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Zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Pils!

Heute möchte ich mit Ihnen eine Reise in die Etymologie bzw. Semantik machen. Zumindest zu einem kleinen Teil anhand eines praktischen Beispiels, denn jetzt hat Schildburga wieder mal aber sowas von zugeschlagen!
Das Wort “bekömmlich” hat seinen Ursprung im Mittelhochdeutschen “bekom(en)lich” und bedeutet so viel wie “passend” oder “bequem”. Im heutigen Sprachgebrauch wird das Adjektiv weniger verwendet; wenn doch, dann als Synonym für “verträglich” oder auch “verdaulich”. “Leicht bekömmlich” wäre also sinnhaft wiederzugeben mit “leicht verdaulich”!
Mit dieser allgemeinen Vorkenntnis nun stürzen wir uns doch rasch auf den Kern meiner heutigen Tintenkleckserei:
Die Brauerei Härle aus Leutkirch/Baden-Württemberg hat eines ihrer Sudhaus-Produkte als “bekömmlich” bezeichnet. Durchaus nachvollziehbar – vor dem erwähnten Hintergrund! Ganz und gar nicht bekommen hat dieses Branding aber dem Verband Sozialer Wettbewerb (VSW) in Berlin: Hier führte dies zu Sodbrennen! Deshalb bemühte man sich mittels einstweiliger Verfügung zur Unterlassung dieser Bezeichnung. Am 18. August nun urteilte das Landgericht Ravensburg. Der Richterspruch gab dem VSW recht. Seine richterliche Gnaden bezog sich nämlich auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH, 06.09.2012 – C-544/10) sowie des Bundesverwaltungsgerichtes (BVerwG 3 C 23.12 [ ECLI:DE:BVerwG:2013:140213U3C23.12.0 ] vom 14.02.2013), basierend auf der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006, wonach “bekömmlich” eine “gesundheitsbezogene Angabe ist, die auf den geringen Säuregehalt und die leichtere Verdauung hinweise, aber die Gefahren beim Trinken von Alkohol verschweigt!” Padautz! Damals ging es übrigens um Winzer, die ihren Wein als “bekömmlich”, von “sanfter Säure” bzw. “Edition mild” bezeichnen wollten. Dies beruhte auf einem speziellen Verfahren zur Reduzierung der Säure. All jene Getränke, die einen Alkoholgehalt von mehr als 1,2 % aufweisen, dürfen somit nicht eine Besserung oder Erhaltung eines guten Gesundheitszustandes vermitteln oder einreden (wie es mit der Beibehaltung eines schlechten Zustandes ist – geht dabei nicht hervor). Alter Schwede – hier wiehert doch wohl der Amtsschimmel, da einerseits die deutsche Sprache ja offenbar gar keine EU-Amtssprache ist (ansonsten bekämen die EP-Abgeordneten deutschsprachige Gesetzestexte und Richtlinien und müssten sie nicht jeder für sich kostenaufwendig übersetzen lassen) und andererseits nahezu jedes flüssige Medikament, das richtig eingesetzt zu einer Besserung des Gesundheitszustandes führt, wesentlich mehr Alkoholgehalt als die im Bier üblichen 4,5 bis 6 vol% aufweist. Der EuGH befindet sich zudem in Luxemburg. In Luxemburg ist “Lëtzebuergesch” zwar die Nationalsprache, französisch jedoch die Amtssprache. “Bekömmlich” wird im Französischen mit “sain” übersetzt, “gesund” hingegen mit “sain” – liegt hier vielleicht der Hund im Pfeffer begraben (parpluis – falsch – welcher Hund lässt sich denn im Pfeffer begraben?)???
Und überhaupt – wo steht irgendetwas von gesund? Ist die Bezeichnung “bekömmlich” nicht als ein neutrales Adjektiv anzusehen – nicht schwer, nicht leicht – es schadet eben nicht! Auch der international anerkannte Suchtforscher Primar Dr. Reinhard Haller betonte mir gegenüber einst in einem Gespräch, dass das Geheimnis in der Menge liegt. Ab und an ein Gläschen Rotwein hat auch seine gesundheitlichen Vorzüge. Mehrere pro Tag hingegen natürlich weitaus mehr negative! Auch Bier ist durchaus als “gesundes” Getränk anzusehen. Schliesslich enthält es viele Bestandteile, die der Körper unbedingt benötigt:

Phosphor 120-320 mg / l
Chlorid 174 mg / l
Kalium 420–570 mg / l
Calcium 40-100 mg / l
Natrium 33 mg / l
Magnesium 80-100 mg / l
Sulfat 100-200 mg / l
Silicium 10-40 mg / l
Kupfer 0,10 mg / l
Mangan 0,16 mg / l
Zink 0,06 mg / l
Eisen 0,12 mg / l
Thiamin (B1) 30 – 40 µg / l
Riboflavin (B2) 300 – 400 µg / l
Phantothensäure (B3) 900-1500 µg / l
Pyridoxin (B6) 400-900 µg / l
Biotin (H) 5-6 µg / l
Folsäure 40-80 µg / l
Niacin 6000-9000 µg / l
Wasser 840–900 g / 1000g
Kohlenhydrate 30,0 – 40,0 g / l
Rohprotein 5,0 g / l

