicht in der unerschöpflichen Umsatz-Gier der Konzerne, die diesen Umstand nur ausnutzen. Zeit füreinander zu haben ist doch viel wertvoller als jedes noch so teure Geschenk. Viele Kinder wünschen sich dies auch: Mama und Papa sollten mehr Zeit für sie haben!

PPS: Vielen Dank an das Presse- und Informationsamt der Stadt Nürnberg, das als einzige angeschriebene Stelle Rede und Antwort stand. Alles andere musste ich muehsamst recherchieren!

Links:

www.christkindlesmarkt.de
www.christkindlmarkt.co.at/
www.weihnachtsmarkt.ch/

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