Allerdings auch negative:

Alkohol 35-43 g
Kohlensäure 4-5 g

440 Kalorien

Alkohol ist ein Zellgift. So wirkt sich regelmässiger, täglicher Alkoholkonsum negativ auf das Risiko an Krebs zu erkranken, aber auch auf Gedächtnisleistungen aus. Bei dessen Abbau werden ausserdem sehr viele Vitamine und Mineralstoffe aufgebraucht. Zudem verhält sich die Hefepilz-Gärung nicht unbedingt förderlich auf die Harnsäure-Produktion im Körper! 1 l Export oder Weizen führt zu 120 ml Harnsäure! Eine ganze Menge bei einer empfohlenen Tagesproduktion von 400 ml durch die Ernährung! Andererseits sorgt die Hefe wiederum für schöne Haut, Haare und Nägel!
Sportler etwa greifen nach dem Wettkampf gerne mal zum Bier (natürlich alkoholfrei!), da es ein ausgezeichnetes isotonisches Getränk ist, obwohl die deutsche Gesellschaft für Ernährung davon während der Trainings- und Wettkampfzeit abrät. Auch so mancher Klosterbruder nahm seinen eigenen Bierkrug zur Hand, wenn er keine feste Nahrung zu sich nehmen durfte. Die Braukunst war schon in Altmesopotamien, im alten Ägypten bzw. im Germanischen bekannt. Im Mittelalter beispielsweise wuchsen viele Kinder mit Hopfen und Malz auf – allerdings mit weitaus weniger Alkoholgehalt. Durch das Kochen der Bierwürze wurden nämlich die Keime abgetötet. Zudem war das Getränk in der armen Bevölkerung aufgrund seines Kaloriengehaltes beliebt, da die untersten sozialen Schichten meist nur wenig zu essen hatten. Somit hätten also Millionen Mütter ihren Kindern etwas ungesundes zu trinken gegeben, um wieder zum Wort “bekömmlich” im falschen Wortverständnis zurück zu kommen. Dabei will doch jede Mutter für ihren Nachwuchs nur das beste.
Entsprechende Studien sind immer mit Vorsicht zu geniessen, schliesslich gehen diese von einem “mässigen” Konsum aus. Die empfohlene Alkohol-Obergrenze für einen erwachsenen Mann liegt bei 25 ml pro Tag – bei Frauen 20 % darunter. Das Universitätsklinikum Ulm entdeckte im Rahmen einer Studie, dass alkoholfreies Bier ebenso wie Rotwein positiv gegen Arteriosklerose wirkt, da der LDL-Cholesterin-Gehalt im Blut abnimmt, jener der schützenden HDL-Cholesterin-Anteile hingegen zu.
Mit diesem Richterspruch muss ja dann auch der alte vornehmlich in Bayern verwendete Spruch der Kellnerin “Wohl bekomm’s!” verboten werden! Googelt man sich etwas durch das Internet, sticht einem sofort die Vielfalt des Wortes “bekömmlich” in’s Auge. Kein Wunder, lebt doch die Werbung davon, den Käufern den Appetit anzuregen. Die Sprachwissenschaftlerin Bechstein spricht in diesem Zusammenhang schon im Jahre 1987 von einer Sondersprache mit “artifiziellem und appellativen Charakter”! Häufig werden Worte verwendet, die in der Alltagssprache eher selten über die Lippen streichen: Luftigleicht, flaumig, samtig oder eben auch bekömmlich! Durch diese spezielle Sprachgebung soll eine spezielle Zielgruppe angesprochen werden. Die Werbesprache kann somit immer als eine “inszenierte Sprache” (Janich 2001) vestanden werden: Sie muss dem Zeitgeist entsprechen, darf nicht langweilig sein, … “So wertvoll, wie ein kleines Steak!” So manch einer schiesst dabei über’s Ziel hinaus: Er gaukelt eine gesundheitsfördernde Wirkung vor, was in vielen Fällen jedoch nicht der Wahrheit entspricht. Der Gutgläubige isst über Jahre hinweg ein spezielles Joghurt mit besonderen Bakterien-Kulturen, da es in der Werbung als gesund für die Verdauung angepriesen wird, dabei wirkt sich jedes Naturjoghurt positiv auf die Verdauung aus (dieses Thema war schon mal Inhalt an dieser Stelle). Gesundheit vorzugaukeln, ohne ernährungsspezifischen Hintergrund ist Vorspiegelung falscher Tatsachen und somit strafbar. Deshalb schuf der Gesetzgeber Vorkehrungen hiergegen.
Dass aber nun ein Wort anders als in seinem Wortursprung verwendet und deshalb für gewisse Formulierungen verboten wird, lässt doch wohl die Hühner lachen (oh – erneut missbräuchliche Verwendung – können denn Hühner überhaupt lachen???). Und zum Thema “leicht verdaulich”: Für meinereins ist aufgewärmtes Sauerkraut sehr leicht verdaulich, obwohl ich es geschmacklich liebe! Es wandert nämlich am oberen Ende des Körpers in denselben und kommt innerhalb kürzester Zeit wieder so ziemlich zu Beginn des unteren Drittels desselben wieder heraus! Bekömmlich? Ich denke ja, da es sich weder negativ noch positiv ausgewirkt hat! Gesund? Mitnichten! Hatte ja keine gesundheitlichen Auswirkungen – ausser ich hatte zuvor Verstopfung! Spätestens jetzt schreien die ersten unter Ihnen auf: Sauerkraut ist doch gesund! Keine Frage: Sofern es im Körper bleibt, verdaut wird und die Mineralien, Vitamine,… dem Körper zugeführt werden.
Wie schwachsinnig diese Urteilssprechung ist, möchte ich an einem weiteren Beispiel aufzeigen: Ein Doppelkorn mit 38 Volumsprozent wird vom Amtsgericht Tiergarten/Berlin als “bekömmlich” bezeichnet: “…Das Attribut ‘bekömmlich’ werde in der Regel so verstanden, dass dem Doppelkorn zwar eine dem Magen wohltuende Wirkung zugeschrieben werde. Jedoch denke kein Verbraucher beim Lesen dieser Angabe, der Genuss dieser Spirituose entfalte eine gesundheitlich vorteilhafte Wirkung.” Ah ja – vergleichen wir nun diese Urteilsbegründung mit jener des EuGH bzw. BVerWG, so entsteht zumindest bei mir ein Denkvakuum! Hat schon mal ein Gast im Biergarten zur Maß gegriffen, weil er dadurch gesund werden möchte? Somit müsste ja eigentlich auch der Claim “… verleiht Flügel!” eines Energy-Getränke-Herstellers aus Österreich angefochten werden. Schliesslich könnte damit ebenfalls ein Gesundheitszustand gemeint sein: “Putzmunter wie ein Vogerl!” oder vielleicht das Gegenteil – “Nicht mehr munter – eher so, wie ein Engerl!”??? Und ausserdem: Welcher Mensch bekommt Flügel durch das Trinken eines Getränks! Einige SEHEN beim übermässigen Genuss die Engerl! Somit eindeutig verzerrend!
Allerdings empfinde ich es als sprachlich sehr bedenklich, da uns durch derartige Urteile eine Einheitssprache aufgezwungen wird. Wie vorhin betont, gehört “bekömmlich” nicht wirklich zum Wortschatz einer Person, die Tagesdeutsch spricht. Es zählt zum erweiterten Wortschatz, auf welchen jene stolz sein können, die ihn verwenden, denn da macht das Zuhören noch Spass. Ja – man könnte gar noch einen Schritt weitergehen: Darf ich gewisse Worte nicht mehr verwenden ist das ganz eindeutig Einschränkung der persönlichen Meinungsfreiheit! Ist beispielsweise der Alkoholiker der Meinung, dass die Pulle Selbstgebrannter für ihn bekömmlich im Sinne von gesund ist, ist das ja wohl sein Bier (verdammt – schon wieder in der Wortwahl vergriffen!). Oder?
Ich für meinen Anteil verwende auch weiterhin das Wort “bekömmlich” (jetzt mal komplett vom Bier abgesehen) für all jenes, das gut schmeckt, die Verdauung nicht belastet und alsdann dem Körper nicht schadet. Drei Feststellungen, die für mich – wie im Richterspruch des Oberverwaltungsgerichtes begründet – “über das allgemeine Wohlbefinden” hinausgehen, jedoch nicht unmittelbar mit der “Erhaltung eines guten Gesundheitszustandes” zu tun haben. Vollkommen gleichgültig, welche Semantik ihre richterlichen Würden verwenden, da deren Urteilssprüche sehr häufig ohnedies nicht sinnergreifend zu verstehen sind!

PS:
Wenn ich bekömmliches Bier nun nicht mehr kaufen kann, da es nicht angeboten werden darf, fragt sich, wie lange ich dann überhaupt noch ungesundes Bier (da mehr als 1,2 vol%) bekommen kann? Und überhaupt – komme ich mit einem Sonnenbrand aus dem Urlaub zurück – sind mir dann die schönsten Tage des Jahres “gut bekommen”? Hat mir das Mittagessen “bekommen”, obwohl ich beim Fastfood-Amerikaner war? Wohl bekomm’s!

Links:

http://www.infofarm.de

http://www.bverwg.de

http://europa.eu/index_de.htm

http://www.brauer-bund.de

http://www.bier.ch

http://www.brewersofeurope.org

Lesetipps:

.) Werbesprache: Ein Arbeitsbuch; Nina Janich; Gunter Narr Verlag; Auflage: 5; 2010
.) Werbliche Kommunikation: Grundinformationen zur semiotischen Analyse von Werbekommunikaten (Bochumer padagogische und psychologische Studien); Gabriele Bechstein; N. Brockmeyer, 1987
.) Internationale Bibliographie zur Geschichte des Bieres, der Brauereien und des Brauwesens; Klaus-Peter Gilbertz; Bergkirchen 2006 (2. Aufl.)

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